Kitabı oku: «Quadriga-Liebe»
Inhaltsverzeichnis
Impressum 5
Vorwort 6
Die Protagonisten 7
Prolog 8
Teil 1 - Ich will Dich! 10
1. Leo 10
2. Lydia 14
3. Tina 18
4. Sven 23
5. Leo 25
6. Lydia 28
7. Tina 31
8. Sven 33
9. Leo 36
10. Lydia 39
11. Tina 42
12. Sven 45
13. Leo 48
14. Lydia 51
15. Tina 55
16. Sven 59
17. Marie 62
18. Leo 64
19. Lydia 67
20. Tina 69
21. Sven 72
22. Leo 75
23. Lydia 78
24. Tina 81
25. Sven 83
26. Leo 85
27. Lydia 88
28. Tina 90
29. Sven 93
30. Leo 95
31. Lydia 97
32. Tina 99
33. Sven 101
34. Leo 103
35. Lydia 106
36. Tina 109
37. Sven 112
38. Leo 114
39. Lydia 116
40. Tina 119
41. Sven 122
42. Leo 125
43. Lydia 129
44. Tina 132
45. Sven 135
46. Marie 138
47. Leo 141
48. Lydia 143
49. Tina 147
50. Sven 150
51. Leo 153
52. Lydia 155
53. Tina 158
54. Sven 161
55. Marie 164
56. Tina 166
57. Sven 172
58. Leo 177
59. Lydia 182
60. Marie 186
Teil 2 - Ich will Dich nicht! 190
61. Tina 190
62. Lydia 193
63. Leo 196
64. Sven 198
65. Tina 201
66. Lydia 204
67. Leo 206
68. Sven 208
69. Tina 212
70. Lydia 216
71. Leo 219
72. Sven 221
73. Tina 224
74. Lydia 226
75. Leo 229
76. Sven 233
77. Lydia 235
78. Tina 237
79. Leo 239
80. Sven 241
81. Lydia 243
82. Tina 247
83. Leo 250
84. Sven 253
85. Lydia 256
86. Tina 260
87. Marie 263
Teil 3 - Ich will Dich doch! 265
88. Leo 265
89. Sven 269
90. Lydia 272
91. Tina 276
92. Leo 278
93. Sven 281
94. Marie 283
95. Lydia 285
96. Tina 287
97. Leo 289
98. Sven 291
99. Lydia 293
100. Tina 295
101. Leo 298
102. Sven 303
103. Lydia 306
104. Tina 309
105. Leo 312
106. Sven 314
107. Lydia 317
108. Tina 319
109. Leo 322
110. Sven 324
111. Lydia 326
112. Tina 328
113. Leo 330
114. Sven 333
115. Lydia 335
116. Tina 337
117. Leo 340
118. Sven 343
119. Lydia 346
120. Tina 348
121. Leo 351
122. Sven 353
123. Lydia 356
124. Tina 358
125. Leo 360
126. Sven 363
127. Marie 364
Danksagung 365
Leseprobe aus dem ersten Buch 366
Prolog 367
Teil 1 - Wörter-Diebe 370
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-123-2
ISBN e-book: 978-3-99131-124-9
Lektorat: Alexandra Eryiğit-Klos
Umschlagfoto: Lembit Ansperi, Pixelliebe, Shvector, Danflcreativo, Davidstiller, Jonatan Stockton, Chetsadakorn Nakhammoon | Dreamstime.com
Layout & Satz: Jove Viller
www.novumverlag.com
Vorwort
Die in diesem Buch erzählte Geschichte ist rein fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Die Protagonisten
Die Protagonisten in diesem Roman in alphabetischer Reihenfolge sind:
Leo: 29, Softwareentwickler, lebt in München noch bei seinen Eltern und fährt gern Motorrad
Lydia: 28, Mediendesignerin, stammt aus Dresden, wohnt seit fünf Jahren in einer WG in München
Marie: 29, Lehrerin in Münster, hat einen kleinen Sohn, lebt aber mit dessen Vater nicht zusammen
Sven: 32, selbstständiger Fotograf und Videograf, wohnt in Hamburg-Stern-schanze und ist beruflich viel unterwegs
Tina: 27, Assistentin des Geschäftsführers in einem Beratungsunternehmen, lebt im Hamburger Stadtteil Eppendorf
Prolog
„Was kann ich Ihnen beiden anbieten?“, fragte die Stewardess.
Er: „Für mich einen Tomatensaft, bitte.“
Sie: „Ich hätt gern einen Kaffee mit Milch.“
„Bitte sehr.“
Sie: „Hat die uns jetzt für ein Paar gehalten?“
Er: „Das kam mir auch so vor. Aber wär das so schlimm?“
Sie: „Was meinst du? Suchst du eine neue Freundin?“
Er: „Nein, bin grad auf dem Weg zu meiner derzeitigen Freundin in München.“
Sie: „Na, so ein Zufall, ich fliege auch übers Wochenende zu meinem Freund.“
Er: „Vielleicht sehen wir uns dann auf dem Rückflug wieder. Wann geht dein Flieger am Sonntag?“
Sie: „Ich flieg um 16:15 Uhr zurück. Hab am Sonntag abends noch eine Verabredung mit einer Freundin in Hamburg.“
Er: „Dann passt es nicht, ich nehm den späten Flieger am Sonntagabend.“
Sie: „Was macht ihr denn am Wochenende in München?“
Er: „Wir gehen morgen eine Fotoausstellung besuchen und am Abend sind wir mit Freunden in einem Club verabredet. Und ihr?“
Sie: „Wir wollen morgen Abend ins Kino und den neuen ‚Spider-Man‘ anschauen. Sonst weiß ich nicht, was Leo noch geplant hat.“
Er: „Stehst du auf Spider-Man-Filme?
Sie: „Ja, schon ein wenig. Mich interessiert vor allem die Handlung. Leo ist mehr an der grafischen Umsetzung interessiert.“
Er: „Das würde mich auch mehr interessieren. Ich bin Fotograf und Kameramann und würde gern mal an solch einem Film mitarbeiten. Aber leider mach ich meist nur so stinknormale Reportagen.“
Sie: „Was sind das denn für Reportagen, bei denen du filmst?“
Er: „Sehr oft mache ich kurze Beiträge für Panorama, da komme ich natürlich viel rum und berichte zusammen mit anderen Kollegen über aktuelle Themen. Aber manchmal mache ich auch ganze Filme. Im letzten Herbst war ich mit einer Kollegin aus Köln eine Woche in Südtirol unterwegs. Da haben wir einen 45-Minuten-Film über einen Fotografen gedreht, der seine Bilder auf großen Glasplatten macht. Er fotografiert alte Menschen und Berge und diese Bilder sind dann Unikate, die demnächst in einer Ausstellung gezeigt werden. Das hat großen Spaß gemacht und der Fotograf war wirklich nett.“
Sie: „Das klingt ja spannend. Da bist du sicher viel unterwegs und am Wochenende fliegst du immer nach München?“
Er: „Wenn’s geht, aber manchmal kommt Lydia auch zu mir. Vor zwei Wochen war sie da und wir haben uns Tina angeschaut.“
Sie: „Das Musical von Tina Turner? Und wie war das?“
Er: „Mega. Ich bin ja nicht so ein Fan ihrer Musik, aber Lydia steht da drauf. Sie war ganz hin und weg.“
Sie: „Ich wollte mit Leo auch schon mal hingehen, aber das haben wir noch nicht geschafft.“
Er: „Ich find, das lohnt sich wirklich.“
„Verehrte Passagiere, wir haben unseren Landeanflug nach München begonnen. Bitte schnallen Sie sich wieder an, schalten Sie Ihre elektronischen Geräte aus und verstauen Sie sie. Klappen Sie die Tische hoch, stellen Sie die Rückenlehnen senkrecht und öffnen Sie die Sonnenblenden.“
Er: „Das ist ja jetzt schnell gegangen. War nett, mit dir zu plaudern.“
Sie: „Fand ich auch. Ich wünsch dir ein tolles Wochenende.“
Er: „Ich euch auch:“
Sie: „Man sieht sich.“
Er: „Ciao.“
Teil 1 - Ich will Dich!
1. Leo
Bin gespannt, wie die Blonde wirklich ausschaut. Wir haben ein paar Mal hin und her geschrieben und dann wollte sie mich treffen. Auf dem Foto schaut sie ja ganz super aus. Hoffentlich ist das im realen Leben auch so. Wenn ich so dran denke, was mir da alles schon passiert ist. Sofie, die Letzte, die ich über Tinder kennengelernt hatte, war ein absoluter Reinfall. Ihr Bild war toll gewesen, aber die muss einen guten Fotografen haben. Denn als wir uns treffen wollten, klappte mir die Kinnlade runter. Ich hätt sie fast net erkannt. Und daher blieb es auch bei einem Kaffee, den wir im „Cotidiano“ getrunken haben. Ich glaub, sie war sehr enttäuscht, denn ich war sicher nicht der Erste, der sich so schnell von ihr verabschiedet hat. Diesmal habe ich mich mit Ariane im „Café Rischart“ am Marienplatz verabredet. Das liegt schön zentral, und wenn’s passt, können wir leicht von dort woanders oder zu mir nach Hause in Neuhausen fahren. Denn meine Eltern sind heute unterwegs. Ich weiß noch nicht, wo sie wohnt, aber vielleicht …
Das Rischart ist ein Traditionshaus, bekannt für seine herrlichen Mehlspeisen. Es wurde modern renoviert und ist in der Gegend total angesagt, also ideal für ein erstes Date. Ich möchte natürlich Eindruck schinden und bin eine Viertelstunde vor dem vereinbarten Zeitpunkt da. ‚Ist es jetzt besser, einen Platz auszusuchen, wo wir ein bisschen versteckt sind, um für Stimmung zu sorgen, oder wähle ich besser einen zentralen Platz aus, damit sie mich einfach schnell findet? Ach, da hab ich doch schon den perfekten Mittelweg entdeckt, einen Platz am großen Schaufenster, wo wir ein wenig abgeschieden sitzen, mit feinem Blick über den Marienplatz, aber vom Eingang kann sie mich auch gleich sehen.‘ Während ich auf sie warte, trinke ich nur Wasser. Das ist auch gut gegen den trockenen Mund. ‚Interessant, es ist doch immer wieder ein wenig Aufregung dabei, obwohl das eigentlich keine neue Situation für mich ist.‘
Da …! Eine Blondine öffnet die Tür und schaut sich unsicher um. Ist sie das? Könnte schon sein. Frisur stimmt. Eine Ähnlichkeit mit den Fotos würde ich schon erahnen. Als sie tatsächlich in meine Richtung kommt, denke ich noch, dass sie aber in Tinder schlanker gewirkt hat. Da schwebt sie auch schon an mir vorbei zu dem Typen zwei Tische weiter hinten. Als ich mich nach dem Irrtum gerade wieder fange, steht sie plötzlich vor mir, kein bisschen unsicher, im Gegenteil. „Hi Leo, ich bin Ariane! Toller Platz hier, ich hab dich gleich gefunden!“, strahlt sie und setzt sich zielsicher auf den Platz mir gegenüber. Also schüchtern ist sie wirklich nicht. Im Chat hat sie ja schon angedeutet, dass sie eine Person ist, die weiß, was sie will. Nach ihrem Auftreten zu urteilen, kann ich ihr das gut glauben. „Hi! Schön, dass du da bist! Find ich echt mega, dass das so geklappt hat“, begrüße ich sie und realisiere, dass ihre Fotos kein Fake waren. Unglaublich hübsch, die Frau! Das blonde, lange Haar fällt über ihre Schultern. Ein paar Strähnchen spielen kess um ihr Gesicht. Die modische Brille mit dem roten Rahmen bringt ihre leuchtend blauen Augen stark zur Geltung. Sie lächelt amüsiert und will gleich wissen: „Gibt’s denn hier Bedienung? Mir wäre nach einem starken Kaffee!“ Ein beflissenes „Ja klar“ huscht über meine Lippen und ich winke der Kellnerin. „Möchtest du Kuchen dazu oder etwas anderes?“ „Oh nein, danke, nur Kaffee bitte. Wir wollen ja auch nicht zu lang hierbleiben, oder?“ Sie zwinkert mir zu und blickt mir tief in die Augen. ‚Na gut, dann gibt es für mich eben auch nur Kaffee. Ist doch klar …‘ Ich bestelle zwei Espressi, die auch prompt serviert werden.
Ich bin normalerweise auch sehr selbstsicher und weiß mich gut zu präsentieren. Aber diese Dame setzt mir gerade einen Spiegel vor, der mich ein wenig zum Nachdenken bringt. Also versuche ich noch ein bisschen Small Talk, um nichts zu überstürzen und vielleicht doch noch hier die Oberhand zu gewinnen. Mal sehen … „Du hast echt coole Fotos ausgesucht, finde ich. Sie zeigen dich so, wie du bist, sehr hübsch und elegant. Und der Chat mit dir ist spannend. Ich habe mich sehr auf unser Date gefreut!“ „Oh, das Kompliment kann ich zurückgeben“, „meint Ariane, „deine Fotos sind auch vielversprechend, und ich muss sagen, ich bin nicht enttäuscht. Dein wuscheliges dunkles Haar und der Bart … etwas mehr als drei Tage würde ich schätzen … passt gut zu deinem südländischen Typ. Sag, bist du echt von hier?“ Ich muss lachen, denn diese Frage habe ich schon öfter gehört. „Klar bin ich von da. Bin in München geboren und i sag’s glei – meine Eltern sind auch beide Einheimische.“ „Na, dann bist du ihnen aber sehr gut gelungen“, lacht sie und trinkt den letzten Schluck ihres Kaffees. „So, was wollen wir jetzt anstellen?“, fügt sie nahtlos hinzu. „Gehen wir zu dir oder zu mir?“ ‚Ich hab mir schon gedacht, dass die Frau es eilig hat …‘ „Tja“, muss ich da loswerden „bei mir ist es nicht so einfach. Ich wohne noch bei meinen Eltern. Ich weiß, das hätte ich vielleicht früher erwähnen sollen, aber auf Tinder wollte ich das net schreiben.“ „Oh, na, dann müssen wir wohl drei Stationen mit der Straßenbahn fahren. Ich wohne nicht so weit weg von hier. Oder bist du mit dem Auto da?“ „Nein, ein Auto habe ich nicht. Ist bis jetzt nicht notwendig. Mal sehen, vielleicht im nächsten Jahr“, überspiele ich die nächste kleine Unsicherheit. Auf dem Weg zur Bahn prescht sie nach vorn: „Du wohnst noch bei Mami? Du bist doch schon 29. Was läuft da schief?“ „Nichts läuft schief“, rechtfertige ich mich, „mir geht’s gut zu Hause. Ich habe meine kleine Wohnung mit eigenem Zugang von außen und kann machen, was ich will. Nur mit Damen-besuchen ist es halt nicht so leicht, weil meine Mutter meistens zu Hause ist. Die kriegt dann alles mit.“ Dass ich wieder zu Hause eingezogen bin, als ich mich von meiner Freundin getrennt habe, muss ich Ariane ja nicht erzählen. Ich werde das Gefühl nicht los, wir werden nicht alt miteinander.
Sie wohnt in einer kleinen Wohnung in einem Mietshaus. Ich weiß nur, dass das Vorzimmer recht klein und eng ist. Mehr habe ich nicht gesehen. Während die heiße Braut ins Schlafzimmer vorausgeht, ruft sie mir zu: „Rechts hinten ist das Bad. Da kannst du dich schon mal bereit machen. Hast du Kondome mit?“ Das war’s! Leise schließe ich hinter mir die Tür, laufe die zwei Stockwerke hinunter und sehe zu, dass ich Land gewinne. Vielleicht schreibe ich ihr später eine Entschuldigung … oder auch nicht.
2. Lydia
„Wohin gehst du so aufgepimpt?“ fragt mich Wolfgang, mein Zimmernachbar, am Samstagabend, als ich die Wohnung gerade verlassen will. Der ist manchmal echt nervig, ständig wuselt er um mich rum. Hat wohl irgendwie ein Auge auf mich geworfen. Muss ihm mal sagen, dass ich ihn zwar nett finde, aber mehr auch nicht. Soll er es doch bei Lisa versuchen, der Dritten in unserer WG, vielleicht hat er da mehr Erfolg. „Ich bin mit einem Kollegen verabredet, bin schon spät dran“, antworte ich und dann nichts wie durch die Tür. Draußen kann ich meinen Schritt wieder auf normal ändern, denn ich habe Zeit genug. Drei Stationen mit der U1 bis zum Hauptbahnhof und dann noch ein Stück Fußweg, dann sollte ich rechtzeitig im Harry Klein ankommen, wenn sie grad öffnen. Sonst ist ja Techno nicht so mein Ding, aber am Donnerstag, als ich mich mit Frank im Büro unterhalten habe, hatte er vorgeschlagen, sich dort zu treffen. Vielleicht wird das ja ein cooler Abend, denn Frank ist ganz nett. Allerdings wird man sich dort kaum unterhalten können. „Guggn mer mal“, wie sie in meiner Heimat sagen.
