Kitabı oku: «Gestalttherapie mit Gruppen»
JOSTA BERNSTÄDT / STEFAN HAHN
GESTALTTHERAPIE MIT GRUPPEN
EHP – Edition Humanistische Psychologie
Hg. Anna und Milan Sreckovic
Autorin und Autor
Josta Bernstädt, Jg. 1952; Psychologie-Studium an der FU Berlin; 1979 Umzug nach Edinburgh, dort Ausbildung in Gestalt- und Körpertherapie (Lomi) und freiberuflich in eigener Praxis tätig; Mitbegründerin und ehemalige Ausbildungsleiterin des Gestalt Training Institute Edinburgh; ihre wichtigsten Lehrer waren Ischa Bloomberg, Hilda Courtney und Roger Trenka-Dalton; 1996 Rückkehr nach Deutschland; 1999 bis 2009 Lehrtherapeutin für das Gestalt Institut Kontakte mit dem Schwerpunkt Gestaltarbeit mit Gruppen; seit kurzem Lehrtherapeutin für das Gestalt Institut Hamburg; mehrjährige Erfahrung im klinischen Bereich in der Gruppentherapie für Drogenabhängige; arbeitet zurzeit in der forensischen Psychiatrie bei Andernach; bietet in ihrer Praxis in Koblenz Therapie- und Fortbildungsgruppen an; Informationen unter: www.psychotherapie-koblenz.org.
Stefan Hahn, Jg. 1968; Ausbildung zum Heilerzieher, Studien in Psychologie, Theologie und Pädagogik; Weiterbildung in Transaktionsanalyse und Ausbildung in Gestalttherapie seit 1996, Weiterbildung in Gruppentherapie bei Gunther Schmidt, Heidelberg und Bud Feder, USA; Heilpraktiker für Psychotherapie; 1989 für ein Jahr Ordensnovize, seitdem mit der Thematik Gruppen und Gemeinschaft beschäftigt; seit 1993 Tätigkeit im sozialen Bereich, zunächst in einer Einrichtung der Jugendhilfe, danach in der Forensischen Psychiatrie und seit zehn Jahren in einer Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie sowie in eigener Praxis; lang-jährige Erfahrung mit ambulanten und stationären Gruppentherapien; Mitglied in der Redaktion der Zeitschrift Gestalttherapie und Regional Contact Person der Association for the Advancement of Gestalttherapie.
Josta Bernstädt / Stefan Hahn
GESTALTTHERAPIE MIT GRUPPEN
Handbuch für Ausbildung und Praxis
Mit einem Vorwort von Bud Feder
und einem Interview mit Gordon Wheeler
– EHP 2010 –
© 2010 EHP - Verlag Andreas Kohlhage, Bergisch Gladbach www.ehp.biz
Vorwort von Bud Feder aus dem Amerikanischen übersetzt von Manfred Schnee
Redaktion: Benjamin Uhl
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Umschlagentwurf: Gerd Struwe, Uwe Giese
– unter Verwendung eines Bildes (Ausschnitt) von Dorothea Cyran-Daboul: ›Untitled‹
Satz: MarktTransparenz Uwe Giese, Berlin
eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim www.brocom.de
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EPUB-ISBN 978-3-89797-510-1
Inhalt
Geleitwort von Peter Schulthess
Vorwort von Bud Feder
Einleitung
TEIL 1
Gruppenleiten – von der Angst zu mehr Sicherheit
Alles könnte außer Kontrolle geraten
Sie könnten abgelehnt werden und sich lächerlich machen
Ihnen könnte nichts mehr einfallen
Sie könnten Schaden anrichten
Sie könnten Wichtiges übersehen
Aufkommende Konflikte könnten die Gruppe sprengen
Wir fangen an
Der innere Supervisor
Die Kultivierung des inneren Supervisors
Die Auswertung des bisherigen Gruppengeschehens
Die Selbstfürsorge des inneren Supervisors
Zusammenfassung der Aufgaben des inneren Supervisors
So könnte es weitergehen – einige allgemeine Prinzipien
Figur-Hintergrund als Orientierungshilfe
Über Verlangsamung zum Gewahrsein bis zur Entautomatisierung
Vom Allgemeinen zum Spezifischen, vom Abstrakten zum Konkreten
Offene und geschlossene Gestalten
Einen Fokus finden und halten
Das volle Potenzial einer Gruppe nutzen lernen
Der therapeutische Prozess in der Gruppe
Landkarte für Veränderungsprozesse in der Gruppe
Aufbau einer therapeutischen Beziehung
Kontakt und dessen Vermeidung
Widerstand und offene Gestalten
Von der Angst zur Erregung
Die Erregung in spontanes Handeln einfließen lassen
Die Erfahrung aus der Gruppe in den Alltag übertragen
Ich, Du und Wir im Gruppenprozess
Die Gruppe als Organismus
Die Gestaltgruppe als ideales Lernfeld
Die Entwicklung von Verbindlichkeit
Der Kontaktzyklus als Modell der Bedürfnisregulierung in der Gruppe
Der Kontaktzyklus, übertragen auf ganzheitliche Erfahrungseinheiten im Gruppengeschehen
Unterschiedliche Modelle für den Entwicklungsverlauf einer Gruppe
Entwicklungsmodell einer Gestaltgruppe
Konzentration auf das Hier-und-Jetzt in der Gruppe
Statt über etwas zu reden, jemanden direkt ansprechen
Was können wir hier und jetzt in der Gruppe miteinander tun?
Das Dort-und-Jetzt entspricht dem Hier-und-Jetzt in der Gruppe
Vom Dort-und-Damals ins Hier-und-Jetzt
Vom Dort-und-Jetzt ins Hier-und-Jetzt
Ich, Du und Wir im Hier-und-Jetzt in der Gruppe
Träume als Botschaft im Hier-und-Jetzt der Gruppe
Das Wahrnehmungskontinuum
Feedback geben
Das Johari-Fenster
Unterschiedliche Formen von Feedback
Rückmeldungen annehmbar gestalten
Auf das richtige Timing kommt es an
Feedback für Diaden und Paare
Klärung des Gruppenprozesses
Der Unterschied zwischen Inhalt und Prozess
Warum Prozessbeobachtungen so wichtig sind
Was lässt sich beobachten?
Was teile ich mit?
Wie teile ich mit?
Mitten drin – einige allgemeine Prinzipien
Die Kreativität des Gruppenleiters
Lösung chronischer Fixierung
Die Gruppe als Container für regressive Ablösearbeit
Techniken, die aus der Tiefung führen
Umgang mit autonomen Körperreaktionen
Vertiefung der Selbsterfahrung durch Körperarbeit
Typische Gruppenprozesse
Untergruppenbildung
Interventionsmöglichkeiten bei Festhalten an rigider Untergruppe
Über einen direktiven Eingriff in den Gruppenprozess
Pairing
Interventionsmöglichkeiten bei Bildung rigider Paare
Ein Fall von Selbstregulation
Splitting
Therapeutischer Umgang mit Spaltungsprozessen
Splitting und projektive Identifikation
Interventionsmöglichkeiten bei Kontaktunterbrechungen im Gruppengeschehen
Kontaktunterbrechungen des Individuums werden immer unter Einbeziehung der Gruppe bearbeitet
Typische Beispiele für Kontaktunterbrechungenim Gruppengeschehen anhand des Kontaktzyklus
Konfluenz
Retroflexion und Projektion
Egotismus, Projektion und Introjektion
Konfluenz
Retroflexion, Introjektion und Konfluenz
Übertragung und Gegenübertragung
Übertragung und Gegenübertragung als Sonderform von Projektion
Übertragung und Gegenübertragung im Unterschied zu einer einfachen Projektion
Übertragung und Gegenübertragung als komplexes und fixiertes Muster von Kontaktunterbrechungen
Erkennen von und Umgang mit Übertragung und Gegenübertragung
Übertragung als Zugangsweg zur Wirklichkeit
Übertragung und Transparenz
Abstinenz versus Transparenz
Was brauchen Sie, um arbeitsfähig zu bleiben?
Arbeit mit der Gruppe als Ganzes
Die Gruppe im Nebel – Auflösung einer konfluenten Gruppenkultur
Die Gruppe im Wellnessbad – spielerische Aufweichung von Rollenfixierung
Die heilende Kraft der Gruppe
Das kreative Potenzial der Gruppe nutzen
Theatralische Bearbeitung offener Gestalten
Arbeit mit Polaritäten – sich verkleiden
Traumarbeit
Wenn das mein Traum wäre …
Der Traum als Projektion innerpsychischer Konflikte
Arbeit mit Märchen
Arbeiten mit dem Alter-Ego
Wir nähern uns dem Ende
Kurzlebige themenzentrierte Gruppen
Institutionelle Supervisions- oder Fortbildungsgruppen
Ausbildungsgruppen
Therapiegruppen
Unterschiedliche Reaktionen auf das angekündigte Ende
Eine detaillierte Landkarte für die Abschlussphase einer Gruppe
Faktoren, die einen befriedigenden Gruppenabschluss begünstigen
Die letzten Treffen entlang einer Prioritätenliste planen
Beispiele für typische Gruppenepisoden aus der Abschlussphase
TEIL 2
Gestalt-Gruppentherapie in der psychiatrischen Akutklinik
Einleitung
Das Feld
Rahmenbedingungen
Entwicklung meiner Annahmen
Fundamente
Ziele der stationären Gruppentherapie
Konsequenzen für die Behandlung
Die Nutzung von Gruppenphasen
Krisensituationen
Abschluss
TEIL 3
Anhang
Vorschläge für Experimente und Gruppenaktivitäten
Für Gruppen in der Anfangsphase
1. Sich mit Namen und Eigenschaften vorstellen
(Mit der Polarität experimentieren)
2. Sich als Tier vorstellen – Projektion
3. Du damals als Kind – Projektion
4. Ich, Du, Ihr …
5. Einige leere Stühle …
6. Herausfinden von Gemeinsamkeiten und Unterschieden
7. Vergleichende Aufstellungen
Für Gruppen, die schon eine Weile zusammen sind
1. Rangordnung
2. Gruppenkörper
3. Zur Erfahrung unterschiedlicher Kontaktfunktionen
(Schauen, Hören , Riechen, Schmecken, Spüren, Töne, Stimme und Sprache )
4. Gehmeditation
5. Führen und geführt werden
Für Gruppen, die sich dem Ende nähern
1. Abschied und Trennung in der bisherigen Biographie
2. Gemeinsame Rückschau auf die Geschichte der Gruppe
3. Gemeinsame Rückschau auf die Innere Reise des Einzelnen
4. Abschließende Rückmeldungen und Auswertungen
5. Abschlussrituale für die Gruppe
(Ein Abschiedsgeschenk, Zum Abschied eine Klangmassage)
Interview mit Gordon Wheeler
Literaturverzeichnis
Geleitwort
Von Beginn an war die Gestalttherapie als Gruppentherapie konzipiert. Die Ausbildung in Gestalttherapie findet traditionell seit ihren Anfängen im Gruppensetting statt. Heute praktizieren jedoch die meisten GestalttherapeutInnen Einzeltherapie, nur wenige führen Therapiegruppen außerhalb des Ausbildungssettings durch. Eher noch jene, die in Kliniken arbeiten. Das war in den 70er-Jahren noch anders. Als Auszubildende waren wir gefordert, ab dem 3. Ausbildungsjahr eine Gestalt-Selbsterfahrungsgruppe zu leiten und in die Supervision einzubringen. Allerdings scheint in der freien Praxis die Nachfrage nach Gruppentherapie auch etwas zurückgegangen zu sein, die Faszination des Gruppenerlebnisses wich zurück, dafür erhöhte sich die Bereitschaft zur Einzeltherapie. Es ist bedauerlich, dass weniger in Gruppen gearbeitet wird, denn das Gruppensetting bewährt sich sehr und bietet Möglichkeiten des Therapierens, die im Einzelsetting nicht möglich sind.
Erstaunlich ist, dass es nicht mehr Literatur zur Arbeit in Gruppen1 gibt unter der mittlerweile doch umfangreichen Literatur zur Gestalttherapie. Ob das Gruppensetting in der Gestalttherapie zu selbstverständlich ist, als dass man es speziell reflektieren würde? Dabei verdient es diese Reflexion sehr, gerade in einem Therapieansatz, der wesentlich von der Feldtheorie und dem Umgang mit Gestaltbildungsprozessen geprägt ist und prozessorientiert (also auch gruppenprozessorientiert) vorgeht.
Oft fragen mich jüngere KollegInnen, die eben ihre Ausbildung zum Gestalttherapeuten abgeschlossen haben, wo man denn eine Weiterbildung in Gestalt-Gruppentherapie machen könne. Ich bin dann jeweils erstaunt, weil die Ausbildungsgänge ja in Gruppenform erfolgen und somit eigentlich auch eine Ausbildung in Gruppentherapie abgeben sollten.
Viele AbsolventInnen von Gestalttherapieausbildungen (aber auch erfahrene Profis und AusbilderInnen) fühlen sich jedoch unsicher in der Gruppenarbeit, wenn es um den Einbezug der Gruppendynamik und um Arbeitsweisen mit der Gruppe als Ganzes geht. Sie kennen wohl den Stil der Einzelarbeit in der Gruppe, wie ihn Fritz Perls zu Demonstrationszwecken praktizierte, weniger aber das gruppenorientierte oder gruppenzentrierte Arbeiten. Der Übergang von der Einzeltherapie in der Gruppe zur eigentlichen Gruppentherapie, welche auch die Therapie der Gruppe mit einschließt, ist wesentlich am Cleveland Institut vorangetrieben worden.
Umso mehr ist es mir eine Freude, dass in diesem Buch eine erfahrene Praktikerin aus der Gruppenarbeit in freier Praxis und Ausbildung sowie ein erfahrener Praktiker der stationären Arbeit einer Klinik aus ihrem Erfahrungsschatz berichten. Dieses Buch ist wohltuend anschaulich aus der Praxis für die Praxis geschrieben. Es lässt die Lesenden den beiden erfahrenen Autoren »über die Schulter« sehen.
Es wird in diesem Band anschaulich gezeigt, dass Gestalt-Gruppenarbeit mehr – und etwas anderes – ist als »bloß« Einzeltherapie in bzw. vor der Gruppe. Durch die hohe Praxisorientierung werden viele Anregungen gegeben, wie in bestimmten Phasen der Gruppenarbeit vorgegangen werden kann und soll.
Ein solches Buch hat bisher gefehlt. Mögen viele angehende GestalttherapeutInnen darin die nötige Unterstützung und Orientierung finden. Und mögen sich viele, die sich die Arbeit mit Gruppen nicht so recht zutrauen, durch dieses Buch ermuntert fühlen, ebenfalls mit Gruppenarbeit zu beginnen. Es soll jedoch nicht als Kochbuch verstanden werden, vielmehr kann die persönliche Darstellung des eigenen Arbeitsstils der Autorin und des Autors dazu ermutigen, einen eigenen Arbeitsstil mit Gruppen zu entwickeln, der sich aber natürlich an hier beschriebenen Leitlinien orientieren wird. So wenig die Gestalttherapie sich manualisieren lässt, sondern so eingesetzt wird, dass sie mit jedem Klienten und jeder Klientin anders aussehen kann, so wenig lässt sie sich für die Gruppentherapie rezeptartig manualisieren, denn jede Gruppe ist anders.
Ich wünsche viel Spaß und Anregung beim Lesen und danke Josta Bernstädt und Stefan Hahn für dieses Buch.
Peter Schulthess,
Präsident der European Association for Gestalt Therapy, EAGT
Zürich im Sommer 2010
Anmerkung
1. vgl. Literaturverzeichnis im Anhang, S. 299
Vorwort
Ein Vorwort sollte meiner Meinung nach wie die Ankündigung eines Butlers für die Gäste im Salon sein: kurz und verführerisch. Es soll dafür sorgen, dass ein zarter Hauch köstlicher Speisen aus der Küche die Gäste ins Esszimmer lockt. Das traditionelle »Ladies and Gentlemen, dinner is served« erfüllt diese Kriterien sehr gut. Nun schauen wir mal, ob mir dasselbe gelingt und ich Ihnen dieses sehr genießbare, lesenswerte Buch schmackhaft machen kann.
Welche Speisen erwarten uns?
Ein Buch über Gestalt-Gruppenpsychotherapie, wie sie in Deutschland in niedergelassener Praxis durchgeführt wird und – was weniger bekannt ist –auch in psychiatrischen Kliniken. Gerade deswegen sollte dieses Buch eine willkommene Ergänzung in der Bibliothek des Psychotherapeuten sein. Aber bevor wir zu einem voreiligen Schluss kommen, lassen Sie uns zunächst einen Blick auf die Speisekarte werfen – um im Bild zu bleiben.
