Kitabı oku: «Bildungsdokumentation in Kita und Grundschule stärkenorientiert gestalten»

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Die Autorinnen


Petra Büker ist Professorin für Grundschulpädagogik und Frühe Bildung an der Universität Paderborn. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Übergänge im Kindesalter, Partizipation, Inklusion sowie das Forschen mit Kindern.


Dr. Julia Höke lehrt in den Studiengängen Kindheitspädagogik und Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule NRW, Abt. Paderborn. Ihre Arbeitsschwerpunkte in Forschung und Lehre sind Entwicklung im Spiel, Partizipation und pädagogische Professionalisierungsprozesse.

Petra Büker/Julia Höke

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1. Auflage 2020

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-030051-4

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pdf: ISBN 978-3-17-030052-1

epub: ISBN 978-3-17-030053-8

mobi: ISBN 978-3-17-030054-5

Vorwort der Herausgeberin

Das Kind als Gestalter und als kompetenter Akteur seiner Lebens- und Bildungsbiografie: Diese im Sozial-Konstruktivismus verankerte Sicht auf das Kind steht aktuell im Fokus pädagogischer, psychologischer und soziologischer Diskurse sowie in Bildungsplänen für Kinder im Elementar- und Grundschulbereich. Kinder verfügen für die Gestaltung ihrer pluralen, komplexen Lebenswelten über enorme Stärken, die es durch Familie, Peers sowie pädagogische Fach- und Lehrkräfte als kompetente Mit-Akteure zu erkennen und zu stärken gilt: Diese Grundidee wird in der Fachbuch-Reihe KinderStärken aufgegriffen und entlang der Lebensspanne von der Geburt bis zum Übergang in die weiterführende Schule in zehn Bänden kritisch und differenziert beleuchtet. Ein interdisziplinäres Autorenteam, bestehend aus Expert/innen aus dem Bereich der Früh-, Elementar- und Grundschulpädagogik sowie der Entwicklungspsychologie, widmet sich in jeweils einem Band ausführlich einer spezifischen Lebensspanne, wissenschaftlich fundiert und nah an der pädagogischen Praxis.

Der vorliegende siebte Band der Reihe stellt ein Querschnittsthema in den Mittelpunkt, welches eine Kernaufgabe für pädagogische Fach- und Lehrkräfte im Elementar- und Grundschulbereich darstellt: die Beobachtung und Dokumentation von Entwicklungs-, Lern- und Bildungsprozessen der Kinder. Eine regelmäßige alltagsintegrierte Beobachtung bildet die Datenquelle schlechthin, auf deren Basis pädagogische und didaktische Maßnahmen geplant und in Bezug auf ihre Wirkung überprüft werden. Sie bildet auch die Basis für vielfältige Kommunikation im Team, mit den Eltern und mit dem Kind selbst. Studien zeigen jedoch, dass eine an den Stärken orientierte Beobachtung, Dokumentation und Rückmeldung von vielen Fachkräften im Grundsatz bejaht wird, in der praktischen Umsetzung jedoch als sehr voraussetzungsreich, herausfordernd und mitunter schwierig erlebt wird. Der vorliegende Band zeigt nicht allein die Kernthemen der aktuellen Fachdiskussion um die Bildungsdokumentation auf, sondern beleuchtet diese in kritischer Analyse als »Diskurs der Ansprüche«. Die Autorinnen zeigen potenzielle Beobachtungsfallen und die Relevanz von Gütekriterien bei der Auswahl und Anwendung von Verfahren auf und diskutieren Möglichkeiten der partizipativen Mitwirkung von Kindern und Eltern. Eine Besonderheit des Bandes, in welchem die Erfahrungen der Grundschulpädagogin Petra Büker und der Kindheitspädagogin Julia Höke zusammenfließen, stellt die übergreifende Betrachtung der Bildungsdokumentation in der KiTa, in der Grundschule und im Übergang dar. Dabei bleiben die Autorinnen nicht bei einer Problemanalyse stehen. Vielmehr zeigen sie auf, wie durch eine synergetische Verknüpfung von pädagogischer Handlungsebene, Personal- und Organisationsentwicklungsebene eine kinderstärkende, Fach- und Lehrkräfte professionalisierende und Einrichtungen entwickelnde Bildungsdokumentation gestaltet werden kann. Dazu bieten sie am Ende des Bandes einen Orientierungsrahmen an, der für die »Reflexion im Dialog« aller Beteiligten, d. h. der Fach- und Lehrkräfte, der Kinder und Eltern, unabhängig von dem jeweils gewählten Verfahren genutzt werden kann. Auf diese Weise möchte Band 7 einen konstruktiven Beitrag dazu leisten, in Forschung sowie in KiTa- und Grundschulpraxis auf neue Weise über den Kernauftrag der Beobachtung und Dokumentation nachzudenken. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen in Richtung digitalisierter Formen der Bildungsdokumentation stellen sich die grundlegenden Fragen in ganz neuen Dimensionen.

Petra Büker

Paderborn, im Januar 2020

Inhaltsverzeichnis

1  Vorwort der Herausgeberin

2  1 Bildungsdokumentation in KiTa und Grundschule: Einleitende Betrachtungen

3  2 Beobachten und Dokumentieren als pädagogische Kerntätigkeiten: Charakteristika und Realisierungsformen

4  3 Beobachtung und Dokumentation: Begründungslinien und ihre Darstellung als »Diskurs der Ansprüche«

5  3.1 Anspruch der Ausschöpfung kindlicher Lernpotenziale: Neurowissenschaftliche, entwicklungspsychologische und lerntheoretische Einflüsse

6  3.1.1 »Das Gehirn lernt immer«: Kinder als Meisterlerner

7  3.1.2 »Kein Kind kommt mit einem leeren Rucksack«: Vorwissen als Lernressource

8  3.1.3 »Flammen entzünden statt Fässer befüllen«: Interesse und Motivation als Lernmotor

9  3.2 »Teilhabe für alle«: Ansprüche an ein inklusives Bildungssystem

10  3.3 »No child left behind« – Der Anspruch, Entwicklungsrisiken zu erkennen, zu verhüten und zu beseitigen

11  3.4 Ansprüche in Bildungsplänen

12  3.5 Die Vision einer durchgängigen Bildungsbiografie: Bildungsdokumentation im Kontext von Anschlussfähigkeit von KiTa und Grundschule

13  3.6 Der Anspruch der Professionalisierung des pädagogischen Personals und der Erhöhung der Prozessqualität in den Einrichtungen