Als ich im Harry Klein ankomme, ist es noch nicht ganz elf und einige Leute warten schon vor der Tür. Frank ist nicht dabei. ‚Also der Pünktlichste ist er schon mal nicht‘, denke ich bei mir, da öffnen sie die Tür zum Club und ich gehe mit den anderen Wartenden hinein. Sofort werde ich von lauter Musik und Videos umschwirrt und ich setze mich erst mal an die Bar. „Was magst du trinken?“, fragt der Barkeeper. „Einen Hugo, bitte.“ ‚Das sollte als Einstieg passen. Weiß eh noch nicht, wie lange ich bleiben werde.‘ Ich denke ein bisschen über Frank nach. Ich kenne ihn ja schon länger, aber erst am Donnerstag beim Meeting mit dem Team für die geplante neue Fernsehsendung sind wir ein bisschen ins Gespräch gekommen. Genau genommen, danach. Denn er fragte mich am Ende der Besprechung, ob er mit mir noch etwas bereden könne, und lud mich ein, am Automaten schnell einen Kaffee zu trinken. Nach der Klärung des dienstlichen Problems (das ich jetzt gar nicht so dringend fand, das hätten wir meiner Meinung nach auch per E-Mail oder telefonisch erledigen können) fragte er mich, ob ich Lust hätte, mal mit ihm auszugehen. „Wie wär’s am Samstagabend bei Harry Klein?“, meinte er, als ich nicht sofort geantwortet hatte. Ein bisschen überrumpelt sagte ich: „Das ist so ein Technoladen, oder?“ „Ja, magst du das nicht?“ „Techno, na ja. Aber Harry Klein kenne ich nicht, dann lerne ich den Schuppen und dich halt dort ein bisschen näher kennen. Also abgemacht.“ Frank ist sicher ein bisschen älter als ich, sieht gut aus und ist charmant, wie ich bei diversen internen Besprechungen festgestellt habe. Warum sollte ich also nicht mal ein Date mit ihm haben? Wer weiß, nachher ist er sogar netter, als ich denke, und wir kommen uns näher …
Plötzlich steht er neben mir und begrüßt mich mit Küsschen rechts und links. Die Lautstärke der Musik ermöglicht keine großen Dialoge, außer: „Na, wie geht’s?“ „Gut, danke.“ Seine nächste Frage muss er zweimal stellen, bevor ich ihn verstehe: „Gefällt es dir hier?“ „Der Club ist ganz nett, aber mir sind die Bässe zu laut.“ „Willst du lieber woandershin?“, versucht er mir verständlich zu machen, aber ich schüttele nur den Kopf. „Magst du tanzen?“ „Ja, sicher, reden geht ja hier eh schlecht.“ Also gehen wir zur Tanzfläche, auf der zu dieser frühen Stunde noch Platz ist. Frank scheint diese Musik wirklich zu mögen, denn ich habe den Eindruck, dass er sich schon nach kurzer Zeit von dem Sound wegtragen lässt. Ich versuche das auch, aber mir will das nicht so recht gelingen. Ich bin eher Fan von Classic Rock oder Grunge, dieses elektronische Technogehämmer löst bei mir eher keine Ekstase aus, wie bei manch anderen. Irgendwann ist Frank wieder auf der Erde angekommen und wir gehen zurück an die Bar. „Wollen wir mal nach draußen gehen?“, fragt er. „Ja klar, da kann man besser reden.“ „Das auch, aber da kann ich eine rauchen.“ Oh, Minuspunkt. Rauchen ist nix für mich. Mein Onkel ist vor einigen Jahren mit 56 an Lungenkrebs gestorben, was bei mir immer noch nachhaltig dafür sorgt, dass ich weder selbst rauchen will noch Verständnis dafür habe, dass andere diesem Laster frönen. Gegen Laster habe ich grundsätzlich nichts, aber rauchen? Igitt!!!
Frank bietet mir draußen eine Zigarette an und ich schüttele nur den Kopf. Irgendwie hat mir das ein wenig die Laune verdorben. „Was ist mit dir?“, fragt er. „Ach, nichts weiter, ich mag Rauchen nicht.“ „Rauchen oder Raucher?“ „Beides!“, antworte ich wohl etwas zu schnell und mit Ablehnung in der Stimme. „Dann hab ich jetzt wohl schlechte Karten bei dir?“ „Wieso, wofür hättest du denn gern gute Karten?“ „Na, ich dachte, wir haben einen schönen Abend und vielleicht mehr.“ „Wie mehr? Wolltest du mich gleich abschleppen?“ „Du gefällst mir sehr, aber ich kann auch geduldig sein.“ „Du meinst bis zum zweiten Date oder was?“ „Nein, ich meine, wir sollten uns zuerst ein bisschen näher kennenlernen.“ „Ja, dann fang mal an, mich kennenzulernen, und erzähl auch was von dir.“ „Was interessiert dich denn?“ „Ich würde gern wissen, ob du außer Rauchen noch andere Laster hast.“ „Na ja, ich trinke Alkohol, aber nicht dauernd, ich könnt sicher etwas mehr Sport machen, aber dazu bin ich oft zu faul, und ich hätte gern eine feste Beziehung.“ „Betrachtest du eine feste Beziehung als Laster?“ „Nein, aber meinen Wunsch danach. Denn bisher haben die meisten Frauen, die ich kennengelernt habe, das eher abgelehnt.“ „Vielleicht weil du gleich mit der Tür ins Haus fällst.“ „Ja, und du, was wünschst du dir?“ „Ich wünsch mir manchmal einen Mann, der mich nicht nur attraktiv, sondern auch intelligent findet und der nicht nur mit mir ins Bett will, sondern mich respektiert und akzeptiert.“ „Und so jemand hast du noch nicht gefunden?“ „Na ja, ich hatte vor einigen Jahren in Dresden mal eine Beziehung, die länger dauerte und bei der ich das Gefühl hatte, das könnte gut passen. Aber dann bin ich nach München umgezogen und er halt nicht, wir haben uns noch ein paar Mal gesehen, aber dann aus den Augen verloren. Und hier scheine ich bisher kein Glück zu haben.“ „Hm, verstehe. Denkst du, wir sollten mal versuchen, wie das bei uns ist?“ „Du, das geht mir jetzt zu schnell, wir gehen zum ersten Mal aus und da fragst du mich gleich so was. Vielleicht ist das ja deine Masche, um Frauen ins Bett zu kriegen.“ „Ja, klar, könnte man denken. Aber dann lass uns noch irgendwo was trinken, wo es leiser ist, wir reden ein bisschen und dann geht jeder nach Hause. Wie klingt das für dich?“ „Das ist okay. Wo wollen wir hin?“
3. Tina
Heute ist so ein Samstagabend, an dem ich in meinen vier Wänden nicht so zufrieden bin wie sonst. Eigentlich liebe ich meine Wohnung auf der Eppendorfer Landstraße im Hamburger Stadtteil Eppendorf. Ich lebe seit drei Jahren hier und habe mir alles so eingerichtet, wie ich es mir gewünscht habe. Der Verkäufer im Möbelhaus Hamburg tut mir heute noch leid, wenn ich daran denke, wie ich den gelöchert habe, bis ich alles so hatte, wie ich es wollte. Ich habe sogar meinen Couchtisch zweimal zurückgeschickt, weil er mir dann in der Kombination mit den anderen Möbeln doch nicht gefallen hat. Der dritte ist nun das Herzstück des Wohnzimmers mit seiner ausgefallenen Form. Er sieht aus wie ein großes halbes Ei in naturweißer Farbe, die gerade Oberfläche ist in verschiedenen Brauntönen gestrichen. Der Tisch passt einfach traumhaft zu der orangebraunen Eckcouch. Ich steh total auf Vintage-Möbel. Manche meiner Freunde meinen, ich hätte einen eher altmodischen Geschmack mit meinen 27 Jahren. Aber das sehe ich nicht so. Ich finde, das hat Stil und ich fühle mich hier geborgen.
Aber heute plagen mich nach langer Zeit wieder einmal Gedanken, die mich daran erinnern, dass dieses Geborgenheitsgefühl täuscht. Vielmehr bin ich hier mutterseelenallein und grüble vor mich hin, was denn bei meinen Beziehungen falsch läuft. Ich habe einen tollen Job und einen ansehnlichen Verdienst. Wenn ich den vielen Komplimenten glauben darf, die ich bekomme, sehe ich nicht übel aus. Für eine Steinbockfrau bin ich recht umgänglich, glaube ich wenigstens. Angeblich neige ich ein wenig zum Klammern und Bevormunden, das könnte sein. Aber vielleicht gibt es ja irgendwo jemand, der auch seiner Partnerin gerne nah ist und der es vielleicht auch genießt, manchmal umsorgt zu werden. Es kann doch nicht immer so weitergehen mit diesen kurzen Episoden und Enttäuschungen.
Da fällt mir eine Liaison letzte Woche ein, die schon sehr witzig begann, sich dann aber nur als One-Night-Stand herausstellte. Ich bin in der Firma in verschiedenen WhatsApp-Gruppen, die wir immer einrichten, wenn wir an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Letzte Woche war ich ausnahmsweise mit dem Auto auf dem Weg zur Arbeit, weil wir eine Konferenz mit dem ganzen Team und mehreren Vertretern des Kunden aus dem Projekt „TWINGO“ hatten. Als Location hatte ich die Römitzer Mühle in Ratzeburg ausgesucht. Ich war also gegen 8:30 Uhr auf der A 24 auf dem Weg Richtung Ratzeburg. Kurz vor dem Kreuz Hamburg-Ost plötzlich ein Stau. Und ein richtiger. Alle Autos stehen und nichts geht mehr. Ich nehme also mein Handy und schreibe in die WhatsApp-Gruppe TWINGO:
Moin, so ein Mist, stehe auf der A 24 im Stau. Hoffe, ich schaffe es noch pünktlich.
Es dauert nicht lange, da schreibt Carsten aus der Gruppe, den ich nicht persönlich kenne, denn er arbeitet in unserem Büro in Düsseldorf:
Ja toll, ich steh auch auf der A 24 im Stau. Da können wir die Konferenz ja von hier aus weiter vorbereiten.
Carsten, das ist eine Idee. Wo stehst Du denn?
Kurz vor dem Kreuz Hamburg-Ost.
Ich auch. Was für ein Auto fährst Du?
Einen flotten 3er in Schwarz.
Hihi, mit einem D vorne drauf?
Ja, genau.
Ich fahre ein weißes Saab Cabrio.
Das gibt’s ja nicht, stehst Du auf der rechten Spur? Dann schau mal in den Spiegel. Ich bin auf der linken ein wenig versetzt hinter Dir.
Hihi, das ist ja irre. So hab ich noch nie jemand kennengelernt. Bist Du heut früh in Düsseldorf losgefahren?
Ja, um halb 4 und bis Hamburg lief es einigermaßen gut. Wieso muss es jetzt auf den letzten 50 km noch zum Stau kommen? Weißt Du, was da los ist?
Nein, das Navi zeigt den Stau an, der scheint ein paar km lang zu sein, aber im Radio kam noch nichts.
Da bewegt sich auf Carstens Spur der Verkehr ein wenig und er kommt direkt neben mich. Wir drehen die Fenster runter und unterhalten uns von Auto zu Auto. Ein blonder Vierziger mit Hornbrille lacht mich aus dem schwarzen BMW an und ruft: „Hallo Tina, nett, dich hier kennenzulernen. Sollten wir jemals hier rauskommen, müssen wir das aber begießen. Das ist doch wirklich eine verrückte Art, sich zum ersten Mal zu treffen.“ Bevor ich antworte, schreibt Hans in der WhatsApp-Gruppe:
Hallo Tina und Carsten, ist Euch was passiert?
Nein, alles paletti, wir stehen nur im Stau. Keine Ahnung wie lange noch.
Carsten sagt: „Woher kommst du?“ „Aus Hamburg-Eppendorf, ich bin erst 20 Minuten unterwegs und extra rechtzeitig losgefahren. Aber so was kann man ja nicht vorher planen.“ „Planen nicht, aber rechnen muss man auf unseren Autobahnen immer damit.“ Im NDR 2 kommt die Meldung: „Achtung! Auf der A 24 sind zwei Kilometer Stau, wegen eines Unfalls ist die Autobahn kurzzeitig gesperrt. Die Polizei hofft, die Autobahn bald wieder freigeben zu können.“ – „Hast du die Verkehrsnachricht gehört, Carsten?“ „Ja, ich frage mich, was ‚bald‘ bedeuten soll.“
Wir haben uns noch ein Weilchen unterhalten und irgendwann löste sich das Ganze wie von selbst auf. Zur Konferenz kamen wir beide noch rechtzeitig und wir hatten schon im Auto verabredet, dass wir uns abends an der Hotelbar treffen wollten. Der erste Tag der Konferenz verlief zur vollsten Zufriedenheit der Kunden und nach dem Abendessen fuhr ich ins Hotel, weil die Veranstaltung am nächsten Tag fortgesetzt werden sollte. Carsten saß schon an der Bar und nach ein paar Cocktails landete ich in seinem Zimmer. Was dann folgte, war schön, er war sehr zärtlich und ich glaube, ihm hat’s auch gefallen. Aber am nächsten Tag schaute er mich kaum noch an. Hab während der Konferenz eine kurze WhatsApp direkt an ihn geschrieben, die er nicht mal beantwortet hat. Alle weiteren Nachrichten zwischen uns fanden wieder in der TWINGO-Gruppe statt.
Das Erlebnis hat mir wieder mal gezeigt, dass man in der Firma besser nichts mit jemand anfangen sollte. Aber was kann ich tun? In meiner Trauerstimmung beschließe ich, mir ein Glas guten Rioja einzuschenken, mich auf meiner gemütlichen Couch in gedämpftem Licht der Stehlampe in eine Decke zu kuscheln und meine Freundin Klara in Glücksstadt anzurufen. Das tut sicher gut. Klara und ich sind mehr oder weniger miteinander aufgewachsen. Sie war die Nachbarstochter und wir gingen zusammen zur Schule. Bis ich vor drei Jahren wegen der Arbeit den Wohnort wechselte, waren wir unzertrennlich, und auch jetzt sind wir noch füreinander da, wann immer die andere ruft. Und jetzt brauche ich sie einfach!
„Hallo Klara … liebe Klara, hast du gerade Zeit oder wie sieht’s aus?“, frage ich in dem Tonfall, dass sie sofort die Alarmglocken läuten hören muss. Daher lautet die Antwort natürlich: „Klar, das ist schon in Ordnung. Wir gucken gerade ‚How I Met Your Mother‘, aber das ist nicht so wichtig. Ich geh ins andere Zimmer.“ Ach ja, Klara lebt jetzt mit Kurt zusammen, daran habe ich eben gar nicht gedacht. Und ich weiß, dass sie diese Serie sehr gern ansieht. „Süße, was ist los? Dir geht’s doch nicht gut. Das höre ich“, stellt sie fest und dann lege ich gleich los: „Ach, weißt du, Klara, eigentlich geht es mir doch super. Ich habe alles, was ich brauche, ich bin gesund und im Job läuft es auch super. Mein Chef hat erst vor Kurzem Loblieder gesungen, wie froh er ist, dass er mich an seiner Seite hat. Aber dann gibt es so Momente wie jetzt gerade, wo mir bewusst wird, dass ich etwas versäume. Du hast deinen Kurt, fast alle meine Freundinnen haben Partner und wenn ich mit ihnen weggehe, komm ich mir vor wie das fünfte Rad am Wagen. Ich wollte heute gar nicht mit, als Jutta mich fragte, ob ich mit in ihren Club kommen möchte.“ Und dann erzähle ich noch von dem Erlebnis mit Carsten und sie lacht herzhaft über die ungewöhnliche Art des Kennenlernens. „Aber jetzt fühl ich mich wieder so allein. Irgendwie krieg ich es nicht hin, dass ich jemand kennenlerne, mit dem ich auch glücklich sein kann. Verstehst du … nicht für eine Nacht oder für ein paar Wochen … für immer.“
Kurze Pause am anderen Ende der Leitung, dann meint Klara ganz euphorisch: „Tina, ich weiß ja nicht, wie du über so was denkst, aber wie wär’s, wenn du dich bei einer Dating-Plattform anmeldest? Parship, Tinder oder so was …“ „Was, da wollen die Jungs doch sicher alle nur das eine. Du weißt doch, wie sie diese Apps oft nennen …“ „Teilweise ist das wahrscheinlich so, aber ich kenne tatsächlich Paare, die haben sich über Tinder kennengelernt und sind heute miteinander glücklich.“ Diesmal Pause auf meiner Seite der Leitung. „Hm, vielleicht denke ich mal drüber nach, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mich auf so was einlasse“, protestiere ich und frage nach, wie es denn ihr gerade so geht. Ich brauch jetzt unbedingt was Positives!
Nach anderthalb Stunden überfällt uns die Müdigkeit, zwei Folgen von „How I Met Your Mother“ hat Klara versäumt, aber es hat gutgetan, zu reden.
Schnell noch ins Bad und dann ab ins Bett. Decke über den Kopf und Augen zu … für etwa zwei Minuten. Dann komme ich wieder hervor, schalte zuerst mein Nachtlicht ein, dann noch einmal mein Handy. Ich könnte doch … natürlich rein infohalber … gucken, wie das auf Tinder so läuft …
4. Sven
Nun soll ich also heute mit der Redakteurin Stefanie von DIE ZEIT mit, um für ihren Artikel über Plastikmüll zu fotografieren. Kein schwieriger Job, aber einen Tag mit Stefanie unterwegs zu sein, ist eine schöne Aussicht. Sie ist Ende 30, also etwas älter als ich, aber sehr nett. Vielleicht kommen wir uns ja etwas näher.