Wie wir vermutlich alle wissen, ist die Einzeltherapie für den Therapeuten eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Sie fordert ihn immer wieder heraus, sich sowohl als Wissenschaftler als auch als Künstler zu bewähren und darüber hinaus sehr menschlich zu sein. Ich nehme an, Sie alle wissen aus eigener Erfahrung, hoffentlich sowohl als Klient als auch als Therapeut, was ich meine. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist Gruppentherapie noch anspruchsvoller. Statt eine Beziehung nur zu einer Person aufzubauen, für die man verantwortlich ist, die man zu verstehen, zu begleiten, zu konfrontieren sucht – und vor der man sich in einigen Fällen auch schützen muss –, hat man in der Gruppentherapie vielleicht fünf, sechs, zehn oder sogar fünfzehn solcher Menschen. Und darüber hinaus interagieren sie alle nicht nur mit Ihnen, sondern auch untereinander, wobei letztendlich nur Sie allein (oder auch zusammen mit einem Co-Leiter) verantwortlich sind.
Welch ein Glück also, dass so ein Buch existiert, das viele Lichter in die dunklen Ecken dieses besonderen Universums bringt und es voll und ganz ausleuchtet.
Beim ersten und größeren Teil des Buches geht es hauptsächlich um Gestalt-Gruppenarbeit niedergelassener Therapeuten und um Ausbildungsprogramme für angehende Berater, Therapeuten, Supervisoren, Erzieher und Gruppenleiter. Die Autoren geben zunächst einen Überblick, um dann die Thematik in ihren Einzelheiten und Nuancen zu vertiefen. Nun, ich denke –in aller Bescheidenheit –, dass ich mich in den verschiedenen Aspekten der Gestalt-Gruppentherapie gut auskenne. Und doch fällt mir kein Aspekt ein, der nicht schon in diesem Buch behandelt worden ist. Vom »inneren Supervisor« bis zu Beispielen »für die Abschlussphase« wird alles abgedeckt: Was sind allgemeine Prinzipien der Gruppenarbeit? Wie schafft man eine therapeutische Umgebung? Was sind die verschiedenen Ebenen, auf die man das Augenmerk richten muss? Wie nutzt man Feedback und das Hier-und-Jetzt in der Gruppe? Welche Bedeutung hat Awareness? Was sind Themen in der mittleren Phase einer Gruppe? Und … und … und – alle Aspekte sind behandelt. Und dabei sind die zusätzlichen praktischen Kapitel zu Gruppenexperimenten, zur Entwicklung der Kontaktfunktionen usw. noch nicht erwähnt.
Ganz sicherlich ein Festmahl.
Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit Gruppentherapie in akutpsychiatrischen Kliniken. Er möchte die Entwicklung von Gruppentherapie in diesen Settings unterstützen und voranbringen. Gleichzeitig zeigt er die ihnen innewohnenden Beschränkungen auf: die Besonderheiten der Klientel, die zeitlichen Rahmenbedingungen, die heutzutage immer enger werden usw. … Trotz dieser Einschränkungen – oder eher von ihnen ausgehend – stellt dieser Teil des Buches auf eine sehr persönliche, menschliche Art eine vitale und wirkungsvolle Herangehensweise dar. Alle, die in solchen Institutionen arbeiten, können auf der Grundlage der im ersten Teil gegebenen Anregungen und Leitlinien von diesem gut durchdachten, humanistischen Ansatz profitieren.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei diesem Festmahl für Feinschmecker!
Bud Feder,
Winter 2009/2010
Einleitung
Dieses Buch ist an Leser gerichtet, die lernen wollen, Gruppen im Sinne der Gestaltphilosophie zu leiten. Modellhaft werden wir unsere eigenen Erfahrungen und Vorgehensweisen beschreiben sowie transparent machen, welche theoretischen Überlegungen unseren Interventionen zugrunde lagen, aber auch Situationen schildern, in denen wir ins Schwimmen gekommen sind, wenig Orientierung hatten, Wichtiges übersehen und Fehler gemacht haben.
Das Buch ist so geschrieben, dass Sie beliebig, je nach Interesse, mit dem Lesen anfangen können. Es gibt zwar einige etwas theoretischer gehaltene Abschnitte, aber ansonsten haben wir (Josta Bernstädt als Autorin von Teil 1 und 3 und Stefan Hahn von Teil 2) unsere Ausführungen so konkret und anschaulich wie möglich gehalten. Einige Fachbegriffe setzen wir als bekannt voraus, haben allerdings in Anmerkungen auf Quellen verwiesen, in denen der Leser sie nachschlagen kann.
Zu Teil 1
Ich begann vor knapp 20 Jahren, angehende Gestaltberater und Gestaltpädagogen in Gruppenleitung auszubilden und ein grundlegendes Verständnis der wesentlichen gruppendynamischen Prozesse zu vermitteln. Eine immerwährende Herausforderung war und ist dabei ein gelungenes Ineinandergreifen von Theorie und Praxis.
So sind Sie, lieber Leser, eingeladen, die in diesem Buch dargestellte Theorie immer wieder mit Ihrer eigenen Erfahrung abzugleichen, zu überprüfen und kritisch in Frage zu stellen. Zu groß ist die Neigung, jede angebotene Theorie als einzig wahre Handlungsorientierung zu introjizieren in der Hoffnung, damit die Plagegeister Unsicherheit und Angst loswerden.
Man kann noch so viel Theorie anderer erfahrener Gruppenleiter gelesen und gehört haben, entscheidend ist ihre sinnvolle Umsetzung, wie es die jeweilige Situation erfordert. Dieses Buch kann Ihnen helfen, ein Gespür dafür zu bekommen, wann welche Gruppenintervention im Sinne der Gestaltphilosophie hilfreich ist.
Eingangs ist es wichtig, dass der Leser sich vergegenwärtigt, welche Erfahrungen er bereits im Leiten von Gruppen hat.
Auch verfügen Sie bereits über einen reichen Erfahrungsschatz, was Ihre eigene Mitgliedschaft in Gruppen betrifft , der Ihnen helfen kann, sich in die möglichen Empfindungen, Bedürfnisse und Verhaltensweisen von Gruppenmitgliedern hineinzuversetzen.
Zu guter Letzt können Sie, lieber Leser, bereits auf eine lebenslange Erfahrung, eine Gruppe zu leiten, zurückblicken, nämlich die eigene innerpsychische. Hier können Sie sofort Bestand aufnehmen, was Ihr Führungsstil ist, ob Sie alle inneren Stimmen und die des Körpers, der Bilder und Gefühle zu Worte kommen lassen, wie Sie ordnen, strukturieren, Konflikte aufgreifen und handlungsfähig werden. Oder andererseits, wie Sie unterdrücken, manipulieren, vermeiden, sich quälen, leugnen, diktatorisch regieren oder eher im Laissez–faire-Stil sich aus der existenziellen Verantwortung für die Gestaltung Ihres eigenen Lebens schleichen. Hier siedelt sich der innere Supervisor an, wie im gleichnamigen Kapitel beschrieben.
In meinen Ausbildungsgruppen zum Gestaltgruppenleiter erhalten die Teilnehmer gleich von Anfang an die Möglichkeit, sich im Gruppenleiten zu üben, wobei ich als Coach zur Verfügung stehe. Ich bin immer wieder betroffen, wie viel Angst diese Einladung auslöst. Die Teilnehmer scheinen vor einer schier unlösbaren Aufgabe zu stehen, wie im Märchen »Rumpelstilzchen«, als die arme Müllerstochter aus Stroh Gold spinnen muss, weil ihr Vater dem König gegenüber behauptet hat, dass sie es könne.
Nun, ich behaupte auch, dass jeder Erwachsene bereits die Fähigkeit hat, Gruppen zu leiten, wenn er nur nicht so viel Angst vor dem König hätte. Die Angst etwas falsch zu machen, sich lächerlich zu machen oder als inkompetent enttarnt zu werden, erzeugt bei vielen akuten Stress, gepaart mit der Überzeugung, weder Wissen noch Können zur Verfügung zu haben, um eine Gruppe anzuleiten. Hiervon handelt das erste Kapitel: »Gruppenleiten – von der Angst zu mehr Sicherheit«.
Was den Teilnehmern dann hilft, sich aus dieser Erstarrung zu lösen, sind klare Strukturen, konkrete und spezifische Handlungsanweisungen, an denen sie sich zunächst festhalten können. Hiermit erklärt sich die Popularität von strukturierten Übungen, auf die sich einige Autoren spezialisiert haben (z.B. Klaus Vopel 1997) aber auch die in Gestaltgruppen üblichen Rituale (z.B. Befindlichkeitsrunde, Feedback geben usw.)
Auch für Gruppenteilnehmer gibt es Zeiten, in denen strukturierte Übungen hilfreich sind. Dies ist insbesondere in der Anfangs- und Kennlernphase der Fall, in der die Teilnehmer oft ängstlich, nervös und sich fremd sind – also in der Phase des Vorkontakts.
Im Kapitel »Wir fangen an« habe ich beispielhaft einen möglichen Gruppenbeginn geschildert. Ergänzend im Anhang dazu findet der Leser noch einige andere Vorschläge für Exprimente und Gruppenaktivitäten.
Möglicherweise haben Sie eine Übung gut durchgeplant und vorbereitet und sie ist auf Interesse und Kooperationsbereitschaft der übrigen Gruppenmitglieder gestoßen. Plötzlich ist die Übung dann zu Ende, aber die Gruppe noch lange nicht und jetzt schauen die Teilnehmer Sie erwartungsvoll an.
Diese meist angstbesetzte Ungewissheit und Unsicherheit nicht nur auszuhalten, sondern bewusst willkommen zu heißen, muss nicht nur der angehende Gruppenleiter immer wieder üben. Dies sind kostbare Momente, in denen Nichts und Niemand verplant sind. Die existenzielle Freiheit eines jeden Gruppenmitglieds kann jetzt genutzt werden. Es handelt sich um eine fruchtbare Leere, voller Potenzial für kreative Schöpfung, Entdeckung von Neuem, Unbekanntem, Belebendem und Bereicherndem. Sie kann aber auch als eine furchtbare Leere von ewig wiederkehrenden Automatismen, sattsam Bekanntem und Überdrüssigem erlebt und deshalb möglichst vermieden werden. Hiervon handelt das folgende Kapitel »So könnte es weitergehen – einige allgemeine Prinzipien«.
Der Gestaltgruppenleiter, egal ob Anfänger oder Alter Hase, muss sich immer wieder neu erfinden, in vollem Bewusstsein der existenziellen Freiheit und Verantwortung, ausgehend von seinen Erfahrungen und der der Gruppenmitglieder: jeder neue Schritt ein neues Experiment.
In der Gestaltgruppenarbeit kann und darf es per se keine Routine geben. Trotzdem ist es unabdingbar, dass Sie sich an einer inneren Landkarte orientieren und Sie eine fundierte Vorstellung davon haben, wie Sie Veränderungsprozesse in Gruppen anstoßen können und was Sie dabei berücksichtigen sollten. Dies wird in den Kapiteln »Der therapeutische Prozess« und »Ich, Du und Wir im Gruppenprozess« beschrieben.
Das Herzstück der Gestaltarbeit ist im Kapitel »Konzentration auf das Hier-und-Jetzt in der Gruppe« beschrieben. Hier findet der Leser konkrete Anleitungen, wie es ihm gelingen kann, den Fokus immer wieder auf das gegenwärtige Geschehen in der Gruppe zu lenken.
Ein wichtiger Bestandteil jeder Gruppensitzung wird das Feedback sein, dass die Teilnehmer regelmäßig austauschen. Dem ist das nächste Kapitel »Feedback geben« gewidmet. Die wenigsten von uns haben gelernt, wirklich hilfreiche Rückmeldungen zu geben. Hier erfährt der Leser einige nützliche Anregungen, wie unnötige Verletzungen und Kränkungen vermieden werden können, aber auch, wie aufb auendes und motivierendes Feedback gestaltet werden kann.
Ebenso wichtig wie die Konzentration auf das jeweils aktuelle Gruppengeschehen sind die Prozessbeobachtungen des Gruppenleiters. In dem Kapitel »Klärung des Gruppenprozesses« wird erläutert, was damit überhaupt gemeint ist, warum es zum wesentlichen Handwerkszeug des Gruppenleiters gehört und wie es konkret umzusetzen ist.
Sie haben die Anfangstadien der Gruppe gut überstanden. Die meisten Ihrer Ängste sind nicht wahr geworden. Die Gruppe hat Ihre Autorität als Gruppenleitung akzeptiert. Sie haben an Selbstsicherheit und Vertrauen in sich und die Gruppe gewonnen und schon einige Krisen und Konflikte zusammen gemeistert.
Auch die Gruppenteilnehmer sind vertrauter miteinander geworden und haben größtenteils ihren Platz in der Gruppe gefunden. Es haben sich kleine Grüppchen gebildet, die gerne die Pause miteinander verbringen. Meist hat sich sogar eine feste Sitzordnung gebildet. Ein Klima der Verbindlichkeit ist entstanden. Es finden Seitengespräche statt und Teilnehmer trauen sich mehr, Sie zu unterbrechen und das Gruppengeschehen mit zu beeinflussen. Die Teilnehmer sind fasziniert von der Gestaltmethode und weniger verschreckt und ausweichend im Kontakt. Ab und zu kommt es sogar zu Persiflagen. Erste Introjektionsversuche der Gestaltsprache und Haltung werden oft mit viel Selbstironie und Witz demonstriert.
Als Gruppenleiter haben Sie sich ein Bild von den einzelnen Gruppenmitgliedern und ihren gewohnheitsmäßigen Kontaktunterbrechungen machen können. Die Teilnehmer haben einige ihrer eingeschränkten Kontaktfunktionen bewusst erfahren, Neues in der Gruppe ausprobiert und mit in ihren Alltag genommen.
Wie im Kapitel »Ich, Du und Wir im Gruppenprozess« beschrieben, besteht jetzt die Tendenz der Gruppenmitglieder, bestimmte fixierten Rollen einzunehmen und damit die neu gespürte Lebendigkeit und Aufregung wieder abzuwürgen. Dieselbe Gefahr besteht natürlich auch für Sie als Gruppenleiter.
In dem Kapitel »Mitten drin – einige allgemeine Prinzipien« sind einige wichtige Prinzipien beschrieben, die Ihr Handeln jetzt leiten könnten. Wie können Sie sich jetzt Ihre Kreativität bewahren, mit Widerständen und Fixierungen umgehen und welche Methoden stehen Ihnen zur Verfügung, zwischen unterschiedlichen Tiefungsebenen zu pendeln? Hier sind auch Anmerkungen zur Regressionsarbeit zu lesen, für die der Gruppenleiter fundiertes Wissen über die Entwicklung und Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben sollte. Darüber hinaus sind in diesem Kapitel auch wichtige Grundlagen der Gestalt-Körperarbeit anschaulich beschrieben.
Die oben erwähnten Fixierungen betreffen einerseits den Gruppenprozess als Ganzes, wie im Kapitel »Typische Gruppenprozesse« beschrieben, andererseits auch jedes einzelne Gruppenmitglied und wie es sich im Kontakt mit anderen verhält.
Im Kapitel »Interventionsmöglichkeiten bei Kontaktunterbrechungen im Gruppengeschehen« ist anhand einiger Beispiele illustriert, wie bei jeder Einzelarbeit auch immer die Gruppe mit einbezogen wird.
Ein besonders komplexes Muster der Kontaktunterbrechung ist die Übertragung, beziehungsweise Gegenübertragung. Als Sonderform der Projektion verdient sie die besondere Aufmerksamkeit auch des erfahrenen Gruppenleiters. Im Kapitel »Übertragung und Gegenübertragung« findet der Leser hilfreiche Hinweise, wie er sie erkennen und therapeutisch nutzen kann. Eine Gegenübertragung ist tückisch, da von starken Gefühlen begleitet. Wie kann sich der Gruppenleiter hier schützen und arbeitsfähig bleiben? Wie hilfreich ist Transparenz, um wieder in den Kontakt zu kommen? Wie viel eigene Authentizität kann der Gruppenleiter der Gruppe zumuten? Der Leser wird darauf keine eindeutigen Antworten erhalten, nichtsdestotrotz sind diese Fragen sehr wichtig. In unserem Interview mit Gordon Wheeler im Anhang findet der Leser dazu einige hilfreiche Leitlinien und methodische Anregungen.
In dem Kapitel »Arbeit mit der Gruppe als Ganzes« geht es anhand von konkreten Beispielen darum, wie der Gruppenleiter die Gruppe als Ganzes im Auge behalten und ihr förderliche Impulse geben kann.
Im nachfolgenden Kapitel erhält der Leser Anregungen, wie er »das kreative Potenzial der Gruppe nutzen« und sich damit die Arbeit erleichtern kann. Denn eine aktive Involvierung der Teilnehmer begünstigt ein Gefühl von Gruppenzugehörigkeit und Kohäsion. Spontan werden wünschenswerte Veränderungsprozesse im Gruppengeschehen in Gang gesetzt und müssen weniger nur von Ihnen initiiert werden.
Im Kapitel »Wir nähern uns dem Ende« beschreibe ich Faktoren, die einen befriedigenden Gruppenabschluss begünstigen. Anhand einiger Beispiele zeige ich aber auch, dass jede Gruppe einen anderen Abschluss inszeniert und welchen Herausforderungen, auch sehr persönlicher Natur, sich der Gruppenleiter in dieser Phase des Abschiednehmens stellen muss.
