Kitabı oku: «Zen in der Kunst des Fahrradfahrens»

Yazı tipi:



JUAN CARLOS KREIMER

ZEN IN DER
KUNST DES
FAHRRADFAHRENS

GLÜCK AUF ZWEI RÄDERN

FÜR STADT UND LAND

Vorwort von Joan Garriga Bacardí

Aus dem argentinischen Spanisch

von Sarah Heidelberger


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Argentinische Originalausgabe:

Bici Zen. Ciclismo urbano como meditación

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Auf der Reitbahn 8, D-63452 Hanau

Hotline: + 49 (0) 61 81 – 18 93 92

Service: Info@AmraVerlag.de


Herausgeber & Lektor Michael Nagula
Einbandgestaltung Guter Punkt
Layout & Satz Birgit Letsch
Druck CPI books GmbH

ISBN Printausgabe 978-3-95447-257-4

ISBN eBook 978-3-95447-258-1

Copyright © 2011/2016 by Juan Carlos Kreimer

Originally published by Editorial Planeta Argentina

Licensed by Agreement with Guenter G. Rodewald via

Findhorn Press, Scotland, and Agency Montse Cortazar

Copyright der deutschen Lizenz © 2020 by AMRA Verlag

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INHALT

Vorwort

Wenn ich Fahrrad fahre, fahre ich Fahrrad

Einführung

Ein wunderbares Gefühl des Nichts

TEIL I

So vieles spricht fürs Fahrradfahren

Das Phänomen, die Möglichkeit

Der Fahrradfahrer im Stadtverkehr

Die Vorfahren des Zweirads

Kultobjekte

Das Unmerkliche

Netzbewusstsein

Das Unübertragbare

Das Fahrrad als Phänomen

Die Stadt als Ort

Die unsichtbare Gemeinschaft

Mit dem Wind treiben

TEIL II

Ich feiere das Fahrrad in dir

Die Praxis, der Genuss

Einfach fahren

Mit offenen Augen fahren

Die ewige Gegenwart

Kontaktaufnahme

Ohne weiter zu gehen

Der Punkt, an dem sich alles fügt

Zulassen, dass es geschieht

Ohne jede Absicht

Eine bewusste Praktik

Energie, erwache!

Einklang zwischen dem Fahrrad und dir herstellen

Vom Lernen lernen

Ruhen in der inneren Mitte

Mensch – Rad – Weg

Ein Bewusstsein, das über Worte hinausgeht

Ent-Identifizierung

Alles ist so sehr ES, wie es nur sein kann

Der Alltag als Weg

Nirgendwo

TEIL III

Erfahrungswerte

Die Pflege, die Bedeutung

Die richtige Fahrweise

Richtig in die Pedale treten

Sehen und Vorhersehen

Atmung

Umsichtiges Fahren

Der innere Kodex

Ein untadeliger Zustand

Das Vorher und das Nachher

Es pflegen heißt, dich selbst pflegen

Kausale Logik

Epilog 1

Meine sieben Fahrräder

Epilog 2

Ein weltliches Zen

Bibliografie

Danksagung

Über den Autor

»Den Reichtum eines Menschen kann man daran messen, was er entbehren kann, ohne seine gute Laune zu verlieren.«

[ H. D. Thoreau ]

»Anspannung ist, wer du denkst, dass du sein musst. Entspannung ist, wer du bist.«

[ Sprichwort aus dem Zen ]


VORWORT
Wenn ich Fahrrad fahre, fahre ich Fahrrad

Es ist für mich zu einer Art Ritual geworden, mich jeden November, wenn ich mich in Buenos Aires aufhalte, in einer Bar auf der Plaza Serrano in der belebten Nachbarschaft Palermo mit Juan Carlos Kreimer zu treffen. Normalerweise kommt er mit dem Fahrrad, auf dem Kopf eine blaue Kappe, das rechte Hosenbein unten mit einer Klammer festgezurrt, um es vor Öl und Schmierfett von der Kette zu schützen.

Es besteht keinerlei Zweifel, dass Juan Carlos eine lange und besondere Beziehung zu seinem Fahrrad pflegt. Er berührt es mit einer Zuneigung und Vertrautheit, die mich an jene Paare erinnert, die auch nach langen gemeinsamen Jahren noch immer echtes Interesse aneinander haben und ein so inniges und natürliches Miteinander leben, als wären sie nicht zwei Personen, sondern eine. Nun wäre es übertrieben zu behaupten, dass Juan Carlos und sein Fahrrad eins sind, aber dass sie zwei sind, würde ich auch nicht sagen wollen. Was die beiden verbindet, ist etwas ganz Besonderes.

Ich kenne Juan Carlos seit rund dreißig Jahren und habe immer wieder beobachten können, mit welcher Leidenschaft und Energie er sich den Dingen widmet, die er liebt und die ihn bewegen. Und so wundert es mich überhaupt nicht, dass er beschlossen hat, ein Buch über das Fahrradfahren zu schreiben und über Zen, denn fraglos ist er in Bewusstseinsfragen ein Suchender, der sich mit den Mysterien zahlreicher therapeutischer und spiritueller Pfade auseinandergesetzt hat. Vor allem eins aber ist offensichtlich: sein Talent, Wissen aus so unterschiedlichen Quellen und Bereichen zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Ich lernte ihn kennen, als er Herausgeber der Zeitschrift Uno Mismo war. Darin publizierte er einen meiner ersten Artikel. Das machte mir viel Mut, denn im Titel bezeichnete ich Therapeuten als »Priester« und »Prostituierte« – im Kontext der Psychotherapie recht unorthodoxe Begriffe. Ich bin Juan Carlos bis heute dankbar für die Veröffentlichung, da ich mit dem Großteil der Texte, die ich bis dahin geschrieben hatte, nicht sonderlich zufrieden gewesen war und zu meiner Überraschung und zu meinem Unglauben feststellen durfte, dass mir meine Kollegen nach dieser Veröffentlichung mit mehr Achtung begegneten, für mich ein völlig neues Gefühl.