Wir interviewen ein paar Firmenchefs, um herauszufinden, was sie sich dabei denken, alle möglichen Werbeartikel zu verschenken. Ob sie dabei auch den vielen Plastikmüll in den Weltmeeren im Auge haben? Kaum Unrechtsbewusstsein, einer sagt: „Irgendwas muss man den Leuten ja mitgeben. Was kann ich dafür, wenn die Kunden diese Artikel achtlos wegschmeißen?“
Abends sitze ich mit Stefanie im Español Picasso in der Nähe unserer Redaktion und bei ein paar Tapas unterhalten wir uns über ihr Thema. „Das war doch schlimm heute“, sagt sie, „die verschleudern ihren Plastikkram unter ihren Kunden und denken sich gar nichts dabei. Wer braucht schon so ’n Scheiß wie Knetbälle, Luftballons, Schlüsselanhängerfigürchen, Stofftiere, Jo-Jos, Kreisel und Handwärmer? Das fliegt doch bei nächster Gelegenheit in die Mülltonne.“ „In die Mülltonne geht ja noch, aber manches landet sicher auch direkt in der Elbe und schwimmt aufs Meer hinaus“, antworte ich. „Ja genau, noch schlimmer. Und im Übrigen sind Werbegeschenke doch kleine Bestechungsversuche bei deren Kunden, oder? Frei nach dem Motto: Geschenke befeuern die Freundschaft.“ „Aber du freust dich doch auch, wenn du beim Bäcker zu Weihnachten einen Kalender bekommst, oder?“ „Quatsch, wenn schon, dann soll er mir lieber was aus seinem Sortiment schenken statt irgendein kleines Plastikteil. Davon hab ich was. Wenn er mir zum Beispiel ein Brot gibt, das ich sonst nicht kaufe, oder ein paar Plunderteilchen. Damit kann ich was anfangen und vielleicht kauf ich die dann beim nächsten Mal.“ „Oder hier im Restaurant gibt’s meist am Ende noch einen Schnaps, wie heißt der noch?“ „Hierbas meinst du?“ „Ja genau. So was können wir gebrauchen und das ist dann auch ein bisschen Kundenbindung.“
So plaudern wir noch ein Weilchen weiter und beim Rioja kommt Stefanie so richtig in Fahrt. ‚Ui, ob die im Bett auch so aufdreht?‘, frage ich mich zwischendurch, wenn sie wieder vehement für ein Thema eintritt. Bei der zweiten Flasche versuche ich dann einen kleinen Coup: „Bist du sonst auch so aggressiv oder hast du ebenfalls weiche Seiten?“ „Wie weiche Seiten? Meinst du beim Sex? Da musst du meinen Mann fragen.“ „Ich dachte, ich könnte das selbst herausfinden.“ „Spinnst du? Was soll ich mit einem so jungen Hüpfer wie dir anfangen? Du bist mir viel zu schnell.“ „Das käm auf einen Versuch an.“ „Baggerst du mich grad an?“ „Ja, ich find dich richtig geil und deine vehemente Art, sich für Themen einzusetzen, macht mich echt an. Würde wirklich gern wissen, wie du im Bett bist. Hast du noch was vor oder wollen wir mal zu mir fahren und das ausprobieren?“ „Hey, Sven, nu mal langsam mit die jungen Pferde. Ich glaub, du trinkst jetzt mal besser einen Kaffee, damit du wieder auf den Boden kommst.“ „Warum? Bin grad genauso in Fahrt wie du und würd gern mit dir eine kleine sportliche Runde bei mir zu Hause drehen.“ „Herr Ober, zahlen bitte!“
Das war wohl nix, sie zahlt und rauscht davon. Ja, dann muss ich wohl allein nach Hause gehen. Aber ich schreib mal eben an Manuela, ob sie heut Abend noch Zeit für mich hat.
„Hey Süße, hast Du Lust, noch zu mir zu kommen?
Nach ein paar Minuten kommt ihre Antwort per WhatsApp:
Nö, heut nicht, zieh mir grad die dritte Folge von den Simpsons rein. Morgen vielleicht.
Sehr schade. O. K., dann morgen Abend um 8 bei mir?
Ja, O. K. Bis dann.
5. Leo
Das war ja ein Hammer-Work-out heute Abend im McFit! Bin ich fertig! Es ist erst spät losgegangen, weil im Büro viel zu tun war. Zwei Kumpels ging es genauso, und die wollten es sich scheinbar noch beweisen. So, wie die beiden drauf waren, konnte ich nicht tatenlos zusehen und war ganz schnell bei dem Wetteifern dabei. Also war das Training diesmal zwar nicht länger, jedoch sehr intensiv. Zum Schluss noch ein paar Längen schwimmen und so ist es fast Mitternacht geworden.
Für heute reicht es also und ich überlege, was ich noch trinken möchte. Ein Bier vielleicht? Na … erst Fitnessstudio und dann glei a Bier? Ganz schlecht … Andererseits, ein kleines Helles nach der Anstrengung, das darf doch sein. Etwas enttäuscht bin ich schon, als ich merke, dass ich keines mehr im Kühlschrank hab. ‚Wie nachlässig von mir!‘ Meine Getränkevorräte lagern in der Speis, ganz hinten, hinter dem letzten Regal. Die Speis, also die Speisekammer, ist durch die Küche begehbar. Neben der Küche sind das kleine Bad und das WC. Dann gibt es noch ein kleines Schlafzimmer und dafür ein geräumiges Wohnzimmer. Das ist der alte Teil unseres Hauses. Später haben meine Eltern angebaut und diesen Teil immer als Extrawohnung behalten. Da haben nach Familienfesten immer die Überbleibsel übernachtet, zeitweise war sie auch vermietet. Bis ich ins Alter gekommen war, wo andere Burschen ausziehen. Mir reicht das von der Größe her völlig, außerdem hilft mir die Mama beim Sauberhalten und den schönen Garten kann ich auch mitbenützen. Ein herrliches Leben … Nur für das, was im Kühlschrank ist, bin ich selber verantwortlich. Also hole ich jetzt um Mitternacht einmal ein paar Bierflaschen aus dem Depot. Als ich die Tür am Ende der Küche aufmache, ist mir so, als ob da irgendwo etwas geraschelt hätte. ‚A, kann gar net sein‘, denke ich, ‚das war sicher nur die Tasche am Haken hinter der Tür. Das war ich selber.‘
Drei Flaschen für den Kühlschrank, eine für mich. Ein Glas nehm ich mir mit aus der Küche. Ich trinke Bier nicht gern aus der Flasche, auch nicht mitten in der Nacht und allein. Um diese Zeit stell ich im Wohnzimmer keinen Fernseher mehr an. Ich glaub immer, das hört man drüben bei den Eltern. So lehne ich bequem auf meiner Couch, mein Glas Gerstensaft in der Hand und es ist mucksmäuschenstill. Nicht das Schlechteste nach diesem Abend.
Zum Abschluss könnte ich auch noch nachsehen, was sich auf Tinder so getan hat. Das Tablet liegt griffbereit auf dem Beistelltischchen und da leuchten die Likes auch schon auf, heute nur vier, aber das reicht ja. Ein Mädchen fällt mir gleich ins Auge, vom Aussehen her durchaus der Ariane von vorgestern ähnlich. ‚Was schreibt die denn?‘
Hi, ich bin Lucy und würde mich freuen, genau DICH kennenzulernen. Mein Spitzname ist Mickymaus und ich bringe gern den Kater zum Schnurren!
Ich muss lächeln, so was hat ja noch keine geschrieben! Mit der gibt’s sicher viel zu lachen. Irgendwie bin ich plötzlich gar nicht mehr müde. Da ist es auf einmal wieder, das Geräusch. Irgendwas raschelt doch hier! Kaum schleiche ich zur Zimmertür, ist es vorbei. Kein Mucks. Ich schau mal sicherheitshalber nach, ob die Türen zu sind … und die Fenster … Nichts mehr, kein Geräusch. ‚Aber ich bild mir das doch nicht ein!‘ Na ja, dann werde ich jetzt noch schnell die süße Mickymaus liken, dann haben wir morgen vielleicht ein sehr unterhaltsames Match.
Die Küchentüre bleibt immer offen, die Schlafzimmertür meistens ebenfalls, so auch heute. Langsam immer müder werdend, bin ich etwa zwei Sekunden vor dem endgültigen Einschlafen, als ein lauter Knacks die Stille stört. Ein Geräusch, das ich hier noch nie gehört habe. Kein Knacksen wie das, wenn das Holz der alten Möbel arbeitet oder die Mauern. Das kenn ich schon lang. Es hört sich eher an, als wäre jemand – oder etwas – hier. Und ganz klar, als ich mich blitzschnell aufsetze und die Nachttischlampe einschalte, ist es wieder vorbei. Ich muss nachschauen, es lässt mir ja doch keine Ruhe. Zum Glück habe ich nicht viele Räume, aber wo ich auch hingehe, nirgends irgendein Lebenszeichen. Als ich mir schon denke, es wird sich vielleicht ein Tier im Dachgebälk verirrt haben, werfe ich noch einen flüchtigen Blick in die Speis. Da glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Auf dem hellgrauen Bodenbelag liegen lauter kleine schwarzbraune Krümelchen. ‚Ah geh! I hab Mäuse da drin! Na, gute Nacht!‘ Dann muss ich aber doch schmunzeln. ‚Zuerst die Mickymaus in der App und dann a echte Maus zu Haus. Ein Zeichen?‘
6. Lydia
Die Unterhaltung mit Frank in der Kneipe war ganz nett gewesen, aber irgendwie wurden wir nicht warm. Ich gehe also allein mit meinen Gedanken nach Hause und frage mich, ob ich wohl jemals die einzige größte Liebe finden werde. Davon träumen scheinbar ganz viele, auch wenn nur die engsten Freunde bzw. Freundinnen das wirklich zugeben. Aber warum klappt das bei den meisten nicht? Hab mal gelesen, dass mehr als 70 Prozent der Deutschen an die große Liebe glauben. Wenn man aber die Statistiken anschaut, dass jede dritte Ehe geschieden wird und dass auch die anderen Paare (ob verheiratet oder nicht) nach einiger Zeit Probleme in der Beziehung bekommen, muss doch irgendwas faul sein. In einem Artikel in der ZEIT habe ich letztens gelesen, dass man für eine tiefe und funktionierende Beziehung nur reif ist, wenn man sich selbst akzeptiert und liebt. Tu ich das? Oder bin ich mit mir selbst zu kritisch?
Ich schließe die Haustür auf und gehe langsam die Treppe hinauf in den vierten Stock. Als ich in die Wohnung komme, höre ich Lisa und Wolfgang in der Küche noch reden. Ich gehe hinein und da sitzen die beiden nebeneinander mit einer Flasche Rotwein. Mir scheint, es ist nicht die erste, und ich frage: „Krieg ich auch einen Schluck oder wollt ihr beiden lieber allein sein?“ Wolfgang springt auf und holt mir sofort ein Glas: „Nein, bitte setz dich dazu. Wir haben uns grad gefragt, wie dein Date wohl läuft.“ Ich nehme einen großen Schluck und antworte: „Na ja, Frank ist ganz nett, aber kein wirklicher Partner für mich.“ „Wieso“, fragt Lisa, „was fehlt dir an ihm?“ „Ach, ich weiß nicht, er war mir zu stürmisch, schon im Harry Klein faselte er von ins Bett gehen, was ich vehement abgelehnt habe. Dann sind wir noch ins Shakespeare und haben ein bisschen geredet, aber irgendwie passt das nicht. Er quarzt und ihr wisst, das kann ich nicht ausstehen. Außerdem glaube ich, dass er ziemlich klammern würde. Er macht auf den ersten Blick einen charmanten Eindruck, aber je länger wir redeten, umso mehr habe ich gemerkt, wie sehr er sich eine feste Beziehung wünscht, und das am liebsten gleich.“ „Aber das ist doch okay, das wollen doch die meisten“, kontert Lisa. „Ja, stimmt wohl, aber nicht beim ersten Date gleich bei der Frau ausbaldowern, ob sie das auch will. Hab ihm gesagt, dass ich glaube, er macht das nur, um Frauen in die Kiste zu kriegen.“ „Und was hat er dazu gesagt?“, fragt Wolfgang. „Dass das Quatsch ist und er sehr geduldig sein kann. Fünf Minuten später fing er an, an mir rumzubiebln. Da bin ich heimgegangen.“
Wir debattierten noch eine weitere Flasche Rotwein weiter, kamen aber zu keinem Ergebnis. Außer dass Lisa sagte, wir sollten doch alle spaßeshalber mal ein Dating-Portal ausprobieren. „Du bist meschugge“, sagte ich am Schluss. „Wenn ich auf normalem Wege, also zum Beispiel beim Schwoofen oder in der Arbeit, niemand kennenlernen kann, dann will ich och keenen übers Netz finden. Un jetz geh ich radsn. Gut Nacht, ihr beiden.“ „I mog etz a nimmer“, sagt Lisa und lässt Wolfgang mit dem Rest der Rotweinflasche allein.
Am nächsten Morgen schlafe ich lange und weil es regnet, gehe ich kurz vor Mittag erst mal ins Clever Fit. Da kann ich den Rotwein und das blöde Genuschl von Frank aus mir rausquetschen. Auf dem Laufband und mit Kopfhörern und Rockmusik geht das wunderbar. Plötzlich tippt mich jemand an und deutet an, ich soll die Hörer absetzen. „Was is ’n?“ „Kann ich auch mal auf das Band?“ Ich schau mich um und sehe, dass alle Bänder besetzt sind. „Ja klar“, antworte ich, „gib mir noch zwei Minuten.“ Ich höre noch „Smoke on the Water“ zu Ende und springe dann vom Band. Im Weggehen winke ich dem Typen noch mal zu und gehe in Richtung Sauna.
Dort sitze ich einige Minuten später und schwitze vor mich hin, diesmal ohne Kopfhörer. Da kommt der Typ von eben auch rein und setzt sich gleich neben mich. „Bist du öfter hier?“ ‚Sehr intelligenter Anfang‘, denke ich und sage nur: „Nö.“ Er weiter: „Magst du nachher noch was mit mir trinken?“ „Nö, hab Wasser dabei und muss dann auch bald weg.“ „Schade, ich finde dich echt nett. Können wir uns denn hier mal wieder treffen?“ „Ja, vielleicht demnächst“, fertige ich ihn ab und verlasse die Sauna in Richtung Damenduschen.
7. Tina
Am nächsten Morgen, beim Frühstück, lasse ich mir noch einmal durch den Kopf gehen, was ich in der Nacht getan habe. Ich konnte es tatsächlich nicht lassen, mich bei Tinder anzumelden. Welchen Floh hat mir Klara da ins Ohr gesetzt! So hin- und hergerissen war ich noch nie. Ich würde doch so gern auf ganz normalem Weg jemand kennenlernen, am besten so mit Liebe auf den ersten Blick, irgendwo, wo man überhaupt nicht damit rechnet. Amors sprichwörtlicher Pfeil! Warum trifft der alle anderen, nur mich nicht? Ich bin doch nicht unsichtbar! Andererseits hat Klara nicht unrecht. Ein bisschen nachhelfen kann auch nicht schaden. Man trifft sich ja schließlich völlig unverbindlich. Ich kann auch sofort sagen: „Du, es tut mir leid, ich möchte kein weiteres Treffen.“ Allerdings, wenn ich mir einzelne Fotos so ansehe … Da wäre optisch schon die erste Hürde überwunden. Deshalb habe ich zu nächtlicher Stunde sicher sehr bereitwillig meine eigene Person beschrieben, selbstverständlich mit einem Hammer Foto von mir als Zugabe. Frisch vom Friseur mit dem flotten Kurzhaarschnitt. Schon ein bisschen aufgepimpt, aber nicht zu viel. Ich habe angegeben, dass ich Chefsekretärin in einer großen Firma bin, aber nicht in welcher, dass ich Radfahren und Schwimmen liebe und dass ich hobbymäßig fotografiere. Ach ja, wo ich studiert habe, wollten die auch wissen. Zum Schluss sollte man etwas Persönliches schreiben. Da musste ich einige Zeit nachdenken. Dann tippte ich folgende Zeilen:
Hallo, ich bin Tina! Hast Du Lust, Deine Freizeit mit mir zu teilen? Dann kann es losgehen! Ich freue mich auf Dich!
Nach dem Klick auf „Profil erstellen“ war es fix und ich konnte in Ruhe einschlafen. In meinem Traum änderte ich den Text wohl zehnmal um. „Hi, ich bin’s, Tina, noch immer nicht am Ziel der Wünsche. Hilf mir dabei!“ oder „Hallo, ich bin Tina, noch auf dem Weg zu dir. Hol mich ab!“ So in der Art ging es weiter, bis ich wach wurde.
Jetzt, so vor meinem Frühstückskaffee sitzend, bin ich mir nicht mehr sicher, welche Version wohl die beste gewesen wäre. Mal sehen, ob es schon ein erstes Ergebnis gibt. Aufgeregt öffne ich die App, gebe mein Passwort ein und bin ziemlich überrascht, als ich 99 Likes finde. ‚Na hallo, wer sagt’s denn!‘ Nun bin ich erst mal beschäftigt mit Wischen. Nach links die Uninteressanten und nach rechts die, die ins Auge springen. Es sind schon unterschiedliche Fotos, die mich ansprechen, also es kommt für mich nicht immer nur derselbe Typ infrage. Trotzdem sind die Jungs mit dunklem Haar und Bart bald leicht in der Überzahl. Als ich mit den 99 Bildern durch bin und etwa 20 Fotos übrig habe, klicke ich den ersten an, um mehr über ihn zu erfahren. Jürgen, 25 Jahre, Elektrotechniker noch in Ausbildung, möchte gern Erfahrungen sammeln. Oje, weiter nach links mit ihm. Jochen, 32 Jahre, geschieden, eine kleine Tochter, sucht Lebenspartnerin. Du lieber Himmel … weiter nach links. Eine halbe Stunde später:
‚Oh, was haben wir denn da! Ein sehr ansprechendes Foto!‘ Das Lächeln wirkt natürlich, sein Blick trifft mich genau ins Herz. Den würde ich gern kennenlernen. Da schaue ich genauer hin. Andreas, 30 Jahre, tätig in der IT-Branche, sucht Partnerin, die mit ihm das Leben entdeckt. Das ist es: LIKE … Bingo! Mein erstes Match!