14  3.7 Beobachtung und Dokumentation: Offene und verdeckte Ansprüche an pädagogische Fachkräfte, Eltern und Kinder – ein kritisches Fazit

15  4 Ein Blick in die Praxis: Häufig eingesetzte Verfahren und Umsetzungsformen in KiTa, Grundschule und Übergang

16  4.1 KiTa und Grundschule: Institutionsspezifische Schwerpunkte

17  4.2 Verfahrenstypen

18  4.3 Nutzung und Verbreitung der gängigsten Verfahren

19  4.4 Einsatz »grauer Verfahren«

20  5 Problemfelder und Herausforderungen

21  5.1 Umgang mit Gütekriterien und Verfahrensfehler

22  5.1.1 Gütekriterien für Beobachtungs- und Dokumentationsinstrumente

23  5.1.2 Beobachtungs- und Dokumentationsfehler

24  5.2 Die Paradigmenfalle: Das Kind als »Komplize« in partizipativen Settings

25  5.3 Fehlende Einbettung in übergreifende pädagogische und didaktische Kontexte

26  5.4 Spezifische Problemfelder im Rahmen der Kooperation KiTa–Grundschule

27  5.5 Kommunikation mit Eltern

28  5.6 Herausforderungen im Bereich der Professionalisierung

29  5.6.1 »Ich beobachte, also bin ich professionell«: die Professionalisierungsfalle

30  5.6.2 Wie gelangt neues Wissen in das Team? Bildungsdokumentation als Innovation und Probleme des Transfers

31  5.7 Fazit: Entwicklungsbedarfe im Feld von Beobachtung und Dokumentation

32  6 »Reflexion im Dialog«: Ein Orientierungsrahmen für eine Kinder, Eltern, Teams und Organisationen stärkende Bildungsdokumentation

33  6.2 Metaperspektiven für alle Phasen der Bildungsdokumentation

34  6.2.1 Die Beobachtung von Bildungs- und Lernprozessen der Kinder planen

35  6.2.2 Bildungs- und Lernprozesse der Kinder beobachten

36  6.2.3 Bildungs- und Lernprozesse der Kinder dokumentieren

37  6.2.4 Beobachtungen und Dokumentationen von Bildungs- und Lernprozessen der Kinder analysieren und interpretieren

38  6.2.5 Beobachtungen und Interpretationen mit Kindern (und Eltern) validieren und reflektieren

39  6.2.6 Anschließende Bildungs- und Lernsettings professionell planen und gestalten

40  7 Bildungsdokumentation stärkenorientiert gestalten: Fazit

41  8 Literaturverzeichnis

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Bildungsdokumentation in KiTa und Grundschule: Einleitende Betrachtungen

»Liebe Marie, heute habe ich beobachtet, wie du Ümit aus der Froschgruppe angesprochen hast und ihn gefragt hast, ob du ihm beim Tischdecken helfen könntest. Ümit fand das klasse und ihr habt zusammen für alle Kinder, die heute zum Mittagessen angemeldet sind, Teller, Gabeln, Löffel und Becher bereitgestellt. Ich habe gehört, wie du den Namen jedes Kindes leise vor dich hingesagt hast. Du hast auch daran gedacht, dass Gabriel neben Annemarie sitzen muss, die ihm beim Essen hilft. Toll! Hast du Lust, ab sofort in der Tischdienst-Gruppe mitzumachen? Darüber würden sich alle Kinder sehr freuen! Deine Barbara.«

»Nicos Sprachtestung erbrachte das Ergebnis, dass er über einen altersgemäß entwickelten Wortschatz sowie eine angemessene Artikulationsfähigkeit verfügt. Eine besondere Sprachförderung ist daher nicht notwendig.«

»James hat den Schulstart gut bewältigt. Er hat schnell gute Freunde gefunden und engagiert sich für die Belange der Klasse. James ist meistens motiviert und kann bereits sehr selbstständig arbeiten. Im mathematischen Bereich konnte er sein Vorwissen im Laufe des ersten Schuljahres gut ausbauen. Er kann sich sicher zählend und rechnend im Zahlenraum bis 20 bewegen. Das flüssige Lesen längerer Wörter und kurzer Sätze fällt ihm noch schwer. Er zeigt sich allerdings sehr anstrengungsbereit und nutzt das ihm angebotene Übungsmaterial sinnvoll.«

»Gestern habe ich im Sachunterricht mein Referat über Meerschweinchen gehalten. Jonas, Ayse, Michelle und Diego haben mir zurückgemeldet, dass sie es interessant fanden und neue Sachen über das Meerschweinchen gelernt haben, die sie noch nicht wussten. Diego hat mir gesagt, ich soll die Leute öfters angucken und nicht so viel ablesen. Das will ich bei meinem nächsten Referat verbessern«.

Vier Kinder – vier Textausschnitte – vier verschiedene Kontexte und Verfahren: Fast allen gemeinsam ist eine Rückmeldung an das Kind, die Eltern und/oder an Kolleg/innen über eine zuvor realisierte Beobachtung von Situationen oder Prozessen, in denen das Kind bildungs-, lern- oder entwicklungsrelevante Handlungsweisen zeigt. In einem der Beispiele betrachtet das Kind selbst rückblickend und resümierend seine vorangegangene Lernsituation und zieht Schlüsse für seinen weiteren Entwicklungsprozess.

