Kitabı oku: «Stiefmütterchen Ost und Königskerze West»
Jott H. Wangerin
STIEFMÜTTERCHEN OST UND KÖNIGSKERZE WEST
Alltagsgeschichten
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelfoto © Martina Eichner
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Dank
- meinem Mütterlein, das mir gab, was sich im Buch widerspiegelt
– meiner Frau, die meine schöpferische Unruhe lange ertragen musste
– meiner Freundin Dr. Edith Zeile, meiner selbstlosen Entdeckerin,
und allen ungenannten Musen, die mich hierzu inspirierten!
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Danksagung
Prolog
Ewiger Kreislauf
Osterwasser holen
Gedanken beim Kerzenschein – Traurigkeit?
Experimentierfreude
Sturm und Drang
Nur große Herzen wachsen im Alter, die kleinen schrumpfen
Kismet
Eisblumen
Schmetterlinge im Bauch
Großes gewollt zu haben, ist groß
Das alte Lied
Herbst
Einfallspinsel
Der „Pflaumenbaum“
Wiedergeburt
Zimtzicke
Bücherwurm
Warum Zucker süß ist
Zuckerschnee
Einstein
Augenblick
Das ging mächtig nach hinten los
Auge um Auge
Naturgesetz
Piepmatz
Damals wie heute?
Shortstory
Wasserspiele
Spinatwachtel
Gedanken vor dem Bäckerladen
Sommerwind
Altweibersommer
Sturmtief
Wenn es erst einmal in Wieck regnet
Tragik
Tempi passati
Will und Kann vs. Wenn und Aber
Das andere Extrem
Über die Liebe
Wellenspiel
Kunstfrevel
Wie wir zu einem Ölgemälde des Stettiner Malers Ernst Schwartz kamen
Lavendelblüte
Der Anarchist
Mäander
Wie ich doch noch zu einem Elektroherd kam
Der „Admiral“
Besser als nichts!
Und ewig lockt das Weib
Unerreichbare Liebe
Lonely Love
Phasenverschiebung
Fernseheule
Stiefmütterchen und Löwenmäulchen
Mondscheinsonate
Das kleine Latinum
„Schlüpferstürmer”
Die Toilettenfrau vom Darß
Ergötzliches
Verletzter Stolz
Farbenspiele
Urlaubserfahrungen in Wieck
Die neue Nachbarin
Bienenschicksal
Wie vom Winde Verweht
Meine wichtigste Dienstreise
Gedanken eines Schichtarbeiters
Tatsache
Wirklich auf das falsche Pferd gesetzt?
Wie aus „unserem großen Bruder“ wieder „ein Russe“ wurde
Akt
Wellenschlag
Weitblick
Traumreise
Kuckucksei
Windhund
Windflüchter
Die Ost-West-Passage
Fettsack
Früchtchen
Verlockung
Nicht nur Sprachprobleme
Spiegeleien
Anglers Glück
Kinderspiel
Die Qual der Wahl
Ente
Gärtners Frust
Laubenpieper
Wenn dann am Wochenende die Kleingärtner anrücken
Blumensprache
Der Anschiss lauert überall
Wie du mir, so ich dir
Zahn um Zahn
Dreckfink
Mopgirl
Knall auf Fall
Die Toilettenfrau vom Grand Hotel
Reinfall
Erfahrungssache
Albtraum
Wenn ich ein Vöglein wär’
Mückentanz
Handy-Jette
Ach du liebe Zeit!
Reinsetzen und Zeit mitbringen
Evergreen
Meerenge
Alles hat ein Ende
Abschied vom eigenen Spargel
Blütenrein
Nur ein Traum?
Tanzschule
Wo der Vogel schläft
Hundig
Papillon
Ausdauer
Ungelogen – virtuell und wahr – u. v. w.
Falsche Schlange
Schmetterlingshochzeit
Seeblick
Die Heringsangler vom Rügendamm
Einblick
Picknick
Märchenaugen
Unser „brennender“ Apfelbaum
Rosenstolz
Durchblick
Traumtänzer
Musen küssen nicht oder Träume sind Schäume
Kulturbanause
Bettgeflüster
Schneeweh’n
Der unter dem Großsteingrab wohnte
Dialektik
Die Gedanken sind frei.
Schicksal
Fährten legen
Zapfenstreich
Kanarische Schönheiten
Vorsicht Falle
Spurensuche
Dorfschranze
Tempelstürmer
Opferstein
So fand ich Swantevit
Ferne
Abgeschaltet
Die Macht des Wortes
Schicksal einer Hundertjährigen
Strandgang
Jammerlappen
Seerosen
Go West
Tabula rasa
Betriebssterben-Bauernlegen
Königin der Nacht
Wer zu spät geht, den bestraft das Leben
Schmetterling
Unendlichkeit
Bauernschläue
Zwiesprache mit einem Unsichtbaren
Fruchtfolge
Verklemmt?
Geizkragen
Mittwoch ist ALDI-Tag
Couchpotato
Gesetzmäßigkeit.
Knickstiefel
Spätzchen Plusterbacke
Loni 1
Loni 2
Loni 3
Die Leiter zum siebten Himmel?
Mauerblümchen
Schlitzohr
Was ist schon normal?
(Un)Normalität
Der Fremdgänger
Strudel
Das Geld liegt auf der Straße
Die Knallköpfe von damals und heute
Novembernacht
Weitblick
Schluss mit Lustig
Schwarz-Rot-Gold, die BMW-Strategie
Was nicht geht, bleibt ein Traum!
Blätterfall
Unsicherheitsfaktor
Kaum gestohlen, schon in Polen?
Liebeserklärung
Seemanns Los
Grenzenlos
Nichts ist schlimmer als Fliegen
Blitzschlag
Wetterleuchten
Elsterglanz
Was tun, kleiner Mann?
Abgebürstet
Love Ballade
Dumme Kuh
Über den Rinderwahnsinn
Traum und Wirklichkeit
Das „alte“ Pilzweib
Altersteilzeit
Was es nicht alles gibt!
Klatschmohn
Fallensteller
Zeit ist Geld
POM Tief (Name nur leicht geändert)
Die liebe Zeit
Die Mutter
Das Kind
Über den Nahverkehr S
Kranichroute
Geruchsverlust
Unendlichkeit
Große Schnauze zu haben ist groß
Liebeskummer
Die ständigen Sprachprobleme
Versteckt
Ars vivendi
November
Klare Sache
Heimkehr
Kunst und Provinz
Erfolg – Reich
Über das Glück
Einfach nur glücklich
Das Verkaufsgenie
Frühtau
Der Schulschwänzer
Tierliebe
Mit Paula schwand das Strandvergnügen
Zurück zu den Wurzeln
So ist das nun mal
Klatschmohn
Alle Menschen werden Kinder …
Abendrot
Rosig
Liebesfreundschaft
Mein Freund der Baum oder der Wettlauf mit den Schafen und anderen Dummköpfen
Erfahrung
Trollig
Gespensterstunde
Der unheimliche IM (Informeller Mitarbeiter)
Frühlingslust
Frühjahrsputz
Eigenheiten
Deutsche Sprache, schwere Sprache!
Bilanz
Ach könnte es schön sein, ein Häuschen mit Garten!
Energieerzeugung
Es reicht, das Haus wird jetzt verkauft!
Rotation
Beschirmt
Hellseher
Nur Fliegen ist schöner?
Vorbild
Ungerecht
Naturgesetz
Der Roussillon
Interpretation
Der Wüstenritt
Traumwelt
Toskana
Bis zum bitteren Ende
Die Provence
Willkommensgruß
Das einsame Haus am Meer
Prolog
Mit sechs Zahlen einen Hauptgewinn im Lotto zu erzielen, ist wahrscheinlich einfacher, als aus den sechsundzwanzig Buchstaben unseres Alphabets ein interessantes Buch zu schreiben!
Meine selbstlose Freundin, Frau Dr. Edith Zeile aus Heidelberg, selbst eine bekannte Autorin zahlreicher Bücher, bat mich sehr überzeugend, meine Gedankenwelt allen Menschen zugänglich zu machen, und bot sich an, das Lektorat zu übernehmen.
Ihr konnte ich nicht widerstehen!
Die Menschheit rund um unseren Erdball ist gerade damit beschäftigt, sich selbst zu überholen. Wir erleben die bisher schnellste Epoche in allen Entwicklungen. Dabei gehen leider viele liebgewonnene schöne Dinge des Alltags verloren, wenn wir nicht dagegen steuern.
In meinen Schilderungen z. B. auch um historische Ereignisse der jüngsten Zeit im Ost- und Westteil unserer schönen Heimat geht es mir weniger um die nackten Fakten als um die liebenswerten Begleiterscheinungen trotz aller Probleme und die deshalb nicht untergehen sollten.
Ich möchte ganz besonders die vielen Kleinigkeiten im Alltag vor Ort beleuchten und aufzeigen, wie ereignisreich sich unser tägliches Leben gestaltet und dass es mehr gibt als den überall beschworenen Stress.
Wenn Sie diese Absicht beim Lesen des Büchleins erkennen, werden Sie den Spaß finden, den ich Ihnen hiermit wünsche.
Jott H. Wangerin
Stralsund, im Sommer 2014
Ewiger Kreislauf
Frühlingslüfte
Sonnenblumen
Erntedüfte
Nebelschwaden
Heldensagen
Jugendliebe
Lebensfragen
Babywiege
Jahresringe
Sorgenfalten
Blätterfall
Händefalten
Blütensprießen
Liebesnacht
Spinnennetze
Stille Wacht
Osterwasser holen
Meine Mutter ging mit uns drei Kindern und unseren zahlreichen Freunden gerne vor Sonnenaufgang das sogenannte Osterwasser holen. Es musste aus einer Quelle stammen, aber weil es in Tessin/Mecklenburg keine richtige Quelle gab, durfte das Osterwasser ausnahmsweise aus dem Wolfsberger Bach geholt werden.
Dorthin mussten wir einen weiten Weg durch den dunklen Wald mit allerlei Angst einflößenden Geräuschen zurücklegen.
Wir zitterten anfangs noch wie Espenlaub und hielten einander auf dem dunklen Weg an den Händen. Je näher aber das Ziel kam, umso übermütiger wurden wir.
Die wichtigste Bedingung für die Wirkung des Osterwassers war, auf dem Weg zur Quelle durfte nicht ein Wort gesprochen werden, für uns Kinder ein ganz besonderes Gaudi, denn nun konnten wir die Mädchen an den Zöpfen ziehen, und sie durften nicht petzen. Genau beim Sonnenaufgang wurde nun ein Krug frisches Wasser aus dem Bächlein geholt, und jeder durfte einen Schluck davon trinken und war dadurch gefeit vor bösen Geistern und Krankheiten. Der Rückweg war nach so langem Schweigen entsprechend laut und fröhlich.
Gedanken beim Kerzenschein – Traurigkeit?
Ganz nahe am Wasser gebaut?
Zu gruseligen Märchen gelauscht?
Dem eigenen Bruder misstraut?
Am Freiheitsgedanken berauscht!
Immer geduckt, niemals gewehrt!
Meistens verstellt, gesagt wie’s gelehrt!