8. Sven
Die Bearbeitung der Bilder von gestern war nicht besonders schwierig und damit bin ich jetzt schon fertig. Jetzt kann ich mich noch mal in die Serie von letzter Woche knien. Da war ich auf Sylt gewesen und hatte im Naturschutzgebiet Vögel fotografiert. Diese Bilder müssen nächste Woche fertig sein, denn die sollen ins übernächste Magazin der ZEIT. Da muss ich also auf gute Qualität achten, denn der Druck ist aufwendiger und die Bilder nehmen oft eine ganze Seite ein. Ich öffne also Photoshop und Lightroom und beginne die Fotos zu sichten und zu sortieren. Meine Gedanken schweifen noch mal zu gestern Abend. ‚Was hat mich da bloß geritten, bei Steffi so einen plumpen Annäherungs-versuch zu machen? Da sind wohl die Pferde oder die Promille mit mir durchgegangen. Was würde Manuela denken, wenn sie das wüsste? Und was würde sie erst sagen, wenn Steffi tatsächlich mitgegangen wäre und wir hätten die Nacht zusammen verbracht? Ich glaub, dann wär’s aus mit uns. Sie versteht mein unstetes Leben sowieso nicht und beklagt sich immer, dass wir uns zu selten sehen.‘
Abends, als Manuela kommt, sitze ich immer noch am PC, und sie fragt, was ich den ganzen Tag gemacht habe. „Ich habe Vögelbilder bearbeitet. Möchtest du welche sehen?“ „Wie, Vögelbilder? Von uns? Hast du uns mal im Bett fotografiert? Ich mag solche Pornobilder nicht.“ „Unsinn, ich war doch letzte Woche auf Sylt und hab im Naturschutzgebiet Vögel beim Brüten fotografiert. Das hab ich dir doch erzählt.“ „Ach so, entschuldige, das hatte ich vergessen.“ „Möchtest du ein paar Bilder sehen?“ „Ja sicher, gern.“ Ich schlage die Dateien auf, die schon fertig sind, und zeige ihr die Brandgänse, Austernfischer und Brachvögel. Besonders stolz bin ich auf einen Kormoran, den ich gerade beim Ausbreiten seiner Flügel erwischt habe. Manuela findet die Bilder auch sehr gelungen. Dann fragt sie: „Hast du was zu trinken da?“ „Oh, entschuldige bitte, ja sicher. Was magst du denn? Ich hätte noch ein paar Bier und einen Weißwein im Kühlschrank, Riesling glaube ich, aber ich habe auch Rotwein.“ „Nein, kein Alkohol, ich bin mit dem Auto direkt von der Arbeit hergekommen, machst du mir einen Kaffee und dann vielleicht noch ein Wasser, bitte?“ „Na das ist ja leicht zu erfüllen“, ich verschwinde in die Küche, schalte den Kaffeeautomaten an und bringe ihr schon mal das Wasser. „Macht es dir was aus, wenn ich ein Glas Rotwein trinke?“ „Nein, mach nur.“
Kurz darauf sitzen wir mit unseren Getränken auf meinem Sofa und ich nehme sie in den Arm und fange an, sie zu küssen und zu streicheln. Irgendwie sind aber meine Gedanken plötzlich bei gestern Abend mit Steffi und Manuela reagiert auch sehr zurückhaltend. „Was ist los?“, frage ich sie. „Ach, keine Ahnung, ich habe dir schon mal gesagt, dass ich mit unserer Beziehung nicht so ganz glücklich bin. Fast immer, wenn wir uns treffen, springen wir ins Bett und danach sehen wir uns wieder für ein paar Tage nicht. Das finde ich zu wenig. Wir machen kaum etwas anderes zusammen, weil du auch so viel unterwegs bist. Können wir nicht mal für ein paar Tage zusammen wegfahren?“ „Hm, ja sicher können wir das, woran denkst du denn? Ein Wochenende oder länger?“ „Na, ein verlängertes Wochenende von Donnerstag bis Montag wär doch ganz schön. Irgendwo an der Ostsee in Meck-Pomm, da war ich noch nicht so oft und ich hör immer wieder, dass es da ganz schöne Orte geben soll.“ „Gute Idee. Ich war letztes Jahr mal zu einem Shooting in Schwerin, da haben die Leute alle von Rügen geschwärmt. Wie wär das denn?“ „Wie lange fährt man dahin?“ „Wenn wir dein Auto nehmen, circa drei Stunden, schätze ich.“ „Na, das ist doch für ein verlängertes Wochenende nicht so schlecht. Was meinst du?“ „Ich schau gleich mal in meinen Terminplan für die nächsten Wochen. Also, ich könnte am übernächsten Wochenende, da liegt bisher kein Auftrag vor und ich kann ja morgen in der Redaktion Bescheid geben, dass ich vom 25. bis 29. unterwegs sein werde. Passt das für dich?“ „Ja, an den Tagen kann ich sicher freinehmen. Soll ich später nach einem Hotel in Rügen schauen?“ „Warum machen wir das nicht gleich? Dann buchen wir das auch sofort.“
Eine halbe Stunde später haben wir uns für ein Fünftagesprogramm „Fit in den Frühling“ im Bernstein-Hotel in Sellin entschieden. „Ich freu mich schon sehr darauf, mit dir ein paar Tage dort zu entspannen und nichts anderes zu hören und zu sehen“, sage ich zu Manuela. „Ja, das wird sicher megaschön.“ Und sie umarmt und küsst mich plötzlich ganz wild. Das fühlt sich vielversprechend an und ich erwidere nicht nur ihren Kuss, sondern ziehe ihr gleich mal das T-Shirt über den Kopf. Sie lässt es geschehen, wir wechseln ins Schlafzimmer und so wird es noch ein sehr schöner Abend.
9. Leo
Wenn man einmal weiß, woher ein ungewohntes Geräusch kommt, stört es einen nicht mehr beim Schlafen. Die Tür vom Schlafzimmer habe ich sicherheitshalber zugemacht, dann war es eine ruhige Nacht.
Am nächsten Tag führt mich der erste Weg natürlich in den Baumarkt. Als tierlieber Mensch entscheide ich mich für eine Lebendfalle, die ich gleich in der Speisekammer platziere. Als Köder nehme ich Freilandfutter für Vögel, davon habe ich genug zu Hause, und Körner fressen Mäuse sicher auch. Tür zu und jetzt heißt es abwarten. ‚Das ging ja flott‘, denke ich, ‚da hab ich noch Zeit, Lucy zu schreiben, bevor ich ins Büro fahre.‘ Die Neugier lässt mich irgendwie nicht mehr los.
Das Match mit Lucy beginnt nett. Ich möchte den Chat nicht mit einer abgedroschenen Floskel starten und überlege, wie ich die Mickymaus kommentieren könnte, ohne abwertend oder gekünstelt witzig rüberzukommen. Ein gewisser Ernst sollte dahinter sein. So schreibe ich schließlich:
Hi Lucy! Könnte ich der sein, den Du kennenlernen möchtest? Ich würde Dir gern mehr von mir erzählen. Ich bin auch neugierig, wie Du zu Deinem Spitznamen gekommen bist. Der ist ja recht außergewöhnlich!
Das war eine gute Formulierung, wie sich eine Stunde später herausstellt. Gleich als ich im Büro ankomme, sehe ich am Handy, dass sie geantwortet hat. Ihre Zeilen wirken auch sehr freundlich und ehrlich:
Lieber Leo!
Das kann ich Dir gern erzählen. Vor ein paar Jahren nahm ich mit Freunden an einem Faschingsumzug teil, und zwar als Mickymaus kostümiert. Es dauerte zwei Stunden, bis sie draufkamen, wer ich bin. So gut war ich geschminkt und verkleidet. Das war ein Spaß, von dem wir alle noch heute reden. So blieb mir der Spitzname. Einfach, aber so war es. Wie geht es Dir? Hast Du Osterurlaub oder musst Du arbeiten?
So kommen wir ins Plaudern und es macht richtig Spaß. Lucy ist witzig und wirkt sehr offen in ihren Ansichten. Weil ich aber noch zu arbeiten habe, vereinbaren wir, am Abend weiterzuchatten. Deshalb beeile ich mich auf dem Heimweg. Meine Mutter hat mir noch Abendessen aufgehoben, das soll ich mir auch vorher abholen. Und ich muss Mama dringend von der Maus erzählen. Nicht, dass sie sich noch erschreckt, wenn sie einmal rübergeht!
Endlich alles erledigt, komme ich zu Hause an und bin mit den Gedanken schon beim Chat, als ich aus der Speis ein lautes Scharren höre. Da habe ich aber schnellen Jagderfolg gehabt. In der Falle sitzt eine Hausmaus, zittert ein wenig und zieht sich in den letzten Winkel der Falle zurück. „Du hast mir grad noch gefehlt, Mäuschen! Du machst gerade mein Date zunichte!“, zische ich das arme, unschuldige Ding an. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als noch in den nahen Park zu gehen und das Tier dort auszusetzen. Ich wusste gar nicht, wie schnell so eine Maus laufen kann …
Endlich kann ich mich bei meiner Mickymaus melden, beschließe aber, ihr nicht zu erzählen, dass ich gerade mit einer anderen Maus beschäftigt war. Für mein Zuspätkommen muss leider die Mama als Alibi herhalten. Und Lucy meint, das ist doch kein Problem. Wir haben ja Zeit. Die nehmen wir uns auch. Die halbe Nacht wird geschrieben und gelacht, bis uns schon die Augen zufallen. Bevor wir uns verabschieden, wage ich noch die vorsichtige Frage:
Was hältst Du davon, wenn wir uns diese Woche noch sehen? Nur kurz vielleicht, auf einen Kaffee oder so …
Ihre Antwort ist kurz und bündig:
Tolle Idee! Reden wir morgen drüber! Gute Nacht, lieber Leo, bis morgen!
Zufrieden lege ich das Handy weg und mache einen Kurzbesuch im Bad. Ich lege mich mit den allerfriedlichsten Gedanken in mein Bett, mache die Augen zu … Da ist es wieder, das Knacksen und Scharren. ‚Nein, nicht schon wieder!‘
10. Lydia
Am Montag im Büro ruft Frank mich an und fragt: „Bist du noch sauer auf mich?“ „Nein, schon vergessen.“ „Wollen wir uns dann noch mal treffen?“ „Ich weiß nicht, Frank, was soll das bringen?“ „Na, wir wollten uns doch näher kennenlernen, und das könnten wir jetzt nachholen.“ „Hältst du denn ein längeres Gespräch ohne Rauchen und Antatschen aus?“ „Ich denke schon. Gib mir halt noch eine Chance.“ „Lass mich noch mal drüber nachdenken. Ich sag dir in den nächsten Tagen Bescheid.“
Meine Gedanken sind anschließend nicht bei der Arbeit, sondern bei Frank: ‚Will ich ihn sehen? Wohin führt das, wenn wir uns näher kennenlernen? Früher hätt ich gesagt, Rauchen ist ein K.O.-Kriterium. Und wieso jetzt nicht? Irgendwas verbindet uns. Ist es auf beiden Seiten der Wunsch nach einer festen Beziehung? Reicht das aus?‘ Da schaut meine Kollegin Sandra kurz rein und fragt: „Lydia, hast du den Entwurf für die Sendung am Mittwoch fertig?“ „Noch nicht ganz, aber du kriegst ihn bis Mittag.“ „Stimmt was nicht mit dir?“, fragt sie. „Nein, alles paletti. Kam bloß noch nicht dazu. Aber ich mach mich gleich dran.“ Das fehlt noch, dass ich wegen Frank Ärger kriege! Die Gedanken müssen warten.
Kurz vor Mittag ruft Frank schon wieder an: „Wollen wir zusammen was essen?“ „Hör mal, du hast gesagt, du kannst geduldig sein. Dann zeig mal, dass das stimmt, und warte, bis ich mich melde, okay?“ „Hm, okay.“ ‚Wenn der so weitermacht, wird das nix mit uns. Dann soll er sich eine andere suchen.‘ Ich beschließe, nicht zum Essen in die Kantine zu gehen, nachher seh ich ihn da noch. Stattdessen mache ich einen Spaziergang. Es ist sonnig und schon recht warm, und heute mal wieder das Essen ausfallen zu lassen, schadet meiner Figur auch nicht. Trinke ich halt nachher einen Saft oder zwei, das wird dann schon reichen bis heut Abend. Dann koche ich mir was Schönes. Jetzt laufe ich zur Isar hinunter und überlege dabei, was ich machen will mit Frank.
Als ich wieder ins Büro zurückkomme, habe ich einen Entschluss gefasst: Eine Chance kriegt er noch, und zwar irgendwo, wo wir Ruhe haben und uns unterhalten können. Ich werde ihm vorschlagen, dass wir uns am Freitagabend beim Vietnamesen „Quan Com“ zum Essen treffen. Da werden wir sehen, wie das läuft, und wenn es nicht passt, bin ich von dort in ein paar Minuten zu Hause. Aber ich werde ihn erst morgen anrufen.
Am Freitagabend fangen wir mit einem Tee an, während wir die Speisekarte studieren. Ich muss nicht lange lesen, denn ich kenne das Lokal recht gut und werde mit einer sup chua tom anfangen und danach einen cha kho tieu nehmen. Frank bestellt Frühlingsrollen und Rindfleisch. „Ich würde am liebsten zum Essen ein Glas Pinot Grigio trinken“, schlage ich ihm vor, „aber das passt nicht zu deinem Rindfleisch.“ „Macht doch nichts, ich nehm ein alkoholfreies Helles, bin ja mit dem Auto gekommen.“ „Warum das denn?“ „Ich wohne ziemlich weit draußen in Germering.“ „Geht da nicht die S8 hin?“ „Ja, stimmt schon, aber von meiner Wohnung in der Dorfstraße ist mir das zu Fuß zu weit zum Bahnhof. Und wenn ich das Auto zur Bahn nehme, kann ich auch gleich in die Stadt weiterfahren.“ „Hast du denn hier einen Parkplatz gefunden? Das ist doch nicht so leicht.“ „Da hatte ich Glück, in der Nibelungenstraße fuhr grad einer weg, als ich kam. Wo wohnst du denn?“ „In der Schulstraße, das ist nur ein paar Hundert Meter zu Fuß von hier. Ich bin hier in dem Lokal auch öfter mit Freunden oder meinen Mitbewohnern. Es schmeckt gut und ist nicht zu teuer.“ „Du wohnst also in einer WG?“ „Ja, mit Lisa und Wolfgang. Das passt ganz gut. Und du?“ „Ich habe eine kleine Wohnung, zwei Zimmer, Küche und Bad. Reicht für mich allein. Und es ist ruhig dort und man kann mit dem Fahrrad oder zum Joggen in die Natur. Welchen Sport machst du?“ „McFit und im Winter Skifahren. Joggen oder Radfahren mitten in der Stadt mag ich nicht. Fahre höchstens mal zum Einkaufen mit dem Fahrrad.“ Unsere Vorspeisen werden gebracht und wir schweigen für einige Minuten. Das gibt mir Gelegenheit, Frank ein bisschen näher zu betrachten, und ich bin ganz zufrieden mit seinem Aussehen. Er ist dunkelblond, etwa 1,85 Meter groß, schlank und sieht recht gut aus, finde ich. Auch seine Kleidung finde ich sehr geschmackvoll und bisher ist er auch zurückhaltend. Kann also noch was werden. Schau mer amal.
Nach dem Essen haben wir uns noch mehr voneinander erzählt. Ich weiß jetzt, dass er aus Würzburg stammt und seit über zehn Jahren in München wohnt. Er hat schon hier studiert und hat dann gleich bei ProSieben angefangen. Ich bestelle mir noch ein zweites Glas Wein und Frank einen Espresso. Wir plaudern locker weiter und ich fühle mich sehr wohl. Gegen halb elf zahlt Frank unsere Rechnung und fragt, ob wir noch woanders hinwollen. Ich lehne ab und sage ihm, dass ich ihn lieber ein andermal treffen möchte. „Heute bin ich zu müde.“ Er ist nur kurz ein bisschen unschlüssig oder beleidigt, sagt aber dann mit einem Lächeln: „Wollen wir uns beim nächsten Mal in Germering treffen? Es gibt da einen sehr guten Italiener. Du magst doch auch italienisch?“ „Ja, sehr.“ „Wie wär’s morgen Abend?“ „Da kann ich leider nicht, Wolfgang feiert seinen Geburtstag. Aber Sonntagabend würde gehen.“ „Der Italiener heißt „Casale“. Aber wenn du magst, hole ich dich an der S-Bahn in Unterpfaffenhofen ab. Sagen wir gegen acht?“ „Lieber sieben, sonst wird es mir am Sonntag zu spät.“ „Great, dann bis Sonntag.“ Draußen versucht er noch, mich zu küssen, aber ich lasse es bei Küsschen, Küsschen enden. Vielleicht am Sonntag …
11. Tina
‚Da bin ich jetzt aber in eine Zwickmühle geraten!‘ Während ich mit Andreas einen äußerst unterhaltsamen Chat am Laufen hatte, klickte ich noch bei zwei anderen ansprechenden Fotos auf Like und wartete, was kam. Und ehe ich michs versah, steckte ich in drei Chats gleichzeitig. Schon komisch, dass ich mit allen so leicht ins Gespräch gekommen bin.
Andreas wirkt eher vorsichtig zurückhaltend und ist sichtlich bemüht, auf nichts zu drängen. Er erzählt gern von sich, ist aber auch interessiert an meinen Erlebnissen. Es fühlt sich so an, als würden wir ganz gut miteinander harmonieren.
Ben ist schon optisch ein ganz anderer Typ. Blond, das Haar sehr kurz geschnitten und wie es auf dem Bild aussieht, ein wenig kräftiger gebaut als Andreas. Und was er schreibt, ist viel lustiger. In fast jedem Satz ist etwas, worüber ich schmunzeln muss. Dass er schon fast 40 ist, kann man sich gar nicht vorstellen.
