Kitabı oku: «Tito»

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Partisan und Revolutionär, Staatspräsident Jugoslawiens, Diktator und Architekt eines alternativen sozialistischen Modells – bis heute entzieht sich Tito (1892–1980) jeder politisch und historisch eindimensionalen Zuordnung. Jože Pirjevec, Professor für Geschichte und ausgewiesener Tito-Experte, geht in dieser Biographie dem Phänomen Tito nach.

Pirjevec folgt der Politisierung Josip Broz’, wie Tito mit bürgerlichem Namen hieß, und seinem raschen Aufstieg in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens und zeigt, wie er aus einer zerstrittenen Partei eine schlagkräftige Partisanenarmee geformt hat, die Hitlers und Mussolinis Truppen besiegt hat. Er legt dar, mit welcher Weitsichtigkeit Tito schon bald nach dem Krieg in Opposition zu Stalin ging, wie er für Jugoslawien einen anderen sozialistischen Weg suchte und wie entscheidend er an der Gründung der Bewegung der Blockfreien Staaten beteiligt war. Aber er zeigt Tito auch als Diktator, der seine politischen Gegner gnadenlos verfolgte, sich als Held eines nationalen Mythos verehren ließ und den Personenkult genoss. Er sorgte nicht für einen Nachfolger, und als Tito 1980 starb, hinterließ er ein Machtvakuum, das innerhalb weniger Jahre zum gewaltsamen Zerfall des Vielvölkerstaates führte.

Diese erste umfassende Tito-Biographie, die zahlreiche Quellen erstmals zugänglich macht, liefert das lebendige Porträt der faszinierenden und oft widersprüchlichen Persönlichkeit eines der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts.

Über den Autor

Jože Pirjevec wurde am 1. Juni 1940 in Triest geboren, promovierte 1977 an der Universität Ljubljana in Geschichte und forschte und unterrichtete an den Universitäten von Pisa, Triest und Padua. Er ist heute Professor für Geschichte an der Universität von Koper und Mitglied der slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Die vorliegende Biografie ist die Zusammenfassung seines dreißigjährigen Forschungsschwerpunkts.

Jože Pirjevec

TITO

Die Biografie


aus dem Slowenischen

von Klaus Detlef Olof

Verlag Antje Kunstmann

INHALT

Einführende Worte

1892–1939 Der junge Broz – Erster Weltkrieg, Kriegsgefangenschaft und Aufstieg in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ)

1939–1945 Zweiter Weltkrieg und Partisanenkampf

1945–1953 Die Nachkriegszeit – Konsolidierung der Macht und Auseinandersetzung mit Stalin

1953–1973 Die Präsidentenjahre – Entdeckung der Blockfreiheit, Suche nach einem Sozialismus mit »menschlichem Antlitz« und Kampf um die Einheit Jugoslawiens

1973–1980 Die späten Jahre – Jugoslawien in der wirtschaftlichen und politischen Krise

EXKURS Tito und die Frauen

1980 Titos Tod und sein politisches Vermächtnis

Anhang

EINFÜHRENDE WORTE

»Nichts ist wünschenswerther als daß die Leute, die an der Spitze der Bewegungs-Parteien standen, sei es vor der Revolution oder in der Presse, sei es später in offiziellen Stellungen, endlich einmal mit derben rembrandtschen Farben geschildert werden, in ihrer ganzen Lebendigkeit. Die bisherigen Darstellungen malen uns diese bekannten Persönlichkeiten nie in ihrer wirklichen, nur in ihrer offiziellen Gestalt, mit dem Kothurn am Fuß und der Aureole um den Kopf. In diesen verhimmelten raphaelschen Bildern geht alle Wahrheit der Darstellung verloren.«1 So haben es sich Marx und Engels gewünscht. Sie waren Optimisten, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass die Revolution, die sie verkündeten, auch scheitern könnte und dass ihre Träger am Schandpfahl enden würden. Etwas Derartiges geschah auch mit Tito, der noch gestern auf dem Altar stand, nach dem Zerfall Jugoslawiens aber oft zum Gegenstand von Karikaturen wurde. Versuchen wir, ihn in rembrandtschen Farben zu porträtieren.

TITOS AUGEN

Von dem Augenblick an, da er mit seinem selbstbewussten und herausfordernden Auftreten vor dem Gericht in Zagreb, das ihn wegen kommunistischer Umtriebe Ende 1928 zu einer Zuchthausstrafe verurteilte, in die Geschichte eintrat, hat Tito mit seinen ausdrucksvollen Augen die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen geweckt. Der Korrespondent der Zeitung Novosti beschrieb ihn bei dieser Gelegenheit mit den Worten: »Sein Gesicht scheint wie aus Stahl gemeißelt. Mit den hellen Augen hinter dem pince-nez blickt er sehr kühl und zugleich energisch und ruhig.«2

Und Miroslav Krleža, Dichter, Schriftsteller, Chronist der kroatischen und jugoslawischen Provinz, erinnert sich in einem kurzen, mit »Titos Rückkehr im Jahre 1937« überschriebenen Essay wie folgt: »Ich sitze im Dämmerlicht in meinem Zimmer und beobachte die Wolken. Wie sie hoch über der Stadt der Wind von Westen heranträgt. […] In dieser Stille surrt an der Eingangstür die Glocke. Unruhiges Läuten in leeren, grauen, unbeleuchteten Zimmern bringt immer eine böse Vorahnung von abergläubischer Ungewissheit mit sich. […] Ich erhebe mich, gehe durch die Wohnung, öffne die erste, dann die zweite Tür, mache Licht im Vorzimmer, das Sicherheitsschloss knirscht, und vor der Glastür steht ein Fremder. […] Nach neun Jahren stand Tito wie ein Schatten längst vergangener Tage vor dieser Glastür und schien auf den ersten Blick äußerlich der Gleiche geblieben zu sein, und doch: Er hatte sich sehr verändert, mehr als das, er hatte sich völlig verändert. […] Sechs Jahre in der Strafanstalt Lepoglava und drei Jahre Ausland hatten aus seinem Gesicht jenen Ausdruck naiver und unmittelbarer Heiterkeit weggewischt, und anstelle eines lachenden jungen Mannes stand dort ein ernster, stiller Fremder, dessen Augen durch das Glas seines Zwickers dunkel leuchteten, fast streng.«

Mit diesem neuen alten Bekannten plauderte Krleža fast bis zum Morgen und hörte manches über sein stürmisches Leben und seine umstürzlerischen Ideen. Tito erzählte ihm auch von dem Heimweh, das ihn nach der Rückkehr aus Moskau eines Nachts in seinen Geburtsort Kumrovec getrieben hatte, obwohl klar war, dass er viel riskierte, da er in der Illegalität lebte. Er war zum Haus seines Vaters gegangen, und es war ihm so vorgekommen, dass trotz der großen Veränderungen, von der die Welt draußen erfasst worden war, in diesem abgelegen Ort, seit seinem letzten Besuch alles unverändert geblieben war. »Im leisen Schlussteil dieses lyrischen Monologs wechselte Titos Stimme den Glanz, das helle Taubengrau seiner Augen verschmolz mit dem dunkelblauen, metallenen Widerschein des Brillenrahmens und dunkelte wie Tinte. Das gutmütige weiche Spiel der Lippen verhärtete sich zu einer trotzenden, festen, wie in Stein gemeißelten Linie, und in diesem Blick, in dieser Stimme zeigte sich ein unbestimmter, aber suggestiver Ausdruck voller Schmerz und Unruhe. ›Kumrovec, Gott habe es selig, schnarcht, aber wie lange noch wird bei uns alles schnarchen?‹, fragte Tito ärgerlich, fast nervös, mit jenem aggressiven Ton, mit dem in unserer Sprache alle Götter höheren und niederen Ranges vom Himmel gestürzt werden.«3

Titos Augen fesselten auch Milovan Đilas, als er ihm zum ersten Mal begegnete: »Das war ein Mann mittlerer Größe, ziemlich kräftig, hager. Er war lebhaft, etwas nervös, aber er wusste sich zu beherrschen. Sein Gesicht war fest, ruhig, doch auch zart, die Augen blau und zugleich sanft.«4 Er hatte einen unwiderstehlichen natürlichen Charme. Gojko Nikoliš, ein Serbe aus Kroatien, Arzt und Kämpfer im Spanischen Bürgerkrieg, beschrieb in einem Tagebucheintrag vom November 1941 seine erste Begegnung mit Tito so: »Tito fand ich am nächsten Tag in einem geräumigen und einfach eingerichteten Zimmer. […] Nach Gruß und Rapport erfasste ich den Mann mit einem Blick und erkannte in ihm sofort ganz bestimmte Züge, in ihm, der das Schicksal unseres Kampfes lenkte und auf den wir so lange gewartet hatten. Zuerst sah ich die blauen, ein wenig verschleierten Augen, dann ein bis ins Detail gemeißeltes Gesicht; das Gesicht eines idealen klassenbewussten Arbeiters, eines Proletariers. Als wäre er einem russischen Bild aus der Zeit des Proletkults entstiegen.«5

Aber Tito verstand es nicht nur, seine Anhänger zu begeistern. Der Leiter der britischen Militärmission bei seinem Obersten Stab notierte über den Eindruck, den Tito bei einer Begegnung im Jahre 1943 auf ihn machte, Folgendes: »Was die äußere Erscheinung betrifft, so ist Tito eine imposante Persönlichkeit: er war 52 Jahre alt, von kräftiger Statur, das Haar von stahlgrauer Farbe. Sein ebenmäßiges Gesicht, wie aus Stein gemeißelt, war ernst und sonnengebräunt, die Gesichtszüge unbestreitbar entschlossen. Dem Blick seiner hellblauen Augen blieb nichts verborgen. In ihm war die Energie eines Tigers konzentriert, der zum Sprung ansetzt.«6 Der westdeutsche Botschafter betonte nach seinem ersten Empfang bei Tito in der Villa Bled im Jahre 1951, dass er keine Ähnlichkeit mit Hermann Göring, Hitlers Luftwaffenminister, habe, wie böse Zungen behaupteten: »Obwohl nur von mittlerer Größe, ist er nicht korpulent, sondern nur sehr kräftig, wie aus einem Stück gebaut. Sein Gesicht ist ernst und überhaupt nicht aufgedunsen, sehr energisch, aber nicht brutal. Am auffallendsten sind die hellblauen Augen, die bei seinem auf Brioni von der Sonne gebräunten Teint noch heller wirken.«7

Zehn Jahre später haben während einer Afrikareise Titos Augen den serbischen Romanschriftsteller Dobrica Ćosić, der ihn begleitete, fasziniert, aber auch beunruhigt. »Ein stets wechselnder Gesichtsausdruck«, schrieb er, »einmal sentimental, nachdenklich, introvertiert; einmal drohend, streng und gefährlich; einmal heiter und gutmütig. Manchmal, als würde er dösen oder um jemanden trauern. Und dann blitzt eine Drohung in den grünlichen Augen auf, Trotz, Selbstvertrauen. Weder die Anstrengung noch das Alter sind zu bemerken. Noch bei keinem Menschen habe ich solche Augen gesehen …«8

Anfang der siebziger Jahre weilte eine französische Delegation mit Premier Chaban-Delmas an der Spitze bei Tito. Eugène de la Fournière, eines ihrer Mitglieder, fasste seine Eindrücke von der Begegnung mit Tito in der Feststellung zusammen, dass dieser eben alt sei und sich diese Tatsache nicht übersehen lasse. »Noch immer erweckte er den Anschein guter physischer Kondition, mit einem lebhaften Sinn für Humor – wie ein Gargantua aß und trank er und war stets zu Scherzen aufgelegt. Aber wie das bei alten Menschen oft der Fall ist, neigte er dazu, sich zu wiederholen oder den Faden zu verlieren. […] Wie alle Kommunisten der älteren Generation hatte er unstete Augen. Anfangs sah er zu Boden oder weg von seinem Gesprächspartner. Aber von Zeit zu Zeit kam ein gerader Blick, und ich wäre nicht gern der Feind eines Menschen mit solchen Augen gewesen«.9

Der Erste, der über das Gefährliche in Titos Blick sprach, war Louis Adamič, ein amerikanischer Schriftsteller slowenischer Herkunft, der 1949 in die Heimat zurückgekehrt war. In seinem umfangreichen Buch The Eagle and the Roots berichtet er von zahlreichen Gesprächen mit Tito. Sie sprachen insgesamt an die dreißig Stunden miteinander. Es entwickelte sich eine kameradschaftliche Beziehung, die ihm erlaubte, ihm manches zu sagen, was ihm sonst niemand in seiner Umgebung hätte sagen dürfen. So machte er zum Beispiel keinen Hehl aus seiner kritischen Einstellung gegenüber Titos »Bonapartismus« und seiner Manie für Uniformen. Nach einer politischen Sitzung, die für Tito in einer wahren Apotheose geendet hatte, verhehlte Adamič seine Reserviertheit nicht. Als dieser im Begriff war zu gehen, bemerkte er, dass der Schriftsteller ihn beobachtete: »Urplötzlich und mit einem Aufblitzen in den Augen – das nicht nur Schalkhaftigkeit war – sagte er: ›Wissen Sie, Herr Adamič, zufällig bin ich der Oberbefehlshaber der bewaffneten Streitkräfte.‹ Das war also seine Antwort auf meine Kritik an seiner Marschallsuniform.«10

Henry Kissinger, Außenminister unter dem amerikanischen Präsidenten Richard Nixon, meinte: »[Tito war ein Mensch,] dessen Augen nicht immer gleichzeitig mit seinem Gesicht lachten«.11 Wusste er, dass man Ähnliches auch von Stalin behauptete?12 Stalin jedenfalls hat, vielleicht deshalb, weil sie einander ähnlich waren, dieses Merkmal Titos sofort bemerkt. Bei einer ihrer ersten Begegnungen im September/Oktober 1944 sagte er zu ihm: »Weshalb haben Sie Augen wie ein Luchs? Das ist nicht gut. Sie müssen mit den Augen lachen. Und dann mit dem Messer in den Rücken!«13


1892–1939


Der junge Broz – Erster Weltkrieg, Kriegsgefangenschaft und Aufstieg in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ)
LEHR- UND WANDERJAHRE

Josip Broz, wie Tito mit bürgerlichem Namen hieß, wurde am 7. Mai 1892 (zu seinem Geburtsdatum machte er unterschiedliche Angaben)1 als Untertan von Kaiser Franz Joseph I. im Zagorje im Dorf Kumrovec an der Grenze zwischen dem Königreich Kroatien-Slawonien und dem Herzogtum Steiermark geboren. Zwar waren beide Verwaltungseinheiten Teil der Habsburger Monarchie, doch erstere gehörte zu den Ländern der Stephanskrone, während letztere Erbland der Habsburger Dynastie war. Franz Joseph war in Wien Kaiser, in Budapest aber nur König, was nicht nur von formaler Bedeutung war, vor allem nicht ab 1867, als die innerhalb seines Herrschaftsgebietes entstandenen zwei Staaten außer dem Monarchen selbst nur drei Schlüsselministerien gemeinsam hatten: das Kriegs-, das Finanz- und das Außenministerium. Während sich die österreichische Hälfte langsam aber stetig im Rhythmus der industriellen Revolution modernisierte, verblieb die ungarische Hälfte im Würgegriff der konservativen Feudalklasse, die kein Interesse an nationalen und sozialen Fragen hatte. Wäre Josip Broz nur wenige Kilometer von seinem Dorf entfernt im Bistrica-Tal im Haus seiner Mutter Marija geboren und aufgewachsen, wäre sein Schicksal wahrscheinlich anders verlaufen. Wegen des weit verzweigten Netzes der katholischen Kirche im Bistum Ljubljana hätte der örtliche Pfarrer sicherlich seine Begabung bald bemerkt und ihn aller Wahrscheinlichkeit nach zum Studium an den Bischöflichen Lehranstalten in die Hauptstadt Krains geschickt. Von dort hätte ihm der Weg in ein Priesterseminar und an die theologische Fakultät offengestanden, oder sogar auf die Universität, wenn es ihm gelungen wäre, sich der geistlichen »Berufung« zu entziehen. (Seine gläubige Mutter hoffte, dass er Pfarrer würde.) Da er jedoch im Zagorje geboren wurde und aufwuchs, wo die Kirche nicht so präsent war wie in den slowenischen Landen, kümmerte sich niemand so recht um seine Erziehung. Er absolvierte gerade einmal vier Klassen der Grundschule und einige Jahre der Berufsschule. Außerdem hatte der häufig betrunkene örtliche Pfarrer den zwölfjährigen Ministranten wegen seiner Ungeschicklichkeit beim Ausziehen des Messgewands geschlagen und beschimpft, was ihm der kleine Joža sehr übelnahm: »Ich ging zwar sonntags immer noch zur Messe, weil die Mutter es so wollte, aber ich denke, dass ich von diesem Augenblick an für immer mit der Kirche abgeschlossen hatte.«2 Seine Familie gehörte nicht zu den ärmsten im Dorf, doch da sie mit fünfzehn Kindern »gesegnet« war, von denen acht früh verstarben, und sein Vater Franc, ein Mann von schwachem Charakter, – »schwarz wie der Teufel« – dem Alkohol verfallen und gezwungen war, sein bisschen Land zu verkaufen3, musste er schon an der Schwelle zur Pubertät sein Brot in der Fremde verdienen.4 Von seinem Vater sprach er zeitlebens nicht gern, und auch von den Bauern seiner Heimatregion Zagorje hatte er nicht die beste Meinung. So beschrieb er seine Landsleute Jahre später: »Diejenigen, die mit dir nicht einverstanden sind, stehen abseits, den Hut in die Stirn gedrückt, die Hände in den Taschen. Sie sind sehr passiv und unintelligent.«5 Andererseits wusste er seit seiner Kindheit von den Bauernaufständen, die seine Heimat in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erfasst hatten; und er wusste auch um den tragischen Tod von Matija Gubec und seiner Anhänger nach der Niederlage von 1573. Die siegreichen Feudalen hatten ihn auf dem Zagreber Hauptplatz mit einem weißglühenden Reif gekrönt und anschließend gevierteilt. Daher verwundert es auch nicht, dass in seinem Arbeitszimmer in Belgrad ein großes Bild des Malers Krsta Hegedušić hing, das die aufständischen Bauern in der epischen Schlacht bei Stubica zeigt, in der sie endgültig besiegt wurden.6

Zunächst wollte Broz Schneider werden, weil er schöne Anzüge liebte, doch der Lehrer der örtlichen Schule meinte, als ein unruhiger Bursche sei er für einen sitzenden Beruf nicht geeignet. Stattdessen fing er in einer Gastwirtschaft in Sisak an – diese Arbeit hatte er sich ausgesucht, weil die Kellner in seinen Augen elegant waren –, doch nach kurzer Zeit sattelte er um und begann als Schlosserlehrling. Er war tatsächlich ein unruhiger Geist: Gleich nachdem er 1910 ausgelernt hatte, wechselte er mehrfach den Arbeitsplatz, er arbeitete in Kroatien, in Krain, in Böhmen, in Bayern, im Ruhrgebiet und in der Wiener Neustadt. Er spielte sogar mit dem Gedanken, nach Amerika auszuwandern, kam aber nur bis Triest, wo es ihm schlecht ergangen wäre, wenn die lokalen Sozialdemokraten nicht eine Armenküche unterhalten hätten.7 In Zagreb trat er 1910 dem Verband der Metallarbeiter und im darauffolgenden Jahr dem Bund der Sozialistischen Jugend bei, womit er automatisch auch Mitglied der Sozialdemokratischen Partei wurde.8 »Unsere Jugend«, erinnerte sich sein Zeitgenosse Miroslav Krleža, »spielte sich in jenen hoffnungslos langweiligen und grauen Straßen der Zagreber Unterstadt ab […], wo die Kneipen armselig sind und stinken, wo die Läden nach Mehl und Stockfisch riechen wie in der hintersten Provinz und wo in den öden zweistöckigen Häusern schlecht bezahlte graue Beamte eines grauen und langweiligen Kaiserreichs auf dem Totenbett wohnen.«9

Im Herbst 1913 wurde er zum Militär einberufen, wo er es im Regiment rasch zum Zugführer brachte. Mit einundzwanzig Jahren war er einer der jüngsten Unteroffiziere der k.u.k. Armee.10 Als ehemaliges Mitglied des »slawisch« ausgerichteten Jugend- und Sportverbands Sokol war er ein guter Turner, ein ausgezeichneter Skiläufer und Fechter. Nach eigener Überzeugung erhielt er bei einem in Budapest von der Armee organisierten Fechtturnier lediglich deshalb nur die Silbermedaille, weil er Kroate und weil sein Gegner gräflicher Abstammung war.11

Gegenüber der Habsburger Monarchie hegte er auch in späteren Jahren keine feindseligen Gefühle, denn er sah in ihr einen wohlgeordneten Staat, wenngleich er sich schon zu dieser Zeit für die jugoslawische Idee begeisterte. Als einmal in einem Gespräch die Rede auf König Nikola von Montenegro kam und Milovan Đilas ihn verächtlich eine Operettenfigur nannte, widersprach Tito: »Ach nein. Uns jungen Leuten war er sympathisch – er war mutig, ein Patriot, ein Jugoslawe …«12 Zugleich blieb er seiner Heimat bis an sein Lebensende verbunden. 1971, während eines heftigen Konflikts mit den Zagreber »Liberalisten «, die seiner Meinung nach gegenüber den kroatischen Nationalisten allzu nachgiebig waren, sagte er – schon ein wenig angetrunken – zu Savka Dabčević-Kučar, der Präsidentin des Kroatischen Zentralkomitees: »Ihr glaubt in Wirklichkeit, ich hätte kein Nationalgefühl, dass ich mich überhaupt nicht als Kroate fühlen würde, dass ich als junger Proletarier in die Welt hinausgegangen wäre und mir der proletarische Internationalismus jedes Nationalgefühl ausgetrieben hätte. Ich bin auch Internationalist, weil wir Kommunisten sind, und wir müssen auch alle Internationalisten sein! Aber ich bin auch Kroate!«13


IM ERSTEN WELTKRIEG

Als Ende Juli 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, kam Broz’ Regiment zunächst an die serbische Front an der Drina, wo er von August bis Dezember als Feldwebel des 25. Domobranen-Infanterieregiments diente, und später in die Karpaten an die russische Front. Zuvor hatte man ihn noch in Petrovaradin bei Novi Sad für mehrere Tage ins Gefängnis geworfen. Man beschuldigte ihn, Antikriegshetze zu betreiben. Er selbst bezeichnete das später als Irrtum der Militärbehörden.14

Bei den schweren Kämpfen gegen die Russen in Ostgalizien, wohin er im Februar 1915 versetzt worden war, tat er sich als Kommandant eines Spähtrupps hervor und wurde sogar für eine Auszeichnung vorgeschlagen. »In der Nacht vom 17. auf den 18. März 1915 leitete er als Anführer einer Infanterie-Patrouille (vier Mann) einen Überfall auf eine feindliche Feldwache in Stare Krzywotulije, nahm alle elf Russen gefangen und brachte sie zu seiner Einheit«, heißt es in einem Dokument. »Dieser Unteroffizier meldet sich stets freiwillig zu jedem gefährlichen Einsatz […] und hat in den feindlichen Reihen schon mehrfach für ein Durcheinander gesorgt.«15 Für diesen Erfolg erhielt er eine beträchtliche Geldsumme, denn die Kommandantur bezahlte fünf Kronen für ein erbeutetes Gewehr.16 Doch bevor Broz die »kleine silberne Tapferkeits-Medaille « entgegennehmen konnte, wurde er zu Ostern in der Bukowina bei einem Gefecht mit Tscherkessen, Angehörigen der Wilden Division, die für ihre Grausamkeit bekannt waren, schwer verwundet.17

An jenem schicksalhaften Tag stieß sein Zug zunächst auf Russen, die sie sofort angriffen. Aber Broz hatte seinen Untergebenen befohlen, nicht zu schießen, weil er sich ergeben wollte. Doch nach den Russen stürmten Tscherkessen an und umzingelten seine Einheit. »Wir hatten das Herannahen der Tscherkessen nicht einmal bemerkt, bis sie auftauchten und sich in unsere Schützengräben stürzten.« Obwohl Broz beide Hände hob, wurde er von einem Tscherkessen mit einer zwei Meter langen Lanze angegriffen, während er selbst sich mit dem Bajonett zu verteidigen suchte. Doch dann stieß ihm ein zweiter Soldat eine Lanze mehrere Daumenbreit unters rechte Schulterblatt. »Als ich mich umdrehte, sah ich das entstellte Gesicht eines zweiten Tscherkessen und seine riesigen schwarzen Augen unter den buschigen Brauen.«18 Er stürzte zu Boden. Das Letzte, was er mitbekam, war ein russischer Soldat, der sich auf den Tscherkessen warf, als dieser Broz den Todesstoß versetzen wollte. Er wurde zusammen mit seinem gesamten Bataillon gefangen genommen. Zu Bewusstsein kam er erst wieder im Lazarett.19

Während sein Name auf die Verlustliste gesetzt wurde, begann in seinem Leben ein neues Kapitel.

Er war einer von zwei Millionen österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen, den voennoplennyj, die von den Russen im ganzen riesigen Zarenreich auf Lager verteilt wurden. Zunächst lag er für fast ein Jahr, von Mai 1915 bis März 1916, in einem improvisierten Lazarett des Uspenski-Klosters in dem Ort Svijažsk an der Wolga (Gouvernement Kazan), dann wurde er in ein Lager nahe der Stadt Alatir am Fluss Sura bei den Tschuwaschen verlegt. Dort lernte er die Tochter eines Arztes und ihre Freundin kennen, die die Kriegsgefangenen besuchten und den Kranken kleine Gefälligkeiten erwiesen. Sie liehen ihm Bücher und luden ihn mehrmals zu sich nach Hause ein: »Ständig drängten sie mich, ich solle (Klavier) spielen.« Und so erlernte er es auch.20 Zwar hätte er sich aus der Gefangenschaft retten können, wenn er dem Freiwilligenkorps beigetreten wäre, für das die Serben »Landsleute« aus Österreich-Ungarn für die Front in der Dobrudscha rekrutierten, doch gemeinsam mit siebzig Kameraden lehnte er es ab, in den Kampf zurückzukehren. Da er Unteroffizier war, hätte er gemäß der Genfer Konvention nicht zur Arbeit eingesetzt werden dürfen, er meldete sich indes freiwillig, woraufhin man ihn zu einem Großbauern in das Dorf Kalasejewo nahe der Stadt Ardatow im Gouvernement Simbirsk schickte, wo er Mechanikerarbeiten in einer Dampfmühle verrichtete. Im Herbst 1916 verlegte man ihn gemeinsam mit anderen Kriegsgefangenen an den Ural, in die Stadt Kungur, unweit von Jekaterinburg. Dort arbeitete er an einer Eisenbahnstrecke als Übersetzer und »älterer« Gefangener, d. h. als Aufseher. Im Mai 1917 schickte man ihn weiter zu der kleinen Bahnstation Ergatsch in der Nähe von Perm. Als er dort mit dem Lagerkommandanten aneinander geriet, wurde er zweimal eingesperrt und von drei Kosaken derart brutal verprügelt, dass er diese Schläge niemals vergaß.21

Im Chaos im Gefolge der Februar-Revolution floh er im Sommer 1917 aus dem Lager und schlug sich bis nach Petrograd durch, in der Hoffnung, in der Putilow-Fabrik Arbeit zu finden, wo er für zwei oder drei Tage tatsächlich eingestellt wurde. Er hatte sogar Gelegenheit, Lenin zu hören und den Schriftsteller Maxim Gorki zu sehen. Lenin gegenüber hegte er sein ganzes Leben lang tiefen Respekt, wovon die Tatsache zeugt, dass in all den Jahren, die er an der Macht war, auf seinem Arbeitstisch in Belgrad seine Fotografie und auf dem Schrank eine kleine Lenin-Büste standen.22

Als es am 13. Juli zu Demonstrationen kam, bei denen die Bolschewiki versuchten, die Macht zu übernehmen, schloss er sich diesen an. Doch als die Demonstrationen im Keim erstickt wurden, sah er die Revolution als gescheitert an. Nur dem Zufall war es zu verdanken, dass er nicht vom MG-Feuer der Polizisten niedergemäht wurde. Anfangs versteckte er sich an den Brücken der Newa, dann floh er nach Finnland, damals autonomes Fürstentum innerhalb des Russischen Reichs. In der Nähe der Stadt Oulu wurde er verhaftet, und weil er nicht Finnisch sprach, hielt man ihn für einen »gefährlichen Bolschewiken«. Schließlich konnte er die Polizei davon überzeugen, dass er ein österreichischer Kriegsgefangener war, und wurde freigelassen. Er kehrte nach Petrograd zurück, wo er erneut verhaftet und für drei Wochen in die Peter-und-Paul-Festung eingesperrt wurde.23 Wer diese Gefängnisse kennt, kann nicht daran zweifeln, dass er sich erleichtert fühlte, als man in ihm einen voennoplennyj, einen Kriegsgefangenen, erkannte und ihn wieder in den Ural schickte. Doch noch vor der Ankunft in Kungur gelang es ihm, nach Sibirien zu fliehen. Bei einem Halt sprang er aus dem Eisenbahnzug für Deportierte, und obwohl ihn ein Wärter aus einem seiner früheren Lager erkannte, gelang ihm die Flucht. Er bestieg einen Personenzug, ohne Geld und ohne Fahrkarte, was aber den Schaffner nicht kümmerte, da an diesem Tag Lenin die Macht ergriffen hatte. »Wir fuhren lange. Im Zug kam es zu Prügeleien. Soldaten warfen Offiziere der Weißen aus dem Waggon.«24 Schließlich gelangte Broz nach Omsk, wo er sich der Internationalen Roten Garde anschloss, bei der er von Spätherbst 1917 bis Frühjahr 1918, also während der Zeit des Bürgerkriegs zwischen den Roten und den Weißen, als Wachmann und Mechaniker Dienst tat. In dem Dorf Michailowka nahe Omsk, wo er erneut in einer Dampfmühle arbeitete, lernte er die kaum dreizehn- oder vierzehnjährige Pelagija D. Belousowa kennen, die Polka gerufen wurde, und ging mit ihr die erste seiner insgesamt fünf ernsthaften Verbindungen ein. Von denen keine einzige glücklich endete.25

1918 ersuchte er um die sowjetische Staatsbürgerschaft und um Aufnahme in die Kommunistische Partei, wobei er Erstere nie erhielt und Letztere erst zwei Jahre später, nachdem sich die Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ) gegründet hatte.

Jedenfalls war seine Zeit bei der Internationalen Brigade keine besonders heroische, denn entgegen der späteren offiziellen Geschichtsschreibung war er nie »Soldat der Revolution«. Infolge seiner Kriegsverletzung war er noch zu schwach, um an die Front zu gehen, und spuckte noch immer Blut. Doch das sibirische Omsk, wo seine Einheit stationiert war, wurde bald von der Weißen Garde des Generals Alexander W. Koltschak eingenommen, die eine systematische Jagd auf mögliche Gegner bzw. Deserteure einleitete. Vor den »Weißen« und ihrem Terror, vor allem aber vor der drohenden Zwangsmobilisierung in die tschechoslowakische oder serbische Legion, die sich beide auf die Seite der Konterrevolution geschlagen hatten, versteckte sich Broz in einem kirgisischen »Aul« (Dorf) etwa siebzig Kilometer von Omsk entfernt. Hier arbeitete er erneut als Mechaniker in einer Dampfmühle, die dem reichen Bauern Isaija Džaksenbajev gehörte. Aber die Tschechen besetzten auch dieses abgelegene Gebiet und versuchten, ihn zu verhaften, da sie von seinen Kontakten zu Kommunisten aus Omsk wussten. Es ist nicht klar, ob er von Džaksenbajev versteckt wurde, oder ob örtliche Bauern, unter denen er für die Sowjetmacht agitiert hatte, seine Identität verschleierten und bezeugten, dass er schon seit 1915 bei ihnen lebe und somit kein Deserteur sei – jedenfalls gelang es Broz, einer Gefangennahme zu entgehen.

Bei den Kirgisen hatte er sich beliebt gemacht als ein mutiger, einfallsreicher und entscheidungsfreudiger Mann mit einer ungewöhnlichen Gabe für den Umgang mit Tieren. Das war ein Charakterzug, den er sein Leben lang beibehielt. Davon zeugt auch eine Anekdote, die aus dieser Zeit stammt26: Freunde schenkten ihm einen jungen Falken. Broz zog ihn auf und und beschloss, als er herangewachsen war, ihn freizulassen. Doch zwei Tage später kam der Falke wieder zurück und setzte sich auf seine Schulter. Ruhig wartete er darauf, gefüttert zu werden. Als er satt war, flog er fort, kehrte aber nach zwei Tagen erneut zurück. Erst beim vierten Mal flog er für immer davon. Alle, die diese Geschichte gehört hatten, sagten: »Alles, was lebt, muss einen Menschen wie Broz lieben.«27

Nachdem die Rote Armee Koltschak und seine Truppen Ende 1919 aus Omsk vertrieben hatte und der Eisenbahnverkehr mit Petrograd wieder hergestellt war, entschloss sich Broz, mit seiner Frau die Heimreise anzutreten. In Petrograd, wo er ca. drei Wochen blieb, erfuhr er, dass auf den Trümmern des Habsburger Kaiserreichs das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS) gegründet worden war und in dem neuen Staat die Revolution ausgebrochen sei. (Diese Meldung war allerdings übertrieben.) Die sowjetischen Behörden ernannten ihn zum Kommandanten einer Einheit von Kriegsgefangenen aus den ehemals österreichischen Ländern, die nun Staatsbürger der neuen Monarchie waren.28 Mit dieser kehrte er im September 1920 über das Baltikum in die Heimat zurück, wobei die jugoslawischen Repräsentanten in Wien seinen Grenzübertritt zu verhindern suchten, weil ihn zwei serbische Kameraden beschuldigten, Kommunist zu sein. In Maribor wurde er zusammen mit seiner Frau tatsächlich in Quarantäne gesteckt, doch bereits nach einer Woche erlaubte man ihm, nach fünf Jahren Kriegsgefangenschaft in sein Heimatdorf zurückzukehren.29 Aber Russland und Sibirien mit der Taiga, dem Mondlicht und den Pferden bewahrte er bis an sein Lebensende tief in seinem Herzen. Zum Land der Sowjets bewahrte er bis ins hohe Alter eine tiefe emotionale Beziehung.30 Als 1952, auf dem Höhepunkt des Konflikts mit Stalin, einer seiner Generäle in vulgären Worten auf die Sowjetunion schimpfte, sagte er in höchst erregtem Ton: »Jeder Wolf hat sein Rudel, das er niemals verlässt. So ist es auch mit mir.«31 Trotz aller Enttäuschungen, Zweifel und Konflikte war für Tito klar, »dass der sozialistische Kontinent real existiert, dass er ein Sechstel unseres Planeten ausmacht und dass er den Beginn eines Prozesses bedeutet, der nicht aufzuhalten ist«.32 Wie Veljko Mićunović, einer seiner wichtigsten Diplomaten, bezeugt, hinterlegte er zu Beginn der siebziger Jahre sogar sein Testament in der Sowjetunion, weil »er den Leuten rings um sich nicht traute«.33


ANFÄNGE DER PARTEITÄTIGKEIT

Zuhause erfuhr Josip Broz, dass seine Mutter zwei Jahre zuvor an der Spanischen Grippe gestorben war. Er selbst bezeichnete diesen Tag als den »schmerzlichsten meines Lebens«.34

In der Heimat fand er völlig veränderte politische und soziale Verhältnisse vor – die Habsburger Monarchie gab es nicht mehr, und die Leerstelle, die dieses Jahrhunderte alte Staatsgebilde hinterlassen hatte, wurde von einer seltsamen Chimäre ausgefüllt: dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, in dem sich unter dem Zepter der Karađorđevićs Südslawen aus dem mitteleuropäischen und dem levantinischen Kultur- und Geschichtskreis zusammengeschlossen hatten. Außer den drei ethnischen Hauptgruppen sowie den Mazedoniern, Montenegrinern und muslimischen Bosniern, denen Belgrad nicht den Status selbstständiger Nationen zuerkannte, lebten in diesem Staat noch mindestens siebzehn Minderheiten (Albaner, Ungarn, Deutsche und andere), was ihm den Charakter des vielfältigsten Staates Europas verlieh. Achtzig Prozent der Bevölkerung lebte auf dem Lande, wo sich seit der osmanischen Herrschaft nicht viel verändert hatte – wenn die Verhältnisse aufgrund des entsetzlichen Elends, das der Krieg verursacht hatte, nicht noch schlechter waren.35

Es zeigte sich bald, dass sich über eine so buntgemischte und potenziell zum Umsturz neigende Gesellschaft nur mit harter Hand herrschen ließ. So erließ die Belgrader Regierung schon Ende Dezember 1920 ein Staatsschutzgesetz (die sogenannten Obznana), mit dem die gerade gegründete Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ) verboten und in die Illegalität getrieben wurde. Die Partei, die ihre Wurzeln in den sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien der Vorkriegszeit mit jeweils unterschiedlicher Tradition und Kultur hatte, wurde dadurch natürlich stark geschwächt: Von den 65 000 Mitgliedern, die sie 1920 zählte, schrumpfte sie bis 1924 auf 688 Mitglieder.36 Josip Broz schloss sich der Partei zwar an, trat aber in den wüsten Fraktionskämpfen zwischen den Führern der KPJ, diesen Generälen ohne Armee, politisch nicht hervor.

Er engagierte sich stattdessen in Gewerkschaften, auf die die Kommunisten starken Einfluss hatten. Doch auch diese Aktivitäten sorgten dafür, dass er schikaniert, aus dem Dienst entlassen, ins Gefängnis geworfen und dort misshandelt wurde.37 Wie schon vor dem Krieg hielt er es nie lange an einem Arbeitsplatz aus: Er arbeitete in Zagreb, in Bjelovar, auf einer Werft in Kraljevica, in Veliko Trojstvo und in einer Waggon-Fabrik in Smederevska Palanka. Für kurze Zeit kehrte er auch in seinen ersten Beruf zurück und arbeitete als Kellner, wurde jedoch bald entlassen, weil er unter den Kollegen einen Streik organisiert hatte.38

1926 wollte er sich in Belgrad einer der lokalen Parteizellen anschließen. Aber die rechtsgerichtete Fraktion, die in der Stadt an der Macht war, wollte ihn nicht aufnehmen, weil ihre Führer der Meinung waren, er gehöre weder zu ihnen noch zu den Linken. »Dieser Fraktionismus erreichte ein solches Ausmaß, dass es für anständige Kommunisten unmöglich wurde, den Parteiorganisationen beizutreten. Nur damit die Führer ihre Stellung sichern konnten […], denn sie bekamen Unterstützung von der Komintern. Das heißt, nicht nur Unterstützung, sondern vielmehr ein monatliches Gehalt […], deutlich höher als das hoher Beamter. […] Auch das bewog mich neben anderen Erkenntnissen, den Kampf gegen den Fraktionismus aufzunehmen.«39 Zurück in Zagreb begann Broz 1927 als Sekretär des Bundes der kroatischen Metall- und Lederarbeiter und später als Sekretär des Stadtkomitees der KP mit der Agitationsarbeit, wobei er sich sowohl der linken als auch der rechten Fraktion widersetzte. Erstere betonte das föderalistische, Letztere das zentralistische Konzept der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung, worin natürlich auch die unterschiedliche politische Kultur Belgrads und Zagrebs zum Ausdruck kam. Wie Miroslav Krleža später festhielt, »drehte sich die Diskussion in einem Teufelskreis nach dem Motto: ›ohne vollständige Demokratie keine Lösung der nationalen Frage‹ bzw. ›ohne Lösung der nationalen Frage keine vollständige Demokratie‹«.40

Da sie von Mitte der Zwanziger bis Mitte der Dreißiger im Königreich SHS, »diesem künstlichen Versailler Gebilde«, nur ein mögliches Sprungbrett der imperialistischen Mächte zum Angriff auf die Sowjetunion sah, sprach sich das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationalen (EKKI), jene Organisation, die alle kommunistischen Parteien der Welt miteinander verband und sie Moskau unterordnete, für die Zerstückelung des Staatsgebildes und die Gründung einer Föderation sozialistischer Republiken auf dem Balkan aus. In einer im Frühjahr 1925 veröffentlichten Resolution einer Sonderkommission der Komintern heißt es in einer Anweisung an die KPJ: »Die Partei muss mit einem Höchstmaß an Propaganda und Agitation die werktätigen Massen in Jugoslawien davon überzeugen, dass der Zerfall eines solchen Staates der einzige Weg zur Lösung der nationalen Frage ist. […] Solange Jugoslawien nicht untergegangen ist, ist eine ernsthafte kommunistische Aktivität nicht möglich. Wir müssen folglich Jugoslawien mit Unterstützung der separatistischen Bewegungen im Lande zerschlagen.«41 Deshalb griff die Komintern die rechte Fraktion und ihren Führer, den Serben Sima Marković, Sekretär der KPJ, scharf an. Marković lehnte das leninistische Prinzip der Selbstbestimmung der Völker ab, wurde dafür von Stalin höchstpersönlich kritisiert und 1929 aus der Partei ausgeschlossen. Gleichzeitig nahm die Komintern auch gegenüber der von Rajko Ivanović geführten linken Fraktion eine kritische Haltung ein. Die hatte unter anderem behauptet, die Bauern seien ihrer Natur nach unweigerlich Verbündete der Bourgeoisie, nicht aber der Arbeiterklasse. 1928 charakterisierte das Provisorische Exekutivkomitee der Komintern in einem offenen Brief an die Mitglieder der KPJ den Konflikt zwischen beiden Gruppen folgendermaßen: »Die lebenswichtigen Fragen des proletarischen Kampfes wurden an die letzte Stelle gedrängt, während die scholastische Kasuistik, die das fraktionistische Gezänk nur noch schürte, an die erste Stelle gerückt war.«42

Schließlich schien sich die »Zagreber Linie« durchzusetzen. Diese forderte eine Überwindung des Fraktionen-Streits und dass die Intellektuellen an der Parteispitze durch Arbeiter ersetzt werden müssten. »Wir suchten«, erinnerte sich Tito, »einen Ausweg aus der schwierigen Situation, in der sich die kommunistische Bewegung Jugoslawiens befand. Wir kamen zu der Erkenntnis, dass wir als Erstes die Partei gesundmachen und ihre Einheit erkämpfen mussten.« Dieser Kampf war nicht ohne Wagnis, denn die Führung der KPJ war gern bereit, gegen Kritiker schwerste Sanktionen zu verhängen und sie als parteifeindliche Elemente abzustempeln.43

Ohne selbst Position zu beziehen stellte Josip Broz fest, dass der langjährige interne Kampf die Parteiführung gelähmt und jede wirklich revolutionäre Aktion verhindert habe, und mithilfe von Andrija Hebrang gelang es ihm 1928 auf der VIII. Konferenz Ende Februar das Sekretariat des Zagreber Stadtkomitees zu übernehmen, wenngleich manche aufgrund seiner mangelnden Bildung Zweifel an seiner Eignung hatten. Eigentlich war Hebrang für diese Position vorgesehen, dieser hatte aber zugunsten von Broz verzichtet, da er der Meinung war, dass der Sekretär ein Proletarier sein müsse, während er selbst Bankbeamter war. Es handelte sich um die zahlenmäßig stärkste kommunistische Organisation im Königreich Jugoslawien mit ungefähr 180 Mitgliedern, und zwei Monate später wurde sein Standpunkt in einem offenen Brief auch von der Komintern bestätigt: »Die Auftritte in der Organisation der Stadt Zagreb zeigen, dass die KPJ eine gesunde Mitgliederbasis hat, die mit fester Arbeiterhand in der Partei für Ordnung zu sorgen versteht.« Diese »bolschewistische« Ausrichtung, die der Partei eine innere Kohäsion leninistischen Typs geben, sie vom »Alptraum des Fraktionismus« befreien und sich der Arbeit unter den Massen44 widmen wollte, konnte sich in den folgenden Jahren zwar nicht durchsetzen, lenkte jedoch die Aufmerksamkeit auf Broz und Hebrang, allerdings auch die der Polizei.45 »Genosse Georgijević«, wie Broz damals in der Partei hieß, war bereits 1927 wegen revolutionärer Tätigkeit zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt worden, am 1. Mai 1928 wurde er erneut verhaftet wegen der Ausschreitungen, die die Kommunisten im Kino Apollo gegen eine Versammlung der städtischen Sozialistischen Partei organisiert hatten. Unter den Störenfrieden, die während der Festveranstaltung »Nieder mit den Sozialpatrioten! Nieder mit den Dienern der Kapitalisten!« schrien und sich mit den Versammelten prügelten, befand sich auch Broz. Man verhaftete ihn und verurteilte ihn gemeinsam mit den Genossen zu vierzehn Tagen Gefängnis. Bei dieser Gelegenheit wurde eine Personenbeschreibung angefertigt, in der es heißt, dass er 170 cm groß sei, graue Augen habe, dass ihm Zähne fehlten, dass er aufgrund von Kurzsichtigkeit ständig eine Brille trage und bisher unbescholten sei.46 Offenbar wusste man auf der Polizeiwache nicht, mit wem man es zu tun hatte. Im Juli und August des folgenden Jahres wurde er erneut verhaftet, diesmal unter der Anschuldigung, einen Aufstand organisiert zu haben, der das verhasste Regime der Karađorđevićs stürzen sollte. In Zagreb brachen tatsächlich Streiks, Massendemonstrationen und Unruhen aus, die auch mehrere Todesopfer forderten.47

Der Augenblick für eine Revolution schien äußerst günstig, denn am 20. Juni 1928 war es im Belgrader Parlament zu einem Attentat gekommen, dem mehrere kroatische oppositionelle Abgeordnete zum Opfer gefallen waren. Der Attentäter war Puniša Račić, ein montenegrinisches Mitglied der regierenden Radikalen Partei, das in den Vertretern der Kroatischen Bauernpartei (HSS) Todfeinde eines geeinten und streng zentralisierten Staates sah. Unter seinen Opfern war auch der charismatische Führer der Partei Stjepan Radić, der Ende August nach mehreren qualvollen Wochen seinen Wunden erlag. Diesen Krisenmoment wählte die KPJ gemäß den Anweisungen der Komintern für eine Aktion: Ihre Führer, die keinen Rückhalt in den Massen hatten, unternahmen sie mit dem ganzen Enthusiasmus ihrer Unerfahrenheit.48 Doch infolge eines Verrats aus den eigenen Reihen war die Gendarmerie schneller. Fünf Tage vor Radićs Tod lauerten zwei Gendarme Broz auf und nahmen ihn fest. »Hätte ich nur ein Prozent Möglichkeit gehabt«, erzählte er später einem Freund, »wäre ich geflüchtet und hätte geschossen.« Bei Broz fand man am 4. August 1928 eine geladene Browning, für die er keinen Waffenschein besaß; in seiner konspirativen Wohnung entdeckte man – neben marxistischer Literatur – unter dem Bett auch einen Korb mit Munition und vier deutsche Handgranaten aus dem Ersten Weltkrieg (später behauptete er zu seiner Verteidigung, man habe sie ihm untergeschoben, was aber nicht der Wahrheit entsprach).49 Man sperrte ihn ein, prügelte ihn und verlangte von ihm, dass er gegen seine Genossen aussagte. Dem verweigerte er sich und trat stattdessen wie auch bei seinem letzten Gefängnisbesuch in einen Hungerstreik. Sein Brief aus dem Gefängnis, in dem er seine Haft-»Qualen« übertrieben schilderte, wurde am 24. August 1928 von dem Organ der Komintern Internationale Presse Korrespondenz unter dem Titel Ein Schrei aus der Hölle der jugoslawischen Kerker veröffentlicht.50

Anfang November stand er vor Gericht, das ihn in einem aufsehenerregenden, effekthascherisch als »Bombenleger-Affäre« bezeichneten Prozess am 14. November 1928 auf der Grundlage des Staatsschutzgesetzes, das »jede kommunistische Propaganda« verbot, zu fünf Jahren Gefängnis verurteilte. Bei der Verhandlung verhielt er sich so, wie es die Komintern den Kommunisten für solche Gelegenheiten vorschrieb: »Habe nur eines vor Augen. Nicht dass deine Strafe möglichst gering ausfällt, sondern dass du mit deinem Verhalten das Ansehen der Partei in den Augen der werktätigen Massen hebst.«51 Gemäß dieser Anweisung erklärte Broz, er fühle sich nicht schuldig und erkenne das »bourgeoise « Gericht, das die reaktionären Kräfte repräsentiere, nicht an. »Es lebe die Kommunistische Partei! Es lebe die Weltrevolution!«52 Und tatsächlich wurde diese Haltung von den Zeitungen vermerkt und auch in Moskau registriert.53 August Cesarec, einer der führenden linken Intellektuellen in Kroatien, schrieb kurz darauf in der illegalen Zeitung Proleter: »Sollte dieser junge und krankhaft ambitiöse Kommunist an die Spitze der KPJ gelangen, wird das eine Tragödie für die Partei.«54

Nach dem Urteil blieb Broz noch einige Tage in den Zagreber Gefängnissen: die Genossen versuchten ihn zu befreien, indem sie mithilfe eines sympathisierenden Wächters eine in einem Brotlaib versteckte Säge in die Zelle schmuggelten. Mit ihr durchsägte Broz fünf der sechs Eisenstangen am Fenster seiner Zelle, ohne dass das jemand bemerkt hätte. Doch bevor er die sechste in Angriff nehmen konnte, wurde er zuerst in eine andere Zelle und kurz darauf nach Lepoglava im kroatischen Zagorje verlegt, wo sich seit 1854 die wichtigste Strafanstalt der Banschaft befand. Der Wächter, der ihm geholfen hatte, geriet bei den Behörden in Verdacht und flüchtete mithilfe der Kommunistischen Partei in die Sowjetunion. Einige Jahre später verdächtigten ihn die Sowjets, ein Agent der jugoslawischen Polizei zu sein und verurteilten ihn zum Tode.55 Unter den Kommunisten, mit denen Broz in Lepoglava und Maribor (Letzteres stand in dem Ruf, »Aleksandars schlimmstes Gefängnis« zu sein) einsaß, erwarb sich Broz rasch Respekt. Vor allem durch sein aufrechtes Verhalten und durch die Disziplin, mit der er sich den Studien des Marxismus-Leninismus widmete. Durch Hungerstreiks hatten die Kommunisten nämlich erstritten, dass sie in Gemeinschaftszellen untergebracht waren, was ihnen die Möglichkeit gab, »den Kerker zur Schule zu machen«. Die benötigte Literatur schmuggelten sie ins Gefängnis. So begann sich in diesem und in anderen Strafanstalten eine neue Generation von politischen Führern herauszubilden – Josip Broz, Moša Pijade, Andrija Hebrang, Aleksandar Ranković, Milovan Đilas –, die sich intensiv marxistisch schulten, sich aber auch mit praktischen Fragen auseinandersetzten, etwa mit Militärtaktik.56 In den Jahren der Gefangenschaft – an die er sich gern mit lockerem Witz erinnerte57 – wurde Broz zum Berufsrevolutionär, wie man im Gefängnis von Maribor richtigerweise bemerkte. Dort schrieb man in seinen Personalbogen unter der Rubrik Fachausbildung (Spezialgebiet): »verbrecherisch: Kommunist«.58

Trotz aller Widrigkeiten hat das Gefängnis Josip Broz wahrscheinlich das Leben gerettet. Nur wenige Wochen nach seiner Verurteilung, am 6. Januar 1929, löste König Aleksandar das Parlament auf, hob die sogenannte Vidovdan-Verfassung aus dem Jahr 1921 auf und führte ein diktatorisches Regime ein, an dessen Spitze er General Petar Živković einsetzte. Der König und sein Premierminister verboten alle Parteien und kündigten einen unerbittlichen Kampf gegen alle oppositionellen Kräfte an: von den Kosovo-Albanern bis zu den mazedonischen Separatisten, von den kroatischen Nationalisten – den gemäßigten wie den radikalen (Ustascha) – bis hin zu den Kommunisten. Zwischen 1929 und 1931 landeten an die zehntausend Linke und andere Angehörige der Opposition in den verschiedenen Polizeigefängnissen. An die hundert KPJ-Mitglieder wurden allein in der Belgrader »Glavnjača« zu Tode gequält.

Nachdem er seine Haftstrafe verbüßt hatte, kehrte der zweiundvierzigjährige Josip Broz im März 1934 ins heimatliche Kumrovec zurück, wie es das Gesetz für ehemalige Häftlinge vorschrieb. Jedoch nahm er sehr bald wieder die illegale politische Arbeit in Zagreb und Bjelovar auf. Bereits im Juli ging er mit dem Auftrag nach Österreich, die gestörten Beziehungen zwischen den Führern der kroatischen Kommunisten und dem Zentralkomitee der KPJ in Ordnung zu bringen, das wegen der polizeilichen Repression unter Aleksandar I. seit 1929 im Wiener Exil arbeitete. Die Grenze überschritt er bei Tržič, als Bergsteiger verkleidet und mit einem Ausweis des Kroatischen Alpenvereins.

Doch in Kärnten geriet er in den Nazi-Putsch gegen die klerikale Regierung von Kanzler Engelbert Dollfuß.59 Als er sich von Klagenfurt endlich mit dem Zug bis Wien durchgeschlagen hatte, »stürzten sich die dortigen Genossen auf mich wie die Bienen auf den Honig«, weil sie wissen wollten, wie die Lage in der Heimat und in den Parteiorganisationen war. Er traf sie in einem Kaffeehaus und bekam es, als er sie vor sich sah – »ein halbes Dutzend hinterhältig blickender Männer« –, fast mit der Angst zu tun. Broz erklärte, dass in Jugoslawien keiner der wahren Kommunisten, die er im Gefängnis oder in Freiheit kennengelernt habe, Vertrauen zum ZK der KPJ habe. »Gorkić – der Generalsekretär der Partei – zwirbelte seinen roten Schnurrbart. Der stand ihm nicht gut; er betonte die Blässe seines Gesichts.« Er fiel Broz ins Wort und überschüttete ihn mit einem Schwall grober Schimpfwörter.60

Trotz dieses unfreundlichen Empfangs kooptierten ihn die Wiener Genossen am 1. August 1934 ins Politbüro, und Ende Dezember wurde er auf der in Ljubljana abgehaltenen IV. Staatskonferenz ins Zentralkomitee gewählt.61 Für dieses Gremium hatte ihn der junge kroatische Kommunist Ivan Krajačić-Stevo vorgeschlagen, Mitglied des Stadtkomitees in Zagreb, mit dem Broz sein ganzes Leben eng verbunden bleiben sollte.62 Wie erwähnt stand zu diesem Zeitpunkt Josip Čižinski, besser bekannt unter dem Pseudonym Milan Gorkić (Sommer) an der Spitze der KPJ; er war tschechisch-polnischer Herkunft, aber in Bosnien geboren. Die jugoslawischen Verhältnisse kannte er nur unzureichend, denn 1922 war er als Neunzehnjähriger nach Moskau gegangen, wo er bis 1932 in verschiedenen Büros der Komintern arbeitete und enge Kontakte zum Innen ministerium (NKWD) unterhielt, die ihm auch Zugang zu den »höheren Kreisen« verschafften. Er hatte sogar eine Frau aus diesem geschlossenen und privilegierten Kreis geheiratet, die Direktorin des berühmten Kulturparks. Unweigerlich wurde Gorkić so zu einem (selbst-) überzeugten Parteibürokraten, der 1932 sozusagen per Investitur zum Sekretär der KPJ ernannt wurde, ohne dass die Mitglieder der Partei mitzureden gehabt hätten. Er sah sich an der Spitze einer Partei, die kaum 3000 Mitglieder zählte, von denen die meisten im Gefängnis saßen oder im Exil lebten und unter denen es nicht an Provokateuren, Verrätern und Polizeispitzeln mangelte. All das machte die Parteiführung zu einem wahren Schlangennest. Jeder verdächtigte jeden und man schwärzte sich gegenseitig bei der Komintern an, wobei alle sehr wohl wussten, dass man in Moskau auf neugierige Ohren stoßen würde. Aufgrund dieser Verhältnisse zirkulierte in der Komintern der Witz, »dass zwei Jugoslawen drei Fraktionen bilden, deren Angehörige sich untereinander so sehr befeinden und bekämpfen, dass sie den Klassenfeind völlig vergessen«.63

Broz war sehr daran gelegen, diese Verhältnisse in der Partei zu beenden und schrieb am 2. August 1934 einen Bericht für das Zentralkomitee, in dem er betonte, dass man das abstrakte Politisieren überwinden, die Kontakte zu den werktätigen Massen stärken und zur Aktion schreiten müsse. Dieses Dokument unterschrieb er erstmals mit dem Pseudonym Tito, einem Namen, der in seiner Heimat Zagorje ziemlich verbreitet ist.64

Broz wollte nach Moskau weiterreisen, um seine Frau (und seinen Sohn) zu sehen, die nach seiner Verurteilung in die Sowjetunion zurückgekehrt war, um sich an der Internationalen Lenin-Schule einzuschreiben, doch Gorkić entschied anders. Er schickte ihn in die Banschaft Drau, wo er gemeinsam mit den slowenischen Genossen die Landes- und die IV. Staatskonferenz organisieren sollte. Erstere fand am 16. und 17. September in der Sommerresidenz des Laibacher Bischofs statt, dessen Halbbruder mit den Kommunisten sympathisierte.65 An der zweiten, die Ende Dezember in der slowenischen Hauptstadt tagte, nahmen elf Delegierte teil. Broz war nicht anwesend, denn es galt die Regel, dass derjenige, der eine Konferenz organisiert, aus Sicherheitsgründen nicht an ihr teilnimmt. So behauptete zumindest der Generalsekretär, während Broz dahinter einen Vorwand argwöhnte, um ihn auszuschalten. Beide Konferenzen waren von den Versuchen gekennzeichnet, das Sektierertum der letzten Jahre zu überwinden und die Partei in ihr reales Umfeld einzubinden. Zu dem Zweck wurde (auf Initiative der Komintern) beschlossen, innerhalb der KPJ in Slowenien und Kroatien autonome Parteien zu gründen.66

Schon im September kehrte er nach Wien zurück, von wo ihn Gorkić bald nach Jugoslawien zurückschickte, diesmal nach Zagreb. Erneut mit dem Auftrag, sich mit den Kroaten über die Parteikonferenz zu beraten. Diese Aufträge belasteten Broz’ Beziehung zu Gorkić, denn er hegte den Verdacht, dass ihn der Generalsekretär so kurz nach seinem Gefängnisaufenthalt absichtlich Gefahren aussetze. Trotz seiner musterhaften Lebensführung erschien ihm Gorkić allzu vertrauensselig gegenüber seinem Umfeld und eigentlich unfähig zu konspirativer Tätigkeit. Zudem behandelte er seiner Meinung nach die Genossen, die sich in Jugoslawien zu formieren suchten, geringschätzig und versuchte sie zu diskreditieren, damit sie keinen Zugang zu den Geldern bekämen, die die Komintern der KPJ überwies.67 »Mich hat das furchtbar angewidert …«68 Trotzdem unterhielt er eine formal korrekte Beziehung zu Gorkić.69 Jahre später erst vertraute er Louis Adamić an, was er wirklich von Gorkić hielt: »Das Einzige, was rot an ihm war, waren seine Haare und sein Bart.«

Ende 1934 schickte er im Namen des Politbüros, das sich damals in Brünn aufhielt, eine Anleitung für den bewaffneten Aufstand an alle Provinzkomitees der KPJ und des Bundes der kommunistischen Jugend Jugoslawiens (SKOJ). Denn der jugoslawische Staat befand sich erneut in einer schweren Krise: Am 9. September war König Aleksandar I. bei einem offiziellen Besuch in Marseille von einem bulgarisch-mazedonischen Attentäter erschossen worden, der mit dem Führer der kroatischen Ustascha, Ante Pavelić, in Verbindung stand. Da das Ende der Karađorđević-Dynastie gekommen schien, schreckte Broz auch nicht vor der Empfehlung zurück, die bewaffneten Gruppen der KPJ mögen sich auch mit den radikal chauvinistischen Organisationen verbünden. Er war überzeugt, das verhasste monarchistische Regime nur auf diese Weise stürzen zu können.70

Doch Prinz Pavle, der nach dem Tod seines Cousins die Regentschaft im Namen des minderjährigen Sohns Peter II. übernahm, gelang es, Herr der Lage zu werden, und es setzte sich die Überzeugung durch, dass den Kommunisten schwere Jahre bevorstehen würden und dass der Terror noch schlimmer werden könnte als in den Jahren 1929–1931. Daher sollten die leitenden Kader, unter ihnen auch Broz, wenn möglich das Land Richtung Sowjetunion verlassen, um sich dort auf kommende Staatskrisen vorzubereiten.71

Vor seiner Abreise wäre Broz fast noch der Wiener Polizei in die Hände gefallen. Denn er wohnte illegal bei einer älteren Jüdin, deren Tochter versuchte, sich mit Gas zu vergiften. Broz rettete sie zwar in letzter Minute, doch die herbei gerufenen Gendarmen verlangten, seinen Ausweis zu sehen. Er entkam ihnen nur um Haaresbreite.72


IN MOSKAU

Das Land des siegreichen Proletariats, in dem er »Liebe, Kameradschaft und Aufrichtigkeit«73 am Werk sah, betrat er mit einem schmeichelhaften Empfehlungsbrief von Gorkić, der an Vladimir Ćopić–Senjko gerichtet war, einen der Gründer der KPJ und Vertreter der Partei bei der Komintern: »Er stellt den besten Teil unseres Arbeiteraktivs dar, und nach einiger Zeit (6–9 Monate) werden wir ihn zu Führungsarbeiten ins ZK aufnehmen.«74Obwohl Ćopić in ihm einen möglichen Konkurrenten sah, beschaffte er ihm im fünften Stock des Hotel Lux, das im Stil der russischen Sezession gebaut war und dem vom einstigen Luxus nur der Name geblieben war, das Zimmer 275. Seit der Revolution hatte man in dem Hotel nach Moskau geflüchtete ausländische Kommunisten einquartiert. Hier wimmelte es von Ratten und es herrschte ein unangenehmer Kohlgeruch, der aus den zwei Gemeinschaftsküchen in jeder Etage kam.75 Broz’ erste Aufgabe bestand darin, seinen Lebenslauf niederzuschreiben, wie das bei der Komintern üblich war.76 Er musste ihn mehrmals schreiben, sodass die Beamten in der Kaderabteilung anhand der verschiedenen Versionen seine Glaubwürdigkeit überprüfen konnten. Auf Anordnung eines gewissen Jakubowitsch, Vertreter der sowjetischen Geheimpolizei (GPU) beim EKKI, und des bulgarischen Kommunisten Ivan Karaivanov–Špiner, Mitglied der Kaderabteilung, verfasste er anschließend detaillierte Charakterisierungen von sieben prominenten jugoslawischen Parteifunktionären, Gorkić eingeschlossen. Darin beschreibt er betont offenherzig die Tugenden, aber auch die Schwächen der zu beurteilenden Genossen, wobei er darauf achtete, über Ćopić, von dem er abhängig war, nur Positives zu sagen. (In Wirklichkeit hielt er ihn für einen »Waschlappen und Wichtigtuer«.)77 Zum Dank schlug Ćopić seinen Vorgesetz ten vor, Broz zur Erholung in ein Sanatorium zu schicken. Nach V. N. Bondarew, einem Historiker, der sich intensiv mit Titos Moskauer Jahren befasst hat, könnte mit »Sanatorium« allerdings auch die Lubjanka, der berüchtigte Sitz der Geheimpolizei, gemeint sein, wo die Agenten des NKWD neue Kader an warben.78

Als Broz zurückkehrte, verbürgte sich Karaivanov am 21. Mai 1935 schriftlich dafür, »dass Broz im politischen Sinne volles Vertrauen verdient«.79Das bestätigten sowohl Ćopić als auch der mächtige Direktor der Kaderabteilung, der Bulgare Georgi Damjanow, besser bekannt unter dem Parteidecknamen Below, obwohl dieser Broz gegenüber von allem Anfang an keine Sympathie hegte. Das Exekutivkomitee der Komintern empfahl daraufhin dem ZK der KPJ vor, den »Genossen Walter« – wie sie ihn tauften – als ihren »Politreferenten« im Balkansekretariat einzusetzen, das von dem bekannten deutschen Kommunisten Wilhelm Pieck geleitet wurde. Das ZK der KPJ stimmte diesem Vorschlag zu.80

An der Spitze der Komintern stand zu dieser Zeit der legendäre Georgi Dimitrow, ein bulgarischer Revolutionär, der im Prozess um den Reichstagsbrand in Berlin angeklagt, aber wegen seines mutigen und wirkungsvollen Auftretens vor den deutschen Richtern freigesprochen worden war. Broz konnte sich bald Dimitrows Unterstützung gewiss sein: er galt ihm als durch und durch loyaler Kommunist, einer der wenigen Jugoslawen, der für die praktische Arbeit geeignet, wenngleich in der Theorie des Marxismus-Leninismus eher wenig beschlagen war.81

Trotzdem wurde Broz vorübergehend Dozent im jugoslawischen Sektor der Internationalen Lenin-Schule und an der Kommunistischen Universität der Nationalen Minderheiten des Westens, und bald darauf auch Mitglied der Vertretung der KPJ bei der Komintern.