Niemals gelebt sorglos den Tag.
Tränen unterdrückt als Zeichen der Schmach.
Spießige Lehrer, von der Partei deformiert.
Das starke Gebiss unserer Dobermann-Hündin Britta.
Schwitzend Torfringeln im Recknitztal.
Der verräterische Störsender über dem Hamburger Rundfunk.
Fechtabende – Rassekaninchenschauen.
Fohlenmantel, Ziegenmilch und Migräne.
Zerschlagene Gewächshausscheiben.
Großmutti, Käthe Bröker.
Freunde fliehen in den Westen.
Sehnsucht – Wehmut.
Hass – Ohnmacht.
Und doch:
Es war die beste Zeit, denn es war unsere Zeit!
Es gibt nichts zu bereuen,
Aber genug Grund, sich zu freuen!
Experimentierfreude
Von den Eltern wurden wir nicht gerade streng, aber anständig erzogen.
Wir kannten bislang keine Ferkeleien und hässliche Ausdrücke, aber gerade danach spürten wir plötzlich ein unbändiges Verlangen, denn wir konnten mit den Spielgefährten plötzlich nicht mehr mithalten.
Es konnte uns gar nichts Besseres in dieser Entwicklungsstufe passieren, als „Sieker“ Richter, sein Vater war strenger Dr. med. auftauchte, und uns selbstlos Nachhilfeunterricht in gewissen Dingen erteilte. Eines Tages verzierten wir unsere hölzernen Bettgestelle am Kopfende kunstvoll mit dem Taschenmesser.
Es war unser erstes Meisterwerk. Dabei handelte es sich um einige Drachen, in der Mitte mit einem geraden Strich als Nase und aussen herum mit vielen Sonnenstrahlen bestückt. Natürlich hatte der Drachen einen Namen, aber hier schweigt des Sängers Höflichkeit. Als Mutti uns am Abend wie üblich eine Heldensage vorlas, blickte sie entsetzt auf unser Machwerk und wollte wissen, wie es wohl auf das Holz gekommen sei. Unbekümmert erklärten wir es ihr, und als dazu auch gleich noch so ganz nebenbei erlernte schmutzige Wörter aus uns heraussprudelten, brach für Mutti die ach so schöne heile Welt zusammen. Aber nun ging es Schlag auf Schlag weiter und allmählich wurden wir vollkommen.
Sturm und Drang
Die Uhr schlug zehn vom Glockenturm,
Stark war mein Drang und wild der Sturm,
Ganz leis’ die Haustür aufgemacht,
Geliebt, geküsst die ganze Nacht.
Des Frühlings Lust folgt Blätterfall,
Nach Knospensprung entzaubernd Knall.
Gestorben längst mein stürmisch’ Drang,
Kein Feuer lodert lebenslang.
Nur große Herzen wachsen im Alter, die kleinen schrumpfen
Alte wissen aus Erfahrung – wenn sie es nicht schon wieder vergessen haben-, was die Jungen noch nicht wissen können, weil die noch keine Zeit dafür hatten, es sich zu merken. Als kleiner Junge wünschte ich mir ständig, bloß schnell älter zu werden, um das auch tun zu dürfen, was mir bis dahin nicht erlaubt war, z.B. abends noch draußen zu toben oder alleine ins Kino zu gehen, zu rauchen, ein Mädchen zu küssen, ohne die Eltern Urlaub zu machen usw., kurzum, selbständig zu entscheiden. Derart vorwärtsgetrieben, schoss ich zwar immer noch viel zu langsam, aber doch unaufhaltsam in die Höhe und über manches Ziel hinaus. An einige Beulen kann ich mich heute noch genau erinnern.
Bis ich endlich begriffen hatte, dass sich die Erde wirklich dreht, aber leider nur um sich selbst, auf keinen Fall um mich, war ich bereits aus den besten Jahren heraus.
Und was kommt dann? Zum Glück auch die Erinnerung an die Kindheit, die nun viel zu schnell vergangen zu sein scheint.
Könnte ich noch einmal von vorne beginnen, würde ich doch lieber langsamer erwachsen werden. Wie war das doch bequem: Früh morgens endlich aus dem Bett springen zu dürfen, höchstens eine kleine „Katzenwäsche“ und trotzdem sauber, Klamotten über, Stulle in die Hand genommen, Ranzen auf den Rücken und ab ging es im Trab. Und heute? Wie gerädert wacht man endlich doch noch auf, die Gedanken vom Vorabend und dazu tausend neue kreisen im Kopf, dann sich aufrichten und gerade machen, vorsichtig hinstellen und ein Bein vor das andere setzen, es geht tatsächlich noch, aber nun erst einmal aufs Klo, sonst passiert es unterwegs. Gründliche Wäsche mit geringem Erfolg, der Spiegel war auch schon mal besser, aber die Zähne sind fast alle noch da, nur die Haare wachsen inzwischen an den falschen Stellen. Es dauert, bis alles gerichtet ist, die Zeit läuft unerbittlich davon! Die Gedanken auch, was wollte ich heute unbedingt erledigen? Und dann der obligatorische Fluch, was ist das bloß für eine Zeit, früher war es doch viel besser! Das ist natürlich Unsinn, aber eines stimmt: Früher war ich viel besser, also lernt nur von meinen frühesten Erfolgen und überhört geflissentlich das Stöhnen der späten Periode! Denn wenn sich eine junge Rebe an eine ausgedörrte Wäscheleine klammert, wird sie auch nur Rosinen tragen!
Kismet
Manche sagen es ganz heiter
Das Leben sei ‘ne Hühnerleiter.
Tatsächlich ist es kompliziert,
Weil täglich in dir viel passiert,
Woran du vorher nicht gedacht,
Sonst hättest du das nicht gemacht.
Als Beispiel sei nur angerissen,
Die Liebe, menschlich Ruhekissen,
Die Wunden heilt und alles kann,
Doch packt sie dich als reifen Mann,
Setzt der Verstand noch einmal aus,
Du läufst ihr nach ins fremde Haus.
Und willst noch ‘mal von vorn’ anfangen,
Dabei bist du doch so befangen,
Dass es dir nicht gelingen kann,
Und stehst dann da als armer Mann,
Und ziehst als Lebens letzten Schluss,
Dass es doch mehr ist als ihr Kuss!
Eisblumen
Wenn glitzernde Eisblumen Scheiben belecken,
Und fröstelnde Menschen die Körper verstecken,
Wenn der „Nord-Ost” versendet eisigen Hauch,
Aus dem Schornstein aufsteigt schneeweißer Rauch,
Dann lass’ sie rasch fliegen die Schmetterlinge,
Und stell’ dir vor die schönsten Dinge!
Schmetterlinge im Bauch
Liebkosende Hände
Erwecken ein Beben,
Wär’s niemals zu Ende,
Das Schönste am Leben.
Kraftvoll flatternd im Bauch
Tausend Schmetterlinge,
Als berauschender Hauch
Heiss ersehnter Dinge.
Beraubt aller Sinne,
Weit geöffnet die Tür,
Flüstert liebende Stimme:
Jetzt gehörst du nur mir!
Großes gewollt zu haben, ist groß
„Magna voluisse magnum“ kann der Vorbeieilende auf Ferdinand von Schills Grabstein auf dem zum Park verwilderten alten Stralsunder Friedhof lesen.
Aber wer geht hier schon gerne entlang, es ist viel zu gefährlich geworden.
Als Kinder benutzten wir allerdings diesen Weg als Abkürzung zum Freibad. Die Übersetzung kannten wir, schließlich war unser Onkel Lateinlehrer an der „Hansa“, aber das Zitat sagte uns damals gar nichts. Wir wollten groß werden, um unser Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Normales Ziel jedes Heranwachsenden. Nicht jeder kann große Taten vollbringen und will es auch gar nicht.
Aber leben will jeder. Mehr wollte ich auch nicht.
Und da war ich nun. Schlaksig, neugierig und immer hungrig.
Zehn Salzkuchen von Bäcker Radfahn aus der Hainholzstraße, dünn mit Griebenschmalz geschmiert, waren keine Seltenheit. Und dazu frische Milch von Bauer Bahls. Oder Heisswecken mit süßer Milch und Mandeln. Wo meine Großmutter das Geld für meinen hungrigen Bauch hernahm, blieb mir ein Rätsel.
Unaufhaltsam wuchs ich, lernte Schwimmen und Radfahren, aus Nachbars Garten mit einem langen Stock, der an der Spitze einen rostigen, dicken Nagel trug, Äpfel aufzuspießen und durch den engen Maschendraht zu bugsieren und manch andere nützliche Dinge. Eine bessere Großmutter konnte es nicht geben. Und was waren für Geheimnisse auf dem riesigen Boden in den unzähligen Schränken und Truhen verborgen, die sie nach und nach lüftete! So vergingen die Tage viel zu schnell, Langeweile war ein Fremdwort. Und wenn mal gar nichts zu erforschen war oder schlechtes Wetter das Ströpern verhinderte, konnte sie mich stundenlang mit ihren Sammelalben voller Stollwerck- oder Liebig-Bilder fesseln oder mit einer alten Laterna Magica, durch die man auf Glas gemalte Bilder, durch Kerzenlicht an die Wand geworfen, stundenlang betrachten konnte. Und was sie für Geschichten kannte! Oft konnte ich danach nicht einschlafen und träumte nachts davon. Ich saugte alles gierig in mich auf, als könnte mir die Zeit davonlaufen.