Markus macht noch mal einen ganz anderen Eindruck. Hier dürfte es sich um einen Draufgänger handeln. Ich merke sofort, wo er hinwill. Trotzdem hat er etwas Charmantes an sich, was nicht uninteressant ist. Er ist genauso alt wie ich und sieht verdammt gut aus. Er fällt wie Andreas in das Schema dunkelhaarig, Bart, sehr ansprechende Augen.
‚Was mache ich jetzt mit denen? Ich kann die doch nicht alle drei treffen! Wie sieht das denn aus?‘ Ich beschließe also erst mal ein paar Tage nur zu chatten und zu sehen, was sich entwickelt. Vielleicht macht es mir ja einer leicht und disqualifiziert sich selber. Außerdem habe ich für Treffen ohnehin gerade wenig Zeit. In der Firma finden derzeit viele Sitzungen mit den unterschiedlichsten Partnern und Kunden statt, da tippe ich für den Chef die Protokolle. Dazu ist eine Aussendung von Briefen zu erledigen mit den persönlichen Einladungen zum Firmenjubiläum in zwei Monaten. So gesehen werden sich die Unterhaltungen mit den Jungs automatisch auf den späten Abend verlegen.
Heute bleibe ich jedenfalls bis halb sieben im Büro. Elf Stunden müssen reichen. Ich brauche Bewegung! Zu Hause ziehe ich mich schnell um, schnappe mein Fahrrad und strample noch eine Runde zur Alster. Auf der Promenade muss ich mich nicht mehr so auf die Straße konzentrieren und kann ein bisschen meinen Gedanken freien Lauf lassen. In meinem Hinterstübchen messen sich gerade die einfühlsamen Sprüche von Andreas mit den witzigen Reißern von Ben. Unentschieden! ‚Hat da vielleicht Markus die Chance, weil mein Körper ohnehin auch das will, was er will?‘ Andererseits geht es mir nicht nur darum. Genial wäre ein Mann, der alle diese Eigenschaften in sich vereint. Gibt es den? Den Mann, mit dem man reden kann, der einen zum Lachen bringt, mit dem man sich einfach blind versteht und der einen glücklich macht? Ich glaube daran, auch wenn meine Mutter immer meint, ich würde vergebens auf den Märchenprinzen warten … Im Seelemannpark setze ich mich noch ein paar Minuten auf eine Bank, bevor ich zurück nach Hause radle. Die untergehende Sonne zwischen den Bäumen kann ich mir nicht entgehen lassen. ‚Nächstes Mal sollte ich doch die Kamera mitnehmen!‘
Zum Abendessen reicht mir heute ein Joghurt, zu Mittag hatte ich in der Kantine ein kleines Menü. Es ist auch schon fast acht. Ich sollte meine Unterhaltungen beginnen, damit es nicht allzu spät wird. Mal sehen, wer als Erster online ist.
Es ist Ben, der eben vom Fitnesscenter nach Hause gekommen ist:
Ciao Bella! Schön, dass Du da bist! Das ist genau das, was ich nach der Anstrengung brauche!
Und schon sind wir im Unterhaltungsmodus, man könnte es auch Lachmuskeltraining nennen. Eine gute halbe Stunde sind wir unter uns, da sehe ich das Symbol aufleuchten, das mir eine neue Nachricht anzeigt. Ich wechsle hinüber und werde von Andreas begrüßt:
Hi Tina! Hast Du die Arbeit hinter Dir? Ich gerade so … Wir hatten heute Teammeeting, hat ein bisschen gedauert.
Mal sehen, wie ich das hinkriege. Zwei Chats gleichzeitig. Und so wechsle ich eine Weile hin und her und passe höllisch auf, was ich wem schreibe. Irgendwie möchte ich keinen von beiden abwimmeln. Aber lange geht das nicht mehr, ein wenig müde bin ich auch schon. Plötzlich ein leises Pling … Die nächste Nachricht … ‚Markus, oh nein! Na, das kann ja heiter werden. Ich glaube, ich brauche für die nächsten Tage ein System!‘
12. Sven
Die Fahrt nach Rügen am Donnerstag geht ziemlich schnell vorbei. Manuela und ich sind in ausgelassener Stimmung und lachen viel. Wir freuen uns beide sehr auf die freien Tage und planen schon mal, was wir alles machen wollen. „Das Wellnessprogramm im Hotel klingt vielversprechend, aber ich denke, wir sollten auch ein Rad nehmen und Rügen ein bisschen erkunden, was meinst du?“, fragt sie. „Die Insel soll recht flach sein, da wird das schon gehen, denn ich bin ja nicht so ein geübter Radfahrer.“ Ich schaue mal bei Google Maps, wie weit es zu den berühmten Kreidefelsen ist. „Wenn wir am Ziel eine längere Pause machen, sollte ich die 65 Kilometer hin und zurück schaffen. Für dich ist das sicher kein Problem, denn du fährst ja viel Fahrrad.“ „Na ja, aber 65 Kilometer sind auch für mich eine Menge. Da sollten wir es langsam angehen lassen.“
Das Bernstein-Hotel ist wirklich großartig. Da haben wir eine sehr gute Wahl getroffen. Unser Zimmer ist groß und sehr hell mit Blick auf die Ostsee. Manuela macht gleich nach dem Einchecken eine Augen- und Gesichtsbehandlung und ich buche ein Herrenvollbad mit anschließender Massage. Für den Abend melden wir uns zum Essen im Restaurant des Hotels an, denn am ersten Abend wollen wir nicht auswärts essen. Nach unseren Wellness-Erlebnissen treffen wir uns im Zimmer wieder und ich frage Manuela, ob sie einen ersten Spaziergang durch Sellin machen möchte. „Das können wir doch morgen nach dem Frühstück machen. Jetzt könnten wir uns doch bis zum Essen noch ein wenig ausruhen.“ Daraus werden dann ein paar beachtliche Höhepunkte im großen Doppelbett und anschließend schlafen wir ein Ründchen. Das Abendessen mit einem Kabeljau und einem sehr guten Weißwein rundet unseren ersten Tag sehr schön ab und wir schlafen beide besser als zu Hause. Nur meine Träume habe ich wieder vergessen.
Das strahlende Wetter am nächsten Morgen lädt dazu ein, den Tag draußen zu verbringen. Wir verzichten auf den Rundgang in Sellin, nehmen uns nach dem Frühstück ein Hotelfahrrad und brechen auf Richtung Saßnitz zu den Kreidefelsen. Ganz so flach, wie ich gedacht hatte, ist Rügen dann doch nicht. Immer wieder gibt es kleine Hügel zu überwinden, wo ich gehörig ins Schnaufen komme.
In Saßnitz machen wir eine Pause im Café Gumpfer an der Strandpromenade. Nach einem Pott Kaffee und einem Stück Apfeltorte fühlen wir uns gut gerüstet, den restlichen Weg bis zu den Kreidefelsen zu schaffen. Es gibt noch ein paar Steigungen zu überwinden, aber nach zweieinhalb Stunden Fahrzeit sind wir angekommen. Der Ausblick ist grandios und ich hole meine Nikon hervor, um ein Foto von Manuela mit Blick aufs Meer und die Felsen zu machen. Es erinnert ein wenig an das berühmte Gemälde von Caspar David Friedrich, weil immer wieder jemand anders mit aufs Bild kommt. Dann gehe ich näher an Manuela heran und schieße noch ein paar Porträts, wo sie freigestellt ist und der Hintergrund verschwimmt. Manuela möchte ein Selfie mit dem Handy von uns beiden machen, aber ich bitte einen Spaziergänger, ein Foto mit meiner Kamera von uns zu schießen, und stelle ihm alles entsprechend ein. „Du bist aber auch ein Perfektionist“, sagt Manuela anschließend, als ich ihr das Ergebnis zeige. „Ein Selfie mit dem Handy hätte doch als Erinnerung auch gereicht.“ „Ich schick dir das Bild nachher, dann kannst du es auf dem Handy speichern und posten. Und nicht nur du wirst dann auch von der Qualität begeistert sein.“ „Ach, das sieht man doch auf dem Handy nicht wirklich.“ „Ich schon.“
Der Weg zurück ist dann etwas leichter, weil die meisten Steigungen jetzt bergab gehen. Damit wir nicht zu glücklich werden, kommt uns an freien Stellen ein kräftiger Wind entgegen. Wir legen eine Pause in Prora ein, besuchen den Baumwipfel-Pfad und essen im danebenliegenden Restaurant Boomhus eine Kleinigkeit. Da es nur noch etwa 15 Kilometer nach Sellin sind und ich sehr durstig bin, trinke ich ein paar Störtebeker. Der restliche Weg schafft mich aber dann so sehr, dass ich im Hotel nur noch aufs Zimmer schleichen und ins Bett fallen kann. Manuela ist nicht begeistert von ihrem schlappen Begleiter und geht auf ein paar Cocktails allein in die Bernstein-Lounge.
13. Leo
Meine Mausefalle ist im Großeinsatz. ‚Das gibt’s doch nicht! Da muss irgendwo ein Nest sein‘, grüble ich vor mich hin. In vier Tagen drei Mäuse, das ist rekordverdächtig. Die Pepi wäre neidisch, wenn sie das wüsste. Die Pepi ist die grau getigerte Nachbarskatze, die lässt nichts aus, was krabbeln kann und vor ihr flüchten will. Aber in meiner Speisekammer suche ich lieber selber die Übeltäter. Das muss sich ausgehen, wenn ich heute Abend heimkomme.
Inzwischen habe ich mit Lucy die Telefonnummern ausgetauscht. Es macht Spaß, sich mit ihr zu unterhalten. Das ist absolut kurzweilig und ich freue mich jeden Tag darauf. Bisher haben wir nur geschrieben. Für heute nach Dienstschluss sind wir verabredet zum Telefonieren, zum ersten Mal. Ich hoffe, ich komme zu einer menschenwürdigen Zeit aus dem Büro. Da muss ich mich ranhalten, der Planungsbericht für das neue Programm muss bei Jochen, meinem Chef, auf dem Schreibtisch liegen, bevor ich die heiligen Hallen verlasse. ‚Also bitte, Konzentration! Die Gedanken an meine Mäuschen muss ich auf später vertagen!‘ Es ist schwierig, aber die Motivation hat durch das, was mich am Abend erwarten würde, gesiegt. Damit meine ich natürlich die Mickymaus, nicht die in meiner Falle …
Kurz vor acht bin ich zu Hause. Zum Mäusenest suchen ist es zu spät, wir wollen ja gleich telefonieren. Ich kann nachher nicht alles bis morgen herumliegen lassen. Meine Eltern sind zwar für ein paar Tage zu meiner Tante gefahren, aber gegen ein bisschen Ordnung habe ich selber auch nichts. Deshalb beschließe ich, die Falle wieder zu aktivieren, also den Köder zu erneuern, und die Räumaktion auf das Wochenende zu verschieben.
Und jetzt ein kühles Blondes und ab auf die Couch. Circa halb neun haben wir ausgemacht. Jetzt ist es Punkt halb. Ich wähle ihre Nummer und sie geht nach dem ersten Läuten ran. „Hi Leo! Ich staune, wie pünktlich du bist!“, scherzt eine klare, freundliche und sehr angenehme Stimme am Telefon. „Hi Lucy, ja, ich hab mich auch auf heute Abed gefreut! Wie geht’s dir? Wie war dein Tag?“ Sie erzählt von ihrem anstrengenden Arbeitstag und ich von meinem Chef, der begeistert war, wie schnell ich seinen Auftrag ausgeführt habe. „Irgendwie beflügelst du mich“, muss ich ihr gestehen. Das gefällt ihr. Es knistert richtig zwischen uns. Ich würde sie sehr gern sehen, aber ich will nichts kaputtmachen, indem ich zu voreilig bin. Nach einer Weile legt Lucy scheinbar eine Denkpause ein und fragt dann ganz vorsichtig: „Sag mal, wir wollten uns doch diese Woche noch sehen. Es ist erst knapp halb zehn. Was meinst du, sollen wir uns heute noch treffen?“ Mein Herz macht einen Sprung und der erste Impuls wäre ein lautes JA gewesen. Aber morgen sollte ich nicht zu spät aufstehen, und ausgeschlafen zu sein, wäre auch kein Fehler. „Musst du morgen gar nicht arbeiten?“, versuche ich zu erfahren. „Doch, aber zugegeben erst etwas später als sonst. Möchtest du nicht?“ Sie wirkt ein wenig enttäuscht. „Doch, doch! Sehr gern sogar. Ich muss nur früh raus und wenn wir jetzt noch irgendwo hinfahren, wird die Nacht kurz. Ich überdenk nur unsere Möglichkeiten.“
Das Ergebnis unserer gemeinsamen Überlegung ist ein Kompromiss mit Folgen. Wir haben es beide nicht weit zur U-Bahn. Und so einigen wir uns darauf, dass ich sie von der Station abhole und wir machen uns bei mir zu Hause einen gemütlichen Abend. Trifft sich gut, dass Mama vor ihrem Urlaub noch aufgeräumt hat. Und ich bin froh, dass ich die Speisekammer heute nicht ausgeräumt habe! In einer halben Stunde soll ich sie abholen. Da kann ich noch Bettzeug für die Couch heraussuchen. Wenn es sehr spät wird, was ich fest glaube, möchte ich ihr das Bett überlassen und selber auf der Couch schlafen. Ich ziehe mich noch um, dann schnappe ich meine Jacke und los geht’s.
Bei der Begrüßung wollen wir uns nicht lang aufhalten. Es gibt eine innige Umarmung und dann freuen wir uns auf zu Hause. Es ist genau 22:40 Uhr, als wir bei meiner Haustür ankommen. Ich greife in meiner Jackentasche nach dem Hausschlüssel. Da trifft es mich wie ein Schlag! Der Schlüssel liegt im Vorzimmer auf der Kommode. Ein Albtraum! Lucy glaubt erst, ich mache einen Scherz. Sie hört erst auf zu lachen, als ich sie mit in den Garten nehme – zum Glück kann man bei meinen Eltern über den Zaun steigen und so nach hinten zu meiner Terrasse gelangen. Bei der alten Terrassentüre steckt innen der Schlüssel. Um den zu erwischen, muss ich ein Loch in die Glasscheibe machen, die im oberen Teil der Tür eingesetzt ist. Da hilft nur eins. Ein Kissen von der Gartenbank holen und so leise wie möglich das Glas einschlagen. ‚Ich breche in mein eigenes Haus ein! Ich glaub’s nicht!‘ Lucy blickt ganz verlegen umher, als würde sie Schmiere stehen. Ich kann förmlich spüren, wie peinlich ihr das ist. In drei Minuten ist alles erledigt. Meine Hand passt gerade durch das Loch, ich fasse den Schlüssel und kann endlich aufsperren. Und das Wichtigste: Die Nachbarn sind nicht wach geworden!
Während ich das Loch provisorisch mit Karton abdichte, wird Lucy lockerer und kann wieder lachen. „Tut mir leid, meine Mickymaus! Das ist mir noch nie passiert. Ist ja voll peinlich, die Sache. Du musst dir jetzt was Schönes von mir denken!“, flüstere ich, während ich sie in den Arm nehme. Sie lässt es geschehen, erwidert auch meinen Kuss und beruhigt mich nachher: „Ach, das kann doch passieren. Mach dir nix draus! Du hattest die Situation doch voll im Griff.“
Bei einem guten Glas Rotwein und ein bisschen Knabberzeug wird es noch ein langer, gemütlicher Abend. Wir kommen uns bald näher, als ich es zu hoffen gewagt habe, und zum Schluss meint sie, die Bettwäsche für die Couch wäre doch nicht nötig. Sie will mir auf keinen Fall mein Bett wegnehmen. Es ist bereits nach halb zwei, als wir uns aneinanderkuscheln. Ich denke gerade, wie schön das ist. Das hatte ich schon lange nicht gespürt. Plötzlich – ein Knacksen und Scharren in der Dunkelheit … „Was ist das?“, fragt Lucy erschrocken. „Nichts weiter. Keine Sorge, wahrscheinlich die Pepi, die Nachbarskatze … Gute Nacht, meine süße Mickymaus!“
14. Lydia
Am Samstag ist Putzen angesagt, damit abends alles schön sauber ist. Ich teile mir die Hausarbeiten mit Wolfgang und Lisa. Jeder kümmert sich natürlich um sein eigenes Zimmer, aber ich biete an, die Küche in Ordnung zu bringen und auch nachmittags etwas zu essen für abends vorzubereiten. Lisa macht das Bad sauber und Wolfgang geht für seine Party einkaufen. Mittags ist die Küche fertig und bis zum Kochen und Vorbereiten habe ich noch etwas Zeit. Also schalte ich meinen Laptop ein und rufe das neue Computerspiel auf, das ich mir gestern heruntergeladen hatte. „Anno 1800“ heißt es, in dem es um den Aufbau von Gesellschaften im Industriezeitalter geht. Ich beginne damit, ein paar Bauern auf Feldern schuften zu lassen, damit die Nahrung sichergestellt wird, aber dann muss ich mich um Arbeiter in Fabriken kümmern. Nach zwei Stunden habe ich eine beachtliche Struktur geschaffen und speichere den aktuellen Stand ab, denn Wolfgang ist vom Einkaufen zurück und jetzt heißt es Live Cooking.
Die Party am Abend wird dann megalustig, wir haben etwa 30 Leute in der Wohnung, die sich in allen Räumen tummeln. Das ist das Tolle an unserer WG, dass wir gut miteinander teilen und auch feiern können. Es wird spät, fast halb vier, bis ich die übrig gebliebenen Gäste aus meinem Zimmer scheuche und ins Bett krabbeln kann. Die anderen feiern noch weiter, aber nach drei Minuten bin ich eingeschlafen.
