Kitabı oku: «Schneesturz - Der Fall des Königenhofs»
Julia Heinecke
Schneesturz – Der Fall des Königenhofs
Historischer Roman aus dem Schwarzwald

Zum Buch
Von Schnee begraben Über 20 Personen leben 1844 auf dem Königenhof im Schwarzwald eng zusammen. Der Königenbauer holzt den Wald ab und stellt der Magd nach. Die Königenbäuerin streitet mit der Untermieterin. Tochter Bibiane soll einen Hoferben heiraten und hat doch ganz andere Pläne. Die Untermieterin wiederum will nichts als weg.
An einem Februarabend kommt es zur Katastrophe: Eine Lawine begräbt den gesamten Hof unter sich. Am nächsten Morgen entdecken die Nachbarn das Unglaubliche. Können sie die Verschütteten aus den Trümmern retten?
»Im selben Moment donnerte es bedrohlich, und die Stube begann zu zittern. Überrascht sahen die Männer hoch. Die Schnapsflasche auf dem wackelnden Tisch kippte um. Thomas fiel von der Bank und rappelte sich verwundert auf. Das Donnern schwoll an und ging über in ein gewaltiges Krachen. Das Licht erlosch in einem Windstoß. Nur Bruchteile von Sekunden später spürten sie den Schnee kommen.«
Nach einer wahren Begebenheit.
Julia Heinecke wurde in Berlin geboren, wuchs im nördlichen Schleswig-Holstein auf und ist seit über einem Vierteljahrhundert in Südbaden zu Hause. Sie absolvierte eine Übersetzer-/Dolmetscherausbildung und studierte anschließend Kulturwissenschaften. Heute lebt und arbeitet Julia Heinecke als freiberufliche Übersetzerin, Lektorin, Texterin und Autorin in Freiburg. In mehreren Publikationen hat sie sich sowohl auf Sachebene als auch in Romanform mit der Kulturgeschichte des Schwarzwaldes auseinandergesetzt. www.julia-heinecke.de
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Bildes von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Caspar_David_Friedrich_-_Fr%C3%BChschnee.jpg
ISBN 978-3-8392-6790-5
Zitat
Matthis mit dem Beil schlägt’s Eis entzwei.
Wetterregel
Matthiastag, 24. Februar
Personenverzeichnis
Die Bewohner des Königenhofs 1844
Familie Tritschler:
Martin Tritschler, der Königenbauer, *1784
Walburga, die Königenbäuerin, *1794
Ihre Kinder:
Lorenz, *1820
Elisabeth, *1821
Bibiane, *1822
Maria [Marei], *1824
Thomas, *1826
Martha, *1827
Theresia, *1828
Fidel, *1830
Magdalena, *1831
Mathäus, *1832
Leo, *1834
Julius, *1834
Maria Faller [Fallermarie], Mutter der Königenbäuerin, *1774
Die Gehausleute:
Hilar Winterhalter, *1814
Clara, seine Frau, *1816
Ihre Kinder:
Paul, 9 Jahre
Anton, 6 Jahre
Wilhelmine, 5 Jahre
Balbina, 3 Jahre
Catharina Hofmaier, Claras Schwester, *1822
Ihr Sohn Salomon, 1 Jahr
*
Die Nachbarn im Königenhäusle:
Philipp Beha
Maria [Behamarie], seine Frau
Ihre Söhne:
Blasius, *1821
Philipp [Philo], *1824
Johann Löffler [Löfflerjohann]
Maria [Löfflermarie], seine Frau
*
Der Nachbar vom Kajetanshof:
Paul Löffler [Kajetansbauer]
*
Der Geistliche:
Pfarrer Schilling aus Neukirch
Samstag, 24. Februar 1844, abends
Draußen stürmte es, den ganzen Tag schon. Jetzt, in den dunklen Abendstunden, ächzte und stöhnte das alte Haus sogar noch lauter als zuvor. Regen fiel hart auf das Schindeldach und ließ den Schnee in großen Brocken krachend auf den Boden fallen. Tauwetter.
Maria Beha sah von ihrer Stopfarbeit auf zu ihrem Mann Philipp, der am Stubentisch im Schein der Tranfunzel saß, vor sich das fast fertige Gestell einer Schwarzwalduhr. Er hatte genauso übermüdete Augen wie sie.
Ihre eigene Kuckucksuhr, die neben dem Herrgottswinkel hing, öffnete geräuschvoll ihr Türchen. Der Kuckuck sprang heraus und rief zehnmal.
»Zeit zu schlafen«, erklärte Maria.
»Bin fast so weit«, erwiderte Philipp Beha und setzte das Stemmeisen geschickt an.
Wenn er dieses Uhrengestell noch fertigstellte, konnten morgen früh seine Söhne Blasius und Philo es auch noch mit der restlichen Ware nach Urach bringen.
»Wo bleiben die Buben?«, fragte er, ohne aufzuschauen, während er seine Arbeit auf Fehler untersuchte.
»Sie sind noch drüben beim Königenbauern«, antwortete Maria, »aber sie werden sicher bald kommen, sie müssen schließlich morgen früh aufbrechen.«
Sie hielt ihr Gesicht dicht an die verregnete Fensterscheibe und blickte angestrengt nach draußen. Sie konnte nur einen schwachen Lichtschein erkennen, obwohl der Königenhof nicht mehr als einen Steinwurf von ihnen entfernt lag, zweiunddreißig Schritte genau.
»Sie spielen zu oft und zu lang mit dem Tritschler«, brummte Philipp.
Maria wandte ihr Gesicht vom Fenster ab und stand auf, um nicht antworten zu müssen, denn er hatte ja recht. Sie legte ihr Stopfzeug in den Korb auf der Fensterbank.
»Ich geh hoch«, gab sie das Zeichen zum Aufbruch.
»Ist recht.«
Maria zog wie jeden Abend die Zapfengewichte der Kuckucksuhr hoch, bevor sie über den schmalen Stiegenkasten die Treppe in die Schlafkammer, die über der Stube lag, nahm. Die Türe blieb geöffnet, sodass die Kachelofenwärme von unten nach oben zog. Maria zog ihr Nachtgewand und die Haube an, hockte sich über den Nachttopf, sprach schließlich ihr Nachtgebet und legte sich ins Bett. Wenig später folgte ihr Ehemann. Wie jeden Abend hatte er abgewartet, bis sie zugedeckt im Bett lag. Maria löschte die Kerze in der Laterne und zog die Vorhänge zu. Jetzt war es stockdunkel.
Wie gewohnt schlief Philipp schnell ein, während seine Frau wach auf ihren vielen Kissen lag. Sie hörte sein Schnarchen und ging im Geiste durch, woran sie morgen zu denken hatte. Den Söhnen ein Vesper richten, damit sie in Urach zu essen hatten und nicht Geld im Gasthaus ausgeben mussten. Hoffentlich würde der Sturm bis dahin aufgehört haben. Den großen Kessel mit Salz ausreiben, denn er hatte unten eine Schicht angesetzt. Die alten Leinentücher ausbessern. Brotteig ansetzen.
Normalerweise half ihr die Gewohnheit, den nächsten Tag zu planen, um in den Schlaf zu finden. Heute Abend jedoch wollte sich keine Bettschwere einstellen. Maria spürte eine innere Unruhe. Es musste am Sturm liegen.
Der Wind rüttelte zornig an den Fenstern, und der Regen prasselte ohne Unterlass. Fast glaubte Maria, dass der Holzschieber aus der Halterung fiele. Da gab es plötzlich ein gewaltiges Donnern und Dröhnen. Das ganze Haus zitterte. Maria richtete sich erschreckt auf und sprach schnell in die Dunkelheit ein Vaterunser. Es dröhnte und zitterte noch immer. Sie sprach ein zweites.
»Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.«
Schlagartig war Ruhe. Wind und Regen wirkten auf einmal ganz leise. Der Kuckuck unten in der Stube rief unbeeindruckt elfmal. Philipp schnarchte. Maria rüttelte an der Schulter ihres schlafenden Mannes.
»Philipp, hast du das Schausen gehört?«
»Welches Schausen?«, fragte er verschlafen, ohne sich zu rühren.
»Ein Dröhnen und Donnern. Ein … gewaltiges Schausen. Alles hat gewackelt. Seltsam. Wie kannst du es nicht gemerkt haben?«
»Das ist doch nur der Sturm«, Philipp tastete im Dunkeln nach der Hand seiner Frau und streichelte sie kurz, »ein Windstoß. Sorg dich nicht. Morgen ist es vorüber. Und jetzt schlaf.«
Er nahm seine Hand weg und drehte sich schwerfällig um. Bald ertönte erneut sein Schnarchen. Maria jedoch sollte die ganze Nacht keinen ruhigen Schlaf finden.
Teil I 1833 bis 1838
1833 – 1834
340 Juchert Feld und Wald. Ein über hundert Jahre altes, großes Schwarzwälder Bauernhaus mitsamt allen Fahrnissen. Daneben Speicher und Kapelle unter einem Dach. Mühle und Backhaus unter einem Dach. So stand es im Kaufvertrag. Der Königenhof war der neue Besitz von Martin Tritschler, bis jetzt Gregorihofbauer in Urach. Mit diesem Hof, so war er sich sicher, hatte er einen guten Fang gemacht. 8.200 Gulden hatte er dafür bezahlt.
Der neue Hof lag knappe drei Stunden zu Fuß von Urach entfernt. Die Familie Tritschler, ihr Knecht und die Magd hatten sich schon früh auf den Weg gemacht, um noch vor Mittag an ihrem neuen Domizil anzukommen. Das letzte Stück ging es steil hinab ins Wagnerstal. Nach dem Kajetanshof ging es wieder leicht nach oben, und an der letzten Kehre sah man bereits das riesige Bauernhaus am Ende des engen Tales stehen. Links davon schmiegte sich das kleine Nachbarhaus, das Königenhäusle, an den Hang. Mitten durch das Tal murmelte ein Bach, an dessen Ufer die dem Hof zugehörige Mühle und die Kapelle lagen. An allen Seiten ragten steile Hänge auf, sodass der Königenhof, zumal auf der Winterseite erbaut, auch jetzt, da die Sonne ihren höchsten Punkt bald erreichte, im Schatten lag.
»Schau, unser Land … und unser Hof.«
Martin Tritschler hielt den vollbeladenen Pferdewagen an und blickte stolz seine Frau Walburga an, die neben ihm auf dem Kutschbock saß. In ihren Armen hielt sie Mathäus, ihren jüngsten, einjährigen Sohn, das zehnte Kind insgesamt. Zwischen den Eheleuten saßen der dreijährige Fidel und die zweijährige Magdalena. Der Knecht lenkte ein weiteres Gefährt, das von zwei Ochsen gezogen wurde. Die größeren Kinder liefen mit der Magd sowie den Kühen und Ziegen hinter den Wagen her und passten auf, dass kein Tier sich davonstahl.
Walburga sah sich interessiert um. Erst vor ein paar Wochen war ihr Mann mitten in der Heuernte verschwunden, und als er am Abend wiederkam, hatte er verkündet, dass die Familie ins Wagnerstal umziehen würde. Walburga war von der Vorstellung nicht sehr begeistert gewesen, aber Martin hatte ihr den neuen Hof in den schönsten Farben ausgemalt.
»Er wird recht für dich sein«, sagte er. »Der Hof ist groß, viel größer als hier, die Küche ist enorm, es gibt ausreichend Kammern für unsere Kinder und die Völcher. Wir werden mehr als doppelt so viel Land haben wie zuvor.«
Viel Landwirtschaft würde sich im hochgelegenen, schattigen Wagnerstal zwar nicht treiben lassen. Ein paar Kartoffeln, etwas Hafer und Roggen, mehr war nicht möglich. Der Reichtum dieses Hofes, war sich Martin sicher, lag hinter dem Hof an den steilen Hängen: Wald. Die Holländer waren ganz verrückt nach Holz aus dem Schwarzwald, das über den Rhein, zu riesigen Flößen aneinandergebunden, den Weg in den Norden nahm. Und dieses Geschäft würde sich der neue Königenbauer nicht entgehen lassen.
Beim Anblick des Königenhofs sah Walburga nun, dass ihr Mann recht gehabt hatte. Der Hof wirkte stattlich, viel größer als der alte in Urach, sein riesiges Dach spannte sich weit hinunter bis fast auf den Boden und wirkte beschützend. Alles Land drum herum sollte ihres sein. Es war beeindruckend.
Sie passierten erst die Mühle mit dem angegliederten Backhaus, dann die Kapelle mit dem Speicher und schließlich das Königenhäusle. Vor dessen Tür stand eine Frau mit ihren zwei barfüßigen Söhnen und hob freundlich die Hand zum Gruß. Martin und Walburga nickten ihr zu, die Kinder winkten.
Vor dem Königenhof brachte Martin seine beiden Pferde zum Stehen und sprang vom Wagen. Walburga reichte der Magd Gertrudis und ihren ältesten Töchtern Elisabeth und Bibiane die kleinen Kinder und stieg selbst hinab. Alle schauten sich um. Bibiane, der Wildfang unter den Geschwistern, rannte schon davon, die kleine Magdalena huckepack, die vor Freude laut juchzte.