„Großmutti, erzähl uns noch eine Geschichte“, sagten wir abends in unseren Betten auf dem Dachboden, wenn Großmutti uns wie immer den Gutenachtkuss und für jeden ein Stück Vitalade brachte, und dann sprudelte es unaufhörlich aus ihr heraus: „Unser Großvater besaß mit der „Sophia Charlotta“ die damals größte Dreimastbark der Ostsee. Sie hatte ein Bruttoregistergewicht von 750 Tonnen! Er kreuzte mit ihr auf allen Meeren und trotzte manchen Gefahren. Sein Leitspruch lautete: „Mannes Wort-fester Hort.“ Es war etwa 1830, als die „Sophia Charlotta“ nach einer stürmischen Fahrt, die das Schiff verschlagen hatte, an der damals noch wenig bekannten Küste Afrikas Anker warf, um Wasser einzunehmen. Ein Boot wurde flott gemacht, und ein Teil der Mannschaft unter Führung des zweiten Steuermanns ging an Land, um nach Trinkwasser zu suchen. Hierbei wurden sie von Eingeborenen überfallen, gefangen genommen und verschleppt. Durch einen Unterhändler wurde von dem Häuptling ein hohes Lösegeld gefordert. Deutsche Konsulate gab es damals nicht, der Kapitän war auf sich selbst angewiesen und fand im Ausland nicht den Schutz wie heute. So ließ er dem Häuptling sagen, dass er nach einer bestimmten Frist das Lösegeld herbeischaffen werde und bis dahin Schutz für seine Leute verlange. Das wurde zugestanden, dennoch erduldeten die Gefangenen manche Härte. Durch ungünstige Winde verzögerte sich die Heimkehr des Schiffes, und so mag dem Häuptling die Geduld ausgegangen sein. Am Strande, an der Stelle, wo vor Wochen das Boot einst landete, wurden Pfähle eingerammt, die Matrosen wurden gefesselt, mit Stroh umwunden und dieses mit einer Teer ähnlichen, leicht brennbaren Flüssigkeit getränkt, dann jeder Mann einzeln an einen Pfahl gebunden. Der ganze, nach vielen Hunderten zählende Stamm hatte sich am Ufer versammelt, um sich an den Qualen der Seeleute zu weiden. Fertig zum Anzünden entdeckte der Steuermann fern am Horizont ein Segel. Eine gewaltige Spannung trat ein und Hoffnung beseelte die Männer, die bereits mit dem Leben abgeschlossen hatten und sich ergeben dem schrecklichen Schicksal beugten. Ein Seemannsauge ist scharf, erkennt ein Schiff bald schon an der Stellung der Masten, an der Takelage und dem Stand der Segel. Es war in der Tat die „Sophia Charlotta“, die mit dem Lösegeld zurückkam. Aber nicht mit dem allein, vier kleine Geschütze, die in möglichster Eile beschafft und wozu ein Zufall die Hand geboten, sollten im Ernstfall der Forderung um Freigabe der Gefangenen Nachdruck verleihen und kam die „Sophia Charlotta“ zu spät nach dem alten Gesetz, Auge um Auge, Zahn um Zahn, blutige Vergeltung üben. Die Auslösung der Gefangenen ging indes friedlich vonstatten und mit Jubel wurden sie an Bord begrüßt. Nie unternahm er wieder Fahrten ohne diese Geschütze, und zweimal noch hat später in chinesischen Gewässern und an der Küste von Algier ihr Mund ein ernstes Wort mitgesprochen.
Für mich war er ein Held, der für seine Verdienste von seiner Vaterstadt in seiner Eigenschaft als sogenannter „Meister vom Stuhl“ einen Degen mit Goldgriff erhielt. Ferdinand von Schill hatte dagegen nur einen kümmerlichen, verrosteten Säbel in seiner Hand! So wollte ich auch werden, und in meinen Träumen gelang es mir vortrefflich.
Das alte Lied
So wie die Alten sungen,
So zwitschern heut die Jungen?
Die Alten zwitschern jetzt ganz laut,
Die Jugend hat sich nicht getraut!
So wie die Alten sungen,
So simsen heut’ die Jungen!
Die Jungen simsen Tag und Nacht,
Und haben sich recht schlau gemacht!
So wie die Alten sungen,
Hat’s immer schon geklungen:
Was soll bloß aus ihn’n werden,
Sie werden wohl dumm sterben!
So wie die Alten sungen,
Hat’s bald ganz laut geklungen.
Die Alten sind längst nicht mehr da,
Die Jungen ehrt man, o la la!
Herbst
Das Laub verlässt die Bäume,
Das Wasser tritt zurück,
Jetzt kommt die Zeit der Träume,
Vom nächsten Sommerglück!
Einfallspinsel
Er lebt in einer and’ren Welt,
Wo sich nicht alles dreht um Geld,
Wo man so spricht, wie man gedacht,
Dafür wird er nun ausgelacht!
Der „Pflaumenbaum“
1973
Ich hatte mit gerade 25 Jahren meine erste leitende Arbeitsstelle und war offen für alles, aber noch völlig unerfahren. Dennoch wurde ich respektiert.
Die meisten Mitarbeiter – damals lief ja noch der sozialistische Großversuch mit der Bevölkerung der DDR – konnten gar nicht glauben, dass ich mit meiner Familie freiwillig in dieses verlassene Dorf gezogen bin und fragten sich hinter vorgehaltener Hand, was ich wohl auf dem Kerbholz hätte? Sie hatten ja schon so ihre Erfahrungen mit meinen Vorgängern gemacht, und irgend etwas konnte hier doch nicht stimmen! Aber es stimmte alles, wir sind aufs Land gezogen, weil wir dort sofort eine schöne Neubauwohnung bekamen, etwas mehr Geld als üblich und die leitende Stelle. Und bereut hatten wir diesen Schritt eigentlich nie.
In dem Dorf war es üblich, dass meistens ganze Familien im selben Betrieb arbeiteten. Dadurch war die Bindung an den Betrieb größer. Ich sage das nur, weil in der Wendezeit 1990 die von den Bundis initiierten Betriebsräte als erstes dafür sorgten, dass im Falle von beschäftigten Ehepaaren ein Partner ohne Ansehen seiner Leistung sofort entlassen wurde. Man meinte, das wäre sozialverträglicher. Dabei war es der größte Unsinn, der je gemacht wurde, denn viele Leistungsträger standen plötzlich vor einer Neuorientierung, während einige weiterhin initiativlose Mitläufer weiter „beschäftigt“ wurden.
Aber zurück ins Jahr 1975. Den Betrieb durchlief gerade eine junge Auszubildende, damals Lehrling genannt, als Schreibkraft. Vorübergehend lernte sie nun bei mir.
Ihre Mutter arbeitete in der Lohnbuchhaltung, und ihr Vater war ein tüchtiger Schlosser.
Eines Tages zum Feierabend kam sie in mein Büro und sagte mit dort üblicher Rucksack-Berliner Kotterschnauze: „Chef, morjen muss ick mal een’ Tag frei kriejen, jeet dat in Ordnung?“
Mir kam das etwas plötzlich vor und so fragte ich: „Was haben Sie denn Wichtiges zu erledigen, dass Sie mir das erst zum Feierabend sagen?“ Ich war leicht verstimmt, denn woher sollte ich nun noch eine Aushilfe kriegen. „Ick muss morjen zum Pflaumenbekieker!“, war die kurze Antwort.
„Wieso müssen Sie denn zum Pflaumenbeschauer, der kommt doch normalerweise zu Ihnen in den Garten“, sagte ich total ahnungslos.
„Nee, ick muss nur mal uff se’n Stuhl, der will bloß wat nachkiecken!“
„Auf was für einen Stuhl denn, ich denke es geht um den Pflaumenbaum“, sagte ich völlig verwirrt und verstand gar nichts mehr.
Als sie nach längerer Pause begriff, dass ich sie nicht veräppeln wollte, nahm sie allen Mut zusammen und sagte: „Mensch Chef, ick muss morjen früh zum Jynokolojen in die Kreisstadt!“
Da endlich fiel der Groschen bei mir, und ich gab ihr leicht gerötet meinen Segen.
Und wenn wir später miteinander zu tun hatten, grinste sie mich immer vielsagend an, als ob sie dachte, ich hätte es ganz schön dick hinter den Ohren, und das stimmte natürlich nicht, ich war einfach noch zu unerfahren.
Wiedergeburt
Vertrocknet die Blätter,
Die Frucht leuchtend reif,
Geläutert die Seele,
Die Glieder stocksteif.
Zimtzicke
Sie meckerte von früh bis spät,
Bis jeder aus dem Weg ihr geht,
Sogar die Mutter zog bald aus,
Nun lebt sie ganz allein’ im Haus!
Bücherwurm
Er las das Buch von A bis Z,
Und ging nie ohne Buch ins Bett,
Bald wusst’ er alles und war schlau,
Doch, – alle Theorie ist grau!
Warum Zucker süß ist
1986
Zucker entsteht aus Wasser, Kohlenstoff und Energie. Das ist Grundwissen der Polytechnischen Oberschule. Nach neueren Erkenntnissen aus der Praxis ist außerdem Lärm daran beteiligt. Ganz ohne lautstarke Werbung geht auch im Sozialismus nichts. Die Zuckerproduktion beginnt in jedem Jahr damit, dass systematisch zuerst der Franken- und danach der Knieperteich leer gepumpt werden. Und weil deren Wasser noch nicht ausreicht, wird heimlich sogar die Ostsee angezapft. Damit das auch wirklich niemand merkt, sind mehrere Unterwasserpumpen am Thälmannufer im Strelasund versteckt. Dennoch sollen schon einige Bürger über die langen Leitungen gestolpert sein bzw. haben sich über das am Fuße des Schill-Denkmals sprudelnde Wasser gewundert.
Kohlenstoff hat die Zuckerfabrik genug. Sie kann es sich sogar leisten, einen Teil davon unentgeltlich über der Stadt zu verteilen. Für die Zuckerproduktion bleibt immer noch genug übrig. Dass Zucker dennoch weiß wird, bleibt vorerst ein Rätsel.
Wozu die viele Energie gebraucht wird, kann man manchmal den Formblättern des Hauptenergetikers entnehmen. Es lässt sich jedoch nicht gänzlich verbergen, dass auch ein Großteil der Energie wieder der Natur zurückgegeben wird, schon um das Gesetz von der Erhaltung der Energie aufrecht zu erhalten.
Aber es gibt Bürger, die dafür kein Verständnis aufbringen und sich sogar über das nunmehr zum Freisetzen der Energie notwendige Pfeifen und Zischen beschweren. Daran erkennt man Tempelstürmer, denen die Schulbildung fehlt. Sie sollten vielmehr dankbar sein für erste bescheidene Experimente zur Speicherung von Wärme in unserer zunehmend kälter werdenden Gesellschaft.
Nun könnte natürlich der Laie fragen, wozu überhaupt noch die vielen Zuckerrüben gebraucht werden. Aber auch dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung: Auch in der sozialistischen Landwirtschaft hat sich die industrielle Großproduktion durchgesetzt, d.h. die Landwirtschaft verlagert aus Kostengründen alles Mögliche auf die Industriebetriebe. Und in der Zuckerfabrik funktioniert u. a. das Waschen und Zerkleinern von Zuckerrüben bestens. Diese sozialistische Hilfe fällt den Fabriken gar nicht einmal schwer, und die zusätzlichen Kosten kompensiert die Zuckerproduktion auch noch. So etwas spricht sich natürlich schnell herum, und die Deutsche Reichsbahn als energieträchtiger Partner der Zuckerfabriken hat ganz schnell geschaltet und spezielle Ganzzüge mit Zuckerrüben aus der ganzen Republik bereitgestellt, die nun dafür sorgen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.
Soweit zur Theorie. Dass es auch tatsächlich wieder einmal gelungen ist, weißes Gold in seiner strahlenden Reinheit aus Wasser, Kohlenstoff und Energie herzustellen, merkt man spätestens im Herbst am süßlichen Duft über der ganzen Stadt und deren weißen Dächern. Zum Schluss bleibt nur noch die Frage offen, warum der Zucker nun eigentlich süß ist. Süß ist ein Geschmack, über den sich bekanntlich nicht streiten lässt. Denn eine „süße Biene“ ist nüchtern betrachtet auch nur eine emanzipierte Frau, die uns Männern das Leben sauer macht, der süßeste Kuss hat nach seinem Genuss oftmals einen bitteren Beigeschmack usw.
Man muss also an diese Frage dialektisch herangehen, und danach ist der Zucker süß, weil seine Herstellung den Zuckermachern nicht mehr so sauer wird wie früher.
Aber dafür war der Zucker früher auch viel süßer.
Zuckerschnee
Schneeweiß alle Dächer,
Die Luft gut gesüßt,
Von Jahr zu Jahr frecher,
Bis niemand mehr grüßt!