Am Sonntagvormittag um elf wache ich auf, mein Kopf fühlt sich an wie eine teigige Masse. Ich gehe zu unserem Medizinschrank, hole mir erst mal zwei Aspirin und brühe in der Küche einen starken Kaffee auf. Geruch oder mein Klappern in der Küche hat wohl Lisa geweckt, denn kurz danach steht sie zerzaust in der Tür und sagt: „Krieg ich auch ’n Kaffee?“ „Klar Süße, brauchst du auch ein Aspirin?“ „Nee, bloß nicht, dann muss ich kotzen.“ Also lassen wir beide die Party bei einer Reihe von Kaffeetassen Revue passieren. Wir kommen zu dem Schluss, dass der Abend sehr gelungen war. Gegen eins kommt Wolfgang aus seinem Zimmer und mit ihm eine junge Frau (höchstens 18), beide hocken sich zu uns in die Küche und es gibt eine weitere Kaffeerunde. „Wie hat dir deine Geburtstagsparty gefallen?“, fragt Lisa. „Supergeil, dank eurer Unterstützung, vor allem auch dank Lydias Kochkünsten, aber auch wegen Lisas Musik und Getränkeversorgung fand ich es ganz toll. Ich danke euch sehr dafür.“ Nadine, die Kleine, die mit Wolfgang hereingekommen war, fragt: „Wohnt ihr hier schon lange zusammen?“ „Drei Jahre in der Konstellation“, antwortet Lisa, „da zog Lydia ein. Vorher hatten wir einen weiteren Mann bei uns, aber das passte nicht so gut, denn der war eher ein Putzmuffel.“ „Stinkstiefel, würde ich sagen“, meinte Wolfgang, „denn sonst war mit dem auch nicht viel anzufangen. Irgendwie war der ständig bekifft und schwebte in anderen Welten.“
Ich verabschiede mich aus der Runde und versuche in meinem Zimmer noch ein bisschen „Anno 1800“ weiterzuspielen, aber dazu ist mein Geisteszustand wohl noch zu schwach. Also schalte ich ab, setze mir die Kopfhörer auf und höre Musik. Kurz danach muss ich eingeschlafen sein. Gegen fünf wache ich auf und denke: ‚Jetzt muss ich mich aber mal langsam in einen präsentablen Zustand versetzen. Und noch was essen wäre auch nicht schlecht.‘ Ich hole mir also schnell einen Joghurt mit etwas Müsli und danach gehe ich eine Viertelstunde unter die Dusche. Gegen sechs bin ich mit meinem Äußeren ganz zufrieden, die dunklen Ringe unter den Augen sind zwar auch mit Schminke nicht ganz wegzukriegen, aber was soll’s. Mach ’mer los. Guggn ’mer mal, was Frank und der Italiener zu bieten haben.
Frank steht tatsächlich an der S-Bahn-Station und wir wandern zum „Casale“. Er hat einen Tisch in einer gemütlichen Ecke reserviert und die Speisekarte sieht auch verlockend aus. Nach der Bestellung und einem ersten Schluck Valpolicella reden wir über uns. Frank will wissen, ob ich ihn mag. Ich sage wahrheitsgemäß: „Ja, schon, aber wie du weißt, stört es mich, dass du rauchst.“ „Kannst du dir trotzdem eine Beziehung mit mir vorstellen?“ „Ach du lieber Gott, Frank, da ist er wieder, der Mister Geduldig. Wieso fragst du das? Können wir es nicht einfach erst mal angehen lassen und schauen, wie sich das mit uns entwickelt?“ „Ja, aber ich möchte schon ein bisschen wissen, woran ich mit dir bin.“ „Hast du Angst, zu viel zu investieren, oder was soll das?“ „Nein, das ist es nicht. Vielleicht bin ich etwas zu konservativ. Ich hatte mir erträumt, dass wir heute Abend nach dem Essen noch zu mir gehen und dass wir uns vielleicht etwas näherkommen. Wenn dir aber nichts an mir liegt, macht das wenig Sinn, oder? Dann lassen wir das besser.“ „Frank, wir treffen uns heute zum dritten Mal, da kann ich noch nicht sagen, wie sehr ich dich mag und ob wir langfristig füreinander bestimmt sind oder zueinander passen. Das braucht Zeit.“ „Ich bin vielleicht ein blöder Romantiker, aber ich mag dich sehr und ich kann mir mehr vorstellen, als nur mit dir essen zu gehen. Ich glaube, ich bin schon sehr in dich verliebt. Aber wenn das einseitig ist, dann möchte ich lieber nicht weiter darüber sprechen.“
Das macht mich irgendwie sprachlos. Wenn es so ist, wie er sagt, dann muss ich den Kontakt mit ihm abbrechen, denn so etwas empfinde ich nicht für ihn. Jedenfalls bisher nicht. ‚Kann das noch kommen oder wird sich da bei mir nichts tun?‘ Ich antworte ihm vorsichtig: „Frank, ich habe dir schon gesagt, dass ich dich mag, aber mehr ist da nicht. Jedenfalls bisher. Ich weiß nicht, ob sich das ändern wird, aber wenn wir es nicht versuchen, dann werden wir es nicht wissen.“
Inzwischen sind meine Nudeln kalt und ich hab auch keinen Hunger mehr. Frank versucht, meine Hand zu nehmen, die ich ihm wegziehe. Dann sagt er: „Ich hab mich schon in der Firma in dich verguckt, da kannte ich dich noch gar nicht. Jetzt, wo ich dich näher kenne, ist das Gefühl noch viel stärker. Aus deinen Worten erkenne ich, dass du nicht sehr viel für mich übrig hast, und dann möchte ich nicht weiter versuchen, dich von meinen Empfindungen zu überzeugen. Ich glaube nicht, dass dies zu einer positiven Entwicklung deiner Gefühle führen wird. Dann bleiben wir halt Freunde, wenn du magst.“
Ich schlucke ein paarmal, so ehrlich ist noch nie jemand zu mir gewesen. Die meisten Männer hatten einfach weiter gebaggert und versucht, mich rumzukriegen. So ein Mensch wie Frank ist mir noch nie begegnet. Da sollte ich zumindest das Freundschaftsangebot annehmen. „Ich danke dir sehr für deine offenen und liebevollen Worte. Und für eine Freundschaft mit dir bin ich gern bereit. Das heißt, wenn dir das reicht.“ „Wenn es mehr nicht werden kann …“
15. Tina
Meine Chatzeiten habe ich jetzt gut im Griff. Seit etwa zwei Wochen schreibe ich mit den drei Jungs, wobei es sich eingespielt hat, dass ich jeweils nur einem bekannt gebe, dass ich schon zu Hause bin oder auf seine Nachricht antworte. Es ist nicht ganz einfach, einen Dialog zeitlich zu begrenzen, damit die beiden anderen noch zum Zug kommen, aber man wird erfinderisch. Mal bin ich sehr müde und muss am nächsten Tag früh raus. Dann wieder ruft meine Freundin gerade an oder ich bin draufgekommen, dass ich etwas vergessen habe, was noch dringend vor dem Schlafengehen erledigt werden muss. Und wenn es sich für einen der drei einmal gar nicht ausgeht, bin ich einfach nicht zum Chatten gekommen.
Das ist natürlich nur möglich, weil ich es bisher vermeiden konnte, meine Telefonnummer herzugeben. Langsam wird es aber eng. Markus hat schon zweimal danach gefragt. Und ich muss zugeben, die Unterhaltung mit ihm ist am spannendsten. Andreas ist vielleicht ein bisschen zu vorsichtig. Ich möchte nicht den ersten Schritt machen. Er macht ihn aber auch nicht. Ben ist unheimlich höflich und einfühlsam, mit ihm könnte ich stundenlang reden … NUR reden, glaube ich. Bei Markus ist das ganz anders! Er macht es spannend, spricht oft in Andeutungen, gibt aber seine Absichten auch offen zu, ohne dabei aufdringlich zu wirken.
Heute ist er der letzte in der Plauderrunde und diesmal ist es so weit. Die angenehme Spannung zwischen uns wird immer spürbarer und der Wunsch nach mehr deutlicher. Wir tauschen endlich unsere Nummern aus und verabreden uns für den nächsten Tag. Da ich ohnehin vorhabe, morgen mit dem Auto zu fahren, schlage ich vor, dass ich ihn von der Arbeit abhole, und dann überlegen wir, wo wir hinwollen. Markus ist begeistert von der Idee, er liebt Überraschungen.
Zuerst ist Markus erstaunt, welches Auto ich fahre. „Wow, da weiß ich ja gar nicht, wen oder was ich zuerst bewundern soll. Dich oder dein Auto! Beides echte Schönheiten, wie ich sehe“, tönt er sehr charmant und fast ehrfürchtig. „Danke für das Kompliment“, gebe ich zurück „Das Saab Cabrio war schon lange mein Traum. Im Winter habe ich es geschafft und noch einen Verrückten gefunden, der seinen Schatz verkauft! Neu gibt es die ja leider nicht mehr … Komm, steig ein, hast du eine Idee, wo wir hinfahren wollen?“
Dann bin ich überrascht. Markus schlägt vor, ins Kino zu gehen. „Gibt es eines, wo du öfter hingehst?“, will er wissen. „Ja, schon. Ich bin ab und zu in der ASTOR Lounge in der HafenCity. Da gefällt mir das besondere Ambiente und die angenehmen Liegesitze.“ Markus schmunzelt: „Soso, Liegesitze … Apropos … hat das Saab Cabrio auch Liegesitze?“ Seine Augen blitzen und ein Lächeln umspielt seinen Mund, das Bände spricht. Ich lenke erst einmal ab und frage schnell: „Also, wohin? HafenCity?“ „Alles klar! Kann losgehen.“
„Am besten parken wir im City Parkhaus, von da sind wir zu Fuß in etwa 18 Minuten im Kino … sagt Mr. Google“, lautet seine Recherche. Ich kutschiere uns also zu dem Parkhaus und muss gleich einmal feststellen, dass die ersten beiden Ebenen völlig zugeparkt sind. Also noch eine höher. Plötzlich meint Markus: „Fahr doch noch eine höher!“ Ich weiß auch nicht, warum, aber ich erklimme wirklich die nächste Etage, und als Markus richtig in Fahrt kommt und mich anfeuert, noch eine und noch eine. Auf der letzten Ebene parken nur ganz wenige Autos. „So passt das“, meint Markus, schon wieder mit einem Lächeln im Gesicht.
Unser Zeitplan ist okay. Es gibt mehrere Filme, die innerhalb der nächsten Stunde beginnen. Auf dem Weg zum Kino überlegen wir, welchen wir sehen wollen. Markus hat „Robin Hood“ im Auge. Jamie Fox soll die Rolle des Little John hervorragend spielen. Ich bin aber eher für was Lustiges und dränge auf „Booksmart“.
„Davon habe ich letztens die Vorschau gesehen. Da geht die Post ab, sag ich dir. Da gibt’s was zu lachen“, schwärme ich und Markus gibt nach. Also kaufe ich zwei Tickets für uns und eine große Tüte Popcorn.
Er kennt dieses Kino noch nicht und ist überwältigt von dem angenehm großen Saal mit der schummrigen blauen Beleuchtung. So weiche Kinosessel hat er auch noch nicht gesehen – oder besser gespürt. „War eine gute Idee, hierherzukommen. Das gefällt mir sehr“, gesteht er und kippt während des Films seinen Sessel nach hinten. Ich meinen auch. Es ist sehr angenehm, neben Markus zu sitzen, ich genieße seine Gesellschaft. Nach der Einleitung des Films, also als klar ist, was die beiden Highschool-Girls vorhaben, spüre ich, wie seine Hand meiner immer näher kommt, bis er sie zu streicheln beginnt. Von da an ist es gar nicht mehr so einfach, der Handlung zu folgen. Jedenfalls geht es im Film ganz schön heiß zur Sache, was auch uns in einen gewissen Spannungszustand versetzt.
Auf dem Rückweg zum Auto ist es etwas kühl geworden, daher hake ich mich bei meinem Begleiter unter und genieße seine Nähe. Als wir im Parkhaus auf der letzten Ebene ankommen, stellen wir erstaunt fest, dass das weiße Traumauto mit dem dunkelblauen Verdeck als einziges übrig geblieben ist. „Hm“, flüstert Markus mir ins Ohr „Hast du schon mal auf dem Rücksitz deines Autos geküsst … oder geknutscht?“ „Nein!“, lautet meine prompte Antwort. „Dazu hatte ich noch nie die Gelegenheit!“ „Das hier könnte man aber als Gelegenheit bezeichnen, oder?“ „Ja … wenn man so will. Das könnte man wohl.“ Wir schauen uns ein paar verhängnisvoll lange Sekunden an, dann öffne ich die Tür und schiebe die Sitze etwas nach vorn. Die Lehnen noch nach vorn kippen und schon ist es auf dem Rücksitz recht gemütlich. Wie in eine geheimnisvolle Höhle ziehen wir uns zurück. Die Spannung ist so groß, dass wir nicht mehr anders können, als uns zu küssen. ‚Ja, das fühlt sich gut an‘, denke ich und lasse mich voll auf das ein, was jetzt kommt. Scheinbar durch die Diskussion der Mädchen im Film inspiriert, fragt mein Liebhaber: „Weißt du, dass es sie gibt?“ … „Was?“ … „Die Scherenstellung.“ … Ich versinke zuerst in seinen lachenden Augen und dann in seinen starken Armen.
16. Sven
Mitten in der Nacht wache ich auf und wundere mich, dass Manuela nicht neben mir liegt. Ich gehe aufs Klo und versuche sie anzurufen, aber scheinbar ist ihr Telefon aus, denn es kommt gleich die Mailbox. Ich schaue aufs Handy: 4:36 Uhr. Das ist jetzt aber komisch. Was mag da wohl los sein? Mit einem unguten Gefühl lege ich mich wieder hin, aber es dauert ewig, bis ich noch einmal einschlafe. Um 6:47 Uhr wache ich aus einem Albtraum auf, in dem Manuela mit einem anderen Mann im Bett liegt, und bin vollends verwirrt. Ich versuche erneut, sie anzurufen, und wieder antwortet die Mailbox. Jetzt bin ich ernsthaft besorgt und beschließe, einen Spaziergang zu machen.
Nach ungefähr einer Stunde komme ich zurück ins Zimmer. Keine Spur von Manuela. Also gehe ich in die Sauna, um meinen Frust auszuschwitzen. Als ich gegen halb zehn wieder in unser Zimmer komme, liegt Manuela schlafend und leise schnarchend im Bett. Ich bin versucht, sie aufzuwecken, beschließe aber stattdessen zum Frühstück zu gehen. Dort genehmige ich mir neben Spiegeleiern und Schinken zuerst zwei Gläser Sekt, um von meiner Nervosität runterzukommen. Ich überlege dauernd, was sie wohl gemacht haben könnte, und komme zu keinem anderen Schluss, dass es – wie in meinem Albtraum – nur ein anderer Mann gewesen sein kann. ‚Was mache ich denn jetzt? Soll ich sie ausfragen oder warten, ob sie von sich aus was sagt?‘ Ich beschließe, zunächst vorsichtig nachzufragen und ihr die Chance für ein Geständnis zu geben. Dann kann ich immer noch entscheiden, wie ich darauf reagiere. Vielleicht gibt es ja doch eine harmlose Erklärung.
Um 11:30 Uhr finde ich sie immer noch schlafend. ‚Muss wohl eine harte Nacht gewesen sein.‘ Ich nehme meinen Laptop und setze mich zum Lesen auf den Balkon. Irgendwie kann ich mich aber nicht konzentrieren, immer wieder drehe ich mich um und schaue sie an. Sie schläft weiter tief und fest und so fallen mir auch die Augen zu.
Plötzlich werde ich durch zwei Hände aufgeweckt, die sich von hinten auf meine Augen legen. „Guten Morgen“, sagt Manuela zu mir. „Wieso schläfst du hier auf dem Balkon? Du hättest dich doch neben mich legen können.“ „Hätte, hätte, Fahrradkette, da wär ich mir komisch vorgekommen. Wo warst du denn so lange?“ „An der Bar unten, da hab ich ein paar nette Leute kennengelernt, und als die um eins zugemacht hat, sind wir noch in einen Nachtclub gefahren.“ „Und der hatte bis morgens um neun offen?“ „Nein, um sieben waren wir wieder im Hotel und haben gefrühstückt. Danach bin ich ins Zimmer, aber du warst nicht hier. Also hab ich mich hingelegt, denn ich war echt kaputt und hatte wohl auch zu viel getrunken.“ „Und jetzt bist du schon halbwegs wieder fit?“ „Na ja, geht so. Wieso, was möchtest du denn machen? Sicher nicht schon wieder Rad fahren, oder?“ „Nö, das hat mir gestern gelangt. Aber wir könnten doch mit dem Auto irgendwo hinfahren und schön zu Mittag essen. Was meinst du?“ „Ja, wenn du fährst, denn ich glaube, ich sollte noch nicht ans Steuer.“
Eine halbe Stunde später sind wir unterwegs Richtung Hiddensee. In Schaprode stellen wir das Auto ab und nehmen die Fähre nach Vitte. Von dort machen wir einen Spaziergang zum Restaurant Buhne XI, das ich schon im Hotel gegoogelt hatte. Im Auto, auf der Fähre und auch beim Spaziergang kommen immer wieder Nachrichten auf Manuelas Handy, sie schaut kurz drauf, antwortet manchmal, aber immer so, dass ich nichts lesen kann. Im Restaurant spreche ich sie dann drauf an und frage: „Wer schreibt dir denn so viel?“ „Meine Mutter.“ „Ist was passiert?“ „Nein, sie will halt wissen, was wir so machen und wie es uns geht.“ „Zeig mal.“ „Wieso, das ist doch nicht wichtig.“ „Ich würde es aber gern sehen!“ „Das interessiert dich doch sonst auch nicht.“ „Sonst bleibst du auch nicht eine ganze Nacht weg.“ „Ach, du kannst einem alles verderben.“ „Ich? Ach. Was verderbe ich? Die Kommunikation mit deiner Mutter?“ „Ich finde, du bist äußerst misstrauisch.“ „Und ich finde, du bist äußerst unehrlich.“ Das Essen wird gebracht und wir kauen schweigend. Das heißt, ich kriege kaum was runter. Dabei sieht der Fisch sehr gut aus. Ich frage sie: „Meinst du, du kannst gleich zurückfahren? Ich würde gern noch ein Bier trinken.“ „Ja, ich denke, das wird schon gehen, und ich bleib heute bei Wasser.“ Also bestelle ich mir ein großes Bier und dann noch eins. Danach fühlt sich mein Magen besser an.