Der Stall lag im vorderen Teil des Hauses mit Blick ins Tal und würde schlechtes Wetter abhalten, während sich der Wohnteil hinten an den steilen Berg schmiegte. Eine Fensterreihe links des Hauseingangs, knapp unterhalb der Dachkante, deutete an, wo sich die Stube befand. Im Winter, dachte Walburga, würde es sehr dunkel sein. Rechterhand, neben dem Stalleingang, stand geschützt der Brunnenstock mit dem aufgesetzten Milchhäusle, das zum Kühlen von Milch und Butter diente.
Martin wartete vor der Eingangstür zum Wohnteil, bis Walburga, wieder mit Mathäus auf dem Arm, zu ihm kam. Der neue Königenbauer steckte den mächtigen Schlüssel ins Schloss, drehte ihn und stieß die Haustür auf. Quietschend gab sie den Weg ins Innere frei, und Martin ließ seine Frau eintreten.
»Willkommen im Königenhof.«
Die geöffnete Tür ließ ein wenig Licht in den schummrigen Hausgang. Sein Boden war mit Stein ausgelegt. Rechterhand ging es durch eine Verbindungstür in den Stall, während sich linkerhand die Stube befand, die vollständig möbliert war. Über die gesamte Fensterseite sowie an der Querseite und entlang der Wand links neben der Tür verlief eine Sitzbank, davor stand ein sehr langer, massiver Tisch, der Platz für die gesamte Großfamilie Tritschler bot. Eine weitere einfache Sitzbank auf der der Stube zugewandten Seite des Tisches sowie mehrere Stühle komplettierten die Einrichtung. Ein grüner Kachelofen rechts neben der Tür sorgte für Wärme in der kalten Jahreszeit. Walburga fiel außerdem der reich geschmückte Herrgottswinkel ins Auge.
Gleich hinter der Stube folgte die Küche. Es war eine über zwei Geschosse gehende Rauchküche ohne Kamin, wie sie im Schwarzwald üblich war, von oben bis unten schwarz von Ruß. Sie war sehr groß, Walburga erschrak dennoch, denn sie hatte keine Fenster. Nur von oben fiel hier und da ein wenig Licht durch die Ritzen der Bretterwände. Walburga blickte hoch und erahnte das verrußte Gewölm, in dem sich der Rauch fing. Mehrere Holzstangen waren dort angebracht, um Schinken und Würste zur Haltbarmachung aufzuhängen. Ein einzelnes Stück Speck vom Vorbesitzer baumelte noch herab und wurde von zahllosen Fliegen umschwirrt. Nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte Walburga, dass es an jeder Seite der großzügigen Küche einen Herd gab, einen für sie, die Hofbäuerin, und einen für die Altvorderen, die ältere Generation, wenn sie denn mit auf dem Hof lebte. Eigener Herd ist Goldes wert, dachte Walburga. Man konnte ja nie wissen, ob die Eltern hier nicht eines Tages einzögen.
Sie kehrte zurück in den Hausgang, nun gefolgt von mehreren Kindern unter der Führung von Bibiane, die immer den Ton angab. Auf der anderen Seite der Küche gab es ein Stüble, einen kleinen Wohnraum für die Altvorderen. Sie würden sehen, wie sie diesen Raum nutzen konnten. Neben dem Stüble gab es eine weitere Haustür, die zur anderen Seite ins Freie führte.
Walburga und ihre Kinder stiegen nun die Holztreppe ins erste Obergeschoss hinauf. Direkt über der Stube lag die Schlafkammer der Bauern, hier würden Walburga und Martin ihre eigenen Möbel, die sie zur Hochzeit geschenkt bekommen hatten, aufstellen, wenngleich die vorhandenen auf Walburga keinen schlechten Eindruck machten. Über dem Stüble wiederum lag eine ebenfalls eingerichtete Schlafkammer für die Altvorderen. Gegenüber befanden sich eine weitere, kleine Kammer für den Knecht sowie der riesige Heustock, der fast die Hälfte der gesamten Geschossfläche einnahm und gut gefüllt war.
Eine Tür neben der Bauernschlafkammer führte nach draußen auf den Außengang, der Zugang zu drei weiteren Kammern bot, die nur über diesen Weg erreichbar waren. Sie lagen direkt über dem Stall, der von unten Wärme spendete.
»Können wir in einer dieser Kammern schlafen?«, fragte Bibiane. Sie wartete die Antwort nicht ab und rannte ihrem großen Bruder Lorenz über den Gang hinterher.
Es gibt wirklich viel Platz, dachte Walburga beeindruckt. Ihr Mann hatte richtig entschieden. Dies war ein stattlicher Hof, der etwas hermachte und ihnen ein gutes Auskommen sichern würde.
Eine weitere Treppe führte sie schließlich ins zweite Obergeschoss auf die Tenne. Diese hatte ein beachtliches Ausmaß. Walburga blickte hoch und sah die enorme Spannweite des Daches, das sogar vier Fenster aufwies, durch die Licht fiel. In einem Lichtstrahl machte sie einen Ochsenkopf aus, der von der Decke hing, und Walburga war froh über dieses nicht gerade christliche Zeichen, denn ein Ochsenkopf, so waren die Bauern im Schwarzwald fest überzeugt, hielt Unglück vom Hof fern.
Schließlich gab es ein Tor, das direkt nach draußen auf die Hocheinfahrt führte. Martin hatte es bereits geöffnet und wartete auf seine Frau und die Kinder.
»Hab ich dir zu viel versprochen?«, fragte er. Er strahlte über das ganze Gesicht. »Du wirst sehen, Walburga, hier werden wir unser Glück finden.«
Seine Frau nickte. Sie überlegte, wann sie Martin jemals so stolz und zufrieden gesehen hatte. Normalerweise war er keiner, der viel lachte und übermäßig freundlich war. Jetzt schaute er sich selig um. Auch Walburga freute sich über den neuen Hof. So geräumig und mächtig hatte sie ihn nicht erwartet.
»Komm mit«, sagte Martin, »jetzt zeige ich dir noch den Stall. Du glaubst gar nicht, wie groß der ist.« Er griff nach ihrer Hand und zog sie die Hocheinfahrt hinunter.
Familie Tritschler begann, sich einzurichten. Die älteren Kinder trieben das Vieh in seinen neuen Stall. Man hörte sie fröhlich rufen und lachen. Martin und sein Knecht Wendelin luden die Kisten und Körbe mit Wäsche, Vorräten, Werkzeugen und Geschirr von den Wagen und brachten sie ins Haus.
Walburga nahm ihre neue Küche in Besitz. Um besser sehen zu können, stellte sie zwei Kienspäne auf, die beständig vor sich hinglommen und zumindest etwas Licht spendeten. Dann packte sie ihre Töpfe und Pfannen aus und verstaute sie im Küchenschrank, in dem ihre Vorgängerin zwei tadellose Schmalzhafen zurückgelassen hatte.
Neben dem Herd lagen Holzscheite und Reisigwellen, die Walburga in den Herd warf und anzündete. Mit einem langen Stecken holte sie schließlich das von Maden durchzogene Stück Speck aus dem Gewölm und warf es ins Feuer. Es knisterte laut.
»Erst einmal müssen wir kräftig durchräuchern, damit das Ungeziefer sich verzieht«, meinte sie. Ihr Kopf war ganz in Rauch gehüllt, und sie musste husten.
Gertrudis, die Magd, holte Wasser vom Brunnenhäusle und goss es in den großen Kochtopf. Bald kochte das Wasser und Walburga warf Kartoffeln, Rüben und Zwiebeln hinein, die sie zuvor an dem großen Tisch, der sich in der Küche befand, geschnitten hatte.
Schließlich fanden sich alle zum Essen in der Stube an dem langen Tisch ein. Martin, der neue Königenbauer, setzte sich ans Kopfende, zu seiner Rechten der prächtige Herrgottswinkel, während daneben auf der Fensterbank der Knecht Wendelin Platz nahm. Es folgten der älteste Sohn Lorenz, Thomas, der siebenjährige, und Fidel, der dreijährige Sohn. Zur Linken des Bauern saß Walburga, auf ihrem Schoß den Jüngsten, Mathäus. Neben ihr saßen die Töchter: Elisabeth, zwölf, Bibiane, fast elf, und Maria, genannt Marei, neun Jahre alt. Schließlich noch Martha mit sechs und Theresia mit fünf Jahren. Die jüngste Tochter, die zweijährige Magdalena, saß auf dem Schoß der Magd am Ende der Tafel.
Lorenz durfte heute das Tischgebet sprechen. Danach griffen alle nach ihren Löffeln und schauten Martin am Kopf der Tafel erwartungsvoll an, dass er als Erster von der Suppe nahm.
Nach dem Essen standen die Königenhofbewohner auf und beteten ein weiteres Mal. Diesmal sprach Martin: »Vater im Himmel, wir bitten um Schutz für unser neues Haus. Halte fern von ihm die Angriffe des Feindes. Es mögen die heiligen Engel kommen und uns den Frieden bewahren, und all dein Segen möge immer bei uns bleiben.«
»Amen.«
Später, am ersten Abend in ihrer neuen Schlafkammer, ließ Walburga ihren Mann gewähren. Er schob ihr Nachthemd hoch und fuhr mit seiner Hand zwischen ihre Schenkel. Schließlich legte er sich auf sie. Walburga schloss die Augen und betete wie immer, dass dieser Akt ohne Folgen bliebe.
Am nächsten Morgen standen die zwei Buben vom benachbarten Königenhäusle wieder vor ihrer Haustür und glotzten. Bibiane rannte mit nackten Füßen auf sie zu.
»Wie heißt du?« Sie zeigte auf den Größeren.
»Blasius«, erwiderte er, »und du?«
»Bibiane.«
Blasius zeigte mit seiner Hand auf seinen jüngeren Bruder. »Das ist Philipp«, stellte er ihn vor.
»Philo«, sagte dieser. »Ich heiße Philo.«
»Wie denn nun?«, fragte Bibiane.
»Ich heiße Philipp wie mein Vater, aber alle sagen Philo zu mir«, klärte der Junge sie auf. Er war etwa gleich alt wie Bibiane, Blasius ein paar Jahre älter.
»Ihr wohnt ganz schön nah bei uns«, meinte Bibiane.
»Oder ihr bei uns. Wir wohnen ja schon lange hier«, erwiderte Philo.
»Rat mal, wie viele Schritte es von eurem Haus zu unserem sind«, forderte Blasius sie auf.
Bibiane überlegte kurz. »Bestimmt hundert«, befand sie.
»Es sind viel weniger«, trumpfte Blasius auf.
»Woher willst du das wissen?«
»Wir wissen es, weil wir es schon längst gezählt haben«, erklärte Blasius.
»Kannst du denn nicht zählen?«, wollte Philo wissen.
Bibiane wurde rot. Sie war in Urach nur sehr wenig zur Schule gegangen, aber das wollte sie nicht zugeben. Ihre Eltern legten mehr Wert darauf, dass Thomas und Lorenz lernten und nicht die Mädchen.
»Natürlich kann ich zählen«, behauptete sie dennoch. »Das kann ja wohl jeder.«
»Dann siehst du doch, dass das bestimmt nicht hundert Schritte sind«, sagte Blasius.
Bibiane, sonst um kein Wort verlegen, schwieg und schaute zur Seite.
»Komm, wir probieren es mal aus. Eins.« Blasius machte einen großen Schritt und drehte sich dann um. »Na, komm.«
Bibiane ließ sich nicht lange bitten. »Zwei.« Sie streckte sich.
»Deine Schritte sind viel zu klein«, befand Philo. »Du musst sie größer machen.«
Bibiane sprang. »Drei!«
Bis zum neunzehnten Schritt konnte sie laut mitzählen, dann aber wurde sie still.
»Was ist?«, forderte Blasius sie auf.
»Zähl du«, entgegnete Bibiane. Aus den Augenwinkeln sah sie ihren großen Bruder Lorenz vor dem Königenhof stehen, der die Arme verschränkt hatte und sie mit einem spöttischen Grinsen beobachtete.
»Zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig …«
»Vierundzwanzig!«, rief Bibiane.
»Du hast eine Zahl vergessen«, sagte Philo. Bibiane schaute verwirrt und war dankbar, dass er sich nicht über sie lustig machte.
»Also, dreiundzwanzig, dann vierundzwanzig …«
Sie zählten weiter gemeinsam, bis sie am Königenhof ankamen.
»… zweiunddreißig!«, schrie Bibiane. »Es sind zweiunddreißig Schritte.«
Sie lachte mit den Buben, bis ihre Mutter aus dem Haus kam.
»Bibiane, was soll das? Geh lieber die Schweine aus dem Stall holen.«
Bibiane hielt kurz inne, dann drehte sie sich zu ihren neuen Nachbarn um. »Kommt ihr mit?«, fragte sie.
»Natürlich.«
Damit war ihre Freundschaft besiegelt.
Der Hof brachte mehr Arbeit mit sich als der alte in Urach, und jeder musste noch stärker anpacken als zuvor. Der Grund und Boden der Tritschlers hatte sich fast verdoppelt. Sie konnten mehr anbauen als auf dem alten Hof und große Mengen Holz im Wald schlagen.
