Kitabı oku: «Die Dreizehnte Fee»
Erwachen

Astrid Behrendt
Rheinstraße 60, 51371 Leverkusen
www.drachenmond.de, info@drachenmond.de
Satz, Layout
Martin Behrendt
Lektorat, Korrektorat:
Michael Lohmann, worttaten.de
Bildmaterial
Hintergrundmuster: lolloj / shutterstock.com
Brombeeren: Guzel Studio / shutterstock.com
Blätter und Ranken: Kopainski Artwork
Umschlaggestaltung
Alexander Kopainski, kopainski-artwork.weebly.com
Zitat / Gute Nacht Lied
Clemens Brentano
ISBN: 978-3-95991-231-0
ISBN der Druckausgabe: 978-3-95991-131-3
Alle Rechte vorbehalten
Für Petros
Du bist der Grund, warum es dieses Buch gibt,
dieses Märchen über Schuld und Unschuld.
»Warum ist die Hexe bei Hänsel und Gretel böse?«
Eine Frage.
Hier die Antwort.
Vielleicht.
Vertraue deinem Herzen.
Es ist nicht alles so,
wie es auf den ersten Blick scheint.
Prolog
Ich komme zu spät. Ich weiß es.
Die Erde fliegt unter meinen Füßen dahin. Ich berühre sie kaum, achte nicht auf meinen Tritt. Vorwärts, ist alles, was ich denken kann. Vorwärts. Und meine Füße tragen mich schnell und doch nicht schnell genug.
Dreh um, hallt es in meinem Kopf, du willst das nicht sehen.
Ich muss. Ich habe keine Wahl.
So ist die Liebe. Sie bindet, sie bindet mich und ich kann nicht anders, als dem Schrecken entgegenzulaufen. Ich weiß, was mich erwartet und dennoch kann ich nicht aufhören zu hoffen.
Bitte, bitte, habe sie verschont!
Ich beiße die Zähne zusammen, würge den Schrei hinunter. Nur die Tränen kann ich nicht aufhalten.
Du wolltest lieben. Liebe bedeutet Leid. Hast du das denn immer noch nicht begriffen?
Nein! Ich schließe die Augen, lasse mich tragen über die Wiesen. Und alles, was ich sehe, ist ihr Gesicht und es brennt in mir. Alles brennt. Nur nicht sie!
Sie ist ein Mensch. Unbedeutend.
Sie ist alles.
Die Königin in mir lacht, aber sie lacht leise und ich spüre, dass auch sie leidet.
Liebe, höhnt sie und dann verstummt sie. Denn ich stehe am Hang und blicke hinab auf das Tal. Ich blicke hinab auf den Tod.
Ich habe sie verloren.
Bett aus Rosen
Es war einmal – so beginnen die Märchen und so begann auch mein Leben. Und es hätte tatsächlich ein Märchen werden können, doch das ist lange, lange her. So lange, dass sich die Jahre zu Staub verwandelten, zu Bruchstücken einer sich selbst vergessenden Zeit. Und nicht einmal ich kann sagen, wann mein erstes Es war einmal seinen Anfang fand.
Ich atme. Ich lebe. Zum zweiten Mal.
Während ich keuchend die süße, unheilschwangere Luft einsauge, mein Herz in wilder, neu erwachter Energie pumpt, ahne ich, dass sich alles verändert hat, und begreife doch nicht was. Meine Lippen prickeln wie in Erinnerung an einen zärtlichen Kuss. Ich fasse mit meinen Händen in die steifen Laken, fühle den rauen Stoff unter meinen Fingerkuppen zu Staub zerfallen.
Ich schlage die Augen auf und sehe doch nichts. Aber ich fühle, dass da jemand ist, bei mir. Ich höre den Atem, das nervöse Zucken von Wimpern. Ich rieche Schweiß: Angst, Erregung und Erschöpfung.
Fremde Hände greifen nach mir, berühren mich. Etwas zerbröselt. Bestürzt stelle ich fest, dass es mein Kleid ist. Ich balle die Finger zur Faust, erwarte die Hitze der Magie – doch meine Hand bleibt leer.
Das Bett schwankt unter dem Gewicht des Fremden. Ich öffne die Hand und rufe erneut nach meiner Macht – nichts geschieht. Nur die Finger fassen mich an, schüren meine Verwirrung und meinen Zorn.
»Verflucht.«
Stille.
Dann: »O Gott, sie ist wach!« Lauter: »Sie ist wach!«
Hallende Schritte. Eine Tür, die aufgerissen wird. Frische Luft.
»Was sagst du? Sie ist wach? Was machst du da?«
»Ich dachte, weil sie doch nur so da liegt … ich glaubte, es würde niemanden stören!«
»Hast du sie geküsst?«
»Nein, ich meine ja …«
Ein Schwert wird zischend aus der Scheide gezogen. Ich kenne das Geräusch. Ich blinzele, kämpfe gegen die gleißende Helle, gegen das Gefühl der Ohnmacht. Nur langsam kehrt die Kraft zurück. Ich muss lange geschlafen haben. Zu lange. Etwas stimmt nicht. Etwas ist ganz und gar falsch.
»Wieso ist sie nackt?«
»Ich naja … ich … ich habe nur …«
»Was hast du getan?«
»Beim Fluch der Eishexe! Ich wollte sie nur einmal berühren. Aber das Kleid, das Kleid, es zerfiel einfach!« Die Worte überschlagen sich fast. Es schmerzt in meinen Ohren.
»Du hast die Schlafende erweckt. Ich hatte befohlen, sie nicht anzufassen.«
»Ich dachte … ich meine …«
»Wie lange?« Ich unterbreche den Streit. Meine Stimme klingt so sanft wie die einer neugeborenen Elfe, nicht wie die der uralten Frau, die ich fürchte zu sein.
»Wie lange?« Ich wiederhole die Frage und kann endlich Schemen ausmachen. Vage Umrisse, von vier oder fünf Gestalten. Menschen. Ein gutes Zeichen, wenn es noch Menschen gibt. Dann hat die Welt sich nicht allzu oft gedreht.
»Wie lange was?«, fragt der Mann mit der unerträglichen Stimme. Blonde Haare, helle Haut.
»Wie lange habe ich geschlafen?«, frage ich.
Schweigen.
Und in dem Schweigen kommt mir die Erinnerung an die letzten Momente, kurz bevor der Zauber seine Wirkung tat.
Und ich begreife die entsetzliche Wahrheit: Sie haben mich betrogen!
Eiskalter Hass brennt in mir, flammt durch meine Adern. Ich hebe den Arm, drehe die Hand. Das Zeichen auf dem Handgelenk brennt schwarz wie eh und je.
Ein verlogenes Symbol!
»Sie ist eine Hexe«, knurrt der Zweite. Der Blonde kreischt, er weicht zurück. Noch mehr Schwerter zischen. Eines legt sich an meinen Hals, kühl und scharf. Endlich klärt sich mein Blick und ich löse die Gedanken von der Vergangenheit. Ich sehe von dem tödlichen Stahl auf meiner Kehle hinauf in die schwarzen Augen eines dunkelhaarigen Mannes.
»Unser Dornröschen ist eine Hexe«, murmelt er und hebt mein Kinn mit der Spitze des Schwertes.
Fünf Männer stehen im Raum. Drei von ihnen scheinen Soldaten eines Reiches zu sein, dessen Wappen mir unbekannt ist: eine goldene Schlange auf blauem Grund. Der Blonde ist ein Edelmann, ein Prinz. Falls es noch Prinzen gibt und Königreiche.
Der fünfte und letzte Mann jedoch ist mir ein Rätsel. Er ist anders – er riecht anders.
»Was seid Ihr?«, frage ich.
Er neigt den Kopf, als würde er sich wundern. Die Augen verengen sich.
»Unmöglich, eine Hexe?«, näselt der Blonde und späht über die Schultern der verängstigten Soldaten. Seine Augen sind wässern. Kein Glanz ist in ihnen, keine Andeutung von Tiefe.
»Sie trägt das Zeichen«, antwortet der Dunkelhaarige.
»Sie sieht nicht aus wie eine Hexe!«, beharrt der Prinz störrisch. »Ich meine, sie ist so überaus reizend. So vollkommen und schön!«
»Die Eishexe ist auch schön«, flüstert einer der Soldaten.
»Und die Giftmischerin«, wirft der zweite ein.
»Es ist das Zeichen der Dreizehn Hexen.« Der Dunkelhaarige mustert mich genau. »Doch gab es bisher nur zwölf.«
Zwölf, sie leben.