Später ging Juan Carlos ans Institut Gestalt in Barcelona, wo er ein Seminar mit dem Titel Rehacerse hombre, also etwa »Wieder zum Menschen werden«, gab, was auch der Titel eines seiner Bücher ist. Dieses Thema, das Thema des »Menschseins«, bildete mehrere Jahre lang das Zentrum seiner Aufmerksamkeit und seines Interesses. Ich hatte immer den Eindruck, dass er über ein äußerst zuverlässiges inneres Radar verfügt, der ihn antreibt und dazu bewegt, sich für eine Vielzahl an Themen zu interessieren, die vor allem eins gemeinsam haben: Bei allen handelt es sich um hilfreiche und transformierende Gedankenschulen und Handlungsweisen.

Mit den Jahren wuchs zwischen uns eine vertrauensvolle Freundschaft, eine von den Freundschaften, deren Stärke und Schönheit in der Distanz liegt und die (vermutlich gerade deswegen) als umso wertvoller und großzügiger empfunden werden – eine dieser brüderlichen Verbindungen, die einen auf seiner Lebensreise begleiten und für die man aufrichtig dankbar ist. Montaigne hatte so recht, als er schrieb: »Es gibt keine größere Einöde als ein Leben ohne Freunde. Wahre Freundschaft multipliziert das Gute im Leben und dividiert das Schlechte. Sie ist das einzige Heilmittel gegen Pech und eine Erholung für die Seele.«

Da kommt er nun also auf seinem Fahrrad. Wir begrüßen einander, setzen uns in unsere Bar oder in ein Café, unterhalten uns eine Weile über die Realitäten des Lebens, über Projekte, Interessen, die Liebe, über Übergangsphasen, Kümmernisse und verschiedene Lebensabschnitte, und wir hören einander zu und sprechen über praktische Möglichkeiten, wie wir uns das Leben leichter machen könnten. Vor allem aber bekräftigen wir uns in dem Wissen, dass da jemand ist. Dann verabschieden wir uns bis zu unserem nächsten Wiedersehen, und ich sehe ihn davonradeln, mit seiner blauen Kappe, seinem Lächeln und seiner zufriedenen Ausstrahlung auf seinem Fahrrad. Oder ich begleite ihn einige Häuserblöcke weit irgendwohin, wie beim letzten Mal, als er mich zu dem Zentrum nahe der Plaza Serrano mitnahm, in dem er anderen dabei hilft, zu schreiben und sich selbst durch das Schreiben besser kennenzulernen – noch so eine von seinen Spezialitäten.

Mein schlechtes Gedächtnis verwehrt mir leider die Erinnerung, ob er mich während eines dieser Gespräche in einem Café oder in einer eMail bat, einen Text meiner Wahl zu schreiben, der diesem Buch als Vorwort dienen sollte. Ich sagte voller Enthusiasmus zu – aus Freundschaft, wegen unserer Bruderschaft, vor allem aber, weil ich an ihn glaube. Und für mich ist es von großer Bedeutung, ob ich an jemanden oder etwas glaube. An jemanden zu glauben bedeutet für mich, darauf zu vertrauen, dass dieser Mensch stets aus einer Haltung der Güte heraus handelt. So gehe ich auch im Umgang mit Therapeuten vor. Ich brauche nicht zu sehen, wie sie arbeiten. Es reicht mir, sie kennenzulernen, um zu wissen, ob ich Vertrauen in sie habe. Aber wovon hängt das ab? Ich schätze, von so ausgesprochen unwissenschaftlichen Dingen wie dem Eindruck, dass sie aus einer Haltung des Wohlwollens, dem spontanen Wunsch heraus handeln, dass es anderen gut gehen soll. Der Rest – ihre Arbeit – ist nicht viel mehr als eine Erweiterung oder Ergänzung dieser Eigenschaften.

Und welchen Eindruck hatte dieses Buch auf mich gemacht. Nach dem Lesen fragt man sich unwillkürlich, ob der Inhalt denn nun weltlicher Natur ist und praktisch angewandt werden soll oder eher dem dient, was man als »transzendentales Ich« bezeichnen könnte. Befasst es sich Buch mit den Stimuli, die mit den Alltagsangelegenheiten zusammenhängen, oder geht es um spirituelle Angelegenheiten? Auf gewisser Ebene lautet die Antwort: beides. Es ist eine Mischung aus einer Einladung, das Leben auf zwei Rädern zu genießen – dieses Mysterium des Einfach-am-Leben-Seins, das wir mit etwas Glück als »kostenlose« Gabe erleben dürfen – samt einer Menge praktischer Ratschläge über die Kunst des Fahrradfahrens und der Nahrung und Poesie für den Geist, die der gewaltigen Weisheit des Zens innewohnt.

Zen in der Kunst des Fahrradfahrens schlägt uns vor, einfach einmal alles loszulassen, auf das wir uns sonst fixieren, und stattdessen einen Zustand der Aufmerksamkeit, Leere, gedanklichen Aufgeräumtheit, des Nichtstuns, der Achtsamkeit und vollständigen Präsenz anzunehmen – und des gesteigerten Mitgefühls, das mit dieser Haltung einhergeht und für uns unweigerlich in größerer Glücklichkeit mündet, auch wenn wir gar nicht bewusst nach ihr gesucht hatten.