Die jugoslawische Diaspora in Moskau, die annähernd 900 Menschen zählte (allein die Mitglieder des ZK der KPJ brachten es in unterschiedlichen Gruppierungen auf nahezu fünfzig), war ähnlich zerstritten wie die Partei in der Heimat, es herrschten die gleichen Verhältnisse wie im »Zuchthaus«.82 Er mied, wie er später selbst erzählte, ihre Gesellschaft, teils weil er im Gefängnis die Einsamkeit liebgewonnen hatte, teils weil er sich bewusst war, dass man ständig darauf achten musste, was man sagte. »Besonders in Räumen mit einem Telefonapparat.«83 Er widmete sich voll und ganz seiner Arbeit und besuchte unter anderem auch Seminare in Führungstechnik und Konspiration, die die Komintern in Moskau abhielt.84 »Diese Zeit nutzte ich auf bestmögliche Weise zum Studium: Mein einziger Weg führte vom Hotel Lux zum Gebäude der Komintern, und vielleicht hat mich das davor bewahrt, unter Stalins Messer zu geraten.«85 Sein zurückhaltendes Auftreten bestätigt auch Ruth von Mayenburg, die Ehefrau des österreichischen Kommunisten Ernst Fischer, in ihren Erinnerungen an das Leben im Hotel Lux: »Tito bewegte sich durch die langen Korridore allem Vernehmen nach wie eine unscheinbare Maus. Keiner von den Nachbarn beachtete den stillen, bescheidenen Genossen, der mit kaum jemandem ein Wort wechselte, allein seiner Wege ging. Die Jugoslawen waren ohnehin eine konspirative Welt für sich, die fremden Genossen nur selten Einblick gewährte; selbst das Balkan-Sekretariat im Kominterngebäude an der Mochowaja arbeitete hinter verschlossenen Türen.«86

Kaum drei Monate nach Broz’ Ankunft in Moskau war ein Attentat auf Sergei Kirow, den Leningrader Führer der WKP (B), verübt worden, was Stalin zu einer Welle von Säuberungen gegen die »Verschwörer«, führende Bolschewiken, nutzte. Es ist fraglich, ob Broz die Überzeugung der jüngeren jugoslawischen Kommunisten teilte, die im sicheren heimischen Untergrund dem Chefankläger bei den Moskauer Prozessen A. J. Wyschinski naiv jedes Wort glaubten und mit ihm jeden Verdächtigen zum Klassenfeind und trotzkistischen Spion erklärten.87 Broz selbst entging jedenfalls dem Verderben, obwohl einige »Charakteristiken «, die er über die Genossen verfasst hatte, sich nicht mit denen, über die der NKWD verfügte, deckten.88

Vielmehr zog er Lehren aus Stalins Terror, vor allem in Hinblick auf den Mechanismen der Revolution und der Macht. Da er ihn als notwendiges Mittel zur Realisierung der neuen Gesellschaftsordnung sah, kompromittierte er sich moralisch und gab zugleich einen Ausblick auf die Leitlinien seines kommenden Wirkens. Milovan Đilas, der zunächst über viele Jahre Wegbegleiter Titos war und später zu einem seiner schärfsten Kritiker wurde, beschreibt die Metamorphose, die Broz in seiner frühen Moskauer Periode durchlebte, wie folgt: »Der Revolutionär Josip Broz […] begriff erst jetzt, dass revolutionäre Institutionen und Methoden, obwohl sie von der Idee nicht zu trennen sind, wichtiger sind als diese, ja sogar wichtiger als die Revolution selbst.«89 Savka Dabčeviċ-Kučar meint sogar, dass er sich im Namen der kommunistischen Moral in ihrer machiavellistischen Variante, nach der das Ziel die Mittel heiligt, den traditionellen Werten entfremdet hatte und sie mit Füßen trat: Anständigkeit, Loyalität, Freundschaft, Fair Play, Ehre – alles das sei für ihn nur kleinbürgerlicher Plunder gewesen.90

Man muss Tito allerdings zugutehalten, dass er in einem Interview für die Zeitschrift Komunist im April 1959 sagte, Stalin habe mit Hilfe der Komintern »die revolutionäre Physiognomie der Kommunisten zerstört und aus Kommunisten Schwächlinge gemacht«.91 Und natürlich auch das Zeugnis Edvard Kardeljs, der Mitte der Dreißiger mit Broz in Moskau zusammenarbeitete. Seinen Erinnerungen zufolge hat sich Tito in der Zeit des großen Terrors bemüht, möglichst viele jugoslawische Emigranten aus der Sowjetunion zur illegalen Arbeit in die Heimat zu schicken, oder – wenn sie jünger waren – in die internationalen Brigaden nach Spanien, wo Mitte Juli 1936 der Bürgerkrieg ausgebrochen war, um sie auf diese Weise vor dem Tod zu retten.92 Die Sowjetunion hatte nämlich beschlossen, die republikanische Regierung in Madrid gegen die rechtsgerichteten Generäle mit Francisco Franco an der Spitze zu unterstützen.

Broz machte sich diese Politik mit großem Eifer zu eigen, auch weil er der Meinung war, dass Spanien eine hervorragende Schule für Militär- und Politkader sein könne. So traten annähernd 1650 Jugoslawen in die Internationalen Brigaden ein, von denen fast die Hälfte bei der Verteidigung der Republik fiel. Damit konnte die KPJ auf ein größeres Kontingent an Spanienkämpfern zählen als alle anderen kommunistischen Parteien, und viele von ihnen stellten sich später an die Spitze des Partisanenaufstandes.93

Im Juli und August 1935 nahm Broz am VII. »Weltkongress« der Komintern teil, und zwar als Delegierter mit beratender Stimme, obwohl nicht alle in der Führung der KPJ damit einverstanden waren. In dem mehrsprachigen Formular, das die Teilnehmer ausfüllen mussten, führte er auf die Frage, unter welchem Pseudonym er in der Partei arbeite, zwei Decknamen an: »Tito« und »Rudi«, und auf die Frage, unter welchem Pseudonym er am Kongress teilnehme, antwortete er: »Walter Friedrich«. »Tito« und »Walter« blieben unter den dreißig Pseudonymen, die er in seinem Leben benutzte, die wichtigsten für ihn. Er gab ein falsches Geburtsjahr an – 1893 statt 1892 – und schwindelte auch, als er auf die Frage nach seiner Bildung »niedere, teilweise mittlere« schrieb, und angab, seit 1910 »Mechaniker« zu sein. Auf diesem Kongress sah er zum ersten Mal auch Stalin, wenn auch nur von Weitem und flüchtig. Der zeigte sich nämlich nur ein- oder zweimal im Tagungssaal und saß hinter einer Marmorsäule. »Jetzt siehst du mich, jetzt siehst du mich nicht«, erinnerte sich Tito später belustigt an diese »Begegnung«.94

Auf dem VII. Kongress der Komintern vollzog sich eine politische Wende: Moskau hatte nämlich beschlossen, dass man sich von der Doktrin, nach der die Kommunisten, die internationale Arbeiterbewegung keine politischen Verbündete haben könne, auch nicht unter den Sozialisten oder den Sozialdemokraten (die man bisher als »Sozialfaschisten« beschimpft hatte), verabschieden müsse. Angesichts des Aufstiegs der Nationalsozialisten in Deutschland war Moskau der Meinung, dass man nicht ohne Verbündete auskomme, sondern Allianzen schmieden müsse, sowohl mit den sozialdemokratischen wie auch mit katholischen und sogar nationalistischen und konservativen Parteien. Angestrebt werden sollte eine »Volksfront«, ein einheitlicher Block antifaschistischer Kräfte, in der Hoffnung, dass eine solche die Sowjetunion vor der von Hitler ausgehenden Gefahr schützen und die Voraussetzungen für die nächste Etappe der Revolution schaffen werde. In diesem Zusammenhang entstand auch die Überzeugung, dass für die Verteidigung der Heimat des Proletariats auch Jugoslawien von Nutzen sei. Das Land wurde nicht länger als Teil des Cordon sanitaire gegen den Bolschewismus, sondern gemeinsam mit den anderen jungen Staaten Mittelund Südosteuropas als Bollwerk der UdSSR gegen Hitler angesehen.

Obwohl man in der KPJ auf der Staatskonferenz im Dezember 1934 noch überwiegend der Meinung gewesen war, das Königreich der Karađorđevićs gehöre zerschlagen, akzeptierte die KPJ die neue Linie ohne Murren. Ihr ZK stellte fest, dass man dem Recht der Selbstbestimmung der Völker und dem Recht auf Abspaltung prinzipiell treu bleibe, dass es aber »in Hinblick auf die gegenwärtige internationale Lage« geboten sei, Jugoslawien am Leben zu erhalten. Jegliche entgegengesetzte Bestrebungen würden nur dem Faschismus und seinen Kriegsplänen zuarbeiten.95 Diesen Standpunkt erläuterte das Politbüro in einem Rundbrief, der an alle führenden Strukturen der KPJ gerichtet war, wobei es keinen offenen Widerspruch gab. Allerdings ließen sich die Vorbehalte gegenüber Jugoslawien im Bewusstsein zahlreicher »Genossen« nicht ohne weiteres ausräumen.96

Für Broz kam es auf dem VII. Kongress zu einer unangenehmen Komplikation. Mitte August wurde die Frage diskutiert, wer der neue ständige Vertreter der KPJ im Exekutivkomitee der Komintern werden solle. Eine Gruppe von Delegierten, die unerwartet aus Jugoslawien nach Moskau gekommen waren, schlug Broz für diesen prestigeträchtigen Posten vor, obwohl er nach Dienstjahren das jüngste Mitglied des ZK war. An der Parteispitze kam es zu einer hitzigen Debatte, die damit endete, dass alle, einschließlich Gorkić, Broz’ Kandidatur unterstützten. Das stellte sich allerdings als taktisches Manöver heraus. Gorkić und seine Leute protestierten nämlich gleich nach der Wahl bei Dmitri S. Manuilski, dem Vertreter Stalins in der Komintern, und erklärten, dass die Wahl von Broz den »Fraktionismus« in der Partei stärke. Manuilski, der ein Freund von Gorkić war, reagierte äußerst wütend und weigerte sich, das Wahlergebnis zu akzeptieren. »Da ihr nicht Gorkić gewählt habt, zu dem die Komintern als Einzigem Vertrauen hat, denn zu euch hat sie es nicht«, erklärte er, »werden wir euch kein ständiges Mitglied in der Komintern zugestehen, sondern nur einen Kandidaten [der kein Stimmrecht hatte]; und dieser Kandidat wird Gorkić sein. Das soll euch eine Strafe sein.«97 Dieses Vorgehen zeigte, wie gering das Ansehen der KPJ unter den Führern der Komintern war. »Damals wurde mir klar«, erzählte Tito später, »dass etwas in ihrem Verhältnis zu uns nicht in Ordnung war. Irgendwie steckte der Wurm drin. Dimitrow hat mich einmal gefragt: ›Sag, Walter, habt ihr bei euch überhaupt Parteiorganisationen?‹ Ich antwortete, dass wir welche hätten. Daraufhin sagte er, dass aus Berichten, die er erhalte, hervorgehe, dass es in unserem Staat keine Parteiorganisationen gebe. Sie hatten unsere Partei anhand der Führung in Wien beurteilt. In Wien aber war man so zerstritten, dass es eine wahre Schande war.«98


AUSEINANDERSETZUNG MIT GORKIĆ UND ARBEIT IM UNTERGRUND

Der Streit, von dem Broz sprach, war eine Folge der Gorkić’schen Politik nach dem jüngsten Kongress der Komintern. Gorkić sah angesichts der liberaleren Verhältnisse, die seit der Ermordung König Aleksandars in Jugoslawien vorübergehend eingetreten waren, die Gelegenheit, die Direktive des VII. Kongresses umzusetzen und eine Übereinkunft mit den anderen Oppositionskräften zu erzielen, die bei den Wahlen im Mai 1935 gute Ergebnisse erzielt hatten. Zu diesem Zweck war er sogar bereit, mit den Sozialisten eine gemeinsame Liste aufzustellen. Obwohl es tatsächlich den Anschein hatte, als werde mit dem Regierungsantritt des neuen Premiers Milan Stojadinović der Druck der Polizei auf die Linke etwas nachlassen, und obwohl die Sozialisten ein radikales Programm beschlossen hatten, das die Tür für eine Zusammenarbeit zwischen beiden Parteien öffnete, sperrten sich die anderen Mitglieder des ZK gegen ein derart enges Bündnis.99

Broz lenkte sich unterdessen von seiner Niederlage ab, indem er Ende August und in der ersten Septemberhälfte die jugoslawischen Delegierten auf einer längeren Reise durch die Sowjetunion begleitete. Sie besuchten große Fabriken und Kolchosen und fuhren auch in den Ural, wo sie manches sahen, was sie enttäuschte. Sie entschuldigten alles mit der Rückständigkeit Russlands und den großen Schwierigkeiten, denen sich das Land in einer feindlich gesinnten Welt gegenübersah. So auch Broz: »Meine revolutionäre Pflicht auferlegte mir damals, keine Kritik zu äußern und der ausländischen Propaganda gegen dieses Land nicht zu helfen, denn die UdSSR war schließlich der einzige Staat, wo die Revolution erfolgt war und wo es galt, den Sozialismus aufzubauen. […] In meinem Innern spielte sich ein großer Kampf gegen das ab, was ich sah, aber ich entschuldigte die russischen Kommunisten damit, dass es nicht möglich sei, alles so rasch zu bewerkstelligen, obwohl seit dem Oktober 1917 schon eine ziemlich lange Zeit vergangen war, mehr als siebzehn Jahre.«100

In Jugoslawien gingen derweil die Fraktionskämpfe unvermindert fort. Da es der jugoslawischen Polizei gelungen war, mehrere prominente Kommunisten zu verhaften, die unter Druck auch ihre Genossen verrieten, kam es im Winter 1935/36 zu zahlreichen Festnahmen. Zeitweilig befanden sich zwischen 60 und 70 Prozent aller Mitglieder hinter Gittern, sodass die Partei fast ausgemerzt war, vor allem in Montenegro, Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Serbien, Mazedonien und Bosnien und Herzegowina.101 Wie sich zeigte, war die Hoffnung auf eine Liberalisierung, die Stojadinović mit seinem Regierungsantritt geweckt hatte, verfrüht gewesen, was der Opposition innerhalb der Partei Zündstoff gegen Gorkić lieferte.

Im April 1936 sah er sich gezwungen, in der österreichischen Hauptstadt eiligst ein Plenum des ZK der KPJ einzuberufen, ohne darüber die Komintern zu informieren und ohne auf die Ankunft ihres Vertreters zu warten. Das nahm man ihm in Moskau ebenso übel wie die Tatsache, dass es ihm auf dem Plenum nicht gelang, die Richtlinien des VII. Kongresses des EKKI hinsichtlich einer Volksfront durchzusetzen. Die anwesenden Mitglieder beschlossen nämlich eine Reihe von Resolutionen, in denen sie Verhandlungen mit den Sozialisten grundsätzlich ablehnten, was Gorkić total isolierte.102 In dieser Auflösungssituation stellte das Sekretariat der Komintern am 15. August 1936 eine »große Kommission« zusammen, die einen Bericht über die »jugoslawische Frage« ausarbei ten sollte. Auf deren Sitzung bewertete Dimitrow die inneren Verhältnisse in der KPJ kritisch und erklärte es für »notwendig, andere Formen (der Aktivität) zu finden, damit die jugoslawische Partei in allen Fragen den richtigen Standpunkt einnehmen kann. Wir dürfen nicht zulassen, dass Jugoslawien ein faschistischer Staat wird.«103 Die Beschlüsse des April-Plenums wurden annulliert, und es wurde beschlossen, die Führung der Partei auszuwechseln. Gorkićs Bemühungen, eine Übereinkunft mit den anderen oppositionellen Kräften zu erreichen, wurden also gebilligt. Allerdings stellte man sich durchaus die Frage, ob er fähig sei, die Situation in den Griff zu bekommen, oder ob er sich nicht dadurch unmöglich gemacht habe, sich nicht von Anfang an mit Moskau über die richtige Politik beraten zu haben.104

Mitte März 1936 beendete Broz die Arbeit in der Komintern. Unklar bleibt, was er in den folgenden Monaten tat. Aller Wahrscheinlichkeit hat er einen Guerilla-Kurs besucht, den die Komintern als Reaktion auf den sich ausweitenden Spanischen Bürgerkrieg unter dem Namen »Partisanen-Akademie« in Rjasan organisierte.105 »Die Sache Spaniens«, hatte Stalin verkündet, »ist die Sache der gesamten fortschrittlichen Menschheit.« Um die »Konterrevolution« zu stoppen, die in Spanien mit Unterstützung Hitlers und Mussolinis und mit dem Segen des Vatikans gegen die republikanische Regierung in Madrid wütete, unterstützte er den Aufbruch in Internationalen Brigaden organisierter Freiwilliger zu den spanischen Kriegsschauplätzen.

Broz erhielt nach seiner Rückkehr den Auftrag, Freiwillige in Jugoslawien zu rekrutieren, wo er im August 1936 getarnt als eleganter österreichischer Tourist mit dem Reiseziel Dalmatien auftauchte.106 Aber schon Ende des Monats ist er offensichtlich nach Moskau zurückgekehrt, denn wir wissen, dass er an den Debatten über die Lage der KPJ aktiv beteiligt war. Gegenüber den Kaderleuten des EKKI machte er dabei Angaben über Mitglieder und Kandidaten des ZK, wobei er weder mit Kritik sparte noch ihre positiven Charakterzüge unterschlug. Jedenfalls bezeichnete er niemanden als Trotzkisten, was für den Betreffenden zu dieser Zeit in Moskau lebensgefährlich gewesen wäre.

Auf der Grundlage der erarbeiteten Vorschläge beschloss die Kommission unter dem Vorsitz von Dimitrow am 19. September, die operative Führung der KPJ nach Jugoslawien zu verlegen. Im Ausland sollte nur eine Vertretung verbleiben, die als Verbindung mit Moskau fungieren, innerhalb der Emigration wirken und Parteiliteratur herausgeben sollte. Mit der künftigen Zusammensetzung der Parteiführung betraute das Sekretariat Manuilski gemeinsam mit der Kaderabteilung.107

Eine gute Woche später, am 25. September, diskutierte das Sekretariat des EKKI, diesmal unter der Leitung von Ercoli (Palmiro Togliatti), über die »Schuld der führenden Genossen« an der Spitze der KPJ und beauftragte eine dreiköpfige Sonderkommission, die Sache zu klären.108 Für diese Kommission schrieb Broz am 16. Oktober einen langen Bericht, in dem er die bisherige Kaderpolitik der Parteiführung kritisierte und beklagte, dass man an die entscheidenden Stellen für das Wirken in der Heimat keine überprüften Leute entsandt habe, sondern solche, deren Beurteilungen aus zweiter Hand stammten. Dies habe zur Folge gehabt, dass auch Vorteilssuchende und Provokateure eingesetzt worden seien. Das ZK habe auch Einzelne, denen die Verhaftung drohte, nicht rechtzeitig zurückgezogen, mit dem Resultat, dass sie gegenüber der Polizei »gesungen« hätten. Zu den hieran Schuldigen zählte Broz vor allen Gorkić, der zu leichtgläubig sei und vorgetäuschtem Arbeitseifer aufsitze. Künftig sollten seinem Rat zufolge höchstens zwei Mitglieder im Politbüro für die Auswahl der Kader zuständig sein und sicherstellen, dass wichtige Positionen in Zukunft nur durch Genossen besetzt werden, die nicht nur wegen ihrer politischen Überzeugung, sondern auch wegen ihrer Erfahrung Vertrauen verdienten. Daher sollten alle altgedienten in Moskau lebenden Kommunisten, die zudem bei den Massen bekannt seien und Verbindungen sowohl zu den Sozialdemokraten als auch zu »kleinbürgerlichen« Gruppen hätten, in die Heimat zurückgeschickt werden. Denn dort könnten sie bei der Bildung einer einheitlichen Volksfront aus Arbeitern und Antifaschisten wertvolle Hilfe leisten. Er erwähnte in diesem Zusammenhang sogar zwei Genossen, die aus der Partei ausgeschlossen worden waren. Entgegen Gorkićs Vorschlag, zwei Leute im Ausland zu belassen, sprach sich Broz dafür aus, nur einen dort zu belassen, da sich sonst zwei Machtzentren herausbilden würden, eines in Jugoslawien, eines im Ausland, die sich gegenseitig in die Quere kommen würden. Einzig Gorkić mit einem kleinen technischen Apparat und ein Genosse, der nicht Mitglied des ZK wäre und als Redakteur die Parteizeitung Proleter übernehmen würde, sollten im Ausland verbleiben.

Dieses erste schriftliche Papier Titos zum Thema Parteiorganisation überzeugte die Führung des EKKI davon, dass man sich auf Broz verlassen könne.109

Noch am selben Tag, an dem er den Bericht abgegeben hatte, am 16. Oktober 1936, wurde Broz mit einem jugoslawischen Reisepass auf den Namen Ivan D. Kisić und mit 200 Dollar in der Tasche nach Wien geschickt.110 Dass er Moskau verlassen durfte, war eine große Erleichterung für ihn. Noch Jahre später erinnerte er sich mit Dankbarkeit an Dimitrow und Pieck, die ihm geholfen hatten, »aus Moskau zu verschwinden«, wo es wegen der Stalin’schen Säuberungen immer gefährlicher wurde. Am schlimmsten waren die Nächte im Lux, wenn Leute verhaftet wurden. »Da waren die Schreie von Frauen und Kindern zu hören, dass einem die Haare zu Berge standen.«111

In der österreichischen Hauptstadt war die Lage desaströs, denn wenige Wochen vor seiner Ankunft hatte die Polizei einen Großteil der Parteiführung festgenommen, darunter Lovro Kuhar (Valič), bekannt unter seinem Schriftstellernamen Prežihov Voranc, Karel Hudomaj (Oskar) und Ivan Marić (Železar). Nach acht Tagen reiste Broz weiter nach Jugoslawien. Dort sollte er, mit neuen Vollmachten ausgestattet, die Parteiorganisation, die während der Diktatur unter König Aleksandar gelitten hatte, straffen und bei der Rekrutierung von Freiwilligen für den Spanischen Bürgerkrieg mitwirken.112

Im Dezember traf er in Wien mit Gorkić zusammen, der mit Neuigkeiten aus Moskau angereist war. Letzteren hatte die Komintern trotz aller Kritik auf dem Posten des Generalsekretärs der KPJ bestätigt und ihn sogar mit einem Vetorecht gegen jede Entscheidung der heimatlichen Parteiführung ausgestattet. Ein solches hatte es bis dato in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens nicht gegeben. Die Komintern hatte Gorkićs Gegner auf der Linken (Ćopić, Cvijić, Hudomalj, Marić, Perović) aus dem ZK ausgeschlossen und eine neue Führung ernannt, zu der neben Rodoljub Čolaković und Sreten Žujović auch Broz gehörte. Gorkić, damals dreiunddreißig Jahre alt, strahlte vor Zufriedenheit, denn es war offen sichtlich, dass er in Moskau mächtige Fürsprecher hatte.113

Broz kam es merkwürdig vor, dass Gorkić mit einer solchen Machtfülle ausgestattet worden war, die bedeutete, dass er im Namen der Komintern nach eigenem Ermessen die politische Linie bestimmen konnte. Gorkić nutzte diese, um zu einer Zusammenarbeit mit den Kräften der jugoslawischen Opposition zu kommen, da er hoffte, dass auf diese Weise die KPJ an den Gemeindewahlen teilnehmen könne, die für Dezember 1936 angesetzt waren. Er beauftragte Broz, »um jeden Preis« ein Übereinkommen mit den Sozialisten zu erzielen, ganz gleich unter welchem Namen die Partei in der Öffentlichkeit antreten werde. Broz war mit dem Bestreben, dass man mit der Opposition ein Abkommen schließen müsse, auch wenn die Partei dabei ihre Identität verlieren sollte, nicht einverstanden, vor allem weil die Sozialisten verlangten, dass die Partei ihren illegalen Strukturen entsagen müsse. Seiner Meinung nach glich die Situation jener, die in den Jahren 1907 bis 1914 in Russland geherrscht und der sich Lenin widersetzt hatte, als nämlich die Menschewiki verlangten, man müsse die illegalen Parteikomitees »liquidieren«, um eine Zusammenarbeit mit den Liberalen zu ermöglichen.114 Allerdings fügte sich Broz, vor allem deshalb, weil die Komintern bestimmt hatte, dass er in Jugoslawien arbeiten und dafür verantwortlich sein werde, was in der Heimat geschieht.115 »Ich wollte nichts sagen, weil Gorkić alle Vollmachten hatte. Ich war zufrieden, dass ich nach Hause fahren konnte.«116

Mitte Dezember 1936 reiste er mit einem gefälschten Pass zurück nach Jugoslawien, allerdings nicht mit jenem, den Gorkić ihm besorgt hatte. Und er nahm auch nicht die Route, die ihm dieser geraten hatte, »denn oft war es vorgekommen, dass Genossen, denen Gorkić Reisedokumente besorgt hatte, festgenommen wurden, kaum waren sie an die jugoslawische Grenze gekommen…«117

Er besuchte Ljubljana, Zagreb, Belgrad und Split, um ein größeres Freiwilligen-Expeditionskorps für Spanien zu organisieren, und reiste zum Jahresende nach Prag, wohin die Führung der KPJ übersiedelt war. Hier sprach er mit Gorkić, der auch Verbindungsmann der Komintern (und des NKWD) zu den sowjetischen Vertretern auf der iberischen Halbinsel war, über das geplante Expeditionskorps.

Gorkićs Plan war, die Freiwilligen mit einem Dampfschiff von Dalmatien aus nach Spanien zu bringen. Den Transport sollte der Dalmatiner Adolf Muck (Löwi), ein Kandidat des Politbüros, organisieren, die Rekrutierung der Freiwilligen hatte er der lettischen Jüdin Breina Voss (Nenadova) in Belgrad anvertraut. Während Tito überzeugt war, man müsse die Anwerbung streng konspirativ abwickeln, hatte Breina Voss ganz anders lautende Befehle, die auf eine »breite Popularisierung« der Expedition hinausliefen. Weil sie sich dabei außerdem auf ganz andere Leute stützte als jene, die Broz im Auge hatte, kam es zwischen ihm und Gorkić zu einem heftigen Streit, der nicht zuletzt darin begründet war, dass Broz den Eindruck hatte, dass der Generalsekretär ihm mit diesen Entscheidungen das Misstrauen ausgesprochen hatte. »Ich bin für die Mobilisierung verantwortlich«, erklärte Gorkić in der Überzeugung, mit diesem großangelegten Unternehmen gegenüber der Komintern die Handlungsfähigkeit der KPJ – vor allem aber seine eigene – unter Beweis stellen zu können. »Das wird uns das Ansehen zurückbringen, das wir infolge unserer Streitereien in großem Maße verloren haben.«118

Dabei wäre ein größeres Maß an Geheimhaltung ohne Zweifel angebracht gewesen, denn die Polizei von halb Europa, einschließlich der jugoslawischen, achtete wachsam darauf, die Abreise von Freiwilligen zu den spanischen Kriegsschauplätzen zu verhindern.

Dennoch folgte Gorkić seiner eigenen Linie: Ende Februar 1937 schickte er das Schiff La Corse, das man für 750 000 Fr. gechartert hatte, in jugoslawische Gewässer, damit sich die mehreren Hundert Freiwillige einschiffen konnten.

Doch die Gendarmerie hatte Wind von der Aktion bekommen und stoppte das Schiff in der Nähe von Budva. An die fünfhundert junge montenegrinische Bauern, die sich als Freiwillige gemeldet hatten, landeten im Gefängnis.

Das war der größte Schlag gegen die Linke, die der Belgrader Regierung jemals gelungen war.119 Das Unternehmen mündete in ein noch größeres Desaster, da Muck, der zusammen mit Breina Voss festgenommen worden war, gegenüber der Polizei umfassend aussagte.

Das Scheitern der Expedition wurde Gorkić und Broz angelastet und hätte Letzteren um ein Haar den Kopf gekostet. Später sagte Tito voller Verachtung, dass es Gorkić gewesen sei, der Muck in die Parteiführung berufen habe. »Stellt euch vor, er hat einen Menschen, der Besitzer oder Geschäftsführer eines Cafés in Budva war, zum ZK-Mitglied gemacht, obwohl er in der Partei völlig unbekannt war und keinerlei Qualifikationen besaß: Er war ein Kleinbürger.«120

Nervös und erschöpft stürzte sich Broz wieder in seine Arbeit im jugoslawischen Untergrund. Obwohl er das Grauen des stalinistischen Terrors in Moskau kennengelernt und währenddessen jede Nacht erwartet hatte, von einem »unheilvollen Klopfen an der Tür«121 geweckt zu werden, war er noch immer von der Richtigkeit des sowjetischen Weges in den Sozialismus überzeugt, da ohne rücksichtslosen Kampf gegen den »Klassenfeind« die bestehenden Verhältnisse nicht grundlegend geändert werden könnten.122


Da seit dem Prozess im Jahre 1928, als alle Zeitungen sein Foto abgedruckt hatten, nicht einmal zehn Jahre vergangen waren und er sich nicht sehr verändert hatte, begann er zur Tarnung sein Haar schwarz zu färben. Manchmal tat er das aber nicht besonders gründlich. Als ihn 1938 der junge Journalist Vladimir Dedijer bei ihrer ersten Begegnung in Belgrad mit den Worten »sie hätten dich entdecken können« ansprach, antwortete er unbekümmert: »Weißt du, ich war in Eile, außerdem hatte ich nicht genug Farbe.« Dass mit dem neuen Freund ihres Sohnes nicht alles stimmte, fiel auch Dedijers Mutter auf: »Der muss gefährlich sein, so einen hatten wir bisher noch nicht im Haus. Sieh mal! Er benutzt französische Zahnpasta und tschechische Seife!«123

Aufsehen erregten bei Broz nicht nur die Toilettenartikel, sondern mehr noch der Umstand, dass er sein Leben lang Serbokroatisch mit einem nicht zu identifizierenden fremden Akzent sprach.124 Außer Deutsch und Russisch, die er allerdings auch nicht hundertprozentig beherrschte, sprach er mehr oder weniger gebrochen noch Französisch, Tschechisch, Ungarisch und Kirgisisch. In späteren Jahren verbesserte er auch sein Englisch, das er im Gefängnis zu lernen begonnen hatte, indem er The Economist las.125

Diese sprachliche Gewandtheit und zur gleichen Zeit Unsicherheit weckte immer wieder Zweifel an seiner wahren Identität. Und das nicht nur als Gerücht. Noch wenige Monate vor seinem Tod veröffentlichte die NSA in ihrem internen Bulletin »Cryptologic Spectrum« einen Artikel, in dem es hieß, dass aufgrund bestimmter phonologischer und morphologischer Eigenheiten seiner Sprechweise Tito in Wirklichkeit nicht Josip Broz sei, sondern ein Russe oder Pole, der vermutlich in den dreißiger Jahren dessen Identität angenommen habe.126 Dieser These lässt sich mit dem Argument widersprechen, dass eine Information über diesen Identitätswechsel in den Archiven der Komintern vorhanden sein müsste, was aber nicht der Fall ist. Das hielt aber auch die Sowjets nicht davon ab, Zweifel an Titos Identität zu verbreiten, wenn sie sich davon Nutzen versprachen. Im Jahre 1948, nach Titos Streit mit Stalin, behauptete Radio Moskva, der wahre Josip Broz sei 1915 an der russischen Front gefallen, seiner Uniform und seiner Papiere habe sich damals ein russischer Überläufer bemächtigt, und dabei habe es sich um einen »jüdischen Bourgeois« gehandelt.«Dieser Bourgeois aus Odessa, dessen Vater als Fellhändler die Leute betrog, dieser Abenteurer, der sieben Pässe besitzt, ist heute dabei, den Werktätigen Jugo slawiens das Fell über die Ohren zu ziehen …«127


Von der kroatischen Hauptstadt aus organisierte Broz regelmäßige Treffen in Samobor, achtzehn Kilometer westlich von Zagreb, wo es keine politische Polizei gab, sondern nur Gendarmen, die unerfahrener im Kampf gegen Kommunisten waren.128 Zu diesen Treffen kamen vor allem jüngere Leute, die ihn schon damals »Stari« – ›Alter‹ nannten. Diesen Beinamen, dessen Verwendung nur Genossen aus dem engeren Kreis erlaubt war, hatten zwei Belgrader Studenten eingeführt, Milovan Đilas, der aus einer bescheidenen montenegrinischen Familie stammte, und Ivo Lola Ribar, Sohn eines angesehenen Zagreber Anwalts und Politikers, des ersten Parlamentspräsidenten des SHS-Staates.129 Letzterem hatte Broz die Leitung des SKOJ anvertraut, der Jugendabteilung der Partei, die zu diesem Zeitpunkt keinen Sekretär hatte, und ihn bald darauf in seinen engsten Mitarbeiterkreis aufgenommen. Zwischen den drei Männern entwickelte sich eine Symbiose, die, wie Đilas sagt, fast Züge »familiärer Blutsbande « hatte.130


KOMMISSARISCHE FÜHRUNG DER KPJ UND DER SPANISCHE BÜRGERKRIEG

Die Diktatur König Aleksandars und die politische Krise nach seiner Ermordung hatten den Kommunisten regen Zulauf von Gymnasiasten und Studenten beschert. Sie störten sich nicht an den Nachrichten vom stalinistischen Terror, sofern sie überhaupt etwas von ihm mitbekamen. Sie waren unreife Intellektuelle, Idealisten, utopische Schwärmer, die in Broz ihren Führer gefunden hatten.131 »Der Alte ist der wertvollste Mann unserer Partei!«, hieß es unter ihnen.132 So hatte Broz, wie wir aus Berichten von Zeitgenossen wissen, auch mehr Vertrauen in Wohnungen, die ihm von Angehörigen des Jugendverbandes besorgt wurden, als in solche, die ihm Parteimitglieder organisiert hatten, nicht zuletzt, da es in Letzteren häufig zu Verhaftungen kam.133

Überzeugt, sich der Sektierer entledigen und die Mitglieder nach neuen Kriterien auswählen zu müssen, begann Broz junge Kommunisten um sich zu scharen. Neben Đilas und Ribar war unter den Ersten, die er in seinen Kreis aufnahm, der serbische Arbeiter Aleksandar Ranković (Leka), der gerade seinen Militärdienst abgeleistet hatte.134 Ihnen schloss sich noch der slowenische Junglehrer Edvard Kardelj an, den Broz bereits aus Ljubljana und Moskau kannte. Zwischen ihnen und dem »Alten« entwickelte sich ein kameradschaftliches Verhältnis, das in einem entschiedenen Gegensatz zu dem Umgangston stand, der sonst innerhalb der Komintern üblich war. Tito sagte gern: »Wenn jemandem ein Fehler unterläuft, finde für den Betreffenden ein passendes Wort, aber vernichte ihn nicht. Denn das schafft Vertrauen.«135

In der Gruppe der jungen Zagreber Linken traf Broz auch seine neue Liebe, Herta Haas, eine hübsche Studentin der Höheren Handelsschule, die deutscher Herkunft war und aus Maribor stammte. Über sie knüpfte er Kontakte zu intellektuellen Kreisen in der kroatischen Hauptstadt, in denen auch der angehende Rechtsanwalt Vladimir (Vlatko) Velebit verkehrte, einer seiner wichtigsten Mitarbeiter der Zwischenkriegs- und Diplomaten der Nachkriegszeit.136 Mithilfe dieser aufstrebenden Kommunisten oder Sympathisanten der Partei organisierte Broz Streiks in der Werft von Kraljevica und in Trbovlje, die in Unternehmerkreisen ganz Jugoslawiens große Unruhe auslösten. Unter diesen wurde er zu einem gefürchteten Agenten der Komintern: Er heiße Brosz, sei Sohn eines tschechischen Juden und einer Ungarin, habe während des Krieges in der österreichischen Armee gedient und sei in russische Gefangenschaft geraten. So jedenfalls erzählte es A. S. Howie, ein Schotte, der zu dieser Zeit das Bergwerk in Trepča leitete, der britischen Schriftstellerin und Reisenden Rebecca West.137

Broz stieß mit seinen Bemühungen, eine neue Kaderstruktur zu organisieren, die sogar Kontakte zum Königshof hatte, auf erbitterten Widerstand der alten Garde politischer Gefangener138, die in der Strafanstalt Sremska Mitrovica, wo an die 150 von ihnen einsaßen, ein starkes Agitationszentrum bildeten. Sie sahen die KPJ als ihr unstrittiges Eigentum an und standen für eine strenge kommunistische Auslegung, weshalb man sie auch »Wahhabiten« nannte. Seit 1934 wurden sie von dem Montenegriner Petko Miletić-Sepo angeführt, einem Mitglied des ZK der KPJ mit stürmischer Vergangenheit: 1919 war er in Ungarn an einem Umsturzversuch beteiligt gewesen und hatte nach dessen Scheitern versucht, im gerade gegründeten Jugoslawien einen Aufstand zu organisieren. Zwei Jahre hatte er sich in den Wäldern Montenegros versteckt, war längere Zeit eingesperrt gewesen und war dann nach Moskau emigriert, wo er mehrere Parteischulen besuchte. Dort wurde er zum Dogmatiker, überzeugt von der Notwendigkeit der Intrige im politischen Kampf, wobei er im Kern ein bäuerlicher Rebell ohne wirkliche ideologische Bildung blieb. Anfang der dreißiger Jahre wurde er Mitglied des ZK der KPJ, aber schon 1932 fiel er erneut den jugoslawischen Gendarmen in die Hände. Er wurde gefoltert und anschließend zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. In Sremska Mitrovica wurde er als Held verehrt, da er trotz erlittener Folter nichts gestanden und keine Aussage unterschrieben hatte. Er stand im Ruf, ein unbeugsamer Parteigenosse zu sein, der unter keinen Umständen mit dem »Klassenfeind« paktiert, und hatte einen starken Einfluss auf junge Parteimitglieder innerhalb und außerhalb des Gefängnisses.139 Er wurde in Volksliedern besungen, und eine Panzerabwehrbatterie der Internationalen Brigaden in Spanien trug seinen Namen.140 »Sie wollten die Aktion«, schreibt Đilas. »Sie suchten einen starken Führer, und es hatte den Anschein, als könnte Petko Miletić das werden.«141 Als Broz’ Stern aufzugehen begann, erkannte Petko in ihm sofort den gefährlichen Konkurrenten im Kampf um die Macht und versuchte zusehends auch die Parteipolitik außerhalb der Kerkermauern zu bestimmen.142 Dabei halfen ihm seine guten Kontakte ins Ausland, insbesondere nach Moskau. So erschien im Herbst 1937 in der Rundschau, dem deutschen Organ der Komintern, ein Artikel, in dem es hieß, dass Miletić aus dem Zuchthaus heraus einen harten ›bolschewistischen‹ Kampf gegen die Trotzkisten führe und »eine neue Epoche in unserer Partei bei der Heranbildung von Kadern« eingeleitet habe.143

Ungeachtet dessen setzte Broz sein Programm fort: Zu einer seinen ersten Initiativen gehörte die Gründung der Kommunistischen Partei Sloweniens. Es handelte sich um einen Schritt, den die Komintern noch vor dem VII. Kongress gebilligt hatte und der der Einsicht entsprungen war, dass die kommunistische Bewegung in Jugoslawien keine Wurzeln in den breiten Massen schlagen könne, wenn sie sich nicht die brennende nationale Frage zu eigen machte. Obwohl Gorkić in dieser Hinsicht große Bedenken hatte, konnte Edvard Kardelj die Aufgabe gemäß den von Broz gegebenen Anweisungen erfolgreich durchführen: Kardelj organisierte am 18. April 1937 in Čebine unweit Trbovlje im Haus des örtlichen Mesners den Ersten Kongress der Kommunistischen Partei Sloweniens, die zu diesem Zeitpunkt kaum 200–300 Mitglieder zählte.144 Auf dem Kongress erklärte Kardelj, dass der slowenischen Bourgeoisie nicht die Interessen des Volkes am Herzen lägen, sondern nur die Interessen der eigenen Klasse. Das Höchste, was sie anzubieten habe, sei die kulturelle Autonomie innerhalb Jugoslawiens. Aber die nationale Frage sei nicht nur eine Frage der Kultur oder der Sprache. Deshalb könne sie erst dann gelöst werden, wenn die Slowenen ihren eigenen Staat verwirklicht hätten samt dem Recht auf Selbstbestimmung hinsichtlich ihrer Mitwirkung an einer größeren staatlichen Gemeinschaft, wie es Jugoslawien sei.145 Dieser Idee blieb er sein ganzes Leben hindurch treu.

In der Nacht vom 1. auf den 2. August desselben Jahres erfolgte auch die Gründung der KP Kroatiens, deren Fundamente Broz persönlich bei einem Treffen mit sechzehn Delegierten in dem Wäldchen Amindol bei Samobor legte. Geplant war auch die Gründung der KP Mazedoniens, zu der es aber erst 1943 kommen sollte. Da die Serben in Jugoslawien alle Fäden in der Hand hielten, zog niemand die Gründung einer KP Serbiens ernsthaft in Betracht. (Broz hatte darüber allerdings mit seinem Freund Josip Kopinič gesprochen, dem er erklär te, dass die Kroaten und Slowenen unterdrückt seien und unter der Knute Belgrads litten. Kopinič entgegnete, dass auch das serbische Volk unterdrückt und diskriminiert sei und dass es sich deshalb eines Tages rächen werde.146) Später sah Tito die Gründung der KP Sloweniens und Kroatiens als einen Fehler an, der das sozialistische Jugoslawien schon im Ansatz untergraben und die Teilung Jugoslawiens in einen orthodoxen und einen katholischen Teil begünstigt habe.147 Zunächst jedoch bekam die KPJ durch die Gründung der beiden Parteien neuen Auftrieb.

Ende März 1937 reiste Broz nach Paris, wo das politische Klima freundlicher war als in Wien, denn hier war eine Volksfront an der Macht, eine Koalition aus Sozialisten, Radikalen und Kommunisten. Daher hatten sich zahlreiche Mitglieder des ZK der KPJ mit Gorkić an der Spitze und auch andere prominente jugoslawische Kommunisten in die französische Hauptstadt geflüchtet. Darunter der Bosnier Rodoljub Čolaković, der Broz aus der gemeinsamen Gefängniszeit in Maribor kannte, und Sreten Žujović (Crni), der gegen Ende des Ersten Weltkriegs in der Fremdenlegion am Rhein gegen die Deutschen gekämpft und sich in der Zeit zwischen den Weltkriegen zu einem der gebildetsten und schlagkräftigsten serbischen Kommunisten entwickelt hatte. Außerdem, so Đilas, war er »so schön«, dass die Frauen verrückt nach ihm waren. Beide waren Mitglieder des neuen Zentralkomitees, das wenige Monate zuvor von der Komintern eingesetzt worden war. Als Hitler im Frühjahr des darauffolgenden Jahres Österreich annektierte, übersiedelten auch Boris Kidrič, seine Frau Zdenka und Lovro Kuhar von Wien nach Paris. Letzterer führte in der französischen Hauptstadt die Buchhandlung Horizont und fungierte als Mittelsmann für Kontakte und Post. Es war eine intellektuell bewegte Szene, in der Broz noch die geringste Schulbildung aufzuweisen hatte, wenngleich er aufgrund seiner enormen Erfahrung und seiner großen Liebe zu den Büchern keinesfalls der Ungebildetste war.148 Sie lebten in bescheidenen Wohnungen oder Hotelzimmern, trafen sich in Cafés und ähnelten mehr einer Künstlerboheme als Berufs revolutionären. Wie sich Tito später erinnerte, wohnte er zwischen 1937 und 1938 in Paris an verschiedenen Orten, zu Anfang in einem Hotel im Quartier Latin. Da er im selben Arrondissement nicht länger als zwei Monate bleiben konnte, weil er sich bei der Polizei hätte melden müssen, zog er ständig um, wenngleich er zumeist in Zentrumsnähe blieb.149

Broz brachte »interessante und optimistisch stimmende« Informationen aus der Heimat mit, wie es in einem Bericht Gorkićs an die Komintern heißt, und als erprobter Kader erhielt er den Auftrag, den technischen Apparat wie Fälscherwerkstätten und Druckereien, den die Partei noch in Mitteleuropa unterhielt, zu »liquidieren«, und reiste nach Wien und Prag.

Ende April kehrte er in die Heimat zurück, war Mitte Mai erneut in Paris und reiste Anfang Juni 1937 wieder nach Zagreb. »Das war gefährlich; ich passierte die jugoslawische Grenze an allen denkbaren Übergängen, nur damit sich die Polizisten nicht an mich erinnerten.«150

In der Zwischenzeit war etwas Unerwartetes geschehen: Am 4. Juli 1937 war Gorkić nach Aufforderung durch die Komintern voll böser Ahnungen plötzlich nach Moskau abgereist, von wo man nichts mehr von ihm hörte. »Vom Nebel verschluckt«, wie er sonst selbst über Genossen sagte, die vor ihm in den Kerkern des NKWD verschwunden waren.151

Offenbar war seine »Liquidationspolitik«, mit der er versucht hatte, mit den Oppositionskräften in Jugoslawien auch bei Preisgabe der illegalen Strukturen der Partei zu einer Übereinkunft zu kommen, in Moskau nicht auf ungeteilte Zustimmung gestoßen. Hinzu kam das Desaster der Freiwilligenexpedition nach Spanien. Aber das wäre ihm wohl noch verziehen worden, wäre er nicht ins Räderwerk zwischen den hohen Funktionären der Geheimdienste geraten.

Gorkić wurde unter der falschen Anschuldigung, ein britischer Spion und Volksfeind zu sein, bereits am 19. August verhaftet und am 1. November 1937 erschossen.152 Davon wusste man in Paris nichts, obwohl man schon ahnte, dass »Gorkić der Boden unter den Füßen schwankt«.153

Da die KPJ mehr oder weniger enthauptet war – neben Gorkić war auch Gržetić, ihr Vertreter bei der Komintern, verschwunden –, riefen die beiden Mitglieder des Politbüros Rodoljub Čolaković und Sreten Žujović Mitte August Broz dringend aus der Heimat nach Paris und erläuterten ihm die Lage. In Übereinkunft mit anderen in der Hauptstadt lebenden Genossen schlugen sie ihm vor, die Führung der Partei zu übernehmen. Unter allen Mitgliedern des ZK sei er dafür noch der Geeignetste, nicht nur, weil er Gorkić gegenüber kritisch eingestellt sei, sondern vor allem wegen seiner mustergültigen Vergangenheit und seiner Herkunft aus der Arbeiterklasse.154 Broz zögerte, ließ sich am Ende aber doch überreden.155 Als inoffizieller Führer der Partei fragte er in den letzten Augusttagen bei der Komintern nach, warum es von Gorkić und Gržetić keine Nachricht gebe und warum aus Moskau keine Anweisung erfolge, wie es weitergehen solle. Als keine Antwort kam, sandte er einen Monat später ein Telegramm mit denselben Fragen an Pieck. Wieder kam keine Antwort. Noch schlimmer: Die jugoslawischen Kommunisten in Paris sahen sich in finanziellen Schwierigkeiten, der Zustrom an Geld aus Moskau war versiegt (ein erster Schritt zur Auflösung der Partei). Davon, wie ungewiss ihre Lage war, zeugt auch die Tatsache, dass Broz bzw. »Walter« von den sowjetischen Behörden kein Visum für eine Reise in die Sowjetunion bekam, obwohl sich M. A. Trilisser, der GPU/NKWD-General in der Kaderabteilung der Komintern, für ihn eingesetzt hatte.156

Nach Monaten der Ungewissheit traf Mitte Dezember 1937 ein Brief von Pieck ein, in dem dieser über Gorkićs Sturz informierte und »Otto« (Broz) den Auftrag gab, die Leitung der jugoslawischen »Filiale« zu übernehmen. Kurz darauf erfuhr Broz, dass Gorkić und seine Frau unter der Anschuldigung Spione zu sein verhaftet worden waren. Die Nachricht überraschte ihn nicht, denn er hatte Gorkić schon lange in Verdacht – so hatten ihm Freunde aus dem NKWD anvertraut –, im Dienste der Briten zu stehen, nicht zuletzt, da er einige Tage in einem englischen Gefängnis eingesessen hatte.157 Gorkić hatte seiner Überzeugung nach systematisch gegen die KPJ gearbeitet, vor allem gegen den Aufstieg jener Mitglieder, die – wie Broz selbst – aus den Reihen der Arbeiterschaft stammten. Später beschuldigte er ihn sogar, zusammen mit mehreren prominenten serbischen Nationalisten die Absicht gehabt zu haben, die Partei zu »liquidieren«.158 Auch dieses Gerücht kursierte innerhalb der Komintern. »Im Land kennt ihn niemand«, hatte er abschätzig über ihn an Dimitrow geschrieben, »außer einigen Intellektuellen, die keinerlei Bedeutung haben.«159Und zu Louis Adamič sagte er später, Gorkić habe »ohne jeden Zweifel« im Dienste der Königsdiktatur in Belgrad, der Piłsudski-Regierung in Warschau, anglo-französischer Interessen und der Jesuiten gestanden. Mit denen und dem Piłsudski-Regime sei er über das ZK der polnischen kommunistischen Partei verbunden gewesen, das eine Zeitlang aus lauter antikommunistischen Agenten bestanden habe. Und er habe selbstverständlich auch für die GPU gearbeitet. Erst gegen Ende seines Lebens gab Tito zu, dass »Gorkić nicht der Spitzel war, als den man ihn bezichtigt hat«.160

Neben der kommissarischen Führung der jugoslawischen Partei bekam Broz noch eine zweite heikle Aufgabe übertragen, über die wir wenig wissen. Aus Aufzeichnungen von Josip Kopinič, die sich in Dedijers Archiv finden, lässt sich jedenfalls schließen, dass er von Gorkić die Rolle eines Vermittlers zwischen der Sowjetunion und Spanien geerbt hatte, den Kampf der Abteilung IV des NKWD gegen die dortigen »Trotzkisten« eingeschlossen. Laut einem Dokument aus dem Archiv des führenden französischen Kommunisten Maurice Thorez war Broz in Paris Leiter eines Stabes, zu dem der Italiener Vittorio Vidali, der Kroate Ivan Krajačić-Stevo, der Slawonier Ivan Srebrnjak-Antonov und der bosnische Serbe Vlajko Begović gehörten. Letzterer war stellvertretender Leiter des NKWD bei den Internationalen Brigaden und Chef des dazugehörigen operativen Zentrums in Albacete. Alle waren sie Liquidatoren.161 Es handelt sich um das geheimnisvollste Kapitel in Broz’ Leben, über das kaum Quellen existierten. Nach eigener Aussage ging er 1936 oder 1937 nach Madrid, einer Niederschrift der österreichisch-schwedischen Kommunistin Gusti Stridsberg zufolge hat er sich 1938 auch in Barcelona aufgehalten.162 Es soll sich dabei – so behauptet Dobrica Ćosić – um kurze Inspektionsreisen gehandelt haben, die mit der Organisation rund um die jugoslawischen Bürgerkriegsteilnehmer im Zusammenhang standen, aber auch um die Ausübung »anderer Funktionen, über die wir noch nichts wissen«. Angeblich wollte er sich den Internationalen Brigaden anschließen, um am Kampf gegen die Faschisten teilzunehmen, das aber hätten die Genossen verhindert, weil er für die Partei in der Heimat und in Paris wichtiger sei.163

War Broz an der Liquidierung von »Trotzkisten« beteiligt, die von den sowjetischen Agenten in Spanien durchgeführt wurden? Es ist bis heute ungewiss, ob er tatsächlich einer der »los Russos« war, wie die Spanier jene nannten, die in ihr Land gekommen waren, um auf Seiten der Republik zu kämpfen, und ob er persönlich an der Jagd auf »Trotzkisten« beteiligt war, auch wenn ihn eine gewisse Edith Wedderburn im Mai 1944 in einem Brief an den britischen Außenminister Anthony Eden dessen beschuldigte. Darin behauptete sie, dass Broz in Barcelona Prozesse gegen Trotzkisten und andere Aufständische organisiert habe, »die sich der Diktatur der GPU in Spanien der Jahre 1936 und 1937 nicht unterordnen wollten«.164 Einem anderen Brief zufolge, den E. M. Rose, ein Diplomat des Foreign Office, einige Tage später an Elizabeth Barker, eine Mitarbeiterin der Abteilung für politische Nachrichten, richtete, kursierten im Frühjahr 1944 in London Gerüchte über Verbrechen, die Tito während des Bürgerkriegs in Spanien verübt habe.165 Später schrieb Fred Copeman, ein englischer Kommunist, der im spanischen Bürgerkrieg das Kommando über eine britische Brigade innehatte, in seinen Erinnerungen, dass Broz unter dem Pseudonym Čapajev eine Zeit lang die Brigade Georgi Dimitrow befehligt habe, in der Freiwillige aus Mitteleuropa und vom Balkan kämpften. Dem widersprechen allerdings Aussagen Santiago Carillos, des langjährigen Sekretärs der Kommunistischen Partei Spaniens.166 Von einer Begegnung mit Tito auf der Pyrenäen-Halbinsel berichtete auch der Schriftsteller André Malraux gegenüber dem amerikanischen Journalisten C. L. Sulzberger. Im Juli 1966 schrieb die französische Zeitschrift L’Aurore, dass Tito »über diesen Abschnitt seines Lebens« nicht sprechen wolle, »da sein Aufenthalt in Barcelona und in Alba cete Ende 1936 zeitlich mit den von Tschekisten ausgeführten Morden zusammenfiel, als führende jugoslawische Kommunisten liquidiert wurden«.167

Solange die Archive der sowjetischen Geheimdienste nicht zugänglich sind, lässt sich die Frage, inwieweit Broz in die Tragödie des spanischen Bürgerkriegs verwickelt war, kaum beantworten. Umso weniger, als er sich selbst in einem Bericht an die EKKI über die Arbeit der Partei von den »Liquidatoren« distanziert hat, die überdies noch einen sektiererischen Kampf geführt und so die Partei herabgewürdigt hätten. An welche »Liquidatoren« hat er hierbei gedacht? Auch an jene, die nach den Weisungen des NKWD handelten? Einer von ihnen, Ivan Krajačić (Stevo), blieb bis an sein Lebensende sein intimer Freund, wobei sie vermutlich nicht nur gegenseitige Zuneigung verband, sondern auch eine gemeinsame Vergangenheit.168 Angeblich ist es gerade Broz gewesen, der Krajačić in Moskau in die Geheimdiensttätigkeit hineingezogen hat. Als es 1948 zum Bruch zwischen Stalin und Tito kam, soll er laut Vlado Dapčević bei einem Abendessen mit Ranković, Vukmanović (Tempo) und Krajačić im Zorn gesagt haben: »Seht doch, wie sie uns angreifen, und dabei haben wir ihnen unsere besten Kader gegeben. Sogar ich habe für das Ministerium für Staatssicherheit NKWD gearbeitet.« Als ihn Krajačić mit dem Fuß anstieß, um ihm zu signalisieren, er solle schweigen, antwortete Broz, dass er nichts zu verbergen habe, denn die gerade erwähnten Kader säßen ja mit am Tisch.169

Über seinen Aufenthalt in Spanien sprach Tito 1949 flüchtig mit Louis Adamič und auch mit Vladimir Dedijer, der seine Biografie schrieb, die 1952 in der Zeitschrift Life erschien. In der erweiterten jugoslawischen Ausgabe des Textes hat man diese Passage auf Verlangen Titos gestrichen.170 Offensichtlich war für ihn die Erinnerung an die spanischen Geschehnisse peinlich, besonders wenn man die von Dedijer protokollierte Aussage von Leo Mates, einem kroatischen Revolutionär jüdischer Abstammung und Nachkriegsdiplomaten in Betracht zieht, der zufolge Broz in Spanien für die Sowjets die »Schmutzarbeit« erledigt und dort Leute »gesäubert« hat. Das habe Letzterer 1939 oder 1940 auch selbst bei einem Mittagessen in Mates’ Zagreber Wohnung erwähnt, als er zu Anka Butorac, einer kommunistischen Agitatorin, die mit am Tisch saß, unver mittelt sagte: »Ich habe deinen ›Genossen‹ in Spanien in den Tod geschickt.« Damit war Blagoje Parović gemeint, ein charismatischer serbischer Kommunist und möglicher Konkurrent von Broz um die Führung der KPJ. Dieser wurde am 6. Juni 1937 nahe Madrid unnötigerweise zum Angriff und in den sicheren Tod geschickt – wenn er nicht hinterrücks von Vlajko Begović, einem Mitarbeiter des NKWD, erschossen wurde, wie viele vermuteten.171


DER KAMPF GEGEN DAS »PARALLELZENTRUM«

Gorkićs Verhaftung warf einen langen Schatten auf die KPJ. Die jugoslawischen Kommunisten, vor allem jene in der Sowjetunion, in Frankreich und Spanien, standen unter dem Generalverdacht, ebenfalls Trotzkisten zu sein. Und tatsächlich fanden sich, abgesehen von der russischen, die meisten Trotzkisten in der polnischen und jugoslawischen Partei. Beide gerieten deshalb unter Beschuss, und die polnische KP wurde von der Komintern einfach aufgelöst. Wie Gusti Stridsberg in ihren Erinnerungen erzählt, war es, als wären die Jugoslawen Opfer einer politischen Epidemie geworden. »In erster Linie verhielten sich die deutschen Kommunisten, aber auch andere, ihnen gegenüber so vorsichtig, als wären sie Aussätzige, denen man besser aus dem Weg geht. Sie wurden von vielen politischen Versammlungen ausgeschlossen. […] Immer wieder hörte ich, dass man in Moskau alle Jugoslawen Verhören unterzog, und dass Gorkić die letzten Tage seines Lebens im Gefängnis darauf verwendet hat, mit seinen Aussagen die anderen zu belasten.«172

In diesem Moment allgemeiner Konfusion, als es fraglich war, ob die KPJ überhaupt überleben würde, wurde in Paris mit Unterstützung der KP Frankreichs, aber auch der Komintern, von dem Dalmatiner Ivo Marić und dem Montenegriner Labud Kusovac ein sogenanntes »Parallelzentrum« gegründet. Ersterer war zuständig für die Kontakte mit jugoslawischen Wirtschaftsemigranten im Ausland, der andere vertrat die Partei im Hilfskomitee für das republikanische Spanien, das unter der Schirmherrschaft der französischen Kommunisten stand.

Zunächst boten sie Broz die Mitarbeit an und schlugen ihm vor, gemeinsam die Partei zu führen. Im Gegenzug verlangten sie von ihm, sich von allen zu trennen, die Gorkić in der letzten Zeit in leitende Positionen gebracht hätten, vornehmlich von Kuhar, Čolaković und Žujović. Obwohl Broz Čolaković umgehend mit dem Auftrag nach Spanien schickte, dort politische Kurse für die jugoslawischen Kämpfer zu organisieren, waren Marić und Kusovac noch nicht zufriedengestellt: Broz hatte Kuhar ohne vorherige Billigung durch die Komintern zum Vertreter der KPJ in Paris und zum Redakteur des Parteiorgans Proleter gemacht und auch Žujović nicht seinen Funktionen enthoben.173 Obwohl Marić und Kusovac in der Vergangenheit selbst Verbindungen zu Gorkić hatten, beharrten sie darauf, dass aus der Führung alle entfernt werden müssten, die mit ihm zusammengearbeitet hatten. Das lehnte Broz mit der Begründung ab, dass die erwähnten Genossen vom EKKI in ihre Positionen gebracht worden seien.