»Es sind dreizehn, waren es immer«, sage ich leise und ignoriere die hastig gestammelten Gebete der vier anderen. Ich brauche sie nicht anzusehen, um sie wahrzunehmen. Ich höre ihre ängstlich flatternden Herzen, das Zischen ihrer Lungenflügel. Doch erreicht es mein Bewusstsein nur dumpf. Keine Magie, geschwächte Wahrnehmung. Die Jahre fordern ihren Tribut.
»Wer hat den Fluch gebrochen?«, frage ich und mein eigenes Herz beginnt zu stocken. Der Mann neben mir hebt eine Braue. Seine kurzen Haare schimmern schwarz wie der Himmel bei Nacht. Ob er …?
Er fixiert mich. Sein Blick sucht eine Antwort. Er scheint sie nicht zu finden.
»Unser Prinz«, antwortet er.
Nur langsam begreife ich den Sinn der Worte. Der blonde Prinz, er küsste mich. Mein Blick fährt herum, findet ihn. Er erbleicht.
»Du!«, zische ich und schmecke bittere Enttäuschung. Feige versteckt er sich zwischen den Soldaten und ihren Schwertern. Verlogenheit und Selbstsucht umgibt ihn wie ein schwelender Gestank. Dieser Mensch erlöste mich durch einen Kuss? Er soll der Eine sein? Meine wahre Liebe …?
»Ich … ich glaubte, Ihr wäret eine Prinzessin«, wirft er mir pikiert vor.
»Was soll mit Eurer Hexe geschehen?«, fragt der Dunkelhaarige. »Ihr erwecktet sie, jetzt gehört sie zu Euch.«
Hexe?
Es klingt wie eine Beleidigung. Besäße ich meine angestammte Macht, wäre sein Urteil besiegelt: Tod. Hätte ich meine Magie, würde nichts, aber auch nichts von ihnen bleiben. Ich würde sie alle zerstören, meinen Frust an ihnen auslassen … und meine Enttäuschung.
Verdiene ich jemand so selbstsüchtigen wie den Prinzen?, frage ich mich plötzlich erschöpft. Ist es das, was die Menschen Gewissen nennen? Die Erkenntnis über die eigenen Fehler?
»Ihr seid der Hexenjäger«, schnappt der Prinz. »Ich bin gesandt, um meinem Vater von dem Turm zu berichten. Nicht um Hexen zu töten oder gar heimzubringen.«
»Hexenjäger?« Ich ziehe überrascht die Augenbrauen hoch und mustere den Mann. Er wirkt kräftig, die Augen wachsam. Eine Narbe zieht sich über die Hälfte der Wange. Und noch während ich ihn betrachte, zuckt sein Mundwinkel spöttisch. Hexenjäger – das gab es zu meiner Zeit nicht.
Das Gewicht der Armbrust an seiner Schulter scheint er kaum zu spüren, zwei Dolche stecken im Gürtel. Das Schwert in seiner Hand liegt ruhig, ich spüre kein Zögern wie bei den Soldaten. Nein, der fürchtet mich nicht. Im Gegenteil, er würde keine Sekunde zögern, mich zu töten. Doch er tut es nicht. Warum?
»Die Dreizehnte Hexe«, höre ich ihn murmeln.
Lange, so lange Zeit. Die Spuren der Zauber, die einst diesen Ort umgaben, liegen noch in der Luft. Ich höre meine Schwestern ihre Bannsprüche sprechen, um meinen Schlaf der Ewigkeit auszuliefern, versteckt im Wald. Doch ihre Flüche sind gebrochen, verflogen die Zauber, die mich vor den Augen der Welt verbargen. Vergaßen sie, sie zu erneuern? Vergaßen sie mich?
Ihr Fehler wird sie teuer zu stehen kommen, denn jetzt bin ich frei.
»Was machen wir mit ihr?«, ruft der Prinz. »Beim Feuer der Drachen, sie ist eine Hexe! Eine der Dreizehn!« Seine Miene wechselt zwischen Hilflosigkeit, Angst und Wut. »Es ist mir gleich, was das Gesetz der Magie besagt. Niemals kann diese Hexe meine wahre Liebe sein! Hätte ich sie doch nur nicht geküsst!«
»Ja«, zische ich und erkenne, dass alles misslungen ist. Ich starre ihn an, den Prinzen, der den Zauber erlöste, und empfinde nichts als Verachtung.
Er keucht und die Furcht lodert in ihm auf wie ein gleißendes Schwert. »Tötet sie!«, kreischt er. »Sofort!«
Die Waffe auf meiner Kehle zuckt unmerklich – doch ich atme noch, ich lebe. Der Hexenjäger verharrt. Innerhalb eines Wimpernschlags erkenne ich, dass es nicht der Prinz ist, der über Leben und Tod entscheidet, sondern der Hexenjäger. Doch war ich zu lange an der Macht, um mich unterzuordnen. Ich werde nicht im Staub kriechen!
Ich überfliege die Situation. Der Turm, erinnere ich mich mit klarer Gewissheit. Ich befinde mich in dem Turm. In meinem luftigen Grab: die einst seidenen Vorhänge des nun zerschlissenen Himmelbettes, die zerbrochenen Fensterscheiben, die rankenden Rosen mit ihrem unerträglichen Duft, der an verwesende Leiber erinnert.
Hinter dem Prinzen gähnt die Tür wie ein dunkles Omen. Die Treppe hinab in die Freiheit, hinunter in den Wald der Geister – oder wie immer er heute heißen mag.
Mit einer einzigen, überaus flinken Bewegung schlage ich das Schwert des Hexenjägers beiseite und gleite an ihm vorbei. Der Mund des Prinzen klafft im stummen Schrei. Die Soldaten weichen. Ein Schwert klirrt verloren auf den kalten Steinfliesen. Ich bin an der Tür, als mich ein Schlag in die Seite trifft. Obwohl ich fast so schnell bin wie einst, gelingt es dem Hexenjäger, meinen Zopf zu greifen. Er reißt daran. Ich lande mit dem Rücken auf den kalten Fliesen. Der Aufprall raubt mir den Atem. Der Hexenjäger zieht mich zurück. Ich winde mich, will ihn treten. Doch er holt aus und seine Faust landet auf meiner Schläfe. Schmerz explodiert in meinem Kopf, Punkte tanzen vor meinen Augen und meine Gegenwehr erstickt.
Er hat mich geschlagen.
Ein Mensch.
Mich!
»Was bist du?«, knurrt der Hexenjäger, reißt mich hoch und drückt mich gegen die Wand. Er nimmt mir den Atem. Sein Duft. Ich mag seinen Duft. Unfähig mich zu befreien, starre ich in sein grimmiges Gesicht. Er ist nicht nur stark. Er ist schnell. Viel schneller als erwartet. Ja, die Welt hat sich verändert. Die Menschen sind nicht mehr die Opfer, die sie einst waren.
»Hexenjäger«, flüstere ich seinen Namen und muss fast lachen. Seine Augen glühen. Ich kenne den Blick. Ich muss schön sein, so schön wie in meinem ersten Leben, dass es selbst ihm schwerfällt, sich meinem Zauber zu widersetzen. Haut so weiß wie Schnee, Haare so schwarz wie Ebenholz und Lippen so rot wie Blut.
Die perfekten Menschen – Feenkinder – heute Hexen.
»Du hast das Zeichen«, sagt er und streicht mit den Fingern über die schwarze Stelle an meinem Handgelenk. »Aber du hast keine Macht. Du bist nicht wie sie. Wer bist du?«
Ich balle die Hand, öffne die Finger, einen nach dem anderen. Ich rufe nach ihr, mit all meinen Fasern. Ich rufe nach meiner Magie.
Die Muskeln des Hexenjägers verkrampfen. Die scharfe Klinge des Dolches presst sich auf die pulsierende Ader an meiner Kehle.
»Was bist du für eine seltsame Hexe«, murmelt er, als nichts passiert.
»Hexen«, zische ich und muss die Tränen unterdrücken. »Früher nannte man uns Feen.«
»Nenn dich, wie du willst.« Der Dolch schneidet in die Haut. Ich spüre den Schmerz kaum. Schmerz gehörte schon immer zu meinem Leben – sodass ich kaum weiß, wie es ohne ihn ist. Einzig der Duft des Blutes gräbt sich tief in mein Bewusstsein und ich erkenne, dass er kurz davor ist, sich für meinen Tod zu entscheiden.
»Du jagst uns Feen?«, flüstere ich erstickt. Ich darf nicht zweifeln, darf nicht der ungewohnten Angst nachgeben, die in meinem Bauch wächst und meine Glieder zu lähmen droht. Meine Kraft wird wiederkehren und mit ihr meine Magie. »Töte nicht die Einzige, die dir helfen kann, sie zu finden.«
Der Mund des Hexenjägers verzieht sich zu einem spöttischen Grinsen, aber die Klinge verharrt. Er hört mir zu. »Wie kommst du auf die Idee, dass ich deine Hilfe brauche?«
»Brauchst du nicht?«, frage ich zurück.