Es steht außer Frage, dass Mitgefühl hier von wesentlicher Bedeutung ist. Wir sollten nicht vergessen, dass sich der Buddhismus vom minderen Fahrzeug, dem Hinayana, zum großen Fahrzeug, dem Mahayana, entwickelte, von dem Zen wiederum eine Unterströmung ist, und sich stetig auf das Ideal des Bodhisattva zubewegt: dem Handeln zum Guten aller Lebewesen. Für den Praktizierenden ist es nicht genug, selbst befreit zu werden und die Buddhaschaft zu erreichen – der erwachte Geist ist liebevoll, mitfühlend, großzügig und altruistisch und strebt danach, dafür zu sorgen, dass alle Wesen ein Verständnis für ihre wahre Natur erlangen und sich von den Fesseln des persönlichen Ichs lösen, die sie an einen Zustand des Leids ketten.

Doch auf einer anderen Ebene lässt sich die Antwort auf die Frage, worum es in diesem Buch letztlich geht, auch in dem Wissen finden, dass es Himmel und Erde, Geist und Materie, Körper und Seele, alltägliches und transzendentes Bewusstsein, Entstehen und Vergehen vielleicht gar nicht gibt – dass all das ein und dasselbe ist und wir von der Dualität zur Einheit voranschreiten. Es mag stimmen, dass der rationale Verstand mit seiner logischen, trennenden Art zu dominant werden kann. Aber es stimmt genauso, dass wir Menschen gleichzeitig von einer Sehnsucht angetrieben werden, die intuitiv weiß, dass da noch eine andere Quelle ist, eine andere Realität, eine andere, alles einende Logik. Auf dieses Sein hinter der Welt spielte der Wissenschaftler und Nobelpreisträger Niels Bohr an, als er sagte: »Eine oberflächliche Wahrheit ist eine Aussage, deren Gegenteil falsch ist. Eine tiefgreifende Wahrheit dagegen ist eine Aussage, bei deren Gegenteil es sich ebenfalls um eine tiefgreifende Wahrheit handelt.«

In diesem Buch erfahren wir, welche Hinweise uns das Fahrrad und das Fahrradfahren für unseren Weg der inneren Erfahrung geben können, wie es uns dabei unterstützt, mehr Frieden und Gelassenheit zu erlangen und unsere Sehnsucht zu stillen. Wir gewinnen eine neue Perspektive auf das Fahrrad, das übrigens von Leonardo da Vinci erdacht und erstmals gezeichnet wurde, und können es als Symbol und Metapher betrachten. Vielleicht wird es deshalb von Tag zu Tag häufiger benutzt. Weil die Menschen das unbewusst erkennen. Was das Fahrrad repräsentiert, lockt immer neue Rekruten an.

Das Fahrrad steht dafür, Widerstand zu leisten, die Dinge zu vereinfachen, zu entschleunigen, präsent zu sein, zu sehen, zu fühlen und in Kontakt mit sich selbst und dem Leben zu bleiben. Es steht symbolisch für ein Prinzip, das aus einer Reihe von Werten und Empfindungen besteht, etwa, mit der Natur zu harmonieren, für Gesundheit, Fürsorge, Respekt, Einfachheit, Menschlichkeit und den menschlichen Lebensrhythmus, Vergnügen, Kindlichkeit und Neugierde, Gleichgewicht, Selbstvertrauen und Umweltbewusstsein. Ja, vergessen wir nicht das Umweltbewusstsein. Die Nutzung des Fahrrads trägt fast gar nicht zur Umweltverschmutzung bei, sie ist gewaltfrei, sondert keine giftigen Gase ab. Und in seiner Pflege und Reparatur kann man sich nahezu autark fühlen, weil die Mechanik eines Fahrrads einfach ist und nicht von großen Unternehmen oder hochspezialisierten Fachleuten abhängt. Fahrradgeschäfte bleiben oft kleine Unternehmen, die ein Gefühl von Handarbeit, von Familienbetrieb, von Kundenfreundlichkeit verbreiten.

Und um die Analogie des Fahrradfahrens als etwas Nicht-Umweltschädliches und im Gegenteil sogar Reines noch auf die Spitze zu treiben: Wenn man Fahrrad fährt und vom Flow dieser Tätigkeit mitgerissen wird und sich eins mit dem Fahrrad und seiner Umgebung, dem Hier und Jetzt, fühlt, dann wird in gewisser Weise auch der Verstand von Nebel und Giftstoffen befreit und gereinigt. Er wird leer wie ein wolkenfreier blauer Himmel und klart auf. Der Fahrradfahrer lächelt. All die Raster und Residuen, die durch Denken zu den »Meinungen«, »Beurteilungen« und »Unterschieden« werden, aus denen sich unser Weltbild zusammensetzt, lösen sich auf oder relativieren sich zumindest. Paradoxerweise ist es ja gerade unsere Vorstellung, unser Bild von der Welt, die uns von ihr trennt. Deshalb ist es so wichtig, all das loszulassen und sich zu reinigen.

Im Neuen Testament heißt es in Markus 8:35, in dieser Welt zu sterben, bedeute, das ewige Leben zu erlangen: »Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.« Wie schön sie ist, die Vorstellung, auf dem Fahrrad zu sitzen, in Bewegung zu sein und dabei eine feststehende und ewige Gegenwart zu erleben, leer und befreit von uns selbst (in gewisser Weise also »tot«) – während uns die Zukunft entgegenkommt und mit all ihrer Launenhaftigkeit in sich aufsaugt.

Wie gesagt enthält dieses Buch Nahrung und Poesie für den Geist. Die Lektüre bewegte mich dazu, noch einmal das Gedicht Shinjinmei (auf Deutsch etwa »Glaubensgeist«) von Meister Sengcan zu lesen, dem dritten Zen-Patriarchen. Wieder einmal war ich vollkommen hingerissen von diesem wunderbaren und geheimnisvollen Gedicht: »Wenn du noch die kleinste Unterscheidung triffst, werden Himmel und Erde unendlich weit voneinander getrennt«, so heißt es darin über das Thema Reinigung.