Einstein
„Die reinste Form des Wahnsinns ist es,
Alles beim Alten zu lassen
Und gleichzeitig zu hoffen,
Dass sich etwas ändert.”
Augenblick
Und als ich sie dort liegen sah,
Lang ausgestreckt mit off ’nem Haar,
Da fiel’s mir schwer vorbei zu geh’n,
Erst musst’ ich tief ins Aug’ ihr seh’n.
Das ging mächtig nach hinten los
1974
Eines Tages bat der Parteisekretär unseren etwa 70 Jahre alten Elektromeister, die Kellerbeleuchtung in seinem Haus in Ordnung zu bringen. Er hatte wie die meisten Menschen dort auf dem Lande nebenbei eine kleine LPG zu versorgen, hauptamtlich war er der für die Feldfrüchte verantwortliche Hauptagronom.
Und im Keller lagerte in der Tiefkühltruhe sein Vorrat, der jetzt ohne Strom zu vergammeln drohte. Sofort setzte sich am Abend der alte Elektromeister in seinen fast genauso alten „Trabbi“ und fuhr über die Dörfer zum Parteisekretär. Der wartete natürlich schon händeringend auf ihn.
Im Oderbruch liegen bekanntlich etliche Dörfer unter dem Wasserspiegel, will sagen, die Feuchtigkeit ist ein ständiges Problem. Der Parteisekretär öffnet also die Falltür in den dunklen Keller. Der alte, behäbige Elektromeister steigt mit einer Handlampe die rutschige Holztreppe in die dunkle Ungewissheit hinab. Oben beobachtet der Parteisekretär argwöhnisch und hoffnungsvoll zugleich jeden Schritt des alten Mannes. Plötzlich hört er mit einem furchtbaren Krach aus der Dunkelheit heraus das Holz bersten. Oh Gott, denkt er, da ist etwas passiert, das gibt bestimmt großen Ärger! Und im selben Moment schreit unser behäbiger Elektromeister: „Hol mich raus, ich hänge zwischen zwei gebrochenen Stufen und kriege keine Luft!“ Und was macht ein Parteisekretär, wenn es um sein Privateigentum geht?
Genau dasselbe wie jeder andere unter uns! Er sucht nach seinem Feuerzeug in der Hosentasche, leuchtet damit in den Keller hinunter und jammert laut, nachdem er den Schaden an seiner Treppe besehen hatte: „Mensch, Konrad, was hast du bloß gemacht, wie kriege ich nun die Treppe wieder heil!“
Aber dann siegte doch noch sein Mitgefühl für den röchelnd Festgeklemmten, und mit Stricken und einer Leiter bewaffnet, befreite er ihn aus seiner misslichen Lage.
Auge um Auge
Es ist wirklich schwer,
Gute Miene zum bösen Spiel zu machen!
Denn es werden täglich mehr,
Die rücksichtslos Lärm machen!
Naturgesetz
Die Natur hat ewige Gesetze!
Deine Chance besteht darin,
Sie für dich zu nutzen!
Das geht nicht ganz ohne Hetze!
Aber dir bleibt noch die Zeit zum Putzen!
Piepmatz
Er singt nicht nur,
Er macht auch viel,
Nutzt die Natur,
Im Monatsspiel.
Damals wie heute?
Unsere Kinder sind quasi am FKK-Strand aufgewachsen.
Meine Eltern hatten sich in den sechziger Jahren ein Wochenendhaus in Wieck auf dem Darß angeschafft. Gerne verbrachten wir dort unseren Ostseeurlaub.
Zum Strand fuhren wir an die „Hohe Düne“ nach Prerow, damals noch der ausgewiesene „Wiecker Badestrand.“ Wenn wir dann endlich nach schweißtreibender Bauarbeit in unserer Sandburg lagen, weit sichtbar mit Muscheln: „Belegt von … bis …“ als unser Eigentum gekennzeichnet, dann hatten wir in der Regel für 14 Tage unsere Ruhe vor „Burgräubern.“ Und wenn es schon mal passierte, dass unbelehrbare Ignoranten sich in fremdem Eigentum breit machten, wurden diese mit Hilfe sämtlicher Nachbarn schnell vertrieben. Man kannte sich mittlerweile schon aus jahrelanger Nachbarschaft, zwar nicht mit Namen, aber an unverkennbaren Merkmalen: „Siehst du dort den mit der weißen Mütze? Das ist doch der Erfurter, und der ist schon wieder so schön braun.“ Oder: „Guck mal, die Berliner sind auch wieder da, ich glaub, sie ist schon wieder schwanger“, usw.
Aus Weimar kam auch schon seit vielen Jahren immer an dieselbe Stelle ein sehr netter rüstiger Rentner mit seiner Frau. Sie benutzten Klapp-Fahrräder von Mifa Sangerhausen, die damals gerade in Mode kamen. Mittags fuhr er täglich mit seinem 20 Zoll-Rad nach Prerow, wahrscheinlich zum Mittagessen.
Aber wenn er dann nach etwa zwei Stunden wieder am Strand auftauchte, sah man einen Pappkarton unter seinem linken Arm, während er mit dem rechten das Fahrrad mühsam durch den Sand bugsierte. Das war bestimmt sehr schwer für ihn, aber er machte es gerne. Nun ging er von Burg zu Burg und verkaufte für 35 Pfennig (also zum Einkaufspreis!) sein „Hartgefrorenes“ zwischen zwei Waffeln. Und es war immer noch bissfest, obwohl er einen langen Weg zurücklegen musste, und er nahm niemals ein Trinkgeld! Jeder mochte ihn natürlich und die Kinder waren froh, wenn er im gleichen „Durchgang“ wie wir Urlaub machte, denn dann war ihr Eis gesichert. Es gab natürlich auch Tage, wo es kein Eis gab, weil es wie manches andere auch gerade mal ausgegangen war. Das war dann aber kein Beinbruch.
Wenn es Eis gab, konnte man sich darauf verlassen, dass er es mitbrachte.
Und dann war ja immer noch der „Kapitän“ da. Wir nannten ihn wegen seiner Mütze so, und er hatte den „Strandläufer“ zum Freund, jedenfalls lustwandelten diese beiden alten Herren den lieben langen Tag schwarzbraun gebrannt den Strand hoch und runter. Und dann die vielen knusprigen jungen Damen.
Sie kamen hübsch angezogen an den Strand – Jogginganzüge hatten es noch nicht bis zu uns geschafft – und sahen noch hübscher ausgezogen aus. Die reinste Augenweide! Es war eine schöne Zeit, man war unter Freunden und fühlte sich wohl.
Und wie ist es heute?
Strandburgen findet man nur noch ganz vereinzelt am abgelegenen Weststrand.
Am normalen Badestrand in und um Prerow haben sich mehr und mehr die „Strandmuscheln“ durchgesetzt. Wir „Einheimischen“, die seit Ende der siebziger Jahre am praktischen Windschutz leicht zu erkennen sind, haben einen riesigen Spaß daran, zuzugucken, wie ungeschickt unsere Brüder und Schwestern aus den alten Bundesländern sich beim Aufbau dieser Ungetüme anstellen. Da meist der Wind kräftig aus Osten bläst, fliegen die Muscheln beim ersten Mal schon bald als Strandgut umher, bis ihnen dann der Knoten platzt und der „Drachen“ mit dem mitgeschleppten Sachen beschwert und verankert wird. Beim zweiten Mal klappt es schon besser, aber man spürt auch den neidischen Blick auf den im Osten bewährten Windschutz. Manche kaufen ihn deshalb auch gleich nach ihrer Anreise aus NRW.
Na ja, und mit dem Ausziehen tun sich die „alten Länder“ sowieso sehr schwer. Mindestens mit Schlüpfer und BH sitzen sie vor der Sonne und uns versteckt in ihren Muscheln und beobachten alles ganz genau. Man möchte meinen, sie ekeln sich vor uns braungebrannten Nackedeis, aber da sie keine Chance haben, ihre Baggerlochpraktiken bei uns durchzusetzen, ertragen sie unseren Anblick, manche kommen auch nicht wieder hierher, sondern schmoren dann schon lieber in ihrem vertrauten Strandkorb. Aber sind sie denn heute überhaupt noch schön und knackig? Sehnt man sich danach, dass „sie“ endlich ihre Hüllen fallen lässt? Eher wohl nicht! Sie sind meist recht üppig, nur ihre riesigen, runden vor der bösen Sonne geschützten bleichen Köpfe gucken hin und wieder aus ihrer Strandmuschel heraus – man braucht keine besondere Fantasie, um sich vorzustellen, wie blass der übrige Körper sein muss! –, und schon schlafen sie weiter! Irgendwann drückt „es“ dann aber doch so doll, dass sie zähneklappernd tatsächlich bis zum Bauch ins Wasser gehen.
Was haben wir uns doch früher im Wasser nass gespritzt, gejauchzt und gealbert!
Heute steht eine verbissen schweigende Gesellschaft maximal bis zur Gürtellinie in der Ostsee. Das soll Erholung sein? Muss ja wohl, denn es werden jährlich mehr!
Aber nicht mit mir, ich mache weiterhin meinen Handstand, aber dabei guckt ab der Gürtellinie alles aus dem Wasser! Wie gesagt, Burgen baut schon lange keiner mehr, für die Kinder die Väter zum Glück immer noch. Und zum Schluss wird genau wie damals mit Quallen garniert. Aber nun kommt es. Mit weit über den Strand schallendem Glockengeläut nähert sich am Spülsaum ein vierrädriges gummibereiftes Mondfahrzeug mit Sonnenschirm. Meist von zwei Schülern durch den weichen, weißen Sand geschoben, dabei den Blick immer auf die unschuldigen Kinder gerichtet. Haben sie erst einmal mindestens eins davon im Visier, wird sofort angehalten und solange an die Glocke geschlagen, bis die genervten Eltern nachgeben und das teure Eis kaufen. Das Stück für 2,50 Euro!
Der Kapitalismus schreckt auch vor nichts zurück!
Schon in der Schule zu unserer Zeit hatten wir gelernt, dass der russische Wissenschaftler Pawlow sich erstmalig die Glocke nutzbar machte, um nachzuweisen, dass nach entsprechender Übung beim Hund der Speichelfluss einsetzt, wenn es nach dem Glockengeläut etwas zu fressen gibt. Sind unsere armen Kinder auf den Hund gekommen? Darum haben sich wohl so viele junge Paare statt Kinder besser gleich einen Hund oder mehrere angeschafft.
So ersparen sie sich die Dressur eigener Kinder zu Speichel absondernden Monstern!
Denn kaum ist das „Magnum“ aufgeleckt, schon kommt aus der Gegenrichtung der nächste nicht zu überhörende „Eisengel.“ Und wieder fließt der Speichel, wieder fängt das Betteln nach „kaufen!“ an und wieder wird es ein unvergesslich teurer Tag für die entnervten Eltern!
Shortstory
Die Raupe schnell zur Straße kroch,
Im Fahrzeugstrom war g’rad ein Loch.