Zu Teil 2 (Autor: Stefan Hahn):
Warum finden überhaupt noch Gruppen statt? Warum besteht ein sich stetig steigerndes Interesse an Gruppentherapien? Ist es, weil Gruppen eine höchst wirksame Methode sind, um psychische Störungen zu behandeln? Aus der Sicht der Kostenträger mit Sicherheit. Aber aus der Sicht der Patienten?
Wir leben in einer Welt, in der immer mehr Leistung erwartet wird, mehr Flexibilität, mehr Selbstverleugnung, mehr Anpassung an menschenun- oder frag-würdige Zustände. In dem der Einzelne als Humankapital eine Rolle spielt, und die Politik ein fragwürdiges »immer weiter so« skandiert; was hat Psychotherapie noch für eine Aufgabe?
Für mich hat Wachstum Grenzen. Die Welt hat überhaupt Grenzen. Der Mensch lebt in seinen Grenzen. Und das ist gut so. Hier findet er Halt.
In den Gruppen wird deutlich, dass eine weitere Untergrabung und Zerstörung der menschlichen Existenz – mit der Folge der Verelendung – nur noch wenig kompensierbar ist für den Einzelnen. Die steigende Zahl von Menschen mit Ängsten, Depressionen, Anpassungsstörungen oder die in Konflikten zusammenbrechen, sowie soziale Situationen und Entwürdigungen nicht mehr aushalten können, spricht ihre eigene Sprache. Ich meine, wir sind an der Grenze angekommen.
Natürlich kann es weitergehen, aber wohin und um welchen Preis? Worum es geht: Um den direkten Kontakt von Mensch zu Mensch. Mit all den Gefahren, Herausforderungen, schönen und angstvollen Momenten und den begleiteten Veränderungen.
Zu Teil 3
Der Anhang besteht aus einer reichen Fundgrube für Experimente und Gruppenaktivitäten, die für jeweils unterschiedliche Gruppenphasen geeignet und dementsprechend geordnet aufgeführt sind. Dabei habe ich mit einfließen lassen, aus welchem Kontext heraus diese Experimente entwickelt wurden und wie sie modifiziert werden können.
Meiner Erfahrung nach ist eine angeleitete Übung am wirkungsvollsten, wenn sie organisch gewachsen, im Fluss des Gruppenlebens entstanden ist und ihr eine Folgerichtigkeit innewohnt (Polsters 2002: 171). Diese Erfahrungen sind am ehesten zu integrieren. Es liegt jedoch in der Natur der Sache, dass solche Übungen nicht planbar sind.
Trotzdem können Sie sich als Gruppenleiter innerlich auf die nächste Begegnung mit der Gruppe vorbereiten, indem Sie eine Vermutung anstellen, welches Thema für die Gruppe gerade im Vordergrund steht. Vielleicht passt eine der von mir aufgeführten Übungen und sie könnte der Gruppe helfen, dieses Thema zu erforschen.
Wohlgemerkt, es kann sich nur um eine Vermutung handeln, die Sie im Kontakt mit der Gruppe abgleichen sollten. Um eingebunden im Fluss des Gruppengeschehens zu bleiben, sollten Sie eine grundsätzliche Bereitschaft zur Flexibilität mitbringen. Mal werden Sie Ihre geplante Vorgehensweise modifizieren, mal etwas Neues erfinden, oder auch bei Ihrem Plan bleiben.
Im Anschluss an jedes vorgeschlagene Experiment findet der Leser Hinweise, wie er die Erfahrungen der Gruppenteilnehmer aufgreifen und gegebenenfalls vertiefen kann.
Die Erfahrungen, die der einzelne Gruppenteilnehmer in diesen angeleiteten Übungen und Experimenten macht, haben nur Wert, wenn sie integriert werden können. Diesen Integrations- und Wachstumsprozess zu begleiten, ist eine Ihrer wichtigsten Aufgaben als Gruppenleiter. Ich hoffe, dass Ihnen dieses Buch dabei ein hilfreicher Begleiter sein wird.
Die Arbeit an diesem Buch hat uns in den letzten fünf Jahren begleitet. Die Zeit war vor allem durch regen fachlichen und persönlichen Austausch und Diskussion über die Gruppenarbeit geprägt. Persönlich haben wir beide profitiert, sei es, dass wir unsere Arbeit in Gruppen überprüfen konnten, damit begannen, gemeinsam Gruppen anzubieten oder dass wir zu Interviewzwecken Gordon Wheeler und Bud Feder persönlich kennen lernten und die Gestaltphilosophie für uns immer neu belebten. Nicht zuletzt in den anregenden, spannenden und reichhaltigen Begegnung mit der Gestaltcommunity.
Es ist schön, wenn die Arbeit soviel Lebensfreude und Lebendigkeit zu bieten hat und durch den Abschluss dieses Projektes der nächste Schritt in die Zukunft gemacht ist, denn wir sind überzeugt davon, dass die Gruppenarbeit innerhalb der Gestalttherapie einen besonderen Beitrag für die Weiterentwicklung von Gruppenansätzen im speziellen und für Psychotherapie überhaupt leisten kann.
TEIL 1
Gruppenleiten – von der Angst zu mehr Sicherheit
In meinen Ausbildungsgruppen zum gestalttherapeutischen Gruppenleiter haben die Teilnehmer oft Angst, selbst die Gruppe anzuleiten. Am liebsten würden sie damit warten, bis die Angst verschwunden ist. Denn sie sind überzeugt davon, dass sie mit weniger oder idealer Weise ganz ohne Angst besser eine Gruppe leiten könnten. Ich werde als Vorbild idealisiert und als sicher, entspannt und souverän wahrgenommen.
Wovor haben diese angehenden Gruppenleiter Angst? Was ist an dieser Situation so bedrohlich, dass Teilnehmer, die oftmals in anderen Kontexten bereits Gruppen leiten, plötzlich keinen Zugang mehr zu ihren eigenen Kompetenzen, Fähigkeiten und Bewältigungsstrategien haben? Sie scheinen vor Angst blind und gelähmt.
Die Aufgabe, eine Gruppe zu leiten, ähnelt in ihrem Erleben einer unkontrollierbaren Stressreaktion (Hüther 2005). Das bisher erworbene Verhaltensrepertoire scheint nicht zu genügen, um mit der neuen Situation fertig zu werden. Die Antwort auf meine Frage, wovor sie Angst haben:
• Alles könnte außer Kontrolle geraten.
• Sie könnten abgelehnt werden, sich lächerlich machen.
• Ihnen könnte nichts mehr einfallen.
• Sie könnten Schaden anrichten.
• Sie könnten Wichtiges übersehen.
• Aufkommende Konflikte könnten die Gruppe sprengen.
Im Folgenden werde ich auf diese Ängste einzeln eingehen, auch wenn sie miteinander verbunden sind.
Alles könnte außer Kontrolle geraten
In jeder Gruppe gerät immer einiges außer Kontrolle. Im Hinblick auf das, was die Gruppenleitung geplant hat, gibt es immer Unvorhergesehenes. Didaktisch geplante Gruppentreffen mit strukturierten Übungen für Alle geben dem Gruppenleiter ein hohes Maß an anfänglicher Sicherheit und ausreichend Selbstvertrauen, um mit dem ›Abenteuer Gruppe-Leiten‹ zu beginnen. Sie erfreuen sich deshalb größter Beliebtheit nicht nur bei angehenden Gruppenleitern. Auch die Gruppenteilnehmer haben meist Angst. Sie wird durch eine klare vorgegebene Struktur gelindert.
Bei angehenden Gruppenleitern geht oft viel Energie in die Vorbereitung und manchmal minutiöse Strukturierung der geplanten Gruppensitzung. Dabei scheint sehr viel auf dem Spiel zu stehen, wie eine alles entscheidende Prüfung des Selbstwerts oder der Standhaftigkeit im Anblick einer feindlichen Macht. Der Gruppenleiter hat Angst. Es könnte irgendetwas Unvorhergesehenes passieren, das alle seine Pläne zunichte macht, und am Ende stünde er vor einem Scherbenhaufen. Um für alle Eventualitäten vorbereitet zu sein und somit der drohenden Scham entgehen zu können, hat er ein Überangebot von Übungen und Material vorbereitet. Er ist so sehr mit seinem eigenen psychischen Überleben der Prüfung beschäftigt, dass er wenig Kapazität für Begegnungen mit den Gruppenteilnehmern hat und sich auch bei guter »Performance« noch isoliert fühlt.
In der Regel sind die Teilnehmer in den Ausbildungsgruppen kooperativ und schützen somit den angehenden Gruppenleiter vor einer Blamage. Außerhalb, in anderen Gruppen, kann er von dieser Hilfsbereitschaft nicht ausgehen und die vorher genannten Ängste haben durchaus ihre Berechtigung.
Ziel in meinen Ausbildungsgruppen ist deshalb, dass Teilnehmer lernen, mit ihrer Angst Gruppen zu leiten und von der Angst zur Erregung zu finden. Diese Angst kommt eher zum Vorschein, wenn weniger geplant wurde. Die Teilnehmer sollen die Erfahrung machen, wie aus der für sie als unkontrollierbar erlebten Stresssituation eine kontrollierbare werden kann. Denn selbst für mich, nach langjähriger Berufserfahrung, ist Gruppenleiten immer auch noch mit Stress verbunden.
Eine Gestaltgruppe wird per Definition prozessorientiert geleitet, in ihr muss es Raum für Unvorhersehbares, lebendige Prozesse und Interaktionen geben. Als Gruppenleitung meistere ich in jedem Gruppentreffen neue einzigartige Herausforderungen.
Die anfängliche Angst weicht oft einer Zufriedenheit gegen Ende einer Gruppe. Ich habe Nährendes und Bereicherndes erlebt, wir haben zusammen gelernt und sind uns näher gekommen.
Sie könnten abgelehnt werden und sich lächerlich machen
Oft rührt die Angst des Gruppenleiters von dem inneren Erleben des Isoliertseins. Verstärkt wird dies Gefühl natürlich, wenn sich die Gruppenteilnehmer bereits kennen.
Zu dem Gefühl der Isolation gesellt sich die Überzeugung, dass Sie auf dem Prüfstand stehen, kritisch beobachtet und bewertet werden, wobei Ihnen die Kriterien für die Bewertungen unbekannt sind. Nur eines ist gewiss: Dass Sie es im besten Fall nicht allen recht machen können, hin und wieder wirklich abgelehnt werden und Sie sich in seltenen Fällen auch wirklich lächerlich machen. In Gruppen mit vielen Teilnehmern, die Angst vor emotionaler Tiefung haben, wird der Gruppenleiter vermehrt auf Abweisung seines persönlichen Interesses und seiner Anteilnahme stoßen.
All das mag sehr unangenehme Gefühle auslösen, die aber zu meistern sind. Siehe hierzu auch das Kapitel: »Der innere Supervisor«. Bei Bedarf gehören diese Gefühle in die Supervision.
Ihnen könnte nichts mehr einfallen
Oftmals haben Teilnehmer zu Beginn einer Gruppe wenig Bewusstheit über ihre Interessen, Bedürfnisse und Befindlichkeit oder sie sind gehemmt, diese offen zu äußern. Es kommt zu keiner Prägnanz von Figurbildung (in Gestaltsprache). Irgendwie fehlt die Energie bei allem, was die Teilnehmer und die Gruppenleitung unternehmen. Es entsteht kein Spannungsbogen, kein müheloser Fluss, es mangelt an Konzentration.
Welche Gestaltmethoden stehen Ihnen zur Verfügung, wenn Sie zu Beginn einer Gruppe im Trüben fischen und es zu keiner klaren Figurbildung kommt? Die Versuchung mag groß sein, eine neue Übung anzuregen, vielleicht eine, die Sie selbst kennen gelernt haben und die Ihnen gut gefiel. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, aber zurückhaltendes Überprüfen der Gruppensituation ist vorzuschalten.
• Was ist in der Gruppe bisher passiert?
• Was sind die bereits benannten Themen?
• Welche Gefühle, Gedanken und Interesse löst das in Ihnen aus?
• Ist hier etwas offen (ein Bedürfnis, eine Frage, ein Anliegen, ein Konflikt)?
• Spüren Sie eine Anspannung?
• Möchten Sie etwas vertiefen?
• Welche vielleicht nur zaghaften Versuche der Kontaktaufnahme gibt es, die Sie aufgreifen können?
Aus dieser Reflexion des Gruppenprozesses können sich ganz natürlich Interventionen für den Gruppenleiter ergeben, mit denen er sich an einzelne Gruppenmitglieder oder die Gruppe als Ganzes wendet. Diese Interventionen gewinnen ihre überzeugende Einladungskraft aus der klaren Figurbildung. Sie haben genau den Nerv der Gruppe getroffen, wenn jetzt die Energie wieder fließen kann.
Als Gruppenleiter verfolgen Sie dabei ihr persönliches Interesse an den einzelnen Teilnehmern, an den Interaktionen sowie am Gruppenprozess. Handeln Sie aus authentischem Interesse und Anteilnahme, werden Sie Ihre Angst vorübergehend vergessen. Hierbei ist persönliches Interesse nicht mit reiner Neugier zu verwechseln. Ihr Interesse und ihre Anteilnahme dienen der Förderung von Kontakt- und Wahrnehmungsfähigkeiten der Gruppenmitglieder und sind hierfür unabdingbare Voraussetzung.
Natürlich können Ihr Interesse und Ihre Anteilnahme auch auf Ablehnung bei den Teilnehmern stoßen. Dies ist sogar häufig der Fall. Nur selten geschieht diese Ablehnung jedoch offen und direkt, oftmals nicht einmal bewusst. Die Art und Weise, wie Gruppenteilnehmer sich dem Interesse und der Anteilnahme des Gruppenleiters verschließen, sind so zahlreich wie es Teilnehmer gibt. Wichtig für Sie ist, es zu erkennen, innezuhalten und nachzuspüren, welche Gefühle und Impulse dies in Ihnen auslöst.
Eines dieser Gefühle mag ein altvertrautes sein: Angst. Angst, in der Gruppenöffentlichkeit als inkompetent zu erscheinen und das beschämende Gefühl ertragen zu müssen, abgeblitzt zu sein. Angst davor, von allen anderen mit Ihrem Interesse abgewiesen zu werden.
Vielleicht nehmen Sie Ihre Angst hauptsächlich als Herausforderung wahr: »Dem werde ich es zeigen, ich lasse mich doch nicht so einfach abweisen, schließlich meine ich es doch gut.« Oder Sie ziehen sich gekränkt zurück und erleben die Abweisung als Niederlage.
Je nach persönlicher Toleranz für diese Unsicherheit im Kontakt mit den Gruppenteilnehmern, ziehen Sie es jetzt vielleicht doch vor, noch eine Übung zu machen. So können Sie wenigstens für sich sorgen und wieder etwas Verdauungspause und sicheren Abstand von der Gruppe gewinnen.
In den Kapiteln »Der therapeutische Prozess« und »Interventionsmöglichkeiten bei Kontaktunterbrechungen im Gruppengeschehen« gehe ich näher darauf ein, welche vielseitigen Möglichkeiten es noch gibt, mit dieser Form von Widerstand anders umzugehen.
Sie könnten Schaden anrichten
Eine Gruppe verläuft dann zufriedenstellend, wenn das, was ich anbiete, dem Bedürfnis und Interesse der Gruppe entspricht (Zinker 1998). Dies ist eine für mich beruhigende Grundannahme, auch wenn ich weiß, dass man es nie allen Teilnehmern einer Gruppe recht machen kann.
Je klarer die Teilnehmer ihre Interessen und Bedürfnisse formulieren, desto eher werden Sie als Gruppenleitung dazu in der Lage sein, darauf einzugehen. Dies ist der Zweck von Befindlichkeitsrunden und Runden, in denen Sie abfragen, was die Teilnehmer im Moment beschäftigt, interessiert und was sie gerne tun möchten. Siehe auch im Kapitel »So könnte es weitergehen – allgemeine Prinzipien«.
Es kann sein, dass Sie durch Ihre Anteilnahme und Interesse bei den Teilnehmer lebhafte, gefühlvolle Prozesse auslösen, womit Sie jetzt eigentlich zufrieden sein könnten – wäre da nicht schon wieder Ihre Angst. Alles könnte außer Kontrolle geraten – und letztendlich sind Sie für den einmal in Gang gesetzten Prozess verantwortlich. Das beinhaltet unter anderem, dass keiner dadurch zu Schaden kommen darf. Diese lebhaften, gefühlvollen Prozesse werden Ihnen umso mehr Angst machen, je weniger Sie sie am eigenen Leib erfahren haben, was übrigens auch auf die Gruppenteilnehmer zutrifft .
Wie schaffen Sie nun einen sicheren Rahmen für lebhafte, gefühlvolle Prozesse in der Gruppe? Vorangestellt sei, dass es den sicheren Rahmen nicht gibt. Jeder Gruppenleiter (und natürlich auch die Gruppenteilnehmer) braucht für sein Gefühl von Sicherheit etwas anderes. Wichtig ist dennoch, dieses Bedürfnis nach einem sicheren Rahmen überhaupt zu spüren und benennen zu können. Es hat seine Berechtigung, auch wenn es keine Garantie für Sicherheit gibt. Ihre Sicherheit wird wachsen mit Erfahrung, Kenntnis von Methoden und Übung von Achtsamkeit für den Kontaktprozess.
