Kitabı oku: «Der Kurier des Zaren»

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Jules Verne

Der Kurier des Zaren

Vollständige Ausgabe

Saga

Der Kurier des ZarenCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1876, 2020 Jules Verne und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726642896

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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1. Ein Fest im Neuen Palais

„Sire, ein neues Telegramm!“

„Woher?“

„Aus Tomsk.“

„Jenseits dieser Stadt sind die Drähte zerschnitten?“

„Seit gestern, jawohl.“

„Telegraphieren Sie alle Stunden nach Tomsk, General, ich wünsche, auf dem laufenden zu bleiben.“

„Zu Befehl, Sire,“ antwortete General Kissoff.

Diese Worte wurden um zwei Uhr morgens gewechselt, eben als das Fest im Neuen Palais auf den Höhepunkt seines Glanzes gelangt war. Während des Essens hatten ununterbrochen die Regimenter Preobraschensky und Pawlowsky gespielt: Polkas, Masurkas, schottische Tänze — ihre besten Musikstücke. Unzählbar schienen die Tänzer und Tänzerinnen, wie sie dahinschwebten durch die prunkvollen Säle dieses Palastes, der nur wenige Schritte entfernt lag vom alten Steinbau, wo dereinst so viele Schreckensdramen sich abgespielt hatten, deren Echo in dieser Nacht aus den Motiven von Quadrillen herauszutönen schien.

Der Oberhofmeister fand übrigens in seinen heiklen Obliegenheiten treffliche Unterstützung. Die Grossfürsten und ihre Adjutanten, die Kammerherren vom Dienst, die Schlossoffiziere leiteten selbst die Anordnung der Tänze. Die Grossfürstinnen, mit Diamanten übersät, und die Hofdamen, in Galakleidern, gingen den Frauen der hohen Militär- und Zivilbeamten aus der alten „Stadt der weissen Steine“ mit gutem Beispiel voran. Als daher das Zeichen zur Polonaise ertönte, als die Hofgäste jedes Ranges an diesem rhythmischen Rundgang teilnahmen, der bei derartigen Feierlichkeiten die hohe Bedeutung eines Nationtltanzes hat — da bot das Durcheinander der langen Spitzenroben und der mit Orden geschmückten Uniformen unter dem Licht von hundert Kronleuchtern, das die rückstrahlenden Spiegel noch vervielfältigten, ein unbeschreibliches Bild, eine blendende Augenweide. Es war ein Meer von Glanz und Prunk. Der grosse Saal, der schönste von allen, die das Neue Palais besass, war für diesen Aufzug von prunkvoll herausgeputzten Herren und Damen ein seines Glanzes würdiger Rahmen. Die reiche Deckenwölbung mit den schweren Vergoldungen, die schon etwas blind waren vom Rost der Zeit, erschien mit ihren einzelnen leuchtenden Flecken wie gestirnt. Die Brokatstoffe der Vorhänge und Portieren, die in stolzen Falten herniederfielen, waren von tiefem Purpur, der nur da, wo der schwere Stoff zu Ecken sich knickte, leuchtender erstrahlte. Die hohen, grossen Bogenfenster trübten nur wenig das Licht, das die Säle durchflutete, und es drang nach aussen wie der Widerschein einer Feuersbrunst, grell die Nacht durchstrahlend, die schon seit Stunden diesen flimmernden Palast finster umhüllte. Dieser Kontrast fiel auch wirklich denjenigen der Gäste auf, die nicht bloss für das Tanzen schwärmten. Wenn sie dann und wann an den Fensterkreuzen stehenblieben, konnten sie hier und dort im Dunkel der Nacht die Schattenrisse von Türmen sehen. Unter den mit Bildhauerarbeit verzierten Balkonen sahen sie zahlreiche Posten, die schweigend hin- und hergingen, das Gewehr auf die Schulter gelegt. Im Schein des nach aussen strahlenden Lichtes blitzte die Spitze des Helms hin und wieder flüchtig auf. Sie hörten auch die Patrouillen, die in abgerissenem Takt über die Steinfliesen stampften und die Beine jedenfalls korrekter aufsetzten als die Tänzer auf dem Parkett des Saales. Von Zeit zu Zeit erklang ein Ruf, der sich von Posten zu Posten fortpflanzte, und bisweilen übertönten die Klänge des Orchesters einen Trompetenstoss, dessen heller Ton in die allgemeine Harmonie hineinschmetterte. Noch tiefer, vor der Fassade, zeichneten sich in den Lichtstreifen, die von den Fenstern des Neuen Palais ausgingen, düstere Massen ab. Das waren Boote, die den Lauf eines Flusses hinabglitten, dessen Wasser, vor dem flimmernden Licht mehrerer Leuchtfeuer erhellt, die äussersten Grundquadern der Terrassen bespülte.

Die Hauptperson des Balles — der Mann, der dieses Fest veranstaltete und den General Kissoff mit einem den Untertanen zukommenden Titel angeredet hatte — trug die schlichte Uniform eines Offiziers der Gardejäger. Das war keine absichtlich zur Schau getragene Einfachheit seinerseits, sondern lediglich die Gewohnheit eines Mannes, der für Prunk und Pomp nicht viel übrig hatte. So stand seine Erscheinung auch in scharfem Gegensatz zu den prächtigen Kostümen, die ihn bunt umgaben, und ebenso zeigte er sich auch in der Regel inmitten seiner Leibgarde von Georgiern, Kosaken und Lesghiern, der prächtigen Schwadronen, die die prunkvollen Uniformen vom Kaukasus trugen. Diese hochgewachsene Person mit leutseliger Miene, ruhigem Gesichtsausdruck und doch sorgenvoller Stirn ging von einer Gruppe zur anderen, sprach aber wenig. Den launigen Worten junger Gäste oder den ernsteren Worten hoher Beamten oder der Mitglieder des diplomatischen Korps, die am Hofe die Hauptstaaten Europas vertraten, schien er nur wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Einige dieser scharfsinnigen Politiker — geborene Physiognomiker — hatten auf dem Antlitz ihres Gastgebers einige Anzeichen von Unruhe wahrzunehmen geglaubt, über deren Ursache sie jedoch nichts erfuhren. Jedenfalls war es der Wille des Offiziers der Gardejäger, dass seine geheimen Besorgnisse dieses Fest in keiner Weise beeinträchtigen sollten, und da er zu den seltenen Fürsten zählte, denen — selbst in Gedanken — eine ganze Welt zu gehorchen gewohnt war, so erlitt die Ballfestlichkeit keinen Augenblick Störung.

Inzwischen wartete General Kissoff, dass der Offizier, dem er das von Tomsk gesandte Telegramm übermittelt hatte, ihm den Befehl zum Gehen erteilen würde, dieser jedoch verharrte schweigend. Er hatte das Telegramm genommen und gelesen, und seine Stirn verdüsterte sich noch mehr. Die Hand fuhr unwillkürlich nach dem Griff des Degens und hob sich dann nach den Augen, die sie ein Weilchen bedeckte. Man hätte meinen mögen, das grelle Licht blende ihn und er suche das Dunkel, um besser in sein Inneres schauen zu können.

„Also“, sagte er, nachdem er General Kissoff in eine Fensternische geführt hatte, „seit gestern sind wir ohne Verbindung mit meinem Bruder, dem Grossfürsten?“

„Ohne Verbindung, Sire, und es ist zu befürchten, dass die Telegramme bald nicht mehr über die sibirische Grenze hinüberkommen werden.“

„Aber die Truppen der Provinzen Amur und Jakutsk sowie von Transbaikalien haben doch Befehl erhalten, unverzüglich auf Irkutsk zu marschieren?“

„Dieser Befehl ist gegeben worden in dem letzten Telegramm, das über den Baikalsee hinaus befördert werden konnte.“

„Aber mit den Bezirken Jenisseisk, Omsk, Semipalatinsk und Tobolsk stehen wir doch noch immer in direkter Verbindung seit dem Beginn des Einfalls?“

„Jawohl, Sire, dorthin gelangen unsere Telegramme noch, und wir haben bis zur Stunde die Gewissheit, dass die Tataren noch nicht über den Irtysch und Obi hinaus vorgedrungen sind.“

„Und über den Verräter Iwan Ogareff liegt noch keine Nachricht vor?“

„Noch keine,“ antwortete General Kissoff. „Der Polizeidirektor kann nicht bestimmt sagen, ob er die Grenze überschritten hat oder nicht.“

„Sein Signalement soll sofort nach Nischni-Nowgorod, Perm, Jekaterinburg, Kassimoff, Tjumen, Ischim, Omsk, Jelamsk, Koliwan, Tomsk und allen Telegraphenplätzen gesandt werden, mit denen noch Verbindung besteht.“

„Die Befehle Eurer Majestät sollen augenblicklich befolgt werden,“ antwortete General Kissoff.

„Stillschweigen über dies alles!“

Nach einer Gebärde ehrfurchtsvoller Anhänglichkeit verneigte sich der General, mischte sich noch zunächst in die Menge und verliess dann die Säle, ohne dass sein Verschwinden aufgefallen wäre. Der Offizier blieb noch ein Weilchen träumerisch stehen, und als er wieder unter verschiedene Gruppen von Militärs und Politikern trat, die sich an verschiedenen Stellen in den Sälen gebildet hatten, war sein Angesicht so ruhig wie zuvor.

Inzwischen war der schwerwiegende Umstand, der diese rasch gewechselten Worte verursacht hatte, nicht so unbekannt, wie der Offizier der Gardejäger und General Kissoff es glauben konnten. Man sprach nicht offiziell davon, allerdings, nicht einmal offiziös, da der Gegenstand noch nicht auf allerhöchsten Befehl freigegeben war, aber einige hohe Personen waren mehr oder minder genau über die Ereignisse unterrichtet, die sich jenseits der Grenze vollzogen. Was sie vielleicht nur vom Hörensagen wussten, worüber sich nicht einmal die Mitglieder des diplomatischen Korps besprachen, darüber unterhielten sich jedenfalls zwei Gäste, an denen keine Uniform und keine Auszeichnung verriet, woraufhin sie im Neuen Palais empfangen worden waren, mit leiser Stimme und schienen ziemlich genaue Auskunft zu besitzen. Auf welchem Wege oder durch welchen Zwischenhandel hatten diese einfachen Sterblichen erfahren, was so viele weit bedeutendere Persönlichkeiten kaum vermuteten? Das liess sich nicht sagen. Beruhte es bei ihnen auf einer Gabe der Vorahnung oder Voraussicht? Besassen sie einen Sinn mehr, der sie befähigte, über den begrenzten Horizont hinauszublicken, auf den jeder menschliche Blick beschränkt ist? Hatten sie eine besondere Witterung, um die geheimsten Neuigkeiten aufzuspüren? Dank der bei ihnen zur zweiten Natur gewordenen Gewohnheit, von der Erkundigung und durch die Erkundigung zu leben, hatte ihre Natur sich vielleicht in dieser Weise umgeformt. Man wäre versucht gewesen, dies zuzugeben.

Von diesen zwei Männern war der eine ein Engländer, der andere ein Franzose, beide gross und mager, dieser braun wie die Leute aus der Provence, jener rot wie einer aus Lancashire. Abgemessen, kalt, phlegmatisch, sparsam mit Worten und Gebärden, schien der Anglo-Normanne nur zu sprechen oder zu gestikulieren auf die Wirkung einer Feder hin, die in bestimmten Zwischenzeiten in Tätigkeit trat. Dagegen war der Gallo-Romane lebhaft und ungestüm, redete zugleich mit Lippen, Augen und Händen und hatte zwanzig Arten, seine Gedanken wiederzugeben, während sein Widerpart nur eine einzige unlösbar in seinem Gehirn versteifte Methode besass. Diese physischen Verschiedenheiten hätten leicht auch dem ungeübtesten Menschenbeobachter auffallen müssen; aber wenn ein Physiognomiker diese beiden Fremden aus der Nähe betrachtet hätte, so würde er wohl den physiologischen Unterschied, der sie charakterisierte; mit den Worten ausgedrückt haben, dass der Franzose „ganz Auge“, der Engländer „ganz Ohr“ wäre. In der Tat hatte sich der Gesichtssinn des einen durch den Gebrauch eigentümlich vervollkommnet, die Empfindlichkeit seiner Netzhaut war ebenso gewandt in Augenblickswahrnehmungen wie die eines Taschenspielers, der eine Karte beim Schlag des schnellsten Mischens oder lediglich an einem, jedem anderen nicht wahrnehmbaren Merkmal erkennt. Der Franzose besass also im höchsten Grade, was man das, „Gedächtnis des Auges“ nennt. Der Engländer dagegen schien besonders geschaffen für das Lauschen und Hören. Wenn der Klang der Stimme einmal sein Ohr getroffen hatte, dann konnte er sie nicht wieder vergessen, und nach zehn, zwanzig Jahren hätte er sie unter Tausenden wieder herausgekannt. Seine Ohren waren freilich nicht beweglich wie die der Tiere, die mit grossen „Hörlöffeln“ ausgestattet sind; aber wenn die Gelehrten festgestellt haben, dass die menschlichen Ohren immerhin eine gewisse Beweglichkeit haben, so hätte man mit Recht behaupten können, dass die des besagten Engländers sich aufzurichten, zu verdrehen und zu neigen suchten, um in einer auch für den Naturwissenschaftler kaum auffälligen Weise die Töne zu erhaschen. Es darf bemerkt werden, dass diese Vervollkommnung des Gesichts und des Gehörs den beiden Männern in ihrem Beruf von grossem Nutzen war; denn der Engländer war Berichterstatter für den Daily-Telegraph und der Franzose Berichterstatter für den . . ., welcher Zeitung oder welcher Zeitungen, das sagte er nicht, und wenn man ihn fragte, antwortete er launig, er korrespondiere mit seiner „Cousine Madeleine“. Im Grunde war dieser Franzosn bei aller Ungezwungenheit seines Äusseren sehr scharfsinnig und höchst klug. Wenn er vom hundertsten ins tausendste schwatzte — vielleicht nur, um sein Verlangen, etwas zu erfahren, besser zu verbergen — so verriet er sich doch nie. Seine Geschwätzigkeit diente ihm vielmehr zum Schweigen, und er war vielleicht verschlossener und verschwiegener als sein Kollege vom Daily-Telegraph.

Wenn diese beiden nem Fest im Neuen Palais in der Nacht vom 15. zum 16. Juli beiwohnten, so geschah es in ihrer Eigenschaft als Journalisten und zur grössten Erbauung ihrer Leser. Es braucht nicht besonders betont zu werden, dass diese beiden Männer ihrer Mission auf dieser Welt leidenschaftlich zugetan waren, dass sie sich mit Vorliebe wie Spürhunde auf die Suche nach den unerwartetsten Neuigkeiten, begaben, dass nichts sie zurückschreckte oder vom Erfolge abbrachte, dass sie die ganze unerschütterliche Kaltblütigkeit und den wahren. Mut der Berufsjournalisten besassen. Wahre Jockeis in dieser Schnitzeljagd, in dieser Jagd nach Nachrichten, setzten sie über Hecken, nahmen die Flüsse und sprangen über die Hürden mit dem unvergleichlichen Feuer der echten Vollblutpferde, die lieber sterben, als dass sie nicht als „gute Erste“ einlaufen. Übrigens hielten ihre Zeitungen sie auch nicht knapp an Geld — dem sichersten, schnellsten und vollkommensten Mittel, etwas zu erfahren, das man bis heutigentags kennt. Auch muss — und zwar zu ihrer Ehre — hinzugefügt werden, dass sie niemals über die Mauern des Privatlebens hinweg horchten oder spähten, und dass sie nur da tätig waren, wo politische oder soziale Belange im Spiel waren. Mit einem Wort, sie besorgten, um einen seit einigen Jahren üblichen Ausdruck zu gebrauchen, „die Hauptberichte über Politik und Wehrmacht“. Man wird jedoch, wenn man sie näher beobachtet, erkennen, dass sie in der Regel eine eigentümliche Art hatten, die Tatsachen und vor allem ihre Folgen anzusehen, da ein jeder sein ganz besonderes Verfahren hatte, zu betrachten und zu beurteilen. Da sie jedoch immer den Grundsatz hegten, „leben und leben lassen“, und bei keiner Gelegenheit sich knauserig zeigten, so dürfte man unrecht tun, ihnen daraus einen Vorwurf zu machen. Der französische Berichterstatter hiess Alcide Jolivet, der Name des englischen war Harry Blount. Sie hatten sich zum erstenmal getroffen auf dieser Feierlichkeit im Neuen Palais, über die in ihrem Blatte zu berichten sie beauftragt worden waren. Die Verschiedenheit ihrer Charaktere und ein gewisser Berufsneid waren Grund, dass sie einander wenig sympathisch waren. Indessen gingen sie sich nicht aus dem Wege, im Gegenteil, sie suchten einander, um sich gegenseitig über die Neuigkeiten des Abends auszuforschen. Es waren eben zwei Jäger, die auf dem gleichen Revier, im gleichen Bannforst jagten. Was der eine fehlte, konnte vom anderen vorteilhaft abgeschossen werden, und ihr eigenes Interesse verlangte, dass sie in Seh- und Hörweite voneinander verblieben.

An diesem Abend waren sie also beide auf dem Anstand. Es lag wirklich etwas in der Luft. „Wenn es auch bloss ein Schwarm Enten sein sollte,“ sprach Alcide Jolivet bei sich, „einen Büchsenschuss lohnt es schon.“

Die beiden Berichterstatter wurden also während des Balles, kurze Zeit nach General Kissoffs Weggang, in Gespräch miteinander geführt und führten es zunächst behutsam und vorsichtig.

„Das muss man sagen, mein Herr, diese kleine Festlichkeit ist ganz allerliebst,“ sagte mit verbindlichster Miene Alcide Jolivet, der durch diese echt, französische Redensart die Unterhaltung eröffnen zu sollen meinte.

„Ich habe schon gedrahtet: splendid!“ versetzte kühl Harry Blount, indem er jenes Wort gebrauchte, das beim Bürger des Vereinigten Königreichs als Ausdruck jeglicher Bewunderung den Anstrich besonderer Weihe hat.

„Indessen meinte ich,“ setzte Alcide Jolivet seinen vorigen Worten hinzu, „zur selben Zeit meiner Cousine schreiben zu —“

„Ihrer Cousine?“ wiederholte Harry Blount mit Erstaunen, seinem Kollegen ins Wort fallend.

„Jawohl,“ versetzte Alcide Jolivet, „meiner Cousine Madeleine. Ich stehe nämlich mit ihr in Briefwechsel; sie ist gern schnell und genau unterrichtet, meine Cousine. Deshalb meinte ich ihr mitteilen zu sollen, dass es während dieser Festlichkeit den Anschein habe, als zöge ein finsterer Schatten über die Stirn des Landesherrn.“

„Mir aber ist es vorgekommen, als sei dies kein Schatten, sondern ein Sonnenstrahl gewesen,“ erwiderte Harry Blount, der vielleicht seine Gedanken über diesen Fall verschleiern wollte.

„Und selbstverständlich haben Sie auch ,Sonnenstrahl‘ in die Spalten des ,Telegraph‘ setzen lassen!“

„Ganz, wie Sie sagen.“

„Besinnen Sie sich noch darauf, Herr Blount,“ fragte Alcide Jolivet, was sich Anno 1812 in Zakret ereignete?“

„Als ob ich dabei gewesen wäre, mein Herr,“ antwortete der englische Berichterstatter.

„Dann wissen Sie auch,“ erwiderte Alcide Jolivet, „dass mitten in einem dem Zaren Alexander zu Ehren veranstalteten Fest ihm mitgeteilt wurde, Napoleon habe soeben mit der französischen Vorhut den Njemen überschritten. Der Zar verliess jedoch das Fest nicht, und trotz der ausserordentlichen Wichtigkeit einer Nachricht, die ihm sein Reich kosten konnte, liess er keine Spur von Beunruhigung merken . . .“

„. . . die auch auf seiten unseres Gastgebers nicht zu bemerken war, als ihm General Kissoff mitteilte, die Telegraphendrähte seien soeben zwischen der Grenze und dem Regierungsbezirk Irkutsk zerschnitten worden.“

„Ach! Dieser besondere Vorfall ist Ihnen bekannt?“

„Er ist mit bekannt.“

„Was mich angeht, möchte es freilich seine Schwierigkeit haben, nichts davon zu wissen, denn mein letztes Telegramm ist bis Udinsk gelangt,“ bemerkte mit gewisser Genugtuung Alcide Jolivet.

„Das meinige bloss bis Krasnojarsk,“ erwiderte Harry Blount in einem Ton, aus dem kein geringeres Mass von Genugtuung klang.

„Dann wissen Sie auch, dass schon Befehle an die Truppen von Nikolajewsk ergangen sind?“

„Jawohl, mein Herr, und zwar gleichzeitig mit dem Telegramm an den Regierungsbezirk Tobolsk, die Kosakenregimenter zusammenzuziehen.“

„Stimmt wie eine böhmische Orgel, Herr Blount. Diese Massnahmen sind mir gleichfalls bekannt geworden — Sie dürfen mir schon glauben, dass meine liebenswürdige Cousine morgen verschiedenes davon erfahren wird.“

„Genau so, wie es auch den Lesern des Daily-Telegraph bekannt sein wird, Herr Jolivet.“

„Ja, sehen Sie, wenn man für alles Augen hat, was vorgeht . . .“

„Und Ohren für alles, was gesprochen wird . . .“

„Wird einen interessanten Feldzug geben, Herr Blount.“

„Den ich mir nicht entgehen lassen werde, Herr Jolivet.“

„Dann kann es ja der Fall sein, dass wir uns auf einem Boden wiedertreffen werden, der wesentlich weniger Sicherheit aufweist als das Parkett dieses Saales.“

„Weniger Sicherheit schon, aber —“

„— aber auch weniger Glätte,“ versetzte lachend Alcide Jolivet und fasste seinen Kameraden noch gerade rechtzeitig, als er beim Kehrtmachen das Gleichgewicht zu verlieren drohte. Hierauf trennten sich die beiden Berichterstatter, im grossen und ganzen recht zufrieden, dass keiner dem anderen vorausgeeilt war. Tatsächlich waren sie einander wert.

Im selben Augenblick taten sich die Türen der mit dem grossen Saal zusammenhängenden Gemächer auf. Dort standen mehrere grosse Tafeln, herrlich gedeckt und verschwenderisch mit kostbarem Porzellan und goldenen Geschirr beladen. Auf der mittleren Tafel, sie für die Fürstlichkeiten und für die Mitglieder des diplomatischen Korps bestimmt war, strahlte ein Tafelaufsatz von unschätzbarem Wert, der aus Londoner Werkstätten stammte, und um dieses Meisterwerk der Goldschmiedekunst funkelten unter dem Lichtfeuer der Kronleuchter die tausenderlei Bestandteile des herrlichsten Services, das je seinen Weg aus der Porzellanmanufaktur von Sèvres gefunden hat.

Die Gäste des Neuen Palais begannen nun sich nach den Sälen zu verfügen, wo zum Essen gedeckt war. In diesem Augenblick trat General Kissoff, der eben wieder eingetreten war, rasch zu dem Offizier der Gardejäger. „Nun?“ fragte ihn dieser lebhaft, ganz wie er es zum erstenmal gemacht hatte.

