Kitabı oku: «Die Reise um die Erde in achtzig Tagen»
Jules Verne
Die Reise um die Erde in achtzig Tagen
Saga
Die Reise um die Erde in achtzig TagenOriginal Le tour du monde en quatre-vingts jours Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1873, 2020 Jules Verne und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726642872
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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Erstes Kapitel,
in welchem Phileas Fogg und Passepartout zueinander finden, der eine als Herr, der andere als Diener
Im Jahre 1872 wurde das Haus Nr. 7 in der Saville-Row in den Burlington-Gärten — in welchem im Jahre 1816 Sheridan starb — von Phileas Fogg Esquire bewohnt, einem der sonderbarsten und bekanntesten Mitglieder des Londoner Reform-Klubs, obgleich er es als seine besondere Aufgabe zu betrachten schien, nichts zu unternehmen, was die Aufmerksamkeit wachrufen könnte.
Auf einen der größten Redner, die England zum Ruhme gereichen, folgte mithin dieser Phileas Fogg, eine rätselhafte Persönlichkeit, von der niemand mehr wußte als höchstens, daß er ein sehr ritterlicher Mann sei und zu den schönsten Kavalieren der vornehmeren Gesellschaft von England gehöre.
Es hieß, er habe Ähnlichkeit mit Lord Byron, aber er war ein Byron mit Schnurr- und Backenbart, ein unwandelbarer Byron, der seine tausend Jahre hätte leben können, ohne zu altern.
Wenn Phileas Fogg Engländer war vom Scheitel bis zur Sohle, so war er doch vielleicht kein Londoner. Weder an der Börse, noch an der Bank, noch in einem der hauptstädtischen Kontore war er je gesehen worden. Weder die Londoner Häfen noch die Londoner Docks hatten je ein Schiff beherbergt, das von einem Reeder namens Phileas Fogg ausgerüstet worden war. In keinem Verwaltungsrate war dieser Kavalier vertreten. Sein Name war nie gehört worden in einem Rechtsanwalts-Kollegium, weder im Londoner Temple, noch in Lincolns Inn noch in Grays Inn. Niemals führte er einen Prozeß weder am höchsten Gerichtshof noch am Billigkeitsgerichtshof noch am Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten. Auch an der Königlichen Bank hatte er nie Geschäfte gehabt. Er war weder ein Industrieller, noch ein Geschäfts- oder Kaufmann, noch weniger Landwirt. Er gehörte weder dem Königlichen Institut von Großbritannien noch dem Institut von London, weder dem Künstlerverbande noch dem Russel-Verband, weder der Literarischen Vereinigung des Westens noch dem Juristischen Reichsverbande noch jener weitreichenden Körperschaft an, welche alle Künste und schönen Wissenschaften unter ihren Schutz genommen hat und sich des Patronats Ihrer huldreichen Majestät der Königin zu erfreuen hat. Er gehörte endlich keiner einzigen der zahllosen Gesellschaften an, von denen es in der Hauptstadt Englands wimmelt, von der Ärometrischen bis zur Zoologischen Gesellschaft hinunter, welch letztere bekanntlich die Entomologische einbegreift, deren Gründung hauptsächlich zu dem Zweck erfolgt ist, alle schädlichen Insekten in der Haupt- und Residenzstadt des großbritannischen Reiches zu vertilgen.
Phileas Fogg war Mitglied des Reform-Klubs, und damit genug für ihn sowohl wie für den Leser.
Sollte sich jemand darüber verwundern, daß eine so geheimnisvolle Persönlichkeit, wie Herr Phileas Fogg es war, als Mitglied in dieser ehrsamen Körperschaft Aufnahme gefunden habe, so ließe sich ohne weiteres die aufklärende Antwort geben, daß Herr Phileas Fogg eingeführt wurde durch die Herren Gebrüder Baring, bei denen er ein offenes Konto hatte. Denn ein Herr, für den bei Gebrüder Baring jeder Scheck nach Sicht gezahlt wurde, mußte wohl oder übel, „etwas wert sein“.
War Herr Phileas Fogg ein reicher Mann? Ganz unbestreitbar. Aber auf welche Weise er zu seinem Reichtum gelangt war, das zu sagen waren die bestunterrichteten Leute nicht imstande, und Herr Fogg war der letzte, dem es genehm gewesen wäre, darüber Auskunft zu geben. Soviel stand fest, daß er kein Verschwender, aber auch kein Geizhals war. Denn allemal, wenn es galt, eine edle, nützliche oder anständige Sache zu unterstützen, gehörte er zu denen, die sich nicht lange nötigen oder überhaupt nur suchen ließen, und trug stillschweigend oder sogar, ohne sich zu nennen, sein reichliches Scherflein bei.
Alles in allem genommen, ließ sich kaum ein zweiter Kavalier finden, der so wenig von sich reden machte und über sich redete wie Herr Phileas Fogg. Trotz alledem lag über seinem Tun keinerlei Schleier, sondern sein ganzes Tun und Lassen war so genau abgezirkelt und blieb sich von A bis Z so mathematisch gleich, daß die schlimmste Phantasie sich umsonst damit befaßte.
Hatte er Reisen gemacht? Höchst wahrscheinlich, denn niemand besaß eine bessere Kenntnis der Erdkarte als er. Es gab keinen noch so abgelegenen oder entfernten Winkel, von dem er nicht eine genaue Kenntnis zu besitzen schien. Hin und wieder, aber nur mit wenigen kurzen klaren Worten, stellte er die tausenderlei Meinungen fest, die im Klub über zu Grunde gegangene oder verirrte Reisende kreisten. Er sprach sich über die vorhandenen Wahrscheinlichkeiten aus, und seine Worte hatten sich häufig als Inspiration erwiesen, denn die folgenden Ereignisse hatten sie gerechtfertigt und bestätigt. Phileas Fogg war ein Mann, der die Welt bereist haben mußte — zum wenigsten doch im Geiste.
Was nichtsdestoweniger für gewiß gelten mußte, war die Tatsache, daß Phileas Fogg seit langen Jahren aus London keinen Fuß gesetzt hatte. Wer die Ehre hatte, ihn ein bißchen genauer zu kennen als die anderen, der konnte bezeugen, daß ihn niemand anderwärts gesehen haben konnte, ausgenommen auf jenem Wege, den er alle Tage ging, um sich von seiner Wohnung nach dem Klubhause zu begeben. Sein einziger Zeitvertreib war Zeitungslesen und eine Partie Whist. Bei diesem schweigsamen Spiele, das für seine Natur so vorzüglich paßte, gewann er häufig, aber was er gewann, das floß niemals in seine Tasche, sondern spielte in seinem Wohltätigkeits-Budget eine bedeutende Rolle, es war offenbar, daß Herr Fogg bloß spielte um zu spielen, und nicht des Gewinnes halber. Für ihn war das Spiel ein Kampf, ein Ringen gegen eine Schwierigkeit, aber ein Ringen ohne Bewegung, ohne Ortsveränderung, ohne Anstrengung, und das entsprach seinem Charakter.
Von einer Frau oder von Kindern wußte bei Phileas Fogg niemand etwas, aber auch von Verwandten oder Freunden wußte niemand etwas bei Phileas Fogg, und das sind Verhältnisse, die man seltener antrifft. Phileas Fogg lebte mutterseelenallein in seinem Hause in der Saville-Row — und niemand hatte dort Zutritt. Ein einziger Lakai reichte für den Dienst bei ihm aus. Im Klub nahm er sein Frühstück und sein Mittagessen ein zu Stunden, die nach der Uhr genau festgesetzt waren, immer im selben Saale und immer am selben Tische. Er belästigte keines der zahlreichen Mitglieder, lud keinen Fremden ein und verfügte sich Tag für Tag genau auf die Minute nach seiner Villa, ohne nur ein einziges Mal eins der mit allen Annehmlichkeiten ausgestatteten Zimmer für sich in Anspruch zu nehmen, die der Reform-Klub für seine Mitglieder zur Verfügung hält. Von den vierundzwanzig Tagesstunden brachte er zehn in seiner Wohnung zu, und zwar verschlief er sie zum Teil, zum Teil gingen sie mit den Verrichtungen drauf, die sein Anzug notwendig machte. Spazieren ging er in einem gleichmäßigen Tempo in dem parkettierten Entree oder auf der außen um das Haus herumführenden Galerie, über der sich ein von zwanzig ionischen Säulen aus rotem Porphyr getragener Kuppelbau mit blauen Rundbogenfenstern erhob.
Zu seinem Frühstück und Mittagessen versorgten die Küchen, der Gemüsegarten, der Fischbehälter, die Molkerei des Klubs seinen Tisch mit ihren trefflichen Vorräten. Zu seiner Bedienung standen die Lakaien des Klubs, ernste Figuren im schwarzen Frack, die in Tuchschuhen mit Filzsohlen lautlos über das Parkett glitten, zur Verfügung; in einem besonderen Geschirr aus feinstem Porzellan und auf wunderbarem Gedeck aus Herrnhutter Leinwand wurde ihm serviert; aus den hohlgeschliffenen Kristallgläsern des Klubs trank er seinen Sherry, Portwein oder Claret, mit Zimt und anderem Gewürz gemischt; Eis hielt alles, was er trank, in einem Zustand von genügender Frische.
Unter solchen Bedingungen sein Leben zu führen, macht zum exzentrischen Sonderling; man muß dabei aber gelten lassen, daß auch exzentrische Art ihr Gutes hat.
Das Haus in der Saville-Row zeichnete sich, ohne verschwenderisch ausgestattet zu sein, durch Komfort in vorteilhafter Weise aus. Durch den Umstand, daß sein Herr in seinen Lebensgewohnheiten nicht die geringste Änderung litt, vereinfachte sich das Dienstwesen mit der Zeit mehr und mehr. Phileas Fogg verlangte von seinem einzigen Lakai eine ganz außergewöhnliche Pünktlichkeit und Regelhaftigkeit. Gerade an dem Tage, an welchem unsere Erzählung einsetzt, am zweiten Oktober, hatte Phileas Fogg James Forster den Abschied gegeben, weil sich sein Lakai dieses Namens dadurch vergangen hatte, daß er das Rasierwasser für seinen Herrn statt auf sechsundachtzig Grad Fahrenheit nur auf vierundachtzig Grad Fahrenheit gewärmt hatte; und nun wartete Phileas Fogg auf James Forsters Nachfolger, der sich zwischen elf und halb zwölf vorstellen sollte.
Phileas Fogg saß steif in seinem Lehnstuhl; die Beine hielt er aneinander gezogen wie ein Soldat bei der Parade; die Hände ruhten auf den Knien; den Körper hielt er aufgerichtet, den Kopf steil in die Höhe; die Augen hingen an dem Zeiger der äußerst komplizierten Stehuhr, die die Stunden, die Minuten, die Sekunden, die Tage, die Vierteljahre und das Jahr anzeigte. Wenn es halb zwölf schlug, mußte Herr Fogg seiner täglichen Gewohnheit gemäß den Fuß aus dem Hause und sich selbst in Bewegung nach dem Reform-Klub setzen.
In diesem Augenblick wurde an die Tür des kleinen Salons geklopft, James Forster, der verabschiedete Lakai, zeigte sich auf der Schwelle. „Der neue Lakai“, sagte er.
Ein Mann in den Dreißigern wurde sichtbar und machte einen Bückling.
„Sie sind Franzose und heißen John?“ fragte ihn Phileas Fogg.
„Jean, wenn gnädiger Herr nichts dagegen haben“, antwortete der eben eingetretene, „Jean Passepartout — ein Name, der an mir hängen geblieben ist und den meine natürliche Befähigung, mich aus jeder Verlegenheit zu ziehen, gerechtfertigt haben mochte. Ich glaube, ein rechtschaffener Lakai zu sein, gnädiger Herr; ein mir inne wohnender Drang zur Freiheit und Selbständigkeit hat mich aber mancherlei Handwerk in die Arme getrieben. Ich bin fahrender Sänger gewesen, bin Stallknecht im Zirkus gewesen, habe Voltige geritten und auf dem Seil getanzt wie Blondin.
Dann bin ich, um meine Talente besser zu verwerten, Turnlehrer geworden und zu guterletzt Pariser Feuerwehrmann. In meinem Zeugnis stehen sogar sehr große Brände verzeichnet. Aber ich habe Frankreich seit fünf Jahren schon den Rücken gekehrt und da mich die Lust nach häuslichem, nach Familienleben ankam, bin ich in England Lakai geworden. Da ich nun ohne Stellung bin und in Erfahrung gebracht habe, daß Herr Phileas Fogg der pünktlichste, seßhafteste Mann der Vereinigten Königreiche sei, habe ich mir erlaubt, mich dem gnädigen Herrn vorzustellen, von der Hoffnung geleitet, ein Leben in Ruhe und Frieden hier führen und meine Vergangenheit vergessen zu können bis auf diesen Namen Passepartout . . .“
„Passepartout ist mir genehm“, erwiderte der Kavalier; „Sie sind mir empfohlen worden. Ich habe gute Auskunft über Sie bekommen. Sie kennnen die Bedingungen?“
„Jawohl, gnädiger Herr!“
„Gut. Welche Zeit haben wir jetzt?“
„Halb zwölf“, versetzte Passepartout, indem er aus den Tiefen seines Brustlatzes eine silberne Uhr von mächtigem Umfange heraufzog.
„Ihre Uhr geht nach“, sagte Herr Fogg.
„Gnädiger Herr wollen verzeihen, aber das ist ein Ding der Unmöglichkeit!“
„Ihre Uhr geht um vier Minuten nach. Indessen lassen wir das jetzt! Es genügt die Abweichung festzustellen. Demnach stehen Sie von diesem Augenblick an, elf Uhr neunundzwanzig Minuten früh, von heute Mittwoch, den zweiten Oktober des Jahres 1872 an, in meinen Diensten.“
Phileas Fogg erhob sich, als er den Satz zu Ende gesprochen hatte, griff mit der linken Hand nach seinem Hute, setzte ihn mit automatenhafter Gebärde auf den Kopf und verschwand ohne jedes weitere Wort.
Passepartout hörte, wie sich die Haustür zum erstenmale schloß: sein neuer Herr war aus dem Hause gegangen. Passepartout hörte, wie sich die Haustüre zum anderen male schloß: sein Vorgänger James Forster hatte das Haus verlassen. Passepartout blieb allein zurück in dem Haus in der Saville-Row.