Was Singularitäten, Unterscheidungen oder Bewertungen hervorbringt, ist das Denken, das sich vom »kontemplativen« Denken entfernt, um mit seiner konzeptuellen Axt die Realität zu unterteilen (um nicht zu sagen: zu zerstückeln). Auf diese Weise hören Himmel und Erde, Licht und Dunkel, Oben und Unten, Form und Leere auf, ein und dasselbe zu sein. Wir treten ein in die Dualität, die Dichotomie, die Dialektik. Das »Ich« etabliert sich und errichtet sich selbst dabei ein Gefängnis. Zen ist Methode und Ziel zugleich. Es ist kein Mittel zum Zweck, sondern Mittel und Zweck gleichermaßen. Es trägt das Potenzial in sich, die Wände unseres persönlichen Kerkers niederzureißen.

Und noch einen Aspekt hat dieses Buch – den der Erinnerungen: So führte es mich zurück in meine Vergangenheit mit Zen. Wenn ich an kalten und langweiligen Abenden in Pamplona die dummen Baracken verlassen durfte, in denen ich meinen dummen Militärdienst ableistete, las ich Suzuki Shunryū. Ich bin sicher, dass ich damals nicht viel davon begriff, aber das war mir gleich, weil mir die bloße Lektüre schon das Gefühl gab, lebendiger zu sein, stärker bei mir selbst oder etwas in der Art, und es war ein wirksames Gegenmittel für die Zeitverschwendung und Bedeutungslosigkeit meines Militärdienstes. Heute glaube ich, dass ich damals, ohne mir dessen vollständig bewusst zu sein, durch das Verlangen nach Transzendenz und Weisheit motiviert wurde, das meiner Ansicht nach in uns allen lebt und pocht.

Die Lektüre führte mich aber auch zurück in meine Vergangenheit mit Fahrrädern: Beim Lesen fluteten mich Erinnerungen an meine Kindheit auf dem Land. Meine Familie war sehr, sehr groß, und ich erinnere mich deutlich an das eine kleine Kinderfahrrad, das in dem Bauernhaus meiner Großeltern stand, und die Gefühle, die ich mit ihm verband. Es wurde von einer gewaltigen Anzahl an Cousins und Cousinen benutzt, die alle ihre dreihundert ruhmreichen Meter darauf fahren wollten, ehe sie es voller Bedauern, Unwillen und Neid an das nächste Kind weiterreichen mussten. So viele Geschwister, Cousins und Cousinen, wie wir waren, mussten wir zwangsläufig Großzügigkeit, Respekt und Teilen lernen. Aber das Verlangen und das Vergnügen, die mit dem Fahren auf diesem Rad einhergingen, waren unbeschreiblich: den Weg entlang zu strampeln, flankiert von Mandelbäumen und Schilf, bis man die Grenze des Sicheren und Erlaubten erreichte: die Bahnschienen, die durch das kleine Dorf verliefen.

Auch an das gigantische, gelborange lackierte alte Fahrrad meines Großvaters musste ich wieder denken. Wenn wir vor dem Café beim Park, in dem er immer Kaffee trank und Karten spielte, sein Fahrrad entdeckten, liefen wir manchmal los, um ihn zu fragen, ob wir damit herumfahren durften. Wir mussten erst auf den Rahmen klettern, um den Sattel zu erreichen und in die Pedale treten zu können, natürlich ebenfalls wieder abwechselnd. Später, in meiner Jugend, erlebte ich das wunderbare Vergnügen, mit einer Gruppe von Freunden auf den Wegen herumzufahren, die die Felder umgeben.

Heute fällt mir auf, dass ich mir erst als Erwachsener mein erstes eigenes Fahrrad kaufte, in Barcelona, als ich zwanzig war. Ich muss zugeben, dass ich es mit der Angst bekam, nachdem ich es eine kurze Zeit im Stadtverkehr benutzt hatte und überzeugt war, dass es eine konkrete Gefahr für mein Leben darstellte. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert, und heute gibt es mehr und mehr Fahrradwege und mehr und mehr Menschen, die sich mit dem Rad in den Stadtverkehr trauen. Was sie lockt, sind die Stressreduktion und die gesundheitlichen Vorteile, die mit dem Radfahren einhergehen, wofür inzwischen auch viele Städte ein Bewusstsein gewonnen haben.

Ich danke Juan Carlos für seine Worte, die all diese schönen Erinnerungen in mir wiedererweckt haben, die unter einer dicken Schicht aus Pflichten und Verantwortungen begraben gewesen waren. Das wiederum erinnert mich an die weisen Worte von Eduardo Galeano, dem großen uruguayischen Schriftsteller: »Leben nur, um zu leben, so wie der Vogel singt, ohne zu wissen, dass er singt, oder das Kind spielt, ohne zu wissen, dass es spielt.« Und noch etwas muss ich gestehen: Seit ich dieses Buch gelesen habe, macht mir das Fahrradfahren wieder Spaß.

Ich möchte mit den Worten schließen, dass dies ein inspiriertes und einfallsreiches Buch ist, humanistisch und doch unangepasst, intellektuell und doch empirisch, rigoros und doch liebevoll, kultiviert und doch zugänglich, weltlich und doch spirituell. Vor allem aber ist es ein Buch über Zen, dessen – wie dieses Buch uns erinnert – einfachste, anspruchsvollste und zugleich auch am schwersten verständliche Maxime lautet: »Wenn ich esse, esse ich. Wenn ich schlafe, schlafe ich.« Ich möchte hinzufügen: »Wenn ich Fahrrad fahre, fahre ich Fahrrad.«

Joan Garriga Bacardi

Port de la Selva

Humanistischer Psychotherapeut,

Gründer des Institut Gestalt in Barcelona,

Pionier der Familienaufstellung nach Bert Hellinger

in Spanien und Lateinamerika sowie Buchautor


EINFÜHRUNG
Ein wunderbares Gefühl des Nichts

Wenn du jemals auf dein Fahrrad gestiegen und losgefahren bist und das Gefühl hattest, deine Handlungen seien unabhängig von deinem Willen und all dein Denken würde vorübergehend pausieren, dann brauche ich dir wohl nicht zu erklären, was ich mit »Gefühl des Nichts« sagen will. Im Zen bezeichnet man diesen Zustand als Achtsamkeit.