Der wahre Grund aber war wohl, dass er die Macht mit niemandem teilen wollte: Er berief sich dabei auf Piecks Anweisungen von Ende Dezember 1936, denen zufolge Gorkić die Partei im Ausland führen solle, er hingegen in der Heimat. Jetzt, wo Gorkić nicht mehr da war, war er der Meinung, für die Gesamtpartei verantwortlich zu sein. Er erklärte, dass er so arbeiten werde, wie er es für angemessen erachte, und dass er zu den Beratungen des Politbüros jene einladen werde, deren Teilnahme er für notwendig erachte. Marić vermutete, dass Broz die Macht bei sich konzentrieren wollte und begann gemeinsam mit Kusovac und dessen Frau Kristina, eine Mitarbeiterin der sowjetischen Geheimpolizei, aktiv gegen ihn zu intrigieren. Sie behaupteten, er agiere eigenmächtig, ohne Mandat des EKKI, was sich auch daran zeige, dass das Exekutivkomitee die KPJ nicht mehr finanziere, und weigerten sich, Broz’ Direktiven zu folgen. Zudem verbündeten sie sich mit Petko Miletić in Sremska Mitrovica, den sie als »Kapital für die Partei« bezeichneten.174 Schließlich beschuldigte ihn Ivan Srebrnjak-Antonov, Agent des NKDW, bei der Erneuerung der Partei auf Mitarbeiter wie Boris Kidrič oder Ivo Lola Ribar zu setzen, die beide aus tiefbürgerlichen Familien stammten, Söhne von Freimaurern seien und im Dienste der jugoslawischen Bourgeoisie stünden. Er wies auch auf das Liebesverhältnis hin, das Broz in Moskau mit einer gewissen Elza, einem Mitglied der KP Deutschlands, unterhalte, die der NKWD in Verdacht habe, für die Gestapo zu arbeiten. Mitarbeiterin der Gestapo sei auch seine Kurierin, die Post aus Paris nach Jugoslawien und zurück bringe (offensichtlich Herta Haas). Aus diesen Gründen sei Broz nicht besser als Gorkić und müsse durch das EKKI zur Verantwortung gezogen werden; und die KPJ gehöre aufgelöst.175

Broz wehrte sich, indem er 1937 seinerseits zum Kampf gegen die ihm übelwollenden »Trotzkisten«, »Faschisten« und »Spitzel« aufrief. In einem Artikel von 1938, der unter dem Titel »Trotzkisten, die Agenten des internationalen Faschismus« im Proleter erschien, schrieb er, dass unter den Jugoslawen viele anständige, doch uninformierte Antifaschisten nicht an die Verbreitung der neuen Pest glaubten: »Sie glauben nicht, dass die Trotzkisten so tief gesunken und heute eine ›gewöhnliche Bande von Spitzeln, Mördern, Diversanten und Agenten der Faschisten‹ sind.« Und Broz rief zu Vorsicht und Wachsamkeit auf: »Mögen auch in Zukunft alle Versuche der trotzkistischen Banditen an der Geschlossenheit, Disziplin und Einheit unserer Partei zerschellen.«176

An der Spitze derer, die er als größte Gefahr für die Geschlossenheit der Partei ansah, stand Petko Miletić. Er meinte in Übereinstimmung mit den Belgrader Genossen zwar, dass man ihn und Moša Pijade im Zuchthaus von Sremska Mitrovica über Gorkićs Sturz informieren müsse, bat sie allerdings um Stillschweigen, um die eingesperrten Genossen nicht zu demoralisieren. Miletić aber pfiff auf die Geheimhaltung und versuchte die Situation zu seinem Vorteil zu nutzen und sich als ihr Retter an die Spitze der Partei zu setzen. Laut Rodoljub Čolaković plante er im November 1937 die Flucht aus dem Gefängnis, um einen außerordentlichen Kongress der KPJ einzuberufen, auf dem die bisherige »opportunistische« Führung durch eine »bolschewistische« ersetzt werden sollte. Seine Anhänger sollen zu diesem Zweck bereits einen Tunnel unter der Gefängnismauer hindurch gegraben haben.

Diese Nachricht versetzte Broz’ junge Folgschaft in Jugoslawien, allen voran Đilas, in große Aufregung, denn die »Popularisierung Petko Miletićs durch seine Anhänger nahm hysterische Formen und ein Ausmaß an, dem sich einfach niemand entgegenstellen konnte«.177 Sofort wurde Ivo Lola Ribar nach Paris geschickt, um Broz über die Gefahr zu informieren. Von Đilas und Ranković, die in der Vergangenheit zwar vorübergehend unter Miletićs Einfluss geraten waren, den »Wahhabismus« aber entsagt hatten, übernahm Broz die Idee, die im Zuchthaus einsitzende Parteiführung mit dem Argument auszuwechseln, dass es sich bei ihnen um eine »fraktionistische« Gruppe handele, die die Einheit der Partei untergrabe. In den ersten Dezembertagen 1937 löste er das Parteikomitee im Gefängnis von Sremska Mitrovica, dem als »Herr der Seelen« Miletić vorsaß, eigenmächtig auf und ernannte Moša Pijade, seinen alten Mentor und Freund aus Lepoglava, zum Kommissar.178

Da Letzterer ein erbitterter Gegner Petkovs war, löste seine Ernennung unter den Zuchthäuslern, die in ihm einen »Banditen, Verräter, Trotzkisten« sahen, aber auch im »Parallelzentrum«, wo man ihn zum Opportunisten erklärte, eine Woge der Empörung aus.179 Trotzdem setzte sich Broz mit seiner Linie durch: Anfang November 1937 berief er eine Sitzung des ZK der KPJ ein, auf der die »gegen die Partei gerichtete Handlungsweise« der Organisation in Sremska Mitrovica verurteilt wurde. Miletić musste seinen Posten als Sekretär des Gefängniskomitees räumen, und zwar unter der Anschuldigung, entgegen der Beschlüsse des VII. Kongress der Komintern zu handeln.

Das »Parallelzentrum« in Paris reagierte mit der Behauptung, dass die Führung der Partei nicht mehr existiere und dass Broz kein Mandat für sein Handeln habe. Zudem versuchte man, einen Keil zwischen Broz und Đilas zu treiben, indem man Letzterem empfahl, in seiner Beziehung zu Tito vorsichtig zu sein und erst einmal zu sehen, »von wo der Wind weht«. Aber ohne Erfolg.180 »Ich weiß nicht, was ich über Železar sagen soll«, lautete Broz’ Kommentar, »aber unserer Partei hat er so großen Schaden zugefügt, dass er entweder ein Trottel oder ein ausgemachter Verräter ist.«181

Im Zuchthaus spielten sich inzwischen wilde Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern Miletićs und den Anhängern Pijades ab. Miletić behauptete etwa, Pijades Anhänger seien Homosexuelle, die versucht hätten ihn zu vergiften, und ähnliches mehr.182 Doch es half nichts, immer mehr Insassen schlugen sich auf Pijades Seite, da sie erkannten, wer der stärkere war.

Ende März 1938 erschien der Vertreter der Komintern, Nicolai Petrowitsch Bogdanow, in Paris und trat mit Kusovac und Marić in Kontakt, während er Broz völlig ignorierte. Darüber war Letzterer ziemlich aufgebracht, war dieses Verhalten doch Zeichen dafür, dass die Sympathien Moskaus sich dem »Parallelzentrum « zuneigten. Dieses hatte bereits aufgehört, den Direktiven des Politbüros zu folgen, und begonnen, eine »neue Garnitur« zu bilden. In dem Bewusstsein, dass er den Kampf für die Einheit der Partei nur in der Heimat gewinnen konnte, entschloss sich Broz zu einem riskanten Schritt. Ohne die Komintern um Erlaubnis zu fragen, setzte er die Führung der Partei in Paris ab und fuhr nach Jugoslawien. In der Praxis der von Moskau abhängigen kommunistischen Parteien war das ein äußerst gewagtes und präzedenzloses Manöver, das Marić dazu bewegte, sich als Sieger in dem Konflikt mit Broz zu sehen. Dabei zeigte Broz mit diesem Schritt zum ersten Mal seine Führungsqualitäten und gab ein deutliches Signal, dass er nicht vorhabe, eine sowjetische Marionette zu bleiben.183

In diesem Sinne ist auch die Proklamation zu verstehen, die das Pariser ZK der KPJ auf seine Initiative hin zum Anschluss Österreichs ans Dritte Reich herausgab. In ihr wurde mehr als je zuvor betont, dass der Kampf gegen die nazistische Gefahr unumgänglich sei und man in diesem Sinne auch mit den jugoslawischen Regierungsparteien zusammenarbeiten müsse. Zum ersten Mal bekannte er sich, mit geradezu patriotischem Feuer, zu dem jugoslawischen Staat: »Völker Jugoslawiens! All ihr, denen Freiheit und Demokratie teuer sind, alle, die ihr eure Heimat und euer Volk liebt, alle patriotischen Staatsbürger, die ihr den faschistischen Eroberern nicht als Knechte dienen wollt, vereinigt euch!«184 Zudem erklärte er, dass man ein für alle Mal mit den Sektierern in der Partei aufräumen müsse und alle »gesunden« Elemente Seit an Seit zu stehen hätten. Das gelang ihm auch teilweise, denn im April fassten die auf einem Kongress in Zagreb versammelten Sozialdemokraten und Gewerkschaftsvertreter den Beschluss, mit den Kommunisten in einer Volksfront gegen den Faschismus zusammenzuarbeiten und auf ihre antisowjetische Propaganda zu verzichten. Dies hatte zur Folge, dass die Vertreter der Partei in der Führung der wichtigsten jugoslawischen Gewerkschaften festen Fuß fassen konnten.185

In dieser Zeit traf sich Broz regelmäßig mit Häftlingen, die aus Sremska Mitrovica entlassen worden waren, um festzustellen, ob sie sich in die Parteiarbeit integrieren ließen, auch wenn sie ehemalige Anhänger Petko Miletićs waren.186 Zudem festigte er seine noch provisorische Führung der Partei auf heimischem Boden, indem er ein neues neunköpfiges Zentralkomitee bestimmte, das auch ohne Bestätigung durch die Komintern seine Arbeit aufnahm. In dieses Gremium berief er vor allem enge Vertraute, mit denen auch Dimitrow einverstanden war, darunter Đilas, Ranković und Kardelj. Bis auf Letzteren waren das Leute, die in Moskau unbekannt waren, sodass Broz zum alleinigen Mittler zwischen der Spitze der KPJ und der Komintern wurde.187

Er unterband Eingriffe in die Parteipolitik aus dem Ausland und schuf einen engeren Austausch zwischen der politischen Führung und den Mitgliedern, was der Partei neuen Schwung verlieh. Die drei regionalen Zentren Belgrad, Zagreb und Ljubljana, die bisher nur gelegentlich über ihre Arbeit berichtet hatten, begannen ihre Aktivitäten aufeinander abzustimmen. Ein Militärkomitee, das von der neuen Führung eingerichtet wurde, hatte die Aufgabe, das Gerüst einer Einsatztruppe zu schaffen. Zu diesem Zweck wurden Kurse für Studenten organisiert, zuerst in Belgrad, danach auch in Slowenien. Daneben entwickelte die Partei eine umfangreiche halblegale Herausgebertätigkeit: Sie publizierte Zeitungen, Bücher und Broschüren, die sich gut verkauften und Geld in die Kassen spülten.188 Broz verlangte, dass sich die Partei selbst finanzieren müsse, um dem Vorwurf zu entgehen, sie seien »bolschewistische Söldner«. Diese Haltung entsprang allerdings auch einer Zwangslage, da Moskau der KPJ ohnehin keine Gelder überwies.

In einem Brief an Dimitrow berichtete Broz am 1. März 1938 von seiner Arbeit und klagte: »Es ist schwer, in dieser stürmischen Zeit ohne jede moralische, politische und materielle Unterstützung von deiner Seite zu arbeiten.« Voller Optimismus setzte er hinzu: »Ich verstehe die ganze Situation und werde bis zur letzten Minute alles versuchen, was möglich ist, damit wir die Firma retten und die Aufgaben erfüllen, die heute vor uns liegen.«189

Dieser Brief blieb nicht ohne Echo: Auf Initiative Dimitrows zirkulierte er unter den wichtigsten Vertretern der Komintern, wo seit Jahresbeginn über die KPJ diskutiert wurde. Das Sekretariat des EKKI hatte zu diesem Zweck am 3. Januar 1938 eine Sonderkommission einberufen, der Pieck, Manuilski und der einflussreiche bulgarische Kommunist Kolarov angehörten. Ihre Aufgabe war es, »die Verhältnisse innerhalb der KPJ zu untersuchen, ihre Kader zu beurteilen und Vorschläge für die Erneuerung der Führung und der Parteiarbeit in der Heimat auszuarbeiten«.190 Trotz der Kritik des Bulgaren Georgi Damjanow (Below), Direktor des Kaderbüros, nach der Broz in der Zeit des Großen Oktobers »vor der Revolution geflohen« sei und dass ihn nach seiner Rückkehr nach Jugoslawien ein »hoher Herr« vor dem Polizeigefängnis und später eine »Absprache mit den Richtern«191 gerettet habe, teilten die Mitglieder der Kommission Dimitrow mit, dass Broz ihrer Meinung nach der geeignetste Mann für die Führung der Partei sei, und empfahlen, ihn nach Moskau zu rufen. »Man kann ihn einladen«, notierte Dimitrow am 26. April 1938 lakonisch auf dem erwähnten Dokument.

Von der Entscheidung in Kenntnis gesetzt reiste Broz im Juni 1938 in der Überzeugung nach Paris, die Ernennung schon in der Tasche zu haben. (Bereits im Mai 1938 stellte er sich seinem künftigen Biografen Vladimir Dedijer, der damals noch studierte, als Sekretär des Zentralkomitees vor.192) Er war überzeugt, nur kurze Zeit in Frankreich bleiben zu müssen, aber zu seinem Verdruss ließ das Visum für die Weiterreise in die Sowjetunion auf sich warten. Broz befürchtete, dass die Komplikation mit den Papieren auf Intrigen seiner Feinde zurückzuführen war. Und tatsächlich waren Marić und Kusovac weiterhin höchst aktiv und behaupteten, Broz sei Gorkićs Mann gewesen, setze dessen trotzkistische Politik fort und würde sich selbst nicht von jenen Leuten aus dem alten Apparat trennen, die mit der Polizei zusammenarbeiteten oder dessen zumindest verdächtig seien.193 Sie verbreiteten Gerüchte, dass in der Partei »ein wahrer Zirkus« herrsche, dass ein Zentralkomitee überhaupt nicht existiere, dass die Komintern nur ihnen vertraue und das »Georgij« ihnen bald das Mandat zur Führung der Partei übertragen werde.194

Zu allem Überfluss drohte Broz eine Verhaftung infolge verschärfter Polizeikontrollen im Zusammenhang mit dem Staatsbesuch des britischen Königs Georg VI. in Paris. Unter dem Einfluss des »Parallelzentrums« weigerten sich die französischen Genossen, für ihn eine konspirative Wohnung zu finden, sondern hatten im Gegenteil jeden Kontakt mit ihm abgebrochen.195

In dieser schwierigen Situation kam ihm der Slowene Josip Kopinič-Vokšin zu Hilfe, den Broz schon seit 1935 aus Moskau von der Kommunistischen Universität der nationalen Minderheiten des Westens her kannte, einer Einrichtung für nichtrussische Parteikader im europäischen Teil der Sowjetunion und für Emigranten aus Mitteleuropa, Skandinavien und vom Balkan. Broz war hier Kopiničs Dozent gewesen. Sie sollen auch wegen gemeinsamer Weibergeschichten befreundet gewesen sein. Kopinič war ein rätselhafter und umtriebiger Mensch: Noch während seiner Dienstzeit als Unteroffizier in der königlichen Kriegsmarine war er Mitglied der KPJ geworden und hatte dreizehn Parteizellen gegründet.196 Als ihm zu Ohren kam, dass man ihn verhaften wolle, war er 1934 nach Moskau geflohen, wo er Mitarbeiter der sowjetischen Nachrichtendienste wurde. In Spanien hatte er zu den ersten fünf Ausländern gehört, die kaum einen Monat nach Beginn des Bürgerkriegs der Republik zu Hilfe gekommen waren, und sich als heldenhafter Kämpfer einen Namen gemacht. Unter anderem hatte er auf einem Unterseeboot zuerst im Atlantik, danach im Mittelmeer gegen Francos Kriegsflotte gekämpft. Weil es ihm dabei gelungen war, die Blockade bei Gibraltar zu durchbrechen, stieg er in der spanischen republikanischen Armee unter allen Jugoslawen in den höchsten Rang auf. Er wurde Fregattenkapitän und wurde zum Mitglied der spanischen Militärmission in Paris ernannt.197 Deshalb genoss er innerhalb der internationalen Linken großes Ansehen und hatte Verbindungen zu höchsten Kreisen. Mit Hilfe seiner Kontakte besorgte Kopinič für Broz eine Unterkunft im Schloss eines Marquis, des Militärattachés an der Botschaft der spanischen Republik in Frankreich, an der er auch selbst arbeitete.

Er versprach ihm, sich auch in Moskau für ihn einzusetzen. Broz gab ihm einen Brief für Dimitrow mit auf den Weg. Es handelte sich um den verzweifelten Appell, »Genosse Georg« möge doch etwas zur »Rettung meiner Familie« unternehmen.198

Kopinič überbrachte den Brief, versah ihn aber noch mit einem eigenen Anschreiben, das mit den Worten endete: »Ich wende mich an Sie wie ein Sohn an seinen Vater und bitte Sie, mir die Fragen des Genossen Walter zu beantworten. […] Sie sind meine letzte Hoffnung, denn alle anderen, die ich frage, was unternommen wurde, antworten mir, dass es besser sei, nicht zu viel zu fragen.«199

Doch Dimitrow antwortete, dass er nicht mehr tun könne, als Kopinič den Rat zu geben, sich an die Kaderabteilung des EKKI zu wenden, die das Kontrollorgan der gesamten Organisation bildete. Damjanow (Below), ihr Leiter, empfing Kopinič zwar, gab ihm aber zu verstehen, dass er nicht helfen könne: »Gegen Walter [Broz] laufen Ermittlungen, und solange die nicht abgeschlossen sind, kann ich nicht intervenieren.« Kopinič ließ aber nicht locker, kehrte zu Dimitrow zurück und schlug ihm vor, man solle Broz erlauben nach Moskau zu kommen, damit er sich selbst verteidigen könne. Dieses Mal schickte ihn Dimitrow zu Božidar Maslarić-Andreev, dem Stellvertreter Manuilskis, der Kopinič noch aus Spanien gut kannte.

Der war etwas gesprächiger und erläuterte, um was für Anschuldigungen es sich handelte. Es waren die üblichen Verdächtigungen: Broz stehe direkt oder indirekt im Dienste der jugoslawischen Polizei und der Gestapo. Die Komintern finanziere die Presse der KPJ nicht, woher stammten dann die Gelder, wenn nicht von der jugoslawischen Polizei? Ivo Lola Ribar und Boris Kidrič seien Söhne von Kapitalisten, also Polizeiagenten und Provokateure. Schlimmer noch, Ribars Vater, ein bekannter Freimaurer, sei Präsident des Belgrader Parlaments gewesen, als die Obznana beschlossen wurde, ein Gesetz, mit dem die Behörden die KP in die Illegalität gezwungen hätten. Um gar nicht von Herta Haas zu reden, die eine Deutsche und ein Gestapospitzel sei. Was völlig hinreiche für die Lubjanka oder ein Erschießungskommando. Doch letztlich zahlte sich die Hartnäckigkeit Kopiničs, dem Maslarić sogar den Posten des Generalsekretärs der KPJ anbot, aus. Broz wurde erlaubt, nach Moskau zu kommen und zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen.200


ZURÜCK IN MOSKAU

Tatsächlich verließ Broz am 23. August 1938 Paris und flog über Stockholm nach Moskau, das er über zwei Jahre lang nicht besucht hatte. Man kann sich vorstellen, mit welchen Gefühlen hinsichtlich der Ereignisse der Jahre 1936–1937, als annähernd achthundert jugoslawische Kommunisten mitsamt ihren Familien verhaftet worden waren. Wie er selbst sagt, fühlte er sich wie der letzte Mohikaner: »Außer mir hat man alle eingesperrt.«201 Čolaković, der als »Gorkićs Mann Nr. 1« galt, und Žujović, die »Nr. 2«, waren von der Komintern aufs Abstellgleis geschoben worden. Sie überlebten nur, weil sie sich nicht in Reichweite des NKWD befanden. »Was war das Schwerste?«, sagte Tito später. »Dass ich in der Sowjetunion aufgrund der Anschuldigung umkommen würde, ein Konterrevolutionär zu sein. In Jugoslawien zu sterben, das war nicht schwer. Da wusstest du, dass du als Revolutionär sterben würdest. So ging ich in die Illegalität, als ginge ich in die Freiheit.«202

Am 24. August 1938 begab er sich zum Sitz der Komintern, wo man ihn demütigte, indem man ihn vier Stunden warten ließ, bevor er überhaupt das Gebäude betreten durfte.203 Sofort musste er sich vor einer fünfköpfigen Kommission verantworten, in der drei ihm feindselig gesinnte Bulgaren saßen, die seine Verurteilung wegen der Expedition forderten, die vor Budva gescheitert war, von ihm verlangten, »seine Schuld einzugestehen« und die Meinung vertraten, dass Petko Miletić zum Generalsekretär ernannt werden müsse. Wenn das nicht möglich sei, solle man einen gewissen Hauptmann Dimitrow, einen Bulgaren, der in Spanien gekämpft hatte, als Kommissar einsetzen. Walter hingegen müsse »liquidiert« werden. Unter anderem auch deshalb, weil sein Lebensstil nicht mit seinen finanziellen Mitteln in Einklang zu bringen sei, was den Verdacht nahelege, dass er bestochen wird. In die Untersuchung mischte sich auch der sowjetische militärische Nachrichtendienst mit der Behauptung ein, Walter sei ein Trotzkist. Broz entkam nur um Haaresbreite, weil sich herausstellte, dass die Anschuldigungen gegen ihn gewöhnliche Verleumdungen waren.204

Dazu trug zweifellos auch der Bericht vom 23. September 1938 bei, in dem er detailliert seine Beziehungen zu Personen beschrieb, »die als Saboteure und Feinde unserer Partei entlarvt worden sind«. Es handelte sich dabei um neun prominente jugoslawische Kommunisten, von denen sieben bereits erschossen worden waren, nur zwei von ihnen lebten noch, standen aber auch unter dem Verdacht, Trotzkisten zu sein. Natürlich fand er für keinen von ihnen ein gutes Wort, obwohl er später behauptete, vorsichtig gewesen zu sein und über die Genossen, über die er Beurteilungen verfasst hatte, nur gesagt habe, »dass ich sie nicht so gut kenne und dass ich nicht mit ihnen zusammengearbeitet habe«.205 Jedenfalls setzte sich Manuilski für ihn ein, vielleicht auch der mächtige Trilisser-Moskvin, einer der Leiter des NKWD, mit dem Broz schon lange zusammenarbeitete, der aber schon Ende November selbst ein Opfer der stalinistischen Säuberungen wurde.

Tito selbst sagte über diesen Aufenthalt in Moskau: »Ich konnte nicht sicher sein, ob sie eines Tages nicht auch mich holen würden. Dass ich nicht festgenommen wurde, habe ich Dimitrow zu verdanken, der Vertrauen in mich hatte und der Meinung war, das ich die Führung der kommunistischen Partei als Generalsekretär in meine Hände nehmen müsse.«206 Jahre später schilderte er diese Zeit in einem vertraulichen Gespräch mit Dedijer wie folgt: »Eine Nacht bei Karaivanow. Etliche Flaschen Wodka. Ich bin sehr erschrocken. Jetzt verstehe ich, warum sie in der UdSSR so viel trinken. Sie trinken, weil sie Angst haben …«207 Karaivanow, ein bulgarischer Kommunist, Mitarbeiter des NKWD, Vertrauter von und Verräter an Broz, schrieb über diese Zeit: »Er war sehr in Sorge. Seine Augen waren voller Tränen. Das waren die Tage, als Genosse Tito die ersten grauen Haare bekam.«208

Am Ende wurde Broz aber rehabilitiert, und am 17. September 1938 nahm er bereits an einer Sitzung des EKKI teil, auf der er den wichtigsten Führern der Organisation ausführlich über die Verhältnisse in Jugoslawien berichtete.209 In seinem Tagebuch kommentierte Dimitrow am 7. Oktober lakonisch: »Die jugoslawische Entschließung ist im Wesentlichen richtig.«210 Zu einem höheren Ansehen der Partei trug auch bei, dass es den jugoslawischen Kommunisten in der Zeit der tschechoslowakischen Krise Ende September und Anfang Oktober 1938 gelungen war, eine Protestbewegung für die bedrohte Republik auf die Beine zu stellen. Zu Tausenden hatten sich Studenten in Belgrad, aber auch in Zagreb, bereit erklärt, in die Tschechoslowakei zu gehen, um die Republik gegen Hitler zu verteidigen. Viele waren tatsächlich nach Prag gefahren, wo sie sich den Internationalen Brigaden anschlossen, die gegen die nazistische Aggression Widerstand leisten sollten. In Moskau wurde das Abkommen zwischen Hitler, Mussolini, dem französischen Premier Daladier und seinem britischen Kollegen Neville Chamberlain über den Anschluss des Sudetenlandes ans Dritte Reich als antisowjetischer Akt gesehen und man schrieb die Proteste dagegen Broz gut.211

Im Herbst 1938 erhielt Broz zusammen mit Vladimir Ćopić und Kamilo Horvatin den überaus heiklen Auftrag, die Redaktion der serbokroatischen Übersetzung der Geschichte der Kommunistischen Allunions-Partei (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang zu übernehmen, die am 1. Oktober 1938 unter Stalins Namen erschienen war. Das bedeutete, dass jedes falsche Wort das Ende bedeuten konnte.212 Noch bevor die Arbeit abgeschlossen war, nahmen am 3. November 1938 Agenten des NKWD Ćopić im Hotel Lux fest. »Mitten in der Nacht haben sie ihn abgeholt.«213 Auch die herausragende Rolle, die er im spanischen Bürgerkrieg als Kommandant der XI. Brigade gespielt hatte, konnte ihm nicht helfen. Kamilo Horvatin wurde unter der Anschuldigung, ein Trotzkist zu sein, ebenfalls Opfer der stalinistischen Säuberungen. Als Broz vor der Kontrollkommission, die mit diesem Fall befasst war, nicht zu Horvatins Ungunsten aussagen wollte, da er gegen sein Gewissen nicht über etwas sprechen könne, wovon er nichts wisse, brachte er sich erneut selber in Schwierigkeiten.

Diese vergrößerten sich noch nach dem Erscheinen der Übersetzung der Geschichte der WKP (B), an der Broz nach der Festnahme seiner beiden Mitredakteure mehrere Wochen hindurch allein gearbeitet hatte. Kaum war das Buch gedruckt, beschuldigten ihn Marić, Kusovac und andere in an das EKKI gerichteten Briefen, trotzkistische Formulierungen verwendet und damit Stalin herabgewürdigt zu haben.214 Ihnen sprang Dragan Müller bei, der Chefredakteur des »Verlags der ausländischen Arbeiter in der UdSSR« (1939 in »Verlag für fremdsprachige Literatur« umbenannt). Angeblich tat er das im Auftrag der Kommunistischen Partei Deutschlands, die darin eine Gelegenheit gesehen habe, innerhalb der Komintern ihre Wachsamkeit zu demonstrieren. Broz wurde erneut vor die Kontrollkommission zitiert, und erneut intervenierte Kopinič zu seinen Gunsten, der darlegen konnte, dass die Vorwürfe haltlos waren.215 Wie später Aleksandar Ranković richtig sagte: »Hätte es Kopinič nicht gegeben, gäbe es Tito nicht.«216

Als Trost für die durchstandene Gefahr kaufte sich Broz von dem Honorar, das er für die Redaktion bekam, einen Brillantring mit Opal, auf den er sehr stolz war. Aber auch das hätte ihn fast das Leben gekostet, denn eine Agentin, die vermutlich auch seine Liebhaberin war, beschuldigte ihn, kapitalistische Neigungen zu haben.217

Im Herbst 1938 wurden in Jugoslawien wichtige Wahlen abgehalten, aus denen Stojadinović formal zwar als Sieger hervorging, das aber nur dank massiver Wahlfälschungen. Es war klar, dass sein Regime sich nicht lange würde halten können. Deshalb wollte Broz so rasch wie möglich in die Heimat zurückkehren, denn er beurteilte die entstandene Situation als »von schicksalhafter Bedeutung für unseren Staat, sodass alles getan werden muss, damit der Block der demokratischen Kräfte siegt …« Doch Moskau untersagte die Ausreise.218

Erst am 26. Dezember 1938, als er von allen Anschuldigungen freigesprochen worden war, schrieb W. P. Kolarow einen Bericht, in dem er empfahl, die provisorische Führung der KPJ, die Broz in Jugoslawien gebildet hatte, zu bestätigen, das Budget für eine Finanzhilfe an die Partei zu bewilligen und die Rundschau anzuweisen, nichts mehr ohne Broz’ Erlaubnis zu veröffentlichen (eine Forderung, die sich offensichtlich gegen die »Fraktionisten« richtete).219

Dennoch kam es am 30. Dezember 1938 zu einer hitzigen Diskussion zwischen Broz und Dimitrow, der die chaotischen Verhältnisse innerhalb der KPJ überaus kritisch und einen großen Teil der jugoslawischen Kommunisten, Tito eingeschlossen, als Fraktionisten sah. Dimitrow war der Überzeugung, dass es momentan allenfalls möglich sei, eine provisorische Parteiführung zu bestimmen. Die solle aus drei bis fünf Mitgliedern bestehen, die in der Heimat aktiv wären. In sein Tagebuch notierte er dann doch, er habe Broz »letzte Instruktionen« gegeben, und zwar: »Inlandsleitung (nur zeitweise) im Land. – Beratung. Festlegung der ständigen Führung folgt. In Paris eine Person für die Verbindung.«220

Am 5. Januar 1939 empfing er Broz zu einem erneuten Gespräch und teilte ihm mit, dass er zum Generalsekretär des ZK der KPJ ernannt worden sei und die Aufgabe habe, die gesamte alte Führungsstruktur auszutauschen: »Du bist als Einziger übrig geblieben! Das ist die letzte Chance. Entweder gelingt es dir, Ordnung zu schaffen, oder alles wird aufgelöst wie in Polen. Alle sind verhaftet. Leute, für die ich die Hand ins Feuer gelegt hätte.«221

In seinem Bericht über dieses Gespräch erklärt Broz bescheiden, wie überaus überrascht er gewesen sei, da er keine Ambition gehabt habe, die Führung der Partei zu übernehmen. Was ihn bewogen habe, sei vor allem der Wunsch gewesen, die Partei vor der Auflösung zu bewahren und sie in eine festgefügte revolutionäre Organisation mit einem starken Führungskollektiv umzuformen. Daher habe er Dimitrows Angebot angenommen und ihm dabei versprochen: »Wir werden den Fleck abwaschen.«222 »Lobt euch bloß nicht vorschnell!«, habe Letzterer mit verzogener Miene geantwortet.223

Am selben Tag, am 5. Januar, trat auch das Sekretariat des EKKI zusammen und gab Broz eine Reihe von Anweisungen, wie die Partei umzubauen, nach innen zu harmonisieren und politisch und organisatorisch zu stärken sei. Den jugoslawischen Kommunisten gab das EKKI den Auftrag, die Reihen der Volkskräfte im Kampf gegen die Gefahr eines faschistischen Angriffs fest zu schließen und alle Demokraten in einem nationalen demokratischen Block zu vereinen, wobei die Geschlossenheit der Gewerkschaftsbewegung oberstes Ziel sein müsse. Diese Resolution müsse die Grundlage für einen Offenen Brief an die Mitglieder der KPJ bilden, den Walter verfassen und aussenden solle.224

Doch das Misstrauen gegen Broz in der Komintern war keineswegs ausgeräumt. Nur zwei Tage später, am 7. Januar 1939, schlug Manuilski Dimitrow vor, Walter aus der verantwortlichen Position zu entfernen, die man ihm gerade übertragen hatte, und ihn bei einer »niedrigeren Tätigkeit« einzusetzen, da er für die missglückte Entsendung des Freiwilligenkorps nach Spanien zwei Jahre zuvor mitverantwortlich gewesen sei.225 Und wieder wurde eine Kommission eingesetzt, vor der sich Broz für die Expedition rechtfertigen musste.

Broz schob ihr Scheitern auf äußere Umstände, etwa auf den Sturm auf hoher See, weswegen sich das Schiff verspätet habe. Allerdings konnte er die Kommission nicht völlig überzeugen. So hielt Damjanow (Below) im Abschlussbericht fest, dass »Genosse Walter seine Verantwortung für den Misserfolg dieser Expedition noch nicht völlig einsieht«.226 Die Folge war, dass er erneut kein Visum, diesmal für die Ausreise aus der Sowjetunion erhielt. Es kamen zudem Gerüchte auf, dass Petko Miletić nach Moskau gekommen sei und über belastende Beweise gegen Broz verfüge. Erst als Dimitrow beim Innenminister L. P. Beria intervenierte, erlaubte man ihm die Ausreise.227 Broz beschwerte sich seinerseits bei Karaivanow, dass man ihn nicht nach Hause ließ. Dieser riet ihm, sich schriftlich an Stalin zu wenden. Vielsagend ist Broz’ Antwort: »Es ist besser, dass Stalin nicht von mir weiß.«228


AN DER SPITZE DER KPJ UND KONSOLIDIERUNG DER PARTEI

Die Komintern (bzw. der sowjetische Geheimdienst) hatte Broz zum Generalsekretär der KPJ ernannt und ihn mit einem Vetorecht ausgestattet, was bedeutete, dass er in allem das letzte Wort hatte. Er hatte schließlich Moskaus Vertrauen gewonnen, auch dadurch, dass er bespitzelt und denunziert hatte, wie das von einem guten Kommunisten erwartet wurde.229 Später erklärte er gegenüber Louis Adamič mit Stolz: »In Moskau haben sie mich auf alle mögliche Weise überprüft. Nur mir haben sie vertraut.«230 Das Ganze war natürlich ein stürmischer Prozess gewesen. Rodoljub Čolaković bezeichnete ihn in seinen Erinnerungen als wahres Drama, »in dem ungezügelte Leidenschaft brodelte und Köpfe rollten wie bei Shakespeare«231.

Broz machte sogleich deutlich, wie sein Arbeitsstil sein würde: Durch seine Erfahrungen in Moskau war er zu der Überzeugung gelangt, dass die Revolution nicht ohne eine Partei neuen Typs und nicht ohne ideologisch und organisatorisch zentralisierte Strukturen zu verwirklichen war, mithin eine »eiserne Hand« notwendig war. Dabei war er ein Mann der Tat: Er hasste Herumgerede, Phrasendrescherei, endlose Debattierklubs, also all das, was für die KPJ bisher kennzeichnend gewesen war.232 In diesem Sinne ist auch die bereits erwähnte »Resolution des ZK der KPJ – Direktiven« zu verstehen, die er in Moskau verfasst hatte und die von der Komintern gebilligt worden war: »Angesichts der Gefahr, die Jugoslawien droht, heißt die grundlegende Aufgabe der KPJ, alle ihre Völker zum Kampf um die Bewahrung der Einheit und Unabhängigkeit des Staates vor der Aggression der deutschen und italienischen Faschisten und ihresgleichen zu organisieren und zu mobilisieren. Notwendige Vorbedingung für die Verwirklichung dieser Aufgabe ist es, die gegen das Volk arbeitende Regierung Stojadinović zu stürzen und eine Regierung des nationalen Schutzes zu bilden, die in der Lage ist, die Verteidigung des Staates zu organisieren und sich der faschistischen Aggression entschlossen entgegenzustellen. […] Die KPJ wird auch weiterhin alle Massenkampagnen des demokratischen Blocks und anderer demokratischer Organisationen unterstützen. […] Zugleich muss die KPJ die Nähe zu allen Parteien, Organisationen und Gruppierungen suchen, die die Unabhängigkeit Jugoslawiens gegen Hitler und Mussolini verteidigen und den Kampf mit ihnen gemeinsam führen, wobei keine Organisation wie die von Jevtić (serbische Nationalisten) oder Korošec (slowenische Klerikale) ausgeschlossen werden darf, so sie den Weg des Kampfes gegen den deutschen und italienischen Faschismus und ihre Anhänger im Staat gehen.«233

In welchem Maße die KPJ zu diesem Zeitpunkt auf einer Linie mit Moskau lag, zeigt ein Treffen der provisorischen Leitung in Bohinj am 15. März 1939, an dem unter anderem auch Kardelj, Đilas und Ranković teilnahmen. Einmütig und – wie Broz an Lovro Kuhar berichtete – »voller Freude« beschlossen sie, alle jugoslawischen Kommunisten als »Trotzkisten« und »Fraktionisten« aus der Partei auszuschließen, die in der Sowjetunion verhaftet und umgebracht worden waren, sowie alle lästigen Mitglieder, die in Paris und in der Heimat tätig waren. Es handelt sich dabei um eine Maßnahme stalinistischen Zuschnitts. Unter den Ausgeschlossenen finden wir neben seinen Feinden auch ehemalige Freunde, beispielsweise Ćopić.234

Broz erklärte nach seiner Rückkehr nach Jugoslawien, dass es in der Sowjetunion nach Meinung Dimitrows hinsichtlich der Repression wohl auch zu Übertreibungen gekommen sei, dass es aber unbedingt notwendig sei, auch ins gesunde Fleisch zu schneiden und das Krebsgeschwür vollständig zu entfernen.235 Dabei konnte er auf die Solidarität aller seiner Mitarbeiter bauen. »Wir waren stolz darauf, Stalin treu zu sein«, erinnerte sich Đilas, »und uns als konsequente Bolschewisten zu fühlen. Bolschewist zu sein, wurde zum höchsten Ideal in der Partei, und Stalin war für uns die Verkörperung alles Bolschewistischen.«236

Dennoch war Broz der Überzeugung, dass die Partei auf eigenen Füßen stehen müsse, und zeigte sich überaus zufrieden, so berichtete Đilas, dass die KPJ finanziell endgültig unabhängig von der Komintern sei. »Das war die erste Verselbstständigung, viel wichtiger, als wir damals ahnten.«237 Allerdings übertrieben die jugoslawischen Kommunisten und Historiker auch etwas mit dieser »Selbstständigwerdung«, denn noch 1940 traf aus Moskau ein Koffer mit doppeltem Boden ein, in dem sich außer geheimen Mitteilungen auch eine erhebliche Summe Dollar befand.238 Überzogen wirkt auch die Darstellung der Rolle Broz’ resp. Walters bei der Bildung der neuen Partei. Als ihr Sekretär war er vor dem Krieg die meiste Zeit im Ausland gewesen und hatte nie an den Sitzungen der hohen Parteigremien teilgenommen, so ließ er sich selbst dann nicht bei den Sitzungen des serbischen Parteikomitees blicken, wenn er in Belgrad war.239

Einer der entscheidenden Erfolge der KPJ in den späten dreißiger Jahren war der Aufschwung der kommunistischen Jugendorganisation SKOJ, der sich aus Gymnasiasten und Studenten zusammensetzte, unter denen die marxistischen Ideen Wurzeln geschlagen hatten. Nachdem die Partei ihre bisherige misstrauische Haltung gegenüber den Jungen aufgegeben hatte, konnte sie ihre Reihen rasch mit neuen Mitgliedern aus den Universitäten auffüllen, wo sie auch mit einer legalen Organisation vertreten war. »Allein in Belgrad«, heißt es in einem Bericht der britischen Botschaft ans Foreign Office, »studieren an der Universität 10 000 junge Leute. Wenn von denen mehr als die Hälfte, vielleicht sogar drei Viertel, kommunistisch orientiert sind, dann sind sie das vor allem aus Angst vor der Zukunft. Jugoslawien hat ein kulturelles Proletariat, das nach Brot und Arbeit schreit.«240 Der SKOJ wurde sozusagen zu einer Partei in der Partei, denn er hatte mehr Mitglieder als die Partei selbst. Die jugoslawische kommunistische Bewegung unterstrich damit, dass sie eher ein Ausdruck des Protestes der Intellektuellen als der zahlenmäßig kleineren werktätigen Massen war, die mehrheitlich nicht radikal orientiert und ideologisch geschult waren. 1939 gab es in Jugoslawien nicht mehr als 730 000 »Werktätige«, und auch von denen war kaum die Hälfte in Industrieunternehmen beschäftigt.241

Neue Mitglieder bedeuteten auch einen erhöhten Zufluss an Beiträgen (über Einnahmen und Ausgaben wachte Broz selbst) sowie eine Erweiterung des Kreises jener Sympathisanten, die zwar kein Parteibuch hatten, aber doch antifaschistisch eingestellt waren und der Partei eine Erneuerung zutrauten. In den folgenden Monaten konnte Broz seine Position weiter festigen. In Tacen bei Ljubljana setzte er für den 9. und 10. Juni 1939 unter strengster Geheimhaltung eine Sitzung des Führungsaktivs an, zu der dreißig Genossen aus ganz Jugoslawien kamen. Hier verurteilten sie noch einmal energisch jeden Fraktionismus und billigten die gegen Petko Miletić gerichteten Maßnahmen.242

Obwohl sie von Broz und den Genossen aus der Partei ausgeschlossen worden waren, stellten weder Marić und Kusovac noch Petko Miletić ihre Wühlarbeit ein und sprachen Broz auch weiterhin das Recht ab, die KPJ zu führen.243 Marić und Kusovac gelang es sogar, die jugoslawischen Emigranten in Amerika dazu zu bewegen, die KPJ finanziell nicht mehr zu unterstützen, da sie von Leuten geführt werde, denen die Komintern das Mandat entzogen habe.244 Unter diesen drei war Miletić für Broz der Gefährlichste, denn er war 1939 aus dem Gefängnis entlassen worden und konnte folglich besser gegen ihn agitieren, zuerst in Jugoslawien und dann in Moskau. »Petko schreibt und schreibt…«, erinnerte sich Tito später an dessen feindseliges Agitieren wie an einen Albtraum.245 In Montenegro soll er Kommunisten, die aus den Reihen der Partei ausgeschlossen worden waren, um sich gesammelt und »ideologisch mit Verleumdungen vergiftet« haben. Doch Broz wusste sich zu wehren. Als es gegen Ende September 1939 Đilas und seinen Mitarbeitern gelang, die Originaldokumente über Miletićs Verhalten in den Polizeiverhören in die Hände zu bekommen, aus denen angeblich hervorging, dass er sich nicht so tapfer gehalten hatte, wie man erzählte, übersendeten sie das Material umgehend an die Komintern. Miletić setzte sich umgehend nach Istanbul ab, wo ihm mithilfe seiner bulgarischen Freunde das sowjetische Konsulat ein Visum für die Sowjetunion ausstellte. Er ging nach Moskau, überzeugt, dort noch immer treue Fürsprecher zu haben, die ihn gegen das »Lumpenpack und Gesindel« der Broz’schen Richtung verteidigen würden.246

In den ersten Septembertagen reiste auch Broz auf Einladung der Komintern über Le Havre und Leningrad erneut nach Moskau. Auf der Schiffsreise erreichten ihn zwei bedeutende Nachrichten: Er erfuhr von der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes, in dem die Sowjetunion und Deutschland für den Fall eines Kriegs Neutralität vereinbart hatten, und als sie in die Ostsee einliefen, auch von Hitlers Überfall auf Polen.247 Mehr als mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs musste sich Broz nach seiner Ankunft in Moskau mit Miletićs Angriffen befassen. Doch wieder erwies ihm Kopinič einen großen Dienst. Dieser verfasste einen fünfzigseitigen Bericht über Miletić und stellte ihn der Komintern und dem ZK der KPdSU zur Verfügung. Daraus geht hervor, dass Miletić schon 1923, als er zum ersten Mal verhaftet wurde, unter dem Druck der Polizei eingeknickt und zum Verräter geworden war. Ins Zuchthaus Sremska Mitrovica soll er von den Behörden als agent provocateur eingeschleust worden sein. Zusammen mit dem Material von Đilas muss Kopiničs Bericht so belastend gewesen sein, dass man ihn am 5. Januar 1940, verhaftete und am 21. September zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilte. Er starb Ende Januar 1943 in einem der Stalin’schen Gulags, nach einer anderen Version allerdings erst im Jahre 1971.248 Seinem Todfeind ist Broz zweimal begegnet, einmal am Sitz der Komintern, zu dem er freien Zugang hatte, und ein zweites Mal in einem Moskauer Autobus: Er stand regungslos da und hielt sich mit der rechten Hand am Haltegriff fest. Teilnahmslos, mit finsterem, knochigem Gesicht, obwohl ihm von der verletzten Hand das Blut rann, Tropfen für Tropfen.249

Für Broz war es eine große Genugtuung, als ihm Dimitrow sagte, dass man Miletić verhaftet habe. In diesem Augenblick war er auf dem Weg zu Damjanow-Belov, dem mächtigen Bulgaren, der Petko unterstützte und als Sekretär der KPJ vorgeschlagen hatte.250 Als Broz sein Zimmer betrat, empfing ihn Belov mit dem ganzen Dünkel des hochgestellten Bürokraten. »Wie geht es, Genosse Walter? Gibt es etwas Neues?« »Nitschewo, nitschewo«, antwortete Broz. »Nichts von Bedeutung, das Einzige, was mir gerade einfällt, ist, dass man Petko verhaftet hat.« Damjanow war so überrascht und erschüttert, dass er blass wurde und aufsprang. Eine halbe Stunde brachte er kein Wort heraus.251


1939–1945


Zweiter Weltkrieg und Partisanenkampf
DER HITLER-STALIN-PAKT UND KRIEGSBEGINN

Als am 1. September 1939 mit Hitlers Überfall auf Polen der Krieg ausbrach und damit für Großbritannien und Frankreich der Bündnisfall eintrat, sahen Broz und seine Mitstreiter den Beweis erbracht, dass es sich um einen Konflikt zwischen zwei gegnerischen imperialistischen Blöcken handelte, und er daher »nicht ein Krieg der Arbeiterklasse sein kann«.1 Als Deutschland und die Sowjetunion am 28. September noch einen Grenz- und Freundschaftsvertrag schlossen, der eine gemeinsame Friedensinitiative vorsah, waren sie geneigt zu glauben, dass die Schuld am Kriegsausbruch mehr bei den westlichen »kolonialistischen « Mächten und der »verbrecherischen Politik der englischen und französischen Kriegshetzer« zu finden war als in der aggressiven territorialen Expansionspolitik Nazideutschlands.2

Zeitgleich mit der Unterzeichnung dieses Zusatzabkommens marschierte die Rote Armee in Polen ein. Aus diesem Anlass berief Manuilski eine Sitzung aller Vertreter der kommunistischen Partei ein, die sich in Moskau befanden. Bei dem Treffen, an dem auch Broz teilnahm, erläuterte er das Abkommen mit den Deutschen und betonte, dass dieses taktische Manöver die übrigen kommunistischen Parteien nicht davon abhalten solle, auch weiterhin den Faschismus zu bekämpfen. Er gab den Anwesenden den Auftrag, dass jeder von ihnen in diesem Sinne einen Aufruf an seine Partei verfassen solle. Doch aus Angst vor Stalin und davor, etwas Falsches zu sagen, kam niemand dieser Aufforderung nach – außer Broz, der an seine Partei schrieb, dass nach wie vor die größte Gefahr für Jugoslawien und den fortschrittlichen Teil der Menschheit vom deutschen und italienischen Faschismus ausgehe. Manuilski begrüßte diesen Aufruf und gestand seinem Verfasser zu, mit eigenem Kopf zu denken.3

Dieses Zugeständnis einer eigenen politischen Linie war jedoch nur von kurzer Dauer. Sehr bald, spätestens mit dem sowjetischen Angriff auf Finnland, wurde die Bewertung der internationalen Lage durch Stalins Standpunkt diktiert: dass nämlich nicht der Kampf gegen den Faschismus höchste Priorität habe. Diese habe vielmehr die sogenannte »Klassenkonfrontation«, also der Kampf von »Klasse gegen Klasse«, von Proletariat gegen Bourgeoisie.

»Unter den Bedingungen, als Hitlers Armeen die Karte Europas verändert hatten, als die Offensive des Faschismus in voller Fahrt war«, erzählte Tito später, »konnte eine solche Politik, die die nationalen Interessen und die Verteidigung der Unabhängigkeit zurückstellte – das spürte ich –, fatale Folgen haben.«4 Für ihn persönlich wäre es aber natürlich noch fataler gewesen, hätte er diesen Gedanken damals laut geäußert, und so schloss er sich nach außen hin der »klugen Stalin’schen Linie des Friedens« an, die Hitler gezwungen habe, »vor der Sowjetunion zu kapitulieren, die sich auf eine unüberwindliche Arbeiterund Bauernarmee und auf die Hilfe von Millionen werktätiger Menschen stützt …«5 Er und seine Genossen begrüßten in den folgenden Monaten die Politik der Sowjetunion, die mit der Roten Armee in verschiedenen Etappen »die Zwanzigmillionenvölker Weißrusslands, der Westukraine, Bessarabiens und der Bukowina, Litauens, Lettlands und Estlands […] von der kapitalistischen Sklaverei befreite«. Im Organ der Komintern Die Welt, die in Stockholm erschien, schrieb Broz, dass die Jugoslawen diese Großtaten begeistert begrüßten.6

Zumindest in Bezug auf die linke studentische Jugend war das durchaus zutreffend. Am 21. Dezember 1939 meldete Hans Helm, der gemäß einem Abkommen beider Regierungen eine deutsche Polizeidelegation in Jugoslawien leitete, aus Belgrad nach Berlin, dass der Hitler-Stalin-Pakt die positive Wirkung habe, dass die kommunistische Propaganda nun zugunsten Deutschlands arbeite und sich ganz auf den Kampf gegen den britischen und französischen Imperialismus richte. Er fügte hinzu: »Vor der Unterzeichnung des deutschrussischen Paktes waren die Kommunisten die größten Nationalisten in Jugoslawien. Die kommunistischen Studenten an der Belgrader Universität stellten Freiwilligenbataillone auf, die von Offizieren ausgebildet wurden. Nach der Unterzeichnung des Paktes waren alle diese Freiwilligen verschwunden. Vor dem 23. August konnten die Kommunisten den Kriegsausbruch kaum erwarten. Heute sind sie extreme Pazifisten …«7 Als die Sowjetunion Finnland im November angriff (weshalb sie am 14. November aus dem Völkerbund ausgeschlossen wurde), kam es in Belgrad zu pro-russischen Kundgebungen, bei denen die Studenten riefen: »Besser auf den Straßen Belgrads [im Kampf gegen die Bourgeoisie] sterben als an der slowenischen Grenze [im Kampf mit den Nazis].« Britische Diplomaten waren damals überzeugt, »dass in diesem Staat hinter der kommunistischen Propaganda größtenteils deutsches Geld und deutsche Agenten stehen«. Zudem erkannten sie, dass es die Kommunisten hervorragend verstanden, auf der sozialen Saite zu spielen und auch panslavische Gefühle anzusprechen, womit sie sehr erfolgreich seien.8

Doch nicht überall schloss sich die Linke vorbehaltlos der sowjetischen Doktrin an. Nicht in Belgrad, nicht in Ljubljana und vor allem nicht in Zagreb, wo sich Broz mit einer kritischen Haltung gegenüber der Sowjetunion konfrontiert sah. Vor allem unter den Intellektuellen sah man dort den sozialistischen Realismus, wie ihn Moskau diktierte, die Einmischung in den Spanischen Bürgerkrieg und allgemein das, was man über die Stalinistische Herrschaft, die Schauprozesse und sibirischen Gulags wusste, kritisch. An die Spitze dieser Gruppierung stellte sich Miroslav Krleža-Fric, damals der bedeutendste Literat Kroatiens. Er hatte von Pavle Bastajić, der selbst ein »Exekutor« gewesen und nun auf der Flucht vor NKDW-Agenten war, aus erster Hand einiges über die stalinistischen Säuberungen erfahren, und später dazu geäußert, dass er noch nie von einer dämonischeren Geschichte gehört habe.9

Broz bemühte sich, den sogenannten »Konflikt mit der literarischen Linken « zu überwinden. Noch vor seiner Abreise nach Moskau im September 1939 traf er sich zu diesem Zweck mit Krleža in einem Gasthaus am Zagreber Stadtrand und erklärte ihm, dass es nicht angehe, die Autorität der Partei auf diese Weise zu untergraben. Dabei beobachteten die Gesprächspartner die Ankunft einer Gruppe verdächtiger Leute. »Hier habe ich Tito zum ersten Mal in Aktion gesehen«, berichtet Krleža später. »Er sitzt ruhig da, sieht zur Eingangstür, wo mehrere kleinere Stufen in den Garten führen. Aus der Tasche nimmt er einen Revolver, lädt ihn, legt ihn neben sich auf die Bank und sagt zu mir: ›Ich werde auf jeden Fall Widerstand leisten. Ich kann nicht anders, aber du sieh zu, dass du hier über den Zaun springst, und flüchte da hinauf.‹ Er gab mir noch Anweisungen, welchen Weg ich gehen solle. Kaltblütig.«10

Doch Miroslav Krleža und die um seine monatlich erscheinende Zeitschrift Pečat gescharten Leute waren schwerer auf eine Linie zu bringen als die Belgrader Studenten. Mit Gleichgesinnten war er überzeugt, dass es nicht sinnvoll sei, sich in der schwierigen internationalen Lage, wie sie durch die aggressive Politik Hitlers entstanden sei, in einen fruchtlosen Radikalismus zu flüchten. »Er glaubte nicht an den Sieg der Revolution«, erinnerte sich Tito später, »weil er das physische und materielle Kräfteverhältnis im Blick hatte. Ich sagte zu ihm: Das sind die genauen Fakten, aber es fehlt ihnen der moralische Faktor. Siegeswille und Siegesbewusstsein.«11

Kurzum, Titos orthodoxe politische Linie bewirkte eine Spaltung, die sich noch vertiefte, als die Nachricht vom Hitler-Stalin-Pakt kam. Auf die Linksorientierten in den Reihen der Intelligenz wirkte sie niederschmetternd. Schließlich hatten die »Faschisten« bis gestern als Bestien gegolten, mit denen kein Dialog möglich sei. Über Nacht waren sie zu Verbündeten geworden.12

Auch während seines Aufenthalts in Moskau versuchte Broz noch immer Krleža und seine Gefolgsleute auf Linie zu bringen, jedoch ohne Erfolg. Daher berichtet er in einem Schreiben, das im September 1939 an die Komintern ging, dass Trotzkisten, die auf literarischem Gebiet tätig seien, mit ihrer Revision des Marxismus Unruhe in die Reihen der Intelligenz hineintrügen. Dagegen kämpfe die Partei geschlossen an.13

Diese Einstellung wurde von der EKKI am 23. November 1939 positiv gewertet, was aber nicht bedeutet, das Broz’ Feinde aufgehört hätten, gegen ihn zu intrigieren. Da ihn eine fiebrige Grippe ans Bett fesselte, konnte er Moskau erst am 26. November 1939 verlassen. (Seine engsten Mitarbeiter in Jugoslawien hatten ihn schon in einem NKWD-Gefängnis gesehen.) Über Odessa reiste er in die Türkei, weil ihm Karaivanov geraten hatte, nicht den Zug über Prag zu nehmen, da ihm in dem Falle ein Attentat seiner Moskauer Gegner drohe. In Moskau bestieg er zwar den Zug nach Prag, verließ ihn aber durch die gegenüberliegende Tür wieder und fuhr in die ukrainische Hafenstadt. In die Sowjetunion war er als der tschechische Ingenieur Tomanek eingereist, er verließ sie als der Kanadier griechischer Herkunft Spiridon Matas.14 Er blieb zunächst eine Weile in Istanbul, weil es ihm zu riskant erschien, die Fahrt mit einem sowjetischen Visum im Pass fortzusetzen.15 Außerdem fehlten ihm auch das bulgarische Transit- und das jugoslawische Einreisevisum, das die Belgrader Behörden seit Kurzem von Untertanen der britischen Krone verlangten. Deshalb beauftragte er die Genossen in der Heimat, ihm ein neues gefälschtes Dokument zu schicken. Dieses erreichte ihn auch, aber »Velebit und Herta«, erzählte Tito später, »brachten so schlecht gemachte Reisepässe an, dass uns der erstbeste Gendarm hätte hochgehen lassen können.« Und fügte nicht ohne Seitenhieb gegen Kardelj hinzu: »Wir verfügten über eine Technikabteilung, geleitet von Bevc [einer der Decknamen Kardeljs], dass wir falsche Banknoten hätten drucken können. Aber mir haben sie solche Pässe geschickt, als wollte mir jemand absichtlich schaden.«16 In einem Brief an Kopinič wurde er Jahre später noch deutlicher: »Kardelj hat mir 1940 nach dem Leben getrachtet!« Tito vermutete, dieser wollte ihn loswerden, da er auf eine Führungsrolle in der KPJ spekulierte.17 Was viel über sein stetes Misstrauen auch gegenüber den engsten Mitarbeitern aussagt.