Zweites Kapitel,
in welchem Passepartout die Überzeugung gewinnt, daß er endlich sein Ideal gefunden
„Meiner Treu“, sagte Passepartout bei sich, zu Anfang ein wenig verdutzt, „bei Madame Tussaud habe ich Lebemänner gekannnt, die genau so lebendig waren wie mein neuer Herr!“
Hier muß nun bemerkt werden, daß die „Lebemänner“ bei Madame Tussaud Wachsfiguren sind, die sich in London eines sehr starken Zuspruchs erfreuen und denen wahrhaftig weiter nichts als die Fähigkeit der Sprache fehlt.
Passepartout hatte in den wenigen Augenblicken, die er eben mit Herrn Phileas Fogg gesprochen hatte, seinen zukünftigen Herrn und Gebieter rasch aber sorgfältig gemustert. Es war ein Herr, der vierzig Jahre alt sein mochte, von edler, schöner Figur, groß, mit blondem Haar und Backenbart. Seine Stirne war glatt; die Schläfen zeigten Runzeln; sein Gesicht war eher blaß als gerötet; sein Gebiß war vorzüglich. Er schien im höchsten Maße, was die Physiognomiker „die Ruhe in der Beweglichkeit“ nennen, zu besitzen, — eine Fähigkeit, die durchwegs solchen Menschen eigentümlich ist, die lieber arbeiten als viel Wesens von sich zu machen. Er war ruhig, phlegmatisch, helläugig und zuckte mit keiner Wimper — war also der vollendete Typus jener fischblütigen Söhne Albions, die sich im Vereinigten Königreiche häufig genug die Hände reichen. In den verschiedenen Akten seines Daseins betrachtet, weckte besagter Herr die Vorstellung von einem in all seinen Teilen gleichmäßig abgewogenen, rechtschaffen abgezirkelten Dasein, das die gleiche Vollkommenheit aufwies wie ein Chronometer. Den Grund für diesen Eindruck hatte man in dem Umstande zu suchen, daß Phileas Fogg die personifizierte Pünktlichkeit war. —
Phileas Fogg gehörte zu jenen Leuten von mathematischer Genauigkeit, die mit jedem Schritt und jeder Bewegung rechnen, immer bereit und bei der Hand sind, ohne je eilig zu erscheinen. Tatsächlich setzte er keinen Fuß umsonst, da er immer nur auf das kürzeste ausschritt. Niemals vergeudete er einen Blick hinauf zur Decke. Nie erlaubte er sich eine überflüssige Gebärde. Nie hatte man ihn erregt oder verwirrt gesehen. Er war ein Mensch, dem man absolut keine Eile ansah, der aber immer zur richtigen Zeit zur Stelle war. Man wird begreifen, daß er für sich allein lebte und außerhalb aller gesellschaftlichen Beziehungen stand. Er wußte, daß man im Leben mit Reibungen rechnen muß, und da jede Reibung hemmend wirkt, rieb er sich an niemand.
Jean mit dem Beinamen Passepartout war ein Pariser aus Paris von echtem Schrot und Korn, der seit fünf Jahren in London als Kammerdiener lebte, aber noch immer umsonst nach einem Herrn gesucht hatte, dem er mit wirklicher Anhänglichkeit dienen könne.
Passepartout war keiner von jenen Lakaien, die die Schulter hoch und die Nase noch höher tragen, die aller Welt keck und kalt in die Augen sehen und im Grunde kaum etwas anderes als unverschämte Patrone sind. Nein! Passepartout war ein braver Bursche von angenehmem Äußern, mit einem freundlichen Gesicht, einem leicht hervorspringenden Lippenpaar, das immer zum Schnabulieren oder zum Küssen bereit zu sein schien. Er hatte ein leutseliges Wesen und einen jener netten runden Köpfe, die man gern auf den Schultern eines lieben Freundes sieht. Sein freundliches Gesicht mit den blauen Augen und dem frischen Teint neigte ein wenig zur Fülle. Er hatte eine breite Brust, war von großer Figur, hatte einen sehr kräftigen Körperbau und besaß eine herkulische Kraft, die durch Turnübungen in seinen Jugendjahren zu einer geradezu wunderbaren Entwicklung gebracht worden waren. Sein braunes Haar war à la Vivatstolle gebürstet. Kannten die Bildhauer des Altertums achtzehn Manieren, das Haupthaar Minervas zu ordnen, so kannte Passepartout bloß eine einzige, um sein Haupthaar zu ordnen: drei Striche aufwärts mit dem Kamm, und seine Haarfrisur war fertig.
Darüber, ob der ungezwungene Charakter dieses Junggesellen sich mit dem des Herrn Phileas Fogg in Einklang setzen werde, ein Urteil zu fällen, dürfte der außergewöhnlichsten Klugheit nicht möglich gewesen sein. Ob Passepartout sich als jener absolut pünktliche Lakai ausweisen würde, den sein Herr verlangte? Nur die Praxis konnte es lehren. Nach einer ziemlich landstreicherhaften Jugend sehnte er sich nach Ruhe. Da er vom englischen Methodismus und von der sprichwörtlichen Kalthaarigkeit der englischen Kavaliere viel Rühmens gehört hatte, war er darauf gekommen, in England sein Glück zu suchen. Aber bis auf den heutigen Tag war ihm das Glück abhold gewesen. Er hatte nirgends Wurzel fassen können. In zehn Häusern hatte er Stellung gehabt. In allen war man launenhaft, unkonsequent, auf der Jagd nach Abenteuern gewesen, oder hatte auf der Eisenbahn gelegen — alles Dinge, die Passepartout nicht passen konnten. Sein letzter Herr war der junge Lord Longsferry, Mitglied des Parlaments, gewesen, der allzu oft von Polizisten auf den Schultern heimgeschleppt wurde, nachdem er in den Austernstuben von Haymarket dei Nacht durchgezecht hatte. Passepartout hielt vor allen Dingen auf Respekt vor seinem Herrn; deshalb nahm er sich ein paar respektvolle Bemerkungen heraus, die aber sehr übel aufgenommen wurden, und das führte zum Abbruch der Beziehungen. Unter der Hand erfuhr er, daß Phileas Fogg Esquire einen Lakaien suche. Er zog Erkundigungen über diesen Kavalier ein. Eine Herrschaft, deren Dasein sich mit solcher Regelmäßigkeit abwickelte, die keine Nacht außer dem Hause zubrachte, die nicht auf Reisen ging, die niemals auf Abwege geriet und sich im ganzen Jahr keinen einzigen Tag aus London entfernte, mußte Passepartout wohl oder übel recht sein. Er meldete sich zu der Stelle und wurde unter den dem Leser bekannten Bedingungen angestellt.
Passepartout befand sich also, als es halb zwölf geschlagen hatte, allein in dem Hause in der Saville-Row und unternahm alsbald eine Musterung desselben. Er durchwanderte es vom Keller bis zum Boden hinauf. Dieses saubere, ordentliche Haus, in welchem eine puritanische Strenge herrschte und alles vortrefflich eingerichtet war, gefiel ihm außerordentlich. Es machte ihm den Eindruck eines schönen Schneckengehäuses, aber eines solchen, das brillant erleuch tet und mit Gas geheizt war, denn damals genügte Kohlenwasserstoff für alle Bedürfnisse an Licht und Wärme. Passepartout fand ohne Mühe im zweiten Stock das für ihn bestimmte Zimmer. Es gefiel ihm. Elektrische Klingeln und akustische Leitungen setzten ihn mit den Gemächern des ersten Stocks und den Zimmern des Zwischenstocks in Verbindung. Auf dem Kamin stand eine elektrische Standuhr, die mit der Standuhr im Schlafgemach des Herrn Fogg übereinstimmte und auf die Sekunde genau die Stunden verkündete.
„So gefällts mir! So gefällts mir!“ sagte Passepartout.
Über der Standuhr in seinem Zimmer bemerkte er auch einen angehängten Zettel. Derselbe enthielt das Verzeichnis des täglichen Dienstes, und zwar von acht Uhr morgens, der Zeit, zu welcher Phileas Fogg regelmäßig aufstand, bis halb zwölf Uhr mittags, der Zeit, zu welcher er den Fuß aus dem Hause setzte, um sein Frühstück im Reform-Klub einzunehmen, alles bis auf die geringfügigste Einzelheit, was zu seinen Obliegenheiten gehörte, vom Tee und vom Röstbrot um 8 Uhr 23 Minuten bis zum Rasierwasser um 9 Uhr 37 Minuten, beziehungsweise zur Haarfrisur zwanzig Minuten vor zehn Uhr, und so weiter. Von halb zwölf Uhr vormittags bis Mitternacht — der Zeit, zu welcher sich der pünktliche Kavalier schlafen legte, war alles auf dem Zettel verzeichnet. Alles war vorgesehen. Alles war genau angegeben. Passepartout machte sich eine Freude daraus, dieses Programm zu studieren und sich die verschiedenen Paragraphen in seinen Geist einzuprägen.
Was die Garderobe des gnädigen Herrn betrifft, so war sie ganz vorzüglich ausstaffiert und mit Verständnis zusammengestellt. Jedes Beinkleid, jede Weste, jeder Frack trug eine Eingangs- und Ausgangsnummer in einem Konto, das genau darüber Aufschluß gab, an welchem Tage je nach der Jahreszeit die einzelnen Anzüge reihum getragen werden mußten. Für die Fußbekleidung bestand das gleiche Reglement.
Dies Haus in der Saville-Row — das zur Zeit des berühmten, aber unsoliden Sheridan als Tempel der Zuchtlosigkeit gegolten haben dürfte — wies ein Mobilar von äußerster Vornehmheit auf. Es bekundete auf den ersten Blick eine glückliche Situation und ein vernünftiges Temperament seines Besitzers. Kein Bücherschrank, keine Bücher, die für Herrn Fogg insofern ohne Nutzen gewesen wären, weil der Reform-Klub zwei Bibliotheken zu seiner Verfügung hielt, von denen eine sich aus den schönen Wissenschaften, die andere aus Rechts- und Staatswissenschaften zusammensetzte. In dem Schlafgemach stand ein eiserner Kasten von mittlerer Größe, dessen Bauart ihn vor Feuer und Einbruch sicherte. Keine einzige Hieb-, Stich- oder Feuerwaffe im ganzen Hause, keinerlei Jagd- oder Kriegsgeräte. Alles bekundete hier die friedfertigsten Gesinnungen und ruhigsten Gewohnheiten.
Drittes Kapitel,
worin sich eine Unterhaltung entspinnt, die Herrn Phileas Fogg leicht teuer zu stehen kommen kann
Phileas Fogg hatte sein Haus um halb zwölf Uhr verlassen. Nachdem er den rechten Fuß fünfhundertfünfundsechzigmal vor den linken und den linken fünfhundertsechsundsechzigmal vor den rechten Fuß gesetzt hatte, langte er im Reform-Klub an, einem Bauwerk von geräumigen Verhältnissen, das in der Pall-Mall mit einem Aufwande von nicht weniger als drei Millionen aufgeführt worden war.
Phileas Fogg verfügte sich alsbald nach dem Speisesaal, dessen neun Fenster auf einen schönen Garten hinaus sahen; die Bäume zeigten schon die goldige Färbung des Herbstlaubes. Dort nahm er an seinem Stammtische Platz, wo sein Gedeck schon seiner wartete. Sein Frühstücksmahl setzte sich aus einer Vorspeise zusammen, gesottenem Fisch in „Reading Sauce“, worauf es Roastbeef mit Steinpilzen, dann Backwerk mit Stachelbeer- und Rhabarberfüllung, zuletzt Chesterkäse gab. Dazu Tee von ausgezeichneter Qualität, der für die Küche des Reform-Klubs besonders geerntet und direkt aus dem Ursprungslande verfrachtet wurde.
Um 12 Uhr 47 Minuten stand der Kavalier auf und lenkte seine Schritte nach dem großen Salon, einem verschwenderisch eingerichteten, mit Gemälden in wertvollen Rahmen reich geschmückten Raume. Dort reichte ihm ein Diener die noch nicht aufgeschnittene „Times“. Phileas Fogg bewirkte die mühsame Verrichtung des Aufschneidens der großen Blätter mit einer so sicheren Hand, daß man ohne weiteres die Überzeugung gewann, daß er diese Verrichtung schon lange Zeit gewohnt war. Mit der Lektüre dieses Journals befaßte sich Phileas Fogg bis um 3 Uhr 45 Minuten, und die darauf folgende des „Standard“ dauerte bis zum Diner. Diese Mahlzeit vollzog sich unter den nämlichen Bedingungen wie das Frühstück; an der Stelle der „Reading-Sauce“ trat hier die „Royal British Sauce“.
10 Minuten vor 6 Uhr erschien der Kavalier wieder im Salon und vertiefte sich in die Lektüre des „Morning-Chronicle“.
Eine halbe Stunde später kamen verschiedene Mitglieder des Reform-Klubs in den Salon und stellten sich an den Kamin, in welchem ein Steinkohlenfeuer brannte. Es waren die Whistkollegen des Herrn Fogg, die gleich ihm zu den passionierten Freunden dieses stillen Spieles zählten. Zu ihnen gehörte der Ingenieur Andrew Stuart, die Bankiers John Sullivan und Samuel Fallentin, der Bierbrauer Thomas Flanagan, der zum Vorstande der Bank von England gehörige Walter Ralph — durchweg reiche und angesehene Personen, sogar in diesem Klub dafür gehalten, der zu seinen Mitgliedern die Spitzen der Industrie- und Finanzwelt zählte.
„Nun, Ralph“, eröffnete Thomas Flanagan die Unterhaltung, „wie stehts denn mit der betreffenden Diebstahlsgeschichte?“
„Hm“, versetzte Andrew Stuart, „die Bank wird um ihr Geld kommen.“
„Ich hoffe im Gegenteil“, nahm Walter Ralph das Wort, „daß wir den Urheber des Diebstahls fassen werden. Es sind Polizeikommissare nach Amerika und nach Europa geschickt worden, sehr gewandte Leute, nach allen wichtigen Einschiffungs- und Landeplätzen; es dürfte dem fraglichen Musjö also schwer werden, zu entschlüpfen.“
„Aber besitzt man denn das Signalement des Spitzbuben?“ fragte Andrew Stuart.
„Erstlich einmal ist’s gar kein Spitzbube“, versetzte mit großem Ernst Walter Ralph.
„Wieso? Ein Mensch, der fünfundfünfzigtausend Pfund in Banknoten entwendet hat, ist kein Spitzbube?“
„Nein“, versetzte Walter Ralph.
„Also ein Industrieritter?“ bemerkte John Sullivan.