Eines Mittags Ende 1982, ich war 38 Jahre alt, bemerkte ich, dass Fahrräder sich selbst lenken. Ich sitze am Strand mit Blick auf den Rio de la Plata, dort, wo sich heute der Jardín de la Memoria befindet. Bei mir ist Daniel Coifman, ein Freund und Psychotherapeut, der mehrere Aufenthalte am Esalen Institute in Big Sur absolvierte, mehrfach nach Indien reiste und, um es kurz zu fassen, die Geheimnisse des Bewusstseins erkundet hat. Unsere Fahrräder lehnen aneinander.

Ich erzähle ihm, dass ich mich an all die Orte erinnere, durch die wir zusammen gefahren sind: das Planetarium, den Bahnübergang beim Flughafen, die Kreuzung beim Fischerverein. Und auch an den Wind auf meinem Gesicht, das Wasser, das gegen die Brüstungen spritzte, den Essensgeruch in den Restaurants, wie du einen Umweg gefahren bist, um den beiden alten Herren aus dem Weg zu gehen, die Mate tranken … Aber ich kann mich einfach nicht daran erinnern, was ich dabei gedacht habe. Ich war abgelenkt, keine Ahnung, wo ich in Gedanken war. Ich weiß nur, dass ich jetzt hier bin.


Daniel springt auf. »Nein, du warst nicht abgelenkt«, sagt er. »Du warst geistesabwesend, aber nicht abwesend. Und ob du es glaubst oder nicht, das ist das genaue Gegenteil.«

Dreißig Jahre sind seit diesem wunderbaren Gefühl des Nichts und diesem Gespräch am Flussufer vergangen. Fünf Notizbücher á hundertsechzig Seiten, völlig zerfleddert, weil ich sie so oft aus meiner Hosentasche geholt und wieder hineingeschoben habe, wurden mit Hunderten von Worten und unzusammenhängenden Sätzen, Gebeten, unfertigen Absätzen, abgeschriebenen Zitaten gefüllt. Hin und wieder tippe ich sie in ein langes Textdokument auf meinem Computer ab, das ich dann auf irgendeiner Seite öffne:

»Der Reisende ist der Motor.«

»Es gibt keine Gespenster, nur Risiken.«

»Teilhaben, ohne sich darin zu verlieren.«


Die Verbindungen zwischen Fahrrad und Zen drängen sich förmlich auf, ganz gleich, auf welchen Lebensbereich sie sich beziehen. Ich suche nicht nach ihnen, sie verfolgen mich.

Zu meditieren bedeutet nicht, sich einfach im Lotussitz niederzulassen und zu versuchen, einen anderen Geisteszustand zu erlangen – das Sitzen ist dieser Zustand. Genauso ist das Sitzen mit herabhängenden Beinen, die rhythmisch die Pedale bewegen, und den Händen am Lenker an sich bereits die Einheit mit dem Fahrrad.

Diese beiden Praktiken sind Formen der »geistigen Verdauung«, denn sie reinigen unser Inneres. Es mag vielleicht so klingen, als könne man sie mit passivem Schweigen gleichsetzen, aber dem ist nicht so. Der Geist reinigt sich selbst und tritt auf ganz natürliche Weise in einen Zustand subtiler Aufmerksamkeit ein.

Die Informationen, die der Fahrradfahrer dem Fahrrad kommuniziert und die das Fahrrad an ihn zurückgibt, erzeugen einen ähnlichen Dialog wie den in unserem Körper, der den Botschaften des Verstands vorausgreift und sich autonom zu bewegen scheint.

Eine Hand fährt eine Tischkante entlang und erkennt, wo der Tisch endet. Ein Bein in der Luft und eine Fußbewegung können ausreichen, um einen Fußball zu treffen und in die freie Ecke eines Tors zu lenken – all das in weniger als einer Sekunde, niemand den Verstand fragen, was zu tun ist, und als würde dieser auch gar keine Entscheidung treffen.

Der Verstand erfüllt eine Doppelfunktion: Er ist da, ist wachsam und sendet auch die notwenige Hilfe (also Information) – eine Choreografie, die alle Worte transzendiert.


Verbinden wir unsere Sinne mit dem Objekt Fahrrad, wird es zu einer Erweiterung unseres Körpers, als sei es ein Gliedmaß. Es kann uns seinen Zustand mitteilen – also das, was es gerade braucht –, und interpretiert die Impulse, die es über die Kontaktpunkte aus dem Gehirn des Fahrers erhält. Diesen instinktiv ablaufenden Dialog etablieren wir quasi ab dem Augenblick, in dem wir das Fahrradfahren erlernen, ohne ihn überhaupt zu bemerken.

Aus Sicht des Zens ist das Fahren dieser Dialog.

Auf dieselbe Weise begegnet der Energiefluss oder Élan vital weniger Hindernissen, wenn Körper und Geist zusammenarbeiten oder, wie wir es von nun an nennen werden, aufeinander eingestimmt oder miteinander im Einklang sind. Der Energiefluss entspringt dem Inneren von Fahrer und Fahrrad und geht auch wieder dorthin zurück, weil das sein natürlicher Weg ist, und die Kontaktpunkte zwischen den beiden dienen dabei als Schnittstellen.