„Weiter als bis Tomsk laufen die Telegramme nicht mehr, Sire.“

„Auf der Stelle einen Kurier!“

Der Offizier verliess den grossen Saal, um in ein anstossendes geräumiges Gemach zu treten. Es war ein Arbeitskabinett, sehr schlicht mit altem Eichenmobiliar ausgestattet und auf der Eckseite des Neuen Palais gelegen. Einige Gemälde, darunter mehrere mit Horace Vernet gezeichnete Ölbilder, hingen an der Wand. Der Offizier riss das Fenster auf, als wenn es seinen Lungen an Sauerstoff gefehlt hätte, und schlürfte auf einem grossen und breiten Balkon die reine, klare Luft einer herrlichen Julinacht ein. Unter seinen Augen dehnte sich, in Mondschein gebadet, ein befestigter. Wall, in dessen Bereich sich zwei Kathedralen, drei Paläste und ein Arsenal erhoben. Um diesen Wall herum dehnten sich drei scharf unterschiedene Städte: Kitaj-Gorod, Hjeloj-Gorod und Semljanoj-Gorod, ungeheure Stadtviertel europäischen, tatarischen und chinesischen Charakters, überragt von Spitz- und Glockentürmen und Minaretts, von den Kuppeln von 300 Kirchen, von grünen Domen, auf deren Spitzen silberne Kreuze strahlten. In einem kleinen Fluss mit gewundenem Lauf spiegelte sich das Mondlicht wider. Dieses ganze Bild stellte ein merkwürdiges Mosaik aus buntscheckigen Häusern dar, die sich in einem mächtigen Rahmen von zehn Meilen im Umfang eingefasst fanden. Dieser Fluss war die Moskwa, diese Stadt war Moskau, dieser befestigte Wall war der Kreml und der Offizier der Gardejäger, der mit übereinandergeschlagenen Armen, mit träumerischer Stirn dem von dem Neuen Palais über die alte Moskowitenstadt zitternden Lärm flüchtig lauschte, war der Zar.

2. Russen und Tataren

Wenn der Zar so unvermutet — in dem Augenblick, als das Fest, das er den Zivil- und Militärbehörden und hervorragenden Persönlichkeiten von Moskau gab, in seinem vollen Glanz stand — sich aus den Sälen des Neuen Palais entfernte, so war der Grund dafür in dem Umstand zu suchen, dass sich jenseits der Grenzen des Urals zur Zeit sehr ernste Ereignisse abspielten. Es liess sich nicht mehr daran zweifeln, dass ein feindlicher Einfall dem russischen Zepter die sibirischen Provinzen zu entreissen drohte. Das asiatische Russland oder Sibirien bedeckt eine Oberfläche von 560 000 Meilen und zählt ungefähr zwei Millionen Einwohner. Es erstreckt sich vom Uralgebirge, das Russland von Europa scheidet, bis zu den Küsten des Stillen Ozeans. Im Süden wird es von Turkestan und China, stellenweis freilich in ziemlich unbestimmter Weise, begrenzt, und im Norden erstreckt sich, vom Karischen Meer bis zur Beringstrasse, das Eismeer. Das asiatische Russland war in Gouvernements oder Provinzen geteilt, und zwar in die von Tobolsk, Jenisseisk, Irkutsk, Omsk und Jakutsk; es umfasste zwei Distrikte, die von Ochotsk und von Kamtschatka, und besass zwei Landbereiche, die auch der moskowitischen Herrschaft unterworfen waren: die Kirgisensteppe und das Tschuktschenland. Dieses ungeheuer grosse Steppengebiet, das von Westen nach Osten über 110 Grade in sich einschliesst, war zugleich Deportationsstätte für Verbrecher und Verbannungsstätte für solche Personen, über die Landesverweis verhängt worden war.

Zwei Generalgouverneure waren die Vertreter höchster Zarengewalt in diesem weiten Landgebiet. Einer von ihnen residierte in Irkutsk, der Hauptstadt des östlichen Sibirien, der andere in Tobolsk, der Hauptstadt des westlichen Sibirien. Der Tschuma, ein Nebenfluss des Jenissei, scheidet beide Sibirien. Noch zog keine Eisenbahn ihren Strang durch diese unermesslichen Flächen, unter denen sich Gebiete von tatsächlich erstaunlicher Fruchtbarkeit befinden. Noch schaffte kein Förderwagen auf eiserner Schiene Riesenschätze aus den Bergwerken, die auf weite Strecken hin den sibirischen Boden reicher unter als auf seiner Oberfläche machen. Des Sommers reiste man dort im Tarantass oder in der Telega, des Winters im Schlitten. Eine einzige Verbindung, aber eine elektrische, bestand zwischen der West- und Ostgrenze Sibiriens, nämlich ein Draht von über 8000 Werst Länge (8536 Kilometer). Jenseits des Uralgebirges lief er durch Jekaterinburg, Kassimow, Tjumen, Ischim, Omsk, Jelamsk, Kolywan, Tomsk, Krasnojarsk, Nischni-Udinsk, Irkutsk, Werkne-Nertschinsk, Strelinsk, Albasin, Blagowstensk, Radde, Orlowskaja, Alexandrowskoj, Nikolajewsk. Für jedes bis an seinen Endpunkt laufende Wort mussten 6 Rubel und 19 Kopeken bezahlt werden. Von Irkutsk zweigte sich ein Sonderdraht ab nach Kjachta an der mongolischen Grenze, und von da, zu 30 Kopeken das Wort, schaffte die Post die Telegramme in 14 Tagen nach Peking. Dieser Draht von Jekaterinburg nach Nikolajewsk war es, der zuerst vor Tomsk und einige Stunden nachher zwischen Tomsk und Kolywan zerschnitten worden war — und darum hatte der Zar nach General Kissoffs zweiter Meldung bloss mit den Worten: „Auf der Stelle einen Kurier!“ geantwortet.

Der Zar stand seit einiger Zeit schon unbeweglich am Fenster seines Kabinetts, als die Pförtner von neuem die Tür öffneten. Der erste Chef der Polizei erschien auf der Schwelle. „Tritt ein, General,“ sprach der Zar kurz, „und sage mir alles, was du von Iwan Ogareff weisst!“

„Es ist ein äusserst gefährlicher Mensch, Sire,“ antwortete der erste Chef der Polizei.

„Er stand im Oberstenrang?“

„Zu Befehl, Sire!“

„War ein intelligenter Offizier?“

„Höchst intelligent, aber jeder Unterordnung abhold und von einem zügellosen Ehrgeiz, der vor nichts zurückschreckte. Er hat sich sehr bald in geheime Intrigen gestürzt, und auf Grund dessen ist er durch Seine Hoheit den Grossfürsten entlassen, dann nach Sibirien verbannt worden.“

„Zu welcher Zeit?“

„Vor zwei Jahren. Nach sechsmonatiger Verbannung wurde er durch Eure Majestät begnadigt und kehrte nach Russland zurück.“

„Und seit dieser Zeit ist er nicht wieder nach Sibirien gekommen?“

„Doch, Sire, diesmal jedoch freiwillig,“ versetzte der erste Chef der Polizei. Dann setzte er mit leicht gesenkter Stimme hinzu: „Es gab eine Zeit, Sire, wo man aus Sibirien nicht zurückkehrte, wenn man den Weg dahin gefunden hatte.“

„Nun, solange ich lebe, ist Sibirien ein Land und wird ein Land bleiben, aus dem man wiederkehrt!“

Der Zar war berechtigt, diese Worte mit wahrhafter Hoheit zu sprechen, denn er hatte durch seine Milde oft bewiesen, dass die russische Justiz auch Gnade kannte. Der erste Chef der Polizei gab keine Erwiderung, aber dass er kein Freund halber Massregeln war, war klar. Seiner Meinung nach sollte kein Mensch, der zwischen Gendarmen das Uralgebirge überschritten hatte, jemals den Fuss wieder rückwärts setzen. Solcher Grundsatz galt nun aber unter dem neuen Regiment nicht mehr, und das beklagte der erste Chef der Polizei aufrichtig. Wie? Keine Verbannung auf Lebenszeit mehr für andere Verbrechen als solche gegen gemeines Recht? Wie? Politische Verbannte kamen aus Tobolsk, Jakutsk, Irkutsk wieder? Fürwahr, diesem ersten Chef der Polizei, der an die selbstherrlichen Entscheidungen, die von Gnade nie etwas wussten, sattsam gewöhnt war, konnte solche Herrscherweise nicht behagen. Aber er schwieg, denn er wartete auf neue Fragen aus dem Munde des Zaren. Diese liessen auch nicht lange auf sich warten.

„Iwan Ogareff“, fragte der Zar, „ist zum zweiten Male nicht wieder nach Russland zurückgekehrt nach dieser Reise in die sibirischen Provinzen, über deren eigentlichen Zweck nichts bekannt geworden ist?“

„Er ist nach Russland zurückgekehrt.“

„Und seit seiner Rückkehr hat die Polizei seine Spuren verloren?“

„Nein, Sire, denn ein Verbannter wird wirklich gefährlich erst vom Tage seiner Begnadigung an.“

Des Zaren Stirn zog sich einen Augenblick in Falten. Vielleicht durfte der erste Chef der Polizei fürchten, zu weit gegangen zu sein — trotzdem die Verbohrtheit in seine Ideen in keiner Weise der grenzenlosen Hingabe, die er gegen seinen Herrn im Herzen trug, Abbruch tat. Aber der Zar, für dergleichen verblümte Vorwürfe gegen seine innere Politik nicht zugänglich, setzte die Reihe seiner Fragen kurz und bündig fort.

„Wo hielt sich Iwan Ogareff zuletzt auf?“

„Im Gouvernement Perm.“

„In welcher Stadt?“

„In Perm selbst.“

„Was trieb er dort?“

„Dem Anschein nach war er ohne Arbeit, und seine Aufführung gab zu Verdacht keinen Anlass.“

„Unter Polizeiaufsicht stand er nicht?“

„Nein, Sire.“

„Zu welcher Zeit hat er Perm verlassen?“

„Etwa im März.“

„Um sich wohin zu begeben?“

„Das ist nicht bekannt.“

„Und seitdem weiss niemand, was aus ihm geworden ist?“

„Niemand.“

„Nun, ich weiss es!“ antwortete der Zar. „Nachrichten, Winke, ohne Unterschrift, die den Weg nicht durch die Polizeibüros genommen haben, sind an mich gerichtet worden, und in Anbetracht der Dinge, die jetzt jenseits der Grenze vorgehen, habe ich allen Grund zu glauben, dass diese Nachrichten genau sind.“

„Ist der Sinn dieser Worte, Sire,“ rief der erste Chef der Polizei, „dass Iwan Ogareff die Hand bei diesem Einfall von Tataren im Spiel hat?“

„Jawohl, General, und ich will dir, was dir nicht bekannt ist, sagen. Iwan Ogareff hat, nachdem er dem Gouvernement von Perm den Rücken gewandt, das Uralgebirge überstiegen, hat sich nach Sibirien in die Kirgisensteppen begeben und hat dort, nicht ohne Erfolg, die nomadischen Völker aufzuwiegeln versucht. Er ist dann weiter nach Süden gegangen, bis hinunter ins freie Turkestan. Dort hat er in den Khanaten von Bochara, Khokhand und Kundus Häuptlinge willig gefunden, ihre tatarischen Horden in die sibirischen Provinzen zu werfen und in ganz Asien einen gemeinsamen Aufstand gegen das russische Reich zu entflammen. Die Bewegung ist im geheimen genährt worden, aber sie ist wie ein Blitzschlag hereingebrochen, und jetzt sind die Verbindungswege und Verkehrsmittel zwischen West- und Ostsibirien abgeschnitten. Zudem will Iwan Ogareff, von Rachedurst getrieben, sich an dem Leben meines Bruders vergreifen.“

Der Zar war warm geworden beim Reben und ging mit grossen Schritten auf und ab. Der erste Chef der Polizei gab keine Antwort, aber abseits für sich sprach er, dass damals, als die russischen Zaren gegen einen Verbannten niemals Gnade walten liessen, solche Pläne wie diejenigen Iwan Ogareffs niemals hätten zur Ausführung kommen können. Ein paar Minuten lang herrschte Schweigen. Dann trat der erste Chef der Polizei zu dem Zaren, der sich in einen Sessel geworfen hatte, und sagte: „Majestät haben zweifellos Befehle erteilt, dass dieser Aufstand schleunigst unterdrückt werde?“

„Ja,“ versetzte der Zar. „Das letzte Telegramm, das nach Nischni-Udinsk gelangen konnte, hat die Truppen der Gouvernements Jenisseisk, Irkutsk, Jakutsk, auch die der Provinzen Amur und vom Baikalsee alarmieren müssen. Gleichzeitig marschieren die Regimenter von Perm und Nischni-Nowgorod und die Grenzkosaken in Gewaltmärschen nach dem Uralgebirge. Leider werden sie aber mehrere Wochen Zeit brauchen, ehe sie sich den Kolonnen der Tataren werden gegenüberstellen können.“

„Und der Bruder Eurer Majestät, der Grossfürst, der zur Zeit im Gouvernement Irkutsk eingeschlossen ist, hat mit Moskau keine Verbindung mehr?“

„Nein.“

„Aber aus den letzten Telegrammen muss ihm doch bekannt sein, welche Massregeln von Eurer Majestät getroffen worden sind, und welche Hilfe er von den Irkutsk zunächst gelegenen Gouvernements erwarten darf?“

„Das weiss er,“ erwiderte der Zar, „aber was er nicht weiss, ist dies: dass Iwan Ogareff neben seiner Rebellenrolle die Berräterrolle spielt, und dass er in ihm einen persönlichen und blutdürftigen Feind hat. Dem Grossfürsten hat Iwan Ogareff zuzuschreiben, dass er in Ungnade fiel, und was von noch grösserem Ernst ist, der Grossfürst kennt den Menschen nicht. Iwan Ogareffs Plan ist, sich nach Irkutsk zu begeben und dort unter falschem Namen dem Grossfürsten seine Dienste anzubieten. Wenn er dann sein Vertrauen gewonnen hat, und wenn die Tataren in Irkutsk eingedrungen sein werden, wird er die Stadt und mit ihr meinen Bruder ausliefern, dessen Leben damit bedrohtv ist. Das sind die Dinge, die ich aus meinen Berichten weiss — das ist es, was der Grossfürst nicht weiss — und das ist es, was der Grossfürst wissen muss!“

„Nun denn, Sire, ein kluger, mutiger Kurier . . .“

„Auf ihn rechne ich.“

„Und beeilen soll er sich,“ setzte der erste Chef der Polizei hinzu, „denn, geruhen Sire, mir die Bemerkung zu erlauben, diese sibirische Erde ist ein günstiger Boden für Rebellionen.“

„Meinst du, General, dass die Verbannten mit den Verbrechern gemeinsame Sache machen könnten?“ rief der Zar, der angesichts solcher Andeutung des Polizeichefs die Herrschaft über sich verlor.

„Majestät geruhen zu entschuldigen,“ stotterte der erste Chef der Polizei, denn wirklich war dies der Gedanke, den ihm sein unruhiger und misstrauischer Geist eingegeben hatte.

„Ich traue den Verbannten doch mehr Patriotismus zu,“ erwiderte der Zar.

„Es gibt andere als politische Verbannte in Sibirien,“ bemerkte der Polizeichef.

„Die Verbrecher! O, General, die überlasse ich dir. Das ist der Abschaum des menschlichen Geschlechts, die haben kein Vaterland. Aber der Aufstand oder die Rebellion vielmehr ist nicht gegen den Kaiser gerichtet, sondern gegen Russland, gegen dieses Land, auf dessen Wiedersehen die Verbannten nicht völlig Verzicht geleistet haben — und das sie wiedersehen werden . . .! Nein, niemals wird sich ein Russe mit einem Tataren verbünden, und wäre es bloss auf eine Stunde, um die moskowitische Macht zu schwächen!“

Der Zar glaubte mit Recht an den Patriotismus derjenigen, die seine Politik zeitweilig des Landes verwiesen hatte. Die Milde war die Grundlage seiner Justizpflege, und solange es in seiner Hand lag, sie zu ermessen und zu üben, verbürgten ihm die erheblichen Vergünstigungen, die er bei der Ausführung der ehedem so schrecklichen Urteile walten liess, dass er auf falschem Wege sich nicht befinden konnte. Aber selbst wenn dem tatarischen Einfall diese mächtige Hilfe nicht zuteil wurde, blieben die Dinge noch immer äusserst ernst, denn es stand zu befürchten, dass ein grosser Teil der kirgisischen Bevölkerung sich zu den eindringenden Haufen schlagen würde.

Die Kirgisen zerfielen in drei Horden, die grosse, die kleine und die mittlere, und zählten etwa 400 000 Zelte oder zwei Millionen Seelen. Von diesen verschiedenen Stämmen waren manche unabhängig, andere erkannten die russische Oberhoheit an oder diejenige der Khanate von Khiwa, Khokhand und Bochara, also der gefürchtetsten Häuptlinge von Turkestan. Die mittlere Horde, die reichste, war zugleich die bedeutendste, und ihre Lagerplätze nahmen den ganzen Raum ein zwischen den Wasserläufen des Sara-Su, des Irtysch, des oberen Ischim, des Hadisangund des Aksakal-Sees. Die grosse Horde, die die östlich von der mittleren Horde gelegenen Gegenden besetzt hielt, erstreckte sich bis zu den Gouvernements Omsk und Tobolsk. Wenn sich also diese kirgisischen Völker erhoben, so bedeutete das die Überflutung von Russisch-Asien und in erster Linie die Abtrennung Sibiriens östlich vom Jenissei. Allerdings waren diese Kirgisen in der Kriegskunst noch grosse Neulinge und plünderten lieber nächtlicherweile oder überfielen Karawanen, als dass sie regulären Kriegsdienst verrichteten. Wie Lewschin von ihnen gesagt hat: „Eine geschlossene Front oder ein tüchtiges Infanteriekarree widersteht einer zehnmal zahlreicheren Kirgisenmasse, und eine einzige Kanone kann ihrer eine schreckliche Menge vernichten.“ Das mochte wohl sein, aber vorerst musste solch tüchtiges Infanteriekarree in dem aufständischen Lande sein, und die Feuerschlünde mussten aus den Artillerieparks der russischen Provinzen die 2000 bis 3000 Werst Entfernung zurückgelegt haben. Bis auf die direkte. Linie Jekaterinburg—Irkutsk waren nun aber die häufig sumpfigen Steppen nicht leicht passierbar, und es würden ganz sicher mehrere Wochen verstreichen, bevor sich die russischen Truppen in die Lage gesetzt sehen konnten, die tatarischen Horden zurückzudrängen.

Omsk war der Mittelpunkt des westlichen Sibirien, dessen Aufgabe es war, die Kirgisenbevölkerung in Respekt zu halten. Dort lagen die Grenzbezirke, die diese nur teilweise unterjochten Nomaden mehr als einmal verwüstet hatten, und im Kriegsministerium hatte man allen Grund zu der Annahme, dass Omsk bereits stark bedroht würde. Die Kette der Militärkolonien, nämlich jene Kosakenposten, die von Omsk bis Semipalatinsk staffelweise verteilt waren, musste an mehreren Punkten bereits überrumpelt worden sein. Nun stand aber zu befürchten, dass die über die kirgisischen Distrikte herrschenden „Grosssultane“ der Herrschaft der gleich ihnen muselmanischen Tataren entweder sich freiwillig gefügt hatten oder sich unfreiwillig hatten fügen müssen, und dass sich dem durch die Unterjochung wachgerufenen Hass jener andere Hass beigesellen würde, der aus dem Gegensatz zwischen griechisch-orthodoxer und muselmanischer Religion geboren wird. Seit langer Zeit suchten nämlich die Tataren Turkestans, und hauptsächlich diejenigen der Khanate von Bochara, Khokhand und Kundus, sowohl im Wege der Gewalt als durch Überredung, die kirgisischen Horden der moskowitischen Herrschaft abtrünnig zu machen.

Nur ein paar Worte über diese Tataren. Das Volk der Tataren gehört, genauer gesagt, zwei unterschiedlichen Rassen an, nämlich der kaukasischen und der mongolischen Rasse. Die kaukasische Rasse vereinigt unter ein und derselben Bezeichnung die Türken und die Eingeborenen persischen Ursprungs. Die rein mongolische Rasse begreift die Mongolen, die Mandschu und die Tibetaner. Die Tataren, die damals das russische Reich bedrohten, waren kaukasischer Rasse und Hausten vorwiegend in Turkestan. Dieses geräumige Land war in verschiedene Staaten abgeteilt, die durch Khans beherrscht wurden, woher die Benennung Khanat rührt. Die hauptsächlichsten dieser Khanate waren: Bochara, Khiwa, Khokhand, Kundus und so weiter. Zu dieser Zeit war das bedeutendste und gefürchtetste dieser Khanate Bochara. Mit dessen Fürsten oder Häuptlingen hatte Russland schon wiederholt Kämpfe führen müssen. Teils aus persönlichem Interesse, teils um die Kirgisen unter ein anderes Joch zu beugen, hatten sie die Unabhängigkeit derselben gegen die Herrschaft der Moskowiter aufrechterhalten. Der gegenwärtige Fürst oder Häuptling, Feofar-Khan, wandelte in den Bahnen seiner Vorgänger. Dieses Khanat von Bochara erstreckte sich von Norden nach Süden zwischen dem 37. und dem 41. Breitengrad, und von Ost nach West zwischen dem 61. und 66. Längengrad, das heisst, über eine Fläche von etwa 10 000 Quadratmeilen. Man zählte in diesem Staate eine Bevölkerung von 2½ Millionen Einwohnern, ein Heer von 60 000 Mann Fussvolk (Sarbassen), das zu Kriegszeiten verdreifacht war, und von 30 000 irregulären Reitern. Im Schutze seiner Gebirge, bei der durch seine Steppen bewirkten Abgeschlossenheit bildete es ein furchtbares Staatswesen, und Russland würde sich gezwungen sehen, ihm ganz bedeutende Streitkräfte gegenüberzustellen.

Feofar-Khan, ruhmsüchtig und blutdürstig, hatte sich an die Spitze des Aufstandes gestellt, dessen Seele Iwan Ogareff war. Unter seinem Einfluss hatte der Emir — so lautete der Titel, den die Khans von Bochara führten — seine Horden über die russische Grenze geworfen. Er war in das Gouvernement Semipalatinsk eingefallen, und die Kosaken, die sich an diesem Punkt in zu schwacher Anzahl befanden, hatten vor ihm zurückweichen müssen. Er war über den Balkasch-See vorgedrungen und hatte die kirgisischen Völker auf seinem Zuge mit sich fortgerissen.

Wo weilte er in diesem Augenblick? Bis wohin waren seine Krieger zu der Zeit gedrungen, als die Nachricht von dem Einfall in Moskau eintraf? Bis zu welchem Punkte Sibiriens hatten die russischen Truppen zurückweichen müssen? Das zu sagen, war nicht möglich. Die Verbindungen waren unterbrochen. War der Draht zwischen Kolywan und Tomsk von Plänklerkolonnen des tatarischen Heeres zerschnitten worden, oder war der Emir bis in die Provinzen des Jenisseisk vorgedrungen? Stand das ganze westliche Unterland von Sibirien in Flammen? Erstreckte sich der Aufstand schon bis in die östlichen Regionen? Auch das liess sich nicht sagen. Der einzige Bote, der weder Kälte noch Feuer fürchtet, den weder die Strenge des Winters noch die Hitze des Sommers aufhalten kann, der mit der Geschwindigkeit des Blitzes fliegt, der elektrische Strom war nicht mehr durch die Steppe zu leiten, und den in Irkutsk eingeschlossenen Grossfürsten von der Gefahr zu benachrichtigen, die ihm durch Iwan Ogareffs Verrat drohte, war nicht mehr möglich. Bloss ein Kurier konnte den unterbrochener Strom ersetzen. Solcher Mann würde, um die 5200 Werst (5523 Kilometer) zu bezwingen, die zwischen Moskau und Irkutsk liegen, einer gewissen Zeit benötigen. Um sich durch die Kolonnen der Aufständischen und feindlichen Eindringlinge den Weg zu bahnen, würde er einen Mut und eine Intelligenz aufbieten müssen, die gewissermassen ans Übermenschliche streifen würden . . . Aber wer Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hat, der kommt weit in der Welt!

„Werde ich solchen Mann mit Kopf und Herz auf dem rechten Fleck finden?“ Diese Frage stellte sich der Zar.

3. Michael Strogoff

Die Tür des kaiserlichen Kabinetts öffnete sich balb, und der Pförtner meldete den General Kissoff.

„Der Kurier?“ fragte lebhaft der Zar.

„Ist zur Stelle, Sire,“ antwortete General Kissoff.