„Im Morning Chronicle wird versichert, er sei ein Kavalier!“
Diese Äußerung wurde von keinem geringeren gegeben als von Phileas Fogg, dessen Haupt nun aus der ihn umflutenden Papiermasse herauftauchte. Phileas Fogg begrüßte seine Mitspieler, die seinen Gruß erwiderten.
Der Fall, von dem hier die Rede war, und den die verschiedenen Zeitungen des Vereinigten Königreiches mit Eifer erörterten, war vor drei Tagen, am 29. September, geschehen. Ein Bündel Banknoten, das die ungeheure Summe von 55.000 Pfund ausmachte, war vom Tische des Hauptkassiers der Bank von England gestohlen worden.
Allen gegenüber, die ihre Verwunderung darüber aussprachen, wie sich ein solcher Diebstahl so leicht habe ausführen lassen, beschränkte sich der zweite Direktor der Bank, Herr Walter Ralph, auf den Bescheid, daß sich der Kassier im selben Augenblick damit befaßt hätte, eine Quittung über drei und einen halben Schilling auszustellen, und daß man die Augen doch nicht überall haben könne.
Aber es muß hier erwähnt werden, daß dieses bewunderungswürdige Institut, das die Welt als „Bank von England“ kennt, auf Ansehen und Würde des Publikums außerordentliche Rücksicht zu nehmen scheint. Hier sieht man weder Aufseher, noch Drahtgitter! Gold, Silber und Banknoten liegen frei und offen da, gleichsam der Gnade und Barmherzigkeit des ersten besten überlassen, der den Fuß in das Bankgebäude setzt. Wer könnte Argwohn in die Rechtschaffenheit jemandes setzen, den sein Weg hierher führt? Einer der besten Kenner englischer Sitten und Bräuche erzählt sogar das folgende Stückchen: Er weilte eines Tages in einem der Säle der Bank und wollte sich aus Neugierde einen Goldbarren näher besehen, der sieben bis acht Pfund wiegen mochte und auf dem Tisch des Kassiers lag. Er nahm den Barren in die Hand, besichtigte ihn, gab ihn seinem Nachbarn, der gab ihn einem andern, und der andere wieder einem andern, bis der Barren von Hand zu Hand bis in einen finsteren Korridor hinaus gelangt war und erst eine halbe Stunde später wieder an seinen eigentlichen Platz zurückgelangte, ohne daß der Kassier auch nur aufgesehen hätte.
Am 27. September hatten sich die Dinge nicht so abgespielt. Das Bündel Banknoten hatte seinen Weg nicht wieder zurückgefunden, und als die über dem Kassenzimmer befindliche prachtvolle Uhr um 5 Uhr den Schluß der Büros verkündete, war der Bank von England die Kontenführung um bare fünfundfünfzigtausend Pfund Sterling erleichtert worden.
Sobald der Diebstahl bekannt geworden war, wurden die gewandtesten Polizisten ausgewählt und nach den wichtigsten Hafenplätzen beordert, nach Liverpool, Glasgow, Havre, Suez, Brindisi, New York und so weiter, und eine Belohnung von zweitausend Pfund nebst einer Provision von fünf Prozent von dem geretteten Betrag ausgesetzt. Den Kommissaren wurde Weisung erteilt, alle ankommenden und abreisenden Passagiere aufs schärfste zu kontrollieren.
Man hatte nun, wie es im „Morning-Chronicle“ zu lesen stand, begründete Ursache zu der Annahme, daß der Urheber des Diebstahls mit keiner der Diebsbanden Englands in irgendwelcher Verbindung stand. Am 29. September hatte man tagsüber einen elegant gekleideten Herrn von feinen Manieren und sehr vornehmem Auftreten in dem Saale bemerkt, wo die Auszahlungen erfolgten, und wo sich der Diebstahl abgespielt hatte. Die Nachforschungen hatten ein ziemlich genaues Signalement des Herrn ergeben. Dasselbe wurde allen Geheimpolizisten der Vereinigten Königreiche sowohl wie des Festlandes bekannt gemacht. Einige optimistisch angehauchte Geister, zu denen auch Walter Ralph gehörte, glaubten deshalb begründete Hoffnung haben zu dürfen, daß der Dieb nicht würde entwischen können.
Wie man sich denken kann, bildete das Ereignis das Stadtgespräch in London und in ganz England. Es wurde für und wider die wahrscheinlichen Erfolge gestritten, welche die Polizei der Metropole hierbei haben würde. Man wird sich infolgedessen nicht darüber wundern, daß auch von den Mitgliedern des Reform-Klubs über das gleiche Thema gesprochen wurde — und zwar um so weniger, als sich unter ihnen eines der Vorstandsmitglieder der Bank befand.
Der ehrenwerte Walter Ralph mochte in das Ergebnis der Nachforschungen schon um deswillen keinen Zweifel setzen, weil ja die ausgeschriebene Belohnung den Eifer und die Klugheit der Polizeibeamten besonders anspornen müßte. Aber sein Kamerad Andrew Stuart wollte durchaus nichts davon wissen, dieses Vertrauen zu teilen. Die Diskussion nahm also unter den Herren ihren Fortgang, die sich an einen Whisttisch gesetzt hatten, Stuart neben Fallentin und Fallentin neben Fogg. Während des Spieles sprachen die Spieler kein Wort, aber zwischen den einzelnen Robbern setzte die Unterhaltung immer sehr flott ein.
„Ich behaupte“, meinte Andrew Stuart, „daß die Chancen günstig für den Spitzbuben stehen, der unbedingt ein äußerst geschickter Mensch sein muß.“
„Ach, reden sie doch nicht!“ erwiderte Ralph, „es gibt kein einziges Land, wohin er flüchten könnte!“
„Das wäre!“
„Wohin soll er denn Ihrer Meinung nach flüchten?“
„Das ist nicht meine Sache“, versetzte Andrew Stuart, „aber schließlich ist die Erde doch groß genug!“
„Das war sie ehemals!“ bemerkte halblaut Phileas Fogg. „Aber bitte, Sie heben ab“, setzte er hinzu, indem er Thomas Flanagan die Karten reichte.
Die Diskussion wurde ausgesetzt, solange der Robber dauerte. Bald aber nahm sie Andrew Stuart wieder auf.
„Wieso ehemals? Ist denn die Erde etwa kleiner geworden?“
„Ohne Zweifel“, antwortete Walter Ralph. „Ich bin derselben Meinung wie Herr Fogg. Die Erde ist kleiner geworden, seitdem man sie zehnmal schneller durchreist als vor hundert Jahren. Ein Umstand, welcher in dem Falle, der uns beschäftigt, die Nachforschungen wesentlich beschleunigen wird.“
„Aber dem Spitzbuben auch die Flucht ganz wesentlich erleichtern wird!“
„Sie sind am Spiel, Herr Stuart!“ sagte Phileas Fogg.
Der ungläubige Stuart ließ sich aber nicht überzeugen, und als die Partie zu Ende war, hub er wieder an:
„Das muß ich Ihnen lassen, Herr Ralph, eine sehr bequeme Erklärung haben Sie ausfindig gemacht für Ihre Behauptung, die Erde sei kleiner geworden! Also, weil man die Reise um die Welt jetzt in drei Monaten macht . . .“
„In achtzig Tagen bloß“, bemerkte Phileas Fogg.
„Allerdings in achtzig Tagen, meine Herren“, bekräftigte John Sullivan, „seitdem die Linie Rothal—Allahabad auf der Hauptbahn der Halbinsel Ostindien eröffnet worden ist.“
Hier haben wir übrigens die Aufstellung im Morning-Chronicle:
London-Suez durch den Mont-Cenis und
| über Brindisi, Eisenbahn und Dampfschiff. | 7 Tage |
|---|---|
| Suez-Bombay, Dampfschiff | 13 Tage |
| Bombay-Kalkutta, Eisenbahn | 3 Tage |
| Kalkutta-Hongkong (China), Dampfschiff | 13 Tage |
| Hongkong-Yokohama (Japan), Dampfschiff | 6 Tage |
| Yokohama-San Franzisko, Dampfschiff | 22 Tage |
| San Franzisko-New York, Eisenbahn | 7 Tage |
| New York-London, Dampfschiff und Eisenbahn | 9 Tage |
| Macht zusammen | 80 Tage |
„Was? In achtzig Tagen?“ rief Andrew Stuart, der aus Versehen eine Fehlkarte gestochen hatte — „Aber ungerechnet schlechte Witterung, widrige Winde, Schiffbrüche, Entgleisungen und so weiter —“
„Alles mitgerechnet“, versetzte Phileas Fogg und spielte weiter, denn jetzt nahm die Diskussion auf das Spiel keine Rücksicht mehr.
„Auch wenn die Hindus oder die Indianer die Schienen aufreißen!“ rief Andrew Stuart — „wenn sie die Züge aufhalten, die Wagen plündern, die Reisenden skalpieren!“
„Alles mitgerechnet“, versetzte Phileas Fogg, legte seine Karten hin und meldete: „Zwei Trumpf-Aß —“
Andrew Stuart, an den das Spiel gelangte, nahm die Karten mit den Worten auf:
„In der Praxis auch, Herr Stuart!“
„Das möchte ich doch erst sehen!“
„Kommt ganz auf Sie an! Machen wir uns zusammen auf die Tour!“
„Soll mich der Himmel bewahren!“ rief Stuart, „aber viertausend Pfund halte ich dagegen, daß eine Reise unter solchen Bedingungen die reine Unmöglichkeit ist!“
„Eine sehr leichte Möglichkeit im Gegenteil“, versetzte Herr Fogg.
„Nun, beweisen Sie es doch!“
„Daß man in achtzig Tagen um die Welt reisen kann?“
„Ja.“
„Will ich gern!“
„Wann?“
„Auf der Stelle. Bloß eines sage ich Ihnen, die Reise kostet Ihr Geld!“
„Das ist ja Wahnsinn!“ rief Andrew Stuart, den die Hartnäckigkeit seines Mitspielers zu erbosen anfing — „spielen wir lieber!“
„Dann geben Sie, bitte, noch einmal — denn Sie haben vergeben“, antwortete Phileas Fogg.
Andrew Stuart, in fieberhafter Erregung, nahm die Karten wieder zur Hand, warf sie aber plötzlich wieder auf den Tisch und rief:
„Nun also, Herr Fogg, ich wette viertausend Pfund!“
„Mein lieber Stuart“, sagte Fallentin. „Beruhigen Sie sich! Die Sache ist ja kein Ernst.“
„Wenn ich sage, ich wette“, rief Andrew Stuart wieder, „dann ist es allemal Ernst.“
„Gut also!“ sagte Herr Fogg, zu seinen Mitspielern gewendet — „ich habe 20.000 Pfund bei Gebrüder Baring. Ich will sie gern riskieren . . .“
„20.000 Pfund!“ rief John Sullivan — „20.000 Pfund, die durch eine unvorhergesehene Behinderung oder Verzögerung in Verlust geraten können!“
„Unvorhergesehenes gibt es nicht“, erwiderte einfach Phileas Fogg.
„Aber, Herr Fogg! Diese Zeitspanne von achtzig Tagen ist doch nur als Minimalzeit gerechnet!“
„Ein Minimum, gut angewandt, reicht aus für alles!“
„Aber um es nicht zu überschreiten, muß man doch mit mathematischer Genauigkeit aus den Eisenbahnen in die Dampfschiffe, und aus den Dampfschiffen in die Eisenbahnen springen!“
„Ich werde eben mathematsich genau springen.“
„Das ist ein schlechter Witz!“
„Ein echter Engländer macht niemals schlechte Witze“, antwortete Phileas Fogg, „wenn es sich um eine so ernste Sache handelt wie eine Wette. Ich wette 20.000 Pfund gegen jedermann, daß ich die Reise um die Erde in achtzig Tagen oder weniger, meinetwegen 1920 Stunden oder 115.200 Minuten, zurücklege. Halten Sie die Wette?“
„Wir halten die Wette“, antworteten die Herren Stuart, Fallentin, Sullivan und Ralph, nachdem sie sich verständigt hatten.
„Gut“, versetzte Herr Fogg. „Der Zug nach Dover fährt 8 Uhr 45. Ich fahre mit ihm.“
„Noch heute abend?“ fragte Stuart.
„Noch heute abend“, antwortete Phileas Fogg. „Mithin werde ich“, setzte er hinzu, einen Taschenkalender zu Rate ziehend, „da wir heute Mittwoch, den 2. Oktober haben, am Sonnabend, den 21. Dezember, in diesem nämlichen Saale des Reform-Klubs zurück sein müssen, und zwar um 8.45 Uhr abends — bleibe ich länger aus, dann fallen die zur Zeit bei Gebrüder Baring von mir hinterlegten 20.000 Pfund an Sie, meine Herren. Hier ist ein Scheck über den Betrag.“
Ein Protokoll wurde über die Wette abgefaßt und von den sechs bei der Wette beteiligten Herren unterzeichnet. Phileas Fogg war eiskalt geblieben. Ganz gewiß hatte er nicht gewettet, um zu gewinnen, und hatte diese 20.000 Pfund — nur die Hälfte seines Vermögens, — aufs Spiel gesetzt, weil er voraussah, daß ihn die Durchführung dieses schwierigen, um nicht zu sagen unausführbaren Planes die andere Hälfte kosten könne. Was seine Gegner anbetrifft, so schienen sie aufs höchste alteriert zu sein, nicht über den Wert des Einsatzes, sondern weil sie sich in gewissem Maße Gewissensbisse über einen Zweikampf unter dergleichen Bedingungen machten.
Sieben Uhr schlug es nun. Man machte Herrn Fogg den Vorschlag, die Whistpartie auszusetzen, damit er seine Vorbereitungen zur Abreise treffen könne.
„Ich bin immer bereit!“ antwortete dieser unnahbare Herr und gab Karten.
„Ich tourniere Karreau“, sagte er. „Sie spielen aus, Herr Stuart!“
Viertes Kapitel,
worin Phileas Fogg seinen Lakai in Verblüffung setzt
Um 7 Uhr 25 Minuten verabschiedete sich Herr Phileas Fogg, nachdem er beim Whist einen Gewinn von zwanzig Guineen eingeheimst hatte, von seinen sehr ehrenwerten Kameraden und verließ den Reform-Klub. Um 7 Uhr 50 Minuten öffnete er seine Haustür und trat bei sich ein.
Passepartout, der das ihm vorgeschriebene Programm gewissenhaft studiert hatte, war nicht wenig verwundert, als er Herrn Fogg in solchem Verstoß gegen alles was Pünktlichkeit heißt zu solcher ungewohnten Stunde auftauchen sah. Den auf dem Zettel verbuchten Anordnungen gemäß durfte der Hausherr von Saville-Row erst genau um Mitternacht nach Hause kommen.