National und international zählen die regelmäßige und systematisch durchgeführte Beobachtung, Dokumentation, Analyse und Interpretation kindlicher Lern- und Entwicklungsprozesse zu den wichtigsten Maßnahmen der Qualitätsentwicklung des Elementar- und Primarbereichs (vgl. Graf, 2008a). Darin eingeschlossen sind in der Regel der kollegiale Austausch im Team, die Aufbereitung in adressatengerechter medialer Form, die Rückmeldung an das Kind und seine Eltern im Rahmen von Entwicklungsgesprächen sowie die Planung sich anschließender, adaptiver Bildungsangebote. Dieser gesamte Prozess wird als Bildungsdokumentation oder international als »pedagogical documentation« bezeichnet. Als zentrale Zielsetzung werden von fachlicher und bildungspolitischer Seite eine erhöhte Transparenz über den Bildungsweg des Kindes genannt, daneben die möglichst lückenlose Erfassung von kindlichen Lern- und Entwicklungsvoraussetzungen (was besondere Fähigkeiten und Interessen ebenso einschließt wie spezifische Unterstützungsbedarfe) als Basis für optimale individuelle Förderung. Schließlich wird die Bildungsdokumentation auch als sichtbarer Nachweis von Professionalität der pädagogischen Arbeit gegenüber Eltern, Trägern und weiteren Professionen gewertet (vgl. Jergus & Thompson, 2017). Die regelmäßige (d. h. nicht nur anlassbezogene) und systematische Beobachtung und Dokumentation von Entwicklungs- und Lernprozessen eines jeden Kindes ist deutschlandweit mittlerweile in allen Rahmen-, Orientierungs-, Lehr- und Bildungsplänen für den Elementar- und Primarbereich verankert. Insbesondere in den für die KiTas entwickelten Bildungsplänen sowie in den übergreifend für KiTa und Grundschule geltenden »Plänen zweiter Generation« (vgl. Fthenakis, 2008; Röhner, 2014) werden ein stärkenorientierter Blick auf die Kinder gefordert und eine ressourcenorientierte Beobachtung, Dokumentation und Förderung favorisiert. Letzterer werden große, entwicklungsförderliche Potenziale für die Kinder und zugleich Optimierungspotenziale für die pädagogisch-didaktische Arbeit zugeschrieben, gepaart mit der Formulierung hoher Erwartungshorizonte an Erzieher/innen, Lehrkräfte und Kinder ( Kap. 3). Der Begriff der Ressourcenorientierung entstammt der sozialpädagogischen Familienhilfe und umfasst sowohl personale als auch Umweltfaktoren, die sich günstig auf die Lebensbewältigung eines Menschen auswirken (können) und deshalb durch pädagogische Fachkräfte entdeckt, aktiviert und für die Persönlichkeits- und Resilienzentwicklung des Kindes genutzt werden sollten. Ressourcenorientierte Ansätze gehen von einer grundsätzlichen Fähigkeit des Menschen zur (Weiter-) Entwicklung und vom Bild eines aktiv handelnden Menschen aus (vgl. Kiso, Lotze & Behrensen, 2014, S. 6 und S. 16). Häufig wird der Ressourcenbegriff synonym mit Stärkenorientierung verwendet, wenngleich Ersterer noch stärker die systemische Sicht auf entwicklungsförderliche Umfeldfaktoren einbezieht.

In den letzten fünfzehn Jahren haben sich in KiTa und Grundschule vielfältige und vielerorts etablierte Praxen der Beobachtung, Dokumentation und Rückmeldung herausgebildet. Dabei verliefen die Entwicklungen im Elementar- und Primarbereich durchaus disparat: In vielen KiTas erfolgten Implementierungsbemühungen von Verfahren, die individuelle Ressourcen, Themen und Aktivitäten der Kinder in den Mittelpunkt stellen. Hierzu zählen ganzheitlich und ressourcenorientierte Konzepte wie beispielsweise die Themen der Kinder (vgl. Andres & Laewen, 2011) sowie insbesondere die aus Neuseeland (vgl. Carr & Lee, 2012) adaptierten Bildungs- und Lerngeschichten (vgl. Leu, 2007). Letztere fokussieren das aktive, sich selbst in ko-konstruktiven Settings bildende Kind und seine Lerndispositionen. Beobachtungen von Engagement, Interessen, sozialer Eingebundenheit usw. werden dem Kind in wertschätzender, dialogischer Weise zurückgemeldet – der eingangs zitierte Ausschnitt aus einer Lerngeschichte für Marie ist ein Beispiel dafür. Einem Partizipationsansatz folgend, werden die Kinder in die Planung nächster Schritte, d. h. neuer zu nutzender Bildungsangebote, aktiv mit einbezogen. Parallel zu qualitativen Verfahren dieser Art, bei denen das hermeneutische Verstehen kindlicher Aktivitäten im Zentrum steht, nutzen KiTas Instrumentarien, die aus diagnostischer Perspektive dazu dienen, allgemeine Entwicklungsstände und bereichsspezifische Kompetenzen möglichst präzise und orientiert an vorab festgelegten Kategorien zu erfassen, um etwaige Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen. Diese Instrumente sind entweder als Screenings (z. B. das Bielefelder Screening, vgl. Jansen, Mannhaupt, Marx & Skowronek, 2002) oder als gestufte Kompetenz- und Entwicklungsraster (wie z. B. Kuno Bellers Entwicklungstabelle (2004) oder auch das Verfahren KOMPIK (vgl. Mayr, 2012)) konzipiert und unter testtheoretischen Gesichtspunkten validiert. Trotz des grundsätzlichen Anspruchs an Stärkenorientierung richtet sich bei diesen Beobachtungsverfahren der Blick durchaus auch darauf, was das Kind – gemessen an altersgemäßen Normwerten – (noch) nicht kann, bzw. darauf, ob Risikolagen vorliegen ( Kap. 3.3). Um die Ziele dieser Verfahren erreichen zu können, wird bewusst die reale Komplexität zu Gunsten einer Fokussierung auf bestimmte Entwicklungsbereiche reduziert. So werden die Beobachtungen in einheitlichen, standardisierten Situationen vorgenommen, in denen das zu beobachtende Verhalten bzw. die zu lösende Aufgabe genau vorgegeben sind (vgl. Leu, 2011, S. 25): Dokumentierte Analyseergebnisse und Rückmeldungen im Zusammenhang solcher Verfahren lesen sich dann wie im oben aufgeführten Beispiel von Nico.

In der Grundschule kommt neben der Entwicklungsnorm ein weiteres Referenzfeld hinzu, auf das sich die Beobachtungen und die daraus erwachsenden Einschätzungen beziehen: Dies sind die curricular vorgegebenen Lernziele, die fachspezifisch für bestimmte Klassenstufen festgelegt sind. In traditioneller Systemlogik bezogen sich Beobachtungs-, Dokumentations- und Rückmeldepraxen vor diesem Hintergrund vorwiegend auf die Lernleistungen des Kindes. In der modernen Grundschulpädagogik werden Beobachtung und Dokumentation in der Schule der pädagogischen Diagnostik zugeordnet und in weitergefasstem, ganzheitlichem Sinne auch auf überfachliche Entwicklungsprozesse bezogen. Pädagogische Diagnostik »[…] geht immer von der Absicht aus, Schülerleistungen zu verbessern sowohl durch die Bereitstellung von Unterstützungsmaßnahmen bei Lernschwierigkeiten als auch bei der Förderung von besonderen Begabungen. Pädagogische Diagnostik geht in ihrem Anspruch ebenfalls davon aus, die gesamte Persönlichkeit des Kindes in den Blick zu nehmen und sie nicht nur auf einzelne Lernprozesse zu reduzieren« – so lautet beispielsweise eine entsprechende Begriffsbestimmung in den nordrhein-westfälischen Bildungsgrundsätzen für Kinder von null bis zehn Jahren (Bildungsgrundsätze MSW/MFKJ NRW, 2016, S. 38). Tests und Klassenarbeiten sind keinesfalls abgeschafft; im Kontext von Outputorientierung und Standardisierung des Bildungssystems gelten sie als Indikatoren für Lernstände (vgl. kritisch dazu Büker, 2015, in Band 1 dieser Reihe sowie Arbeitsgruppe Primarstufe Siegen, 2014). Auch werden nach wie vor Ziffernnoten zur Beurteilung und Rückmeldung von Leistungen eingesetzt. Diese werden ergänzt um eine vielerorts in der Schuleingangsstufe etablierte Verbalbeurteilung – das eingangs aufgeführte dritte Textbeispiel zeigt einen Ausschnitt aus dem Berichtszeugnis für James, welches seine soziale und fachliche Kompetenzentwicklung im ersten Schulbesuchsjahr bilanziert.

