Kitabı oku: «Cardiff am Meer»
Joyce Carol Oates
Cardiff am Meer
Vier Erzählungen
Aus dem Englischen von
Ilka Schlüchtermann

Titel der Originalausgabe:
Cardiff, by the Sea
Copyright © 2020 by The Ontario Review
First published in the United States of America in 2020
by The Mysterious Press, an imprint of
Grove Atlantic Inc.
Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurde
im Rahmen des Programms »NEUSTART KULTUR«
aus Mitteln der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien vom
Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Erste Auflage 2021
© der deutschsprachigen Ausgabe
Osburg Verlag Hamburg 2021
www.osburgverlag.de
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das
des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung
durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.
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Lektorat: Bernd Henninger, Heidelberg
Korrektorat: Mandy Kirchner, Weida
Umschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, Hamburg
Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste
ISBN 978-3-95510-242-5
eISBN 978-3-95510-248-7
Für Ernie Lepore
Inhalt
Cardiff am Meer
Miao Dao
Wie ein Geist: 1972
Das Kind, das überlebte
Cardiff am Meer
I.
1.
Am dunklen, stinkenden Ort unter dem Spülbecken. Hinter den Abflussrohren. Sie hat sich ganz klein gemacht, um in dieses Versteck hineinzupassen.
Spinnwebfäden kleben an ihrer Haut. Ihre Augen tränennass. Zusammengekauert wie ein kleines Äffchen. Die angezogenen Knie fest mit den Armen umschlossen, an die schmale, flache Brust gedrückt.
Ein kleines Mädchen, klein genug, um sich selbst zu retten. Klein genug, um in das Spinnennetz zu passen. Schlau genug, um zu wissen, dass sie nicht schreien darf.
Nicht atmen darf. Damit niemand sie hört.
Damit er sie nicht hört.
Die Tür zu ihrem Versteck wird geöffnet, sie sieht die Füße eines Mannes, seine Beine. Sie sieht, und sieht nicht, das dunkle, nasse Glänzen an den Hosenbeinen. Sie hört, und hört nicht, sein schnelles, heißes Keuchen. Mit einem juchzenden, wilden Lachen beugt er sich hinunter, um zu ihr hineinzuspähen. Er hat sie entdeckt. Sein Gesicht hinter einem Schleier von Tränen. Sein Mund bewegt sich und spricht zu ihr, aber sie hört nichts, kein einziges Wort. Und dann wird die Tür wieder geschlossen und sie ist allein.
Somit steht es fest. Im Spinnennetz darf sie weiterleben.
2.
Das Telefon klingelt. Unerwartet.
Nicht ihr Handy, an das Clare (wahrscheinlich) ohne zu überlegen sofort drangegangen wäre, nein, das andere Telefon, das Festnetz, das nur noch selten klingelt.
Sekunden, in denen man entscheiden muss: Drangehen?
Sieht, dass ihr die Rufnummer unbekannt ist. Vermutet, dass der Anruf wohl Telefonwerbung ist.
Doch an diesem regengepeitschten Morgen im April antwortet sie – sei es aus Neugier oder Einsamkeit oder Gedankenlosigkeit. »Ja? Hallo?«
Dann der Schock.
Anscheinend ist ein Fremder am anderen Ende, der sich ihr als Rechtsanwalt einer Kanzlei in Cardiff, im Bundesstaat Maine, vorstellt. Und sie darüber informiert, dass sie geerbt hat, von einer Person, deren Namen sie nie zuvor gehört hatte: »Maude Donegal aus Cardiff, Maine. Ihre Großmutter.«
»Bitte? Bitte, wer?«
»Maude Donegal – die Mutter Ihres Vaters. Sie ist im Alter von siebenundachtzig Jahren verstorben …«
Nicht sicher, ob sie versteht, was sie da hört. Denkt, dass ihr vielleicht, nein, ganz sicher, jemand einen Streich spielt. Unwillkürlich möchte sie lachen.
»Aber ich habe gar keine Großmutter mit diesem Namen. Ich kenne auch niemanden mit diesem Namen – wie sagten Sie, Douglas?«
»Donegal.«
Stille. Dann spricht die Stimme am anderen Ende weiter, körperlos und sachlich, wie die Stimme in einem Traum: »Donegal – das ist doch Ihr Geburtsname. Wussten Sie das nicht?«
»Geburtsname! Aber – wo?«
»Cardiff, Maine.«
Clare hat noch nie von Cardiff in Maine gehört. Da ist sie sich ganz sicher.
Hat den größten Teil ihres Lebens in Minnesota gelebt – zuerst in St. Paul, dann in Minneapolis. Sehr weit entfernt von Maine.
In den letzten Jahren hat Clare in Chicago, Brooklyn, Philadelphia gewohnt, gegenwärtig lebt sie in Bryn Mawr. Noch immer ziemlich weit entfernt von Maine.
»… noch Fragen?«
»N-nein …«
»Ich hoffe, ich habe Sie nicht beunruhigt, Miss Seidel.«
Natürlich nicht! Sie haben nur gerade mein Lebensgefüge auseinandergerissen.
Clare bedankt sich bei dem Rechtsanwalt. Das Gespräch ist beendet. Sie war zu verwirrt, um Lucius Fischer zu fragen, um was es sich bei dem Nachlass von Maude Donegal denn überhaupt handelte – Geld oder Eigentum oder was auch immer. Aber jetzt ist es ihr zu peinlich, deswegen noch einmal zurückzurufen.
Er hatte sie nach ihrer Adresse gefragt. Er wird ihr per UPS ein Dokument schicken, sollte am nächsten Morgen bei ihr ankommen.
Und er wird ihr auch, weil sie ihn darum gebeten hat, die Telefonnummern ihrer Donegal-Verwandtschaft aus Cardiff mitschicken. Wenn Clare nämlich einmal nach Cardiff käme, so hatten sie ihm gesagt, würde sie hoffentlich bei ihnen übernachten.
Verwandte! Aber es sind doch Fremde für sie, und Clare kann sich nicht vorstellen, bei Fremden zu übernachten.
Sie liebt ihr Alleinsein, ihre Privatsphäre. Ihre Distanziertheit mag als Menschenscheu aufgefasst werden, ihre Zurückhaltung als Geheimnistuerei. Sie ist nicht von Natur aus misstrauisch, aber sie ist (ganz sicher) auch kein zu gutgläubiger Mensch, und deshalb macht sie sich Gedanken darüber, ob sie diesen »guten Neuigkeiten« einfach so trauen kann.
Wenn das alles ein fauler Trick sein sollte, dann wird es sich schnell aufklären: dann will jemand Geld von ihr.
Clare kennt sich nicht aus mit Testamenten, Nachlässen – dem »Nachlassgericht«.
Noch nie in ihrem Leben war sie Empfängerin irgendeiner Erbschaft; es ist ihr noch nicht einmal in den Sinn gekommen, dass ihre Adoptiveltern sie (möglicherweise, wahrscheinlich) in ihrem Testament bedacht haben, obwohl sie ja ihr einziges Kind und wohl auch einzige Erbin ist …
Da sie vom Anruf des Rechtsanwalts derart überrumpelt worden war, hatte sie ganz vergessen, ihr Bedauern über den Tod von Maude Donegal auszudrücken. Sie befürchtet, den Namen vergessen zu haben – doch nein, hier steht er ja: Maude Donegal.
Lucius Fischer muss sie für vollkommen herzlos halten, dass sie so ungerührt vom Tod ihrer Großmutter zu sein scheint.
Aber sie ist doch nicht – meine Großmutter! Ich habe keine Großmutter.
Clares (Adoptiv-)Großeltern leben nicht mehr. Und als sie lebten, da haben sie in ihrem Leben keine große Rolle gespielt.
Wie merkwürdig Clare das vorkommt, diese Syntax: Großeltern leben nicht mehr. So als ob Nicht-leben etwas wäre, was die Großeltern in der Gegenwart täten.
Clare hatte ihre Klassenkameraden beneidet, die immer mal wieder ganz beiläufig ihre Großeltern erwähnt hatten. Eine Selbstverständlichkeit – Oma, Opa. Was bedeuteten diese liebevollen Worte denn genau? Beide Großelternpaare, die Eltern ihrer Mutter und die ihres Vaters, waren zum Zeitpunkt der Adoption schon etwas älter gewesen und hatten sich nicht sehr für ihre Enkelin erwärmt, so schien es.
Clare erinnerte sich kaum an sie. Fremde, die das kleine, stumme, adoptierte Kind über einen tiefen Abgrund hinweg anstarrten.
(Doch war Clare wirklich ein stummes Wesen? Sicher nicht. Meistens nicht. Nur ganz schwach erinnert sie sich an – an etwas …)
(Eine Art Netz oder Geflecht von Fäden über ihrem Mund. Klebrig über ihre Lippen gespannt, verfangen in ihren Augenwimpern. Beim Einatmen, schauderndes Keuchen, wird das zerrissene Spinnennetz von ihren Nasenlöchern eingesogen, furchtbar.)
Clare erinnert sich kaum. Tatsache.
Zu jung damals, um zu erkennen, dass ihre Eltern sie wahrscheinlich – nein, ganz sicher – nicht adoptiert hätten, wenn sie eigene Kinder hätten bekommen können. Ihre Liebe für sie, ihr Interesse an ihr hätte es nie gegeben, wenn sie eigene Kinder gehabt hätten.
Im Biologieunterricht auf der Highschool hatte Clare gelernt, dass die DNA an allererster Stelle steht. Jedes Individuum sorgt sich um seine eigene Nachkommenschaft, da diese seine DNA trägt. Bei vielen Tierarten versuchen die männlichen Tiere, den Nachwuchs anderer Männchen zu töten, und paaren sich dann mit dem Weibchen, um ihre eigene DNA zu reproduzieren. Ein Weibchen versucht manchmal verzweifelt, ihre Jungen vor dem Räuber zu verbergen, doch sobald ihre Brunftzeit beginnt, ist sie gezwungen, sich mit dem Männchen zu paaren. Und das neue Männchen setzt alles daran, ihre anderen Jungen zu beseitigen, um Platz für seine eigenen Nachkommen zu schaffen.
Zum Paaren gezwungen. Warum?
Die Eltern ihrer Eltern hatten sich mit der (angenommenen) Enkelin vielleicht aus genau diesem Grunde nie erwärmt. Clare war nicht eine von ihnen.
Wie unnatürlich musste es dann allerdings für biologische Eltern sein, ihre eigenen Jungen zu verstoßen …
Das ist das große Geheimnis. Clare hat darüber nie nachdenken wollen.
Jetzt mit dreißig, denkt sie, sie sei zu alt – sprich, nicht mehr jung genug, unbefangen und hoffnungsvoll genug –, um sich über ihre biologischen Eltern Gedanken zu machen – über ihre Abstammung.
Warum das Risiko eingehen, (erneut) verletzt zu werden? Sie hat sich ja noch nicht einmal eingestanden, dass sie schon einmal verletzt worden ist.
Sie schlägt den Straßenatlas auf und sucht nach Cardiff in Maine. Ganz nah am Atlantik. Die Städte in der Nähe, Belfast und Fife, deuten darauf hin, dass dieser (östliche) Teil von Maine einst eine schottische Siedlung gewesen sein muss. Sie fragt sich, ob ihre Vorfahren (väterlicherseits) Schotten gewesen waren oder Iren. Bis zu jenem Morgen hat sie sich nur sehr wenige Gedanken über ihre Abstammung gemacht.
(Allerdings kann sie nicht leugnen, dass sie sich immer hingezogen fühlte zur keltischen Geschichte – Kunst, Musik. Wird zufällig im Autoradio eine irische Ballade gespielt, überkommt sie ein Gefühl von Verlust, Sehnsucht, drängt es sie, auf der Standspur des Highways anzuhalten … Vernimmt sie einen schottischen oder irischen Akzent, und sei er noch so schwach, ist sie augenblicklich gefesselt.)
Doch warum sollte die Abstammung für sie überhaupt irgendeine Bedeutung haben? Wer adoptiert ist, der weiß: Nur das Jetzt und Hier hat eine Bedeutung.
Auf der Karte sieht Clare, dass Cardiff nicht zu den größeren Städten im Bundesstaat Maine zählt. Nur neunzehntausend Einwohner. Knapp dreißig Kilometer nördlich von Eddington, an der gezackten Küste.
Seltsamer Gedanke, dass sie von dort herkommen könnte – von diesem Punkt auf der Landkarte.
Nun gut – wir müssen alle irgendwo herkommen.
Clare bremst sich, nicht zu große Hoffnungen machen. Keinen allzu großen Erwartungen erliegen. Hoffnung ist das Federding, hat die Dichterin1 gewarnt. Leicht zu verletzen, weil schutzlos.
Sie hat nie an den genetischen Determinismus geglaubt – »Schicksal«. Als gebildete Person, als Kind von Pädagogen, weiß sie, dass die Umwelt das Ich formt, im Wesentlichen.
Menschen, Orte. Lebensqualität, Bildung. Die Luft, die wir atmen: Ist sie sauber oder ist sie verpestet? Unser unmittelbares Umfeld, das, was uns umgibt – das zählt.
In dieser Beziehung hat Clare Glück gehabt. Allgemein heißt es, adoptierte Kinder hätten Glück gehabt. Aus der Dunkelheit hervorgeholt, auserwählt, daher geschätzt und geliebt. Sie bekam eine gute Schulbildung, musste nie Hunger leiden, nie um ihr Leben fürchten. (Oder? Nicht, solange sie sich erinnern kann.) Und jetzt wohnt sie in einer kleinen, ruhigen Ein-Zimmer-Wohnung, nur einen kurzen Fußweg vom efeuberankten Humanities Research Institute entfernt, wo sie eine Postdoktorandenstelle im Bereich ›Fotografie des Neunzehnten Jahrhunderts‹ innehat.
In ihrem Job, der zum großen Teil im exzellenten Fotografie-Archiv des Philadelphia Museum of Art zu absolvieren ist, kann sie vollkommen selbstbestimmt arbeiten. Gemäß den Richtlinien des Instituts für Geisteswissenschaften dürfen die Stipendiaten und Wissenschaftler in vollkommener Ruhe und Abgeschiedenheit forschen, sie dürfen sich jahrelang in ihre eigene kleine Welt zurückziehen, ohne darüber Rechenschaft ablegen zu müssen.
Wie befremdend, dachte Clare so manches Mal: Man könnte einfach sterben, und das Institut würde dies monatelang nicht bemerken. Spannend und reizvoll solch große Freiheit, ohne jede Kontrolle, aber auch beunruhigend. Man könnte vor Einsamkeit sterben – denkt sie.
Zu ruhelos heute, um zu arbeiten. Diapositive im hohen Lesesaal des Museumarchivs betrachten, Fußnoten auf dem Laptop bearbeiten – Clare ist zu abgelenkt. Stattdessen verbringt sie zu Hause ein paar Stunden damit, das Internet nach Informationen zum östlichen Teil von Maine und der felsigen Atlantikküste zu durchforsten. Historische Siedlung aus dem achtzehnten Jahrhundert: Cardiff.
Mit Maine verbindet man bedeutende (männliche) Künstler: Winslow Homer, Rockwell Kent, George Bellows, Frederic Church … Sicher aber auch talentierte Künstlerinnen, deren Werke jedoch oftmals ignoriert wurden, unterbewertet.
Der Ruf einer Künstlerin überlebt nur selten ihre Generation, unabhängig von ihrem Talent und der Originalität ihrer Werke. Unabhängig von den Preisen, die sie bekommt, unabhängig sogar von den Künstlern, mit denen sie verbunden ist. Sobald sie stirbt, beginnen auch ihre Werke zu verblassen und sterben. Clare hat diese Ungerechtigkeit immer gespürt und ist fest entschlossen, dagegen anzukämpfen.
In Maine wird sie ein neues Projekt zum Leben erwecken. Vielleicht.
Erbin. Anwesen. Großmutter – Donegal. Die tiefe Baritonstimme des Rechtsanwalts aus Cardiff hallt verlockend in ihren Ohren.
Clare wünschte, sie könnte diese guten Nachrichten mit jemandem teilen. Aber es gibt keinen richtig guten Freund hier in Bryn Mawr. Sie war immer sehr zurückhaltend in Gesprächen über ihr Privatleben, selbst bei einem Liebhaber. Ganz besonders bei einem Liebhaber.
In der Vertrautheit gibt man viel von sich preis – zu viel. Nackt sind wir leicht verwundbar. Wenn ein Geheimnis einmal preisgegeben ist, kann es nie mehr zurückgerufen werden.
Und: Clare hat bisher niemandem verraten, dass sie adoptiert wurde. Das ist ihr Geheimnis. Und deshalb kann sie jetzt auch niemandem erzählen, wie glücklich sie darüber ist, Erbin zu sein.
Der Beweis dafür, dass sich jemand um sie gesorgt hat. Eine Großmutter.
Aber warum hat sie so lange damit gewartet, sich zu dir zu bekennen, Clare? – diese Großmutter, deine Großmutter …
Und was ist mit deinen (leiblichen) Eltern? Leben sie noch? Wirst du versuchen, Kontakt zu ihnen aufzunehmen?
Fragen, die Clare gar nicht hören möchte. Hat keine Antworten.
Versucht, sich auf den Bildschirm zu konzentrieren. Scrollt durch eine Website, die Winslow Homer aus Maine gewidmet ist. Immer wieder abgelenkt von wilden Gedankensprüngen …
In ein oder zwei Tagen triffst du sie vielleicht. Was wird dich in Cardiff erwarten?
Clare hat versucht, nicht an sie zu denken – Mutter, Vater. Nicht einmal als Kind hat sie das getan. Nahm an, dass keiner der beiden noch lebte, denn warum sonst wäre ihre Tochter im Alter von zwei Jahren und neun Monaten in fremde Hände gegeben worden?
Niemand hätte so etwas aus freien Stücken getan. Ein junges Mädchen oder eine unverheiratete Frau mag aus Verzweiflung einen Säugling abgeben, aber ein Kleinkind ist etwas vollkommen anderes.
Na ja, vielleicht bist du verkauft worden. Zum einen wollten sie dich nicht und zum anderen wollten sie auch noch Geld mit dir machen.
Unmöglich. Lächerlich! Niemals würde Clare so etwas glauben.
Vor allem jetzt nicht mehr, wo sie erfahren hat, dass die Mutter ihres Vaters ein Anwesen hinterlassen hat, dass die Donegals also keineswegs verarmt waren …
Als Kind hat Clare andere Kinder kennengelernt, die adoptiert waren. In der Mittelstufe, Oberstufe. Erstaunt war sie darüber, dass man solch eine Privatangelegenheit, solch eine beschämende Tatsache anderen anvertraut. Eine ihrer Zimmernachbarinnen im College war besessen davon, am Rande der Verzweiflung, ihre biologische Mutter ausfindig zu machen. (Clare hatte sie nicht darin bestärkt, diese Suche auf sich zu nehmen, und sie auch nicht groß bemitleidet, als sich diese geheimnisvolle, leibliche Mutter als große Enttäuschung entpuppte.) Selbst diesen Mädchen hatte Clare sich nicht zu erkennen gegeben. Sie hatte nie die Mühe auf sich genommen, den Rechtsweg zu beschreiten, um ihre biologischen, ihre leiblichen Eltern aufzuspüren.
Wenn man adoptiert wurde, sollte man nie die Frage nach dem Warum stellen.
Die Erkenntnis, dass man adoptiert wurde, ist die Antwort auf jede Frage, die man sich über seine Adoption stellen mag.
Das Telefon klingelt! – dieses Mal checkt Clare die Rufnummer, bevor sie überhastet das Gespräch annimmt.
Sieht erschrocken, dass ein Freund anruft – ein guter Freund, (noch) kein Liebhaber, aber (ziemlich wahrscheinlich) eine Aussicht auf eine Romanze –, mit dem sie, wie ihr jetzt wieder einfällt, an diesem Abend in Philadelphia essen gehen wollte. Dieser Freund ist ein Postdoc-Kollege in ihrem Institut, den seine Forschungsstudien an die Free Library of Philadelphia verschlagen haben. Noch gestern hatte Clare sich sehr auf diesen Abend gefreut und wäre sehr enttäuscht gewesen, hätte er abgesagt; jetzt ist dies alles vergessen, und sie muss sich eine plausible Entschuldigung einfallen lassen, warum sie ihn nicht im Restaurant treffen kann.
Tut mir wirklich leid, Joshua! Ich hatte gehofft, ich könnte dich noch schnell anrufen – aber – es gab einen Notfall – in der Familie – ich bin jetzt wohl eine Zeit lang weg, nicht zu ändern.
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1»Hope« is the thing with feathers – / That perches in the soul – / And sings the tune without the words – / And never stops – at all – // (The Poems of Emily Dickinson Edited by R. W. Franklin. Harvard University Press, 1999). – Hoffnung ist das Federding, / das in der Seele wohnt, / das Lieder ohne Worte singt / und niemals müde wird.
3.
Ihr eigenes Ich konnte stets leicht beschrieben werden – adoptiert.
Ein unbeschriebenes Blatt. Reingewaschen. Keine Erinnerung.
Sehr jung, noch nicht mal drei, als sie von einem (kinderlosen, älteren) Ehepaar mit Namen Seidel aus St. Paul adoptiert wurde.
Das war alles, was sie über diesen Lebensabschnitt wissen musste: Sie war als kleines Kind adoptiert worden. Das war alles, was sie wissen wollte.
Eine Tabula rasa ist das: die Adoption.
Ihre (Adoptiv-)Eltern hatten ihr gesagt, dass ihr Geburtsname Clare war – dass sie als Clare Ellen in ihr Leben kam, mit diesem »so entzückenden« Namen, dass sie keinerlei Grund gesehen hatten, ihr einen anderen zu geben, nur mussten sie (offiziell, natürlich) ihren Nachnamen ändern, wenn sie jetzt ihr kleines Mädchen war.
Es geht um Eigentum, Besitz. Ein Kind wird einem Erwachsenen oder zwei Erwachsenen überlassen – überlassen durch die Geburt, manchmal auch durch eine Agentur.
Vielleicht hat sie ja diesen Namen – Donegal – in ihrer Geburtsurkunde gesehen. Vor langer, langer Zeit, hat aber keinen großen Eindruck bei ihr hinterlassen, sie kann sich (wirklich) nicht daran erinnern.
Jede Adoption ist ein großes Rätsel – Warum?
Warum gab man mich auf, gab man mich weg? Warum war ich unerwünscht?
Von wem war ich unerwünscht?
Doch Clare Seidel war und ist die perfekte (Adoptiv-)Tochter. Clare fragte und fragt nicht.
Ein dankbares Kind fragt nicht nach dem Warum.
Die Seidels waren schon älter. Hätten die Großeltern dieses adoptierten Kindes sein können. Beide waren Lehrer aus Berufung – Pädagogen. Im Laufe ihrer siebzehnjährigen Ehe hatten sie keine Kinder bekommen, obwohl (wie Clare schlussfolgerte) sie es versucht hatten. Kurz bevor sie Clare adoptierten, war der geliebte Hund der Seidels gestorben. Clare hat Bilder von diesem ungestümen Airedaleterrier gesehen, Seite an Seite mit Herrchen und Frauchen, die ihn offensichtlich vergötterten. Das hatte ihr einen tiefen Stoß versetzt: Eifersucht, Angst. (Wenn der Airedale nicht mit zwölf Jahren gestorben wäre, so wie es eben damals geschehen war, würde diese Person, diese Clare Seidel, dann überhaupt existieren?) Die Seidels hatten es nicht akzeptieren wollen, dass das Leben sie betrogen hatte. Sie hatten doppeltes Einkommen, zwei Autos, ein Haus mit angemessener Hypothek. In jedem August mieteten sie für zwei Wochen ein Cottage am Lake Superior. Sie waren dankbar dafür, dieses Waisenkind – Clare – zu haben, denn Clare würde später auch dankbar dafür sein, sie zu haben.
Verletze Dads Gefühle nicht! Er darf nicht den Eindruck bekommen, er wäre nicht dein Dad, denn er ist es doch.
Es gibt keinen anderen Dad und keine andere Mom für dich. Es gibt – nur uns.
Instinktiv begriff Clare. Sie verstand. Sie war ihr (angenommenes) kleines Mädchen, das niemals nach dem Warum fragte.
Ein (angenommenes) Kind fragt niemals, Warum wolltet ihr gerade mich?
Konntet ihr keine eigenen Kinder haben, und darum habt ihr mich angenommen?
Keine Fragen bitte! Undenkbar.
Ein (angenommenes) Kind fragt niemals, Wo komme ich denn her? Zu wem gehörte ich, bevor ich an euch abgegeben wurde?
Später, in der Schule, fühlte Clare einen Anflug von Stolz, wenn der Lehrer mit einem Lächeln versuchte, diesen besonderen Namen auszusprechen, der ihr gehörte, Sei-del.
Großes Vergnügen bereitete es ihr, als sie schließlich selbst schreiben konnte:
Clare Seidel
Clare Seidel
Clare Seidel
Doch all dies, dieser Teil ihres Lebens, ihre allerersten Jahre, sie scheinen nun nicht mehr ihre zu sein.
4.
Am folgenden Tag kommt die Post von Lucius Fischer an. Clare erfährt, dass sie knapp fünf Hektar Land, ein Haus mit Nebengebäuden in der Post Road 2558, in Ashford County, Maine, geerbt hat.