Sein schwarzer Blick wandert von meinen Lippen zu meiner Kehle. »Nein.« Doch er zögert.
»Bist du sicher?«, frage ich und versuche das gleichmäßige Pulsieren seines Herzen zu ignorieren. Er fürchtet mich nicht. Magie nährt sich von Furcht. Wer ist er? »Ich kann von Nutzen sein«, presse ich hervor. »Ich weiß Geheimnisse über sie, die niemand sonst kennt. Ihre Schwachstellen, ihre Vergangenheit.«
»Bringt es zu Ende, Hexenjäger«, ruft der Prinz ungeduldig. Jetzt da ich gefangen bin, traut er sich vorzutreten. Der Hexenjäger schweigt, mustert mich nachdenklich. »Hört nicht auf ihre Worte. Sie ist eine verdammte Hexe. Ach, wisst Ihr was? Behaltet sie. Ich überlasse sie Euch für die Mühen Eures Geleitschutzes durch die Hecke. Betrachtet sie als Lohn.« An die Soldaten gewandt fügt er hinzu: »Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es vor dem nächsten Sonnenaufgang hinaus aus diesem verfluchten Wald. Vater wird erfreut sein, von dem Turm zu hören und dem Geheimnis, das er barg. Eine Hexe, eine der Dreizehn – jetzt muss er mich zum Erben bestimmen!« Er klatscht in die Hände. »Los, los. Sattelt die Pferde!«
Die Soldaten fliehen der Treppe entgegen. Sie können dem muffigen Grab nicht schnell genug entkommen. Ihre Schritte hallen tausendfach aus dem Schacht empor. Der Prinz kehrt als Letzter zur Tür. Sein Blick fängt den meinen, er verzieht den Mund, als ekele er sich vor mir, und doch sehe ich die Gier. Angst und Lust, eine gefährliche Mischung.
»Beeilt Euch, falls Ihr mit uns reiten wollt – wir warten nicht!« Er folgt den Soldaten. Und der Prinz, der mich erweckte, verschwindet aus meinem Leben, ohne eine Spur hinterlassen zu haben.
Wir sind alleine. Ich und der Mann, der meine Schwestern jagt. Ich blicke in seine Augen und erkenne voller Verwunderung, dass sie nicht schwarz sind, sondern grün wie die dichtesten Tannenwälder.
»Was mache ich nur mit dir?«, murmelt er.
»Was würdest du denn gerne mit mir tun?«, wispere ich zurück. Eine Einladung, ein Versprechen. Die einfachste und älteste Falle der Welt und doch so effektiv.
Er stockt, seine Augen weiten sich, dann lacht er schallend auf. »Es steht wahrlich schlimm um dich.« Langsam nähert er sich, den Blick auf meine Lippen gerichtet, dann sieht er mich aus seinen geheimnisvollen Augen an. Mein Herzschlag beschleunigt, mein Atem stockt. Was geschieht mit mir? Ich spüre seinen Atem, die Wärme seiner Haut und fühle mich unendlich verletzlich. »Selbst wenn du die letzte Frau auf Erden wärst …«, flüstert er rau, greift in meine Haare und zieht meinen Kopf in den Nacken. »Deine Hexenkräfte wirken bei mir nicht.«
»Nicht?«, flüstere ich gepresst.
»Nein«, sagt er nur. »Ich finde dich nicht im Mindesten anziehend.«
»Du lügst.«
Er lacht und ebenso plötzlich, wie er sich mir näherte, entfernt er sich wieder, gibt meine Hände frei. Nur den Zopf schlingt er um die Hand. Eine Leine. Eine Demonstration seiner Macht.
»Du bist anders als die anderen«, meint er nachdenklich.
Anders, das war ich schon immer. Doch es gibt niemanden mehr, der um mein Geheimnis weiß – niemanden außer meinen Schwestern.
»Du bist schwach.«
»Ich war eine Königin«, erwidere ich und hebe die Handflächen empor. Sanft zeichnen sich die Linien ab. Es sollten die Hände einer alten Frau sein – runzelig und verbraucht. Stattdessen sind sie weich und stark: die Hände der Königin von einst.
Ich hebe den Blick. Vor uns thront der mächtigste Spiegel des Landes. Mein Spiegel. Mein Land. Ich hauche gegen das matte Glas, und wie von Feenflügeln berührt weicht der feine Staub, um mein Antlitz zu enthüllen. Glattes, tiefschwarzes Haar umfließt ein blasses Gesicht, das schöner nicht sein könnte. Dunkle Wimpern, stechende Augen, ein sinnlicher Mund so rot wie der pulsierende Lebenssaft selbst. Das Gesicht der Königin. Das Gesicht der Schönsten. Daneben der Hexenjäger, feindlich und ungezähmt. Er lässt meinen Zopf durch die Finger gleiten. Er hebt ihn an und fast – aber eben nur fast – ist er versucht, an meinen Haaren zu riechen.
»Zieh dich an«, fordert er abrupt und ich weiß, dass seine Entscheidung gefallen ist. Doch es ist nur ein Aufschub, ein bisschen Zeit.
»Ich weiß nicht was«, sage ich ruhig. Wie lange …, frage ich mich. Wie lange hielt mich der Fluch gefangen? Der Fluch des Todesschlafs.
Der Hexenjäger reißt einen Schrank auf. Für einen Moment glänzen Dutzende Kleider in allen Farben des Regenbogens. Prächtige Juwelen, golddurchwebte Schleier. Doch wie von Zauberhand verblasst der Glanz. Und langsam, so als würden sie den Moment hinauszögern, zerfallen sie und rieseln seufzend zu Boden. Von den einst kostbaren Kleidern bleibt nichts als ein Haufen Staub.
»Was ist das für ein Zauber?«, knurrt er und zerrt an dem Zopf.
»Kein Zauber«, erkläre ich schlicht. »Nur der Tribut der Zeit.«
Er schnaubt. »Ich glaube dir kein Wort. Aber gut, du willst nackt sein? Nur zu, mich soll es nicht stören.« Ohne zu zögern, strebt er dem Ausgang zu. Sein Schritt ist fest und entschlossen. Er wird mich nicht töten, noch nicht.
Ich folge dem Feind meiner Schwestern die Stufen hinab. Mit jedem Schritt wird der Duft des muffigen, nach Leichen stinkenden Grabes schwächer. Ich entfliehe meinem Gefängnis. Ich bin bereit, so bereit, mein zweites Leben zu beginnen.
Meine Rache wird furchtbar sein.
Rückkehr der Königin
Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
So enden die Märchen, nur dass es kein Ende ist, sondern ein ewiges Fortbestehen. Ein Segen, zugleich ein Fluch. Auf niemanden passt dieses Ende besser als auf uns Feenkinder. Wir sind die Auserwählten, die Mächtigen. Unsere Leben scheinen endlos, unsere Geschichten fantastisch. Sie füllen die Bücher, die Träume der Kinder – und deren Alpträume. Wir waren niemals dazu bestimmt, gut zu sein, zumindest die meisten von uns. Hexen – so nennen sie uns heute. Der Schrecken braucht einen Namen, um ihm die Angst zu nehmen. Und um ihn zu jagen.
Ich laufe über den weichen Waldboden, genieße das Gefühl der nackten Füße auf Gras, Nadeln und Moos. Es zeigt mir, wie lebendig ich bin. Ich folge dem Hexenjäger auf seinem Pferd, die Hände vor dem Bauch gefesselt. Er hält meinen Zopf umschlungen. Ich bin seine Gefangene. Ob ich die Erste bin? Oder lief einst eine meiner Schwestern ebenso wie ich hinter ihm her?
Die mächtigen Dreizehn – das waren wir vor so langer Zeit.
Die Hufe des Pferdes federn lautlos auf dem dichten Moos, lautlos für menschliche Ohren. Mir bietet sich ein Feuerwerk der Sinne: Das emsige Surren der unzähligen Elfenflügel, die Blüte für Blüte der seltenen Mondblumen anfliegen, den wertvollen, silbernen Nektar schlürfen. Ich höre die Wichtel in ihren von Glühwürmchen erhellten Höhlen schimpfen, tief unter uns im Schoß der Erde. Und ich höre das hektische Flüstern der Bäume, die die beängstigende Kunde meiner Rückkehr verbreiten, hinaustragen in die grünen Hügel, die dichten Wälder, die Flüsse und Seen. Das ist Pandora – meine Heimat.
Eine Elfe landet auf meiner Schulter. Ihr goldenes Gesicht strahlt. Sie flüstert meinen Namen.