Da Raupen klein und langsam sind,
Die Autos aber fahr’n geschwind,
Hört’ man o Schreck nur kurz ein „Plupp“,
Da war die schöne Raup’ kaputt!
Wasserspiele
Die Wellen stöhnen laut im Wind,
Vom Fels gebroch’ner Schaum,
Bis sie im Sand versickert sind,
Aus ist ihr schöner Traum.
Spinatwachtel
Sie lebte nur von Blattspinat,
Gezupft aus eig’nem Garten zart,
Und sah schon grün aus im Gesicht,
‘Ne Feder hatte mehr Gewicht!
Gedanken vor dem Bäckerladen
1978
Spätestens Freitagabend richteten sich meine Gedanken nur noch auf das bevorstehende Wochenende. Und was ist ein Frühstück ohne frische Bäckerbrötchen?
Also stehe ich frühzeitig auf, lange wach im Bett herumliegen ist nicht meine Sache.
Bis zum Bäcker sind es nur wenige Minuten. Die Straße ist noch ziemlich leer. Einige kommen mir bereits mit frischen Brötchen entgegen. Die haben sich schon vor der Öffnungszeit angestellt, aber das mache ich nicht. Vielleicht brauche ich ja heute nicht so lange anzustehen. Aber lieber eine halbe Stunde anstehen, als eine Stunde später ohne frische Brötchen nach Hause kommen. Bei der gegenüber liegenden Bäckereigenossenschaft bräuchte ich nicht so lange anzustehen, aber ich mag deren Brötchen nicht. Sie sind längst nicht so frisch und knusprig wie die vom Privatbäcker! Woran mag das nur liegen? Leider denken so wie ich die meisten Brötchenholer, und ich reihe mich geduldig in die lange Schlange ein. Während des Anstehens beginnt um uns das Leben zu pulsieren. Die Bahnschranken schließen und öffnen sich einige Male. Auch ich rücke Fuß um Fuß vor. Jetzt stehe ich schon im Schaufensterbereich. Man kann das frische Brot sogar mit den Augen riechen!
Leider ist inzwischen so viel Zeit vergangen, dass die Kinder nicht mit am Frühstückstisch sitzen werden. Aber zu zweit ist es viel gemütlicher, keine Hektik, heißer Kaffee, ein oder zwei weichgekochte Eier und dazu die selbst gemachte Holundermarmelade auf den Brötchen. Kann es auf dieser Welt etwas Schöneres geben? Doch, es kann! Warum muss ausgerechnet ich anstehen, während laufend andere sich „hintenrum“ in der Backstube bedienen lassen. Was mögen diese Stammkunden für Beziehungen haben, denn ohne müssten sie sich auch hinten anstellen? Aber ich ertrage diese Demütigung geduldig. Von diesem und jenem weiß ich, weshalb er sich nicht anzustellen braucht. Z.B. ist er Heizer in der Gärtnerei, und Blumen braucht auch der arbeitsamste Bäcker hin und wieder. Seine Frau ist ja noch jung! Sein Auto kann auch nicht ewig ohne Werkstatt auskommen, denn der jetzt gerade mit einem Wäschekorb voller Brötchen aus dem Hintereingang heraus kommt, fährt mit Kleinbus von der Werkstatt vom Platz des Friedens vor. Wozu bemühen wir uns bloß, etwas aus unseren Kindern zu machen? Machte man nichts aus ihnen, brauchten sie sich nicht ein Leben lang hinten anzustellen. Beim Bäcker kriegt man ja zum Glück noch immer seine Brötchen, während man in anderen Geschäften immer öfter den stereotypen Satz, „Sie müssen immer mal wieder nachfragen“, zu hören kriegt. Wie glücklich könnten unsere Kinder sein, wenn wir sie gewähren ließen und nicht immer wieder zum Lernen zwingen würden?
Während erneut die Schranke geschlossen wird, kommt ein großer Pulk Westberliner Transitreisender vor dem Bäckerladen zum Stehen. Es ist unglaublich, welch Luxus sich auf vier Rädern präsentieren lässt! Und zur Sicherheit haben einige noch ein halbes Dutzend Fahrräder auf dem Dach. In Schweden muss es herrliche Radwege geben! Man muss den Blick gewaltsam losreißen. Verständnislos, nicht einmal mitleidig mustern die wohlgenährten Bundis unsere lange Schlange.
Brötchen und Milch wurden einem früher vor die Haustür gehängt, sicherlich ist es bei denen heute noch so. Trotzdem reden gerade sie vom vielen Stress. Was ist das eigentlich? Verrückte Welt! Das Unterste wurde nach oben gekehrt, der Besen wird aber immer noch am Stiel angefasst. Ein Glück, dass ich inzwischen den Laden betreten habe und mich an den knusprigen Brötchen ablenken kann!
Probleme gab es ständig. Wir lernten damit umzugehen und nahmen kaum noch Notiz von ihnen. Mit unseren Möglichkeiten machten wir unser Leben so schön, wie es eben ging, und wenn manches auch etwas länger dauerte, so war die Vorfreude auch etwas länger.
Sommerwind
Der Wind bläst warme Sommerluft,
Zu dir ins Zimmer ‘rein,
Vermischt den süßen Blütenduft,
Zu Sommerträumerei’n.
Altweibersommer
An einem warmen, stillen Ort,
Riss plötzlich uns die Liebe fort.
Am Ziel der Sehnsucht angekommen,
Wurd’ ein erfrischend Bad genommen.
Sturmtief
Wenn ich so stark wär’ wie der Wind,
Dann stürmte ich zu dir,
Zerzauste dir das Haar geschwind
Und schlummerte mit dir!
Doch wenn ich lange warten muss
Auf zärtlich’ Kuss von dir,
Dann fasst die Sonne wieder Fuß,
Und aus ist es mit dir!
Wenn es erst einmal in Wieck regnet
Heute regnet es. Es regnet schon den ganzen Tag. Ob es wohl endlich einmal aufhört zu regnen? Da, jetzt sieht es schon viel freundlicher aus! Aber Tropfen fallen immer noch vom Himmel. Der Himmel ist ja auch noch ganz dunkel. So ein trüber Tag, immer nur Regen! Wenn es nun nicht bald aufhört zu regnen, fällt der ganze Tag noch ins Wasser. Alles ist schon klatsch-nass, nicht einmal unser Hund will vor die Tür, lieber verkneift er sich weiterhin sein Geschäft, als bei dem strömenden Regen auf den Hof zu laufen.
Nichts ist schlimmer als dieser Regen. Was soll man hier jetzt bloß anfangen? Der Regen ist schrecklich, alles sieht so trübe aus! Die Pfützen auf der Straße werden immer größer. Unaufhörlich prasseln die Tropfen herunter. Es nimmt einfach kein Ende. Und dabei heißt es, Regen bringt Segen, fragt sich bloß, für wen? Wir können den Regen hier jedenfalls nicht gebrauchen. Hoffentlich regnet es nicht wieder durch! Ingrid, hörst du denn das rhythmische Klopfen gar nicht? Ich glaube, jetzt regnet es tatsächlich wieder durch. Scheiße, im Schlafzimmer ist schon ein neuer Fleck an der Decke! Die Tropfen fallen bereits auf die Bahnheizkörper. Ich muss auf den Boden, bestimmt sind die Schüsseln schon übergelaufen! So ein Ärger! Hauptsache, die Wohnzimmerdecke fällt uns nicht wieder auf den Kopf! Ein Glück, unten ist noch alles in Ordnung.
Bei Regen kann man sich hier einfach nicht erholen. Überhaupt ist das wieder ein Scheißurlaub! Immer nur am Strand liegen, wo es noch so viel zu tun gibt. Das Klobecken ist abgerissen, wahrscheinlich war es der Frost, aber jetzt sind wir es bestimmt wieder gewesen, na irgendwie werde ich es schon dicht kriegen. Und wenn es noch lange so regnet, muss schon bald wieder der Rasen gemäht werden! Aber bei diesem Mistwetter kann man ja draußen nichts machen. Sonne ist doch viel besser, da hat man auch Lust, etwas zu tun. Da, jetzt reißt der Himmel auf, die Sonne ist wieder da, es wird auch gleich viel wärmer. Dann aber schnell an den Strand! Aber der Sand ist doch noch so nass! Zum Glück gibt es ja das Gästebuch.
Wenn es dann im Hochsommer längere Zeit sehr warm war, hatten sich die Mücken lawinenartig vermehrt, und unter dem schwarzen Dach stand die Wärme, sodass man nachts kein Auge zu kriegte.
Tragik
Wenn unerwidert bleibt dein Werben,
Muss irgendwann die Liebe sterben.
So war es auch in diesem Fall,
Jetzt sucht sie nach mir überall!
Tempi passati
Als junges Ding mit Pferdeschwanz,
Versäumte sie nicht einen Tanz.
Heut’ mit gefärbter Zweitfrisur
Fährt sie nur noch von Kur zu Kur!
Will und Kann vs. Wenn und Aber
Die Eine, hübsch mit Pferdeschwanz,
Versäumt, wenn’s geht, nicht einen Tanz.
Die andre stramm, kein bisschen fett,
Liegt immer noch allein im Bett!
Der Eine hat bei Frauen „Schlag“,
Und wechselt sie, grad’ wie er’s mag.
Der Andere ist lieb und nett,
Doch kriegt er nie ‘ne Frau ins Bett.
Die Lösung scheint recht leicht zu sein:
Der Nette lädt die Stramme ein.
Das andere Extrem
Eine Hitze ist das heute wieder! Wo findet man bloß einen kühlen Platz? Am Strand wird man ja außer von der Sonne noch von seinen Nachbarn aufgeheizt! Es wird aber auch von Jahr zu Jahr immer voller. Selbst der Wind kommt da nicht mehr durch! Und das soll Erholung sein? Ins Wasser kann man ja auch schon lange nicht mehr. Überall stehen die Urlauber in verdächtiger Haltung bis zu ihrem besten Stück ganz still im Wasser. Da kann mir doch keiner einreden, die wollen sich erfrischen! Ich sage, die sind nur zu faul, über die Düne zum Pinkeln zu gehen. Das Wasser sieht ja schon eher gelb als blau aus.
Bei dieser Hitze verbrennt alles. Grünes Gras findet man längst nicht mehr. Alles ist ausgeblichen und verdörrt. Ein Wunder, dass der Strandhafer noch aufrecht steht! Wo der wohl die Kraft dazu her nimmt? Bei den Urlaubern ist das anders. Die meisten sind übergewichtig. Selbst während dieser 14-tägigen Hungerkur an der überfüllten Ostseeküste finden sie nicht zu ihrer Ideallinie zurück. Dazu bedarf es drastischerer Maßnahmen! In jedem Fleischerladen müssten nicht nur das Fleisch und die Grillwürste auf die Waage, sondern vorher der Kunde! So könnte man gleichzeitig das Problem mit den endlosen Schlangen lösen.