Dazu gehören der kontaktvolle Umgang mit »Widerstand«, Ihre Fähigkeit, den Gruppenteilnehmer in seinem Prozess zu unterstützen und seine Selbststützung, sowie Unterstützung durch die Gruppe zu aktivieren. Als Gruppenleiter müssen Sie Kenntnis haben von Techniken, die aus der Tiefung führen und die die Integration der Erfahrung im Nachkontakt fördern. Sie werden später detailliert beschrieben.
Wenn Sie auf Ihre Grenzen und die der Teilnehmer achten, können Sie keinen Schaden anrichten. Fordern Sie Teilnehmer dazu auf, selbstverantwortlich auf ihre Grenzen zu achten und die anderer Gruppenmitglieder zu respektieren. Grenzen- und maßloses Verhalten sollten Sie stoppen. Wenn Ihnen das schwer fällt, nehmen Sie es mit in die Supervision.
Sie könnten Wichtiges übersehen.
Sie werden zweifellos ab und zu Wichtiges übersehen, wie auch sonst in Ihrem Leben. Ist es für die Gruppe und ihre Teilnehmer wichtig, wird Sie meist jemand darauf hinweisen. Hier zahlt es sich aus, wenn Sie von Anfang an die Eigenverantwortlichkeit jedes Gruppenmitglieds gefördert haben.
Natürlich haben Sie als Gruppenleiter auch Verantwortung, aber bei weitem nicht für alles, was in der Gruppe geschieht oder eben nicht. Geteilte Verantwortung für die Geschehnisse in der Gruppe kann Ihren Stress und die Angst reduzieren. Beziehen Sie ganz bewusst die Gruppenteilnehmer mit in die Verantwortung für die Gestaltung des Gruppengeschehens ein. Abgesehen davon, dass dies sowieso eines der wichtigsten Lernziele in einer Gestalt-Gruppe ist, hat diese Vorgehensweise eine sehr entlastende Wirkung für Sie als Gruppenleitung, wenn Sie es denn zulassen können. Das enthebt Sie jedoch nicht der Verantwortung, den Überblick zu behalten und mit der Ihnen angetragenen Macht und Ihrem Einfluss verantwortungsbewusst umzugehen.
Aufkommende Konflikte könnten die Gruppe sprengen.
Das Konfliktpotenzial in einer Gruppe ist immens. Ungezügelt könnte es jede Gruppe sprengen. Ein Grund für die Angst des Gruppenleiters vor Konflikten (und die der Teilnehmer natürlich auch) ist also, dass sie eskalieren und die Existenz der Gruppe bedrohen könnten.
Ein weiterer Grund liegt in der Möglichkeit, dass die ganze Gruppe sich gegen den Gruppenleiter verbündet und dieser Konflikt durch den Ausstoß des Gruppenleiters »gelöst« wird.
Beide Szenarien sind zumindest in dieser offenen Eskalation eher selten, aber als mögliche Konfliktlösungsmodelle vielen vertraut und daher psycho-dynamisch in vielen Gruppen unterschwellig wirksam.
Die meisten Gruppen, die Sie bereits leiten oder leiten werden, sind zunächst Zweckgemeinschaften, deren Teilnehmer ein großes Interesse an ihrem Fortbestehen haben. Teilnehmer vollbringen oft eine große Anpassungsleistung, damit es ihnen gelingt, für einen vorher vereinbarten Zeitraum in der Gruppe zu bleiben. Nur wenn sie für bestehende Konflikte keine andere Lösung in der Gruppe gefunden haben, werden sie das Feld räumen. Dies kann übrigens auch ein Indikator für schwelende Konflikte in einer Gruppe sein, wenn Teilnehmer häufig fehlen, später kommen oder früher gehen.
Zu Beginn einer Gruppe werden Teilnehmer ihre kritischen, feindseligen, potenziell kränkenden, fordernden oder ansonsten von der Gruppennorm abweichenden Impulse eher zurückhalten, um das Zusammenwachsen einer Gruppe und ihr Zusammenbleiben nicht zu gefährden. Grundsätzlich ist diese Fähigkeit, eigene Impulse bewusst zurückzuhalten und zu filtern, eine wichtige soziale Kompetenz, die ich als Gruppenleiter zu schätzen weiß. Für Teilnehmer, die diese Fähigkeit wenig entwickelt haben, wäre dies ein wichtiges Lernziel.
Andererseits ist in Gruppen gerade die Konfliktfähigkeit ein häufig geäußertes Lernziel der Teilnehmer. Naiverweise hoffen die meisten, dass sie Konfliktfähigkeit anhand von Konflikten lernen können, die sie mit anderen Menschen außerhalb der Gruppe haben: Konflikte mit Arbeitskollegen, Chefs, Partnern, Eltern und Kindern stehen für sie im Vordergrund und werden von Ihnen als Gruppenleiter auch aufgegriffen.
Von den anderen Gruppenmitgliedern und Ihnen erwarten Teilnehmer oft zunächst uneingeschränkte Solidarität und Unterstützung für ihre Sichtweise eines Konflikts. Man soll sie selbst wenig infrage stellen und keine unangenehmen, unbequemen eigenen Veränderungen in Aussicht stellen (Einforderung von Konfluenz in der Gestaltsprache).
Aber genau darum geht es ja. Die Teilnehmer können mit Ihrer Unterstützung als Gruppenleiter lernen, Konflikte in der Gruppe ohne Beziehungsabbruch auszutragen.
Wir fangen an
Wir fangen mit einer konventionellen Vorstellungsrunde an. Interessant ist hier in diesem Fall zum Beispiel, dass die Art der Vorstellungen ohne Vorgabe der Gruppenleitung uniform ist – ein oft zu beobachtendes Phänomen.

Abb. 1
Als Gruppenleitung könnte ich dann:
• dies zum Fokus meines Interesses – zur Figur – werden lassen und fragen, was den Teilnehmern aufgefallen sei oder
• meine eigene Beobachtung mitteilen und
• zu einer zweiten Vorstellungsrunde einladen, um
• diesen Prozess bewusst zu erleben und/oder
• damit zu experimentieren, diesmal aus dem Rahmen zu fallen.
Bei Teilnehmern mit wenig oder keiner Gruppenerfahrung könnte dies zu angstbesetzt sein und Widerstand provozieren. Stattdessen könnte es so weitergehen:
»Sucht euch einen Partner, der euch interessiert und findet mehr über ihn heraus.« (s. Abb. 2)

Abb. 2
Die untergeschobenen Zitate sind zwar frei erfunden aber meiner Erfahrung nach wirklichkeitsnah. Das wenigste wird davon sofort offen ausgesprochen. Höchstens im Nachhinein, wenn die Gruppenmitglieder eine gute Vertrauensebene aufgebaut haben und diese Erfahrung aus sicherer Vergangenheit laut erinnert werden kann.
Für den Gruppenleiter ist es wichtig, sich über mögliche ausgelöste Prozesse im Klaren zu sein bei einer solchen simplen, anscheinend unverfänglichen Übung, die gemeinhin als Eisbrecher und Aufwärmübung bekannt ist. Man kann sich vielleicht lebhaft vorstellen, wie unbefriedigend die meisten dieser Begegnungen verlaufen werden und welchen Stress es verursacht, diese Unzufriedenheit zu kaschieren.
Nach solch einer Übung herrscht oft eine undefinierbare Anspannung in der Gruppe. Alle schauen dann erwartungsvoll den Gruppenleiter an. Mitunter ruft auch jemand ungeduldig aus: »Wann fangen wir denn endlich an, mir geht es hier zu langsam.«
Die Teilnehmer würden jetzt gerne die Gruppenleitung allein für ihr Unwohlsein in der Gruppe verantwortlich machen. Diese Verantwortung nehme ich nur teilweise an. Stattdessen gilt es, so früh wie möglich die Weichen umzustellen und die Gruppenteilnehmer mit in die Verantwortung zu ziehen:
»Ich habe angefangen, wie möchtest Du anfangen?« oder:
»Wozu brauchst Du ein schnelleres Tempo?«
Die Kultur einer Gestaltgruppe weicht sehr von alltäglichem Verhalten in sozialen Zusammenhängen ab. Ein wichtiger Eckpfeiler ihrer Philosophie ist die Eigenverantwortlichkeit. Die Kunst des Gestaltgruppenleiters besteht meiner Meinung nach darin, Übergangserfahrungen anzubieten, zu pendeln von der Alltagskultur in die Gestaltkultur und wieder zurück.
Zurück zu unserer fiktiven Gruppe. Eine von vielen anderen Möglichkeiten an die vorherige Übung anzuknüpfen, könnte folgende Aufgabe sein: Stellt den Partner in der Gruppe vor, was ihr von ihm erfahren habt.

Abb. 3
Vielleicht würde ich mich in dieser Gruppe zum Abschluss selbst vorstellen, mit etwa folgendem Wortlaut: »Ich fange an, mich ein wenig zu entspannen, da ich euch jetzt alle näher kennen gelernt habe, danke.« Der aktuelle Hintergrund für meine Restanspannung ist in etwa in Abbildung 4 dargestellt.

Abb. 4
Darf ich vorstellen: Der »Herr in Blau« (rechts) ist mein innerer Supervisor. Die Farbe blau steht für mich für ruhige Klarheit (vgl. a. Kapitel »Der innere Supervisor«). Hier lenkt er meine Aufmerksamkeit auf drei wichtige Fragen zu Beginn jeder Gruppe:
1. Was ist meine unmittelbar gefühlsmäßige Reaktion auf die einzelnen Gruppenteilnehmer?
2. Halte ich jeden für diese Gruppe geeignet?
3. Wie gehe ich damit um, wenn ich einen Teilnehmer für die Gruppe ungeeignet halte?
Ob ich jemand spontan mag oder nicht, wird meine Kontaktaufnahme zu diesem Gruppenmitgliedern auf jeden Fall beeinflussen. Anstatt mich zu bemühen, alle gleich zu behandeln und zu mögen, ist es deshalb sinnvoller, immer wieder bewusst meine Sympathien und Antipathien wahrzunehmen.
Versuche ich zum Beispiel auszublenden, wen ich am wenigsten mag, geht wichtige Information im Kontakt verloren und wird der Bewusstheit unzugänglich. Es entstehen Sprachlosigkeit und diffuses Unwohlsein, anstelle von Raum für mögliche Begegnung und Veränderung. Im Kapitel »Übertragung und Gegenübertragung« gehe ich auf diesen Prozess näher ein.
Von Anfang an sollten die Teilnehmer einer neuen Gestaltgruppe den ganzheitlichen Ansatz erfahren (Hartmann-Kottek, 2004: 54). Sie erleben so vielleicht zum ersten Mal seit ihrer Kindheit die Reichhaltigkeit und Vielschichtigkeit ihres Daseins.
Die bewusste Miteinbeziehung des Körpers beim Kennenlernen ist hierfür eine Möglichkeit.
Hier ein Vorschlag:
»Nachdem wir jetzt viel miteinander geredet haben, schlage ich einen konventionellen Händedruck zur Begrüßung vor, Reden ist dabei also erlaubt. Vielleicht könnt Ihr Euch noch mal mit Namen vorstellen, oder den des anderen erraten.«

Abb. 5
Hier sind hypothetische Gedanken der Teilnehmer zu lesen, die nur die wenigsten bei einem ersten Treffen spontan preisgeben würden. Je größer die Aufregung und Anspannung, desto weniger wird die Begegnung mit dem jeweiligen Gegenüber wirklich bewusst erlebt.
Obwohl dies eine fiktive Gruppe ist, werden Sie als Leser spontan Sympathien oder Antipathien mit bestimmten Gruppenteilnehmern entwickeln und könnten wahrscheinlich deutlich bestimmen, wem Sie am liebsten die Hand geben würde und wem nicht. Für alle Teilnehmer einer neuen Gruppe wird es ein Anliegen sein, sich auf diese Weise zu orientieren und herauszufinden, wen man mag und wen nicht.
Zunächst zurück zu unserer Gruppe. Da es in der Gestalt um die Förderung der ganzheitlichen Präsenz geht, also um die Konzentration auf das Hier-und-Jetzt im Kontakt, könnten Sie jetzt die Teilnehmer zu folgendem Experiment einladen:
»Gebt diesmal ganz bewusst höchstens drei Teilnehmern die Hand und konzentriert Euch jetzt auf die körperliche Empfindung des Händedrucks.
Was löst es in Euch aus, welche Gefühle oder Gedanken, Bilder oder Impulse?
Beschreibt es so prägnant wie möglich. Macht eine kurze Aussage.
Nehmt Euch Zeit, die Aussage Eures Gegenübers zu hören.«
Anschließend haben die Teilnehmer die Möglichkeit, in der Gruppe wichtige Entdeckungen und Erfahrungen mitzuteilen und gegebenenfalls zu vertiefen. Als Gruppenleiter hätten Sie die Wahl, diese Aussagen aufzugreifen oder einfach so stehen zu lassen. Lassen Sie sie erst mal so stehen, ist damit eine Erfahrungseinheit abgeschlossen, zumindest vorläufig. Je nach Plan bietet sich dann eine natürliche Pause an, in der Sie das Erlebte verdauen können.
Grundsätzlich ist also nichts gegen strukturierte Übungen und stringente Planung besonders zu Beginn einer Gruppe einzuwenden (vgl. im Anhang: »Vorschläge für Experimente und Gruppenaktivitäten«). Sie helfen Ihnen nicht nur, ihre Angst beim Gruppenleiten zu meistern, sondern werden wegen ihrer beruhigenden Wirkung auch von den Gruppenteilnehmern zunächst dankbar aufgegriffen. Es gibt ihnen ein Gefühl von Sicherheit, Überschaubarkeit und man ist von unkontrollierbaren Überraschungen gefeit.
Die strukturierten Übungen dienen dem Sich-Kennenlernen und geben Ihnen als Gruppenleiter wichtige Informationen und Orientierung:
1. In Bezug auf die Teilnehmer: Welche Erwartungen, Bedürfnisse, Befürchtungen, Vorwissen, Erfahrung und Interessen haben sie?
2. In Bezug auf Ihre eigene Befindlichkeit und Einschätzung (was genauso wichtig ist):
– Wie fühlen Sie sich mit den Teilnehmern hier?
– Mit wem bahnt sich ein guter Rapport an?
– Wen erleben Sie als unterstützend und wohlwollend Ihnen gegen über?
– Wen erleben Sie als kritisch, in Konkurrenz gehend, abwertend, in Frage stellend?
– Wen erleben Sie eher als ausweichend, zurückgezogen, reserviert, maskenhaft?
– Wen erleben Sie als schwierig?
– Zu wem fühlen Sie sich hingezogen?
– Mit wem haben Sie hier Gemeinsamkeiten?
– Wer ist Ihnen sehr fremd?
– Gibt es jemanden, den Sie abstoßend finden oder den Sie nicht mö gen?
– Was davon erleben Sie als bedrohlich?
– Fühlen Sie sich von der Gruppe angenommen?
Um diese Fragen als Gruppenleiter beantworten zu können, nutzen Sie möglichst all Ihre Sinne, all Ihre Kontaktfunktionen wie schauen, hören, riechen, sich spüren, usw. (Polster/Polster 1975: 127 ff.).
• Können Sie in der Gruppe gut durchatmen?
• Welche inneren Bilder tauchen auf?
• Wie frei fühlen Sie sich, in der Gruppe zu sprechen,
• sich zu bewegen und gegebenenfalls auch jemanden zu berühren?
• Sind sie gerne in dieser Gruppe?
• Wie ist Ihr Energiepegel?
• Haben Sie einen klaren Fokus?
• Was könnte Ihr nächster Schritt sein?
• Was brauchen Sie von den Gruppenteilnehmern, um diese letzte Frage beantworten zu können?
Der innere Supervisor
Im vorhergehenden Kapitel habe ich meinen inneren Supervisor, den »Herrn in Blau« vorgestellt. In diesem Fall hatte er meine Aussage als Gruppenleiterin hinterfragt und das Gegenteil in Erwägung gezogen.

Dies ist nur eine der möglichen Funktionen des inneren Supervisors. In diesem Kapitel möchte ich ausführlicher auf die unterschiedlichsten Wirkweisen eines inneren Supervisors eingehen.
Vorab noch etwas zum Herrn in Blau«. Er ist für mich ein Symbol für eine wichtige innere Instanz, für meine Fähigkeit der kritischen Selbstreflexion. Diesen inneren Supervisor erlebe ich als einen inneren Raum, in den ich mich als Gruppenleiter zurückziehen kann, um mehr Gewahrsein und Bewusstheit für das komplexe Gruppengeschehen zu ermöglichen. Hier nehme ich meine assoziativen Bilder, Körperempfindungen, Gefühle und Handlungsimpulse wahr, besinne mich auf meine Erfahrung und mein Wissen, spiele mit Inter-ventionsmöglichkeiten und nehme mir Zeit. Zeit und Raum brauche ich, um kreativ jeden einmaligen Gruppenprozess mitzugestalten. Häufig entstehen in diesem inneren Raum auch Dialoge mit bedeutsamen Menschen aus meinem Leben. Dadurch erhalte ich wichtige und hilfreiche Hinweise für das momentane Gruppengeschehen.