Phileas Fogg hatte sich zuerst nach seinem Schlafzimmer begeben. Dann rief er:
„Passepartout!“
Passepartout ließ nichts von sich hören. An ihn konnte dieser Ruf sich nicht richten. Zeit und Stunde stimmten nicht.
„Passepartout“, rief Herr Fogg zum andernmal, ohne die Stimme irgendwie zu steigern.
Passepartout zeigte sich.
„Ich rufe bereits zum zweitenmal“, äußerte Herr Fogg.
„Aber es ist doch nicht Mitternacht“, gab Passepartout mit der Uhr in der Hand zur Antwort.
„Das weiß ich“, versetzte Phileas Fogg, „und ich mache dir auch keinen Vorwurf. In zehn Minuten reisen wir nach Dover und Calais.“
So etwas wie ein spöttisches Lachen glitt über das runde Angesicht des Franzosen. Es sprang ja in sie Augen, daß er falsch gehört hätte.
„Der gnädige Herr verändert das Domizil?“ fragte er.
„Jawohl“, erwiderte Phileas Fogg. „Wir machen eine Reise um die Welt.“
Passepartout riß die Augen entsetzlich weit auf. Mit hochgezogenen Lidern, ausgespreizten Armen, vorgebeugtem Oberkörper stand er da, alle Kennzeichen des zum Entsetzen gesteigerten Erstaunens verratend.
„Reise um die Welt?“ murmelte er.
„In achtzig Tagen“, versetzte Herr Fogg. „Also vorwärts! Wir haben keinen Augenblick zu verlieren.“
„Aber die Koffer?“ fragte Passepartout, indem er den Kopf, ohne es zu wissen, von rechts nach links und umgekehrt wiegte.
„Von Koffer keine Rede. Bloß einen Nachtsack brauchen wir. Tu zwei wollene Hemden hinein und drei Paar Strümpfe. Soviel für dich! Was wir sonst brauchen, kaufen wir unterwegs. Bring meinen Makintosh und meine Reisedecke herunter. Versorge dich mit gutem Schuhzeug! Übrigens werden wir nur wenig oder gar nicht laufen. Marsch!“
Passepartout hätte gern etwas darauf gesagt. Er konnte nicht. Er verließ Herrn Foggs Zimmer, ging in das seinige hinauf, sank auf einen Stuhl und rief, eine bei ihm zu Hause jedenfalls gern gebrauchte Redensart verwendend:
„Na, ich sage es ja! Eine schöne Pastete! Und das muß mir passieren, der sich so sehr nach Ruhe sehnte!“
Mechanisch traf er seine Vorbereitungen zur Reise. Zur Reise um die Welt in achtzig Tagen! War er denn an einen Narren geraten? Nein. Wars ein schlechter Witz? Aber die Reise ging doch nach Dover! Vielleicht auch nach Calais! Alles in Betracht gezogen, konnte dies dem braven Burschen eigentlich gar nicht so zuwider sein, denn er hatte doch seit wenigstens fünf Jahren den Fuß nicht mehr in sein Vaterland gesetzt. Vielleicht ging die Reise gar bis Paris, und die große Residenz hätte er, meiner Treu! gewiß recht gern einmal wieder gesehen! Aber ganz sicher würde sich ein Herr, der so mit jedem Schritt rechnete, dort auch aufhalten . . . Jawohl, zweifellos! Aber nicht weniger wahr blieb es trotzdem, daß er auf Reisen ging, daß er sein Domizil verlegte! Dieser bisher an seine vier Pfähle so festgekittete Kavalier!
Um acht Uhr hatte Passepartout den kargen Reisesack gepackt, der sein und seines Herrn Kleidungsstücke enthielt. Dann begab er sich, noch immer nicht recht klar im Kopfe, aus dem Zimmer, schloß die Tür fürsorglich hinter sich ab und trat zu Hern Fogg.
Herr Fogg stand bereit. Unter dem Arm hielt er „Bradshaws Eisenbahn- und Schiffahrts-Kursbuch und Universalführer durch den Kontinent“, aus welchem er alle für die Reise notwendigen Unterweisungen zu schöpfen gedachte. Er nahm Passepartout den Reisesack aus den Händen, machte ihn auf und ließ ein starkes Bündel jener schönen Banknoten in seine Tiefen gleiten, die in aller Herren Ländern gut im Kurs stehen.
„Vergessen hast du nichts?“ fragte er.
„Nichts, gnädiger Herr.“
„Mein Makintosh und meine Decke?“
„Hier bitte.“
„Da, nimm den Sack!“
Herr Fogg gab Passepartout den Reisesack wieder in die Hand.
„Gib gut acht auf ihn“, bemerkte er noch — „es liegen 20.000 Pfund drin.“
Es schien, als entglitte der Sack, weil die 20.000 Pfund in Gold verwandelt und schwer wiegen möchten, Passepartouts Händen.
Herr und Diener gingen nun die Treppe hinunter. Das Haustor wurde zweifach verschlossen. Am äußersten Ende der Saville-Row standen Droschken. Phileas Fogg stieg mit seinem Lakaien in einen Einspänner, der geschwind nach dem Bahnhof Charing Croß fuhr. Dort mündete eines der Gleise, die zum Südostbahnhof führten.
Um 8 Uhr 20 Minuten hielt der Einspänner vor dem Gitter des Bahnhofs. Passepartout sprang zur Erde. Sein Herr sprang hinterher und bezahlte den Kutscher.
In diesem Augenblick trat ein armes Bettelweib mit einem Kind an der Hand, das barfuß im Straßenschmutz stand, einen zerrissenen Hut auf dem Kopfe, an dem eine ärmliche Feder hing, und ein fadenscheiniges Tuch um die Hüften, auf Fogg zu und bat um eine Gabe.
Herr Fogg nahm die zwanzig Guineen aus der Tasche, die er eben im Whist gewonnen, und drückte sie der Bettlerin in die Hand mit den Worten:
„Da nehmen Sie, gute Frau! Ich bin froh, daß Sie mir in den Weg getreten sind!“
Dann eilte er weiter.
Passepartout hatte das Gefühl, als wenn es ihm um die Pupille herum feucht würde. Sein Herr hatte einen Platz in seinem Herzen gewonnen.
Herr Fogg betrat nun zusammen mit Passepartout ohne weiteren Aufenthalt den großen Wartesaal des Bahngebäudes. Dort gab Herr Fogg Passepartout die Weisung, zwei Billetts erster Klasse nach Paris zu lösen. Dann drehte er sich um, und seine Blicke fielen auf seine fünf Kollegen aus dem Reform-Klub.
„Meine Herren“, redete er sie an, „ich reise ab. Die verschiedenen Visa, die ich meinem Passe beisetzen lassen werde, sollen Ihnen bei meiner Rückkehr als Kontrolle für die eingehaltene Route dienen.“
„Aber ich bitte, Herr Fogg“, antwortete Walter Ralph höflich, „das ist doch ganz unnötig. Wir verlassen uns doch auf Ihre Eigenschaft als Kavalier!“
„So wirds aber besser sein“, versetzte Herr Fogg.
„Die Heimkehr werden Sie doch nicht vergessen?“ erlaubte sich Andrew Stuart zu bemerken.
„Innerhalb achtzig Tagen“, versetzte Herr Fogg, „am Sonnabend, den 21. Dezember 1872, um 8 Uhr 45 Minuten abends bin ich wieder da. Auf Wiedersehen, meine Herren!“
Um 8 Uhr 40 Minuten nahm Phileas Fogg mit seinem Diener im gleichen Abteil Platz. Um 8 Uhr 45 Minuten erscholl ein Pfiff und der Zug setzte sich in Bewegung.
Es war eine finstere Nacht. Ein feiner Regen fiel. Phileas Fogg drückte sich in seine Ecke und sprach kein Wort. Passepartout, noch immer wie versteinert, drückte mechanisch den Sack mit den Banknoten an sich.
Aber noch war der Zug nicht bis Sydenham gekommen, als Passepartout einen echten Verzweiflungsschrei ausstieß!
„Was ist dir denn?“ fragte Herr Fogg.
„Ach — ich habe bloß — in meiner Eile vergessen —“
„Was denn?“
„Den Gashahn in meiner Stube auszudrehen!“
„Na, mein Junge!“ antwortete kühl und gelassen Herr Fogg — „die Flamme brennt für deine Rechnung!“
Fünftes Kapitel,
worin ein neuer Effekt in London eintritt
Als Phileas Fogg London verließ, hatte er ganz gewiß nicht die geringste Ahnung von dem großen Lärm, den seine Abreise hervorrufen sollte. Die Nachricht von der Wette verbreitete sich zuerst im Reform-Klub und rief unter den Mitgliedern der sehr ehrenwerten Vereinigung eine wichtige Erregung wach. Aus dem Klub nahm die Erregung ihren Weg in die Zeitungen, und zwar auf den Fittichen der zahllosen Reporter, und aus den Zeitungen zum großen Publikum von London und des ganzen Vereinigten Königreiches.
Diese Weltreisenfrage wurde mit viel Leidenschaft und Wärme erörtert und zergliedert. Die einen ergriffen Partei für Phileas Fogg; die andern — und zwar befanden sie sich rasch in überwiegender Majorität — sprachen sich gegen ihn aus. Diese Reise um die Erde in diesem Minimum von Zeit anders als in der Theorie und auf dem Papier mit den gegenwärtig zur Verfügung stehenden Verkehrsmitteln zurückzulegen, war nicht allein unmöglich, sondern war unvernünftig!
Times, Standard, Evening-Star, Morning-Chronicle und zwanzig andere Zeitungen von großer Bedeutung sprachen sich gegen Herrn Fogg aus. Bloß der Daily-Telegraph hielt ihm bis zu einem gewissen Grade die Stange. Phileas Fogg wurde als Schwärmer, als Tollhäusler hingestellt, und über seine Kameraden aus dem Reform-Klub regnete es Worte des Tadels und Vorwurfs, daß sie auf solch eine Wette eingegangen waren, die doch klar und deutlich auf eine Schwächung der geistigen Kräfte ihres Urhebers hinwies.
Außerordentlich leidenschaftlich, aber logisch richtige Artikel erschienen über die Frage. Kennt man doch das Interesse, das man in England an allem nimmt, was die Erdkunde betrifft. Es gab auch tatsächlich keinen einzigen Leser, gleichviel welcher Bevölkerungsklasse er angehörte, der nicht die dem Falle Phileas Fogg gewidmeten Textspalten verschlungen hätte.
Während der ersten Tage waren einige kühne Geister — vornehmlich aus der Frauenwelt — für ihn gestimmt, zumal als die „Londoner Illustrated News“ nach seiner in den Archiven des Reform-Klubs enthaltenen Photographie sein Bild veröffentlichten. Gewisse Herren verstiegen sich zu der Rede: „Aber warum denn auch schließlich nicht? Da hat man doch noch ganz andere Dinge erlebt!“ Zu ihnen gehörten vor allem die Leser des „Daily-Telegraph“. Aber bald wurde ihnen inne, daß auch diese Zeitung schwankend zu werden anfing.
Da erschien am 7. Oktober im „Bericht der Königlichen geographischen Gesellschaft“ ein langer Aufsatz, der die Frage nach allen Gesichtspunkten behandelte und klar und deutlich den Wahnsinn des Unternehmens nachwies. Diesem Aufsatz nach war alles wider den Reisenden; Menschen sowohl wie Natur boten unübersteigliche Hindernisse. Wenn das Vorhaben gelingen sollte, so mußte ein wunderbarer Einklang in der Abfahrts- und Ankunftszeit vorwalten — ein Einklang, der aber nicht vorhanden war und auch nicht vorhanden sein konnte. In Europa, wo es sich ja nur um Strecken von mittelmäßiger Länge handelt, kann man ja äußersten Falles auf die Ankunft der Bahnzüge zu der festgesetzten Fahrplanzeit rechnen; bei Zügen aber, die drei Tage brauchen, um Indien, oder sieben Tage, um die Vereinigten Staaten zu durchschneiden, ließen sich doch auf pünktliche Einhaltung der Fahrzeiten keine festen Schlösser bauen! Ganz abgesehen von Unfällen, Entgleisungen, Zusammenstößen, Unbilden der Jahreszeit, Schneeansammlungen — war nicht wirklich alles wider Phileas Fogg? Würde er zur Winterszeit nicht auf den Dampfschiffen auch Stürmen oder Nebeln auf Gnade und Ungnade überantwortet sein? Ist es denn eine so große Seltenheit, daß die besten Paketdampfer der transatlantischen Schiffahrtsgesellschaften Verzögerungen von zwei bis drei Tagen erleiden? Nun genügte aber doch eine einzige Verspätung, um die Kette der Verbindungsmittel auf eine nicht wieder gutzumachende Weise zu zerreißen. Verpaßte Phileas Fogg, wenn auch nur auf ein paar Stunden, den Abgang eines Dampfschiffes, so würde er gezwungen sein, auf das nächstabgehende zu warten, und schon in solchem Falle war seine ganze Reise unwiderruflich gescheitert.
Der Aufsatz machte großes Aufsehen. Fast sämtliche Zeitungen druckten ihn ab, und Phileas Foggs Aktien erlitten einen bedenklichen Rückgang.
In den ersten Tagen nach der Abreise des Kavaliers wurden bedeutende Wetten über das Schicksal seines Unternehmens abgeschlossen. Es ist bekannt, was in England die Wetten zu bedeuten haben, und daß zu der Gesellschaft, die diesem Sport huldigt, die intelligentesten vornehmsten Leute gehören. Wetten ist dem Engländer zur zweiten Natur geworden. Es wurden nicht bloß von den verschiedenen Mitgliedern des Reform-Klubs beträchtliche Wetten für oder wider Phileas Fogg abgeschlossen, sondern die ganze städtische Bevölkerung nahm an diesen Wetten teil. Man setzte auf Phileas Fogg wie auf ein Rennpferd. Auch zum Börsenobjekt wurde er gemacht. Phileas Fogg wurde „gefragt“, Phileas Fogg wurde als „Brief“ oder als „Geld“ ausgeboten, und ganz ungeheure Geschäfte wurden auf seinen Namen geschlossen. Aber fünf Tage nach seiner Abreise, nachdem der betreffende Aufsatz im Berichte der Geographischen Gesellschaft erschienen war, fingen Angebot und Nachfrage flau zu werden an. Erst ging er noch fünffach, dann zehnfach ab, dann aber nahm man ihn bloß noch zwanzig-, fünfzig-, hundertfach!