Auch im Haus gab es genug zu tun. Gertrudis grummelte, dass sie vor lauter Schaffen weder ein noch aus wüsste, und Walburga musste sie regelmäßig zurechtweisen. Sie fand ihre Magd einfach nur faul. Lange würde sie sich das nicht mehr anschauen, dachte Walburga bei sich, als Gertrudis sich widerwillig ans Bodenschrubben in der Stube gemacht hatte. Aber gerade konnte sie es sich nicht leisten, der jungen Frau den Laufpass zu geben. Es war gar nicht so einfach, gute Arbeitskräfte zu finden, seit es mit der Uhrmacherei so einen Aufschwung genommen hatte. Walburga war sich bewusst, dass die Leute viel lieber in ein eigenes kleines Häuschen zogen, Uhrengestelle bauten oder Uhrenschilder bemalten, wenn sie genügend Geschick hatten, als auf einem Hof in Arbeit und Kost zu stehen. Sie halfen nur noch bei Bedarf beim Bauern aus, um etwas von seinen Kartoffeln und Hafer abzubekommen.
Martin suchte zusätzliche Kräfte für die Arbeit im Wald und stellte sich gleich nach dem Einzug bei seinen Nachbarn vor.
»Wenn ihr Arbeit sucht, ich kann fähige Leute immer gebrauchen«, erklärte er. »Im Wald gibt es viel zu tun, jede Hand ist willkommen.«
Der Löfflerjohann, der mit seiner Frau in der einen Hälfte des Königenhäusles wohnte, ließ sich gerne als Tagelöhner im Wald verpflichten. Auch der Gestellmacher Philipp Beha und seine Frau Maria, die mit ihren Söhnen Blasius und Philo in der anderen Hälfte lebten, gingen auf das Angebot ein. Philipp half beim Fällen, Maria sammelte Reisigwellen, und Blasius und Philo hüteten auf der Weide das Vieh des Königenhofs. Dabei wurden sie schon bald von Bibiane begleitet.
Walburga seufzte bei diesem Gedanken auf, während sie den Wasserkessel für die Abendsuppe auf die Feuerstelle wuchtete. Die Küche war mit Rauch erfüllt, und der Bäuerin brannten die Augen. Es war ihr gar nicht recht, dass Bibiane jeden Tag Stunden mit den beiden Nachbarbuben auf der Weide fernab des Hofes verbrachte, aber ihre Tochter hatte sich durchgesetzt. Bibiane war im Haus einfach nicht zu halten. Sie musste draußen herumrennen, sonst wurde sie unleidig, fing an, ihre Geschwister zu ärgern oder sich gänzlich der Hausarbeit zu verweigern. Schläge, um ihr diesen Unsinn auszutreiben, blieben wirkungslos. So war Martin auf die Idee gekommen, sie ziehen zu lassen.
»Dann müssen weder Lorenz noch Thomas das Vieh hüten, und ich kann die beiden mit in den Wald nehmen. Dann lernen sie früh das Holzfällen. Das ist mir recht«, sagte er.
Walburga musste ihm zustimmen, dass es eine gute Lösung sein könnte, da es mit Bibiane im Haus oft mehr Scherereien als Hilfe gab. Trotzdem war ihr nicht wohl dabei.
Das Wasser kochte, und Walburga warf die Rüben hinein, die Elisabeth geschnitten und ihr gereicht hatte. Elisabeth, die älteste Tochter, war immer folgsam, das genaue Gegenteil von Bibiane. Mit ihr war es leicht. Warum konnte Bibiane nicht so sein?
»Fang mich doch«, forderte Philo Bibiane auf. Sie hatten das Vieh auf die Weide getrieben, das jetzt zufrieden graste und keine Anstalten machte, den Wiesenabschnitt, von dem es heute Nachmittag fressen sollte, zu verlassen. Zeit für Bibiane, Philo und Blasius, sich abzulenken. Oft sammelten sie Pilze oder Beeren, aber am liebsten spielten sie Verstecken.
Die beiden Buben und Bibiane verbrachten seit dem Einzug der Tritschlers jeden Tag miteinander. Sogar am Sonntag zogen sie nach dem Kirchgang auf die Weide. Bibiane genoss es, draußen zu sein, weg von dem Hof, auf dem an jeder Ecke eine Aufgabe wartete. Die Freiheit auf der Weide erschien ihr grenzenlos. Kälte und Regen, was beides selbst jetzt im Sommer häufig vorkam, nahm sie gerne in Kauf. Philo und Blasius zeigten ihr alle Stellen im Wald und auf den Höhen, sodass sie sich schon bald gut auskannte.
Beim Fangen- und Versteckenspielen weiteten die drei Kinder ihren Umkreis immer mehr aus. Heute vergaßen sie darüber die Zeit. Als es zurück an den Hof gehen sollte und Bibiane nassgeschwitzt zur Weide gerannt kam, stand Philo schon da und zählte die Schafe, Ziegen und Kühe.
»Es fehlt eine Kuh«, stellte er fest, »die Liesel.«
Bibiane erschrak. Ihr Vater würde wütend werden, wenn sie ohne ihre beste Milchkuh auf den Hof zurückkamen. Jetzt kam auch Blasius angelaufen.
»Dann müssen wir sie suchen«, erklärte er. »Jeder von uns schwärmt in eine Richtung aus. Bibiane, lauf du dort Richtung Tal, Philo schaut da hinten, und ich laufe weiter hoch.«
Bibiane nickte. Sie griff nach ihrem Weidestock, mit dem sie normalerweise das Vieh in Schach hielt, und wandte sich Richtung Tal. Anfangs konnte sie Philo und Blasius noch hören, bis ihre Stimmen schließlich nicht mehr wahrzunehmen waren.
Sie lief eine Weile bergab und rief nach der Kuh. Schließlich hörte sie weiter unten eine einzelne Kuhglocke.
»Liesel?«
Bibiane sah eine Abzweigung in einen schmalen, zugewachsenen Weg. In diesem kleinen Seitental war sie noch nie gewesen. Es kam ihr in der beginnenden Dämmerung noch düsterer vor als das Wagnerstal. Vorsichtig lief sie hinein. Der Weg war unregelmäßig, und Bibiane schmerzten die Steinchen und Ästchen unter ihren nackten Fußsohlen. Aber sie hatte Glück. Das Läuten der Kuhglocke kam näher.
»Liesel, wo bist du denn?«
Bibiane nahm plötzlich einen Schatten wahr. Das musste die Kuh sein.
»Liesel, komm her, was machst du für Sachen?«, rief Bibiane und lief auf den Schatten zu. Jäh hielt sie an und stieß einen spitzen Schrei aus.
»Der Teufel!«, entfuhr es ihr.
Sie drehte sich um und rannte, so schnell sie konnte, den Weg wieder hoch. Die Schmerzen durch die Steinchen und Ästchen spürte sie nicht. Schließlich stieß sie auf Philo und fing an zu weinen.
»Was ist los, Bibi, warum hast du so geschrien?«
»Da unten … dort ist der Teufel, ich schwör’s.« Bibiane zitterte.
»Beruhige dich«, erwiderte Philo. »Wo soll das denn sein?«
»Da unten, die Liesel ist auch dort und kommt nicht.«
Philo schaute etwas verunsichert, gab sich aber einen Ruck und lief in die Richtung, aus der Bibiane hochgerannt war. Sie folgte ihm zögerlich und mit gehörigem Abstand.
Schließlich blieb Philo stehen und lachte erleichtert auf. »Aber nein, Bibi. Das ist doch ein alter umgestürzter Baum. Schau, seine Wurzeln sehen nur so aus, als säße dort der Teufel.«
»Bist du sicher?«
»Ja, ganz sicher. Schau mal genau hin.«
Bibiane kam vorsichtig näher, hielt es aber für besser, hinter Philo zu bleiben. Vorsichtig lugte sie hinter seinem Rücken hervor. Jetzt erkannte sie, dass es tatsächlich altes Wurzelholz war. Die Grimasse und die Hörner sah sie trotzdem noch darin.
»Du musst keine Angst haben«, beruhigte Philo sie. »Komm, jetzt schnappen wir uns die Liesel und machen uns endlich auf den Heimweg. Wir werden bestimmt schon erwartet.«
Bibiane lachte erleichtert auf. »Aber gib zu, ein bisschen hast du dich auch gefürchtet«, stellte sie fest.
»Na ja, nicht wirklich«, schwächte Philo ab. »Komm, wir sollten jetzt schnell die anderen Tiere holen und zum Hof laufen. Sonst setzt es noch was.«
Er fing die Kuh ein und gab ihr mit seiner Geißel die Richtung zu verstehen, und gemeinsam liefen sie zurück zur Weide. Während des ganzen Weges schämte Bibiane sich abgrundtief, dass sie vor Philo in Tränen ausgebrochen war. Sie wollte vor ihren Freunden ganz sicher nicht als schwaches Mädchen dastehen. Doch Philo sagte nichts, sondern lächelte sie nur aufmunternd an.
Als die beiden auf dem Weidestück ankamen, waren dort keine Tiere mehr zu sehen. Das Vieh wusste, wann es Zeit war, zum Hof zurückzukehren, und hatte sich ohne die Kinder auf den Weg gemacht. Blasius kam aus dem oberen Wald auf sie zugerannt.
»Verflixt«, keuchte er. »Jetzt hat sich das ganze Vieh schon davongemacht, und wir kriegen erst recht Ärger.«
Den Kindern blieb nichts anderes übrig, als mit der abtrünnigen Kuh zurückzulaufen. Zwei weitere Kühe und eine Ziege fingen sie auf dem Rückweg noch ein. Bibiane hoffte, dass ihr Vater noch beim Holzfällen war, denn sie hatte Angst vor seiner Wut, wenn er sah, dass die Herde ohne Hirten nach Hause gekommen war.
Ihre Hoffnung erfüllte sich nicht. Als die drei den Königenhof erreichten, wurden sie von Martin an der Stalltür erwartet. Für alle drei Kinder setzte es Ohrfeigen, weil sie nicht richtig aufgepasst hatten.
Einige Wochen nach ihrem Einzug saß Walburga am Morgen auf der Bank vor ihrem Haus. Das Öhmden, der zweite Schnitt im Jahr, war vorüber, und die Tritschlers hatten Glück gehabt, dass es nur wenig geregnet hatte und das Gras schnell getrocknet war. Der Heustock ihres neuen Hofes war voll bis zum Rand, sie würden gut über den Winter kommen. Auch heute schien die Sonne mild. Bald würde sie nicht mehr ins Tal reichen und der Schatten überhandnehmen.
Walburga spürte eine altbekannte Übelkeit in sich aufsteigen. Seit einiger Zeit ging es morgens schon so, und die Bäuerin wusste nur allzu gut, was das bedeutete. Ihr Beten hatte nichts genützt, sie trug ihr elftes Kind unter dem Herzen. Walburga seufzte. Vierzig Jahre zählte sie bald. Ihre Haare waren grau, Falten zogen sich über ihr Gesicht. Wie sehr hatte sie gehofft, dass das nicht mehr passieren würde. Sie und Martin konnten Gott nur danken, dass sie zehn Kinder auf die Welt gebracht hatte, die alle gesund waren und von denen kein einziges gestorben war. Kaum ein anderer Hof in der Umgebung brachte es auf so viel Nachwuchs, und es gab kaum eine Familie, die nicht ein totes Kind zu beklagen hatte. Aber waren zehn nicht genug? Musste ihr Glück noch ein weiteres Mal herausgefordert werden? Walburga wünschte, sie könnte es ändern, und erschrak bei diesem Gedanken. Sie bekreuzigte sich und entschied, mit der Mitteilung an ihren Mann noch etwas zu warten. Sie musste sich erst selbst daran gewöhnen, dass sie schon wieder ein Kind bekam.
Nach Weihnachten war Walburgas Bauch so groß wie nie zuvor in ihren anderen Schwangerschaften. Martin zog sie auf, dass sie wahrscheinlich schon im Januar niederkommen würde. Doch Walburga war sich sicher, dass dies nicht der Fall sein konnte. Sie ging zur Hebamme nach Neukirch. Der über eine Stunde dauernde Fußmarsch stramm bergauf durch den Schnee war beschwerlich, und Walburga war froh um den Stock, den sie mitgenommen hatte, um sich beim Laufen abzustützen. Sie hoffte inständig, dass die Hebamme überhaupt da war und nicht gerade unterwegs bei einer Geburt.
Sie hatte Glück. Theodora, eine ältere Frau mit freundlichem Lächeln, öffnete die Tür ihres winzigen Hauses und ließ sie eintreten.
»Guten Tag«, sagte Walburga, »ich bin vom Königenhof.«
»Und bald kommst du nieder«, meinte Theodora fachkundig mit Blick auf ihren Bauch.
»Nein, eben nicht«, erwiderte Walburga, »das kann überhaupt nicht sein. Es können höchstens fünf Monate sein.«
»Dann komm rein.«
Walburga war froh, in die Wärme zu gelangen. Ihre Füße waren durchgefroren. Ihre nassen Schuhe zog sie aus und schlüpfte in die Strohschuhe, die Theodora ihr hinstellte. Über einen schmalen Hausgang ging es linkerhand in eine kleine Stube, in der neben dem Kachelofen ein Bett stand.