Auf dem Rückweg zur Fähre kommen wieder ein paar Nachrichten, aber sie schaut sie nicht an und beantwortet sie auch nicht. Ich tu auch so, als hätte ich das nicht mitbekommen. Erst auf der Fähre, wo ich eines der Biere wieder wegbringe, sehe ich auf dem Rückweg, dass sie schreibt wie wild. Jetzt reicht es mir und ich beschließe, ich muss handeln. Ich komme zum Platz zurück und sage zu ihr: „Es gibt zwei Möglichkeiten: Du zeigst mir die Konversation mit deiner Mutter oder ich fahre heute Abend nach Hause.“ „Was soll das jetzt? Spinnst du? Du kriegst mein Handy nicht. Schon aus Prinzip.“
Ich sage kein Wort mehr, sondern suche mir im Auto eine Zugverbindung nach Hamburg und packe im Hotel wortlos meinen Koffer.
17. Marie
Eigentlich hatten ihre Eltern sie Marie-Luise getauft und in der Schule hatte man sie nur Mary Lu gerufen. Dann war sie zum Studium nach Hamburg gegangen und als Marie zurück nach Münster gekommen. Jetzt saß sie gerade in ihrer Wohnung, ihr Sohn Bosse schlief und sie dachte darüber nach, wie sie ihren 30. Geburtstag feiern sollte. Letztens war sie mit ihrem Freund Bernd mal im Club „Walk of Fame“ gewesen und dort hatte es ihr gut gefallen. An den Wänden hingen Bilder, die nach geschlossenen Gesellschaften aussahen. Sie hatte auch schon gefragt und erfahren, dass sie dort eine Geburtstagsparty feiern konnte. Also, der Ort war schon mal klar, Getränke lieferte der Club, Essen musste man selbst organisieren. Bernd hatte sie für verrückt erklärt, als sie meinte, der Club sei so groß, sie wolle 100 Leute einladen. Jetzt saß sie vor einem leeren Blatt Papier und wollte sich die Gäste notieren.
Als Erstes fiel ihr Sven ein, mit dem sie während ihres Studiums in Hamburg eine kurze Beziehung gehabt hatte. Genau genommen war es ein langes Wochenende auf Sylt gewesen, wo Sven Fotos machen wollte, und sie gefragt hatte, ob sie mitkommen wolle. Da sie Sven nett fand und seine lockere Art mochte, hatte sie zugesagt und war gern mitgefahren. Es waren ein paar tolle Vögeltage geworden, wie sie nachher immer zu sagen pflegte. Denn Sven hatte nicht nur Vögel fotografiert …
Aber danach hatten sie sich aus den Augen verloren. Kurze Zeit später war Sven für eine längere Fotoreise nach Südafrika aufgebrochen und sie war nach Münster zurückgegangen und hatte angefangen, Italienisch und Mathematik an der Marienschule zu unterrichten. Das ist ein bischöfliches Gymnasium mit 100-jähriger Geschichte und entsprechend traditionell geht’s dort auch zu.
Sven wollte sie unbedingt einladen, denn er kam immer noch in vielen ihrer Träume vor, obwohl die Affäre schon fünf Jahre her war. Bernd gehörte auch dazu, obwohl sie nicht mit ihm verheiratet war. Sie teilten sich die Erziehung ihres gemeinsamen Sohnes, aber zusammen leben wollten sie nicht. Dazu waren sie zu verschieden. Dann musste sie diverse Kolleginnen und Kollegen von der Schule einladen, also Babsi, Marlene, Uschi, Franz, Manuel usw. Damit käme sie auf etwa 20 Personen. Sollte sie auch Verwandte einladen? Ihre Eltern, ihren Bruder. Ach ja, und Tina und ein paar andere aus Hamburg, die sie auch aus der Studienzeit kannte. So käme sie also auf etwa 30 Gäste, was für den 30. Geburtstag vielleicht auch besser war als 100. Da hatte Bernd recht gehabt.
Sie vervollständigte die Liste und dachte über ein Motto für den Abend nach. Sie war am 17. November 1989 geboren, also kurz nach der Maueröffnung. Sollte sie irgendwie daran anknüpfen? Wall of Shame im Walk of Fame? Das könnte gehen. Aber so richtig gefiel ihr das noch nicht. Zumindest würde sie jetzt schon mal den Klub am 16. November reservieren. Es war toll, dass das ein Samstag war, denn dann konnten sicher viele an der Party teilnehmen und mit ihr in den Geburtstag hineinfeiern. Sie musste auch an ein paar Übernachtungsmöglichkeiten denken. Sven könnte ja vielleicht bei ihr schlafen, wenn sie Bosse bei ihrer Nachbarin unterbringen würde. Aber andere auswärtige Gäste brauchten ein Hotelzimmer. Darum wollte sie sich morgen kümmern. Und das Essen? Catering Service von wo? Vielleicht könnte die eine oder andere Kollegin auch etwas mitbringen. Das müsste sie in der Schule mal ansprechen. Sie musste auch bald die Einladungen verschicken, damit alle rechtzeitig Bescheid wussten und möglichst viele bzw. genau 30 dabei wären. Was sollte da alles hinein und wie sollte die aussehen? Bernd kannte eine Druckerei und hatte angeboten, dass die Karten dort gedruckt werden könnten. Also schaltete sie ihren Laptop ein und fing an, in Power Point einen ersten Entwurf aufzusetzen.
18. Leo
Die Nacht ist kurz und unruhig. Ich bin sehr schnell eingeschlafen und fühle mich unheimlich wohl, so nah an Lucys warmen, weichen Körper geschmiegt. Kein Stück Stoff ist zwischen uns. Haut an Haut ins Land der Träume. Wie wunderbar! Aber sie kann nicht schlafen. Zuerst flüstert sie: „Bitte kannst du mal nachsehen, ob das wirklich die Katze ist?“ Ich muss kurz überlegen, was ich tun soll, denn ich weiß ja, dass es nicht die Pepi ist. Also versuche ich sie zu beruhigen: „Die geht gleich wieder. Die ist öfter hier und ein bisschen nachtaktiv. Komm, versuch zu schlafen.“ Nur gefühlte fünf Minuten später: „Leo bitte, was ist das? Das ist doch hier im Haus.“ ‚Oje, jetzt sitz ich in der Patsche! Wenn ich ihr gleich sage, dass das eine Maus ist, die aus der Falle fliehen will, lyncht sie mich, weil ich vorher gelogen habe. Und wenn sie selber die Falle mit der Maus findet, bin ich auch fällig.‘ Ich möchte auch noch ein bisschen schlafen, kann kaum die Augen offenhalten. Um fünf Uhr müssen wir aus den Federn. In zwei Stunden! Ich beschließe, es ihr zu sagen, damit hier bald Ruhe ist: „Lucy, bitte sei nicht sauer, ich muss dir was sagen. Ich habe in der Speisekammer eine Mausefalle aufgestellt, da sitzt jetzt sicher so ein armes Vieh drin und will raus. Morgen früh …“ Den Satz kann ich nicht zu Ende sprechen, denn sie springt wie von der Tarantel gestochen aus dem Bett und schreit mich an: „Waaas? Eine Maus!!! Bist du von allen guten Geistern verlassen? Du lässt mich mit Mäusen unter einem Dach schlafen?!“ Ich bin gerade sehr froh, dass meine Eltern nicht zu Hause sind. Die Töne in dieser Frequenz wären sicher bis hinübergedrungen! „Beruhige dich bitte! Das ist doch nur eine kleine Maus. Noch dazu in einer Falle“, versuche ich sie zu bändigen. Aber sie ist äußerst aufgebracht. Plötzlich hält sie inne und sagt in ganz normalem Ton: „Du verarschst mich doch, oder? Ich nerv dich, weil du schlafen willst, und deshalb erzählst du mir hier eine Geschichte.“ Da bin ich platt. Was soll das jetzt? Langsam komme ich in Rage. „Komm mit“, fordere ich sie auf. Und sie geht mit in Richtung Küche. Wortlos öffne ich die Tür zur Speis und zeige auf die Falle in der Ecke. Da sitzt es tatsächlich, das kleine, zierliche Nagetier, und schaut uns erschrocken an. Ich will mir schon die Ohren zuhalten, weil ich mit einem Aufschrei rechne, aber Lucy macht nur einen großen Satz zurück und verschwindet im Schlafzimmer. Ich schließe die Tür und folge ihr. Sie sitzt splitternackt, mit angewinkelten Beinen, die Knie mit den Armen umfassend, auf dem Bett und ist den Tränen nah. „Warum hast du mir das nicht gesagt? Ich hasse Mäuse. Mich ekelt es davor! Mäuse sind schmutzig und lästig … und überhaupt …“, brabbelt sie. „Oh Mann, Lucy, das konnte ich doch nicht wissen! Schon gar nicht bei deinem Spitznamen. Außerdem dachte ich, dass keine mehr in die Falle gehen wird. Ich war fast sicher, dass alle weg sind“, rechtfertige ich mich. Aber das macht wenig Eindruck. Ich habe großes Glück, dass sie jetzt auch von der Müdigkeit überwältigt wird. Und so kann ich sie überreden, trotzdem bis zum Morgen zu bleiben. Anderthalb Stunden bleiben uns noch zum Schlafen, was wir nach dieser Aufregung auch tun. Ich muss Lucy nur versichern, dass alle Türen im Haus zu sind.
Der Wecker war schon immer mein persönlicher Feind, aber diesmal würde ich ihn am liebsten durch das geschlossene Fenster schleudern. Auch Lucy zieht sich noch mal die Decke über den Kopf. Doch es nützt nichts, wir müssen raus. Obwohl ich ein super liebevolles Frühstück zubereite und mich wahnsinnig bemühe, die Geschehnisse der Nacht zu übergehen, herrscht eine Spannung zwischen uns, die nichts mehr mit jener beim Chatten zu tun hat. Eiseskälte umspielt Lucys Gesicht. „Schade“, unterbreche ich die Stille, „der Abend war so schön und ich hab ihn zerstört. Kann ich das irgendwie wiedergutmachen?“ Ich nehme ihre Hand in meine und will sie küssen. Lucy zieht ihre Hand zurück und meint nur: „Der Abend war wirklich gelungen und sehr romantisch. Aber wenn ich daran denke, dass ich mit Mäusen in einem Haus geschlafen habe, wird mir kotzübel. Hierher komme ich erst wieder, wenn du mir versichern kannst, dass die Viecher weg sind!“ Mühevoll versuche ich ihr klarzumachen, dass dies ein altes Haus ist. Auch wenn ich es jetzt schaffe, dass alle weg sind, kann sich doch in ein paar Wochen oder Monaten die nächste Mäusefamilie hierher verirren. ‚Da haben wir jetzt wohl ein echtes Problem.‘
19. Lydia
Als ich gegen elf nach Hause komme, sitzen Lisa und Wolfgang wieder in der Küche bei einem Glas Wein und babbeln miteinander. „Wie war dein Date heute?“, fragt Lisa. „Ganz nett, aber jetzt bin ich geschafft und geh schlafen. Gute Nacht.“ Im Bett fühle ich mich doch nicht so müde und schnappe mir noch mal den Laptop. Schaumer amal, ob ich bei „Anno 1800“ weiterkomme. Ein paar weitere Arbeiter und eine neue Landschaft erschaffen und dann poppt plötzlich eine Werbung auf: #gamescom2019 – Eine Woche voller Highlights. Ich klicke auf das Trailer-Video und denke beim Anschauen, da wollte ich doch immer schon mal hin. Also plane ich das diesmal wirklich. Gesagt, getan. Ich suche mir Zug und Hotel heraus, finde zum Glück sogar noch ein recht günstiges Zimmer in Köln-Deutz, nur ein paar Hundert Meter vom Bahnhof und von der Messe entfernt. Gut, dass ich so früh dran bin, denn bis zu besagtem Ereignis sind es noch vier Monate.
In den nächsten Tagen vermeide ich den Kontakt zu Frank, aber nach etwas mehr als einer Woche ruft er mich nachmittags an. „Lust auf einen Kaffee bei Starbucks am Odeonsplatz?“ „Ja, aber bitte etwas später, muss grad dringend etwas fertig machen. Wie wär’s zum Feierabend gegen sechs?“ „Ja, passt, treffen wir uns dort. Bis dann.“ Als ich in der Bahn sitze und die Lichter in den Tunneln wie Sterne an mir vorbeihuschen, freue ich mich, ihn zu treffen und ein wenig mit ihm zu plaudern. Nachdem die Fronten geklärt sind, wird es sicher ein nettes Gespräch.
Ich bin etwa 15 Minuten zu spät und Frank ist schon da. Er hat einen großen Latte macchiato vor sich stehen. Ich bestelle mir einen Caramel macchiato und gehe zu ihm an den Tisch. „Wie war dein Tag heute?“, fragt er gleich zu Beginn und die ersten Minuten vergehen mit Arbeitsblabla. Dann kommt er zu der Frage, die ich schon erwartet habe: „Hast du noch mal über uns nachgedacht?“ „Ja, hab ich. Und ich bin weiter der Meinung, dass wir Freunde sein können, aber mehr nicht. Wenn du das auch willst, freue ich mich. Wenn du aber immer wieder einen Versuch machst, mich doch zu mehr zu überreden, dann geht das mit der Freundschaft nicht und wir werden uns nicht mehr treffen.“ Er schaut etwas bedeppert und ich sehe ihm die Enttäuschung an. „Okay, hatte schon befürchtet, dass du das sagen würdest. Dann werde ich mich damit abfinden und wir versuchen es, so wie du vorgeschlagen hast. Vielleicht können wir uns ja zuerst mal gelegentlich auf einen Kaffee treffen wie heute.“ „Ja, wir können auch mal abends in einen Club gehen, wenn es nicht unbedingt Techno sein muss.“ „Na, da kannst du gern mal was vorschlagen.“
Ich erzähle ihm, dass ich im August zur Gamescom nach Köln möchte, und er sagt begeistert, er muss da auch hin. Hat ein paar Termine mit Lieferanten von Medienerzeugnissen. Vielleicht könnten wir zusammen fliegen und dann abends in Köln weggehen. Als ich ihm meine geplante Reisezeit nenne, stellt sich heraus, mein erster Tag ist schon sein letzter. Also können wir nur einen Abend zusammen in Köln etwas unternehmen. „Nun, immerhin, dann buche ich meinen Rückflug erst am nächsten Morgen“, sagt er mit einem schelmischen Lächeln. Ich sehe schon wieder die Herzchen in seinen Augen.
20. Tina
Seit unserem Erlebnis im Parkhaus treffen wir uns fast schon regelmäßig. Allerdings meistens bei mir zu Hause, manchmal unternehmen wir etwas zusammen. Markus wohnt in einer WG mit zwei Mädels und seinem Freund. Da ist es schwierig mit Besuchen. Die Damen mögen das gar nicht.
Andreas habe ich in einer freundlichen Nachricht geschrieben, dass ich jemand anders kennengelernt habe. Es sei sehr nett gewesen, mit ihm zu chatten, aber das gehe jetzt nicht mehr. Ben gegenüber bin ich wirklich freundschaftlich gesinnt und wir schreiben uns manchmal immer noch. Markus wäre gern noch öfter mit mir zusammen, aber meine Arbeit nimmt doch sehr viel Raum in meinem Leben ein. „Von nichts kommt nichts“, pflege ich dann immer zu sagen, „ich muss mir meine Brötchen verdienen.“ Daher bleibt uns hauptsächlich das Wochenende. Einmal die Woche schaffe ich es meist, früher aufzuhören, dann geht auch noch was.
Markus hat wesentlich mehr Freizeit zur Verfügung. Als ich ihn bei unserem ersten Treffen von dem großen Autohaus abholte, dachte ich, er sei dort als Autoverkäufer tätig oder für die IT zuständig. Er machte einen sehr gepflegten Eindruck. Es dauerte einige Zeit, bis er mir erzählte, dass er in der Werkstatt arbeitet und die Autos repariert, Service durchführt und bei Überstellungen hilft. Ehrlich gesagt, hätte ich mir einen Handwerker anders vorgestellt. „Das ist bei uns gar kein Problem. In der Firma haben wir einen großen Umkleideraum mit Duschmöglichkeit. Also kann ich mir locker gleich nach der Arbeit ein Date ausmachen und sehe nicht aus wie ein Schrauber, wenn ich aus der Werkstatt komme“, teilte er mir belustigt mit, als ich ihm meinen Eindruck schilderte.
An einzelnen Tagen wird es bei ihm auch etwas später, aber in der Regel endet seine Arbeitszeit um 18:00 Uhr. Klar, er könnte nach dem regulären Dienst öfter Überstunden machen, hat aber wenig Interesse daran. Seine Freizeit ist ihm wichtiger. Er lässt hier gern den Familienvätern den Vorrang, die auch mehr Geld brauchen, meint er.