Ein einziger Parteigänger blieb ihm treu. Das war der alte, vom Schlage gelähmte Lord Albemarle. Dieser würdige, an seinen Sessel geschmiedete Ehrenmann Altenglands hätte sein ganzes Vermögen für eine Reise um die Erde hingegeben, und wenn sie auch zehn Jahre gedauert hätte! Viertausend Pfund setzte er für Phileas Fogg. Und wenn man ihm gegenüber neben der Dummheit des Unternehmens auch die Unnützlichkeit desselben auseinandersetzte, so hatte er immer nur die einzige Antwort darauf: „Wenn sich die Sache machen läßt, so ist es allemal gut, daß ein Engländer der erste ist, der sie macht!“
Das änderte aber nichts an der Tatsache, daß Phileas Foggs Anhänger immer spärlicher wurden. Jedermann wurde ihm gram, und zwar nicht ohne Grund; man wollte ihn nur noch nehmen hundertfünfzigfach, zweihundertfach gegen eins. Da vollzog sich am siebenten Tage nach seiner Abfahrt ein Zwischenfall, der ganz England völlig unerwartet kam, und der es zuwege brachte, daß man gar nichts mehr von einem Finanzobjekt Phileas Fogg hören oder sehen wollte.
An diesem Tage nämlich, um 9 Uhr abends, hatte der Londoner Polizeidirektor eine Drahtnachricht folgenden Inhalts bekommen:
Linie Suez-London.
Rowan, Polizeidirektor, Kriminalabteilung,
Scotland Yard.
Bankdieb Phileas Fogg wird von mir gejagt. Sendet ohne Aufschub Haftbefehl nach Bombay (Britisch-Indien).
Detektiv Fix.
Die Wirkung dieses Drahtberichtes kam einer Bombe gleich. Der ehrenwerte Kavalier verschwand, um dem Banknotendieb den Platz zu räumen. Seine im Album des Reform-Klubs befindliche Photographie wurde studiert. Sie stimmte Zug um Zug mit dem Signalement des Menschen überein, den die bisherige Untersuchung als den Verbrecher festgestellt hatte. Man rief sich ins Gedächtnis, daß Phileas Fogg immer ein höchst geheimnisvolles Leben geführt habe, daß er sich immer von allem abgeschlossen hätte, dazu kam seine plötzliche Abreise; kurz, es schien offenbar zu sein, daß dieser Mensch hinter dem Vorwande, eine Reise um die Erde zu machen, und hinter dem Abschluß einer hirnverbrannten Wette keine andere Absicht verfolgt hatte, als die Beamten der englischen Polizei auf eine andere Fährte zu locken.
Sechstes Kapitel,
worin Detektiv Fix eine wohlbegründete und auch rechtschaffene Ungeduld zeigt
Wie sich die Umstände gefügt hatten, unter welchen der Drahtbericht, besagten Herrn Phileas Fogg betreffend, zur Abschickung gelangt war, wird man aus den nachstehenden Zeilen ersehen.
Am Mittwoch, den 9. Oktober, wartete man seit elf Uhr morgens auf die Ankunft des Paketschiffes „Mongolia“ von der Ostindischen Handelsgesellschaft. Die „Mongolia“ war ein Schraubendampfer mit Spardeck, der 2800 Tonnen maß und über eine nominelle Kraft von 500 Pferden gebot. Die „Mongolia“ fuhr ständig zwischen Brindisi und Bombay die Route durch den Suez-Kanal. Sie war eines der geschwindesten Schiffe der Gesellschaft, und hatte die normale Fahrtgeschwindigkeit, also zehn Meilen in der Stunde zwischen Brindisi und Suez und neun Meilen dreiundfünfzig Hundertstel zwischen Suez und Bombay, immer überholt.
Auf die Einfahrt der „Mongolia“ warteten mitten unter der Menschenmenge von Eingeborenen und Ausländern, die in diesem zur großen Stadt gewordenen Dorfe zusammenströmt, der das großartige Werk des Herrn von Lesseps eine bedeutende Rolle für alle Zeiten sichert, zwei Männer die auf dem Hafenkai hin und her gingen.
Der eine dieser beiden Männer war der in Suez bestallte großbritannische Konsularagent, der tagtäglich britische Schiffe auf dieser Wasserstraße fahren sah, die den alten Kurs von England nach Indien ums Kap der guten Hoffnung um die Hälfte abkürzt.
Der andere der beiden Männer war klein und mager, hatte ein ziemlich gescheites und energisches Gesicht und fiel dadurch auf, daß er mit einer merkwürdigen Ausdauer die Augenlider-Muskeln zusammenzog. Durch seine langen Wimpern leuchteten ein Paar höchst lebhafte Augen, deren Feuer er aber sehr geschickt zu dämpfen verstand. In diesem Augenblick gab er auf mehrfache Weise zu erkennen, daß ihn eine hochgradige Unruhe erfüllte. So ging er in einem fort hin und her und war nicht imstande, sich ruhig zu verhalten.
Der Mann hieß Fix und war einer von den Detektiven oder englischen Polizisten, die nach den verschiedenen Hafenplätzen ausgesandt worden waren, sobald man den Diebstahl in der Bank von England entdeckt hatte. Dieser Herr Fix hatte die Weisung bekommen, alle auf der Tour nach Suez begriffenen Reisenden mit höchster Sorgfalt zu überwachen und jeden Verdächtigen bis zum Eintreffen eines Haftbefehles zu internieren.
Genau zwei Tage darauf hatte Fix vom Londoner Polizeidirektor das Signalement des mutmaßlichen Diebes erhalten, welches auf jene vornehme und wohlangesehene Persönlichkeit paßte, die man an der Kassenstelle der Bank von England bemerkt hatte.
Der durch die hohe Prämie, die für die Einlieferung des Diebes ausgesetzt war, offenbar schon stark animierte Polizist sah also der Ankunft der „Mongolia“ mit einer leicht begreiflichen Ungeduld entgegen.
„Sie sagen also, Herr Konsul“, fragte er wenigstens schon zum zehntenmal, „daß das Schiff keine Verspätung haben kann?“
„Nein, Herr Fix“, versetzte der Konsul. „Es ist gestern auf der Höhe von Port Said signalisiert worden, und die hundertsechzig Kilometer des Kanals zählen bei einem solchen Schnellfahrer nichts. Ich wiederhole Ihnen, die ,Mongolia’ hat immer die Prämie von fünfundzwanzig Pfund eingeheimst, die von der Regierung für jede Kürzung an der normalen Fahrzeit von achtzig Stunden ausgezahlt wird.“
„Das Schiff kommt direkt aus Brindisi, wo és die ostindische Post eingenommen hat. Es ist am Sonnabend um fünf Uhr abends von Brindisi abgegangen. Fassen Sie sich also in Geduld, es kann gar keine Verspätung haben. Aber wie Sie mit dem Signalement, das Sie besitzen, Ihren Mann erkennen sollen, wenn er an Bord der ,Mongolia’ ist, das weiß ich allerdings nicht!“
„Verehrter Herr Konsul“, gab Fix zur Antwort, „dergleichen Personen wittert man mehr, als daß man sie erkennt. Witterung muß man besitzen, und Witterung ist ein besonderer Sinn, zu dem sich Gehör, Gesicht und Geruch zusammenfinden. Ich habe in meinem Leben mehr als einen solchen Herrn zur Haft gebracht, und für den Fall, daß mein Spitzbube sich an Bord befindet, mache ich mich anheischig, daß er mir nicht durch die Finger gleiten soll.“
„Ich wünsche es Ihnen, Herr Fix, denn es handelt sich ja um einen ganz ansehnlichen Diebstahl.“
„Um einen großartigen Diebstahl“, gab der in Begeisterung versetzte Detektiv zur Antwort. „Um fünfundfünfzigtausend Pfund! Solche Objekte bekommen wir nicht oft unter die Hände! Die Spitzbuben sinken zu Kleppern herunter. Die Kerle lassen sich jetzt hängen für ein paar lumpige Schillinge!“
„Lieber Herr Fix“, gab der Konsul zur Antwort, „Sie reden auf eine Weise, daß ich Ihnen tatsächlich von Herzen Glück zu Ihrem Beginnen wünsche. Aber ich wiederhole Ihnen: so wie Sie dem Falle gegenüber gestellt sind, wird es Ihnen, wie ich fürchte, schwer werden, Ihre Absicht zu erreichen. Lassen Sie, bitte, nicht außer Acht, daß nach dem Signalement, das Sie bekommen haben, dieser Spitzbube unbedingte Ähnlichkeit mit einem anständigen Menschen hat.“
„Verehrter Herr Konsul“, erwiderte im Ton eines Lehrsatzes der Polizeikommissar, „die großen Spitzbuben sehen immer aus wie anständige Menschen. Sie begreifen doch wohl, daß Leuten, die ein Halunkengesicht haben, gar nichts anders übrig bleibt als die Maske des anständigen Menschen, wenn sie nicht ohne weiters unserem Arm verfallen wollen. Demnach sind gerade diese anständigen Physiognomien immer diejenigen, die von uns in erster Reihe der Musterung unterzogen werden. Ein schwieriges Stück Arbeit, wie ich gern zugebe, bei dem vom Handwerk keine Rede mehr ist, sondern bloß von Kunst.“
Wie man sieht, fehlte es besagtem Herrn Fix durchaus nicht an einer gewissen Dosis Eigenliebe!
Unterdessen wurde es auf dem Kai nach und nach lebendig. Seeleute verschiedener Nationalität, Kaufleute, Makler, Lastträger, Fellachen strömten herbei. Augenscheinlich stand die Einfahrt des Paketdampfers unmittelbar zu erwarten.
Es war ziemlich schönes Wetter, aber kalt. Es herrschte Ostwind. Ein paar Minaretts zeigten über der Stadt ihre Umrisse, beleuchtet von den bleichen Strahlen der Sonne. Nach Süden zu reckte sich ein Damm wie ein Arm nach der Reede von Suez. Auf der Oberfläche des Roten Meeres schaukelten verschiedene Fischer- und Lotsenboote, die in ihrem Bau bisweilen noch das, elegante Bugspriet der Galeere des Altertums zeigten.
Mitten unter dieser Menschheit auf und ab spazierend, prüfte Fix auf Grund einer handwerksmäßigen Gewohnheit mit raschem Blicke jeden, der an ihm vorüberging.
Es war jetzt halb elf geworden.
„Aber das Schiff kommt ja im ganzen Leben nicht“, rief er, als die Hafenuhr schlug.
„Weit kann es nicht mehr sein“, antwortete der Konsul. „Wie lange bleibt es in Suez vor Anker?“
„Vier Stunden. So lange Zeit, wie es braucht, um Kohlen einzunehmen. Von Suez bis Aden am äußersten Ende des Roten Meeres rechnet man dreizehnhundert englische Meilen. In solcher Zeit verbrennt man schon was!“
„Und von Suez geht das Schiff direkt nach Bombay?“
„Direkt, ohne jede Unterbrechung.“
„Hm“, machte Fix, „wenn der Dieb diese Route eingeschlagen hat und auf diesem Schiffe fährt, so muß es in seinem Plan liegen, in Suez sich umzuschiffen, damit er auf anderm Wege die holländischen oder französischen Besitzungen in Asien erreiche. Daß er in Indien, einem britischen Kronlande, nicht sicher sein würde, muß er doch wissen.“
„Wenigstens, wenn er kein ganz schwerer Junge ist“, bemerkte der Konsul — „Sie wissen doch, ein englischer Verbrecher ist immer in London besser verborgen als wenn er sich ins Ausland begibt.“
Nach dieser Äußerung, die dem Polizisten sehr viel zu denken gab, suchte der Konsul seine Kontore auf, die in geringer Entfernung vom Hafenplatz lagen. Der Polizist blieb allein, von nervöser Ungeduld befallen, die aus jenem mehr als seltsamen Vorgefühl entsprang, daß sich sein Mann an Bord der „Mongolia“ befnden müsse — und wirklich, hatte dieser Gauner England in der Absicht verlassen, die neue Welt zu erreichen, so mußte er der Route nach Indien, die weniger scharf kontrolliert wird oder schwieriger kontrollierbar ist, als die Route über den Atlantischen Ozean, den Vorzug gegeben haben.
Fix blieb seinen Gedanken nicht lange überlassen. Scharfe Pfiffe verkündeten die Ankunft des Dampfers. Die ganze Schar von Lastträgern und Fellachen stürzte sich in einem Gewühl auf den Kai, das für die Gliedmaßen und Kleidungsstücke der Passagiere ziemlich beängstigend war. Ein Dutzend von Kähnen stieß vom Ufer ab und steuerte auf die „Mongolia“ zu.
Bald erblickte man den riesenhaften Steven der „Mongolia“, die zwischen den Ufern des Kanals entlang fuhr, und um elf Uhr legte der Dampfer an der Reede an. Mit lautem Getöse schoß sein Dampf zu den Ablaufröhren hinaus.
Es waren ziemlich viel Passagiere an Bord. Manche blieben auf dem Spardeck, um das malerische Panorama zu betrachten, das die Stadt den Blicken bot. Die größere Zahl schiffte sich aber in die Boote ein, die der „Mongolia“ entgegen gefahren waren und bei ihr angelegt hatten.
Fix musterte mit ziemlicher Genauigkeit jeden, der den Fuß ans Land setzte.
In diesem Augenblicke trat einer von den Passagieren, nachdem er mit kräftigem Ruck die Fellachen von sich geschleudert hatte, die ihn mit ihren Dienstleistungen bestürmten, auf ihn zu und richtete mit äußerster Höflichkeit die Frage an ihn, ob er ihm den Weg zu den Kontoren des englischen Konsularagenten zeigen könne. Zu gleicher Zeit hielt ihm der Passagier seinen Paß vor die Augen, den er zweifelsohne auf dem Konsularamte visieren lassen wollte.
Fix nahm den Paß in die Hand und überlas mit einem raschen Blicke das in ihm verzeichnete Signalement.
Eine unwillkürliche Bewegung — das Blatt Papier zitterte in seiner Hand — das in dem Paß verzeichnete Signalement entsprach ganz genau demjenigen, das ihm vom Londoner Polizeidirektor übermittelt worden war.
„Der Paß gehört nicht Ihnen?“ fragte er den Passagier.
„Nein“, versetzte dieser, „meinem Herrn.“
„Und wo ist Ihr Herr?“
„An Bord geblieben.“
„Aber zur Feststellung seiner Persönlichkeit muß sich Ihr Herr doch persönlich im Konsulatsbureau einfinden.“
„So? Ist das notwendig?“
„Es ist unerläßlich!“
„Und wo befinden sich die Konsulatsbureaus?“
„Dort an der Ecke des Platzes“, erwiderte der Kommissar, indem er mit der Hand auf ein etwa zweihundert Schritt entferntes Haus wies.