Der Leser könnte sich diesen inneren Supervisor also auch als einen sehr facettenreichen Co-Therapeuten vorstellen, der ihm unterstützend zur Seite steht.
Der angehende Gestaltgruppenleiter braucht noch einen äußeren Supervisor, der ihm diesen Raum außerhalb der Gruppe zur Verfügung stellt. Er wird sich zu Anfang in erster Linie auf die eigenen Erfahrungen als Gruppenmitglied beziehen und sich am Modell seines Gruppenleiters orientieren. Darüber hinaus verfügt er wahrscheinlich über theoretisches Wissen, was Gruppendynamik, Aufgabe des Gruppenleiters und wesentliche Prinzipien der Gestalt betrifft .
Sein innerer Supervisor ist quasi erst ein Schössling, der noch wachsen und reifen wird. Die anfängliche Imitation wird der eigenen spontanen Kreation weichen. Der vorerst internalisierte äußere Supervisor wird zunehmend durch den eigenen inneren Supervisor ersetzt.
Das, was nützlich war, kann vom Vorbild und Supervisor übernommen werden, anderes wird verworfen, neu erfunden und ausprobiert. Dies ist ein lebenslanger Prozess.
Es ist ratsam, auch als erfahrener Gruppenleiter, Supervision in Anspruch zu nehmen. Diese braucht nicht mehr so engmaschig zu sein und kann auch in einem Kreis von erfahrenen Kollegen stattfinden, denn der innere Supervisor kann über weite Strecken die wichtige Funktion der kritischen Selbstreflexion übernehmen.
Wenn es allerdings um blinde Flecken geht (was die Psychoanalyse Gegenübertragung nennt), brauche ich manchmal »Sehende«, um mich aus der Fixierung lösen zu können und wieder in den Kontakt mit mir, mit der Gruppe und einzelnen Gruppenteilnehmern zu gelangen.
Die Kultivierung des inneren Supervisors
Wie kultiviert man nun diesen inneren Supervisor? Was braucht er, um zu wachsen und zu gedeihen? Ich habe oben von kritischer Selbstreflexion geschrieben. Es ist wichtig, hier das richtige Maß zu finden. Letztendlich soll der innere Supervisor ja eine unterstützende, wohlwollende Instanz sein, nicht eine uns feindlich gesonnene. Ist die kritische Selbstreflexion zu harsch, unterminieren wir unser Selbstvertrauen, schüchtern uns selbst ein, paralysieren uns und erzielen eher den gegenteiligen Effekt: eine Lernstörung. Angst ist kein guter Lehrmeister.
Sind wir mit unserer kritischen Selbstreflexion zu lasch, zu selbstgefällig, sind immer die anderen schuld. Wenn die Gruppe schlecht läuft , ist es an der Zeit, sich zu fragen: Wie trage ich als Gruppenleiter selbst dazu bei?
Schon bevor ich in eine neue Gruppe komme, ist mein innerer Supervisor aktiviert. Ich nehme meine eigene Befindlichkeit, Phantasien, Erwartungen und Befürchtungen wahr, hege vage Vermutungen über die Gruppenteilnehmer und bin mit einem flexiblen Plan und Strukturvorschlag ausgestattet (siehe zum Beispiel im vorigen Kapitel: »Wir fangen an«).
Für eine kritische Selbstreflexion brauche ich immer wieder einen inneren Abstand vom Geschehen. Erst dann wird es mir möglich, mich selbstreflexiv ganzheitlich wahrzunehmen, Zeuge des Geschehens zu werden und zu Aussagen auf der Metaebene zu kommen.
Mögliche Fragen, die ich mir zum Beispiel stellen könnte, sind:
• Wie fühle ich mich im Moment in der Gruppe?
• Wie ist mein Atem?
• Was sind meine Körperempfindungen?
• Was habe ich gerade gemacht?
• Welche Wirkung haben einzelne Gruppenmitglieder auf mich?
• Was halte ich zurück?
• Was würde ich jetzt gerne tun?
• Was brauche ich von der Gruppe?
• Fühle ich mich im Kontakt?
• Was ist vorherrschendes Thema?
Darüber hinaus muss ich in der Lage sein, differenziert wahrzunehmen, was in meinem Umfeld passiert, in der Gruppe und in dem Umfeld, in das die Gruppe und ich gemeinsam eingebettet sind.
Erkenntnistheoretisch ist es klar, dass es sich hier nicht um objektive Wahrheiten handeln kann … Alles was ich wahrnehme, ist subjektiv gefärbt und verändert sich durch meine Beobachtung.
Mit diesem Hintergrundwissen lasse ich meine Aufmerksamkeit schweifen. Manches, was in der Gruppe passiert, wird für mich zur Figur und weckt mein Interesse. Anderes erscheint eher nebensächlich und ich entwickele Vermutungen und Phantasien (Projektionen) was die Gruppe als Ganzes, ihre Teilnehmer und die Beziehungen untereinander und zu mir betreffen (siehe hierzu auch das Kapitel «Klärung des Gruppenprozesses«).
Für den Anfänger beim Gestaltgruppenleiten ist es oft schwierig, diesen nötigen inneren Abstand vom Gruppengeschehen zu gewinnen. Durch die Gestaltmethode werden oft intensive Prozesse angestoßen; auch beim Gruppenleiter, wenn er im Kontakt bleibt. Die Ereignisse können sich manchmal überschlagen. Das kann sich dann anfühlen wie beim »Zauberlehrling« von Johann Wolfgang von Goethe:
»Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.«
Wenn der Gruppenleiter sich überwältigt fühlt von den tiefen, emotionalen Prozessen, die er oder andere auslösten, so bekommen das die Gruppenmitglieder genau mit und der Angstpegel in der Gruppe wird steigen. Das kann natürlich auch erfahrenen Gruppenleitern passieren, aber sie haben es schon oft erlebt und geübt, diese Erfahrung zusammen mit der Gruppe zu verarbeiten, um wieder sicheren Boden zu gewinnen.
Der erste Schritt für den Anfänger ist, ein sicheres Gespür dafür zu bekommen, wenn er sich den Ereignissen in der Gruppe nicht mehr gewachsen fühlt, wenn ihm die emotionale Intensität zu viel wird oder er einfach eine Pause braucht. Im Kapitel »Techniken, die aus der Tiefung führen« beschreibe ich einige mögliche Interventionen, um den Ausdruck schwieriger überwältigender Gefühle zu begrenzen und zu dosieren. Dies ist auch zum Schutz der übrigen Gruppenmitglieder besonders zu Beginn einer Gruppe wichtig.
Viele beginnende Gruppenleiter sind sehr aufgeregt und handeln schnell. Wenn ich etwas schnell mache, spüre ich nicht so viel. Meine Aufmerksamkeit richtet sich ausschließlich darauf, so schnell wie möglich fertig zu sein. Dann brauche ich zwar keine Aufregung, Zweifel oder Angst zu spüren, bin aber auch nicht im Kontakt mit der Gruppe. In der Gestaltarbeit geht es schließlich immer um Kontakt und das braucht meist Zeit, sowie Toleranz für Unsicherheit, wie eingangs ausführlich beschrieben. Es ist schon viel gewonnen, diesen Prozess bei sich selbst zu erkennen, ohne sich dafür zu verurteilen.
Zusammen mit dem äußeren oder inneren Supervisor könnte man den Fragen nachgehen, was einem helfen würde, mit dieser Aufregung, den Zweifeln und der Angst anders umzugehen und was man bräuchte, um das anfängliche Tempo etwas zu drosseln.
Hier einige Empfehlungen, die für den Leser vielleicht hilfreich sind, die aber der jeweiligen konkreten Situation entsprechend immer wieder abgewandelt und angepasst werden müssen.
• Ein erster wichtiger Schritt kann schon sein, der Gruppe die Aufregung und Nervosität mitzuteilen und sich genügend Zeit zu lassen, um die Resonanz der Gruppenmitglieder wahrzunehmen. Meist wird es eine positive Resonanz sein. Wenn nicht, dann dient es der Orientierung. Ich habe eine wichtige Information über diese Gruppe, dass sie mir im Moment nicht sehr wohlwollend begegnet und ich gut auf mich aufpassen werde.
• Kleinschrittig vorgehen: Erst mal mit dem großen Zeh das Wasser testen, anstatt gleich ins Tiefe zu springen. Oder Tipptopp spielen: Ich gehe einen kleinen Schritt, ihr geht einen kleinen Schritt, so kommen wir uns langsam näher. In der Gestaltsprache nennen wir es Vorkontakt.
Dazu kann gehören, bewusst den Gruppenraum wahrzunehmen. Ist er groß, hell, bequem und leise genug? Fühle ich mich wohl?
• Viele kleinere Pausen einplanen, in denen sich der Gruppenleiter mit seinem inneren Supervisor zurückziehen kann, Abstand vom Gruppengeschehen gewinnt und die Ereignisse Revue passieren lassen kann.
Die Auswertung des bisherigen Gruppengeschehens
Einer Auswertung des bisherigen Gruppengeschehens können folgende Fragen dienen:
• Was ist bisher passiert?
• Wie fühle ich mich?
• Was sind die Themen?
• Gibt es etwas, dass ich jetzt klären oder wissen möchte?
• Wer ist bisher aktiv am Gruppengeschehen beteiligt, wer eher passiv und zurückgezogen?
• Wie ist die Energie in der Gruppe?
• Kommen die meisten Impulse von mir?
• Werde ich in meiner Rolle als Gruppenleiter akzeptiert?
• Zeichnen sich Konflikte ab?
• Beziehen sich die Gruppenmitglieder hauptsächlich auf mich oder auch aufeinander?
• Gibt es irgendjemand, der mir Sorgen macht?
• Gibt es jemanden, der mich stark an jemand anderen erinnert (Gefahr von fixierter Projektion)?
• Was wäre jetzt förderlich für den Gruppenprozess – ein Impuls für die Gruppe als Ganzes, Partnerarbeit, Triaden oder Kleingruppenarbeit oder Einzelarbeiten in der Gruppe oder zwischen Gruppenteilnehmern?
Bei der Beantwortung dieser Fragen kristallisieren sich wichtige Themen und mögliche Impulse heraus, die der Gruppenleiter in die Gruppe geben kann. Dies ist eine Ansammlung möglicher Fragen, die natürlich nicht alle und immer beantwortet werden müssen.
Wenn der Gruppenleiter nach einer Pause keine klare Idee hat, wie es weitergehen könnte, gibt es immer die Möglichkeit, die Gruppe zu fragen.
»Was ist für euch jetzt im Vordergrund? Woran seid ihr interessiert?
Was ist euer Bedürfnis? Was beschäftigt euch?«
So kann er sicher sein, die Kooperation der Gruppe zu gewinnen, auch wenn dies in den Anfangsstadien einer Gruppe oft die Konfluenz fördert und hilft, sich anbahnende Konflikte vorerst zu vermeiden.
Dieses konfluente Stadium im Gruppenprozess ist zu Beginn normal und entspricht dem Sicherheitsbedürfnis der Teilnehmer und des Gruppenleiters. Man versichert sich zuerst der Gemeinsamkeiten und der grundlegenden Akzeptanz. Auf diesem sicheren Boden werden bald auftauchende Unterschiedlichkeiten als weniger bedrohlich für den Einzelnen und die Existenz der Gruppe erlebt (vgl. Kapitel »Klärung des Gruppenprozesses« und »Ich, Du und Wir im Gruppenprozess«).
Zu einem späteren Zeitpunkt im Gruppenleben kann es dann durchaus vorkommen, dass sich die Gruppenmitglieder selbst wünschen, Konflikte zwischen einzelnen Gruppenteilnehmern zu klären.
Die wohl wichtigste Funktion des inneren Supervisors besteht darin, sich immer wieder darauf zu besinnen, im Kontakt mit sich zu bleiben. Da der Gruppenleiter sehr gefordert ist, seine Aufmerksamkeit auf das vielschichtige Gruppengeschehen zu richten, verliert er sich leicht selbst.
Erinnert er sich immer wieder daran, sich in seinen inneren Raum zurückzuziehen, wie oben beschrieben, kann er sich auch wieder klarer seinem Gegenüber nähern. Es handelt sich um eine Pendelbewegung, den natürlichen Rhythmus von Kontakt und Rückzug. An seinem Modell können die Gruppenmitglieder lernen.
Fast eben so wichtig ist die Aufgabe des inneren Supervisors, Ausschau nach meinen Gegenübertragungen zu halten (vgl. Kapitel «Übertragung und Gegenübertragung«).
• Mit welchen Gruppenmitgliedern entstehen festgefahrene Beziehungsmuster, unbefriedigender Kontakt?
• Welchen Anteil habe ich daran?
• Was stört mich am anderen?
• Wie sollte er anders sein?
• Kann ich mal versuchen, mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen?
• Wie würde ich mich als mein Gegenüber beschreiben?
• Wie erlebt mein Gegenüber mich als Gruppenleiter?
Durch derartige Perspektivenwechsel kann ich mir als Gruppenleiter oftmals selber helfen, eine andere Qualität in die Beziehungsgestaltung einzubringen.
Manchmal brauche ich meinen inneren Supervisor auch, um mir Mut zu machen, eher unangenehme Themen in der Gruppe anzusprechen oder kritisches Feedback zu geben (vgl. Kapitel «Feedback geben«).
Wenn ich mir unsicher bin, ob und wie ich etwas in der Gruppe anspreche, gibt es die Möglichkeit der Probe-Identifikation (orig.: »trial identification«; Casement 1985: 34 ff.). Ich könnte das erst im Stillen für mich machen und mich zum Beispiel fragen:
»Wie würde es Gisela wohl empfinden, wenn ich sie auf ihre Auseinandersetzung mit Tobias während des letzten Gruppentreffens anspreche? Sie wirkt so zurückgezogen heute. Ob es wohl etwas damit zu tun hat? Oder sollte ich lieber Tobias darauf ansprechen, er schaut immer so verstohlen zu ihr rüber? Vielleicht warte ich lieber noch eine Weile, beide scheinen den Blickkontakt mit mir zu meiden. Wahrscheinlich brauchen sie noch Zeit. Vielleicht spricht sie ja auch ein anderes Gruppenmitglied darauf an. Das wäre besser. Noch scheint es die anderen in der Gruppe nicht zu beeinträchtigen. Ich kann auch noch gut atmen«
Diese Art der versuchsweisen Identifikation mit einem oder mehreren Gruppenmitgliedern verhindert oft eine zu voreilige Intervention, die das eigene Potenzial der Gruppe unterminiert oder sonstwie unpassend sein könnte.
In einem anderen Fall könnte der Gruppenleiter auch laut seine Probe-Identifikation aussprechen, wie zum Beispiel:
»Als ein Mitglied dieser Gruppe wäre ich mir nicht sicher, ob es überhaupt jemandem auffallen würde, wenn ich nicht mehr käme. Ich wüsste nicht, ob mich hier jemand vermissen würde. Bisher hat niemand Gabi erwähnt, die schon seit zwei Treffen nicht mehr dabei ist.«
Gelegentlich schiebt sich auch etwas in den Vordergrund meiner Wahrnehmung, ohne dass ich es sicher zuordnen könnte. Vermutlich hat es etwas mit den Geschehnissen in der Gruppe zu tun.
Fällt es einigen oder auch der ganzen Gruppe schwer, ein wichtiges Anliegen oder Gefühl direkt zu kommunizieren, so kann dies trotzdem durch dessen Auswirkung auf den Gruppenleiter gelingen. Lasse ich mich von meinem inneren Supervisor an dieses Phänomen der indirekten Kommunikation (orig.: »communication by impact«; Casement 1985: 72 ff.) erinnern, kann ich meine Aufmerksamkeit und Phantasie auf das lenken, was gerade nicht gesagt und ausgedrückt wird.
Hierzu ein Beispiel:
In einer Gruppe, die ich als zähflüssig erlebe, bekomme ich zunehmend Magenschmerzen. Da dies für mich sehr selten ist und ich auch nichts Schweres gegessen habe, wende ich mich an die Gruppe:
»Ich sitze hier und habe seit geraumer Zeit Magenschmerzen. Ich frage mich, ob das mit dem zu tun hat, was hier gerade in der Gruppe geschieht. Gibt es denn noch jemanden hier, der auch Magenschmerzen hat?«
In den meisten Fällen wird diese Intervention die Gruppe weiterbringen und einige ermutigen, bisher Zurückgehaltenes einzubringen. Zum Beispiel:
»Ich halte mir schon die ganze Zeit den Magen, ich spüre so eine Unzufriedenheit. Alle sind hier so vorsichtig miteinander und nichts passiert.«
»Ja, das geht mir auch so, aber ich habe Angst, hier etwas zu sagen, vor allem vor dir Tamara. Du guckst mich immer so kritisch an.«
Die Selbstfürsorge des inneren Supervisors
Der innere Supervisor ist auch für meine Selbstfürsorge zuständig. Eine Gestaltgruppe zu leiten ist eine anspruchsvolle Herausforderung, bedarf hoher Konzentration und emotionaler Belastbarkeit und einer guten Mischung von harter Arbeit und kreativem Spiel. Das Leiten einer Gestaltgruppe bringt einen hohen Erwartungsdruck mit sich, wobei nur eines sicher ist: Man wird immer einigen Gruppenteilnehmern nicht gerecht werden und sie enttäuschen.