Wenn wir meditieren, stimmen sich die verschiedenen Körper, aus denen wir bestehen (physischer, emotionaler, geistiger und andere, weniger wahrnehmbare) aufeinander ein, der Verstand hört auf, sich einzumischen, und in unserem Bewusstsein öffnet sich ein nonverbaler Kontakt zu unserem tiefsten Innersten. Manchmal erreichen wir Höhen, die wir durch bloßes Denken niemals erreichen könnten, und wir haben den Eindruck, gleichzeitig präsent und nicht präsent zu sein. Es gibt dann keinen Unterschied mehr zwischen dem Beobachteten und der Tatsache, dass wir es sind, die es beobachten. Wir können an diesem Ort verweilen oder weitergehen und zurückkehren, wann immer wir wollen.

Es kann zwar gefährlich sein, beim Fahrradfahren in einen solchen Zustand einzutreten, aber sich aufs Meditieren einzulassen, bedeutet, jede Gelegenheit zu ergreifen, ein vollständiges Kontinuum aus Mensch-Fahrrad-Weg zu erreichen – wobei »Weg« hier die Umgebung mit einschließt.

Diese Perspektive ergibt heute, wo Fahrradfahren eine weitverbreitete Praxis ist, die einen Teil des Alltags darstellt und immer breitere Akzeptanz erfährt, mehr Sinn. Viele Menschen stellen fest, dass Fahrradfahren einem höheren Zweck dient als nur der Befriedigung ihrer körperlichen Bedürfnisse – es ist auch eine Methode, inneren Einklang zu finden.

Mein Automechaniker ist ebenfalls Radfahrer, und er hat mir einmal gesagt: »Wenn ich inneren Einklang und wieder ins Gleichgewicht finden will, schwinge ich mich auf die alte Klapperkiste«, und dann zeigte er auf ein schwarzes Fahrrad, das hinten in seiner Werkstatt lehnt.

»Das Fahrrad ist das zivilisierteste Mittel zur Fortbewegung, das wir kennen. Andere Transportarten gebären sich täglich albtraumhafter. Nur das Fahrrad bewahrt sein reines Herz.«

[ Iris Murdoch ]

TEIL I


So vieles spricht fürs Fahrradfahren

Das Phänomen, die Möglichkeit


DER FAHRRADFAHRER IM STADTVERKEHR

Fahrräder sind wieder zu einem Alltagsgegenstand geworden. Allerdings dienen die meisten nach wie vor eher der Entspannung als dem Zweck der Fortbewegung. Fast alle Städte weltweit haben ihr Straßenbild angepasst, um Fahrradfahrer zu ermutigen und zu schützen. Das Fahrrad breitet sich in den ihm behördlich zugewiesenen Raum aus, es ist eine Mode, ein Phänomen mit Ansteckungskraft. Was auf den ersten Blick eine Form zu sein scheint, ist in Wahrheit ein Inhalt. Ganz gleich, aus welchen Grund es genutzt wird: Es erzeugt Gewohnheiten.

Die VORFAHREN des ZWEIRADS

Von dem Augenblick an, als im Neolithikum entdeckt wurde, dass runde Gegenstände rollen können, trat das Rad einen unaufhaltsamen Eroberungszug an.

Vielleicht wusste der Mensch auch damals schon – so wie wir manchmal Dinge wissen, ohne zu wissen, dass wir sie wissen –, dass sich im Rad noch ein höherer Zweck verbarg, eine weitere Frucht der Schöpfung, der noch einige Bewährungsproben bevorstehen sollten.

Das Verlangen des Menschen, schneller und weiter voranzukommen, als ihn seine Füße tragen konnten, bekam einen spürbaren Schub.

Das berühmte Bild des Menschen, dessen Proportionen perfekt in einen quadrierten Kreis passen, entsteht und ermöglicht Leonardo Da Vinci 1490 den Entwurf des Prototyps eines Fahrrads samt exakten Angaben zu Anatomie und Dynamik. Mit demselben Auge, das beobachten wollte, wie sich der Mensch vogelgleich durch die Luft bewegt, ersann Leonardo ein System mit Eigenantrieb, das es dem Menschen ermöglichen würde, fünfzehn Zentimeter über dem Boden zu schweben. Das Carrousell, ein Modell, das sich kaum vom klassischen Fahrrad des 20. Jahrhunderts unterscheidet, verfügt über eine direkt mit dem Lenker verbundene Steuerung, Pedale unten am Rahmen und sogar einen Kettenantrieb! Es ist perfekt auf den menschlichen Körper maßgeschneidert: Der Sattel befindet sich in idealer Position, um das Rad an zutreiben, den menschlichen Körper aufrechtzuhalten und beide eins werden zu lassen.


Umsetzung von Da Vincis Entwurf …

Gegen 1880 begann der Engländer John Kemp mit der Produktion seiner sogenannten »Sicherheitsfahrräder«, die mit einer Kette mit Gelenkgliedern zwischen Pedal und Zahnrad ausgestattet waren. Da Vinci muss aus dem Grab gerufen haben: »Na endlich, Jungs!«

Die größere Anzahl an Zähnen im Zahnkrank in Proportion zu denen am Kettenrad ermöglichte Verbesserungen: Das Kettenrad rotierte häufiger pro Drehung des Pedals, und damit drehte sich auch das Rad schneller.

Das Konzept der Übertragung und Multiplizierung erwies sich als unersetzlich. Das Kettenrad an der Achse des Hinterrads zu befestigen war dagegen nicht ideal. Der Vorteil: So konnte das Rad auf wenigen Metern beschleunigen, und es war möglich, mit den Beinen zu bremsen, ohne die Füße auf den Boden setzen zu müssen. Der Nachteil: Man konnte nicht mehr aufhören zu treten. Wenn der Fahrer keine Kraft mehr durch seine Beine ausübte, bewegten sich Pedale und Kette durch den Schwung des Hinterrads einfach weiter. Nur kurze Zeit später erfand ein anderer Engländer den Freilauf, eine Art Kupplung, die es dem Fahrer ermöglicht, die Beine vom Antrieb zu lösen. Dieses System ist im Wesentlichen dasselbe, das heutzutage alle Fahrräder nutzen, gleich ob mit oder ohne Gangschaltung.