»Leg dich hin«, die Hebamme deutete auf das Bett, »ich werde dich abtasten.«
Geschickt strichen ihre warmen Hände wenig später über Walburgas Bauch, die sich nach einer Weile entspannte. Theodora schwieg und arbeitete ruhig und gewissenhaft. Schließlich schaute sie auf.
»Du kriegst Zwillinge.«
»Zwillinge?« Walburga sah die Hebamme erschreckt an. »Bist du sicher?«
»Ja, ganz sicher, ich kann beide spüren.« Sie lächelte. »Zwei Kinder sind etwas Besonderes. Du kannst stolz sein.«
»Wie soll ich mich um zwei Säuglinge gleichzeitig kümmern können?«, fragte sich Walburga leicht verzweifelt. »Und um die anderen Kinder noch dazu?«
»Wie viele hast du schon?«
»Zehn.«
»Dann wird es nicht so schlimm, du wirst sehen.« Theodora stand auf. »Du weißt, wie es geht. Deine großen Kinder werden dir helfen. Versuche, dich zu schonen, mach nur das Nötigste. Ich kann in einem Monat noch einmal nach dir schauen.« Die Hebamme sah Walburga direkt in die Augen. »Wenn du möchtest.«
Walburga verstand und setzte sich auf. Sie griff nach ihrem Beutel und holte ein ordentliches Stück frisch geräucherten Speck hervor.
»Ist das ausreichend?«
Theodora griff zu. »Danke, das passt fürs Erste.«
Leo und Julius kamen im April 1834 zur Welt. Theodora war an Walburgas Seite, die sich vor Schmerzen wand. Kaum war Leo auf der Welt, versagte ihr die Kraft, doch die Hebamme hieß sie durchzuhalten. Als es am frühen Nachmittag geschafft war, kümmerte sich Theodora um beide Säuglinge, wickelte sie in Decken und legte sie in Walburgas Arme. Dann holte sie Martin.
»Schau, zwei Buben.« Walburga strahlte ihren Mann erschöpft an. »Beide kräftig und gesund.«
Martin kam näher ans Bett und betrachtete eine Weile mit zufriedenem Gesichtsausdruck seine neugeborenen Söhne.
»Sie ähneln sich wie ein Ei dem anderen«, stellte er fest. »Wie sollen wir sie je auseinanderhalten?«
»Nein, so ähnlich sehen sie sich nun auch wieder nicht«, widersprach Walburga. »Ich kann die Unterschiede schon erkennen. Bald geht es dir auch so.« Die Königenbäuerin glühte vor Stolz. »Wie gesegnet wir mit Kindern sind, nicht wahr, Martin?«
»Ja, um einen Hoferben brauchen wir uns wahrlich keine Sorgen zu machen.« Er legte seine Hand auf ihre Schultern. »Jetzt erhol dich. Die Magd kommt auch ohne dich in der Küche zurecht.«
Martin war angesichts zweier weiterer Söhne in bester Stimmung. Nachdem er die Schlafkammer verlassen hatte, ging er direkt in den Bergschopf und kehrte mit einer Flasche Obstbrand in die Stube zurück.
»Lorenz, hol die Nachbarn«, wies er seinen Ältesten an.
Kurze Zeit später trafen die ersten Gratulanten im Königenhof ein. Der Gestellmacher Philipp Beha und der Löfflerjohann aus dem Königenhäusle setzten sich gerne und ließen sich einschenken. Der Bauer vom Kajetanshof kam dazu, sogar dem Knecht Wendelin wurde ein Platz am Tisch angeboten.
»Zwei Söhne auf einmal«, rief Martin und hob das Glas, »das muss mir erst mal einer nachmachen.«
»Gratulation.«
»Das Glück dem Tüchtigen!«
»Prost.«
Die gefüllten Gläser stießen gegeneinander. Aus der Stube drang bald das dröhnende Lachen der Männer nach oben in die Schlafkammer, in der Walburga mit den Zwillingen lag. Sie war zu erschöpft, um sich über das immer lauter werdende Saufgelage zu ärgern. Ihr Mann stolperte später betrunken die Treppe hinauf und schlief in einer der Gangkammern. Das war Walburga nur recht.
1835
Im Sommer 1835 zog Walburgas verwitwete Mutter zu ihrer Tochter ins Wagnerstal. Maria Faller, die von allen Fallermarie genannt wurde, war sechzig Jahre alt, aber keineswegs unbeweglich oder hilfebedürftig. Im Gegenteil, sie entschied sich für den Königenhof, weil sie Walburga mit ihren zwölf Kindern unterstützen wollte.
Martin hatte nichts dagegen, und Walburga empfand die Anwesenheit ihrer Mutter als Segen. Die Fallermarie hatte kräftige Arme und eine gerade Haltung, als hätte sie in ihrem Leben nie buckeln müssen, dabei kannte sie nichts als harte Arbeit. Sie zog ins Stüble und tat klaglos das, was ihr aufgetragen wurde. Sie brachte eine gewisse Ruhe und Gelassenheit mit auf den Hof, auf dem oft ein schroffer Ton herrschte. Martin neigte zu einer derben, beleidigenden Sprache, wenn ihm etwas gegen den Strich ging, und auch Walburga geizte nicht mit bösen Worten, wenn sie sich angegriffen fühlte. Und das war oft der Fall. Am meisten bekam es Gertrudis zu spüren. Die Magd konnte es ihrer Bäuerin selten recht machen und wurde dafür ständig herumgescheucht.
»Geh runter zum Waschen«, befahl Walburga heute.
Es war Sonntag, und die Bäuerin schien nicht gewillt, ihrer Magd am Tag des Herrn Ruhe zu gönnen. Sie stellte einen Weidenkorb voller Kleidungsstücke vor Gertrudis ab. Nach der Feldarbeit der letzten Tage standen sie vor Dreck.
Gertrudis nickte wortlos. Sie holte zunächst Wasser vom Brunnenstock und setzte es auf den Herd, dann legte sie die Kleidung in eine Wanne und lief damit an den Bach. Am Backhaus konnte sie später auf dem Brett, auf dem sonst die Brotlaibe auskühlten, die eingeweichte Kleidung ausbreiten und die Flecken ausbürsten. Als Gertrudis das heiße Wasser für die Lauge holen wollte, kam die Fallermarie hinzu.
»Ich helfe dir«, bot sie freundlich an.
Gertrudis war dankbar. Die alte Frau hatte ein Gespür dafür, wann sie Unterstützung brauchte. Gemeinsam trugen sie den schweren, heißen Kessel zum Bach und schütteten das Wasser in die Wanne.
»Den Rest schaffe ich allein, danke«, sagte Gertrudis.
Die Fallermarie ging zurück ins Haus, und mit einem Stock bewegte Gertrudis schließlich die Wäsche in der Aschelauge hin und her.
Die Magd war keineswegs faul, wie ihr Walburga unablässig unterstellte. Gertrudis tat ihr Bestes, mehr schaffte sie einfach nicht, zumindest empfand sie es so. Denn kaum hatte sie eine Aufgabe erledigt, gab ihr Walburga die nächste. Gertrudis kam nie zum Durchschnaufen. Sie wusste schon, warum die Bäuerin es so auf sie abgesehen hatte, aber dafür konnte sie doch nichts. Denn wenn Gertrudis nur etwas sagen, eine eigene Meinung haben dürfte, dann würde sie sich das Verhalten des Königenbauern bestimmt nicht bieten lassen. Seit der Geburt der Zwillinge war es so, und sie musste sich ständig vorsehen. Wo Gertrudis nur konnte, ging sie Martin aus dem Weg. Aber manchmal war sie einfach nicht schnell oder nicht schlau genug.
Gertrudis zog das erste eingeweichte Hemd aus der Lauge und machte sich ans Wäscheschrubben. Sie mochte den Arbeitsplatz am Backhaus, denn er war vom Haus nicht einsehbar, und so hatte sie hier ihre Ruhe. Sie summte vor sich hin, während sie mit der Bürste einen hartnäckigen Fleck auf einem Hemd bearbeitete. Es war ein heißer Tag, und sie war von der Tätigkeit schweißgebadet. Ihre rotblonden Haare hatte sie im Nacken zu einem Zopf geflochten, aber immer wieder musste sie sich eine Strähne aus dem Gesicht streichen.
Wie lange Martin schon dastand, wusste sie nicht. Gertrudis erschrak, als sie ihn wahrnahm. Das Summen blieb ihr im Hals stecken. Mit schnellen Schritten kam der Bauer wortlos auf sie zu und drückte sie mit dem Gesicht an die Wand des Backhauses. Er keuchte, während er hinter der Magd stand und seine Hand auf ihre rechte Brust legte. Gertrudis spürte sein hartes Geschlecht an ihrer Hinterseite. Sie roch seinen Schweiß. Ihr wurde übel.
»Lass das«, ächzte sie, aber Martin presste sie nur stärker gegen das Backhaus und fuhr mit seiner Hand unter ihren Rock. Gertrudis schickte ein Stoßgebet gen Himmel, während sich der Bauer an ihr abarbeitete und dabei stöhnte.
»Gertrudis, wo bleibst du?« Walburga rief vom Hof. Sie klang verärgert. »Was ist mit der Wäsche?«
Augenblicklich ließ Martin von der Magd ab und verschwand, ohne ein Wort zu verlieren. Gertrudis sank zu Boden. Am liebsten hätte sie losgeweint, aber sie unterdrückte die Tränen und schluckte die aufkommende Übelkeit hinunter.
Walburga kam jetzt selbst zum Backhaus, um sich vom Fortgang der Wäsche zu überzeugen. Auf dem Arm hielt sie einen der Zwillinge, der brüllte. Verwundert blickte sie auf die am Boden hockende Gertrudis. »Was machst du da unten?«, fragte sie gereizt.
Schnell rappelte Gertrudis sich auf. »Entschuldigung, ich bin gerade gestolpert.«
»Gestolpert?« Misstrauisch schaute Walburga ihre Magd an, die sich den Rock glattstrich.
»Ich bin gleich so weit. Muss nur noch auswaschen.«
»Und dann kommst du hoch. Ich brauch dich im Haus.«
»Das mache ich gerne.«
Gertrudis lächelte Walburga an, die verwundert zurückblickte, bevor sie sich mit dem schreienden Kleinkind abrupt umdrehte und zurück zum Haus lief.
»Puh.« Gertrudis atmete tief durch. Nie war sie froher gewesen, dass die Bäuerin sie kontrollieren kam.
Das Land an den steilen Hängen rund um den Königenhof gehörte größtenteils Martin Tritschler. Der dichte Wald, der sich über die Berge zog, hatte sich an der einen oder anderen Stelle schon gelichtet. Denn seit die Tritschlers vor einem Jahr ins Wagnerstal gezogen waren, hatte Martin Dutzende von Bäumen gefällt.
Gemeinsam mit Wendelin, den Nachbarn Philipp Beha und Johann Löffler sowie seinem ältesten Sohn Lorenz zog Martin beinahe täglich in seinen Wald. Hatten sie in stundenlanger Arbeit einen Baum gefällt, die Äste abgeschlagen und zerteilt, schließlich die Rinde entfernt und die Spitze des Baumes zu einer runden Schnauze gehauen, schlugen sie ihre Äxte hinein, um den Stamm mit vereinter Kraft zur Riese zu ziehen, entlang derer das Holz ins Tal geschickt wurde. Rechts und links der Riese lagen Baumstämme zur Begrenzung, in der Rinne selbst quer dazu schmale Rundhölzer, die für das Gleiten sorgten. Lorenz lief neben der Riese ein Stück weiter nach unten, blieb schließlich stehen und blies in sein Kuhhorn. Die Töne warnten alle, die sich in der Nähe befanden.
»Auf geht’s!«
Ächzend gab Martin das Kommando, und die Männer schoben mit aller Kraft. Der Stamm schoss polternd die Riese hinab. Lorenz bekam derweil einen roten Kopf, so stark pustete er in sein Horn. Während der Stamm seine rasante Reise ins Tal unternahm, zogen die Männer schon den nächsten an den Startpunkt.
Nachdem sie drei Weißtannen auf diese Weise ins Tal befördert hatten, liefen die Männer nach unten zum Ankunftspunkt. Martin begutachtete, wie viel Schaden das Holz auf seiner Reise genommen hatte.
»Es sieht ordentlich aus«, sagte er zufrieden. »Die paar Stellen können wir jetzt ausbessern. Lorenz, hol die Pferde.«
Lorenz, stolz, diese Aufgabe übertragen bekommen zu haben, lief los, während die Männer sich daranmachten, die Stämme zu glätten. Das Pferdegespann zog anschließend das Holz aus dem Wald zur Sammelstelle. Dort traf sich Martin am nächsten Tag mit Händlern, die die Baumstämme über die Wilde Gutach bis an den Rhein brachten, von wo es weiter bis nach Holland geflößt wurde. Es zahlte sich aus. Schon ein Jahr nach dem Kauf war der Königenhof schuldenfrei.