„Du hast den Mann, den wir brauchen, gefunden?“

„Zu Befehl, Sire!“

„Du kennst ihn?“

„Von Person — er hat schon mehrere Missionen schwieriger Natur erfolgreich ausgeführt.“

„Im Ausland?“

„Sogar in Sibirien!“

„Woher stammt er?“

„Aus Omsk. Er ist Sibirier.“

„Er besitzt Kaltblütigkeit Intelligenz, Mut?“

„Jawohl, Sire, alles, was dazu gehört, um dort, wo vielleicht andere scheitern würden, mit Erfolg zu arbeiten.“

„Sein Alter?“

„Dreissig Jahre.“

„Ist er ein kräftiges Mensch?“

„Sire, er vermag Kälte, Hunger, Durst, Strapazen bis zum äussersten Masse auszuhalten.“

„Er hat einen Körper von Eisen?“

„Zu Befehl, Sire!“

„Und ein Herz . . .?“

„Ein Herz von Gold, Sire.“

„Sein Name?“

„Michael Strogoff.“

„Ist er reisefertig?“

„Er wartet im Gardensaal auf Eurer Majestät Befehle.“

„Er soll hereintreten,“ sagte der Zar.

Kurz darauf stand Michael Strogoff, der Kurier, im Kabinett des Kaisers. Michael Strogoff war von hoher Gestalt, kräftig, breitschultrig und von stattlicher Brustweite. Sein mächtiger Kopf zeigte die schönen Merkmale der kaukasischen Rasse. Seine festgefügten Gliedmassen waren gleich ebenso viel Hebeln, zum Zweck besserer Vollbringung von energischer Arbeit mechanisch gegliedert und angeordnet. Dieser schöne, kräftige, gutgebaute, vollentwickelte Mann wäre nicht wider seinen Willen von der Stelle zu bringen gewesen, denn wenn er einmal mit beiden Füssen fest auf dem Boden stand, schien es ganz, als seien diese festgewurzelt. Auf seinem nach dem oberen Teil zu viereckigen, in der Stirngegend breiten Kopf kräuselte sich üppiges Haar, das in Locken hervordrang, wenn er die Moskowiterkappe aufsetzte. Sollte sich sein gewöhnlich bleiches Gesicht verändern, so war dies einzig und allein möglich, wenn sein Herz unter dem Einfluss eines lebendigeren Blutumlaufs, der ihm die Arterienröte zuführte, schneller schlug. Seine Augen zeigten ein tiefes Blau; ihr Blick war gerade, frei, unwandelbar, und sie funkelten unter einer Bogenwölbung, deren schwach zusammengezogene Brauenmuskeln von gesteigertem Mut zeugten, „von jenem des Zornes, baren Mute der Heroen“, um den Ausdruck der Vertreter physiologischer Wissenschaft zu gebrauchen. Seine kräftige, um die Nüstern breite Nase ragte über einem harmonisch geformten Mund mit den etwas zu weit vorlaufenden Lippen des edelgesinnten, gutmütigen Wesens.

Michael Strogoff besass das Temperament des resoluten Mannes, der rasch seinen Entschluss fasst, der nicht in Unsicherheit an den Nägeln kaut, der sich nicht im Zweifel hinter den Ohren kratzt, der nicht in Unentschiedenheit herumstampft. Nüchtern von Gebärden sowohl wie von Worten, verstand er, sich vor seinem Vorgesetzten unbeweglich zu halten wie ein Soldat; wenn er aber marschierte, bekundete seine Haltung eine grosse Ungezwungenheit, eine bemerkenswerte Klarheit und Schärfe in Bewegung und im Auftreten — Augenblicke, die von Vertrauen und Zuversicht und lebhafter Willenskraft des Geistes sprachen. Er war einer von jenen Männern, deren Hand immer „am Schopf der Gelegenheiten“ zu ruhen scheint, mit etwas gezwungenem, verhängtem Gesicht, das sie aber mit einem einzigen Zuge malt, wie sie sind. Michael Strogoff war mit einer vornehmen Militäruniform bekleidet, die der Offiziers-Feld-uniform der berittenen Jäger stark ähnelte: Stiefel, Sporen, ziemlich prall sitzendes Beinkleid, mit Pelz verbrämter und mit gelben Schnüren auf braunem Grund besetzer Rock. Auf seiner breiten Brust funkelten ausser einem Kreuz verschiedene Medaillen. Michael Strogoff gehörte zu dem Leibkurierkorps des Zaren und stand unter dieser Elitemannschaft im Offiziersrang. Was in seiner Haltung, seiner Stimme, seinen Gesichtszügen, seiner ganzen Persönlichkeit offenbar zum Ausdruck kam und was der Zar ohne Mühe erkannte, war eins, nämlich dass Michael Strogoff „ein Vollführer von Befehlen“ war. Er besass mithin eine Eigenschaft, die in Russland zu den allerbesten Empfehlungen gehörte und zu den höchsten Ämtern des moskowitischen Kaiserreichs führte. Fürwahr, wenn ein Mensch imstande war, diese Reise von Moskau nach Irkutsk durch ein von feindlichen Horden besetztes Land gut auszuführen, all die vielfältigen Hindernisse zu bewältigen, all den vielseitigen Gefahren zu trotzen, so war unter allen vorhandenen Männern Michael Strogoff der richtige Mann.

Ein für das Gelingen seiner Pläne höchst günstiger Umstand war, dass Michael Strogoff eine wunderbare Kenntnis des Landes besass, das er durchqueren sollte, und die verschiedenen Mundarten seiner Bevölkerung verstand, und zwar nicht bloss daher, weil er das Land schon einmal durchquert hatte, sondern weil er sibirischer. Herkunft war. Sein Vater, der alte, schon zehn Jahre tote Peter Strogoff, wohnte in der im Gouvernement gleichen Namens gelegenen Stadt Omsk, und seine Mutter, Marfa Strogoff, wohnte auch dort. In den wilden Steppen der Provinzen Omsk und Tobolsk hatte dieser gefürchtete sibirische Jäger seinen Sohn Michael, wie man im Volksmunde sagt, „hart an der Kandare“ aufgezogen. Von bürgerlichem Beruf war Peter Strogoff Jäger. Im Sommer wie im Winter, bei Gluthitze sowohl wie bei Eiseskälte, die dort bis zu 50 Grad unter null sinkt, durchstreifte er die hartgefrorenen Ebenen, die Lärchen- und Birkendickichte, die Fichtenwälder, stellte seine Fallen und lauerte dem Kleinwild mit der Büchse, dem Grosswild mit Spiess oder Weidmesser auf. Grosswild hiess dort kein geringeres Tier als der sibirische Bär, jenes furchtbare und reissende Tier, dessen Grösse derjenigen seiner Vettern in den Polargebieten gleichkommt. Peter Strogoff hatte über 39 Bären erlegt, das heisst, der 40. war unter seinen Stichen gefallen — und wenn man den Jägergeschichten Russlands glauben darf, so ist es ein offenes Geheimnis, wieviel Jäger es glücklich bis zum 39. Bären gebracht haben, vor dem 40. aber ins Gras beissen mussten. Peter Strogoff hatte aber, ohne dass er auch nur eine Schramme abbekommen, die verhängnisvolle Zahl hinter sich. Von da ab durfte ihn sein elf Jahre alter Sohn Michael regelmässig begleiten und musste die „ Ragatina“, nämlich den Spiess, tragen, um seinem bloss mit dem Messer bewaffneten Vater beizuspringen. Als er 14 Jahre zählte, hatte Michael Strogoff seinen ersten Bären erlegt, und zwar ganz allein — was nichts auf sich hatte — aber nachdem er das riesige Tier abgehäutet und ausgeweidet hatte, hatte er das Fell bis zu der mehrere Werst entfernten väterlichen Behausung geschleppt, was bei dem Kinde auf das Vorhandensein ungewöhnlicher Körperkraft hinwies. Diese Lebensweise nützte ihm, und als er in das Alter des reifen Mannes trat, war er fähig, alles zu ertragen gleich seinem Vater, Kälte, Hitze, Hunger, Durst, Strapazen. Gleich dem Jakuten der nördlichen Länder, war er ein Mann von Eisen. Er konnte 24 Stunden ohne Nahrung aushalten, zehn Nächte ohne Schlaf sein und verstand, sich mitten in freier Steppe, dort, wo andere unter freiem Himmel erfroren wären, ein Nachtlager herzurichten. Ausgestattet mit Sinnen von äusserster Feinheit, mit echtem Indianerinstinkt den Weg durch die weisse Ebene findend, wenn der dichte Nebel allen Horizont verhüllt, auch dann nie irrend, wenn er sich in Ländern hoher Breitengrade befand, wo sich die Polarnacht tagelang erstreckt; immer den Weg wiederfindend, wo andere keinen Fuss vor den anderen zu setzen gewusst hätten, waren ihm schliesslich alle Geheimnisse vertraut geworden, über die sein Vater gebot. Er hatte gelernt, sich nach Anzeichen zu richten, die für ein gewöhnliches Auge nicht oder fast nicht bemerkbar waren, wie Fall und Form der Eisnadeln, Lage der kleinen Baumzweige, Dünste, die von den äussersten Grenzen des Horizonts herübergetragen wurden, gestampftes Gras im Walde, durch die Luft dringende Töne unbestimmter Natur, Knalle aus weiter Ferne, der Zug der Vögel in der nebligen Atmosphäre — tausenderlei Einzelheiten, die als tausenderlei Ansporne gelten für den, der Verständnis für sie hat. Zudem hatte er eine eiserne Gesundheit, ganz wie General Kissoff es gesagt hatte, und dazu, was nicht minder zutraf, ein Herz von Gold.

Eine einzige Leidenschaft erfüllte Michael Strogoff, das war die Liebe zu seiner Mutter, der alten Marfa, die niemals dazu zu bringen war, die alte Wohnstätte der Familie Strogoff in Omsk, an den Ufern des Irtysch, wo der alte Jäger mit ihr so lange gelebt hatte, zu verlassen. Als ihr Sohn den Fuss aus dieser Stätte setzte, war ihr das Herz schwer; als er ihr aber versprach wiederzukommen, sobald es ihm möglich sei — ein Versprechen, das er immer fromm und getreulich gehalten hatte — hatte sie froher in die Zukunft geblickt. Es war bestimmt worden, dass Michael Strogoff mit seinem 20. Jahre in den persönlichen Dienst des Zaren von Russland treten sollte, und zwar in das Leibkurierkorps. Der junge Sibirier bei seiner Kühnheit, Intelligenz, seinem Eifer und seiner vorzüglichen Führung hatte zuerst Gelegenheit, sich auszuzeichnen, auf einer Reise in den Kaukasus, mitten durch ein schwieriges, von einigen aufrührerischen Banden damals aufgewiegeltes Land; hierauf gelegentlich einer wichtigen Mission, die ihn bis nach Petropolowski in Kamtschatka, an die äusserste Grenze des asiatischen Russland, führte. Während dieser langen Reisen entfaltete er bewunderungswürdige Eigenschaften: Kaltblütigkeit, Klugheit, Mut, die ihm den Beifall und die Gunst aller Vorgesetzten eintrugen, und so machte er schnelle Fortschritte in seiner Laufbahn. Den ihm nach solchen fernen Missionen von Rechts wegen zustehenden Urlaub versäumte er nie bei seiner greisen Mutter zu verleben, und wenn er durch Tausende von Wersten von ihr getrennt war und der Winter die Wege unpassierbar gemacht hatte. Indessen hatte, und zwar zum erstenmal, Michael Strogoff, der eben im Süden des Reiches alle Hände voll zu tun gehabt hatte, die alte Marfa diesmal drei Jahre — für ihn drei Jahrhunderte — nicht wiedergesehen. Nun sollte ihm aber sein zustehender Urlaub in einigen Tagen bewilligt werden, und er hatte seine Vorbereitungen zur Abreise nach Omsk bereits getroffen, als sich die dem Leser bekannten Umstände abspielten.

Michael Strogoff wurde also dem Zaren vorgestellt, ohne die geringste Ahnung, was seiner bei dem Herrscher bevorstand. Der Zar richtete nicht gleich das Wort an ihn, sondern betrachtete ihn eine Zeitlang schweigend und mit durchdringenden Blicken, während Michael Strogoff in gänzlich unbeweglicher Haltung verharrte. Hierauf trat der Zar, jedenfalls befriedigt von dieser Musterung, zu seinem Schreibtisch, winkte dem Polizeichef, sich zu setzen, und diktierte ihm mit leiser Stimme einen Brief, der bloss wenige Zeilen enthielt. Als der Brief abgefasst war, las der Zar ihn mit höchster Aufmerksamkeit noch einmal durch, unterzeichnete ihn, nachdem er seinem Namen die Worte: „Byt po szemu!“ die auf deutsch: „Also geschehe es!“ bedeuten und die sakramentale Formel der Kaiser von Russland darstellen, beigesetzt hatte. Der Brief wurde nun in einen Umschlag gesteckt, der durch ein Siegel mit dem kaiserlichen Wappen geschlossen wurde. Nun erhob sich der Zar wieder und befahl Michael Strogoff heranzutreten. Michael Strogoff trat einige Schritte vor und verharrte von neuem unbeweglich, bereit, Rede und Antwort zu stehen. Der Zar sah ihm noch einmal voll ins Gesicht — Auge in Auge. Dann fragte er kurz und schroff: „Dein Name?“

„Michael Strogoff, Sire.“

„Dein Rang?“

„Kapitän im Kurierkorps des Zaren.“

„Du kennst Sibirien?“

„Ich bin Sibirier.“

„Geborener?“

„Zu Befehl, Sire!“

„Wo?“

„In Omsk.“

„Hast du Verwandte in Omsk?“

„Zu Befehl, Sire!“

„Was für welche?“

„Meine alte Mutter?“

Der Zar setzte die Reihe seiner Fragen eine Weile aus. Dann wies er auf den Brief, den er in der Hand hielt, und sagte: „Hier diesen Brief übergebe ich dir, Michael Strogoff, mit dem Auftrage, ihn dem Grossfürsten, bloss ihm und keinem anderen, zu übergeben.“

„Der Grossfürst wird ihn erhalten, Sire.“

„Der Grossfürst ist in Irkutsk.“

Ich werde nach Irkutsk gehen.“

„Der Weg führt durch ein von Rebellen aufgewiegeltes, von Tataren überschwemmtes Land, und Rebellen und Tataren werden Interesse daran haben, diesen Brief in die Hände zu bekommen.“

„Ich werde diesen Weg nehmen.“

„Vor einem Verräter insbesondere, der sich vielleicht dir auf deiner Reise entgegenstellen wird, wirst du dich zu hüten haben, vor Iwan Ogareff.“

„Ich werde mich vor ihm hüten.“

„Wirst du über Omsk gehen?“

„Das ist mein Weg, Majestät.“

„Wenn du deine Mutter aufsuchst, so läufst du Gefahr, erkannt zu werden. Du darfst deine Mutter nicht aufsuchen!“

Michael Strogoff zauderte zum zweiten Male. „Ich werde sie nicht aufsuchen,“ sagte er.

„Schwöre mir, dass dich nichts zu dem Bekenntnis bringen soll, wer du bist, noch wohin du dich begibst!“

„Ich schwöre es.“

„Michael Strogoff,“ sprach der Zar nun weiter, indem er dem jungen Kurier den Brief in die Hand legte, „also nimm diesen Brief, von dem das Heil ganz Sibiriens und vielleicht das Leben des Grossfürsten, meines Bruders, abhängt.“

„Dieser Brief wird in die Hände Seiner Hoheit des Grossfürsten gelangen.“

„Du wirst also bis zu ihm dringen, koste es, was es wolle!“

„Ich werde zu ihm dringen, oder man soll mich erschlagen.“

„Du musst aber leben bleiben.“

„Ich werde am Leben bleiben und werde zum Grossfürsten dringen,“ versetzte Michael Strogoff.

Der Zar schien von der schlichten, ruhigen Sicherheit zufriedengestellt zu sein, mit der ihm Michael Strogoff geantwortet hatte. „So geh, Michael Strogoff,“ sprach er, „geh mit Gott für Russland, für meinen Bruder, für mich!“

Michael Strogoff salutierte, verliess auf der Stelle das kaiserliche Kabinett und wenige Minuten später das Neue Palais.

„Ich glaube, du hast eine glückliche Hand gehabt, General,“ sagte der Zar.

„Ich glaube es auch, Majestät,“ versetzte General Kissoff. „Und dass Michael Strogoff alles tun wird, was in Menschenkräften steht, dessen dürfen sich Majestät versichert halten.“

„Er ist ein Mann,“ sagte der Zar, „in der Tat ein Mann!“

4. Von Moskau nach Nischni-Nowgorod

Die Entfernung, die Miachel Strogoff von Moskau nach Nischni-Nowgorod zurückzulegen hatte, betrug 5200 Werst (5523 Kilometer). Da zwischen den Uralbergen und der Ostgrenze Sibiriens noch keine telegraphische Verbindung hergestellt war, so wurde der Depeschendienst durch Kuriere besorgt, von denen die schnellsten 18 Tage brauchten, um von Moskau nach Irkutsk zu gelangen. Aber dies war die Ausnahme, und in der Regel dauerte eine solche Durchquerung des asiatischen Russland vier bis fünf Wochen, obwohl alle Beförderungsmittel diesen Sendboten des Zaren zur Verfügung gestellt wurden. Als Mann, der Kälte und Schnee nicht fürchtete, wäre Michael Strogoff weit lieber in der rauhen Winterszeit gereist, wo er die ganze Strecke im Schlitten hätte fahren können. Zu dieser Zeit sind die vereinzelten Schwierigkeiten, die sonst das Weiterkommen verschiedentlich erschweren, auf den durch den Schnee geebneten Stätten teilweise vermindert. Kein Wasserlauf war zu überschreiten. Überall lag ja die Eisdecke, über die der Schlitten leicht und schnell dahingleitet. Höchstens sind zu dieser Zeit vielleicht einige Naturerscheinungen zu fürchten, wie anhaltender dichter Nebel, ausserordentlicher Frost, langes und entsetzliches Schneetreiben, dessen Wirbelstürme manchmal ganze Karawanen einhüllen und vernichten. Es kommt auch vor, dass Wölfe; von Hunger getrieben; die Ebene zu Tausenden beleben. Aber weit lieber hätte er sich diesen Gefahren unterzogen, denn die tatarischen Eindringlinge wären im strengen Winter grösstenteils in den Städten geblieben, ihre plündernden Nachzügler hätten nicht die Steppe durchstreift, jede Truppenbewegung wäre unausführbar gewesen, und Michael Strogoff wäre leichter hindurchgekommen. Aber ihm blieb zwischen Zeit und Stunde keine Wahl. Wie die Umstände auch lagen, er musste sie hinnehmen und sich auf den Weg machen.

Dies war die Lage, die Michael Strogoff klar überschaute, und er rüstete sich, ihrer Herr zu werden. Zuvörderst befand er sich unter anderen Verhältnissen als ein gewöhnlicher Kurier des Zaren. Es war sogar erforderlich, dass niemand unterwegs ahnte, dass er in dieser Eigenschaft reiste. In einem vom Feinde besetzten Lande wimmelt es von Spionen. Wenn er erkannt wurde, war seine Sendung vereitelt. General Kissoff hatte ihm wohl eine bedeutende Summe eingehändigt, die auf seiner Reise genügen musste und ihm diese in gewissem Masse erleichtern sollte, aber er hatte ihm keinen schriftlichen Ausweis mitgegeben, mit der Bezeichnung: „Im Dienst des Kaisers“ — was sonst doch stets ein wirksamer Zauberstab war. Er hatte ihm nur ein „Podaroschna“ ausgestellt auf den Namen Nikolaus Korpanoff, Kaufmann in Irkutsk. Darin war Nikolaus Korpanoff ermächtigt, sich im Notfall von mehreren Personen begleiten zu lassen, und es war besonders darauf vermerkt, dass das Podaroschna auch in dem Falle Gültigkeit haben sollte, wenn die russische Regierung es allen anderen Nationalitäten verbieten sollte, sich aus Russland hinauszubegeben. Das Podaroschna war nichts anderes als die Befugnis, Postpferde zu nehmen; aber Michael Strogoff durfte sich seiner nur in dem Falle bedienen, wo diese Befugnis ihn nicht der Gefahr aussetzte, seine Eigenschaft zu verraten, das heisst, solange er auf europäischem Boden war. Hieraus ergab sich, dass er in Sibirien, das heisst, während seiner Reise durch die aufständischen Provinzen, auf den Postämtern nicht als Mann, der Gehorsam zu fordern hat, auftreten konnte, dass er ferner nicht im Vorzug vor allen anderen mit Pferden bedient zu werden verlangen konnte, und dass er schliesslich auch die Transportmittel zu seinem persönlichen Gebrauch sich nicht verschaffen konnte. Dies durfte Michael Strogoff nicht vergessen; er war nicht mehr Kurier, sondern der einfache Kaufmann Nikolaus Korpanoff, der von Moskau nach Irkutsk reiste und als solcher allen Misshelligkeiten einer gewöhnlichen Reise unterworfen war. Unbemerkt hindurchzukommen — ob schneller oder langsamer — aber jedenfalls hindurchzukommen, das musste sein Vorsatz sein. Und nur die ersten 1400 Werst (1493 Kilometer), die die Entfernung zwischen Moskau und der russischen Grenze betrug, konnten keine Schwierigkeiten bieten. Eisenbahn, Postkutschen, Dampfboote und Pferde auf den verschiedenen Stationen standen aller Welt zur Verfügung und infolgedessen auch dem Kurier des Zaren.

Noch am Morgen des 16. Juli ging also Michael Strogoff nach dem Bahnhof, um mit dem ersten Zug zu fahren. Die Uniform war völlig verschwundert, er trug auf dem Rücken einen Reisesack und war in einfache russische Tracht gekleidet: die um den Leib zusammengebundene Tunika, den herkömmlichen Muschikgürtel, weite Hosen und Stiefel, die an den Kniekehlen zusammengeschnürt waren. Er hatte keine Waffen bei sich, wnigstens nicht sichtbar; unterm Gürtel verborgen aber trug er einen Revolver und in der Tasche eines jener langen Dolchmesser, die das Mittelding sind zwischen Jagdmesser und Türkensäbel und mit denen ein sibirischer Jäger einen Bären gut auszuweiden versteht, ohne den kostbaren Pelz zu beschädigen.

Auf dem Bahnhof von Moskau war recht grosser Andrang von Reisenden. Die russischen Bahnhöfe sind häufig Versammlungspunkte ebensogut für die, die jemand abfahren sehen wollen, wie für die Abfahrenden. Die Bahnhöfe sind gewissermassen kleine Börsen für Neuigkeiten. Der Zug, in den Michael Strogoff stieg, sollte ihn nach Nischni-Nowgorod bringen. Hier war damals die Eisenbahn zu Ende, die jetzt Moskau mit St. Petersburg verbindet.

Dies war eine Fahrt von etwa 400 Werst (426 Kilometer), die der Zug in zehn Stunden zurücklegen sollte. Von Nischni-Nowgorod aus wollte Michael Strogoff, je nach den Umständen, entweder den Landweg nehmen oder mit dem Wolgadampfer fahren, um möglichst bald das Uralgebirge zu erreichen.