„Dann muß ich meinen Herrn holen, dem es aber sehr unlieb sein wird, deshalb gestört zu werden.“
Der Passagier verneigte sich hierauf vor Herrn Fix und kehrte an Bord des Dampfers zurück.
Siebentes Kapitel,
das für die Nutzlosigkeit von Pässen als Polizeimaterial von neuem Zeugnis ablegt
Der Polizeikommissar ging nach dem Kai zurück und begab sich eiligst nach dem Konsulatsgebäude. Auf sein dringendes Begehren wurde er dort sogleich vor den Würdenträger Großbritanniens geführt.
„Verehrter Herr Konsul“, schoß er ohne weiteres los — „ich habe allen Grund zu der Annahme, daß sich unser Mann an Bord der ,Mongolia’ befindet.“
Fix erzählte nun, was sich zwischen jenem Lakaien und ihm betreffs des Passes abgespielt hatte.
„Nun, mein lieber Herr Fix“, antwortete der Konsul, „es würde mich ja gar nicht verdrießen, diesem Halunken in die Augen zu sehen. Aber wenn es sich so verhält, wie Sie mutmaßen, so wird er sich vielleicht gar nicht in meinem Bureau sehen lassen. Ein Spitzbube liebt es nicht, Spuren hinter sich zu lassen, und außerdem ist die Formalität des Passvisums gar nicht obligatorisch.“
„Verehrter Herr Konsul“, erwiderte der Polizist, „wenn wir es, wie man doch denken muß, mit einem schweren Jungen zu tun haben, dann wird er kommen!“
„Um seinen Paß visieren zu lassen?“
„Ja. Pässe dienen immer nur dazu, den rechtlichen Menschen zu schikanieren und die Flucht der Gauner zu begünstigen. Ich behaupte, daß der Paß, von dem wir reden, in Ordnung sein wird; aber ich hoffe doch, daß Sie ihm das Visum verweigern werden?“
„Warum denn? Wenn der Paß in Ordnung ist“, antwortete der Konsul, „so habe ich kein Recht, das Visum zu verweigern.“
„Aber, verehrter Herr Konsul! Ich muß den Menschen doch wohl oder übel hier festhalten, bis ich von London einen Haftbefehl bekommen habe.“
„Ach so!“ antwortete der Konsul, „nun, Herr Fix, das ist Ihre Sache! Was mich betrifft, so bin ich außerstande . . .“
Der Konsul vollendete den Satz nicht. Denn im nämlichen Augenblicke wurde an der Tür seines Zimmers geklopft und der Bürodiener führte zwei fremde Herren herein, deren einer der Diener war, der sich mit dem Geheimpolizisten vorher unterhalten hatte.
Der Herr zeigte seinen Paß vor und verknüpfte das Ersuchen damit, der Konsul möchte ihm denselben visieren.
Der Konsul nahm den Paß entgegen und las ihn aufmerksam durch, während Fix aus einem Winkel des Zimmers den Fremden mit den Augen verschlang.
Als der Konsul ausgelesen hatte, fragte er:
„Sie sind Herr Phileas Fogg?“
„Jawohl, mein Herr“, antwortete der Herr.
„Und dieser Mann ist Ihr Diener?“
„Jawohl, Franzose von Geburt, mit Namen Passepartout.“
„Sie kommen aus London?“ — „Jawohl.“
„Und Sie reisen wohin?“
„Nach Bombay.“
„Gut, mein Herr. Es ist Ihnen wohl bekannt, daß die Formalität der Visierung unnütz ist und daß wir lediglich den Vorweis des Passes zu fordern haben?“
„Das weiß ich, Herr Konsul“, antwortete Phileas Fogg. „Doch wünsche ich, meiner Reise über Suez die amtliche Bestätigung durch Ihr Visum verliehen zu sehen.“
„Meinetwegen, mein Herr!“
Der Konsul unterzeichnete den Paß, versah ihn mit dem Tagesstempel und dann mit dem amtlichen Siegel. Herr Fogg überzeugte sich von der Richtigkeit des Visums, verneigte sich kühl und verließ das Büro, sein Lakai hinter ihm her.
„Nun?“ fragte der Kommissar, „was meinen Sie?“
„Ich meine“, erwiderte der Konsul, „daß der Mann vom Scheitel bis zur Sohle aussieht wie ein rechtschaffener, ehrlicher Mensch.“
„Mag sein“, antwortete Fix, „aber darum handelt es sich hier nicht. Finden Sie, verehrter Herr Konsul, daß dieser phlegmatische Kavalier Zug für Zug dem Spitzbuben ähnlich sieht, dessen Signalement ich bekommen habe?“
„Das will ich schon zugeben, aber wie Sie wissen, sind alle Signalements . . .“
„Ich will mir klaren Wein verschaffen“, antwortete Fix. „Der Lakai scheint mir weniger zugeknöpft zu sein als sein Herr. Obendrein ist er Franzose, und als solcher wird er die Zunge wohl nicht zu derb im Zaume halten. Auf Wiedersehen, verehrter Herr Konsul!“
Mit diesen Worten begab sich der Kommissar aus dem Büro und auf die Straße, um Passepartout zu suchen.
Unterdessen hatte sich Herr Fogg vom Konsulatsgebäude aus nach dem Kai begeben. Dort gab er seinem Diener einige Weisungen, dann bestieg er eins der Hafenboote, fuhr an Bord der „Mongolia“ zurück und setzte sich dort wieder in seine Kabine. Dann nahm er sein Notizbuch aus der Tasche, das die folgenden Notizen enthielt:
„London Abreise am Mittwoch, den 2. Oktober, 8 Uhr 45 Minuten nachmittags.“
„Paris Ankunft Donnerstag, 7 Uhr 20 Minuten vormittags.“
„Paris Abfahrt 8 Uhr 40 Minuten vormittags.“
„Turin Ankunft durch Mont Cenis-Tunnel, Freitag, 4. Oktober, 6 Uhr 35 Minuten vormittags.“
„Turin Abfahrt Freitag, 7 Uhr 20 Minuten vormittags.“
„Brindisi Ankunft Sonnabend, 5. Oktober, 4 Uhr nachmittags.“
„Einschiffung auf der „Mongolia“ Sonnabend, 5 Uhr nachmittags.“
„Ankunft in Suez Mittwoch, 9. Oktober, 11 Uhr vormittags.“
„Gesamtverbrauch an Stunden: 158½, in Tagen: 6½.“
Herr Fogg verzeichnete diese Daten in einem Reisetagebuch, das in Spalten eingeteilt war und vom 2. Oktober bis zum 21. Dezember den Monat, die Woche, den Tag, die Ankunftszeit nach dem Fahrplan, und wie sie tatsächlich erfolgt war, an jeder hauptsächlichen Station, also in Paris, Brindisi, Suez, Bombay, Kalkutta, Singapore, Hongkong, Yokohama, San Franzisko, New York, Liverpool, London, und den Vermerk über den erzielten Gewinn oder den erlittenen Verlust bei jeder zurückgelegten Fahrstrecke ermöglichte.
Dieses Reisetagebuch gab also über alles genaue Rechenschaft, und Herr Fogg wußte immer, ob er im Vorteil oder im Nachteil mit seiner Zeit sei.
An diesem Tage, Mittwoch, den 9. Oktober, verbuchte er seine Ankunft in Suez, die in Übereinstimmung stand mit der fahrplanmäßigen Zeit und für ihn weder einen Gewinn noch einen Verlust brachte.
Dann ließ er sich zum Frühstück in seiner Kabine decken. Daran, die Stadt zu besichtigen, dachte er nicht einmal, denn er gehörte zu jenem Schlage von Engländern, welche das Land, das sie bereisen, durch ihren Lakai in Augenschein nehmen lassen.
Achtes Kapitel,
worin Passepartout vielleicht ein bißchen mehr redet als recht sein dürfte
Fix hatte Passepartout, der umherspazierte und sich umsah, da er keinerlei Verpflichtung im Herzen fühlte, aufs Sehen zu verzichten, binnen wenigen Augenblicken eingeholt.
„Nun, lieber Freund“, sprach Fix ihn an, „ist Ihr Paß schon visiert?“
„Ach, Sie sinds, mein Herr?“ antwortete der Franzose. „Sehr zu Dank verpflichtet. Wir sind vollkommen im Reinen.“
„Und nun sehen Sie sich Land und Gegend ein bißchen an?“
„Jawohl! Aber wir fahren so geschwind, daß es mir zu mute ist, als ob ich im Traume reise. Also in Suez sind wir zur Zeit?“
„In Suez — jawohl!“
„In Ägypten?“
„In Ägypten — sehr richtig.“
„Also in Afrika?“
„Jawohl! In Afrika!“
„In Afrika!“ wiederholte Passepartout. „Daran kann ich gar nicht glauben. Stellen Sie sich vor, mein Herr, daß ich in dem Wahne lebte, die Reise werde nicht weiter gehen als bis nach Paris, und daß ich diese berühmte Residenzstadt netto von 7 Uhr 20 Minuten vormittags bis 8 Uhr 40 Minuten wieder gesehen habe und zwar auf der Strecke zwischen dem Nordbahnhof und dem Lyoner Bahnhof durch die Fensterscheiben einer Droschke und bei klatschendem Regen. Das tut mir in der Seele weh! Ich hätte so gern den Père Lachaise einmal besucht und wäre auch gern einmal in den Cirkus auf den Champs-Elysees gegangen!“
„Sie haben es also recht eilig?“ fragte der Polizeikommissar.
„Ich ganz und gar nicht, wohl aber mein Herr. Ach, mir fällt ein, ich muß ja Socken und Hemden einkaufen! Wir sind ohne Koffer abgereist, bloß mit einem Nachtsack ausgestattet.“
„Ich will Sie in einen Basar führen, wo Sie alles Notwendige finden werden.“
„Aber, lieber Herr“, antwortete Passepartout, „Sie sind wirklich allzu liebenswürdig!“
Sie machten sich zusammen auf den Weg. Passepartout schwatzte in einem fort.
„Daß es mir vor allen Dingen bloß nicht passiert, die Abfahrtszeit zu verpassen.“
„Sie haben Zeit“, antwortete Fix, „denn es ist kaum erst Mittag.“
Passepartout zog seine mächtige Uhr aus der Tasche.
„Mittag?“ sagte er! „Ach, reden Sie doch nicht! Es fehlen noch gerade acht Minuten an zehn Uhr!“
„Ihre Uhr geht nach!“ antwortete Fix.
„Meine Uhr nachgehen?“ rief Passepartout. „Ein Erbstück in meiner Familie, das noch von meinem Urgroßvater herstammt! Sie differiert um keine fünf Minuten im ganzen Jahr. Die Uhr ist ganz einfach der richtige Chronometer!“
„Ich merke schon, woran es liegt“, erklärte Fix. „Sie haben noch Londoner Zeit, die um ungefähr zwei Stunden mit Suez differiert. Sie müssen doch Ihre Uhr in jedem Lande nach der Mittagszeit richten.“
„Ich und meine Uhr richten!“ rief Passepartout — „niemals in meinem Leben!“
„Nun, dann wird sie eben nicht mehr mit der Sonne im Einklang stehen.“
„Um so schlimmer für die Sonne, mein Herr! Denn sie wird allemal im Unrecht sein!“
Und mit einer majestätischen Gebärde schob der brave Bursche seine Uhr in seine Westentasche. Ein paar Augenblicke nachher fragte ihn Fix:
„Sie sind also schleunigst aus London abgereist?“
„Das soll wohl stimmen! Letzten Mittwoch um 8 Uhr abends kam Herr Fogg allen seinen Gewohnheiten zuwider aus seinem Klub nach Hause und dreiviertel Stunden später waren wir schon unterwegs.“
„Aber wohin reist denn Ihr Herr?“
„Immer geradeaus! Eine Reise um die Erde!“
„Eine Reise um die Erde!“ schrie Fix.
„Jawohl, in achtzig Tagen! Eine Wette, sagte er, aber unter uns gesagt, ich glaube nicht recht daran. Das hätte ja gar keinen Sinn. Die Sache hängt anders zusammen.“
„Ach! Also wohl ein Original, der Herr Fogg.“
„Glaube, ja.“
„Ist wohl sehr reich?“
„Allem Anschein nach! Wenigstens schleppt er eine stattliche Summe in Banknoten mit! Und von Geldsparen unterwegs ist keine Rede! Hören Sie bloß! Er hat dem Maschinenführer der ,Mongolia’ eine großartige Prämie zugesichert, wenn wir mit einem erklecklichen Vorsprung in Bombay anlegen.“
„Sie kennen Ihren Herrn schon lange?“
„Ich?“ versetzte Passepartout — „nicht im geringsten! Bin ich doch erst am Tage unserer Abreise bei ihm eingetreten!“
Man wird sich den Eindruck leicht vorstellen können, den diese Antworten auf den schon überreizten Geist des Polizeikommissars ausüben mußten.
Diese beschleunigte Abreise aus London, und zwar kurze Zeit nach dem Diebstahl, die große Summe, die der Herr dieses Lakaien mit sich schleppte, die Eile, in weitab gelegene Länder zu gelangen, der Vorwand einer verrückten Wette, dies alles bekräftigte Fix in seinen Vorstellungen. Er ließ den Franzosen weiter schwatzen und erlangte die Gewißheit, daß dieser Diener seinen Herrn ganz und gar nicht kannte, daß dieser Herr abgeschlossen von der Welt in London lebte, daß er in dem Rufe stand reich zu sein, ohne daß jemand wußte, woher sein Vermögen stammte, daß es ein unnahbarer und undurchdringlicher Mensch sei, und so weiter. Aber gleichzeitig konnte es Fix auch für gewiß annehmen, daß Phileas Fogg sich in Suez nicht ausschiffte, sondern tatsächlich nach Bombay fuhr.
„Ist’s weit bis Bombay?“ fragte Passepartout.