Auf beiden Seiten des Atlantiks begann man, Fahrräder in Massenproduktion herzustellen, und auch die Kolonien führten sie als Zeichen des Fortschritts ein. Fahrradfahren wurde von einer Tätigkeit für Männer aus den oberen Schichten zur Transportmethode.

Während des 20. Jahrhunderts hielt sich das Fahrrad an die biblische Devise »Wachset und mehret Euch« – allerdings mit einem Minimum an Darwinismus, da sich das Prinzip des keilförmigen Rahmens seitdem so gut wie gar nicht weiterentwickelt hat. Mehr oder minder viele, mehr oder minder gerade oder gebogene Metallstangen werden zu scheinbar unterschiedlichen Designs zusammengefügt, aber letztlich stammen sie alle von demselben Dreieck aus Sattel, Pedalen und Lenker ab, das dieselben drei Kontaktpunkte stützt: Hinterbacken, Füße und Hände. Bis heute sind alle Varianten des Fahrrads ausgerichtet auf jene menschliche Silhouette, den schon Leonardo da Vinci seiner Arbeit zugrunde legte.

KULTOBJEKTE

»Man könnte sagen, dass er das Fahrrad mit Samthandschuhen anfasste. Er sorgte stets dafür, dass weder Vorder- noch Hinterrad eierte. Häufig erledigte er eine Arbeit kostenlos für mich, weil er, wie er es ausdrückte, noch nie einen Menschen gesehen hatte, der sein Fahrrad so sehr liebte wie ich.«

[ Henry Miller, Mein Fahrrad und andere Freunde ]

Können Gegenstände wie Fahrräder lebendig sein? Besonders mechanische Artefakte ohne Motor, die menschliche Funktionen übernehmen, so wie alte Rasenmäher oder pedalbetriebene Nähmaschinen?

Genauso wenig wie Musikinstrumente verfügen Fahrräder über eine sichtbare Energie, denn jegliche Energie, mit der sie in Kontakt kommen – die unserer Füße und Hände, die Schwungkraft, die Zugkraft beim Bergabfahren –, lassen sie ihre Mechanismen durchlaufen. Sie machen sich einige physikalische Gesetze wie Schwerkraft, Gleichgewicht, Trägheit und die Zentrifugalkraft zunutze. Sie multiplizieren Kräfte, verarbeiten Informationen, vereinen verschiedene Kräfte und passen sich an unterschiedliche Situationen an. Sie tragen uns – ertragen uns, unser Übergewicht, unsere Gewohnheiten, unsere Laster, unsere Launen. Sie befördern uns. Sie verstehen uns …

Und auf einer subtileren Ebene haben auch sie dieses gewisse Etwas, eine abstrakte Eigenschaft, für die der Mensch niemals Worte gefunden hat.

Ich spreche von dem, was uns transzendiert.

Bestimmen zu wollen, ob ihr Geist nun ihrem wahren Wesen oder ihrer Funktion entspringt, wäre genauso müßig wie der Versuch, den Beobachter als unabhängig vom Beobachteten zu betrachten oder den Verstand als getrennt vom Ich. Es ist ihm »angeboren«, da es von Anfang an in ihm war.

Jedes Fahrrad hat eine Persönlichkeit und ist Gegenstand eines Privatkults. Jeder Mensch baut eine Beziehung zu seinem Fahrrad auf, was für eines es auch sein mag – genauso wie zu seinen Lieblingsschuhen oder seinem liebsten T-Shirt, obwohl es da draußen Tausende von ähnlichen Gegenständen gibt. Ein anderes Modell derselben Marke hätte nicht dieselbe Wirkung. Jedes Fahrrad etabliert seine ganz eigene, persönliche Beziehung.


Es handelt sich um eine körperliche Beziehung. Wie stets, wenn Körper auf Körper trifft, gibt es dabei Faktoren, die den Verstand transzendieren. Wer auf ein Fahrrad steigt, nimmt wahr, wie er von ihm angenommen wird, wie es sein Gewicht trägt, was es fordert, wie es auf Stimuli durch den Fahrer reagiert. Nicht alle Modelle verursachen dasselbe Gefühl der Vollständigkeit. Hat sich erst einmal Empathie entwickelt, kommt ein Feedback zustande und der Fahrer kann sich entspannen. Eine Alchemie, die in einer Kapitulation, einem Vergessen des Selbst besteht. Es ist eine Form der Befreiung, des Loslassens, ähnlich, wie sie beim Geschlechtsakt entsteht.

Beim Fahrradfahren muss man nicht jede Bewegung durchdenken. Die ihm innewohnende Dynamik bringt uns dazu, automatisch das Richtige zu tun. Ich bewege mich voran, und erst danach denke ich darüber nach. Wie beim Spielen eines Musikinstruments operiert die Gewohnheit auf unterbewusster Ebene. Wenn der Spieler bis zu einem gewissen Grad mit dem Instrument verschmolzen ist, versinkt er in der Euphorie des Spiels und hat nicht mehr die Möglichkeit, innezuhalten, um darüber nachzudenken, was er tut oder wie er es tut. Er gibt sich der Musik hin, so wie sich der Fahrradfahrer dem Fahren hingibt.