Die Rothäute dominieren an diesem Strandabschnitt, und je verbrannter ihre Blößen sind, desto eifriger promenieren sie am Strand auf und ab. Das muss ein Naturgesetz sein. Erholsamer wäre es, im kühlen Wald zu wandern und den Massen zu entfliehen. Aber geh jetzt mal in den Wald! Die Kühlung der Bäume wird aufgehoben durch das Schwitzen vom ständigen Wegschlagen der lästigen Fliegen und blutrünstigen Mücken. Und je mehr man erschlägt, umso mehr kommen nach. Das scheint wirklich das Naturgesetz im Darß zu sein. Also meiden wir den Wald und senken die Waldbrandgefahr bei der Sonnenglut und laufen lieber mit versengtem Körper am überfüllten Strand umher. Da man bei Hitze auch die beiden Eisdielen meiden muss, weil man dann schon erst recht nicht hineinkommt, die Urlaubsquartiere meiden muss, da einen dort die Hitze erschlägt, bleibt einem hier oben nichts mehr, und man sollte sich bei Zeiten nach einem Winterferienplatz im Gebirge umsehen.
Über die Liebe
Liebe ist nur ein Wort.
Dieses Wort verbreitet Glück.
Ein Überzieher nicht,
Ein Nerzmantel schon eher.
Schutz bieten beide.
Liebe schützt vor Torheit nicht.
Der Überzieher schon.
Der Nerzmantel ist reine Torheit.
Er macht vorübergehend glücklich.
Liebe dagegen lebenslänglich.
Sie ist eben nicht nur ein Wort,
„Sondern das Band,
Das die Welt verbindet.“
Man muss allerdings die Augen weit öffnen,
Um dieses Band zu sehen.
Viele können das nicht,
Denn es ist nur innerlich sichtbar.
Für sie muss dann eben der Nerz herhalten!
Wellenspiel
Die Wolken zieh’n durch warmen Wind,
Hinaus aufs blaue Meer,
Es scheint, sie eilen fort geschwind,
Der Liebsten hinterher.
Weit draußen, wo der Wellen Kamm
Ganz zärtlich sie ergreift
Und gierig aufsaugt, wie ein Schwamm,
Mit dem sie sich einseift.
Wenn ich doch auch ‘ne Welle wär’,
Und so verliebt wie heut’,
Dann rauschte ich ihr hinterher,
Und hätte nichts bereut!
Kunstfrevel
Manch’ Bilder könnten dir erzählen,
Wie sie sich durch ihr Leben quälen,
Von Krieg und Flucht durch lodernd Feuer,
Nun sag’ noch einer, sie sind teuer!
Wie wir zu einem Ölgemälde des Stettiner Malers Ernst Schwartz kamen
Wie üblich las ich am Sonnabend die „Ostsee-Zeitung” von A bis Z und stieß dabei auf eine Anzeige, dass jemand im Kosegartenweg ein altes Landschafts-Ölgemälde mit Goldrahmen für etwa 300 Mark verkaufen wollte.
Mein Interesse war nicht sonderlich groß, da wir ja bereits über ein Bild im Wohnzimmer verfügten, aber sonderbarerweise wollte Ingrid sich das Bild wenigstens mal ansehen. Ich verschob die Fahrt immer wieder, und bald dachten wir nicht mehr daran.
Aber etwa vier Wochen später schwirrte uns die Anzeige plötzlich wieder im Kopf herum, und ich hatte sogar Lust, mir das Bild anzusehen, obwohl ich eigentlich dachte, es wäre längst verkauft.
Als wir vor dem kleinen Einfamilienhaus hielten und klingelten, öffnete ein Herr, den ich fragte, ob denn das Bild zufällig noch da sei. „Leider ja,” sagte er, es sei allen zu groß gewesen, und er fragte mich, ob ich es mir ansehen wollte.
Es stand aus Platzmangel oder weil es demnächst auf den Sperrmüll sollte schon oder noch in der Veranda. Es war vom Motiv her eigentlich nicht das, was mich interessierte, aber man konnte sich hineingucken.
Das brachte ich auch zum Ausdruck, und da sagte der Herr, „wenn Ihnen das Bild nicht gefällt, könnten Sie doch wenigstens den alten Goldrahmen gebrauchen.“
Er hatte das Bild von seiner verstorbenen Mutter übernommen, hätte aber in seinem kleinen Haus absolut keinen Platz für das recht große Gemälde. Da er offenkundig von Kunst nur wenig verstand und mir das Bild leid tat, wenn es auf dem Müll landete, nur um den Rahmen für irgend etwas zu verwenden, fragte ich ihn, wie viel er dafür haben wollte. Inzwischen war er auf 100 Mark herunter gegangen. Ich war finanziell nicht sonderlich gut auf einen sofortigen Kauf vorbereitet und zählte mein Geld nach. 75 Mark hatte ich dabei und sagte ihm das.
Er war auch mit 75 Mark zufrieden und trug das Bild sofort zu meinem Auto, wohl aus Angst, ich könnte es mir noch anders überlegen.
Ich hatte viel Mühe, das Bild in meinem eigentlich recht geräumigen „Wartburg 353“ zu verstauen, aber irgendwie schafften wir es doch.
Und dann hängten wir das Bild probeweise in unser Schlafzimmer und fanden immer mehr Gefallen daran.
Uns erinnerte es vom Malstil an die Worpsweder Künstlerkolonie, und irgendwann fragten wir eine Museumsmitarbeiterin nach dem Künstler und fühlen uns seitdem als Retter eines wertvollen Kunstwerkes.
Lavendelblüte
Wenn die blaue Welle rollt,
Durch den grünen Garten,
Und die kleine Blattlaus schmollt,
Dann kann niemand warten.
Alles stürzt sich auf die Blüten,
Hummeln, Käfer, Schmetterlinge,
An den Füßen pralle Tüten,
Darin stecken leck’re Dinge.
Der Anarchist
Er macht „nur sein Ding.“
Eigentum verachtet er,
Über das Leben entscheidet er,
Wer ihn bedroht, den hängt er!
Mäander
Verschlungen wie der Recknitz-Fluss,
So ist des Lebens Lauf,
Und macht das Leben mit dir Schluss,
Steigst du zum Himmel ‘rauf!
Wie ich doch noch zu einem Elektroherd kam
1985
So lange hatten wir Gas zum Kochen. Und es ging auch ganz gut damit. Das Malheur fing eigentlich damit an, dass meine Frau eine neue Spüle brauchte. Braune Spülen waren gerade modern, und die alte war auch nicht mehr die beste. Also musste eine neue Spüle her. Wir begaben uns auf Spülensuche. Aber was wir fanden, waren hübsche Dielenschränke, Exportartikel für England, an dem unaussprechlichen Namen „Hawk“ als solche erkennbar, holzfurnierte Spanplatten mit Bleiverglasung, wirklich hübsch, das Stück für 860 Mark. Bei uns sprach man noch nicht von formaldehydverseuchten Spanplatten, die Engländer hatten die Sendung sicherlich deshalb beanstandet. Jedenfalls uns stachen diese Schränke ins Auge. Wir kamen einfach nicht an ihnen vorbei. Die Verkäuferin glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen, als wir ihr klarmachten, dass wir davon drei Stück haben wollten. Nunmehr brauchten wir nicht schlechthin eine neue Spüle, sondern eine zu den Schränken passende. Mit etlichen Abstrichen fanden wir sie dann schließlich auch.
Bis zur Anlieferung der sechs Kisten Bretter vergingen fast vierzehn Tage. Die Spüle war wenigstens vormontiert, lediglich noch die unterschiedlichsten Zu- und Abflussstücke mussten angeschraubt werden. Dazu war die selbst für mich unverständliche Anleitung gedacht. Mir blieb zähneknirschend nur noch übrig, die Spüle erst einmal provisorisch, d.h. über einen Eimer zu betreiben. Aus meinem Betrieb holte ich mir am nächsten Tag das entsprechende Wissen, sodass die Spüle benutzt werden konnte. Als dann auch endlich die drei Dielenschränke in der Küche standen, freuten wir uns an unserem „Esszimmer mit Kochgelegenheit“. Doch dann das böse Erwachen: Wie lange würden die hübschen Schränke den ständigen Gasangriffen standhalten? Wir brauchen unbedingt einen Elektroherd! Dann haben wir auch eine saubere Küche. Aber auf normalem Weg gibt es schon lange keinen Elektroherd mehr. Die Bürokratie hat mittlerweile sämtliche Schleichwege im Gesetzesdschungel geschlossen. Bevor überhaupt ein neuer Herd von der Wohnungsverwaltung genehmigt wird, muss der alte erst einmal gesperrt sein. Das geschah abends bei einer Flasche guten Kognak. Davon hatte der Herd eine defekte Backröhre bekommen und musste deshalb ersetzt werden. Für einen Elektroherd ist aber eine Energiebezugsgenehmigung nötig, und nach Anmeldung gab es vom Energiekombinat einen abschlägigen Bescheid: „Wo Gas ist, muss Gas bleiben, der Tribseer Damm ist ohnehin schon überlastet, ein weiterer Anschluss deshalb unmöglich.“ Nun war guter Rat teuer. Da kam mir der rettende Gedanke, meinen asthmakranken Sohn vorzuschieben. Ich ging also mit Attest vom Arzt und Sperrschein für den alten Gasherd erneut zur Gebäudewirtschaft und fand nun offene Ohren. Der Elektromeister wurde informiert, und drei Wochen später konnten wir elektrisch kochen. Was lehrt uns diese Geschichte? Im Leben kommst du mit Anstand und Ehrlichkeit nur mühsam voran. Die Bürokratie hat zwar die Macht, Genehmigungen auszusprechen oder abzulehnen, aber die revolutionären Umwälzungen werden von der Basis unbürokratisch vollzogen. Und an dem dazu erforderlichen Treibstoff mangelt es zum Glück noch nicht.
Der „Admiral“
Der Admiral führt keine Kriege,
Er hat nur Lust auf süßen Saft,
Und flüchtet selbst vor einer Fliege,
Und wird vom Sturmwind fortgeschafft.
Besser als nichts!
Wer in Zitronen Falten legt,
muss ein Zitronenfalter sein.
Und ewig lockt das Weib
Das Bäumchen biegt sich,
Nicht der Baum,
Des Mannes Sehnsucht formt den Traum,
Dazwischen liegt Glückseligkeit,
Des jungen Burschen beste Zeit!
Unerreichbare Liebe
Die kuschelige Kuhschelle Punsatilla und die stattliche Königskerze Verbascus waren ineinander sehr verliebt. Sie sah bezaubernd aus in ihrem purpurroten kurzen Kleid und dem bis an die Erde reichenden dunklen Haar. An Verbascus bewunderte Punsatilla ganz besonders seinen geraden, kräftigen Wuchs und sein weithin leuchtendes blondes Haar.
Aber sie standen zu weit voneinander entfernt, als dass sie sich in die Arme schließen konnten. Und was sie sich an Zärtlichkeiten auch zuflüstern mochten, der Wind trug es weit weg. Als ihnen eines Morgens nach schlafloser Nacht wieder die Tränen über das Gesicht kullerten, kam plötzlich eine dicke Hummel angeflogen und wischte Punsatilla die Tränen aus ihrem verweinten Gesicht und streichelte sie ganz lieb mit ihren samtweichen Pfötchen. Danach trug sie ihren zarten Duft auf das stolz erhobene Haupt von Königskerze. Er tanzte vor lauter Glückseligkeit stundenlang im Wind, öffnete seine Blüten dabei ganz weit, sodass sich viele Bienen, Käfer und Schmetterlinge auf ihnen niederließen, ihn streichelten und liebkosten und danach zu Punsatillas verlockender Blütenpracht weiterflogen und ihr seine zärtlichen Küsse überbrachten. Und wenn sie inzwischen nicht schon verblüht sind, lieben sie sich noch heute.