Erst am 13. März 1940 kehrte Tito mit einem in der Komintern gefälschten Reisedokument nach Jugoslawien zurück.18 Um keinen Verdacht zu erregen, kaufte er eine Fahrkarte für den Ozeandampfer Rex, der Mitte März von Neapel bzw. Genua aus nach New York fahren sollte. Richtung Genua nahm er den Zug. An der griechisch-jugoslawischen Grenze erregte sein Reisepass, der scheinbar vom britischen Konsulat in der sowjetischen Hauptstadt ausgestellt worden war, Verdacht. Die Grenzbeamten verlangten eine Erklärung. Broz konnte sich damit herausreden, dass sein Originaldokument abgelaufen sei, während er sich wegen seiner Arbeit in der Sowjetunion aufgehalten habe, und er deshalb einen neuen Pass bekommen habe.19 In Zagreb stieg er aus, als wollte er sich auf dem Bahnsteig die Beine vertreten, und – blieb. Sein Gefühl, bedroht zu sein, war nicht unbegründet: Wenige Tage später erhielt er dafür die Bestätigung, als er im Café Corso die Meldung las, dass die britischen Behörden den italienischen Dampfer in Gibraltar gestoppt und durchsucht hätten, weil sie eine verdächtige Person suchten. Das Schiff habe sechs Stunden Verspätung gehabt, weshalb die Passagiere entrüstet protestiert hätten. »Und ich sitze hier in Zagreb.«20

Doch dieser kleine Triumph konnte nicht über seinen Eindruck hinwegtäuschen, dass seine Genossen versucht hatten, seine Ankunft zu vereiteln. Deshalb kam es auf der ersten Sitzung des ZK zu einer heftigen Konfrontation, bei der Broz seinem Zorn freien Lauf ließ. Mit Kardelj hatte er die Sache offenbar schon bereinigt, deshalb war jetzt Đilas an der Reihe, daran änderte auch die Erklärung nichts, dass der Stempelfälscher während seiner Abwesenheit in Haft gewesen war. Đilas war wegen der Vorwürfe so getroffen, dass er sich überhaupt nicht verteidigte, und ihm, als er zum Schluss etwas zu sagen versuchte, die Tränen in die Augen schossen. »Aber als die Sitzung beendet und ich noch ganz erstarrt war […], kam er zu mir und lud mich auf einen Spaziergang ein. Gewöhnlich ging er sonst selten durch Zagreb, weil er auf einen Bekannten treffen konnte. Diesmal aber tat er es. Ich dachte, dass er sich bei mir entschuldigen wolle, und in mir begann die Eisesstarre zu schmelzen. Aber das tat er nicht. Er fing einfach an über alles Mögliche zu sprechen, am meisten über mein Privatleben und meine Lebensverhältnisse. Von Zeit zu Zeit lächelte er milde. In all dem war etwas sehr Menschliches und Warmes, und als wir uns trennten, ging ich zufrieden weg wie ein Kind, dessen Vater erkannt hat, dass er es zu Unrecht bestraft hat, obwohl er es vor ihm nicht zugeben will.«21

In der kroatischen Hauptstadt sah sich Broz auch wieder mit Krleža konfrontiert, der ihm zweimal versprach, er werde seine »Kampagne« gegen den Hitler-Stalin-Pakt einstellen, diese Zusage aber nicht einhielt. In den folgenden Monaten verwendete er Herta Haas zufolge mindestens die Hälfte seiner Arbeitszeit auf Debatten mit den »Krležianern«.22Weil es ihm nicht gelang, sie zu überzeugen, stempelte er sie erneut als »Trotzkisten« ab und organisierte als Antwort auf ihre Artikel in Zagreb einen eigenen Sammelband, »Književne sveske« – ›Literarische Hefte‹, deren Redaktion er Vladimir Dedijer anvertraute, die er jedoch gemeinsam mit Kardelj las und zensierte.23

Krleža war besonders wegen des Schicksals jener getroffen, die »für den Bolschewismus lebten und durch die eigenen Reihen liquidiert wurden«.24 Tito gab ihm zur Antwort: »Was sollen wir in dieser Situation machen, wenn wir einen neuen Weltkrieg haben? Auf wen sollen wir uns stützen? Wir haben keine anderen Ausweg als die UdSSR, und sie ist nun mal, wie sie ist.«25 Alles vergebens: Krleža schloss sich während des Krieges nicht der Widerstandsbewegung an, obwohl ihn Tito sogar mit acht Depeschen einlud, in das befreite Territorium überzusiedeln. Aber Krleža glaubte einfach nicht an die Lebenskraft des Partisanenabenteuers, außerdem war er davon überzeugt, dass man ihn als Revisionisten »schlachten« würde, wenn er das täte.26 Wegen dieser Zurückhaltung gegenüber der Volksbefreiungsbewegung konnte ihm Tito nach dem Krieg nur mit Mühe den Kopf retten, obwohl er sich persönlich mit ihm ausgesöhnt hatte. Als der Schriftsteller im August 1945 auf eigene Bitte hin zum ersten Mal in den Weißen Palast kam, empfing Tito ihn so kühl, dass er ihm nicht einmal die Hand bot, sondern nur schroff zu ihm sagte: »Setz dich!« Aber schon nach einem halbstündigen Gespräch lud er ihn zum Mittagessen ein. Offensichtlich hatte die Kameradschaft die Oberhand gewonnen, die sich schon vor dem Ersten Weltkrieg in der Zagreber Kaserne, wo sie beide den Militärdienst ableisteten, zwischen den beiden gebildet hatte.27

Der Hitler-Stalin-Pakt änderte auch die innenpolitische Linie der KPJ. Während sie zuvor den Dialog mit all jenen gesucht hatte, die bereit waren, ihn zu führen, galt es nun die Anweisungen der Komintern umzusetzen. In den Direktiven, die im November 1939 an Broz ergingen, hieß es ausdrücklich, dass die KPJ die »bolschewistische Wachsamkeit und Disziplin« bedeutend verstärken müsse und nicht nur ein »Anhängsel von Vladko Maček und der Sozialdemokratie« sein dürfe.28 Dies war besonders an die fraktionistischen Elemente in Dalmatien gerichtet. Broz rief alle loyalen Parteimitglieder dazu auf, diese zu boykottieren und alle Verbindungen mit ihnen abzubrechen, ja, sie nicht einmal auf der Straße mehr zu grüßen.29

Das Abkommen zwischen dem Ministerpräsidenten der Belgrader Regierung Cvetković und dem Führer der Kroatischen Bauernpartei Maček hinsichtlich einer Autonomie der kroatischen Banschaft innerhalb Jugoslawiens, das die Kommunisten kurz zuvor noch begrüßt hätten, war in diesem Kontext zu einem Abkommen zwischen zwei Bourgeoisien erklärt worden, die unfähig seien, die nationale Frage in Jugoslawien zu lösen. In Bezug auf die Außenpolitik befürchtete Broz, dass sich die neue Koalitionsregierung Cvetković-Maček zu sehr Großbritannien und Frankreich zuwenden und sich in deren »imperialistischen « Krieg verwickeln lassen könnte. Um dies zu verhindern, müsse rasch ein Bündnis mit der Sowjetunion geschlossen werden, »die mit ihrer friedliebenden Politik der stärkste Feind des imperialistischen Krieges und ein Garant der Unabhängigkeit und des Friedens der kleinen Staaten« sei.30 Genau so hatte es die Komintern von den Balkanvölkern in einer Sonderresolution gefordert.31 Die Tatsache, dass sich Stalin Mitte März 1940 einen erheblichen Teil Finnlands einverleibt hatte und dass er das Gleiche mit Bessarabien vorhatte, störte die Rechtgläubigen der Partei offensichtlich wenig32, genauso wenig wie Hitlers Überfall auf Norwegen und Dänemark. In einer Ende Mai nach Moskau übermittelten mündlichen Mitteilung erwähnt Broz diese Tatsache überhaupt nicht. Dafür lässt er sich ausgiebig über anglo- und frankophile Gefühle aus, die »bedauerlicherweise « noch immer in Jugoslawien verbreitet seien: »Der Abschluss des deutsch-sowjetischen Paktes hat die antideutsche Stimmung ein wenig gemildert. Die antideutschen Gefühle haben aber mit dem Angriff Hitlers gegen Norwegen und Dänemark wieder zugenommen und sich zusätzlich noch vertieft, seit der Krieg auch die Niederlande und Belgien erfasst hat. Die Erkenntnis, dass diese Staaten durch die kriegshetzerische Politik Großbritanniens und Frankreichs in den Krieg verwickelt wurden, ist noch nicht zu den breiten Massen durchgedrungen.«33

Als die Wehrmacht in der ersten Junihälfte 1940 ohne Mühe Frankreich besiegte, entschied Broz aber, dass etwas getan werden müsse, wenn Jugoslawien vom Krieg verschont bleiben solle. Er dachte an einen Bund der Balkanstaaten, die sich gegenseitig helfen und sich vor den Deutschen unter den Schutz der Sowjetunion begeben sollten. In einem Artikel in der Zeitschrift Der Proleter wurde diese Option diskutiert, wobei der Autor zu dem Ergebnis kommt, dass es falsch wäre, nur auf die Rote Armee zu warten, damit sie die jugoslawischen Völker vor dem Krieg bewahre. Wenn die Rote Armee zu Hilfe kommen solle, dann müsse sich das Volk selber helfen; und zwar, in Übereinstimmung mit Lenins Lehre, indem es eine eigene »progressive« Regierung bilde.34

In den Archiven der Komintern findet sich ein Dokument vom 15. September 1940, das eine interessante Geschichte erzählt. Es handelt sich um das Protokoll einer Sitzung, an der die vier Führer der Dritten Internationalen, Pieck, Ercoli (Togliatti), Gottwald und Manuilski, über einen mündlichen Bericht debattierten, den Broz nach Moskau übermittelt hatte.35 Darin hatte er seinen Vorgesetzten vorgeschlagen, dass die KPJ den Sturz der Koalition Cvetković-Maček herbeiführen und sie durch eine »wirkliche Volksregierung« ersetzen solle. Ein solcher Schritt sei notwendig, da die Gefahr bestehe, dass Italien und Deutschland Jugoslawien unter sich aufteilten. Eine »wirkliche Volksregierung «, die die Unterstützung der Arbeiter und Bauern hätte, solle den bewaffneten Widerstand gegen jeden Versuch der benachbarten faschistischen Staaten vorbereiten, die jugoslawischen Völker unter ihr Joch zu zwingen.36 Tito glaubte lange Zeit, dass sich in Jugoslawien die russische Erfahrung wiederholen werde. Zuerst würde es zur bürgerlich-demokratischen Revolution kommen, deren Träger die werktätigen Massen und die liberal ausgerichtete Mittelschicht wäre, erst in der nächsten Etappe würde das Proletariat die ganze Macht übernehmen. Er zeigte sich überzeugt, dass man in diesem Sinne arbeiten und dass die KPJ der Motor des Geschehens werden müsse.37

Doch die Führer der Komintern kamen auf dieser Konferenz zu einer anderen Einschätzung, nämlich der, dass die Partei die gegnerische Stärke unter-, die eigene aber überschätze. Ihrer Meinung nach sei Jugoslawien für einen Wandel, wie ihn Russland nach der Februarrevolution von 1917 erlebt hatte, noch nicht reif, denn die Partei habe keinen großen Einfluss auf die Industriearbeiterschaft, geschweige denn auf die bäuerlichen Massen. Deshalb warnten sie vor jeder verfrühten Aktion, und betonten, dass sich niemand Illusionen über eine mögliche Hilfe der Roten Armee machen solle. In dem Dokument, in dem sie Broz zum ersten Mal als Sekretär des ZK der KPJ ansprachen, beschränkten sich Pieck, Ercoli, Gottwald und Manuilski nicht nur auf Verbote. Im zweiten Teil ihrer »Resolution« zeichneten sie die politische Linie vor, die die Partei in Zukunft einschlagen solle: Dem Plan einer Zerstückelung Jugoslawiens müsse sie sich widersetzen, indem sie jene Gruppierungen innerhalb der breiten Schichten der Bevölkerung, des Bürgertums und des Militärs unterstütze, die bereit seien, einen militärischen Aufstand zu organisieren. »Wenn es zur Teilung des jugoslawischen Staates in deutsche und italienische Protektorate ohne bewaffnete Auseinandersetzungen kommt, muss die Partei die Massen im Kampf gegen den Verrat der jugoslawischen Bourgeoisie und gegen die Gewalt der fremden imperialistischen Mächte organisieren.« Zu diesem Zweck möge die KPJ darüber nachdenken, ob es nicht angezeigt sei, für die verschiedenen nationalen Gebiete und für ganz Jugoslawien Militärprogramme mit konkreten politischen, wirtschaftlichen und nationalen Forderungen zu entwerfen. »Die Partei muss jede Möglichkeit der Zusammenarbeit mit oppositionellen Elementen und oppositionellen Gruppierungen der kleinbürgerlichen Parteien und auch mit der Sozialdemokratie ausnutzen, um die Kampffront gegen die Reaktion zu erweitern und zu stärken und die Massen zur Verteidigung der Unabhängigkeit der Völker Jugoslawiens zu ermuntern.«38


DIE V. STAATSKONFERENZ DER KPJ

Eben aus Moskau heimgekehrt, berief Broz eine Sitzung des ZK der KPJ ein, auf der man beschloss, so bald wie möglich einen Parteikongress abzuhalten, der die neue Führung bestätigen sollte. Um diesen angemessen vorzubereiten – der letzte Kongress hatte vor elf Jahren in Dresden stattgefunden –, wurden zwischen Mai und September 1940 eine Reihe von Landesparteikonferenzen abgehalten. An diesen wirkten 1 500 Delegierte mit, die hinsichtlich der Feststellung übereinstimmten, dass die Partei in den letzten Monaten organisatorisch und ideologisch bedeutend erstarkt sei. Sie hatte sich das Vertrauen breiter Volksmassen erworben und war in ganz Jugoslawien zu einem bedeutenden politischen Faktor geworden. Sie hatte 6 500 Mitglieder, denen noch annähernd 17 800 Mitglieder des SKOJ hinzuzurechnen waren. »Diese Zahl«, erzählte Tito später, »wuchs von Monat zu Monat.«39

Obwohl der Kurier, der die Botschaft der EKKI bezüglich der »progressiven Regierung« überbrachte, ihn zu überzeugen versuchte, den von ihm geplanten Parteikongress abzusagen, weil es in einem Polizeistaat nicht möglich sei, eine Versammlung mit mehr als 100 Teilnehmern zu organisieren, blieb Broz bei seinen Plänen. Sein einziges Zugeständnis war, dass er die Zusammenkunft nicht mehr »Kongress«, sondern »Konferenz« nannte. Für den 19. bis 23. Oktober 1940 wurde so die V. Staatskonferenz der KPJ einberufen. Sie sollte in Dubrava stattfinden, da sie dort, in der Zagreber Peripherie, am wenigsten Aufmerksamkeit der Behörden erregen würde. Die Finanzierung der Konferenz war gesichert, denn die Partei verfügte über eine größere Menge Gold, das den unabhängigen Gewerkschaften gehört hatte und in Titos Hände gelangt war.40 Dafür aber galt es ein genügend geräumiges, konspiratives Haus zu finden, das gut zu erreichen war. Selbst die Delegierten – die größtenteils in der Nacht eintreffen sollten – sollten nicht so genau wissen, wo sie sind. Denn ein einziger eingeschleuster Spitzel hätte genügt, um die gesamte Spitze der KPJ zu vernichten.41 Und tatsächlich wurde eine Frau aus Zagreb verdächtigt, mit der Polizei in Kontakt zu stehen. Als Broz davon erfuhr, zögerte er nicht: »Ich gab Končar (dem Führer der kroatischen KP) den Befehl, sie zu töten. So mussten wir handeln.«42

Dabei drohte nicht nur Gefahr von Seiten der Polizei: Wie sich herausstellte, hatten die Anhänger Petko Miletićs einen Angriff auf den Konferenzsitz geplant. Sie konnten ihr Unternehmen nur deshalb nicht durchführen, weil jemand aus ihrer Gruppe rechtzeitig das ZK der KPJ informiert hatte.43

Die Konferenz bestätigte die von der Komintern diktierte Interpretation des Krieges, dass es sich um einen Konflikt zwischen zwei imperialistischen Blöcken handele, und verpflichtete sich zum Kampf »für die werktätigen Massen mithilfe einer von unten organisierten Volksfront …«44 Entsprechend dieser Marschroute verurteilte Broz, den das neu gewählte Politbüro als Generalsekretär bestätigt hatte, in seinem Einleitungsreferat die »Pseudodemokratie der englischen und französischen Imperialisten«, verschwieg aber auch nicht, dass »die faschistischen Mächte die Unabhängigkeit eines Staates nach dem anderen vernichten und dass sich die Gefahr immer unmittelbarer auch über Jugoslawien zusammenbraut«. Daher möge die Konferenz mit der Feststellung schließen, dass man sich auf eine deutsche und italienische Aggression vorbereiten müsse. »Genossen, vor uns liegen entscheidende Tage. Voran jetzt, in den Endkampf. Die kommende Konferenz müssen wir in einem von Fremden und Kapitalisten befreiten Staat organisieren!«45 So wurden seine Worte später zitiert. Doch gesagt hatte er in Wirklichkeit etwas anders, nämlich, dass man die gegenwärtige Krise für die Verwirklichung der Revolution ausnützen müsse: »Im Gegensatz zu der Perspektive, für die die imperialistische Bourgeoisie kämpft, nämlich den Krieg mit einem neuen imperialistischen ›Frieden‹ zu beenden, der auf einer neuen Teilung der Welt und einer noch stärkeren Unterdrückung der versklavten Völker beruht, eröffnet sich für die Arbeiterklasse in Verbindung mit den werktätigen Bauern die Perspektive des revolutionären Zusammenbruchs des Imperialismus, die Perspektive neuer Siege des Sozialismus und der Ausmerzung der Wurzeln der imperialistischen Kriege.«46

Im Ergebnis ging die KPJ als »monolithische« Organisation stalinistischen Typs aus der Konferenz hervor, Meinungsvielfalt wurde zum Übelsten vom Üblen erklärt: zum Fraktionismus. Damit auch die Parteiorganisation diese Struktur abbildete, wählte die Basis die höheren Organe nur formal, in Wirklichkeit ernannte der Generalsekretär, also Broz, das ZK, welches wiederum die anderen Parteistrukturen nach unten durchsetzte.47 Die 29 Mitglieder des neuen ZK und die sieben Mitglieder des Politbüros wurden entsprechend einer vorbereiteten Liste bestätigt, wobei aus Gründen der Konspiration weder ihre Klarnamen genannt noch ihre Decknamen angeführt, sondern nur flüchtige Beschreibungen gegeben wurden. Deshalb war später auch schwer zu sagen, wer eigentlich in dieses Gremium hineingekommen war.48 Es waren überwiegend junge Leute in ihren Zwanzigern. Was Tito betraf, so gab es keinen Zweifel, dass ihm die Position des Generalsekretärs zukam, hatte dies doch bereits Moskau so festgelegt.

Es war ein Kollektiv, das in Kameradschaft, Liebe und Pathos verbunden war, um Đilas zu zitieren, wie es für Glaubenssekten in ihren Anfängen kennzeichnend ist.49 »Eine solche illegale Partei, wie es die unsere war«, stellte Edvard Kardelj fest, »hatte es nie zuvor gegeben. […] Wie wir lernten, einander zu vertrauen; du lerntest, Vertrauen zu einem Menschen zu haben, mit dem du im Gefängnis warst, du wusstest, dass er dich nicht verraten wird, und darauf gründete sich das Vertrauen und die Freundschaft, und so durch den Krieg hindurch und weiter. […] Du sitzt friedlich in deinem Haus, weil du dir sicher sein kannst, dass sie bei dir nicht einbrechen werden.«50 Tito pflichtete ihm bei: »Damals zeigte sich, was unsere Partei erreicht hatte, wie ihre Voraussetzungen waren, dass die Handlungsmöglichkeiten enorm waren. Sie hatte ihre Reihen vom Fraktionismus gesäubert, sie hatte ihre Reihen von verschiedenen Ohrenbläsern gesäubert, die Polizeispitzel waren. Das bedeutete aus moralischem Blickwinkel eine große Genugtuung für uns.«51 Nüchterner war das Urteil, das Stane Kavčič über die KPJ fällte: »Tito wurde der wirkliche Führer der Partei, in dem er die verschiedenen theoretischen und politischen Ansätze in ihr liquidierte. Er reduzierte sie auf einen einheitlichen theoretischen und prak tischen Nenner. Er blieb der wachsame Wächter dieses persönlichen Erfolges.«52

Auch in Hinblick auf die Privilegien, die sie ihren Funktionären gewährte, nahm sich die KPJ das sowjetische Modell zum Vorbild. Bis zur Rückkehr von Broz aus Moskau hatte jeder 2 000 Dinar monatlich erhalten, was in etwa einem Lehrergehalt entsprach. Weil aber »Genossen« an verantwortlichen Stellen in der Sowjetunion noch besondere Gratifikationen bekamen, schlug Broz vor, die gleiche Methode auch in Jugoslawien einzuführen. Er hob das Gehalt der Mitglieder des Politbüros um 1 000 Dinar an und verdreifachte das eigene Gehalt. Das Politbüro schenkte ihm auch einen Weinberg in der Nähe Zagrebs, dessen Erträge Broz’ finanzielle Situation noch verbesserten. Er gab sich als der vermögende Ingenieur Slavko Babić aus und kaufte sich an den Hängen Zagrebs eine kleine Villa mit Gartenhaus. Er trug elegante Anzüge und gönnte sich ein Auto der Marke Ford mitsamt Chauffeur, da er zur Aufrechterhaltung seiner Identität nun mal auf großem Fuße leben musste.53


JUGOSLAWIEN UNTER DRUCK UND PUTSCH IN BELGRAD

Silvester 1940 verbrachte Broz zusammen mit Herta Haas und anderen Freunden bei den Kopiničs, die im Auftrag der Komintern gemeinsam mit ihm aus Moskau nach Zagreb zurückgekehrt waren. »Wahrscheinlich feiern wir jetzt das letzte neue Jahr im alten Jugoslawien«, sagte er. »Hitler wird uns nicht in Frieden lassen, wir haben schwierige Zeiten vor uns. Wir Kommunisten sind jedenfalls vorbereitet …«54

Im Februar und März 1941 erarbeitete Broz unter dem Titel »Taktik und Strategie des bewaffneten Aufstandes« ein Papier für eine Vorlesung an der Parteischule des ZK, das Leitlinien für eine Revolution formulierte. Er beschreibt diese proletarische Revolution als Kunst und als »höchste Form des Klassenkampfs « (Lenin). Ausgangspunkt für die bewaffnete Auseinandersetzung mit der ausbeuterischen Klasse müsse die »Erregung« der Massen sein. Und welcher Moment sollte dafür geeigneter sein als jener, in dem die Achsenmächte Jugoslawien angriffen. In diesem Fall wäre es nicht utopisch, jenen Funken zu entzünden, der den Volksaufstand auslöst: »Der höchste Punkt der Erregung der Massen zeigt sich, wenn sie bereit sind, für den Sieg der Revolution zu kämpfen und zu sterben; den Tod verachtend sind sie dabei von Empörung und ungezügelter Feindschaft durchdrungen, die übergeht in ›Wildheit‹ bis hin zur Grausamkeit.« Er betonte weiterhin die Notwendigkeit, dass die Partei, als Avantgarde des Proletariats, von Anfang an die Initiative in ihren Händen haben, den Aufstand bis ins Detail vorbereiten, Kampfeinheiten, die »Schlagfaust« des Proletariats, organisieren, diese mit den Bauern und den Volksbefreiungsbewegungen verbinden und dabei das alte Verwaltungs- und Militärsystem vernichten bzw. seiner Herr werden müsse. »Die Partei darf nicht zulassen, dass der Aufstand spontan beginnt, vorbei an ihrer Organisation und ihrer Führung.« Bei dieser Erörterung stützte er sich auf einen Artikel, den Palmiro Togliatti unter dem Pseudonym Ercoli unter dem Titel »Über die Besonderheiten der spanischen Revolution« verfasst hatte. Auf Grundlage seiner persönlichen Erfahrung bezeichnete Ercoli den Krieg auf der Pyrenäenhalbinsel als demokratische Phase, die nicht rechtzeitig beendet worden sei. Man hätte sie so bald wie möglich abschließen und dann zur nächsten Phase übergehen müssen, zur proletarischen Phase.55

Später erklärte Broz, dass er in dieser Schrift, in der die Ankündigung eines Partisanenkrieges gesehen wurde, einige Ideen Clausewitz’ verarbeitet habe. Zudem seien aber auch seine Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg und der Oktoberrevolution, Studien über den Partisanenkrieg in China und die spanische Guerilla gegen Napoleon in den Text eingeflossen. Am meisten aber hätten ihm die Lehren des Spanischen Bürgerkrieg vor Augen gestanden.56


Anfang des Jahres 1940 befand sich Jugoslawien in einer überaus schwierigen Lage. Durch die Abkommen Deutschlands mit Ungarn und Rumänien und dadurch, dass Italien Albanien seinem »Imperium« einverleibt hatte, war Jugoslawien in einen Zangengriff der Achsenmächte geraten. Weil er das römische Kaiserreich erneuern und die Adria in ein mare nostrum verwandeln wollte, beabsichtigte Mussolini zudem, sein Abenteuer mit dem Anschluss Jugoslawiens fortzusetzen, was Hitler aber verhinderte. Deutschland beherrschte den Balkanraum bereits wirtschaftlich, deshalb erschien es dem Führer nicht angebracht, die Beschaffung von Erdöl und anderen Rohstoffen wegen der Ambitionen des Duce zu erschweren. Mussolini aber war nicht zu bremsen: Ohne Hitler zu informieren, hatte er am 28. Oktober 1940 mit neun Divisionen aus Albanien kommend Nordgriechenland angegriffen. Aber entgegen allen Erwartungen hatte sich die griechische Armee als sehr effektiv erwiesen. Schon Mitte November war das heimische Gebiet befreit und die Armee begann dann nach Albanien vorzudringen. Nach einer Winterruhe gingen die Italiener im März 1941 erneut in die Offensive, aber auch diesmal ohne Erfolg.57 In dieser Situation versuchte sich Fürst Pavle – der entsprechend seiner Erziehung, seiner familiären Bindungen und seiner politischen Überzeugung anglophil war – lange Zeit den aus Berlin und Rom einlangenden Einladungen zu widersetzen, sich gemeinsam mit Ungarn und Rumänien mit den Achsenmächten zu verbünden. Auf der Suche nach Unterstützern hatte er im Juni 1940 sogar diplomatische Beziehungen mit der Sowjetunion geknüpft, das die Karađorđevićs bis dahin als ein Land des Antichristen angesehen hatten. Moskau verlangte zwar im November 1940 und erneut Mitte Januar 1941 von Berlin, die Kriegszone nicht auf den Balkan auszuweiten, und informierte darüber auch die jugoslawische Regierung, viel mehr aber konnte sie nicht tun.58

Als im Frühjahr 1941 offensichtlich wurde, dass Großbritannien – der einzige Staat, der noch gegen die Deutschen kämpfte – Fürst Pavle nicht würde helfen können, beschloss er, dem Dreierpakt beizutreten, um Jugoslawien vor einer militärischen Besetzung zu bewahren. Das Bündnis, das ihm Hitler anbot, war relativ günstig, denn er verlangte von Jugoslawien weder eine unmittelbare Beteiligung am Krieg noch eine Stationierung deutscher Truppen zur Realisierung ihrer strategischen Pläne. Doch die Hoffnung des Regenten, seine Völkern durch dieses Bündnis vor den Schrecken des Krieges zu bewahren, währte nicht lange: Dem Vorbild Bulgariens folgend, das am 1. März 1941 dem Dreierpakt beigetreten war, unterzeichneten am 25. März Ministerpräsident Cvetković und Außenminister Cincar Marković im Wiener Schloss Belvedere den Pakt ebenfalls.

Über das Spiel hinter den Kulissen, das die Einleitung zu diesem schicksalhaften Akt darstellte, war das Politbüro der KPJ in den Hauptzügen unterrichtet. Im staatlichen Pressebüro gab es nämlich einen Journalisten, der allen vertraulichen Konferenzen von Minister Cincar Marković beiwohnte, auf denen dieser Verlautbarungen für die Presse herausgab. Die Kapitulation kam daher nicht überraschend. So auch nicht der massenhafte Aufstand, der in Belgrad nach der Unterzeichnung des Pakts ausbrach und der von der Orthodoxen Kirche, von nationalistisch orientierten großserbischen Kreisen und den Kommunisten noch geschürt wurde.59 Die riesigen Protestdemonstrationen, die die »Ehre Jugoslawiens« retten sollten, wurden in der Nacht vom 26. auf den 27. März von einem Militärputsch gekrönt. In Szene gesetzt wurde er von einer Gruppe Fliegeroffizieren, die sich um General Dušan Simović geschart hatten, der mithilfe britischer Agenten schon seit Langem gegen Fürst Pavle und dessen Verständigungspolitik gegenüber den Kroaten intrigierte. Die Ereignisse liefen danach ab wie im Film: Der kaum siebzehnjährige Peter II. wurde als Marionettenkönig eingesetzt, um der Militärjunta Legitimität zu verleihen, Fürst Pavle musste mit seiner Familie ins Exil gehen.60 Am Tag nach dem Staatsstreich am 27. März 1941 flog Tito von Zagreb nach Belgrad, um die Entwicklung der Ereignisse direkt vor Ort zu verfolgen. Auf dem Flug erlitt die Maschine vom Typ Lockheed einen Motorschaden, sodass sich fast ein Unglück ereignet hätte.61 (Das war vermutlich der Grund, weshalb er in späteren Jahren nicht gern mit dem Flugzeug reiste.)

Gegenüber den Belgrader Genossen meinte er, dass der Pakt zwischen Jugoslawien und den Achsenmächten fehlgeschlagen sei. »Der Krieg ist unausweichlich, der Angriff gegen den Staat steht bevor …«62 Ein gleichlautendes Telegramm sendete er auch nach Moskau. Darin schlug er vor, die Kommunisten mögen einen allgemeinen Aufstand gegen die deutsch-italienische Aggression und die Versuche der Briten organisieren, Jugoslawien auf ihrer Seite in den Krieg zu ziehen. Durch den Druck des Volkes müsse die Regierung dazu gebracht werden, den Wiener Pakt zu widerrufen und ein gegenseitiges Hilfsabkommen mit der UdSSR zu beschließen.63 Diese kämpferische Haltung beunruhigte Moskau, da es alles vermeiden wollte, was Hitler in irgendeiner Weise provozieren könnte. Über Kopinič erreichte die Führung der KPJ am 30. März 1941 die Anweisung, auf Massenproteste und bewaffnete Auseinandersetzungen zu verzichten. »Exponiert euch nicht, sitzt nicht den Provokationen des Feindes auf. Setzt nicht die Avantgarde des Volkes der Gefahr aus und schickt sie zu früh ins Feuer. Der Zeitpunkt für den entscheidenden Kampf gegen den Klassenfeind ist noch nicht gekommen.«64


ÜBERFALL AUF JUGOSLAWIEN UND DER AUFRUF ZUM WIDERSTAND

Die neue Belgrader Regierung versuchte Hitler davon zu überzeugen, dass sie beabsichtige, dem gerade unterzeichneten Pakt treu zu bleiben. Doch der nahm die dargebotene Hand nicht an. Im Gegenteil: In der Überzeugung, dass ihm »die perfiden Serben das Messer in den Rücken gestoßen« hätten, befahl er seinen Generälen umgehend, nicht nur in Griechenland einzugreifen (wo es die Italiener vor dem Fiasko zu retten galt), sondern auch in Jugoslawien einzumarschieren.65 So startete die Wehrmacht, wie von Tito vorhergesagt, am 6. April 1941 das Unternehmen Marita gegen Griechenland und das Unternehmen Strafgericht gegen Jugoslawien. Daran änderte auch der Freundschafts- und Nichtangriffspakt zwischen der sowjetischen und jugoslawischen Regierung nichts, der am frühen Morgen desselben Tages unterzeichnet worden war. Wie sich Kardelj erinnert, planten die Kommunisten für diesen Tag in Belgrad große Kundgebungen, um die Unterzeichnung des Pakts zu feiern, aber die Deutschen kamen ihnen zuvor.66 Im Morgengrauen starteten ihre Flugzeuge von den Flugplätzen in Bulgarien, brachen ohne Kriegserklärung in den jugoslawischen Luftraum ein und bombardierten in mehreren Angriffswellen die jugoslawische Hauptstadt. Wenige Stunden später überschritt die Wehrmacht bei Maribor die jugoslawische Grenze und begann gegen Zagreb vorzurücken. Bereits am 8. April hatte die II. deutsche Armee Belgrad erreicht. In den folgenden Tagen marschierten auch italienische, ungarische und bulgarische Truppen fast ohne Widerstand in Jugoslawien ein. Die königliche Armee, die als überaus tapfer und stark galt, hatte sich völlig unvorbereitet gezeigt und brach wie ein Kartenhaus zusammen. Der Vielvölkerstaat zerfiel innerhalb weniger Tage.

Am 10. April wurde unter der Führung des Ustascha-»Poglavniks« (Führer) Ante Pavelić der Unabhängige Staat Kroatien (NDH) ausgerufen, dessen Gebiet sich auch über Bosnien und Herzegowina erstreckte, während Mitteldalmatien und die Bucht von Kotor an die Italiener fiel. Mussolini beanspruchte auch den Südteil der Banschaft Drau einschließlich Ljubljana für sich, während sich die Deutschen die slowenische Steiermark und Oberkrain und die Ungarn sich Prekmurje, das Übermurgebiet einverleibten. Die Italiener besetzten auch Montenegro und den größten Teil des Kosovo, den sie Albanien anschlossen. Zentralserbien wurde von den Deutschen besetzt und in ein Protektorat unter der Führung heimischer Kollaborateure umgewandelt. Die Vojvodina wurde den Ungarn überlassen und ein großer Teil Mazedoniens den Bulgaren. Schon am 17. April 1941 unterschrieb General Danilo Kalafatović gegenüber der Wehrmacht die bedingungslose Kapitulation. Tausende jugoslawischer Soldaten waren auf der Flucht, um einer Internierung zu entgehen und nach Hause zurückzukehren. Die Deutschen machten 344 000 Gefangene, annähernd 300 000 Mann gelang es zu entkommen.67 König Peter II. und die Mehrzahl der Minister der Simović-Regierung waren nach Athen, wo noch immer britische Militäreinheiten standen, und von da aus über Palästina nach London geflüchtet.

Wie Winston Churchill kommentierte, hatten »die Jugoslawen ihre Seele gerettet «, zur Rettung ihres Staatsgebietes aber war es zu spät.68 Der Angriff der Achsenmächte gegen Jugoslawien war das Schulbeispiel eines Blitzkrieges, wobei die Deutschen vor allem an der Kontrolle der Verkehrswege nach Bulgarien und Griechenland und über Rumänien nach Südrussland interessiert waren. In Serbien selbst, aber auch in Kroatien, waren sie in erster Linie an den Bergbauregionen interessiert, wo für die Kriegsindustrie benötigtes Chrom, Bauxit und Kupfer gefördert wurde.69

In diesen bewegten Tagen stand Tito in ständigem Austausch mit Moskau. Eine der wichtigsten Errungenschaften des Jahres 1940 war nämlich die Einrichtung einer Radioverbindung zwischen Zagreb und der Komintern. Diese wurde durch Josip Kopinič-Vokšin, Spitzname Vazduh (›Luft‹), und Stella Panajotis-Bamjadzidos, eine griechische Telegrafistin, unterhalten. Sie traten als Eheleute auf und wurden das auch bald tatsächlich. Mit Hilfe Vlatko Velebits hatten sie an den Hängen Zagrebs ein geeignetes Haus mit Garten in der Nähe des Waldes – für den Fall, dass man rasch fliehen musste – gefunden. Von dort aus betrieben sie als »Mali« und »Mala« (›Kleiner‹ und ›Kleine‹) – so hatte Tito sie genannt – bis Juni 1944 eine Radiostation, die von den Deutschen nie entdeckt wurde. An dieses Zentrum waren außer der KPJ noch sieben weitere kommunistische Parteien angeschlossen, die italienische, schweizerische, österreichische, ungarische, bulgarische, griechische und slowakische.70 So begann ein überaus intensiver Nachrichtenaustausch, der zuerst über Vazduh und später während des Krieges über Sendestationen bei Titos Oberstem Stab und beim Generalstab Sloweniens einen immensen Umfang annahm. Angeblich hat Tito mit der Komintern und mit anderen sowjetischen Diensten in Moskau Hunderte von Depeschen gewechselt, von denen sogar manche seiner engsten Mitarbeiter nichts wussten. Er schrieb sie nämlich selbst und hütete sie eifersüchtig.71 »Bei Sitzungen des Politbüros«, erzählte später Ranković, »hat uns Tito aus den Depeschen, die er aus Moskau und von der Komintern bekam, nur das mitgeteilt, was er für unbedingt notwendig hielt. Keiner von uns hat jemals auch nur eine Depesche zu Gesicht bekommen. Im Krieg, während des Marsches, zog Tito, bevor er sich schlafen legte, den Stiefel aus, holte die Depeschen heraus und zog ihn wieder an. So war er sich sicher, dass sie ihm niemand stahl.« Ranković störte ein derartiges Misstrauen sehr: »Was bin ich hier? Welches ist meine Verantwortung, wenn die Depeschen aus Moskau vor mir versteckt werden?«, fragte er. Titos schroffe Antwort lautete: »Ich bin der Generalsekretär der Partei. Ich habe das Recht zu entscheiden, worüber ich dich und euch zu informieren habe.«72

Der plötzliche Zusammenbruch der jugoslawischen Streitkräfte überraschte die Kommunisten, denn auch sie hatten an den Mythos der serbischen heroischen Traditionen geglaubt. Wie im Jahre 1944 Đilas zu Manuilski sagte: »Unser Fehler war es, dass wir glaubten, dass sich der größere Teil des mit dem Generalstab verbundenen Offizierskorps gegen die Deutschen zur Wehr setzen werde. Dem war aber nicht so. Die Mehrheit ergab sich.«73 Die Führer der KPJ hatten erwartet, dass Jugoslawien einen Monat oder noch etwas länger Widerstand leisten würde, was ihnen die Möglichkeit gegeben hätte, ihre Organisationen zu verstärken und sich mit ihren zahlreichen Anhängern innerhalb der bewaffneten Streitkräfte zu verbinden. In Wirklichkeit stießen die Deutschen bei ihrem Vormarsch auf so gut wie keinen Widerstand: »Es gab keinen ernsthaften Kampf, es war ein Parademarsch«, konstatierte Đilas.74

Auf der Sitzung des Zentralkomitees der KP Jugoslawiens und der KP Kroatiens am 8. April 1941, zwei Tage bevor die Deutschen in Zagreb einmarschierten, gestand Tito seine Fehleinschätzung in Bezug auf die königliche Armee offen ein und äußerte sich auch dahingehend selbstkritisch, dass sich auch die Kommunisten in dem tragischen Geschehen der letzten Wochen nicht hervorgetan, sondern im Gegenteil die Initiative aus den Händen gegeben hätten. Nach dem Überfall der Achsenmächte auf Jugoslawien und der Besetzung stellte sich aber die Frage, welche Rolle sie in den neuen Verhältnissen überhaupt spielen sollten.75 Weil Stalin noch immer als Hitlers Verbündeter angesehen werden musste, war klar, dass sie nicht besonders viel Spielraum hatten und gegenüber den Besatzern nicht wie Feinde auftreten konnten. Andererseits waren sie davon überzeugt, dass sich die in den Krieg verwickelten imperialistischen Staaten im gegenseitigen Kampf erschöpfen würden und dass der Zeitpunkt nicht fern sei, zu dem man den selbstmörderischen Konflikt der europäischen Bourgeoisie für die sozialistische Revolution nutzbar machen könne, so wie es Lenin vor dem Ersten Weltkrieg getan hatte.76

Am 10. April, an dem Tag als unter deutscher und italienischer Protektion der Unabhängige Staat Kroatien ausgerufen wurde, gründeten die Kommunisten ein Militärkomitee mit Tito an der Spitze, das den Mitgliedern der Partei die Direktive gab, was in diesem Moment des Zerfalls des alten Staates zu tun sei: das Sammeln und Verstecken von leichten Waffen. Kurz darauf wurden auch in größeren Städten und Provinzen Militärkomitees mit dem Auftrag gegründet, die Grundstruktur der zukünftigen bewaffneten Streitkräfte zu erarbeiten (kleine Einheiten, Kompanien und Kommandokader77), und die Soldaten davon abzuhalten, sich in Gefangenschaft zu begeben, sondern sie dahingehend zu agitieren, dass sie sich stattdessen mit ihren Waffen nach Hause begaben. Am 15. April wurde ein »Aufruf an die jugoslawischen Völker« veröffentlicht, in dem der Verrat des heimischen Regimes am Volk und die Ausbreitung von Chauvinismus und Brudermord verurteilt und die Menschen aufgerufen wurden, »im Geiste nicht zu kapitulieren«, sondern den Kampf gegen den Okkupator fortzuführen. »Aus diesem blutigen imperialistischen Krieg wird eine neue Welt hervorgehen. […] Auf der wahrhaften Unabhängigkeit aller Völker Jugoslawiens wird sich eine wahrhafte brüderliche Gemeinschaft bilden …«78

»Ich denke, dass der Aufruf vom 15. April historische Bedeutung hatte«, kommentierte Tito später, »und zwar insofern, als die KPJ in diesem kritischen Moment den Massen aller Völker Jugoslawiens die gesellschaftliche Bedeutung und die Perspektiven des vor uns liegenden Kampfes gegen den faschistischen Okkupator aufgezeigt hat. […] Ohne diese klaren Perspektiven hätte unser Volksbefreiungskampf nicht den Schwung und nicht die Breite bekommen, wie er ihn erfahren hat, und nicht die Kraft, sondern wäre schnell zu einem kläglichen Widerstand verkommen, wie es in anderen Parteien Europas der Fall war. […] Mit anderen Worten, dies war jener historische Moment, der die Ablösung der führenden Gesellschaftskräfte verlangte. Die erwähnten Tatsachen bestätigen, dass die KPJ den Augenblick erfasst und mutig und ohne Zögern die historische Verantwortung für das Schicksal der jugoslawischen Völker übernommen hat.«79

Diese war keine leichte gewesen – man hätte auch beschließen können, dass es zielführender gewesen wäre, sich, statt den bewaffneten Aufstand zu wagen, auf Sabotagetätigkeit zu beschränken. »Gegen die Ausrichtung auf den bewaffneten Aufstand«, so Kardelj, »waren nicht nur ziemlich breite Kreise der demokratischen Kräfte und der linken Intelligenz, sondern auch ein Teil der Kommunisten. Es formte sich der Gedanke, dass sich die Partei und die Widerstandskräfte vor allem auf Mittel des politischen Kampfes in einer möglichen Kombination mit Diversion und Sabotage auszurichten hätten. In Verbindung damit bezeichneten manche die Festlegung der Partei auf den bewaffneten Aufstand als Abenteurertum, das den Faschisten erleichtern würde, das Volk zu vernichten. […] Einige Kommunisten meinten nämlich, dass man mit dem bewaffneten Aufstand warten müsse, bis der Krieg in seine Endphase eingetreten sei, dass man erst dann die Arbeiterklasse und andere revolutionäre Massen in den bewaffneten Aufstand gegen den Krieg und um die Macht führen dürfe.« In der Überzeugung, »dass der Raum für den revolutionären Kampf die Städte und nicht die Wälder sind«.80

An dem Tag, an dem die königliche Regierung aus dem montenegrinischen Nikšić nach Griechenland und unter britischen Schutz flüchtete, informierte Tito die Komintern von der Entscheidung des ZK der KPJ, dem Okkupator, und sei er doch so stark, Widerstand zu leisten.81

Zur Lagebeurteilung und um die Frage zu klären, wie es nach der Besetzung des Landes um die Partei stand, kam es im Mai 1941 in Zagreb zu einer Reihe von Treffen, an denen nur die Serben, Kroaten und Slowenen teilnahmen. Genossen aus Montenegro sowie Bosnien und Herzegowina waren nicht anwesend, und jene aus Mazedonien unter der Führung ihres örtlichen Sekretärs Metodija Satorov-Sarlo meinten, dass es besser sei, wenn sie sich der bulgarischen kommunistischen Partei anschlössen, auch da die Sowjetunion die diplomatischen Beziehungen zur jugoslawischen Exilregierung abgebrochen und damit den Zerfall des Staates anerkannt habe.82 Auf diesen Sitzungen wurde die imperialistische Aufteilung Jugoslawiens abgelehnt und die Sorge geäußert, dass es zum Ausbruch zwischenvölkischer Konflikte kommen könne. Die Kommunisten fürchteten nämlich, dass der Hass zwischen den jugoslawischen Völkern zu einem Werkzeug in den Händen des Okkupators werden könnte und dass ihn sich auch die heimische Bourgeoisie zu Diensten machen könnte, um sich von der Schuld der Kollaboration mit den Achsenmächten reinzuwaschen. Es wurde die Losung ausgegeben, dass es die Reihen zu schließen gelte und unter dem Patronat der Partei der Kampf sowohl gegen die deutschen, italienischen und sonstigen Faschisten wie auch gegen die englischen Imperialisten aufzunehmen sei. Tito sagte auf einem der Treffen, dass man nicht länger auf die bürgerliche demokratische Revolution warten müsse, wie es die Doktrin verlange, und die Zeit für die Machtübernahme gekommen sei. Die Kommunisten müssten sich militärisch organisieren und darauf vorbereiten, denn nach dem Zusammenbruch der Besatzerregime werde sich überall die Diktatur des Proletariats durchsetzen.83

Das Telegramm, in dem Tito die Komintern über die in Zagreber Beschlüsse informierte traf in Moskau erst am 28. Juni 1941 ein, sechs Tage nach dem deutschen Angriff gegen die Sowjetunion. Dimitrow reagierte ziemlich kritisch, und antwortete, jetzt sei die Zeit für den Volksbefreiungskampf und nicht für die proletarische Revolution. Tito passte sich seinem Standpunkt natürlich an, aber nur zum Schein, mehr mit Worten als aus Überzeugung.84 »Die wahre Bedeutung dieser Depesche«, erzählte er Dedijer, »wurde uns erst später klar. Wären wir so verfahren, wie es Moskau verlangte, wäre es uns nie gelungen, unseren Aufstand zu entwickeln. Unter jugoslawischen Bedingungen hätte diese Direktive bedeutet, den Aufstand zu liquidieren, bevor er noch begonnen hatte. Denn das alte Regime mit dem König an der Spitze hatte am 6. April die jugoslawischen Völker auf Gnade und Ungnade den Eroberern überlassen, und das, was vom Staatsapparat übrig geblieben war, war in den Dienst des Okkupators übergegangen. Damit hatte das alte Regime die ganze Fülle seiner Schwächen gezeigt. Vor allem war es der tief verwurzelten Tradition der Jugoslawen untreu geworden, um die nationale Unabhängigkeit zu kämpfen, einer Tradition, die sich im Verlaufe von 150 Jahren und nicht weniger als 39 Aufständen und zehn Kriegen gegen die Versuche fremder Mächte, die jugoslawischen Völker zu unterjochen, herausgebildet hat. In Jugoslawien war es nicht möglich, sich einen Volksaufstand gegen einen Okkupator vorzustellen, der dem Volk nicht zugleich in Aussicht gestellt hätte, nach dem Krieg eine neue, im wahrsten Sinne des Wortes patriotische Verwaltung zu bekommen, die nicht zulassen würde, dass Jugoslawien, trotz seiner natürlichen Reichtümer, auch weiterhin eine gewöhnliche Halbkolonie der Großmächte bleibt, die nicht die Unterdrückung einzelner Völker zulassen würde, die nicht zulassen würde, dass die große Mehrheit des Volkes in Armut und Not lebt.«85

Mehr als den sowjetischen Regierungskreisen, war es Tito klar, dass der Weltkrieg nicht auf die Länder des kapitalistischen Lagers beschränkt bleiben würde, sondern dass sich die Deutschen auch auf einen Angriff gegen die Sowjetunion vorbereiteten. In Erwartung dieses Ereignisses, das ihm die Möglichkeit zur Realisierung seiner revolutionären Pläne geben würde, ließ er alles andere beiseite. Leo Mates, der mit ihm zusammenwohnte, sagte später, dass er ihn in diesem Augenblick als einen Menschen erlebt habe, der sich immer wieder sagte: »Ich will, ich kann und ich muss der Führer sein.«86 Er war so sehr von sich eingenommen, dass er sich nicht um die kroatischen Kommunisten kümmerte, die Banus (Vizekönig) Ivan Šubašić noch vor Kriegsbeginn in die Burg Kerestinec hatte einsperren lassen und die in die Hände der Ustascha gefallen waren, als der NDH-Staat ausgerufen wurde. Es handelte sich um etwa einhundert Linksgerichtete, unter denen es nicht an prominenten Intellektuellen mangelte. In dem Moment des Chaos, als Ante Pavelićs Regime seine Macht noch nicht gefestigt hatte, da es weder über Polizei noch Militär verfügte, sagt Vladimir Velebit in seinen Erinnerungen mit vieldeutigem Vorwurf, hätte man sie noch retten können.87

Weil es in der Hauptstadt des NDH-Staates immer gefährlicher wurde und weil es klar war, dass wegen der Begeisterung der kroatischen Massen über die endlich erlangte »Staatlichkeit« – wenn auch unter dem Schutz der Deutschen und Italiener – die Kommunisten fürs Erste keine Möglichkeit hatten, auf sie einzuwirken, beschloss die Partei das Politbüro des ZK der KPJ von Zagreb nach Belgrad zu verlegen.88

Über die verbrecherischen Absichten der Ustascha brauchte man sich keine Illusionen zu machen. Kurz nach der Machtübernahme hatten sie eine »Rassenrevolution « gegen Juden, Roma und vor allem die Serben, die 30 Prozent der Bevölkerung des neuen Staates ausmachten, in Gang gesetzt. Während Pavelić die muslimischen Bosniaken als Brüder »reinsten kroatischen Blutes« ansah und sie auch dementsprechend behandelte, ordnete er für die orthodoxen Serben ein Vernichtungsprogramm an, nach dem ein Drittel umgebracht, ein Drittel ins Ausland vertrieben und der Rest gewaltsam zum katholischen Glauben bekehrt werden sollte. Diesen Plan begannen die Ustascha sofort in die Tat umzusetzen, ohne dass sich die Katholische Kirche rechtzeitig von ihm zu distanzieren gewusst hätte. Gefangen im Netz des Nationalismus protestierte sie nicht entschlossen genug gegen die bestialischen Massaker an unschuldigen Menschen oder ihre gewaltsame »Evangelisierung«. Im Gegenteil: Zahlreiche Prälate, Pfarrer und Franziskanerpater wirkten an den Ustascha-Verbrechen mit oder beförderten sie durch ihre absolute Gleichgültigkeit.

Tito verließ Zagreb in solcher Eile, dass er nicht einmal die Geburt des eigenen Sohnes abwartete, den nach seinem Weggang Herta Haas in Windeln legte.89 Hals über Kopf reiste er am 23. Mai 1941 ab, einen Tag bevor die Grenze zwischen dem NDH-Staat und Serbien geschlossen wurde. Wie er selbst später erzählte, nicht nur aus Angst vor den Ustascha, sondern auch vor den kroatischen Kommunisten, die Gerüchten zufolge mit prominenten Vertretern des Pavelić-Regimes paktierten und beabsichtigten, die KP Kroatiens aus der KPJ herauszulösen, in der Überzeugung, dass man den Hitler-Stalin-Pakt halten müsse.90

Als Antwort auf diese separatistischen und pazifistischen Bestrebungen schrieb Tito für das Parteiblatt Srp i ćekić (›Hammer und Sichel‹) einen Artikel mit dem Titel »Warum gehören wir noch zur KPJ?«: »Seit die imperialistischen Räuber Jugoslawien überrollt und besetzt haben und der ›unabhängige‹ Staat Kroatien gegründet wurde, ist zahlreichen unserer Genossen nicht klar, warum wir Kommunisten in Kroatien, d. h. unsere KP Kroatiens, noch zur Kommunistischen Partei Jugoslawiens gehören, warum wir Flugblätter mit der Unterschrift ZK der KPJ verbreiten. […] Sie sagen, wir […] seien gegen die Freiheit und Unabhängigkeit des kroatischen Volkes und für die Wiedererrichtung Jugoslawiens in der vorherigen Form. […] Wir Kommunisten erkennen die Besetzung und Zerstückelung nicht an, weil sie nicht auf Wunsch des Volkes hin geschehen ist, sondern durch die Aggression der imperialistischen Eroberer. […] Wenn wir mit vereinten Kräften die wahre Freiheit und Unabhängigkeit erkämpft haben werden, werden wir die brüderlichen Beziehungen ordnen, wie sie uns und unseren Völkern am besten entsprechen. So, wie das die Völker der großen Sowjetunion getan haben.«91

Als er als unter der Identität Ing. Slavko Babić, Vertreter der Fa. Škoda, in Belgrad ankam, stieß er dort auf unzählige Kommunisten mit der entschlossenen Bereitschaft zum Widerstand und zur Revolution sowohl gegen den Okkupator als auch gegen die einheimische kollaborierende Bourgeoisie. Wie er im Oktober 1944 dem russischen Schriftsteller und Kriegsberichterstatter K. M. Simonow erzählte, herrschte Terror in der Stadt: »Wer sich am Abend auf der Straße zeigte, wurde erschossen.« Unter Androhung der Todesstrafe war es verboten, die Haus- oder Wohnungstür abzuschließen. Die Deutschen konnten überall hinein, wo sie wollten und wann sie wollten. Mehrere Wochen lang ging Broz schlafen ohne sich auszukleiden, mit der Pistole unter dem Kopfkissen. »Das Einzige, was mich in diesen Tagen beruhigte, war, dass ich vier Hausnummern entfernt vom Stadtkommandanten Belgrads, Generalleutnant Schröder, wohnte. Ja, das war eine Zeit, als es entweder am Leben zu bleiben oder zu sterben galt, als man nur an die Zukunft des Staates dachte und nicht eine Minute an die eigene Zukunft.«92Đilas beschrieb die Atmosphäre in der Stadt wie folgt: »Nachts Patrouillen, Dunkelheit und ständige Schießereien mal auf der einen, mal auf der anderen Seite der Stadt. Juden mit gelben Bändern und Angst und Wut, Hunger und Tod, finstere Gesichter der Bürger und fröhliche rücksichtslose deutsche Jünglinge mit Prostituierten und Fotoapparaten. Bewegung von Luftstreitkräften Richtung Griechenland und Bodentruppen Richtung Rumänien. Erste ›Gemeindeblätter‹ im Dienste des Okkupators.«93

Ende April und erneut Ende Mai meldete Tito über die sowjetische Botschaft, die in Belgrad noch amtierte, an Dimitrow (Deckname »Ded« – ›Väterchen‹), dass sich deutsche Einheiten in Richtung russische Grenzen bewegten und dass die deutschen Offiziere in Zagreb ihr Ziel auch nicht groß verheimlichten. Bei Kontakten mit der örtlichen Bourgeoisie sprächen sie offen davon, dass sie in Russland hineinschneiden würden wie das Messer in die Butter. Auf den Panzern der Wehrmacht, die durch Belgrad und über die Donau Richtung Rumänien fuhren, stand: »Nach Moskau«.94 In einer Depesche, die Tito am 13. Mai abschickte, schreibt er: »Wir organisieren Militäreinheiten, erziehen unsere Militärkader, bereiten den bewaffneten Aufstand im Falle eines Angriffs gegen die UdSSR vor.«95

Zudem brachte die Partei ein Propagandaflugblatt in Umlauf, in dem sie die Deutschen Soldaten warnte, dass der Führer beabsichtige, sie im Kampf gegen Russland zu verheizen.96 Da Stalins Haltung gegenüber jenen, die ihn vor einem baldigen Angriff warnten, äußerst kritisch war, wundert es nicht, dass diese Meldung und Titos kämpferische Einstellung in Moskau wenig willkommen war. Hinzu kam, dass im Komintern nach wie vor großes Misstrauen gegenüber Tito herrschte, wie sich auch Vladimir Bakarić später erinnerte. Für diese Leute sei er zu wenig »gehorsam« und »demütig« und zu »eigensinnig« und zu voll »eigener Ideen« gewesen.97

Allerdings findet sich in den Archiven der Komintern ein Bericht, der davon zeugt, dass nicht alle in Moskau seinen Kampfeseifer kritisch betrachteten. Das Dokument vom 29. Mai 1941 erwähnt Geheimtreffen zwischen Tito und einem Moskauer Agenten in Zagreb und Belgrad und berichtet: Die KPJ zähle 8 000 Mitglieder und 30 000 Komsomolzen (junge Mitglieder des SKOJ). Die Parteiorganisation sei unversehrt und in Kampfbereitschaft. Beim ZK seien ein Militärkomitee und ein Komitee für Diversantentätigkeit organisiert. Waffen seien vorhanden und versteckt. Im Falle eines Angriffs gegen die Sowjetunion werde die KPJ in den Kampf eintreten. Zur Auffüllung der Waffenvorräte benötigten sie von der Komintern zwischen fünf und zehntausend Dollar. »Bitte, überbringt den Genossen unsere Grüße und informiert sie, dass die Aufgaben erfüllt werden, die sich der Kommunistischen Partei Jugoslawiens gestellt haben.«98 Dabei ist anzumerken, dass sich die Kampfbereitschaft nicht nur aus der Ideologie und noch weniger aus dem blinden Glauben an die Sowjetunion speiste. Wie Koča Popović, einer der wichtigsten Führer des Aufstandes, eingesteht, »war auch viel jugendliches Rebellentum dabei …«99


AUFSTAND UND REVOLUTION

Die Verfolgung der Serben und die an ihnen vom Ustascha-Regime, von den ungarischen und bulgarischen Besatzungstruppen, aber auch von den Kosovo-Albanern verübten Massaker lösten eine Flüchtlingswelle in das serbische Gebiet unter deutscher Verwaltung aus. Viele flohen in die Wälder und organisierten sich zum Selbstschutz in bewaffneten Gruppen. Außerdem war ein weiteres Phänomen zu beobachten: Um die Offiziere der königlichen Armee, die sich der Gefangenschaft entzogen hatten, begannen sich Soldaten zu sammeln, die entschlossen waren, die militärische Niederlage nicht hinzunehmen. Anknüpfend an die Rebellentradition gegen die Türken, tauchten bereits im April 1941 erste Tschetnik-Verbände in Teilen Serbiens und Montenegros auf. Im Bergland von Ravna gora in Westserbien stellte sich der neunundvierzigjährige Oberst Dragoljub (Draža) Mihailović an die Spitze einer kleinen Einheit mit der Absicht, wenigstens einen Funken serbischer Unabhängigkeit am Leben zu erhalten. Er rief eine patriotische Widerstandsbewegung ins Leben, die aber, wie Jahre später einer seiner Anhänger eingestand, in Wirklichkeit auf der Feindschaft gegen alle Völker Jugoslawiens beruhte. Es sei klar gewesen, setzte er hinzu, dass man unmöglich auf der Basis dieser Feindschaft und serbischer Heldensagen siegen konnte.100

Unterdes bemühte sich Stalin auf alle denkbare Weise um Hitlers Wohlwollen. Noch am Vorabend des Unternehmen Barbarossa veröffentlichte die TASS eine Meldung, in der Gerüchte, denen zufolge die deutsche Armee Einheiten an den Grenzen der Sowjetunion zusammenziehe, als antisowjetische und antideutsche Propaganda zurückgewiesen wurden. Doch da ein Dementi aus Deutschland ausblieb, war es Tito klar, dass der Angriff kurz bevorstand, wenngleich sie den genauen Zeitpunkt nicht kannten.101

Als Hitler dann am 22. Juni 1941 tatsächlich in die Sowjetunion einmarschierte, war Tito also deutlich weniger überrascht als Stalin. Noch am gleichen Tag verfasste er einen vom ZK veröffentlichten Aufruf, in dem er die »Arbeiter, Bauern und Staatsbürger Jugoslawiens« zum bewaffneten Kampf zur Verteidigung des »blühenden sowjetischen Gartens« aufrief. Diese kühne, sogar kopflose Entscheidung nahmen die führenden jugoslawischen Kommunisten umso leichter hin, als sie keinen Zweifel hegten, dass die kapitalistische Welt unmittelbar vor dem Zusammenbruch stehe, dass die Rote Armee leicht mit der Wehrmacht fertig werde und dass ihr Sieg nur eine Frage von Wochen, höchstens Monaten sei. Den katastrophalen Rückzug der Roten Armee legten sie als geniale Taktik Stalins aus, denn was anderes könne im Spiel sein, bei einer Armee, die eben noch die Fertigstellung von einer Million und einem Panzer gefeiert hatte.102 »Alle unsere Ziele, unsere Strategie und Taktik hatten wir von den Russen abhängig gemacht. Wir waren überzeugt: Wenn die Russen siegen, siegen auch wir«, erzählte später Ranković.103 Im ZK der KPJ sprach man sogar davon, dass die Russen jeden Moment mit Fallschirmen über dem besetzten Jugoslawien abspringen würden und dass man sich auf ihren Empfang vorbe reiten müsse. Als Đilas einen Genossen fragte, wann der Krieg zu Ende sei und der sagte: »noch vor Ablauf des Jahres«, antwortete Đilas spitz: »Häng dich an der Fahne auf, das muss in zwei Monaten vorbei sein.« Von beinahe leichtfertiger Zuversicht zeugt auch ein Bericht, den Tito Ende Juni 1941 an die Komintern schickte: »Wir bereiten den Volksaufstand gegen den Okkupator vor, denn im Volk herrscht große Kampfbereitschaft. Teilt uns eure Meinung dazu mit. Waffen haben wir ziemlich wenig. Ist es möglich, dass wir bald welche bekommen?«104

Inzwischen hatte Dimitrow am 22. Juni Tito aufgefordert, die KPJ möge alles Mögliche tun, um »den gerechten Kampf der sowjetischen Völker zu unterstützen und zu erleichtern«.105 Da er aber dessen revolutionäre Ambitionen gut kannte, betonte er in Übereinstimmung mit Stalin jedoch, »dass es sich in der jetzigen Etappe um die Befreiung vom faschistischen Joch handelt, nicht um die sozialistische Revolution«.106 – »Die ganze Partei ist heute ein Militärapparat, jedes Parteimitglied hat die Pflicht, die UdSSR zu verteidigen, jedes Parteimitglied ist heute ein aktiver roter Soldat.«107 Gefordert war also ein Guerillakrieg, wie er im besetzten Weißrussland und in der Ukraine schon eingesetzt hatte.

Dieser Direktive widersetzte sich Tito; er war nämlich der Überzeugung, dass der Krieg sehr wohl ein angemessener Zeitpunkt für die Verwirklichung der Revolution und die Übernahme der Macht sei – damit war schon zu Beginn des Kampfes gegen den Okkupator der Keim für die späteren politischen Auseinandersetzungen gelegt war.

Das Politbüro benannte auf seiner Sitzung am 27. Juni 1941 in Belgrad das Militärkomitee um in Oberster Stab der Partisaneneinheiten zur Volksbefreiung Jugoslawiens und machte Josip Broz zu seinem Befehlshaber. Am 4. Juli beschloss es, von Sabotage- und Diversionsakten zum allgemeinen Volksaufstand überzugehen. »Es herrschten Enthusiasmus und große Freude«, erinnerte sich später Tito.108 »Als in Europa der Faschismus herrschte, als dort außer der KP der Sowjetunion keine Partei zu hören war, erhob die KPJ ihre revolutionäre Fahne und führte die Arbeiterklasse, die werktätigen Massen, die Völker und Völkerschaften Jugoslawiens in einen siegreichen Volksbefreiungskampf, in die sozialistische Revolution. Damit erfüllte sie durch Taten ehrenvoll ihren revolutionären und internationalen Geist.«109

Um den Aufstand in Gang zu bringen, entsandte das ZK der KPJ am 4. Juli 1941 zwölf führende Delegierte in verschiedene Ecken des Landes, wobei die Kommunisten – als Einzige unter allen Parteien – bei ihrer Agitation die Betonung auf die »Brüderlichkeit und Einheit« legten, also auf die Gleichberechtigung zwischen den jugoslawischen Völkern. Keines von denen habe das Recht, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Zwar war die nationale Frage im Kampf um die Macht nur von taktischer Bedeutung, man wusste sie sich aber – nach dem Vorbild der Sowjetunion – zunutze zu machen, umso mehr, als man seit jeher Gegner des jugoslawischen Integralismus gewesen war, wie ihn König Aleksandar Karađorđević betrieben hatte.110

Doch in Kroatien stießen sie mit dieser Strategie auf Widerstand, denn hier hatten nationalistische Ideen Oberhand über die Parteidisziplin gewonnen. Während die Wehrmacht nach Weißrussland und in die Ukraine vorstieß, schwieg Radio Moskau über den Krieg und berichtete stattdessen vom Leben der Kolchosebauern und proletarischen Stoßarbeiter.111 Warum sollten die kroatischen Kommunisten nicht glauben, dass an der Ostfront alles in Ordnung sei und dass die Rote Armee in vierzehn Tagen, spätestens aber in sechs Wochen in Zagreb sein werde? Warum sollten sie den Zerfall Jugoslawiens, das von der Sowjetunion seit dem 16. Mai 1941 nicht mehr anerkannt wurde, nicht begrüßen? Aufgrund dieser Überzeugung konnte sich Andrija Hebrang, der nach zwölf Jahren im Gefängnis zu diesem Zeitpunkt die Militärkommission des ZK der KP Kroatiens führte, mehr als einen Monat lang nicht entscheiden, ob er dem Okkupator entgegentreten solle, wie es die Komintern und das ZK der KPJ angeordnet hatten, oder nicht.112 Nach Zeugenaussagen, die von Vladimir Dedijer gesammelt wurden, soll er sogar mit prominenten Ustascha-Leuten Gespräche darüber geführt haben, dass er eine KP NDH gründen werde, wozu er den Segen von Ante Pavelić selbst bekommen habe. Auf einer Sitzung des ZK der KP Kroatiens Mitte Juli soll er erklärt haben, dass der »Unabhängige Staat Kroatien die Realisierung einen hundertjährigen Traum des kroatischen Volkes« sei.113

In diesem Augenblick der Unsicherheit und des Chaos versuchte Kopinič-Vazduh im Namen Moskaus, das in Person von Dimitrow das »niederträchtige und verräterische Verhalten« der kroatischen Kommunisten anprangerte, am 9. Juli mithilfe des Stadtkomitees das ZK der KP Kroatiens abzusetzen und sich der Führung der Partei mit dem Ziel zu bemächtigen, sobald wie möglich eine Sabotageaktionen zur Unterstützung der Sowjetunion in Gang zu setzen.114 Der Versuch misslang, weil sich Hebrang widersetzte und weil Tito gemeinsam mit Kardelj beschloss, ihn zu schützen.115

Das Durcheinander, das dadurch entstanden war, hatte tragische Folgen.116 Weil man wegen des Unfriedens, den Kopinič verursacht hatte, beweisen wollte, dass man zur Aktion bereit war, organisierte das Zagreber Stadtkomitee mit Genehmigung der engeren Führung des ZK der KP Kroatiens in der Nacht vom 13. auf den 14. Juli die Befreiung von in Kerestinec eingesperrten Kommunisten und Sympathisanten. Wenige Tage zuvor hatte die Ustascha nämlich drei angesehene links orientierte Häftlinge erschossen und gedroht, damit fortzufahren, wenn es zu Sabotageakten käme. Nach Meinung Kopiničs, aber auch Rade Končars, des Sekretärs der KP Kroatiens, sei es besser, wenn die Gefangenen als Kämpfer auf der Flucht fielen, als dass sie passiv auf den Tod warteten. Das Unternehmen war jedoch so schlecht vorbereitet, dass dabei 68 Menschen ihr Leben verloren, die Blüte der linken Intelligenz Kroatiens.117

Auf den Misserfolg der Kerestinec-Aktion reagierte Tito sofort. Er schickte eine Sonderkommission nach Zagreb, die untersuchen sollte, was genau genommen geschehen war. Gleichzeitig berief er in Belgrad eine Sitzung des Politbüros ein, auf der darüber diskutiert wurde, was zu unternehmen sei. Am 10. August 1941 gab es einen Erlass heraus, der das gesamte ZK Kroatiens, auch Herta Haas, »wegen Unentschlossenheit und mangelnder parteilicher Wachsamkeit « verurteilte. Außerdem schickte Tito eine Woche später der Komintern ein Telegramm, in dem er verlangte, »Valdes [Kopinič] aus seiner (Luft-) Position« zu entfernen, da er die Schuld am Scheitern der Flucht der Genossen aus Kerestinec trage. Trotz der Schärfe seiner Denunzierung – eine der vernichtendsten, die er überhaupt je geschrieben hat – entschied man in Moskau anders. Die Antwort lautete, dass Kopinič auch weiterhin seine Pflicht zu versehen habe.118

Der Aufruf zum Aufstand fand zu Anfang den größten Widerhall in Montenegro. Dorthin hatte das Politbüro Milovan Đilas entsandt, wobei ihm Tito eingeschärft hatte: »Die Italiener sind stark und gut organisiert. Sie werden den Aufstand brechen. Beginnt mit kleineren Operationen.«119 Damit lag Tito allerdings falsch, denn die Laschheit der italienischen Militärführung ermöglichte am 13. Juli tatsächlich den Ausbruch eines Massenaufstands, der vom verletzten Stolz und von in der montenegrinischen Bevölkerung verbreiteten russophilen Gefühlen angefacht wurde. Abgesehen von den wichtigeren Städten war nach wenigen Tagen ein großer Teil Montenegros befreit, und zwar mit einer Leichtigkeit, die die Kommunisten selbst überraschte und in der Überzeugung bestärkte, dass der Zeitpunkt der Revolution gekommen sei. Milovan Đilas, der einstige »Wahhabi«, sprach schon von der »nahen antifaschistischen Revolution, die nichts anderes ist als eine notwendige Etappe der proletarischen Revolution«.120 Doch berauscht vom Erfolg begann er mit seinen Anhängern auch einheimische »Klassenfeinde« anzugreifen, was die Kommunisten erheblich schwächte.