Michael Strogoff streckte sich also in seiner Ecke aus, wie ein würdiger Bürger, dem seine Geschäfte nicht sonderliche Kopfschmerzen machen und der die Zeit durch Schlafen herumbringen will. Da er jedoch nicht allein in seinem Abteil war, so schlief er nur mit einem Auge und horchte mit seinen beiden Ohren. Das Gerücht vom Aufstande der Kirgisenhorden und vom Einfall der Tataren war in der Tat ein wenig laut geworden. Die Reisenden, die der Zufall zu seinen Gefährten gemacht hatte, sprachen darüber, allerdings mit Vorsicht und mit Zurückhaltung. Diese Reisenden, wie überhaupt die meisten von allen, die den Zug benutzten, waren Kaufleute, die nach dem berühmten Markt von Nischni-Nowgorod fuhren. Das war notgedrungen eine gemischte Gesellschaft, die aus Juden, Türken, Kosaken, Russen, Georgiern, Kalmücken und anderen bestand. Aber fast alle redeten die Nationalsprache. Man besprach das Für und Wider der ernsten Ereignisse, die jenseits des Ural sich zur Zeit vollzogen, und diese Kaufleute befürchteten, dass die russische Regierung, vor allem in den Grenzprovinzen, einige Massregeln zur Einschränkung ergreifen würde, unter denen der Handel jedenfalls zu leiden hätte. Allerdings, diese Egoisten betrachteten den Krieg, das heisst, die Unterdrückung des Aufstandes und den Kampf gegen die unrechtmässige Besitznahme, nur vom Standpunkt ihrer bedrohten Interessen aus. Die Anwesenheit eines einzigen Soldaten in Uniform — und man weiss, welche bedeutende Rolle in Russland die Uniform spielt — hätte sicher genügt, die Zungen dieser Kaufleute im Zaum zu halten. Aber in dem Abteil, wo Strogoff sass, liess nichts die Anwesenheit einer militärischen Person vermuten, und der Kurier des Zaren, dem daran lag, unerkannt zu reisen, war nicht der Mann danach, sich zu verraten. Er hörte also zu.

„Es wird versichert, der Karawanentee stiege im Kurse,“ sagte ein Perser, der an seiner Astrachanpelzmütze kenntlich war und an seiner abgetragenen, weitfaltigen Kleidung.

„O, es steht auch nicht zu befürchten, dass der Tee fallen würde,“ antwortete ein Jude mit runzligem Gesicht. „Was der Markt von Nischni-Nowgorod an Tee hat, das wird sich leicht nach Westen handeln lassen, aber leider wird es nicht das gleiche sein mit Sen Teppichen von Bochara.“

„Wie? Sie erwarten wohl eine Sendung aus Bochara?“ fragte ihn der Perser.

„Nein, aber eine Sendung aus Samarkand, und die ist eher noch mehr gefährdet. Wer möchte denn auf die Expeditionen eines Landes rechnen, das durch die Khans von Khiwa bis zur chinesischen Grenze in Aufruhr gesetzt ist!“

„Schön, entgegnete der Perser, „wenn die Teppiche nicht ankommen, dann werden wohl die Produktenzufuhren auch nicht ankommen, denke ich.“

„Und der Gewinn? Gott Israels!“ rief der kleine Jude. „Rechnet Ihr das gar nicht an?“

„Sie haben recht,“ sagte ein anderer Reisender, „die Artikel aus Zentralasien dürften am Markt wohl fehlen, und das wird mit den Teppichen Samarkands ebenso der Fall sein wie mit der Wolle, der Seife und den Tüchern des Orients.“

„He, Väterchen, nehmen Sie sich in acht!“ warf ein russischer Reisender mit dem Gesicht eines Spassvogels ein. „Sie werden sich Ihre Tücher wohl schön fettig machen, wenn Sie die Seife dazwischen packen.“

„Das ist nun was zum Lachen für Sie!“ versetzte ärgerlich der Handelsmann, der an dieser Art von Scherzen wenig Gefallen zu finden schien.

„Nun, wenn man sich auch das Haar zerrauft und sich in Sack und Asche tut,“ antwortete der Reisende, „würde das am Lauf der Dinge etwas ändern? Nein, und ebensowenig auch am Transport der Waren.“

„Man sieht, Sie sind kein Handelsmann,“ bemerkte der kleine Jude.

„Nein, meiner Treu, würdiger Spross Abrahams! Ich handle weder mit Hopfen noch mit Teer, weder mit Honig noch Wachs, ich mache weder in Hanfsamen noch in Pökelfleisch, weder in Kaviar noch in Holz, ich verkaufe weder Wolle noch Bänder, weder Hanf noch Flachs, weder Saffian noch Rauchware —“

„Aber kaufen Sie vielleicht so etwas?“ warf ein Perser ein, den Wortschwall des Reisenden unterbrechend.

„So wenig wie möglich, und nur das, was ich unbedingt selbst haben muss,“ antwortete dieser, mit den Augen zwinkernd.

„Das ist ein Bruder Lustig,“ sagte der Jude zu dem Perser.

„Oder ein Spion,“ antwortete dieser in gedämpftem Ton. „Wir wollen auf der Hut sein und nicht mehr sprechne, als nötig ist. Unter den obwaltenden Umständen ist mit der Polizei nicht gut Kirschen essen, und man weiss nicht, wen man da zum Reisegefährten hat.“

In einer anderen Ecke des Abteils wurde weniger über Handelsprodukte gesprochen, dagegen drehte sich die Unterhaltung mehr um den Tatareneinfall und seine misslichen Folgen.

„Die Pferde von ganz Sibirien werden requiriert,“ sagte ein Reisender, „und in den verschiedenen Provinzen Zentralasiens werden sich die Verkehrsverhältnisse sehr schwierig gestalten.“

„Steht es fest,“ fragte sein Nachbar, „dass die Kirgisen sich mit den Tataren vereinigt haben?“

„Es wird gesagt,“ antwortete der Reisende leise, „aber wer in diesem Lande kann sich schmeicheln, etwas genau zu wissen?“

„Ich habe gehört, dass an der Grenze Truppen zusammengezogen werden. Die Kosaken vom Don sind schon an der Wolga entlang vereinigt worden und sollen den aufständischen Kirgisen entgegengesandt werden.“

„Wenn die Kirgisen den Irtysch entlanggezogen sind, ist auch die Strecke nach Irkutsk nicht sicher,“ antwortete der Nachbar. „Übrigens habe ich gestern ein Telegramm nach Krasnojarsk gesandt, und das hat nicht befördert werden können. Es steht zu befürchten, dass bald die Tataren das östliche Sibirien völlig erobert haben werden.“

„Alles in allem, Väterchen,“ sagte wieder der, der zuerst gesprochen hatte, „haben diese Handelsleute recht, um ihren Handel und ihre Transaktionen besorgt zu sein. Wenn man erst die Pferde requiriert hat, wird man auch die Boote, die Wagen und alle Transportmittel requirieren, bis man zu guter Letzt im ganzen Reich keinen Schritt mehr wird tun dürfen.“

„Ich fürchte, die Messe in Nischni-Nowgorod wird nicht so glänzend enden, wie sie begonnen hat,“ antwortete der zweite kopfschüttelnd. „Aber die Sicherheit und Unversehrtheit des russischen Grund und Bodens geht vor allem. Die Geschäfte sind dabei Nebensache.“

Wenn in diesem Abteil das Gesprächsthema so ziemlich ein und dasselbe war, so verhielt es sich ebenso in den anderen Wagen des Zuges; aber überall hätte der Beobachter bemerken müssen, dass die Reisenden in all ihren miteinander gewechselten Reden äusserst zurückhaltend waren. Sobald sie sich einmal auf das Gebiet von Tatsachen wagten, so gingen sie doch niemals so weit, Vermutungen über die Absichten der russischen Regierung anzustellen oder gar Kritik zu üben. Dies fiel denn auch einem Reisenden auf, der in einem Wagen an der Spitze des Zuges sass. Dieser Reisende — wahrscheinlich ein Fremder — hatte die Augen überall und stellte eine Frage über die andere, auf die alle sehr ausweichend geantwortet wurde. Jeden Augenblick neigte er sich zum Fenster hinaus, dessen Scheibe er heruntergelassen hatte zum heftigen Verbruss seiner Reisegefährten, und beobachtete unausgesetzt den Horizont zur rechten Hand. Er fragte nach den Namen der unbedeutendsten Örtlichkeiten, nach ihrer Lage, ihrem Handel, ihrer Industrie, ihrer Einwohnerzahl, der mittleren Sterblichkeitsziffer beider Geschlechter und so weiter, und all das schrieb er in ein Notizbuch, das schon mit Schriftzeichen bedeckt war. Dies war der Korrespondent Alcide Jolivet, und wenn er auch so viele unbedeutende Fragen tat, so hoffte er inmitten so vieler Antworten, die auf seine Fragen kamen, irgendeine interessante Tatsache zu erhaschen, an der „seiner Cousine“ gelegen sein könnte. Aber natürlich hielt man ihn für einen Spion, und man sprach vor ihm kein Wort, das, die Ereignisse des Tages verraten hätte. Da er nun sah, dass nichts zu erfahren war, was auf den tatarischen Einfall Beziehung hatte, so schrieb er in sein Notizbuch: „Die Reisenden sind von grösster Zurückhaltung. Lassen über politische Dinge so gut wie nichts verlauten.“

Während Alcide Jolivet seine Reiseeindrücke aufs peinlichste niederschrieb, war sein Kollege, der gleich ihm in diesem Zuge fuhr und zu demselben Zweck reiste, in einem anderen Abteil ebenfalls in fleissige Beobachtung vertieft. Sie hatten sich beide an diesem Tage auf dem Bahnhof nicht getroffen und wussten voneinander nicht, dass beide abgereist waren, um den Kriegsschauplatz zu besuchen. Nur hatte Harry Blount, der selbst wenig sprach, doch um so mehr horchte, bei seinen Reisegefährten nicht dasselbe Bedenken gegen seine Person erweckt wie Alcide Jolivet. So hatte man ihn auch nicht für einen Spion gehalten, und ohne sich zu scheuen, unterhielten sich die Leute in seinem Beisein und liessen sich mehr gehen, als eigentlich mit ihrer natürlichen Vorsicht vereinbar war. Der Korrespondent des Daily-Telegraph hatte daher erkennen können, wie sehr die Ereignisse die nach Nischni-Nowgorod fahrenden Handelsmänner beschäftigten und bis zu welchem Grade der Handel mit Zentralasien in seinem Fortgang bedroht war. So hatte er auch ohne Zögern in seinem Notizbuch die folgende berechtigte Bemerkung niedergeschrieben: „Die Reisenden sind äusserst beunruhigt. Es dreht sich alles nur um den Krieg, und sie sprechen darüber mit einem Freimut, der zwischen der Wolga und der Weichsel wundernehmen muss.“ Die Leser des Daily Telegraph wurden also in jedem Fall genau so gut unterrichtet wie die „Cousine“ von Alcide Jolivet.

Inzwischen lag es auf der Hand, dass die russische Regierung angesichts der ernsten Sachlage selbst im Innern des Reiches strenge Massregeln ergriff. Der Aufstand hatte sich noch nicht über die sibirische Grenze ausgedehnt, aber in den Wolgaprovinzen, die so nahe am Kirgisenlande gelegen waren, stand die Wirkung widriger Einflüsse schon zu befürchten. Die Polizei hatte die Spur Iwan Ogareffs nicht wieder auffinden können. Dieser Verräter, der, um seiner persönlichen Rachsucht Genüge zu tun, die Fremden herbeirief, hatte sich vielleicht mit Feofar-Khan zusammengetan, oder suchte er den Aufstand im Bezirk Nischni-Nowgorod anzufachen, das zu dieser Jahreszeit eine Bevölkerung von so viel verschiedenen Elementen in sich schloss? Hatte er nicht unter diesen Persern, Armeniern und Kalmücken, die zu dem grossen Markt herbeiströmten, Vertrauensmänner, die von ihm beauftragt waren, eine Bewegung im Innern wachzurufen? Zumal in einem Lande wie Russland waren alle diese Voraussetzungen möglich. Das weite Reich, das zwölf Millionen Quadratkilometer zählt, kann die Gleichartigkeit der Staaten Westeuropas nicht haben. Unter den verschiedenen Völkern, aus denen es sich zusammensetzt, bestehen notwendigerweise tief eingreifende Verschiedenheiten. Das russische Territorium, in Europa, Asien und Amerika, erstreckt sich vom 15. östlichen Längengrad bis zum 133. westlichen Längengrad, hat also eine Ausdehnung von über 200 Graden (annähernd 2500 Meilen), und vom 38. südlichen Breitengrad bis zum 81. nördlichen Breitengrad eine Ausdehnung von 43 Graden (etwa 100 Meilen). Man zählt über 70 Millionen Einwohner und spricht 30 verschiedene Sprachen. Die slavische Rasse herrscht zweifellos vor, sie umfasst aber ausser den Russen auch die Polen, Litauer und Kurländer. Hierzu kommen noch die Finnen, Esten, Lappen, Tschermissen, Tschuwaschen, Permjaken, Deutschen, Griechen, Tataren, die kaukasischen Stämme, die Mongolenhorden, Kalmücken, Samojeden, Kamtschadalen, Alëuten. Man wird begreifen, dass die Einheit eines solchen Riesenstaates nur schwer aufrechtzuerhalten ist, und dass dies nur ein Werk der Zeit und der Klugheit der Regierung sein kann.

Wie dem auch sei, Iwan Ogareff hatte es bisher verstanden, allen Nachforschungen zu entgehen und war höchstwahrscheinlich zur tatarischen Armee gestossen. Aber auf jeder Station, wo der Zug hielt, erschienen Polizeiinspektoren, und alle Reisenden mussten sich einer ziemlich peinlichen Untersuchung unterziehen; denn auf Befehl des Polizeichefs war man auf der Suche nach Iwan Ogareff. Die Regierung glaubte nämlich zu wissen, dass dieser Verräter noch nicht das europäische Russland verlassen habe. Jeder Reisende, der verdächtig erschien, hatte sich auf dem Polizeiamt auszuweisen. Der Zug fuhr inzwischen weiter, ohne sich irgendwie um den Zurückbleibenden zu bekümmern. Bei der russischen Polizei, die sehr rücksichtslos war, hatte es nicht den geringsten Zweck, sein Recht geltend machen zu wollen. Die Polizeibeamten hatten hier militärischen Rang und handelten militärisch. Dies war übrigens das Mittel, widerspruchslosen, unbedingten Gehorsam zu erzielen für einen Fürsten, der das Recht hatte, an die Spitze seiner Regierungserlasse die folgende Formel zu setzen: „Wir, von Gottes Gnaden, Kaiser und Selbstherrscher aller Reussen, von Moskau, Kiew, Wladimir und Nowgorod, Zar von Kasan und Astrachan, Zar von Polen, Zar von Sibirien, Zar von Taurien und Cherson, Landesherr von Pskoff, Grossfürst von Smolensk, Litauen, Wolhynien; Podolien und Finnland, Fürst von Estland, Livland, Kurland und Semgallen, Bjelostok, Karelien, Tschugrien, Perm, Wjatka, Bulgarien und mehreren anderen Ländern, Landesherr und Grossfürst der Territorien von Nischni-Nowgorod, Tschernigoff, Rjäsan, Polozk, Rostoff, Jaroslawl, Bjelosersk, Udorien, Obdorien, Kondinien, Witebsk, Mstislawl, Machthaber, über die nordischen Regionen, Landesherr von Iberien, Kartalinien, Grusien, Kabarda, Armenien, Erb- und Oberlehnsherr der Tscherkessenfürsten, derer vom Berge wie der anderen, Erbe von Norwegen, Herzog von Schleswig-Holstein, Stormarn, Dithmarschen und Oldenburg.“ Wahrlich ein mächtiger Herrscher, dessen Wappen einen zweiköpfigen, Zepter und Erdkugel haltenden Adler darstellte, umgeben von den Wappenschildern Nowgorods, Wladimirs, Kiews, Kasans, Astrachans, Sibiriens, umschlossen von der Kette des St. Andreasordens und überragt von einer königlichen Krone.

Bei Michael Strogoff war alles in Ordnung und infolgedessen war er auch vor allen Polizeimassregeln geschützt. Auf der Station Wladimir hielt der Zug einige Minuten — dies schien für den Korrespondenten des Daily-Telegraph genügend, um zugleich vom physischen und moralischen Standpunkt aus einen vollständigen Einblick in die alte Hauptstadt Russlands zu tun.

Auf dem Bahnhof Wladimir stiegen neue Reisende ein. Unter anderen trat in die Tür des Abteils, wo Michael Strogoff sass, ein junges Mädchen. Vor dem Kurier des Zaren war ein leerer Platz. Nachdem das junge Mädchen einen bescheidenen Reisesack aus rotem Leder — scheinbar ihr ganzes Gepäck — neben sich gelegt hatte, setzte sie sich hin. Dann senkte sie den Blick, ohne auch nur die Reisegfährten zu betrachten, mit denen der Zufall sie zusammengeführt hatte, und setzte sich zurecht zu einer jedenfalls mehrere Stunden währenden Reise. Michael Strogoff konnte nicht umhin, sein neues Gegenüber aufmerksam zu betrachten. Da sie so sass, dass sie nach rückwärts fuhr, bot er ihr seinen Platz an, der ihr vielleicht lieber war, aber sie dankte mit einer leichten Verbeugung. Dieses junge Mädchen mochte 16 bis 17 Jahre alt sein. Ihr wahrhaft reizender Kopf zeigte den slavischen Typus in vollendeter Reinheit — einen etwas strengen Typus, durch den ihr beschieden war, einmal eher schön als lieblich zu werden, wenn erst noch einige weitere Jahre ihren Zügen Festigkeit verliehen haben würden. Unter einer Art Spitzentuch, das sie über dem Kopf trug, kam eine Fülle goldblonden Haares hervor. Ihre Augen waren braun mit einem sammetnen Blick von unendlicher Weichheit. Ihre gerade Nase hob sich mit leicht beweglichen Flügeln von den etwas mageren, blassen Wangen. Ihr feingezeichneter Mund schien lange Zeit des Lächelns entwohnt gewesen. Sie war gross und schlank, soweit man unter dem weiten Pelz, der sie umhüllte, ihre Gestalt beurteilen konnte. Ibwohl es noch ein sehr junges Mädchen war, machte doch die Bildung ihrer hohen Stirn, die bestimmte Form des unteren Teiles ihres Gesichts den Eindruck grosser moralischer Energie — ein Umstand, der keineswegs Michael Strogoff entging. Augenscheinlich hatte in vergangenen Tagen das junge Mädchen schon zu leiden gehabt, und ohne Zweifel lag auch die Zukunft nicht in rosigen Farben vor ihr, aber nicht minder erschien es gewiss, dass sie zu kämpfen verstanden hatte und auch weiterhin gegen die Schwierigkeiten des Lebens anzukämpfen entschlossen war. Ihr Wille musste fest und lebhaft, ihre Ruhe unerschütterlich sein, selbst unter Umständen, wo auch ein Mann in Gefahr geraten wäre, nachzugeben oder die Geduld zu verlieren.

Diesen Eindruck machte das junge Mädchen auf den ersten Blick. Michael Strogoff, selbst eine energische Natur, musste das Charakteristische eines solchen Gesichtes sogleich erkennen, und während er achtgab, dass seine unausgesetzte Betrachtung ihr nicht lästig fallen möge. musterte er seine Reisegefährtin aufmerksam. Das Kostüm der jungen Reisenden war zugleich von höchster Einfachheit und höchster Sauberkeit. Sie war nicht reich, das war leicht zu erkennen, aber man hätte vergebens an ihrer Kleidung irgendein Anzeichen von Nachlässigkeit gesucht. Ihr ganzes Gepäck befand sich in einem mittels Schlüssels verschlossenen Reisesack, den sie, wegen Mangels an Raum, auf die Knie genommen hatte. Sie trug einen langen Pelz von dunkler Farbe, der keine Ärmel hatte und mit blauem Saum anmutig ihren Hals umschloss. Unter diesem Pelz bedeckte eine Tunika von gleichfalls dunkler Farbe einen bis an die Knöchel reichenden Rock, dessen Stoss mit wenig bemerkbarem Spitzenbesatz verziert war. Halbschuhe aus fein bearbeitetem Leder mit starken Sohlen, die in der Voraussicht einer langen Reise genommen worden zu sein schienen, wärmten ihre kleinen Füsse. Michael Strogoff meinte an mehreren Einzelheiten in dieser Kleidung den Schnitt der livländischen Tracht zu erkennen und glaubte mithin, dass sein Gegenüber aus den baltischen Provinzen sein müsse. Aber wohin fuhr dieses junge Mädchen allein, in einem Alter, wo der Schutz eines Vaters oder einer Mutter, die Begleitung eines Bruders unerlässlich zu sein scheinen? Kam sie nach bereits langwieriger Reise aus den Provinzen Westrusslands? Begab sie sich bloss nach Nischni-Nowgorod, oder lag das Ziel ihrer Reise jenseits der östlichen Grenzen des Reiches? Erwartete sie bei der Ankunft des Zuges ein Verwandter, ein Freund? War es nicht eher wahrscheinlich, dass, wenn sie aus dem Zug stieg, sie ebenso verlassen in der Stadt dastehen würde, wie sie es jetzt im Wagen war, wo niemand — sie wenigstens musste es glauben — sich um sie zu bekümmern schien? Wohl, so mochte es sein!

Tatsächlich erschienen die Gewohnheiten, die man in der Verlassenheit sich aneignet, sehr deutlich in dem Benehmen der jungen Reisenden. Die Art, wie sie in den Wagen kam, wie sie sich für die Reise zurechtsetzte, wie sie durch ihr Hinzukommen die anderen durchaus nicht störte, wie sie auch während der Fahrt niemand im geringsten aus der Ruhe brachte oder lästig fiel, alles deutete darauf hin, dass sie es gewohnt war, allein zu sein und nur auf sich selbst zu zählen. Mit Interesse betrachtete Michael Strogoff sie; aber da er selbst zurückhaltend war, so suchte er keine Gelegenheit herbeizuführen, sie anzusprechen, obwohl noch mehrere Stunden hingehen mussten, ehe der Zug Nischni-Nowgorod erreichte. Nur einmal, als der Nachbar des jungen Mädchens — jener Handelsmann, der so unklug Seife und Schals untereinanderbrachte — eingeschlafen war und seine Nachbarin mit seinem fettigen Kopf, der von einer Schulter zur anderen schwankte, zu belästigen drohte, weckte ihn Michael Strogoff barsch auf und gab ihm zu verstehen, dass er gerade und still zu sitzen hätte, wie es sich gehörte. Der Kaufmann — ein grober Kerl — brummte etwas über „Leute, die sich um Dinge kümmern, die sie nichts angingen“. Aber Michael Strogoff warf ihm einen so unliebsamen Blick zu, dass der Schläfer sich gegen die andere Seite lehnte und die junge Reisende von seiner unangenehmen Nachbarschaft befveite. Diese sah einen Augenblick den jungen Mann an — und ein stummer, bescheidener Dank lag in ihrem Blick.

Aber es ereignete sich ein Vorfall, der Michael Strogoff einen richtigen Begriff von dem Charakter des jungen Mädchens gab. Zwölf Werst vor der Einfahrt in Nischni-Nowgorod erhielt bei einer scharfen Kurve der Strecke der Zug einen heftigen Stoss. Eine Minute darauf lief er auf der Böschung eines Dammes. Die Reisenden verloren den Kopf, alles schrie und rannte durcheinander in den Wagen — das war die erste Wirkung des Ereignisses. Ehe noch der Zug hielt, wurden die Türen aufgerissen, und die Reisenden hatten in ihrem Entsetzen nur einen Gedanken: aus dem Wagen hinaus und draussen Rettung suchen! Michael Strogoff dachte zunächst an seine Reisegefährtin. Aber während die Reisenden in seinem Abteil nach aussen drängten, schreiend und sich quetschend, war das junge Mädchen ruhig sitzengeblieben, und ihr Antlitz hatte sich durch eine leichte Blässe kaum merklich verändert. Sie wartete. Michael Strogoff wartete auch. Sie hatte keine Bewegung gemacht, um auszusteigen. Sie rührte sich nicht einmal. Beide blieben sitzen, kaltblütig und gefasst. Eine energische Natur, dachte Michael Strogoff.