Der junge Kajetansbauer, dessen Hof nur eine Viertelstunde vom Königenhof entfernt lag, beäugte das unentwegte Baumfällen seines Nachbarn indes mit Argwohn und Sorge. Als er die Männer wieder einmal mit ihren Äxten den Weg an seinem Hof vorbeilaufen sah, kam er auf sie zu.
»Man muss vorsichtig sein und es nicht übertreiben«, warnte der Kajetansbauer nach einer Begrüßung, »sie kommen von der Behörde. Bei mir waren sie schon. Man darf nur noch nach Erlaubnis des Försters fällen, so will es das Gesetz.«
»Welches Gesetz soll das sein?«, fragte Martin unwirsch.
»Das neue Waldgesetz. Hast du es nicht gehört? Wir dürfen nicht mehr selbst entscheiden, welche Bäume wir fällen. Und wie viele. Das macht jetzt ein Förster.«
Der Königenbauer tippte sich an den Kopf. »Die können mich mal mit ihrem Drecksgesetz. Was geht es die da oben an, was ich hier mache?«, brauste er auf. Martin hasste es, wenn man sich in seine Angelegenheiten einmischte, seien es der Förster oder sein Nachbar.
Der Kajetansbauer versuchte es mit Erklärungen. »Es ist zu viel Wald abgeholzt worden. Ich will ja selber noch fällen, aber mich haben sie kontrolliert. Vor zwei Tagen erst. Eine saftige Geldstrafe soll ich jetzt zahlen. Und fällen darf ich nichts mehr. Zunächst muss ich neu pflanzen. Zu dir, Martin, werden sie auch noch kommen, wirst schon sehen. Sieh es als Warnung.«
»Was schert’s mich? Die da oben haben uns lange genug drangsaliert. Wir sind freie Leute, und es ist mein Wald. Dort mache ich, was ich will«, erklärte Martin mit Nachdruck und sah seine Begleiter an. »Kommt, wir gehen.« Er wandte sich ab und ließ seinen Nachbarn stehen.
»Es war nur ein gut gemeinter Rat«, rief der Kajetansbauer ihnen hinterher.
Martin drehte sich noch einmal um und machte eine abwehrende Handbewegung. »Wir sind keine Leibeigenen mehr«, gab er laut zurück, »die feinen Beamten sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst.«
1838
Es war erneut passiert. Vierundvierzig Jahre war Walburga nun alt und wieder war sie schwanger geworden. Das dreizehnte Kind. Was hatte sie nicht alles unternommen, damit das nun ein Ende haben würde. Aber ewig ließ sich ihr Mann nicht abweisen, und Walburga hatte sehr wohl wahrgenommen, dass er sich regelmäßig an die Magd heranmachte. Dabei hatte diese doch schon genug mit dem Knecht zu tun. Nicht, dass sie Gertrudis in irgendeiner Weise zu schonen gedachte, aber dass Martin mit ihr tändelte, das ging dann doch zu weit. Also hatte Walburga in der bäuerlichen Schlafkammer nachgegeben. Und jetzt das.
Dass es sie Mühen kostete, ließ sich Walburga, wie in ihren Schwangerschaften zuvor, nicht anmerken. Hochschwanger stand sie mit den anderen während der Heuernte am Hang und verzettelte die Scharen. Trotz dicken Bauches hatte sie Kraft in den Armen und arbeitete in ihrer gewohnten Geschwindigkeit, schließlich hatte sie nie etwas anderes getan. Auch als die Zeit für den Roggen kam, ging sie wie üblich mit aufs Feld. Doch sie merkte, dass es beschwerlicher wurde.
An einem heißen Nachmittag Ende Juli brauchte es alle Überwindungskraft, in gebückter Haltung die frischgeschnittenen Halme zusammenzuraufen. Die Sonne brannte auf der Königenhöhe. Walburga biss die Zähne zusammen. Seit dem Mittagessen hatte sie Wehen, und diese kamen in immer kürzeren Abständen. In der Reihe neben ihr stand ihre Mutter, die Fallermarie, und sah sie prüfend an.
»Geht es noch«, fragte sie, »oder kommt das Kind gleich hier auf dem Acker?«
»So weit ist es nicht«, erwiderte Walburga und griff nach den nächsten Roggenhalmen, die Martin gerade mit der Sense geschnitten hatte. In dem Moment spürte sie einen Schwall. An ihren Beinen lief das Fruchtwasser herab. Sie ließ den Roggen fallen und richtete sich auf.
»Ich geh kurz ins Haus«, erklärte sie knapp und setzte sich in Bewegung.
»Muss das sein?«, fragte Martin.
Alle sahen Walburga nach, aber keiner begleitete sie, nicht einmal ihre eigene Mutter. Der Himmel ließ Regen erahnen, und Martin drängte zur Eile. Je mehr sie jetzt noch einbrachten, desto besser.
Im Haus herrschte eine angenehme Kühle. Walburga war allein, und sie war froh drum. Sie wusste, was zu tun war, sie hatte es oft genug gemacht. Sie stieg die Treppe hoch. In der Schlafkammer angekommen, hockte sie sich vors Bett und hielt sich am Rand fest. Dann stieß sie einen lauten Schrei aus.
Nur wenig später lag Walburga mit ihrer Tochter im Arm auf dem Bett. Ihr dreizehntes Kind hatte sie ohne Hilfe zur Welt gebracht, selbst die Nabelschnur abgetrennt. Während sie den Säugling an ihrer Brust betrachtete, hörte sie, wie die Magd unten zur Tür hineinkam und in die Küche eilte, um das Feuer erneut zu schüren. Elisabeth schimpfte mit den Zwillingen, sie sollten nicht so viel Unsinn treiben. Walburga hörte die Glocken der Kühe, Ziegen und Schafe, die von der Weide heimkehrten, und Bibianes fröhliches Lachen, während die Kinder das Vieh nach dem Tränken in den Stall trieben. Die Hofgemeinschaft machte sich bereit für die Stallarbeit, Martin gab Anweisung, wie immer knapp und herrisch. Der erwartete Regen setzte ein. Erst als das Melken erledigt war und alle wieder ins Haus kamen, hörte Walburga, wie jemand die Treppe hinaufstieg und die Tür zur Schlafkammer öffnete. Ihre Mutter schaute hinein.
»Ja, Walburga, warum hast du denn nichts gesagt?«
Die Fallermarie schloss die Tür und trat ans Bett ihrer Tochter. Prüfend blickte sie auf das Neugeborene.
»Ein Mädchen«, sagte Walburga lächelnd.
»Es sieht schlecht aus«, stellte die Fallermarie unmissverständlich fest, »ganz grau.«
»Meinst du?«, fragte Walburga überrascht.
Die Fallermarie nahm das Kind vorsichtig auf den Arm und betrachtete es lange. »Vielleicht sollten wir die Hebamme holen. Ich sage Martin Bescheid.«
Mit dem Pferdewagen brachte Martin wenig später die Hebamme Theodora aus Neukirch zum Königenhof. Theodora untersuchte den Säugling und wirkte besorgt.
»Das Kind wird es schwer haben«, meinte sie, als sie es wieder in Walburgas Arme legte. »Es kommt jetzt auf dich an. Du musst dich schonen, kräftige Kost zu dir nehmen«, Theodora machte eine Pause, bevor sie fortfuhr, »und beten.«
Ihre jüngste Tochter war tatsächlich anders als alle Kinder, die Walburga zuvor geboren hatte. Sie war kleiner, fahler, jämmerlicher. Nicht mal die Zwillinge hatten je so schwach und kränklich gewirkt. Vielleicht gerade deshalb fühlte sich Walburga von Liebe für dieses zarte Wesen überwältigt. Bei keinem ihrer Kinder zuvor war sie nach der Geburt so von Gefühlen ergriffen gewesen. Keine Sekunde ließ sie ihren Säugling aus den Augen, der die ganze Nacht weinte. Erst am Morgen beruhigte sich das Kind, und Walburga konnte kurz schlafen. Danach stand sie auf, richtete sich her und ging mit ihrer Tochter hinunter in die Stube. Dort wurde sie von ihren anderen Kindern umringt, die neugierig ihre neue Schwester betrachteten. Die vierjährigen Zwillinge Leo und Julius streichelten ihr abwechselnd sanft über die Stirn und lachten aufgeregt.
Am Nachmittag erschien Pfarrer Schilling auf dem Hof, um die Taufe durchzuführen. Die Hebamme hatte ihm Bescheid gesagt.
»Nennen wir sie Jakobea«, schlug der Geistliche vor. »Das heißt ›Gott schütze‹. Und Schutz kann dieses zarte Wesen ja sicher gut gebrauchen. Was meint ihr?«
Martin und Walburga sahen sich an. Wer wollte einem Pfarrer widersprechen? Sie waren einverstanden, zumal der Name für sie wohlklingend war. Schilling nickte und tauchte seinen Finger ins Weihwasser, von dem es stets welches im Weihwasserkesselchen neben der Stubentür gab.
»Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes auf den Namen Jakobea Tritschler. Möge Gott seine Hand über dich halten.«
Jakobea, die zuvor leise gejammert hatte, hielt still. Der göttliche Beistand schien bald Wirkung zu zeigen. Das kleine Mädchen kam etwas zu Kräften.
Gertrudis richtete sich auf und schwang die Beine über die Bettkante. Sie spürte Wendelins Hand auf ihrem Rücken.
»Ich muss gehen«, flüsterte sie.
»Bleib noch ein bisschen«, versuchte Wendelin sie leise zu überreden.
Wie so oft in letzter Zeit war Gertrudis zu später Stunde in die Knechtskammer geschlichen, in der Wendelin alleine schlief. Sie war beiden ihr sicherer Hafen. Hier waren sie unter sich, die Magd und der Knecht, die sogenannten Völcher, und mit der Zeit waren sie sich nähergekommen. Doch sie mussten vorsichtig sein. Wenn die Bauersleute das mitbekamen, waren sie bestimmt nicht angetan, das war beiden bewusst. Ganz besonders der Königenbauer schien Gertrudis als sein Eigentum zu betrachten. Sie konnte sich seiner kaum erwehren.
»Es wird immer schlimmer. Gestern hat der Alte mir wieder unter den Rock gefasst«, vertraute Gertrudis Wendelin an, während sie ihre Bluse zuknöpfte. »Ich hasse es.«
»Dieser Glotzbock«, grollte Wendelin wütend. »Ich wünschte, ich könnte ihm …«
»Lass«, Gertrudis legte ihren Zeigefinger auf seinen Mund. »Ich darf einfach nicht irgendwo allein sein. Kaum ist das so, taucht er auf. Du musst darauf achten, dass du dich nicht so weit von ihm entfernst, dann kannst du mich vielleicht schützen. Manchmal glaube ich, die Bäuerin lässt mich mit Absicht Arbeit machen, bei der ich alleine bin, damit der Alte kommen kann. Die ist doch froh, wenn sie ihre Ruhe hat im Ehebett.«
»Er soll dich in Ruhe lassen.« Wendelin zog Gertrudis zu sich heran. »Wir verschwinden von hier. Bald. Ich versprech’s dir.«
»Dir tut er ja nichts.« Missmutig stand Gertrudis auf. »Ich gehe jetzt. Schlaf gut.«
»Du auch.«
Ein letzter Kuss und Gertrudis machte sich auf in die Gangkammer, in der sie mit den drei jüngsten Tritschler-Kindern schlief. Dazu musste sie leise die Tür von Wendelins Schlafkammer auf- und zumachen, durch den Hausgang huschen, an der bäuerlichen Schlafkammer vorbei, um die Tür zum Außengang genauso leise zu öffnen und wieder zu schließen. Gertrudis wusste ganz genau, wie weit sie die Türen in welcher Geschwindigkeit öffnen musste, damit sie nicht knarrten. Barfuß lief sie in der Dunkelheit über den Holzboden. Es war erstaunlich, wie behände und lautlos sie in der Schwärze der Nacht ihren Weg fand. Sie trat auf den Außengang und zog sachte die Tür hinter sich zu. Gleich war sie bei ihrer Kammer. Wie kalt es schon Anfang Oktober ist, dachte sie. Ihre Füße fühlten sich wie Eisklötze an, seit sie Wendelins Bett verlassen hatte.
»Pst«, kam es von hinten.
Gertrudis zuckte zusammen. In der Dunkelheit kam Martin auf sie zu. Sie sah nur seine Umrisse, aber wusste doch allzu genau, dass es der Bauer war. Sie konnte es riechen. Er hatte auf dem Außengang gestanden und sie offenbar erwartet.
»Was machst du hier?«, herrschte er sie leise an.
»Ich, ich …«
Gertrudis konnte nur stammeln. Der Bauer griff nach ihrem Arm. Gertrudis war im ersten Moment wie erstarrt. Im zweiten überkam sie Wut. Sie riss sich mit aller Macht los.
»Nein«, zischte sie, »lass mich!«
Sie drehte sich um und rannte zu ihrer Kammer. Als sie drinnen war, drückte sie die Tür zu und unterdrückte ein Keuchen. Starr stand sie da und betete zu Gott. Wenn Martin wollte, konnte er problemlos die Tür öffnen und die Magd herausziehen. Doch Gertrudis hatte Glück. Die Schritte des Bauern entfernten sich.