Die Italiener erwiderten den Schlag mit aller Kraft und sicherten sich bis Mitte August auch mithilfe albanischer und muslimischer Verbände die Kontrolle über das Land. Noch fataler für die Kommunisten war, dass die Montenegriner sich von ihnen wegen des roten Terrors (den man später euphemistisch als »linke Abweichungen« bezeichnete) entfremdet hatten und sich massenhaft den Tschetniks anzuschließen begannen.121 Wegen solcher Meldungen berief Tito am 22. Oktober Đilas aus Montenegro unter dem Vorwurf ab, der Aufstand sei politisch unvorbereitet gewesen, weil er der Bildung starker Partisaneneinheiten vorweggegriffen habe, die den Aufstand hätten führen müssen, und weil er mit seiner Betonung der »Klassenzugehörigkeit« im Widerspruch zur Parteilinie agiert habe, die die Notwendigkeit der Zusammenarbeit unter den Patrioten unterschiedlicher ideologischer Orientierungen betont habe.122 Đilas focht das kaum an, obwohl nur wenig fehlte, und man hätte ihn, wie manchen anderen, mit dem Tode bestraft.123 Aber da er ein Mitglied der Führung war, passierte ihm nichts. Im Gegenteil, er wurde zum Chefredakteur der zentralen Parteizeitung Borba ernannt, die erneut ins Leben gerufen wurde, nachdem sie am 6. April 1929 verboten worden war.124

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion zogen die Deutschen ihre besten Truppen vom Balkan ab. Im zerfallenen Jugoslawien verblieben nur Einheiten, die für die Kontrolle der Verkehrswege zwischen Ljubljana, Zagreb, Belgrad und Saloniki nötig waren, um die Versorgung der Militäreinheiten in Griechenland und der Truppen Rommels in Nordafrika sicherzustellen. Die Hauptaufgabe der Wehrmacht bestand also in der Sicherung der Straßen, Eisenbahnlinien, Bergwerke und größeren Industriezentren, während sich die Deutschen um die anderen Gebiete nicht viel kümmerten. Um Serbien so stark wie möglich in ihr Netz einzubinden, dachten sie schon früh an eine Mitwirkung lokaler Kollaborateure. Ende August beschlossen sie einen einheimischen Quisling mit der Regierungsbildung zu beauftragen, General Milan Nedić, einen der renommiertesten Offiziere der einstigen königlichen Armee und ehemaliger Verteidigungsminister. Sofort nach Dienstantritt baute Nedić eine starke Gendarmerie auf und knüpfte geheime Kontakte zu Draža Mihailović, dem er vorschlug, mit seinen Leuten nach Bosnien zu gehen und dort den Kampf gegen die Ustascha aufzunehmen, während er selbst die Kommunisten in Serbien vernichten würde. Doch in der Überzeugung, dass man »der serbischen konspirativen Clique« (Hitler) nicht vertrauen könnte, unterbanden die Deutschen seine Kontakte zu den Tschetniks und Partisanen. Am 16. September 1941 befahl der Führer dem Oberkommando der Wehrmacht für den Südosten, »die Aufstandsbewegung mit energischen Methoden zu ersticken«, wobei er sowohl an die Partisanen als auch an die Tschetniks dachte und zu diesem Zweck Einheiten aus Griechenland, Frankreich und sogar von der Ostfront nach Serbien beorderte.125

Am selben Tag verließ Tito Belgrad, wo die Deutschen eine Kommunistenjagd begonnen hatten, und ging mit einem auf den Namen eines Tschetnik-Kollaborateurs ausgestellten Reisepass in das Gebiet der Aufständischen in Südwestserbien. Dort war inzwischen ein freies Territorium entstanden, in dem Sreten Žujović-Crni, Koča Popović, Petar Stambolić und andere Spanienkämpfer die ersten Einheiten der Aufständischen formierten. Er reiste elegant gekleidet vom Hauptbahnhof ab, begleitet von zwei Mädchen, einem »Švabo« (›Deutschen‹) aus dem Banat und einem orthodoxen Geistlichen. Eines der Mädchen war Davorjanka Paunović, seine Sekretärin, Kurierin und Gefährtin während des Volksbefreiungskrieges.126 Kaum war er in der Umgebung von Valjevo in Zentralserbien – neunzig Kilometer von Belgrad entfernt – aus dem Zug gestiegen, machte er in einer Kaschemme voll angetrunkener Tschetniks halt. Nur mit Mühe konnte er sich vor ihnen retten, indem er ihren Anführer überzeugte, ein Anhänger Mihailovićs zu sein. Kurz darauf stieß er auf eine Partisaneneinheit, die über sein Kommen nicht informiert war. »Ich bin der Sekretär der Kommunistischen Partei Jugoslawiens«, stellte er sich ihnen vor. Sie glaubten ihm nicht, weil er zu gut gekleidet war und einen Tschetnik-Pass hatte. Wenig fehlte, und sie hätten ihn erschossen. Aus der schwierigen Lage rettete ihn Miloš Minić, Mitglied des Hauptstabes in Valjevo. »Du also bist dieser fremde deutsche Spion. Alle Achtung.«127

Eine gute Woche später, am 26. und 27. September 1941, berief er in Stolice bei Krupanj eine Sitzung ein, auf der er mit annähernd zwanzig engsten Mitarbeitern Beschlüsse fasste, die entscheidenden Einfluss auf den weiteren Lauf der Ereignisse hatten. Sie kamen überein, den Widerstand gemäß der Guerillastrategie zu führen, frontale Auseinandersetzungen zu vermeiden, den Widerstand nach Ländern zu dezentralisieren und nach dem nationalen Prinzip zu organisieren – allerdings unter der Führung eines »Obersten Stabes«, so wurde fortan der Generalstab genannt –, reguläre militärische Einheiten zu bilden, entsprechend dem russischen Modell für alle Kämpfer die Bezeichnung »Partisan« einzuführen und den Einheiten und Bataillonen neben den Kommandanten auch politische Kommissare beizustellen. Gleichzeitig erließen sie Anleitungen für die weitere Agitation und beschlossen, in den befreiten Gebieten die alte königliche Verwaltung durch Volksbefreiungsausschüsse zu ersetzen, die die ersten Organe der neuen Behörden werden sollten. Kurzum, sie bestimmten das Gefüge ihrer stark ideologisch ausgerichteten Militärkräfte und legten zugleich die Fundamente für eine neue Gesellschaftsordnung.

In diesem Sinne ist es bezeichnend, dass sie als Partisanenabzeichen den fünfzackigen roten Stern (ein uraltes magisches Pentagramm) und als Partisanengruß die geballte Faust als Zeichen der Einigkeit übernahmen.128 Tito erwies sich als guter Organisator des Aufstandes, denn zu Kommandanten der Partisaneneinheiten machte er vor allem »Spanier«, also ehemalige Angehörige der Internationalen Brigaden, die große Kriegserfahrung mitbrachten, und verzichtete auf sogenannte Kominternkader, deren Vorzug allenfalls darin lag, dass sie einige Zeit in Moskau verbracht hatten.129 »Tito bewies, mit einem Wort, dass er den Aufgaben gewachsen war, vor die er sich bei der Vorbereitung und Führung des bewaffneten Kampfes gestellt sah. Als der Aufstand begann, wurde er bald der unbestrittene Führer; von Anfang an dachte er mit eigenem Kopf, obwohl er sich erst nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion für den Aufstand entschieden hatte.«130 So Koča Popović.


SPANNUNGEN MIT DEN TSCHETNIKS UND DIE REPUBLIK VON UŽICE

Das Erscheinen einer rivalisierenden Widerstandsbewegung, die bereit war, der Sowjetunion in ihrem verzweifelten Kampf ohne Rücksicht auf Opfer beiseitezustehen, zwang die Tschetniks, ihr Programm und ihre Taktik besser zu definieren. Sie sprachen sich gegen eine unbesonnene Konfrontation mit den Deutschen aus, solange sich das Kriegsglück nicht gewendet hätte, denn »noch ist der Zeitpunkt für den Kampf nicht gekommen«, man müsse mit dem serbischen Blut sparsam umgehen und so die »biologische Substanz des Volkes« bewahren. In Erwartung eines geeigneten Zeitpunkts (»bis der Tag kommt«) für den Widerstand, zu dem er das ganze Volk aufzurufen beabsichtigte, beschränkte Mihailović die Konfrontation mit den Deutschen auf das Notwendigste.

Trotz aller ideologischen Unterschiede waren sich beide Gruppierungen anfangs nicht von vornherein feindlich gesinnt, sondern stimmten untereinander sogar Aktionen gegen die Wehrmacht und gegen die Ustascha in Ostbosnien ab.131 In einem Schreiben an den Hauptstab der serbischen KP warnte Tito am 13. August 1941 zwar davor, dass »der große Mangel der Volksbefreiungsbewegung in Serbien die Isolierung von den übrigen politischen, mit Großbritannien sympathisierenden Strömungen« sei, jedoch schloss er, dass eine Zusammenarbeit mit diesen dennoch möglich sei.132 Mit Mihailović und seinem Stellvertreter Dragiša Vasić traf er sich am 19. September 1941 in dem Ort Struganik bei Valjevo am Fuße der Ravna Gora, aber weil ihre Ziele einander diametral entgegengesetzt waren, konnten sie sich nicht auf einen gemeinsamen Kampf einigen: Mihailović verlangte für sich das Oberkommando über alle bewaffneten Einheiten, um seine Strategie des Wartens auf »günstigere Umstände « durchzusetzen. Zudem wollte er nach dem Krieg das alte Regime erneuern. Tito hingegen brannte vor Ungeduld, mit seiner so vielversprechenden Aktion fortzufahren. Vor allem aber hatte er nicht vor, auf die Volksbefreiungsausschüsse zu verzichten, die in den befreiten Gebieten entstanden waren, denn für ihn waren sie die Basis der angestrebten neuen Gesellschaftsordnung. Am Ende verabredeten sie nur, dass Partisanen und Tschetniks nicht aufeinander schießen sollten.133

Von dieser Begegnung nahm Tito einen positiven Eindruck von Mihailović mit. Wie er später unter Freunden erzählte, habe ihm der Tschetnikführer in einem bestimmten Augenblick die Hand auf die Schulter gelegt und ihm vorgeschlagen, ins Freie zu treten. »Sag, Freund, bist du Russe? Warum gibst du es nicht zu? Wir lieben die Russen.« – »Nein, ich bin Kroate.« – »Gut, auch wenn du es bist, ich habe nichts gegen die Kroaten, ich kämpfe gegen die Ustascha, nicht gegen die Kroaten.« Als er geendet hatte, wurde Tito nachdenklich und setzte zur Überraschung der Anwesenden hinzu: »Wisst ihr, Draža war mir sympathisch: Hätte es nicht die Londoner Exilregierung gegeben, wäre Draža sicherlich mit uns gewesen.«134

Im Gegensatz zu ihm hegte Mihailović keinerlei freundschaftliche Gefühle für Tito und ließ sich auch nicht davon überzeugen, dass er kein Russe sei. Vor allem wollte er die alte Staatsgewalt erhalten, einschließlich der verhassten Gendarmerie, und konnte natürlich nicht übersehen, welche Gesellschaftsordnung die Partisanen im Falle eines Sieges etablieren würden: Auf dem ersten befreiten Territorium im Städtchen Užice, einem Zentrum der Militärindustrie, wo Tito seit dem 23. September sein Hauptquartier hatte, hatten die Partisanen nämlich die rote Fahne mit Hammer und Sichel entfaltet. Als Gruß hatten sie »Tod dem Faschismus!« eingeführt, eine Losung, die sich Tito selbst ausgedacht hatte; die Antwort lautete »Freiheit dem Volke!«, wie es Ranković vorgeschlagen hatte. An den Fassaden der Gebäude hatten sie Stalinporträts und proletarische Losungen ausgehängt, Gendarmen, die nicht rechtzeitig geflüchtet waren oder sich ihnen nicht angeschlossen hatten, waren »vernichtet« worden.135

In Serbien soll es zu diesem Zeitpunkt bereits annähernd 40 000 Partisanen, in Belgrad 600 Partei- und 2 000 SKOJ-Mitglieder gegeben haben.136 »Damals waren die Bauern, die Lebensmittel nach Belgrad hineinbrachten, die einzige Verbindung mit dem Umland, denn die Partisanen hatten alle Verbindungen mit der Hauptstadt gekappt. […] Das Partisanentum in Serbien befand sich damals auf dem Höhepunkt«, schreibt Kardelj in seinen Erinnerungen, »kaum fünfzehn Kilometer von Belgrad entfernt waren schon die ersten Partisanenpatrouillen.«137

Tito war noch optimistischer. Anfang Oktober berichtete er nach Moskau, dass es »in der Partisanenarmee in Jugoslawien 100 000 Mann und ca. 30 000 Tschetniks gibt, die unsere Verbündete sind«. Erneut bat er darum, dass man ihm Waffen schicken möge, denn er habe mehrere Flugplätze zur Verfügung, wo die sowjetischen Flugzeuge landen könnten.138

Die Republik von Užice, die annähernd 19 000 Quadratkilometer umfasste und ca. 300 000 Einwohner zählte, hatte eine große Resonanz und verschaffte den Führern der KPJ erste Regierungserfahrung.139 Und auch die erste Gelegenheit, ihre Macht zu missbrauchen: Als ihnen Živojin Pavlović in die Hände fiel, der in der Vergangenheit Kommunist gewesen war, sich später aber unter anderem in der Broschüre Bilanz des sowjetischen Termidors gegen Stalins Schreckensherrschaft gewendet hatte und nun als Informant der Polizei arbeitete, wurde erbarmungslos gefoltert und anschließend erschossen.140

Tito und der Oberste Stab wählten das beste Gebäude in der Stadt als ihre Residenz. Es war die Filiale der Nationalbank, wo sie auch eine reiche Beute in Geld und Silber macht.141 »Sechsundfünfzig Millionen waren damals nicht wenig «, stellte er später fest. »Das hat uns in den ersten Tagen sehr genützt, sodass wir die Bauern nicht angerührt haben, während die Tschetniks vom ersten Tag an geräubert haben, so viel sie nur konnten, nur gekämpft haben sie nicht. Wir haben im Gegensatz dazu befohlen, dass absolut nichts angerührt werden darf. Da geht zum Beispiel eine Einheit durch ein Dorf, da sind Früchte, reife Früchte, Herbst, niemand rührt auch nur eine Pflaume oder einen Apfel an. Die Bauern haben uns von allem angeboten und sich gewundert, dass wir keinen Schnaps trinken. Sie brachten große Krüge mit Schnaps und Wein, aber niemand durfte davon nehmen. Damals habe ich Trinken und Stehlen unter Todesstrafe gestellt, sodass die Disziplin tatsächlich außerordentlich hoch war.«142 In dieser erst entstehenden Armee trug zwar noch niemand eine richtige Uniform (außer einer šajkača (›Schiffchen‹) – der traditionellen serbischen Militärkappe, an die sich die Kämpfer einen aus Stoff geschnittenen roten Stern genäht hatten). Die Ausnahme war Tito, der schon damals eine sowjetische pilotka trug, auf der der fünfzackige Stern mit Hammer und Sichel aus Emaille glänzte.143

Zu diesem Zeitpunkt tauchte unter seinen engeren Mitarbeitern ein neuer Mann auf. Arso Jovanović, Montenegriner und ehemaliger Hauptmann der königlichen Armee, wurde aufgrund seiner Erfahrung bald Mitglied und später Kommandant des Obersten Stabs. Laut Đilas nahm Arso mehrmals Einfluss auf Tito, dass dieser keine übereilten Entscheidungen fällte.144 Wobei es durchaus auch Situationen gab, in denen sich zeigte, dass er »der Typ des alten Generalstabsoffiziers war, der nicht verstand, dass die Partisanenkriegsführung eine andere war als ein frontaler Angriff«, wie Kardelj sagte.145 So griff zum Beispiel auf seinen Befehl hin eine Einheit montenegrinischer Partisanen am 1. Dezember 1941 die gut befestigte und von einer italienischen Division verteidigte Stadt Plevlja im Sandžak an. Trotz des Heldentums der »stürmenden« Montenegriner endete der Angriff in einer Niederlage. Die Partisanen hatten 203 Gefallene und 269 Verwundete zu beklagen. Der Hauptstab Montenegros entschied deshalb, Arso Jovanović abzulösen. Aber als Peko Dapčević, auch einer der prominenteren Mitkämpfer Titos, mit dieser Nachricht kam, sagte Kardelj zu ihm: »Um Gottes willen, sag von dieser Entscheidung nichts zu Tito, denn der hat ihn gerade zum Chef des Obersten Stabes gemacht.« Was nach Meinung von General Velimir Terzić, einem der fähigsten Partisanenkommandanten, völlig unangemessen war. Das erkannte zwar bald auch Tito, der aber Jovanović während des Krieges fast immer in seiner Nähe behielt.146

Die sowjetische Presse widmete dem Aufstand der jugoslawischen Völker ziemlich viel Raum. Ab Juli 1941 bis Ende des Jahres veröffentlichte das Sovinformbiro fünfundzwanzig Meldungen über das Geschehen in Jugoslawien, in denen es allgemein über »Partisanen« berichtete. Im Wesentlichen übernahm es die Nachrichten aus den westlichen Medien mit allen ihren Ungenauigkeiten. Das erweckte in Tito den Verdacht, dass Kopinič seine Berichte nicht an die Komintern weiterleitete.147

Die Kämpfe, die die Partisanen in Montenegro und Serbien im Sommer 1941 häufig gemeinsam mit den Tschetniks führten, zogen auch die Aufmerksamkeit Londons auf sich und weckten Sympathien für das »kleine tapfere Serbien «. Wie es schien, verwirklichte sich gerade hier jenes Szenarium, das sich die Briten zu Beginn des Krieges gewünscht hatten: der Ausbruch eines Guerillakrieges in den besetzten Gebieten, der von ihren Agenten organisiert und geleitet wurde. Zu diesem Zweck war auf Churchills Initiative hin im Juli 1940, nach der französischen Kapitulation, eine besondere Spezialeinheit, das Special Operations Executive (SOE), gegründet worden, mit dem Ziel Sabotage- und Subversionstätigkeit in feindlichen Gebieten zu fördern.148 Neben der Londoner Zentrale wurde bald auch eine Filiale in Kairo gegründet, deren Zielgebiet der Balkan und der Nahe Osten war. Um einen besseren Informationsfluss zu gewährleisten, entsandte das SOE unter der Leitung von Captain Duane T. Hudson am 20. September 1941 eine Mission unter dem Namen Bullseye nach Montenegro und Serbien. Wie einige britische Dokumente andeuten, sollte »Bill« den Widerstand in Jugoslawien fördern und steuern und damit mittelbar Unterstützung für die Sowjets leisten.149 Die Sowjets, die in großer Bedrängnis waren, hatten nichts dagegen einzuwenden und schlugen im Oktober 1941 den Briten sogar vor, die Hilfe für die jugoslawischen Aufständischen zu koordinieren. In Bezug auf diesen diplomatischen Schritt, forderte London Moskau dazu auf, die jugoslawischen Kommunisten zu überzeugen, auf den selbstständigen Kampf gegen die Okkupatoren zu verzichten und ihre Einheiten mit jenen Mihailovićs zu vereinen. Da die Briten keine große militärische Unterstützung leisten konnten, versuchten sie die Aufständischen zumindest propagandistisch zu unterstützen und zeichneten von ihnen, auch zur Lenkung der öffentlichen Meinung im eigenen Land, ein heroisches Bild. In der Presse und der BBC sprach man von der Bewegung als leuchtendes Vorbild für ganz Europa, besonders für jenen Teil, der sich unter feindlicher Besatzung befand.150 »Die Serben «, hieß es in einer der Sendungen des Londoner Radios, »zeigen uns, wie man für die Heimat sterben muss.« Dass dabei Aktionen der Partisanen den Tschetniks zugeschrieben wurden, ist kaum verwunderlich.151 Von den Partisanen wollte keiner Kenntnis nehmen, selbst die Sowjetregierung nicht, die sich, in einem Augenblick, da die deutschen Truppen an der Wolga, im Kaukasus und vor Moskau standen, nicht erlauben konnte, öffentlich ihre Sympathie für eine Bewegung zu äußern, die ihre revolutionären Ambitionen nicht verhehlte. Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist, dass das Radio Freies Jugoslawien, das am 11. November 1941 von der Komintern in Ufa eingerichtet worden war, in dieser Zeit nie kritisch über Draža Mihailović berichtete, sondern zu Titos Entrüstung Nachrichten aus den westlichen Medien übernahm, die diesen in den Himmel hoben: Die serbische Guerilla würde nach britischen Angaben gleich sechs deutsche und zahlreiche italienische Divisionen auf dem Balkan binden.152 Gegen diesen »schrecklichen Unsinn« legte Tito über Vazduh scharfen Protest in Moskau ein, aber ohne Erfolg.153

Die Hoffnung der Briten, dass es ihnen mit Hilfe der Sowjets gelingen könnte, die Aktionen zwischen A/H31 (wie sie ihren Agenten Mihailovićs chiffriert nannten) und Tito zu koordinieren, währte nicht lange.154 Obwohl Tito den Tschetniks misstraute, war er nach der Einnahme Užices bereit, die ihm in die Hände gefallene Beute zu teilen, und trat ihnen an die 15 000 Gewehre und fünf Millionen Dinar ab.155 In dieser Zeit versicherte er gegenüber Hudson, dass er persönlich nichts gegen Draža habe, wenngleich man dem Großteil seiner Offiziere nicht trauen könne. Die Kardinalfehler der Tschetniks seien seiner Meinung nach Trunkenheit, Disziplinlosigkeit, Räuberei und Vergewaltigung. Genau das Gegenteil der Partisanenethik. Er versicherte aber, dass er auf jede Weise Reibungen mit Mihailović vermeiden wolle und forderte seinerseits: Wenn er mit den Partisanen nicht zusammenarbeiten könne, solle er ihnen wenigstens keine Knüppel zwischen die Beine werfen.156 Die beiden Führer trafen sich noch einmal in der Nacht vom 26. auf den 27. Oktober 1941 in dem Dorf Braići auf dem Berg Suvabor, um sich über ein mögliches Abkommen auf der Grundlage von zwölf Punkten zu besprechen, die Tito formuliert hatte. Prinzipiell erreichten sie sogar ein Abkommen, das sie beide verpflichtete, sich gegenseitig zu unterstützen, in Wirklichkeit aber strebten beide nach einer Verwirklichung eigener, diametral entgegengesetzter Ziele. Tito wies unter anderem die Forderung Mihailovićs zurück, ihm die Kontrolle über Užice und Čačak zu überlassen, während Letzterer die wichtigsten Punkte aus dem vorgeschlagenen Programm ablehnte: die Bildung eines gemeinsamen operativen Stabes für den Kampf gegen die Deutschen und ihre Helfershelfer, die gemeinsame Versorgung von Partisanen und Tschetniks, die Organisation vorläufiger Behörden in den befreiten Gebieten und die Einführung der Mobilisierung auf freiwilliger Basis.157 Kaum zwei Tage nach dem Treffen forderte Mihailovićs Vertreter von den Deutschen Waffen für den Kampf gegen die kommunistische Gefahr.158

Bald darauf, in der Nacht vom 1. auf den 2. November, griffen die Tschetniks Užice, Čačak und andere Orte unter der Kontrolle der Partisanen an und gaben damit das Zeichen zum Auftakt des Bürgerkriegs in Serbien und in jenen Gebieten, wo beide Bewegungen Seite an Seite standen.159 In seinen Erinnerungen schreibt Đilas, dass er und seine Kriegskameraden froh über den Kampf waren: Damit war der bisherige Knoten und die Unsicherheit zerschlagen, wie man mit Einheiten zusammenarbeiten sollte, die für die Kommunisten Klassenfeinde waren.160 Tito und seine Gefolgschaft waren jedenfalls (irrtümlich) überzeugt, dass Hudson Mihailović zu dem Angriff überredet hatte. Grund für diese Annahme war die Tatsache, dass sich Hudson mit zwei serbischen Offizieren seiner Mission nach kurzem Aufenthalt in Užice zu Mihailovićs Hauptstab in Ravna Gora begeben hatte.

»Ich glaube, dass der Angriff gegen uns auf Befehl der englischen und jugoslawischen Regierung erfolgte«, schrieb Vladimir Dedijer in sein Kriegstagebuch. »Der Bourgeoisie ist die Befreiung des Volkes egal; sie hat den Klassenkampf angefangen. Die serbische Bourgeoisie als die gefräßigste fing als Erste an. Ein Teil von ihr setzte auf die deutsche Karte, der andere auf die englische. Aber gegen uns fanden sie zusammen.«161

Weil man aber wegen ihres Bündnisses mit der Sowjetunion auf die Briten Rücksicht nehmen musste, gingen die Partisanen nicht bis zum Äußersten, als sie Mihailović und seinen Führungsstab umzingelt hatten.162 In dieser Situation erklärte Mihailović plötzlich, dass sich die Widerstandskräfte nicht gegenseitig bekämpfen dürften, und stimmte der Einrichtung einer Kommission zu, die klären sollte, wer die Verantwortung für den Angriff trug. Tito seinerseits ließ als Zeichen des guten Willens etwa einhundert Tschetnik-Offiziere frei, die seine Kämpfer gefangengenommen hatten.163

In Čačak trafen sich daraufhin Delegationen beider Gruppen, wobei die Partisanen von Ivo Lola Ribar, Petar Stambolić und Aleksandar Ranković vertreten wurden. Dabei wurde ein Waffenstillstand entlang der Linie beschlossen, an der sich die feindlichen Einheiten zu diesem Zeitpunkt gegenüberstanden.164 Das war aber auch alles. Die tragische Ereignisse häuften sich: Am 21. November kam es in Užice zu einem Sabotageakt in der Waffenfabrik, der eine Kette von Explosionen auslöste, die 120 bis 160 Opfer forderte. Tito selbst, der sich nur wenige Meter von der Fabrik entfernt aufgehalten hatte, kam gerade noch mit heiler Haut davon.165 Als vier Tage später, am 25. November, die Deutschen Užice angriffen, schlug Mihailović die Bitte des Obersten Stabs aus, den Partisanen zur Hilfe zu kommen.166

Trotz der Vermittlung Hudsons, der zu diesem Zweck zu Titos Oberstem Stab gekommen war, war der Bruch nicht mehr zu kitten. Die Ursachen für die endgültige Spaltung sind aber nicht nur in ideologischen, politischen und strategischen Differenzen und im sozialen Radikalismus der Partisanen zu suchen, sondern auch in der Überzeugung des Tschetnik-Kommandanten, dass London in ihm den Führer des Widerstands in Jugoslawien sah, und nicht zuletzt auch in seinem Entsetzen angesichts der deutschen Repressalien. So hatte Hitler am 16. September den Befehl erlassen, für jeden getöteten Deutschen einhundert und für jeden Verwundeten fünfzig Gefangene zu erschießen.167 Als grausame Antwort auf Sabotageakte der Partisanen und Tschetniks führten die Deutschen tatsächlich eine Reihe von Racheakten durch, die ihren Höhepunkt zwischen dem 21. und 23. Oktober in Kragujevac erreichten. Hier erschossen sie in diesen Tagen 2 300 Menschen (diese Zahl wird von zeitgenössischen deutschen Quellen genannt – die Partisanen behaupteten, es seien 7 000 gewesen), darunter auch Schüler und Lehrer des örtlichen Gymnasiums.168

Dieser und weitere Vergeltungsschläge blieben in der öffentlichen Meinung nicht ohne Folgen. Viele Serben begannen sich von den Partisanen zu distanzieren oder schwärzten sie sogar bei Nedićs Gendarmerie an. Als die Deutschen bemerkten, dass sich die Dinge zu ihrem Vorteil entwickelten, entschlossen sie sich Mitte November zu der sogenannten Ersten Offensive gegen Titos und Mihailovićs Einheiten.169 Gegen Ende des Monats zerschlugen sie sie mit vier Divisionen und trieben sie über die serbischen Grenzen in die durch die Italiener besetzten bergigen Teile des Sandžaks, wo die Bedingungen für beide Gruppen zweifellos leichter waren. »So wurde der Aufstand in Serbien«, schrieb später Vladimir Bakarić, »niedergeschlagen, und wenn es nicht Bosnien, Kroatien und Slowenien gegeben hätte, wäre aus allem nichts geworden.«170 Aber Tito wollte die Niederlage nicht eingestehen. Einen Monat, nachdem er in Užice und Zlatibor mehr als tausend Mann verloren hatte, meldete er nach Slowenien: »Unsere Truppen sind unversehrt geblieben, fast ohne jegliche Verluste. […] Die Lage hat sich also in Serbien wesentlich gebessert.«171 Kaum dreißig Jahre später räumte er ein: »So sehr, dass ich an einer Wegscheide zwischen den Dörfern Zabučje und Lubanja fast draufgegangen wäre.«172

Das gemeinsame Schicksal versöhnte die beiden Konkurrenten Tito und Mihailović keineswegs, denn schon im Dezember gerieten sie wieder aneinander und setzten den brudermörderischen Kampf bis Kriegsende fort. In Serbien herrschte unterdessen bleierner Friede: Gegen Ende des Jahres waren von 25 000 Partisanen kaum zweiunddreißig übriggeblieben, wie ein Bericht des Parteiführers Blagoje Nešković festhält.173 Die Bewegung konnte sich dort noch lange nicht wieder erholen, während sich die Tschetniks Mihailovićs in größerem Umfang nach einem Geheimabkommen »legalisieren« konnten, was bedeutet, dass sie in die Reihen der Nedić-Gendarmen übertraten. Das erlaubte den Kommunisten, sie als Verräter zu brandmarken.

Anderer Meinung war die jugoslawische Exilregierung, die die Tschetniks zur »jugoslawischen Armee in der Heimat« erklärte, Draža Mihailović am 7. Dezember 1941 in den Rang eines Generals erhob und ihn am 9. Januar 1942 zum Kriegsminister machte. Das bedeutete, dass jeder jugoslawische Staatsbürger, der ihn nicht als Kommandanten der »jugoslawischen Heimatarmee« anerkannte, von nun an ein Hochverräter war.174


AUSWEITUNG DES BÜRGERKRIEGS

Die Herbstoffensive, die am 29. November 1941 zum Zusammenbruch der »Sowjetrepublik« in Užice geführt hatte, war für Tito eine böse Lehre, denn sie untergrub seine Stellung bei den Partisanen. Unter anderem hatte er den Fehler begangen, sich vor Hudson als Heerführer präsentieren zu wollen, und zur Verteidigung von Užice ein Bataillon Partisanen nach Kadinjača, einem der Zugänge zur Stadt abkommandiert, obwohl klar war, dass die Offensive nicht aufzuhalten war. Das gesamte Bataillon fiel im Kampf gegen deutsche Panzer. Später wurde Kadinjača aber zu einem Mythos hochstilisiert.175 Weil Tito die Schlagkraft der Wehrmacht unterschätzt hatte, räumten die Partisaneneinheiten Užice erst im letzten Moment: Es kam zu einem derartigen Chaos und zu Gräueltaten (die Deutschen fuhren mit Panzern über die verwundeten Partisanen hinweg oder warfen sie in Bäche und erschossen sie dort), dass Dragojlo Dudić, der erste Präsident des Volksbefreiungshauptausschusses für Serbien, Tito wegen seiner Kommandoführung und weil er die Leute unnötig in den Tod geschickt hatte, öffentlich angriff.176

Angeblich war Tito derart kopflos geflohen, dass niemand wusste, wo er sich aufhielt, nicht einmal sein Adjutant Mitar Bakić. Er hatte aber Glück, dass die Deutschen seine Einheit nur bis zu den Hängen am Fluss Uvar verfolgten, wo die Grenzlinie zwischen ihrer Zone und dem italienisch besetzten Gebiet verlief.177 Das Telegramm an »Ded«, das er am 1. Dezember 1941 schickte und in dem er um militärische Hilfe über seine drei Flugplätze bat, gelangte zwar an Stalin, Molotow und Beria, löste aber keine Reaktion aus.178 Weil zu diesem Zeitpunkt die Deutschen vor Moskau standen, lautete die Frage, wie sich die sowjetischen Führer selbst helfen würden.

Infolge der Niederlage der Partisanen in Serbien schien es, als stünde das Schicksal der gesamten jugoslawischen Widerstandsbewegung auf der Kippe. »Wir hatten keine richtige Verteidigung«, sagt Kardelj, »und wir fingen einzelne Partisanen ein, um die Deutschen am Rand von Zlatibor wenigstens so lange aufzuhalten, bis wir die Verwundeten evakuiert hatten.«179

In einem Anfall von Kleinmut bot Tito am 7. Dezember 1941 im Dorf Drenovi im Sandžak auf einer Sitzung des Politbüros, an der Kardelj, Ranković, Đilas, Žujović und Lola Ribar teilnahmen, seinen Rücktritt an (es ist nicht klar, ob von der Position des Oberkommandierenden oder auch von der des Generalsekretärs der Partei). Der Vorschlag wurde natürlich zurückgewiesen, weil Moskau diese Entscheidung nicht verstanden hätte und glauben würde, dass es in der KPJ zu einer Spaltung gekommen sei. Ranković gab auch zu bedenken, dass im Falle von Titos Rücktritt alle zurücktreten müssten.180 »Im Krieg ist Tito mehrmals in große Depressionen gefallen und war demoralisiert. […] Aber sonst überblickte er eine Lage, fasste rasch Entschlüsse und war energisch in ihrer Ausführung«, sagte Ranković.181

So war es auch diesmal, obwohl die Verhältnisse in der Tat niederschmetternd waren, denn Tito hatte in diesem Augenblick weniger als 1 500 Kämpfer zur Verfügung. Doch den übriggebliebenen Führern mangelte es nicht an revolutionärem Elan: Im Lichte der jüngsten Ereignisse konstatierten sie, dass sich der bewaffnete Widerstand gegen den fremden Okkupator in einen Klassenkampf zwischen Bauern und Arbeitern auf der einen und der Bourgeoisie auf der anderen Seite verwandelt habe. Weil ihrer Meinung nach Hitlers militärischer und politischer Zusammenbruch nahe bevorstand (worauf die letzten Erfolge der sowjetischen Truppen hindeuteten – sie hatten die Deutschen vor Moskau gestoppt), stehe die zweite Etappe der Revolution kurz bevor, das behauptete jedenfalls Edvard Kardelj. Und sie waren überzeugt, dass sich auch die Imperialisten dessen bewusst waren: Gerade deshalb habe Großbritannien in Europa noch keine zweite Front aufgemacht, sondern versuche, wie der Angriff der Tschetniks gegen Užice beweise, die reaktionären Reihen zu schließen und sie gegen die revolutionären und fortschrittlichen Kräfte zu lenken. Deshalb sei es notwendig, im Kampf gegen den Okkupator auszuharren, zugleich aber mit dem einheimischen und großserbischen Klassenfeind abzurechnen.182

In Übereinstimmung mit diesen verwinkelten Gedankenkonstruktionen, auf die selbst die Meldung, dass inzwischen auch die Vereinigten Staaten auf Seiten Großbritanniens und der Sowjetunion in den Krieg eingetreten waren, keinen großen Einfluss zu haben schien, riefen Tito und seine Genossen am 21. Dezember 1941, an Stalins Geburtstag, im Dorf Rudo die Erste proletarische Brigade (später Division) ins Leben, die die offensive Speerspitze der Befreiungs- und Sozialbewegung bilden sollte. Als Reaktion auf den Umstand, dass mehrere Partisaneneinheiten zu den Tschetniks übergelaufen waren oder sich in die Wälder geflüchtet hatten, um in der Nähe ihrer Dörfer zu bleiben, beschlossen sie, einen militärischen Kernverband aufzustellen, auf den sie sich würden stützen können, »weil wir die herrlichen Arbeitertruppen Serbiens hatten «. – »Ich erinnere mich«, sagte Kardelj, »dass wir, als wir im Sandžak auf dem Zlatar waren, eine Art Parade abhielten, als Vorbereitung darauf, dass wir Brigaden aufstellen würden. […] Es herrschte ein fürchterlicher Schneesturm und außerordentlicher Frost, und die Menschen marschierten halb nackt und barfüßig und übermüdet von den schrecklichen Märschen in Kolonnen und sangen mit unglaublichem Feuer.«183 Diese Leute seien, so Tito, »in Wirklichkeit die bewaffneten Streitkräfte der Partei«.184

In die Erste proletarische Brigade wurden keine Bauern aufgenommen, sondern mehrheitlich Mitglieder der Partei und des SKOJ, denn sie sollte die Keimzelle einer regulären Revolutionsarmee bilden und sich von den Partisaneneinheiten unterscheiden.185 Nach Meinung Edvard Kardeljs hatte diese Entscheidung großen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Widerstandsbewegung. »Das Auftreten der Ersten proletarischen Brigade veränderte die politische und militärische Situation in Bosnien wesentlich und machte es möglich, die negativen politischen Folgen des Falls der Republik von Užice relativ rasch durch neue Erfolge zu kompensieren. Die langfristige Wirkung lag darin, dass der Aufstand den ersten Kern einer Revolutionsarmee bekommen hatte, die in den folgenden Monaten und Jahren immer mehr die Fähigkeit gewann, Operationen größeren Ausmaßes in ganz Jugoslawien zu organisieren und – in der Schlussphase des Krieges – so große frontale Operationen gegen den Feind durchzuführen, wie sie für den Zweiten Weltkrieg kennzeichnend waren.«186

An die Spitze der Brigade, zu der 1 200 Kämpfer gehörten, wurde Koča Popović gestellt, ein Veteran aus dem spanischen Bürgerkrieg, der sie zu einer gut organisierten Stoßeinheit formte. Zusammen mit der Zweiten proletarischen Brigade, die wenige Monate später ins Leben gerufen wurde, stellte sie den Kern der revolutionären Kräfte in Bosnien und Herzegowina, in dem Gebiet also, in dem in den nächsten zwei Jahren das Gros der Tito-Armee agieren sollte.

Über den Korpsgeist der Armee sagte ihr Oberkommandierender bei der Einsetzungsfeier der Zweiten proletarischen Brigade am 1. März 1942: »Wir werden auch auf den eigenen Vater schießen – wenn er sich gegen das Volk stellt.«187Weil derartige Dinge tatsächlich vorgekommen waren, erinnerte sich Tito in späteren Jahren ungern an einige Vorkommnisse während der Revolution. Trotzdem konnte er seine Bewunderung für Menschen nicht verhehlen, die die Stärke hatten, solche Opfer zu erbringen: »Ja, das heißt Partei ergreifen.«188 Gleichzeitig muss aber auch gesagt werden, dass er selbst an keinen Gräueltaten beteiligt war. »Das, was kompromittiert«, meinte Ranković nicht ohne Vorwurf, »Todesurteile, das Niederbrennen von Dörfern, all das, was schmutzig und schlecht ist, hat er nicht unterschrieben, sondern anderen überlassen. Immer war er sich seiner historischen Rolle bewusst. Er handelte so, dass er der Sieger war, dass er recht hatte, dass er gerecht und großmütig war …«189

In dem Dorf Ivanćići berief Tito am 8. Januar 1942 eine Parteiversammlung ein, auf der beschlossen wurde, durch Verschärfung des Klassenkampfes der Revolution neuen Schwung zu geben. In einem Dokument, das vermutlich als Diskussionsgrundlage gelten sollte, hieß es, dass die KPJ ihre Taktik ändern werde: »Die Politik unserer Partei war klar und darauf konzentriert, das ganze Volk im Kampf gegen den Okkupator zu vereinen, ungeachtet der nationalen, religiösen und politischen Zugehörigkeit. Aber unsere Gegner, die großserbische Bourgeoisie und ihre Vertreter, haben die Frage der zukünftigen Ordnung [des Staates] gestellt und sind sogar so weit gegangen, dass sie sich zum Zwecke der Sicherung und Erhaltung der alten Ordnung im Kampf gegen uns mit dem Okkupator zusammengetan haben. Sie haben uns den Klassenkampf aufgezwungen, wir nehmen diesen Kampf an …«190

Nach der Flucht aus Serbien quartierte sich das Oberkommando am 25. Januar in Ostbosnien ein, in der muslimischen Kleinstadt Foča auf NDH-Territorium, wo es trotz ständiger Angriffe der deutschen Luftwaffe drei Monate blieb. Bei der Ankunft in der Stadt konnte sich Tito mit eigenen Augen davon überzeugen, was für ein Jugoslawien Mihailović vorschwebte: In der Drina schwammen Leichname von Muslimen, die von den Tschetniks hingemordet worden waren.191 Die Tatsache, dass bei den Gräueltaten die Ustascha mit den Tschetniks wetteiferten, war Wasser auf die Mühlen der Widerstandsbewegung, die sich in der neuen Umgebung bald erholte, trotz des schrecklichen Frosts und quälenden Hungers: Sie aßen fast nur Haferbrot, vermischt mit Spalten wilder Birnen, im besten Fall tranken sie »Pferdetee« – gekochte Pferdebrühe ohne Salz und Gewürze.192 Tito verlor in dieser Zeit zwar viel an Gewicht, war aber dennoch privilegiert. Er hatte nämlich eine eigene Kuh, sodass er immer genügend Milch bekam, und hatte auch seinen eigenen Koch.193 Was aber noch nicht bedeutete, dass er nicht auch die Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten des Partisanenlebens mit den anderen teilte. Josip Kopinič, der zu dieser Zeit aus Zagreb dazugestoßen war, erzählt, dass sie sich einmal wegen der Kälte eine Decke geteilt hätten. »Hast du Läuse?« habe Tito ihn gefragt. Vazduh habe geantwortet, dass er noch keine habe. Darauf Tito lachend: »Keine Angst, hier kriegst du sie, ich habe sie auch.«194

Mit Kopiničs Hilfe war es um den 7. Februar 1942 möglich, von Goražde aus eine direkte Radioverbindung des Obersten Stabes mit Moskau herzustellen, um die sich der Leiter des Chiffrierdienstes kümmerte, der Kernphysiker Pavle Savić, ehemals Assistent von Marie Curie, »ein überdurchschnittlich intelligenter Mann«.195 Unter Ausnutzung der neuen Kommunikationsmöglichkeit, mit der er sich aus der Abhängigkeit vom Zagreber Zentrum lösen konnte, sandte Tito Ende Februar 1942 zum 24. Jahrestag der Roten Armee einen begeisterten Glückwunsch, der in der Zeitschrift Kommunističeskij Internacional, aber auch in den Soviet War News, dem Bulletin der sowjetischen Botschaft in London, veröffentlicht wurde. Sein Name tauchte auf diese Weise zum ersten Mal im Westen erwähnt.196 Man musste aber bis zum Sommer warten, bis die linksgerichteten Zeitungen in Großbritannien und den USA endlich Telegramme aus Moskau bekamen, die Titos Meldungen über Schlachten der Partisanen gegen die Okkupatoren zitierten und die Kommuniqués der jugoslawischen Regierung in London der Lüge überführten, die mit denselben Schlachten renommierten, nur dass sie sie den »Tschetnik-Guerillatruppen unter General Draža Mihailović« zuschrieben.197

Weil sich das Kriegsglück mit dem Stillstand der Offensive der Wehrmacht vor Moskau zugunsten der Russen gewendet hatte, begann sich Stalin für die Partisanen Jugoslawiens zu interessieren, auch deshalb, weil die britische Regierung darauf beharrte, Tito zur Kooperation mit Mihailović zu bewegen. »Es scheint«, sagte er ironisch, »dass die jugoslawischen Partisanen ziemlich schlagkräftig sind, wenn uns die Engländer um Hilfe bitten.« Und als auch die königliche Exilregierung die gleiche Forderung erhob, fügte er hinzu: »Ihnen allein gelingt es nicht, sich mit der Partisanenbewegung in der Heimat zu einigen, und so wollen sie sie mit unserer Hilfe Mihailović unterwerfen und sie später ersticken. All das ist mit heißer Nadel gestrickt. Es handelt sich um eine gerissene, aber kindische Falle! Schade, dass wir fürs Erste mit den Partisanen nur sympathisieren, ihnen aber keine konkrete Hilfe bieten können.«198

Trotz dieser ersten Anzeichen von Sympathie kam aus Moskau bald auch Tadel. Schon im Februar war in der Komintern die Idee aufgekommen, dass die jugoslawischen Partisanen einen Appell an die europäischen Befreiungsbewegungen, in erster Linie in Frankreich und in der Tschechoslowakei, richten sollten. Tito hatte die Initiative natürlich begeistert aufgenommen und den Text verfasst, worauf aus Moskau die Mitteilung kam, dass man den Text aus Rücksicht auf die Exilregierung nicht veröffentlichen könne. Anfang März gratulierte die Komintern Tito zwar zu seinen Erfolgen, mahnte aber zugleich an, dass die »Vernichtung der faschistischen Banditen und die Befreiung vom Eroberer die Aufgabe ist, die vor allen anderen zu stehen hat«. Die Sowjetregierung sorgte sich, dass die Partisanenbewegung die Beziehungen zu den westlichen Verbündeten belasten könnte: »Bewertet die Probleme eures Kampfes nicht nur von eurem nationalen Standpunkt aus, sondern auch vom internationalen Aspekt der britisch-amerikanisch-sowjetischen Koalition.«199 – »Die Durchsicht eures gesamten Materials«, heißt es in dem Telegramm des EKKI, »erweckt den Eindruck, als würden Anhänger der britischen und der jugoslawischen Regierung mit bestimmter Berechtigung den Verdacht äußern, dass die Partisanenbewegung kommunistischen Charakter annimmt und auf eine Sowjetisierung Jugoslawiens abzielt. Warum war es zum Beispiel notwendig, eine besondere Proletarische Brigade aufzustellen? […] Gibt es neben den Kommunisten und ihren Sympathisanten nicht auch andere jugoslawische Patrioten, mit denen ihr gemeinsam gegen den Okkupator kämpfen könntet?«200 Kurzum, »Ded« riet Tito, seine bisherige Taktik gründlich zu überdenken und seine Bemühungen zu intensivieren, eine gemeinsame nationale Front aller Feinde Hitlers und Mussolinis zu bilden. Dabei wies er darauf hin, dass die Sowjetunion diplomatische Beziehungen zum jugoslawischen König und seiner Regierung unterhalte und dass jegliche gegen sie gerichtete Aktionen Schwierigkeiten mit den westlichen Verbündeten verursachen würden.201

In seiner telegrafischen Antwort erklärte Tito, dass das EKKI seine Informationen, die er in der letzten Zeit nach Moskau übermittelt hatte, falsch gedeutet habe. Die Anhänger der Londoner Regierung würden nicht offen mit dem Okkupator zusammenarbeiteten, sondern mittelbar über Nedićs Einheiten, denen sich auch Mihailovićs Tschetniks angeschlossen hätten. Das ZK der KPJ verfüge über Dokumente, die ihre verräterische Tätigkeit bewiesen. Zugleich forderte er die KPdSU auf, einen Beobachter und größere Mengen Waffen und Munition in das befreite Gebiet zu schicken, damit man alle jene bewaffnen könne, die sich dem Befreiungskampf anschlössen.202

Eine Zeit lang sah es so aus, als würde Moskau die geforderte Hilfe tatsächlich entsenden. Moša Pijade legte einen improvisierten Flugplatz auf einem Plateau unterhalb des Durmitors an, auf dem die sowjetischen Flugzeuge landen sollten. In eisiger Kälte und hohem Schnee hielten sie siebenunddreißig Nächte hindurch Wache. Keine Flugzeuge! Dimitrow setzte sich bei Molotow, Beria und Stalin ein, hatte damit aber keinen Erfolg. Alles, was er tun konnte, war Ende Mai 1942 »Rezepte« zur Herstellung von Sprengstoff zu schicken.203

Unter dem Eindruck des Tadels aus Moskau kam es zwischen Tito und Moša Pijade zu einem interessanten Meinungsaustausch. Letzterer stellte nämlich fest, dass die Komintern vielleicht Recht habe, wenn sie behauptete, »dass wir etwas weiter gegangen sind, als notwendig war«. Tito reagierte ungehalten.204 Am 6. April 1942 berief er aber doch eine Sitzung des ZK der KPJ nach Foča ein, auf der er selbst auf die Schädlichkeit »linker Abweichungen« hinwies (zu diesen war es zuvor vor allem in der Ostherzegowina und in Montenegro und in geringerem Ausmaß in der Vojvodina und in Unterkrain in Slowenien gekommen), die beunruhigende Formen annähmen: Einige serbische Parteimitglieder behaupteten sogar, dass man mit dem Eintritt in die zweite Phase der Revolution alle Bauern, Lehrer, Offiziere und Priester in den Reihen der Partisanen umbringen müsse.

Im Einklang mit »Deds« Direktiven entwarf Tito gemeinsam mit den Genossen die neue politische Richtung. Diese folgte Stalins Feststellung, dass zu diesem Zeitpunkt ein »vaterländischer Krieg« geführt werden müsse. »Das Gerede von der Weltrevolution nützt nur Hitler und schadet der Vereinigung aller antihitlerischen Kräfte.«205 Die ZK-Mitglieder beschlossen, fortan die Betonung auf die Volksbefreiung und weniger auf den Klassenkampf zu legen. Sie änderten auch ihre Haltung gegenüber den Briten und der Exilregierung und wollten diese nicht mehr aus ideologischen Gründen angreifen, sondern ausschließlich wegen der Rückendeckung, die sie den Tschetniks gab. Wobei sie dadurch, dass sie sich »Deds« Anweisungen fügten, nicht der Revolution abschworen, sondern nur die Richtigkeit der sowjetischen These anerkannten, dass man im gegebenen Moment vor allem die vaterländische Dimension des Kampfes betonen müsse. Nach außen hin wurde diese Linie im Wesentlichen durchgesetzt, auch wenn es besonders in Montenegro, in Herzegowina und in Ostbosnien weiterhin eine größere Zahl von linken Abweichlern gab. Selbst auf den Parteiversammlungen wurde nicht mehr offen über das Ziel der Einführung eines Regimes nach sowjetischem Muster gesprochen. Es blieb hinter der Losung »Keine Rückkehr zum Alten« versteckt.206

Inzwischen war die Wehrmacht zur Zweiten Offensive übergegangen und startete 1942 eine breit angelegte Operation gegen die Aufständischen in Ostbosnien. Sie lief einen Monat und wurde im Frühjahr wieder aufgenommen, diesmal unter Beteiligung der Italiener, wobei die Frage im Raum stand, ob es im Kampf gegen die Kommunisten erlaubt sei, auch die Tschetniks einzusetzen. Hitler meinte noch immer, es seien »Banditen«, mit denen man sich nicht verständigen könne, General Mario Roatta, Kommandant der italienischen Streitkräfte auf dem Balkan, hingegen behauptete, dass man in der gegenwärtigen Lage auf sie zurückgreifen müsse und sich ihrer erst dann entledigen solle, wenn sie nicht mehr von Nutzen seien. Diese Differenzen, die die gespannten Beziehungen zwischen Berlin und Rom zunehmend belasteten, blieben ungelöst. Die Italiener folgten zwar nach außen hin den Deutschen, in Wirklich keit aber setzten sie auch weiterhin auf die Tschetniks, die als milizia volontaria anticomunista ein unverzichtbares Mittel ihrer strategischen Praxis geworden waren.207

Angesichts der Angriffe der Deutschen, Italiener, Ustascha und Tschetniks gerieten die Partisanenkräfte ins Wanken. Tito versuchte sich im Dreiländereck zwischen Ostbosnien, Montenegro und Serbien zu behaupten. Dabei zeigte er sich überzeugt, dass er die Oberherrschaft nicht erlangen werde, wenn er nicht zuvor die Tschetnik-Bewegung zerschlüge, die in dieser Region viele Anhänger hatte.208 Mitte Mai 1942 verlor er aber seine Stützpunkte im befreiten Territorium um Foča. Der Rückzug aus dem kleinen Städtchen am Zusammenfluss von Drina und Čehotina am 10. und 11. Mai 1942 war unvermeidlich.

Auf Grund der schwierigen Lage verließen viele Kämpfer die Tito-Reihen und schlossen sich Mihailović an, dessen Ansehen wuchs, weil ihn sowohl die Italiener als auch die Briten unterstützten. Die Partisanen antworteten mit dem Erschießen von Deserteuren und dem Niederbrennen von Dörfern, was den Bürgerkrieg weiter anheizte. Um sich aus dieser Zwangslage zu befreien, entschloss sich Tito Mitte Juni 1942 schweren Herzens, die Einheiten, die er im Gebiet von Zelengora, Maglić und Ljubišina hatte, Richtung Bosanska Krajina zu verlegen, um so näher an Kroatien und Slowenien zu sein, wo die Widerstandsbewegung schon bedeutende Erfolge errungen hatte. In der Umgebung von Ljubljana hatte der Widerstand im Frühjahr einen derartigen Umfang angenommen, dass nicht nur der Okkupator überrascht war, »sondern auch wir selbst«, wie Kardelj in einer Nachricht an Tito notierte.209

Der Beschluss, das Gros der Partisaneneinheiten nach Westbosnien zu verlegen, war nicht leicht durchzusetzen, denn zahlreiche Angehörige des Oberkommandos widersetzten sich in der Überzeugung, dass man nach Serbien zurückkehren müsse. Aber in der Erwartung, dass die »Lage reif werde«, befahl Tito kategorisch, den Beschluss umzusetzen und rettete die Widerstandsbewegung damit wahrscheinlich vor dem Untergang.210 Dabei diente ihm die Rote Armee als Vorbild: »So wie sie sich in die Tiefen Russlands zurückgezogen hatte «, erzählte Ranković, »so zogen auch wir uns ins Zentrum Jugoslawiens zurück, nach Bosnien …«211

Der lange Marsch der Stoßtruppe (annähernd 4 500 Mann) unter ständigen Angriffen der Deutschen, Italienern, der den Tschetniks und den Ustascha begann am 22. Juni und dauerte drei Wochen. Tito nutzte dabei geschickt die Grenzlinien zwischen den deutschen und den italienischen Einheiten aus. Diese verteidigten ihre Gebiete nicht nur gegen die Partisanen sondern auch gegen Grenzüberschreitungen der jeweils anderen Truppen. Er konnte sich dabei gewiss sein, das sich die Deutschen und Italiener nicht auf eine gemeinsame Verteidigungsstrategie einigen würden.212 Dennoch, so Vladimir Dedijer, seien diese Wochen die schwierigsten in der Entwicklung des Aufstands gewesen: »Draža Mihailović strengte gemeinsam mit dem Okkupator und mit uneingeschränkter Unterstützung der königlichen Regierung in London alle Kräfte an, um die Volksbefreiungsbewegung zu vernichten«.213

Titos Verbitterung angesichts der schwierigen Lage drückt sich in einem Tele gramm aus, das Dimitrow am 24. Mai 1942 in seinem Tagebuch zitiert: »Die Lage hier ist kritisch. Die italienischen Truppen greifen unsere Partisanentruppen zusammen mit den Tschetniks von Draža Mihailović […] von allen Seiten an. Die Tschetniks kommen durch die Wälder und über die Berge, die Italiener sind motorisiert. Die Tschetniks verfügen über Unmengen Maschinenpistolen, Granatwerfer und Munition. Sie ziehen die Bauern gewaltsam ein, wer sich sträubt, wird umgebracht oder in Konzentrationslager in Albanien verschleppt. Unsere Partisanenbataillone sind von den pausenlosen Kämpfen völlig entkräftet, außerdem gibt es keine Munition mehr. Wir müssen den Großteil unserer Bataillone aus Montenegro abziehen, damit sie nicht vernichtet werden. Das Volk verflucht die jugoslawische Regierung in London, die Draža Mihailović unterstützt und auf diese Weise den Okkupatoren hilft. Von allen Seiten, von Kämpfern und aus der Bevölkerung höre ich die Frage: ›Warum schickt uns die Sowjetunion keine Hilfe, und wenn es nur einige Maschinenpistolen wären?‹«214


DAS RÄTSEL HEBRANG

Gegen Ende Februar 1942 gelang es der Ustascha-Polizei Ivan Srebrnjak-Antonov festzunehmen, der nach dem Überfall der Achsenmächte auf Jugoslawien aus Paris in die Heimat zurückgekehrt war, um hier einen »Informationspunkt« der Roten Armee zu organisieren. Weil Tito »diesem Gauner«, »diesem Ekel« nicht die Denunziationen verziehen hatte, mit denen er ihn Jahre zuvor in Moskau anzuschwärzen versucht hatte, rächte er sich an ihm, indem er verlangte, man solle ihn seiner Funktion entheben, da er nicht das Vertrauen der Partei habe. (Kopinič hatte ihn in Verdacht, mit der Gestapo zusammenzuarbeiten.) Allerdings ohne Erfolg, denn die Moskauer Genossen hielten ihre schützende Hand über ihn. Als ein paar Monate später, am 25. Februar 1942, die Ustascha Srebrnjak aufspürte, ihn einsperrte und folterte, hielt er sich »schwach« und redete wie ein »lebendes Buch«. Auf Titos Befehl hin organisierte deshalb Ivan Krajačić-Stevo seine Liquidierung, um noch größeren Schaden abzuwenden. Wegen des Verrats waren nämlich zehn bis fünfzehn Leute verhaftet worden, und zwar nicht nur in Kroatien, sondern auch in Bulgarien, Griechenland und die meisten in Italien.215

Unter ihnen befand sich auch Andrija Hebrang, der von den Genossen Fatty genannt wurde, in Anspielung auf den bekannten Hollywood-Komiker Roscoe »Fatty« Arbuckle. Die Verhaftung, bei der Hebrang schwer verletzt wurde, war für die Ustascha ein großer Erfolg. Hebrang war einer der Führer der kommunistischen Bewegung in Kroatien und ein langjähriger Vertrauter Titos. Er war nun in den Händen jener, die noch bis vor Kurzem seine Genossen im Kerker des alten jugoslawischen Regimes gewesen waren und mit denen er sogar einen Aufstand gegen das verhasste Belgrad geplant hatte. Die Quellen sind sich uneins, ob er gefoltert worden ist, jedenfalls soll er am 20. Juni Titos Identität verraten und berichtet haben, dass dieser eigentlich Broz heiße, Arbeiter aus dem Zagorje und Sekretär der KPJ sei. Wie William Deakin, der britische Verbindungsmann bei den Partisanen, in seiner Rekonstruktion dieses Ereignisses sagt, informierte Innenminister Eugen Kvaternik sofort Pavelić davon und begann zusammen mit den Deutschen einen kühnen Plan zu schmieden, nämlich ein trojanisches Pferd in das Zentralkomitee einzuschleusen. Hebrang war für diesen Zweck die ideale Person, denn er verhehlte weder sein Nationalbewusstsein noch seine ablehnende Haltung gegenüber der »jugoslawischen KP«.216Dabei muss aber auch gesagt werden, dass Vladimir Velebit dieser Geschichte keinen Glauben schenkte. Hätte Hebrang wirklich Verrat geübt, behauptete er, hätte die Polizei mit Sicherheit auch ihn und Kopinič verhaftet. Hebrang war nämlich einer der wenigen, der von der Villa wusste, die Velebit für Kopiničs illegale Funk-Tätigkeit in Zagreb angemietet hatte.217

Zu einer ersten Kontaktaufnahme zwischen den verfeindeten Lagern der Ustascha und Deutschen auf der einen und den Partisanen auf der anderen Seite kam es im August 1942, als Einheiten unter Titos Führung in Westbosnien das Städtchen Livno einnahmen, das wegen seines Bauxitbergwerks von Bedeutung war. Dabei hatten sie einige deutsche Ingenieure gefangengenommen, die für die Firma Hansa Leichtmetall arbeiteten, aber auch Hans Ott bzw. Otto Mayer. Dieser war zu Beginn der Okkupation Mitarbeiter des deutschen Nachrichtendienstes in Belgrad gewesen und war im Juni 1941 nach Livno entsandt worden, wo er eine Führungsposition bei der Verteidigung gegen die Partisanen bekleidete.218 Nach seiner Gefangennahme bot er sich den Partisanen als Mittelsmann zu den deutschen Behörden an. Schon Mitte August fuhr er zu Gesprächen nach Zagreb, in den darauffolgenden Wochen bewegte er sich zwischen dem Oberkommando und der kroatischen Hauptstadt und sondierte in Titos Auftrag auch die Möglichkeit eines Waffenstillstands. Seine Verhandlungspartner auf deutscher Seite waren General Edmund Glaise von Horstenau, Kommandant der Wehrmacht im NDH-Staat, und der Botschafter des Dritten Reichs in Zagreb Siegfried Kasche.219

Am 23. September 1942 kam es zu einem Gefangenenaustausch zwischen den Partisanen und der Ustascha, bei dem dreißig Genossen, darunter auch Hebrang, und zwei Ustascha-Offiziere freikamen. Ohne dass er nach seiner Ankunft auf Partisanengebiet von einer Parteikommission über seine Haftzeit besonders »befragt« worden wäre, wie es sonst üblich war, wurde Hebrang später in die höchsten Parteigremien aufgenommen.