Grundbesitz! Besser als bares Geld, das keinen bleibenden Wert hat; Grund und Boden, das ist etwas, das Clare besitzen kann.
Viele Male überfliegt sie den Begleitbrief des Rechtsanwalts, doch sie kann keine neuen Informationen entdecken. Keinen persönlichen, freundlichen Nachsatz – Herzlichen Glückwunsch, Miss Seidel!
Wirklich nur ein ordnungsgemäßer, formeller Brief auf steifem Papier mit dem Briefkopf
ABRAMS, FISCHER, MITTELMAN, & TROTTER.
Fischers Unterschrift ist nahezu unleserlich. Sie hatte einige Tage zuvor solch eine merkwürdige, innere Nähe zu ihm verspürt …
So haben wir uns kennengelernt. Durchs Telefon.
Durch das Testament meiner Großmutter.
Lächelt bei dem Gedanken daran, wie diese Geschichte aus einem zukünftigen Blickwinkel heraus erzählt werden könnte. Wie sich ein Leben (zufällig) mit einem anderen Leben kreuzt, und sich beide Leben dadurch für immer verändern.
… es war purer Zufall! Das Telefon klingelte, ich ging dran, und Lucius war am anderen Ende und sagte: Hallo? Spreche ich mit Clare Seidel?
Hat mein Leben vollkommen auf den Kopf gestellt. Und seins.
Clare sieht den Sommer an der Atlantikküste. Glasfront mit Blick auf den Ozean. Große Hemlocktannen, eine kurvige Landstraße. Geröllstrände. Herandonnernde, graublaue Atlantikwellen, selbst im Sommer zu kalt zum Schwimmen. Unablässiger Wind.
Sieht sich in weißen Kleidern, eine traumhafte Schönheit aus einem Aquarell von Winslow Homer. Schreitet die Steinstufen zum Strand hinunter. Hinter ihr eine geheimnisvolle Figur …
Fast kann Clare das Gesicht des Mannes erkennen. Aber in dem Moment, in dem sie es anstarrt, löst es sich nach und nach auf. Verschwimmt hinter Tränen.
Nein: Sie wird das Anwesen verkaufen. Wenn sie kann.
Niemals wird sie draußen in Ashford County, Maine, leben. Ihr Job verlangt, dass sie in großen Städten zu Hause ist, immer in der Nähe von Forschungsinstituten.
Fischer hat Clare darüber informiert, dass sie dreißig Tage Zeit hat, um ihre Ansprüche im Nachlassgericht von Ashford County geltend zu machen. Sie fragt sich – wie viel ist das Anwesen wohl wert? Lohnt sich die ganze Mühe?
Clare könnte das Geld gut gebrauchen. Sie ist dreißig Jahre alt und hat immer nur als Aushilfe gearbeitet, Zeitverträge, an der Uni. Wenig Geld auf dem Sparbuch. Sie sah sich immer gerne als Mensch, der von materiellen Dingen unabhängig ist. Obwohl sie eine Schwäche für schöne Dinge hat, muss sie diese nicht besitzen.
Landschaften, Kunst. Musik. Darin kann man Vergnügen finden, ohne sie zu besitzen.
So wie man auch Vergnügen an Menschen finden kann, an Liebhabern – ohne dass sie einen besitzen.
Sie wollte nie heiraten, geschweige denn Kinder haben. Schreiende Babys erfüllen sie mit Schrecken. Kreischende Kinder erfüllen sie mit Panik. Ein (ehemaliger) Liebhaber beschwerte sich, dass Clare häufig »wegdriftete«, wenn er mit ihr zusammen war: Er wusste nie, wo zum Teufel ihre Gedanken waren, aber er konnte fühlen, dass sie nicht bei ihm waren.
Clare zuckt noch immer zusammen, wenn sie nur daran denkt. Sie bereut es, eine andere Person verletzt zu haben.
In deinem Netz. In deinem Kokon. Pass auf, wen du hereinlässt.
An jedem Ort, an dem sie lebte, nachdem sie das Haus ihrer Eltern verlassen hatte, hat sie sich einen kleinen Freundeskreis aufgebaut, in dem aber keiner den anderen kennt. Das ist Clare wichtig – dass ihre Freunde sich nicht gegenseitig kennen. Und jedes Mal, wenn sie in eine andere Stadt zieht, lässt sie die Beziehung zu diesen Freunden einschlafen.
Wenn allerdings einer ihrer Freunde den Kontakt zu ihr nicht pflegt, dann ist sie tief verletzt, beunruhigt.
Ihre Gefühle anderen gegenüber sind kurzlebig, aber kraftvoll. Wie ein Feuer, das heiß auflodert und dann schnell abkühlt.
Fühlen andere genauso? Es gab Männer – es gab Frauen –, die Clare mochten, von denen sie sich aber rasch zurückzog.
Seit sie erwachsen ist, hatte Clare eine ganze Reihe von Liebhabern. Genauso wie eine ganze Reihe von Freunden. Viel mehr Freunde als Liebhaber, aber viel mehr Liebhaber als Verwandte. Bis jetzt.
»Ach, verdammt. Was soll’s?«
Spontan entscheidet sie, eine Flasche Wein zu öffnen. Chardonnay, den sie vor einigen Wochen gekauft hatte, um Freunde zum Essen einzuladen, doch es war etwas dazwischengekommen. Erst mal etwas feiern, denkt Clare.
Die Nerven beruhigen. Ausnahmsweise.
Noch nie hat Clare allein getrunken. Allein trinken ist eine sehr bewusste Entscheidung. Hat etwas Trauriges. Sie leert ihr Glas, wie aus Trotz.
Es ist Zeit, zu Hause in St. Paul anzurufen. Ihr Plan ist es, zu einer Zeit anzurufen, zu der ihr Vater höchstwahrscheinlich nicht zu Hause ist, ihre Mutter aber schon.
Nicht, dass Clare Walter nicht liebt. Aber Gespräche mit ihrem (Stief-)Vater sind manchmal etwas heikel. Clare konnte mit Hannah immer viel offener sprechen, herzlicher als mit Walter, und doch konnte sie auch mit Hannah (so scheint es Clare) nie reden ohne dieses Gefühl von – nennt man es Unbehagen …?
Clare hat Glück, Walter ist nicht zu Hause. Hannah nimmt schon nach dem ersten Klingeln den Hörer ab, sie scheint ungeduldig, einsam.
Clare spürt einen Hauch von Vorwurf in Hannahs Begrüßung. Clare versucht sich zu erinnern – ist sie ihrer Mutter einen Anruf schuldig? Hat sie vergessen zurückzurufen, nachdem Hannah eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter zurückgelassen hat? Es passiert öfter, dass Clare versehentlich Hannahs Nachrichten in ihrer Sprachbox löscht.
Clare will Hannah anrufen, um ihr die guten Nachrichten mitzuteilen, aber irgendwie kommt es nicht dazu. Stell dir vor, Mom, ich habe gute Nachrichten! – diese fröhlichen Worte bleiben aus.
Clares Worte gleiten vielmehr einfach so dahin, dies und das aus ihrem eigenen (privaten) Leben. Sie ist dankbar, dass Hannah sie mit einem Haufen Klagen über einen Erzfeind bei der Arbeit überschüttet, ein Kollege, der – wie es Clare scheint – Hannah Seidel schon seit Jahrzehnten das Leben schwermacht. Es macht ihr nichts aus, so wie es ihr früher etwas ausgemacht hat, dass Hannah sich nicht daran erinnert, ihr das alles schon einmal erzählt zu haben. In einer Familie sind alte Nachrichten gute Nachrichten, denkt sie in einem Anflug von Witz.
Dann hört Clare sich selbst eine ungewöhnliche Frage stellen: Weiß Hannah, ob Clares biologische Eltern noch leben? – eine Frage, die ihr Gespräch zu einem abrupten Ende führt.
Biologische Eltern. Ein klinischer und liebloser Begriff, aber doch noch besser (denkt Clare schuldbewusst) als leibliche Eltern.
»Aber – warum fragst du das, Clare – jetzt?«
Hannahs angestrengte, forcierte Stimme schaltet einen Gang zurück. Clare kann fast sehen, wie sich im weit entfernten St. Paul, Minnesota, ihre Augen verengen, ihr Mund schmal wird, wie eine böse Wunde.
Clare sagt, ihr lag diese Frage schon lange auf den Lippen. Sehr lange …
»Aber warum?«
Warum denn, du hast doch uns. Warum interessierst du dich für sie!
»Warum? Das ist doch wohl eine ganz natürliche Frage … Ich bin dreißig Jahre alt.«
»Dreißig Jahre alt! Was hat das denn damit zu tun?« Hannah ist wirklich fassungslos, ungehalten.
»Das heißt – ich bin kein Kind mehr …«
»Clare! Das haben wir dir doch alles erklärt. Vor vielen Jahren schon. Erinnerst du dich nicht?«
»Ich – ich – ich glaube nicht, dass ich mich erinnere …«
Clare versucht sich zu erinnern – an was genau, weiß sie nicht.
»Wir haben selbst nur sehr spärliche Informationen bekommen, Clare. Und es ist so lange her. Länger als ein Vierteljahrhundert, seit du in unser Leben getreten bist, aus dem Unbekannten.« Hannahs Worte haben einen vorwurfsvollen Unterton, so als wäre das alles Clares Schuld.
Aus dem Unbekannten. Ein bohrender Stachel.
»Deinem Vater und mir wurde nur sehr wenig über dich mitgeteilt, und nichts an diesen Informationen hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Alles, was wir wissen, haben wir dir vor vielen Jahren erzählt.«
Clare hört zu, nachdenklich. Sie bringt es nicht übers Herz, zu sagen: Aber ich erinnere mich nicht. Ihr müsst es mir noch mal erzählen. Bitte!
»Ich habe mich nur gefragt, ob ihr wisst – ob sie noch leben. Oder – ob …«
Hannahs Stimme tönt jetzt laut in der Leitung, aber belegt: »Wir haben nie erfahren, ob es sie gab, oder nur eine sie – eine Mutter. Ein Autounfall – sagte man uns –, aber Einzelheiten darüber haben wir nie erfahren. Keine Ahnung, wie alt deine biologischen Eltern damals waren. Du musst verstehen, Clare, es ist so lange her, und man hat damals anders über diese Dinge gedacht. Ein Kind zur Adoption freizugeben, war wie eine Schmach, und ein Kind zu adoptieren war ebenfalls damit behaftet, man hatte sozusagen Mitschuld an der Schmach, man war so etwas wie ein Mittäter, wenn man seinen Nutzen aus dem Unglück anderer zog. Wir mussten mithilfe einer katholischen Vermittlungsagentur bei der Planned Parenthood Agency in Minneapolis vorsprechen. Diese Organisation bestand darauf, gegenseitige Anonymität zu sichern, wenn eine der beiden Seiten dies wünschte – die Adoptiveltern oder die – anderen …«
Clare ist verblüfft über Hannahs Ausbruch. Niemals zuvor hat ihre Mutter so freiheraus mit ihr gesprochen. So langsam kommt ihre Erinnerung zurück.
Anonymität. Versiegelte Dokumente.
Frag nicht. Sinnlos.
»Mehr konnten wir nicht tun, Clare. Wir konnten nicht auf weitere Informationen drängen, auf die wir gar keinen Rechtsanspruch hatten. Wir hatten, ehrlich gesagt, gar keine Ahnung, was wir da taten – ein Baby zu adoptieren war vollkommen neu für uns. Das war eine sehr emotionale Zeit damals. Wir hatten erwartet, dass wir einen Säugling bekämen – natürlich – aber wir waren dann sehr dankbar dafür, dich zu bekommen …«
Hannahs Stimme verstummt allmählich, so als ob sie erst im Nachhinein merkt, was sie gerade sagt.
»Clare? Wir wollten immer nur das Beste für dich.«
Was sollte denn wohl diese Bemerkung? Was war denn das Beste für – wen?
Ganz benommen versichert Clare ihrer Mutter: Ja, sie versteht das. Natürlich.
Jeder möchte doch das Beste für ein verwaistes Kind, das man nie zuvor gesehen hat.
Clare merkt, dass sie das Gespräch besser beenden sollte. Sie bringt Hannah gerade vollkommen aus der Fassung. Doch sie ist nicht in der Lage, das Gespräch zu beenden. Ihre Neugier ist wie ein Wahnsinnsdurst, der ihren Mund austrocknet. »In welchem Teil der USA haben sie denn gelebt, weißt du das? Meine Eltern.«
Meine Eltern. Das war ein Fehler, Clare hat sich versprochen.
Hannah antwortet barsch, dass sie das nicht wisse. Und wenn sie es je gewusst haben sollte, dann kann sie sich nicht mehr daran erinnern.
Dann wird ihre Stimme wieder weicher: »Also, es könnte sein – ich habe so eine Ahnung, dass sie in New England gelebt haben.«
»Nicht im Mittleren Westen?«
»Warum ist es denn so wichtig, wo sie herkommen? Hat etwa jemand versucht, mit dir Kontakt aufzunehmen?«
»Nein!« Clare antwortet wie aus der Pistole geschossen. »Aber kannst du mir vielleicht eine Kopie meiner Geburtsurkunde schicken, Mom? – Das wäre sehr lieb.«
In Clares Alter klingt Mom als Kosename recht merkwürdig. Schon als kleines Mädchen hatte Clare Schwierigkeiten gehabt, Mom klar und deutlich auszusprechen.
Dad, wie sie ihren Vater nannte, war nicht so schwierig. Auch wenn sie von Kindesbeinen an, bestärkt durch (das Lächeln) ihrer (Stief-)Eltern diese Kosewörter benutzen sollte, waren sie ihr eher unangenehm.
Auch ihren Liebhabern hat sie niemals Kosenamen gegeben. Darling, Liebling. Mein Liebes.
»Du besitzt keine Kopie deiner Geburtsurkunde? Wie merkwürdig.«
Die offiziellen Dokumente bewahrt Clares Vater im Aktenschrank seines häuslichen Arbeitszimmers auf, gesammelt in fein säuberlich markierten Ordnern. Clare hat von ihrem (Stief-) Vater diesen gewissen Fanatismus in Sachen Ordnung, Klarheit, Eingrenzung geerbt. Im Zweifelsfall, abheften. Wegheften.
Clare überkommt urplötzlich ein Schamgefühl. Sie hat ihr Elternhaus nie richtig verlassen und ihre persönlichen Dinge, Dokumente an sich genommen – nie ihr eigenes Heim errichtet, in ihrem unsteten Leben.
Ein Vagabundenleben im Kopf. Ein undefiniertes Leben, wie ein Polaroidabzug, der nur teilweise ausgefüllt ist.
»Vielen Dank, Mom! Die brauche ich für – die Krankenversicherung …«
Keine offensichtliche Lüge, denkt sich Clare. Hannah wird niemals darauf kommen: dass Clare die Geburtsurkunde dem Nachlassgericht in Cardiff, Maine, vorlegen muss.
Direkt vor ihrer Fensterscheibe hat sie die ganze Zeit über ein monströses Spinnennetz betrachtet. Ein Meisterwerk aus minutiös verbundenen Fäden von unterschiedlicher Länge, feuchtnass, bebend auf Beute wartend. In seiner Mitte hockt eine fette schwarze Spinne, bewegungslos, als wäre ihr Körper vom prachtvollen Weben vollkommen erschöpft.
Dann endet die Konversation. Hannah wird abrupt auf Wiedersehen sagen, mit einem letzten Seufzer Also gut! – liebe dich, und Clare wird antworten, wie wenn jemand sie mit dem Zeigefinger an die Brust stupst: liebe dich.
Niemals bringen es Mutter und Tochter fertig, tatsächlich zu sagen Ich liebe dich.
Erschöpft legt Clare auf. Braucht dringend noch einen Drink.
Das Problem Adoptivkind zu sein, ist, sich wie auf Abruf zu fühlen. Egal, wie alt man ist, immer besteht das Risiko, dass man zurückgeschickt wird.
Clare macht sich bereit für die nächste Herausforderung: die »Verwandten« in Cardiff anrufen, deren Nummer Fischer ihr gegeben hat.
Elspeth, Morag – die beiden noch lebenden Schwestern von Maude Donegal, der geisterhaften Großmutter. Fischer hatte sie als die »jüngeren Schwestern« beschrieben, doch auch sie müssten jetzt älter sein, auf jeden Fall über achtzig.
Dafür braucht sie aber jetzt noch ein halbes Glas Wein.
Noch vor ein paar Tagen hatte Clare keinen einzigen Blutsverwandten gekannt. Und jetzt hat sie auf einmal zwei Großtanten.
Nach dem ersten Klingeln wird der Anruf schon entgegengenommen.
Als ob die wachsame Großtante atemlos diesen Anruf erwartet hätte. Clare denkt – Mein neues Leben!
Die (weibliche) Stimme am anderen Ende heißt – Elspeth? Zu Anfang kann Clare sie kaum verstehen: die Frau spricht mit einem starken Maine-Akzent und unterbricht ihre Worte mit eigentümlichen kleinen Silben – ähm, hä? Sie scheint Wert auf förmliche Umgangsformen zu legen und ist (anscheinend) etwas schwerhörig, aber für eine Einwohnerin vom Bundesstaat Maine erstaunlich freundlich, denkt sich Clare; die Großtante ist sehr neugierig auf Clare, hört aber anscheinend gar nicht zu, was Clare ihr erzählt, denn sie fragt Clare mehr als einmal, wann sie denn nach Cardiff komme und bricht dann ganz unvermittelt das Gespräch ab, so als ob sie jemand gerufen hätte. »Also gut dann! Ausgemacht. Du wohnst bei uns, Cla-re. So lange du willst.«
»Du wirst sehen, meine Liebe – es ist sehr viel Platz in dem wunderschönen alten Haus deiner Großmutter Donegal.«
5.
Drei Tage später kommt Clare in Cardiff, Maine, an.
Betätigt die Türklingel des schon etwas heruntergekommenen, ehrwürdigen alten Steinhauses in der Acton Avenue 59, aus dem nur spärliches Licht dringt.
Ein Haus wie aus dem Märchenbuch. Ein Relikt viktorianischer Zeiten, in einer Straße mit vielen ähnlich großen, massiven, mächtigen Wohnhäusern, zurückgesetzt von der Straße, zwischen hohen Hemlocktannen und wuchernden Ligusterhecken.
Die Donegals müssen sehr wohlhabend sein, denkt Clare. Oder waren in vergangenen Zeiten auf jeden Fall sehr wohlhabend.
Cardiff, Maine, ist eine verfallende Textilstadt aus dem neunzehnten Jahrhundert, die es noch nicht ganz geschafft hat, sich für den Tourismus zu öffnen, so wie andere Städte in diesem Teil des Staates. Noch immer ein malerisches Städtchen an der Küste, selbst im Verfall. Mühlen und Fabriken sind lang verlassen, bunt verstreut Outlets und »Antik«-Läden, Boutiquen, die Kunsthandwerk verkaufen.
Acton Avenue ist eindeutig eine der repräsentativsten Straßen Cardiffs, oder war es zumindest, auch wenn viele Häuser nahe dem Stadtkern nun für gewerbliche Zwecke genutzt werden. Teils Apartments, teils Büroräume. Eine würdevolle altrosa Backsteinvilla wurde ins Ashford County Historical Museum umgewandelt; ein anderes weitläufiges viktorianisches Anwesen trägt das bescheidene Schild CARDIFF COUNTY FAMILY PLANNING & SERVICES.
Clare klingelt ein zweites Mal. Erinnerung an die Halloweenabende in St. Paul, als sie inmitten einer Gruppe von Kindern in Masken und Kostümen aufgeregt und in ängstlicher Erwartung an Häusern wie diesem zu klingeln gewagt hatten, während ihre Eltern in den Autos am Straßenrand warteten; wie erleichtert sie waren, wenn niemand öffnete. Obwohl im Haus Licht brennt, fragt Clare sich, ob jemand zu Hause ist. Immergrüne Zweige wuchern an den Seiten des Hauses und verdunkeln die Fenster im Erdgeschoss. Das Schieferdach ist in großen Teilen mit Moos bewachsen und kleine Bäumchen schlagen in den verstopften Regenrinnen Wurzeln. Clare riecht verrottendes Laub, feuchte dunkle Erde, ein Hauch organischer Fäulnis steigt von der Veranda herauf, auf der sie steht. Dann plötzlich, so sanft wie eine vertraute Liebkosung, dieser Gedanke: Ist dies zu Hause? Bin ich hier am richtigen Ort?
Als Waisenkind ist man niemals am richtigen Ort. Obwohl man sich dies nicht gerne eingesteht. Clares Herz schlägt schneller vor Erwartung. Sie sollte es besser wissen, sagt sie sich selbst. Sie ist kein naives Kind mehr, sie hat Übung darin, große Hoffnungen nicht an sich ranzulassen, so wie man einen anhänglichen Hund nicht zu nah an sich ranlässt.
Nein! Dies ist auf keinen Fall dein Zuhause.
Nahezu 700 Kilometer von Bryn Mawr, Pennsylvania, bis Cardiff, Maine. Ungefähr sechs Stunden über die Interstate-Autobahn, zu weit für einen Tag, doch dann auch wieder zu nah, um die Fahrt in zwei Tage aufzuteilen. Wenn Clare einen Begleiter hätte …
Clare hat keinen Begleiter. Es ist klüger, die Fahrt in zwei Tagen zu absolvieren, so wie sie es gemacht hat, und vorsichtig zu fahren. Mit dem Gefühl, von einer Erbschaft gesegnet zu sein, der ersten in ihrem Leben, reihte sich Clare in die Langsamfahrer auf der rechten Spur der Interstate-Autobahn ein, die die Fahrer auf der Überholspur regelmäßig zur Weißglut bringen.
Seit dem Anruf von Lucius Fischer hat sie an nichts anderes denken können – Großmutter, Testament. Erbe. Und jetzt ist sie da.
Stimmen, drinnen im alten Steinhaus. In die massive Eichentür ist ein rundes Fenster eingelassen, durch das Clare lediglich ein gedämpftes Aufblitzen sehen kann, als der Lichtschalter angeht. Schwungvoll öffnet sich die schwere Eichentür, und zwei ältere, eigentümlich gekleidete Damen begrüßen Clare überschwänglich wie zwei aufgeregte Papageien.
»Da bist du ja! Oh, du siehst aus wie –«
»– wie er. Dein Daddy –«
»– unser Conor –«
»Ohh – ja, das tut sie!«
Die Stimmen beben. Tränen schimmern in den Augen. Die größere der beiden Frauen presst ihre Hand gegen ihre flache Brust, keucht.
»Wie gut – Gott sei Dank! – du bist hier –«
»– sicher – hier –«
»Herzlich willkommen, Clare –«
»Komm rein, meine Liebe. Du musst ja so –«
»– erschöpft sein.«
»– ausgehungert! – wollte ich sagen, meine Liebe, als diese unverschämte Person mich unterbrach –«
»Sie unterbricht mich die ganze Zeit, Clare – niemand ist so unverschämt wie sie.«
»– ausgehungert nach dieser langen Fahrt –«
»– und erschöpft –«
»– komm herein, Liebes –«
»– du bist Clare, nicht wahr? –«
»– haben schon gewartet auf –«
»– auf dich. Seit –«
»– Jahren.«
Inmitten dieser aufgeregten Begrüßungsorgie ist Clare ganz benommen. Die Frauen zupfen ungeduldig an ihr herum. Sie wird umarmt und noch einmal umarmt. Dann noch einmal umarmt, von dünnen Armen, die überraschend kräftig zudrücken und ihr die Luft aus dem Brustkorb herauspressen.
»– wie er! Dein Daddy –«
»– dein armer, armer Daddy –«
Wischen sich die Augen. Wischen sich über die Wangen, auf denen Tränen glitzern. Die größere verströmt einen süßlichen Duft von abgestandenem Talkumpuder, die kleinere einen scharfen Arzneigeruch auf alter Haut.
»Mein Liebes, ich bin Elspeth –«
»Ich bin Morag –«
»– Maudes jüngere Schwester –«
»– Maudes jüngere jüngere Schwester –«
»Wir haben telefoniert, Liebes –«
»Sie hat mir den Hörer einfach weggeschnappt, und dann –«
»Soll ich deinen Koffer nehmen, Liebes –«
»– hat sie mich noch nicht einmal kurz Hallo sagen lassen.« Morag, die kleinere der beiden, lässt nicht locker, vorwurfsvoll. »Nichts darf ich.«
Clare wird von ihren beiden Großtanten Elspeth und Morag ins Haus geführt, in ein Foyer mit fleckigem Marmorboden. Der Geruch von moderndem Laub und feuchter Erde vermischt sich nun mit dem strengen Duft der alten Damen und der stickigen Luft des Gemäuers. Wie weichgefiederte Vögel drücken sich die beiden Frauen – die Großtanten – nah an Clare heran. Sie hätte nicht sagen können, wer Elspeth war und wer Morag (beeindruckende schottische Namen!). Eine der beiden nimmt ihr den Koffer aus der Hand, doch der fällt sofort zu Boden und streift Clares Fuß – zu schwer der Koffer für die alte Dame.