Im Anschluss an die sogenannte »Neue Lernkultur« (vgl. Winter, 2012) und insbesondere durch die seitens des Grundschulverbands angeregte und konzeptualisierte »Pädagogische Leistungskultur« (vgl. Bartnitzky, 2006) ist die Beobachtungs-, Dokumentations- und Rückmeldepraxis im Primarbereich in den letzten Jahren in Bewegung gekommen. So nehmen viele aktuelle Grundschulrichtlinien Bezug auf die Empfehlung des Grundschulverbandes und sehen den Einsatz von Instrumenten zur Erfassung der individuellen Kompetenzen der Kinder über einen längeren Zeitraum vor, welche sowohl den Prozess als auch das Ergebnis der Lernentwicklungen dokumentieren. Dies sei für die Planung individueller Fördermaßnahmen sowie für die Unterrichtsreflexion und -optimierung grundlegend (vgl. beispielsweise das Grundschulcurriculum NRW, Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW, 2008). Insbesondere seien die Kinder daran zu beteiligen. Sie werden als selbstständige Lerner neu positioniert, indem sie ihre Lernstrategien, -prozesse und -ergebnisse anhand von innovativen Dokumentationsformen wie Portfolios, Selbsteinschätzungsbögen und Lerntagebüchern eigenverantwortlich beobachten, fixieren und in Feedbackgesprächen mit der Lehrkraft sowohl retrospektiv bewerten, als auch zukunftsgerichtet planen sollen. Der letzte obige Textauszug ist Teil einer persönlichen Wochenbilanz aus dem Lerntagebuch eines Drittklässlers, der bereits über elaborierte metakognitive Kompetenzen verfügt, mit deren Hilfe er seine Entwicklungsfortschritte (hier im Bereich des mündlichen Präsentierens) bewusst steuert.

Im Rahmen der Qualitätsoffensive im Anschluss an die ersten PISA-Ergebnisse haben sich KiTa und Grundschule einander angenähert: In vielfältigen, innovativen Formen des Austausches und der Kooperation bildet die Zielsetzung der Verbesserung von Bildungschancen durch Anschlussfähigkeit von Bildungsprozessen im Übergang die zentrale gemeinsame Orientierung. In diesem Zusammenhang spielt der Gedanke der Anschlussfähigkeit von Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren sowie praktizierter Förder- und Fordermaßnahmen eine bedeutende Rolle – bis hin zu ambitionierten Vorhaben der Entwicklung gemeinsamer und folglich konsistenter Verfahren, welche beispielsweise zur Dokumentation gemeinsamer Lernaktivitäten von Kindergarten- und Grundschulkindern genutzt werden können. Wissenschaftliche Begleitforschungen aus verschiedenen Modellvorhaben belegen allerdings eindrücklich, dass hier Traditionen und Logiken zweier bislang getrennter Systeme aufeinanderprallen (vgl. Bührmann & Büker, 2015; Höke et al., 2017; Urban et al., 2015). Hier entzünden sich ganz grundlegende Fragen nach institutionellen Selbstverständnissen und Professionsaufgaben, nach pädagogischen Grundverständnissen, Orientierungen und Relationierungen (etwa von Beobachtung und Diagnostik, Lernberichten und Berichtszeugnissen, Bildungsangeboten und curricularen Vorgaben, Defizit- und Ressourcenorientierung usw.). Hinzu kommen kontroverse Diskussionen um datenschutzrechtliche Aspekte: Welche Informationen dürfen einrichtungsübergreifend weitergegeben werden, welche nicht? Ist ein unvoreingenommenes Kennenlernen des Kindes durch den/die Grundschullehrer/in dem erfolgreichen Schulstart zuträglicher als die portfoliogestützte Detailkenntnis vorangegangener Ereignisse und Entwicklungsprozesse?

Diese Fragen verschärfen sich aktuell im Zusammenhang des gesellschaftlichen Auftrags der Realisierung eines inklusiven Bildungssystems. Im Zusammenhang der multiprofessionellen Begleitung von Kindern mit besonderem Unterstützungsbedarf in inklusiv arbeitenden Regeleinrichtungen kommen nun Beobachtungs-, Dokumentations- und Rückmeldepraxen und -traditionen der Sonderpädagogik als eine weitere Disziplin hinzu: Verschiedene Diagnoseinstrumente und verbindliche Förderpläne (vgl. Popp, Melzer & Methner, 2013) halten Einzug in Regeleinrichtungen ( Kap. 3.3). Für Erzieher/innen, Lehrkräfte und Eltern ist es nicht einfach, sich in dem Dschungel verschiedener Kontexte, Ansprüche, Möglichkeiten und Verfahren der Bildungsdokumentation zurechtzufinden. Insgesamt eröffnet sich im Bereich der Beobachtung und Dokumentation kindlicher Entwicklungs-, Lern und Bildungsprozesse ein weites, überaus facettenreiches, in Forschung und Praxis noch weitgehend undurchsichtiges Feld mit hohem Klärungs-, Entwicklungs- und Gestaltungsbedarf.