Inzwischen war alle Gefahr beseitigt. Ein Radreifensprung des Gepäckwagens hatte den Stoss und dann das Halten des Zuges veranlasst, aber es hatte nicht viel daran gefehlt, so wäre er, einmal aus dem Geleise geschleudert, von der Höhe des Dammes in einen Sumpf gestürzt. Eine Stunde Verspätung war die Folge. Als endlich die Strecke frei gemacht worden war, fuhr der Zug weiter und um ½9 Uhr traf er auf dem Bahnhof von Nischni-Nowgorod ein. Ehe noch jemand aussteigen konnte, erschienen die Polizeiinspektoren an den Türen und untersuchten die Reisenden. Michael Strogoff zeigte sein Podaroschna auf den Namen Korpanoff. Ihm wurden keine Schwierigkeiten gemacht. Auch die anderen Reisenden in diesem Abteil, die alle nur bis Nischni-Nowgorod fuhren, erschienen zu ihrem Glück nicht verdächtig. Das junge Mädchen zeigte keinen Pass vor, da in Russland ein Pass nicht mehr verlangt wird, sondern einen mit besonderem Siegel versehener Schein, der von besonders eigentümlichem Inhalt sein musste. Der Inspektor las ihn aufmerksam durch, musterte scharf die Person, deren Personenbeschreibung er enthielt, und fragte dann: „Du bist aus Riga?“

„Jawohl,“ antwortete das junge Mädchen.

„Du willst nach Irkutsk?“

„Jawohl.“

„Auf welchem Wege?“

„Über Perm.“

„Schön,“ sagte der Inspektor. „Sorge dafür, dass dein Schein auf dem Polizeiamt in Nischni-Nowgorod gestempelt wird.“

Das junge Mädchen verneigte sich zustimmend. Als Michael Strogoff dieses Zwiegespräch hörte, empfand er zugleich eine Regung des Erstaunens und des Mitleids. Wie, das junge Kind wollte allein nach dem fernen Sibirien reisen, und das jetzt, wo zu den sonstigen Gefahren noch all die Fährnisse hinzukamen, die ein vom Feind besetztes aufständisches Land bietet! Wie sollte sie dorthin gelangen? Was sollte aus ihr werden? Nach beendeter Untersuchung wurden die Wagentüren geöffnet, aber ehe Michael Strogoff eine Bewegung nach ihr hin hatte machen können, war die junge Livländerin zuerst ausgestiegen und sogleich in der Menge, die die Gänge des Bahnhofs füllte, verschwunden.

5. Ein Erlass in zwei Paragraphen

Nischni-Nowgorod, Unter-Nowgorod, am Zusammenfluss der Wolga und der Oka gelegen, war die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements. Dort musste Michael Strogoff die Eisenbahn verlassen, die damals nicht weiter als bis dorthin ging. Demnach verloren, je weiter er vordrang, die Verkehrsmittel zuerst an Schnelligkeit, nachher an Sicherheit. Nischni-Nowgorod, das zu gewöhnlicher Zeit bloss 30 000 bis 35 000 Einwohner zählte; beherbergte damals weit über 300 000; seine Bevölkerung hatte sich also verzehnfacht.

Diesen — nur vorübergehenden — Zuwachs verdankte die Stadt der berühmten Messe, die während voller drei Wochen in ihren Mauern abgehalten wurde. Vordem genoss Markajew die Vorteile dieses Zusammenlaufs von Kaufleuten, seit 1817 war die Messe aber nach Nischni-Nowgorod verlegt worden. Die für gewöhnlich ziemlich düstere Stadt zeigte also ein ausserordentliches Leben. Zehn verschiedene Rassen von Handelsleuten, europäische sowohl als asiatische, lebten dort brüderlich miteinander unter dem Einfluss von Handelsgeschäften.

Obwohl Michael Strogoff den Bahnhof zu stark vorgerückter Stunde verliess, herrschte doch noch grosser Zusammenlauf von Menschen in diesen beiden durch den Lauf der Wolga geschiedenen Städten, die Nischni-Nowgorod, in sich schliesst und deren obere, auf steilem Fels erbaute durch eines jener Befestigungswerke verteidigt wird, die man in Russland „Kreml“ nennt. Wenn Michael Strogoff zum Aufenthalt in Nischni-Nowgorod gezwungen gewesen wäre, so würde es ihm nicht leicht gefallen sein, ein Hotel oder nur ein Gasthaus zu finden, das einigermassen für ihn passend gewesen wäre. Die Stadt war überfüllt. Da er nun aber nicht auf der Stelle wegfahren konnte, sondern auf die Abfahrt des Wolgadampfers, den er benützen musste, zu warten hatte, blieb ihm nichts übrig, als sich nach einer Lagerstatt umzusehen. Vorher wollte er sich aber über die Abfahrtszeit vergewissern und verfügte sich deshalb nach der Anlegestelle der Dampfschiffahrtsgesellschaft, deren Schiffe den Verkehr zwischen Nischni-Nowgorod und Perm vermittelten. Dort erfuhr er zu seinem grossen Verdruss, dass der „Kaukasus“ — so hiess das Dampfschiff — erst am anderen Tage mittags abfuhr. Ganze 17 Stunden warten! Das war ärgerlich für einen Menschen, dem die Zeit so auf die Nägel brannte und doch nichts anderes übrigblieb, als sich dareinzuschicken — was er auch tat, denn müssige Beschwerden zu führen oder unzutreffende Beschuldigunzu erheben, war niemals seine Sache. Zudem hätte ihn unter den gegenwärtigen Umständen kein Wagen, gleichviel ob Telega oder Tarantass, Reisekutsche oder Postwagen, auch kein Pferd, gleichviel ob nach Perm oder nach Kasan, schneller befördert. Das beste war also, die Abfahrt des Dampfschiffs abzuwarten — das noch immer schneller fuhr als jedes andere Fuhrwerk und die verlorene Zeit schneller hereinbringen dürfte.

So lief denn Michael Strogoff in der Stadt herum und suchte sich, ohne sich allzusehr zu beunruhigen, irgendeine Herberge, um dort zu nächtigen. Aber daran war ihm eigentlich nicht viel gelegen, und hätte ihm der Hunger nicht stark zugesetzt, so würde er wahrscheinlich bis zum Morgen in den Strassen von Nischni-Nowgorod herumgeirrt sein. So war er also mehr auf der Suche nach einem Abendessen als nach einem Nachtlager. Indessen sollte er beides in der „Stadt Konstantinopel“ antreffen.

Dort bot ihm der Herbergsvater ein einigermassen passendes Zimmer an, das zwar nicht viel Mobiliar aufzuweisen hatte, dem aber weder die Jungfrau Maria im Bilde, noch einige Heilige im Porträt fehlten, denen goldene Bortenstoffe als Rahmen dienten. Eine mit gesäuerter Fleischmasse gefüllte Ente, die in einer dicken Mehltunke schwamm, Gerstenbrot, Buttermilch, Staubzucker mit Zimt vermischt, ein Krug Kwas, bekanntlich ein in Russland sehr gebräuchliches Bier, wurden ihm alsbald aufgetragen, und so viel brauchte er gar nicht, um satt zu werden. Aber er ass sich satt und weit satter sogar als sein Tischnachbar, der als „Altgläubiger“ der Raskolnikensekte das Enthaltsamkeitsgelübde abgelegt hatte, infolgedessen die Kartoffeln aus seiner Schüssel tat und sich stark hütete, Zucker in seinen Tee zu tun.

Nach eingenommenem Abendbrot setzte Michael Strogoff, statt in sein Zimmer hinaufzugehen, mechanisch seinen Spaziergang durch die Stadt fort. Aber obgleich sich die lange Dämmerzeit noch erheblich ausdehnte, zerteilte sich bereits die Menge, die Strassen wurden allmählich öde und leer, und jeder suchte seine Wohnung wieder auf. Warum hatte sich Michael Strogoff nicht bequem ins Bett gelegt, wie es nach einem ganzen, in der Bahn verlebten Tage doch wohl am Platze war? Dachte er etwa an das junge Mädchen aus Livland, das ein paar Stunden lang seine Reisegefährtin gewesen war? Da er nichts Besseres zu tun hatte, war er mit seinen Gedanken bei ihr. Befürchtete er, dass ihr, ohne Halt und Stütze in dieser geräuschvollen Stadt, Schimpf und Schande widerfahren könnte? Ja, das befürchtete er — und mit solcher Befürchtung hatte er recht. Hoffte er etwa, ihr zu begegnen und ihr im Notfall seinen Schutz angedeihen zu lassen? Nein. Sie zu treffen war schwierig, und sie zu schützen — besass er dazu ein Recht?

„Allein,“ sprach er bei sich, „allein inmitten dieser Horden! Und was bedeuten die Gefahren schliesslich neben jenen anderen Gefahren, die ihr die Zukunft vorbehält! Sibirien! Irkutsk! Was ich für Russland und den Zaren versuchen will, will sie vielleicht auch tun. Sie! Für — für wen? Wofür? Sie ist befugt, die Grenze zu überschreiten! Und das Land drüben ist im Aufstand! Tatarenbanden jagen durch die Steppen!“ Michael Strogoff hielt eine Weile inne und überlegte. „Ohne Zweifel ist ihr der Gedanke“, sagte er bei sich, „zu dieser Reise vor dem Einbruch der tatarischen Horden gekommen. Vielleicht weiss sie selber nicht einmal, was vorgeht . . . Aber nein, diese Kaufleute haben doch in ihrer Gegenwart von den Wirren, die in Sibirien herrschen, gesprochen — und sie hat gar nicht ausgesehen, als ob das sie wundere, sie hat nicht einmal nach Erklärung gefragt. Aber dann wusste sie doch — und ist doch gegangen, trotzdem? Das arme Kind! Es muss doch also ein mächtiger Beweggrund sein, der sie treibt. Aber so mutig sie sein mag — und mutig ist sie ganz gewiss — werden unterwegs doch die Kräfte sie im Stich lassen und, von Gefahren und Hindernissen gar nicht zu reden, wird sie die Strapazen solcher Reise doch nicht ertragen können — Irkutsk wird sie nun und nimmer erreichen können!“

Michael Strogoff ging inzwischen immer aufs Geratewohl weiter; da er aber die Stadt genau kannte, konnte es ihm keine Verlegenheit bereiten, seinen Weg wiederzufinden. Nach einem etwa halbstündigen Marsch setzte er sich auf eine an einer grossen Holzbude, die in der Mitte von vielen anderen auf einem sehr grossen Platz stand, angebrachte Bank. Fünf Minuten sass er etwa dort, als ihn eine Hand kräftig packte: „Was treibst du hier?“ fragte ihn ein grosser Mann, den er nicht hatte kommen sehen, mit rauher Stimme.

„Ich ruhe mich aus,“ versetzte Michael Strogoff.

„Denkst wohl gar die Nacht hier auf der Bank zu verschlafen?“ rief der Mann wieder.

„Warum nicht — wenn es mir passt?“ erwiderte Michael Strogoff in einem für den einfachen Handelsmann, der er sein musste, etwas zu scharf markierten Ton.

„Dann tritt näher, dass man dich sieht,“ sagte der Mann.

Michael Strogoff besann sich, dass es vor allem nötig sei, die Klugheit nicht ausser acht zu lassen, und wich instinktiv zurück. „Mich braucht niemand sich anzusehen,“ antwortete er und brachte mit Kaltblütigkeit zwischen den Mann, der ihn angesprochen hatte, und sich einen Zwischenraum von einem Dutzend Schritte. Nun kam es ihm, als er ihn schärfer ansah, ganz so vor, als ob er es mit einer Art von Zigeuner zu tun habe, wie man sie auf allen Messen antrifft, mit denen man aber nicht gern in physische oder moralische Berührung kommt. Und wie er dann aufmerksam auf den Schatten sah, der sich zu verdichten anfing, bemerkte er neben der Holzbude einen grossen Wagen, die gewöhnliche Reisewohnung dieser „Tsingari“ oder „Tsiganen“, die sich in Russland überall, wo es ein paar Kopeken zu verdienen gibt, scharenweise anfinden.

Unterdessen hatte der Zigeuner ein paar Schritte vorwärts getan und schickte sich an, Michael Strogoff energischer auf den Leib zu rücken, als sich die Tür der Hütte öffnete. Ein Weib, kaum sichtbar, trat rasch vor und rief in einer ziemlich rauhen Mundart, die Michael Strogoff als ein Gemisch von Mongolisch und Sibirisch erkannte: „Schon wieder ein Spion! Lass ihn und komm essen! Die Papluka wartet.“

Michael Strogoff konnte sich des Lächelns über den Titel, mit dem man ihn beehrte, nicht erwehren. Er, der gerade die Spione wie Gift fürchtete, sollte ein Spion sein!

Aber in derselben Sprache, wenn auch der Akzent des Mannes, der sich ihrer bediente, von dem Akzent des Weibes stark verschieden war, erwiderte der Zigeuner mit ein paar Worten, die den Sinn hatten von: „Du hast recht, Sangarre, zudem werden wir morgen ja über alle Berge sein.“

„Morgen?“ versetzte halblaut das Weib mit einer Stimme, aus der eine gewisse Verwunderung herausklang.

„Jawohl, Sangarre,“ versetzte der Zigeuner, „morgen — und Väterchen selber ist es, der uns schickt, wohin wir gehen wollen!“ Darauf traten Mann und Weib in die Hütte, deren Tür behutsam geschlossen wurde.

„Gut,“ sagte sich Michael Strogoff, „wenn dieses Zigeunerpack nicht verstanden sein will, wenn sie in meiner Gegenwart sprechen, so rate ich ihnen schon, sich einer anderen Sprache zu bedienen.“ In seiner Eigenschaft als Sibirier, und weil er seine Kindheit in der Steppe verlebt hatte, verstand Michael Strogoff, wie gesagt, fast alle von der Tatarei bis zum Eismeer hinauf gebräuchlichen Mundarten. Was die genau Bedeutung der zwischen dem Zigeuner und seiner Gefährtin gewechselten Worte sein mochte, beschäftigte ihn nicht weiter — inwiefern konnte ihr das auch kümmern?

Da die Stunde schon stark vorgerückt war, fiel es ihm nun ein, nach der Herberge zurückzukehren, um sich dort ein bisschen auszuruhen. Er ging dem Laufe der Wolga entlang, deren Fluten unter der düsteren Masse zahlloser Fahrzeuge verschwanden. Die Richtung des Flusses machte ihm nun den Ort kenntlich, den er soeben verlassen hatte. Diese Ansammlung von Wagen und Buden befand sich genau auf dem grossen, weiten Platz, auf dem alljährlich der Hauptmarkt von Nischni-Nowgorod abgehalten wurde — hieraus erklärte sich die Anwesenheit all dieser Schifferleute und Zigeuner, die aus allen Ecken der Welt herbeigekommen waren.

Michael Strogoff schlief eine Stunde später in einem jener russischen Betten, die den Fremden so hart vorkommen, nicht ohne Aufregung, und am anderen Tage, dem 17. Juli, erwachte er, als es schon hell wurde. Fünf Stunden noch in Nischni-Nowgorod zu verleben, das erschien ihm ein Jahrhundert. Was konnte er tun, um diesen Morgen auszufüllen, wenn nicht wie abends vorher durch die Strassen der Stadt irren? Wenn er sein Frühstück verzehrt, seinen Reisesack geschnürt hatte, wenn er sein Podaroschna auf dem Polizeiamt hatte beglaubigen lassen, wäre nichts weiter nötig gewesen, als abzureisen. Aber da es seine Sache nicht war, erst aufzustehen, wenn schon die Sonne am Himmel stand, so stieg er aus seinem Bett, kleidete sich an, legte fürsorglich den Brief mit dem kaiserlichen Wappen in eine im Futter seiner Tunika angebrachte Tasche — über die Tunika schnürte er seinen Leibgurt, dann schloss er seinen Reisesack und warf ihn über den Rücken. Als dies geschehen war, zahlte er, da es nicht in seiner Absicht lag, nach der „Stadt Konstantinopel“ zurückzukehren, er vielmehr am Wolgaufer sein Frühstück einnehmen wollte, bei dem Gasthofswirt seine Rechnung und verliess die Herberge. Aus übermässiger Vorsicht begab sich Michael Strogoff zuerst nach dem Dampfschiffahrtsbüro und vergewisserte sich dort, dass der „Kaukasus“ zur bezeichneten Stunde abfuhr. Da kam ihm zum ersten Male der Einfall, dass es sehr wohl möglich sein könnte, die junge Livländerin, die ja auch den Weg über Perm nehmen musste, sei gleich ihm willens, sich auf dem „Kaukasus“ einzuschiffen, in welchem Falle es ja nicht hätte ausbleiben können, dass Michael Strogoff die Reise mit ihr zusammen machte.

Die obere Stadt mit ihrem Kreml, deren Umfang zwei Werst beträgt, und die der von Moskau ähnlich ist, war zur Zeit sehr leer. Nicht einmal der Gouverneur residierte noch dort. Aber so ausgestorben die obere Stadt war, so voller Leben war die untere. Nachdem Michael Strogoff auf einer von berittenen Kosaken bewachten Brücke die Wolga überschritten hatte, gelangte er auf denselben Platz, wo er tags vorher auf irgendein Zigeunerlager gestossen war. Kurz vor der Stadt draussen wurde jene Nischni-Nowgoroder Messe abgehalten, mit der selbst die Leipziger Messe nicht in Wettstreit zu treten vermöchte. Auf einer weiten, jenseits der Wolga befindlichen Ebene erhob sich der provisorische Palast des Generalgouverneurs, und dort residierte zufolge kaiserlichen Befehls dieser hohe Staatsbeamte während der ganzen Dauer der Messe, die infolge der Elemente, aus dener sie sich zusammensetzt, eine beständige Überwachung notwendig machte.

Diese Ebene war zur Zeit mit hölzernen Bauten in symmetrischer Anordnung bedeckt, so dass Wege dazwischen blieben, breit genug, um der Volksmenge einen bequemen Fussverkehr zu ermöglichen. In den Gassen längs dieser Wege war der Menschenzulauf, da die Sonne, die heute schon vor vier Uhr aufgegangen war, hoch am Himmel stand, schon sehr beträchtlich. Russen, Sibirier, Deutsche, Kosaken, Turkmenen, Perser, Georgier, Griechen, Ottomanen, Hindus, Chinesen — ein ausserordentliches Gemisch von Europäern und Asiaten schwatzte; zankte, prahlte, schacherte. Alles, was verkauft oder gekauft wird, schien an dieser Stätte aufgetürmt worden zu sein. Lastträger, Pferde, Kamele, Esel, Kähne, Karren, alles was zum Transport von Waren dienen kann, war auf diesen Messfeld gestaut; Pelze, Juwelen, Seidenstoffe, indische Kaschmire, türkische Teppiche, kaukasische Waffen, Gewebe aus Smyrna oder Ispahan, Beschläge aus Tiflis, Karawanentee, europäische Bronzen, Uhrwaren aus der Schweiz, Samt- und Seidenstoffe aus Lyon, englische Kattune, Fuhrgeschirre und dazugehörige Artikel, Obst, Gemüse, Gestein vom Ural, Malachite, Lapislazuli, aromatische Stoffe, Parfüms, Arzneipflanzen, Hölzer, Teere, Seile, Hörner, Zitronen, Kürbispflanzen, Wassermelonen und so weiter, sämtliche Produkte Indiens, Chinas, Persiens, solche vom Kaspischen und solche vom Schwarzen Meer, von Amerika und von Europa waren an diesem Punkt des Erdteils vereinigt. Es war ein Leben und Treiben, eine Aufregung, ein Trubel, ein Tohuwabohu, von dem man sich keine Vorstellung machen könnte, zumal die Eingeborenen der unteren Klassen von höchst aufdringlichem. Wesen waren und die Ausländer es ihnen gern möglichst gleichtaten. Kaufleute aus dem mittleren Asien waren darunter, die ein Jahr gebraucht hatten, um ihre Wagen unter Schutzbegleitung durch die langen Ebenen bis hierher zu schaffen, und die vor Ablauf eines weiteren Jahres ihre Handelsbuden oder Büros nicht wiedersehen sollten. Kurz, die Bedeutung dieser Messe von Nischni-Nowgorod war derart, dass sich die Ziffer des Warenumschlags auf mindestens 100 Millionen Rubel belief.

Sodann hatte sich auf den Plätzen und zwischen den Quartieren dieser hervorgezauberten Stadt ein förmliches Heer von Gauklern aller Art angesammelt: Seiltänzer und Akrobaten, die mit ihrer Musik und mit dem Ausschreien ihrer Aufführung einen ohrenbetäubenden Lärm machten; Zigeuner, die aus den Gebirgen herabgekommen waren und den einfältigen Seelen eines immer wechselnden Publikums die Zukunft weissagten; die ihnen verwandten Tsingaris oder Tsiganen, wie die Russen die Zigeuner im allgemeinen nennen — die uralten Abkömmlinge der Kopten — die ihre buntesten Weisen sangen und ihre seltsamsten Tänze aufführten; Komödianten von Jahrmarktsbühnen, die Shakespeares Dramen, zugestuzt für den Geschmack der in Scharen herbeiströmenden Zuschauer, darstellten. In den langen Gängen führten Bärenführer ihre viertatzigen Künstler in Freiheit vor; aus Tierbuden erscholl rauhes Gebrüll von Bestien, die durch den scharfen Stachel oder das Brandeisen ihres Bändigers gereizt wurden; schliesslich mitten auf dem grossen Hauptplatz, umstanden von einem vierfachen Ring begeisterter Kunstfreunde, ein Chor von „Wolgaschiffern“, der auf dem Boden sass wie auf dem Deck ihrer Barken und nach dem Taktstock eines Musikmeisters, im Grunde genommen nichts weiter als der Steuermann dieses in der Phantasie gedachten Schiffes, die Tätigkeit des Ruderns nachahmte. Wunderlicher und allerliebster Brauch — über all dieser Menschheit entwich eine Wolke von Vögeln aus Käfigen, in denen sie hergebracht worden waren. Gemäss einer auf der Messe von Nischni-Nowgorod streng festgehaltenen Sitte öffneten für ein paar Kopeken, die von milden Seelen gespendet wurden, die Kerkermeister ihren Gefangenen die Käfigtür, und zu Hunderten flatterte die kleine Schar, ihr lustiges Geschnatter ertönen lassend, auf und davon.

Dies war das Bild, dass die Fläche bot, so sollte es sechs Wochen lang — die gewöhnliche Dauer der berühmten Messe — in Nischni-Nowgorod bleiben. Dann würde nach dieser betäubenden Zeit das ungeheure Tohuwabohu wie durch Zauberschlag erlöschen, die obere Stadt würde ihren alten Charakter wieder annehmen, die untere Stadt würde in ihr eintöniges Einerlei zurückverfallen, und von dieser ungeheuren Zusammenkunst von Kaufleuten aus allen Gegenden Europas und Mittelasiens würde nicht ein einziger Verkäufer oder Einkäufer, gleichviel welcher Ware, noch übrigbleiben.

Hier ist es am Platze hinzuzufügen, dass diesmal wenigstens Frankreich und England auf dem grossen Weltmarkt von Nischni-Nowgorod vertreten waren durch zwei der hervorragendsten Produktionszweige der modernen Kultur, durch die Herren Harry Blount und Alcide Jolivet. Die beider Berichterstatter befanden sich hier auf der Suche nach Eindrücken zum Vorteil und Nutzen ihrer Leser und verwendeten nach besten Kräften die paar Stunden, die sie zu verbringen hatten, denn auch sie gedachten mit dem Kaukasus“ zu fahren. Sie trafen einanderdirekt auf dem Messeplatz und waren darüber nur in mittelmässiger Verwunderung, denn es verstand sich ja eigentlich von selbst, dass der gleiche Instinkt sie auf die gleiche Fährte bringen musste; aber diesmal sprachen sie nicht miteinander und beschränkten sich auf den Austausch eines ziemlich kühlen Grusses. Alcide Jolivet, von Haus aus Optimist, schien übrigens zu finden, dass sich alles so abspielte, wie es am Platze sei, und da ihm der Zufall Tisch und Lager in glücklicher Form verschafft hatte, hatte Alcide Jolivet einige für die Stadt Nischni-Nowgorod ganz besonders nette Zeilen in sein Notizbuch eingetragen. Dagegen hatte sich Harry Blount nach vergeblicher Suche eines Abendessens gezwungen gesehen, unter freiem Himmel zu nächtigen. Er hatte die Dinge also unter einem ganz anderen Gesichtspunkt betrachtet und brütete über einem zermalmenden Artikel gegen eine Stadt, in der sich die Gastwirte weigerten, Reisenden Aufnahme zu gewähren, die nicht von vornherein dazu bereit schienen, sich, „in physischer und in moralischer Hinsicht“ abschlachten zu lassen.