»Oh – du! Was hast du getan!«
»Nichts! Ich habe nur versucht –«
»Immerzu mischst du dich ein und vermasselst alles. Das arme Mädchen ist noch keine fünf Minuten hier und du lässt den Koffer auf ihren Fuß fallen. Gib ihn mir, Clare – ich lasse ihn nicht fallen, versprochen.«
»Entschuldige mal! Ich bin sehr wohl in der Lage, ihren Koffer zu tragen –«
»Nein! Du hast gerade gezeigt, dass du das nicht bist –«
Clare stammelt, dass sie ihren Koffer selbst die Treppe hochtragen kann. Er ist nicht schwer, gar kein Problem …
»Aber nein, davon wollen wir gar nichts hören, liebe Clare –«
»Du bist so weit gereist, du bist unser Gast –«
»Wenn doch nur Maude hier wäre –«
»– allerdings, wenn Maude hier wäre, dann gäbe es ja kein – Testament … Und keine Clare.«
»Oh! Nicht gerade gastfreundlich deine Begrüßung. Du solltest dich schämen.«
»Du solltest dich schämen! – dass du so etwas überhaupt denkst.«
Clare lächelt verlegen. Sie hat nur wenig Erfahrung damit, dass »Verwandte« so viel Wirbel um sie machen, die (doch eigentlich) Fremde für sie sind, allerdings nicht den herkömmlichen Abstand wahren, so wie man es von Fremden kennt.
Versucht den Gedanken abzuwehren, es sei vielleicht ein Fehler, bei diesen Großtanten zu wohnen.
Sie fragt sich trotzdem, warum sie Ja zu dieser Einladung gesagt hat. Wie viel einfacher wäre es gewesen, in einem Hotel in der Nähe zu wohnen.
Verführt von dem Gedanken an eine Familie. Diese älteren Damen sind die einzigen Blutsverwandten, die Clare seit ihrer Adoption kennengelernt hat, und an die Adoption kann sie sich noch nicht einmal erinnern.
Wird sie von der größeren, lebhafteren der beiden Frauen, Elspeth, warmherzig empfangen? Oder ist das Morag?
Beide Großtanten starren sie gierig an. Hungrig.
Beide Frauen sind kleiner als Clare, die mit 1,70 m eine durchschnittliche Größe hat; die kleinere der beiden Schwestern ist um einiges kleiner und scheint eine deformierte Wirbelsäule zu haben. Die größere und wohl jüngere Schwester hat ein elfenbeinblasses Gesicht mit kaum sichtbaren Falten. Dem Gesicht wurde eine »prachtvolle« Maske aus Rouge, Linien und Puder aufgesetzt – gewölbte Augenbrauen, errötete Wangen, eine Rosenknospe als Mund; ihr aufgebauschtes Haar hat eine unnatürlich orangerote Färbung und die luftige Struktur von Zuckerwatte. Die kleinere, wohl ältere Schwester mit der gekrümmten Wirbelsäule hat ein eingedrücktes Mopsgesicht, eine niedrige Stirn, ein käsig-bleiches Gesicht, spärliche Augenbrauen und so gut wie keine Wimpern. Ihr Mund ist schmallippig, aber breit.
Elspeth, die größere, ist festlich gekleidet, trägt ein stahlblaues Satinkleid, einen schwarzen Spitzenschal über ihren mageren Schultern; Morag, plump und schwerfällig wie ein Hydrant, trägt eine Art Männerkleidung – formlose dunkle Hosen aus weichem Stoff, so wie Jersey, nicht sehr sauber, und einen Pullover mit Zopfmuster und Rollkragen. Ihr Haar ist nicht gefärbt, wie das ihrer Schwester, sondern eine Mischung aus steingrau und kalkweiß, recht fest, aber auch schon so dünn, dass Clare den blassen, verwundbaren Schädel hindurchschimmern sieht. Die größere, modischer gekleidete Elspeth trägt ein silbernes Brillengestell; Morags Brille ist klobig, ein schwarzes Plastikgestell.
Clare hat das vage und unheimliche Gefühl, dass jemand aus dem Hintergrund oder vom äußersten Rand ihres Blickfeldes aus zuschaut. Noch eine Großtante?
Aber als sie sich umdreht, ist da niemand. Ein schwach beleuchteter Flur führt vom Foyer in das düstere Innere des Hauses.
Die Großtanten drängen sich dicht an Clare heran, so als ob sie sie bewachen wollten. Sie bestehen darauf, dass sie mit ihnen zu Abend isst. »Das wird dir deine Farbe wiedergeben. Du bist so bleich wie ein Gespenst.«
»Als ob sie je ein Gespenst gesehen hätte.« Die andere Schwester lacht verächtlich.
»Sagt man doch so. Davon hast du ja keine Ahnung.«
»Dafür weiß ich: du bist die einzige dumme Person, die jemals ein Gespenst gesehen hat und sich damit brüstet.«
»Ich doch nicht – mich brüsten!«
»Also, wenn Clare jetzt ein Gespenst sieht, dann weiß ich, dass es deine Schuld ist – du hast ihr das in den Kopf gesetzt.«
»Du, du weißt nicht immer alles.«
Clare ist sich unsicher, ob sie über das Gezanke der Schwestern lachen oder versuchen soll, es zu ignorieren. Sie versteht, dass der heftige Schlagabtausch ihretwegen geschieht und sie möchte nicht ins Fettnäpfchen treten und jemanden beleidigen, indem sie sich mit der einen Großtante auf Kosten der anderen amüsiert.
Elspeth ist die witzigere, aber auch gemeinere; Morag ist nicht so schlagfertig, hat aber eine ganz besondere Art, wie eine Bulldogge aufzubrausen, erzürnt. Auf den ersten Blick scheint Elspeth die stärkere der beiden, da ihr Körper besser in Form zu sein scheint, doch tatsächlich ist Morag die robustere, sie steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden.
Beide sind sehr freundlich und zuvorkommend ihrem Gast gegenüber und scheinen aufrichtig besorgt um Clare.
»Bitte komm hier herein, Clare, setz dich bitte – du hast viel durchgemacht. Wir hatten das Abendessen schon länger fertig …«
»Nicht sehr nett, einem Gast so etwas zu sagen! ›Schon länger fertig‹ – das ist doch ungehörig.«
»Ich wollte doch nur –«
»– ignorier sie einfach, Clare; meine Schwester hat so selten Besuch, dass sie ihre guten Manieren verloren hat.«
» – wollte doch nur sagen, dass das Essen langsam kalt wird.«
»Na und – wärmen wir es einfach wieder auf …«
Wie kleine Kinder oder junge Hunde, die um Zuneigung betteln, so wetteifern auch die Großtanten um Clares Aufmerksamkeit, sehr unangenehm für sie. Wieder hat sie das vage Gefühl, dass noch eine weitere Person, vielleicht eine dritte Großtante, eine gespenstische Figur, irgendwo in der Nähe ist und gleich das Essen hereinbringen wird.
In einem mit schweren Antikmöbeln, Läufern und Wandteppichen überladenen Salon wird Clare gedrängt, sich auf einem Samtsofa niederzulassen, das heimtückisch unter ihrem Gewicht knarrt. Auch hier kann sie Moder und Schimmel deutlich riechen, dazu ein scharfer, erdig-sandiger Geruch, den sie als Ausscheidungen von Nagetieren definiert, weil sie Ähnliches an anderen, nicht sehr sauberen Orten schon gerochen hat.
»Wir wissen, dass du müde bist, liebe Clare, und jetzt gerne in deinem Zimmer ungestört sein möchtest, aber – wir haben noch so viel zu bereden!«
»Woher weißt du, dass das Kind ungestört sein möchte? Sie ist ausgehungert, sieh sie doch mal an! Sie möchte Tee und dann Abendbrot.«
»– Tee zum Abendbrot? –«
»– es sei denn, wir haben nur Pepperidge Farm Cookies und nicht diese warmen Scones mit Butter und Clotted Cream und diversen Marmeladen und Gelees, so wie sie im Ritz serviert werden, aber –«
»Oh, im Ritz! Sie möchte, dass du sie fragst ›Welches Ritz‹, damit sie antworten kann ›das Ritz am Piccadilly‹. Du weißt schon – London.«
Elspeths Worte klingen verächtlich. Als Morag protestiert, erwidert Elspeth, als ob es um ihr Herzensthema ginge: »Und damit meine ich nicht London, Connecticut –«
»New London, Connecticut –«
»Oh, hör auf! Kannst du denn damit keine Ruhe geben! Ein einziges Mal hat unser Vater uns Mädchen zum Abendessen mit ins Ritz genommen, und sie ist nie darüber hinweggekommen –«
»– sie ist nie darüber hinweggekommen –«
»– und weißt du was, Clare? – der Tee war English Breakfast Tea, und der hatte noch nicht einmal richtig in einer Teekanne gezogen, es waren Teebeutel.«
Clare lacht, unsicher, warum dies lustig sein und sie vielleicht lachen sollte. Es erscheint ihr gemein von der größeren, attraktiveren, jünger erscheinenden Elspeth, in solch spöttischem Unterton zu reden und damit ihre zwergenhafte, aufrichtig und ernsthaft sprechende Schwester noch kleiner zu machen; sie bemerkt auch, dass Morag irgendetwas fehlt am Körper, vielleicht eine Hand – Clare ist sich sicher, dass sie einen abgerundeten, weichen Stumpf gesehen hat … Aber als sie sich traut, genauer hinzusehen, merkt sie, dass Morag zwei Hände normaler Größe hat, oder sogar größer als normal, wie Männerhände, mit brüchigen Nägeln wie man sie von einem Hilfsarbeiter oder einem Gärtner kennt.
»– so viel zu erzählen, Liebes! – wir haben gewartet und gewartet. Seit unsere arme geliebte Schwester in der vergangenen Woche verstorben ist und dann dieser Schock mit dem Testament –«
»– nicht, dass es ein schlimmer Schock gewesen wäre, oh, nein –«
»– nein. Überhaupt kein schlimmer Schock. Wir wussten doch, dass –«
»– unsere geliebte Maude viele ›Interessen‹ hatte –«
»– Wohltätigkeitsorganisationen –«
»– St. Cuthbert’s Church –«
»– Verwandte über ganz New England verstreut –«
»– ein ganz schöner Schock, aber kein großer Schock –«
»– die geliebte Maude hat uns dieses Haus überlassen –«
»– uns zusammen, ihren beiden Schwestern und ihrem Sohn – Gerard –«
»– ah ja: Gerard – dein Onkel, ein Junggeselle –«
»– sie hat sich um uns gesorgt – und um ein paar andere aus der Familie –«
»– unseren lieben Neffen Gerard, den du kennenlernen wirst –«
»– wir haben nicht geheiratet, so wie Maude; sie war sehr unerschrocken –«
»– sie war so betrübt über deinen Vater, sie konnte nicht –«
»– konnte es nicht ertragen –«
»– schon allein der Gedanke, dass –«
»– über viele Jahre, schon allein der Gedanke, dass es dich gab.«
»– Obwohl sie von dir wussten –«
»Ja! Wir alle wussten davon – nur –«
»– die Jahre flogen vorbei –«
»– flogen vorbei …«
Während dieses ermüdenden Hin und Her, wird ein kunstvoll verziertes, matt-silbriges Tablett in den Salon gebracht, feierlich auf dem Tischchen direkt vor Clare abgestellt. Tassen und Löffel klirren. An ein paar Stellen angeschlagenes, doch wunderschönes zartes Wedgwood Porzellan, stilvoll gemusterte Silberlöffel, nur leicht angelaufen. Wer auch immer das Tablett hereingebracht hat, ist nicht zu erkennen, denn ihr – sein? – Gesicht ist von der aus der Teekanne aufsteigenden Dampfwolke vollkommen eingehüllt.
»– ich gieße ein. Hier, Clare –«
»– deine Tasse, Clare –«
»– deine Tasse, extra für dich ausgewählt –«
»– Rosenknospen, geliebt von unserer lieben Maude –«
»– und dieser Löffel! – eigentlich ein Babylöffel –«
»– dein Löffel –«
Clare reibt sich die Augen, müde von der langen Fahrt, und sieht, dass die Großtante, die den Tee umrührt, Elspeth ist, wenn es nicht Morag ist … Und wer ist die andere Person im Raum? Clare schaut unruhig umher; ihre müden Augen können niemanden entdecken.
Dann folgt ein erneutes Intermezzo unerbittlichen Geplappers. Als ob Vögel mit ihren spitzen Schnäbeln an ihr pick-pick-picken. Natürlich, so denkt Clare, wollten die alten Großtanten ihr nichts Böses; sie meinen es gut mit ihr; sie sind einsam, suchen wohl Gesellschaft; sie sind aufgeregt, sie kennenzulernen, so wie auch sie selbst aufgeregt ist, ihre Tanten kennenzulernen.
Clare, die sonst sehr wählerisch ist, was Essen und Trinken angeht, chronisch untergewichtig, hat auf einmal mehr Appetit, als sie sich je vorstellen konnte: auf lauwarmen English Breakfast Tea mit ranzig riechender Milch. Und Pepperidge Farm Ingwerkekse, nicht mehr ganz frisch, die in ihren Fingern zerbröseln, ihr den Mund wässrig machen, so köstlich …
»– (Sie ist viel zu dünn!)«
»– (Dem werden wir schon abhelfen!)«
Wie seltsam, die Großtanten reden über Clare, als wäre sie gar nicht im Raum.
Ihre Augenlider werden schwer. Sie ist plötzlich so müde. Mit glitzernden Augen hinter blank polierten Bifokalgläsern beobachten die Großtanten sie ganz genau.
»– Schlafenszeit, Liebes? Dein Zimmer ist bereit –«
»– gut durchgelüftet und frisch hergerichtet für dich –«
»– (Achtung! Nimm ihr die Tasse ab, bevor sie herunterfällt –)«
»– (Nimm du sie, du bist näher dran!)«
Noch nicht einmal 21 Uhr, sehr früh noch, um schlafen zu gehen, denkt Clare. Doch es fühlt sich viel später an. Mitternacht.
Clare ist so müde, dass sie kaum noch die Augen offen halten kann. Wie unhöflich von ihr, im Beisein der Großtanten einzuschlafen … Schafft es kaum noch, vom Samtsofa aufzustehen. Schafft es kaum noch, ihre Wörter zu artikulieren, sich zu entschuldigen.
(Was ist mir ihr passiert? Clare denkt, Sie haben mich vergiftet! – doch dieser Gedanke gleitet hinein und wieder hinaus aus ihrem Kopf, wie ein kurzer Faden, den man durch ein Nadelöhr zieht.)
Es gibt einen kurzen Augenblick, einen entscheidenden Punkt (wie jener Augenblick damals, kurz bevor Clare den Anruf in Bryn Mawr entgegengenommen hatte, als sie hätte entscheiden können, nicht dranzugehen), in dem Clare den Großtanten hätte entkommen können, aus dem Salon ausbrechen, in das schwach erleuchtete Foyer hinausstolpern und raus auf die Veranda in die eiskalte, frische Luft, und von da aus in ihr Auto, das am Straßenrand parkt. Aber all das tut sie nicht, denn sie hat gar keine Chance, es zu tun. Sie ist einfach nur schrecklich schläfrig. Kindliche Geborgenheit in ihrer Schläfrigkeit und im Nichtstunkönnen der Schläfrigkeit. Bei diesen liebenswürdigen Großtanten.
Weiß nicht, was passiert, aber fügt sich: die Treppe hinauf! Ein Zimmer bereit für sie, seit Tagen. (Jahren?)
Wie schwach sie ist, doch Clare nimmt ihren Koffer in die Hand, um ihn die Treppe hinaufzutragen. Der Koffer (der vorher nicht schwer gewesen war) ist jetzt sehr schwer. (Sie hat nur ein paar Kleidungsstücke dabei, ein paar Bücher, ein zweites Paar Schuhe, Hygieneartikel in einem Kunststoffbeutel – nichts Schweres eigentlich.) Die kleine, plumpe, missgestalte Morag lacht liebevoll – oder ist es höhnisch? »Lass mich« – schafft es, mit ihrem Armstumpf den Koffer, auf ihrem Oberschenkel abgestützt, triumphierend die Treppe hinaufzutragen.
Clare reibt sich die Augen, starrt ihr hinterher. Fehlt Morag wirklich ein Teil ihres Arms?
Clare kann es nicht genau erkennen.
»– hier herein, liebe Clare! Dies –«
»– ist bereit für dich.«
Elspeth, die Großtante mit dem hellen, feuerfarbenen Haar, fliegt an Clare vorbei und führt sie ins Gästezimmer. Clare hat den Eindruck, die glamouröse Großtante schwenkt eine Fackel über ihrem Kopf – aber nein, natürlich keine Fackel.
Erstaunlich, dass ihr das Gästezimmer in diesem fremden Haus vertraut erscheint – einer der Orte, an dem Einzelheiten wie Wände, Decken, Fußböden nicht genau festgelegt sind, eher unbestimmt, im Nebel. Ich bin zu früh gekommen, der Traum ist noch nicht bereit. Gibt es hier Sauerstoff zum Atmen? Angst hat sie keine. Im Gegenteil, sie hat das Gefühl, an einen vertrauten Ort zu kommen, ein Ort, der sie lange schon erwartet hat.
»Raus! – aus den Schuhen –«
»Raus! – aus den Socken –«
»Dies auszieh’n –«
»Das auszieh’n –«
»Und das noch –«
Wie Äther steigt die Lethargie von der steifen, ausgebleichten Satindecke des Himmelbetts hinauf, um Clare in die Arme zu nehmen. Die Matratze ist sehr hart – Rosshaar. (Woher weiß Clare das? Clare weiß es.) Auf dem Gänsefederkissen rollt ihr Kopf hin und her, als ob er vom Körper abgetrennt wäre. All ihre Glieder sind schlaff, widerstandslos. Ihre Gedanken in Fetzen, zerrissen. Und dann Dunstschwaden, wie Wolken. Hoch oben fegen Atlantikwolken über sie hinweg.
Geschäftig, glücklich zupfen die Großtanten an ihrer Kleidung, beugen sich gurrend über sie, als wäre sie ein großes, hilfloses Baby. Aus der Distanz hört sie (sehr zu ihrer Bestürzung), dass sie »keine besondere Schönheit« sei, doch wenigstens »kommt sie nach ihm, nicht nach ihr. Diese Frau war so gewöhnlich.«
6.
Leise, erregte Stimmen wehen die Treppe hinauf.
Sie erinnert sich nicht.
Sie muss sich erinnern!
Nein. Ich glaube, sie tut es nicht …
Sie tut so, als erinnere sie sich nicht.
Nein. Ich glaube, sie erinnert sich wirklich nicht.
Dann eine Pause. Man ist sich nicht sicher, ob man richtig wach ist oder noch gefangen in diesem fremden Bett mit seiner harten, unnachgiebigen Matratze unter einem dünnen, zerfransten Betttuch, zwischen Bettdecken, die nach Schimmel riechen, gefangen in einem Traum, der weitergeht, weiter und weiter, wie wenn man durch trübes Wasser watet, das an den Füßen saugt und man befürchten muss, hinuntergezogen zu werden, und man dann die Augen fest zulässt wie ein Kind, aus Furcht vor dem, was man als Nächstes hören könnte.
Sie erinnert sich nicht an uns – an die, die sie gefunden haben.
Unvermitteltes Gelächter. Übermütige Heiterkeit, wie klirrend zerspringendes Glas.
7.
»Clare, Liebes? – Frühstück.«
»– Zeit fürs Frühstück, liebe Clare!«
Wacht auf von den Stimmen unten an der Treppe.
Freudig erregte Stimmen, leicht vorwurfsvoll: Clare hat verschlafen, es ist nach neun.
Starrt ungläubig auf ihre Uhr. Viertel nach neun! Normalerweise wacht Clare vor Tagesanbruch auf, ist vor sieben aus dem Bett. Wundert sich, dass sie wie apathisch zwölf Stunden in diesem Himmelbett im Gästezimmer ihrer Großtanten geschlafen hat. Noch immer ist ihr Kopf schwer, ihr Blick verschwommen, so als ob sie, anstatt tief und fest zu schlafen, die ganze Nacht hindurch versucht hat, dicht vor ihren Augen einen Text zu lesen.
An der Tür Stimmen, gewagt vertraulich, erregt.
»Bist du hungrig, Liebes?«
»Wir haben dir ein ganz besonderes Frühstück zubereitet, Liebes …«
Herausfordernd dreht sich der Türknopf. Aber – zum Glück! – die Tür wird nicht geöffnet.
Clare beobachtet, wie sich der Türknopf dreht. Die Haare in ihrem Nacken stellen sich auf wie bei einem erschreckten Kind.
Schnell ruft sie ihren Großtanten zu, dass sie so rasch wie möglich hinunterkommt. Es tut ihr so leid, dass sie verschlafen hat …
»Keine Eile! Keine Eile –«
»– unsere kleine Schlafmütze.«
Lachen wie schepperndes Glas. Clare schaudert.
Orientierungslos, schlaftrunken und noch wackelig auf den Beinen, versucht sie sich im Gästezimmerbad zu waschen. Dort ist alles viel zu hell: grellweiße Kacheln an der Wand, auf dem Boden. Von der Decke blendendweißes Licht. Über ihr, in einer Ecke, die Reste eines zerstörten Spinnennetzes, leichte Erregung, kaum wahrnehmbar …
Clare schaudert. Das macht sie dann später weg, das Spinnennetz.
In einem antiquierten Spiegel über einem antiquierten Waschbecken, ein blasses Gesicht, verfilztes Haar. Nackte Schultern, Brüste, beschämt und verletzlich – Brustwarzen so hart wie kleine Kerne, aufmerksam und vorsichtig.
Unterarme! Clare schrubbt sie mit einem Waschlappen ab, kräftig.
Keine Ahnung, wie man die antiquierte Dusche in der riesigen weißen Badewanne benutzt. Wasserhähne, die sich nur widerwillig drehen und die alten Rohre ächzen lassen. Duschkopf wie eine lepröse Sonnenblume.
Sie muss die Großtanten fragen, wie diese verdammte Dusche funktioniert. Keine Zeit mehr, um ein Bad zu nehmen – um die Wanne mit heißem Wasser zu füllen, hineinzusteigen, hineinzurutschen wie in einen römischen Sarkophag.
(Außerdem ist die Wanne nicht sehr sauber. Reste von Spinngewebe, Haare.)
Eine Nacht voller strapaziöser Träume! Schüttelt den Kopf, um sie loszuwerden.
Warum ist sie hierhergekommen? Wo ist sie eigentlich genau?
Zurück im Schlafzimmer, zieht sich an in kindlicher Eile. Man fürchtet sich davor, überrascht zu werden, wenn man noch nicht vollständig angezogen ist. Nackte Füße! Unmöglich, mit nackten Füßen herumzulaufen …
Clares Finger bewegen sich wie benommen. Es gibt eine merkwürdige Abkopplung zwischen ihrem Gehirn und ihren Fingern, ihren Gliedmaßen. Genauso hat sie sich gefühlt, als sie früher einmal eine Tablette zum Einschlafen genommen hat – kein schweres Barbiturat, nur Benadryl – doch die Nachwirkungen am folgenden Morgen waren sehr unangenehm. Natürlich – du weißt ja, dass man dir Gift gegeben hatte. Gestern Abend.
Sie atmet durch den Mund, versucht, nicht in Panik zu geraten. Aus ihrem Koffer (der aussieht, als sei er geschüttelt worden, sein Inhalt ist vollkommen durcheinandergewürfelt) kann sie saubere Unterwäsche, Kleidung herausziehen. Die Großtanten! Sie wollen mich aus dem Testament ihrer Schwester löschen, bevor es zum Nachlassgericht geht, sie wollen mein Erbe. Auf dem Weg nach Cardiff am Tag zuvor hatte Clare einen Pullover, Jeans und ihre normalen Laufschuhe getragen. Doch sie hat auch offiziellere Kleidung dabei für den Termin mit Lucius Fischer an diesem Morgen.
»Lucius. Er wird mein Freund sein.«
Clares Finger sind ganz betäubt; sie braucht viele Minuten, um sich ordentlich anzuziehen. Hat ihre Haare vergessen – starrt auf ihr Bild im Spiegel auf der Kommode – eine sprachlose Medusa.
Schande! – unter normalen Umständen hätte sie geduscht, ihre Haare gewaschen oder zumindest gut nassgemacht, um sie sorgfältig auszukämmen. Zu spät jetzt.
Haare wie wilde Kritzelei. Geweitete Augen, die große Verwirrung spiegeln.
Keine Fluchtmöglichkeit außer die Treppe hinunter. Von freundlich scheinenden Stimmen hinabgezogen. Clare betritt einen neuen Raum, den Frühstücksraum, schirmt ihre Augen gegen das aus einer riesigen Fensterfront hereinbrechende Sonnenlicht ab. Ihr Mund ist extrem trocken. Ihre Augen fühlen sich übergroß an, freigelegt. Die Großtanten wenden sich ihrem Gast zu, lächeln erwartungsvoll. Elspeths grotesk lodernde Haarpracht hebt sich grell von ihrem bleichgeschminkten Gesicht ab; Morags muskulöser hydrantengleicher Körper ist fest im Boden verwurzelt. Es scheint, als hätten sie gerade mit jemand anderem über Clare gesprochen, aber wer das ist, eine dritte Person am hinteren Ende des Frühstückstisches, das kann Clare nicht erkennen. In den Augen der betagten Schwestern ein glitzerndes Funkeln, das Clare unangenehm ist.