Neben der kritischen Selbstreflexion brauchen wir auch die Fähigkeit eigener positiver Bestätigung. In diesem Zusammenhang ist es für mich hilfreich, mir meine eigenen Kriterien von persönlichem Wachstum zu vergegenwärtigen, wie zum Beispiel:
• Die Teilnehmer sind mehr im Kontakt mit sich.
• Sie haben gelernt, sich aufeinander zu beziehen.
• Sie können Konflikte austragen.
• Sie können ihre Bedürfnisse artikulieren.
• Sie können sich gegenseitig stützen.
• Sie können sich in ihrer Andersartigkeit wertschätzen.
Die Beantwortung folgender Fragen kann dann der Stärkung des Selbstvertrauens als Gruppenleiter dienen:
• Wer hat in dieser Hinsicht bisher gut profitiert von der Gruppenerfahrung?
• Von welchen bereichernden Entwicklungen und Veränderungen berichten die Teilnehmer?
• Was ist sonst noch gut gelaufen?
Eine wichtige Funktion des inneren Supervisors ist, den Gruppenleiter fürsorglich auf seine Grenzen hinzuweisen und für Auszeiten zu sorgen. Gruppengeschehnisse können einen sehr in ihren Bann ziehen. Ich kann mich an ihnen festbeißen, weil ich unbedingt etwas klären, vermitteln, verändern, verstehen, richtig stellen oder helfen möchte. Bei dieser langen Liste von Vorhaben kommt der Gruppenleiter natürlich unter Druck, verspannt sich und wird leicht atemlos. Wenn eine Pause gerade unangebracht erscheint, so kann ich immerhin aus dem Fenster gucken, um mir eine kurze wohltuende Auszeit zu nehmen.
Der innere Supervisor kann ein Spezialist im Auftanken und Abschalten werden. Im Laufe der vielen Jahre als Gruppenleiterin habe ich diesbezüglich ein reichhaltiges Repertoire entwickelt, von dem ich je nach Stimmung auswählen kann und das ich stetig ergänze. Entscheidend ist, dass ich es auch nutze. Mein innerer Supervisor hält quasi ein Auge auf mich und gibt mir die Erlaubnis dazu. Er hilft mir herauszufinden, was mir genau in der jeweiligen Situation gut täte. So kann es mal ein Mittagschlaf trotz strahlenden Sonnenscheins sein und zu anderen Zeiten ein Spaziergang im Regen.
Auftanken und Selbstfürsorge sind natürlich auch im Alltag eine Notwendigkeit. Der Gestaltgruppenleiter ist ganzheitlich gefordert. Er wird den Gruppenmitgliedern besser zur Verfügung stehen können, wenn er auch ganzheitlich für sich sorgt: auf der geistigen, körperlichen, emotionalen und spirituellen Ebene. Gestalttherapie ist eingebettet in eine umfassende Lebensphilosophie und Erkenntnistheorie.
Zur Selbstfürsorge gehört auch, die Grenzen Ihrer Kompetenz zu erkennen. Der wenig erfahrene Gruppenleiter wird oft über die Grenzen seiner Kompetenz hinaus gefordert. Das ist völlig normal und passiert, wenn auch seltener, ebenso bei erfahreneren Gruppenleitern. Wichtig ist, es sich einzugestehen und dementsprechend verantwortungsvoll zu handeln. An diesen Grenzen kann man Themen für die Supervision erkennen und Inhalte möglicher Weiterbildung durch Eigenstudium oder Teilnahme an entsprechenden Kursen. Auf jeden Fall kann ein Gruppenteilnehmer nach Absprache an einen erfahreneren Kollegen weitervermittelt oder natürlich auch stationär versorgt werden.
Bis an die Grenze unserer Kompetenz hingegen können uns alle Gruppenmitglieder führen. Wenn hier Kontakt stattfindet, lernen wir voneinander, erweitern sich unsere Grenzen. Der Gestaltgruppenleiter wird sich bei jedem Gruppentreffen durch den Austausch und die Wirkung der Begegnungen im Kontakt verändern. Der innere Supervisor ist auch dafür zuständig, Ihr eigenes persönliches Wachstum bewusst zu würdigen und dankbar anzuerkennen, was Sie von den Gruppenteilnehmern gelernt haben.
Zusammenfassung der Aufgaben des inneren Supervisors
Kritische Selbstreflexion
• Unparteiischer Zeuge des Geschehens
• Distanzierte Beobachtung auf der Metaebene
• Regelmäßige Auswertung des Gruppengeschehens
Pendelnde Aufmerksamkeit zwischen sich und der Gruppe
• Übertragungen und Gegenübertragungen registrieren
• Probe-Identifikationen, um voreilige Interventionen zu verhindern
• Aufmerksam sein für indirekte Kommunikationen in der Gruppe
• Im Zweifelsfall immer die Gruppenteilnehmer fragen
Selbstfürsorge
• Positive Selbstbestätigung
• Nervosität bewusst wahrnehmen
• Tempo drosseln
• Kleinschrittig vorgehen
• Mut machen
• Grenzen der Belastbarkeit und Kompetenz akzeptieren
• Für Auszeiten und Pausen sorgen
• Ans Auftanken und Abschalten erinnern
• Das eigene persönliche Wachstum bewusst würdigen
So könnte es weitergehen – einige allgemeine Prinzipien
Immer wieder sind die Gruppenteilnehmer (und ich auch) davon fasziniert, wie in einer Gruppe von untereinander vorerst fremden Menschen sich bereits nach wenigen Stunden gemeinsamer Erfahrung des Gestaltansatzes eine Vertrautheit und emotionale Tiefung, sowie Nähe entwickeln kann. In den meisten anderen Gruppen würde dies selbst nicht nach Jahren eintreten.
• Wie kommt es dazu?
• Was fördert diesen Prozess?
• Was behindert ihn?
• Welche anscheinend simplen Methoden stehen mir als Gestaltgruppenleiter hierbei zur Verfügung?
• Welche innere Haltung ist notwendig?
• Welche einfachen ersten Impulse kann ich als Gestaltgruppenleiter geben, um wie scheinbar aus dem Nichts wichtige Themen der einzelnen Gruppenmitglieder aufzudecken?
• Welche Interventionen stehen mir zur Verfügung, um typische Beziehungsmuster einzelner Teilnehmer durch die Interaktionen unter ihnen prägnant in den Vordergrund treten zu lassen?
Einiges davon ist schon im vorigen Kapitel im Hinblick auf den inneren Supervisor beschrieben worden. Es folgen einige wichtige ergänzende Prinzipien, die für den Gruppenprozess förderlich sind.
Figur-Hintergrund als Orientierungshilfe
Im Prinzip gibt es nur eine notwendige Anweisung, die der Gruppenleiter seiner Gruppe geben muss: Achte auf das, was in den Vordergrund kommt, was dich beschäftigt und bewegt. Es ist dabei wichtig, als Gruppenleiter selbst viel Raum und Zeit zu geben, damit etwas geschehen kann, dass es zu einer Figurbildung kommen kann, die sich aus dem Gruppengeschehen heraus entwickelt.
Der unerfahrene Gruppenleiter wird noch wenig Vertrauen in diesen Selbstregulierungsprozess haben, woher auch! In den meisten pädagogisch-therapeutischen Veranstaltungen gibt es einen geplanten Ablauf, vorher definierte Ziele und Methoden. Die Gruppenmitglieder werden mit ihrer Erwartungshaltung das Übrige dazu beitragen, dass sich der Gruppenleiter unter Druck gesetzt fühlt und sich für die Gestaltung der Gruppe allein verantwortlich fühlt.
Mit zunehmender Erfahrung fällt es leichter abzuwarten, um dann auf die Impulse und Interessen der Gruppenmitglieder einzugehen. Meine Maxime ist dabei, so wenig wie möglich und nur soviel wie nötig vorauszuplanen.
Über Verlangsamung zum Gewahrsein bis zur Entautomatisierung
Da Entschleunigung eine wesentliche Voraussetzung für Bewusstheit ist, habe ich im Laufe der Jahre gelernt, mein Tempo zu drosseln, wenn ich Gruppen leite. In Gruppen, die mir noch fremd sind, bin ich immer besonders aufgeregt und neige dazu, schnell zu werden. Nicht nur mein Herzschlag und Atem beschleunigen sich, sondern auch meine Worte und Reaktionen. Wenn ich nicht bewusst dagegen steuere, purzeln Sätze gleichsam automatisch aus mir heraus, als Reaktion auf meine unterschwellige und diffuse Angst vor der Gruppe – dann bin ich reaktiv.
Aus meiner anfänglichen Erfahrung von Gruppenleitung weiß ich, dass zu Beginn einer Gruppe sich die Ereignisse manchmal zu überschlagen drohen. Wurde vorher kein tragbarer Boden geschaffen, der Gruppenmitglieder auffängt, können die tief bewegenden Erlebnisse nur schlecht integriert werden. So habe ich mir angewöhnt, zu Beginn einer Gruppe bewusst das Tempo zu verlangsamen und mit Interventionen zurückzuhalten, die in die Regression führen oder zu kathartischem Ausdruck einladen.
Hierzu eignen sich noch weitere strukturierte Anleitungen zum Sich-Kennenlernen und zum Vertraut-Werden mit den wesentlichen Prinzipien der Gestaltarbeit (vgl. im Anhang »Vorschläge für Experimente und Gruppenaktivitäten«: Anfangsphase und Übungen zur Erfahrung unterschiedlicher Kontaktfunktionen). Möchten Sie auf diese Übungen verzichten, um einer passiven Konsumhaltung der Gruppenteilnehmer vorzubeugen, so könnten Ihre Interventionen hauptsächlich darauf abzielen, alle Interaktionen zu verlangsamen, um sie bewusster wahrnehmen zu können und Raum für Neues zu gewinnen.
• Machen Sie Pausen und lassen Sie welche zu.
• Wenn möglich, sprechen Sie langsamer und lehnen Sie sich innerlich und äußerlich etwas zurück. Das verleiht Ihnen innere Weiträumigkeit und ganzheitliche Aufmerksamkeit.
• Lassen Sie Teilnehmer vielleicht etwas noch mal wiederholen oder langsamer sprechen.
• Laden Sie zu bewusstem langen Ausatmen ein.
• Erkundigen Sie sich, was Teilnehmer spüren, wenn sie etwas erzählen, oder nach ihren Handlungsimpulsen.
• Fragen Sie nach, wie Teilnehmer ihre Stimme erleben oder auch zu wem sie sprechen und ob sie sich gehört fühlen, ob sie sich ihres Gesichtausdrucks bewusst sind oder ihrer Körperhaltung oder einer bestimmten Bewegung.
• Sie könnten sie dazu einladen, diese bewusst zu wiederholen oder zu übertreiben.
• Interessieren Sie sich für die inneren Bilder des Teilnehmers und seine Gefühle … Oder teilen Sie Ihre eigenen mit.
• Zwischendrin fassen Sie gelegentlich zusammen, was Sie gehört und gesehen haben und achten Sie darauf, nichts hinzuzufügen oder zu interpretieren.
• Darüber hinaus bitten Sie Gruppenteilnehmer, sich einfach mal in der Gruppe umzuschauen und bewusst wahrzunehmen, mit wem sie gerade zusammen sind und wie es ihnen damit geht.
Vom Allgemeinen zum Spezifischen, vom Abstrakten zum Konkreten
Dies ist ein sehr nützlicher Leitsatz. Wenn in einer Gruppe der Energiepegel niedrig ist und wenig lebendiger Austausch stattfindet, so könnte es sein, dass sich die Gruppenmitglieder in abstrakte Verallgemeinerungen geflüchtet haben. Als Gruppenleiter fordere ich sie dann auf, in ihren Mitteilungen konkret und spezifisch zu werden.
Beispiel:
Teilnehmer unterhalten sich darüber, wie gern sie manchmal richtig jemandem ihre Meinung sagen würden, aber niemanden verletzen wollen.
Als Gruppenleiter könnte ich nachfragen, wem sie denn gerne mal die Meinung sagen würden und wie sie nicht verletzen wollten und was dann genau passieren könnte usw.
Je konkreter und spezifischer jegliche Aussage ist, desto besser kann ich sie mir möglichst mit all meinen Sinnen vorstellen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung dafür, wirklich präsent zu sein im Kontakt und identifiziert mit dem, was ich tue.
Im Kontrast dazu können abstrakte Verallgemeinerungen dazu dienen, mich von meiner momentanen Erfahrung abzuspalten und zu entfremden.
Offene und geschlossene Gestalten
Der Begriff offene oder geschlossene Gestalt ist für mich ein sowohl nützlicher als auch unscharfer Begriff. Im strengen Sinne gibt es keine offene oder geschlossene Gestalt. Selbst die Geburt als eine offene und der Tod als eine geschlossene Gestalt sind ungenau. Bei der Geburt sind wir am beweglichsten und sofort setzt der Alterungsprozess oder auch Reifungsprozess ein. Wichtige Aspekte dieses Prozesses sind zunehmende Unbeweglichkeit, Fixierungen, Automatismen, typische Charaktereigenschaften, Körperhaltungen, Bewegungsmuster, emotionale Schemata, Denk- und Verhaltensmuster. Diese körperliche, geistige und seelische Verminderung von Beweglichkeit endet nach unserem letzten Atemzug in der langsam einsetzenden Todesstarre.
Was hat das alles mit Gruppenleiten zu tun? Wenn ich die Gruppe als einen Organismus betrachte, wie es von einigen Gestalttheoretikern vorgeschlagen wird, so hat auch die Gruppe eine Geburt, in der anfangs noch alles offen und möglich ist, ein Leben, indem der Prozess der Reifung stattfindet, einhergehend mit bestimmten Festlegungen der Aufgaben, Ziele, Rollen, Regeln, Normen und Werte und ein unwiederbringliches Ende wie der Tod.
Schau ich mir als Gruppenleiter das Gruppengeschehen mit der Brille ›offene vs. geschlossene Gestalten‹ an, dann hilft es mir zu entscheiden, auf welche Themen sich meine Interventionen richten werden. Wenn ich in eine völlig neue Gruppe komme, von deren Teilnehmern ich nichts weiß, so bringe ich nur meine eigene Neugierde als offene Gestalt mit, die mich motiviert, gemäße Handlungen zu erfinden. Meine ersten Kontaktanbahnungen werden unbefangen sein, ich möchte die Teilnehmer kennen lernen, etwas über ihre Erwartungen, Wünsche und Ziele wissen, über ihre momentane Befindlichkeit erfahren. Auch gehe ich davon aus, dass die Gruppenteilnehmer ein ähnliches Bedürfnis haben, wenn sie vielleicht auch nicht genauso unbefangen sind.
In die meisten Gruppen komme ich aber nicht so unbefleckt. Es gibt oft eine Vorgeschichte, die offene und geschlossene Gestalten mit beinhalten. Die geschlossenen wirken wie selbstverständlich im Hintergrund, größtenteils abrufb ar, wenn danach gefragt, aber ansonsten nicht von unmittelbarem Interesse. Dazu gehört zum Beispiel, dass ein mir schon aus einer anderen Gruppe bekannter Teilnehmer jetzt in der neuen Gruppe ist. Es war so abgesprochen, es bestand ein guter Rapport, eine tragfähige Beziehung.
Mehr in mein Bewusstsein hingegen dringen die offenen Gestalten. Sie verlangen meine Aufmerksamkeit, wie eine Fliege, die sich in penetranter Weise immer wieder auf meine Nase setzt.
Offene Gestalt, die einen Gruppenteilnehmer betrifft
Zum Beispiel könnte dort ein Gruppenteilnehmer sitzen, den ich für diese spezielle Gruppe für ungeeignet halte. In einem speziellen Fall hatte ich erst ein halbes Jahr später für mich die Gestalt geschlossen. Als es in der Gruppe für alle deutlich wurde, dass dieser Teilnehmer nicht seinen Platz finden würde und es ihm in der Gruppe zunehmend schlechter ging, machte ich meine Autorität als Gruppenleitung geltend, bot ihm meine Einschätzung an, dass er in der Gruppe nicht gut aufgehoben sei, woraufhin er entschied zu gehen. In der Gruppe war daraufhin größtenteils Erleichterung zu spüren.
Ein anderes Beispiel: Eine Gruppenteilnehmerin kommt aus einer anderen Gruppe, in der sie sich nicht wohl gefühlt hat. Einiges über die Geschichte in der anderen Gruppe ist mir zu Ohren gekommen. Meine offene Gestalt ist: meine unausgedrückte Angst, dass die Teilnehmerin vielleicht besonders schwierig ist.