Lonely Love
So glücklich, wie ich früher war,
Bin ich nicht mehr, seit ich dich sah!
Dich anzublicken und zu wissen,
Nie schaff’ ich’s, diesen Mund zu küssen,
Dein pochend Herz ertasten,
Fortwerfen bindend’ Lasten,
Einfach von vorn beginnen,
Beraubt mich meiner Sinnen,
Verursacht stechend Schmerz,
Ganz tief im hoffend Herz.
Doch dann geschah das Wunder,
Du stiegst zu mir herunter,
Aus tanzend’ Elfenreigen,
Begleitet nur von Geigen,
Zogs’t du mit festem Griff,
Mich zu dir auf dein Riff,
Und fragtest untertänig,
Als wäre ich ein König,
Ob ich enttäuscht jetzt sei?
Welch töricht’ Spielerei!
Tatsächlich warst du tadellos,
Von Haares Spitze bis zum Schoß,
Das hatt’ ich gerade noch geklärt,
Als mich der laute Wecker stört.
Phasenverschiebung
Hörst du tatsächlich zu,
Nicht nur ‘was raus’?
Deine Meinung dazu
Eilt schneller voraus!
Was kannst du verstehen,
Wenn du gar nichts hörst?
Mein Wort mir umdrehen
Ist, was mich stört!
Man redet im Leben
So vieles dahin,
Doch meist fehlt dem Ganzen
Der tiefere Sinn.
Jetzt muss ich’s dir sagen!
Für mich ist es klar!
Und dann deine Fragen –
Das ist doch nicht wahr!
Aus meinen Gefühlen
Nur dir zugetan
Vertrackte Zwickmühlen,
Da komm ich nicht ran!
D’rum hör mir jetzt zu,
Und hör nicht das raus,
Was ich gar nicht sage,
Sonst ist’s mit uns aus!
Fernseheule
Nach draußen kann ich noch nicht geh’n,
Will nur den einen Film noch seh’n,
Und warum muss ich immer raus?
Die Freunde bleiben auch im Haus!
Stiefmütterchen und Löwenmäulchen
Die beiden Stiefmütterchen sahen gar nicht wie Stief und Mütterchen aus, sondern stolz und löwenmäulig. Groß war der Neid der Geschwister. Stief beugte sich wütend zu Mütterchen und flüsterte ihr ins Ohr: „Bruder Löwenmaul ist eine Gefahr für uns, alle bewundern nur ihn. Wir mögen deshalb schon gar nicht mehr der Sonne ins Antlitz schauen und kümmern vor uns hin. Er muss weg!“
Und weil die Mutter eben stief- und unmütterlich war, stimmte sie zu. Aber je weiter sie ihre langen Hälse in die warme Sonne reckten, um Löwenmäulchen zu ersticken, verloren sie ihr Gleichgewicht und fielen schließlich kraftlos um und vertrockneten. Die Sonne schien jetzt noch viel heller für Löwenmäulchen.
Und wo erst einmal ein Löwenmäulchen wächst, da leben bald noch viel mehr!
Mondscheinsonate
Der Mond streift durch die Wiesen,
Erhellt das schlummernd’ Gras,
Da musst’ er plötzlich niesen,
Nanu, was war denn das?
Da lag im Dämmerscheine,
Umschlungen eng ein Paar,
Es dacht’, es wär’ alleine,
Ihm droht keine Gefahr.
Doch als der Mond nun schreckte,
Das Glück im wogend Gras,
Sie schamhaft sich bedeckte,
Enttäuschung ihn zerfraß.
Das kleine Latinum
Das Leben ist nur noch ‘ne Plage,
Kommst du erst einmal in die Tage,
Kriegst morgens kaum die Augen auf,
Bevor sie zufall’n, hinkst du ‘raus.
Man trifft sich in der Rentnerrunde,
Beim Doktor früh zur Morgenstunde,
Und trägt den Rucksack mittags ‘raus:
Mit deinem Leben ist’s bald aus!
Als junger Bursch’ hast du die Nacht,
Nach deiner Lust zum Tag gemacht,
Und hattest trotzdem kaum Beschwerden,
Es war die schönste Zeit auf Erden!
Warum konnt’s so nicht weiter geh’n,
Und musst frustriert im Spiegel seh’n,
Dass von dir nicht viel mehr geblieben,
Als das, was nun die Ärzte lieben?
„Schlüpferstürmer”
Als nun die Zeit heran gekommen,
Dass man sich eine „Braut” genommen,
Wollt’ ich auch ’mal spendabel sein,
Und füllt’ ihr „Balkanfeuer” ein!
Die Toilettenfrau vom Darß
1985
Wer Prerow besucht, kommt an der neuen Toilette nicht vorbei. Nicht etwa, dass man sie schon von weitem riecht, sondern sie liegt so zentral, nämlich gegenüber der Tankstelle oder neben der Bushaltestelle, man kann sie jedenfalls nicht verfehlen. Zu einer richtigen Toilette gehört auch eine respektable Wärterin. So also auch hier.
Sie passte gerade noch durchs Fenster, durch das sie Kundschaft heran guckte. Ein kleiner Schnack war ihr stets willkommen, und nachdem ihr Gesprächspartner gegangen war, machte ich ihr das Vergnügen, allerdings nicht ohne vorher meinen Ältesten zu bitten, auf gar keinen Fall zu lachen, denn solcherlei Damen sind nicht auf den Mund gefallen, und Ärger wollte ich vermeiden. Folgendes Gespräch entwickelte sich nun am Klofenster: „Guten Tag, ist das hier so ein richtiges Klo mit Wasser und so?“
„Na klar.“
„Also kann man sich hier mal ungestört lösen?“
„Was wollen Sie hier lösen?“
„Ich meine, ob man hier auch gepflegt sch… scheißen kann?“
Das verstand sie sofort und bestätigte es strahlend und wollte sogleich wissen, ob ich selber rauf wollte oder mein Sohn. Ich musste.
Da klagte sie mir mit traurigem Blick ihr Leid. „Sie wissen ja gar nicht, wie schwer es heute ist mit den Leuten, allens wird geklaut, so schnell kann man gar nicht gucken, und zerstört wird allens. Obwohl erst kürzlich eröffnet, sind schon sämtliche Brillens und Deckels bei die Männers kaputt, und sogar die Hähnens sind geklaut und auch einige Ziehers abmontiert!“
Ich versicherte sie meines Mitgefühls und blies kräftig in ihr Horn. Zwischendurch wendete sie hin und wieder ihr Ohr den einzelnen Damenkabinen zu, um sich an den unterschiedlichen Geräuschen, die sie durch jahrelange Praxis unfehlbar deuten konnte, zu orientieren, damit ihr letztlich niemand unbezahlt durch die Lappen gehen konnte. Dann steckte sie vertrauensselig ihren Kopf noch näher zu mir, denn mit so einem gebildeten Herrn ließ man sich gerne sehen, und sagte halblaut: „Jetzt sind die Kabinens frei, Sie dürfen schnell bei den Damens rauf, da ist es sauberer, kommen Sie man schnell rein!“
„Nee“, sagte ich, „das mag ich nicht, das ist mir peinlich, wenn neben mir plötzlich eine Dame ungeniert drauflos wirtschaftet und mich vielleicht hinterher noch sieht und schreit, und Ärger wollte ich ihr ja schließlich auch nicht machen, dann ginge ich lieber in den Wald und setzte mich hinter einen dicken Baum, dann kriegt er gleich frischen Dung und ich kann die schöne Natur genießen. Also nichts für ungut und schönen Dank, ich werde ihr Etablissement weiterempfehlen!“
Das konnte sie natürlich ganz gut verstehen. Dankbar gerührt drückte sie mir unauffällig ausreichend Toilettenpapier in die Hand und erklärte den kürzesten Weg.
Als wir endlich außer Sichtweite im Auto saßen und sie mit dem Nachwinken aufgehört hatte, mussten wir erst einmal lachen über diese gute Seele. Sie wird gewiss noch oft von ihrer netten Bekanntschaft dem ganzen Dorf erzählt haben.
Ergötzliches
Wo Swantevit im Meer versank,
Grün eingerahmt von Meeres Tang,
Da badet heut’ im Mondenschein
Ein wunderschönes Mägdelein.
Sie liebt den sprudelnd’ Meeresschaum,
Des Mondes Weg im lodernd’ Baum,
Das traurig’ Lied der Nachtigall,
Des Jägers fernen Büchsenknall.
Nun gleitet sie vom Stein hinab,
Und ahnt doch nichts von Swantes Grab!
Als sie im dichten Tang verschwand,
Betet der Götze: „Gott hab’ Dank!”
Verletzter Stolz
Hätt’ ich sie einmal nur besessen,
Könnt’ ich sie jetzt vielleicht vergessen,
Doch was ich damals nicht bekam,
Zieht mich noch heute magisch an!
Farbenspiele
Die Welle sich zum Berg auftürmt,
Am Himmel Wolkenherde stürmt,
Die Sonn’ sich bricht in allen Farben,
Das kann man nur im Norden haben!
Urlaubserfahrungen in Wieck
1980
Mit den sogenannten „Einheimischen“ hatten wir als „Wochenendhäusler“ so unsere Probleme. Frühmorgens eile ich zum Bäcker, denn frische Brötchen gehören nun mal zu einem zünftigen Frühstück. Ich bin dann auch der dritte Kunde vor der Ladentür des Bäckermeisters Kummer. Und was passiert nun wohl? So nach und nach kommen die Einheimischen angeschlendert und postieren sich gelassen im Schatten der Urlauber. Aber kaum wird die Ladentür geöffnet, gehen sie stolzen Hauptes an der inzwischen lang gewordenen Schlange vorbei und sind die Ersten im Laden. Und werden selbstverständlich auch bedient. Und nicht nur mit zehn Brötchen, nein einhundert werden eingesackt, und die Verkäuferin belehrt die nun allmählich ihre Fassung verlierenden Urlauber, die ängstlich ihre Brötchen schwinden sehen, dass das Einheimische wären, Berufstätige, die nicht so viel Zeit wie die Urlauber hätten, und schon sind die Brötchen alle. Pech gehabt? Schweinerei, denke ich, in Stralsund gibt es so etwas nicht. Man stelle sich einmal vor, ich als „Einheimischer“ des Tribseer Dammes ginge bei Bäcker Kaschützke an der brav wartenden Schlange aus Knieper-West oder Grünhufe vorbei in den Laden. Man würde mich zu Recht erschlagen! Von Unrechts wegen könnte ich ja in Wieck auch an der Schlange vorbeigehen, denn das Haus, in dem wir Urlaub machen, gehört uns, aber leider ist es eben nur ein Wochenendhaus, und deshalb bin ich eben kein Einheimischer. Und deshalb muss ich mir genau wie alle anderen Urlauber die Brötchen vor der Nase wegschnappen lassen!