»Zum Frühstück gibt es Porridge –«
»– zubereitet in typisch schottischer Weise, mit Hafergrütze.«
»– einem Schuss Milch –«
»– braunem Zucker –«
»– Rosinen. Beeil dich!«
Clare soll vorne an dem langen, mit einer senfgelben Plastikdecke bedeckten Tisch Platz nehmen.
Porridge! Clare hat schon viele Jahre keinen Porridge mehr gegessen. Sie erinnert sich daran, dass sie diesen als Kind geliebt hat; danach dann nicht mehr so sehr. Die Großtanten haben einen ganz besonders dicken, zähen Haferbrei zubereitet, der an den Rändern von Clares Schüssel schon fest ist. Sie nimmt ihren Löffel in die Hand: es ist der leicht angelaufene silberne »Babylöffel« vom Abend zuvor.
Clare ist entschlossen, das Frühstück ihrer Großtanten anzunehmen, damit sie den alten Damen zeigen kann, wie dankbar sie für ihre Gastfreundschaft, für ihre Liebenswürdigkeit ist. Es ist nicht so, dass sie die beiden nicht mag, und sie hat auch keine Angst vor ihnen – das wäre ja absurd.
Doch dann bemerkt sie, wie sich die Rosinen in dem grauen, zähflüssigen Porridge in ihrer Schüssel hin und her bewegen.
»Sie mag deinen Porridge nicht, Morag!«, ruft die Großtante mit den orangefarbenen Haaren.
»Sie mag deinen Porridge nicht, Elspeth!«, ruft die Großtante mit der verbogenen Wirbelsäule.
Verwirrt verstärkt Clare den Griff um ihren Babylöffel. Natürlich bewegen sich die Rosinen in ihrer Schüssel nicht. Hafergrütze mit einem Schuss heißer Milch ist ihr Lieblingsfrühstück.
»Jetzt hast du unsere liebe Nichte in Verlegenheit gebracht – sie denkt, sie muss das essen.«
»Ah ja, natürlich muss sie essen. Sie ist ein junges Mädchen, das noch wächst – und junge Mädchen müssen essen.«
Während Clare sich bemüht, den angelaufenen silbernen Babylöffel zum Mund zu führen, zu kauen, einen zähen Brocken Porridge herunterzuschlucken und dabei die Rosinen zu vermeiden, schweben die Großtanten dicht über ihr, mit Geplapper und Geflatter. Steckt da irgendetwas Finsteres, Unheimliches dahinter oder sind sie einfach nur besorgt um Clare, fasziniert von ihr, so wie man (sehr wohl) von einem Fremden fasziniert ist, der in Gestalt eines Familienangehörigen plötzlich aufkreuzt? – ein direkter Erbe?
Clare hat sich eine entscheidende Frage überlegt, die sie den Großtanten stellen will: Warum wurde sie zur Adoption weggegeben, wenn doch die Familie Donegal so gut betucht ist? Hat keiner aus der Familie sie gewollt?
Nur – wie soll sie es wagen, solch eine Frage zu stellen? Ihre Stimme bricht, als sie beginnt. Im Hals ein dicker Kloß.
Dieser verdammte Porridge ist so zäh wie Karamellbonbons! Heiße Milch reinzuschütten macht die Sache kaum besser.
»Ist es zu heiß, Liebes? Oder –«
»Nicht heiß genug?«
Die Fürsorglichkeit der Schwestern scheint echt. Clare fragt sich, ob sie je zuvor in ihrem Leben einen Gast im Haus hatten.
Elspeth trägt einen graubraunen, seidenen Morgenmantel mit weiter Schärpe. Er erinnert an irgendeine antiquierte Art von Ballkleid oder Festtagstracht; das Oberteil des Mantels gleitet auf sonderliche Art und Weise auf, wenn sie sich gedankenlos bewegt und legt ein knochiges Dekolleté frei. Dazu hat Elspeth ihr Gesicht so großzügig gepudert, dass sie einem gespenstischen Clown gleicht; ihre bogenförmigen Augenbrauen, die auf Clare am Abend zuvor noch prachtvoll gewirkt hatten, sind heute Morgen zittrig korrigiert, genauso wie der rotorange Lippenstift mit zittriger Hand geführt wurde. Morag, mit Mopsgesicht und plump-gedrungenem Körper und zerzaustem, ungekämmtem Haar, trägt, wie es scheint, einen bequemen Flanellpyjama unter einem Morgenmantel aus grobem Stoff, so wie Jeansstoff. Ihre Augen ruhen vergnügt, etwas schadenfroh, auf Clare.
»Wir mögen unseren Porridge nicht«, sagt Morag verschmitzt. »Ist wohl nicht von der Qualität, wie man ihn im Ritz serviert bekommt.«
»Na ja, er würde unserem Gast besser schmecken, wenn er wenigstens heiß genug wäre. Irgendjemand hat ihn kalt werden lassen, sodass er jetzt fest ist …«
»Irgendjemand hat die Flamme am Herd ausgeschaltet.«
»Irgendjemand muss ja wachsam sein, sonst kommt die Feuerwehr hier die Straße hochgebraust – wieder einmal.«
Clare lächelt unsicher. Sie hat den Haferbrei aufgegeben, hält aber weiterhin den zierlichen Löffel in der Hand, damit ihre betagten Verwandten nicht argwöhnen, sie möge ihr aufwändig zubereitetes Essen nicht.
Jetzt hat sie Zeit, die vierte Person im Raum zu betrachten: ein Mann – von unbestimmbarem Alter –, weder alt noch jung, weder lächelnd noch missbilligend, sowohl Clare als auch den plappernden Großtanten gegenüber gleichmütig, desinteressiert, die Ellbogen auf den Tisch gestützt und vornübergebeugt, einen Löffel in der linken Hand, während die rechte auf der Tischplatte ruht, Finger steif wie Klauen.
Verwunderlich. Diese Person, ein Fremder, kommt Clare irgendwie vertraut vor – seine Züge erinnern an ihre eigenen, indirekt: irgendetwas an der Stellung der Augen oder die Nase …
Er hat einen ausgeprägten spitzen Haaransatz, dunkles, mit grauen Strähnen durchsetztes Haar, ein scharfkantiges Gesicht. Nicht sehr freundlich. Doch beobachtet Clare durch seine halb geschlossenen Augen, heimlich. Neben seiner Porridge-Schüssel, eine längsgefaltete Zeitung.
Beunruhigend, denkt Clare, diese Person hat so viel Ähnlichkeit mit ihr, wie ein enger Verwandter, aber je länger sie ihn betrachtet, desto unsicherer wird sie, ob sie sich das nicht alles nur einbildet.
Er hat eine raue, narbige, gräuliche Haut. Sie hat eine sehr helle, sehr glatte Haut.
Er ist missmutig, kleinlich. Sie lächelt viel, schmeichelt gern.
Es scheint, als ob Essen für diesen Mann eine große Herausforderung darstellt, denn Clare hat bemerkt, dass er seinen Löffel sehr seltsam mit den Fingern der linken Hand hält, die Großtanten ihm allerdings, vor lauter Angst, ihn zu belästigen, gar keine Hilfe anbieten.
Nervenschäden, denkt Clare mit einem Anflug von Mitleid. Und vielleicht auch Gehirnschäden. Sie erkennt einen steinernen, ausdruckslosen Blick in seinen Augen.
»Gerard, mein Lieber! Dies ist eine Nichte von dir – Clare –«
»– eine Nichte, die du noch nicht kennst, mein Lieber. Die wir alle noch nicht kennen – eine große Überraschung …«
Gerard schaut Clare missbilligend an, ohne sie überhaupt richtig zur Kenntnis zu nehmen. Sie ist ein Eindringling, so scheint es; stört sein Frühstück und seine Zeitungslektüre. Er nickt ihr widerwillig zu, murmelt etwas, was Hallo heißen könnte. Oder auch nur ein dunkles Murren war – mh.
»Clare, Liebes, – das ist unser Neffe Gerard, der hier im Haus wohnt – mit uns zusammen –, seit seine Mutter verstorben ist –«
»Der jüngere Bruder deines Vaters, Clare –«
»Nein. Gerard war älter –«
»Nein, war er nicht. Er war jünger …«
»Jünger als Conor – zu jener Zeit. Aber jetzt ist Gerard älter.«
»Na ja, er ist älter geworden. Jedes Jahr, älter geworden.«
»Genau das habe ich doch gesagt! Jedes Jahr, älter.«
Gerard ist ein magerer Wolfshund, mit eingefallen Wangen, immer auf der Hut, jemand, dem unbehaglich wird, wenn man über ihn redet, als wäre er nicht anwesend. Sein Gesichtsausdruck erinnert an den in Kummer und Qual im siebzehnten Jahrhundert von Alessandro Casolani in Öl festgehaltenen Märtyrer St. Bartholomäus. Clare denkt sich, dass die betagten Großtanten mit ihrem Geplänkel – unter dem Vorwand, freundlich und beschützend sein zu wollen – absichtlich die Geduld ihres Neffen auf die Probe stellen wollen.
»– und trotzdem, du weißt es genauso gut wie ich – Gerard ist nicht alt. Gerard ist –«
»– für uns, immer noch ein Junge.«
Irgendetwas an Gerard scheint entstellt, denkt Clare. Sie ist irritiert davon, dass seine Augen so große Ähnlichkeit mit ihren eigenen haben, sie liegen aber tiefer in den Höhlen, von Schatten umrandet. An seinem Kinn sprießen dünne Haare, und seine Wangen zeigen winzige, matt glänzende Blutspuren, so als ob er sich in Eile oder sehr unvorsichtig rasiert hätte. Sein linkes Ohr sieht geschunden aus, beide Ohren sind gerötet. Er trägt zusammengewürfelte Kleidung, eine braune, lockere Tweedjacke, ein schwarzes T-Shirt, Cordhosen. Die Tweedjacke ist alt und an den Ellbogen durchgescheuert, doch ganz offensichtlich aus hochwertiger Wolle; das schwarze T-Shirt verleiht ihm ein salopp priesterliches Aussehen.
»Hallo! Ich freue mich sehr, dich kennenzulernen – Gerard.«
Eigentlich viel zu vertraulich – Gerard. Clare überlegt sich, ob er von ihr die Anrede Onkel Gerard erwartet hätte.
Obwohl sie sich unwohl fühlt in ihrer Haut, schafft Clare es doch, Optimismus und Freude auszustrahlen. Im Zweifelsfall ist es für eine attraktive jüngere Frau einfach klug, die Naive zu spielen. Sie möchte gemocht werden! – unbedingt. Ist Clare denn nicht Gerards lang verloren geglaubte Verwandte, irrtümlicherweise als Waisenkind weggegeben? Sollte Gerard sie nicht eher anlächeln, mit einem Gesicht, das wundersames Erstaunen ausdrückt, ein herzliches Willkommen?
Sollte Gerard nicht von seinem Stuhl aufspringen, zu ihr hineilen, sie umarmen? – sodass seine starken Arme ihre Rippen zu zerquetschen drohen?
Sollte Gerard nicht ihre Wangen küssen, sie freudig anlachen, mit ihr lachen?
Doch der finstere Gerard bewegt nur leicht seine Schultern unter der Tweedjacke. Clare hört ihn etwas murmeln wie ja oder ah. Kein Zweifel, er ist verärgert, weil er beim Zeitunglesen gestört wird, die gefaltet neben seiner Porridgeschüssel liegt.
»Ich bin Clare. Ich glaube – deine Nichte? Ich meine – eine deiner Nichten …«
Wie absurd! Clare merkt, dass ihr Gesicht brennt, wie peinlich. Als Kind ist man Personen wie Gerard gegenüber leicht verletzlich, genauso wie gegenüber etwas älteren Kindern, die einen mit ihrem undurchschaubaren, scheinbar feindseligen Verhalten einschüchtern; man erkennt, dass sie einen verachten oder zumindest ablehnen, doch man hat keinen Schimmer, warum das so ist, weil man doch eigentlich nichts getan hat, was sie hätte verärgern können. Ohne zu wissen, warum, bemüht man sich unablässig weiter, lächelt bis das Gesicht schmerzt, in der Hoffnung, dem anderen wenigstens ein gleichgültiges Lächeln zu entlocken, wohlwissend, dass alle Bemühungen zum Scheitern verurteilt sind.
Doch Clare ist kein Kind mehr. Clare Seidel ist dreißig Jahre alt. Sie ist eine viel attraktivere Person als dieser wächserne Gerard Donegal, den sie unter anderen Umständen, in einer anderen Umgebung keines Blickes gewürdigt hätte. Clare sollte diesem tückischen Gelände längst entwachsen sein, von dem man doch nur als Kind seinen Peinigern nicht entkommen kann, weil das Klassenkameraden sind, mit denen einen die wohlmeinenden Erwachsenen zusammengestopft haben und mit denen man dann in einer Hölle feststeckt.
Die Großtanten werden jetzt ungeduldiger, tadeln provozierend: »Clare ist deine Nichte, Gerard. Wir haben dir gestern von ihr erzählt. Erinnerst du dich nicht? Sie ist die Tochter von –«
»– du erinnerst dich: Conor.«
Gerard blickt noch finsterer drein. Schüttelt den Kopf, nein.
Clare fragt sich, was sie davon halten soll. Gerard erinnert sich nicht an seinen verstorbenen Bruder Conor, oder möchte sich nicht erinnern? Oder er glaubt vielleicht nicht, dass die junge Frau, der er vorgestellt wurde und die ihn weiterhin hoffnungsvoll anlächelt, tatsächlich seine Nichte ist.
»Clare ist Conors jüngstes Kind, Gerard –«
»Du erinnerst dich – da bin ich mir sicher.«
Clare ist verwirrt, den Namen Conor so häufig zu hören, so beiläufig.
Zum ersten Mal hat sie »Conor« laut ausgesprochen gehört, denkt sie. Wenn nicht Lucius Fischer ihn am Telefon erwähnt hatte. – Sie kann sich nicht erinnern.
Eine unerklärliche Magie umgibt diesen Namen, der sie zum Weinen bringen möchte, doch ein Lächeln auf ihre Lippen zaubert. Mein Vater.
Genauso bei der Frau namens Kathryn, ihrer Mutter. Meine Mutter.
Überwältigend für Clare, dieses Rätsel, von dem sie nicht weiß, wie sie es lösen könnte, diese Erkenntnis, dass die drei Fremden in diesem Raum, hier direkt vor ihr, nicht nur Blutsverwandte sind, sondern dass sie ihren Vater gekannt haben, und dass sie, wann immer sie wollen, einfach so nebenbei über ihn sprechen können – Conor.
Seit sie denken kann, hat Clare ihre Situation akzeptiert – Waisenkind. Keine Verwandten. Und jetzt …
Clare hat die Geburtsurkunde, die ihre Mutter Hannah ihr per Eilpost geschickt hat, sorgfältig gelesen. Ein offizielles Dokument, das Clare sicher früher schon einmal gesehen, doch wegen geringen Interesses auch wieder vergessen hatte.
Warum sollte es mich kümmern, wer ich einmal gewesen bin? Sie haben mich weggegeben, sie haben sich einen Dreck um mich geschert.
Die Namen ihrer (leiblichen) Eltern schienen für Clare nichts mit realen Personen zu tun zu haben, so wie man die Namen weit entfernter Orte auch nicht mit realen Orten verknüpft. Sie hatte sich an den Gedanken gewöhnt, dass diese Fremden ab ihrer Geburt nicht mehr existierten, als ob ihre Geburt deren Tod herbeigeführt hatte; obwohl es doch gar keinen Grund für solch einen bizarren Gedanken gab. Sie hat immer gewusst, oder hätte wissen müssen, dass sie erst zur Adoption freigegeben wurde, als sie schon zwei Jahre alt war, fast drei. Nicht als Neugeborenes.
»Clare ist unser Gast, Gerard! Auch dein Gast.«
»Clare ist hierhergekommen, um Mr. Fischer zu treffen, Gerard – unseren Anwalt.«
»Auch deinen Anwalt!«
»Sie ist den ganzen Weg von Philadelphia hierhergefahren, ist das nicht beeindruckend? Ganz allein mit dem Auto.«
»Wegen des Testamentes – des Testamentes deiner lieben Mutter. Du erinnerst dich –«
»Sie hat auch geerbt. Deine Nichte Clare.«
»Die alte Farm in der Post Road, mein Lieber. Leider – ja …«
»Du könntest Clare ja vielleicht mal hinfahren, damit sie sieht, was sie geerbt hat –«
»– eine gute Gelegenheit, dass ihr euch kennenlernt, du und Clare –«
»– es sei denn –«
»– es sei denn, natürlich –«
»– du möchtest lieber nicht.«
Die Worte hängen wie eine Herausforderung in der Luft. Lieber nicht.
Bei diesen Worten steht Gerard abrupt vom Tisch auf. Sein Stuhl rutscht hart über den Holzboden.
Er gibt ein Knurren von sich, verachtend, spöttisch. Entblößt gelbliche Zähne in einem erbosten Gesicht. Seine Augen schlingern in ihren Höhlen hin und her, doch er schaut Clare nicht an – er hat Clare nicht ein einziges Mal angeschaut.
Mit seiner linken, gesunden Hand greift er seine Mütze und die gefaltete Zeitung und verlässt polternd den Raum durch die hintere Tür.
Hinterlässt einen Geruch von Asche, ein ungewaschener männlicher Körper, ungewaschenes Haar. Nicht einmal ein kurzer Seitenblick.
Die Großtanten sind wie erstarrt, weit aufgerissene Augen, in Alarmbereitschaft wie ein Vogel Strauß. Aus ihren Mündern zischende Laute, tsss. Clare wundert sich, warum sie nicht dankbar sind, dass ihre Fragerei den mürrischen Mann aus ihrem Blickfeld getrieben hat.
»Oh je! Es tut uns so leid, Clare –«
»Normalerweise ist unser Neffe Gerard nicht so –«
»– grob –«
»– schüchtern. Er fühlt sich unter Fremden nicht sehr wohl –«
»– sogar dann nicht, wenn die Fremden Familienangehörige sind –«
»– zurückgeblieben, menschenscheu –«
»– dickköpfig, stur –«
»– schrecklicher Schock – Trauma –«
»– früher war er gescheit –«
»– so gescheit wie Conor –«
»– nein! – nicht annähernd –«
»– doch. Als er am Priesterseminar anfing –«
»– aber nicht so gescheit wie Conor – nein –«
»– fleißiger als Conor, auf jeden Fall. Und –«
»– gläubig. Gottesfürchtig.«
»Ja, und jetzt behütet Gott ihn –«
»– Das sollte er, ja! Nach all dem, was Gott getan hat –«
»– schhh! Glaubst du, Gott hört das nicht?«
Die Großtanten vertrauen Clare an, dass ihr »Junggesellen-Onkel«, Gerard Donegal, früher einmal Jesuit werden wollte. Er war im Priesterseminar Saint Joseph in Portland, Maine, bis er aus »persönlichen, familiären Gründen« aussteigen und nach Cardiff zurückkehren musste, um mit seinen Eltern zusammenzuwohnen.
Seit dem Tod seines Vaters übernahm er die Rolle des Chauffeurs für seine verwitwete Mutter, in den letzten Jahren musste er sie hauptsächlich zu Arztterminen und zum Gottesdienst in die St. Cuthbert’s Church fahren. Allen rundherum war klar – Gerard war ein äußerst treusorgender Sohn. Er sorgte sich um die Instandhaltung des Anwesens und verdiente sein Geld mit Gelegenheitsarbeiten in der Nachbarschaft.
Doch stets verfolgte er seine persönliche Pilgerreise, bis heute.
Wirklich? – Clare konnte es nicht glauben. Der gequälte Gesichtsausdruck, die gelblichen Zähne und die abwehrenden Augen passten ihrer Meinung nach nicht zu einer religiösen Geisteshaltung …
»Oh, doch – sehr wohl. Gerard ist zwar kein sehr geselliger Zeitgenosse – wie du sicher gemerkt hast! – aber er ist ein sehr verlässlicher Arbeiter. Er mäht Wiesen, schneidet Bäume, kehrt Laub mit einem richtigen Rechen zusammen, nicht mit solch einem fürchterlichen Laubbläser – nein, mit einem riesigen, riesigen Rechen, wie man ihn gar nicht mehr kaufen kann. Er wird graben, graben, graben, wo immer man es braucht. Er befreit die Zufahrten vom Schnee. Er arbeitet im Regen – im Schnee. Er kann Gebüsche lichten. Er kann Hausdächer reparieren, Kamine. Er kann kaputte Fenster austauschen. Er kann Malerarbeiten erledigen – so gut wie jeder Profi und viel preiswerter. Natürlich kann er auch eine Waffe benutzen – Gewehr, Schrotflinte. Man kann ihn anheuern, um Murmeltiere zu schießen, Waschbären – Schädlinge, die den Garten zerstören. (Gerard schießt aber keine Rehe – obwohl Cardiff überflutet ist von Weißwedelhirschen. Es ist gesetzlich verboten, Rehe innerhalb der Stadtgrenzen zu jagen, aber Gerard wird sie, wenn man ihn darum bittet, wegscheuchen.) Es gibt tatsächlich Damen entlang der Acton Avenue, die sehr von ihm abhängig sind – ›Was täten wir nur ohne Gerard Donegal!‹, sagen sie. Er hatte sich als Neunzehnjähriger im Priesterseminar eingeschrieben, wollte Gott als Priester dienen, und eine ganze Zeit lang war er auch glücklich dort. Seine Mutter war so stolz auf ihn – wir waren alle sehr stolz auf ihn – aber dann …«
»Also – neunzehn war einfach jung –«
»Neunzehn war nicht jung. Nicht für einen Seminaranfänger.«
»Neunzehn war jung, Gerard war einfach zu jung – blauäugig, sagten manche. Zu gottesfürchtig.«
»Was er alles auf sich genommen hat, diese harte Arbeit, Latein zu lernen, sich so sehr zu bemühen, des Priesteramtes würdig zu sein –«
»– gut zu sein –«
»– ein Gefäß, das mit Gott gefüllt werden will –«
»– mit Jesus –«
»– einfach zu viel für den armen Gerard – glauben wir –«
»Und dann – unsere Familientragödie …«
»Der arme Gerard! Alles endete so – abrupt …«
»Ah, was sagst du da? Du meinst, der arme Conor?«
»Conor, Gerard – unsere geliebten Neffen! – Gott sei uns allen gnädig.«
Clare hat aufmerksam zugehört. Sie fühlt sich wie ein Kind inmitten boshafter Erwachsener, die sich unverständlich schnell in einer Art Geheimcode unterhalten. Sie kann die Bedeutung der Worte nicht verstehen. Sie muss mit jeder Faser ihres Seins zuhören. Was wollen die Großtanten ihr sagen?
Clare hört sich selbst mit schwacher Stimme stammeln: »Das – heißt – dann – wohl – dass – sie – nicht mehr – leben? Also, meine Eltern?«
Bestürzte Stille. Elspeth und Morag tauschen schnell einen flüchtigen Blick, antworten aber nicht, so als ob ihre ahnungslose junge Verwandte etwas wirklich Obszönes von sich gegeben hätte.
Selbstverständlich sind deine Eltern tot. Niemand spricht mehr von ihnen.
Was hast du denn geglaubt – dass sie alle diese Jahre gelebt und nur auf dich gewartet haben?
Clare möchte ihre Großtanten gar nicht anschauen, möchte gar nicht sehen, wie sie sie anschauen – mitleidig? mitfühlend? entrüstet?
Sie bedankt sich für das Frühstück und bietet ihre Hilfe an, den senfgelben Tisch abzuräumen, doch mit einem Zischen gibt Elspeth ihr zu verstehen, still zu sein.
»Bitte, Clare! Das wollen wir gar nicht hören. Du bist doch Gast in Maude Donegals Haus.«
Morag stimmt ihr nachdrücklich zu. »So ist es. Ich räume den Tisch ab. Jetzt beginnt meine Schicht, glaube ich.« Sie hievt sich hoch auf ihre kurzen Beine und prustet los, wie nach einem fragwürdigen Witz.
Wie es aussieht, wechseln die Großtanten sich mit der Hausarbeit ab. Sie erklären Clare, dass sie bis zum Termin beim Nachlassgericht und bis alle Grundstücksangelegenheiten abgewickelt sind, gezwungenermaßen die Zahl der Hausangestellten verringern müssen.
»›Abwechseln‹ – hör sich einer das an! Ich tue hier die meiste Hausarbeit.«
Morag lacht lauthals auf.
»Tust du nicht! Das ist eine Verleumdung.«
»Was? Verleumdung?«
»Ich erledige alle finanziellen und geistigen Arbeiten, was viel anstrengender ist …«
Während das Gezänk der Schwestern hin- und hergeht, schweift Clares Blick durchs Fenster nach draußen. Wohin ist Gerard verschwunden? Sie kann nur eine Ligusterhecke sehen, die wild über einen Weg aus gebrochenen Steinplatten wächst, Regentropfen. Es scheint, als ob Gerard in diese Richtung verschwunden wäre, aber keine Spur von ihm.