»Ja«, sage ich leise und fühle eine seltsame Freude darüber, dass sie mich nicht vergessen hat. »Ja, ich bin wieder da.«
Ihr Lachen klingt in meinen Ohren. Sie ruft die anderen Elfen, sie flattern herbei, umkreisen mich. Ihre Flügel leuchten, glitzernde Funken tanzen hinter ihnen her. Selbst bei Tag spiegelt sich das Mondlicht in ihren Augen.
Willkommen, seufzen sie im Chor.
Eine hüpft kichernd auf meinen Kopf, zwei balancieren auf dem dicken, langen Zopf zum reitenden Hexenjäger. Er kneift die Augen zusammen.
»Verschwindet«, knurrt er.
Kichernd sausen sie davon, die meisten folgen. Sie winken mir fröhlich zum Abschied. Nur die Elfe auf meiner Schulter bleibt eine Weile sitzen und summt ein vertrautes Lied. Manche Dinge bleiben, während andere vergehen. Noch nie fürchteten sie mich. Noch nie. Sie reibt ihre kleine Nase an meiner Wange, dann verschwindet auch sie zwischen den uralten Stämmen der Bäume und bleibt hinter uns zurück.
Mit jeder Meile, die zwischen mir und dem Turm wächst, verblasst die Spur der Magie, die ihn so sorgsam verborgen hielt. Und endlich erhebt sich vor uns die letzte Barriere: eine gewaltige, düstere Brombeerhecke. Überreife Früchte, prall und schwarz, hängen schwer an den Zweigen. Eine Schneise ist in das dornige Dickicht geschlagen, das wie ein Ring um den Turm gewachsen ist. Der Hexenjäger lenkt das Pferd hindurch. Vorsichtig folge ich, bemüht mich nicht in den Dornen zu verfangen. Kalkweiße Totenschädel hängen in dem samtig schimmernden Laub. Die Hecke, so schön wie tödlich. Dann sind wir hindurch, raus aus dem süßlichen Brombeer-Aroma, hinein in den Wald der Menschen. Der letzte magische Ring ist bezwungen. Ich bin frei!
Ich atme den Duft des feuchten Laubes ein, das Aroma des ewig währenden Kreislaufes von Geburt, Leben und Tod. Aber da ist mehr, etwas Unterschwelliges, das vor meiner Gefangenschaft im Turm nicht da war. Ein intensiver Geruch, penetrant und alles durchdringend.
»Was ist das?«, frage ich leise.
Mein Begleiter schweigt. Nur das Zucken seiner Finger um meinen Zopf verrät, dass er mich gehört hat. Wir reisen alleine. Mein schwächlicher Prinz, mein Auserwählter, er hat nicht auf uns gewartet. Auf ihn viel mehr. Mich erwartet er erstochen und geschändet im Turm, stumm und tot, wie ein lästiges Insekt. Und das ist die Liebe?
Der Geisterwald ist anders, als ich ihn in Erinnerung habe. Dunkler und stiller. Die uralten Stämme entfalten ein dichtes Blätterdach, kein Sonnenstrahl findet seinen Weg hindurch. Sie tanzen auf den Kronen, sie schimmern matt. Eine grüne Kathedrale. Ein Ort der Toten. Doch die Geister von einst sind verstummt.
»Wo sind die Geister?«, frage ich.
»Es gibt keine Geister mehr.«
»Wo sind sie hin?«
Er antwortet nicht. Er ist mir nichts schuldig. Ich erwarte nichts.
Die erste Erfahrung, die mich das Leben lehrte, war die des Verlusts. Alles, was mir lieb und teuer war, wurde zerstört. Das ist das Schicksal. Es unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse, zwischen Unschuld und Schuld. Es nimmt, es zerstört. Und wer dem Schicksal heute entflieht, ist morgen dran: Die Zeit meiner Schwestern ist gekommen!
»Wie viele …« Ich zögere, bevor ich das Wort ausspreche – es fühlt sich fremd an. »Wie viele Hexen gibt es noch?«
»Zu viele«, kommt die kalte Antwort.
»Du bist ein Jäger. Was bedeutet das?«
»Ich töte Hexen.«
»Auch die Dreizehn?«
»Gerade die.«
Ich nicke und blicke nach vorne. »Gut.« Das ist alles, was ich sage und meine es auch so.
Je mehr sie gejagt werden, desto eher werden sie fallen.
Die Nacht bricht herein. Die Elfen verkriechen sich in ihre schimmernden Paläste hoch oben in den Baumkronen. Die Wichtel hören auf zu streiten. Das schummerige Grün der letzten Sonnenstrahlen verliert seine Leuchtkraft. Kalte Dunkelheit kriecht wie gieriger, alles verschlingender Nebel herauf. War meine Sehkraft auch vor langer Zeit so stark, dass ich in den schwärzesten Nächten sehen konnte, so ist sie es jetzt nicht mehr. Dunkelheit, das ist neu für mich.
»Warum lachst du?«, fragt der Hexenjäger.
»Ich bin menschlich.« Tatsächlich lächele ich. »Ich sehe nichts.«
»Konntest du es früher?«, fragt er nur.
»Natürlich.«
»Und die anderen? Können sie es auch?«
Meine Freude verblasst. Die anderen. »Damals konnten sie es. Wir alle konnten es.«
»Du bist eine von ihnen«, stellt er nüchtern fest.
»Ja«, hauche ich und friere plötzlich. »Mir ist so kalt.« Eine Gänsehaut zieht ihre Spuren über meinen Körper. »Ich kenne die Kälte nicht.«
»Aber du kennst Schmerz.«
»Ja«, ist alles was ich sage und schweigend setzen wir unseren Weg durch den nächtlichen Wald fort. Eine einsame Eule kreuzt unseren Weg, auf der Suche nach letzten, verirrten Elfen. In der Ferne heult ein Wolf. Ich weiß nicht, wie der Hexenjäger den Weg findet. Ich selbst sehe nichts. Blind folge ich ihm, dicht gedrängt an die Wärme seines Pferdes.
Ich friere. Ich atme. Ich bin nicht tot.
Nordwind
Mitten in der Nacht frischt der Wind auf und trägt eisigen Frost mit sich. Eine Eisschicht überzieht meine Haut. Meine Finger werden taub. Meine Beine schmerzen.
Alles ist kalt.
So verteufelt kalt.
»Das ist der Fluch deiner Schwester«, höre ich ihn sagen. »Sie lässt die Kälte über ihre Grenzen dringen. Aber noch niemals wagte sie sich so weit vor.«
»Meine Schwester?«, hauche ich zitternd. Mein Atem steigt als dampfende Schwaden auf.
»Die Eishexe«, sagt er leise. »Schneekönigin, Gebieterin der Nordwinde. Sie hat viele Namen.«
Ich versuche zu antworten, doch nur ein Stöhnen dringt aus meinem Rachen. Vor uns beginnt ein winziger Funken zu tanzen, nicht mehr als das Blinken eines Sternes. Sein matter Schein lotst uns durch die vereiste Nacht. Ich stolpere ihm entgegen, die Füße zwei eisige Klumpen.
Es ist ein Feuer, prasselnd und lockend, mitten im Wald. Doch es verspricht keine Wärme. Der Wind trägt das dünne Wiehern eines sterbenden Pferdes mit sich.
»Es ist niemand dort«, flüstere ich so leise, dass er mich unmöglich gehört haben kann.
Doch er antwortet: »Niemand Lebendes.«
Der Hexenjäger lenkt das Pferd auf die von Eiskristallen übersäte Lichtung, in deren Mitte das Feuer dem starren Wind trotzt. Vier herrenlose Pferde drängen sich im Tode dicht beisammen. Daneben, zusammengerollt wie Babykatzen, liegen die erstarrten Körper der Reiter. Gläserne Gesichter im Schrei erstarrt, die Hände zu glitzernden Klauen verformt.
Der Prinz mit seinen Soldaten.
Die Königin in mir fühlt kein Bedauern, nur kalte Genugtuung. Aber etwas anderes, etwas Menschliches keimt: Trauer über die verlorene Chance. Und verwundert streiche ich mit den Fingerspitzen über meine Wange, fange eine glitzernde Perle. Eine Träne.
»Es ist die Kälte«, sagt der Hexenjäger. »Sie ist abgerichtet zu töten. Sie dient nur diesem einen Zweck.« Das Pferd scheut, unsere Schatten tanzen auf den Stämmen der Bäume. »Was will sie hier?«
Ich versuche zu schlucken, zerreibe die Träne mit meinen Fingern. Ich schwanke. Das Eis knirscht unter meinen nackten Füßen. »Sie sucht mich.«
Stille, dann: »Warum?«
»Weil sie mich im Spiegel sah.« Das Sprechen bereitet mir Mühe. Der beißende Wind ist unerträglich. Die Kälte frisst meine Haut.