Jegliches Vorwissen, das ich über einen Gruppenteilnehmer von Dritten habe, wirkt für mich wie eine offene Gestalt. Mein Dilemma: Einerseits möchte ich es ansprechen, um die Gestalt für mich schließen zu können, andererseits wurde mir solche Information meist im Vertrauen mitgeteilt. Sie war nicht für die Gruppenöffentlichkeit bestimmt.
Besonders zu Beginn einer Gruppe können Gruppenteilnehmer es als Vertrauensbruch empfinden und sich bloßgestellt fühlen, wenn ich Informationen von außerhalb der Gruppe einbringe.
Offene Gestalt, die die ganze Gruppe betrifft
Eine eher banale offene Gestalt zu Beginn einer Gruppe besteht, wenn einer oder gar mehrere Teilnehmer erst später kommen oder gar unklar ist, wer überhaupt noch kommt.
Das sind Startbedingungen, die Unsicherheit mit sich bringen, die Wertigkeit der Gruppe schmälern und ihre zuverlässige Tragfähigkeit von Anfang an in Frage stellen. Viel freudige Erwartung und Aufregung kann so verpuffen. Gleich zu Beginn droht dann eine für die Gruppenkohäsion ungünstige Norm der Unverbindlichkeit.
Verschärft wird diese unterminierende Dynamik, wenn einzelne Gruppenteilnehmer sich offen halten, ob sie in der Gruppe bleiben werden und das bis zum Schluss des ersten Treffens oder sogar noch länger ungeklärt bleibt. Es verhält sich hier wirklich wie mit der besagten Fliege auf der Nase, sie ist nicht bedrohlich, erzeugt aber einen Reiz, der eine Reaktion erfordert.
Grundsätzlich gibt es mindestens zwei Möglichkeiten, mit diesen Situationen jeweils umzugehen:
• Erst mal nichts zu tun
Was dafür spricht: Das Thema kann von der Gruppe selbst angesprochen werden.
Was dagegen spricht: Das Thema schwelt im Hintergrund und lähmt die Energie der Gruppe.
• Das Offensichtliche zu benennen
Wenn das Thema die ganze Gruppe angeht, lenkt diese Intervention bereits zu Beginn die Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf die Tatsache, dass das Verhalten jedes einzelnen Mitglieds Wirkung auf die anderen Teilnehmer und auf die Gruppe insgesamt hat. Es zieht jeden in die Mitverantwortung für das gesamte Gruppengeschehen: für die Entstehung von Normen, Regeln, Atmosphäre und Kultur. Eine Tatsache, die nicht von allen Teilnehmern widerstandslos hingenommen werden wird.
Als Gruppenleitung können Sie Ihr Gewicht mit in die Waagschale geben, oder den Konflikt bei der Gruppe lassen. Sie könnten die Stellvertreter der beiden Pole Zugehörigkeit und Autonomie darin unterstützen, ihre jeweilige Position zu finden, zu vertreten und zu verteidigen. Der erste Konflikt zwischen Gruppenmitgliedern nähme Gestalt an. Die Arbeit mit Polaritäten ist dabei ein wesentlicher Bestandteil, wenn es um die Bewusstwerdung und Lösung von Konflikten geht (Zinker 1998: 191 ff.).
Wenn Sie als Gruppenleitung gleich zu Beginn Ihr Gewicht deutlich mit in die Waagschale legen, gehen Sie in Konflikt mit Gruppenteilnehmern, was früher oder später sowieso passieren wird. Denn auch Sie werden Vorstellungen darüber haben, welche Kultur in der Gruppe herrschen sollte, damit Sie sich zum Arbeiten ausreichend wohl fühlen.
Sie könnten also klar sagen, dass es Ihnen wichtig ist, dass die Teilnehmer zur vereinbarten Zeit da sind, so dass Sie gemeinsam anfangen können. Oder Sie könnten ankündigen, dass Sie von jetzt an zur vereinbarten Zeit anfangen werden, mit denen, die da sind.
Wichtig für mich ist, ein reiches Repertoire an Interventionsmöglichkeiten zu haben, um solch eine recht übersichtliche offene Gestalt aktiv für mich schließen zu können. Ob ich dabei den Konflikt in die Gruppe gebe und mich soweit wie möglich raushalte oder mich selbst in den Konflikt begebe, hat unterschiedliche Konsequenzen.
Die meisten Gruppen sind erschrocken, wenn es gleich zu Beginn einen Konflikt mit der Leitung oder unter den Gruppenmitgliedern gibt.
Zusammenfassend erlebe ich mich als Gestaltgruppenleiter wie ein Spürhund nach offenen Gestalten (Unerledigtem), die im Hier und Jetzt der Gruppe wirken und nach Schließung drängen. Darüber hinaus möchte ich es den Gruppenteilnehmern schmackhaft machen, dass es sich lohnt, sich diesen offenen Gestalten zuzuwenden. Wird die Gestalt geschlossen, gehen die Gruppenteilnehmer gestärkt und gereift aus diesem Prozess hervor.
Einen Fokus finden und halten
Haben Sie die oben beschriebenen Prinzipien mehr oder weniger befolgt, so werden Sie einen Fokus für Ihre Arbeit mit der Gruppe gefunden haben. Sie haben für ausreichend Raum und Zeit für den Figurbildungsprozess bei einzelnen Teilnehmern und für die Gruppe als Ganzes gesorgt. Es gibt spezifische, konkrete Anliegen in der Gruppe von lebendigem Interesse für die meisten Teilnehmer. Das Thema ist benannt, ein Fokus ist gefunden.
Dies ist nicht immer ein geradliniger Prozess, oft liegen mehrere Themen an und es ist wichtig, dies offenkundig zu berücksichtigen und Zeit dafür einzuplanen. Vielleicht entwickelt man zusammen mit der Gruppe eine Prioritätenliste. Es empfiehlt sich, klar zu bekunden, wenn die Zeit nicht für alle Anliegen reichen wird. So wecken Sie als Gruppenleiter keine uneinlösbaren Erwartungen und nehmen sich selbst den Druck, allen gerecht werden zu müssen.
Ist also der Fokus gefunden, gilt es ihn zu halten. Das ist in den Anfangsstadien einer Gruppe hauptsächlich Ihre Aufgabe als Gruppenleiter. Sie halten stetig den Kurs inmitten vieler Ablenkungen, Vermeidungen und Irrwegen auf Seiten der Gruppenteilnehmer. Dabei ist es nur natürlich, dass Sie häufig selbst vom Weg abkommen. Idealerweise bleiben Sie dabei präsent und verlieren den Fokus nicht aus den Augen (vgl. Kapitel »Der therapeutische Prozess«).
Das volle Potenzial einer Gruppe nutzen lernen
Zu Beginn einer Gruppe richten sich die Teilnehmer fast ausnahmslos an Sie, den Gruppenleiter. Das ist völlig normal, schließlich bringen sie damit zum Ausdruck, dass sie Ihre Autorität als Gruppenleiter akzeptieren. Ich erachte es als ein wichtiges Lernziel einer Gestaltgruppe, dass die Teilnehmer das volle Potenzial dieser einzigartigen Gruppe nutzen lernen, um diese Lernerfahrung dann auf andere Gruppen übertragen zu können.
Die Interventionen des Gestaltgruppenleiters schaffen die Kultur einer interaktiven Gruppe. Ein Großteil meiner Aufmerksamkeit und meiner Interventionen richten sich auf das Hier-und-Jetzt des Gruppengeschehens, allerdings nicht mit der strengen Ausschließlichkeit einer interaktiven Gruppentherapie, wie zum Beispiel bei Bud Feder (Feder 2006: 57 ff.).
Mit meinen Interventionen lade ich die Gruppenteilnehmer immer wieder ein, ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf sich selbst zu richten, sondern auch auf das, was zwischen einzelnen Gruppenmitgliedern und in der Gruppe als Ganzes geschieht. Dies bedeutet für viele eine ganz neue Schulung der Aufmerksamkeit. Auf dieser Basis können Teilnehmer miteinander in Kontakt gehen, sich in unterschiedlichen Konstellationen ausprobieren, experimentieren, sich neu erfinden und wachsen (vgl. Anhang: »Vorschläge für Experimente und Gruppenaktivitäten«; vgl. Kapitel »Arbeit mit der Gruppe als Ganzes« und »Das kreative Potenzial der Gruppe nutzen«).
Hier geht es mir zunächst um wichtige Kriterien bei der Auswahl, bzw. Erfindung von Gruppenaktivitäten und Experimenten. Grob gesprochen, lassen sie sich in zwei Gruppen aufteilen:
• Experimente/Aktivitäten, die eher aktivieren, stimulieren und Prozesse in Gang setzen, die weiter verfolgt und vertieft werden können. Offene Gestalten werden bewusst, beanspruchen Aufmerksamkeit und drängen nach Vervollständigung.
• Experimente/Aktivitäten, die eher eine beruhigende, nährende, heilende, spielerische Qualität haben und eine Ruhephase einleiten.
Beide Arten von Aktivitäten sind wichtig im Leben einer Gruppe und entsprechen dem natürlichen Rhythmus von Kontakt und Rückzug. Als Gruppenleiter achten Sie auf Ausgewogenheit. Es gibt Gruppen, in denen immer hart gearbeitet wird und in denen es immer Konflikte gibt. Oder es gibt Gruppen, die sich ausschließlich mit schwierigen Problemen und Schicksalsschlägen einzelner Teilnehmer beschäftigen. Natürlich sind Gruppen auch und gerade dafür da – aber nicht nur.
Leicht kann es zu einer Fixierung kommen und harte Arbeit und schwierige Probleme werden zur Gruppennorm. Der Gruppe fehlen dann Leichtigkeit, Sinnes- und Lebensfreude, Zuversicht und Harmonie, Qualitäten, die das Leben lebenswert und die Gruppe zu einem attraktiven Ort machen.
Hier können Sie als Gruppenleiter durch das Angebot entsprechender Aktivitäten gegensteuern und den Teilnehmern durch alternative Erfahrungen aus der Fixierung helfen und sie auch bewusst werden lassen.
Umgekehrt gibt es natürlich auch Gruppen mit eher gegenteiligen Normen, in der die Teilnehmer sehr auf Harmonie bedacht sind und allen Konflikten aus dem Weg gehen. Sie scheuen davor zurück, sich anderen Gruppenteilnehmern mit ihren Problemen zuzumuten. Demonstrativ wird Lebensfreude und Kompetenz proklamiert, auch angesichts großer Probleme und offensichtlicher Überforderungssituationen.
Hier wird der Gruppenleiter Aktivitäten und Experimente wählen, die stimulieren und Raum geben für die entgegengesetzten Erfahrungen. Sei es, dass Teilnehmer ausprobieren können, wie es ist, wenn sie sich jemandem in der Gruppe zumuten oder sich trauen, mit einem Mitglied offen einen Konflikt auszutragen. Sei es, dass sie in der Gruppe ihre Unsicherheit und Lebensangst zeigen können, ohne dafür ausgegrenzt oder verachtet zu werden.
Der therapeutische Prozess in der Gruppe
Landkarte für Veränderungsprozesse in der Gruppe
Als Gestaltgruppenleiter habe ich eine innere Landkarte, wie Veränderungsprozesse vonstatten gehen, was sie begünstigt und was sie eher blockiert.

Abb. 6
Aufbau einer therapeutischen Beziehung
Die wichtigste Voraussetzung für Veränderung ist der Aufb au einer Beziehung zwischen mir und jedem einzelnen Gruppenteilnehmer und zwischen den Gruppenteilnehmern untereinander. Ein gelungener Aufb au von authentischen gleichberechtigten Beziehungen hat für sich bereits hohen therapeutischen Wert.
Was beinhaltet dieser Aufb au einer Beziehung? Meine Intention ist es, jedem Gruppenteilnehmer mit wachem Interesse und Neugier zu begegnen. Meine Bewertungen, diagnostische Vorannahmen, und Gefühlsreaktionen nehme ich zunächst wahr. Den Großteil davon speichere ich, wobei etwas davon natürlich in meine jeweilige Interaktion mit dem Gruppenteilnehmer mit einfließt.
Durch meine anfängliche Zurückhaltung und grundsätzliche Akzeptanz versuche ich eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Gruppenteilnehmer sicher genug fühlen, sich so zu entdecken und zu zeigen, wie sie sind. Wichtig ist mir, eine Gruppenkultur zu schaffen, in der Unterschiedlichkeit Platz hat, ja sogar kultiviert wird. In der es kein richtiges und falsches Verhalten gibt.
Dies ist natürlich ein paradoxes Vorhaben, da auch unser Bewerten und Beurteilen Teil unserer Menschlichkeit sind. Wir können nicht umhin, zu bewerten und zu urteilen. Dies sind lebensnotwendige Fähigkeiten auch für unsere sozialen Zusammenhalte und sie kommen in jeder Gruppe zum Tragen. Gruppen, in denen sich alle miteinander wohl fühlen, haben einen besseren Zusammenhalt als solche, in denen starke Spannungen und Abneigungen zwischen einzelnen Gruppenteilnehmern oder dem Gruppenleiter gegenüber bestehen.
Entscheidend ist meine Handhabung von Bewertungen. Kann ich sie zurückhalten, einklammern, in Neugier umwandeln? Kann ich sie therapeutisch als Feedback nutzen (vgl. Kapitel »Feedback geben«)? Wie kann ich andere Gruppenteilnehmer darin unterstützen, eine Form für ihre eigenen Bewertungen zu finden, die förderlich für einen Beziehungsaufb au zu anderen Gruppenteilnehmern sind?
Wichtig für den Aufb au einer Beziehung zu den einzelnen Gruppenteilnehmern ist für mich auch, mich so klar und transparent wie möglich und nötig zu zeigen. Meine anfänglichen Vorannahmen und Vermutungen über die Gruppenteilnehmer gilt es zunächst als solche bewusst wahrzunehmen. Im Laufe der Zeit werden sie dann entweder widerlegt oder bestätigt.
Der Aufb au einer tragfähigen therapeutischen Beziehung ist gelungen, wenn die Gruppenteilnehmer Vertrauen gewonnen haben, sich zur Gruppe zugehörig fühlen, sie ihnen wichtig geworden ist und von innen heraus ein Gefühl von gegenseitiger Verbindlichkeit gewachsen ist.
Der Aufb au einer tragfähigen therapeutischen Beziehung zu allen Gruppenteilnehmern ist oft ein langwieriger Prozess und meist gelingt er nicht zu jedem Gruppenteilnehmer.
Kontakt und dessen Vermeidung
Eng verbunden mit dem Aufb au einer therapeutischen Beziehung ist meine Fähigkeit als Gruppenleiter, dem jeweiligen Gruppenteilnehmer kontaktvoll zu begegnen. Kontaktfähigkeit hat in der Gestaltsprache eine andere Bedeutung als umgangssprachlich. Jemand, der gemeinhin als kontaktfreudig bezeichnet wird, kann aus Gestaltsicht durchaus als kontaktgestört bezeichnet werden. Gestalt definiert Kontakt als die Fähigkeit, in einer Situation oder Begegnung vollständig präsent zu sein mit allem, was uns ausmacht: unsere Empfindungen, Wahrnehmungen, Bedürfnisse und Anliegen, Körperlichkeit, Gefühle, innere Bilder, Gedanken und Ausdrucks- und Handlungsfähigkeit.
Innerhalb der Gruppe haben die Teilnehmer unzählige Möglichkeiten, bewusster wahrzunehmen, wie sie Kontakt aufnehmen oder vermeiden und mit anderen Möglichkeiten zu experimentieren. Als Gruppenleiter lasse ich ganz gezielt Kontaktfunktionen üben – entweder in der Interaktion zwischen zwei Teilnehmern oder als Übung in der Gesamtgruppe (vgl. im Anhang »Vorschläge für Experimente und Gruppenaktivitäten«).
Das Wort ›Übung‹ erweckt vielleicht den Eindruck, dass es sich um ein Training handelt. Lang genug geübt, kann es dann bald jeder. Das ist nicht der Sinn dieser Übungen. Im Gegenteil, es ist fast immer zu erwarten, dass dabei Widerstände auftreten. Oder auch, dass Teilnehmer etwas gekonnt haben, es ihnen aber sehr fremd ist und als Erfahrung nicht in den Alltag integriert, sondern als zu Gestaltgruppen zugehörig abgespalten wird. Auch hier ist eine nicht-wertende Bestandsaufnahme der Kontaktfunktionen zunächst ausreichend sowie ein Vertrautwerden mit dem eigenen Kontaktstil und eine Neugierde für dessen Vor- und Nachteile.
Widerstand und offene Gestalten
Wie schon erwähnt, erwarte ich als Gruppenleiter Widerstände gegenüber meinen Anregungen, etwas vielleicht Neues auszuprobieren. Widerstand gegen neue Erfahrungen und Veränderung ist normal und zeugt zunächst von psychischer Gesundheit. Das Festhalten an Altem und Vertrautem gibt mir das Gefühl von Sicherheit, Kontinuität und Identität.