Wie Michael Strogoff, so dastand, mit der einen Hand in seiner Tasche, in der anderen seine lange Pfeife mit dem Rohr aus Vogelkirsche haltend, schien er von allen Menschen auf Erden das höchste Mass von Gleichgültigkeit und das allergeringste Mass von Ungeduld zu besitzen. Und doch wäre es leicht gewesen, für jeden, der zu beobachten weiss, an einer gewissen Zusammenziehung der Augenbrauenmuskeln zu erkennen, dass es ihm auf den Nägeln brannte, von der Stelle zu kommen. Seit etwa zwei Stunden rannte er durch die Strassen der Stadt, um immer und immer wieder zu dem Messeplatz zurückzukehren. Auf seinem öfteren Rundgang zwischen den Gruppen machte er die Wahrnehmung, dass sich bei allen aus den angrenzenden Landstrichen Asiens gekommenen Kaufleuten eine wirkliche Beunruhigung zeigte. Die Geschäftsabschlüsse litten sichtlich darunter. Verschiedene Taschenspieler, Seiltänzer und Jongleure machten vor ihren Schaubuden grossen Lärm — eine Sache, die sich von selbst versteht, denn diese armen Teufel hatten bei einem Handelsgeschäft ja nichts zu verlieren, aber die Geschäftsleute besannen sich, Verbindungen mit den Händlern aus dem mittleren Asien einzugehen, deren Heimat durch den Einfall der tatarischen Horden bedroht war.

Noch ein anderes Kennzeichen verdiente Beachtung. In Russland trat die Militäruniform bei allen Gelegenheiten in Sicht. Die Soldaten mischten sich gern unter die Volksmenge, und gerade in Nischni-Nowgorod wurden während der Dauer dieser Messe die Polizeibeamten in der Regel durch zahlreiche Kosaken unterstützt, die mit der Lanze über der Schulter in dieser Ansammlung von dreimalhunderttausend Fremden Ruhe und Ordnung aufrechterhielten. An diesem Tage war aber auf dem Hauptplatz von Militär, Kosaken oder anderem nichts zu sehen. Jedenfalls waren sie in Voraussicht eines plötzlichen Abmarsches in ihren Kasernen zusammengezogen worden. Wenn nun aber auch Soldaten nicht zu sehen waren, so verhielt es sich doch nicht ebenso mit den Offizieren. Seit dem verflossenen Tage jagten aus dem Palast des Generalgouverneurs Adjutanten nach allen Richtungen. Es herrschte also ein ungewöhnliches Leben und Treiben, wofür sich eine Erklärung einzig und allein in der ernsten Natur der Ereignisse fand. Auf den Strassen der Provinz wimmelte es förmlich von Eilboten, sowohl in der Richtung nach Wladimir wie in der Richtung nach dem Uralgebirge. Unaufhörlich flogen Telegramme zwischen Moskau und Sankt Petersburg hin und her. Die Lage von Nischni-Nowgorod unweit der sibirischen Grenze erforderte offenbar die ernstesten Vorsichtsmassregeln. Dass die Stadt im 14. Jahrhundert von den Vorfahren dieser Tataren, die jetzt Feofar-Khans Ehrgeiz durch die kirgisischen Steppen führte, zweimal gestürmt worden war, konnte nicht in Vergessenheit geraten. Ein weiterer hoher Herr, der nicht weniger in Anspruch genommen war und zu tun hatte als der Generalgouverneur, war der Polizeioberst. Seinen Kommissaren, denen vor allen Dingen oblag, die Ordnung aufrechtzuerhalten, die Beschwerden entgegenzunehmen, über die Befolgung der Erlasse und Verordnungen zu wachen, war gleich ihm keine Freizeit beschieden. Die Verwaltungsbüros waren bei Tag und Nacht geöffnet und unaufhörlich belagert, sowohl von den städtischen Einwohnern als auch von den Fremden, Europäern oder Asiaten.

Nun befand sich Michael Strogoff gerade auf dem Hauptplatz, als sich das Gerücht verbreitete, der Polizeioberst sei durch Eilboten in den Palast des Generalgouverneurs beordert worden. Ein aus Moskau eingetroffenes Telegramm von hoher Wichtigkeit sei, hiess es, Ursache zu diesem Befehl. Der Polizeioberst begab sich also in den Palast des Gouverneurs, und alsbald lief, gerade als ob die Ahnung hiervon in der Luft läge, die Neuigkeit unter der Bevölkerung herum, es sei irgendeine wichtige Massregel, deren sich niemand versehen hätte oder hätte versehen können, eine Massregel von höchst ungewöhnlichem Charakter, verhängt worden. Michael Strogoff hörte zu, was unter den Leuten gesprochen wurde, um nötigenfalls Nutzen hieraus für sich ziehen zu können.

„Man will die Messe schliessen!“ rief der eine.

„Das Regiment von Nischni-Nowgorod hat soeben Marschbefehl erhalten,“ versetzte ein anderer.

„Die Tataren sollen, wie es heisst, Tomsk bedrohen,“ erklärte ein dritter.

„Da kommt der Polizeioberst!“ rief es von allen Seiten. Ein gewaltiger Lärm war plötzlich entstanden. Allmählich legte er sich, und dann folgte allgemeine Stille. Jeder ahnte irgendeine wichtige Mitteilung von seiten des Gouvernements.

Der Polizeioberst war, seine Beamten ihm voraus, aus dem Palast des Generalgouverneurs getreten. Ein Kommando Kosaken bildete seine Begleitung und drängte die Menge mit Lanzenstössen beiseite, die mit rücksichtsloser Gewalt versetzt und mit beispielloser Geduld hingenommen wurden. Der Polizeioberst langte in der Mitte des Hauptplatzes an. Für alle sichtbar, schwenkte er ein Telegramm in der Hand. Mit lauter, überall verständlicher Stimme verlas er die folgende Bekanntmachung: „Erlass des Gouverneurs von Nischni-Nomgorod. Paragraph 1: Jedem russischen Untertan wird hierdurch verboten, den Fuss aus der Provinz zu setzen, gleichviel aus welcher Ursache. Paragraph. 2: Allen Nichtrussen asiatischer Abkunft wird hierdurch befohlen, die Provinz binnen 24 Stunedn zu verlassen.“

6. Bruder und Schwester

Diese für die privaten Belange höchst verhängnisvollen Massregeln wurden durch die Lage der Dinge unbedingt gerechtfertigt. „Jedem russischen Untertan wird hierdurch verboten, den Fuss aus der Provinz zu setzen“: bedeutete für Iwan Ogareff, wenn er sich noch in der Provinz befand, die Verhinderung oder zum wenigsten doch die Erschwernis, zu Feofar-Khan zu gelangen, und beraubte diesen Tatarenhäuptling eines Bundesgenossen oder vielmehr Truppenführers, der Russland höchst gefährlich werden konnte. „Jedem Nichtrussen asiatischer Herkunft wird hierdurch befohlen, binnen 24 Stunden die Provinz zu verlassen“: bedeutete die Massenabschiebung all jener aus Mittelasien herbeigeströmten Handelselemente sowohl als auch jener Zigeuner-, Tsiganen- und Tsingarenbanden, die mit der tatarischen oder mongolischen Bevölkerung in näherer oder weiterer Verwandtschaft stehen und von der Messe hierher geführt worden waren. So viel Köpfe, so viel Spione — und ihre Ausweisung war durch den Zustand der Dinge gewiss geboten.

Die Wirkung dieser beiden Blitzschläge auf die Stadt Nischni-Nowgorod, auf die sie notwendigerweise schärfer gemünzt waren und notwendigerweise empfindlicher wirkten als auf jede andere Stadt, wird sich leicht begreifen lassen. Die Nationalrussen konnten also, wenn sie durch Geschäfte über die sibirischen Grenzen hinaus gerufen würden, die Provinz nicht mehr verlassen, wenigstens augenblicklich nicht. Der Inhalt des ersten Paragraphen dieses Erlasses war bestimmt und klar. Er liess keine Ausnahme zu. Jegliches private Interesse musste vor dem allgemeinen, dem staatlichen Interesse, zurücktreten. Was den zweiten Paragraphen des Erlasses betrifft, so liess der Ausweisungsbefehl, der darin enthalten war, gleichfalls keinerlei Einwand zu. Er betraf keine anderer als solche Fremden, die asiatischer Herkunft waren; die brauchten aber nichts weiter zu tun, als ihre Handelsware wieder in Ballen zu packen und den Weg in umgekehrter Richtung, als sie hergekommen waren, zu ziehen. Was hingegen die Gaukler und Seiltänzer anging, die in beträchtlicher Zahl hier anwesend waren, und die fast tausend Werst zu wandern hatten, um bis zur nächstgelegenen Grenze zu kommen, so bedeutete für sie ein solcher Erlass das Elend im Handumdrehen. Deshalb erhob sich zuerst gegen diese ungewohnte Massregel ein Gemurr des Widerspruchs, ein Aufschrei der Verzweiflung, dem die Kosaken und Polizisten schnell ein Ende gemacht hatten — und fast im Nu nahm, was sich der Auszug aus dieser weiten Ebene nennen liesse, seinen Anfang. Die vor den Schaubuden gespannten Leinwandstücke wurden zusammengelegt, die Messetheater gingen in Stücke, die Tänze und Gesänge wurden abgebrochen, das Geschrei der Ausrufer verstummte, die Feuer verlöschten, die Taue der Seiltänzer wurden gelöst, die alten, abgeklapperten Pferde dieser Wanderbuden wurden aus den Ställen geholt und wieder vor die Deichseln gespannt. Polizisten und Soldaten, mit Knute oder Prügel in der Faust, spornten die Säumigen und besannen sich nicht, die Zelte niederzureissen auch wenn sie von dem armen Wandervolk noch nicht geräumt waren. Unter dem Einfluss solcher Massregeln stand es offenbar ausser Zweifel, dass der Platz von Nischni-Nowgorod vor Einbruch des Abends ganz geräumt sein würde, dass auf den grossen, lauten Tumult der Messe alsbald die Öde der Wüste, die Stille des Grabes folgen würde. Und von neuem muss wiederholt werden — denn hierin lag eine weitere Verschärfung dieser Massregeln — all diesem Wandervolk, das von dem Ausweisungserlass unmittelbar betroffen wurde, waren sogar die Steppen Sibiriens verboten, und nichts anderes würde ihnen übrigbleiben, als sich nach dem Süden des Kaspischen Meeres zu wenden, entweder nach Persien oder nach der Türkei oder in die Ebenen des Turkestan. Die Posten des Ural und der Gebirge, die gleichsam die Verlängerung dieses Flusses an der asiatischen Grenze bildeten, würden ihnen den Durchgang nicht erlaubt haben. An tausend Werst würden sie also durchwandern müssen, ehe sie den Fuss auf freien Boden setzen könnten.

In dem Augenblick, als vom Polizeioberst der Erlass verlesen worden war, wurde Michael Strogoff durch eine Erinnerung, die in seinem Geist instinktiv auftauchte, lebhaft berührt. „Seltsames Zusammentreffen“, sagte er bei sich, „zwischen diesem Erlass, der die aus Asien gebürtigen Fremden ausweist, und den in letzter Nacht zwischen jenem Zigeunerpaar von der Tsiganenrasse gewechselten Worten! ,Väterchen selber ist es, der uns schickt, wohin wir gehen wollen,‘ sagte jener alte Kerl. Aber ,Väterchen‘ ist doch der Kaiser, der Zar — unter einer anderen Benennung kennt man ihn nicht im russischen Volk. Wie konnten diese Zigeuner die Massregel voraussehen, die gegen sie verfügt worden ist? Wie hatten sie sie im voraus erkennen können? Und wohin wollten sie denn gehen? Das ist verdächtiges Gesindel, und ihm scheint der Erlass des Gouverneurs doch eher nützlich als schädlich zu sein.“

Aber diese sicher sehr richtige Überlegung wurde jäh durch eine andere abgeschnitten, die jeden anderen Gedanken aus Michael Strogoffs Geist verjagen sollte. Er vergass die Tsiganen, ihre verdächtigen Reden, das seltsame Zusammentreffen, das aus der Veröffentlichung des kaiserlichen Erlasses sich ergab — die junge Livländerin war ihm plötzlich in den Sinn gekommen. „Das arme Kind!“ rief er, gleichsam ohne sich des Ausrufs bewusst zu sein. „Sie wird nicht mehr über die Grenze können!“

Tatsächlich war das junge Mädchen aus Riga, war Livländerin, also Russin — und durfte nun das russische Gebiet nicht mehr verlassen. Jedenfalls war der ihr vor dem neuen Erlass ausgehändigte Erlaubnisschein nicht von einer Tragweite oder Befugnis, die über diejenige dieses Erlasses hinausging. Alle Wege, alle Strassen Sibiriens waren ihr eben versperrt worden, unerbittlich versperrt worden, und gleichviel welcher Beweggrund sie nach Irkutsk führte, von jetzt ab war es ihr verboten, sich dorthin zu begeben. Dieser Gedanke beschäftigte Michael Strogoff lebhaft. Er hatte zuerst in unklarer Weise bei sich gemeint, dass es ihm, ohne irgendwelche Vernachlässigung dessen, was seine wichtige Mission von ihm forderte, am Ende möglich sein möchte, diesem tapferen Kinde einige Unterstützung oder Hilfe zuteil werden zu lassen, und dieser Gedanke war ihm sympathisch gewesen. Ihm waren die Gefahren klar, denen er selber zu trotzen haben würde — er, der tatkräftige, rüstige Mann, in einem Lande, dessen Wege und Stege ihm doch vertraut waren, und um so weniger konnte er sich täuschen darüber, dass diese Gefahren unendlich schrecklicher sein würden für ein junges Mädchen. Da sie sich nach Irkutsk begab, würde sie ja den gleichen Weg einzuschlagen haben wie er selber, würde also gezwungen sein, gleich ihm, der gleiches versuchen wollte, mitten zwischen den Horden zu ziehen, die das Land überschwemmten und verheerten. Hatte sie zudem noch, wie es aller Wahrscheinlichkeit nach der Fall war, bloss die zu einer Reise, wie man sie unter gewöhnlichen Umständen unternimmt, notwendigen Ausrüstungsgegenstände zur Verfügung, wie sollte es ihr dann möglich sein, solche Reise unter Bedingungen zu vollbringen, die durch die Ereignisse nicht allein gefährlich, sondern auch kostspielig gemacht werden würden?

„Nun,“ hatte er bei sich selber gesagt, „da sie den Weg über Perm nimmt, ist es ja beinahe unmöglich, dass ich sie nicht treffe. Ich werde demnach ja, ohne dass sie etwas argwöhnt, über sie wachen können — und da sie es ebenso eilig zu haben scheint wie ich, nach Irkutsk zu gelangen, wird sie mir schwerlich irgendwelche Verspätung verursachen.“ Aber ein Gedanke führt deren andere herbei. Michael Strogoff hatte bisher bloss in der Annahme, ein gutes Werk zu vollbringen, einen Dienst leisten zu können, die Sachlage überdacht. Jetzt schoss ihm ein neuer Gedanke in das Gehirn, und die Frage zeigte sich ihm unter einem durchaus anderen Gesichtspunkte. „Alles recht überdacht,“ sprach er bei sich, „so kann ich sie vielleicht noch nötiger brauchen als sie mich. Unnützlich kann mir ihre Gegenwart nicht werden, sie würde im Gegenteil dazu beitragen, allen Verdacht, der sich an mich heften könnte, zu beseitigen. In einem Menschen, der allein durch die Steppe jagt, kann man leichter den Kurier des Zaren argwöhnen. Begleitet mich dagegen dieses junge Mädchen, so werde ich in aller Augen weit eher der Nikolaus Korpanoff sein, als der mich mein Podaroschna ausweist. Also soll sie mich begleiten — und also muss ich zusehen, sie wieder aufzufinden, koste es, was es wolle! Dass sie sich gestern abend einen Wagen verschafft haben sollte, um über Nischni-Nowgorod hinauszukommen, ist nicht wahrscheinlich. Suchen wir sie also, und möge Gott so gnädig sein, mich auf ihre Spur zu weisen.“

Michael Strogoff verliess den Hauptplatz von Nischni-Nowgorod, wo der durch die Ausführung der verfügten Massregeln hervorgerufene Tumult gerade auf den Höhepunkt gestiegen war. Beschwerden der ausgewiesenen Fremden, Geschrei der sie misshandelnden Polizisten und Kosaken — kurz, ein unbeschreibliches Tohuwabohu! Dort konnte das junge Mädchen, das er suchte, nicht sein. Es war neun Uhr früh. Das Dampfschiff ging erst mittags ab. Michael Strogoff hatte also etwa zwei Stunden noch übrig zur Suche des Mädchens, das er zu seiner Reisegefährtin zu machen gedachte. Er ging von neuem über die Wolga und durch die Stadtviertel des anderen Ufers, wo die Volksmenge weniger zahlreich war. Er durchsuchte, wie man fast sagen könnte, Strasse für Strasse, die Ober- und die Unterstadt. Er ging in die Kirchen, den naturgemässen Zufluchtsort aller Weinenden und aller Leidenden. Nirgendswo traf er die junge Livländerin. „Und doch“, wiederholte er bei sich, „kann sie Nischni-Nowgorod noch nicht verlassen haben. Suchen wir also weiter!“

Michael Strogoff irrte so zwei Stunden lang umher, ohne innezuhalten, ohne stehenzubleiben. Er verspürte keine Anstrengung, er gehorchte einem gebieterischen Drange, der ihm keine weitere Überlegung gestattete. Alles, alles umsonst. Da schoss es ihm in den Sinn, das junge Mädchen könne am Ende von dem Erlass noch gar keine Kenntnis haben — ein Umstand indessen, der wenig Wahrscheinlichkeit für sich hatte, denn ein solcher Donnerschlag hätte nicht, ohne von allen gehört zu werden, erfolgen können. Wie hätten ihr wohl auch, da sie doch augenscheinlich grosses Interesse hatte, die geringfügigsten Nachrichten, die aus Sibirien einliefen, in Erfahrung zu bringen, Massnahmen unbekannt bleiben sollen, die vom Gouverneur getroffen wurden — Massnahmen, die sie unmittelbar berührten? Waren sie ihr schliesslich doch unbekannt, so müsste sie doch binnen wenigen Stunden an den Dampfschiffkai kommen, und dort würde ihr schon der erste beste unerbittliche Polizist gröblich den Weg vertreten und sie an der Betretung des Schiffes verhindern. Um jeden Preis, wie gesagt, musste Michael Strogoff sie vorher sehen, damit er sie in die Lage setzen könne, solchem Ungemach aus dem Wege zu gehen. Aber seine Nachforschungen waren vergeblich, und er hatte alle Hoffnung verloren, sie wiederzufinden.

Es war um elf Uhr. Michael Strogoff gedachte, obwohl diese Fürsorge in jeder anderen Lage überflüssig gewesen wäre, sein Podaroschna in dem Büro des Polizeiobersten vorzuweisen. Der Erlass konnte ihn offenbar nicht berühren, da solcher Fall bei ihm vorgesehen war; aber er wollte sich vergewissrn, dass ihm bei seiner Abreise von der Stadt keinerlei Schwierigkeiten entgegentreten würden. Mchiael Strogoff musste also auf das andere Wolgaufer zurückkehren, in das Stadtviertel, wo sich das Büro des Polizeiobersten befand. Dort war eine grosse Menschenansammlung; denn wenn die Fremden auch Befehl hatten, die Provinz zu verlassen, so waren sie deshalb doch gewissen Förmlichkeiten, um ihre Abreise zu bewirken, nicht, minder unterworfen als sonst. Ohne solche Vorsicht hätte jeder beim tatarischen Aufstand stärker oder schwächer beteiligte Russe, wenn er sich schicklich verkleidete, die Grenze überschreiten können — eine Möglichkeit, die durch den Erlass ja gerade verhindert werden sollte. Man weist wohl Menschen aus, aber die Erlaubnis, aus dem Lande zu ziehen, musste erst eingeholt werden. Deshalb füllten Gaukler, Seiltänzer, Zigeuner, Tsingari, untermischt mit Handelsvolk aus Persien, der Türkei, Hindostan, Turkestan, China, den Hof und das Büro des Polizeigebäudes. Jeder beeilte sich, denn es konnte nicht lange dauern, so musste es bei der starken Nachfrage dieser Menge von Ausgewiesenen an Transportmitteln fehlen, und wer sich damit zuviel Zeit liess, musste schliesslich hohe Gefahr laufen, den von der Polizei für die Räumung der Stadt festgesetzten Zeitpunkt zu überschreiben — ein Fall, der sie Grobheiten und Gewalttätigkeiten der Polizisten des Gouverneurs überliefern würde.

Michael Strogoff fiel es dank den kräftigen Ellbogen, über die er verfügte, nicht schwer, den Weg über den Hof zu finden. Aber der Weg in das Büro hinein und bis zum Schalter der Angestellten war eine Arbeit wesentlich schwierigerer Art. Indessen übten ein paar, dem ersten besten Inspektor ins Ohr geflüsterte Worte mit entsprechender Nachhilfe durch ein paar Rubel Macht genug aus, ihm den Weg auch dorthin frei zu machen. Der Polizist holte, nachdem er Michael Strogoff ins Wartezimmer geführt, einen höheren Beamten zur Stelle. Demnach konnte es also nicht mehr lange dauern, bis er mit der Polizei in Ordnung und völlig freier Herr seines Tuns und Lassens war. Während er so wartete, liess er die Blicke umherschweifen — und was sah er da? Drüben auf einer Bank lag mehr, als dass sie sass — offenbar umgesunken vor Ermüdung — ein junges Mädchen. Obwohl Michael Strogoff kaum ihr Gesicht sehen konnte, denn es zeichnete sich bloss im Profil an der Wand ab so fühlte er doch — eine seltsame Empfindung war es, die es ihm kündete — dass sie die Beute einer stummen Verzweiflung war. Michael Strogoff hatte sich nicht geirrt: es war die junge Livländerin — er hatte sie alsbald erkannt. Ohne eine Ahnung von dem Erlass des Gouverneurs, war sie ins Polizeibüro gekommen, um ihren Erlaubnisschein beglaubigen zu lassen — und hier hatte man ihr die Beglaubigung verweigert. Zweifelsohne war ihr behördlich die Reise nach Irkutsk freigegeben, aber der Erlass des Gouverneurs lautete bestimmt und klar — er erklärte alle früheren Ausweise als null und nichtig — und die Wege Sibiriens waren für sie gesperrt.

Michael Strogoff, überglücklich, das Mädchen endlich wieder gefunden zu haben, trat zu ihr heran. Sie sah ihn eine Weile an, und als sie ihren Reisegefährten wiedersah, hellte sich ihr Gesicht mit einem flüchtigen Schimmer auf. Unwillkürlich erhob sie sich, und wie ein Schiffbrüchiger, der sich an eine Planke klammert, flehte sie ihn an um Beistand, um Hilfe. In diesem Augenblick berührte der Polizist Michael Strogoffs Schulter. „Der Polizeioberst erwartet Sie,“ sagte er.

„Gut,“ versetzte Michael Strogoff. Und ohne ein Wort an diejenige zu richten, die er seit dem verflossenen Abend so eifrig gesucht hatte, ohne sie durch eine Gebärde zu beruhigen, die sie sowohl als auch ihn hätte gefährden können, folgte er dem Polizisten durch die dichten Gruppen. Die junge Livländerin sank, als sie den Mann fortgehen sah, der allein ihr vielleicht hätte helfen können, wieder auf ihre Bank. Noch keine drei Minuten waren verflossen, als Michael Strogoff wieder in Begleitung des Polizisten im Saal erschien, in der Hand sein Podaroschna, das ihm die Wege und Strassen Sibiriens freigab. Er trat zu der jungen Livländerin heran, reichte ihr die Hand und redete sie an: „Schwester!“

Sie begriff und stand auf, gleich als ob ihr eine plötzliche Eingebung verboten hätte zu zaudern.