Und wie erkennt nun die Verkäuferin die Einheimischen, denn alle und jeden kann sie ja auch nicht persönlich kennen? Das ist ganz einfach, nämlich an deren blasser Gesichtsfarbe, denn die Sonne scheint hier nur für die Urlauber. Oder sollten sich die Einheimischen nicht in die Sonne trauen, weil sie sonst den Urlaubern gleichen würden und sich als Strafe dafür hinten anstellen müssten?
Die neue Nachbarin
Zum ersten Mal sah ich sie nun,
Im Haus gab’s scheinbar nichts zu tun,
Jetzt schlief sie auf der Gartenliege,
Ich dachte nach, wie ich sie kriege!
Sie wecken mit gespiegelt’ Licht,
Das quasi kitzelt ihr Gesicht?
Ihr stechend’ Blick hoch zum Balkon,
Treibt sicher sie vor mir davon.
Wärs besser wohl mit Kirschen zielen,
Die plötzlich hoch vom Himmel fielen?
Das könnt’ sie bloß erschrecken,
So kann man sie nicht necken!
Jetzt weiß ich, wie ich’s machen muss,
Ich spitz’ die Lippen wie zum Kuss,
Und pfeif ganz leis’ ein hübsches Lied,
Mal seh’n, was dann in ihr geschieht:
Schlägt sie verzückt die Augen auf,
Und schaut zu mir aufs Haus hinauf,
Dann heb’ ich ahnungslos die Hand,
Und mach’ mich schnell mit ihr bekannt.
Doch läuft sie blicklos zu sich ‘rein,
Und lässt sich auf’ kein Flirten ein,
Dann hab’ ich’s wenigstens probiert,
Und weiß, dass vorerst nichts passiert!
Bienenschicksal
Vom Blütenduft herbei gelockt,
Hat gierig sie gleich angedockt,
Und während sie den Saft aufsog,
Die Blüte sich zusammen zog,
Hält sie seitdem gefangen,
Als Straf’ für ihr Verlangen.
Wie vom Winde Verweht
Wenn Wind die Haare strähnig weht,
Ist’s für die Umkehr meist’ zu spät!
Meine wichtigste Dienstreise
1988
Getreu meinem Motto: „Wenn jemand mich zu reisen zwingt, dann kostet’s ihn das Leben“, hätte es fast den guten Kumpel bei der VVB, Günther S. umgebracht. Ich drückte mich möglichst vor jeder Dienstreise, die über Berlin hinaus ging. Reisen war beschwerlich und zeitaufwendig, und es kam ohnehin nicht viel dabei heraus. Aber nicht immer wurden die Ausreden vom Chef akzeptiert, so auch in diesem Fall.
Ich musste also in meiner Funktion als Technischer Leiter der Fabrik zu einem „äußerst wichtigen Rapport“ nach Magdeburg fahren. Thema: Stand der Produktions-Vorbereitung, Schwerpunkt fehlende Ausrüstungen und Ersatzteile der Bereiche A, B und C. Es war eine der üblichen Pflichtübungen, bei der unsere VVB zum wiederholten Male abfragte, was noch alles zur Produktionsbereitschaft in unseren Betrieben fehlte, uns aber in den seltensten Fällen wirklich helfen konnte, immer in der Hoffnung, vieles erledigte sich in der Zwischenzeit von alleine.
Im Ergebnis solcher Beratungen forderte die VVB regelmäßige Berichte an, aus denen unsere Aktivitäten zur Beschaffung der Fehlteile kontrolliert werden konnten. Daraus resultierte schließlich, dass immer nur die allergrößten Probleme benannt wurden, um unsere Arbeit zu minimieren. Denn lösen mussten wir unsere Probleme letztlich doch selbst. Ich hätte also keine Probleme, erklärte ich S. am Telefon, und wollte deshalb den Tag lieber in der Fabrik nutzen. Aber er bestand auf meiner Anreise. Es sollte eine Reise mit Hindernissen werden. Natürlich hatte der D-Zug reichlich Verspätung, sodass ich viel zu spät ankam. Beim Hochlaufen ins Beratungszimmer stieß ich auf der Treppe fast mit dem herunterstürmenden S. zusammen, denn seinen Zug wollte er meinetwegen nicht verpassen. Ich erklärte kurz den Grund meines Zuspätkommens – was sollte er gegen höhere Gewalt auch sagen –, und er schlug vor, zusammen in der Straßenbahn zum Bahnhof zu fahren und dabei das Protokoll anzufertigen.
Gesagt, getan, ab ging es im Sturmschritt zur Straßenbahn, rein kommen wir gerade noch mit hängender Zunge, nur sein rechter Arm mit Koffer daran nicht mehr, weil sich inzwischen die Tür geschlossen hatte. Als ich schließlich erkannte, warum er mit schmerzverzerrtem Blick sich krümmte, zog ich die Notbremse. Laut kreischend gab es einen heftigen Ruck und die Bahn stand. Alles flog nach vorne und schrie. Als sich das Chaos legte, erforschte der Straßenbahnfahrer die Ursache. Ich kam nicht umhin, mich zu melden. Meine Personalien wurden notiert und natürlich die von S., der als Verursacher der Notbremsung eingestuft wurde, weil er nach Ertönen des Abfahrsignals noch eingestiegen sei, sonst hätte er nicht eingeklemmt sein können. Die Schuldfrage war endlich geklärt, und die Bahn setzte ihre Fahrt fort, die Strafe sollte auf dem Postweg zugestellt werden. An einen vernünftigen Rapport war nun nicht mehr zu denken, sondern S. fragte nur noch entnervt, Probleme habt ihr in S. doch nicht, und wenn dir etwas einfällt, rufst du mich morgen an, ich mache dann das Protokoll fertig. Die Straßenbahn hielt vor dem Bahnhof, jeder rannte zu seinem Zug, S. sah während der Fahrt seinem Strafmandat entgegen, ich fluchte auf der langen Rückfahrt vor mich hin über diese sinnlose Fahrt und wurde erst wieder froh, als ich mir vorstellte, dass nach diesem Erlebnis auch dem hartgesottensten Bürokraten vorerst die Lust auf derlei Abfragespielchen vergangen sein und ich bis zur nächsten Reise wohl eine längere Pause haben würde. Dennoch, die nächste „wichtige Dienstreise“ kam planmäßig.
Gedanken eines Schichtarbeiters
Du hast es gut!
Liegst lieblich im Bett.
Mich packt die Wut,
G’rad’ jetzt muss ich weg!
Die Straßen ganz leer
Man fühlt sich allein,
Und weit ist’s nicht mehr:
Hier muss ich hinein.
Geblendet vom Licht
Hellwach durch den Lärm,
Das ist meine Schicht,
Wie bist du mir fern!
Ich geh durch die Räume
Vergleich’ Parameter,
Verblichen die Träume
Verschoben auf später.
Es dampft und es brodelt,
Es riecht, es ist heiss,
Die Maschine laut jodelt,
Der Zucker schneeweiß.
Jetzt endlich die Pause,
Man sitzt und man lacht
Und denkt an zu Hause,
An die Liebste bei Nacht.
Doch bald naht der Morgen
Die Schicht ist vorbei,
Weg sind alle Sorgen,
Die Seele ist frei.
Allein dann im Bette
Du längst aus dem Haus,
Es gilt jede Wette,
Du kommst, ich muss raus.
Wie schön wär das Leben
Könnt nur frönen der Lust,
Zum Glück naht der Schlaf
Und befreit mich vom Frust.
Und im Traum wird vollbracht
Wozu sonst keine Zeit,
Bis du weckst mich ganz sacht:
Es ist wieder so weit!
So vergeht Woche für Woche
Unwiederbringlich die Zeit,
Und wofür ich maloche
Ist von mir ganz weit.
Tatsache
Selbst die allergrößte Mauer
Hält langfristig und auf Dauer
Die Eingesperrten nicht auf,
Zu ändern ihres Lebens Lauf!
Wirklich auf das falsche Pferd gesetzt?
Deutschlands Zukunft liegt im Osten,
Darum scheuet keine Kosten!
Wie aus „unserem großen Bruder“ wieder „ein Russe“ wurde
Immer, wenn die in der Volkswerft für „den großen Bruder“ gebauten Supertrawler zu ihrer Garantiereparatur in der Werft lagen, versuchte die Besatzung, sich etwas Geld dazu zu verdienen. So einfach war das gar nicht, aber über einen sogenannten „Freundschaftsvertrag“ war manches möglich.
Natürlich hatten wir auch einen Freundschaftsvertrag mit einem Fischdampfer.
In der Hochsaison arbeiteten nun einige „Freunde“ im Lager und stapelten die schweren Säcke. Meistens sonnabends und sonntags in ihrer Freizeit.
Bei unserem morgendlichen Rapport berichtete ich nun über den vergangenen Arbeitstag vor dem Direktor und sagte u. a., dass die „Russen“ so und so viele Waggons beladen hätten.
Böse funkelte mich daraufhin der Direktor an und korrigierte mich energisch: „Das sind keine Russen, sondern unsere sowjetischen Freunde.“
Auf den Kopf gefallen war ich nicht gerade und erwiderte unbeeindruckt: „Doch, das waren Russen aus Leningrad.“
„Walter der Erste“ hatte seinerzeit lauthals in seinem unverwechselbaren Dialekt verkündet, dass der Sozialismus „siechen“ wird, was sich planmäßig 1989 bestätigte.
Die „Partei hatte also wieder einmal Recht!“
Vom „großen Bruder“ war schlagartig nichts mehr zu hören und bald auch nichts mehr zu sehen. Der Vielvölkerstaat Sowjetunion hatte aufgehört zu existieren, und stolz erhoben nun wieder Russen, Weißrussen, Ukrainer und all die anderen Völker ihr Haupt. Aber das war auch alles. Aus einem mächtigen Staat wurden über Nacht viele arme Länder.
Und was wurde aus der DDR, dem treuesten Bruder des einst so mächtigen Staates?
Unsere richtigen Brüder aus der BRD nahmen sich aufopferungsvoll und in deutscher Gründlichkeit ihrer „armen Brüder und Schwestern im Osten“ an.
Total! Keinen Widerspruch duldend.
Alles wurde anders.
Auch das, was nicht unbedingt anders werden musste.
Und nun haben wir keinen „großen Bruder“ mehr als Klotz am Bein, dafür aber einen „reichen Bruder“ als Zugmaschine für den „Aufschwung Ost.“ Weil wir aber so undankbar und aufmüpfig sind, droht er uns ganz unbrüderlich, den Geldhahn zuzudrehen.
Soll so etwa ein zweites Mal eine Bruderliebe enden?
Einen dritten Bruder können wir allerdings beim besten Willen nicht mehr verkraften!
Akt
Am Ufer ausgestreckt,
Nur von der Sonne genommen,
Stockte mein Blut,
Von ihrer Schönheit benommen,
Und auch mein Schritt,
Unsicher und leise,
Wollte nicht stören
Ihre zeitlose Reise.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.