»Hier bin ich Schwester«, wispere ich in den Nordwind und plötzlich bricht er mit all seiner Kraft gegen uns los. »Traust du dich zu kommen, um mich zu töten?«
»Warum sollte sie dich töten wollen?«, ruft der Hexenjäger gegen den aufheulenden Sturm. Das Pferd scheut, Eiskristalle prasseln nieder, schlagen auf uns ein.
»Weil ich die Einzige bin«, brülle ich mit all meiner verbliebenen Kraft zurück. »Weil ich die Einzige bin, die sie alle vernichten kann.«
Mit einer einzigen Bewegung hebt er mich auf seinen Schoß und schließt den gnädig warmen Mantel um meine zitternden Schultern. Er reißt das Pferd herum. Im gestreckten Galopp fliegen wir durch den winterlichen Wald. Ich schlinge die Beine um ihn, presse das Gesicht an seine schützende Brust. Sein Mantel hüllt mich ein, seine Wärme umgibt meine schmerzenden Glieder. Wir fliehen durch die finstere Nacht, verfolgt von dem Heulen des Nordsturms. Das treue Tier trägt uns, das Fell durchtränkt von Schweiß und Schnee. Ich spüre seine kraftvollen Bewegungen und weiß doch, dass sein Ende naht. Niemand entkommt dem Eiszauber dieser tödlichen Kälte. Nicht einmal eine Fee.
»Sie greift nach mir«, flüstere ich erstickt. »Sie fasst mich an.«
»Komm schon«, höre ich den Hexenjäger knurren, er treibt das erschöpfte Tier zum letzten Spurt. Ich kralle mich an seine Brust. Doch die Wärme vermag nicht mehr die tödlichen Klauen abzuhalten. Sie klammern sich an meine Waden, an meinen Nacken. Ihr eisiges Feuer verbrennt mein Fleisch. Ich schreie. Und mein Schrei hallt in dem Tosen des Nordwindes. Der Hexenjäger reißt an den Zügeln, das sterbende Pferd bäumt sich auf. Er springt herab, trägt mich auf den Armen, während hinter uns das Tier von der Kälte gefressen wird. Die Kälte frisst auch mich. Ich spüre ihre Zähne, ihren Hunger.
»Halt durch«, ruft er und eilt durch den Schnee. »Halt durch.«
Eine Tür, Licht, Wärme. Wir fliegen hinein. »Schließt die Tür!«, brüllt der Hexenjäger.
Ich höre meine Schwester kreischen. Ich höre ihre Ohnmacht, dann fällt die schwere Tür mit einem Krachen ins Schloss und sperrt den Nordwind aus.
Das Heim der Sieben
Höllisch kalt draußen.«
»Verdammt Jäger, was treibt dich bei diesem Wetter herum?«
»Bist du hier, um Diamanten zu kaufen?«
»War das dein Pferd?«
»Jemand Suppe?«
Er antwortet nicht. Seine Aufmerksamkeit gilt mir allein. Sein Blick ist tief und unendlich grün. Er legt seine Hand an mein Kinn, hebt es an. Forschend betrachtet er mich. Sieht er die Pein in meinen Augen? Meine Zähne klappern, die Glieder zucken. Die Kälte steckt in meinen Knochen, sie frisst mich. Sie frisst mich!
»Dies ist das Haus meiner Freunde, wir sind ihr Gast, bis der Nordwind nachlässt.«
Ich nicke stumm. Ein Schrei tobt in meinem Innern. Doch meine Lippen bleiben verschlossen, lassen ihn nicht hinaus. Niemals Schwäche zeigen, niemals Schmerz.
Der Hexenjäger zögert, setzt den Dolch an die Fesseln und schneidet sie durch. Sofort schlinge ich die Arme um den Körper. Eiskalte Haut auf eiskalter Haut. Das Gift der Kälte brennt.
»Ihr Zauber wirkt gut«, flüstere ich.
»Rück näher an den Kamin!«, fordert er mich auf und schiebt mich ungewöhnlich sanft zum flackernden Schein des blauen Feuers. Es tanzt, ohne sich von dem tödlichen Sturm beeindrucken zu lassen, der an den Fensterläden rüttelt. Der Hexenjäger legt mir seinen Mantel um die Schultern.
»Nordwind«, flucht ein stämmiger Mann mit unzähligen goldenen Ohrringen und seltsamen Zeichnungen auf dem kahlen Kopf. Er ist klein, kleiner als der Hexenjäger und die Toten im Wald. »Die Eishexe ist eine wahre Meisterin. Doch warum schickt sie ihren Wind in das Siebengebirge? Außer uns lebt hier niemand!«
»Was ist passiert?«, fragt ein zweiter Mann. Der geflochtene Bart ist mit Goldbändern durchwoben. In der Nase trägt er einen goldenen Reifen. »Kord hat Recht. Die Eishexe handelt nicht ohne Grund. Sie hat ein Ziel. Und wir sind es nicht.« Er blickt vom Hexenjäger zu mir. Nur schwer gelingt es mir, den Kopf zu heben und einen Blick auf ihn zu erhaschen, ehe eine Schmerzwelle mich zurückreißt, zurück in den stummen Schrei. »Warum jagt dich die Eishexe? Wurde aus dem Jäger der Gejagte?«
»Nein«, brummt der Hexenjäger.
»Die Eishexe jagen zu wollen, wäre mehr als dumm«, tadelt Kord, der erste Mann.
»Gar unmöglich, sie zu jagen«, pflichtet der zweite bei.
»Niemand wagte es je und auch du solltest die Finger davon lassen«, ruft ein dritter.
»Eines Tages bringt dich diese Hexenjagerei noch ins Grab«, sagt ein vierter.
Sieben Herzen neben dem des Hexenjägers. Sieben, die magische Zahl. Sie gewährt Schutz vor Flüchen, mögen sie noch so mächtig sein wie die der Eishexe.
»Wer ist sie?«, fragt Kord und zeigt auf mich.
Der Jäger schweigt. Er legt die Waffen ab und setzt sich auf einen von sieben goldenen Stühlen. Sieben dauerhafte Bewohner, Gäste sind erlaubt. Aber wehe sie bleiben zu lang – alleine der Gedanke an eine beständige Anwesenheit reicht aus, um den Schutz brechen zu lassen. So will es das Gesetz der Magie. Ich selbst verfasste es. Ich war sein Schöpfer.
In einem meiner guten Momente.
Der Hexenjäger, er weiß nicht, wer ich bin. Er weiß nicht, wer ich war. Dennoch rettet er mich.
Sieben Augenpaare begutachten mich. Ich finde Schutz bei denen, die ich einst vor mir zu schützen versuchte. So viele Häuser, so viele Familien, verzweifelt bemüht, das Gesetz der Sieben zu erfüllen.
So viele Opfer.
Seit wann empfinde ich Reue?
Ich ziehe den Mantel enger um meinen steifen Körper, gehüllt in den Geruch des Hexenjägers verliere ich die Gedanken an die Vergangenheit. Mag es mir scheinen, als wäre es erst gestern gewesen. Es liegt weit, weit zurück. Pandora, wie ich es kenne, existiert nicht mehr.
Das Feuer im Ofen singt sein knisterndes Lied. Ich strecke meine steife Hand aus, versuche die Wärme zu greifen. Doch ich fühle nichts als Schmerz. Er breitet sich aus. Er wächst unaufhaltsam.
»Suppe?«, fragt ein Mann. Er lächelt mich freundlich mit einem Mund vergoldeter Zähne an. »Ich heiße Peter, ich bin der Koch. Meine Wurzelsuppe ist die Beste, die du innerhalb des Waldes finden kannst. Ich würze sie mit einem Hauch Goldspäne. Das darfst du niemandem verraten!« Er kichert, die Zähne funkeln.
»Nein«, wispere ich und kann mich kaum noch rühren.
»Wird dir schon wärmer?«, fragt Peter zögernd.
Ich schüttele matt den Kopf. Schwarze Sterne tanzen vor meinen Augen. Die Umrisse des Kochs verschwimmen zu einer breiigen Masse. Seltsam. Fühlt sich so der Tod an? Der echte Tod?
»Zeig mal her«, höre ich ihn sagen und spüre, wie er nach meiner Hand greift. Er schreit auf: »Sie ist eiskalt!«
Ich blinzele, kämpfe gegen die wachsende Dunkelheit. Mein Arm. Ich hebe meinen Arm. Eisblaue Linien fressen sich durch die Haut, hinterlassen eine eiskalte Spur und verwandeln das Fleisch in kühles, glattes Eis. Es erinnert mich an eingeschneite Winter, an glitzernde Zapfen, die vom Dach baumeln. An das Lachen meiner Mutter, während sie meine blauen Füße reibt.
»Es schmerzt«, wispere ich und weiß nicht, ob die Erinnerung oder das Eis mich quält.