»Gerard lebt mit euch in diesem Haus zusammen?«, fragt Clare.
»Gerard lebt in diesem Haus, wie wir auch«, sagt Elspeth.
»Wir sind keine Donegals, weißt du – Morag und ich. Unser Familienname ist Lacey.«
Elspeth spricht mit einem Anflug von Stolz, so als ob der Name Lacey Clare beeindrucken könnte. Morag korrigiert: »Unser Mädchenname ist das – Lacey.«
»Sei nicht albern! Lacey ist unser Familienname, nicht unser Mädchenname – weil wir doch gar nicht verheiratet sind.«
»Ja, natürlich sind wir nicht verheiratet! Ich auf jeden Fall nicht.« Morag lacht noch einmal von Herzen.
»Und deswegen können wir gar keinen ›Mädchen‹namen haben, wenn wir gar nicht verheiratet sind. Wir haben doch nur unseren eigenen Familiennamen. Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, ich spreche mit einem dickköpfigen Idioten, der nicht die einfachsten Dinge versteht.«
Elspeth lacht verbittert, rollt ihre Augen in Clares Richtung.
Aber Morag ist fest entschlossen, Clares Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen. »Maude war die einzige Lacey-Schwester, die sich getraut hat, zu heiraten. Sie hatte den Mut, der den anderen fehlte. Diese Herausforderung, ›die Spezies zu reproduzieren‹ –, eine Aufgabe, die für manch anderen zu groß ist.«
»Und sie hat sehr gut gewählt. Einen älteren Herrn –«
»– Le-land –«
»Sie hat uns aber nie im Stich gelassen – oder nicht sehr lange.«
»Was meinst du damit – nicht sehr lange? Maude war immer sehr großherzig zu ihrer Familie –«
»– fast immer –«
»– und als dann diese Tragödie über ihr Leben hereinbrach, brauchte sie ihre Schwestern nah bei sich.«
Tragödie? – das muss der Autounfall sein, denkt Clare. Aber sie traut sich nicht, die Großtanten auf dieses sensible Thema anzusprechen.
Die Großtanten erzählen Clare, dass Gerard kurz vor seiner Priesterweihe aus dem Seminar hatte aussteigen müssen. Eine furchtbare Tragödie für einen jungen Mann, wo er doch fünf, sechs Jahre so hart dafür gearbeitet hatte. »Wie lange es auch immer dauert, Jesuit zu werden. Es ist eine sehr lange Zeit. Er war tiefgläubig – spirituell – so ganz anders, als er jetzt ist. Und es war Gerard, der den Unfall – entdeckt hat.«
Clare steht stocksteif, hört zu. Den Unfall?
»Solch ein Anblick, das war eine traumatische Erfahrung für Gerard. Er hat sich nie wieder erholt. Er erlitt einen Nervenzusammenbruch, wie es so heißt – hat sich nie davon erholt.«
»Und welch Tragödie für die Kirche, solch einen tiefgläubigen Priester zu verlieren! Jeder, der ihn kannte, sagte, er sei dazu bestimmt, Priester zu werden – schon als er ein kleiner Junge war, konnte man die Gottergebenheit in seinem Gesicht sehen.«
»Er sang im Chor – ein glockenreiner Knabensopran …«
»Ganz anders als Conor – der war kein Typ, der alles in der Welt aufgegeben hätte für Gott, so wie Gerard …«
»Oh, Conor! Er hat auch einen hohen Preis bezahlt – weil er die Welt zu sehr geliebt hat.«
»Weil er sie zu sehr geliebt hat.«
»Ach ja! Gott hab ihn selig.«
»Gott hab sie alle selig.«
Clare hört gespannt zu, dankbar. Sie? War damit ihre Mutter gemeint, Kathryn? Sie glaubt, dass die Großtanten ihr in ihrer wahnsinnig verqueren Art wichtige Informationen mitteilen werden. »Der Unfall – meinst du den Unfall, in dem meine Eltern gestorben sind? Ein Autounfall?«
Elspeth fängt Morags Blick ab, so als ob sie sie warnen wollte – Kein Wort.
Doch jetzt sprechen alle so offen. Clare vermutet, dass man von ihr erwartet, alles mitzubekommen und nachzufragen.
»Du hast gesagt, Gerard habe den Unfall ›entdeckt‹? Heißt das – auf der Straße? Auf der Autobahn? Ist er rausgefahren, um zu schauen, wo sie geblieben sind? Willst du das damit sagen?« Clare fühlt sich wie ein strampelnder Schwimmer kurz vor dem Ertrinken. Doch die Großtanten blicken sie nur stumm an, als beobachteten sie sie von Land aus, neugierig abwartend, nicht sehr wohlwollend.
Elspeth seufzt wieder einmal, gereizt. Morags schmaler Mund verzieht sich, um ein Lachen zu unterdrücken.
»Wer hat denn gesagt, dass Gerard jemanden auf der Autobahn entdeckt hat? Niemand. Gerard war derjenige, der – (wir kennen überhaupt keine Einzelheiten darüber, sie wurden uns vorenthalten) – sie entdeckt hat –«
»– die Körper …«
»– die Überreste, wollte ich sagen. Überreste heißt das doch, glaube ich.«
»Überreste ist ein schrecklicher Begriff! Hör auf damit.«
»Hör du auf. Mach dich nicht lächerlich.«
Clare fühlt sich benommen, orientierungslos. Es macht ihr Mühe, die beiden betagten Damen weiterhin freundlich anzulächeln, wenn die beiden ihrerseits nur sich gegenseitig anblicken und Clare ignorieren, so als ob das Gespräch sie gar nichts anginge.
Sie haben eine Salve kleiner Pfeile in ihr Herz geschossen. Und sie hat keine Ahnung, wie schwer sie jetzt schon verwundet ist.
»Entschuldigt mich! Es reicht«, sagt sie, bevor sie sich auf den Weg die Treppe hoch in ihr Zimmer macht. In dem antiquierten Bad neben ihrem Zimmer muss sie vor der altertümlichen Toilette hockend einem Würgeanfall nachgeben, sie schwitzt, fühlt sich hundeelend; sie schafft es lediglich, eine dünne, widerlich schmeckende Flüssigkeit auszuspucken. Doch das, was sie so krank fühlen lässt, ist ein harter und klebriger kleiner Ball in ihrem Magen, der sich nicht so leicht rauswürgen lässt.
Hassen sie mich, weil ich Erbin des Anwesens ihrer Schwester bin? Weil ich nicht eine von ihnen bin, kein Recht habe, hier zu sein? Haben sie mich etwa vergiftet – nochmals?
8.
Fest entschlossen hatte sie diese Gedanken ihr ganzes Leben lang verdrängt – die Gedanken an ihre (leiblichen) Eltern.
Jetzt ist sie besessen von den Gedanken an sie. Sie fressen sich wie Zecken tief in ihr Fleisch.
Winzige, verhasste Insekten, die man sich nicht traut mit einer Pinzette herauszuziehen, aus Angst, ihre schwarzen Körper in Stücke zu reißen, unwiederbringlich.
Will unbedingt wissen, ob ihre Eltern noch leben oder tot sind. Und falls gestorben, wie? Warum? Und warum wurde sie zur Adoption freigegeben, wenn die Donegals doch wohlhabend waren?
Clare wird nachfragen, wo ihre Eltern begraben sind. (Wenn sie überhaupt begraben sind. Egal, wo.) Ein Friedhofsbesuch hier in Cardiff. Wie auf einem traumgleichen Foto von Julia Margaret Cameron wird sie durch diesen grauen und gespenstischen Tag wandeln, unter schweren Wolken und prasselndem Regen.
Hartnäckig und trotzig wie ein Kind wird sie versuchen, sich ihre eigenen Gedanken zu verbieten. Vielleicht ist ja einer von den beiden noch am Leben, wenigstens einer. Kann doch sein.
Welch große Erleichterung, das bedrückende Steinhaus in der Acton Avenue verlassen zu können!
Draußen ist die Luft frischer. Sie kann tief durchatmen. Der verhangene Himmel scheint sich Schicht für Schicht in durchscheinende Wolken aufzulösen. Sie schaut herum, fragt sich, ob sie ihn sieht – wen? Eine hinkende Gestalt …
Aber nein. Niemand.
Fährt in die Innenstadt von Cardiff zu Lucius Fischers Kanzlei. Ihr Termin ist um elf Uhr morgens, und sie möchte auf keinen Fall zu spät kommen. Ihre Gedanken sind ein heilloses Durcheinander, zerfahren. Weiß nicht, was sie von ihren Großtanten halten soll – ob sie auf ihrer Seite sind.
Möchte sich nicht lächerlich machen. Natürlich meinen die betagten Großtanten es gut mit ihr. Sie sind nervtötend, zum Verzweifeln – aber im Grunde sind sie ihre Freundinnen.
Trotz allem – Clare hat das Gefühl, dass die beiden sich manchmal über sie lustig machen. Sie verhöhnen, gehässig.
Als sie versucht, sich zu erinnern, was sie ihr über ihre Eltern erzählt haben, fällt ihr nichts ein. Es fühlt sich an, als ob ein grober Stoff vor ihrem Gesicht hinge – durch den sie weder sehen noch hören kann.
Leben sie, oder – nicht? Bitte sagt es mir.
Noch immer ist sie wacklig auf den Beinen nach dem Würgeanfall. Die Übelkeit ist nahezu weg, doch der klebrige Brocken Haferbrei drückt weiterhin in ihrem Bauch.
Sie nimmt sich vor, noch am selben Nachmittag das Donegal-Haus zu verlassen. Direkt nach dem Termin mit Fischer. Kann es nicht erneut riskieren, dort eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Selbst wenn die Tanten nicht versuchen, sie zu vergiften, kann das Essen, was sie ihr geben, doch verdorben sein, vergammelt.
Je nachdem, was Lucius Fischer ihr mitteilt, wird sie möglicherweise schon am folgenden Morgen nach Bryn Mawr zurückkehren.
Ihr Erbe ausschlagen, wäre möglich. Ja.
Eine schnelle Entscheidung. Wie wenn man spontan nach einem Messer greift und sich die eigene Gurgel aufschlitzt.
So wie sie einmal einem Liebhaber mitgeteilt hat – aus heiterem Himmel – Das war’s. Es reicht. Ich glaube, wir sind am Ende.
Ihr einziges Erbe. Ihre einzige Verbindung zu Blutsverwandten. Verbindung zu ihren (verstorbenen) Eltern.
Sie könnte es ausschlagen. Sie braucht die Donegals nicht in ihrem Leben. Sie hat den größten Teil ihres Lebens ohne sie gelebt, warum sollte sie ihnen jetzt ausgeliefert sein?
Die Art und Weise, in der Gerard Donegal hart seinen Stuhl zurückgeschoben hat, sich auf die Füße hochgewuchtet und ihr den Rücken zugewandt hat, und wie er dann rausspaziert ist. Der Bruder meines Vaters. Nichts verbindet uns. Warum auch? Nichts.
Obwohl Clare mehr Zeit als genug hatte, um vom Haus in der Acton Avenue die drei Kilometer bis zum Treffpunkt zu fahren, ist sie jetzt spät dran. Erstaunt bemerkt sie, dass es schon fast elf ist, als sie die State Street, die Hauptstraße in Cardiff, ausfindig macht. Plötzlich findet sie sich in einem Labyrinth von engen Einbahnstraßen wieder, durch die ein dichter Autostrom fließt, so langsam und bedächtig wie bei einem Beerdigungszug, anschließend in einer einzigen Spur durch eine nicht enden wollende Baustelle. Läuft zu Fuß weiter, nachdem das Auto geparkt ist, kann aber die Adresse, die sie bekommen hat, nicht ausfindig machen, sie läuft verzweifelt einen Bürgersteig entlang in ein Viertel hinein, das nur aus dem Schutt abgerissener Häuser besteht …
Zu spät! Jetzt wird sie doch noch zu spät kommen.
Verdammt. Warum hast du das gemacht? Einen Anruf angenommen, ohne den Anrufer zu kennen.
Das war der ursprüngliche Fehler.
9.
»Miss Seidel! Bitte nehmen Sie Platz.«
Lucius Fischer schüttelt kräftig Clares Hand. Und lässt sie nahezu im selben Moment wieder los. So nüchtern und sachlich, wie er sie anschaut, dann wieder tief in Gedanken versunken, begreift Clare augenblicklich, dass es keine engere Beziehung zwischen ihr und diesem Rechtsanwalt mittleren Alters geben kann, keine besondere Verbundenheit. Druck und Anspannung, die sich in ihrer Brust zusammengeschnürt hatten, lösen sich langsam auf, rieseln hinab, wie Sand auf einen Haufen.
Wie dumm sie doch ist! Am Telefon hatte Lucius Fischers tiefe Baritonstimme sie in einer Art Zauber gefangen genommen. Als ob sie die Hoffnung haben könnte, in diesem weit entfernten Cardiff, einem Ort, von dem sie bis vor Kurzem noch nie gehört hatte, eine Art (unwahrscheinlicher) Romanze, ein sexuelles Abenteuer zu finden.
Oder wenigstens einen Freund. Jemanden, der sich um sie sorgte.
Fischer hatte ihr im Telefongespräch das Gefühl gegeben, er habe Vertrauen zu ihr. Sie konnte sich das doch nicht eingebildet haben – oder?
Er schien ihr versprochen zu haben – Ich lotse dich da durch, Clare. Du kannst mir vertrauen.
Sorgsam erklärt Fischer ihr, dass er sowohl der Testamentsvollstrecker von Maude Donegal sei als auch ihren letzten Willen damals zusammen mit ihr aufgesetzt habe. Er erklärt, dass das Testament ungewöhnlich kompliziert sei, da es über einen Zeitraum von zwanzig Jahren hinweg einige Male neu geschrieben werden musste.
»Es gab ein Originaltestament, das ein früherer Kompagnon dieser Kanzlei aufgesetzt hat«, sagt Fischer und erwähnt einen Namen, der Clare nichts sagt und der auch keinen Eindruck auf sie macht, »doch dieses Original wurde natürlich verändert. Und nach Leland Donegals Tod noch einmal angepasst.«
Clare fragt sich, warum er ihr dies alles erzählt. Gibt es irgendein Geheimnis, das das Testament ihrer Großmutter umgibt? Eine Art legaler Unregelmäßigkeit? Sie hört fasziniert zu, als er von den Lacey-Schwestern, Elspeth und Morag – »Ihre respekteinflößenden Großtanten – die beiden ledig gebliebenen Schwestern einer längst vergangenen Ära« spricht. Beide Frauen, Elspeth und Morag, schlossen ihr Pädagogikstudium in den 1960er-Jahren in der Universität von Maine ab. Beide wurden Lehrerinnen. Morag unterrichtete Mathematik und leitete das Bogenschützen-Team der Schule. Beide Frauen waren aktive Mitglieder der Gemeinde St. Cuthbert. Ihr Neffe Gerard – Maude Donegals jüngerer Sohn – besuchte mit Anfang zwanzig das Jesuitenseminar in Portland.
»Man sagte damals, dass Gerard eine sehr vielversprechende Karriere vor sich habe. Zu jener Zeit kannte ich Gerard natürlich noch nicht – ich wurde erst anschließend auf ihn aufmerksam.«
Anschließend? Clare stutzt.
Fischer sagt Clare, dass er die Familie Donegal ursprünglich durch Leland Donegal kennengelernt hatte, der nach der Pensionierung eines älteren Teilhabers in Fischers Anwaltskanzlei sein Mandant wurde. Leland hatte das Holzunternehmen der Familie Donegal – »eine jener alten Familien in Maine, die durch das Abholzen von Wäldern ein Vermögen verdient haben« – geerbt und es nach Cardiff-Maßstäben zu großem Wohlstand gebracht.
Wie sich später herausstellte, hatte Leland sich nicht sehr gut um seine Geschäfte gekümmert. Sein Wunsch war es, als berühmter Wohltäter in die Geschichte einzugehen, wie die Carnegies und die Rockefellers. Es müssen Millionen von Dollar gewesen sein, mit denen er Stipendien für amerikanische Studenten finanziert hat, Museen und Colleges, Krankenhäuser und die Kirche unterstützte – bis irgendwann sein Reichtum zur Neige ging.
»Offensichtlich passierte ihm dann etwas sehr ›Unangenehmes‹. Leland hatte dem Jesuitenseminar, in dem Gerard eingeschrieben war, eine Million Dollar zugesagt, aber dann – musste er diese Zusage zurücknehmen, eine Schmach für die ganze Familie. Und es gab noch eine Reihe ähnlicher Absagen.«
Clare möchte mehr über Gerard in jungen Jahren wissen: War er damals schon so menschenscheu, auf gewisse Art behindert, entstellt? Oder war ihm etwas passiert? Allerdings möchte sie bei Lucius Fischer auch nicht den Eindruck hinterlassen, sie sei eine neugierige Person.
»Und – meine Eltern? Sind sie …«
Clare zögert. Denn sie kennt die Antwort.
Falls Clares Frage Fischer verwirrt, so ist er doch zu sehr Gentleman und zu sehr Profi, als dass er seine Verwirrung durchblicken ließe.
»Ihre Eltern, Miss Seidel? Sie wissen doch sicher – leider sind sie nicht mehr am Leben.«
Nicht mehr am Leben. Eine eigenartige Formulierung.
»Sie sind gestorben, meine Liebe – verstarben – am 6. Januar 1989.«
»Ah. Ich verstehe.« Ein ausdrucksloses Lächeln. Clare wischt sich die Augen. Selbst jetzt ist sie sich nicht sicher, ob sie es richtig verstanden hat. »Sagten Sie – beide? Ich meine … alle beide?«
»Leider ja. Alle beide.«
»Am selben Tag? Beide – gleichzeitig?«
»Hat Sie niemand informiert, Miss Seidel?«
»Ich – ich – glaube schon, doch. Aber …«
Natürlich weiß Clare Bescheid. Hat es immer gewusst. Muss es gewusst haben. Die Seidels haben es ihr erzählt. (Oder?) Aber das ist viele Jahre her. Ganz sicher ist das viele Jahre her.
Was für ein bemitleidenswerter Gedanke, dass einer oder beide Elternteile möglicherweise noch am Leben seien und dass sie, Clare, hier in Cardiff mit ihnen »wiedervereinigt« würde. Sie hat auf einmal das Bedürfnis laut zu lachen, ein hartes Lachen.
Bitte hilf mir. Ich bin so einsam. Bitte.
Clare schüttelt den Kopf, um ihn freizubekommen. Was um Himmels willen hat sie nur für Gedanken! Blut schießt ihr ins Gesicht und sie hat Angst, der (verdutzte, verwirrte) Anwalt könne ihre Gedanken lesen.
Steife, entschuldigende Worte von Fischer: »Es tut mir leid, dass ich Sie so aus der Fassung gebracht habe, Miss Seidel. Wenn ich irgendwie …«
»Ja. Sagen Sie mir bitte: Wie sind meine Eltern gestorben?«
»Wie Ihre Eltern starben? Also, ich glaube – das wurde nie mit Sicherheit bestätigt. Ich bin nicht mit allen Einzelheiten des Falles vertraut, weil ich zu jener Zeit nicht in Cardiff gelebt habe …« Fischer wählt seine Worte sorgsam, er zögert. »Der beste Rat, den ich Ihnen geben kann, ist der, die Todesanzeigen zu lesen, Miss Seidel. Und andere öffentlich verfügbare Dokumente. Wahrscheinlich können Sie die Todesanzeigen nicht online abrufen, aber es ist auf jeden Fall möglich, sie im Cardiff Journal auf Mikrofilm in der Zentralbibliothek einzusehen. Das wäre eigentlich die beste Idee.«
»Sie sind bei einem Unfall gestorben? Bei einem Autounfall?«
»Kann sein, dass es eine Art Unfall war. Möglich. Aber ich glaube, Sie sollten das nachlesen. Ich rate Ihnen, das nachzulesen.«
»Was für eine Art Unfall war es denn?«
Clare hat ein flammendes Inferno auf der Autobahn vor Augen. Ein Sattelzug, ein zermalmter PKW. Sie fragt sich plötzlich, warum sie damals nicht mit ihren Eltern in diesem Auto war. Wo war sie denn in jenem Moment?
»Ich habe versucht, es Ihnen zu erklären, Miss Seidel – ich habe zu jener Zeit nicht in Cardiff gelebt und hatte auch beruflich damals nichts mit Ihrem Großvater Leland Donegal zu tun.«
Pause. Zu viele flüchtige Informationen, um sie alle zu verarbeiten. Clare fühlt sich wie gefangen in einem bergab rasenden Auto auf einer kurvenreichen Straße. Außerstande zu steuern, außerstande zu bremsen.
Mit der Absicht, das Thema zu wechseln, fragt Fischer Clare, ob sie Kaffee möchte. »Unsere Sekretärin bringt Ihnen gerne einen, wenn Sie möchten.«
Clare lehnt ab, bedankt sich aber herzlich. In ihrer derzeitigen, leicht verletzlichen Gemütsverfassung werden kleine Freundlichkeiten hochgeschätzt.
Noch immer ist Fischer bemüht, Clare vom Tod ihrer Eltern abzulenken. Deswegen fragt er sie, übertrieben höflich, wie ihr Cardiff gefällt. Und ihre Großtanten? Und wie gefiel ihr die Fahrt entlang der Küste von Bryn Mawr?
Clare hört sich selbst herumstottern, nach Antworten suchen. Ein Teil ihres Gehirns versucht eine Art Konversation zu führen.
»Wussten Sie, dass Cardiff ursprünglich Cardiff-by-the-Sea hieß? Aber niemand nennt es mehr so und die meisten der Bewohner haben es auch längst vergessen.«
Es folgen persönliche Fragen, freundlich und zuvorkommend. Fischer bereitet sie sorgfältig vor, denkt sie. Hütet sich, sie in den engen Grenzen seines Büros zu beunruhigen.
Clare erzählt Fischer, dass sie den B.A. an der Universität von Minnesota abgeschlossen hat und einen Ph.D. in Kunstgeschichte an der Universität von Chicago, doch dass sie noch nicht sehr häufig Kunstgeschichte unterrichtet hat. Vielmehr hat sie sich um Forschungsstipendien beworben, um ihre Projektarbeit ungehindert fortführen zu können: Zunächst bekam sie ein Guggenheim-Stipendium, durch das sie frei und selbständig ihre Monografie zu Leben und Werk von Gertrude Stanton Kasebier fertigstellen konnte. Diese Arbeit wurde anschließend von angesehenen Zeitschriften der Kunstgeschichte publiziert und in kleineren Fachmagazinen rezensiert; ihr zweites Stipendium erhielt sie vom Institut für Geisteswissenschaften von Bryn Mawr. Nach dieser Aufzählung gewinnt Clares Leben – ihr schien es bisher immer so spärlich, minimalistisch, teilweise sogar klösterlich – enorm an Bedeutung. Fischer lächelt sie an, offensichtlich beeindruckt. Es liegt eine Art Romantik darin, ein Leben, in kleinen Anspielungen zu beschreiben.
»Ehrlich, Miss Seidel, ich beneide Sie. Sich mit Schönheit zu umgeben, statt mit – Gesetzen.«
Clare nickt stumm. Ja.
»In der Kunst ist selbst das Hässliche wunderschön, irgendwie. Stimmt’s?«
Clare nickt. Dasselbe hat sie auch schon häufig gedacht. Je kühner und geheimnisvoller die Hässlichkeit, desto größer die Schönheit. Ja.
»Ich glaube allerdings, dass der Grund Ihres Besuches heute eher die Modalitäten Ihrer Erbschaft sind – habe ich recht?«
Es scheint, als ob Clare nur eine von vielen ist, die Maude Donegal in ihrem Testament bedacht hat. Die Situation ist kniffliger als üblicherweise, gibt Lucius Fischer zu, denn Mrs. Donegal hatte mehrere Testamente zurückgelegt, zwei davon wurden nicht in Cardiff, sondern von einer Anwaltskanzlei in Portland aufgesetzt. Tatsächlich wurden die Begünstigten, auch Elspeth und Morag waren darunter, je nach Lust und Laune wohl raus- und wieder reingenommen, ihre Namen herausgestrichen und wieder eingefügt; wieder raus und wieder rein, häufig von Mrs. Donegal höchstpersönlich, in ihrer eigenen, spinnenhaft-krakeligen Handschrift. Häufig waren damals keine tauglichen Zeugen anwesend. Das letzte, von Fischer selbst im November 2017 verfasste Testament, das ihn als Nachlassverwalter benennt, nimmt selbstverständlich einen höheren Rang ein als alle vorherigen, doch von den in früheren Testamenten bedachten Personen sind jetzt Forderungen zu erwarten. Die früher Begünstigten werden wohl Entschädigungen bekommen, wenn ihre Forderungen nachvollziehbar sind.
Und es gebe noch eine weitere Komplikation, erklärt Fischer Clare, denn ihr Name tauche erstmals überhaupt erst im Testament von 2015 auf. Die Erbschaft wurde der »überlebenden Tochter von Conor Donegal« überschrieben. Lediglich im allerletzten Testament hatte Maude Donegal den Namen Clare Ellen Seidel notiert.
Wie merkwürdig, denkt Clare. Überlebende Tochter von Conor Donegal – so als ob Clare keine Mutter gehabt hätte …
Und überlebende Tochter hört sich so an, als ob es noch eine Tochter oder Töchter gegeben hatte, die nicht überlebten.