Die Beweggründe, warum eine Einrichtung bestimmte Verfahren einsetzt und andere ablehnt, sind vielschichtig und nicht immer allen Beteiligten transparent. Auch wird die Fülle der auf dem Markt befindlichen Beobachtungs- und Dokumentationsinstrumente immer unüberschaubarer. Mittlerweile liegen Forschungsergebnisse zu verschiedenen Facetten von Beobachtung und Dokumentation vor, wenngleich der in den Bildungsplänen angenommene »Mehrwert« bei Weitem noch nicht in der erforderlichen Breite empirisch erfasst ist. So existieren qualitative, quantitative sowie Mixed-method-Studien zur Verbreitung und Nutzung von Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren insgesamt (vgl. Cloos & Schulz, 2011; Viernickel et al., 2013; Viernickel & Völkel, 2015; Weltzien & Viernickel, 2012) und zur Entwicklung und Evaluation einzelner Beobachtungsverfahren, beispielsweise zu ILEA T (vgl. Geiling & Liebers, 2013; Prengel, 2005) und zu BiDoS (vgl. Kammermeyer, Roux & Darting, 2014). Darüber hinaus wurde die Bildungsdokumentation im Kontext inklusiver Settings (vgl. Urban et al., 2015) untersucht. Weitere Studien sind im Zusammenhang der wissenschaftlichen Begleitung von Modellprojekten zur optimierten Kooperation von KiTa und Grundschule entstanden (vgl. Büker, Bührmann, Kordulla & Böhmer, 2013; Höke & Schneider, 2013). Schließlich gibt es grundsätzliche Überlegungen aus wissenschaftlicher Perspektive, die ungeklärte Grundsatzfragen über unbeabsichtigte »Nebenwirkungen« thematisieren. Neben »Kindbildern«, die als Deutungsfolie den Beobachtungen zugrunde liegen, werden im Prozess der Beobachtung z. B. wiederum Bilder vom Kind (einem bestimmten Kind wie auch von Kindern als Statusgruppe) produziert (vgl. Berdelmann, 2016, S. 9). Qua Beobachtung werden zudem Bilder wie das »förderbedürftige Kind« oder die »gute Kindheit« erzeugt und über den wissenschaftlichen Diskurs verstetigt und festgeschrieben (vgl. Eckermann, Heinzel & Kreher, 2016, S. 89). Hinzu kommen Etikettierungs- und Hierarchisierungspraktiken, Probleme fehlender intra- und interinstitutioneller Anschlussmöglichkeiten, Transformations- und Kommunikationsprobleme, die sich aus beobachtungs-, bildungs- und professionstheoretischer Perspektive beleuchten lassen (vgl. Cloos & Schulz, 2011).

Festzustellen ist: Die Bildungsdokumentation soll Garant für die Qualität in KiTa und Schule sein, wird jedoch insbesondere von Erzieher/innen und Lehrkräften in der Praxis als problematisch angesehen. Zwar halten sie das Kernanliegen, die Erfassung und Sichtbarmachung von Entwicklungs- und Lernständen sowie -prozessen von Kindern zum Zwecke passgenauer Förderung für relevant, befinden sich jedoch sowohl in einem »Umsetzungsdilemma« (Viernickel et al., 2013, S. 146) als auch – was mindestens ebenso schwerwiegend sein dürfte – in einem »Orientierungsdilemma« (Viernickel et al., 2013, S. 146). Bezogen auf die Umsetzung werden die benötigten (bzw. als nötig erachteten) und nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehenden Zeit- und Personalressourcen ins Feld geführt. Gleichzeitig werden konzeptimmanente Widersprüche beklagt, die den Mehrwert einer qualitativen Bildungsdokumentation für die Kinder verhinderten, weil über die eingesetzten Zeitressourcen die eigentliche Beschäftigung mit den Kindern zu kurz käme. Die Sichtweise, dass durch die Aufwendungen für Beobachtung, Besprechungen und Diskussionen »wertvolle Zeit für die Arbeit am Kind verloren« ginge, wurde neben der genannten Studie von Viernickel et al. auch in der Untersuchung zur Praxis der Bildungsdokumentation in deutschen KiTas von Knauf (2015) sowie in einer eigenen Studie im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des Modellprojekts Kinderbildungshaus Paderborn (vgl. Büker, 2014) vertreten. Befürchtet werden seitens der Fachkräfte negative Auswirkungen auf die pädagogischen Beziehungen, wenn Beobachtung zur Kernaufgabe avanciert. So wird aus einer Gruppendiskussion mit Erzieherinnen in der Studie von Viernickel et al., 2013, S. 203, zitiert: »Wir beobachten zu viel. Wir haben einen Wust an Beobachtungsbögen und tun die Kinder tot-beobachten.« Unsicherheiten bestehen hinsichtlich des Umgangs mit beobachteten Einschränkungen, als Schwächen oder Defizit zu wertenden Beobachtungen in stärkenorientierten Verfahren (vgl. Büker, 2014; Viernickel et al., 2013). Grundschullehrkräfte sind verunsichert in Bezug auf den Zusammenhang zwischen Bildungsdokumentation und Zeugnis (vgl. Büker, 2014). Dies wiederum verstärkt die Skepsis von Eltern hinsichtlich der Zustimmung zur Weitergabe von Informationen von der KiTa an die Grundschule (vgl. Backhaus-Knocke, 2020) sowie hinsichtlich der Frage, wie denn nicht-standardisierte Aussagen in Berichtszeugnissen wie beispielsweise die in Bezug auf die Lesekompetenz im obigen Beispiel von James zu interpretieren seien.

Insgesamt kann in Bezug auf die Bildungsdokumentation eine Schieflage zwischen Anspruch und Wirklichkeit konstatiert werden, gepaart mit einer Fülle irritierender, verunsichernder und somit klärungsbedürftiger Aspekte. Das Thema ist ausgesprochen spannungsgeladen. So verwundert es nicht, dass die Bildungsdokumentation zum Politikum wird: Beispielsweise wurde im Rahmen der NRW-Landtagswahl 2017 von einigen Parteien versucht, mit der Abschaffung bzw. Reduzierung der Bildungsdokumentation in KiTa und Schule Wählerstimmen zu gewinnen. Vor dem Hintergrund der hier umrissenen Ausgangslage setzt sich der vorliegende Band zum Ziel, unter Berücksichtigung ausgewählter Forschungsergebnisse sowie von Praxiserfahrungen einen perspektivreichen Blick auf die Bildungsdokumentation in KiTa und Grundschule zu eröffnen: Insbesondere sollen Hintergründe im Zusammenhang der Bildungsdokumentation aufgezeigt und kritisch beleuchtet werden, die aus unserer Sicht ursächlich zu der beschriebenen Schieflage bzw. zu den skizzierten Verunsicherungen beitragen. So sollen die vielzähligen Erwartungen an die Bildungsdokumentation als »Diskurs der Ansprüche« präsentiert werden, der selbst zur Verschärfung der mit Beobachtung und Dokumentation verbundenen Problemlagen beiträgt. Im Anschluss an eine überblicksartige Darstellung gängiger Verfahren und deren Verbreitung in der Praxis werden typische Probleme identifiziert, welche den professionellen Umgang mit der Bildungsdokumentation erschweren bzw. beeinträchtigen können. Dazu zählen Beobachtungsfallen ebenso wie der fehlende Umgang mit Gütekriterien bei der Auswahl und Anwendung von Verfahren wie auch die fehlende Einbettung in ein pädagogisches Gesamtkonzept. KiTa und Grundschule werden dabei, wo dies möglich ist, übergreifend betrachtet. Dort, wo institutionenspezifische Entwicklungen, Logiken und Praxen eine Rolle spielen, werden diese entsprechend getrennt aufgegriffen. Die Bildungsdokumentation im Übergang vom Elementar- zum Primarbereich wird dabei jeweils gesondert betrachtet. Dabei wird auffallen, dass die Potenziale, welche eine Bildungsdokumentation für die Qualitätsentwicklung pädagogischer Praxis und damit letztlich sowohl für die Optimierung kindlicher Entwicklungschancen wie auch für die Professionalisierung der pädagogischen Fach- und Lehrkräfte beinhaltet, bislang nur unzureichend genutzt werden.