»Es schmerzt?«, ruft Peter und starrt mich an. »Es schmerzt?!«
Mama?
»Zeig her!«, verlangt Kord und schiebt den Koch beiseite. Er erstarrt beim Anblick der gläsernen Haut. »Beim Lied der Felsen. Wenn wir das Eis nicht aus ihrem Körper bekommen, ist sie verloren!«
»Es ist ein Wunder, dass sie den Weg bis hier überlebte«, knurrt der Zweite.
»Sie ist mir nicht geheuer«, höre ich Peter rufen.
»Sie zuckt nicht einmal mit den Wimpern«, sagt einer.
»Dabei sollte sie schreien, sie sollte sich krümmen«, stimmt der Nächste zu.
Ich begegne dem Blick des Hexenjägers. Sie wissen nicht, wer ich bin! Was, wenn …? Doch ich kann nicht zu Ende denken, der Schmerz zermürbt alle meine Sinne.
Von irgendwoher werden Eimer geschleppt. Wasser klirrt in ihnen, begrüßt mich freudig, doch ich kann nicht antworten. Das Feuer wird geschürt, aber ich spüre keine Hitze. Alles ist kalt.
Der Fluch der Eishexe, er wirkt selbst im Haus der Sieben. Sie ist stark, so stark.
»Wieso trifft dich der Fluch nicht?«, wispere ich schwach. Unendlich menschlich und schwach.
»Hexenzauber wirken bei mir nicht«, meine ich den Hexenjäger antworten zu hören.
»Das Bad ist vorbereitet, eile dich, bevor es zu spät ist!«
Ich kann mich nicht rühren. Nicht einen Finger.
Kord zieht den Mantel fort, meinen letzten Schutz. Ich höre sie schreien, aufstöhnen.
Ich blinzele herab und begreife. Vom Bauchnabel abwärts bestehe ich aus Eis. Und es wächst weiter. Mit tausend Nadelspitzen kriecht es über meine Haut, erklimmt meine linke Brust, zerreißt das Fleisch. Seltsam matt beobachte ich, wie sich Stück für Stück meines Körpers verwandelt.
Der Hexenjäger reißt mich hoch, er trägt mich auf seinen warmen Armen, er trägt mich in einen anderen Raum. Dampf, Wasser, eine goldene Wanne. Hastig taucht er mich in das brühend heiße Bad.
Ich keuche.
Feuer und Eis – Hitze und Kälte.
Doch der Kampf ist entschieden, bevor er begann. Das Wasser gefriert. Der Fluch ist zu mächtig.
»Es ist zu spät«, sagt der Koch belegt.
»Verdammt«, flucht der Hexenjäger. Er zertrümmert die Eisschicht, doch so schnell sie zerbricht, so schnell wächst sie nach.
»Sie ist verloren«, murmelt Kord. Ich sehe, wie er den Kopf senkt. Und die Tür schließt sich hinter ihm. Sie lassen uns alleine. Abschied. Nehmt Abschied!, scheinen sie zu sagen. Ich blicke in die seltsam vertrauten Augen des Hexenjägers. Grün wie die Tannenwälder meiner Heimat.
»Es tut mir leid.« Ich versuche, ihn anzulächeln.
»Ich bin dein Feind, vergiss das nicht!«, sagt er und umfasst mein Kinn. Der Druck seiner warmen Finger ist nicht so grob, wie er es sein sollte.
»Vielleicht sind wir bestimmt, Feinde zu sein«, gebe ich matt zu. »Gegen das Schicksal kann niemand etwas tun, nicht einmal wir Feen.«
»Es gibt kein Schicksal.« Er legt die zweite Hand an meinen Nacken. Sie ist wärmer als die vermeintliche Hitze des Bades. Ich schmiege mich an sie, schüttele den Kopf.
»Schicksal umgibt uns alle. Schicksal hielt mich in dem Turm gefangen. Schicksal ist der Kuss des Prinzen.« Ich zögere; die Tatsachen auszusprechen, tut weh. »Vielleicht war ich bestimmt, mit ihm gemeinsam zu sterben. Das Schicksal duldet keine Flucht. Es jagt, bis es bekommt, was es will. Es ist ein Jäger, genau wie du.«
»Dann werden wir sehen, wer der bessere Jäger ist«, prophezeit er düster.
»Du willst meine Schwestern töten, aber niemand schafft das alleine«, flüstere ich. »Sie sind zu mächtig. Gemeinsam …« Ich huste und spucke Eiskristalle. »Gemeinsam hätten wir es schaffen können.«
Das Eis in der Wanne wächst, das Wasser gefriert so schnell.
»Hol mich heraus!«, bitte ich sanft. »Ich will nicht in einer Badewanne mein Ende finden.«
Sei es Gnade oder eine seltsame Art von Respekt, die ein Jäger seinem Opfer gegenüber empfinden kann: Er gewährt mir meinen letzten Wunsch.
Er zerschlägt die Eisschicht, greift in das gefrierende Wasser und hebt mich heraus. In der Wanne bleibt nichts als klirrendes Eis.
Ich spüre nichts. Keine Kälte, keinen Schmerz. Nur ihn. Ich lehne den Kopf an die heiße Schulter des Hexenjägers, während er mich zu einem Eisbärenfell trägt. Er kniet mit mir nieder, setzt mich ab.
In dem Moment, in dem er mich loslässt, kommt die Kälte mit aller Kraft zurück. Ich spüre sie siegeshungrig durch die Adern fließen. Ich höre die Eishexe lachen.
»Bitte«, schluchze ich, »bitte bleib bei mir!«
Er zögert, als trüge er einen inneren Kampf aus. Dann ist er bei mir. Ich stöhne, presse mich an ihn, an seinen schützenden Körper und erkenne, dass es kein schöneres Ende geben kann als in den wärmenden Armen dieses Mannes.
»Was, wenn es nicht der Kuss war?«, flüstert er und ich verstehe erst nicht.
»Es ist ein Zauber«, antworte ich, das Gesicht an seinen Hals gepresst. »Nur durch den Kuss der wahren Liebe kann der Schlaf gebrochen werden.«
»Wer sagt, dass es so sein muss?«
»Ich.« So lautet meine schlichte Antwort. Wie sehr ich seine Umarmung brauche! Sie gibt mir Ruhe und Kraft. Sie schützt mich vor dem Schmerz. »Ich wünschte, du wärst es gewesen«, flüstere ich, und einem inneren Drang folgend, berühre ich mit den Lippen seinen Hals, teste den Geschmack seiner Haut. »Ich wünschte, du hättest mich geküsst.«
Zum ersten Mal höre ich sein Herz stolpern. Der Griff seiner Arme wird fester.
Was ist das für ein Kribbeln in meinem Bauch? Wie das zarte Tanzen tausender Flügel. Ist das die Liebe?, frage ich mich. Die Liebe, die für uns Feen unmöglich scheint, weil es uns nicht gestattet ist zu lieben? Weil die Magie uns unfähig macht.
»Bin ich noch eine Fee?«, murmele ich und löse die Hand von seinem Nacken. Langsam ziehe ich das Handgelenk zurück und starre auf das schwarze Mal, das Zeichen.
»Deine Haut«, ruft der Hexenjäger rau. »Der Fluch, er weicht!«
Das dunkle Mal auf rosiger Haut. Die Hand, die Finger, frei von Eis!
»Du bist es«, erkenne ich und sehe ihn erstaunt an. »Ich fühle nur deine Wärme.«
Er rückt ab, um meinen Körper zu betrachten. Ich sehe jedes Hauptpartikel tauen, das mit seiner Haut in Kontakt kommt. Rasch beginnt er, meine Beine zu reiben, die eiskalten Waden. Die blauen Adern verblassen, das Eis weicht vor seiner Nähe. Es flieht.
»Was bist du?«, frage ich verblüfft. Er hebt den Blick nur kurz, reibt meine Füße, bis sie rosig schimmern. »Du kannst kein Mensch sein.«
»Doch, das bin ich«, sagt er. »Nichts sonst.«
»Du lügst. Schon wieder.« Mit der Kälte vergeht der Schmerz. Und ohne den Schmerz beginne ich, klar zu denken. »Ich weiß, dass du kein gewöhnlicher Mensch sein kannst. Und ich weiß, dass du mich begehrst.«
Seine Hände streichen über die Knie, hinauf zu den Oberschenkeln. Er hebt mein Bein an und reibt es. Plötzlich ist es nicht der Fluch, der mich quält, sondern der Wunsch, er möge mich aus einem anderen Grund berühren.