Trotz allem versichert Fischer Clare, dass es über ihr Erbe keinerlei Unklarheit gibt: knapp fünf Hektar Ackerland und Wald, ein Farmhaus und Nebengebäude im Norden von Ashford County, Post Road.
Tatsächlich: Eigentum. Clare fühlt eine Welle des Glücks bei diesem Gedanken.
»Schade, ich habe kein Foto von dem Anwesen für Sie. Ich habe es auch noch nie selbst gesehen. Der Norden von Ashford County ist, glaube ich, nur sehr spärlich besiedelt. Wunderschöne Landschaft, hügelig – entlang der Küste. Man erzählte mir, das Anwesen sei ziemlich heruntergekommen … Es gibt auch noch Steuerrückstände, die Sie begleichen müssen. Tut mir leid, aber so will es das Gesetz.«
Lucius Fischers So will es das Gesetz! hört sich fast vergnügt an.
Clare erfährt, dass sie frühestens in drei Monaten in den Besitz ihres Eigentums kommt. Weiß sie über die Feinheiten im Prozedere eines Nachlassgerichtes Bescheid …?
Clare schüttelt den Kopf, nein, sie weiß nur sehr wenig über das Nachlassgericht. Sehr wenig über Testamente. Sie fühlt sich schwindlig, orientierungslos.
Nicht mehr am Leben. Überlebende Tochter.
Fischer klärt sie darüber auf, dass sie laut Gesetz Geld leihen kann, um die Forderungen zu begleichen, wenn sie möchte.
»Machen die Leute das so? Einen Kredit aufnehmen auf ihr Erbe?« Clare ist verblüfft.
»Oh ja. Häufig.«
»Wirklich! Also ich würde das nicht tun.«
Jemand hat mich geliebt. Nach all diesen Jahren.
Hier ist der Beweis: Clares Großmutter hat die Anstrengung unternommen, ihren Namen in Erfahrung zu bringen und sie ausfindig zu machen. Nach so vielen Jahren, Clares Name in ihr Testament eingefügt.
»Die Menschen tun unerwartete Dinge«, sagt Fischer, als könne er Clares Gedanken lesen, »wenn sich ihr Leben dem Ende nähert. Manchmal spielt da das Gewissen eine Rolle – als ob ein halb begrabener Gott erwacht.«
Was für eine seltsame Bemerkung!, findet Clare. Es dämmert ihr, dass Lucius Fischer doch weniger durchschnittlich ist, als sie dachte.
»Mrs. Donegal war, soweit ich weiß, keine außergewöhnlich exzentrische Person, doch ihr Testament ist auf jeden Fall ein recht exzentrisches Dokument.«
Fischer hat Kopien jener Seiten gemacht, die Clares Erbe betreffen, damit sie zu Hause alles nachlesen kann. Das gesamte Testament umfasst mehr als dreißig Seiten komplizierter Juristensprache, das meiste davon hat gar nichts mit ihr zu tun.
»Vielen Dank! Das ist ja – wunderbar …«
Clare ist freudig erregt, sie wünschte, sie könnte dieses Gefühl mit jemandem teilen.
In meinem Alter. Aus dem Nichts heraus. Jemand sorgte sich um mich.
Fischer ist aufgestanden. Zeit, zu gehen. Wenn sie keine weiteren Fragen hat …
Sie hat das Gefühl, dass sie etwas vergessen hat … Aber was hat sie vergessen?
An der Wand hinter Lucius Fischers Schreibtisch hängt ein glänzender Mahagoni-Rahmen mit einem Diplom: LUCIUS M. FISCHER, UNIVERSITY OF MAINE LAW SCHOOL.
Für einen kurzen, verwirrenden Augenblick fragt Clare sich, ob das Diplom echt ist. Ob überhaupt irgendetwas hier – echt ist.
Ein Gefühl, als ob ihre Persönlichkeit sich auflöst. Wie Tau, den unbarmherzig die Morgensonne trifft.
Möchte mit der weinerlichen Stimme eines Kindes fragen – Sind meine Eltern noch am Leben oder tot?
Und: Wie sind sie gestorben? Und warum wurde sie zur Adoption freigegeben? Gab es niemanden in der gesamten Familie Donegal, der sie haben wollte?
Sie könnte auch fragen, wo ihre Eltern begraben sind. Wenn sie überhaupt begraben sind.
In ihrem Berufsleben zeichnet sich Clare durch ihre Redegewandtheit aus, niemals fehlen ihr die Worte, niemals zeigt sie Hemmungen, doch hier, in Anwesenheit von Lucius Fischer, ist sie voller Furcht vor den Antworten, die sie auf ihre heiklen Fragen bekommen könnte.
Also gut, denkt Clare. Sie hatte ihr Chance, und sie hat sie vermasselt.
Beim Abschied fühlt sich der Handschlag des Anwalts weniger hart an als bei der Begrüßung. Er hat sich für Clare erwärmt, wenigstens ein bisschen; ein paar väterliche Gefühle.
Er erinnert sie daran, dass sie mehr über den Tod ihrer Eltern erfahren kann, wenn sie die Zeitung von Cardiff in der Bibliothek einsieht – »nur die Straße runter«. Er wird auf jeden Fall einen Freund dort anrufen, damit er den entsprechenden Mikrofilm für Clare vorbereitet.
»Sie sollten öffentlich zugänglichen Unterlagen immer den Vorzug vor dem geben, was Ihnen Ihre Mitmenschen erzählen. Vertrauen Sie nur den objektiven Fakten.«
10.
Starben. Nicht mehr am Leben. Sind verstorben. Am 6. Januar 1989.
Clare wappnet sich für das, was in der öffentlichen Bibliothek von Cardiff auf sie wartet.
Es tut ihr so gut, mit welcher Zuvorkommenheit einer der Bibliothekare sie begrüßt. »Sie müssen Miss Seidel sein, richtig? Mr. Fischer hat gerade angerufen.«
»Ja! Vielen Dank.«
Er begleitet Clare in einen kleinen Raum im hinteren Teil des Gebäudes. Dort stellt man ihr eine Mikrofilm-Rolle sowie einen Projektor mit Handkurbel zur Verfügung. Der freundliche Bibliothekar zeigt ihr, wie man die Handkurbel mit Vorsicht bedient. »Bitte vergessen Sie nicht, dass dieser Mikrofilm schon älter ist.« Clare Seidel, die als Kunstgeschichtlerin normalerweise mit noch viel älteren Mikrofilmen hantiert, ist trotzdem dankbar für diese höfliche Behandlung.
Kisten mit Mikrofilmen, die die Ereignisse des Cardiff Journal von 1989 archivieren. Sie fragt sich, ob die Original-Zeitungen noch existieren oder ob man sie einfach hat vermodern und zu Staub zerfallen lassen.
Obwohl sie eigentlich auf der Suche nach Todesanzeigen ist, sticht Clare sofort eine Schlagzeile auf der Titelseite des Cardiff Journal vom 8. Januar 1989 ins Auge:
VERDACHT AUF DREIFACHEN MORD UND
SELBSTMORD
ZWEI ERWACHSENE, ZWEI KINDER IN ASHFORD
COUNTY
FAMILIE ERSCHOSSEN
Clare erstarrt vor Schreck. Überfliegt schnell den Artikel. Hat mein Vater seine Familie und sich selbst getötet?
Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Ihr wird heiß, es hämmert in ihrem Kopf.
Sie kann kaum glauben, was sie da aufspürt. Ein Buchstabenbeben vor ihren Augen. Ein Mann, der den Namen Donegal trägt, ein Mann, der angeblich ihr Vater ist, hat seine Frau, seine Tochter, seinen Sohn erschossen. In ihrem Haus im ländlichen Teil von Ashford County, in einer Straße namens Post Road.
Clare braucht einige Zeit, bis sie dies richtig lesen kann, noch einmal und dann noch einmal. Sie braucht Zeit, um das zu begreifen. Ihre Finger sind taub, sie kann kaum die Kurbel bedienen, blättert weiter, um den Rest des Artikels zu finden, verschwommene Rubriken: Nationales, Internationales, Maine, Lokales … Nach und nach entfaltet sich eine entsetzliche Geschichte vor ihren Augen, doch im Kern bleibt eine einfache – unfassbare – Tatsache: dass am 6. Januar 1989, irgendwann im Laufe des Nachmittags, ein Mann namens Conor Donegal, 34, seine Frau Kathryn, 31, ihre Tochter Emma, 6, und ihren Sohn Laird, 9, in ihrem Haus in der Post Road erschossen hat und dann die Waffe, eine Handfeuerwaffe, gegen sich selbst richtete.
Clare zwingt sich dazu, dies alles langsamer und sorgfältiger zu lesen, noch einmal zu lesen. Wischt ihre Augen, um einen klaren Blick zu bekommen. Was fehlt? Wer fehlt?
Es dauert, aber dann merkt sie es. Mein Vater hat seine Familie und sich selbst getötet? Aber mich nicht?
Die Tatsache, dass sie am Leben ist, zeigt, dass sie verschont wurde. Dieses fürchterliche Blutbad, die Frau, zwei Kinder, der blutdürstige Ehemann – alle niedergestreckt, doch das jüngste Kind, ein Mädchen, zwei Jahre, neun Monate, wurde (wie durch ein Wunder) verschont.
Verschont. Aber warum?
Schließlich erfährt Clare, dass Clare Ellen Donegal, das jüngste der Donegal Kinder, unversehrt aufgefunden wurde, und zwar nicht von den Polizeibeamten, die das Haus durchsucht hatten, sondern von Verwandten der Toten, die nach Abholung der Leichen ins Haus gekommen waren, um nach dem vermissten Kind zu suchen.
(»Unversehrt« – nur stark dehydriert, traumatisiert. Das kleine Mädchen war in einen schmalen Spalt unter das Spülbecken in der Küche gekrochen, vermutlich, um vor den Schüssen Schutz zu suchen.)
Clare blättert weiter, um im Cardiff Journal weitere Artikel über den dreifachen Mord und Selbstmord von Donegal zu finden. Schnellvorlauf durch einen Blizzard von Schlagzeilen, Nachrichten, Fotos – internationale Krisen, Kriegsschauplätze in Nahost, schwere Schneefälle an der Atlantikküste, politische Sackgasse im Kongress … Wie trivial, die Ereignisse in der großen weiten Welt! Denn was zählt schon außerhalb des eigenen Ichs, wenn dieses Ich krank ist, attackiert wird? Schließlich setzt Clare alle Einzelheiten in einem Zeitstrahl für den 6. Januar 1989 zusammen.
Am späten Nachmittag, dem vermutlichen Zeitpunkt des Massakers, hörten Nachbarn der Familie Donegal in der Post Road Schüsse vom Nebengrundstück, dachten aber, dies seien die Schüsse von Jägern, die regelmäßig in den ländlichen Gebieten von Ashford County unterwegs sind. Als die Familie am folgenden Tag nicht zu einem Treffen im Haus der älteren Donegals in Cardiff erschien und auch Telefonanrufe unbeantwortet blieben, fuhr Gerard Donegal, Conors jüngerer Bruder raus, um nachzuschauen und fand die Leichname. Gerard rief die Polizei, die augenblicklich erschien. Im Chaos dieses mörderischen Verbrechens, dessen Spuren in vielen Zimmern des unteren Stockwerks zu finden waren, versäumten die Polizeibeamten es, die vermisste Zweijährige ausfindig zu machen, die sich in der Küche unterhalb des Spülbeckens in einem engen Spalt verborgen hatte, um der Schießerei zu entgehen, weniger als zwei Meter von den Leichnamen ihrer Mutter und ihrer Geschwister entfernt.
Erst viel später, als die Leichname aus dem Haus heraus und in die Leichenhalle gebracht worden waren, war es den anderen Familienmitgliedern gestattet, nach der vermissten Clare Ellen zu suchen. Selbst zu diesem Zeitpunkt hielt sich das Kind weiterhin versteckt, zu schwach oder zu traumatisiert, um die Rufe der Angehörigen zu beantworten; kurz bevor die Suche aufgegeben wurde, hörte man das Kind wimmern »wie ein verletztes Tier« und sie fanden es eingerollt unter dem Spülbecken, hinter einem Mülleimer, in einem Spalt, wo »normalerweise noch nicht einmal eine Katze Platz gefunden hätte«.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Clare Ellen ungefähr achtzehn Stunden versteckt gehalten.
Halb ohnmächtig, stark dehydriert, in einem besorgniserregenden Schock- und Erschöpfungszustand, wurde die Zweijährige mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus von Cardiff gebracht, wo sie sich zur Zeit dieses Zeitungsberichts noch in kritischem Zustand befand …
Aber ist das – bin ich das? Wie kann ich das gewesen sein? Ich kann mich an nichts davon erinnern.
Fassungslos, gefangen, kann Clare nicht aufhören zu lesen. Blättert durch alle Zeitungsrubriken. Gab es einen Abschiedsbrief? (Ja, es scheint einen gegeben zu haben: der Inhalt wurde von der Polizei allerdings unter Verschluss gehalten.) Wurde irgendein Grund für die Bluttat mitgeteilt? (Ja, es scheint einen Grund gegeben zu haben: aber auch diese Information war den Medien nicht zugänglich.) Beim Lesen dieses fürchterlichen und viele schrecklichen Nebensächlichkeiten aufzählenden Berichts, der in Schleifen immer wieder zu den grausamen Fakten zurückkehrt, fühlt sich Clare wie auf einer teuflischen Achterbahnfahrt, erdrückt von Verzweiflung scheint sie geradezu in sich zusammenzufallen. Was für ein Schock! Warum hat niemand sie gewarnt! Lucius Fischer hatte offensichtlich gewusst, dass ihr Vater die Familie ausgelöscht hatte, war aber zu feige gewesen, es ihr zu sagen.
In einer Trance des Schreckens betrachtet sie eingehend die Fotos ihrer Eltern, die das Cardiff Journal mehrmals abgedruckt hatte.
Conor Donegal. Kathryn Donegal. So jung! Clares Alter.
Beide sind sehr attraktiv, lächeln in die Kamera. Conor blinzelt beim Lächeln, in seiner linken Wange ein Grübchen, wie ein Augenzwinkern. Ein jungenhaftes Gesicht, selbstbewusst, ein schelmisches Glitzern in den Augen. Welliges dunkles, dichtes Haar, aus dem Gesicht gekämmt, spitzer Haaransatz. (Clare stiert erstaunt auf das Bild: auch sie hat diesen spitzen Haaransatz, wenn auch nicht genau in der Mitte der Stirn und nicht so hervorstechend wie bei Conor Donegal.) Kathryn ist nicht so demonstrativ hübsch, ihr Lächeln zurückhaltender. Ein beliebtes Mädchen aus der Highschool, möchte man meinen. Die Art von Mädchen, die Clare aus der Distanz betrachtet hätte, fasziniert von ihrer Gelassenheit und Eigenständigkeit.
(Clare fühlt sich im Namen ihrer Mutter erbost. Warum in aller Welt hatten die Großtanten Kathryn als ›so gewöhnlich‹ bezeichnet?)
Zumindest weiß Clare jetzt, wie sie aussehen. Mein Vater, meine Mutter.
Sie ist erleichtert, dass es kein Foto von ihren Geschwistern in der Zeitung gibt. Emma, Laird – nur Namen. Erschütternd. Denn Clare hat keinerlei Erinnerung an diese Kinder.
Keine Erinnerung an niemanden: die verlorene Familie.
Und in dieser Ausgabe des Cardiff Journal vom 10. Januar 1989, wird ganz beiläufig berichtet, dass die »Retter« der zunächst vermissten Clare Ellen Donegal ›Elspeth und Morag Lacey‹ hießen, die Tanten des verstorbenen Conor Donegal.
Clare liest diesen knappen, prägnanten Absatz mehrere Male.
Also verdanke ich ihnen mein Leben? – den Großtanten?
Sie wischt ihre Augen, schaudert.
Erinnert sich an den Morgen im Bett mit der Rosshaarmatratze, als sie das Gespräch ihrer Großtanten unten an der Treppe mitanhörte, wie Geister in einem Traum. Verwundert, hämisch – Oh, sie erinnert sich nicht! Nicht einmal an uns – die wir sie doch gefunden haben.
II.
11.
Im gleißenden Licht der Sonne ist sie vom Weg abgekommen. Hat ihr Gleichgewicht verloren. Und dann findet sie sich auf dem Boden wieder. Schwere in allen Gliedern, ein stechender Schmerz an ihrer Schläfe.
Jemand beugt sich über sie, besorgt. »Miss? Sind Sie okay? Kann ich …«
Frische Luft erweckt sie zum Leben. Frische Luft ist das Einzige, was ihr fiebriges Gesicht verlangt.
»… Ihnen helfen? Einen Krankenwagen rufen?«
Nicht in der Lage zu antworten. Das Tosen in ihrem Kopf ist zurück, ohrenbetäubend.
Neunzig Minuten sind vergangen, seit Clare in der Bibliothek ankam. Neunzig Minuten (erinnert sie sich verblüfft) seit sie die Steinstufen hinaufgesprungen ist, begierig, das Schlimmste zu erfahren.
Erschöpft. Die Handkurbel drehen, auf den Mikrofilm starren. Schmerzen im Nacken, Schultern. Fühlt sich, als ob sie an den Haaren durch eine Gerölllandschaft gezogen worden wäre.
Unter ihren Füßen gleitet der Beton weg. Sie fällt wie ein Stein. Ein Gehweg, an der Seite wächst Gras. Geruch von feuchter Erde. Ein Fremder beugt sich über sie, zögert, sie anzufassen, ihr hochzuhelfen.
So schwer! Clare wiegt nur fünfzig Kilogramm, aber ihre Knie, ihre Beine haben keine Kraft, um sie aufrecht zu halten.
Dann setzt sie jemand hin, ein niedriger Vorsprung, sie versucht zu atmen. Ein Stahlband ist um ihre Brust gespannt.
Jemand spricht mit ihr, ein Fremder. Er ist besorgt um sie, fragt, ob er jemandem Bescheid sagen kann, aber Clare insistiert, nein – niemandem …
»Nein! Wirklich nicht, mir geht’s gut. Wirklich gut.«
»Sind Sie sicher, dass ich nicht den Krankenwagen rufen soll? Sie sehen sehr bleich aus …«
»Danke, aber nein! Nein.«
Clare schaut ihn nicht an. Wer immer es auch ist. Eine kluge Strategie: einem Fremden nicht in die Augen sehen, wenn man angreifbar ist, verwirrt. Ein Fremder würde dann merken, in welch großer Not man ist.
Nein, nein! – das Letzte, was Clare möchte, ist die Notaufnahme, in der Stadt, wo sie niemanden kennt. Ins Krankenhaus eingeliefert gegen ihren Willen – ein Albtraum. In dem wirren Augenblick eben hätte sie nicht einmal das Wort ›Cardiff‹ herausgebracht. Hätte nicht erklären können, woher sie kommt und wohin sie geht.
Kurz danach hat sie sich schon wieder erholt von der Ohnmacht. Sie zwingt sich, wieder aufzustehen. Geht weiter, festen Schrittes, damit der Fremde nicht weiterbohrt.
Aber warum gehst du weiter? Ist dies nicht der Kreuzungspunkt mit einer anderen Person? Ein anderes Leben, in dessen Netz du hineingestolpert bist.
Aber nein, keine Zeit. Muss weiter.
Schließlich findet sie ihr Auto, einen kompakten Sedan metallic-grau, sieht verbeulter aus, als sie es in Erinnerung hat. Und dann starrt sie auf das Nummernschild, als ob sie es noch nie gesehen hätte. Hat jemand die Zahlen geändert? Oder – ist dies vielleicht gar nicht ihr Auto?
(Doch, ist es. Sie schaut in den Innenraum, auf den Rücksitz, wo sie ein paar Kleidungsstücke zurückgelassen hat. Natürlich ist das ihr Auto.)
Nicht ganz sicher, ob sie wirklich fahren sollte, noch immer weiche Knie, etwas benommen im Kopf. Muss sich selbst zurechtweisen – Lächerlich. Sie sind vor solch langer Zeit gestorben. Du hast so lange ohne sie gelebt. Und du hast gar keine Erinnerung an sie.
Der Zauber ist gelüftet. Muss gelüftet sein, Blut ist zurück in Clares Gehirn, mit viel Sauerstoff, Klarheit.
Stark genug, um das Auto aufzuschließen, aus dem Parkplatz hinauszufahren.
Stark genug, um zurückzufahren – wohin?
Muss fliehen. Trinken, mich betrinken. Zu einer Kugel einrollen. Verschwinden.
So allein! Verwüstung.
Der Plan ist, zum Haus in der Acton Avenue 59 zurück, schnell die Koffer packen, gehen. Wenn die Großtanten ganz überrascht hinter dir herrufen, gekränkt dir Vorwürfe machen, dann sagst du ihnen, Danke für eure Gastfreundschaft. Aber – auf Wiedersehen! Du wirst nicht anhalten, nicht auf der untersten Treppenstufe sitzenbleiben wie ein eingeschnapptes Kind. Wenn du gezwungen wirst, dich zu erklären, brichst du nicht in Tränen aus. An der Eingangstür wirst du den Großtanten höflich sagen – Ich möchte nichts davon haben. Es war ein Fehler, hierherzukommen. Nehmt ihr das »Erbe« – es ist eures.
Wie entspannend das sein wird, nach Süden zu fahren! Raus aus dem felsigen Maine, wo dünne Nebelschwaden wie Geister über die Straße ziehen.
Du möchtest das Haus in der Post Road. Dieses Haus.
Auf dem Weg Richtung Norden nach Cardiff hat es dich gepackt. Wolltest dich nicht mit Hörbüchern oder Musik von der Aufbruchstimmung ablenken. Der Gedanke an eine Erbschaft – egal, welcher Art – hatte dich gefangen genommen. Der Gedanke an Verwandtschaft – lebende Verwandte – hatte dich gefangen genommen. Unablässig hast du daran gedacht, was das alles für dich bedeuten könnte.
In der Acton Avenue (nicht leicht zu finden: unbekannte Straßennamen, unbekannte Häuser, immer wieder ist dein Kopf leergefegt, keine Ahnung, wo du verdammt noch mal bist oder was dich denn so dringend nach vorne peitscht) parkt Clare ihr Auto direkt vor dem mächtigen alten Steinhaus. An diesem frostigen Apriltag erscheinen Haus und Grundstück völlig farblos, erinnern an ein verblichenes Foto. Clare kann fast die Knicke auf dem Foto sehen, den schmutzigen Fingerabdruck oben an der Ecke.
Sie fragt sich, ob die Großtanten sie wohl von den Fenstern im Obergeschoss belauern. Fette, knotige Spinnen lauern in ihrem Netz, warten auf ihre spindeldürre Beute.
Wie viel Zeit sie braucht, um aus ihrem Auto herauszuklettern, (vorsichtig) den Weg die Einfahrt hoch, (zittriger) Fuß auf die erste Stufe der Veranda. Sie fühlt sich kühn und mutig, kurz danach packt sie wieder die Angst. Warum bin ich überhaupt hier? Warum bin ich zurückgekommen? Ein Traum, in dem Clare einmal sie selbst und gleichzeitig verwirrte Beobachterin von außen ist.
Irgendwann zwischen dem ersten und zweiten Schritt die Stufen hoch schwinden ihr die Sinne.
Irgendwann zwischen zwei Atemzügen fühlt sie sich ausgelöscht.
… wacht aber wieder auf, benommen, verängstigt, liegt auf der harten Rosshaarmatratze, man hat sie nach oben getragen. Nur ganz schwach erinnert sie sich an den Moment, in dem jemand sie vom Boden hochnahm, an das dunkelrote Gesicht eines Mannes, mit abgewandtem Blick.
Knurrend trägt er sie. Versetzt der Tür einen Tritt, damit sie aufspringt.
Und die Großtanten schwirren um sie herum, summen und gurren wie aufgeschreckte Vögel. Wer auch immer Clare die Treppe hinaufgetragen, sie aufs Bett gelegt hat, er ist verschwunden. Nur ein aschiger Geruch bleibt zurück, und der dumpfe Schmerz, da, wo die Finger zugepackt haben.
12.
»Warum hat mir das niemand erzählt?« Scharf soll es sich anhören, doch Clares Stimme klingt wehleidig, verletzt.
Einige Stunden sind vergangen. Der Tag beginnt zu schwinden.
Unten im Salon der Großtanten. Weinrote Samt-Tapeten, abgenutzt, durchscheinend im warmen Licht der Lampe. Geruch von Staub, Spinnweben, Möbelpolitur. Auf der Marmorplatte des kleinen Kaffeetisches vor dem viktorianischen Sofa, auf dem Clare – noch immer etwas benommen – Platz nehmen sollte, hat jemand ein leicht angelaufenes Silbertablett mit angeschlagenen Wedgwood-Tellern abgestellt, auf den Tellern Weißbrot-Sandwiches ohne Krusten mit Gurken und Streichkäse, Pepperidge Farm Haferkekse und Radieschen, so groß und rot wie Rinderaugen. Ein beigefarbener Spitzenärmel, lange dünne Finger mit »polierten« Nägeln, die andächtig Tee in die drei Tassen aus feinstem Porzellan gießen, der aufsteigende Dampf umhüllt Elspeth Laceys Gesicht, verzerrt es.