Dieser Band beschränkt sich allerdings nicht auf eine Problemanzeige und Risikoanalyse im Bereich der Bildungsdokumentation. Basierend auf der dieser Buchreihe zugrunde liegenden Idee einer kinderstärkenden Pädagogik soll vielmehr ein konzeptioneller Beitrag zur Qualitätsentwicklung von Beobachtung und Dokumentation erarbeitet werden. Dazu wird eine verfahrensübergreifende Grundstruktur, die typische Kernelemente bzw. Phasen der Bildungsdokumentation kohärent verbindet, mit einer Reflexionsfolie verknüpft, welche an entscheidenden Stellen im Beobachtungs-, Dokumentations- und Rückmeldeprozess kritische Anfragen auf verschiedenen Ebenen ermöglicht. Gewissermaßen aus der Vogelperspektive sollen auf der Ebene der individuellen Fach- bzw. Lehrkraft, auf der Ebene des Teams bzw. Kollegiums, auf der Ebene der Leitung sowie der Träger/Administration Reflexionsfragen angeboten werden, die eine sogenannte »Beobachtung der Beobachtung« ermöglichen. Diese können nicht allein in der Praxis, sondern auch in wissenschaftlichen Beobachtungskontexten als Wahrnehmungs- und Analysefokusse wie auch für die selbstkritische Methodenreflexion genutzt werden. Ziel einer solchen problemsensiblen Reflexion ist die Professionalisierung der Begleitung kindlicher Entwicklungs-, Lern- und Bildungsprozesse, gemäß der Idee, Kinder zu stärken, Fachkräfte zu professionalisieren und Einrichtungen weiterzuentwickeln.

Im nachfolgenden Kapitel werden Beobachtung und Dokumentation als pädagogische Kerntätigkeiten in den Blick genommen, um eine differenzierte Grundlage für die sich anschließenden Problemanzeigen zu schaffen.

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Beobachten und Dokumentieren als pädagogische Kerntätigkeiten: Charakteristika und Realisierungsformen

Beobachten im Sinne von aufmerksamem, verstehendem Wahrnehmen von Bildungsprozessen von Kindern und Jugendlichen zählt seit dem 18. Jahrhundert zum Kerngeschäft pädagogischer Fach- und Lehrkräfte (vgl. Berdelmann, 2016; Reh, 2012a): Erziehen, Arrangieren von Lehr-Lern-Prozessen, Beraten, Bewerten, Reflektieren – all diese zentralen Aufgabenbereiche sind wesentlich mit Beobachtung verbunden.

»Eine Beobachtung besteht in der Wahrnehmung eines Verhaltens oder einer Verhaltensäußerung durch einen Beobachter. Verhalten umfasst in diesem Sinne jedes Agieren, jede Reaktion oder Nichtreaktion einer Person oder Personengruppe, die einer Beobachtung bewusst zugänglich ist« (Jäger, 2007, S. 52).