„Ziemlich weit“, erwiderte der Polizist. „Vierzehn Tage ungefähr werden Sie noch auf dem Meere sein müssen.“
„Und wo liegt Bombay?“
„In Indien.“
„Also Asien?“
„Natürlich.“
„Teufel auch! Was ich Ihnen noch sagen möchte . . . eine Sache quält mich scheußlich . . . meine Gasflamme!“
„Welche Gasflamme denn?“
„Meine Gasflamme, die ich abzudrehen vergessen habe und die nun für meine Rechnung zu Hause brennt. Ich habe schon ausgerechnet, daß sie mich achtzig Stunden lang zwei Schilling kostet — gerade sechs Pence mehr als ich verdiene — und Sie sehen doch ein, daß je länger die Reise dauert . . .“
Ob Fix diese Gasangelegenheit begriff? Das ist nur wenig wahrscheinlich. Er hörte kein Wort mehr, sondern faßte einen Entschluß. Der Franzose war mit ihm bis zum Basar gelangt. Fix ließ seinen Kameraden seine Einkäufe dort machen, legte ihm noch ans Herz, die Abfahrt der „Mongolia“ nicht zu vergessen, und verfügte sich eiligst zurück nach den Kontoren des Konsular-Agenten.
Fix war nun vollständig zur Überzeugung gelangt und hatte seine ganze Kaltblütigkeit wieder gewonnen.
„Verehrter Herr Konsul“, sagte er dort, „bei mir ist nunmehr jeder Zweifel ausgeschlossen. Ich habe meinen Mann. Er spielt sich als exzentrischen Menschen auf, der in achtzig Tagen die Reise um die Erde machen will.“
„Also ist es ein böser Schlingel“, versetzte der Konsul, „der mit der Absicht umgeht, wieder nach London zurückzukehren, wenn es ihm gelungen ist, alle Polizisten der beiden Kontinente auf eine falsche Fährte zu locken!“
„Nun, das wollen wir doch mal erst sehen!“ antwortete Fix.
„Aber befinden Sie sich auch nicht im Irrtum?“ fragte der Konsul noch einmal.
„Ich befinde mich in keinem Irrtum.“
„Warum hat aber dieser Spitzbube darauf bestanden, daß ihm seine Reise nach Suez durch ein Visum amtlich bestätigt wurde?“
„Warum? . . . das weiß ich allerdings nicht, verehrter Herr Konsul“, gab der Detektiv zur Antwort, „aber hören Sie, bitte, was ich sage . . .“
Mit wenigen Worten erzählte er nun die wichtigsten Punkte aus der Unterhaltung, die er mit dem Lakaien des sogenannten Fogg geführt hatte.
„Allerdings sprechen alle Vermutungen wider diesen Mann“, sagte der Konsul. „Wie gedenken Sie zu verfahren?“
„Ich telegraphiere nach London, mir einen Haftbefehl nach Bombay zu senden, schiffe mich auf der „Mongolia“ ein, halte mich meinem Gauner bis nach Indien auf den Fersen, lasse ihn dort, auf englischem Boden, ganz ruhig landen und nehme ihn dann, mit meinem Haftbefehl in der Hand, am Schlaffittchen.“
Nach diesen mit kaltem Vorbedacht gesprochenen Worten verabschiedete sich der Polizist von dem Konsul und begab sich nach dem Telegraphenbüro. Dort drahtete er an den Londoner Polizeidirektor jene dem Leser bekannte Depesche.
Eine Viertelstunde später schiffte sich Fix, mit seinem leichten Reisegepäck in der Hand, an Bord der „Mongolia“ ein, und bald schoß der flinke Dampfer mit Volldampf über die Fluten des Roten Meeres.
Neuntes Kapitel,
worin sich sowohl das Rote Meer wie auch der Indische Ozean den Absichten Phileas Foggs günstig erweisen
Die Entfernung zwischen Suez und Aden beträgt genau 1310 Meilen, und das Logbuch der Dampfschiffahrtsgesellschaft räumt den Paketdampfern einen Zeitverbrauch von 138 Stunden ein zur Durchkreuzung dieser Strecke. Die „Mongolia“ fuhr mit gesteigertem Dampf; ihr Maschinenführer wollte sich die von Herrn Phileas Fogg ausgesetzte Prämie dadurch verdienen, daß er vor der fahrplanmäßigen Ankunft in den Hafen von Bombay einfuhr.
Das Reiseziel der meisten in Brindisi eingeschifften Passagiere war Ostindien. Die einen begaben sich nach Bombay, die anderen nach Kalkutta, denn seitdem ein Schienenstrang die ostindische Halbinsel in ihrer ganzen Breite durchschneidet, hat man es nicht mehr nötig, um die Spitze von Ceylon zu segeln.
Unter diesen Passagieren der „Mongolia“ befanden sich verschiedene bürgerliche und militärische Würdenträger. Alle befanden sich im Besitze vorzüglicher Einkünfte. Man lebte an Bord der „Mongolia“ in dieser Gesellschaft von Würdenträgern ganz famos, zumal sich zu ihnen verschiedene junge Engländer gesellten, die sich im fernen Lande als Kaufleute niederzulassen gedachten. Beim Dejeuner früh morgens, beim Lunch um 2 Uhr, beim Diner um halb 6 Uhr, beim Souper um 8 Uhr, bogen sich die Tafeln förmlich unter den Schüsseln mit frischem Fleisch und den vielen Zwischenspeisen. Die Damen erschienen zweimal am Tage in neuer Toilette. Es wurde musiziert und sogar getanzt, wenn es das Meer erlaubte.
Das Rote Meer ist aber voller Launen und Tücken und nur allzuoft sehr ungastlich. Wenn der Wind von der asiatischen und ebenso, wenn er von der afrikanischen Küste blies, wurde die „Mongolia“ in der Quere gefaßt und schlingerte ganz entsetzlich. Dann verschwanden die Damen, die Pianinos verstummten, Gesang und Tanz hörten auf. Und doch lief die „Mongolia“ ungeachtet aller Hindernisse, von ihrer mächtigen Maschine getrieben, ohne Verspätung in die Meerenge von Bab-el-Mandeb ein.
Was trieb nun Phileas Fogg in dieser ganzen Zeit?
Der Gedanke läge nahe, daß er, in einem fort von Angst und Unruhe verfolgt, für weiter nichts Sinn gehabt hätte als für den Wechsel gefahrvoller, die Fahrtgeschwindigkeit beeinträchtigender Winde, für Störungen im Maschinenwerk oder für allerhand sonstige Zufälle von Havarien, wodurch die „Mongolia“ gezwungen würde, in einem Hafen anzulaufen, und seine ganze Weltreise in Frage gestellt werden könnte.
Sichtbar werden ließ es der eigentümliche Herr nicht, wenn ihn solche Gedanken beschäftigten. Er zeigte sich immer gleichgültig, als jenes unnahbare und undurchdringliche Mitglied des Reform-Klubs, das sich durch keinen Zufall überraschen ließ. Es schien, als sei er ebensowenig zu erschüttern oder auch nur zu beeinflussen wie die an Bord befindlichen Chronometer. Er zeigte sich nur selten auf Deck. Er scherte sich sehr wenig darum, dieses an Erinnerungen so überreiche Rote Meer, den Schauplatz der ersten geschichtlichen Vorgänge des Menschengeschlechts zu betrachten. Es fiel ihm nicht ein, sich mit den denkwürdigen Städten zu befassen, die an seinen Ufern erbaut sind und deren malerischer Schattenriß sich am Horizont abhob. Er ließ sich nicht das geringste träumen von den Gefahren des Arabischen Meerbusens, von denen die Geschichtsschreiber des Altertums, Strabo, Arrianus, Artemidoros und Edrisi immer mit Grausen erzählt haben, und auf den sich kein Schiffer jemals wagte, ohne für sein Seelenheil zuvor die äußerste Fürsorge getroffen zu haben.
Womit beschäftigte sich nun dieses in der „Mongolia“ gleichsam gefangen sitzende Original von Menschenkind? Er nahm seine vier Mahlzeiten im Laufe des Tages ein, ohne daß weder das Schlingern des Schiffskörpers noch das Getöse der Schiffsmaschinerie ein so vorzüglich organisiertes Uhrwerk auch nur im geringsten zu erschüttern vermochte. Sodann spielte er Whist.
Er hatte Mitspieler gefunden, die ganz ebenso erpicht auf dieses Spiel waren wie er; es befanden sich darunter ein Steuereinnehmer, der sich nach Goa auf seinen Posten begab, ferner ein Geistlicher Ehrwürden Decimus Smith, auf der Rückfahrt nach Bombay begriffen, und ein Brigadier-General, der zu seinem Truppenteil nach Benares zurückkehrte. Diese drei Passagiere hatten für das Whistspiel die gleiche Leidenschaft wie Herr Phileas Fogg, und sie saßen und spielten ganze Stunden lang genau so schweigsam und still wie er.
Passepartout hatte die Seekrankheit vollständig verschont. Er bewohnte eine Kabine im Vordersteven und beobachtete bei seinen Mahlzeiten die höchste Gewissenhaftigkeit. Diese Art zu reisen mißfiel ihm ganz und gar nicht. Er fand sich im Gegenteil sehr gut mit ihr ab. Er hatte sein feines Essen, sein gutes Quartier. Er sah Länder und Leute und wiegte sich im übrigen in der Hoffnung, daß diese ganze Grille in Bombay ihr Ende finden werde.
Am Vormittag nach der Abfahrt von Suez, am 29. Oktober, traf er nicht ohne ein gewisses Vergnügen seinerseits, auf Deck mit der liebenswürdigen Persönlichkeit zusammen, bei der er sich bei der Landung in Ägypten nach dem britischen Konsulatsgebäude erkundigt hatte.
„Ich irre mich also nicht?“ redete er mit seinem liebenswürdigsten Lächeln den Herrn an. — „Sie sind es also wirklich, verehrter Herr? Derselbe gütige Herr, der mir in Suez so bereitwillig als Cicerone gedient hat?“
„Allerdings“, antwortete der Detektiv, „der bin ich, und auch ich erkenne Sie wieder! Sie sind der Diener jenes englischen Sonderlings . . .“
„Stimmt, mein Herr! Stimmt! Ihr Name, mein Herr?“ „Fix.“
„Herr Fix“, antwortete Passepartout. „Ich bin entzückt, Sie an Bord wieder zu treffen. Aber wohin reisen denn Sie?“
„Dorthin, wohin Sie reisen — nach Bombay!“
„Das trifft sich ja immer besser! Haben Sie diese Tour schon einmal gemacht?“
„Schon hundertmal“, versetzte Fix. „Bin ja Agent der Ostindischen Handelskompagnie.“
„Also kennen Sie Indien?“
„Versteht sich!“ antwortete Fix, der sich aber nicht allzuweit hinauswagen mochte.
„Wohl ein recht merkwürdiges Land, dieses Indien?“
„Äußerst merkwürdig! Moscheen, Minaretts, Tempel, Fakire, Pagoden, Tiger, Schlangen, Bajaderen! Aber Sie haben hoffentlich Zeit, sich Land und Leute anzusehen?“
„Hoffentlich, Herr Fix. Sie begreifen doch, daß es für einen Menschen mit gesundem Verstand keine Sache ist, aus einem Dampfer in einen Bahnwagen und aus einem Bahnwagen in einen Dampfer zu springen unter dem Vorwande, die Reise um die Erde in achtzig Tagen zu machen! Nein! Diese ganze Turnübung wird in Bombay ihr Ende finden — wie wir gar nicht zu bezweifeln brauchen.“
„Und Herr Fogg befindet sich doch wohl?“ fragte Fix im natürlichsten Tone, dessen er fähig war.
„Ganz ausgezeichnet sogar, Herr Fix! Mir fehlt übrigens auch nichts. Ich esse wie ein Türke, der noch nüchtern ist. Das macht die Meeresluft.“
„Aber man sieht ja Ihren Herrn niemals auf Deck?“
„Niemals. Neugierig ist er nun mal nicht.“
„Wissen Sie, Herr Passepartout, hinter dieser vorgeschobenen Reise könnte doch am Ende irgendeine geheime Mission stecken? Vielleicht diplomatischer Natur?“
„Meiner Treu, Herr Fix, von dergleichen weiß ich nicht das mindeste, wie ich Ihnen offen gestehe! Im Grunde gebe ich auch keine fünfzig Pfennig dafür, um es zu erfahren.“
Seit dieser Begegnung fanden sich Passepartout und Fix oft zu einem Plauderstündchen zusammen. Dem Polizisten lag daran, sich mit Herrn Foggs Lakaien gut zu stehen. Hieraus konnte er gelegentlich viel profitieren. Er spendierte ihm deshalb oft in der Bar der „Mongolia“ ein paar Whisky oder ein Gläschen Doppelbier, was der wackere Gesell ohne Umstände annahm, hin und wieder sogar, um sich nicht ausstechen zu lassen, auch erwiderte. Natürlich ergab sich hieraus, daß Passepartout in diesem Herrn Fix einen sehr netten und gemütlichen Kameraden erblickte.
Unterdessen dampfte das Paketschiff mit unheimlicher Geschwindigkeit weiter. Am 13. wurde Moka sichtbar in seinem Gürtel von zerfallenen Mauern, über denen sich grüne Dattelbäume erhoben. In der Ferne dehnten sich, umschlossen von Gebirgen, ungeheure Kaffeeplantagen. Passepartout war entzückt über den Anblick dieser berühmten Stadt und fand bald heraus, daß sie mit ihren kreisförmigen Mauern und einem zerstörten Fort, das einem Henkel nicht unähnlich sah, den Eindruck einer riesigen Kaffeetasse hervorrufe.
In der nächsten Nacht passierte die „Mongolia“ die Meerenge von Bab-el-Mandeb — ein arabischer Name, der auf deutsch „Tränentor“ bedeutet — und am andern Vormittag, den 14. Oktober, ging die „Mongolia“ auf der nordwestlichen Reede von Aden vor Anker. Dort mußte sie Kohlen einnehmen.
Die „Mongolia“ hatte noch 1650 Meilen bis Bombay zu fahren und mußte vier Stunden liegen, ehe sie ihren Bedarf an Kohlen gedeckt hatte. Dieser Aufenthalt war im Foggschen Programm vorgesehen. Die „Mongolia“ ging übrigens statt erst am 15. Oktober vormittags, schon am 14. Oktober nachmittags in Aden vor Anker, hatte also volle fünfzehn Stunden Vorsprung gewonnen.
Herr Fogg begab sich mit seinem Diener ans Land. Er wollte seinen Paß visieren lassen. Fix folgte ihm, ohne daß es bemerkt wurde. Sobald die Formalität erfüllt war, begab sich Phileas Fogg wieder an Bord, um seine unterbrochene Partie weiter zu spielen.