Clare starrt auf die Sandwich-Häppchen. Unterdrückt ein Schaudern. Als ob sie jemals wieder irgendetwas von dem vergifteten Essen ihrer Großtanten anrühren würde!
»Aber liebe Clare, natürlich – haben wir das getan.«
»Ganz sicher – haben wir es dir erzählt, Clare.«
Clare protestiert, nein. Niemand hat ihr etwas erzählt; sie musste das alles ganz allein herausfinden. In der Bibliothek, per Mikrofilm.
»Aber nein, meine Liebe. Morag hat dir alles erzählt, ganz sicher –«
»– sagen wir, sie hat es angedeutet. Wir wollten dich ja nicht erschrecken.«
»– wollten nicht, dass du wegläufst, nachdem du gerade erst angekommen warst.«
»Nicht so direkt und unverblümt. Nicht grob. Würde ich nicht, natürlich nicht –«
»Als du angerufen hast, neulich –«
»Ein sehr überraschender Anruf –«
»Ein willkommener Anruf. Du hast dich vorgestellt als Enkeltochter von Maude Donegal –«
»Die Enkeltochter von Maude Donegal – hatte sich so angehört, als ob du wüsstest, dass du die alleinige, die einzige wärst –«
»Also ich bin mir sicher, dass ich dich darauf vorbereitet habe –«
»Auf das Schlimmste! Elspeth macht so etwas sehr gut.«
»Nicht auf das Schlimmste. Morag, hör auf damit! Du bringst dich doch damit selbst aus der Fassung und verwirrst unsere liebe Nichte, die unter großem Schock steht …«
»– Elspeth wählt ihre Worte mit großer Sorgfalt, so wie ein Scharfrichter sein schärfstes Werkzeug sorgfältig auswählt, man könnte – leicht –, wenn man nicht wüsste, worauf man genau hören sollte –«
»– Morag! Stopp! Das ist nicht lustig.«
»– man könnte so manches falsch verstehen.«
»Nein, so bin ich nicht. Überhaupt nicht. Aber was ist mit Luke Fischer? Er hat dem armen Kind den Fall sicher genau erklärt.«
»Und wenn er es nicht getan hat, dann sollte er sich schämen! Als Nachlassverwalter von Maudes Grund und Boden, bekommt Fischer Geld genug, um diese Verantwortung zu übernehmen.«
»Bekommen sowieso viel zu viel Geld, meiner Meinung nach, die Anwälte!« Elspeth schnaubt ungehalten, verbittert.
Clare kann dem schnellen Schlagabtausch von Worten, den Stimmen der Großtanten nicht mehr folgen. Wie Vogelschnäbel pick-pick-pick, an ihrem Kopf.
Trotzdem gelingt es ihr, zu protestieren: Niemand hatte sie vorbereitet. Niemand hatte sie gewarnt. Nicht einmal Lucius Fischer an dem Morgen. Er war zu feige gewesen, ihr die Umstände, die zum Tod ihrer Eltern geführt hatten, nahzubringen und hatte sie einfach die Straße runter in die Bibliothek geschickt, wo sie dann erfuhr, dass ihre Familie ermordet worden war, dass ihr Vater derjenige war – gewesen war –, der die Familie ermordet hatte.
»Oh, meine Liebe. Musst du?«
»Ja, muss ich. Nach – einem Vierteljahrhundert …«
»Aber es gibt Dinge, die muss man nicht aussprechen.«
Elspeth zuckt zusammen, ihre skelettartigen Finger flattern abwehrend vor ihr her. Morag grinst und zuckt mit den Schultern, von denen eine ein klein wenig krumm ist; sie beugt sich nach vorn, um Clare eine Teetasse zu reichen, doch die nimmt sie nur sehr zögerlich.
»Zucker, Liebes? Milch?« Morag beugt sich nah zu ihr hinüber, unbehaglich nah, lächelt so eindringlich, dass Clare die Furchen ihrer Wangenfältchen erkennen kann.
»Danke – nein.«
»Jag dem armen Kind doch nicht solche Angst ein, Morag. Du hast vielleicht eine Art, auf jemanden loszustürzen.«
»Du hast dafür eine Art, reinzu – stürzen.«
Elspeth lacht süffisant, die sichere Gewinnerin in diesem Schlagabtausch.
Clare möchte die Teetasse gerne unauffällig irgendwo abstellen. Sie fühlt sich benommen, unsicher. Merkt auf einmal, dass sie seit Stunden nichts gegessen hat, und nach dem Frühstück war ihr doch so schlecht geworden.
»Es ist nur – ich – ich wäre gern vorher gewarnt worden. Bevor ich – es in der Zeitung lesen musste …«
»Ja, natürlich! Was für ein Schock.«
»– zu vermeiden gewesen, könnte man meinen.« Morag schüttelt kräftig den Kopf, wie eine knurrende Bulldogge.
Seltsam, wie Clare in der Anwesenheit der Tanten ihr eigenes Selbst verliert. So als ob die einzelnen Moleküle, die ihr Nervengefüge bilden, zittern und beben, und kurz davor sind auseinanderzufallen.
Bin ich das? Was geschieht mit mir? Muss mich zusammenreißen …
In einer Ecke des Salons schlägt feierlich die große Standuhr mit dem glänzenden Glas vor dem Ziffernblatt eins, zwei, drei, vier, fünf … die Zeit!, denkt Clare. Hatte sie nicht das Haus schon längst verlassen wollen? Obwohl sie auf das Schlagen hört, kommt sie mit dem Zählen durcheinander und weiß überhaupt nicht mehr, wie spät es wirklich ist.
»Trink deinen Tee, Liebes! Bevor er kalt wird.«
»Bevor du ihn verschüttest, Liebes! Deine Hand zittert ja.«
Mit beiden Händen führt Clare die feine, leicht angeschlagene Tasse an ihre Lippen. Wohlgeruch, eine Liebkosung.
Bitterer Tee! Clare fällt das Herunterschlucken schwer.
»Darjeeling. Kann sehr stark werden. Wahrscheinlich hat Morag ihn zu lange ziehen lassen.«
Ist es eine Beruhigung, dass die Großtanten auch diesen Tee trinken? Clare hofft es.
Es ist immer leichter, das zu tun, was anderen gefällt. Clare erinnert sich, wie sie als kleines Waisenmädchen immer darauf aus war, allen zu gefallen.
Und wirklich: die Großtanten sind zufrieden. Elspeth schlägt ganz leise und vorsichtig ihre beringten Hände zusammen, so als ob sie einen Applaus für ein sehr kleines Kind simulierte.
»Gut so, Liebes! Ich hoffe, du merkst jetzt, dass es dir nicht guttut, nur vor dich hin zu brüten. Vor fünfundzwanzig Jahren haben die Donegals viel zu viel Zeit damit verbracht, darüber zu brüten – über diese Tragödie – und einige von ihnen haben sich nie davon erholt.«
»Doch sie standen es durch –«
»Oh Gott, ja! Sie standen es durch.«
»Ich glaube, du meinst wir …«
»Na ja, er war ja nicht unser Sohn. Er war Maudes Sohn.«
»Er war unser Neffe. Und seine Kinder waren –«
»Egal! Warum reitest du darauf herum! – Bitte, Morag, bitte hör einfach auf damit.«
»Ich erinnere doch bloß daran, dass –«
»Stopp! Hab doch bitte Anstand genug, alte Wunden nicht wieder aufzureißen, bitte! Tust du absichtlich so dumm, hast kein bisschen Taktgefühl, wo du doch weißt, dass unser lieber Gast, unsere liebe Clare, selbst eines dieser Kinder ist – war – ist?«
Morag starrt Clare an, erschrocken. Tatsächlich, das scheint sie vergessen zu haben. Clare war ja das Kind, das überlebte hatte.
Ein Familienmassaker, Mutter und zwei Kinder, Vater. Und das dritte Kind verborgen inmitten von Spinnennetzen unter dem Spülbecken in der Küche.
Clare war nicht dort, doch Clare erinnert sich.
Aber nein: Clare erinnert sich nicht. Doch Clare war dort.
Morag ist erregt: »Hör du damit auf, Elspeth! Du bist eine Tyrannin. Mein ganzes Leben lang hast du mich tyrannisiert, herumkommandiert. Ich lasse mich nicht ständig herumkommandieren, ich lasse mir nicht den Mund verbieten, so wie du es mein ganzes erbärmliches Leben lang gemacht hast, mich zurechtgestutzt, an mir rumgescheuert. Ich habe nur gesagt –«
»Und ich habe gesagt, die Donegal-Tragödie ist jetzt Geschichte. Längst vergangene Geschichte.«
Elspeths unnatürlich jugendliches, faltenloses Gesicht ist noch weißer gepudert als gewöhnlich. Ihre braunen Augenbrauen wurden offenbar mit kummervoller Hand nachgezeichnet, genauso (denkt Clare) wie fürs Schauspiel auf der Bühne; ihre Rosenblütenlippen sind ein Kussmund. Morag hingegen starrt auf den Boden, verzieht den breiten, dünnlippigen Mund zu einer Grimasse und scheint ebenso tief bewegt wie ihre Schwester.
Nach dem Frühstück hat Elspeth sich umgezogen: eine dunkle Seidenhose, eine Tunika aus beiger Spitze, hochhackige schwarze Lacklederschuhe. Ihre silbern eingefasste Brille sitzt am Ende einer schmalen, weißgepuderten Nase. Morag scheint ihre Kleider eher unachtsam übergeworfen zu haben: lockere graue Freizeithose mit sichtbarem Gummizug, ein Pullover mit Schottenmuster und V-Ausschnitt, durchgescheuerte Ellbogen, hohe Sneakers. Ihre klobige schwarze Plastikbrille hat sie auf der Knollennase hochgeschoben, die Gläser sind beschmiert.
Elspeths Haar ist luftig aufgebauscht, kräftig oranges Leuchten; Clare fragt sich, ob Elspeth als Direktorin einer Middle School auch schon so ausgesehen hat. Morags metallisch-graues, stumpf geschnittenes Haar schwingt heftig um ihr Kinn, als sie ungestüm den Kopf schüttelt.
»Ich sage dir – (bitte unterbrich mich nicht, Elspeth!) – dass die Vergangenheit niemals ganz vergangen ist. Wir können sie im Moment nur nicht sehen.«
»Oh, hör auf damit. Du bringst unsere liebe Nichte ganz durcheinander, du bist ganz und gar nicht lustig.«
»Hör du auf. Clare interessiert das, was ich sage, da bin ich mir ganz sicher.«
»Tut es nicht. Magst du ein Gurkensandwich, Liebes?« Elspeth hält Clare eine Häppchenplatte hin, doch die ist regungslos.
Schüttelt kurz und heftig mit dem Kopf, nein, nein danke.
Ein dumpfer Schmerz an ihrer linken Schläfe, da wo ihr Kopf auf den Beton aufgeschlagen sein muss.
»Du musst stark bleiben, Liebes! Du siehst ziemlich blass aus, stimmt’s Morag?«
»Am besten ist, du kommandierst sie nicht so rum, Elspeth.«
»Ich kommandiere sie doch nicht herum, ich sorge mich um sie. Du kannst ja nicht mal über das Ende deiner eigenen – sehr kurzen – Nase hinausschauen.«
Elspeth lacht herausfordernd. Morag blickt finster drein.
Clare lacht, aufgeschreckt. Genau wie in einer Familie! Schonungslose Nähe.
Wäre sie in Cardiff aufgewachsen, dann wären die Großtanten Elspeth und Morag ihre Familie gewesen. Sie hätte ihre Großmutter Maude Donegal gekannt. Oft wäre sie in dieses Haus nach Cardiff gekommen.
Und noch andere hätte sie kennengelernt – ihre engere Familie … Ihr Kopf ist ein Brummschädel, als ob sie einem surrenden Bienenstock zu nahe gekommen wäre.
Elspeth reicht noch einmal die Platte Sandwiches herum, und dieses Mal nimmt Clare eines, murmelt »Danke schön.«
Aus Höflichkeit. Verbindlichkeit. Möchte nicht unfreundlich erscheinen. Ihre Großtanten haben sich doch die Mühe gemacht, dieses Tablett für sie herzurichten.
Zögerlich beißt Clare hinein. Die Gurke ist überreif und weich, aber der Frischkäse hat zum Glück einen pfefferigen Geschmack. Das Weißbrot ist so alt, dass man es für einen Cracker halten könnte.
Clare staunt noch immer – Dies sind die Frauen, die sie gefunden haben. Das kleine Mädchen unter dem Spülbecken.
Und – ohne diese Frauen wäre das kleine Mädchen gestorben.
Aber wer war das kleine Mädchen? Und wann war das?
Eine bedeutsame Erkenntnis. Clare kann sie in ihren Fingern drehen wie einen kostbaren Edelstein.
Sie hat erfahren, dass die beiden Schwestern an jenem Nachmittag zum Haus an der Post Road gefahren sind, um nach dem vermissten Kind zu suchen. Gott hat uns geleitet – wurden die beiden zitiert.
Clare fühlt eine Welle der Dankbarkeit. So mächtig, dass sie darin ertrinken könnte.
»Tante Elspeth, Tante Morag – ich verdanke euch mein Leben, das weiß ich seit heute. Ihr beide …«
Spontan bricht es aus Clare heraus: »Danke!« Sie will noch mehr sagen, aber ihr Gehirn scheint wie leergefegt.
Die Großtanten sind überrascht. Sichtlich verdutzt. Elspeth hält ihre beringte Hand vor ihre mit Spitze besetzte Brust; Morag blickt erstaunt und blinzelt. Voller Freude leuchten ihre Gesichter, wie eine schimmernde Folie. Ganz offensichtlich schmeicheln ihnen Clares unerwartete Worte. Elspeth streckt ihre Hand aus, um Clares Handgelenk sanft zu berühren.
»Ja! Das ist sehr nett von dir, Liebes. Aber –«
»– sicher hätte jemand anderes –«
»– jemand anderes hätte sicher –«
»– irgendwann –«
»– ja ja, wenn wir nicht vorbeigekommen wären –«
»Aber wir kamen vorbei! Ja, kamen wir! Denn das war Gottes Wille.«
»– wenn wir nicht vorbeigekommen wären, in dem Moment, als wir vorbeikamen, wäre vielleicht jemand anderes vorbeigekommen, aber –«
»Aber aber aber!«
»– zu spät.«
Clare schaudert. Was soll das heißen – zu spät?
Sie fragt sich, wie nah die kleine Clare Ellen dem Tod wohl gewesen sein mag. Erschöpfung, Dehydrierung, Todesangst. Wie heikel, das Überleben des Kindes: eine Kerzenflamme, die von einem Windhauch hätte ausgeblasen werden können.
Doch Gottes Wille hatte es anders bestimmt. Diese Frauen, die ihre Großtanten sind, von deren Existenz sie bis vor ein paar Tagen noch gar nichts wusste, sind für ebendieses Leben verantwortlich.
Ein Gedanke durchfährt Clare – Vielleicht wollen sie mich gar nicht vergiften. Vielleicht lieben sie mich ja.
Flüchtig erinnert sie sich daran, dass sie das Haus der Donegals zu dieser Zeit eigentlich schon weit hinter sich hatte lassen wollen. Wollte jetzt auf der Autobahn Richtung Süden sein.
Sie kann sich aber nicht erinnern, warum. Solch eine radikale Entscheidung. Der Nachmittag schwindet schnell dahin, schon bald wird die Dämmerung hereinbrechen. Obwohl es April ist, fühlt sich die Kälte in Cardiff noch nach Winter an; an schattigen Orten, an den Fundamenten der Gebäude Resthaufen von altem, schmutzigem Schnee. Die letzten Eiszapfen. Schmelzen nur widerwillig.
Zu spät jetzt, um noch loszufahren, aber vielleicht morgen?
Nur, warum eigentlich morgen? Ihre Großtanten haben doch klar und deutlich gesagt, dass Clare bei ihnen, in diesem Haus, bleiben kann, so lange sie möchte. Sie muss einen Antrag beim Nachlassgericht stellen, hat der Anwalt gesagt. Sie muss vielleicht noch einen zweiten Termin mit Fischer vereinbaren.
Sie möchte auf jeden Fall den Friedhof besuchen, auf dem ihre Familie begraben ist. Unbedingt will sie den Friedhof besuchen und Fotos machen.
Sie möchte auf jeden Fall Nachforschungen anstellen: Mutter (Kathryn), Vater (Conor), Schwester (Emma), Bruder (Laird). Sie möchte auf jeden Fall Fotos von der verlorenen Familie sehen; sie möchte auf jeden Fall Abzüge dieser Fotos machen. Sie möchte sich aber (noch) nicht unbedingt fragen, Warum hat mein Vater so etwas Schreckliches getan? – denn die Frage ist zu grell und blendend, so als ob man in die Sonne starrt.
Tatsächlich sind Clares Augen tränenverschleiert. Sie fühlt einen warmen, wohligen Schauer – Dankbarkeit.
Sie war auf dem Bürgersteig direkt vor dem Haus zusammengebrochen. Diese plötzliche Hilflosigkeit, Angst – wenn man fällt. Plötzlich geben deine Knie nach, die Beine können dein Gewicht nicht mehr tragen, du schlägst auf den Boden wie ein Baum, der gefällt wird.
Zum zweiten Mal innerhalb einer Stunde ist Clare ohnmächtig geworden. Und vor ihrer Fahrt nach Cardiff ist Clare Seidel noch niemals ohnmächtig geworden.
Diese Schreie, die Schreie der Großtanten, Oh oh oh, alle herkommen! Hilfe! Und jemand beugte sich über sie und sie wurde hochgehoben und die Verandatreppen hochgetragen und ins Haus hinein, als wäre sie ein Kind – ohne jeden Widerstand, in vollkommenem Vertrauen, voller Staunen.
Die kräftigen Arme eines Mannes, ein Geruch von Asche. Doch obwohl sie alles versucht, kann Clare das Gesicht des Mannes nicht sehen.
»War es – Gerard?« Clare zögert, den Namen ihres Onkels auszusprechen, es war das erste Mal, dass sie ihn aussprach.
Elspeth lacht, erschrocken; verschüttet Tee auf die beige Spitze vor ihrer Brust, versucht gereizt, ihn mit einer Serviette wegzuwischen. Morag starrt Clare verständnislos an.
»War Gerard – was?« Elspeth fixiert Clare mit skeptischem Blick.
Hat Clare den Namen des Mannes falsch ausgesprochen? Oder hat sie, durcheinander wie sie war, den falschen Namen genannt?
»– die Person, die mich die Treppe hochgetragen hat? Mich aufs Bett gelegt hat?«
Rasch sagt Elspeth Ja. Natürlich: Gerard.
»Wir haben Gerard gebeten, dass er es machen soll. Haben dich fallen gesehen –«
»– richtig fallen – wie aus großer Höhe –«
»– leblos –«
»– armes Mädchen! Solch eine Strapaze für dich –«
»– genau hier auf dem Bürgersteig vor unserem Haus – ein Schock –«
»– ich war es, die es gesehen hat, zum Glück –«
»– oh, ja, zum Glück! Morag hat Augen wie eine Eule –«
»– habe es gesehen und sofort Elspeth gerufen –«
»– und dann haben wir Gerard gerufen, aus seiner Junggesellenwohnung im dritten Stock –«
»– uns wurde zwar mitgeteilt, dass wir auf dem dritten Stock nicht willkommen sind, aber zu Gerard die Treppe hochrufen, das ist erlaubt –«
»– also, im Notfall.«
»Sehr zuverlässig im Notfall, unser Neffe. Denkt man gar nicht, wenn man ihn so sieht, aber –«
»Oh ja, das ist er! Das ist er.«
»Von Priestern erwartet man, dass sie in Krisenzeiten vortreten und anderen helfen; sie sind darin geschult, nicht an sich selbst zu denken, sondern an andere, so wie Jesus Christus es getan hat. Schon bemerkenswert, dieser Gerard, in Notfällen –«
»Im alltäglichen Leben allerdings – im Alltag –«
»– im alltäglichen Leben ist Gerard nicht so gut zu gebrauchen. Oder sagen wir, ist Gerard nicht so engagiert. Manchmal vergisst der arme Junge glatt, zu essen, er ist so – entrückt …«
»– und auch schwermütig –«
»Wir sind Gerard also sehr dankbar, wenn er uns aushilft, und das hat er schon mehr als einmal getan, wenn wir Hilfe brauchten. Und jahrelang hat er es auch für seine Mutter getan, wenn sie ihn brauchte. Und heute –«
»Gerard zeigt es nicht häufig, aber er ist sehr empfindsam.«
»Ja, das ist er! Ist nicht so wie andere Männer …«
»Schade, schade, Gerard ist so – schüchtern –«
» – asozial –«
»– nicht wirklich a-sozial, eher un-sozial – wie seine Mutter immer zu sagen pflegte.«
»Weißt du, Gerard hat Probleme, ein richtiges Gespräch zu führen. Es ist, als ob seine Zunge zu groß ist für seinen Mund. Er versucht zu reden, aber die Worte kommen einfach nicht raus. Und deswegen ist er so verunsichert. Er wird dann leicht reizbar. Er meidet sogar uns, seine engsten Blutsverwandten!«
»Oh mein Gott, man stelle sich das nur vor – unser eigener Neffe meidet uns.«
Wir wollten ihn dazu bewegen, heute Abend mit uns zu essen, aber er ist einfach weggelaufen – ja, verständlich. Er wollte ja vor allem dir aus dem Weg gehen, Clare.«
»– nicht so leicht für ihn mit Mädchen. War es nie.«
»– also, der wäre der ideale Priester gewesen, wenn man so darüber nachdenkt – Armutsgelübde, Keuschheitsgelübde, Gehorsamsgelübde, das wären für ihn doch alles die natürlichsten Sachen der Welt gewesen.«
»Oh ja, so selbstlos wie er war – wie er ist. Er hatte es nicht verdient, dass sein Vater ihn so grausam behandelte – ihn praktisch enterbte, indem er all sein Geld verschleuderte, bevor er es dem Priesterseminar übergeben konnte. Gerard hat sich nie darüber beklagt, aber – man konnte sehen, dass es sein Herz gebrochen hatte.«
»Ja, Leland muss eine Menge verantworten – im Schattenreich des Hades.«
Unvermittelt brechen die Großtanten in Gelächter aus. Wie junge Mädchen, die wissen, dass sie gerade unschickliche Dinge sagen.
Clare bemerkt, dass Morag während des Gesprächs Gurkensandwiches isst, hungrig; Elspeth nippt an ihrem Tee und knabbert an einem Haferkeks, schnelle, verstohlene Bisse, wie eine Maus.
Clares Kopfschmerzen lassen nach, der bittere schwarze Tee scheint den Schmerz betäubt zu haben. Sie hat mehrere Gurkensandwiches gegessen, ihr Hunger ist besänftigt, und sie ist nicht mehr so besorgt. Keine Ahnung, warum sie so viel Wert darauf gelegt hatte, das Donegal-Haus genau an diesem Tag zu verlassen …
»Wir fragen Gerard, ob er dich zum Haus in der Post Road fahren möchte«, sagt Elspeth, »falls du bereit bist, es zu sehen. Schwierig zu finden für jemanden, der den Norden von Ashford County nicht gut kennt.«
»Schwierig? – unmöglich!« Morag schnaubt.
»Wie ein Labyrinth – unwegsame Straßen, die im Winter weggeschwemmt werden, und für die sich niemand eine Umleitung ausgedacht hat. Brücken, die nicht mehr befahrbar sind. Ja, und Fremde brauchen auf jeden Fall einen Reiseführer.«
»Oh, ja! Fremde brauchen auf jeden Fall einen Reiseführer.« Morag wiederholt diese Worte mit unheilvoll drohender Stimme.
»Und wer wäre da besser geeignet als Gerard? Er kennt den Weg doch viel besser als wir.«
»Und – wir fahren ja gar kein Auto mehr. Du weißt doch, ich fahre nicht mehr.«
»Du warst so eine gute Fahrerin, Morag. Es war ungerecht, es war sexistisch von ihnen, dir den Führerschein wegzunehmen. Du warst noch nicht einmal fünfundsiebzig, du warst noch jung.«
»Ja. Aber Schnee von gestern.«
»Ich meine ja nur, dass du das letzte Mal – dorthin – gefahren bist. Aber – Schluss damit jetzt.«
Morag bebt leicht, kleine Wellen auf der Haut, wie man sie bei einem zitternden Hund sehen kann.
»Schluss jetzt, du hast recht. Nie mehr.«
Die Großtanten verfallen in einen Moment der Stille, hängen ihren Gedanken nach. Dann sagt Morag provozierend: »Vielleicht möchte Clare das Haus aber auch gar nicht sehen. Ihre Erbschaft. Besser wär’s vielleicht.«
»Mmh, aber wenn sie möchte –«
»Du könntest das Anwesen auch verkaufen, ohne es angeschaut zu haben, Clare. Wenn du möchtest.«
»– ich meine, wenn sie es sehen möchte, könnte Gerard sie hinfahren.«
»– und ich meine, wenn sie sich das ersparen möchte …«
Stimmen schwirren um Clares Kopf herum. Surrender Bienenstock.