Beim Lesen dieses letzten Abschnitts schreibt Nicolás Muszkat an den Seitenrand: »Als ich zweiunddreißig Jahre alt war (also vor zwei Jahren), ging ich mit meinem Vater in den Fahrradladen, den wir in meiner Kindheit immer besucht hatten. Der Besitzer Miguelito zeigte mir ein Fahrrad, das an der Wand hing. Es war kaum mehr als ein Trümmerhaufen. ›So eins hattest du auch, genau das Gleiche‹, sagte er. Es war ein Zwanzig-Zoll-Klapprad von Aurorita. Alle Teile wurden in Argentinien hergestellt, selbst die Bremsen. Natürlich habe ich es gekauft und restauriert. Noch heute ziehe ich aus Fahrrädern dasselbe Vergnügen wie damals, als ich das Fahren gerade erst lernte.«


Für uns, die wir als Kinder Fahrräder liebten, stirbt das Thema Fahrrad niemals – und kein Fahrrad stirbt jemals ganz. Es mag auseinandergenommen werden, vielleicht landen einzelne Teile sogar auf dem Sperrmüll, aber es findet sich immer jemand, der einen rostigen Rahmen vor dem Schrottplatz rettet und ihn mit neuen oder gebrauchten Ersatzteilen wieder zum Leben erweckt. Nur selten kommt es vor, dass das Gestänge tatsächlich verschrottet wird – meist wird es reinkarniert und kehrt zurück, um die Verbindung zwischen Radfahrer und Fahrrad erneut zu durchleben.

Der Anthropologe Marc Augé bezeichnet das als Band der Liebe und des buchstäblichen Wiedererkennens, das durch die Zeit nicht zerstört, sondern durch Erinnerungen und Nostalgie sogar eher gestärkt wird, auch wenn das Leben Rad und Besitzer voneinander getrennt hat.

Es ist eine Metapher für eine Existenz, die auf dem utopischen Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur beruht, für das Verlangen nach einem Goldenen Zeitalter, das nicht vom Kommerz besudelt wurde, für das symbolische Wiedererlangen der Freiheit. Das Fahrrad weckt unzählige Assoziationen.

Das UNMERKLICHE

Ende der 1980er Jahre, als fast alle Fahrradhersteller in Amerika und Europa Modelle mit Gangschaltung auf den Markt brachten, erkannten zunächst nur sehr wenige Menschen, dass es sich dabei um mehr als eine rein technische Innovation handelte.

»Man könnte fast sagen, dass sie [gemeint ist die Gangschaltung] reagiert, als würde sie den Akt des Fahrradfahrens verstehen und ihn praktisch umsetzen, wobei sie von unseren automatisierten Bewegungen ausgeht, ganz gleich, wie minimal sie sein mögen«, erklärt mir Nicolás Muszkat, der Mann, der das Fahrrad seiner Kindheit restaurierte und heute Lateinamerika-Manager von Shimano ist, dem größten Gangschaltungshersteller der Welt. Er weist darauf hin, dass Gangschaltungen nicht einfach nur ein Zusatz zum Fahrrad seien, der eine stärkere oder schwächere Kraftaufwendung ermöglicht – vielmehr ginge es darum, dass der Fahrer den Gang wechseln kann, ohne seine Aufmerksamkeit darauf richten zu müssen. Darum, dass sie zu einem Teil seines Körpers werden, wie die Luft, die er atmet, ohne es zu merken.

Das Unmerkliche als der Gangschaltung inhärentes Konzept weist direkt darauf hin, dass die Reaktionen des Radfahrers unter geringstmöglicher Beteiligung seines Denkens eintreten, dass diese Reaktionen im selben Augenblick aktiviert werden, in dem die Sinneseindrücke das Gehirn erreichen, und unabhängig von der willentlichen Entscheidung stattfinden, den Gang zu wechseln. Dass der Fahrer nicht einmal bemerkt, was er tut, genauso wie er die Bremse betätigt, ohne darüber nachzudenken, dass er auf ein Warnsignal hin handelt.

In der japanischen Kampfkunst spricht man bei einer so engen Verschmelzung zwischen dem Instrument und seiner Funktion davon, dass sich die Energie »selbst aktiviert«.


Ist es Zufall, dass die Fabriken und das Firmenhauptquartier, aus denen dieses emotionsgeladene Stückchen Ingenieurskunst stammt, in Sakai liegen, einer Stadt in der Präfektur Osaka, wo die für die Teezeremonien charakteristischen vier Elemente – Harmonie, Reinheit, Ruhe und Ehrfurcht – einen Kontrapunkt zu den ehemaligen Stahlschmieden bilden, in denen früher Waffen hergestellt wurden?

Ist es ein Zufall, dass der Unternehmensgründer Shozaburo Shimano, ein Mann, der die Geheimnisse kaltgeformten Stahls kannte wie seine eigene Westentasche, in seiner Freizeit Angeln ging? Er tat das gern alleine und stand stundenlang mit der Leine zwischen Daumen und Zeigefinger da, ließ seinen Geist von der Natur erfüllen …

Hängt all das irgendwie damit zusammen, dass das Fahrradfahren von Zen beseelt ist?

Diese Frage stelle ich mir.


Heute ist das Fahrrad kein Vehikel für Romantiker – und Fanatiker – mehr, sondern eine kluge Entscheidung. Im Stadtverkehr des 21. Jahrhunderts stellt es die nachhaltigste Möglichkeit dar, von A nach B zu gelangen, und bringt darüber hinaus gesundheitliche Vorteile mit sich. Fahrradfahren ist eine Philosophie, die sich praktisch umsetzen lässt. Das Fahrrad überlebt als letzte große Erfindung des mechanischen Zeitalters, auch wenn ihm immer weitere Innovationen hinzugefügt werden: Scharniere, damit man es zusammenklappen kann, Elektromotoren mit wiederaufladbaren Batterien, neue Lastenräder, bei denen sich das Vorderrad einen Meter vor dem Lenker befindet, und so fort.

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
193 s. 39 illüstrasyon
ISBN:
9783954472581
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