Seinen Unmut über die Abfuhr ließ Martin am nächsten Tag weidlich an der Magd aus. Beim Morgenessen ging es schon los. Kaum war Gertrudis bei der Milchsuppe an der Reihe, legte Martin seinen Löffel nieder. Alle folgten seinem Beispiel, sodass Gertrudis auch nichts anderes übrigblieb. Du nicht, schienen seine Augen zu sagen, als Martin sie finster ansah. Schließlich nahm er seinen Löffel wieder auf und schöpfte aus der Schüssel. Dann war Wendelin dran, danach die Buben, schließlich Walburga, alle Töchter und die Fallermarie. Als Gertrudis erneut zu löffeln versuchte, wiederholte der Bauer das Spiel. Keinen Bissen bekam Gertrudis ab, aber neben den bösen Blicken des Bauern reichlich spöttische von der Bäuerin. Gertrudis wurde rot vor Scham, aber sie hielt sich aufrecht und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Wendelin schaute mitleidig zu ihr herüber, aber er konnte nichts machen, und Gertrudis wich seinem Blick aus. Als sie abgeräumt hatte und Wasser vom Brunnen in die Küche trug, erschien die Fallermarie und steckte ihr ein Stück Brot zu.
»Gräm dich nicht«, sagte sie freundlich und verschwand wieder. Gertrudis biss dankbar in die Rinde und machte sich an den Abwasch.
Beim Mittagessen ließ Martin die Magd wie gewohnt löffeln, aber zum Abendessen gab es wieder nichts für sie. Hungrig stand Gertrudis danach in der Küche und spülte Schüsseln und Topf. Diesmal kam niemand mit Essen herein, aber der Anschnitt vom Brot lag noch da. Das Brot war schon alt, das Endstück steinhart und eigentlich nicht essbar, aber in ihrem Hunger griff Gertrudis zu und stopfte es sich in den Mund, um es aufzuweichen.
Walburga kam in die Küche und sah die Hamsterbacken der Magd.
»Stiehlst du jetzt etwa Brot?«, fuhr sie sie an. »Raus damit. In meinem Haus wird nicht gestohlen.«
Gertrudis öffnete ihre Hand und spuckte das harte Stück hinein. Walburga griff tatsächlich danach und warf es auf den Boden. Dann trampelte sie darauf herum und blickte Gertrudis wütend an.
»Wenn ich dich noch mal erwische, du Luder«, sagte sie böse, »dann jag ich dich vom Hof.«
Walburga wandte sich ab. An der Tür drehte sie sich noch einmal um.
»Jetzt kannst du’s essen, ich hab nichts dagegen.«
Gertrudis hob das Brot vom Boden auf und warf es in den Schweineeimer. Sie hasste die Bäuerin.
»Soll dich der Teufel holen«, fluchte sie und spuckte Richtung Küchentür, »dich und deine ganze Familie.« Sie wünschte der Alten alles Unglück.
Der Königenhof konnte mit der diesjährigen Ernte zufrieden sein. Genug Hafer und Roggen hatten die Bewohner eingebracht, der Kartoffelkeller war gut gefüllt, auch Lein hatten sie ausreichend anbauen können, der jetzt in der kommenden dunklen Jahreszeit von den Frauen zu Garn und Tuch weiterverarbeitet wurde. Zur Kirchweih, der Kilbi, ging die Hofgemeinschaft fast geschlossen nach Neukirch in den Gottesdienst und feierte anschließend auf dem Platz vor dem Gasthaus Rössle bei Musik und Jahrmarkttreiben.
Am Abend ging es mit einem großen Essen im Hause Tritschler weiter, für das eigentlich Walburga verantwortlich war. Doch heute konnte sie sich nicht darum kümmern, und deswegen standen die Fallermarie, Elisabeth und Bibiane in der Küche, während Walburga in der Stube Jakobea in den Armen hielt. Ihr jüngstes Kind, das sich eigentlich gut entwickelt hatte, kränkelte seit Tagen erneut. Wieder und wieder legte Walburga Jakobea an die Brust, aber die Kleine wollte nicht trinken. Stattdessen weinte sie ohne Unterlass.
Walburga betrachtete das immer noch zierliche, jammernde Kind und war verzweifelt. Wenn Jakobea nicht langsam etwas zu sich nahm, würde sie zu schwach zum Überleben, da machte Walburga sich nichts vor. Über dieser Sorge vernachlässigte sie seit Tagen ihre Pflichten und wurde von Martin getadelt. Aber was sollte sie tun? Es ging doch um ein Menschenleben.
Bibiane kam mit einem Stoß Teller in die Stube und stellte sie auf dem Tisch ab. Dann setzte sie sich neben ihre Mutter auf die warme Ofenbank und betrachtete ihre kleine Schwester.
»Sie sieht so fahl aus«, sagte sie, »jeden Tag mehr.«
Walburga schaute ihre zweitälteste Tochter streng an. Sie sollte so etwas nicht sagen, aber die Sechzehnjährige hatte recht.
»Soll ich sie mal halten?«, bot Bibiane an.
Walburga legte das kleine Bündel in die Arme seiner Schwester und spürte Erleichterung. Bibiane wiegte Jakobea hin und her und summte ein Lied für sie. Ganz weich und zärtlich sah sie dabei aus, wie Walburga es bei der energischen Bibiane noch nie wahrgenommen hatte. Walburga war gerührt von diesem Anblick. Gleichzeitig war sie sich plötzlich sicher, dass das kleine Mädchen nicht zu retten sein würde.
Jakobea starb in der Nacht nach Allerseelen. Als Walburga am Morgen aufwachte, lag der Säugling tot neben ihr im Bett. Die Bäuerin war untröstlich. Auch Martin war traurig. Die kleinen Geschwister weinten hemmungslos.
In der Stube stellte Martin in der vorderen Ecke zwei Stühle zueinander und legte ein Brett dazwischen. So bahrten sie den Säugling auf, holten das Totenkreuz hervor und versammelten sich geschlossen um das kleine Totenbett. Pfarrer Schilling kam. Walburga sah verhärmt aus, grau, faltig. Sie fühlte sich abwesend, als säße sie woanders und hörte die Stimmen aus weiter Ferne. Ausgerechnet das dreizehnte Kind von ihnen war verstorben. Walburga hatte das Gefühl, als würde ihr eine besondere Prüfung auferlegt. Was hatte Gott mit ihnen vor? Das dreizehnte Kind.
»Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich«, sprach der Pfarrer.
»Amen«, antwortete die Hofgemeinschaft.
»Es ist Vorsehung«, fuhr der Pfarrer fort. »Es liegt nicht in unserer Hand, sondern ist allein Gottes Entscheidung, wann es Zeit ist, zu ihm zu gehen.«
Er segnete Jakobea und verabschiedete sich bald darauf. Gertrudis trat vor Walburga, die sich mit dem Zipfel ihrer Schürze die Tränen aus dem Gesicht wischte. Seit der Todesnachricht war Gertrudis von Zweifeln geplagt, ob nicht sie das Kind auf dem Gewissen hatte, nachdem sie Walburga nach dem Zwischenfall in der Küche vor wenigen Tagen so heftig verflucht hatte. Gertrudis hatte den Teufel heraufbeschworen und ihrer Kostgeberin alles Schlechte gewünscht, aber doch nicht den Tod.
»Es tut mir leid, Bäuerin. Aber du und der Bauer, ihr könnt ja froh sein, dass ihr noch so viele weitere Kinder habt, die alle gesund sind«, versuchte sie wohlmeinend ihr Beileid auszudrücken.
Walburga, die an nichts anderes als an die Zahl dreizehn denken konnte, glaubte, sie hätte sich verhört. Und deshalb sollte der Tod von Jakobea weniger schlimm sein? Ach, sie konnte diese dumme, liederliche Magd nicht länger ertragen! Die Bäuerin sprang auf.
»Raus! Raus mit dir, aber sofort. Verlass diesen Hof, ich will dich nie wieder hier sehen.«
Mit der ausgestreckten Hand wies sie zur Stubentür. Gertrudis schaute sie irritiert an und war wie erstarrt.
»Was …?«
»Raus, hab ich gesagt!«, bellte Walburga.
Martin ging dazwischen. »Du wirst jetzt nicht die Magd rauswerfen, Walburga, lass es sein.«
»Du willst nur weiter mit ihr tändeln, aber ich ertrag sie nicht mehr. Sie soll gehen. Raus!«
Walburga zitterte, aber ihre Entscheidung stand fest, auch wenn ihr Mann das letzte Wort hatte. Gertrudis hatte den Bogen überspannt, und jetzt war Schluss.
Gertrudis wirkte verschüchtert und glaubte zunächst nur an einen der üblichen Wutanfälle der Bäuerin. Einige Momente stand sie unbeweglich da und schaute von einem zum anderen. Als sie merkte, dass die Bäuerin es ernst meinte, löste sich ihre Erstarrung, sie zuckte wortlos mit den Schultern und verließ die Stube. Kaum war sie draußen, ließ Walburga den Arm sinken und setzte sich erschöpft auf die Ofenbank.
Im selben Moment erhob sich Wendelin. »Wenn Gertrudis geht, dann muss ich auch gehen.«
»Was zum Teufel …?« Martin sah seinen Knecht fassungslos an.
»Nicht fluchen!«, zischte die Fallermarie dazwischen.
»Gertrudis und ich gehen zusammen. Tut mir leid, Bauer.«
Wendelin breitete entschuldigend die Arme aus. Er spürte, dass er in seinem ganzen Leben noch nie so viel Mut gehabt hatte wie in diesem Augenblick. Jetzt war der Moment gekommen, an dem sie sich entscheiden mussten. Hinter der Stubentür wartete Gertrudis, und auch wenn sie jetzt nicht wüssten, wohin, so war doch klar, dass sie gemeinsam den Weg gehen würden. Er würde sie nicht im Stich lassen. Kaum hatte Wendelin die Stubentür zugezogen, fielen er und Gertrudis sich im Hausgang in die Arme.
»Lass uns unsere Bündel packen, und dann sind wir weg«, sagte Wendelin.
Drinnen hörte man den Bauern zürnen.
»Beide Völcher weg. Du bist ja von allen guten Geistern verlassen!«, schrie Martin seine Frau an. »Wie kannst du es wagen? Welcher Knecht geht jetzt mit mir in den Wald? Wer macht die Arbeit der Magd? Du weißt es nicht? Das ist jetzt dein Problem, du wirst es ausbaden!«
»Das ist mir gleich«, keifte Walburga zurück. »Lieber schufte ich die ganze Nacht durch, als dass ich diese Allmannshure hier noch länger ertrage. Glaubst du, ich habe nicht gesehen, wie du ihr ständig hinterhersteigst? Ist Jakobeas Tod vielleicht die Strafe Gottes dafür, dass du die Finger nicht von der Magd lassen kannst?«
»Du bist ja irre, vollkommen verrückt. Du hast wohl zu viel Zeit zum Nachdenken. Aber die Arbeit wird dir diese Gedanken schon austreiben«, entgegnete Martin wütend.
»Hört auf, alle beide«, ging die Fallermarie dazwischen. »Das ist nicht der Zeitpunkt, um zu streiten. Vor eurem toten Kind. Habt ihr denn keine Ehre?«
Sie hielt kurz inne und sah Walburga und Martin streng an, bevor sie weitersprach: »Bei Gott, reißt euch zusammen. Macht es nicht noch schlimmer. Reicht es nicht, dass euer Kind gestorben ist? Eines ist sicher: Noch mehr Unglück auf dem Hof können wir nicht gebrauchen. Also betet zu Gott, dass er uns gnädig sei.«
Walburga trug schwer am Verlust ihrer Tochter. Darüber hinaus erschien ihr die Vorstellung, noch einmal schwanger zu werden, furchterregend. Sie wollte ihre Ruhe. Sie konnte es nicht mehr ertragen, wenn Martin sich abends im Bett ihr näherte, der Atem nach Schnaps riechend, und sein eheliches Recht einforderte.
Wenige Wochen nach Jakobeas Tod sah Walburga ihre Stunde gekommen, um das fortan zu verhindern. Martin tauchte mit einem jungen Ehepaar im Haus auf und zeigte ihnen das Stüble und die darüber liegende Schlafkammer. Auch die Küche inspizierten sie, während Walburga das Mittagessen vorbereitete. Die Tränen liefen ihr gerade die Wangen herunter.
»Es sind die Zwiebeln«, erklärte sie und deutete mit dem Messer auf den Tisch vor sich.
Das war eine gute Ausrede, doch kamen Walburga seit Jakobeas Tod oft die Tränen, wenn sie allein war. Jetzt war sie dazu noch fassungslos. Denn statt noch vor Weihnachten eine neue Magd und einen neuen Knecht auf den Königenhof zu bringen, kam Martin plötzlich mit Gehausleuten daher. Untermieter, die ihren eigenen Herd in der Küche und ihr eigenes Stüble haben sollten. Sie schaute der Gruppe nach, als diese wieder ihre Küche verließ, legte das Messer nieder, wischte sich mit der Schürze die Tränen ab und folgte ihnen in die Stube.