Heute ist Samstag und wir überlegen, wo wir den Abend verbringen wollen. „Markus, was hältst du davon, wenn wir einmal richtig fein essen gehen? Immerhin ist heute unser zweiter Monatstag!“, versuche ich ihn am Telefon zu motivieren. Seine Denkpause verrät erst einmal keine große Begeisterung, er überlegt. Aber er will mir zur Feier des Tages eine Freude machen und fragt, ob ich denn ein gutes Lokal kenne. Im „Au Quai“ an der Elbe war ich schon lange nicht, das wäre doch wieder einmal nett. „Ich reserviere gleich einen Tisch für zwei und hole mein schickes dunkelblaues Cocktailkleid aus dem Schrank“, sage ich ihm, damit er gleich weiß, was er anziehen soll. „Ich hol dich um halb sieben ab!“
Pünktlich bin ich bei ihm und staune, wie elegant er in seinem dunklen Anzug aussieht. Eine Augenweide, der Mann! ‚Das wird ein gelungener Abend!‘ Im Restaurant begleitet uns der Kellner zu unserem Tisch an der langen Glasfront. Der Ausblick auf die Elbe und die riesigen Kräne im Hafen ist beeindruckend, genau wie die edle Einrichtung des großen, lichtdurchfluteten Saales. Besonders originell, die rosa Ledersessel. Ich bin entzückt. Markus ist eigenartig ruhig. Ich vermisse seine Scherze und sein süßes Lachen. Er fühlt sich hier sichtlich nicht annähernd so wohl wie ich. Wir studieren erst mal die Karte. Weil ich merke, wie unsicher Markus ist, bestelle ich für uns beide Sekt als Aperitif und für nachher Wein und Wasser. Als er die Preise in der Speisekarte sieht, wird er richtig verlegen und flüstert mir zu: „Tina, das ist mir jetzt peinlich, aber du hättest mir sagen sollen, WIE fein der Laden ist. Ich fürchte, dafür hab ich nicht genug Geld mit. Kannst du das heute auslegen und ich geb es dir morgen zurück?“ Da ist mir bewusst, dass ich Markus überfordert habe. Sieht so aus, als kämen wir aus zwei verschiedenen Welten. Ich versuche zu überspielen, dass mir das unangenehm ist, und antworte: „Na klar, ich hab meine Karte mit. Komm, lass uns den Abend genießen. Magst du Meeresgetier? Hier sind sie Meister in Sachen Fisch.“
Das Essen ist himmlisch, der Wein ein Traum und Markus wird dann doch wieder lockerer. Zum Schluss ist er begeistert: „Die Portionen sind hier nicht besonders groß, aber sie sehen toll aus und schmecken ausgezeichnet! Danke für den schönen Abend!“
Ich bringe Markus nach Hause, weil ich weiß, dass er am Sonntag sicher viel länger schlafen möchte als ich. Außerdem will ich noch mit Klara telefonieren. Ich brauche dringend einen Rat. Sie ist noch wach und hat auch um Mitternacht noch ein offenes Ohr für ihre Freundin …
21. Sven
Das war’s dann also mit Manuela. Kehren wir wieder zum Singleleben zurück. Gut, dass ich mit Klaus einen guten Freund habe, mit dem ich mich gleich am Samstagabend treffen und ihm meine Situation erklären kann. In der Kneipe Fritz Bauch können wir die ersten Jever noch draußen reinschütten, bevor es gegen neun zu frisch wird und wir nach drinnen wechseln. Klaus ist mein ältester Kumpel und er ist an dem Abend ein geduldiger Zuhörer.
Gegen Mitternacht, nach dem zehnten Bier oder so, kommen wir beide zu dem Schluss, dass es besser ist, allein zu sein. Klaus übt das schon seit zwei Jahren, nachdem seine Beziehung mit der knallblonden Silvia zu Ende war. Damals hatte ich ihn getröstet und jetzt schwärmt er mir vor, wie schön das Singleleben sein kann. „Du kannst mit mir ein Bier trinken, wann du willst, ohne dass du vorher dafür um Erlaubnis bitten und dir nachher Vorwürfe anhören musst, warum du betrunken nach Hause kommst.“ Da fällt mir ein Spruch des Kabarettisten Markus Krebs ein: „Meine Freundin fragte mich: Musst du immer besoffen nach Hause kommen? Nä, ich will.“ Gegen zwei, als unsere Sprache eher zum Lallen geworden ist und der Wirt so langsam schließen will, wackeln wir beide nach Hause. Klaus ist so nett, mich bis zur Haustür zu begleiten, und wankt dann selbst in seine Bude zwei Straßen weiter.
Am Sonntagmittag klingelt mein Handy und als ich die Augen aufschlage, sehe ich, dass Manuela anruft. Darauf hab ich jetzt keine Lust und ignoriere das störende Geräusch. Um vier, nach drei starken Kaffees, schalte ich die Mailbox ein und höre ihre Nachricht: „Du Sven, es tut mir leid. Ich war ziemlich blöd zu dir. Gibst du mir die Chance, es zu erklären? Bitte!“ ‚Na, so was‘, denke ich, ‚jetzt will sie mir alles gestehen.‘ Ich beschließe, dass das ein paar Tage Zeit braucht, und sende ihr eine WhatsApp:
Hallo Manuela,
Deine Erklärung muss bis nächsten Freitag warten, fühle mich heute nicht in der Lage, das zu verdauen. Lass uns am Freitag um 19 Uhr essen gehen. Da können wir reden. Gruß Sven.
Kurz darauf schreibt sie zurück:
Lieber Sven,
sehr schade, ich wollte es Dir gern heute sagen. Aber ich akzeptiere Deinen Vorschlag. Freitag um sieben in der Schlachterbörse. Ich reserviere einen Tisch. Bis dann.
Und schon wieder nimmt sie das Ruder in die Hand, bestimmt das Lokal und reserviert gleich. Ich seh schon, das wird kein langer Abend.
Ich komme bewusst etwas später am Freitag, obwohl das sonst nicht meine Art ist. Sie springt auf und will mich umarmen und küssen. Das blocke ich ab und sage: „Lass uns was bestellen und reden. Dann sehen wir weiter.“ Ein bisschen bedröppelt setzt sie sich wieder hin und sagt erst mal nichts. Wir bestellen Steak und Bier und als der Kellner die Getränke bringt, fängt sie an, vom letzten Wochenende zu reden. „Ich war nicht ganz ehrlich zu dir. Bei den Leuten, die ich an der Bar getroffen habe, war ein Mann, den ich nett fand, und er mich auch. Er ist etwas älter und verheiratet, aber sehr charmant. Wir sind dann gegen Mitternacht wirklich noch zu viert weggefahren, aber danach sind wir zu ihm ins Zimmer und ich habe mit ihm geschlafen. Morgens ist mir dann mein Fehler bewusst geworden und es tut mir unendlich leid. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen.“ „Und, hast du ihn danach noch mal wiedergesehen?“ „Ja, als du weg warst, haben wir uns noch mal getroffen und am Sonntag sind wir beide nach Hause zurück.“ „Und seitdem kein Kontakt?“ „Er schreibt mir ab und zu Nachrichten, dass er mich wiedersehen will, aber ich will das nicht.“ „Und jetzt erwartest du von mir, dass ich das einfach so wegstecke?“ „Ich weiß, dass das schwer ist, und ich bitte dich noch mal um Verzeihung. Sag mir, was ich tun kann, dass es wieder so wird wie vorher.“
Unser Essen wird gebracht und wir schweigen uns an beim Kauen. Ich sehe in ihren Augen, dass sie sich Sorgen macht und offensichtlich auch geweint hat. Aber es hilft nichts, ich bin zu sehr verletzt. Einerseits, weil sie mich betrogen hat. Aber schlimmer finde ich, dass sie es nicht gleich zugegeben hat und dann, nachdem ich weg war, noch mal bei ihm Trost gesucht hat oder was auch immer. Vielleicht hat sie den Schuss Glückshormone gebraucht, weil sie mit mir eh nicht mehr zufrieden ist. Ich entscheide also spontan, dass ich ihre Entschuldigung nicht akzeptiere. Nach dem letzten Bissen sage ich zu ihr: „Tut mir leid, aber ich kann deine Affäre nicht einfach vergessen. Ich glaube, wir waren eh schon auf einem Trip des Auseinanderlebens. Erinnere dich daran, dass wir den Ausflug nach Rügen gemacht haben, um mehr Zeit füreinander zu haben und wieder näher zueinander zu finden. Und dann schmeißt du dich gleich einem anderen Kerl an den Hals. Auch wenn er noch so nett und charmant war, verstehe ich nicht, dass du ihn dann noch mal wiedergesehen und wahrscheinlich auch wieder mit ihm gevögelt hast. Das halt ich nicht aus. Ich denke, wir beenden das hier. Ich gehe jetzt und das Essen geht heute auf dich. Mach’s gut.“
Ich stehe tatsächlich auf, nehme meine Jacke und lasse sie allein sitzen. Draußen staune ich über meinen Mut und auf dem Heimweg rinnen mir die Tränen herunter. Aber ich weiß, es war richtig. Aus uns wär eh nichts geworden.
In meiner Wohnung warten mein Computer und ein paar Flaschen Jever auf mich. Ich schalte den Laptop ein und sehe eine erfreuliche Mail von meinem Redakteur beim NDR. „Hallo Sven, kannst Du Dir bitte den Zeitraum vom 20. bis 23. August freihalten? Ich möchte, dass Du mit einem Kollegen oder einer Kollegin zusammen von der Gamescom berichtest. Über das Format und das Team sprechen wir noch. Schönes Wochenende.“
22. Leo
Das Erlebnis von letzter Woche musste Lucy erst einmal verdauen. Und wenn man es genau nimmt, ich auch. Wir haben daraufhin die ganze nächste Woche nur Nachrichten geschrieben und ab und zu telefoniert. Ich habe es vermieden, das Thema noch mal anzusprechen, fürchtete ich doch, dass sie sagen könnte: „Das war’s mein Lieber! Lassen wir es besser bleiben und jeder geht wieder seiner Wege.“ Ich mag sie sehr und könnte mir durchaus auch mehr vorstellen. Aber die Tatsache, dass es bei mir manchmal auch eine Maus zu sehen geben könnte, kann ich nicht ändern. Also müsste ich aus dem Haus ausziehen und zu ihr übersiedeln. ‚Will ich das? … Will sie das? … Ist das nicht viel zu schnell?‘ Alles Fragen, die wir klären sollten. Aber ich weiß nicht, wie ich das anfangen soll. Lucy hält jedenfalls auch mit dem zurück, was ihr auf den Lippen brennt. Das spüre ich bei unseren Telefonaten. Sie ist manchmal so kurz angebunden, dass ich denke, jetzt platzt es gleich aus ihr heraus. ‚Wir müssen uns wieder treffen und dann schaffen wir Klarheit.‘
Ich sitze gerade im Teammeeting, bei dem die Aufgaben für den nächsten Sprint verteilt werden, als mein Handy vibriert. Eine Nachricht von Lucy:
Hallo Leo! Du fehlst mir! Wollen wir uns heute Abend treffen? In der Pizzeria vielleicht? Wann bist Du denn heute fertig?
Da ist sie ja, meine Chance, die Situation zu klären! In der nächsten Pause antworte ich ihr und sage zu. Um 18:00 Uhr kann ich die Firma verlassen und mache mich gleich auf den Weg zur Pizzeria, in der wir uns bereits öfter getroffen haben. Sie ist schon da und hat unseren fast schon gewohnten Platz besetzt. Ich begrüße sie mit einem gehauchten Kuss und nehme über Eck Platz, um nicht zu weit weg von ihr zu sitzen. Wir bestellen zwei Gläser Frascati und zweimal Pizza, und nach einer unangenehmen Schweigeminute beginne ich das unausweichliche Gespräch: „Lucy, ich glaube, wir sollten miteinander reden. Ich habe das Gefühl, dir geht es nicht so gut seit deinem letzten Besuch bei mir zu Hause. Stimmt’s?“ „Da hast du recht“, gibt sie zu und senkt bedrückt den Kopf. „Das war eine sehr unangenehme Situation und es tut mir leid, dass ich so hysterisch war. Es ist aber so, dass ich beim nächsten Mal wieder genauso reagieren würde. Das weiß ich. Ich halt diese Viecher nicht aus. Wie gesagt, mich ekelt davor. Was sollen wir nur tun? Oder besser – was können wir tun?“ Es ist Gott sei Dank ein friedliches Gespräch, sachlich und fair geführt, also richtig lösungsorientiert, wie mein Chef sagen würde. Ich mache ihr keinen Vorwurf, dass sie überreagiert hätte, und sage ihr sogar, dass ich Verständnis für ihr Unbehagen habe. Beides nicht ganz ehrlich, aber für sie sicher besser zu nehmen. „Mein Problem ist nur“, ergänze ich, „ich wohne in einem alten Haus, in dem ich es nicht verhindern kann, dass sich ab und zu kleine Lebewesen verirren. Die einzige Lösung wäre, auszuziehen.“ „Wäre das so schlimm? Jeder zieht irgendwann von den Eltern weg. Dann ist es halt jetzt bei dir so weit“, schlägt sie vor. „Puh … Lucy, ich sehe das ein bisschen anders. Erstens wohne ich ja nicht mit meinen Eltern zusammen, sondern nur nebenan, und ich mag das Häuschen. Also warum sollte ich mir was Neues suchen? Und zweitens denke ich, dass es zu früh ist, zusammenzuziehen.“ „Moment!“, meldet sie sich zu Wort. „Vom Zusammenziehen hat hier niemand gesprochen! Das geht auch gar nicht. Ich teile meine Wohnung mit meiner Freundin.“
Über eine Stunde bequatschen wir das Thema, während wir unsere Pizza so lange martern, bis die letzten Stücke kalt sind. Das Ende vom Lied ist, dass wir uns sehr gernhaben, aber offensichtlich keine gemeinsame Basis finden. Also stoßen wir noch mal auf unsere nette gemeinsame Zeit an und verabschieden uns für immer.
Ein paar Tage beschäftigt mich noch die Frage, ob unsere Entscheidung richtig war. Irgendwie fehlt sie mir. Dann richte ich mich auf, beschließe, meine Besuche im McFit wieder zu forcieren und am Wochenende eine ausgiebige Motorradtour zu machen. So lenke ich mich ab und wecke meine Lebensgeister neu. Diese Gedanken beschließe ich mit einem letzten Blick in den Tinder-Account vor dem Schlafengehen.
Mein Blick fällt auf ein Foto, das mich sofort gefangen nimmt. Kurzes, rotes Haar – garantiert natürlich rot, kess geschnitten. Die große, dunkle Brille betont die spitzbübisch lächelnden Augen. Da lohnt sich bestimmt der Wisch nach rechts! ‚Bye-bye, Mickymaus … Hello Ginger …“
23. Lydia
Am Sonntagmorgen gehe ich wieder ins Clever Fit. Da ich früh dran bin, ist noch nicht viel los und ich kann meine Strecke auf dem Band genüsslich ausdehnen und dabei Musik hören. Plötzlich taucht der Typ vom letzten Mal wieder auf. Der hat sich wohl gemerkt, dass ich gern sonntags herkomme, und er geht auf das Band neben mir. Ich sehe, dass er irgendwas zu mir sagt, aber wegen der Musik auf meinen Ohren verstehe ich ihn nicht. So unhöflich möchte ich nicht sein; ich bleibe stehen und setze die Kopfhörer ab: „Guten Morgen, hab dich leider nicht gehört.“ „Guten Morgen und ich hab gesagt, dass ich mich freue, dich wiederzutreffen.“ „Wieso?“ „Na, weil du mir gefällst und weil ich hoffe, dass wir diesmal etwas mehr miteinander sprechen können.“ „Aber jetzt nicht, ich möchte noch ein paar Kilometer laufen und dabei Musik hören.“ „Gehst du nachher wieder in die Sauna?“ „Ja, aber vorher noch ein bisschen an die Geräte.“ „Dann seh ich dich später in der Sauna.“
‚Ganz nett schaut er ja aus, vor allem hat er einen tadellosen Körper. Warum soll ich später also nicht ein bisschen mit ihm babbeln. Aber erst mal weiterrennen.‘ Ich lasse mich auf den Rhythmus der Musik ein, gerade läuft „Like a Rolling Stone“ von Bob Dylan. Ein bisschen langsam zum Laufen, aber nett zu hören. Zwei Stücke später hab ich genug und gehe an die Hantelbank. Die Gewichte kommen mir heute schwerer vor als sonst. ‚Hab ich gestern Abend ein Glas zu viel getrunken? Egal, dann muss ich umso mehr schaffen.‘ Nachdem ich hier fast 20 Minuten Gewichte gestemmt habe, gehe ich noch für 15 Minuten auf den Stepper, dann langt’s. Vor der Sauna muss ich schnell mal unter die Dusche, so verschwitzt wie ich bin. Aber jetzt los. Ich komme in die Saunakabine und sehe, dass bereits vier Leute drin sind. Mein Verehrer vom Laufband noch nicht. Aber ein paar Minuten später kommt er dazu. Scheinbar traut er sich nicht, viel zu sagen, solange die anderen noch dabei sind. Nach ein paar Minuten verlassen drei Laute den Raum und jetzt fragt er mich: „Hast du heute ein bisschen mehr Zeit als vor drei Wochen?“ „Im Prinzip schon, was hast du denn vor?“ „Magst du chinesisches Essen? Ich kenne ein gutes Lokal nicht weit weg, da könnten wir doch nachher was essen gehen.“ „Dann war ja die ganze Aktion hier umsonst und das Essen landet wieder auf den Hüften.“ „Auf deinen Hüften ist doch noch viel Platz, wie ich sehen kann“, grinst er. Ich denke kurz nach und mir fällt ein, dass ich nicht so viel im Kühlschrank habe, und sage dann spontan: „Also gut, dann machen wir das. Aber vorher möchte ich drei Saunagänge machen.“ „Ist mir recht.“
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