Sowohl in der pädagogischen Praxis wie auch in der Sozialforschung kann Beobachtung als das klassische Verfahren der Informations- bzw. Datengewinnung angesehen werden (vgl. Abel, Möller & Treumann, 1998, S. 62). Dabei ist es wichtig zu beachten, dass mit ihr nur Ausschnitte aus dem Gesamtgeschehen des Verhaltens erfasst werden können: Motive, Einstellungen usw., die das Verhalten steuern, sind nicht beobachtbar. Beobachtungen sind nie objektiv, denn sie sind immer auch geprägt von der Person des Beobachters und der spezifischen Beobachtungssituation. Vorwissen, Motivation, die eigene Befindlichkeit und implizite Persönlichkeitstheorien beeinflussen ebenso wie die Menschenbildannahmen des Beobachters mit, was in welcher Situation unter welchem Fokus beobachtet wird. Beobachtung vollzieht sich immer in einem komplexen Prozess von Wahrnehmung und Informationsverarbeitung, in dem Selektionen und Abspeicherungen stattfinden, die dem Beobachter in der Regel selbst nicht bewusst sind. Im Bestreben, der beobachteten Situation Sinn zu verleihen, erfolgt eine Bedeutungszuschreibung qua Interpretation des Wahrgenommenen. Diese steuert auch die Dokumentation der Beobachtung: Für relevant Gehaltenes wird festgehalten, Irrelevantes wird außen vor gelassen. »Jeder Beobachter konstruiert offenbar seine eigene Wirklichkeit« (Korossy, 2011, S. 14). Anlass, Intention und Situationsspezifik bestimmen in starkem Maße, wer welches Setting wie beobachtet und interpretiert. Hierbei wird grob zwischen drei Funktionskontexten unterschieden: der Alltagsbeobachtung, der wissenschaftlichen Beobachtung und der diagnostischen Beobachtung (vgl. Abel et al., 1998, S. 63). Die Fähigkeit zur alltäglichen Beobachtung ist dem Menschen quasi angeboren; als Grundlage für nachahmendes Lernen steuert sie vom Säuglingsalter an Entwicklungsprozesse und dient auch in pädagogischen Kontexten ganz allgemein der Orientierung der Akteure in der Welt (vgl. Atteslander & Cromm, 2010). Alltägliche Beobachtung geschieht zufällig, spontan und unmittelbar und ist emotional geleitet. Alltagsbeobachtung, von anderen Autoren auch als Gelegenheitsbeobachtung bezeichnet (vgl. Kleber, 1992), ermöglicht dem Beobachter ein schnelles Reagieren in komplexen sozialen Situationen, ist aber gleichzeitig auch sehr fehleranfällig. Wissenschaftliche Beobachtung ist hingegen systematisch geplant, der oder das zu Beobachtende ist theoretisch begründet (vgl. Zumhasch, 2011, S. 297). Sie ist zweckgerichtet und zielt auf die »[…] Beschreibung bzw. Rekonstruktion sozialer Wirklichkeit vor dem Hintergrund einer leitenden Forschungsfrage« (Kleber, 1992, S. 199). Einen besonderen Ansatz bietet die ethnografische Beobachtung, bei der es »[…] vor allem um eine Beschreibung von Praktiken geht, die u. a. dieses implizite Wissen, den Vollzug und die Darstellung von Praktiken, Fragen der Lösung von Handlungsproblemen und der Handlungskoordination zu explizieren versucht« (Breidenstein, Hirschauer & Kalthoff, 2013, S. 33). Diagnostische Beobachtung im pädagogischen Feld folgt ebenfalls einer Systematik; sie intendiert das Verstehen und Einordnen eines Einzelfalls, um daraus (Förder-/Forder-)Maßnahmen ableiten zu können (vgl. Lukesch, 1998). Wissenschaftliche und diagnostische Beobachtungsverfahren zielen auf größtmögliche Objektivität; sie orientieren sich daher an klassischen Gütekriterien ( Kap. 5.1). Alle drei Beobachtungsformen spielen in KiTa und Grundschule eine Rolle. Sie greifen ineinander, etwa, wenn Ergebnisse einer unsystematischen Beobachtung mehr oder weniger zufällig auf Ereignisse aufmerksam machen, für die eine fundierte Erklärung benötigt wird, und im Anschluss eine systematische Beobachtung auslösen. Die intrinsisch motivierte Neigung zur Alltagsbeobachtung der Fachkräfte, d. h. das Interesse an und das Verstehen-Wollen von kindlichen Aktivitäten, bildet grundsätzlich eine sehr gute Voraussetzung für diese pädagogische Kernaufgabe, kann aber nicht deren alleinige Basis sein. Aus Professionalisierungsperspektive werden positive Effekte auf die Qualität der Alltagsbeobachtung erwartet, wenn die Kompetenzen des wissenschaftlich-forschenden sowie des diagnostischen Sehens entwickelt werden. In Anbetracht der hohen Fehleranfälligkeit von Beobachtung, die weitreichende Folgen für die Kinder nach sich ziehen kann ( Kap. 5.1.2), geht es insbesondere darum, Fachkräfte so zu qualifizieren, dass sie die verschiedenen Anwendungsformen der Beobachtung kennen, diese situationsspezifisch bewusst und kompetent anwenden können und für Wahrnehmungsprozesse, Beobachtungsfehler und mögliche Wirkungen auf die Kinder selbst, die Eltern und die Teams/Kollegien sensibilisiert sind.

Zur Ausdifferenzierung der verschiedenen Beobachtungsformen hat Kleber (vgl. Kleber, 1992, S. 199) einen Kategorisierungsansatz vorgenommen, der unseres Erachtens der bewussten Unterscheidung von Beobachtungssettings in Forschung und Praxis zuträglich ist: Er führt fünf Kategorien an, welche die verschiedenen Beobachtungsformen voneinander abgrenzen. Dies sind der »Anlass«, die »Richtung«, die »Distanz«, die »Offenheit« sowie die »Struktur« einer Beobachtung. Auf dieser Basis unterscheidet er als Modi der Beobachtung:

• Gelegenheitsbeobachtung vs. systematische Beobachtung: Sofern der Anlass einer Beobachtung ein begründetes Erkenntnisinteresse ist und der Beobachter sich gezielt in eine geplante Situation begibt, um genau dieses Interesse zu befriedigen, handelt es sich um eine systematische Beobachtung.

• Selbstbeobachtung vs. Fremdbeobachtung: Die Beobachtung kann auf die eigene Person oder auf äußere Situationen und das Verhalten anderer gerichtet sein. Zwar dominiert in KiTa und Grundschule die Fremdbeobachtung, allerdings gibt es viele Möglichkeiten, die Kinder aktiv in die Beobachtung einzubeziehen und sie nach ihrer Einschätzung der beobachteten Situation zu befragen. Im Sinne der Förderung selbstreflexiven und selbstgesteuerten Lernens spielt die Begleitung der Kinder beim Erwerb der Selbstbeobachtungsfähigkeit eine wichtige Rolle.

• Teilnehmende vs. nicht-teilnehmende Beobachtung: Bezüglich der Distanz des Beobachters zu den zu Beobachtenden wird zwischen teilnehmender Beobachtung, in welcher der Beobachter Teil des aktiven Geschehens ist und in die Situation partizipativ eingebunden wird, und nicht-teilnehmender Beobachtung unterschieden. Bei Letzterer verlässt die pädagogische Fachkraft oder die Lehrkraft ihre Rolle und steht den Kindern für die Beobachtungsdauer nicht als Ansprech-, Spiel- oder Lernpartner/in zur Verfügung. Laut Bensel & Haug-Schnabel (vgl. 2009, S. 21) eröffnet dieser Beobachtungsmodus die Möglichkeit, sich besser auf das Beobachtungsziel zu konzentrieren, eine objektivere Perspektive einzunehmen, nahezu zeitgleich mit dem Geschehen protokollieren zu können und das Beobachtungsergebnis nicht durch eigenes Zutun zu verfälschen.

• Offene vs. verdeckte Beobachtung: Von einer verdeckten Beobachtung wird gesprochen, wenn die Personen, die zum Beobachtungsfeld gehören, nicht wissen, dass sie beobachtet werden. Ist die Beobachtungssituation hingegen von allen Beteiligten klar als solche zu identifizieren, liegt eine offene Beobachtung vor (vgl. Kleber, 1992, S. 199). Eine verdeckte Beobachtung lässt sich beispielsweise durch eine Aufzeichnung einer Situation mithilfe einer fest installierten Kamera realisieren. Die offene Beobachtung signalisiert den Beobachteten das Interesse des Beobachters, welches Kinder häufig positiv im Sinne einer besonderen Zuwendung konnotieren (vgl. Bensel & Haug-Schnabel, 2009, S. 21). Sie kann aber auch dazu führen, dass die beobachtete Person ihr Verhalten verfälscht, um positiv aufzufallen. Nicht selten lenken Kamera oder protokollierender Beobachter die Kinder zu Beginn der Beobachtungssituation von ihren Aktivitäten ab. Aus performanztheoretischer Perspektive kann die offene Beobachtung als öffentliche Inszenierung gedeutet werden, in der sich die Beobachter/innen räumlich in bestimmter Weise zum Kind positionieren, die zu beobachtende Situation für alle sichtbar mit Bedeutung versehen und in der erwartet wird, dass die Kinder sich zu diesem Setting »passend« verhalten, indem sie bereitwillig die Rolle der zu Beobachtenden einnehmen. Eine Alltagssituation wird auf diese Weise zum bildungsbedeutsamen Ereignis (vgl. Schulz, 2011, S. 61).