»Du begehrst mich und ich begehre dich«, flüstere ich. »Vielleicht ist es Schicksal. Vielleicht sollen wir zusammen sein.«
Er sieht mich an, sein Blick glüht. »Du bist eine Hexe.«
»Ich bin auch eine Frau.«
Langsam, so als sei er sich selbst noch nicht sicher, zeichnet er mit seinen Fingern einen Kreis um meinen Bauchnabel. Eine sanfte Spur bleibt. Sein Blick gleitet zu meinen Brüsten, eine glänzt durchsichtig, die andere reckt sich ihm rosig entgegen.
Er will mich.
Und was viel schlimmer ist: Ich will ihn!
»Traue niemals einer Hexe«, murmelt er und die Hände folgen seinem Blick. Er umfasst die eiskalte Brust. Ich beiße mir auf die Lippen. Ungewohnte Wärme durchströmt mich. Diese Gefühle sind mir fremd. Das sehnsüchtige Ziehen im Magen. Das Bedürfnis nach Nähe.
»Was ist das?«, hauche ich.
Er antwortet nicht. Obwohl das Eis geflohen ist, lässt er seine Hand, wo sie ist. Sein Daumen umkreist meine Brustwarze. Eine neue Art Schmerz, anders, wohltuend, berauschend.
»Ist das Liebe?«
Er schüttelt den Kopf. »Nein.«
Im nächsten Moment beugt er sich über mich, seine Augen zwei tannengrüne Punkte, meine ganze Welt. Dann küsst er mich, wie ich noch nie geküsst worden bin. In all den endlosen Jahren meines ersten Lebens habe ich viele Männer gekannt, viele Vereinigungen erlebt. Aber niemals, noch niemals war es so … erfüllend? Ich spüre seine Kraft, schmecke seine Lippen, seine Haut. Seine Hände sind überall. Er ist über mir, in mir, er umgibt mich vollkommen. Ich gebe mich ihm hin, und er gibt sich mir hin. Wir sind eins. Umschlungen im wilden Tanz und mit jedem seiner Stöße verschwindet die Kälte ein kleines bisschen mehr, bis da nichts mehr ist außer alles umfassende Wärme. Bis da nichts mehr ist als er.
Ich weiß nicht, wie lange wir Herz an Herz auf dem Fell liegen. Die Jahre im Turm scheinen verschwindend wenige dagegen. Ich lausche den Atemzügen, dem kräftigen Schlagen seines Lebens und wünschte die Zeit würde niemals vergehen. Aber wie Sand in einer Uhr, so verrinnt auch unsere Ruhe. Die Welt ist schnelllebig geworden, Zeit kostbar.
»Hexenjäger«, flüstere ich und kenne doch nicht seinen wahren Namen.
Er brummt nur. Seine Hände ruhen auf meinem Rücken. Er hält mich. Noch hält er mich.
»Ist das Liebe?«, frage ich erneut. Meine Fingerspitze folgt den Linien seiner zahllosen Narben. Ich stütze mich ab, sehe ihn an.
»Nein«, wiederholt er.
»Was ist es dann? Es fühlt sich … gut an.«
Er schweigt.
»Bist du sicher, dass es keine Liebe ist?«
Langsam dreht er den Kopf. Sein Blick ist seltsam distanziert, beinahe kühl. »Ja.«
Ich runzele die Brauen.
»Du meinst für dich.«
»Ich bin dein Feind. Ich empfinde Hass für dich.«
»Mit Hass kenne ich mich aus«, sage ich bemüht leicht. Ich will ihm nicht zeigen, wie sehr mich seine Worte verletzen. »Das ist kein Hass.«
Er seufzt und erhebt sich.
»Warte.«
Ich greife nach seiner Hand.
»Warum warst du in dem Turm?«, fragt er plötzlich. Seine Miene ist eisern und ich verstehe, dass der Punkt gekommen ist, an dem er Antworten braucht. Er ließ mich am Leben. Ich muss ihm einen Grund geben, es dabei zu belassen. Ich habe keine Macht. Ich brauche ihn.
»Es ist ein Grab.«
»Du warst nicht tot.«
»Ja.«
»Warum?«
»Warum ich in dem Turm war? Oder warum ich noch lebe?«
»Beides.«
Ich sehe ihn lange an, dann frage ich ihn: »Wie tötest du die Hexen, wenn du sie jagst?«
»Das verrate ich dir bestimmt nicht.«
»Ist es leicht?«
»Nein.«
Ich verschränke meine Finger mit seinen. Er lässt es zu. Solange er bei mir ist, solange er mir nah ist. »Wie würdest du die Eishexe töten?«
Er braucht einen Moment, ehe er antwortet: »Ich weiß nicht, ob man sie überhaupt töten kann.«
Meine Lippen lächeln, meine Augen nicht. »Und wie würdest du eine Hexe umbringen, die noch sehr viel mächtiger ist …?«
»Was willst du mir damit sagen?«
Ich hebe den Blick. Meine Augen sind eisblau, wie die meiner Schwestern – wie die der Eishexe.
Ich war zu mächtig, als dass sie mich hätten töten können, nicht einmal mit ihrer vereinten Macht. Ich weiß, dass ich so nicht beginnen darf – nicht, wenn ich will, dass er mir vertraut.
»Der Dornröschenschlaf«, sage ich also. »Ich habe ihn erschaffen wie viele andere Zauber. Auch den der magischen Sieben.«
»Du hast das magische Gesetz verfasst?«, fragt er und runzelt die Brauen.
Ich sehe ihn an. Ahnt er, wer ich bin? Wer ich war? Welche Macht ich besaß? Ich hebe meine Hand. Seine zuckt zum Dolch. Ich rufe nach meiner Magie – aber nichts regt sich. Erst als ich die Hand sinken lasse, entspannt er sich, doch der Dolch bleibt in seiner Hand liegen. Ein Zeichen seines Misstrauens, und ich erkenne, dass ich weiter ausholen muss, um ihm zu zeigen, wer ich bin und warum ich wurde, wer ich war.
»Wir waren unschuldige Kinder, geboren mit den Zeichen der Feen. Schwarzes Haar, schneeweiße Haut, Lippen wie Blut. Die Menschen fürchteten uns. Sie fürchteten die Saat der Feen. Sie nannten uns Wechselbälger. Viele von uns wurden getötet. Manche konnten entkommen, manche wurden ausgesetzt.«
Ich verstumme. Ich werde gerissen in eine Zeit, die so lange zurückliegt, dass nicht einmal die Bäume ihre Geschichten kennen. Ein kleines Mädchen im roten Mantel. So lange versteckt – so lange geschützt vor den Blicken der anderen.
»Ich kann mich kaum noch an das Gesicht meiner Mutter erinnern. Sie holten sie am Tag des ersten Schnees. Ich folgte ihren Spuren. Bevor die Sonne den Horizont erklommen hatte, war sie tot. Sie war tot, weil sie ein Feenkind versteckt hatte. Ihr eigenes Kind.« Die Spuren im Schnee führten ins Dorf. Zum Scheiterhaufen. »Zuerst roch ich den Rauch, dann hörte ich das Prasseln des Feuers.« Flieh, mein Herz! Flieh, so weit du kannst!
Und während der Himmel sich blutrot färbte, verbrannte meine Mutter.
»Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht ihre Schreie höre.« Und die der anderen. Ich presse die Lippen zusammen: »Dreizehn Schwestern. Dreizehn, die der Jagd der Menschen entkamen.«
»Feenkinder«, höre ich ihn murmeln. Der Hexenjäger. Ich sehe ihn an. Er ist ein Nichts gegen mich. Seine Lebensspanne ist kurz und unbedeutend.
»Wir sind die Auserwählten – fähig die Magie zu nutzen, Macht zu besitzen. Deshalb fürchteten sie uns und tun es noch.«
»Zu Recht«, sagt er.
»Macht ist eine Bürde. Sie verändert uns.« Sorgsam fahre ich die Linien des dunklen Mals mit einem Finger nach. »Wir waren Kinder. Verängstigte, einsame Kinder. Das Schicksal rettete uns, es führte uns zusammen. Wir erkannten, was wir waren, wir erkannten unsere Möglichkeiten. Zusammen waren wir … stark und unverletzbar.«
»Wie alt …« Er unterbricht sich. Er ist auf der Hut. Er glaubt nicht alles, was ich ihm sage und das ist gut so. Er weiß nicht, dass ich die Menschen des Dorfes noch am selben Tag tötete. Er weiß es nicht, aber vielleicht ahnt er es.
Asche. Alles was blieb, war ein kleines Mädchen im roten Cape in einem Dorf aus Asche.
»Ich war vier«, antworte ich auf seine unausgesprochene Frage. »Ich wusste nichts über Feenkinder oder über Magie. Ich wollte nur bei meiner Mama sein.«
Seine Finger drücken die meinen sanft. Mitleid, so leicht zu erregen. So wohltutend für die Seele.