Bevor ich etwas Neues ausprobiere, ist es sinnvoll, zunächst innezuhalten und die Konsequenzen abzuwägen und nachzuspüren, ob ich genügend Stützung (orig.: »support«) habe, um dieses Wagnis einzugehen (Laura Perls 1989.) Bevor ich mich auf eine neue Erfahrung einlasse, muss ich bereit sein, Altes loszulassen, mit manchmal weitreichenden, vorher unbekannten Auswirkungen. Widerstand gegen Veränderung schützt unser Selbst vor Desintegration.
Aufgezwungene Veränderungen können traumatisch wirken. Die neuen Erfahrungen können überwältigend und nicht integrierbar sein.
Diese Widerstände sind vom Gruppenleiter oder Gruppenteilnehmern oft nicht nachvollziehbar, weil anscheinend Leichtes erwartet wird. Widerstände haben aber immer diese schützende Funktion und müssen als solche gewürdigt werden. Hier ist es wichtig, dass der Gruppenleiter eingreift, wenn Gruppenteilnehmer Druck auf ein Gruppenmitglied ausüben, sein Verhalten zu verändern, auch wenn es im Gewand des »Wir wollen doch nur dein Bestes« getan wird.
Von der Angst zur Erregung
Beeinträchtigend für die psychische Gesundheit wird Widerstand dann, wenn das Individuum in seiner Funktionsfähigkeit stark eingeschränkt oder gesundheitlich gefährdet ist, das Gefühl von Eingeengtheit und Unzufriedenheit vorherrscht und immer wieder Schwierigkeiten im Beruf und Privatleben entstehen. Chronischer Widerstand gegen bestimmte Verhaltens- und Ausdrucksweisen deuten immer auf nicht verarbeitete Ereignisse aus der Biographie (dort und damals) des Gruppenteilnehmers hin.
Diese offenen Gestalten können jetzt in der Gruppe in den Vordergrund kommen. Sie können lebendig erinnert, erzählt und inszeniert werden, unterbrochene Impulse, zurückgehaltene Emotionen, verwehrte – nicht erfüllte –Bedürfnisse können ins Bewusstsein kommen und zusammen mit der Gruppe kann diese Erfahrung zu einem Abschluss gebracht werden.
Dieser Abschluss unterscheidet sich von der ehemals offenen Gestalt dadurch, dass etwas Neues hinzugekommen ist, eine neue Handlungs- und Ausdrucksmöglichkeit, neue Gefühle, Körperempfindungen und Verständnis. Der Gruppenteilnehmer ist an der reinszenierten Erfahrung gewachsen und zwar ganzheitlich mit Leib, Seele und Verstand. Manche offenen Gestalten brauchen viele Reinszenierungen, bis sie verdaut sind und der Klient sie auf unterschiedlichsten Ebenen gemeistert hat. Dann kann dieses Ereignis in den Hintergrund treten, und der Klient hat neue Fähigkeiten erlernt, mit ähnlichen Situationen umzugehen und braucht sie nicht mehr aus Angst zu vermeiden.
Im Unterschied zur Therapie im Einzelsetting bietet die Gruppe dem Einzelnen große Unterstützung bei diesem Wagnis, sie fühlt und denkt mit, fängt auf, ermutigt, tröstet, hat Nachsicht, feuert an, ist berührt und betroffen, ungeduldig, begeistert, überrascht, enttäuscht, gelangweilt, neugierig usw. Dieses weitgefächerte Spektrum an Resonanz durch die Gruppe hilft dem Klienten, sich seinem inneren Konflikt zwischen Angst vor dem Neuen und Erregung zu stellen.
Einerseits kann er die Angst, die sonst eher im Hintergrund wirkt, bewusster wahrnehmen, durchdringen, sich zu eigen machen, mit jeder Faser seines Körpers spüren und klar formulieren. Indem er sich mit seiner Angst zeigt, sie ausdrückt und an andere wendet, begibt er sich aus seiner bisherigen Isolation und kann sich von der Gruppe getragen fühlen. Auch kann er jetzt lernen, sich selbst zu stützen, körperlich durch Atem, Zentrierung, Erdung, Erforschung seiner Katastrophenängste, kritisches Hinterfragen seiner Introjekte, Bewusstwerdung seiner Ressourcen usw.
Andererseits kann er jetzt auch seine Erregung ins Bewusstsein kommen lassen, die er bisher gut gedrosselt hatte. Der Klient kann spüren, dass er gerne laut schreien möchte, oder sich einmal gewünscht hätte, dass sein Vater sich ihm freundlich interessiert zugewandt hätte, oder dass er gerne ein anderes Gruppenmitglied gestoppt hätte, sich weiter über ihn lustig zu machen usw.
Diese mit Erregung wahrgenommenen Handlungsimpulse können sich auf das Hier-und-Jetzt des Gruppenlebens beziehen oder auf Ereignisse im Dort-und-Jetzt (das momentane Leben des Klienten außerhalb der Gruppe) oder Ereignisse im Dort-und-Damals (aus dem in der Vergangenheit liegenden Leben des Klienten außerhalb der Gruppe). Im Allgemeinen scheint es für Klienten weniger angstbesetzt zu sein, sich Themen des Dort-und-Jetzt und Dort-und-Damals zuzuwenden.
Den größten Widerstand erwarte ich als Gruppenleiter bei Themen, die das Hier-und-Jetzt des Gruppenlebens betreffen. Es kommt oft Verlegenheit auf, die vielleicht überspielt wird, um trotzdem etwas tun zu können, was der Gruppenleiter vorschlägt. Besonders zu Anfang einer Gruppe fällt es den Gruppenmitgliedern schwer, mit all ihrer Erregung in Kontakt mit anderen zu gehen. Selbst eine anscheinend leichte Aufgaben, wie sich eine Person in der Gruppe auszusuchen, die man besonders sympathisch findet und es ihr in der Gruppenöffentlichkeit mitzuteilen, stößt anfänglich meist auf großen Widerstand.
Die Erregung in spontanes Handeln einfließen lassen
Wenn beiden Seiten des inneren Konflikts zwischen Erregung einerseits und Angst andererseits genug Raum gegeben wurde und der Klient sich mit beiden Seiten ausreichend vertraut machen und identifizieren konnte, ist es an der Zeit für ihn, sich zu entscheiden. Dafür sind Druck oder Manipulation von außen unnötig, denn dies macht er bereits selbst zur Genüge. Allerdings kann ich als Gruppenleiter mit ihm erforschen, welche Unterstützung er noch braucht, um den nächsten Schritt in eine unbekannte, aufregende und angstbesetzte Daseinsweise zu nehmen.
Wir könnten zusammen ein Experiment erfinden, quasi als Probehandlung. Ich könnte auf der energetischen körperlichen Ebene Interventionen erfinden die helfen, die Erregung in Ausdruck und Handlung fließen zu lassen (vgl. »Vertiefung der Selbsterfahrung durch Körperarbeit«, Kapitel »Mitten drin – einige allgemeine Prinzipien«). Dabei kann ich die gesamte Gruppe mit einbeziehen, was auch den Vorteil hat, dass mehrere Gruppenteilnehmer gleichzeitig – nebenbei für sich – ihr ähnliches Thema erforschen können, ohne sich auf passives Zuhören reduzieren zu müssen.
Meiner Erfahrung nach handelt es sich dabei aber in den wenigsten Fällen um explosionsartige emotionale Ausbrüche oder große qualitative Sprünge im Verhalten, wie es in der früheren Gestaltliteratur beschrieben wird. Es sind von außen gesehen kleine Veränderungen, die spontan stattfinden und oftmals den Urheber selbst überraschen, da sie anscheinend unwillentlich, nicht forciert passieren.
Gruppenteilnehmer wissen dies oft mehr zu würdigen als ich, wohl weil sie näher dran sind und wissen, wie viel Mut selbst kleine Veränderungsschritte brauchen. Für den Klienten ist es von unschätzbarem Wert, wenn ihr Mut von den anderen Gruppenmitgliedern besonders hervorgehoben wird und sie dafür wohlwollende Anerkennung erhalten. Dieses spontane Lob, oft mit Neid gepaart, spornt den Klienten an, diese kleinen Veränderungsschritte zu wiederholen und auszubauen.
Die Erfahrung aus der Gruppe in den Alltag übertragen
Damit das Leben in einer Therapiegruppe nicht nur zu einem tröstlichen Ersatz für das unbefriedigende eigene Leben außerhalb der Gruppe wird, ist es wichtig, dass Gruppenteilnehmer die Erfahrungen aus der Gruppe in ihren Alltag übertragen lernen. Eine nicht immer leichte Aufgabe.
Oft ist der Kontrast zwischen dem Hier-und-Jetzt in der Gruppe zu dem Dort-und-Jetzt groß, eine als unüberwindbar und schmerzlich erlebte Kluft. Allein schon diese Tatsache in der Gruppe anzusprechen und zuzugeben ist oft schambesetzt. Diese Scham, manchmal auch stille Verzweiflung, zu überwinden, hilft oft die Tatsache, dass die anderen Gruppenmitglieder Ähnliches erleben und sich ebenfalls vor diese schwierige Aufgabe gestellt sehen.
Nehmen wir an, dem Gruppenmitglied Alina ist es zunächst in einer Reinszenierung für ein anderes Gruppenmitglied (also stellvertretend für jemand anderen) gelungen, ihr Bedürfnis laut und klar anzumelden, dass auf ihre Wünsche mehr eingegangen wird.
Dann, als nächste Herausforderung, hat sie es auch im direkten Kontakt mit einem anderen Gruppenmitglied geschafft, einen Wunsch klar zum Ausdruck zu bringen, hat einen daraus entstandenen Konflikt erfolgreich durchgestanden und ihr Bedürfnis gut durchgesetzt. Für Alina ungewohnte Erfahrungen, an denen sie aber Geschmack gefunden hat. Sie hat eine Ahnung davon bekommen, wie viel erfüllter ihr Leben aussehen kann, wenn ihr das im Alltag öfter gelingen könnte.
Doch jetzt sind die Bedingungen erschwert. Zum einen, weil Alinas Umwelt daran gewöhnt war, dass sie ihre Bedürfnisse eher hintanstellt und – wenn überhaupt – nur indirekt anmeldet. Sei es auf der Arbeit, wo sie bisher immer leise murrend Überstunden und mitunter unzumutbare Arbeitsbedingungen hinnahm, da sie schlecht Grenzen setzen konnte. Alina könnte jetzt für ihren Arbeitgeber unbequem werden.
Zum anderen kommen bei Alina jetzt auch Existenzängste ins Spiel: »Werde ich meinen Arbeitsplatz verlieren, wenn ich klarer und selbstbewusster meine Grenzen setze?« Und: Es ist natürlich verlockend und aufregend, die Grenzen neu zu testen.
Auch im Privatleben merkt Alina deutlicher, wie oft sie sich zurücknimmt und ihr Partner dies als selbstverständlich voraussetzt. Hier kommt es unweigerlich auch in der Partnerschaft zu Unruhe. Alina wird häufig auf Widerstand beim Partner stoßen, wann immer sie für ihre eigenen Bedürfnisse eintritt. Es wird Auseinandersetzungen und Kampf geben. Wer gibt schon gerne liebgewonnene Privilegien und Verhaltensmuster auf?
Partnerschaften und auch Freundschaften geraten aus den Fugen, wahrscheinlich waren sie schon vorher für Alina unbefriedigend, wenn auch nur diffus und der Zusammenhalt von konfluenter Natur. Auch hier können Existenzängste ganz anderer Art auftreten. »Wird sich mein Partner von mir trennen oder ich mich von ihm? Werde ich all meine Freunde verlieren? Werde ich die Einsamkeit und das Alleinsein ertragen können?«
Diese Ängste können so groß sein, dass sie sie lähmen und es Alina nicht gelingt, die in der Gruppe gemachten Erfahrungen in ihren Alltag zu transferieren.
Die Angst vor Veränderung kann natürlich auch gegenteiliger Art sein:
• Kann ich es aushalten, mich mehr zurückzunehmen?
• Kann ich außerhalb der Gruppe überhaupt Intimität zulassen und verbindliche Beziehungen aushalten?
Wichtig ist, dass der Gruppenleiter mit diesen Transferschwierigkeiten rechnet und sie in der Gruppe zum Thema werden können. Hierzu dienen vor allem die Anfangs- und Endrunden. Für die Eingangsrunde kann mit folgenden Fragen an das letzte Gruppentreffen angeknüpft werden:
• Wie hat das, was ihr das letzte Mal in der Gruppe erlebt habt, in eurem Alltag nachgewirkt?
• Was ist seit unserem letzten Treffen passiert, das ihr den anderen und mir mitteilen wollt?
• Gibt es etwas, das für euch noch offen geblieben ist, das euch noch nachhaltig beschäftigt hat?
• Und natürlich auf diesem Hintergrund: Was ist euer Anliegen heute Abend in dieser Gruppe?
Für die Abschlussrunde eines jeden Treffens ist es für die Teilnehmer hilfreich zu formulieren:
– was ihnen wichtig war.
– was sie bewegt und berührt hat.
– was sie inspiriert und ihnen gut getan hat.
– was ihnen vielleicht auch nicht gefallen hat.
– was sie auf irgendeine Weise unangenehm berührt oder unzufrieden gemacht hat.
– ob das Anliegen, mit dem sie heute Abend in die Gruppe kamen, erfüllt wurde.
– was sie eventuell als Hausaufgabe mitnehmen wollen, etwas, das sie in ihrem Alltag ausprobieren wollen oder auf das sie bewusst ihre Aufmerksamkeit lenken wollen.
Meine Erfahrung als Gruppenleiterin ist, dass im Anfangsstadium einer Gruppe ihre Teilnehmer oftmals gegen eine Kontinuität der Gruppenerfahrung arbeiten und auch wenig Interesse am Transfer ihrer Erfahrungen in ihren Alltag haben. Dadurch entsteht leicht eine scheinbar zusammenhangslose Reihe von separaten Gruppenepisoden, die zunächst im luftleeren Raum zu schweben scheinen. Wie eine Oase in der Wüste, die sich allerdings beim Näherkommen als Fata Morgana entpuppen wird.
Begünstigt wird diese Gruppenkultur durch eine (häufig falsch verstandene) Betonung des Hier-und-Jetzt-Prinzips, eine der wesentlichen Merkmale der Gestalttherapie. Vielleicht sind wir in unserer Kultur auch so sehr an eine Fragmentierung unserer Erfahrung gewöhnt, dass ein Gewahrsein für unser gesamtes Dasein mit all ihren Brüchen und zum Teil widersprüchlichen Anforderungen uns fremd ist, Unwohlsein und damit Widerstand erzeugt.
In der Gestaltarbeit gilt es, die Integrationsfähigkeit unserer vielfältigen Erfahrungen zu fördern. Für Alina würde das bedeuten, dass sie aufgrund ihrer neuen Erfahrungen in der Gruppe testen kann, ob sie sich auch in ihrem Beruf und ihrem Privatleben mehr Gehör für ihre Bedürfnisse verschaffen kann. Sie wird dabei die Entdeckung machen, dass sie je nach Kontext unterschiedlich vorgehen und ihre Kontaktfähigkeit noch weiter differenzieren muss. Auch hierfür kann sie zunächst die Gruppe nutzen (vgl. Kapitel «Das kreative Potenzial der Gruppe nutzen«).
Zum Abschluss möchte ich noch betonen, dass es sich bei meinen Ausführungen um einen idealtypischen Verlauf des Gruppengeschehens handelt. Die einzelnen Phasen sind nie so klar voneinander abgetrennt, noch befolgen sie immer die beschriebene Reihenfolge. Sie bedingen sich gegenseitig und werden immer wieder aufs Neue durchlaufen.
Diese Landkarte dient mir auch zur Orientierung, wenn Gruppenteilnehmer auf der Stelle treten und sich nicht verändern. Mit ihrer Hilfe kann ich überprüfen, wo ich vom Weg abgekommen bin und was ich übersehen oder übersprungen habe.
Ich, Du und Wir im Gruppenprozess
Was ist das Besondere an der Gestaltarbeit mit Gruppen im Unterschied zu der im Einzelsetting? In einer Gruppe werden gleichzeitig Prozesse stimuliert, die zwar alle wirken, aber nur wenige davon werden transparent und in der Gruppe zum Ausdruck gebracht. Das Geschehen in einer Gruppe lässt sich weniger kontrollieren. Die Quellen der dynamischen Kräfte, die in der Gruppe wirken, werden sich mehr meiner Kenntnis entziehen als im Einzelsetting.
Andererseits kann ich mehr auf den Selbstregulierungsprozess der Gruppe vertrauen. Die Gruppenteilnehmer werden sich untereinander in ihren Wahrnehmungs- und Wachstumsprozessen unterstützen können. Wichtige Impulse für Veränderung gehen von anderen Gruppenteilnehmern aus. Ich habe oft nur die Rolle der Moderatorin und Impulsgeberin. Ich halte zu den meisten Teilnehmern mehr Distanz als im Einzelsetting.
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