Kopinič, der dank seiner Verbindungen zur Ustascha-Polizei Einsicht in die Hebrang-Protokolle hatte, sandte Tito über Moskau zwar mehrere Depeschen darüber, der aber bestritt später, sie jemals bekommen zu haben.220 (Es gibt auch die These, dass die Russen diese Informationen vor Tito geheim hielten, weil sie beabsichtigten, Hebrang als ihren Mann in Titos engerem Kreis einzusetzen.) Mitte April 1943 wurde Hebrang politischer Sekretär des ZK der KP Kroatiens, als Nachfolger von Rade Končar, den die Faschisten am 22. Mai 1942 in Šibenik umgebracht hatten, anschließend wurde er auch ins Politbüro des ZK der KPJ kooptiert. Im Generalstab Kroatiens wurde er das einflussreichste Mitglied einer Parteikommission, deren Aufgabe es war, alle zu überprüfen, die gegen wichtige Deutsche und Angehörige der Ustascha ausgetauscht wurden. Dabei war er sehr unnachgiebig und verlangte, jeden zu erschießen, der »die Fahne der Partei beschmutzt« habe.221 Wie im Jahre 1928 fühlte er sich noch immer mit Tito gleichberechtigt, eine gefährliche Überzeugung, die er bis an sein Lebensende beibehalten sollte.222 Laut Jakov Blažević, einem der angesehensten kroatischen Kommunisten, »war Andrija Hebrang in dieser Zeit für uns alle […] eine große Autorität, als berühmter kommunistischer Gefangener, der zwölf Jahre in den Gefängnissen zugebracht und manches gelernt hatte. Er verstand es, überzeugend zu reden, kurz und mit Gefühl […] wie Stalin.«223


GRÜNDUNG DES ANTIFASCHISTISCHEN VOLKSBEFREIUNGSRATS AVNOJ

Die Kämpfe, die im Frühjahr 1942 in Bosnien und Slowenien aufflammten, fanden schließlich ihren Weg in die internationale Presse, und die Sowjetunion, die lange Zeit Titos Drängen ignoriert hatte, sie solle Mihailović als Verräter brandmarken, entschloss sich nach gründlicher Prüfung der Unterlagen aus dem Oberkommando der Partisanen doch, sich dessen Position zu eigen zu machen.224 Radio Freies Jugoslawien, das nun von Kujbyšev aus sendete, hatte am 6. Juli 1942 einen Aufruf von Patrioten aus Montenegro, dem Sandžak und der Bucht von Kotor übertragen, in der sie die Tschetniks als Kollaborateure und Urheber des Bruderkriegs bezeichneten. Den Wortlaut des Dokuments übernahm am 19. Juli die TASS, und in den folgenden Wochen tauchte er in linksorientierten Zeitungen in Schweden und Großbritannien und auch im The Daily Worker aus New York auf. Louis Adamič, der angesehene Schriftsteller und Publizist mit slowenischen Wurzeln, startete daraufhin von den USA aus eine breit angelegte Kampagne gegen Mihailović, wohingegen der Vertreter des Weißen Hauses auf einer Pressekonferenz noch am 24. Juli dessen Kampf als »Muster eines urwüchsigen und selbstlosen Siegeswillens« gerühmt hatte.225

Der Schritt, zu dem man sich in Moskau entschlossen hatte, bereitete sowohl der jugoslawischen Exilregierung als auch der britischen Regierung große Sorge. Zwar wussten Churchill und seine engsten Mitarbeiter dank der Operation Ultra, im Zuge derer es gelungen war, Nachrichten der Wehrmacht zu dechiffrieren, und anderen Quellen von der Zusammenarbeit der Tschetniks mit den Italienern, aber es war ihnen auch bekannt, dass die Deutschen in Mihailović noch immer einen Feind sahen. Daher hielten sie zunächst noch an ihm fest in der Hoffnung, dass es ihm gelingen würde, die Kontrolle über die gesamte jugoslawische Widerstandsbewegung zu erlangen. Am 3. August 1942 wurde dem jugoslawischen Gesandten Simović in Moskau eine diplomatische Note überreicht, mit der die Sowjetregierung (trotz der Bedenken Molotows) eine offizielle Haltung gegenüber dem Tschetnik-Führer einnahm.226 Vier Tage später machte Majski, der sowjetische Botschafter in London, das Gleiche in einem Gespräch mit dem englischen Außenminister Anthony Eden. In der Ansicht, dass sich Stalin mit diesem Manöver die Vorherrschaft über den Balkan sichern wolle, stellten sich die jugoslawische Exilregierung und die Briten demonstrativ hinter Mihailović, wobei sich die Briten spätestens ab August 1942 hinter den Kulissen ernsthaft zu fragen begannen, ob der General ein »ehrliches Spiel« treibe.227

Bis zum Herbst 1942 war es den Partisanen gelungen, in der Bosanska Krajina, Lika und Norddalmatien ein 48 000 Quadratkilometer umfassendes freies Territorium zu schaffen, größer als Belgien, die Schweiz oder die Niederlande, mit zwei Millionen Einwohnern. Das Zentrum dieses Territoriums war das Städtchen Bihać, das zu Ehren des 25. Jahrestages der Oktoberrevolution von den Tito-Truppen nach harten Kämpfen mit der Ustascha am 4. November 1942 eingenommen wurde. Die Kriegsbeute war reich, noch bedeutender aber war die psychologische Wirkung des Sieges, denn sie zeigte der einheimischen und internationalen Öffentlichkeit, natürlich auch dem Okkupator, dass die Partisanenarmee eine Macht war, mit der man zu rechnen hatte.228 Die Tatsache, dass es zu einer Zusammenarbeit zwischen Partisaneneinheiten aus Bosnien und Dalmatien gekommen war, gab dem allgemeinen Volksaufstand Auftrieb und verlieh den Kämpfern aus den verschiedenen Gegenden eine bemerkenswerte militärische Stärke.

In London, wo Churchill bereits über einen Stoß in den »weichen Unterleib Europas« nachdachte, verstärkte sich indessen die Unsicherheit, ob es richtig sei, Mihailović weiter zu unterstützen oder ob es nicht besser wäre, zugleich auch auf die Partisanen zu setzen. Um den Tschetnik-Führer zu größerer Aktivität anzuspornen, berichtete die BBC Ende Oktober 1942 ausnahmsweise auch über die militärischen Aktionen der Partisanen. Die SOE erwartete von ihm schon länger einen Beweis, dass er den Alliierten von Nutzen sei, und forderte ihn deshalb auf, er solle mit Sabotageakten gegen die Verbindungen beginnen, über die die Deutschen Rommels Afrikakorps versorgten. Zu dem Zeitpunkt, als die britische Armee unter dem Befehl von General Montgomery bei El Alamein zum Gegenangriff überging, wären solche Aktionen außerordentlich willkommen gewesen. Weil aber Mihailović Repressionen der Wehrmacht fürchtete, weigerte er sich. So ersuchte am 5. November 1942 der britische Gesandte bei der jugoslawischen Regierung Premier Slobodan Jovanović offiziell, er solle seinem Kriegsminister befehlen, die Eisenbahnstrecke Belgrad-Saloniki anzugreifen. Erneut weigerte sich Mihailović, auch wenn ihn die Berichterstattung der BBC über die Partisanen nervös gemacht hatte.229

Ende 1942 entschloss sich Tito, der immer selbstbewusster wurde, zu einem kühnen Schachzug: Am 1. November erließ er eine Verordnung über die Aufstellung einer regulären Armee, die zuerst die beiden sogenannten Proletarischen Divisionen umfasste, zu der in den folgenden Wochen aber noch andere hinzustießen.230 Er berief auch den Antifaschistischen Volksbefreiungsrat Jugoslawiens, den AVNOJ ein, um eine neue Regierung zu bilden, das Nationalkomitee zur Befreiung Jugoslawiens (NKOJ), das ein Gegengewicht zur Exilregierung in London darstellen und eine Wiederherstellung des alten Regimes verhindern sollte. Dieses Konzept hatte er schon 1941 entwickelt, es aber aus Rücksicht auf die Sowjetunion und deren Beziehungen zu den westlichen Alliierten wieder fallenlassen. Auch jetzt mahnte Moskau, er solle seinen Kampf im größeren internationalen Kontext sehen und keine Initiativen setzen, die der vom jüngsten Besuch Churchills in Moskau geprägten Koalition mit den Angloamerikanern schaden könnten.231 »Ded« war so besorgt hinsichtlich Titos möglicher Schritte, dass er das gleiche Telegramm auch an Kardelj nach Slowenien mit der Forderung schickte, die Kommunisten mögen sich seinen Ambitionen widersetzen, Präsident des Vollzugskomitees des AVNOJ zu werden. Das könnte man im Westen so deuten, als würde in Jugoslawien eine Revolution vonstattengehen und nicht ein Kampf gegen den Okkupator.232

Zwar ließ Tito in der Folge die Idee eines »Volkskomitees« fallen, mit der er einen Konflikt zur königlichen Exilregierung ausgelöst hätte, verzichtete aber nicht auf die antifaschistische Versammlung, die am 26. und 27. November 1942 in Bihać zusammentrat. Die Delegierten, unter denen viele Nicht-Kommunisten waren, kamen hauptsächlich aus Bosnien und Kroatien, da die Slowenen und Mazedonier aufgrund der Kriegslage nicht anwesend sein konnten. Serbien und Montenegro wurden von Leuten aus den Partisaneneinheiten vertreten. Die Erörterungen auf der Versammlung waren voller Elan, zugleich aber ohne eigentlichen Inhalt, denn über alles war bereits hinter den Kulissen entschieden worden. Moskau hatte Tito empfohlen, nicht die Frage nach der Abschaffung der Monarchie zu stellen, nicht über eine Republik zu sprechen und nicht gegen die jugoslawische Exilregierung aufzutreten. Der AVNOJ wurde trotzdem als oberstes politisches Organ der jugoslawischen Völker proklamiert und wählte aus seinen Mitgliedern einen Vollzugsausschuss, in dem Vertreter verschiedener ethnischer Gruppen und ideologischer Ausrichtungen versammelt waren. Es war nach außen hin bisher nie so deutlich geworden, dass die Partisanenbewegung nicht nur die Befreiung Jugoslawiens zum Ziel hatte, sondern auch die Machtübernahme.233

Bei der Eröffnung des AVNOJ »sangen die Menschen auf den Straßen, versammelten sich vor dem Gebäude, in dem die Sitzung stattfand, jubelten dem Genossen Tito und unserer tapferen Armee zu. Die Straßen waren voll von Männern und Frauen in Volkstrachten aus der Bosanska Krajina und der Lika. Manche waren auch aus dreißig, vierzig Kilometern entfernten Orten gekommen, nur um bei dem großen Ereignis dabei zu sein.«234 »Die erste Sitzung des AVNOJ«, notierte Đilas, »war allein Titos Werk – ihm muss man die Idee (der Einberufung des Rates) zuschreiben und die Autorschaft an seinen Beschlüssen …«235 Interessant an Titos Auftritt bei der Eröffnung ist, dass er zwar eine Lobrede auf die »slawischen Brüder«, die Russen und alle Völker der Sowjetunion hielt, dabei aber mit keinem Wort Stalin erwähnte.236

Aus dem Telegramm, in dem er am 29. November 1942 »Ded« über die Arbeit des ersten AVNOJ informierte, klingt das neue Selbstbewusstsein Titos. Stolz berichtet er darin, dass die Bewegung jetzt über eine richtige Armee verfüge, über eine Volksvertretung und ein Territorium. Aber obwohl Tito in einem weiteren Telegramm eine Huldigung an den »großen Heerführer und Organisator des Sieges der freiheitsliebenden Völker über den Faschismus« richtete, zeigte sich Stalin wenig begeistert über die Entwicklungen in Jugoslawien. Aus Rücksicht auf den Westen hielt er immer noch an der Exilregierung des Königs fest.

Diese Haltung weckte in Tito zwar Gefühle der »Revolte und Depression«, brachte ihn aber von der eingeschlagenen politischen Richtung nicht ab.237 Das zeigte sich zum einen im Aufbau eines richtigen Staatsapparats, zum anderen in seinem Verhalten, dass immer mehr dem eines Staatenlenkers glich. Er lebte in einem Schloss in Bosanski Petrovac, umgab sich mit einem Kreis angesehener Intellektueller und ließ sich auf einen Persönlichkeitskult ein, der sich nicht sehr von dem Stalins unterschied. Branka Savić, die ihren Mann Pavle als Chiffriererin beim Oberkommando abgelöst hatte, erinnerte sich später: »Mir scheint, dass sich Genosse Tito in dieser Zeit verändert hatte bzw. dass sich seine Stellung und seine Aufgaben geändert hatten. Das war nicht mehr nur der Mensch, der die Armee und die Armeeoperationen führte, auch nicht nur der Parteiführer, das war ein Mensch, der einen Staat erschafft. Die ganze Atmosphäre um ihn herum war so staatsmännisch …«238 Und der berühmte Bildhauer Antun Augustinčić, der sich den Partisanen angeschlossen hatte, notierte: »Im Jahre 1943 stellte ich fest, dass ihm immer wichtiger war, dass seine Kleidung sauber und gebügelt war, und er hielt sich sogar dann gerade wie eine Kerze, wenn er todmüde war. […] Ich denke, dass sich im Unterbewusstsein in ihm das Bedürfnis entwickelt hatte […], den Stolz seiner abgerissenen, ausgehungerten Armee und der arbeitenden Bevölkerung zu personifizieren.«239Diese Tendenzen verstärkten sich in den folgenden Monaten noch. 1944 erhielten die Parteipropagandisten die Anweisung, beim Zitieren des Moskauer »Vaters der Völker« immer auch Tito zu erwähnen. Man kann wohl sagen, dass er sich einerseits seiner Bedeutung bewusst war und er andererseits auch die Privilegien seiner Position zu schätzten wusste.240


›UNTERNEHMEN WEISS‹

Die Deutschen waren überrascht von dem Ausmaß des Widerstandes und fürchteten, dass die Briten ihn zum Anlass nehmen würden, selbst in den Krieg auf dem Balkan einzugreifen. Zudem bestanden in der Führung der Wehrmacht Zweifel, ob Italien in der Lage war, die Küste von Triest bis Korfu zu verteidigen. Joachim von Ribbentrop notierte am 24. September 1942: »England wird auf den Balkan als das Zentrum der Unruhe blicken und die Hauptbasis für den europäischen Augenblick des Aufstandes und die Basis für die englischen Flugzeuge, U-Boote und Munition, aber auch für die englische Propaganda und den Geheimdienst. Deshalb müssen Italien und Deutschland den Raum befrieden und in ihm die Ordnung wiederherstellen.«241 Im November 1942 empfing Hitler Pavelić in seinem ukrainischen Hauptquartier in Winniza, und zwischen dem 18. und 20. Dezember fand dort eine italienisch-deutsche Konferenz statt, bei der über notwendige Maßnahmen zur Ordnung der Verhältnisse im NDH-Staat gesprochen wurde. Hitler erklärte, dass er ebenfalls die Gefahr einer britischen Landung in Südosteuropa sehe und fürchte, dass in diesem Falle auch die Türken auf der Seite der Briten in den Krieg eintreten könnten. Er sagte aber auch, dass es zu keiner Landung kommen werde, solange die Achsenmächte Rhodos, den Dodekanes, Kreta, Griechenland, Albanien und Dalmatien nebst Hinterland kontrollierten. »Alles hängt davon ab, ob es uns gelingt, den nationalistischen und kommunistischen Aufstand endgültig niederzuschlagen.«242 Bei dieser und bei einer späteren Konferenz in Rom am 3. Januar 1943 beschlossen die Deutschen und Italiener, die jugoslawischen »Widerstandsbanden« noch im Winter völlig zu vernichten, wobei man nicht nur an die Tito-Partisanen dachte, sondern auch an Mihailovićs Tschetniks, die man allerdings zuvor für einen Kampf gegen die Kommunisten instrumentalisieren wollte. General Alexander Löhr, im August 1942 zum Oberkommandierenden der deutschen Truppen in Südosteuropa ernannt, notierte in einer Zusammenfassung dieser Erörterungen, dass man »das Hinterland bis Ende März befreien« müsse.243

In dem Augenblick, in dem sich das Kriegsglück infolge der Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad für die Achsenmächte wendete, begann am 20. Januar 1943 das Unternehmen Weiß oder, wie die Partisanen sagten, die Vierte Offensive. Sie sollte drei Phasen umfassen, in den ersten beiden sollte der Tito-Staat innerhalb der Grenzen des NDH vollständig eliminiert werden, die dritte Phase sollte sich gegen die Tschetniks von Mihailović in der Herzegowina und in Montenegro richten.244 Obwohl Tito in der Bihać-Republik keine allgemeine Mobilmachung befahl, erhielten die Partisanen nach ihren Erfolgen massenhaft Zulauf, sodass es möglich war, eine neue Division aufzustellen, die den Namen »dalmatinische« erhielt. Nach Plänen des Obersten Stabes sollten diese Kräfte im Frühjahr nach Montenegro und Südserbien vorstoßen, um auch in diesen Landesteilen den Aufstand erneut anzufachen und die »Konterrevolution« zu zerschlagen. Deswegen hatte Tito bereits Ende 1942 einige seiner besten Truppen vorausgeschickt, was sich als entscheidend herausstellen sollte, als er sich durch das Unternehmen Weiß in die Zange genommen sah. Dieses fiel in eine Zeit extremer Wetterverhältnisse – es herrschten minus 25 Grad Celsius –, und Tito hatte keine andere Wahl, als den Rückzug aus der Bosanska Krajina anzuordnen. Unter diesen Bedingungen stand er vor einer der schwersten Entscheidungen, was mit den annähernd 4 000 Verwundeten geschehen sollte, die in den Lazaretten in den Wäldern rings um Bihać lagen. Wenn er sie zurückließ, hätte er mit den Einheiten, die kampffähig waren, beweglich manövrieren können, das Schicksal der Verwundeten aber wäre besiegelt gewesen. Die Besatzungsmächte erkannten nämlich die Partisanen als kämpfende Partei nicht an, sondern bezeichneten sie als »Banditen«, was bedeutete, dass man sie bei einer Gefangennahme sofort erschoss.245 Als er sich entschloss, sie mitzunehmen, hängte er sich, wie Velebit sagt, einen Mühlstein um den Hals. Um das Durcheinander noch größer zu machen, schloss sich in ihrer Angst vor der Ustascha auch die lokale serbische Bevölkerung – annähernd 50 000 Menschen – den Partisanen an, die Tito ebenfalls mitnehmen musste, wenn er sie nicht auf Gnade und Ungnade dem Feind überlassen wollte, obwohl er nicht wusste, wie er sie ernähren sollte.246

Die Vierte Offensive der deutschen und italienischen Truppen sowie Einheiten ihrer Kollaborateure war vom Obersten Stab zwar erwartet worden, verfügte er doch seit Anfang Januar über Informationen über die Zusammenziehung feindlicher Truppen um Karlovac und in der Banija. Es war aber nichts unternommen worden, um sich darauf vorzubereiten bzw. die untergeordneten Dienststellen waren darüber nicht informiert worden.247 Tito hatte keine besonderen militärischen Fähigkeiten. So sagt zumindest Đilas in seiner Biografie, obwohl er während des Krieges in einem Artikel für das sowjetische Blatt Vojna i rabočij klass genau das Gegenteil behauptet hatte.248 Während der Vierten Offensive, vor allem während der Schlacht an der Rama und der Neretva, änderte er ständig seine Befehle, was leicht fatale Folgen hätte haben können. Die Schlacht nahm zwar einen guten Ausgang, aber nicht so sehr wegen der Geschicklichkeit des Oberkommandierenden, wie es die Propaganda später darstellte – die behauptete, dass es sich um die »humanste Schlacht in der Geschichte«, um eine »Schlacht für die Verwundeten« gehandelt habe –, als vielmehr wegen der Findigkeit der Kommandanten der einzelnen Einheiten. Die erkannten bald Titos mangelnde Erfahrung und begannen die Befehle den wechselnden Situationen anzupassen oder brachten ihn dazu, sie still zu korrigieren.249 Zugleich muss man aber auch Koča Popović beipflichten, der Tito alle Vorzüge eines wahren Heerführers attestierte: Geschicklichkeit, Mut, Entschlossenheit und Einfallsreichtum. »Er war, lassen Sie es mich so sagen, ein wahrer Wolf, oder wenn Sie wollen, ein Condottiere, was überhaupt, denke ich, sein Charakterzug ist. Auch in der kompliziertesten Situation wusste er einen Ausweg zu finden, ohne zu zögern Widerstand zu brechen und Gefahr vorauszusehen.«250

Am Beginn der Offensive hatte General Alexander Löhr erklärt, er werde im Land die Ruhe wiederherstellen, auch Friedhofsruhe, wenn nötig. Er hatte 105 000 Soldaten zur Verfügung, gegen die Tito nur 44 000 Kämpfer aufbieten konnte. Obwohl er über Flugzeuge, Panzer und Artillerie verfügte, die Tito nicht besaß, hatte Löhr Schwachpunkte: Die Moral seiner Einheiten war niedrig und die Waffenbrüderschaft mit den Italienern brüchig, wohingegen die Stoßkraft der Partisanen und ihre Wendigkeit groß waren. Zu Beginn des Krieges waren die deutschen Soldaten überzeugt, dass es besser sei, auf dem Balkan Dienst zu tun als an der russischen Front oder in Nordafrika. Aber nach zwei Jahren der Kämpfe geriet diese Überzeugung ins Wanken. General Lothar Rendulic, der 1943 als Befehlshaber der 2. Panzerarmee auf jugoslawisches Gebiet versetzt wurde, sagt in seinen Erinnerungen, dass bald nach seinem Eintreffen mehr als tausend Soldaten um Versetzung an andere Fronten angesucht hätten, sogar an die Ostfront, nur um dem Guerillakampf mit den »Partisanenbanden« auf dem schwierigen bosnischen Terrain zu entgehen.251

Titos Stoßtruppen nahmen am 17. Februar 1943 Prozor ein, das von der italienischen Division Murgia verteidigt wurde. Dieser Erfolg forderte eine große Anzahl Verwundeter, was ein zusätzliches Problem darstellte, denn man musste sie trotz des Fehlens von Transportmitteln und Trägern mitnehmen. Am 5. März fiel die Entscheidung, dass die Partisanenarmee die Neretva überqueren und im Gebirgsland von Nordherzegowina und Montenegro Schutz suchen werde. Titos Plan war es, die Stadt Konjic aus den Händen der Italiener zu befreien. Das würde es für die Partisanen möglich machen, bis an die asphaltierte Straße durchzubrechen, auf der dann die Kranken und Verwundeten über eine nahe gelegene Brücke in Sicherheit gebracht werden könnten. Um sich den Rücken freizuhalten, befahl Tito aber zugleich, alle anderen Brücken in diesem Abschnitt der Neretva zu zerstören. Er war der Falschmeldung aufgesessen, dass ein Angriff von 20 000 mit deutschen Waffen ausgerüsteten Tschetniks drohe. Wie später General Velimir Terzić notierte (und sich damit Titos Unmut zuzog), war die Sprengung der Brücken über die Neretva ein Riesenfehler des Oberkommandierenden, wegen dem es zu nicht geringen und völlig unnötigen Opfern kam.252

Der Widerstand der Italiener in Konjic war entschlossener als erwartet, wobei die Partisanentruppen, denen die Deutschen auf den Fersen waren, in eine Falle geraten waren, aus der man sich nur über eine halbzerstörte Brücke bei Jablanica retten konnte. In dieser verzweifelten Situation blieb Tito nichts anderes übrig, als den Rückzug über die Neretva zu befehlen, auch wenn am anderen Flussufer Tschetnik-Einheiten lauerten. Die Operation, die später als geniale »Kriegslist« gefeiert wurde, gelang: Am 9. März begannen sie über einen hölzernen Steg, der sich auf das Eisengerüst der gesprengten Brücke stützte, die Verwundeten und Kranken über den Fluss zu tragen. An dessen linkem Ufer lagen ca. 26 000 Tschetniks, größtenteils zwangsrekrutierte Bauern, die dem Druck der bis an die Zähne bewaffneten dalmatinischen und serbischen Partisanen nicht standhielten. Sie suchten ihr Heil in der Flucht, was es Titos sechstem Bataillon ermöglichte, noch in derselben Nacht die Neretva zu überqueren.

In der darauffolgenden Woche waren, trotz großer Verluste, alle Verwundeten zusammen mit den Kampfeinheiten in Sicherheit.253 Sie hatten das Glück, dass die Deutschen, die davon ausgingen, dass die Tschetniks mit ihnen fertig werden würden, nicht vorhatten, sie bis auf italienisches Gebiet zu verfolgen. In Wirklichkeit aber hatte Draža Mihailović in jenen Tagen eine Niederlage erlitten, von der er sich nie ganz erholen sollte. Er bat die Briten um Unterstützung, die ihn ihrerseits, laut Zeugnis Titos und der Genossen, ermunterten, gegen die Partisanen zu kämpfen. Für den Fall, dass sie im Frühjahr in Dalmatien landen würden, wollten sie nämlich die Küste »sauber« haben. Vor der Schlacht an der Neretva soll die BBC eine chiffrierte Nachricht abgesetzt haben, die die Partisanenführer als Einwilligung Mihailovićs zur Zusammenarbeit mit den Italienern, der Ustascha und auch den Deutschen interpretierten. »Das war die breiteste Koalition gegen eine Revolution im Zweiten Weltkrieg«, sagt Vladimir Dedijer. Als sich aber herausstellte, dass Mihailović besiegt war, zitierte die BBC in einem höhnischen Kommentar auch ein serbisches Volkslied: »Das Kriegsglück wird nicht von blanken Waffen, sondern von heroischen Herzen bezwungen.«254

Die Partisanen hatten Mihailovićs Plan zunichte gemacht, seine Kontrolle über die nationalistischen Gruppen, die über das serbische Gebiet Kroatiens, Dalmatiens und Bosniens verstreut waren, zu festigen. Er überließ Letztere ihrem Schicksal und zog sich mit seiner Hauptstreitmacht in den Sandžak zurück in der Hoffnung, die Partisanen wenigstens aus Serbien fernzuhalten.255 Wie General Löhr knapp vermerkte, »zeigen die Kämpfe unserer Tage, dass sich Mihailović als kein guter Befehlshaber erwiesen hat«.256

»In den folgenden sechs kritischen Wochen«, behauptet William Deakin, »widmeten sich Titos Streitkräfte ohne Behinderung derselben Aufgabe, die sich die Deutschen gestellt hatten […], nämlich der Liquidierung der Mihailović-Bewegung, und zwar aus demselben Grund – um sich in Erwartung der Landung der Alliierten die Kontrolle über das herzegowinische und montenegrinische Hinterland zu sichern.«257

Der Ausgang der Vierten Offensive gab den Kämpfern der Befreiungsbewegung neues Selbstbewusstsein und zeigte ihnen vor allem, dass die deutschen Truppen nicht übermächtig waren. Zugleich trug er dazu bei, dass die westlichen Alliierten die Partisanen als mögliche Verbündete anzusehen begannen.258 »Tito an der Neretva«, schreibt Milovan Đilas, »das war ein Tiger im Käfig, der bei den Italienern und Tschetniks die schwächsten Stelle im Gitter suchte, um sie zu erweitern und den Partisanen zu ermöglichen, wie ein Gewittersturm aus ihm hervorzustürzen.«259


MÄRZGESPRÄCHE

Um freie Hand bei der Abrechnung mit den Tschetniks zu haben und weil er aufgrund einer in Mihailovićs Generalstab erbeuteten »Depesche« überzeugt war, dass London dessen Zusammenarbeit mit der Ustascha im Kampf gegen seine Streitkräfte gutgeheißen hatte, dass also die Briten im Wesentlichen gegen ihn seien, entschloss sich Tito im März erneut zur Kontaktaufnahme mit den Deutschen, mit denen er das letzte Mal Mitte November 1942 verhandelt hatte.260 Einen Vorwand dafür bot der Austausch eines gefangenengenommenen deutschen Majors, in Wirklichkeit ging es Tito aber darum, einen Waffenstillstand auszuhandeln, um die nötigen Kapazitäten für eine endgültige Vernichtung der Tschetniks zu haben. Er wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die Operation Weiß bereits ausgelaufen war und dass die Deutschen gar nicht beabsichtigten, ihn jenseits der Neretva zu verfolgen. Bevor er sich zu diesem Schritt entschloss, berief er eine Besprechung mit seinen Mitarbeitern ein, auf der ihn Đilas fragte: »Und was werden die Russen dazu sagen?« Tito, der die Komintern schon über seine Pläne hinsichtlich des Gefangenenaustausches informiert hatte, gab scharf zurück: »Die denken doch auch in erster Linie an ihre Leute und an ihre Armee.«261

So kam es am 11. März 1943 in Gornji Vakuf, unweit von Jajce, zu Gesprächen zwischen Abgesandten beider Seiten. Milovan Đilas, Vladimir Velebit und Koča Popović versicherten ihren Gesprächspartnern, unter denen sich auch Hans Ott befand, dass sich die Volksbefreiungsstreitkräfte im Augenblick zwar gegen deutsche Angriffe verteidigten, selbst aber keine Angriffe auf die Wehrmacht planten. Vielmehr sei die Vernichtung der Tschetniks zurzeit ihr vorrangiges Ziel. Sie sagten, dass sie eine völlig unabhängige Volksbewegung seien und sich nur aus Propagandagründen auf die sowjetische Seite geschlagen hätten. Sollte es zur Landung der Briten an der dalmatinischen Küste kommen, behaupteten sie, würde die Volksbefreiungsarmee sie im Gegenteil zu den Tschetniks zurückschlagen. Sie verlangten von den Deutschen, die Partisanen als »kriegführende Partei« anzuerkennen und damit das Kriegsrecht zu respektieren, vor allem was den Umgang mit den Gefangenen betreffe.262

Die Deutschen zeigten sich gesprächsbereit; sie lobten Titos Kämpfer wegen ihres Mutes, und ein Abkommen zwischen den gegnerischen Lagern schien zum Greifen nahe. Als Zeichen guten Willens befahl Tito den slawonischen Partisanen sogar, die Sabotageakte an der Bahnstrecke Zagreb-Belgrad einzustellen, wie es die deutschen Unterhändler gefordert hatten.263 Unter Berufung auf diese Gespräche sandte Siegfried Kasche am 17. März ein Telegramm nach Berlin, in dem er vorschlug, »die Gelegenheit zu nutzen, denn der Ausfall dieser weltberühmten Kampfkraft aus den Reihen unserer Feinde wäre von großer Bedeutung. Die Tito-Partisanen sind mehrheitlich keine Kommunisten und haben im Allgemeinen in den Kämpfen, im Umgang mit den Gefangenen und in der Bevölkerung keine außerordentlichen Exzesse verübt.«264

In den folgenden Tagen wurden die Gespräche in Sarajevo und Zagreb fortgesetzt, wohin Velebit und Đilas gefahren waren. Kasche informierte sowohl Pavelićs Außenminister Mladen Lorković wie auch den italienischen Gesandten im NDH-Staat, Raffaele Casertano, die beide seine Position stärkten. Auch italienische Militärkreise waren an einem Abkommen mit Tito überaus interessiert. Aber schon am 29. März wies das Berliner Außenministerium seinen Zagreber Vertreter an, die Verhandlungen abzubrechen, und führte dabei zwei Gründe an: das Misstrauen gegenüber Tito und die Angst, die Italiener könnten eine deutsche Vereinbarung mit ihm als Vorwand benutzen, sich ihrerseits noch enger mit den Tschetniks und Mihailović zu verbinden. Das einzig Akzeptable wäre Titos totale Kapitulation.265 Kasche blieb trotzdem beharrlich und berief sich dabei auf General Glaise von Horstenau, der angeblich ebenfalls eine »politische Regelung« mit den Partisanen unterstützte. Aber in den Anweisungen, die Ribbentrop am 21. April 1943 nach Zagreb schickte, hieß es: »Unser Ziel ist es nicht die einen gegen die anderen, die Tschetniks gegen die Partisanen, aufzuhetzen, sondern beide zu vernichten. Weil es uns gelungen ist, den Duce zu überzeugen, dass man sowohl die Tschetniks als auch die Parti sanen liquidieren muss, können wir unsererseits jetzt nicht die Methode ändern, die sich, was die Verwendung der Tschetniks gegen die Partisanen angeht, nicht von der italienischen unterschied«.266 Noch drastischer war Hitler, der überzeugt war – auch weil ihn seine Geheimdienste schlecht informiert hatten –, dass die Tschetniks genauso oder noch gefährlicher seien als die Partisanen: »Mit Rebellen wird nicht verhandelt, Rebellen werden erschossen.«267

Damit war der politische Rahmen der Gespräche erschöpft, obwohl Kasche noch Ende August und im September 1943 in Gesprächen mit Hitler und Ribbentrop seinen Standpunkt verteidigte. Doch die Vermittlerrolle beim Gefangenenaustausch ging für Hans Ott weiter und er setzte seine Reisen zwischen Zagreb und Titos Oberstem Stab bis zum Jahresende fort, wenngleich er immer abhängiger von den Geheimdiensten der Deutschen und der Ustascha wurde. In Zusammenarbeit mit deren Sonderkommandos plante er sogar Titos Entführung. Gegen Ende des Krieges nahmen ihn Einheiten der Abteilung für Volksschutz (OZNA) gefangen und verhörten ihn ausgiebig. Danach verliert sich von ihm jede Spur.268

Weil das idealisierte Bild des Volksbefreiungskampfes und seiner Führer bewahrt werden musste, waren im Nachkriegsjugoslawien die » Märzgespräche« ein Tabuthema, bis Tito sie gegen Ende seines Lebens selbst erwähnte, und zwar am 12. November 1978 in Jablanica, anlässlich der Fünfunddreißigjahrfeier des Übergangs über die Neretva. Aber auch bei dieser Gelegenheit sagte er nicht die ganze Wahrheit, denn er beschuldigte Đilas, Popović und Velebit, sich nicht an seine Anweisungen gehalten zu haben.269 Đilas und Popović waren in Ungnade gefallen und konnten sich nicht verteidigen. Vladimir Velebit, der nach dem Krieg eine bedeutende Karriere innerhalb der Vereinten Nationen in Genf machte, war, wie die anderen beiden, über Titos Äußerungen entsetzt und verbittert, aber es schien ihm klüger zu sein zu schweigen.270

In einem Telegramm, mit dem er am 30. März 1943 Moskau über einen Gefangenenaustausch informierte, schreibt Tito, dass sich »der deutsche Gesandte in Zagreb […] mit mir zu treffen wünscht«. Stalin, der über diese Depesche informiert war, verstand sofort, dass es sich um mehr als nur um einen Gefangenenaustausch handelte. Auf seinen Befehl hin antwortete »Ded« mit einer wahren Moralpredigt: »Was geschieht hier? Das Volk befindet sich in einem erbitterten Kampf gegen die Okkupanten, und plötzlich solche Beziehungen zwischen Ihnen und den Deutschen. […] Erwarte eine Antwort.«271 Aber Tito war dieses Mal nicht bereit sich zu entschuldigen. Ohne Zögern antwortete er, dass ihn die Russen nicht behindern mögen, wenn sie ihm schon nicht helfen können. »Das war das erste Mal«, schrieb später Đilas, »dass ein Mitglied des Politbüros – und das war Tito selbst – einen derartig entschlossenen Dissens mit den Sowjets zum Ausdruck brachte.«272


›UNTERNEHMEN SCHWARZ‹

Die Tatsache, dass die Partisaneneinheiten ohne Hilfe von außen der Offensive sechs deutscher und vier italienischer Divisionen und einer erheblichen Anzahl von Tschetnik-Einheiten Widerstand geleistet hatten, war von großer politischer, strategischer und moralischer Bedeutung. Unter anderem brachte sie die Sowjetunion dazu, mit einer Note vom 2. April 1943 den Druck auf die jugoslawische Exilregierung zu erhöhen, sich von Mihailović zu distanzieren.273 Auch in britischen, von den serbischen Nationalisten enttäuschten Regierungskreisen lebte das Interesse für das Geschehen auf dem Schachbrett Balkan wieder auf. Man begann sich bewusst zu werden, dass die jugoslawischen Aufständischen eine wichtige Rolle im Falle einer Landung der Alliierten auf Sizilien spielen würden, weil sie an der Ostküste der Adria bedeutende Feindkräfte binden würden.

Mihailović indessen tat alles, um sein eigenes Grab zu schaufeln. Er verstritt sich mit W. S. Bailey, dem Leiter der britischen Mission, die seit Weihnachten 1942 London über die Absichten und operativen Möglichkeiten der Tschetniks unterrichten sollten, da er der Meinung war, dass die Engländer ihn nicht ausreichend unterstützten. Im Februar 1943 betrank er sich bei einer Taufe in einem montenegrinischen Dorf und machte seinem Herzen mit abfälligen Bemerkungen über die westlichen Alliierten Luft. Er erklärte, dass seine Feinde in erster Linie die Partisanen seien, erst danach kämen die Ustascha und die Muslime. Gegen die werde er kämpfen, und erst wenn er sie besiegt habe, werde er seine Kräfte auch gegen die Deutschen richten. Hinsichtlich der Italiener beton te er, dass sie für ihn die einzige Versorgungsquelle seien und dass ihn kein Druck der Alliierten dazu bringen werde, auf ihre Unterstützung zu verzichten.

Diese Worte kamen Churchill zu Ohren, der einen Protestbrief an die jugoslawische Regierung richtete: Sollte Mihailović seine Haltung gegenüber den Italienern und den jugoslawischen Landsleuten nicht ändern, würde sich die Regierung seiner Majestät gezwungen sehen, ihre Politik ihm gegenüber zu revidieren und sich auf andere Widerstandsgruppen zu stützen.274 Diese Warnung war mehr als eindringlich, wenngleich sie nicht verriet, dass in London bereits über verschiedene Optionen diskutiert wurde, wie man im jugoslawischen Gebiet verfahren könnte, nämlich a) die Tschetniks mit den Partisanen auszusöhnen, auch wenn man dabei russische Hilfe in Anspruch nehmen müsste; b) das jugoslawische Territorium zwischen beiden bewaffneten Gruppen so zu teilen, dass östlich des Flusses Ibar in Serbien Mihailović »herrschte« und westlich davon Tito; c) wenn das nicht möglich wäre, die Unterstützung von Mihailović auf Tito umzudirigieren. Letztere Lösung erschien der Londoner Zentrale der SOE und dem Foreign Office allerdings wenig attraktiv, denn man war sich bewusst, dass man damit Jugoslawien praktisch den Kommunisten überlassen würde. Schließlich setzte sich aber Churchill mit seiner pragmatischen Haltung durch, dass man nun einmal jene Seite unterstützen müsse, die »mehr Deutsche umbringt«.275

Inzwischen hatte Feldmarschall Alfred Jodl am 3. April einen Befehl unterzeichnet, mit dem er General Alexander Löhr in Saloniki beauftragte, gegen die jugoslawischen Aufständischen eine neue Operation zu starten, dieses Mal unter dem Namen ›Schwarz‹. »Nach der Vernichtung des kommunistischen Tito-Staates stellt sich das Problem der Vernichtung der Organisation und Struktur des nationalen ›Serbentums‹ unter Führung von Draža Mihailović, sodass wir ein Hinterland haben werden, dass im Falle einer Landung der Alliierten auf dem Balkan sauber ist.« Dabei ahnten Hitler und sein Stab nicht, dass sie das Opfer einer britischen Kriegslist waren, denn die Gerüchte um eine britische Invasion waren den deutschen Spionagediensten absichtlich unterschoben worden.276

Die Deutschen bereiteten das erwähnte Unternehmen, das am Anfang gegen die Tschetniks gerichtet war, unter größter Geheimhaltung vor und informierten die Italiener erst im letzten Augenblick, Mitte Mai, als die Militärmaschinerie unter dem Kommando der Generäle Löhr und Lüters bereits angelaufen war. Wegen Italiens Kontakten zu Mihailović, der seinerseits immer noch mit den Briten verbündet war, trauten sie ihnen nicht.277 Rudolf Lüters hatte 127 000 Soldaten zur Verfügung, wobei er sowohl auf die Elitedivision Edelweiß, die extra vom Kaukasus her verlegt worden war, als auch auf die SSDivision Prinz Eugen zählen konnte, die von Angehörigen der deutschen Minderheit im Banat gebildet wurde.278 Am Morgen des 15. Mai 1943 begann er mit dem Angriff und drang dieses Mal ohne besondere Skrupel auf das Territorium vor, das sich unter italienischer Besatzung befand. Weil sich aber bald herausstellte, dass die Tschetniks, soweit sie nicht in alle Richtungen geflohen waren, von den entrüsteten Italienern Schutz bekamen, war er gezwungen, seinen ursprünglichen Plan aufzugeben und sich gegen die Partisanen zu wenden, den »einzigen wirklichen Feind«.279 Titos Oberster Stab und die Hauptmacht seiner operativen Kräfte (annähernd 20 000 Kämpfer) wurden in der wilden Gebirgsregion des Durmitors, im Norden Montenegros zwischen den Flüssen Piva und Tara, umzingelt. Tito, der noch auf einen Waffenstillstand mit der Wehrmacht gehofft hatte, war von der Einkesselung, an der auch italienische, bulgarische und Ustascha-Einheiten beteiligt waren, überrascht. Da er mit Beginn des Krieges keinen funktionierenden Informationsdienst organisiert hatte, wurde ihm offenbar erst am 18. Mai 1943 völlig klar, dass die feindlichen Streitkräfte eine neue Offensive begonnen hatten.

Zudem hatten die Deutschen den Telegrafen-Code zwischen Tito und den Generalstäben seiner Divisionen geknackt und wussten, wo er sich aufhielt. Ihre Flugzeuge und die der Italiener konnten deshalb den Obersten Stab regelmäßig bombardieren, was unter den Mitarbeitern großes Durcheinander und Angst auslöste.280 Wieder stellte sich die Frage, wohin mit den zahlreichen Verwundeten. Gojko Nikoliš, der Vorsteher der Sanitätsabteilung beim Obersten Stab, beschreibt die Situation in seinen Memoiren äußerst kritisch: »Kaltblütigkeit, Optimismus, Selbstbewusstsein, der Glaube an die Möglichkeit unseres endgültigen Sieges, die Weigerung auch nur daran zu denken, dass die Lage für uns kritisch sein könnte, ›die Gefahr ignorieren‹ – alle diese Eigenschaften waren ein Ideal, dem die gesamte militärische Erziehung der Partisanen anhing. Aber wenn man einer solchen Erziehung nicht auch ein Körnchen kritischen Geistes beimischt, ist es zwischen Tugenden und Schwäche nur ein Schritt, dann verschließt man die Augen vor den Tatsachen. Ich denke, dass man auch auf diese Details als auf Symptome der ›Kinderkrankheiten‹ einer jungen, revolutionären Armee hinweisen muss.«281

In der Nacht vom 27. auf den 28. Mai 1943 sprangen britische Einheiten am Durmitor ab. Die Mission, die unter der Regie des Kairoer SOE und des Spe cial Intelligence Service stand, sollte die Stärke der Partisanenbewegung verifizieren, von der die Briten noch immer nur Informationen aus zweiter Hand hatten.282 Tito schrieb ihrem Kommen eine solche Bedeutung zu, dass er seinen Abzug vom Durmitor tagelang hinausschob, obwohl klar war, dass er den enger werdenden Kessel so rasch wie möglich verlassen musste. Nach Aussage von General Terzić verloren die Partisanen aufgrund der verzögerten Ankunft der Briten mehr als 7 000 Kämpfer.283

Kurz nach der Landung nahmen die Anführer der britischen Mission, Captain Bill Stuart und William Deakin, an einer Beratung teil, auf der beschlossen wurde, den Kessel über Vučevo, Sutjeska und Zelengora zu durchbrechen. Tito befahl, auch das zentrale Lazarett in derselben Richtung zu verlegen, was leichter gesagt als getan war, denn für den Transport der Verwundeten – es waren mehr als 2 000 – hatten sie etwa zwei- bis dreihundert italienische Gefangene zur Verfügung, die so entkräftet waren, dass sie sich selbst kaum fortbewegen konnten. (Später brachten die Partisanen alle um.) Es gab auch kaum ein paar Hundert Pferde.284 Es herrschte Mangel an Verpflegung, wobei von freiwilliger Beschaffung über die Volksausschüsse (zu Beginn des Aufstandes hatte Tito erklärt, kein Oberkommandierender eines Räuberheeres sein zu wollen) keine Rede sein konnte, sondern von Requirierung. Das hatte zur Folge, dass sich die Bevölkerung des Piva-Plateaus, die ohnehin so arm und vom Krieg erschöpft war, von den Partisanen ab- und den Tschetniks zuzuwenden begann.285 Der Oberste Stab beschloss am 3. Juni auf einer Beratung, die operative Hauptgruppe in zwei kleinere Gruppen teilen, zugleich aber auch die schwerer Verwundeten nicht zu transportieren, sondern sie in Höhlen und zwischen den Felsen der Piva-Schlucht zu verstecken. Es folgten Tage und Nächte voller Grauen und Chaos, als im Kriegsgewitter alles verloren schien. Zu allem Überfluss erfuhren die Deutschen von mehreren italienischen Kriegsgefangenen, denen die Flucht gelungen war, wo sich Tito aufhielt.

Mit allen Kräften stießen die Deutschen am 9. Juni 1943 in diese Richtung vor. In der Erinnerung Titos: »Sie nahmen uns schrecklich unter Feuer, intensiv, ohne Unterbrechung beschossen sie immer dieselben Punkte. Sie warfen Hundert-Kilo-Bomben. Und dann sprühten plötzlich MG-Garben um uns herum. Die Deutschen schossen von einer Anhöhe aus ungefähr fünfhundert Meter Entfernung. Da befahl ich dem Kommandanten der Vierten Brigade (auch er ist hier gefallen), seine Leute zu sammeln und den Berg einzunehmen, da sonst die Brigaden nicht vorbei könnten. Die Engländer, die bei uns waren, sahen ihn ehrfürchtig an.«286

Tito wurde im Kampf am 9. Juni 1943 an der linken Hand verwundet, als er seinen Kopf zu schützen suchte.287 Er war der einzige alliierte Oberkommandierende, der auf dem Schlachtfeld verwundet wurde. Ihm rettete sein Schäferhund Lux das Leben, der in dem Augenblick, als die Bombe wenige Fußbreit neben einer großen umgestürzten Buche explodierte, hinter der er und Davorjanka Paunović Schutz gesucht hatten, aufgesprungen war und sich an seinen Kopf gedrängt hatte. »Lux lag an meinem Kopf und presste sich mit seinem Körper eng an mein Gesicht. Er war nicht stark, er stank zum Himmel, und er war voller Läuse. Außerdem versperrte er mir die Sicht. Wir waren in großer Bedrängnis. […] Ich versuchte Lux wegzuschieben. Aber vergeblich; er hatte sich so platziert, dass er mir fast auf dem Kopf lag und sich nicht wegrühren wollte. Wenn ich ihn nicht wegzuschieben suchte, lag er ganz ruhig da; und wenn ich schob, drehte sich sein Körper sofort wieder meinem Gesicht zu wie ein voller Getreidesack. Ich wurde ungeduldig und wütend, doch ich kriegte ihn nicht weg, also ließ ich ihn gewähren. Plötzlich spürte ich inmitten des Höllenlärms, wie Lux ein Zittern überlief und er starr wurde. Ihn hatte ein Schrapnell getroffen, das sonst mir durch den Kopf gegangen wäre.« Die Explosion hatte den Hund zerrissen, ebenso Captain Stuart und Titos Begleiter, den Spanienkämpfer Vasilij Đurović, während William Deakin verwundet wurde.288 »Es hatte mich ziemlich erwischt«, erinnerte sich Tito später. Er glaubte, ins Herz getroffen zu sein. »Es ist vorbei, dachte ich.« Als er zu sich kam, verweilte sein Blick inmitten der Verwüstungen auf einem abgebrochenen Baum, auf dem traurig ein kleiner Waldvogel piepste. »Die Explosion hatte ihm ein Bein gebrochen und einen Flügel verletzt … Das Geschöpf stand auf einem Bein und flatterte mit dem Flügelchen. Dieser Anblick hat sich mir tief ins Gedächtnis eingeprägt …«289 Als seine Hand nach einiger Zeit ganz schwarz und steif geworden war, holte man zwei Tage später noch mehrere Granatsplitter heraus. Zwei weitere Schrapnells fand man erst 1946, als Tito wegen eines Leistenbruchs operiert wurde.290

Jahre später erzählte Tito noch folgende Anekdote aus diesen Tagen: »Ich ging mit meiner Leibwache, müde, und achtete sorgfältig auf alle feindlichen Manöver. Es regnete, in der Hand hatte ich einen Stock, auf den ich mich stützte. Plötzlich stolperte ich in der finsteren Nacht und stürzte. Meine Hände krallten sich in etwas Festes und zugleich Weiches. Gestank verbreitete sich. Ich war auf einen zerfallenden Leichnam gestürzt. Am Weg und im nassen Gras wischte und rieb ich mir die Finger ab, aber es half alles nichts, der Leichengestank wollte nicht weggehen. Wohin ich auch ging, überallhin begleitete mich dieser schreckliche Gestank.«291 Die Tragödie war aber auch nicht ohne Situationskomik: »Das war, als ich die verletzte Hand hatte. Ich trug sie in einem Verband, in der anderen hatte ich den Stock, die Maschinenpistole konnte ich nicht tragen. Wir gingen so und begegneten einem alten Mütterchen. Ich sagte zu ihr … ›Macht Platz, Mütterchen, damit die Soldaten vorbeikönnen.‹ Und sie bleibt stehen und sieht mich an: Was bist du wohl für ein Soldat, wenn du nicht einmal ein Gewehr hast?«292

Diejenigen, die am Leben geblieben waren, wurden in der Nacht vom 8. auf den 9. Juni 1943 vom Durchbruch der Ersten proletarischen Division bei Tjentište an der Sutjeska aus dem tödlichen Kessel gerettet. Zu diesem hatte sich Koča Popović ohne Wissen und Erlaubnis des Obersten Stabs entschlossen, was ihm Tito sehr übel nahm, weil es so ausgesehen hatte, als wäre er vom Schlachtfeld geflohen und hätte ihn mit der Hauptstreitmacht im Stich gelassen.293 Später verlangte er sogar, man müsse Popović und seinen Mitarbeiter Žujović dafür vor ein Kriegsgericht stellen, was Ranković nur mit Mühe verhindern konnte.294 Die Schlacht an der Sutjeska war ein einziges Leiden und Sterben, sie forderte mehr als 7 000 Tote, darunter mehrere bedeutende Kommandanten. (Die Deutschen sprechen sogar von 11 000 Gefallenen und von über 10 000–20 000 Mann, die ihr Leben durch Typhus und Hunger verloren. Ihrer Meinung nach habe es auch unter der Zivilbevölkerung mehr als 15 000 Tote gegeben.) Es wird geschätzt, dass zwischen 3 000 und 4 000 Kämpfern die Flucht Richtung Bosnien gelungen ist295, und Deakin meldete nach Kairo: »Wir konnten uns in der Nacht durch die deutschen Linien schlagen, ungefähr einen Kilometer auf der einen Seite und fünfhundert Meter auf der anderen Seite von den deutschen Stellungen entfernt. Der Kessel schloss sich kaum fünfzig Minuten nach unserem Ausbruch wieder.«296 Zunächst dachten die Deutschen, dass sie Tito gefangengenommen hätten, denn am 10. Juni telegrafierte General Lüters in diesem Sinne an den Generalstab, dass für dessen Armee »das letzte Stündlein geschlagen« habe.297 Doch das stellte sich bald als Irrtum heraus.


ERSTE KONTAKTE ZWISCHEN TITO UND CHURCHILL

Als sie die bewaldeten Hochebenen der Romanija, Devetak und Javor in Ostbosnien erreicht hatten, wurde klar, dass sie vor der Fünften Offensive in Sicherheit waren. Die Moral war natürlich auf dem Tiefpunkt, denn von allen Seiten kamen Meldungen über große Verluste, über zahlreiche gefallene Kommandanten, über Massaker der Deutschen, Italiener, der Ustascha und Tschetniks an Verwundeten und Sanitätspersonal – von 2 200 wurden kaum 900 gerettet – und von der schweren Führungskrise innerhalb des Obersten Stabes.298

Doch es zeigte sich, dass die tragischen Erfahrungen und durchstandenen Leiden nicht gänzlich umsonst gewesen waren, denn schon am 4. Juli 1943 informierte der britische Botschafter in Moskau die sowjetische Regierung, dass Großbritannien alle Widerstandskräfte in Jugoslawien unterstützen werde, also auch die Partisanen.299 Zu verdanken war dieses Umdenken Churchills den Berichten, die Deakin nach Kairo geschickt hatte. Diese Entscheidung wurde besonders von englischen Militärkreisen begrüßt und lag zweifellos darin begründet, dass die Deutschen nach britischen Schätzungen während des Unternehmens Schwarz 2 500 Mann verloren hatten – »eine respektable Leistung der Jugo sla wen, wenn wir bedenken, dass die Achse an die 1 500 Luftangriffe geflogen hat und 460 Tonnen Bomben abgeworfen hat«.300 Ihren Teil trugen aber auch die Ereignisse im Mittelmeerraum dazu bei, vor allem die Landung der Alliierten auf Sizilien am 10. Juli 1943.