»Wie lange habe ich geschlafen?«
»Warum warst du in dem Turm?«, ignoriert er meine Frage und kommt zu seiner ursprünglichen zurück.
»Weil sie mir eine Falle stellten.«
»Mit sie meinst du deine Schwestern?«
Ich nicke.
»Und jetzt willst du Rache.«
Ich beginne zu lächeln, kalt und berechnend.
»Ja«, sage ich und plötzlich verstehe ich, welcher Geruch mich verwirrt. Der Duft, der alle anderen überschattet, penetrant und durchdringend. Es ist Angst, die Angst meiner Schwestern. Mein Lächeln wird breiter. »Sie wissen, dass ich komme.«
»Du willst sie töten?«
»Jede Einzelne von ihnen.«
Er hebt seine Hand und streicht zärtlich über meine Wange. Dann, wie ein Schlag ins Gesicht: »Ich habe mich geirrt. Du bist nicht anders. Du bist genauso schlecht und verkommen.«
Das Schlucken fällt mir plötzlich schwer. Seine Worte treffen mich. Ich will nicht besser sein, nicht gut, nein, ich will ihm gefallen.
»Ich bin so menschlich«, sage ich verwirrt. »Diese Gefühle, sie lassen mich nicht klar denken.«
»Menschlich«, wiederholt er und schüttelt den Kopf. »Fühlen Hexen nichts?«
»Feen«, verbessere ich ihn, »fühlen sehr wohl, nur lernen wir früh, dass die Gefühle der Magie im Wege stehen.«
»Je weniger eine Hexe fühlt …«
»… desto stärker ist ihr Zauber«, beende ich den Satz, den die Feenmutter wie ein Mantra zu predigen pflegte.
Sie schreitet auf und ab, die Kinder stehen in Reih und Glied. Die Feenmutter spricht unaufhörlich von Stärke und Hass. Sie verharrt vor der Kleinsten und hebt ihr Kinn fast zärtlich an.
»Die Liebe ist das schlimmste Gefühl. Sie macht euch schwach, sie macht euch verwundbar, sie lässt euch nicht klar denken. Und was ist eine schwache, verwundbare Fee?«
»Eine tote Fee«, antwortet die Kleine leise. Sie schafft es nicht, der Feenmutter in die Augen zu blicken, keine schafft das. Außer einer.
»Richtig.« Die Feenmutter wendet sich ab und schreitet weiter. Sie bleibt vor dem trotzigen Blick stehen. »Glaubst du, dass es in dieser Welt für dich die Liebe gibt?«
Das Mädchen schweigt. Die Herzen der anderen beginnen, ängstlich zu flattern. Sie fürchten sich vor der Strafe.
Die Feenmutter hebt die Augenbrauen.
»Die Menschen …«, beginnt das Mädchen.
»Die Menschen sind herzlose Bestien!«, unterbricht die Feenmutter sie. »Sie kennen keine Gnade und deswegen werden wir keine Gnade kennen. Wir unterscheiden nicht zwischen unschuldig und schuldig, denn wer heute das eine ist, wird morgen das andere sein.« Die Feenmutter richtet ihren Blick aus dem Fenster des Turms, von dem aus ganz Pandora zu überblicken ist. Für heute scheint sie den Ungehorsam der Widerständigen zu verzeihen. »Die Welt da draußen ist nichts als ein Spielfeld und wir sind die Figuren. Die Regeln sind einfach: Es gibt keine.« Sie wendet sich wieder den Kindern zu. Stärke und Hass. Wir gewähren keine Gnade.
»Die Eishexe –«
»Früher hieß sie anders«, flüstere ich.
»Sie ist die mächtigste der noch lebenden Hexen«, überlegt er und sieht mich an. »Du musst ein wahres Scheusal gewesen sein, wenn du so mächtig warst, dass selbst sie dich fürchtet.«
Hasst er mich? Warum hält er dann meine Hand? Meine Finger klammern sich fester um seine.
Lass mich nicht los!
»Alles, was ich einst war, ist verloren. Es ist, als hätte die Magie mich vergessen. Sie gehorcht meinem Ruf nicht mehr.«
Ist da ein Glitzern in seinen Augen?
»Dafür fühle ich seltsame Dinge.«
»Liebe?«, meint er spöttisch.
»Ich mag dich«, antworte ich bemüht ehrlich. Er lacht freudlos. Das Glitzern verschwindet so schnell, wie es gekommen ist, und ich weiß nicht, ob ich es mir nur eingebildet habe.
»Du hast keine Ahnung von Liebe.«
»Sie ist das Einzige … das Einzige, was ich nie erfahren habe. Keine von uns. Mag die Magie auch noch so viel Macht ermöglichen, eines verwehrt sie uns. Die Möglichkeit zu lieben und geliebt zu werden.«
Bevor er etwas erwidern kann, fahre ich eilig fort: »Alles, was ich von der Liebe kenne, sind die schwachen Erinnerungen eines vierjährigen Mädchens, das seiner Mutter beim Sterben zusieht.«
Und mit ihr starb mein Herz. Mit ihr starb das Kind und zurück blieb die Fee.
»Lehre mich lieben!«, bitte ich.
Er entreißt mir die Hand, als hätte er sich verbrannt. »Ich weiß nicht, was für ein Spiel du treibst, aber eines sage ich dir: Weder du noch eine deiner kaltherzigen Schwestern wird je in der Lage sein, für ein anderes Wesen als sich selbst etwas zu empfinden!« Er weicht von mir – und einen Moment fürchte ich, dass die Kälte zurückkommt – doch nichts geschieht. Wie ein Berg, den es zu bezwingen gilt, ragt der Hexenjäger vor mir auf. Seine Augen funkeln so schwarz wie die Nacht.
»Liebe«, sagt er und es klingt wie das Knurren eines Wolfes. »Du willst lernen zu lieben? Oder willst du geliebt werden? Da besteht ein Unterschied, den du wahrlich nicht erkennen kannst, nein! Denn du hast kein Herz.«
»Doch«, erwidere ich leise und fühle ein Stechen in der Brust.
Ein neuer Schmerz.
Süß und bitter zugleich.
»Dann ist es kalt wie Eis. Genau wie dein Prinz. Ihr seid ein feines Paar!«
Ich schüttele den Kopf. »Meine wahre Liebe«, sage ich und es fällt mir schwer, nicht zu weinen. »Es ist mein eigener Zauber. Es war so einfach. So perfekt.« Ich streiche die einsamen Tränen von den Wangen.
»Warum warst du in dem Turm?«, fragt er erneut und ist der Antwort so nahe.
»Weil sie mich betrogen haben«, weiche ich aus.
»Wie konnten sie dich betrügen?« Er drängt mich, als habe er mich bei einer Lüge ertappt.
»Du fragst, warum ich nicht tot war?« Ich atme tief ein, spüre, wie mein Widerstand erwacht. »Der Grund ist einfach: Ich war zu mächtig, um getötet zu werden. Du glaubst, die Eishexe sei unsterblich? Sie ist ein Witz, sie ist ein Nichts gegen das, was ich war!« Und ich weiß, dass ich niemals sagen kann, was wirklich in diesem Turm passierte, vor so vielen Jahren. Niemals kann ich gestehen, dass es in meiner perfekten, grausamen Welt nur eine einzige Schwachstelle gab: die Liebe. Und bevor ich verstehe, was passiert, sind die Worte schon hinaus: »Ich wollte geliebt werden.«
Ich schlage die Hände vor den Mund, und während sich meine Augen vor Entsetzen weiten, sehe ich in seinen das Verständnis aufblitzen. Die Puzzlestücke fügen sich zusammen.
»Dornröschenzauber«, sagt er und dieses eine Wort umfasst mein ganzes tragisches Schicksal.
»Sie haben mich betrogen«, flüstere ich erstickt. »Sie haben meinen Körper in diesen Turm gesperrt, versteckt vor den Menschen, geschützt durch unzählige Zauber. Niemand hatte die Chance, zu mir zu gelangen. Niemand konnte mich erlösen.«
»Bis gestern«, sagt er ruhig.
»Bis gestern«, schluchze ich. »Und jetzt ist er tot.«
In meinen Tränen fließen die verlorenen Hoffnungen. »Er war der Eine. Meine einzige Chance.«
»Er war ein aufgeblasener Schwamm, unfähig zu überleben«, sagt der Hexenjäger kalt. »Ohne meine Führung hätte er die Hecke nie bezwungen, nie den Turm erreicht. Er ist ein Versager, der von seinem Vater gezwungen wurde, auf Reisen zu gehen, um zu einem Mann heranzureifen.«
»Was willst du von mir?«, rufe ich erstickt. »Du rettest mich, du berührst mich als würdest du mich lieben, aber du hasst mich. Was willst du von mir?«
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