»Walburga, bring etwas zu trinken und Brot«, befahl Martin, kaum dass sie zur Tür hineinkam.
Walburga tat wortlos, wie ihr geheißen, und ging zurück in die Küche. Die junge Frau lächelte sie freundlich an, als sie mit dem Wasserkrug wieder in die Stube trat. Augenblicklich entwickelte Walburga eine Abneigung gegen das junge Paar. Die Frau hatte lange blonde Locken und sah aus wie ein Engel. An ihrem Rockzipfel hing ein etwa dreijähriger Bub, und in ihrem Arm hielt sie einen Säugling. Walburga spürte einen Stich.
»Das sind Hilar Winterhalter und seine Frau Clara«, stellte Martin vor. »Hilar ist Uhrmacher. Sie ziehen hier ein und kriegen das Stüble und die Stüblekammer. Und Clara bekommt den zweiten Herd in der Küche.«
Walburga sah von dem Mann zu dessen Frau. Sie verspürte keinerlei Interesse daran, sich ihre Küche mit einer fremden Frau zu teilen. Was dachte sich Martin bloß?
»Wir freuen uns sehr«, sagte Clara nun. »Es ist schön, dass wir auf dem Königenhof wohnen können.«
»Auf gute Nachbarschaft«, ergänzte Hilar.
Beide strahlten Walburga an, waren froh, eine Bleibe für sich und ihren Nachwuchs gefunden zu haben. Martin vereinbarte mit ihnen, dass sie gleich am nächsten Samstag einziehen könnten. Walburga saß stumm daneben und schaute zu, wie die beiden Männer am Stubentisch ein entsprechendes Papier aufsetzten.
Nachdem die jungen Leute gegangen waren, erklärte Martin, dass die Fallermarie das Stüble samt Stüblekammer zu räumen hatte.
»Einverstanden«, erwiderte Walburga bestimmt, »wenn das so ist, dann schläft die Mutter ab sofort bei mir. Du kannst in die leere Knechtskammer ziehen. Da ärgere ich mich auch nicht, wenn du dich viel später als ich volltrunken hinlegst und die ganze Nacht schnarchst.«
Erstaunlicherweise hatte Martin keinerlei Einwände. Noch am selben Abend zog er um. Das Ehepaar Tritschler würde nie wieder beieinanderliegen.
Teil II 1843 bis 1844
Herbst 1843
Bibiane wartete an ihrem üblichen Treffpunkt. Sie hoffte, Philo hatte mitbekommen, dass sie sich vom Hof gestohlen hatte. Viel Zeit blieb nicht bis zur Stallarbeit, aber sie hatte Sehnsucht gehabt. Bibiane hockte sich auf den großen Findling und schaute angestrengt ins Tal hinunter in Richtung Königenhäusle. Als sie den jüngsten Beha-Sohn vor die Tür treten sah, lächelte sie, und ihr Herz tat einen Hüpfer. Philo schlug einen Bogen und lief den Berg von hinten hoch. Er war schnell, und Bibiane flog ihm schier in die Arme.
Der Findling war von Bäumen umgeben und von unten schwer einsehbar, zumindest, wenn man nicht so genau hinschaute, wie es Philo oder Bibiane taten, wenn sie sich dort treffen wollten. Sie brauchten keine Worte zu machen. Waren sie gemeinsam auf dem Feld oder im Wald am Arbeiten, reichte ein einfacher Blick, und dann legten beide es darauf an, sich fortzustehlen. Schon seit der Heuernte ging es so. Bibiane schwebte förmlich. Philo, ihr Gefährte seit Kindertagen, war gutaussehend, zärtlich und sagte ihr liebe Sachen, wie sie es gar nicht gewöhnt war. Am liebsten würde sie ihn sofort heiraten. Er hatte dazu aber noch nichts gesagt, und Bibianes Eltern hatten sicher eher einen Bauern für ihre zweitälteste Tochter im Kopf als den Sohn vom Nachbarn.
Bibiane holte die alte Decke unter dem Findling hervor, die sie dort in einem Hohlraum versteckt hielten, und breitete sie aus. Beide setzten sich auf den Waldboden, Philo lehnte sich an einen Baumstamm und öffnete seine Arme. Bibiane kuschelte sich hinein.
Philo schaute auf die Baumstümpfe, die überall aus dem Waldboden ragten. Weiter hinten am Hang oberhalb des Königenhofs war es schon sehr kahl geworden.
»Wenn dein Vater so weitermacht, haben wir bald kein Versteck mehr«, sagte er.
Bibiane grinste Philo an. »Dann sorg doch dafür, dass er hier in der Ecke nicht die Axt schwingt.«
»Schön wär’s, wenn er sich von mir etwas sagen ließe.«
»Wem sagst du das.«
Beide mussten lachen.
»Der Herbst wird es bringen, dass wir uns woanders treffen müssen«, meinte Philo, während er Bibiane liebevoll über das Haar strich. »Jetzt fallen schon bald die ersten Blätter, und dann ist hier sowieso alles licht.«
Sie küssten sich. Schon wenig später mahnte Philo zum Aufbruch. Bibiane hatte keine Lust. Sie sollte als Erste zum Hof laufen, mit gehörigem Abstand würde dann Philo zurückkehren.
»Zieh nicht so einen Mund, Bibi«, munterte Philo sie auf. »Heute Abend ist wieder Cego bei euch, dein Vater hat’s gesagt, dann sehen wir uns schon wieder.«
Bibianes Gesicht hellte sich auf. »Jetzt geht es schon mit dem Cego los?«
Philo grinste. »Wir können es kaum abwarten.«
Cego war ein Kartenspiel für die langen Winterabende und in der Stube des Königenhofs fester Bestandteil, der den Männern großen Spaß machte. Philo und sein Bruder Blasius kamen regelmäßig dazu, manchmal der Löfflerjohann und der Kajetansbauer. Und natürlich Hilar, ihr Gehausmann. Für die Frauen, die nicht mitspielten, war es auch stets ein lustiger Abend. Sie saßen am Spinnrad oder strickten. Alle schwatzten miteinander und erzählten sich Geschichten. Die Zeit verging auf diese Weise wie im Fluge.
Bibiane hatte die Regeln des Kartenspiels allein durchs Zuschauen längst begriffen, aber die Männer ließen sie nicht mitmachen. Eine Frau, die Karten spiele, wo gäbe es denn so was, meinten sie. Also blieb sie meist am Spinnrad sitzen und vergnügte sich damit, das Treiben am Stubentisch zu betrachten. Sie freute sich auf den heutigen Abend.
Walburga stand in der schwarzen Küche und blickte in dem schwachen Licht, das die Kienspäne spendeten, auf die zweite Kochstelle Richtung Stüble, die seit fünf Jahren von Clara, der Frau ihres Gehausmannes Hilar Winterhalter, genutzt wurde. Die Bäuerin grollte. Es war schwer genug, sich die eigene Küche mit einer eigentlich fremden Person zu teilen, dachte Walburga, aber wenn diese Person auch noch so unordentlich wie Clara war, dann war es fast nicht auszuhalten. Und nicht nur das: Die Untermieterin wagte es darüber hinaus, sich an Walburgas Kochgeschirr zu bedienen und es nicht zurückzulegen. Walburga wollte schier platzen. Denn es war doch eindeutig ihr Schürhaken, der da auf dem Stübleherd lag!
Seit das Ehepaar Winterhalter mit ihren mittlerweile vier Kindern im Stüble wohnte, hatte Walburga das Gefühl, nicht mehr Herrin im eigenen Haus zu sein. Ständig gab es Ärger mit Clara, die auf ihrer Kochstelle und drum herum einfach nicht so Ordnung halten wollte, wie Walburga es in ihrer Küche von allen, die hier arbeiteten, verlangte. Martin hingegen war mit der Lösung, einen Gehausmann samt Ehefrau statt eines Knechts und einer Magd auf den Hof geholt zu haben, sehr zufrieden. Und da Walburga die ihrer Meinung nach liederliche Magd samt Knecht damals vom Hof gejagt hatte, musste sie hinnehmen, was ihr Mann sich in Ermangelung neuer Völcher überlegt hatte.
Hilar Winterhalter arbeitete als Uhrmacher im Stüble und Clara unterstützte ihn, indem sie die Uhrenschilder bemalte. Die Abmachung war, dass beide den größten Teil der Miete durch Arbeit erbringen mussten. Und da gab es schon das nächste Problem. Denn während Martin und Hilar sich gut verstanden und stets in der Lage waren, sich über die Arbeitsaufteilung im Wald und auf dem Feld zu einigen, gab es mit Clara nur Streit. In Walburgas Augen wollte die junge Frau nicht richtig zupacken und mitarbeiten. Aufs Feld ging sie gar nicht, mit der Entschuldigung, sie müsse auf ihre Kinder aufpassen oder ein Uhrenschild fertig malen. Ja, wo gab es denn so was, dass sich jemand aus der Hofgemeinschaft, der zwei gesunde Arme und Beine besaß, vor der Feldarbeit drücken konnte? Dass sie dabei auch ein Auge auf die jüngsten Kinder der Tritschlers hatte, ignorierte Walburga.
Um das Maß vollzumachen, war nun auch noch Claras Schwester Catharina mit ihrem unehelichen Balg auf den Königenhof gezogen, weshalb Paul und Anton, die zwei ältesten Buben der Winterhalters, ein Bett in der Schlafkammer der Zwillinge bekommen hatten. Walburga war wegen des Neuzugangs gar nicht gefragt worden. Es ging ihr gehörig gegen den Strich. Aber dafür würden die Winterhalters noch einen Obolus zahlen müssen, dessen war sich Walburga sicher. Schließlich waren sie nun mehr als zwanzig Personen im Haus.
Es war nicht alles schlecht. Hilar selbst war ein anständiger Mann, fand Walburga. Er hatte sich schon bald nach ihrem Einzug ihres mittlerweile elfjährigen Sohnes Mathäus angenommen, der großes Talent mit den Händen zeigte. »Sie sind viel zu schade für Feld und Stall«, pflegte Hilar zu sagen. Er ließ den Buben bei ihm am Stübletisch Platz nehmen und zeigte ihm, wie das mit den Uhren ging. Mathäus lernte schnell und fleißig. Wie geschickt der Bub schon jetzt, in so jungen Jahren, mit dem Zahnrad umging! Walburga lächelte bei dem Gedanken. Er würde einen ausgezeichneten Uhrmacher abgeben, erklärte Hilar; und weil Mathäus es unbedingt wollte, hatte Martin ihm eine Lehrstelle in Urach besorgt, obwohl er noch so jung war. Seit ein paar Wochen war er dort, die Tritschlers hatten ihn seitdem nicht mehr gesehen, und dass er noch nicht wieder zu Hause aufgetaucht war, nahmen sie als gutes Zeichen.
Clara kam in die Küche. Auf dem linken Arm trug sie ihr jüngstes Kind, die zweijährige Balbina. In der rechten Hand hielt sie einen Rettich, den sie auf dem Küchentisch auf ihrer Seite ablegte. Balbina setzte sie daneben. Die Kleine lutschte an einem Stück Brot und brabbelte zufrieden vor sich hin.
Walburga stemmte die Hände in die Hüften. »Du hast schon wieder von meinen Sachen genommen und sie nicht zurückgelegt.« Mit dem Kinn wies sie auf den Stübleherd. »Das ist mein Schürhaken.«
Clara lächelte sie an und schüttelte ihren blonden Lockenkopf. Sie war sehr hübsch, musste Walburga zugeben. Aber das entschuldigte nichts.
»Jetzt reg dich nicht so auf. Es war keine böse Absicht«, erklärte Clara gleichmütig.
»Ich habe es dir schon oft gesagt, in der Küche muss Ordnung herrschen. Du verbreitest Unordnung«, legte Walburga nach. »Und was willst du mit meinem Schürhaken? Wo ist dein eigener?«
»Jetzt sei mal still. Es geht dich nichts an, ob ich Ordnung halte oder nicht. Dieser Bereich der Küche gehört mir. Hier«, Clara zeigte auf die Fuge zwischen den Steinplatten am Boden, »verläuft die Linie. Auf dieser Seite ist mein Reich, und da kann es aussehen, wie ich es will.«
»Es ist meine Küche, die ganze Küche, dir gehört hier gar nichts. Auch nicht mein Schürhaken.«
Clara griff nach dem Streitobjekt und drückte es Walburga entnervt in die Hand. »So nimm ihn doch, bei Gott. Der Haken ist ja nicht abhandengekommen. Und jetzt lass mich in Ruhe, ich will das Abendessen ohne dein Geschrei zubereiten. Sonst wird die Suppe noch sauer. Und außerdem«, Clara zeigte auf eine Schöpfkelle, die auf Walburgas Küchenseite auf dem Tisch lag, »ist das meine. Huch, wie kommt sie denn dahin?« Clara grinste breit.
Walburga war einen Moment verdattert. Die Schöpfkelle hatte sie gar nicht gesehen. Aber sie selbst hatte sie doch bestimmt nicht benutzt oder dort hingelegt. Sie wurde rot im Gesicht.