Bald danach begannen – unter der Bedingung, dass es sie nicht gegen die Tschetniks eingesetzt wurden – tatsächlich regelmäßige Lieferungen von Kriegsmaterial, das mit Fallschirmen abgeworfen wurde, unter dem sich allerdings auch völlig überflüssige Güter wie zum Beispiel Medikamente gegen Malaria befanden. Dabei ist für die ideologische Verblendung der Partisanenführung bezeichnend, dass sie darin keine bürokratische »Vernageltheit« sahen, an der sie selbst krankten, sondern Sabotage des »perfiden Albions« argwöhnten.301 Dabei markierten die Hilfslieferungen für den Partisanenkampf die entscheidende Wende, da sie bedeuteten, dass das Alliierte Oberkommando für den Mittelmeerraum die Partisanen in seine strategischen Überlegungen miteinbezogen hatte. Das aber vermochten die Mitglieder des Obersten Stabs nicht richtig einzuschätzen, sie waren zu sehr auf die Sowjetunion und die Rote Armee als dem Vorbild für ihre eigene Armee fixiert.302

Fünf Tage nach der Landung der Alliierten auf Sizilien, am 15. Juli 1943, berief Tito eine Sitzung des Obersten Stabes und des ZK ein, um die Lage an der italienischen und an der Ostfront zu beurteilen, wo die Rote Armee zur Offensive übergegangen war. Auf seine Initiative hin beschloss man, die Hauptstreitmacht nach Westen zu verlegen, in das von den Italienern besetzte Gebiet, um im Augenblick ihrer Kapitulation den größtmöglichen Gewinn zu haben. Und natürlich auch, um sich einer Invasion der angloamerikanischen Truppen erwehren zu können, sollte es zu ihr kommen. Ende August kontrollierten die Partisanen das gesamte Gebiet zwischen Gospić und Bihać bis hin zur slawonischen Grenze, wo sie den Eisenbahnverkehr stark behinderten und sich auf einen Durchbruch an die Adriaküste vorbereiteten.303

Im August marschierten sie in Jajce ein, der mittelalterlichen Hauptstadt Bosniens, wo es uralte Katakomben gab, die im Falle eines Luftangriffes als Bunker für den Obersten Stab dienen konnten. Diese Eroberung wurde als bedeutender Schritt gefeiert, war es doch das erste Mal, dass ihnen eine Stadt in die Hände gefallen war, die mehr war als nur tiefste Provinz. »Die alte muslimische Bevölkerung sah uns aus den Kaffeehäusern auf orientalische Art gleichmütig zu, als wollte sie uns wissen lassen: Alle möglichen Heere und Horden sind hier vorbeigeritten, doch wir sitzen seit Jahrhunderten auf unserem Platz.«304

Am 8. September 1943 erfuhr Tito über das Radio vom einseitigen Waffenstillstand Italiens, wobei er die allgemeine Begeisterung, die diese Nachricht auslöste, nicht ganz teilen konnte, da ihn die Alliierten über die bevorstehende Unterzeichnung des Waffenstillstands mit der Regierung in Rom nicht unterrichtet hatten. Trotzdem entwaffneten seine Einheiten in den nächsten Tagen dreizehn italienische Divisionen, sicherten sich ausreichend Waffen für 80 000 Kämpfer und große Mengen an Ausrüstung und Lebensmitteln.305 Vor dem Anrücken der Deutschen konnten sie einen großen Teil des Territoriums, das zuvor die Italiener okkupiert hatten, zumindest für kurze Zeit besetzen. Inzwischen trafen von der Ostfront noch weitere positive Nachrichten ein. Nach der siegreichen Schlacht bei Kursk im Juli 1943, ergoss sich die sowjetische Offensive wie eine Lawine nach Westen: Mitte September schöpften die russischen Soldaten »Wasser aus dem Dnjepr in ihre Helme«, und am 6. November befreiten sie zu Ehren der Oktoberrevolution Kiew.306

Inzwischen hatten die westlichen Alliierten Apulien besetzt und Anfang Oktober 1943 Titos Oberstem Stab erlaubt, in Bari eine Basis einzurichten, die überaus wichtig wurde für Hilfssendungen über die Adria und die Evakuierung verwundeter Kämpfer, aber auch Tausender Zivilisten, von Frauen, Kindern und Alten. Die Verbindung mit Italien machte es gleichzeitig möglich, dass sich auch jene Küstenland-Slowenen und Istrien-Kroaten den Reihen der Partisanen anschlossen, die die Faschisten in sogenannte Sonderbataillone gesteckt und als unzuverlässige Elemente im Süden oder auf den Inseln interniert hatten. Zusammen mit italienischen Soldaten slawischer Herkunft, die in Nordafrika in britische Gefangenschaft geraten waren, organisierten sich Letztere in Übersee-Brigaden und schlossen sich dem Partisanenkampf an. Allein über Bari gelangten annähernd 30 000 Mann an die dalmatinische Küste.307

Die Überzeugung, dass die Niederlage Deutschlands unausweichlich sei, bewirkte massenhafte Eintritte in die Volksbefreiungsarmee. Bereits einen Monat nach dem 8. September hatte sich die Zahl der Partisanen verdoppelt, sie zählten nun an die 300 000 Kämpfer, von denen aber viele über wenig militärische Erfahrung verfügten. Ihnen schlossen sich noch italienische Einheiten an, die sich nach dem Zerfall der Armee entschlossen hatten, den Kampf fortzusetzen, diesmal gegen die Deutschen. So entstanden italienische Einheiten – unter ihnen zuerst das Bataillon Garibaldi –, die sich in der Widerstandsbewegung tapfer schlugen. Auf Seiten der Partisanen fielen in den folgenden Monaten 8 000 Italiener, das waren 3 000 mehr, als in den zwei vorangegangenen Jahren in Jugoslawien umgekommen waren. Die Deutschen nahmen natürlich auch Tausende italienischer Soldaten gefangen und steckten sie in Konzentrationslager, wobei unter Mithilfe der örtlichen Bevölkerung, die ihnen Zivilkleidung und Nahrung gab, vielen die Flucht und die Rückkehr nach Hause gelang.308

Für die Tschetniks sah die Lage schlecht aus. Mit dem Argument, dass »unsere einzigen Feinde die Kommunisten« seien, versuchten sie ein Abkommen mit den Deutschen zu erzielen, die ihnen allerdings die kalte Schulter zeigten. Informationen über diese Versuche bestärkten die britische Regierung darin, dass man die Beziehungen zu Mihailović endgültig abbrechen müsse. Der wiederum verweigerte sich jeder Kooperation »mit diesem Einbrecher«, wie er Tito nannte.309 Dass sich die britische Waagschale auf die Seite der Partisanen neigte, war wesentlich das Verdienst des neuen Leiters der britischen Mission Fitzroy Maclean, Diplomat und Schriftsteller, Churchills Freund und Brigadegeneral. Als Vertreter General Wilsons, des Befehlshabers der alliierten Streitkräfte im Mittelmeerraum, war er am 17. September 1943 auf die gleiche Weise wie sein Vorgänger zum Obersten Stab gekommen, nämlich per Fallschirmabsprung. Verglichen mit der Mission von Captain Deakin, der nur ein Agent der SOE war, handelte es sich hier um eine ausgesprochene Novität: Damit war eine offizielle Militärmission zu Tito entsandt worden, was de facto, wenn nicht de iure, seine Anerkennung durch die Alliierten bedeutete. Maclean erzählte viele Jahre später in einem Interview, dass er mit »offener«, aber nicht »leerer« Seele nach Jugoslawien gekommen sei. Und wirklich, schon bei der ersten Begegnung mit Tito war er von dessen Charisma in seinen Bann gezogen. Auf Tito bezogen zitierte er Napoleons Ausspruch »Im Krieg zählen nicht die Männer, sondern der Mann.« Während Tito in Deakin den Antikommunisten und Spion gesehen hatte, sah er in dem schottischen Konservativen beinahe einen Freund.310 Tatsächlich zeigte sich Maclean begeistert von den Partisanen und erkannte bald, dass die Hoffnung auf ein mögliches Abkommen zwischen Tito und Mihailović, die man im Foreign Office noch immer hegte, völlig überholt war. Sofort bei der Ankunft in Jajce stellte er fest, dass die Situation in Jugoslawien überhaupt nicht den Vorstellungen entsprach, die man bei der britischen Regierung und beim Alliierten Militärkommando hatte. Bereits zwei Wochen später beschloss er deshalb, nach Kairo zurückzukehren, über das Gesehene zu berichten und vorzuschlagen – wie er Anfang November in einem ausführlichen Memorandum festhielt –, dass man die Unterstützung für Mihailović beenden und die Hilfsleistungen an die Partisanen wesentlich erhöhen solle.311

Der Bericht, in dem sich Maclean nicht eigens mit der Frage beschäftigte, ob Mihailović persönlich für die Kollaboration mit dem Feind verantwortlich sei oder nicht, sondern sich auf die großserbischen, antikroatischen und reaktionären Maßnahmen seiner Politik, auf seine Unfähigkeit, die jugoslawischen Völker hinter sich zu bringen, und auf seine militärische Starrköpfigkeit beschränkte, traf in dem Augenblick in London ein, als sich dort die Meldungen über eine geänderte Einstellung der Deutschen den Tschetniks gegenüber verstärkten. Das Oberkommando der Wehrmacht für Südosteuropa arbeitete am 1. November 1943 einen Bericht aus, in dem es hieß, dass die Partisanen eine überaus ernste Gefahr darstellten. Die Hauptaufgabe der deutschen Armee sei es deshalb nicht mehr, den Balkan vor einer möglichen Landung der Alliierten zu sichern, sondern Titos Truppen zu zerschlagen. Das setzte natürlich eine völlig anders geartete Politik gegenüber den Tschetniks voraus: Schon am 22. November entzifferten die Briten eine Nachricht, die sich auf das Abkommen zwischen dem deutschen Heereskommando und Mihailovićs Vertreter in Montenegro bezog: In ihm war die Rede von einer Unterbrechung der gegenseitigen Feindseligkeiten auf dem Territorium westlich von Sarajevo als einem ersten Schritt im gemeinsamen Kampf gegen die Partisanen.312

Macleans Memorandum und die Informationen, die der Geheimdienst zusammengetragen hatte, überzeugten Churchill endgültig davon, dass die Partisanen die einzige Guerillagruppe seien, die die Deutschen erfolgreich »totschlagen « würden. Auf der Teheran-Konferenz vom 28. November bis 1. Dezember 1943, auf der er sich mit Roosevelt und Stalin traf, erklärte er, dass Tito im Kampf gegen die Wehrmacht bedeutend mehr als Mihailović getan habe und dass die Briten ihn deshalb »mit allen Kräften« zu unterstützen gedächten. Dabei begann er auch schon von der Möglichkeit einer Landung im nordadriatischen Raum sprechen, die den angloamerikanischen Truppen den Durchbruch durch die Laibacher Pforte nach Mitteleuropa ermöglichen solle. Die Sowjets wurden vermutlich hellhörig, und obwohl sie dem jugoslawischen Problem bei dieser Gelegenheit keine große Aufmerksamkeit schenkten, wurde in einem Geheimabkommen der drei Großmächte festgehalten, dass man die Partisanen »im größtmöglichen Ausmaß mit Lieferungen und Ausrüstung, aber auch mit Kommando-Aktionen« unterstützen müsse. Auch Roosevelt stimmte dem zu, denn zu dem Zeitpunkt hatte der amerikanische Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS) bereits Kontakte zu Tito geknüpft und begonnen, ihm aus Bari Waffen und Kleidung zu schicken.313 Gleichzeitig versicherten sie der jugoslawischen Regierung, die inzwischen nach Kairo übersiedelt war, dass das Staatsgebiet Jugoslawiens als Ganzes erhalten bleiben solle und dass die Frage seiner Grenzen zu Italien – darüber wurde sowohl bei den Partisanen als auch in Exilkreisen gesprochen – nach dem Krieg auf der Grundlage des 14-Punkte-Plans Wilsons aus dem Jahre 1918 gelöst werden solle. Es ging um eine Wendung von entscheidender Bedeutung, denn nunmehr war es klar, dass die Wiederherstellung eines großserbischen Jugoslawiens nicht mehr zu den Kriegszielen der Großmächte zählte, obwohl sich andererseits auch nicht sagen lässt, dass Letztere die Partisanenbewegung als verbündete Armee anerkannt hätten.314


STRAFFUNG DER PARTISANENBEWEGUNG UND ERSTE NATIONALISTISCHE KONFLIKTE

Die Umbrüche im Frühjahr und Sommer 1943 fanden ihren Niederschlag auch innerhalb der Partisanenbewegung selbst. Weil sich das Ende des Krieges ankündigte, wurde allen klar, dass man die Fundamente für den neuen Staat noch konkreter angehen musste, als das auf der ersten Sitzung des AVNOJ geschehen war. Die Führer der kommunistischen Partei ließen keinen Zweifel dar an, dass dieser Staat völlig anders sein würde als der vorherige. Svetozar Vukmanović-Tempo bekannte in einem Augenblick der Offenheit gegenüber griechischen Genossen: »In Jugoslawien werden wir nie zulassen, dass sich die alte Herrschaftsstruktur restauriert und dass ›freie Wahlen‹ abgehalten werden. Zu viele Opfer haben wir gebracht, als dass wir das zulassen würden! Den alliierten Mächten werden wir nicht erlauben in unseren Staat zu kommen. Nur Kräfte, die den Sieg über den Okkupator erkämpft haben, können Wahlen für die neue Regierung durchführen …«315 Und Tito hatte schon im Jahre 1942 eine Abhandlung unter dem Titel Die nationale Frage Jugoslawiens im Lichte des Volksbefreiungskampfes veröffentlicht, in der er die unterschiedlichen historischen Traditionen und Gebietsinteressen der jugoslawischen Völker mit dem Versprechen einer föderalen Staatsordnung in Einklang zu bringen versucht hatte.316 In diesem Kontext machte er auf einer Sitzung des Politbüros der KPJ den Vorschlag, dass die Streitkräfte des Volksbefreiungskampfes der Londoner Regierung das Recht absprechen sollten, im Namen der Völker Jugoslawiens zu sprechen, und endgültig die Staatsmacht zu übernehmen. »Tito und wir alle, die wir an dieser Sitzung des Politbüros mitwirkten«, schrieb Kardelj, »waren uns bewusst, dass dieser Beschluss bei den Regierungen der Großmächte Unzufriedenheit und negative Reaktionen auslösen und vor allem zwischen der Sowjetunion und den westlichen Großmächten gewisse politische Verwicklungen hervorrufen würde. […] Das war der Augenblick, als für uns die Interessen des Volksbefreiungsaufstandes und die Zukunft unserer Völker wichtiger waren als die Reaktionen der Großmächte.«317

Zur Verwirklichung dieser Politik wurde beschlossen, entsprechende Organisationsstrukturen zu schaffen, die die Völker in der künftigen Föderation vertreten sollten. In Slowenien war das nicht notwendig, weil dort schon eine Befreiungsfront (OF) bestand. In Kroatien wurde am 17. März 1943 ein Ausschuss zur Einberufung eines Antifaschistischen Parlaments der Volksbefreiung (ZAVNOH) gegründet, der am 13. und 14. Juni in Plitvice zusammentrat und sich zum höchsten Vertretungsorgan des Staates erklärte. ZAVNOH stellte sich als Koalition unterschiedlicher politischer Gruppen von Kroaten und Serben und anderen Minderheitsvölkern in Kroatien dar, doch die Kommunisten gaben, wie auch in der OF in Slowenien, den Ton an.

Die hegemoniale Rolle, die sich die Partei bzw. ihre Spitze diskret, aber entschlossen angeeignet hatte, führte aber zu Reibereien, die ihren Ursprung in den persönlichen Ambitionen einzelner Führer oder lokaler und ethnischer Patriotismen hatten. Bezeichnend ist, dass Tito die Nachricht über den Anschluss Istriens, Rijekas und Zadars an Kroatien, die der ZAVNOH auf seiner Sitzung am 20. September 1943 verkündete, mit Unwillen aufnahm. Seiner Meinung nach hatten sich die kroatischen Kommunisten mit Hebrang an der Spitze eine Souveränität behauptet, die nur Jugoslawien als dem gemeinsamen Staat zukam. Tatsache war aber, dass es einen gemeinsamen Staat noch nicht gab, denn der Oberste Stab hatte nur wenig Einfluss sowohl auf dem Territorium des ZAVNOH wie auf dem der OF.318 Die nationale Gesinnung des kroatischen Parteiführers, der zwischen Sommer 1942 und Sommer 1943 annähernd 50 Prozent aller Partisanen unter seiner Kontrolle hatte, erschien jedenfalls der Mehrzahl der Mitglieder des Politbüros immer gefährlicher. Und das noch vor der zweiten Tagung des AVNOJ.319

Auch die slowenischen nationalen Bestrebungen, die die Propaganda von der »Brüderlichkeit und Einheit« der jugoslawischen Völker kaum verdecken konnte, wurden von Tito und seinen engsten serbischen und montenegrinischen Mitarbeitern mit Argwohn betrachtet, obwohl man ihnen gegenüber vorsichtiger war als bei den Kroaten, wussten sie doch, dass in Slowenien die Partisanenbewegung ohne patriotische Inhalte ziemlich bescheiden gewesen wäre. Als die OF Anfang Oktober 1943 in Kočevje eine Versammlung der Delegierten des slowenischen Volkes einberief, auf der der Anschluss der italienischen Provinz Küstenland an Slowenien verkündet wurde, wagte niemand diesem Ausdruck der Souveränität zu widersprechen, um bei den Slowenen keine latenten Vorbehalte gegen ein Zusammenleben in Jugoslawien zu wecken. Dass man aber in Titos Umfeld mit wachsender Besorgtheit auf die relative Selbstständigkeit der Slowenen und Kroaten blickte, steht außer Zweifel. Das war schon im Frühjahr 1943 bemerkbar, als Arso Jovanović und Ivo Lola Ribar in einem Bericht die Lage in Slowenien als alarmierend bewerteten. Sie beschuldigten die slowenischen »Genossen«, nicht in Übereinstimmung mit der revolutionären Strategie des Obersten Stabes zu wirken.320

Auf der Versammlung von Kočevje wurden die slowenischen Delegierten für die zweite Tagung des AVNOJ gewählt, den Tito seit August als Parlament aller jugoslawischen Völker einzuberufen gedachte. Weil Stalin am 15. Mai 1943 die Komintern aufgelöst hatte, um die Welt davon zu überzeugen, dass die Sowjetunion nicht mehr nach der Weltrevolution strebe, meinte Tito, dass er nicht mehr wie in der Vergangenheit Moskau gegenüber zum Gehorsam verpflichtet sei und dass der richtige Augenblick für die Verwirklichung eines alten Planes gekommen sei: die Bildung einer eigenen Regierung, die auf der Volksmacht beruhen und den Bolschewismus außerhalb der Grenzen der Sowjetunion verwirklichen würde.321 Zu ähnlichen Versammlungen wie in Kočevje war es schon früher und später auch anderswo gekommen: in Istrien, in der Bosanska Krajina, in Bosnien und Herzegowina und sogar in Mazedonien. Im Unterschied zu Slowenien und Kroatien, wo der Nationalismus ein Störfaktor war, setzten die Kommunisten in Mazedonien gerade auf einen solchen, um dem Widerstand Auftrieb zu geben, der einfach nicht aufflammen wollte. Die Partei hatte nämlich in den Jahren 1941 und 1942, trotz aller Anstrengungen, den Aufstand gegen die Bulgaren zu organisieren, keinen Erfolg gehabt. Die Mazedonier hatten die bulgarische Armee anfangs begeistert begrüßt, da sie meinten, nun das serbische Joch abgeschüttelt zu haben. Erst nach geraumer Zeit wurde ihnen klar, dass auch den Bulgaren ihre ethnische Verschiedenheit egal war und dass sich das neue Regime in Bezug auf die Ausbeutung der Erzvorkommen und der lokalen Arbeitskräfte wenig vom Belgrader Regime unterschied. Weil Moskau im Juni 1941 die diplomatischen Beziehungen zur jugoslawischen Exilregierung wieder aufgenommen hatte, hatte auch die Komintern ihren Beschluss über die Vereinigung der mazedonischen Kommunisten mit der KP Bulgariens annulliert.322

Die Arbeiterpartei Bulgariens verfolgte während des Krieges eine ganz andere Politik als die KPJ: Sie organisierte keinen Aufstand gegen die nazifreundliche Regierung in Sofia, sondern beschränkte sich in Erwartung der Rotarmisten auf antideutsche Propaganda unter der Bevölkerung. Hinsichtlich Vardar-Mazedoniens, einer Region, wegen der sich 1941 ein Streit zwischen den Nachbarn entzündet hatte, hatte sie, wenn auch nur dem Schein nach, den Beschluss der Komintern zugunsten Jugoslawiens akzeptiert. Mit der Ausrede, dass die Führung der KPJ weit weg sei und die lokalen Kommunisten nicht stark genug seien, bestätigte sie aber, dass es keine echten Gründe für einen bewaffneten Aufstand gab und dass es nicht sinnvoll war »in die Berge zu gehen«. Gegen Ende des Jahres 1942 beschloss Tito zu handeln: Im Februar 1943 schickte er Svetozar Vukmanović-Tempo, einen seiner energischsten Mitarbeiter, der in Mazedonien, vor allem in seinem dem italienischen Albanien angeschlossenen Westteil, eine kommunistische Gruppe und mit ihr ein kleines Widerstandsnest gegründet hatte, in den Süden. Sein Einsatz im Kosovo verlief wenig erfolgreich, da die Albaner nie so viele Rechte und einen solchen Wohlstand genossen hatten wie unter den Italienern. Vukmanovićs Aufruf folgten nur die serbische und montenegrinische Bevölkerung, die sich in der unangenehmen Lage einer Minderheit befanden und sich deshalb den Partisaneneinheiten anschlossen, die an den Ländergrenzen auf serbischem, montenegrinischem und mazedonischem Gebiet aktiv waren. Auch nach der italienischen Kapitulation änderte sich die Lage nicht wesentlich: Das Kosovo wurde von den Deutschen besetzt, die die sehr lebendigen antijugoslawischen Gefühle unter der albanischen Bevölkerung schürten und behaupteten, dass die Partisanen russische und serbische Agenten seien, entschlossen das große Albanien zu zerstückeln und zu unterjochen. Diese Propaganda war von Erfolg gekrönt: Um sich der Serben zu erwehren, organisierten sich die Albaner in einer politischen Bewegung und in militärischen Einheiten, mit denen sie bis Kriegsende erfolgreich ein Gutteil des Landes unter Kontrolle behielten.323

Trotz der feindseligen Beziehung zwischen albanischer und slawischer Bevölkerung im Kosovo und in Westmazedonien gelang es der KPJ in Albanien selbst, enge Kontakte zu den dortigen Kommunisten zu knüpfen. Schon im Sommer 1941 entsandte das ZK den Ausbilder Miladin Popović, um eine Widerstandsbewegung zu organisieren. Später schloss sich ihm noch Dušan Mugoša an, und gemeinsam bildeten sie, entsprechend dem Auftrag der Komintern, aus den versprengten kommunistischen Gruppen eine einheitliche Partei. Am 1. März 1943 wurde im Dörfchen Labinot eine panalbanische Konferenz der Kommunisten einberufen, auf der Enver Hoxha zum Generalsekretär der KP Albaniens gewählt und nach jugoslawischem Vorbild eine Volksarmee aufgestellt wurde, die sich der bereits bestehenden Nationalen Front Balli Kombëtar anschloss. Die Zusammenarbeit zwischen Ballisten und Kommunisten war aber mit Ende des Sommers 1943 vorbei, weil die KPJ es so verlangte, da man befürchtete, dass Letztere ebenfalls vom großalbanischen Nationalismus infiziert werden könnten. In den Beziehungen zwischen der KP Jugoslawiens und der KP Albaniens konnte man natürlich nicht die Frage des Kosovo ausklammern: Aber wegen Titos Rücksichten gegenüber den Serben berührte man sie nur und beschloss, über die Grenze und über das Recht des albanischen Volkes auf Selbstbestimmung erst nach der Niederlage des Okkupators zu reden.324

Die Kommunistische Partei Griechenlands stellte – mit tatkräftiger Unterstützung Vukmanovićs – ebenfalls Partisaneneinheiten auf und schickte sie in einen erfolgreichen Kampf gegen die nazifaschistischen Kräfte. ELAS, die griechische Volksbefreiungsarmee, hatte in Rumelien, Thessalien, Epirus und im ägäischen Mazedonien starke Stützpunkte, obwohl sie sich, so wie die jugoslawischen Partisanen, mit einer rivalisierenden bürgerlich ausgerichteten Militärorganisation konfrontiert sah. Und anders als ihren jugoslawischen Genossen gelang es der ELAS nicht, einen allgemeinen griechischen Aufstand zu erzeugen, wie das ihren jugoslawischen Genossen gelungen war. Die griechischen Kommunisten kämpften nicht um die Herrschaft – so schreibt Vukmanović in seinen Erinnerungen –, sondern wollten nur die Besatzungsmacht vertreiben und es nach dem Sieg der Bevölkerung freistellen, über die eigene politische Zukunft zu entscheiden. Um diesen Fehler zu korrigieren, schlug Vukmanović den Griechen und Albanern vor, gemeinsam mit den Jugoslawen ein Balkan-Oberkommando zu bilden, das den Kampf im gesamten Raum koordinieren sollte. Weil die Kontakte zwischen Mazedonien und dem Obersten Stab ziemlich sporadisch waren und es bis Ende Oktober 1943 keine Radioverbindungen gab, verfügte Tito lange Zeit über keine Informationen über das Geschehen im Süden. Die ersten Berichte über Vukmanovićs Tätigkeit erreichten ihn erst Mitte September 1943. Nun erfuhr er, dass ein ZK der KP Mazedoniens und ein Generalstab gegründet worden waren, dass die Partei Sektierer und Saboteure (Philobulgaren) aus ihren Reihen ausgeschieden hatte und dass die Partisaneneinheiten zwischen vier- und fünfhundert Kämpfer zählten. In seinen Berichten sprach Vukmanović auch über die Lage im Kosovo, wo die Albaner den Serben feindselig gesinnt seien und unter dem Einfluss der Nationalisten stünden: Von zweihundert Partisanen, die es dieser Provinz gebe, seien nur achtzig albanischer Volkszugehörigkeit. Die Idee eines Balkan-Oberkommandos bewertete Tito völlig negativ aus der Überzeugung heraus, dass eine solche »kleine Internationale« weder von den Briten noch von den Russen gutgeheißen würde. Aus den Dokumenten geht nicht hervor, ob sich Tito vor dieser Entscheidung mit Moskau beraten hat, doch ist es mehr als evident, dass sich seine Anordnung, Vukmanović solle diesen Weg nicht weiter verfolgen, völlig mit Stalins Haltung deckte.325

Im Zuge der Ausweitung seines Einflusses nach Süden war sich Tito bewusst, dass er nicht im Namen Jugoslawiens würde sprechen können, solange er und seine Bewegung nicht in Serbien verankert waren, das sich noch immer im Zangengriff der Truppen Nedićs und der Deutschen befand, die sich zudem auf Mihailovićs und Ljotićs Einheiten, die extrem faschistische »Blaue Garde«, stützen konnten. (Von 150 000 Partisanen, deren es Ende Sommer 1943 gab, befanden sich in der Osthälfte Jugoslawiens kaum 2 000, und die wurden gejagt wie wilde Tiere.326) Im Oktober 1943 sah Tito den Augenblick gekommen, den Schwerpunkt der Operationen über die Drina nach Serbien zu verlagern, aber davon hielt ihn die starke Offensive der Deutschen ab, die im Herbst das gesamte Territorium unter ehemals italienischer Besatzung einzunehmen versuchten. Fast drei Monate wüteten in Slowenien, Istrien, Gorski kotar, Dalmatien und Herzegowina wilde Kämpfe zwischen Partisanen und deutschen Einheiten um die Kontrolle der Küste und der Verkehrsverbindungen ins Binnenland. In Slowenien konnten die Deutschen auf die Unterstützung der »Domobranzen«, der lokalen, klerikal gefärbten Landwehr, zählen, während sie in Montenegro mithilfe der Tschetniks und Albaner eine Operation größeren Umfangs organisierten, mit der sie das Überwechseln der Partisanen nach Serbien verhindern wollten, in dieses »wichtigste Bollwerk zur Sicherung des Balkans«, wie in einem Tagesbefehl Hitler selbst schrieb.327


ZWEITE TAGUNG DES AVNOJ UND VERSTIMMUNG IN MOSKAU

Trotz der Intensivierung der Kämpfe nahmen Tito und seine Mitarbeiter nicht von dem Vorhaben Abstand, in Jajce, der alten Hauptstadt der bosnischen Könige, eine zweite Tagung des AVNOJ einzuberufen. Die Vorbereitungen dafür wurden in erster Linie Kardelj, Kidrič und Moša Pijade übertragen. Wie schon ein Jahr zuvor, wurden die Beschlüsse, die der AVNOJ am 29. und 30. November fassen sollte, schon im Voraus vom Politbüro angenommen. Ende Oktober wurde beschlossen, ein Nationalkomitee zur Befreiung Jugoslawiens (NKOJ) als vorübergehende Exekutivbehörde zu ernennen, um der Exilregierung alle Zuständigkeiten zu nehmen. Die Vereinigung der jugoslawischen Völker in sechs föderale Einheiten wurde verkündet und dem König wurde die Rückkehr in die Heimat verboten, bevor nicht das Volk über die Frage einer künftigen Staatsform entschieden habe. Bei der Formulierung dieser Beschlüsse, die schon die Umrisse des künftigen sozialistischen Jugoslawien erkennen ließen, schwebte stets die Frage im Raum, wie die Sowjets reagieren würden, denn es war offensichtlich, dass diese wegen der allzu eigensinnigen Politik der KPJ immer ungehaltener wurden. Mitte September 1943 stattete der bulgarische Kommunist Šterju Atanasov dem Obersten Stab einen Besuch ab, der erste Gesandte aus Moskau, mit dem Tito nach mehr als zwei Jahren sprach. Er teilte unter anderem mit, dass man in der sowjetischen Hauptstadt eine Außenministerkonferenz der drei Großmächte vorbereite. In der Befürchtung, dass Molotow, Eden und Hull Beschlüsse fassen könnten, die nicht seinen Plänen entsprächen, sandte Tito am 2. Oktober ein Telegramm an Dimitrow, in dem er klarmachte, dass es für König Peter II. und seine Verräterregierung keine Rückkehr in die Heimat gebe. Das tat er umso überzeugter, weil ihm Maclean anvertraut hatte, dass die Briten nicht mehr allzu sehr auf den König und die jugoslawische Exilregierung setzten.328 Und so bot er sich zehn Tage später gegenüber den Sowjets, wenn auch sehr vorsichtig, als neuer Führer Jugoslawiens an. In einem Tele gramm schrieb er, dass man »in Slowenien, Kroatien und in der AVNOJ vorgeschlagen hat, mich auf der nächsten Sitzung zum Präsidenten des Nationalkomitees zu wählen, neben dem Oberbefehl über die Armee.« Bescheiden setzte er hinzu, dass er dem nicht zustimme. »Ich bitte um eure Unterstützung, um wenigstens die Genossen zu überzeugen. Im Ausland würde das meiner Meinung nach nicht gut aufgenommen werden.«329 Natürlich bekam er von Dimitrow die erbetene »Unterstützung« sofort, seine Ernennung wäre nicht »angebracht «, was wie eine kalte Dusche auf ihn gewirkt haben muss.330

Die Antwort, die Tito auf diese Reaktion Moskaus fand, ist für seine Denkweise sehr aufschlussreich: Er entschied, dass man die Russen nicht »über alles« informieren und ihnen so Anlass zum Sabotieren des zweiten AVNOJ geben müsse, bevor er noch begonnen habe. Dementsprechend unterließ er es in den kommenden Wochen, Moskau detailliert über die Vorbereitungen zur geplanten Tagung zu unterrichten, erlaubte aber Atanasov, in zwei Telegrammen die Situation zu beschreiben, wie sie in den Reihen der Partisanen herrschte: »Die kommunistische Partei ist die einzige reale politische Kraft, die fähig ist, den neuen jugoslawischen Staat zu organisieren …«331

In dem Telegramm, das Tito am 26. November 1943 an Dimitrow schickte (trotz der Auflösung der Komintern stand er mit ihm auch weiterhin in regelmäßigem Kontakt), erwähnte er weder den Beschluss in Bezug auf den König noch den Vorschlag der slowenischen Delegation, dass ihm die Tagung zum Zeichen der Anerkennung seiner Verdienste nach dem Vorbild der Roten Armee den bis dahin in Jugoslawien noch unbekannten Rang eines Marschalls verleihen möge.332 Fraglich ist sicher, wie spontan der erwähnte Vorschlag wirklich gemacht wurde, vor allem im Hinblick darauf, dass Josip Broz schon am 20. Oktober 1943 auf einem Diplom der Offiziersschule des Obersten Stabs als Marschall Jugoslawiens unterschrieben hatte.333 Als man ihm die Ernennung anbot, errötete er jedenfalls und sagte verlegen: »Geht das alles nicht zu weit? Und was werden die Russen sagen?« Kardelj und die anderen beruhigten ihn rasch. Die Russen hätten ihre Marschälle, warum sollten die Jugoslawen nicht auch ihren haben. Als auf der Tagung der AVNOJ die Ernennung Titos an der Reihe war, wurde der Saal, wie Đilas berichtet, »von stürmischer und berauschender Einmütigkeit erfüllt«.334Das Präsidium des AVNOJ vollzog daraufhin am 30. November den formalen Akt »mit der Absicht, Genossen Josip Broz-Tito, dem Oberkommandierenden, die verdiente Anerkennung zu erweisen für die geniale Leitung der Operationen der Volksbefreiungsarmee und der Partisanenabteilungen Jugoslawiens und für die Fähigkeit und Beharrlichkeit, die er bei ihrer Schaffung und bei der militärisch-politischen Anhebung auf das heutige Niveau gezeigt habe«.335

Wie sehr die Beziehungen zu Moskau bereits bröckelten, verdeutlicht Kardelj in seinen Erinnerungen: »Wir beschlossen im Voraus, Moskau darüber nicht zu informieren, weil wir überzeugt waren, dass sie opponieren würden. Wir glaubten zwar noch immer, dass sie revolutionär gesinnt seien, wollten sie aber aus taktischen Gründen nicht informieren. Sie hatten während unseres gesamten Volksbefreiungskrieges ihr Verhältnis zu uns ihren taktischen Zielen untergeordnet, die in der Hauptsache darin bestanden, mit den Amerikanern und Engländern in gutem Einvernehmen zu bleiben. Sie waren der Meinung, dass es besser sei, notfalls die Revolution in Jugoslawien zu opfern, als sich in dieser Frage mit den Engländern und Amerikanern ins Gehege zu kommen. Uns war bewusst, dass wir uns auf sie nicht verlassen dürfen und die Russen beiseitelassen müssen, wenn wir durchkommen wollen.«336 »Durchkommen« bedeutete natürlich, die aus der neuen Souveränität resultierenden staatsrechtlichen Zuständigkeiten auch formal zu übernehmen.

Wie in Bihać während des ersten AVNOJ sorgte die Führung der KPJ auch in Jajce dafür, dass die Versammlung völlig ihrem Willen unterworfen war. Die Beschlüsse wurden einstimmig und mit Applaus gefasst, ohne Diskussion.337 Das föderative und republikanische Jugoslawien entstand letztlich auf die gleiche Weise wie das Königreich der Karađorđevićs. Obwohl sich der zweite AVNOJ als »oberster Vertreter der Souveränität der Völker und Länder Jugoslawiens als Ganzes« bezeichnete, war er in Wirklichkeit wieder nur der Ausdruck des Willens und der Interessen einer kleinen Gruppe, die sich wegen ihrer militärischen Macht die Organisation des neuen Staates nach eigenen Vorstellungen erlauben konnte, wobei sie auch keine Rücksicht auf ihre Moskauer Schutzmacht nahm. »Die neue Klasse«, schreibt Đilas in seinen Erinnerungen, »war von der Abspaltung vom Alten und von der Untreue gegenüber unseren geistigen Vätern« geprägt.338

Tito stellte zwar in seinem Einleitungsreferat entschieden in Abrede, dass der Volksbefreiungskampf »eine rein kommunistische Angelegenheit, eine Bolschewisierung des Staates, ein Versuch der Kommunisten, an die Macht zu kommen« sei. Das sei Propaganda aus Goebbels Küche, die von den Besatzern und ihren Quislingen verbreitet werde.339 Dementsprechend bezog der AVNOJ keine Stellung zu den zukünftigen sozialwirtschaftlichen Beziehungen, aber allein die Tatsache, dass er für sich alle politische Macht forderte und sich als Staatsorgan präsentierte, als »Organ der Revolution und der Macht«, wenn wir Kardelj zitieren, deutete an, in welcher Richtung sich Jugoslawien auch auf diesem Gebiet entwickeln würde.340 In Jajce waren weder die Vertreter Mazedoniens noch die Vertreter des engeren, noch monarchistisch ausgerichteten Serbiens anwesend. Es überwogen die Kroaten und Slowenen. Zwei Kroaten wurden in die wichtigsten Funktionen gewählt: Tito zum Vorsitzenden des Nationalen Komitees der Befreiung Jugoslawiens, das alle Zuständigkeiten einer Regierung hatte, und Ivan Ribar zum Vorsitzenden des AVNOJ. Neben Tito spielten bei der Formulierung der Abschlüsse zwei Slowenen eine Schlüsselrolle. Dies führte dazu, dass in serbischen Kreisen die These zu kursieren begann, dass es in Jajce unter dem Diktat der Kroaten und Slowenen zu einer Verschwörung gegen Serbien gekommen sei.341 »Die Tatsache, dass die gegenwärtige Partisanenregierung in Bosnien – Ribar-Tito – von allen alliierten Mächten anerkannt und unterstützt wird«, heißt es in einem Bericht, den Ende Dezember eine Abteilung der Sonderpolizei in Belgrad für das Präsidium des Ministerrats und den Innenminister erstellte, »und dass dieses Ereignis im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der ganzen Welt steht, hat in der serbischen Öffentlichkeit allgemeine Verunsicherung und Besorgnis ausgelöst. Von allen verlassen liegt Serbiens Schicksal in den Händen gerade jener – Nicht-Serben –, derentwegen es bis heute am meisten gelitten hat. Nach dem Krieg wird es sehr schwer werden, dass sich das serbische Element in diesen Ländern von der schrecklichen kommunistischen Seuche befreit, sodass es nach allgemeiner Überzeugung sogar zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommen wird, solange die kommunistischen Vagabunden nicht ausgeschaltet sind.«342 Dabei ist interessant, dass auch die serbischen Kommunisten fürchteten, dass Serbien seine Rolle als jugoslawisches »Piemont« – als vereinigendes Zentrum – verlieren könnte, während man sich unter den kroatischen und slowenischen Kommunisten sorgte, ob es in der geplanten Föderation tatsächlich zu einer wirklichen und nicht nur formalen Gleichberechtigung kommen würde. Nach der Beschlussfassung des AVNOJ versuchte Tito diese Zweifel verstummen zu lassen und traf sich zu diesem Zweck einzeln mit der kroatischen und der slowenischen Delegation, wobei er ihnen mehr versprach, als er später halten konnte. Auf die Frage von General Jaka Avšič, ob die slowenische Armee auf ihrem Territorium ihre Kommandosprache beibehalten werde, antwortete er entschlossen: »Klar, ihr seid die slowenische Armee und müsst daher die slowenische Sprache verwenden …«343

Doch die zweite Tagung des AVNOJ wurde auch von einer Nachricht überschattet, die vor allem Tito schwer traf. Diese war, dass Ivo Lola Ribar am 27. November 1943 bei einem Luftangriff auf Glamočko Polje, von wo aus er als Chef der Militärmission beim alliierten Mittelmeer-Kommando nach Kairo hätte fliegen sollen, sein Leben verloren habe. Als Tito die Nachricht gelesen hatte, ließ er das Telegramm sinken, stützte sich mit den Händen auf den Tisch und sagte: »Einen Pfeiler haben sie mir zerstört.« Danach erwartete ihn eine der schwersten Aufgaben in seinem Leben. Dem alten Ivan Ribar, dem die Ustascha schon seine Frau ermordet hatte, auch die Nachricht vom Tod des jüngeren Lola und des älteren Sohnes Jurica zu überbringen, der in diesen Tagen ebenfalls im Kampf gefallen war. Ribar schwieg, dann umarmte er Tito: »Schwer ist dieser unser Kampf …«344 Auch in Verbindung mit dem Tod von Ivo Lola Ribar fehlte es nicht an Gerüchten und Verdächtigungen, ob dabei nicht Verrat im Spiel gewesen sei. Während Vladimir Velebit, der im Augenblick des fatalen Angriffs an Ribars Seite gestanden hatte, das entschieden verneinte, da es sich nur um einen tragischen Zufall gehandelt habe, war Tito anderer Meinung.345

Tito, Kardelj und ihre Mitarbeiter informierten erst nach Beendigung der Tagung Moskau über die Beschlüsse des zweiten AVNOJ. Auf ihre Depesche hin erfolgte keine Antwort. »Gewöhnlich antworteten sie schnell, aber dieses Mal gaben sie überhaupt keinen Laut von sich. Nachzusetzen wagten sie nicht, weil sie nicht wussten, wie die Sache ausgehen würde.« So weit Kardelj.346 Weil Stalin während des Krieges lange Zeit fürchtete, es könnte zu einem Separatfrieden zwischen Deutschland und Großbritannien kommen, wollte er in London nicht den Verdacht erwecken, auf dem Balkan »revolutionäre« Absichten zu hegen. Deshalb kommentierte er wütend, dass die Beschlüsse des zweiten AVNOJ ein Messer in den Rücken der Sowjetunion seien. Moskau war zudem durch die Tatsache beunruhigt, dass die neuen jugoslawischen Führer die frühere Hegemonie der Serben nunmehr durch eine Hegemonie der Kroaten ersetzen wollten. »Ihr müsst berücksichtigen«, schrieb Dimitrow an Tito, »dass es über diese Frage viel Spekulation in verschiedenen anglo-amerikanischen Kreisen gibt.«347 Aus diesen Gründen musste Radio Freies Jugoslawien mehr als zwei Wochen lang über die auf der Tagung gefassten Beschlüsse Schweigen bewahren. Erst als klar wurde, dass die britischen und amerikanischen Reaktionen nicht ablehnend waren und als man in der gesamten Weltpresse von Jajce lesen konnte und alle Radiosender von Titos Sieg sprachen, durfte eine Mitteilung gesendet werden, in der die Sowjetregierung mittelbar und überaus vorsichtig die in Jajce gefassten Beschlüsse bestätigte und »den Führern des neuen Jugoslawien« bedeutende Erfolge bei der Vereinigung seiner Völker attestierte.348 »Erst danach bekamen wir eine Depesche«, berichtet Kardelj, »in der sie weder sagten, dass sie zustimmten, noch, dass sie nicht zustimmten, sondern nur allgemeine Rezepte gaben.«349


CHURCHILLS ILLUSIONEN UND KOOPERATION MIT DER SOWJETUNION

Tito war sich bewusst, dass er Churchill dafür dankbar sein konnte, dass sich dieser nicht öffentlich gegen das Nationalkomitee der Befreiung Jugoslawiens gewendet hatte. »Die Russen hätten nicht für uns gekämpft«, erklärte er noch Jahre später. »Aus irgendwelchen Überlegungen heraus hätte uns Stalin noch immer allein weiterkämpfen lassen. Churchills Haltung beschleunigte die innere Differenzierung der Kräfte und half mit, dass wir uns auf internationaler Ebene Geltung verschaffen konnten.«350 In ihrem Protest gegen die »Gewalt der terroristischen Bewegung«, die ihrer Meinung nach nicht den nationalen, demokratischem und sozialen Willen der jugoslawischen Völker darstellte und in großem Maße nur aufgrund der unglücklichen Unterstützung durch »einige alliierte Institutionen« erfolgreich war, blieb die königliche Exilregierung allein. Ihre kaum verhohlene Kritik an der britischen Regierung kümmerte Churchill aber nicht besonders. Nach der Rückkehr aus Teheran am 10. Dezember 1943 empfing er König Peter II. und dessen Premierminister Božidar Purić in Kairo, um ihnen seine Entscheidung in Bezug auf Tito und Mihailović mitzuteilen. Purić versuchte zu protestieren: »Sie können Serbien, Ihren Verbündeten seit 1914, nicht so verraten. Für Sie sind nur die englischen Interessen wichtig. Die gesamte Welt und die Geschichte werden ihr Urteil über Sie sprechen.« »Aber Mihailović arbeitet mit den Deutschen zusammen«, erwiderte Churchill. »Haben Sie Beweise?«, fragte Purić. »Nein, die habe ich nicht, aber ich bin überzeugt, dass er ein Kollaborateur ist.«351

Churchill war nicht ehrlich, als er erklärte, er habe über Mihailovićs Zusammenarbeit mit der Wehrmacht keine Beweise. Denn in einem am 2. Januar 1944 an Eden gesandten Telegramm sagte er, er habe entsprechende Informationen von Deakin und von Offizieren bekommen, die in Mihailovićs Gebiet gewesen seien.352 In Wirklichkeit hatte er sie vor allem mit Hilfe von Ultra bekommen, deren Geheimnis die Briten am sorgfältigsten hüteten und das er natürlich nicht dem jugoslawischen Präsidenten verraten konnte. Die Operation war so geheim, dass Informationen über sie sogar dem britischen Verwaltungs- und Militärapparat auf höchster Ebene vorenthalten wurden, was zur Folge hatte, dass Churchills Politik nicht sofort umgesetzt wurde. Das führte zum Jahreswechsel 1943/44 dazu, dass die Briten und Amerikaner (auch sie hatten Tito ihre Mission geschickt) die Partisanen unterstützten, gleichzeitig aber auch Kontakte zu Mihailović unterhielten.

Sich des deutschen Drucks auf die Befreiungsarmee bewusst, richteten die alliierten Militärdienste im Süden Italiens eine Versorgungsbasis ein, von der aus sie Waffen und Ausrüstung in den befreiten Teil der dalmatinischen Küste transportierten. Gleichzeitig hinderten ihre Flugzeuge die Deutschen erfolgreich daran, sich aller dalmatinischen Inseln zu bemächtigen. Militärkreise in Kairo beschlossen hinsichtlich Mihailović, ihn noch einmal auf die Probe zu stellen: Im Dezember 1943 forderte ihn das alliierte Kommando auf, er solle zwei Brücken zerstören und so den Verkehr zwischen Belgrad und Saloniki blockieren. »Mitte Januar«, schreibt Oberst Bailey, der sich damals noch in Mihailovićs Generalstab befand, »wurde klar, dass die Brücken nie gesprengt werden würden.«353

Unter dem Druck der Sechsten Offensive, die die Deutschen in Bosnien und im Sandžak gestartet hatten, musste der Oberste Stab am 6. Januar 1944 nach 145 Tagen der Ruhe Jajce verlassen. Auf einer Sitzung des Politbüros wurde der Beschluss gefasst, dass sich seine Mitglieder in zwei Gruppen teilen sollten: Kardelj ging mit einer nach Kroatien, Tito blieb mit dem Obersten Stab in Bosnien. Die neue Offensive war nicht stark und nicht so wirkungsvoll wie die vorhergehenden zwei, aber auf Grund der winterlichen Bedingungen, unter denen sie ablief, brachte sie viele Partisaneneinheiten in größte Bedrängnis. Der Oberste Stab war nur am Rande betroffen, denn er war in das Städtchen Drvar am Fluss Unac in Westbosnien und Herzegowina ausgewichen.354 Die Stadt lag mehr oder weniger in Trümmern, deshalb hielt sich Tito in einer Höhle am rechten Flussufer auf, vor der man eine Baracke mit drei Räumen errichtet hatte. Die Höhle befand sich an der Flanke des Berges Gradina und bot einen wunderbaren Blick auf das ganze Tal. Zu ihr führten steile, in den Felsen geschlagene Stufen. Randolph Churchill, der Sohn des britischen Premiers, den Letzterer zu den Partisanen entsandt hatte, schrieb im März 1944 ironisch an seinen Vater: »Sein [Titos] Arbeitsraum ist ganz mit Fallschirmseide ausgeschlagen und ähnelt mehr dem Liebesnest einer Luxuskurtisane als dem Quartier eines Partisanenführers.355

Weil sich die Deutschen auf Dalmatien und die Inseln konzentrierten, um sich an der Adriaküste aus Furcht vor der dort erwarteten Landung der Alliierten ihre Stellungen zu befestigen, herrschte im bosnischen Hinterland Ruhe, sodass Tito auch Zeit für eine gelegentliche Partie Schach mit Ranković oder Đilas fand. Trotz der primitiven Verhältnisse, in denen sie lebten, bewahrten die Genossen einen bestimmten Stil im Benehmen, denn, wie Đilas schreibt, verwendete niemand Flüche, außer Moša Pijade, von dem der montenegrinische Schriftsteller mit einem Schuss Bosheit sagt, dass ihm die Flüche wegen seines orientalischen geistigen und sprachlichen Erbes »im Blut« steckten.356 Tito sorgte auch für seine Garderobe: Er gab einem slowenischen Schneider den Auftrag, ihm eine Uniform anzufertigen, die seinem hohen Rang entsprach.357

Inzwischen häuften sich die guten Nachrichten. Schon am 8. Januar 1944 hatte Churchill Tito darüber informiert, dass er die Beziehungen zu Mihailović abgebrochen und seine Entscheidung auch Stalin mitgeteilt habe.358 Am folgenden Tag sendete Tito eine Nachricht nach Moskau, in der er eine offizielle Anerkennung verlangte.359 Er konnte nicht anders, als seinen engsten Mitarbeitern – und auch Dimitrow – preiszugeben, dass er in telegrafischem Kontakt mit Churchill stehe und dieser ihm einzureden versuche, mit Peter II. eine Übereinkunft zu finden, damit Letzterer am Kampf gegen den Okkupator teilnehmen könne.360 Ein solches Szenario erschien aber sehr unwahrscheinlich, denn es war klar, dass für die Karađorđević-Dynastie die Zeit ablaufen würde. Jedenfalls schätzte so der jugoslawische Botschafter in Moskau Stanoje Simić, der am 10. März 1944 mit der Emigrantenregierung brach, die Lage ein.361 Und auch Fitzroy Maclean, der schon Ende des vergangenen Sommers in London geschrieben hatte, dass die Zeit gekommen sei, wo man anerkennen müsse, »dass die Partisanen mehr feindliche Divisionen binden als die britische und die amerikanische Armee in Italien zusammen und dass sie in Jugoslawien herrschen werden, was immer wir tun«.362 Am wichtigsten aber war die Tatsache, dass sich Stalin auf die Frage, wie mit dem König zu verfahren sei, Titos Position zu eigen machte. Als er sah, dass die Angloamerikaner das Volkskomitee der Befreiung Jugoslawiens als fait accompli hinnahmen, obwohl sie es offiziell nicht anerkannten, änderte er seine ablehnende Haltung gegenüber der neuen Regierung und begann sich laut Kardelj zu verhalten, »als würde er sie anerkennen «.363 Er tat noch mehr: Schon bei der Rückkehr aus Teheran befahl er während eines Zwischenaufenthalts auf dem Flugplatz in Baku dem Chef der sowjetischen Luftwaffe Alexander J. Golowanow, sofort Militärhilfe für die Partisanen zu organisieren (wenngleich die Waffen erst Ende April 1944 einzutreffen begannen).364 Als Premier Purić dem sowjetischen Botschafter in Kairo Nikolai W. Nowikow anbot, mit Moskau einen Freundschafts- und Kooperationsvertrag für zwanzig Jahre abzuschließen, antwortete Letzterer am 22. Dezember 1943 negativ. »Ich habe Ihnen acht Millionen Serben angeboten«, kommentierte Purić vorwurfsvoll, »und Sie wollen sie nicht.«365 Über Dimitrow teilte Stalin am 9. Februar 1944 Tito mit, dass man sowohl Draža Mihailović wie auch die Regierung in Kairo entmachten müsse: Die einzig legitime Macht in Jugoslawien seien der AVNOJ und sein Volkskomitee. »Wenn König Peter alle diese Bedingungen annimmt, wird der AVNOJ sich nicht weigern, mit ihm zusam menzuarbeiten, wobei das Volk die Frage der Monarchie nach der Befreiung Jugoslawiens lösen wird.«366 Den Brief schrieb Tito darauf wörtlich ab und leitete ihn als seine Bedingungen an Churchill weiter.367

Das Telegramm aus Moskau an den Obersten Stab wurde von den britischen Geheimdiensten abgefangen, was den Briten die Möglichkeit bot, Einblick in die enge Zusammenarbeit zwischen Tito und Stalin zu nehmen.368 Das aber hinderte Churchill nicht, weiterhin zu glauben, er könne mit seinem politischen Geschick in Jugoslawien einen gewissen Einfluss für Großbritannien und seine finanziellen Interessen wahren. Anfang 1944 schrieb er: »Unsere Politik muss auf drei neuen Faktoren gründen: Die Partisanen werden in Jugoslawien herrschen. Sie sind für uns vom militärischen Blickwinkel aus so wichtig, dass wir ihnen alle Unterstützung anbieten müssen, wobei wir politische Bedenken militärischem Denken unterordnen. Es ist sehr fraglich, ob wir in Jugoslawien mit der Monarchie als verbindendem Faktor noch rechnen dürfen.«369 Mitte Februar entschloss sich seine Regierung, die Kontakte zu den Tschetniks auch formal abzubrechen, und gab dem militärischen Personal, das noch bei Mihailović oder seinen Einheiten war, den Befehl, zurückzukehren. Am 22. Februar hielt Churchill im Parlament eine Rede, in der er die Grundzüge seiner Politik skizzierte und dabei einen Lobgesang auf Tito anstimmte, »diesem außerordentlichen Führer, der sich in der Schlacht um die Freiheit ausgezeichnet hat«. Er betonte auch, dass sich Großbritannien, wenn es Mihailović die Unterstützung aufkündige, damit nicht von König Peter II. abwende, obwohl es den jugoslawischen Völkern nicht die Monarchie aufzuzwingen gedenke.370 Kurzum, Churchill versprach Tito Militärhilfe, erkannte ihn aber nicht als politischen Vertreter Jugoslawiens an in der Hoffnung, dass sich zwischen ihm und dem König noch eine Möglichkeit der Koexistenz finden lasse. Dabei hoffte er, dass die serbischen Bauern sich der Marx’schen Ideologie widersetzten und dass die »serbischen Kräfte« dem Ideal des Volksbefreiungskampfes entfremdet seien. Nur wenn Tito mit dem König einen Kompromiss erziele, könne er alle jene vereinen, die gegen die ausländischen Aggressoren Widerstand leisten.371 Tito war zwar von Churchills Rede »begeistert«, nicht aber überzeugt, was dieses letzte Argument anging.372 Im Gegenteil, er behauptete, die serbischen Bauern hätten keine Sympathie für den König. »Das werden Sie erkennen, wenn wir unsere Kräfte auf Serbien ausrichten.«373

Die TASS meldete am 5. Februar, dass die Sowjetregierung den Vertrag über eine Zusammenarbeit nach dem Krieg, wie sie der Präsident der Exilregierung vorgeschlagen habe, ablehne. Das bedeutete im Wesentlichen, dass man schon mit einem neuen, von Tito geführten Jugoslawien rechnete.374 Moskau tat noch ein Übriges: Es beschloss, mit dem Obersten Stab nicht wie bisher nur auf der Parteiebene Beziehungen zu unterhalten, sondern auch eine Militärmission zu entsenden. Diese traf am 23. Februar 1944 tatsächlich in Drvar ein und wurde von den Partisanen begeistert begrüßt, obwohl man nicht sagen konnte, dass ihnen die Art und Weise gefiel, die die Russen für ihre Landung gewählt hatten. Sie waren nämlich nicht, wie die Engländer, mit Fallschirmen abgesprungen, sondern hatten Lastensegler mit der Begründung verwendet, dass der Leiter ihrer Mission, Generalmajor Nikolai Wassiljewitsch Kornejew, schon bejahrt und darüber hinaus ein Kriegsinvalide sei (er war bei Stalingrad am Bein verwundet worden). Zum Trost geriet ihnen aber die Tatsache, dass er unter allen Leitern der Militärmissionen den höchsten Rang bekleidete und dass er nicht beim Obersten Stab, wie etwa die Briten und Amerikaner, sondern beim AVNOJ akkreditiert war.375 Am 24. Februar hielt Tito einen ersten festlichen Empfang für die Vertreter der ausländischen Streitkräfte, auf dem er sich in der neuen Marschalluniform zeigte.376

Schon zwei oder drei Wochen nach der Ankunft der Russen erzählte er seinen Mitarbeitern etwas verlegen und zugleich mit Stolz, dass ihn Kornejew während dem abendlichen Trinkgelage mit »Oska, Oska«-Rufen, einer russischen Variante für Josef, umarmt, geküsst und geherzt habe.377 In einem Interview, das er im April 1944 dem Journalisten Joseph Morton für Associated Press gab – es war sein erstes Interview mit einem westlichen Journalisten –, erklärte er, dass es in der Partisanenbewegung keine »prosowjetischen« Elemente gebe.378 Die Wirklichkeit war eine völlig andere.

Im Frühjahr 1944 befand sich Tito in der angenehmen Situation eines Mädchens, das unter zwei Freiern wählen kann: Russen wie Briten waren voller Lob für die Erfolge der Partisanenarmee. Das britische Konzept der politischen Nachkriegsordnung des Mittelmeerraums stützte sich auf die Restauration freundschaftlich verbundener Monarchien in Italien, Albanien, Jugoslawien und Griechenland. Diese Visionen lag Churchill nicht nur wegen seiner royalen Sympathien am Herzen, sondern auch wegen der Überzeugung, dass die einheimischen Dynastien die englische Vorherrschaft in diesen Ländern sichern würden. Sir Winston vertraute im jugoslawischen Fall auf sein diplomatisches Geschick und setzte von einem Pferd aufs andere in der Überzeugung, letztlich doch als Sieger ans Ziel zu gelangen. In Tito aber hatte er einen Gegner gefunden, der fähig war, seine Absichten zu verbergen und einen Dialog ohne zuvor errichtete Barrieren zu führen, zugleich aber die immer umfangreichere Unterstützung der Alliierten für die Festigung der eigenen Machtposition zu nutzen. Auch wegen der Halsstarrigkeit der großserbischen Elemente in der Exilregierung gelang es ihm, die Gespräche über eine Zusammenarbeit mit ihr bis zum späten Frühjahr hinauszuzögern, was er dazu nutzte, den Durchbruch seiner Einheiten nach Serbien zu organisieren und dort eine Widerstandsbewegung zu bilden. Das sollte die Machtverhältnisse stark zu seinen Gunsten verändern.379

Auf der Suche nach einem Übereinkommen mit Tito hinsichtlich der Monarchie versuchte Churchill in den ersten Monaten des Jahres 1944 Peter II. zu überreden, sich selbst von Mihailović, diesem »Mühlstein um seinen Hals«, loszusagen.380 Das war alles andere als einfach, die serbischen Politiker der Exilregierung opponierten entschieden gegen eine solche Idee. Der britische Premier war natürlich nicht der Mann, der erlaubt hätte, dass »die Fallstricke der serbischen Politik« seine Pläne behinderten: Zuerst beschloss er gegen den Tschetnikführer einen Militärputsch zu organisieren, als er aber einsah, dass es in Mihailovićs Umgebung keinen Offizier gab, der eine derart anspruchsvolle Aufgabe hätte übernehmen können, ließ er diese Idee fallen. »Schade«, kommentierte Eden, stellte aber gleichzeitig fest, dass man die jugoslawische Exilregierung so bald wie möglich stürzen und Mihailović aus ihr aussondern müsse. Anfang März 1944 kehrte Peter II. aus Kairo nach London zurück, um sich mit der griechischen Prinzessin Alexandra zu vermählen. Bei dieser Gelegenheit sprach er sowohl mit dem britischen Premier als auch mit dem Außenminister, die ihn beide, anfangs erfolglos, zu überzeugen suchten, er solle sich ihre Richtung zu eigen machen. Um seinen Einfluss in Jugoslawien zu verstärken, ließ Churchill Tito große Mengen Waffen und Lebensmittel für die hungrige Bevölkerung im befreiten Gebiet zukommen. Eine wichtige Rolle dabei spielte in seinen Plänen Serbien, denn er war noch immer überzeugt, dass es der Partisanenbewegung gegenüber größtenteils feindselig eingestellt war und dass Tito diese Tatsache zu berücksichtigen hätte. Der Marschall verfügte jenseits Flusses Ibar tatsächlich über kaum mehr als eintausend Kämpfer, während Mihailović auf mindestens 20 000 Mann und wenigstens 45 000 Reservisten zählen konnte (hinzu kamen noch die Kräfte, die unter Nedićs und Ljotićs Kommando standen). Diese Machtbalance war nach Churchills Meinung nicht völlig negativ zu bewerten, ermöglichte sie doch diplomatische und militärische Manöver mit dem Ziel, die Serben zu Titos Fahnen übertreten zu lassen. Tito aber käme, nachdem sich seine Armee mit königstreuen Soldaten verstärkt hätte, unter britischen Einfluss. Als Erstes galt es, einen neuen Präsidenten der jugoslawischen Regierung zu wählen, der sowohl für Tito als auch für Peter II. annehmbar wäre und der in Jugoslawien, vor allem in Serbien, beliebt und zugleich fähig wäre, die schwierige Operation gemäß Churchills Vorstellungen durchzuführen.

Einen solchen Menschen zu finden, war nicht leicht, waren doch alle serbischen Exilpolitiker Anhänger Draža Mihailovićs und zur Zusammenarbeit mit den Kommunisten nicht bereit. Am Ende musste sich der britische Premier mit einem nicht-serbischen Kandidaten, mit Ivan Šubašić, zufriedengeben, für den sich die Amerikaner und ihre Geheimdienste starkmachten. Der letzte kroatische Banus hatte außer dieser Unterstützung noch manch anderen Vorzug: Er war Anhänger der Dynastie, andererseits verheimlichte er schon seit Langem nicht seine Sympathie für Tito und dessen Widerstandsbewegung. Und das, obwohl er vor dem Krieg die Kommunisten in Kroatien verfolgt hatte. Im Mai 1944 kam er auf Churchills Initiative hin aus den USA nach London und begann sofort Gespräche über die Zusammensetzung der neuen Regierung in der naiven Hoffnung, die alte Ordnung retten zu können. König Peter II., der aus diesem Spiel ausgeschlossen war, fühlte sich in seiner Würde verletzt, umso mehr, als Churchill ohne seine Zustimmung die Bildung einer neuen jugoslawischen Regierung bereits im Parlament angekündigt hatte. Gemeinsam mit Purić versuchte er sich zu widersetzen, aber als er sich vor vollendete Tatsachen gestellt sah und ihm trotz ausgeprägter Serbophilie auch Roosevelt den Rücken kehrte, war er Ende März zum Nachgeben gezwungen. So entstand eine neue Regierung, die etwas seltsam war, denn Šubašić hatte neben der Position des Präsidenten zugleich die Funktion alle anderen Minister übernommen, auch die von Draža Mihailović, der per königlichem Dekret vom 8. Juli 1944 seines Amtes als Kriegsminister enthoben war.381

Die Position Jugoslawiens im Nachkriegseuropa, über das die britische und sowjetische Regierung bereits intensiv nachdachten, wurde plötzlich überaus aktuell, wovon die Tatsache zeugt, dass am 1. April 1944 Churchill gegenüber Eden besorgt die »grandiose sowjetische Mission« bei Tito erwähnte und dass Tito seinerseits einige Tage später seine Militärmission nach Moskau entsandte. Angeführt wurde sie von General Velimir Terzić, die bedeutendste Persönlichkeit in ihr aber war Milovan Đilas, der in seinen Gesprächen mit Molotow und Stalin betonte, dass die neuen jugoslawischen Führer in der Sowjetunion das verheißene Land sähen. Mehr noch, nach Moskau ging er sozusagen zum Rapport in der Erwartung, im Kreml Lobesworte für die gut verrichtete Arbeit zu hören. An denen fehlte es nicht und als Đilas Stalin um ein Darlehen bat und sich zugleich zu versichern beeilte, dass die Jugoslawen es nach dem Krieg zurückzahlen würden, brauste Stalin geradezu auf: »Ihr beleidigt mich. Ihr vergießt euer Blut und wollt, dass ich von euch Geld für Waffen nehme. Ich bin kein Krämer, wir sind keine Krämer!«382 Đilas schloss aus diesem Gespräch zweierlei: dass die jugoslawischen Kommunisten von nun an auf sowjetische Unterstützung zählen könnten und dass sie aus opportunistischen Gründen auch weiterhin gute Beziehungen zu den westlichen Alliierten unterhalten müssten, allerdings nicht ohne Vorsicht, denn die waren zu allerlei fähig – wobei sogar ein Attentat auf Tito nicht auszuschließen war. So begann zwischen Jugoslawen, Sowjets und Briten ein subtiles Spiel, dessen Ziel die Absicherung des politischen Einflusses auf dem Balkan und dessen einzige Regel das gemeinsame Bewusstsein war, dass man zuerst die Deutschen besiegen müsse. Auf eine sowjetische Parteinahme für die jugoslawischen Partisanen brauchte man nicht lange zu warten: Schon am 22. April teilten die Sowjets den Briten mit, dass man so eng wie möglich mit Tito zusammenarbeiten müsse. Anfang Mai richteten sie in Bari tatsächlich eine eigene Basis mit zehn Transportflugzeugen für die Versorgung der Volksbefreiungsarmee ein und ließen der Partisanenarmee Orden und Dienstgrade zukommen. Churchill beobachtete das alles mit finsterer Miene und voller Besorgnis und begann schon von einer Teilung der Einflusssphären auf dem Balkan zu sprechen.383

In Titos Oberstem Stab wurde Churchills Politik mit wachsender Unruhe gesehen und wurde als Beweis für die imperialistischen Ambitionen der Briten betrachtet. Doch Tito reagierte gelassen und bemühte sich die Kritik der Briten zu entkräften, dass die Serben nicht auf seiner Seite stünden. In einem Interview mit englischen und amerikanischen Journalisten, das am 16. Mai 1944 in der Times erschien, erklärte er nachdrücklich, dass sich seine Truppen aus 44 Prozent Serben, 30 Prozent Kroaten, 10 Prozent Slowenen, 5 Prozent Montenegrinern, 2,5 Prozent Mazedonier und ebenso vielen Muslimen zusammensetzten. Dabei verschwieg er natürlich, dass die Mehrzahl der Serben aus dem Gebiet westlich der Drina stammten, also aus der ehemaligen habsburgischen Monarchie, und dass die Führung der KPJ in Serbien selbst in der letzten Zeit mehrfach den Aufstand geprobt hatte, wenngleich ohne Erfolg.384

Dabei erhielt er weiterhin Rückendeckung durch die Sowjetunion. Mitte April 1944 sandte er ein Telegramm nach Moskau, in dem er über die bulgarischen Kommunisten und über Dimitrow selbst hinsichtlich ihrer Haltung zur mazedonischen Frage Klage führte. Über General Kornejew sandte ihm Stalin eine beruhigende Antwort, nach der er keine Entscheidung hinsichtlich Mazedoniens akzeptieren werde »ohne euer Einverständnis«. Mehr noch, Stalin skizzierte darin seine Vision der Nachkriegsordnung auf dem Balkan und betonte, dass er seinen Hauptstützpunkt in Südosteuropa in Jugoslawien sehe. Dieser Haltung solle sich auch Bulgarien anschließen, wenn es sich dem Pakt mit den Deutschen entledigt und sich mit der Sowjetunion verbündet haben würde. Der einzige für Tito unangenehme Punkt im erwähnten Text war Stalins Bemerkung, dass es »in unserem Plan keine Sowjetisierung Jugoslawiens und Bulgariens « gebe.385


›UNTERNEHMEN RÖSSELSPRUNG‹

Im Frühjahr 1944 stand die Natur im Becken von Drvar in voller Pracht: In den Bergen donnerten plötzliche, aber kurze Gewitter, durch die Wolken brachen Garben hellen Lichts, überall rauschte Wasser zu Tale. Das ganze Tal stand in Grün und Blüte.386 In diese Idylle brach am 25. Mai 1944 – dieser Tag wurde als offizieller Geburtstag Titos begangen387 – der deutsche Angriff ein. Es handelte sich um das Unternehmen Rösselsprung, bei der das XV. Gebirgskorps zusammen mit Infanterieeinheiten aus Bihać, Knin und Livno Tito töten oder gefangen nehmen sollte. Die Deutschen hatten in größter Heimlichkeit eine Operation vorbereitet, mit der sie Drvar einzukesseln und mit Fallschirmspringern einzunehmen planten. Zu diesem Zweck setzten sie ein »Strafbataillon« ein, das aus verurteilten ehemaligen Offizieren bestand. Die starteten vom Zagreber Flugplatz, wobei man ihnen erst zwei Stunden vorher ihren Auftrag erklärte.388 Der Angriff, an dem auch 2 000 Mann der Elite-Division Prinz Eugen teilnahmen, begann für Tito so unerwartet, dass er fast von Erfolg gekrönt worden wäre. Zwar hatte der Oberste Stab Informationen, die auf einen Angriff hindeuteten, und hatte daher die Erste proletarische Division unter Koča Popovićs Führung zu Hilfe gerufen. Zudem siedelte Tito, da die Baracke über dem Wasserfall vor der Höhle bei Drvar keine günstige Lage hatte, in das nahe gelegene Dorf Bastasi über. Aber die Partisanen hatten mit einem Angriff im April gerechnet. Als dieser ausblieb – die Deutschen hatten ihrerseits von der Truppenkonzentration erfahren –, zog Popović mit seinen Leuten wieder an die Front. In der Überzeugung, dass keine Gefahr bestünde, war Tito am 24. Mai nach Drvar zurückgekehrt, wo er für die Mitglieder der Militärmissionen, dar unter auch Churchills Sohn Randolph und der Abgesandte General Eisenhowers Robert Crawford, ein Abendessen gab. Die Nacht verbrachte er in der Höhle.