„Schwester,“ wiederholte. Michael Strogoff, „wir sind zur Weiterreise nach Irkutsk ermächtigt. Kommst du mit?“

„Ich folge dir, Bruder,“ versetzte das junge Mädchen, ihre Hand in Michael Strogoffs Hand legend. Hierauf verliessen beide das Polizeiamt.

7. Die Wolga stromab

Kurz vor zwölf Uhr zog die Dampferglocke eine grosse Menschenmenge an die Dampfschiffanlegestelle der Wolga; denn sowohl solche, die abreisten, als auch solche, die gern abgereist wären, hatten sich dort eingefunden. Die Kessel des „Kaukasus“ waren schon voll geheizt; aus seinem Schornstein drang bloss leichter Rauch, während die Spitze des Ablassrohrs und die Ventilklappe sich mit weissem Dunst krönten. Dass die Polizei die Abfahrt des „Kaukasus“ überwachte und sich gegen alle solche Reisenden unerbittlich zeigte, die sich ausserstande fanden, den vorgeschriebenen Bedingungen zu genügen, versteht sich von selber. Zahlreiche Kosaken schritten auf dem Kai auf und ab, in steter Bereitschaft, den Polizisten mit kräftigem Arm beizuspringen, aber sie fanden hierzu nicht den geringsten Anlass, sondern alles vollzog sich ohne Widerstand. Zur vorgeschriebenen Stunde erscholl der letzte Glockenschlag, die Taue wurden losgemacht, die mächtigen Räder des Dampfschiffs schlugen mit ihren senkrecht gegliederten Schaufeln das Wasser, und der „Kaukasus“ flog zwischen den beiden Städten einher, aus denen Nischni-Nowgorod sich zusammensetzt.

Michael Strogoff und die junge Livländerin hatten sich an Bord des „Kaukasus“ begeben. Ohne alle Behinderung hatten sie das Schiff betreten dürfen. Der Leser weiss, dass der auf den Namen Nikolaus Korpanoff ausgestellte Ausweis „dem Handelsmann“ Michael Strogoff die Berechtigung gab, sich auf seiner Reise nach Sibirien Begleitung zu nehmen. Demnach reiste unter den Schutz der kaiserlichen Polizei jetzt ein Geschwisterpaar. Sie hatetn Platz genommen auf dem Hinterschiff und sahen die Stadt an ihren Blicken vorübergleiten, die durch den Erlass des Gouverneurs in so tiefe Wirrnis gestürzt worden war. Michael Strogoff hatte dem jungen Mädchen nichts gesagt, und er hatte sie nicht gefragt. Er wartete, dass sie sprechen möge, wenn es ihr zu sprechen belieben würde. Sie konnte es nicht erwarten, diese Stadt hinter sich zu bekommen, in der sie ohne die ihr von der Vorsehung gesandte Hilfe solches unvermuteten Beschützers gefangen gewesen wäre. Sie sagte nichts, aber aus ihrem Auge sprach ein Dank, kaum weniger deutlich, als ihr Mund ihn hätte aussprechen können.

Die Wolga, bei den Völkern des Altertums Rha oder Oaros, wird als der bedeutendste Fluss von ganz Europa angesehen. Ihr Lauf beträgt nicht weniger als 4000 Werst. Ihre im unteren Laufe ziemlich ungesunden Gewässer werden durch diejenigen der Oka verändert, eines schnell fliessender Stromes, der sich aus den mittleren Provinzen Russlands ergiesst. Man hat die Gesamtheit der russischen Kanäle und Flüsse mit einem Riesenbaum verglichen, dessen Zweige sich über sämtliche Teile des Russenlandes verästeln. Die Wolga bildet den Stamm dieses Baumes und zu Wurzeln hat er 70 Mündungen, die sich über das Gestade des Kaspischen Meeres erstrecken. Sie ist schiffbar von Rjef ab, einer Stadt des Gouvernements Twer, nämlich auf dem grössten Teil ihres Laufes. Die Schiffe der Transportgesellschaft zwischen Perm und Nischni-Nowgorod legten die 350 Werst (373 Kilometer), die letztere Stadt von der Stadt Kasan scheiden, ziemlich schnell zurück. Diese Dampfboote brauchten ja allerdings bloss die Wolga hinunterzufahren, die ja der eigenen Geschwindigkeit der Schiffe etwa zwei Strommeilen beigesellt. Aber wenn sie, kurz unterhalb von Kasan, an den Zusammenfluss der Wolga mit der Kama gelangten, waren sie genötigt, den Strom zu verlassen und den Fluss weiterzufahren, dessen Lauf sie nunmehr bis Perm folgten. Alles in Rechnung gezogen, liess sich also, trotzdem seine Maschine Gewaltiges leistete, vom „Kaukasus“ eine stärkere Leistung als über 16 Werst in der Stunde nicht erreichen. Eine Stunde Aufenthalt in Kasan einbezogen; stand also zu erwarten, dass die Reise etwa 60 bis 62 Stunden dauern würde. Im übrigen war dieses Dampfschiff vorzüglich eingerichtet, und je nach ihrer Stellung oder ihren Geldverhältnissen nahmen die Fahrgäste dort drei verschiedene Klassen ein. Michael Strogoff hatte dafür Sorge getragen, zwei Kabinen erster Klasse mit Beschlag zu belegen, so dass seine, junge Gefährtin in der Lage war, sich in ihre eigene Kabine zurückzuziehen und abzuschliessen, sobald es ihr angemessen erscheinen sollte.

Der „Kaukasus“ war dicht besetzt mit Fahrgästen aller Gattungen. Eine gewisse Zahl von asiatischen Marktleuten hatte es für richtig erachtet, auf der Stelle Nischni-Nowgorod den Rücken zu wenden. In dem für die erste Klasse belegten Teil des Dampfschiffs sah man Armenier in langen Roben, mit einer Art Mitra als Kopfbedeckung; Juden, kenntlich an ihren kegelförmigen Mützen; reiche Chinesen in ihrem traditionellen Gewande: grosses langes Kleid von blaner, violetter aber schwarzer Farbe, vorn und hinten offen, und darüber ein zweites weitärmeliges Kleid, dessen Schnitt an den von Popen getragenen Amtsrock erinnerte; Türken, die noch den nationalen Turban trugen; Hindus mit viereckiger Mütze, statt Gürtel eine blosse Schnur um den Leib tragend, von denen manche, bekannter unter dem Namen Shikarpuri, den ganzen Handel Zentralasiens in ihren Händen hatten; endlich Tataren, die mit buntfarbigen Schnüren besetzte Stiefel und die Brust mit gestickten Lätzen geschmückt trugen. All diese Handelsleute hatten ihr zahlreiches Gepäck im Schiffsraum und auf dem Verdeck verstauen müssen, dessen Beförderung ihnen schweres Geld kosten musste, denn sie hatten nach den Schiffsvorschriften bloss Anrecht auf ein Frachtgewicht von zehn Kilogramm für die Person. Im Vorderschiff des „Kaukasus“ waren die Fahrgäste in zahlreicherer Menge gruppiert, nicht bloss Fremde, sondern auch Russen, denen der Erlass nicht verbot, die Provinzstädte wieder aufzusuchen. Es waren Muschiks darunter, mit weichen sowohl als steifen Mützen, die unter ihrem weiten Pelzrock ein kleinkarriertes Hemd trugen, und Wolgabauern, deren blaue Hosen in hohen Stiefeln staken, die das rosa Kattunhemd mit einem Strick schnürten und eine flache steife Mütze oder eine weiche Filzmütze aufhatten, auch einige Frauen in Hemden aus geblümtem Kattun, die hellfarbige Schürzen und um den Kopf ein rotgemustertes Taschentuch trugen. Es waren vorwiegend Fahrgäste dritter Klasse, die zum grossen Glück nicht mit der Aussicht auf eine lange Rückreise zu rechnen hatten. Im grossen und ganzen war dieser Teil des Verdecks von Menschen stark überfüllt. Darum wagten sich die Hinterschiffsfahrgäste nicht so leicht unter diese stark gemischten Gruppen, denen ihr Platz auf dem Radkastenvordergehäuse vorgezeichnet war.

Mittlerweile fuhr der „Kaukasus“ mit aller Geschwindigkeit seiner Schaufeln zwischen den Wolgaufern hin, an zahlreichen Kähnen vorbei, die mit Schleppdampfern stromauf führen und allerhand Waren nach Nischni-Nowgorod schafften. Dann glitten zahlreiche Flösse vorüber von gewaltiger Länge, und dazwischen Frachtschiffe mit solcher Last, dass sie tief bis zum Dollbord im Wasser gingen — eine zur Zeit überflüssige Fahrt, da die Messe schon zu ihrem Beginn so jäh abgebrochen worden war. Die vom Kielwasser des Dampfschiffes bespritzten Wolgaufer waren von Entenschwärmen besetzt, die unter betäubendem Beschrei aufflogen. Ein kurzes Stück hinter ihnen, auf den dürren, mit Erlen, Weiden, Espen gesäumten Ebenen, weideten ein paar tiefrote Kühe, Hammelherden mit braunem Fell, zahlreiche Schweine- und Ferkelherden von bald weisser, bald schwarzer Färbung. Ein paar mager mit Buchweizen und Roggen bestandene Felder erstreckten sich bis zur Rückseite halb angebauter Hügel, die aber, alles in allem, keinerlei bemerkenswerten Blick eröffneten. In diesen eintönigen Landschaften hätte kein Zeichner, der auf der Suche nach malerischen Gegenden war, für seinen Zeichenstift ein schickliches Vorbild finden können.

Zwei Stunden nach Abfahrt des „Kaukasus“ richtete die junge Livländerin an Michael Strogoff das Wort. „Du fährst nach Irkutsk, Bruder?“

„Jawohl, Schwester,“ antwortete der junge Mann; „wir fahren beide die gleiche Strecke. Demnach wirst du überall hinkommen, wo ich hinkommen werde.“

„Morgen, Bruder, wirst du erfahren, warum ich die Ufer des Baltischen Meeres verlassen und mich über das Uralgebirge hinausbegeben habe.“

„Ich frage dich nichts, Schwester.“

„Du sollst alles wissen,“ erwiderte das junge Mädchen, auf dessen Lippen ein trauriges Lächeln spielte. „Eine Schwester soll ihrem Bruder nichts verborgen halten. Aber heute wäre ich nicht dazu imstande — die Anstrengung, die Verzweiflung haben mich schwer angegriffen.“

„Willst du in deiner Kabine ausruhen?“ fragte Michael Strogoff.

„Ja — ja — und morgen . . .“

„So komm . . .“ Er zögerte mit der Beendigung seines Satzes, als ob er ihn durch den Namen seiner Reisegefährtin hätte ergänzen wollen, den er noch nicht wusste.

„Nadia,“ sagte sie, ihm die Hand reichend.

„Komm, Nadia,“ antwortete Michael Strogoff, „und gebiete ohne Umstände über deinen Bruder Nikolaus Korpanoff.“ Mit diesen Worten führte er das junge Mädchen in die Kabine, die für sie beim Hinterdeckssaal belegt worden war.

Michael Strogoff kehrte auf das Verdeck zurück und mischte sich hier, begierig nach Neuigkeiten, die vielleicht seinen Reiseplan ändern konnten, unter die Gruppen der Fahrgäste, denen er zuhörte, ohne sich aber an den Gesprächen zu beteiligen. Sollte der Zufall es fügen, dass er gefragt würde, und ihn in die Notwendigkeit zu antworten setzen, so würde er sich zudem als den Handelsmann Nikolaus Korpanoff ausgeben, der mit dem „Kaukasus“ an die Grenze zurückführe, denn er wollte nicht den Argwohn aufkommen lassen, dass ihn ein besonderer Auftrag zur Reise nach Sibirien anwies.

Die Fremden, die das Dampfschiff beförderte, konnten wohl kaum über etwas anderes als über die Tagesvorkommnisse, über den Erlass uns über die von ihm gezeitigten Folgen sprechen. Diese armen Leute, die sich kaum von den Anstrengungen einer Reise quer durch Mittelasien erholt hatten, sahen sich zur Rückkehr gezwungen, und wenn sie ihrem Zorn und ihrer Verzweiflung nicht laut Ausdruck gaben, so war der Grund einzig und allein darin zu suchen, dass sie es sich nicht getrauten. Furcht, mit Respekt gemischt, hielt sie ab. Es war ja nicht ausgeschlossen, dass sich Polizeikommissare, mit dem Befehl, die Fahrgäste zu beobachten, insgeheim an Bord des „Kaukasus“ eingeschifft hatten, und besser war es deshalb den Mund zu halten, denn schliesslich war die Landesverweisung der Einsperrung in einer Festung noch immer vorzuziehen. Darum verhielt man sich unter diesen Gruppen entweder mucksstil oder tauschte, was man sich mitteilen wollte, mit solcher Vorsicht aus, dass es kaum möglich war, irgendwelchen nützlichen Fingerzeig, zu bekommen. Wenn aber Michael Strogoff von dieser Seite her keine Aussicht hatte, etwas in Erfahrung zu bringen, wenn sogar mehr denn einmal bei der geringsten Annäherung von ihm begreiflicherweise die Unterhaltung abgebrochen wurde — denn man kannte ihn ja gar nicht — so traf statt dessen seine Ohren bald der klang zweier Stimmen, die sich wenig darum zu kümmern schienen, ob sie gehört wurden oder nicht.

Der eine Mann, mit der heiteren Stimme, sprach russisch, aber mit fremdem Akzent, und der andere, mit dem er sich unterhielt, der aber zurückhaltender war, antwortete ihm in gleicher Sprache, die ihm aber auch nicht angeboren war.

„Wie kommen denn Sie hierher“, sagte der erstere, „auf dieses Schiff, lieber Kollege? Ich habe Sie doch auf dem kaiserlichen Fest zu Moskau und jüngst wieder in Nischni-Nowgorod gesehen.“

„In eigenster Person,“ antwortete der andere in ziemlich trockenem Ton.

„Nun, offen gesagt, dass Sie mir unmittelbar, gewissermassen stehenden Fusses folgen würden, dessen habe ich mich nicht versehen.“

„Ich folge Ihnen doch gar nicht, mein Herr, sondern eile Ihnen voraus!“

„Eilen mir voraus — mir voraus? Sagen wir, wir marschieren in gleicher Front, im gleichen Tempo, wie zwei Soldaten der Parade. Einigen wir uns also dahin, dass wenigstens vorläufig, wenn Sie wollen, keiner den anderen überholen soll.“

„Im Gegenteil! Ich will Sie überholen — und werde Sie überholen!“

„Das werden wir ja sehen, wenn wir auf dem Kriegsschauplatz sein werden. Aber bis dahin — Teufel auch — lassen Sie uns Reisegefährten sein. Später werden wir Zeit genug finden, einander als Nebenbuhler gegenüberzutreten.“

„Als Nebenbuhler? Als — Feinde!“

„Meinetwegen als Feinde. Sie lieben in Ihrer Rede eine Schärfe, teurer Kollege, die mir äusserst angenehm ist. Bei Ihnen weiss man wenigstens, woran man sich zu halten hat.“

„Wem schadet’s?“

„Niemand, meines Ermessens. Deshalb möchte ich eigentlich um Erlaubnis bitten, unsere beiderseitige Lage klarzustellen.“

„Tun Sie’s!“

„Sie reisen, wie ich, nach — Perm?“

„Wie Sie, nach — Perm.“

„Und werden sich wahrscheinlich von Perm nach Jekaterinburg begeben, da dies die beste und sicherste Strecke ist, durch das Uralgebirge zu kommen?“

„Wahrscheinlich.“

„Haben wir die Grenze hinter uns, werden wir uns in Sibirien, nämlich mitten im Aufruhr befinden.“

„Allerdings.“

„Nun, dann — aber auch erst dann — wird der Augenblick gekommen sein zu der Phrase: Jeder für sich und Gott für —“

„Mich!“

„Gott für Sie, für Sie allein? Sehr gut! Aber da wir acht neutrale Tage vor uns haben, und da es doch ganz gewiss nicht Neuigkeiten regnen wird, so lassen Sie uns Freunde sein bis zu dem Augenblick, da wir wieder Nebenbuhler werden.“

„Nebenbuhler? Feinde!“

„Jawohl, ganz richtig, Feinde. Aber bis dahin wollen wir einmütig handeln und einander nicht auffressen. Ich verspreche Ihnen übrigens, alles für mich zu behalten, was sich meinen Blicken zeigen sollte . . .“

„Ich alles, was sich meinen Ohren bieten sollte . . .“

„Abgemacht?“

„Abgemacht!“

„Ihre Hand darauf?“

„Meine Hand darauf!“

Die Hand des ersten, der die drei Worte sprach, nämlich fünf weitgespreizte Finger, schüttelte kräftig die beiden Finger, die der andere, der die drei Worte bestätigte, ihm phlegmatisch reichte.

„Apropos,“ sprach der erste wieder, „heute morgen habe ich meiner Cousine den genauen Text des Erlasses von 10 Uhr 17 Minuten ab drahten können.“

„Und ich habe ihn dem Daily-Telegraph ab 10 Uhr 13 Minuten gedrahtet.“

„Bravo, Herr Blount!“

„Zu gütig, Monsieur Jolivet!“

„Revanche vorbehalten!“

„Wird Ihnen nicht leicht fallen.“

„Soll aber versucht werden!“

Mit diesen Worten grüsste der französische Berichterstatter den englischen verbindlichst, der sich verneigte und ihm mit echt britischer Steifheit den Gruss erwiderte. Diese beiden „Nachrichtenjäger“ wurden durch den Erlass des Gouverneurs nicht betroffen, da sie weder Russen noch Ausländer asiatischer Herkunst waren, sie waren deshalb weitergereist, und wenn sie Nischni-Nowgorod zusammen verlassen hatten, so war der Grund hierfür in dem nämlichen Instinkt zu suchen, der sie vorwärtstrieb. Demnach war es natürlich, dass sie das nämliche Beförderungsmittel gewählt hatten und die nämliche Strasse bis zu den sibirischen Steppen verfolgten. Als Reisegefährten hatten sie, „bevor die Jagd eröffnet wurde“, acht volle Tage vor sich. Gleichgültig war hierbei, ob sie als Reisegefährten einander freund oder feind Waren. Waren die acht Tage herum, dann hiess es: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Alcide Jolivet hatte das erste Entgegenkommen bewiesen und so fühl es auch war, so hatte es Harry Blount doch eben angenommen. Kurz und gut, als es an diesem Tage zum Essen ging, sassen der Franzose, nach wie vor offen, ja sogar ein wenig schwatzhaft, und der Engländer, nach wie vor zugeknöpft, nach wie vor steif, an der gleichen Tafel, einen „echten“ Cliquot vor sich, zu sechs Rubel die Flasche, der freilich nur aus den frischen Saft der nachbarlichen Birken gewonnen war.

Michael Strogoff hatte, als er aus Alcide Jovilets und Harry Blounts Munde dieses Zwiegespräch vernahm, bei sich gesagt: „Sieh da! Ein paar neugierige und zugleich indiskrete Herren, die ich wahrscheinlich auf meiner Reise öfter treffen werde. Sie sich vom Leibe zu halten, scheint mir ein Gebot der Klugheit zu sein.“

Die junge Livländerin kam nicht zum Essen. Sie ruhte noch in ihrer Kabine, und Michael Strogoff mochte sie nicht wecken. Es wurde also Abend, ehe sie sich auf dem Verdeck des „Kaukasus“ wieder hatte sehen lassen.

Die lange Dämmerzeit führte nur der Atmosphäre eine Frische zu, die die Fahrgäste nach der erdrückenden Tageshitze gierig einsogen. Sogar bei vorgerückter Nachtstunde dachten die meisten noch gar nicht daran, die Säle oder die Kabinen wieder aufzusuchen. Auf die Bänke ausgestreckt, schluckten sie mit Behagen die Brise ein, die durch die Geschwindigkeit des Dampfers entwickelt wurde. Um diese Jahreszeit herum und unter dieser Breite stand eine erhebliche Verfinsterung des Himmels zwischen Abend und Morgen kaum zu erwarten, und dem Steuermann machte es dieser Umstand sehr leicht, sich mitten durch die zahlreichen Fahrzeuge, die die Wolga stromauf und stromab fuhren, hindurch zu bugsieren. Zwischen elf und 12 Uhr nachts trat aber Neumond ein, und nun wurde es doch fast Nacht. Fast alle Deckfahrgäste schliefen nun, und die Stille wurde nur noch durch das Geräusch, das die Schaufeln mit ihrem regelmässigen Schlagen des Wassers verursachten, gestört.

Etwas wie Unruhe hielt Michael Strogoff munter. Er ging noch immer auf und ab, aber nach wie vor auf dem Hinterdeck des Dampfers. Einmal indessen geschah es ihm, dass er über das Maschinenhaus hinaustrat und sich unvermuteterweise auf dem Deckteil befand, der für die Fahrgäste zweiter und dritter Klasse vorbehalten war. Dort wurde nicht bloss auf Bänken geschlafen, sondern auch auf den Ballen und Kollis, ja sogar auf den Deckplanken. Bloss die Matrosen, die die Wache hatten, standen auf dem Vorderkastell. Zwei Lichter, ein grünes und ein rotes, die von der Steuer- und Backborbseite ausgingen, warfen einige schräge Strahlen auf die Seitenwände des Dampfers. Es gehörte eine gewisse Aufmerksamkeit dazu, um die hier und dort, wie es ihnen gerade einfiel, auf dem Boden ausgestreckt liegenden Schläfer nicht mit dem Fuss zu stossen. Zumeist waren es Muschiks, die daran gewöhnt sind, auf hartem Lager zu schlafen, und denen die Planken eines Schiffsdecks gut genug zu solchem Zweck vorkommen mochten. Nichtsdestoweniger würden sie es höchstwahrscheinlich dem Tölpel, der sie mit Stiefeltritten hätte wecken wollen, böse heimgezahlt haben. Michael Strogoff gab also Obacht, dass er niemand stiess. Ans Schiffsende durch diesen Spaziergang gelangt, wusste er, da ihn nicht nach Schlaf verlangte, nichts Besseres zu tun, als seinen Rundgang noch weiter auszudenen. Da er sich nun gerade auf dem vorderen Verdeckteil befand, war er schon mit dem Fuss auf die Vorderkastelltreppe getreten, als er dicht neben sich sprechen hörte. Er blieb stehen. Die Stimmen schienen ihm aus einer Gruppe Fahrgäste zu dringen, die in Schals und Decken gehült lagen und die sich im Schatten unmöglich erkennen liessen. Aber zuweilen, wenn der Schornstein des Dampfers sich inmitten von Rauchschlangen mit rötlichen Flammen umhüllte, schien es doch, als drängten Funken durch die Gruppe hin, ganz als ob plötzlich Tausende von Blättchen oder Flittern unter einem leuchtenden Strahl in Brand gerieten.

Michael Strogoff wollte eben den Fuss auf die nächste Treppenstufe setzen, als er gewisse Worte deutlicher hörte, und zwar in jener wunderlichen Sprache, die schon während der Nacht auf dem Messeplatz an sein Ohr gedrungen war. Unwillkürlich kam ihm der Gedanke, zu horchen. Durch den Schatten des Vorderkastells geschützt, konnte er nicht gesehen werden. Die in Unterhaltung begriffenen Fahrgäste zu sehen, war aber auch ihm unmöglich; er musste sich also darauf beschränken, dem Gespräch zu lauschen, das hier geführt wurde. Die ersten Worte, die gewechselt wurden, waren von keinerlei Bedeutung — wenigstens nicht für ihn — aber sie liessen ihn genau erkennen, dass es die beiden Stimmen, eine Frauen- und eine Männerstimme, waren, die er in Nischni-Nowgorod gehört hatte. Infolgedesser verdoppelte Michael Strogoff seine Aufmerksamkeit. Es war ja wirklich nicht unmöglich, dass diese Tsiganen, von deren Gespräch er ein Stück erlauscht hatte, und die jetzt mit ihren. Gefährten aus Nischni-Nowgorod ausgewiesen worden waren, sich an Bord des „Kaukasus“ befanden — und gut für ihn war es, dass er lauschte, denn was er ziemlich deutlich in tatarischer Mundart hörte, das waren die beiden Sätze:

„Es heisst, ein Kurier sei von Moskau unterwegs nach Irkutsk.“

„So heisst es, Sangarre. Aber entweder wird er zu spät antikommen, dieser Kurier, oder gar nicht ankommen!“

Michael Strogoff zitterte unwillkürlich, als diese ihn so unmittelbar berührende Erwiderung an sein Ohr schlug. Er versuchte zu erkennen, ob der Mann und das Weib auch wirklich diejenigen seien, auf die er Verdacht hatte, aber der Schatten, der sie deckte, war gerade zu dicht, und es war ihm nicht möglich.