Schließe deine Augen, deinen Mund. Niemand sieht in deine Gedanken.
Emma, Laird. Diese Namen sind Clare schon recht vertraut. Kleine Stiche, immer wieder.
Mommy! Mommy! Mommy! – schreit ein Mädchen. Das muss Emma sein.
Sie hörte noch mehr Geschrei. Ihr eigenes hörte sie nicht. Wankte auf schwachen Beinen, fiel hin. Krabbelte auf Knien über klebriges Linoleum. Die Tür unter dem Spülbecken ist einen Spaltbreit geöffnet. Krallte sich daran fest, hinter ihr ohrenbetäubender Donner.
Doch an dem geheimnisvollen Ort unter dem Spülbecken ist es still. Hinter den schmierigen Abflussrohren, in den Spinnennetzen.
Laute Stimmen, schwere Schritte. Noch mehr Geschrei. Dann mehrere Schüsse, ohne Hast, sorgsam verteilt.
Doch Clare ist in Sicherheit, gleitet in den Schlaf hinein. Im Salon der Großtanten, auf dem sanft knarrenden Samtsofa. Nicht mehr so benommen, so hungrig. Nicht mehr so verängstigt.
Als sie sieht, dass Clare auf dem Sofa eingeschlafen ist, legt Elspeth einen Finger an ihre Lippen – Schh! Morag zieht einen Mohairschal über Clare, behutsam.
13.
Bitte erzählen Sie mir doch – alles, was Sie über sie wissen.
Alles, an das Sie sich erinnern …
Am Ende der Woche hat Clare alle Namen derjenigen Bewohner Cardiffs herausgefunden, die ihre Eltern gekannt hatten. Als Erwachsene, als junge Erwachsene, selbst als Kinder. Sie hat eine Liste von Verwandten, Nachbarn, Freunden und Klassenkameraden von Conor Donegal und Kathryn Thrush; sie hat eine Liste von Lehrern, Namen von Polizeibeamten aus Cardiff, die zum Tatort gerufen worden waren. Viele Male hat sie die Bibliothek in Cardiff aufgesucht, um neue Informationen über den vermeintlichen Tathergang am Nachmittag des 6. Januar 1989 im Haus in der Post Road zu finden. Sie hat sich – fast! – mit der hilfsbereiten Bibliothekarin angefreundet, die Linda Peele heißt. (In einem anderen Leben, denkt Clare, wären sie und Linda Peele gute Freundinnen geworden; in diesem Leben wird das wohl nicht geschehen. Clare hat keine Zeit, um eine Freundschaft zu pflegen, und noch weniger hat sie Platz in ihrem Herzen für eine Freundschaft.) Mit derselben Leidenschaft und Gründlichkeit, die sie zu einer angesehenen jungen Kunsthistorikerin gemacht haben, verfolgt sie ihr Ziel, alles in ihrer Macht Stehende über Conor Donegal, Kathryn Donegal (geborene Thrush), Laird Donegal und Emma Donegal herauszufinden.
Mein Vater. Meine Mutter. Mein Bruder. Meine Schwester.
In diesen Momenten überkommt Clare ein Hochgefühl, überbordende Freude. Denn auch wenn diese Menschen heute nicht mehr leben, so haben sie doch einmal gelebt.
Wieder und wieder bewegen sich ihre Lippen, lautlos. Ein leichtes Beben beim Betonen der Worte mein, meine.
Mein Vater. Meine Mutter. Mein Bruder. Meine Schwester.
In dieser Familie war Clare Ellen das Baby. Ungefähr drei Jahre jünger als ihre Schwester und sechs Jahre jünger als ihr Bruder.
Ihre Schwester! Ihr Bruder!
Ihre Lippen formen die Namen: »Emma.« »Laird.«
Zwei wunderschöne Namen, denkt Clare. Und Conor. Und Kathryn. Wunderschön.
Aber sie kann sich überhaupt nicht an ihre verlorene Familie erinnern, an nichts. Eine Art Schleier überdeckt diesen Teil ihres Gehirns. Ein Flor, nahezu undurchdringlich.
Sie hat doch bestimmt mit ihrer Schwester gespielt (denkt Clare). Und als Mädchen von zwei Jahren und neun Monaten muss sie ehrfürchtig zu ihrem »großen« neunjährigen Bruder aufgeblickt haben.
Sechs Jahre älter als Clare Ellen, hatte Laird sie (vielleicht) gerade so geduldet. Obwohl er sie (möglicherweise) auch geliebt hatte … Emma hatte sie bestimmt geliebt, hatte sie häufig umarmt. Emma hatte ihrer kleinen Schwester erlaubt, mit ihren Puppen zu spielen und mit ihren Kuscheltieren zu schmusen.
Ja, so muss es gewesen sein. Ganz sicher.
Schwieriger, sich an ihre Mutter zu erinnern, ihren Vater.
Flirrend, tränenverschwommen. Mommy und Daddy waren da, Tränen.
Nur eines: Sie erinnert sich daran, gehalten zu werden.
Wenn sie es schafft, diesen hauchdünnen Schleier wegzuschieben, dann erkennt sie – fast – etwas …
Kann sein, sie erinnert sich daran, wie Mommy sie nah an Mommys klopfendes Herz gedrückt hat. Spürt fast Mommys weichen, warmen Leib. Verbirgt ihr Gesicht in diesem Leib. Vergräbt sich zwischen den weichen, warmen Brüsten.
Trinkt Milch. Milch fließt heraus. Süße Busenmilch, unverkennbarer Geruch.
Liegt in ihrer Wiege, große Augen, blinzelt zu den beiden großen Gestalten, die auf sie herabstarren. Ihre Gesichter sind verschwommen, unbestimmt.
Dann plötzlich sind die Gesichter klarer. Der Schleier ist verschwunden.
Mommys Lächeln, gilt nur ihr. Daddys Lächeln, das eine kleine Falte in Daddys Wange zeichnet.
Und so wird Clare auf einmal klar, voller Verwunderung – ich erinnere mich doch. Ich wurde geliebt, ich wurde nicht verlassen.
»Wer bin ich? – Teil der Familie Donegal.«
Clare ist nicht darauf erpicht, sich selbst als das überlebende Kind eines schändlichen Massakers in diesem Ort zu erkennen zu geben. Besser, etwas Distanz wahren, sich als Tochter eines Cousins von Conor Donegal ausgeben, die Conor nie kennengelernt hatte – (natürlich: Clare ist zu jung, um jemanden kennengelernt zu haben, der vor fünfundzwanzig Jahren gestorben ist) – eine junge Frau, die im Mittleren Westen geboren wurde, jetzt in der Nähe von Philadelphia lebt und niemals zuvor in Maine gewesen war.
»Ja, es ist wunderschön. Die Küste entlangzufahren – atemberaubend.«
Maine ist für Clare wirklich von überwältigender Schönheit. Blicke auf den Atlantik hinunter von der Küstenstraße, sich ständig verändernde Perspektiven, faszinierend. Dort, wo die halbe Welt aus Wasser besteht, scheint der Himmel übermächtig.
Nur Maine im Zwielicht, so wie es von Winslow Homer gemalt wurde, findet Clare bedrohlich – nebelverhüllt, wolkenverhangen, flüchtig. Verschwimmende Grenzen zwischen Küste und Meer, Meer und Horizont, Horizont und Himmel, wie auf einem Aquarell.
In Gesprächen mit Fremden ist Clare äußerst hoffnungsvoll. Sie möchte unbedingt einen guten Eindruck machen. Keinen Argwohn wecken. Viele Menschen, mit denen sie spricht, fragen sie, ob sie Reporterin sei und immer wieder versichert sie, nein, ist sie nicht, ganz sicher nicht. »Ich bin eine entfernte Verwandte der Familie Donegal und bin an ihrer Familiengeschichte interessiert. Aber zuallererst bin ich Kunsthistorikerin und stelle Recherchen über Künstler des neunzehnten Jahrhunderts an, die in Maine gelebt haben …«
Kunst ist ein sehr gutes, neutrales Thema. Wenn einer ihrer Gesprächspartner in Erinnerung an jene wunderschöne junge Familie zu emotional wird, kann Clare geschickt und unauffällig zu den Künstlern Winslow Homer, George Bellows, Rockwell Kent und Andrew Wyeth überleiten. (Sie ist keine von diesen unerträglichen Kunstsnobs, die Andrew Wyeth belächeln.)
Clare hat aber schlecht geschlafen in Cardiff. Man sieht leichte Schatten unter ihren Augen, die sie kunstvoll mit Make-up übertüncht hat. Sie hat ihr dickes, dunkles Haar von der Stirn in einen straffen Dutt zurückgebunden, wie eine Ballerina; auf ihren Mund hat sie leuchtend roten Lippenstift aufgetragen – ein US-Girl, das gefallen möchte.
»Oh! Mein Gott, Sie sehen ja aus wie – er.«
Eine der Mütter, deren Söhne Conor Donegals »gute Freunde« in der Highschool waren, starrt Clare an, schlägt die Hand vor den Mund, wahrhaftig überrascht.
»Ich meine – Ihre Haare, an der Stirn. So wunderschön – und diese kleine Spitze dort.«
Eine etwas verlegene Pause. »Und auch die Augen …«
Ein Schauer durchfährt Clare, sie möchte ihr Gesicht vor dem prüfenden Blick der Frau verbergen. Doch sie schafft es zu lachen, leicht beklommen.
Sie sagt, dass sie Fotos von Conor Donegal gesehen hat, und sie ist sich sicher, dass sie ihm nicht gleicht.
»Die Leute sagen, dass ich nach meiner Mutter komme, und die stammt aus St. Paul.«
Doch die Frau ist noch nicht überzeugt. Clare sieht das.
Mit stockender Stimme sagt Mrs. Freeman: »Er war ein leicht reizbarer Junge, haben die Leute gesagt. Nicht, dass ich es selbst erlebt hätte. Nein, er war niemals grob zu mir. Aber Billy hat immer gesagt, Conor sei ein Hitzkopf gewesen, und er wäre nie einem Kampf ausgewichen … Er und Billy hingen mit ein paar Freunden häufig an der Kennicott Bridge rum, Alkohol war natürlich auch im Spiel, obwohl sie minderjährig waren. Einmal kam eine Gruppe Leute auf Rädern aus Lewisburg vorbei und Conor geriet mit einem von ihnen in Streit. Dann mischten sich alle Freunde ein und schließlich rief jemand die Polizei … Ich glaube nicht, dass sie verhaftet wurden oder so, aber einer von ihnen hat wohl Verletzungen davongetragen und musste genäht werden. Conor war viele Jahre lang Billys bester Freund, aber Billy sagte auch, dass man aufpassen musste bei ihm. Wenn Conor zu schnell trank, suchte er jedes Mal Streit, egal mit wem. Typisch Ire, sagte Billy, sie trinken ein Glas und dann noch eins und noch eins und können nicht mehr aufhören, bis sie sturzbetrunken sind … Die meisten Leute sagten, Conor leide an ›vorübergehender Unzurechnungsfähigkeit‹ und er hätte das alles nicht getan, wenn er nüchtern gewesen wäre.«
Clare überlegt, Vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit. Das war es.
Das haben auch viele andere gedacht. Haben über Conor Donegals Motive spekuliert. Aber natürlich gibt es für solch eine Untat kein vernünftiges Motiv.
So nach und nach zeichnet sich ein Porträt Conor Donegals in Clares Kopf ab. Ihr Vater, so heißt es, sei ein »prima Typ, also, normalerweise« gewesen – »ein guter Freund, sehr verlässlich« – aber ein »Komasäufer« – »Hitzkopf« (wieder einmal!) – »wich niemals einem Streit aus.« Eine Reihe früherer Lehrer erinnern sich an ihn als »intelligent, aber leicht ablenkbar« – »von natürlicher Neugier« – »kein guter Leser, aber gut in Mathematik.« Er war ein »guter, aber kein hervorstechender« Sportler – ein »natürlicher Teamplayer«. Er hat Musik geliebt, auch irischen Folkrock. Er mochte Rick James, Lionel Richie, James Brown. Er hatte eine große Bandbreite von Seminaren an der University of Maine in Bangor belegt, doch in keinem Studienfach seinen Abschluss gemacht. Zunächst arbeitete er mit seinem Vater zusammen, hatte aber schon bald sein eigenes Unternehmen auf die Beine gestellt – »das nicht besonders gut lief«.
Ein Unternehmen gegründet auf hohen Krediten, dann der Bankrott.
Nichts Besonderes – anfangs erfolgreich, einige Jahre steigende Profite, dann Rückschläge.
Clare war darauf gefasst, zu hören, dass ihr (attraktiver, charismatischer) Vater ein gewalttätiger Ehemann und Vater gewesen sei, doch die allgemeine Meinung ist die, dass er »verrückt nach seiner Familie« war – »seine Frau und seine Kinder liebte« – »alles für sie getan hätte«.
Wie das geschehen konnte, dass Conor Donegal (angeblich) seine Frau und seine beiden ältesten Kinder getötet und dann die Waffe gegen sich selbst gerichtet hatte – »Das konnte niemand begreifen. Damals nicht und heute auch nicht.«
Eine Frau mittleren Alters, die sich selbst als Kathryn Thrushs »älteste, engste Freundin« bezeichnet, vertraut Clare an, dass Conor Donegal, schon seit er Anfang zwanzig war, ein »Problem mit dem Trinken« gehabt habe – dass Kathryn all die Jahre, die sie bei ihm geblieben war, geglaubt habe, ihn ändern zu können; er hatte öffentlich und stolz zugegeben, den Anonymen Alkoholikern beigetreten zu sein, erlitt aber immer wieder »Rückschläge«; er hatte ein halbes Dutzend Male versucht, das Trinken aufzugeben, doch er schaffte es nicht.
»Sie nahm Conor in Schutz, weil sie ihn liebte, und er zog aus dieser Bereitschaft, ihm zu vergeben, seinen Nutzen. Ein Mann tut das, wenn man es zulässt – jeder Mann tut das, wenn man es zulässt.« Die Frau spricht mit energischer Stimme, aber wunden Augen, so als ob Clare versucht hätte, ihr zu widersprechen; aber Clare hütet sich, mit irgendjemandem über die Interpretation der Vergangenheit zu streiten.
Und sie denkt auch, Vielleicht hat Conor sie ebenfalls verletzt. Vielleicht kann sie ihm das nicht vergeben.
Eine andere Frau mittleren Alters, die sich als Nachbarin von Conor und Kathryn aus der Mott Street in Cardiff vorstellt, vertraut Clare an, dass Conors Behauptung, den Anonymen Alkoholikern anzugehören, reiner »Blödsinn« wäre: Conor hatte nur vorgegeben, die Versammlungen zu besuchen, oder er war hingegangen, um Kathryn und die Donegals zu beruhigen, die ihm das alles geglaubt hatten. Conor war ein Meister darin, »Herzen zu manipulieren« – sie wusste das.
Noch eine Frau mit wunden Augen! Clare wird vieles klar. Mein Vater hat Frauenherzen gesammelt.
Clare erfährt, dass ihre Eltern, noch jung und mit zwei kleinen Kindern, nach dem Bankrott entschieden, eine Farm im nördlichen Teil von Ashford County zu kaufen (die zwangsversteigert wurde). Sie waren beide sehr »eigensinnig« – »waghalsig« – »risikobereit«. Sie hatten »romantische Vorstellungen« über das Leben auf dem Lande und darüber, wie sie von der Landwirtschaft leben konnten – am liebsten von Obstgärten. Keine Rinder oder Milchwirtschaft, nichts, was mit Tieren zu tun hatte. Kathryn schüttelte sich schon bei dem Gedanken, »Nein, keine Tiere! Farmtiere müssen sterben.«
Eine merkwürdige Ansicht, denkt Clare. Sie fragt sich, was ihre Mutter damit gemeint haben könnte: dass Farmtiere (wie Schlachtvieh) zum Schlachten gehalten werden oder aber, dass das Leben von Farmtieren durch Krankheiten gefährdet ist und sie früh sterben.
Als es um ihre Mutter geht, hört Clare sehr genau zu, ist ganz still. Hält ihren Kopf gesenkt, ihre Augen halb geschlossen. In solchen Momenten wagt sie kaum zu atmen; es fühlt sich an, als ob sie Verbotenes erfährt.
»Oh, Kathryn Thrush! Sie war eine wundervolle Frau. Aber –«
Aber. Heißt – was?
Eine wundervolle Frau, doch zu leichtsinnig in der Liebe?
Clare zögert, sie versucht es zu vermeiden, Fragen zu stellen, die ihre Gesprächspartnerin provozieren oder verärgern. Sie möchte nicht zu neugierig erscheinen. Sie weiß, dass sie nur vorübergehend in den Häusern dieser fremden Menschen so freundlich aufgenommen wird, eine heikle Geschichte. Doch es gibt auch noch andere Gründe, aus denen sie so zurückhaltend ist. Schon der bloße Gedanke an die Fragen, die sie gerne stellen würde, versetzt ihrem Herzen einen schmerzhaften Stich. Hat Conor Donegal Kathryn geliebt – seine Frau? Hat er seine Kinder geliebt?
Egal, mit wem sie spricht, alle betonen es: Ja, das hat er.
Ganz sicher hat er das! Und genau deswegen lässt ja das, was er ihnen angetan hat, alle so ratlos zurück.
Hatte er jemals zuvor irgendjemandem Leid zugefügt? Hatte er jemals irgendjemanden bedroht?
Gab es keine Vorwarnung? Hätte niemand helfen können, dies alles zu verhindern?
Nein. Clare ist nicht in der Lage, diese Fragen zu stellen. Kann sich nicht dazu durchringen.
Tage vergehen, eine Woche. Wie in Trance kämpft sie sich durch die Namensliste. (Wenn er auch anfangs nicht sehr kooperativ schien, so scheint sich Lucius Fischer doch dazu entschlossen zu haben, ihr bei der ersten Kontaktaufnahme behilflich zu sein.) Clare führt Telefongespräche, klopft mal zaghaft, mal kühn an fremde Türen. In den meisten Häusern, die sie betritt, ist die Einsamkeit beinahe mit Händen zu greifen – »Oh, hallo! Kommen Sie doch herein! Sind Sie – Clare? Ich habe schon mal auf dem Dachboden gestöbert und diese Jahrbücher gefunden …«
Für eine junge, unverheiratete Frau wie Clare ist es sehr lehrreich, aus nächster Nähe zu beobachten, wie Frauen, die um einiges älter sind als sie, verheiratete Frauen, Mütter von (häufig schon erwachsenen) Kindern, anscheinend nach Gesellschaft hungern. (Gesellschaft? Das kann Clare ihnen nicht anbieten, höchstens oberflächlich.) Sie verbringt viele Stunden in diesen Häusern in Cardiff, auf Sofas oder an Küchentischen, wo die Frauen sich mithilfe der Jahrbücher begeistert an ihre Schulzeit erinnern und niemals vergessen, Clare auf ihre eigenen Fotos sowie auf die Fotos des attraktiven Conor Donegal und der hübschen Kathryn Thrush hinzuweisen.
Ihre Eltern, so jung! Lange bevor sie ihre Eltern waren.
Eine Unterwelt, lange vor Clares Geburt. Eine Welt, die sehr eng mit der verbunden ist, in der sie jetzt lebt, doch eine Welt voller Rätsel.
Bildunterschrift von Conor Donegals Foto im Jahrbuch der Abschlussklasse: »Ein tapferer starker Mann bin ich.«
Bildunterschrift von Kathryn Thrushs Foto im Jahrbuch der Abschlussklasse: »In ihrer Schönheit wandelt sie wie eine Sternennacht.«
Clare erkennt das Zitat unter dem Bild ihrer Mutter wieder, es stammt aus Byrons romantischen Gedichten, aber das unter dem Foto ihres Vaters kennt sie nicht. Eine merkwürdige Tradition in den Jahrbüchern, diese Zitate. Als ob ein Mensch derart oberflächlich zusammenfassend charakterisiert werden könnte.
Conors Aktivitäten beschränkten sich hauptsächlich auf Mannschaftssport: Baseball, Fußball, Schwimmen. Kathryns Vorlieben waren Cheerleading, Chor, Theater, christliche Jugendarbeit.
Mehr als einmal sieht Clare dieselben Jahrbücher, betrachtet dieselben Fotos. Sie erkennt allmählich schon die Gesichter wieder und die Namen. Dankbar und aufmerksam hört sie sich alle Geschichten an. Denn sie empfindet große Dankbarkeit, wie ein Zeitreisender, der willkommen geheißen und nicht abgewiesen wird, in ihrer eigenen Vergangenheit zu stöbern, die für sie ebenso wertvoll wie unbekannt ist.
Sie bittet darum, die Gespräche auf ihrem iPhone aufnehmen zu dürfen. Niemand lehnt das ab. Sie wiederum begegnet den Menschen weder mit Zweifel noch mit Argwohn, auch wenn das, was man ihr erzählt, möglicherweise auf fehlerhaften Erinnerungen beruht oder ziemlich aufgebauscht ist.
Die Zeitzeugen der Vergangenheit, die Clare ihre Türen öffnen, hegen niemals Zweifel an ihren eigenen Erinnerungen. Alle sind fest von ihren Geschichten über Conor Donegal and Kathryn Thrush überzeugt und sie zu erzählen, ist für sie zu einem festen Ritual geworden. Clares Interesse schmeichelt ihnen, Clares Interesse lässt ihre Erinnerungen wieder aufleben und gibt ihnen neue Nahrung. Es ist nämlich mittlerweile ein Vierteljahrhundert her, dass die meisten von ihnen persönlich befragt wurden.
Clare überlegt, wie sie wohl reagierten, wenn sie sich gegenseitig beim Erzählen ihrer gemeinsamen Vergangenheit zuhören könnten – wer war denn nun tatsächlich Kathryns allerbeste Freundin in der Highschoolzeit? Wer war denn nun tatsächlich Conor Donegals erste Freundin in der Highschool?
Es schien, als ob Conor und Kathryn dieselbe Klasse in der Cardiff Highschool besucht hätten. Aber das stimmt nicht. Conor war einige Jahre weiter als Kathryn, und sie war ihm (so vermutet Clare) in jener Zeit wahrscheinlich kaum aufgefallen.
Die meisten Leute, zu denen Clare Kontakt aufgenommen hat, geben ihr bereitwillig Auskunft, einige allerdings lehnen sie von vornherein ab. Verwandte von Kathryn Thrush: eine ältere Schwester namens Irma, verstreute Cousins, die kranke Mutter, die im Betreuten Wohnen lebt – von diesen möchte niemand mit Clare sprechen, nicht telefonieren, geschweige denn, sie in ihr Haus hineinlassen.
Dass Clare sich als »entfernte Verwandte« von Conor Donegal vorgestellt hat, scheint dabei sehr kurzsichtig gewesen zu sein. Ganz offensichtlich herrscht noch immer Bitterkeit zwischen den beiden Familien, Feindseligkeit seitens der Thrush-Familie, aufgrund des Verbrechens an Kathryn und den Kindern.
Wer sind Sie? Oh, nein! Kein Kommentar.
Siebenundzwanzig Jahre! Könnte gestern gewesen sein.
Wie ungerecht, denkt Clare, ihr die Schuld zu geben. Als ob Schuld vererbt werden könnte, wie die Ursünde.
Und was ist mit den Donegal-Kindern, Laird und Emma? – Clare ringt sich dazu durch, auch die Kinder ins Gespräch zu bringen.
Nur wenige der Zeugen scheinen sich an die Kinder zu erinnern oder erklären sich irgendwann bereit, über sie zu sprechen. Über ermordete Kinder zu sprechen ist einfach zu schmerzhaft – so weit weg von romantischer Jugendzeit. In einem Versuch, die Tränen zurückzuhalten, vertraut eine Frau, die ungefähr Clares Alter hat, ihr an, dass sie »Emmas beste Freundin im Kindergarten« gewesen ist. Ein Mann Anfang vierzig erinnert sich daran, mit Laird Donegal in der siebten Klasse zusammen Softball gespielt zu haben. (Clare protestiert nicht – Siebte Klasse? Mein Bruder war viel jünger, er hat so lange gar nicht gelebt.)
»Emma? – ein sehr süßes Mädchen. Ruhig. Ihre Mutter hat ihr immer so hübsche Zöpfe geflochten. In der Schule waren wir alle entsetzt – fassungslos – als …«
»Laird Donegal. Den Namen habe ich ja zwanzig Jahre nicht mehr gehört. Oh, mein Gott! Er war kein sehr enger Freund, aber – ich erinnere mich doch gut an ihn …«
Stimmen verschwinden im Nebel. Düsteres Unbehagen, betretene Stille.
Clare begreift, dass ihre Schwester und ihr Bruder in der Zeit verlorengegangen sind, kurz vor dem Vergessenwerden.
Sie wird die beiden rehabilitieren. Wenn sie kann.
Von dem jüngsten Kind, das sich unter dem Spülbecken verborgen hatte, und das der wutentbrannte, wahnsinnige Vater nicht ermorden konnte, können nur sehr wenige Leute sicher etwas sagen. »Nicht sicher, was aus ihr geworden ist. Die Thrush-Familie hatte sich um das Sorgerecht bemüht, wollte das Kind zu sich zu nehmen, aber dann – irgendwann – hieß es, sie hätten sie zur Adoption freigegeben.«
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