Im Morgengrauen des 25. Mai 1944 wurde Tito schließlich vom Angriff überrascht. Am Himmel erschienen so viele Flugzeuge wie nie zuvor in der Zeit des Partisanenkampfes. Eine halbe Stunde lang bombardierten sie die Stadt, dann erschienen Transportflugzeuge, die lärmend über dem Tal von Drvar kreisten. Aus ihnen lösten sich neben Fallschirmspringern auch Lastensegler, die in steilen Bogen und Kurven auf Wiesen und Felder niedergingen. Sie waren voll deutscher Soldaten, von denen jeder ein Foto von Tito in der Tasche hatte, denn ihre Aufgabe war es vor allem, ihn zu fassen oder zu töten.389

Zuerst sah die Lage nicht besorgniserregend aus, aber als nach dem ersten Luftangriff Fallschirmspringer über Drvar absprangen und als auf der Flur unweit der Höhle, wo sich Tito mit seiner Begleitung aufhielt, mit Soldaten besetzte Lastensegler landeten, wurde die Sache brenzlig. Die erste Welle der Angreifer wurde zwar abgeschmettert, aber es kamen mehr und mehr. Der Stoßtrupp Panther – 110 Mann – kämpfte sich in Richtung Friedhof vor, weil dort in der Nähe der Oberste Stab vermutet wurde.

Als sich die Einheit Panther bewusst wurde, dass sie ins Leere stieß und dass die stärkste Verteidigung um die Höhle von Drvar stand, nahm sie sofort die Höhle unter Beschuss, sodass niemand hinaus konnte.390 Titos Leibwache war zur Verteidigung gezwungen. Die Genossen aus dem Obersten Stab drängten Tito zum Rückzug, solange er noch möglich sei. Offensichtlich beunruhigt, wenn nicht sogar in Panik, fragte er, ob die Fallschirmspringer auch auf dem Plateau oberhalb der Höhle gelandet seien. Weil ihm das niemand sagen konnte, wies er den Rat mit der Begründung zurück, er werde nicht vor die deutschen MGs hinaustreten. »Ich will ihnen nicht direkt in die Hände fallen!«, rief er aus. Das Ihre trug auch Zdenka bei, die mit ihrem Geschrei das allgemeine Durcheinander noch vergrößerte und ihre Position zu verraten drohte. Die Kämpfer standen kurz davor, sie an Ort und Stelle zu erschießen. Unter ihnen auch Ranković.391 Auch der Hund Tiger hörte nicht auf zu bellen, sodass Tito mehrmals nach der Pistole griff, um ihn zu erschießen, was er aber doch nicht übers Herz brachte.392 In dieser bedrängten Lage bewahrte nur Ranković kühles Blut. Gemeinsam mit Žujović und Jovanović beschloss er die Höhle zu verlassen und die Verteidigung zu organisieren. Er schlug sich durch das Feuer bis zum Bereitschaftsbataillon durch und schickte einen Kurier zur Offiziersschule, die sich oberhalb der Höhle befand, mit dem Befehl an die Teilnehmer, in den Kampf einzugreifen. »Wir haben keine Waffen«, wurde ihm geantwortet, »aber wir werden alles tun. Wir werden ihnen die Waffen abnehmen.« Alle waren bereit, für den Oberbefehlshaber zu sterben. Es kam zum Kampf bis aufs Messer, der aber nicht verhindern konnte, dass die Deutschen weiter in Richtung Höhle vordrangen.

Der einzig mögliche Fluchtweg führte über eine Felswand, an der sie aber für die feindlichen Soldaten »wie auf dem Präsentierteller« gewesen wären. Ohne Begleitung und Feuerschutz kletterte Ranković den Berg hinauf, gelangte auf das Plateau, und stellte fest, dass dort keine Deutschen waren. Währenddessen wurde die Situation in der Höhle immer dramatischer. Kardeljs Begleiter Vlado, der von Zeit zu Zeit zum Ausgang ging, um sich vom Geschehen ein Bild zu machen, bezahlte seine Kühnheit teuer. Eine feindliche Kugel traf ihn direkt in die Schläfe: Das Blut spritzte an die Wand der Höhle, ein Teil des Hirns rann in die unter seinen Kopf gelegte Kappe. Tito befahl seinem Adjutanten Nikica Prlja, ihm den Gnadenschuss zu geben, was Letzterer nach kurzem Zögern auch tat. »Ruhm sei dem Genossen Vlado«, sagte Tito und kniete neben dem Leichnam des gefallenen Kämpfers nieder. Erst gegen halb elf, als alles verloren schien, schickte Ranković über Žujović eine kurze Mitteilung mit einer Handlungsanleitung: Er müsse sich auf das Bergplateau zurückziehen, wo es keine feindlichen Einheiten gebe. Žujović stieg vom Plateau ab, zuerst durch den Wald, dann über den Bach, und erschien wieder in der Baracke. Er fand Tito in seiner Marschall- und Zdenka in Soldatenuniform vor. Offenbar hatte sie ihn überredet, sich den Deutschen zu ergeben. Žujović reagierte ungehalten. Er ergriff einen Revolver und begann zu schreien: »Was bedeutet das? Du hast die Paradeuniform angelegt, aber du musst wissen, dass du ihnen nicht lebend in die Hände fallen wirst. Geh raus, alter Feigling! Du willst dich den Deutschen ergeben und als Kommandant den Kopf retten, und gleichzeitig unseren Kampf zerstören und verraten?!« Unter Gewaltandrohung zwang er ihn, den Unterstand zu verlassen, und sorgte dafür, dass Davorjanka ihnen folgte.393 Über den steilen Pfad, der zur Baracke hinaufführte, war ein Entkommen nicht möglich, weil er unter Dauerfeuer lag. Žujović schlug daher vor, den Holzboden unter der Baracke durchzuschlagen und sich zum Bett des Baches abzuseilen, der durch die Höhle floss, an der Stelle, wo sich bei Regen über einem steilen Felseinschnitt ein kleiner Wasserfall bildete. Das Bachbett war trocken und vor allem aber bot es Schutz vor dem deutschen Feuer. Aus Fallschirmseilen flochten sie ein Tau, an dem sie sich etwa fünfzehn Meter in die Tiefe hinabließen. Von dort gingen sie nach links zu einer größeren Felswand, von dort in der brennenden Mittagshitze schräg hinauf zum Gipfel des Berges. »Das Bett des Wildbaches, durch das wir uns absetzten«, erzählte später Kardelj, »war voller Felsen und stark zerklüftet, sodass wir gute Deckung hatten, aber natürlich mussten wir beim Abseilen sehr vorsichtig sein und auch in der Steilwand, wo wir hinter den Büschen auf allen Vieren bergauf krochen.«394 Vor der Felswand stand Žujović, der den Weg wies. Kardelj mussten sie wegen seines verkrüppelten Fußes bald tragen.

Sie hatten die Höhle kaum verlassen, als gegen 11 Uhr 30 eine neues Feindgeschwader herankam. Der Himmel war voller Fallschirme, aber Titos Gruppe war fast schon gerettet. Gebückt, um kein offenes Ziel für die feindlichen Maschinengewehre zu bieten, krochen sie von Busch zu Busch schräg hinauf über die bewachsene Flanke. Jeder hastete in seiner eigenen Richtung zur Hochfläche hinauf. Tito war so erschöpft, dass er ein oder zwei Mal fast ohnmächtig wurde. Auf dem Plateau, das er deutlich später als die anderen erreichte – was Kardelj, Ranković und die anderen in große Unruhe gestürzt hatte –, waren sie endlich wieder alle zusammen. Ranković und Tito umarmten sich mit Tränen in den Augen. »Wo sind die ausländischen Missionen?«, fragte ihn Tito. Ranković erklärte, dass die Russen außer Gefahr seien.395 Inzwischen hatten sich die Partisaneneinheiten, denen die Erste dalmatinische Brigade zu Hilfe geeilt war, organisiert und waren zum Gegenangriff übergegangen. Der war so entschlossen, dass sich die Deutschen bald in Schwierigkeiten befanden: Vor der völligen Vernichtung rettete sie eine motorisierte Kolonne, die am nächsten Tag aus Bihać zu Hilfe kam.396

Der deutsche Plan hatte einfach und überzeugend geklungen: eine kombinierte Operation aus der Luft und zu Lande, mit der sie den Oberkommandierenden gefangen nehmen und anschließend in den umliegenden Bergen noch die Hauptstreitmacht der Partisanenarmee vernichten wollten. Doch alles, was sie von Tito in die Hände bekamen, war sein Jeep und seine neue Marschalluniform. Diese hatten sie als Trophäe im Wiener Arsenal ausgestellt, dort, wo der junge Broz seinen Dienst in der kaiserlich-königlichen Armee angefangen hatte. Als das Arsenal später bombardiert wurde, verbrannte auch die Uniform.397 Sie erbeuteten auch die Tagebücher Randolph Churchills und Vladimir Nazors, aber das war alles.398 »Hitler war wütend, als er erfuhr, dass sie Tito nicht gefangen hatten. Er schrie: Verrat!«, notierte Glaise von Horstenau in seinem Tagebuch.399

Doch mit der Flucht aus Drvar waren die Mitglieder des Obersten Stabs noch längst nicht in Sicherheit: Sie irrten umher und kamen an den Fuß des Šator-Gebirges, wo sie mit Mitgliedern der alliierten Missionen zusammentrafen. Diese hatten sich nicht im deutschen Kessel befunden und hatten daher leicht auf die Hochebene oberhalb von Drvar fliehen können. Weil aus verschiedenen Richtungen gleich vier Kolonnen in Richtung Krbavsko Polje, wohin sich Tito geflüchtet hatte, vordrangen, war die Lage in den nächsten Tagen noch immer sehr kritisch. Die Deutschen besetzten in der Nacht das ganze Gebiet, sodass den Flüchtigen nur ein einziger Weg offen stand, während die Panzer der Wehrmacht gegen sie vorrückten. In dieser bedrängten Lage, verlor der russische General Kornejew die Nerven und schrie Ranković an: »Sie sind persönlich verantwortlich, wenn dem sowjetischen General und der sowjetischen Mission etwas passiert. Sie haben uns in diese Lage gebracht.«400 Er verlangte, dass er und seine Leute mit dem Flugzeug nach Bari gebracht werden sollten. Ranković griff diese Idee sofort auf und schlug vor, Tito solle ebenfalls nach Italien ausgeflogen werden. Der wollte zuerst nichts davon hören, seine Kämpfer alleinzulassen, aber unter dem Druck seiner Begleiter willigte er schließlich ein, über die Radiostation, die sie noch zur Verfügung hatten, Hilfe zu rufen.401

In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1944 stieß der legendäre Pilot Alexander S. Schornikow mit einem kühnen Manöver durch die niedrigen Sturmwolken und landete auf einer mit Landefeuer gekennzeichneten Rollbahn bei Kupres, wo die Mitglieder des Obersten Stabes, des Politbüros und der ausländischen Militärmissionen warteten. Das Flugzeug konnte insgesamt zwanzig Leute aufnehmen.402 Trotz des Durcheinanders rief Tito beim Einsteigen Žujović zu: »Crni, pass auf mein Pferd auf.« Der aber entgegnete erbost: »Um sein Pferd macht er sich Sorgen, und uns lässt er im Dreck sitzen!«403

Seine Ankunft in Bari versuchte Tito vor den Briten geheim zu halten und wollte daher zunächst in der sowjetischen Basis unterschlüpfen, doch konnte ihn letztlich Vlatko Velebit, der ihn am Flugplatz erwartete, davon überzeugen, in einer Villa Quartier zu nehmen, die den Jugoslawen in der apulischen Stadt zur Verfügung stand.404 Das Unternehmen Rösselsprung hatte Titos Vertrauen in die britische Regierung nicht gerade gestärkt. Es stand die Frage im Raum, woher die Deutschen die Information über seinen Aufenthalt in Drvar hatten. Das liegt auch daran, dass Stalin systematisch Misstrauen gegen die Briten schürte. Bereits im November 1943 hatte er Andeutungen über ein mögliches Attentat auf Tito von Seiten der »ausländischen Freunde« gemacht. »Vergessen Sie nicht«, hatte er später in einem Gespräch mit Đilas gesagt, »dass Flugzeuge in der Luft kaputtgehen können.«405 Als er im Februar 1944 erfuhr, dass Churchill seinen Sohn Randolph zu Tito entsandt hatte, sagte Stalin zu Marschall Golowanow: »Merken Sie sich, dass man die Söhne von Premierministern nicht einfach mit Fallschirmen abspringen lässt und dass sie nicht ohne bestimmte Absichten zu fremden Oberkommandos kommen«. Und als die Nachricht vom Angriff auf Drvar kam, den er über eine Radioverbindung aufmerksam verfolgte, kommentierte er beißend: »Ich würde gern wissen, was für Machenschaften das sind. […] Offensichtlich verlieren die Söhnchen keine Zeit …«406 Die Tatsache, dass gut eine Woche vor dem Angriff der Himmel über Drvar voller alliierter Flugzeuge war, sich aber dann um den 25. Mai keines blicken ließ, verstärkte diesen Verdacht noch. Erst am dritten Tag nach dem Angriff übernahmen die angloamerikanischen Luftstreitkräfte wieder die Lufthoheit über Westbosnien.407

Und auch der Verlauf der Rettungsaktion zeigt das Misstrauen gegenüber den Briten. Schornikow, der Tito und die russische Mission ausfliegen sollte, war vom britischen Kommandanten der RAF-Basis in Bari dahingehend informiert worden, dass die Aktion für die Nacht vom 4. auf den 5. Juni angesetzt sei, wohingegen die Aktion anderen Anweisungen zufolge eine Nacht früher stattfinden sollte. Um sich dennoch die Starterlaubnis für diese Nacht zu sichern, behauptete Schornikow gegenüber den Briten, er wolle in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni nur einen Erkundungsflug machen.408

Dabei ging die größte Gefahr für Tito nach wie vor von den Deutschen aus. Gleich nach dem Scheitern des Unternehmens Rösselsprung begannen die Planungen einer neuen Operation mit Namen Theodor. Dieses Mal beabsichtigten sie den Kollaborateur Andreas Engvird einzuschleusen, der in den dreißiger Jahren Spanienkämpfer und einer der Führer der KP der Niederlande gewesen war. Sie glaubten, dass jemand mit einer solchen Vergangenheit leicht zu Tito vordringen und ihn mit einer in einer Füllfeder versteckten Mini-Bombe umbringen könne. Aufgrund der Wachsamkeit des Sicherheitsdienstes der Partisanen gelang ihnen das auch dieses Mal nicht.409


TREFFEN ZWISCHEN TITO UND CHURCHILL

In den Wochen nach dem Unternehmen Rösselsprung flogen die westlichen Alliierten von ihren Basen im Mittelmeerraum mehr als tausend Luftangriffe auf deutsche Einheiten in Jugoslawien. Dennoch: Der Preis, den die Partisanen bezahlen mussten, war hoch: Die I. und II. Division, die am meisten unter Beschuss gewesen waren, zählten an die 6 000 Gefallene.410 Auch die Tatsache, dass sich Tito zusammen mit der Partisanenführung über Bari auf die Insel Vis hatte retten müssen, wo er am 7. Juni 1944 landete, zeigt, in welcher Krise sich die Widerstandbewegung gegen Ende des Frühjahrs befand. Der Oberste Stab musste sich nämlich dem Schutz der Briten unterstellen, die die dalmatinische Insel in eine wahre Festung verwandelt hatten. Der psychologische Schlag war so stark, dass man seine Flucht aus Angst vor der Wirkung, die diese Nachricht unter den Einheiten im Gelände haben könnte, lange geheim hielt. Das Politbüro quartierte sich in einem improvisierten Unterstand in einer Felswand des Berges Hum ein, während die Briten im Tal Weinberge rodeten und einen Behelfsflugplatz bauten, der die Verbindung mit Bari sicherstellen sollte.411 Der Rückzug auf die dalmatinische Insel wurde von Kardelj später so gerechtfertigt: »Nach Vis gingen wir deshalb, weil es ein befestigter Punkt auf dem Meer war und weil wir meinten, dass die Zeit gekommen sei, denn es war Anfang Juni 1944, der Krieg ging offensichtlich zu Ende und wir mussten nicht befürchten, dass uns die Deutschen auf Vis angreifen würden, weil sie schon ziemlich geschwächt waren, auf der anderen Seite aber hätten wir im Falle, dass wir in Bosnien geblieben wären, aus einer Offensive in die nächste gehen müssen und wären möglicherweise für einen oder zwei Monate von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Inzwischen hatte sich aber der Schwerpunkt unseres Kampfes bereits auf das außenpolitische Terrain zu verlagern begonnen. Deshalb wollten wir mit dem ZK und dem NKOJ aus dem Gebiet der Offensive heraus, um direkt intervenieren und auf die außenpolitische Situation um uns herum Einfluss nehmen zu können.«412

Die britische Gastfreundschaft verringerte Titos Misstrauen gegenüber den westlichen Alliierten keineswegs. Die Tatsache, dass die englische und die amerikanische Militärmission ihren Sitz einen Tag vor dem Angriff aus Drvar in die Umgebung der Stadt verlegt und sich auf diese Weise vom Obersten Stab abgesetzt hatten, ließ ihn eine geheime Verabredung zwischen den »Imperialisten« und den Deutschen vermuten. Die Briten sahen in Titos Anwesenheit auf der unter ihrer Kontrolle befindlichen Insel die Chance, Gespräche zwischen diesem und Šubašić in die Wege zu leiten. Obwohl die Invasion in der Normandie vor der Tür stand, sparten Churchill und Eden weder Zeit noch Energie, um dieses Ziel zu erreichen. »Noch immer unterstütze ich Tito sehr«, meldete der britische Premier dem Oberbefehlshaber der anglo-amerikanischen Truppen für den Mittelmeerraum General Henry M. Wilson. »Aber da er sich in unseren Schutzbereich auf der Insel begeben hat, wo er nicht mehr Rechte hat, als sie König Peter und der kroatische Banus haben, scheint mir das der richtige Ort für den Versuch zu sein, diese streitsüchtigen Jugoslawen zu einem Abkommen zu zwingen und die Einheit des Staates gegen die Hunnen herzustellen, was unser Hauptziel ist. Das scheint mir eine von Gott gegebene Chance und letzte Möglichkeit.«413

Churchills und Edens Beharrlichkeit, aber auch Stalins Empfehlung, man solle einen Dialog mit Šubašić nicht ausschlagen, ist es zu verdanken, dass Letzterer am 14. Juni nach Vis kam.414 Hier unterbreitete er Tito, Kardelj, Bakarić, Ribnikar und Josip Smodlaka, dem Beauftragten für Außenpolitik im Nationalkomitee, seine naiven Vorschläge: Die Volksbefreiungsbewegung solle die königliche Regierung anerkennen und mit mehreren Mitgliedern in sie eintreten, in erster Linie mit Tito, der als Kriegsminister Mihailović ablösen würde. Wie wirklichkeitsfern Šubašićs Vorschläge waren, zeigt sich auch daran, dass am 16. Juni 1944 Titos Militärmission in Moskau mit der Sowjetregierung ein Abkommen über ein umfangreiches Finanzpaket unterzeichnete.415 Es war einer der ersten internationalen Akte des neuen Jugoslawiens, der im Wesentlichen die Irrelevanz des Abkommens unterstrich, das am selben Tag auf Vis über die Zusammenarbeit zwischen den Partisanen und der königlichen Exilregierung unterzeichnet wurde. (In diese traten zwei Mitglieder der Volksbefreiungsbewegung ein, aber nicht als offizielle Vertreter des Nationalkomitees, sondern in eigenem Namen.) Mit dem Tito-Šubašić-Abkommen, über das in den folgenden Tagen detailliert und disparat auf Parteiversammlungen vor allem in Slowenien und Kroatien gesprochen wurde, erkannte die königliche Regierung die föderative Staatsverfassung an, verurteilte jede Zusammenarbeit mit dem Okkupator und rief alle einheimischen Kräfte auf jugoslawischen Boden auf, sich zu einer gemeinsamen Front gegen den Okkupator zusammenzuschließen.416 Tito erkannte von seiner Seite aus zwar die königliche Regierung an, wiederholte aber zugleich, was der AVNOJ bereits beschlossen hatte: dass über die endgültige Staatsverfassung nach Ende des Krieges das Volk entscheiden werde. (Die Tatsache, dass kein einziger Serbe am Verhandlungstisch saß, bot später der großserbischen Politik die Möglichkeit zu behaupten, es sei um eine antiserbische Koalition aus Kroaten und Kommunisten gegangen).

Mit dem Ausgang der Gespräche zwischen Tito und Šubašić konnte Churchill nicht zufrieden sein, deshalb entschloss er sich zum persönlichen Eingreifen. In einer Note, die er Juni 1944 an Eden schickte, schrieb er, dass er seine Politik gegenüber Mihailović und Tito zwar nicht ändern werde, dass er für die Unterstützung, die er Letzterem biete, aber auch etwas bekommen müsse. »Jetzt, wo er unter unserem Schutz auf Vis in Sicherheit ist, ist die beste Gelegenheit, ihm das klarzumachen.«417 Realistischer war sein Sohn Randolph, der wenige Tage nach der Unterzeichnung des Abkommens aus Kroatien an seinen Vater schrieb: »Zwei Gründe sind es, weshalb es für die britischen Interessen wesentlich ist, dass wir Marschall Tito und die Volksbefreiungsbewegung unterstützen: a) sind sie die einzigen Jugoslawen, die gegen die Deutschen kämpfen, und b) ob wir Tito unterstützen oder nicht, er wird nach dem Krieg der Herrscher von Jugoslawien sein.«418

Tito verstand natürlich genau, was Churchill von ihm erwartete. Wie er später erklärte, »wollte er uns wieder den König aufzwingen. […] Der König wäre so eine Art trojanisches Pferd gewesen, mit dessen Hilfe man allmählich wieder zum Alten zurückgekehrt wäre.«419

Die Briten versuchten in der Folge ein Treffen zwischen Tito und dem für den Mittelmeerraum zuständigen General Wilson zu organisieren, zu dem es am 12. Juli kommen sollte. Aber zwei Tage vor der Abreise sagte Tito mit der Begründung ab, dass ein Abkommen mit Šubašić in Jugoslawien auf ein negatives Echo stoße und dass seine Abreise dem Volksbefreiungskampf und seinem persönlichen Ansehen schaden würde. Bald darauf bereute er seinen Entschluss jedoch und informierte Maclean, dass er zu Gesprächen mit dem Oberkommandieren nach Süditalien fahren werde. Inzwischen hatte sich aber Churchill selbst entschlossen, Tito zu treffen, denn ihn interessierte seine Erscheinung »als Mensch aus dem Volke, aus den untersten Schichten, der auf eigene Initiative, mit organisatorischer Fähigkeit und Mut aus dem Nichts eine starke Armee geschaffen hat …«420

Zu dem Treffen, das die Briten in Süditalien organisiert hatten, reiste Tito mit der Bereitschaft an, den britischen Premier wenigstens mit Worten zufriedenzustellen und so weit wie möglich den revolutionären Gehalt des Volksbefreiungskampfes zu verbergen. Dabei achtete er auch auf Kleinigkeiten: Seinen Generälen in Italien verbot er sogar, rote Aufnäher auf den aus Moskau bezogenen Hosen der sowjetischen Uniformen zu tragen, weil sie mit dieser Farbe offenbar zu sehr an die Revolution erinnerten. Trotzdem empfingen ihn die »Verbündeten« nicht unbedingt freundlich. Für Tito hatten sie einen Bungalow reserviert, für seine Begleiter hingegen hatten sie auf die Schnelle eine Notunterkunft zusammengezimmert, die zwar ein Dach aufwies, aber statt der Wände nur ein Drahtnetz hatte – ein Käfig wie für wilde Tiere. General »Jumbo« Wilson, mit hochrotem Fleischergesicht, empfing den jugoslawischen Kollegen überaus dünkelhaft. Er hörte ihm kaum zu und benahm sich ihm gegenüber wie zu einem untergeordneten Offizier, nicht wie zu dem Oberkommandierenden einer verbündeten Armee. Trotzdem bewahrte Tito kühles Blut, er zeigte sogar ein listiges Lächeln.421 Wie Vladimir Velebit sagt, seien an der negativen Atmosphäre nicht nur die Alliierten schuld gewesen, sondern auch »unser völlig unberechtigtes Misstrauen, unsere Wildheit und der Mangel an fundamentaler Bildung bei vielen unserer Leute, um von der Unkenntnis irgendwelcher Benimmregeln gar nicht zu sprechen«.422

Für Tito war es eine große Befriedigung sich auf dieser Reise nun endlich mit westlichen Staatsmännern allerhöchsten Ranges zu treffen, aber diese Aussicht machte ihn auch nervös. Das zeigt eine Episode, die Robert Murphy festgehalten hat, der amerikanische Diplomat, der Tito bei dessen Ankunft in Caserta kennengelernt und ihn gleich darauf zum Abendessen in seine neapolitanische Villa eingeladen hatte. Tito erschien in seiner glänzenden Marschalluniform, die ihm Stalin schenkte, mit zwei Leibwächtern und mit seiner Übersetzerin Olga Ninčić, der Tochter des ehemaligen Außenministers König Alexanders und König Peters II. Der Abend war unerträglich schwül. Murphy schlug deshalb vor, den Uniformrock abzulegen, da das Treffen doch informell sei. »Ist das erlaubt?« fragte Tito verlegen, folgte dem Vorbild seines Gastgebers aber mit Erleichterung.423

Nach dem Treffen mit Wilson unterhielt sich Tito in der Nähe des Bolsena-Sees mit General Harold Alexander, dem Befehlshaber der alliierten Truppen in Italien. Dieser erklärte, dass die Briten, nachdem sie Triest besetzt haben würden, über jugoslawisches Gebiet nach Mitteleuropa vorstoßen würden. »Wir wehrten uns dagegen«, erzählte Kardelj, »dass ihre Armee überhaupt nach Jugoslawien hineinkommt, doch Alexander blieb dabei, dass er […] den Weg nach Österreich fortsetzen müsse, und behauptete, dass […] er die Straße Ljubljana-Maribor und Rijeka-Zagreb brauche. […] Auf Grundlage der Gespräche mit Alexander kamen wir zu dem Schluss, dass die Engländer Slowenien und Kroatien wollen, während sie Bosnien und Serbien den Russen überlassen würden.«424

Unter dem Eindruck dieser besorgniserregenden Annahme unternahm Tito am 7. und 8. August einen touristischen Besuch ins kurz zuvor befreite Rom. Er lehnte das Angebot der Briten ab, die ihm für die Reise ein Flugzeug zur Verfügung stellen wollten, und reiste mit seiner bewaffneten Eskorte mit dem Auto an. Mehr noch als britische Sabotage fürchtete er sich vor Ustaschaund Tschetnik-Emigranten und deutsche Agenten, von denen es in Rom nur so wimmelte. Sogar die Basilika Sankt Peter wollte er aus Vorsicht nur in Begleitung zweier mit Maschinenpistolen bewaffneter Leibwächter betreten. Weil die für die Sicherheit verantwortlichen Bediensteten des Vatikans sich dem widersetzten, kam es zu einem Wortwechsel, und dann zu einem Kompromiss. Die Begleiter ließen die Waffen draußen, aber Tito durfte das Grab des heiligen Petrus mit einer Pistole im Halfter besuchen. Ohne weitere Spannung ging es aber auch jetzt nicht: In der Basilika erkannte ihn ein Geistlicher und näherte sich ihm, um ihm die Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Sogleich wurde dieser entfernt.425 Neben diesem Vorfall erlebte er in Rom auch eine angenehme Überraschung: Am Kolosseum begrüßte ihn ein großes Transparent: »Evviva Tito«. Die Gaumenfreuden der italienischen Küche konnte er allerdings nicht genießen. Aus Angst, man könnte ihn vergiften, vermied er es, in seinem Hotel zu speisen und aß stattdessen hauptsächlich hartgekochte Eier.426

Das Treffen in Neapel am 12. und 13. August 1944 zwischen Churchill (in leichter Sommerjacke) und Tito (in seiner »prächtigen goldenen und blauen« Uniform, die für das russische, nicht aber für das süditalienische Klima angemessen war) verlief nicht viel fruchtbarer als die Begegnung mit Wilson und Alexander.427 Der britische Premier war voll des aristokratischen Sarkasmus, und das nicht nur wegen Titos Äußerem, sondern auch wegen seines übertriebenen Misstrauens. In seinen Erinnerungen schrieb er später: »Der Marschall, der von zwei Leibwächtern grimmigen Aussehens begleitet wurde, von denen jeder eine automatische Waffe trug, wünschte sie für den Fall in seiner Nähe zu haben, dass es von unserer Seite zu Verrat käme. Mit größter Mühe brachten wir ihn davon ab und schlugen vor, sie im Austausch dafür zum Abendessen mitzubringen …«428

Tito aber war Churchills Ironie offensichtlich entgangen, denn ihn hatte mehr die Tatsache beeindruckt, dass dieser ihn mit Tränen in den Augen und mit den Worten empfangen hatte: »Sie sind der erste Mensch aus dem versklavten Europa, dem ich begegne.« Und auch seine Versicherung, dass er gern nach Jugoslawien käme, wenn er nicht zu alt und zu dick für einen Absprung mit dem Fallschirm wäre, beeindruckte ihn. Später verhehlte er, trotz der Skepsis der Genossen, nicht seine Befriedigung und seinen Stolz wegen Churchills herzlichem Empfang.429 Obwohl er bei diesem ersten Auftreten in den höchsten Kreisen der Weltpolitik nicht ganz frei von Hemmungen war, verlor er nicht den Kopf und suchte geschickt den eigenen Vorteil. Es kam zwar zu einem Grundsatzabkommen militärischen Charakters hinsichtlich einer möglichen Zusammenarbeit in Istrien, wobei Churchill aber nicht die Tatsache übersehen konnte, dass sich Tito seinem Einfluss zu entziehen suchte – trotz der Versicherung, dass er nach dem Krieg nicht die Absicht habe, in Jugoslawien ein kommunistisches Regime einzuführen. Den Zweifel an der Gültigkeit dieser Versicherung weckte schon sein entschiedenes Zurückweisen der Monarchie. Churchill sorgte sich dabei nicht nur um die Zukunft Jugoslawiens, sondern immer mehr auch um den Fortgang der Ereignisse im Donauraum und auf dem Balkan. Ihm war klar, dass Stalin in diesem Raum freie Hand haben wollte und dass er keine Rücksicht auf britische Interessen nehmen würde. Deshalb erklärte er Tito gegenüber ganz offen, dass sich seine Regierung einer Balkankonföderation zwischen Jugoslawien, Bulgarien, Albanien und Griechenland, über die bereits gesprochen wurde, widersetzen würde.430 Was Triest und Istrien betraf – italienische Gebiete, die Tito aufgrund ihres hohen slawischen Bevölkerungsanteils für das neue Jugoslawien beanspruchte – war Churchill kategorisch. »Er war einverstanden, dass uns Istrien zufällt, außer Triest. Er sagte nicht, dass es den Italienern zufallen werde. Er sagte nur, dass Triest und Pula für sie notwendig seien wegen des Vormarsches Richtung Österreich.«431


FLUCHT VON VIS

Um Churchill zu beruhigen, veröffentlichte Tito nach seiner Rückkehr nach Vis am 17. August 1944 eine Deklaration, in der er unter anderem erklärte: »Die Volksbefreiungsbewegung Jugoslawiens ist in ihrem Wesen allumfassend, national und demokratisch. Deshalb betone ich erneut, dass für die Führung der Volksbefreiungsbewegung Jugoslawiens das einzige und wichtigste Ziel der Kampf gegen den Okkupator und seine Knechte sowie die Errichtung eines demokratischen föderativen Jugoslawiens ist, nicht aber die Errichtung des Kommunismus, wie uns unsere Feinde unterstellen.«432 Im Gegenzug gab Ende August König Peter II. unter Churchills Druck ein Dekret heraus, in dem er Tito als einzigen Führer der bewaffneten Streitkräfte in Jugoslawien anerkannte und Draža Mihailović als Oberkommandierenden absetzte. Der wies den Bescheid zwar zurück und erließ sogar den Befehl einer allgemeinen Mobilmachung, dieser hatte aber wegen der Ereignisse an der Ostfront keine Wirkung. Innerhalb von zwei Wochen, zwischen dem 23. August und dem 8. September, hatte die Rote Armee nämlich eine Reihe entscheidender Erfolge errungen: Ende August war in Rumänien die pro-nazistische Regierung des Generals Antonescu gefallen, König Michael I. hatte der Sowjetunion und den westlichen Alliierten den Abbruch der Feindseligkeiten angeboten. Wenige Tage danach war die Rote Armee schon in Bukarest. Am 5. September erklärten die Sowjets Bulgarien den Krieg, das sich gar nicht zu verteidigen versuchte, sondern in einer plötzlichen Kehrtwende Deutschland, noch gestern sein Verbündeter, den Krieg erklärte. Kurzum, die Rote Armee war in vierzehn Tagen um gute fünfhundert Kilometer vorgerückt, hatte Serbien teilweise von Osten umschlossen und die Kräfteverhältnisse auf dem Balkan völlig verändert.433

Auf dem jugoslawischen Kriegsschauplatz begann der Oberste Stab eine Sonderdivision zu formieren, die anschließend in das besetzte Serbien vorstoßen sollte.434 Schon vor der Begegnung mit Churchill war Tito nämlich davon überzeugt gewesen, dass für die Festigung seiner Macht Serbien entscheidend sei und dass diesem Ziel alle anderen Interessen untergeordnet werden müssten. »Dort müssen wir«, sagte er, »die Frage der Staatsordnung, der Londoner Exilregierung und vor allen Dingen die Frage des Königs lösen.«435 Im Juli setzte er neue starke Kräfte Richtung Ostbosnien und Sandžak in Marsch, und Anfang August überschritten mehrere Stoßdivisionen aus Montenegro und dem Sandžak den Fluss Ibar und brachten den Kopaonik, ein Bergland in Zentralserbien, unter ihre Kontrolle. Inzwischen war die Erste proletarische Division am 24. August bis Zlatibor durchgebrochen und setzte den Vormarsch in Richtung Užice und Požega fort. Auch in Südserbien entstanden neue Brigaden und gingen in die Offensive.436 Das Selbstbewusstsein, das ihm diese Nachrichten brachten, vor allem aber die Überzeugung, auf die Sowjetunion zählen zu können, drückte Tito öffentlich in einer Rede aus, die er am 12. September 1944 auf Vis anlässlich der Inspektion der Einheiten der Ersten dalmatinischen Stoßbrigade hielt. Er erklärte, dass sich Jugoslawien nicht mit den Grenzen zu Italien und Österreich zufriedengeben werde, wie sie nach 1918 gezogen worden waren, sondern dass es von beiden Staaten eine neue Grenzziehung verlange. Indem er eine Losung übernahm, die der slowenische Kommunist Lovro Kuhar im Jahre 1942 als Erster formuliert hatte, setzte er hinzu: »Fremdes wollen wir nicht – unseres geben wir nicht!«437

Die Ankunft der sowjetischen Truppen an der jugoslawischen Grenze feierte er mit einem Manifest, in dem er begeistert den »lange erwarteten Tag« begrüßte, und zugleich einen richtungsweisenden Entschluss fasste, den er schon in seinem ersten Brief an Stalin vom 5. Juli 1944 vorgeschlagen hatte: Er werde nach Moskau kommen, um zusammen mit ihm den Vormarsch der Roten Armee nach Serbien abzustimmen und so auf einen Schlag zweierlei erreichen: die Herrschaft über das Schlüsselterritorium zur Erlangung der Vormachtstellung in Jugoslawien und den Sieg der Revolution. Damit wären ein für alle Mal die Pläne der westlichen Alliierten durchkreuzt, Serbien als Festung der Kara đorđevićs zu erhalten.438

Da auch die Amerikaner sahen, dass die Streitkräfte der Partisanen auf dem Balkan fünfzehn deutsche Divisionen und mindestens 100 000 Kollaborateure banden, hatten sie im Frühjahr 1944 auch selbst Kontakte mit dem Obersten Stab geknüpft und nach britischem Muster die Zusammenarbeit mit Mihailović aufgekündigt. Für die Einheiten der Alliierten in Italien, die es mit sechsundzwanzig Divisionen der Wehrmacht zu tun hatten, war es nämlich wichtig, dass diese Truppen keine Verstärkung durch den Zufluss neuer Kräfte aus dem Balkanraum bekamen. Am 25. August 1944 kam es deswegen auf der Insel Capri zu einem Geheimtreffen zwischen Tito und dem Direktor des amerikanischen Spionagedienstes OSS, William J. Donovan.439

Doch auch in der Folge hielt sich innerhalb der OSS die Überzeugung, dass man die Zellen zum Sammeln von Informationen in ganz Jugoslawien beibehalten müsse, auch in jenen Gebieten, die sich unter der Kontrolle Mihailovićs befanden. Ein Grund dafür war die Tatsache, dass sich in diesen Gebieten eine erhebliche Anzahl amerikanischer Piloten befand, die die Deutschen während des Einsatzes über Serbien abgeschossen hatten. Diese Idee wurde mit der Hilfe des Botschafters Robert Murphy und anderer einflussreicher Militärs in die Tat umgesetzt. In der Nähe des Dorfes Pranjani, achtzig Kilometer südlich von Belgrad, wo Mihailović etwa 250 amerikanische Piloten interniert hatte, sprang am 3. August ein Spähtrupp ab, der mithilfe der örtlichen Bevölkerung einen Notflugplatz anlegte. Am 9. und 10. August begann man in einer kühnen Aktion, die bis in den November andauerte, die Piloten mit Flugzeugen vom Typ C-47 auszufliegen. Außerdem entsandten die Amerikaner am 25. August in das von Mihailović kontrollierte Gebiet eine weitere, aus sechs Kundschaftern bestehende Gruppe. Ihr Anführer, Colonel Robert McDowell, erklärte dem General, dass seine Aufgabe nur darin bestehe, militärische Informationen zu sammeln, und seine Anwesenheit nicht als politische Unterstützung der Tschetnik-Bewegung verstanden werden dürfe. Trotzdem tauchte bald darauf ein Flugblatt auf, in dem es unter anderem hieß: »Eingetroffen sind Abgesandte der verbündeten amerikanischen Regierung und persönliche Vertreter von Präsident Roosevelt, dem treuen Freund der friedliebenden kleinen Völker.«440

Als Tito darüber informiert wurde – Ranković hatte schon seit 1943 seine Leute in Mihailovićs Stab –, reagierte er empört. Er befahl seinen Einheiten, die Zusammenarbeit mit den amerikanischen und britischen Offizieren abzubrechen und ihre Freizügigkeit einzuschränken, was die Bewegung im Gebiet und das Sammeln von Informationen betreffe. Die Briten konnten die Kontrolle später reduzieren, nicht aber die Amerikaner, denen gegenüber Tito überaus reserviert blieb in der Überzeugung, dass man sich auf sie nicht verlassen könne.441 Dieses Misstrauen beruhte auf Gegenseitigkeit, wie die Tastsache zeigt, dass die OSS schon im Juni 1944 aus Teheran einen Bericht nach Washington schickte, der keineswegs vorteilhaft war. Auf seinem Flug von Moskau hatte nämlich Đilas in der iranischen Hauptstadt Halt gemacht, wobei er ein wenig angetrunken vor einer Gruppe alliierter Offiziere mit seinen Gesprächen mit Stalin prahlte. Dieser habe ihm gesagt, dass er sofort nach dem Krieg die Beziehungen zu den Briten und Amerikanern abbrechen werde und dass er dabei auf die Unterstützung Titos und der jugoslawischen Genossen zähle.442

Zu den schlechten gegenseitigen Beziehungen trug auch die Entscheidung Präsident Roosevelts bei, auf zwei Briefe Titos nicht zu antworten. Das Misstrauen, das in den amerikanisch-jugoslawischen Beziehungen herrschte, brachte William J. Donovan in einem Memorandum deutlich zum Ausdruck, das er am 1. Januar 1945 an James V. Forrestal richtete, den Unterstaatssekretär für Verteidigung. Darin sprach er von der Notwendigkeit geheimer Tätigkeit des OSS in Osteuropa auch nach dem Krieg, denn »alle, die nicht mit uns sind, sind gegen uns«. Zur Unterstreichung legte er diesen Worten ein Zitat aus einer Tito-Rede bei, die die New York Times am 29. September veröffentlicht hatte und die wie die Ankündigung der kurz bevorstehenden Revolution klang: »In einigen Ländern haben die Kommunisten ungenügenden Mut und Entschlossenheit gezeigt«, hatte Tito gesagt. »Wenn öffentliche Demonstrationen unmöglich sind, ist bewaffneter Kampf notwendig …«443

Im Kontext dieses Klimas des Misstrauens innerhalb der Anti-Hitler-Koalition muss Titos Abreise, besser gesagt seine Flucht von Vis, gesehen werden. In Kooperation mit den Sowjets und unter größter Geheimhaltung wurde sie von Ranković, dem Chef der Abteilung für den Volksschutz (OZNA), die im Mai desselben Jahres gegründet worden war, vorbereitet. Die Briten, die den Flugplatz kontrollierten, waren überzeugt worden, dass die sowjetischen Piloten Nachtlandungen trainieren müssten und dass es am besten sei, wenn sie das auf Vis täten. Sie gaben die entsprechende Erlaubnis und wohnten drei oder vier Nächte tatsächlich dem Landen und Starten der sowjetischen Flugzeuge bei. Als die Sowjets genug »trainiert« hatten, flog am 19. September 1944 um drei Uhr nachts auch Tito mit ihnen ab. Sein Flugzeug startete ohne Startsignale, in völliger Dunkelheit, dem Hund Tiger, der sich von seinem Herrn nicht trennen wollte, hatte man einen Sack über den Kopf gebunden, um sein Bellen zu dämpfen. Das Misstrauen in die Verbündeten war so groß, dass das Flugzeug, in dem sich Tito befand, von einem anderen begleitet wurde, das über Bosnien in die Gegenrichtung abdrehte.444 Als die Briten einige Tage später bemerkten, dass ihr Gast buchstäblich »aufgefahren in den Himmel« war, ohne sie zu informieren oder sich zu verabschieden, reagierten sie mit Unwillen und beleidigtem Protest, aber die Zügel der jugoslawischen Ereignisse waren ihnen schon aus den Händen geglitten. Wie Kardelj sarkastisch meinte: »Letzten Endes muss sich Churchill auch weiterhin freundlich geben, denn sonst werden die Engländer sagen, dass seine ganze Politik auf dem Balkan gescheitert ist. Und die Russen sind in Donji Miholjac!« (Ortschaft in den Drau-Niederungen in Slawonien).445

Auf spätere Vorwürfe Macleans, er sei nach Moskau gegangen, ohne darüber seine Beschützer zu informieren, antwortete Tito provokant: »Auch Churchill fragt mich nicht, wann er reist und wohin.«446 Die Flucht von Vis blieb aber auch den Deutschen nicht verborgen, die sie trotz der feindlichen Einstellung gegenüber den jugoslawischen Kommunisten schadenfroh kommentierten. Bei einem Treffen mit seinen Offizieren erklärte Heinrich Himmler, Reichsführer SS: »Leider ist er [Tito] unser Gegner, aber er ist ein Mann von starkem Charakter. Dieser Mann hat fürwahr den Titel eines Marschalls verdient. Wenn wir ihn jedoch erwischen, werden wir ihn auf der Stelle hinrichten. Er ist unser Feind, aber ich wünsche, dass wir ein Dutzend solcher Titos in Deutschland hätten, Leute von solchen Führerqualitäten und von solcher Entschlossenheit. Er steht auf der Seite der Russen, Engländer und Amerikaner, aber er hat den Mut, sie zu verspotten und die Engländer und Amerikaner aufs Peinlichste zu erniedrigen.«447

In der sowjetischen C-47 flog Tito zuerst nach Craiova in Rumänien, wo sich der Generalstab von Marschall Fjodor I. Tolbuchin befand. Nach zwei Tagen der Ruhe nach dem Flug, der nicht ohne Gefahr war, da man die feindlichen Linien überfliegen musste, setzte er am 21. September seinen Weg nach Moskau fort. Es folgten gleich fünf Gespräche mit Stalin, über die wir wenig Informationen haben, weil sie unter vier Augen stattfanden. Tito erklärte später, dass sie sowohl über politische wie über militärische Probleme diskutiert hätten, aber in einer ziemlich kühlen Atmosphäre. »Der Hauptgrund«, meinte Tito, »waren, denke ich, meine Telegramme während des Krieges, vor allem jenes, das mit den Worten begann: ›Wenn Sie uns keine Hilfe anbieten können, dann behindern Sie uns wenigstens nicht.‹ Das hat mir auch Dimitrow bestätigt, bei dem ich nach dem Treffen mit Stalin war. Dimitrow sagte zu mir: ›Walter, Walter, der chozjajin [für Stalin verwendete apotropäische Bezeichnung in der Bedeutung von »Herr«, »Meister«] war sehr wütend auf Sie wegen dieses Telegramms. […] Vor Zorn hat er mit den Füßen aufgestampft …‹«448


BEFREIUNG BELGRADS

Trotz zeitweiliger Unstimmigkeiten wegen des starken revolutionären Charakters, den der Volksbefreiungskampf hatte, und trotz Stalins Reserviertheit wurde Tito in Moskau eine Ehre zuteil, wie sie keinem ausländischen Staatsmann oder Befehlshaber bewaffneter Streitkräfte jemals zuteil geworden war. Der chozjajin lud ihn nämlich zur Sitzung des Militärrates ein, auf der Marschall Iwan D. Tschernjachowski den Plan der Offensive gegen Deutschland vorstellte. Offenbar wollte ihm Stalin seine Macht demonstrieren und ihm zugleich sein Vertrauen beweisen.449

Hinsichtlich der Monarchie und der Einführung des Sozialismus in Jugoslawien empfahl Stalin Vorsicht, einen König müsse man ja nicht auf ewig akzeptieren: »Vorübergehend, und dann stoßt ihr ihm im geeigneten Moment das Messer in den Rücken.«450 Tito, der sich zwar in Gesprächen mit Maclean in der Vergangenheit bereiterklärt hatte, König Peter II. als Piloten in seine Armee aufzunehmen, war von dieser Aussicht wenig begeistert, denn er ahnte, dass er sich mit der Monarchie, die ihm Stalin aufzwingen würde, abzufinden hätte.451 Auf der anderen Seite war dieser bereit, Titos Forderung nach einem Eingreifen der Sowjetunion in Serbien nachzukommen. Dieses war von großer Bedeutung, denn Hitler hatte am 8. August den Rückzug der Heeresgruppe E aus Griechenland und vom übrigen Balkan befohlen, der über serbisches Gebiet geführt werden sollte.452

Ein Abkommen, das unter anderem die Einkesselung Ungarns von Süden her vorsah und das als Konzession des Oberbefehlshabers der Partisanen an die Sowjets vorgestellt wurde, unterschrieben die beiden Staatsmänner am 28. September. Es trat sofort in Kraft.453 Wie Tito später betonte, hatte man es deshalb so formuliert, weil man den westlichen Alliierten zeigen wollte, wie sie vorzugehen hätten, wenn sie für ihre militärischen Operationen jugoslawisches Gebiet benutzen wollten. Unter anderem sah das Abkommen auch vor, dass in den Gebieten, die von der Roten Armee besetzt würden, auch weiterhin die Verwaltung der Volksbefreiungsausschüsse zuständig sein würde.454 Es handelte sich um einen Schritt von entscheidender politischer Bedeutung, denn damit machte Moskau deutlich, dass es das Nationalkomitee Jugoslawiens als einzigen legitimen Gesprächspartner ansah. »Jetzt«, schrieb Rodoljub Čolaković in sein Tagebuch, »kann keine verbündete Armee ohne vorherige Erlaubnis des Nationalkomitees Jugoslawiens einen Fuß auf unser Land setzen, wenn sie verbündet bleiben will.455

Um die Operation zu koordinieren, an der nach Stalins ausdrücklichem Willen auch die Bulgaren beteiligt sein sollten, kehrte Tito am 5. Oktober nach Craiova zurück, wo er bis Mitte des Monats blieb, während die Rote Armee über Kladovo und den Đerdap an der serbisch-rumänischen Grenze unaufhaltsam gegen Belgrad vorrückte. In derselben Richtung drangen auch 40–50 000 Partisanen vor, die Tito auch aus politischen Gründen den deutschen bewaffneten Streitkräften entgegenwarf. Sie sollten Seite an Seite mit den Russen kämpfen und deren Kontakt mit den Tschetniks verhindern, die die Rotarmisten mit roten Fahnen erwarteten.456

Am Vorabend des Angriffs auf die Hauptstadt versuchte Tito von Marschall Tolbuchin, dem Befehlshaber der 3. Ukrainischen Front, die Erlaubnis zu erwirken, dass seine Kämpfer als Erste in die Stadt einmarschieren dürften. Aber Tolbuchin, der in den Operationen zur Befreiung Serbiens 414 000 Mann eingesetzt und 25 000 verloren hatte, zeigte sich taub für diese Forderung. Er erlaubte den Jugoslawen lediglich, auf sowjetische Panzer zu klettern und am 20. Oktober nach sechs Tagen erbitterter Kämpfe zusammen mit der Roten Armee in Belgrad einzurücken.457 Am selben Abend wurde dieses Ereignis in Moskau mit einer Kanonensalve gefeiert. Fünf Tage später kam auch Tito mit seinem Stab aus Vršac und Pančevo auf einem kleineren sowjetischen Kriegsschiff in die Hauptstadt.458

Das Eingreifen der Roten Armee in Serbien veränderte die strategische Lage auf dem Balkan grundlegend und gab den Partisanen die Möglichkeit, die Deutschen und ihre Verbündeten in den letzten Kämpfen zur Befreiung Jugoslawiens wirkungsvoller anzugreifen. Hinzu kommt, dass Stalin entscheidend zur Bewaffnung der jugoslawischen Armee wie auch zu ihrer Reorganisierung beitrug, denn er stellte ihr eine Reihe von Spezialisten zur Verfügung, mit deren Hilfe es, wie Tito sagte, möglich war, eine »starke Artillerie, eine hervorragende Luftwaffe und Panzereinheiten« zu organisieren.459

In dem Telegramm, das Tito den Soldaten der 3. Ukrainischen Front anlässlich der Befreiung Belgrads sandte, heißt es: »Euer Blut und das Blut der Kämpfer der Volksbefreiungsarmee Jugoslawiens, vergossen im gemeinsamen Kampf gegen den gemeinsamen Feind, wird die Brüderlichkeit der jugoslawischen Völker mit den Völkern der Sowjetunion für ewige Zeiten festigen.«460 Aber hinter dieser Rhetorik, die nicht ohne panslawischen Anklang war, verbarg sich eine andere Realität. Zu Spannungen zwischen Jugoslawen und Russen kam es nicht so sehr aus Prestigegründen, sondern eher wegen des Auftretens der Rotarmisten, die sich in Serbien benahmen wie in einem besetzten Land, die plünderten, Frauen vergewaltigten und Zivilisten umbrachten. Das Ereignis, das das Fass zum Überlaufen brachte, geschah in Čukarica, einem Belgrader Vorort, wo ein Serbe eine Gruppe Rotarmisten zum Abendessen eingeladen hatte. Als die Russen sich betrunken hatten, griff einer der Gäste, dem Rang nach Major, nach der Frau des Gastgebers, einer Mutter von mehreren Kindern. Als der Ehemann sie verteidigen wollte, sperrten die Russen ihn in die Toilette, während die Frau von sieben Soldaten vergewaltigt wurde. Die Eheleute erhängten sich danach. Dieses Ereignis löste in Belgrad eine wahre Verbitterung aus, sodass Tito gezwungen war, offiziell bei General Kornejew zu intervenieren. »Im Namen der Sowjetregierung protestiere ich gegen solche Unterstellungen gegen die Rote Armee«, gab Letzterer zur Antwort. »Tatsache ist«, meinte der bei dem Treffen anwesende Đilas besorgt, »dass unsere Feinde diese Vorkommnisse ausnutzen werden. Die Angriffe von Soldaten der Roten Armee vergleichen sie mit dem Verhalten englischer Offiziere, die sich solche Angriffe nicht zuschulden kommen lassen.«461

Ende Oktober berichtete Tito so vorsichtig wie möglich Stalin selbst von dieser Angelegenheit, er bezeichnete das als seine kommunistische Pflicht und erwähnte zugleich, dass sich die Rote Armee nicht an die Absprache halte, der Volksbefreiungsarmee die Beute zu übergeben, die sie in Belgrad gemacht habe. Von fünfhundert Lastwagen und anderen Motorfahrzeugen, die sie beschlagnahmt hatten, gelang es der jugoslawischen Armee gerade mal sechs zurückzuhalten. Tito bat gleichzeitig, Stalin möge ihm tausend Lastwagen für Bedürfnisse der Armee an der Srem-Front und zur Versorgung der Städte schicken, in denen die Menschen verhungerten. Stalins schroffe Antwort lautete, dass es keinerlei Abkommen zur Übergabe von »Trophäen« gebe, und wies die Anschuldigungen bezüglich »teilweiser Zwischenfälle und Fehler«, die von sowjetischen Offizieren und Soldaten begangen worden seien, zurück. Die ließen sich nicht der gesamten Roten Armee ankreiden.462 Von diesem Augenblick an blieb sein Verhältnis zu Jugoslawien und zu der Partisanenbewegung sichtlich abgekühlt, wie beleidigende Äußerungen zeigen, die er in Gesprächen mit Jugoslawen gerne fallen ließ: »Eure Partisanen kämpfen schlecht. Sie haben das Pulver nicht erfunden. Seht euch die Bulgaren an, das ist eine Armee, die da entsteht!«463 Trotz der Bemühungen des sowjetischen Oberkommandos, seine Soldaten zu zügeln, gelang das nicht, wie der Bericht eines amerikanischen OSS-Offiziers aus Belgrad zeigt, der Ende Dezember direkt an Präsident Roosevelt erging. »Man fragt sich, wie sie (die Rotarmisten) sich verhalten werden, wenn sie das befreundete und befreite Jugoslawien verlassen und Deutschland besetzen werden.«464

Obwohl die Kritik hinsichtlich des Verhaltens der Rotarmisten negative Auswirkungen auf die sowjetisch-jugoslawischen Beziehungen hatte, konnte sie die Bündnispartnerschaft letztlich nicht beeinträchtigen, die es den Partisanen ermöglichte, den endgültigen Sieg nicht nur über die Deutschen und ihre serbischen Kollaborateure, sondern auch über die Tschetniks zu feiern. Von dem Augenblick an, da die Rote Armee in Serbien einmarschierte, hoffte Mihailović, dass es ihm gelingen werde, mit ihren Kommandeuren ein Abkommen über eine Zusammenarbeit zu schließen, und erteilte seinen Einheiten entsprechende Befehle. Die Russen waren zwar bereit, seine Hilfe anzunehmen, aber sobald die Kämpfe vorüber waren, arretierten sie die Tschetniks, übergaben sie Tito oder deportierten sie in die Sowjetunion. In einer solchen Situation blieb Mihailović nichts anderes übrig, als mit den Einheiten, auf die er noch zählen konnte, in den Sandžak und nach Bosnien auszuweichen und Serbien den Partisanen zu überlassen. Die versuchten natürlich sofort ihre Herrschaft zu festigen, und zwar nicht nur in Serbien, sondern auch andernorts in Jugoslawien. Auf jene Gebiete, wo sich der Partisanenwiderstand praktisch unabhängig gebildet hatte – was in erster Linie für Slowenien und Kroatien gilt –, legte sich jetzt über alles der bleierne Mantel des Konformismus und Zentralismus. Dazu trugen in manchem die sowjetischen »Instruktoren« bei, die »von oben« geschickt worden waren, wie Tito an Ranković schrieb, um die Arbeit des Geheimdienstes OZNA in der Vojvodina, in Serbien, Mazedonien, Montenegro, Kroatien und Slowenien zu koordinieren. Dabei konnte man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass Stalin etwas predigte, seine Leute in Jugoslawien aber etwas ganz anderes taten. Von Kardelj verlangte er, »dass sich die Jugoslawen um keinen Preis auf irgendwelche revolutionären Experimente einlassen oder das sowjetische Regime nachahmen.«465 Die sowjetischen Agenten aber lehrten inzwischen ihre jugoslawischen Genossen, wie genau das zu tun sei. Wie wertvoll ihre Anweisungen waren, lässt sich an den Erfolgen ablesen, die die OZNA dort hatte, wo sich die neue »Volksherrschaft« gefestigt hatte. Erste sichtbare Resultate erbrachte im Banat eine Aktion gegen die deutsche Minderheit, die sich während des Krieges fast vollständig den Nazis angeschlossen hatte. Jene »Švabi «, denen es nicht gelungen war, mit den Konvois der Wehrmacht zu flüchten, wurden liquidiert, in die Sowjetunion deportiert oder in Lager gesperrt und ein, zwei Jahre später, falls sie überlebt hatten, aus dem Land getrieben. Diese Repression leitete zu Beginn Tito selbst, wie einem Telegramm zu entnehmen ist, das er am 16. Oktober an einen seiner Generäle sandte: »Schicke mir über Bela Crkva schnell eine der stärksten Divisionen, eventuell die Krajiška, nach Vršac. Ich brauche sie, um Vršac von den Deutschen zu säubern. […] Das haltet geheim.«466

Dasselbe Schicksal hätte auch die ungarische Minderheit ereilt, an deren Händen serbisches Blut klebte, wenn sich nicht die Russen mit der Begründung für sie eingesetzt hätten, dass nach dem Krieg Ungarn sozialistisch sein werde und es nicht angezeigt sei, die gegenseitigen Beziehungen zu vergiften.467 Auf dem Land der »Švabi« begannen die Behörden in den folgenden Jahren mit der Ansiedlung von Menschen aus den Bergregionen Zentralbosniens, die am zahlreichsten an Partisanenkampf teilgenommen hatten und bei Kriegsende am stärksten im Offizierskader der JA vertreten waren. Diese Migrationsströme verliefen natürlich nicht ohne Spannungen, auch da nun Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Traditionen und Denkweisen aufeinandertrafen.468

Es ist schwer zu sagen, ob die »Säuberung von fremden Elementen«, die Tito zu betreiben begonnen hatte, noch bevor er Vršac verließ, schon ein Zeichen des Übergangs von der Volksbefreiungsphase zur Revolution bedeutete. Aber die Vorkommnisse, die sich wenige Tage später in Belgrad ereigneten, können sicher als solche gesehen werden. Denn hier marschierten die Partisanen mit dem Befehl ein, sofort alle Ljotić- und Nedić-Anhänger zu erschießen.469 Die OZNA nutzte die Gelegenheit und ließ sich erbarmungslos an den echten oder vermeintlichen Kollaborateuren aus, wie es diese in den Jahren zuvor mit den Kommunisten getan hatten – bei der Befreiung Belgrads hatten die Partisanen kein einziges Mitglied der KPJ vorgefunden.470 Noch schlimmer war es im Kosovo, wo sich die Albaner mit der Waffe in der Hand gegen die serbischen »Befreier « und gegen die Mobilisierung zur Partisanenarmee zur Wehr setzten. Es kam zu einem wahren Volksaufstand, der so wirkungsvoll war, dass Tito im Februar 1945 in der Provinz eine Militärverwaltung mit all ihren Schrecken einführte. Etwa 1 200 Angehörige der kollaborierenden Einheiten der »Ballisten«, denen sich noch an die tausend Deserteure angeschlossen hatten, verschanzten sich in einem Gebirgsdorf, das von der 42. Division der jugoslawischen Armee umzingelt und mit einer Artilleriekanonade dem Erdboden völlig gleichgemacht wurde.471 Stalin unterstützte diese Politik, obwohl er Tito riet, eine Amnestie für Mihailovićs Tschetniks zu erlassen.472

Mit der Befreiung Belgrads, Nord- und Ostserbiens, Ost-Srems und der Vojvodina kam es zu großen strategischen Veränderungen. Es entstand ein breites Territorium, auf dem es möglich war, die Bevölkerung für Kampfeinheiten und für andere militärische Zwecke zu mobilisieren. Während die Divisionen der JA bis zur Befreiung Belgrads 3 000 Kämpfer zählten, so stieg ihr Zahl jetzt sprunghaft auf 10 000 Mann. Es bildete sich eine Front, die von Kraljevo, Čačak, Užice an der Drina, an der Linie Sremska Mitrovica-Ilok und dann an Donau und Drau entlang bis zur ungarischen Grenze und darüber hinaus verlief, wo bulgarische und sowjetische Einheiten standen. Taktisch war sie nur in Srem verbunden, wo es zu Kämpfen mit der deutschen Armee kam, die sich aus dem Balkanraum Richtung österreichische Grenze zurückzog. Es handelte sich um 800 000 Mann, denen noch 300 000 unterschiedliche Kollaborateure hinzuzuzählen waren. Die jungen Rekruten, die zum Teil zum ersten Mal ein Gewehr in den Händen hielten, waren für den frontalen Kampf mit einem Heer dieser Größe natürlich noch nicht genügend ausgebildet; die Wehrmacht hatte ihre Schlagkraft nicht verloren, obwohl klar war, dass der Sturz des Dritten Reiches nicht fern war. Mehr aus politischen als aus strategischen Gründen – wegen des Prestiges vor Stalin und den anderen Verbündeten – beschloss Tito, den feindlichen Vormarsch aufzuhalten und damit zu beweisen, dass er über eine reguläre Armee verfügte. Das hatte eine Schlachtorgie zur Folge, die ihm die Serben nie vergeben haben.

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