Ein paar Augenblicke später hatte Michael Strogoff, ohne dass er bemerkt worden war, wieder das Hinterdeck des Dampfers gewonnen, und den Kopf in die Hände stützend, setzte er sich abseits — man hätte meinen können, er schliefe. Er schlief nicht und dachte nicht an Schlaf. Worüber er sann, und zwar nicht ohne ziemlich lebhafte Befürchtung, war folgendes: „Wer weiss etwas von meiner Abreise? Und wem bloss ist daran gelegen, darüber etwas zu wissen?“

8. Die Kama stromauf

Am anderen Tage, dem 18. Juli, um 6 Uhr 40 Minuten früh, legte der „Kaukasus“ an der Kasaner Landestelle an, die von der Stadt 7 Werst (7,5 Kilometer) entfernt war. Kasan liegt am Zusammenfluss der Wolga und der Kasanka. Es war eine wichtige Gouvernementshauptstadt, zugleich Sitz des griechischorthodoxen Fürsterzbischofs und Universitätsstadt.

Trotz der beträchtlichen Entfernung der Stadt von der Anlegestelle drängte sich doch eine zahlreiche Menschenmenge auf dem Kai. Man wollte hören, was es Neues gebe. Der Gouverneur hatte einen gleichen Erlass herausgegeben wie sein Kollege in Nischni-Nowgorod. Da sah man Tataren im kurzärmeligen Kaftan und mit spitzen Mützen, deren breite Ränder an die Kappe des traditionellen Hanswursts erinnern. Andere, in einen langen, wattierten Oberrock gehüllt, den Kopf mit einem kleinen Mützchen oder eher Käppchen bedeckt, sahen ganz polnischen Juden ähnlich. Frauen, die Brust mit Flittergold behängt, den Kopf mit einem in Halbmondform aufgekippten Diadem geschmückt, bildeten verschiedene Gruppen, in denen lebhaft diskutiert wurde. Polizeioffiziere, unter die Volksmenge verteilt, und ein paar Kosaken mit der Lanze in der Faust hielten die Ordnung aufrecht; sie machten sowohl den Fahrgästen, die den „Kaukasus“ verliessen, wie denen, die ihn betraten, willig Platz, jedoch erst, nachdem sie die Reisenden einer peinlichen Musterung unterzogen hatten. Einesteils waren es Asiaten, die von dem Ausweisungsbefehl betroffen waren, andernteils ein paar Muschikfamilien, die in Kasan ausstiegen, um dort zu bleiben.

Michael Strogoff betrachtete mit ziemlich gleichgültigem Blick dieses einer jeden Schiffsankunft eigentümliche Ab- und Zuströmen von Menschen. Der „Kaukasus“ sollte in Kasan eine Stunde Aufenthalt haben, die Zeit, die er zur Erneuerung seines Kohlenvorrats gebrauchte. Ans Land zu gehen, kam Michael Strogoff nicht einmal in den Sinn. Die junge Livländerin, die sich noch immer nicht auf Deck hatte sehen lassen, mochte er nicht gern an Bord allein lassen.

Die beiden Journalisten waren, wie es sich für jeden fleissigen Jäger geziemt, mit dem Hahnenschrei aufgestanden. Sie begaben sich an das Flussufer hinunter und mischten sich unter die Volksmenge, aber jeder ging seines Weges allein. Michael Strogoff bemerkte einerseits Harry Blount, mit dem Notizbuch in der Hand, in das er ein paar Typen mit Blei skizzierte oder einige Beobachtungen notierte, anderseits Alcide Jolivet, der sich am Schwaben genügen liess, seines Gedächtnisses unbedingt sicher, das ihn nie im Stich liess. An der ganzen Ostgrenze Russlands lief das Gerücht um, dass Aufstand und Einfall zu beträchtlichen Umfängen anwüchsen. Die Verbindungen zwischen Sibirien und dem Kaiserreich wurden bereits äusserst schwierig. Das war die Neuigkeit, die Michael Strogoff, ohne den Fuss von dem Verdeck des „Kaukasus“ gesetzt zu haben, aus dem Munde der neu herzugestiegenen Fahrgäste hörte. Dieses Gerede ermangelte nun aber nicht, ihn in ernste Unruhe zu setzen; es weckte den gebieterischen Drang in ihm, über das Uralgebirge so schleunigst wie möglich zu gelangen, um sich dort selbst ein Bild von dem Ernst der Ereignisse zu machen und sich in die Lage zu setzen, jeglicher Möglichkeit die Spitze zu bieten. Vielleicht dachte er sogar daran, den ersten besten Kasaner um genauere Einzelheiten zu ersuchen, als seine Aufmerksamkeit plötzlich abgelenkt wurde.

Unter den Reisenden, die den „Kaukasus“ verliessen, erkannte Michael Strogoff nämlich den Tsiganentrupp, der noch gestern auf dem Nischni-Nowgoroder Messeplatz Vorstellungen gegeben hatte. Dort auf dem Schiffsdeck stand der alte Zigeuner mit dem Weib, das ihn als Spion bezeichnet hatte. In ihrer Gesellschaft und zweifellos unter ihrer Führung stiegen an 20 Tanzmädchen und Harfenistinnen im Alter zwischen 15 und 20 Jahren aus, in schlechte Decken eingehüllt, die ihre Flitterröckchen notdürftig verdeckten. Diese gerade von den ersten Sonnenstrahlen beschienenen Stoffe riefen Michael Strogoff jenen seltsamen Eindruck ins Gedächtnis zurück, den er während der Nacht gehabt hatte: es war nämlich ganz derselbe Zigeunerflitter, der im Schatten geglitzert hatte, als der Schornstein des Dampfers seine Flammen spie. „Augenscheinlich“, sprach er bei sich, „hatte sich diese Tsiganenbande, nachdem sie tagsüber auf dem Verdeck gelegen, zur Nacht unter das Vorderkastell gekauert. Lag ihnen etwa daran, sich möglichst wenig zu zeigen? Sonst ist das doch nicht gerade Gewohnheit bei diesem Wandervolk.“

Michael Strogoff zweifelte nun nicht länger, dass die ihn persönlich angehenden Worte von dieser schwarzen, durch die Bordlichter grell beschienenen Bande ausgegangen und zwischen dem alten Tsiganen und dem Weibe, das er mit dem mongolischen Namen Sangarre gerufen hatte, gewechselt worden seien. Eine unwillkürliche Regung trieb Michael Strogoff zur Bordöffnung über dem ersten Deck hin, wohin er gerade in dem Augenblick trat, als der Zigeunertrupp dort hindurch verschwand auf Nimmerwiederkehr. In einer demütigen, mit der jenem Gelichter angeborenen Frechheit wenig verträglichen Haltung stand der alte Zigeuner da. Es sah wohl aus, als suche er eher den Blicken auszuweichen als sie auf sich zu lenken. Sein jämmerlicher, in allen Farben spielender Hut sass ihm tief über dem faltigen Gesicht. Sein krummer Buckel wölbte sich unter einem alten Stallkittel, den er eng um sich zog, aller Wärme ungeachtet. Unter diesem kläglichen Aufputz ein Urteil über seine Figut und sein Gesicht zu fassen, wäre ein schwieriges Beginnen gewesen. Neben ihm hielt sich in prächtiger Haltung die Tsiganin Sangarre, eine Frau von 30 Jahren, brünett, gross, wohlgebaut, mit prächtigen Augen und goldigem Haar. Von den Tanzmädchen waren mehrere von auffallender Schönheit, wiewohl sie durchweg den underkennbaren Typus ihrer Rasse aufwiesen. Die Tsiganinnen sind im allgemeinen hübsch, und mehr denn einer jener russischen Grossherren, die einen Sport darin erblicken, den Engländer an Überspanntheit zu übertreffen, hat sich nicht besonnen, sich unter diesen Zigeunerinnen seine Ehefrau auszusuchen. Eine von ihnen trällerte mit fremdartigem Rhythmus ein Lied, dessen erste Verse sich wie folgt verdolmetschen lassen:

Am braunen Hals die Koralle blitzt,

im Kopfhaar die goldene Nadel sitzt!

ich suche, suche Glück

im Land der . . .

Die lustige Dirne trällerte jedenfalls ihr Lied weiter, aber Michael Strogoff hörte es nicht länger. Es kam ihm nämlich so vor, als ob die Tsiganin Sangarre ihn mit seltsamer Beharrlichkeit ins Auge fasste. Fast sah es aus, als wollte dieses Zigeunerweib sich seine Züge in ihr Gedächtnis: unauslöschlich einprägen. Nach wenigen Augenblicken stieg dann Sangarre zuletzt ans Land, als der Zigeunergreis mit seinem Trupp den „Kaukasus“ bereits verlassen hatte. „Ein freches Weib,“ sprach Michael Strogoff bei sich. „Sollte sie mich etwa als den wiedererkannt haben, den sie in Nischni-Nowgorod als Spion bezeichnet hat? Diese vermaledeiten Tsiganinnen haben Katzenaugen — sie sehen bei Nacht besser als bei Tage, und die dort könnte schliesslich gar gemerkt haben . . .“

Michael Strogoff stand schon im Begriff, Sangarre und ihrem Trupp zu folgen, aber er tat sich Zwang an und blieb. „Nein,“ sagte er bei sich, „kein unüberlegtes Vorgehen. Wenn ich diesen alten Wahrsager mit seiner Bande festnehmen lasse, läuft mein Inkognito Gefahr, aufgedeckt zu werden. Zudem sind sie ja bereits auf dem Lande, und ehe sie über die Grenze sind, werde ich schon weit vom Ural weg sein. Ich weiss wohl, dass sie den Weg von Kasan nach Ischim einschlagen können, aber er bietet keinerlei Förderung, keinerlei Hilfsquellen, und ein mit guten sibirischen Pferden bespannter Tarantass wird einem Zigeunerkarren immer zuvorkommen. Also, Freund Korpanoff, hübsch ruhig geblieben!“ Zudem waren der alte Tsigane und Sangarre bereits in der Menge verschwunden.

Wenn Kasan mit Recht „die Pforte Asiens“ genannt wird, wenn diese Stadt als der Mittelpunkt des gesamten sibirischen und bocharischen Durchganghandels angesehen wird, so folgt dies daraus, dass sich zwei Strassen hier begegnen, die durch das Uralgebirge führen. Aber Michael Strogoff hatte mit scharfem Verständnis das Richtige gewählt, als er die Strasse über Perm, Jekaterinburg und Tjumen wählte — nämlich die grosse Poststrasse, die reich mit Ersatzstationen ausgestattet ist, auf Staatskosten unterhalten wird und sich von Ischim bis Irkutsk zieht. Allerdings vermeidet eine zweite Strasse — diejenige, deren Michael Strogoff soeben Erwähnung getan — den schwachen Umweg über Perm, verbindet Kasan mit Ischim, indem sie über Jelabuga, Menselinsk, Birsk, Slatowsk, wo sie Europa verlässt, Tschelabinsk, Schadrinsk und Kurganne führt. Vielleicht ist sie sogar um einiges kürzer als die andere Strasse; aber dieser Vorteil wird erheblich vermindert durch das Fehlen von Poststationen, durch den schlechten Zustand des Bodens und durch die Spärlichkeit der Ortschaften. Man konnte Michael Strogoff nur recht betreffs der Wahl geben, die er getroffen hatte; und wenn, wie es wahrscheinlich sein mochte, diese Zigeuner diese zweite Strasse von Kasan nach Ischim zogen, so sprachen alle Aussichten, früher dorthin zu gelangen, zu seinen Gunsten.

Eine Stunde später läutete die Glocke auf dem Vorderdeck des „Kaukasus“, die alten Fahrgäste zurück-, die neuen herbeirufend. Es war sieben Uhr morgens. Das Schiff hatte sich eben mit frischer Ladung von Brennmaterial versorgt. Die Kesselwände erzitterten unter dem Druck des Dampfes. Das Schiff war zur Abfahrt bereit. Die von Kasan nach Perm reisenden Fahrgäste hatten bereits ihre Plätze an Bord inne. Da machte Michael Strogoff die Wahrnehmung, dass von den beiden Journalisten bloss Harry Blount wieder an Bord zurückgekommen war. Sollte etwa Alcide Jolivet die Abfahrt verpassen? Aber gerade als die Taue gelöst wurden, kam Alcide Jolivet im Laufschritt herbeigestürzt. Schon hatte der Dampfer abgestossen, der Übergangssteg war sogar schon auf den Kai zurückgezogen — aber Alcide Jolivet liess sich durch solch ein bisschen Hemmnis“ nicht in Verlegenheit bringen, sondern mit der Behendigkeit eines Clowns plumpste er auf das Deck des „Kaukasus“ hin, fast seinem „teuren Kollegen“ in den Schoss.

„Ich dachte schon, der ,Kaukasus‘ würde ohne Sie abfahren,“ sprach dieser mit einer halb ernsten, halb scherzhaften Miene.

„Pah!“ versetzte Alcide Jolivet. „Ich hätte Sie schon einzuholen gewusst, und wenn ich auf Kosten meiner Cousine ein Extraschiff hätte mieten oder einen Postwagen zu 20 Kopeken pro Werst und Pferd hätte nehmen sollen. Sie haben gut reden! Von der Anlegestelle zum Telegraphenamt ist es ein ganz verwünschtes Ende.“

„Sie sind ins Telegraphenamt gelaufen?“ fragte Harry Blount, dessen Lippen sich lebhaft kräuselten.

„Na freilich,“ versetzte Alcide Jolivet mit seinem liebenswürdigsten Lächeln.

„Und bis Kolywan funktioniert der Draht noch immer?“

„Ja, Verehrtester, das weiss ich nicht; aber die Versicherung kann ich Ihnen geben, dass er von Kasan nach Paris sehr gut funktioniert.“

„Sie haben gedrahtet — an Ihre Cousine gedrahtet?“

„Mit Feuer!“

„Sie haben also in Erfahrung gebracht —?“

„Halt, mein kleines Väterchen, um gleich den Kussen zu sprechen,“ erwiderte Alcide Jolivet. „Ich bin ein guter Kerl und will vor Ihnen nichts geheimhalten. Die Tataren, mit Feofar-Khan an der Spitze, haben Semipalatinsk besetzt und kommen den Irtysch heruntergezogen. Machen Sie hiervon Gebrauch ganz nach Nutzen und Belieben!“

Wie? Eine so ernste Nachricht, und Harry Blount wusste nichts davon — sein Nebenbuhler dagegen, der sie wahrscheinlich von irgendeinem Kasaner aufgeschnappt, hatte sie ohne Säumen nach Paris gedrahtet? Die englische Tageszeitung war geschlagen! Harry Blount, kreuzte die Hände auf seinem Rücken, setzte sich auf das Hinterdeck des Dampfers und sprach kein Wort mehr.

Gegen zehn Uhr morgens trat die junge Livländerin aus ihrer Kabine und herauf auf Deck. Michael Strogoff ging ihr entgegen und reichte ihr die Hand. „Da sieh, Schwester!“ sprach er zu ihr, als er sie bis auf das Vorderdeck des „Kaukasus“ geleitet hatte.

Und fürwahr, die Gegend lohnte, dass man sie mit Aufmerksamkeit musterte. Der „Kaukasus“ kam in diesem Augenblick an den Zusammenfluss der Wolga mit der Kama. Dort sollte er das Bett des grossen Stromes verlassen, den er nun über 400 Werst befahren hatte, um auf eine Strecke von 460 Werst den bedeutenden Fluss hinaufzufahren, der den Namen Kama führt. An dieser Stelle mischten die Fluten der beiden Ströme ihre leicht verschiedenen Farben, und die Kama, die hier dem linken Ufer den nämlichen Dienst tat, wie ihn die durch Nischni-Nowgorod fliessende Oka dem rechten Ufer erwiesen hatte, reinigte und verbesserte Boden und Wasser. Die Kama bildete hier ein weites Bett, und ihre bewaldeten Ufer boten einen reizenden Anblick. Einige weisse Segel belebten ihre schönen Fluten, die von Sonnenstrahlen förmlich durchtränkt waren. Die mit Espen, Ulmen, hier und da auch mit Eichen bepflanzten Hänge schlossen den Horizont durch eine harmonische Linie ab, die das blendende Mittagslicht an gewissen Stellen mit dem tiefen Himmelsgrund verschmolz.

Aber diese Naturschönheiten schienen die Gedanken der jungen Livländerin auf keine andere Bahn lenken zu können, nicht einmal auf Augenblicke. Sie sah nur eins vor Augen, das vorgesteckte Ziel, und die Kama war für sie lediglich ein leichterer Weg, zu ihm hinzugelangen. Ihre Augen leuchteten seltsam, wenn ihr Blick sich gen Osten richtete — ganz so, als wenn sie diesen undurchdringlichen Horizont mit ihrem Blick hätte durchbohren mögen. Nadia hatte ihre Hand in der Hand ihres Reisegefährten gelassen; bald drehte sie sich zu ihm und sagte: „Wie weit von Moskau sind wir jetzt?“

„900 Werst,“ versetzte Michael Strogoff.

„900 von 7000,“ murmelte das junge Mädchen.

Die Frühstücksstunde wurde durch einige Glockenschläge gemeldet. Nadia folgte Michael Strogoff in den Speisesaal des Dampfschiffes. Sie lehnte es ab, etwas von jenen Dingen zu nehmen, die abseits aufgetragen waren, wie zum Beispiel Kaviar, Hering, in kleine Scheibchen geschnitten, Roggenschnaps, über Anis abgezogen, die den Appetit reizen sollen, gemäss einem in allen nordischen Ländern, in Russland wie in Schweden oder in Norwegen, geltenden Brauch. Nadia ass wenig, vielleicht auch wie ein armes Mädchne, das über sehr beschränkte Geldmittel verfügt.

Michael Strogoff meinte deshalb, sich auch mit der Mahlzeit begnügen zu müssen, die seiner Reisegefährtin genügen sollte, nämlich mit einer kleinen Portion „Kulbat“, einem aus Eigelb, Reis und Fleisch bereiteten Backwerk, dazu Rotkohl mit Kaviarfüllsel und ein Glas Tee statt jeden anderen Getränks.

Diese Mahlzeit dauerte weder lange, noch war sie kostspielig, und knapp 20 Minuten später, als sie sich zusammen zu Tisch gelebt hatten, stiegen Michael Strogoff und Nadia zusammen wieder auf das Deck hinauf. Nun setzten sie sich am Hinterdeck auf eine Bank, und hier hub Nadia an, mit gesenkter Stimme, so dass sie nur von ihm allein verstanden werden konnte, zu sprechen: „Bruder, ich bin die Tochter eines Verbannten. Mein Name ist Nadia Fedor. Meine Mutter ist in Riga vor knapp einem Monat gestorben, und ich reise nach Irkutsk, wo ich meinen Vater zu finden hoffe, um mit ihm in der Verbannung zu leben.“

„Ich reise auch nach Irkutsk,“ erwiderte Michael Strogoff, „und ich werde es als eine Gunst des Himmels ansehen, Nadia Fedor heil und gesund ihrem Vater in die Arme zu führen.“

„Danke, Bruder,“ antwortete Nadia.

Michael Strogoff fügte noch hinzu, er habe einen Sonderausweis für Sibirien erhalten, und seiner Reise könne von seiten keiner russischen Behörde auch nur das geringste in den Weg gelegt werden. Mehr fragte, mehr verlangte Nadia nicht. Sie erblickte in dem von der Vorsehung gefügten Zusammentreffen mit diesem schlichten, braven jungen Mann bloss eins: das Mittel, zu ihrem Vater zu gelangen.

„Ich hatte“, sprach sie „einen Erlaubnisschein, auf grund dessen ich mich nach Irkutsk begeben durfte; aber der Erlass des Gouverneurs von Nischni-Nowgorod hat ihn zunichte gemacht, und ohne dich, Bruder, hätte ich die Stadt, in der du mich fandest, nicht verlassen dürfen — ich würde dort ganz sicher gestorben sein.“

„Und allein, Nadia,“ versetzte Michael Strogoff, „allein wagtest du es, durch die Steppen Sibiriens zu irren?“

„Es war meine Pflicht, Bruder!“

„Aber du wusstet nicht, dass das Land im Aufruhr und von wilden Horden überschwemmt ist — dass es fast unpassierbar geworden ist?“

„Von dem Einfall der Tataren war nichts bekannt, als ich Riga verliess,“ erwiderte die junge Livländerin. „Erst in Moskau vernahm ich diese Kunde.“

„Und trotzdem setztest du deine Reise fort?“

„Es war meine Pflicht!“

Dieses Wort erschöpfte den ganzen Charakter dieses jungen Mädchens. Was ihre Pflicht war, das zu vollbringen zauderte Nadia niemals. Sie sprach nun von ihrem Vater, Wassili Fedor, der in Riga ein geschätzter Arzt gewesen war. Er hatte seinen Beruf mit schönem Erfolg geübt und glücklich im Kreise seiner Familie gelebt. Aber seine Beziehungen zu einer geheimen Gesellschaft waren an den Tag gekommen; er hatte Befehl erhalten, sich nach Irkutsk zu begeben, und die Gendarmen, die ihm diesen Befehl überbrachten, hatten ihn ohne Aufschub über die Grenze geschafft. Wassili Fedor blieb nur noch so viel Zeit, seine Frau, die schon leidend war, und seine Tochter, die vielleicht bald ohne Stütze in der Welt dastehen würde, zu umarmen, und weinend über das Schicksal der beiden Wesen, die er liebte, hatte er den Fuss unter Bewachung der Gendarmen aus dem Hause gesetzt. Zwei Jahre lang wohnte er nun in der Hauptstadt von Ostsibirien, wo er, aber fast ohne Gewinn, seinen Beruf als Arzt hatte weiterführen dürfen. Nichtsdestoweniger würde er sich vielleicht glücklich gefühlt haben, soweit solches bei einem Verbannten überhaupt der Fall sein kann, wenn sich seine Frau und seine Tochter bei ihm befunden hätten. Aber seine schon sehr angegriffene Frau hätte Riga nicht verlassen können. Im zwanzigsten Monat nach ihres Mannes Verbannung war sie in den Armen ihrer Tochter verstorben, die sie mutterseelenallein und so gut wie ohne allen Lebensunterhalt zurückliess. Nadia Fedor suchte nun um die Erlaubnis bei dem russischen Gouvernement nach, sich zu ihrem Vater nach Irkutsk zu begeben, und erhielt diese Erlaubnis leicht. Sie schrieb ihm, dass sie käme. Kaum hatte sie aber die Mittel, die sie zu solch langer Reise brauchte. Und doch zögerte sie nicht, sie zu unternehmen. Sie tat, was sie vermochte — zu dem anderen würde. Gott verhelfen.

Mittlerweile war der „Kaukasus“ in den Fluss hinaufgefahren. Die Nacht war hereingebrochen, und die Luft füllte sich mit köstlicher Frische. Funken stiegen aus dem Schornstein des Dampfers auf, der mit Tannenholz geheizt wurde, und in das Murmeln der von den Schaufeln getroffenen Fluten unter seinem Vordersteven mischte sich das Geheul der Wölfe, die im Schatten das rechte Ufer der Kama heimsuchten.

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Hacim:
430 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788726642896
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