Passepartout bummelte seiner Gewohnheit gemäß mitten unter der Adener Mischbevölkerung, die sich aus Somali, Banianen, Parsen, Juden, Arabern, Europäern zusammensetzt und etwa 25.000 Köpfe zählen mag. Er bewunderte die Festungswerke, die aus diesem Platze das Gibraltar des Indischen Ozeans gemacht haben, und jene großartigen Zisternen, an denen noch heute, zweitausend Jahre nach den Bauleuten des Königs Salomo, englische Ingenieure arbeiten.
„Äußerst merkwürdig! Äußerst merkwürdig!“ sprach Passepartout bei sich, als er an Bord zurückkehrte. „Ich merke langsam, daß es doch nicht so unnütz ist zu reisen, wenn man etwas neues sehen will.“
Um 6 Uhr nachmittags setzte die „Mongolia“ ihre Schraubenräder in Bewegung und peitschte die Fluten der Reede von Aden, um in den Indischen Ozean hinauszusteuern. Um die Fahrt von Aden nach Bombay zu bewerkstelligen, stand die Zeit von 68 Stunden zu Gebote. Der Indische Ozean war gnädig gestimmt. Der Wind stand auf Nordwest. Die Segel kamen dem Dampfer zu Hilfe. Das Schiff schlingerte nicht mehr so stark, Die Damenwelt zeigte sich wieder auf Deck. Gesang und Tanz huben wieder an. Die Reise vollzog sich also unter den besten Bedingungen. Passepartout war entzückt über den liebenswürdigen Kameraden, den ihm der Zufall in der Person des Herrn Fix in den Schoß geworfen hatte.
Am Sonntag, den 20. Oktober, um die Mittagszeit herum, sichtete man die indische Küste. Zwei Stunden später stieg der Lotse an Bord der „Mongolia“. Am Horizont zeigten sich mäßig hohe Hügel. Bald kamen Palmenreihen, welche die Stadt umschließen, schärfer in Sicht. Der Dampfer fuhr in die Reede hinein, die von den Inseln Salcette, Colaba, Elephanta und Butcher gebildet wird, und legte um halb fünf Uhr an den Kais von Bombay an.
Phileas Fogg spielte gerade den 33. Robber des Tages und endigte im Verein mit seinem Partner, dank kühnem Manöver, nachdem er die dreizehn Stiche gemacht, diese herrliche Ozeanfahrt mit einem bewunderungswürdigen Schlemm.
Die „Mongolia“ sollte erst am 22. Oktober in Bombay einlaufen. Sie ging aber schon am 20. Oktober dort vor Anker. Das machte also für Phileas Fogg seit der Abreise von London einen Vorsprung aus von zwei ganzen Tagen.
Phileas Fogg vermerkte diese Tatsache mit methodischer Gewissenhaftigkeit in seinem Reisetagebuch in der Gewinnspalte.
Zehntes Kapitel,
worin Passepartout sich mehr als glücklich schätzt, mit dem Verlust von Schuhen und Strümpfen aus einer Patsche zu kommen
Es ist wohl jedermann bekannt, daß Indien — dies große umgekehrte Dreieck, dessen Grundlinie im Norden und dessen Spitze im Süden liegt — eine Oberfläche von 1,400.000 Quadratmeilen umfaßt, über die in ungleichmäßiger Verteilung eine Bevölkerung von 180 Millionen Menschen verbreitet ist. Die großbritannische Regierung übt über einen gewissen Teil dieses unermeßlichen Landes eine Vorherrschaft aus. Sie unterhält in Kalkutta einen Generalgouverneur und in Agra einen Gouverneur-Stellvertreter.
Aber das eigentliche Britisch-Indien gebietet nur über eine Oberfläche von 700 Tausend Quadratmeilen und über eine Bevölkerung von 100 bis 110 Millionen Einwohnern. Ein beträchtlicher Teil des Gesamtgebietes entzieht sich noch heute der Herrschaft der Königin, und bei gewissen wilden und blutdürstigen Rajahs im Innern besteht die Hindu-Unabhängigkeit noch im unbeschränkten Maße.
Seit 1756 — dem Jahre, in welchem die erste englische Niederlassung auf dem heute von der Stadt Madras bedeckten Landgebiet gegründet wurde — bis zu jenem Jahre, in dem der große Aufstand der Sipois losbrach, war die berühmte Ostindische Handelsgesellschaft allmächtig. Sie annektierte allmählich die verschiedenen Provinzen, indem sie sie den Rajahs gegen Zusicherung einer Jahresrente abkaufte, die sie nur zum geringen Teil oder gar nicht bezahlte. Sie ernannte ihren Generalgouverneur und alle demselben unterstehenden Zivil- und Militärbehörden. Jetzt aber besteht sie nicht mehr, und die großbritannischen Besitzungen in Indien sind direkt abhängig von der Krone Englands.
Von Tag zu Tag gewinnen auch Sitten und Gebräuche sowie das ganze Aussehen und die ethnographischen Scheidungen der Halbinsel einen der europäischen Kultur entsprechenden Charakter. Ehedem reiste man mit allerhand altertümlichen Transportmitteln, zu Fuß, zu Pferde, im Karren, im Wagen, in der Sänfte, auf Menschenrücken. Heute befahren Dampfboote mit großer Fahrgeschwindigkeit den Indus und Ganges, und eine Eisenbahn, die mit zahlreichen Abzweigungen auf ihrer Strecke ganz Indien in seiner vollen Breite durchschneidet, führt den Reisenden in drei Tagen von Bombay nach Kalkutta.
Die Linie dieser Eisenbahn folgt nicht der geraden Linie durch Indien. Die Entfernung im Vogelflug beträgt bloß 1000 bis 1100 Meilen, und ein Bahnzug mit einer bloß mittleren Geschwindigkeit würde kaum drei Tage für die Strecke brauchen, aber die Entfernung wird um wenigstens ein Drittel vergrößert durch die Kurve, welche die Bahn im Norden der Halbinsel bis Allahabad beschreibt.
Um halb 5 Uhr nachmittags waren die Passagiere der „Mongolia“ in Bombay ans Land gegangen, und der Zug nach Kalkutta ging genau um 8 Uhr ab.
Herr Fogg verabschiedete sich deshalb von seinen Spielkameraden, verließ das Dampfschiff, gab seinem Lakaien Auftrag zu einigen Einkäufen, empfahl ihm ausdrücklich, vor 8 Uhr sich auf dem Bahnhof einzufinden, und begab sich mit seinem taktmäßigen Schritt, der gleich dem Pendel einer astronomischen Uhr die Sekunde anschlug, nach der Paßkanzlei.
Es fiel ihm nicht ein, sich die Wunderwerke von Bombay anzusehen: weder das Rathaus, noch die prachtvolle Bibliothek, noch die Forts, noch die Docks, noch den Baumwollmarkt, noch die Basare, noch die Moscheen, noch die Synagogen, noch die armenischen Kirchen, noch die prachtvolle, mit zwei viereckigen Türmen geschmückte Pagode auf dem Malabar-Hügel. Auch von allem andern mochte er nichts hören und sehen, weder von den Kolossalbauten von Elephanta, noch von seinen im südöstlichen Teile der Reede versteckt liegenden Hypogäen, noch von den Grotten Kanherie auf der Insel Salcette, jenen bewunderungswürdigen Überresten der buddhistischen Baukunst.
Phileas Fogg begab sich von der Paßkanzlei nach dem Bahnhof und ließ sich dort sein Essen vorsetzen. Unter andern Gerichten glaubte ihm der Hotelbesitzer ein Ragout von ostindischen Hasen empfehlen zu sollen, von dessen Wohlgeschmack er Wunderdinge zu erzählen wußte.
Phileas Fogg bestellte eine Portion von dem Ragout und kostete es gewissenhaft. Trotz der stark gewürzten Sauce fand er den Geschmack aber ganz abscheulich. Er klingelte dem Hotelwirt.
„Das soll also Hase sein, Herr Wirt?“ fragte er und maß ihn dabei mit scharfen Blicken.
„Jawohl, Mylord“, versetzte der Patron frech, „von Dschungelhasen!“
„Und miaut hat der Hase wirklich nicht, als er geschlachtet wurde?“
„Miaut? Aber Mylord, ein Hase! Ich gebe Ihnen die heilige Versicherung . . .“
„Herr Wirt“, versetzte Herr Fogg kühl, „sparen Sie sich Ihre heilige Versicherung und lassen Sie sich folgendes gesagt sein: ehemals wurden die Katzen in Indien als heilige Tiere angesehen — das war die gute alte Zeit —“
„Für die Katzen, Mylord?“
„Vielleicht auch für die Reisenden!“ Nach dieser Bemerkung widmete sich Herr Fogg wieder seinem Diner.
Wenige Augenblicke nach Herrn Fogg hatte auch Fix die „Mongolia“ verlassen und war aufs Polizeibüro von Bombay gelaufen. Er gab sich als Geheimpolizist zu erkennen, dem die Aufgabe zugefallen sei, den berüchtigten Urheber des letzten Riesen-Bankdiebstahls dingfest zu machen. Er schilderte die Lage, in der er sich dem mutmaßlichen Diebe gegenüber befand. War in Bombay schon ein Haftbefehl von London eingelaufen? . . . Es war noch nichts da! . . . Und da der Haftbefehl doch erst nach Fogg abgegangen war, so konnte er auch tatsächlich noch nicht zur Stelle sein!
Fix blieb in völliger Ratlosigkeit stehen. Er wollte vom Polizeidirektor einen Haftbefehl gegen Herrn Fogg haben. Der Polizeidirektor weigerte sich, diesem Ansinnen zu entsprechen. Die Sache ginge nur die Londoner Polizei an, und bloß diese könne einen gesetzlich gültigen Haftbefehl erlassen. Diese Prinzipienreiterei, diese strenge Observanz der Gesetzlichkeit erklärt sich sattsam aus den englischen Sitten, die hinsichtlich der persönlichen Freiheit keinen Einspruch leiden.
Fix beharrte nicht auf seinem Ansinnen und sah ein, daß er sich darein schicken mußte, auf das Eintreffen des Haftbefehls zu warten. Aber er nahm sich fest vor, seinen undurchdringlichen Gauner nicht aus den Augen zu lassen während der ganzen Zeit, die derselbe in Bombay verweilen würde. Daß Phileas Fogg in Bombay Aufenthalt nehmen werde, daran zweifelte er nicht — und wie der Leser weiß, war dies auch Passepartouts Überzeugung — mithin blieb ja noch Zeit, um den Haftbefehl rechtzeitig zu bekommen.
Aber Passepartout hatte seit den letzten Befehlen, die ihm sein Herr beim Verlassen der „Mongolia“ gegeben hatte, sattsam begreifen gelernt, daß es ihm in Bombay genau so ergehen würde wie in Suez und wie in Paris, daß die Reise ihr Ende noch nicht hier finden werde, daß sie zum wenigsten noch bis Kalkutta gehen werde, wenn nicht am Ende noch weiter. Er fing alsbald an, sich mit der Frage zu befassen, ob es mit dieser Wette des Herrn Fogg nicht doch ein grimmiger Ernst sei und ob ihn das Schicksal nicht doch am Ende dazu ausersehen hätte — ihn, der sich so mit allen Fasern nach einem ruhigen Leben sehnte, die Reise um die Erde in achtzig Tagen zurückzulegen!
Mittlerweile hatte er aber seine Einkäufe — einige Paar Hemden und Strümpfe — besorgt und flanierte in den Straßen von Bombay. Es herrschte eine wahre Völkerwanderung; mitten unter Europäern aller Nationen Perser mit spitzen Mützen, Bunhyas mit runden Turbanen, Sindhs mit viereckigen Mützen, Armenier in langen Gewändern, Parsen mit schwarzer Mitra. Es wurde gerade ein religiöses Fest dieser Parsen oder Ghebern gefeiert — diesen direkten Nachkommen der Anhänger Zoroasters, die die fleißigsten, kultiviertesten, gescheitesten und sittenstrengsten von allen Hindus sind und zu denen gegenwärtig auch die reichen eingeborenen Kaufleute Bombays gehören. Das Fest, das sie feierten, war eine Art religiösen Karnevals mit Bittgängen und weltlichen Zerstreuungen, bei welch letzteren Bajaderen, in rosa Gazegewänder gekleidet, die mit Gold- und Silberstikkereien überladen waren, nach einer aus Pfeifen und Trommeln bestehenden Musik wunderliebliche Tänze aufführten.
Wenn Passepartout sich diese wunderlichen Zeremonien ansah, wenn sich Augen und Ohren, um zu sehen und zu hören, bei ihm weit öffneten, wenn sein Wesen und sein Gesichtsausdruck durchaus dem eines Grünhorns entsprachen, wie man es sich neubackner nicht vorstellen kann, so braucht das hier nicht besonders festgestellt zu werden.
Zum Unglück aber für ihn und für seinen Herrn, dessen ganze Reise er auf diese Weise in Gefahr zu setzen, drohte, riß ihn seine Neugierde weiter als gut war.
Nachdem er sich diesen parsischen Karneval angesehen hatte, machte er sich auf den Weg nach dem Bahnhofe, bekam aber, als ihn sein Weg an der wunderbaren Pagode auf dem Malabar-Hügel vorbeiführte, den unglücklichen Einfall, sich das Innere derselben anzusehen.
Es war ihm zweierlei nicht bekannt: 1. daß Christen das Betreten gewisser indischer Pagoden ausdrücklich untersagt ist, und 2. daß selbst die Gläubigen in keine Pagode den Fuß setzen dürfen, ohne ihr Schuhzeug draußen vorm Tore zu lassen. Es muß hier bemerkt werden, daß die englische Regierung aus verständiger Politik die Landesreligion bis auf den kleinsten Punkt respektiert und strenge Strafen für jede Verletzung religiöser Bräuche festgesetzt hat.
Passepartout war also, ohne sich etwas Böses zu denken, als einfacher Tourist in das Innere des Malabar-Hügels eingetreten und stand in bewunderndem Sinnen vor all der blendenden Flitterpracht brahmanischen Kirchenschmuckes, als er sich plötzlich auf die geheiligten Fliesen hinstürzen fühlte.
Drei Priester fielen voll Wut über ihn her, rissen ihm Schuhe und Strümpfe von den Beinen und fingen an, ihn unter wildem Geschrei weidlich durchzudreschen.
Der Franzose, kräftig und behend wie er war, sprang flugs in die Höhe. Mit einem Faustschlag und einem Fußtritt steckte er zwei seiner Widersacher, die durch ihre langen Gewänder stark behindert waren, zu Boden, rannte so schnell ihn seine Beine trugen, barfuß zu der Pagode wieder hinaus und hatte im Nu den dritten Hindu überholt, der vor ihm her rannte in der Absicht, das Volk draußen ihm auf den Leib zu hetzen.
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