»Das war sicher Martha. Oder Bibiane. Bibiane vergisst immer, die Sachen an ihren Ort zurückzulegen.« Mit der freien Hand griff Walburga nach dem Utensil und streckte es ihrer Untermieterin entgegen.
Clara schaute schadenfroh, als sie die Schöpfkelle in Empfang nahm. »Na, siehst du. Es gibt auch noch andere Leute, die so unordentlich sind wie ich.« Dann verfinsterte sich ihr Blick. »Und jetzt lass mich einfach in Ruhe arbeiten, ja?«
Walburga stand unschlüssig herum, ehe sie sich ihrer Kochstelle zuwandte. Sie fragte sich, wie es sein konnte, dass die Kelle auf Claras Tisch gelandet war. Es war eigentlich nicht vorstellbar. Warum hätte eine ihrer Töchter dies tun sollen? Die Mädchen wussten, welchen Wert Walburga auf Ordnung legte, und arbeiteten entsprechend, um sich keinen Ärger einzuhandeln. Es gab nur eine Möglichkeit. Walburga drehte sich wieder um.
»Du. Du hast die Schöpfkelle dorthin gelegt. Du willst mir eins auswischen.«
Clara sah die Königenbäuerin verärgert an. »Jetzt wirst du langsam verrückt. Ich hab wirklich anderes zu tun, als mich um deine wirren Gedanken zu kümmern.« Sie machte eine Pause. Spott lag in ihren Augen. »Gewöhn dich an den Gedanken, dass dein Reich ein geteiltes ist. Nach fünf Jahren solltest du es ja langsam mal verstanden haben, oder?«
Nach dem Abendessen ließ Bibiane an der Ofenbank ihr Spinnrad surren, daneben taten es ihre Schwestern Elisabeth und Marei ihr gleich. Theresia und Martha gesellten sich zu ihnen und beschäftigten sich mit ihrer Stickarbeit. Am langen Tisch saßen Martin, wie immer am Kopfende, daneben der älteste Tritschler-Sohn Lorenz sowie Philo; gegenüber auf den Stühlen Hilar und Philos Bruder Blasius. Philo hatte sich besonders bemüht, einen Platz zu ergattern, von dem aus er genau hinüber zu Bibiane am Kachelofen schauen konnte. Die fünf Schwestern teilten sich einen einzigen Kienspan, der für die Handarbeit eigentlich viel zu wenig Licht gab. Um die Cego-Karten gut zu erkennen, hatte Martin eine Tranfunzel über den Tisch gehängt, die beständig vor sich hinqualmte. Philo mischte die Karten und teilte aus, und weil nur vier mitspielen konnten, setzte in jeder Runde abwechselnd derjenige aus, der die Karten gab. Philo nutzte die Pause erfreut, um Bibiane dabei zuzusehen, wie sie im Zwielicht den Faden laufen ließ. Er bekam gar nicht mit, wie die Partie der anderen verlief. Mit der letzten Karte knallte Martin den Gstieß, den höchsten Trumpf, auf den Tisch und feixte. Die anderen johlten und klopften mit ihren Schnapsgläsern. Martin goss nach.
»Walburga, hol neuen Schnaps. Die Flasche ist leer«, rief der Bauer.
Walburga, die strickend in der Ecke saß und eins mit der Dunkelheit war, erhob sich wortlos und lief hinaus. Wenig später kehrte sie zurück und stellte den Obstbrand lautstark auf den Tisch.
»Sauft nicht so viel«, grummelte sie.
»Was du immer hast«, entgegnete Martin und füllte die restlichen Gläser.
»Ich geh schlafen«, erklärte Walburga und an ihre Töchter gewandt: »Ihr auch.«
»Ja, gleich«, antwortete Bibiane fröhlich, während der Faden durch ihre Hand lief.
Walburga öffnete die Tür zum Stiegenkasten und verschwand ohne ein weiteres Wort in der über der Stube liegenden Schlafkammer. Marei hielt ihr Spinnrad an und wünschte eine gute Nacht, bevor sie ebenfalls ins obere Stockwerk stieg. Sie schlief in derselben Kammer wie Walburga, die Fallermarie und die jüngste Schwester Magdalena, die schon im Bett lag.
Die Männer stießen an und tranken ihre Gläser in einem Zug leer. Donnernd stellten sie sie wie auf Kommando zurück. Blasius war dran mit Geben.
»Was ist das eigentlich mit dem Philo?«, flüsterte Elisabeth Bibiane zu. »Der guckt die ganze Zeit zu uns rüber.«
»Nur zu mir«, erwiderte Bibiane vielsagend und strahlte.
Elisabeth sah sie verwundert an. »Hab ich da etwas nicht mitbekommen?«
»Sieht ganz so aus.«
»Ja, Bibiane, das ist ja was!«
Elisabeth war überrascht und neidisch zugleich. Sie selbst interessierte sich insgeheim für Blasius, aber der hatte sie noch nie so angeschaut, auch jetzt nicht, während er eine Runde aussetzte.
»Hat er dich schon gefragt?«, wollte sie wissen.
»Was? Ob er mich heiratet?« Bibiane tauschte einen besonders langen Blick mit Philo und lächelte ihn verliebt an, bevor er sich in sein Blatt vertiefte. »Noch nicht, aber ich glaube, er wird es bald machen.«
»Oh, Bibiane, wie wunderbar!« Elisabeth rief es so laut aus, dass Theresia und Martha neugierig zu ihren Schwestern schauten.
»Ja, aber so lange sagst du es niemandem, hast du verstanden?«, forderte Bibiane sie flüsternd auf. »Noch ist es nicht so weit.«
»Bestimmt nicht«, Elisabeth legte ihre Hand aufs Herz, »du kannst dich auf mich verlassen.«
»Wer weiß, was die Eltern sagen. Aber ich will keinen anderen.«
Nach der Sonntagskirche griff sich Bibiane einen Korb aus der Speisekammer und zog ihre Strickjacke an. »Ich geh Pilze sammeln«, rief sie in die Stube.
Walburga schaute kurz auf und nickte. Sie hatte nichts dagegen, im Gegenteil. Wenn sie abends ein paar Pilze in die Suppe schneiden konnte, dann war das eine willkommene Ergänzung zum üblichen Speiseplan. Darüber hinaus war Bibiane auch mit zwanzig Jahren noch genauso rastlos und voller Energie wie als kleines Mädchen; wenn sie sich also heute am heiligen Sonntag im Wald austobte, sollte es der Mutter recht sein.
Draußen lief Bibiane auffällig nah am Königenhäusle vorbei und winkte der Behamarie, die im Garten stand, mit ihrem Korb fröhlich zu. Der Herbsttag versprach mild zu bleiben. Schäfchenwolken zogen über den blauen Himmel. Bibiane lief den Hang hinauf direkt auf den Findling zu. Pilze würde sie an dieser Stelle nicht finden, dafür gab es dort mittlerweile viel zu wenige Bäume, in deren Schutz sie wachsen konnten, aber Bibiane kannte weiter unten im Tal einige vielversprechende Stellen. Sie hockte sich auf den Stein, blinzelte in die Sonne und hoffte, dass Philo überhaupt kommen würde, denn am Abend zuvor war von den Kartenspielern mehr als eine Flasche Schnaps geleert worden, und Elisabeth und Bibiane hatten zu vorgerückter Stunde höchstpersönlich dafür gesorgt, dass Philo und Blasius überhaupt die zweiunddreißig Schritte nach Hause machen konnten. Ganz schön mühselig war das gewesen. Bibiane musste lachen, wenn sie jetzt daran dachte. In der Kirche am Morgen hatte man die beiden dann nicht gesehen, genauso wenig wie Hilar.
Es dauerte nicht lange, bis Philo am Waldrand auftauchte. Ein bisschen müde und verknittert wie ein ungebügeltes Leinentuch sah er im Gesicht aus, aber er strahlte Bibiane schon von Weitem an. Sie sprang auf und rannte ihm entgegen. Die beiden griffen nach ihren Händen und liefen im Schutz der Bäume weiter, schlugen einen Bogen hinunter Richtung Gütenbach, in den noch dichten Wald hinein.
Dort wurde Bibiane fündig. Ein paar Tage zuvor hatte es ergiebig geregnet und jetzt schossen die Pilze nur so aus dem Boden. Bibiane kannte sich gut mit den verschiedenen Arten aus, wusste giftige von essbaren zu unterscheiden, und der Korb war bald mit Pfifferlingen, Steinpilzen und Maronenröhrlingen gefüllt. Während sie suchte, bereitete Philo unter einer Weidbuche ein weiches Lager aus Tannenzweigen vor. Dann nahm er sein Messer und ritzte ein Herz in die Rinde des Baumes. Schließlich ein zweites daneben.
»Jetzt kannst du kommen«, rief er Bibiane zu.
Sie lief auf ihn zu und streckte ihm freudig ihren Korb entgegen. Philo nahm sie fest in die Arme und Bibiane hatte das Gefühl, sich ganz fallen lassen zu können. Der Korb landete auf dem Boden, ein paar Pilze purzelten heraus.
»Schau, Bibi, hier ist unser neuer Platz.« Philo zeigte stolz auf seine zwei eingeritzten Herzen.
»Oh, Philo!« Bibiane war entzückt. »Das ist aber lieb von dir.«
Philo setzte sich hin und streckte seine Hand aus. Bibiane ließ sich gerne von ihm herunterziehen. Er fuhr mit dem Mund küssend ihren Hals entlang. Es kitzelte.
»Ich liebe dich, Bibi.«
»Ich dich auch, Philo.«
»Wir gehören zusammen.«
»Ja.«
Ihre Küsse wurden intensiver und bald fanden Philos Hände den Weg unter Bibianes Rock. Ein wohliger Schauer durchfuhr sie. Hoffentlich ist es nie vorbei, dachte sie.
Am dritten Sonntag im Oktober stand der Höhepunkt des Jahres für die Königenhofbewohner bevor, die Kirchweih, die sie »Kilbi« nannten. Das Heu und die Garben waren eingeholt, die Reisigwellen trocken gelagert, nichts Gesätes war mehr auf den Feldern, zum ersten Mal seit Langem gab es keine Verpflichtung. Als die Tritschlers die letzten Kartoffeln aus ihrem steilen Acker hervorgeholt hatten, hatte es schon Frost gegeben, und die Kinder, die barfuß am Hang standen, bekamen Frostbeulen an ihren Füßen. Am Samstag vor der Kilbi harkten sie schließlich gemeinsam das Laub der Kartoffeln zusammen und warfen alles auf einen großen Haufen, um den sich am Abend die Hofgemeinschaft versammelte. Martin hielt seine Fackel hinein, bis Flammen aufschlugen.
»Es brennt!«, riefen die Zwillinge erfreut.
Auch Familie Beha fand sich am Laubfeuer ein, und Philo stellte sich hinter Bibiane. Elisabeth schaute auf die beiden und grinste verschwörerisch. Philo berührte unauffällig Bibianes Rücken, und in ihrem Bauch fühlte es sich an, als flatterten Schmetterlinge.
Walburga klatschte in die Hände. »Lasst uns singen«, rief sie gut gelaunt.
»Hid isch Kilbi, morge isch Kilbi, bis zum Zischdig obe«, sangen alle gemeinsam und wiegten sich im Takt dazu.
»Komm, wir tanzen.« Jetzt griff Philo nach Bibianes Hand.
Während die anderen klatschten, drehten sie sich im Kreis um das Feuer. Bibiane wurde schwindelig. Wie schön es war. Elisabeth ließ sich von Blasius herumführen und strahlte vor Glück, Lorenz forderte Catharina auf. Sogar Martin zog seine Frau an sich. Walburga, die mit Argusaugen auf ihren ältesten Sohn und Catharina geschaut hatte, lachte und vergaß ihre Beobachterrolle. Wann hatten sie und Martin das letzte Mal miteinander getanzt? Es war eine Ewigkeit her. Seit Jahren schon war sie nicht mehr so unbeschwert gewesen wie an diesem Abend.
Am nächsten Morgen war die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt. Nach dem Gottesdienst ging es auf dem Platz vor dem Gasthaus Rössle weiter. Dort war ein Karussell aufgebaut, und Bibiane und ihre jüngeren Geschwister baten ihren Vater um etwas Geld, um damit fahren zu dürfen. Martin war bester Dinge, und es zog ihn mit seinen Nachbarn ins Gasthaus zu den anderen Männern. Großzügig gab er ein paar Münzen aus, bevor er ins Rössle verschwand. Walburga blieb draußen und unterhielt sich mit der Frau des Kajetansbauern, die von ihren vier kleinen Töchtern umringt war. Eine Musikkapelle spielte, die Menschen klatschten dazu. Lorenz schlenderte mit Catharina über den Platz. Bibiane reihte sich mit den jüngeren Brüdern, Magdalena und Theresia in die Warteschlange vor dem Karussell ein.
Der junge Hochdobelbauer Josef stand etwas abseits und beobachtete Bibiane, wie sie in der Schlange stand und mit ihren Geschwistern lachte. Schon lange hatte er an den Sonntagen in der Kirche ein Auge auf sie geworfen. Die fröhliche Tritschler-Tochter vom Königenhof, die so zupackend wirkte, hatte es ihm angetan.
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