• Gebundene vs. freie Beobachtung: Kleber differenziert zwischen gebundenen (strukturierten) und freien (unstrukturierten) Beobachtungen. Im Falle der strukturierten Beobachtung ist der Beobachter an feste Regeln und Vorgehensweisen gebunden und folgt einem exakt beschriebenen Beobachtungsleitfaden. Beginn, Dauer und Beobachtungsinhalte sind genau reglementiert. Die gebundene Beobachtung dient dazu, »mit den gewonnenen Daten vorgegebene Hypothesen zu überprüfen« (Jäger, 2007, S. 58). Der Beobachter wählt daher im Vorhinein ein Erhebungsinstrument aus und ist sich bewusst, welche Aspekte er beobachten möchte (gerichtete Aufmerksamkeit). Dabei kann es sich um ein Merkmalsystem handeln. Das bedeutet, dass innerhalb einer festgelegten Beobachtungseinheit (z. B. eine Mathematikstunde) das Auftreten eines durch Fragestellung und Hypothese festgelegten Merkmals erfasst wird. Dies könnte etwa das Melden von Schüler/innen im Unterrichtsgespräch sein, welches beispielsweise in Strichlisten protokolliert wird. Bei Kategoriensystemen werden mehrere Merkmale zu einer Sinneinheit gebündelt und als solche definiert (z. B. verbale Unterrichtsstörung). In diesem Beobachtungsmodus bildet ein vorstrukturierter Beobachtungsbogen die häufigste Dokumentationsform (vgl. Abel et al., 1998, S. 65). Freie, unstrukturierte Beobachtungsverfahren finden bewusst ohne a priori festgelegte Fokusse statt. Sie sind nicht zu verwechseln mit der oben angesprochenen Alltagsbeobachtung (vgl. Abel et al., 1998, S. 64). Unstrukturiert bedeutet, dass nur ein grober Rahmen für die Beobachtung vorgegeben wird (z. B. Nutzung eines bestimmten Mathematikmaterials durch die Kinder). Die Beobachtung innerhalb dieses Rahmens ist explorativ angelegt: Es geht darum, individuelle Besonderheiten und Potenziale der Kinder zu erschließen und Kommunikations- und Lernprozesse sowie Handlungsmuster zu erfassen.

Ergänzend kann im Hinblick auf Mittelbarkeit/Unmittelbarkeit der Beobachtung unterschieden werden zwischen

• Indirekter und direkter Beobachtung: Während bis hierher nur direkte Beobachtungsformen benannt wurden, in denen sich der Beobachter in ein präsentes Feld begibt und dort Primärmaterial, Daten und Strukturmuster aus der jeweils aktuellen Situation erhebt, richtet sich die indirekte Beobachtung auf die Sichtung von Sekundärmaterialien wie Akten, Protokollen, Dokumenten oder Fremdvideos (vgl. Korossy, 2011, S. 22).

Beobachtungen in KiTa und Grundschule sind häufig eingebunden in spezifische Verfahren. Hier wird – je nach dominanter Zielsetzung – vergröbernd zwischen qualitativ-hermeneutischen und quantitativ-diagnostischen Verfahren unterschieden (vgl. Leu, 2011, S. 16). Bei qualitativ-hermeneutischen Verfahren steht die Rekonstruktion sozialer Wirklichkeit durch ein detailliertes Erfassen, Verstehen und Erklären kindlicher Aktivitäten und Deutungsmuster im Vordergrund. Sie beziehen sich auf einzelne Kinder oder Kindergruppen, sind prozessorientiert, wollen situative Dynamiken erfassen und folgen einem Wissenschaftsverständnis, welches als offen und explorativ sowie theorie- und hypothesenbildend bezeichnet werden kann. Quantitativ-diagnostische Verfahren sind bewusst komplexitätsreduzierend. Sie identifizieren und operationalisieren einzelne Variablen, die in vorab aufgestellten Hypothesen überprüft werden. Verfahren dieser Art erlauben es, Entwicklungsstände und Kompetenzen von Kindern präzise zu erfassen, mit je aktuell gültigen Normwerten zu vergleichen und auf diese Weise zu empirisch belastbaren Aussagen zu kommen. Auch interindividuelle Vergleiche von Kindern einer Alterskohorte sind auf diese Weise möglich (vgl. Leu, 2011, S. 16). Beide Verfahrensansätze sind nicht so isoliert voneinander zu betrachten, wie es auf den ersten Blick in der Theorie scheint:

»Dass es zwischen beiden Verfahren Schnittmengen gibt, ist unbestritten: Das Verstehen der situativen Dynamik und auch der Entstehungsgeschichte individueller und gruppenbezogener kindlicher Aktivitäten ist auch auf eine Vorstellung vom Entwicklungsstand angewiesen, wie auch davon auszugehen ist, dass Entwicklungsstände nicht ohne Bezug zur Bedeutung zu erfassen sind, die sie für das Verständnis des alltäglichen Handelns von Kindern haben« (Leu, 2011, S. 16).

Ferner ist festzuhalten, dass viele Verfahren qualitative und quantitative, offene und standardisierte Konzeptelemente enthalten und die Unterscheidung derselben eher gradueller Art ist ( Kap. 4.2 und Kap. 4.3).

In engem Zusammenhang mit dem jeweils gewählten Beobachtungsverfahren steht die Art und Weise der Dokumentation: So legt das eingesetzte Beobachtungsverfahren häufig eine bestimmte Form der Protokollierung und Dokumentation nahe (vgl. Korossy, 2011, S. 25). Strichlisten kommen dann zum Einsatz, wenn es um die Dokumentation von Auftretenshäufigkeiten genau definierter Ereignisse innerhalb festgelegter Zeitintervalle geht. Einschätzskalen werten das Beobachtete bereits während des Beobachtungsprozesses. So wird beispielsweise auf einer fünfstufigen Skala von sehr niedrig bis sehr hoch dokumentiert, ob das Kind beim Erzählen im Morgenkreis auf einen wenig oder stark ausgeprägten Wortschatz zurückgreift. Schriftliche Protokolle stellen die häufigste Dokumentationsform direkter Beobachtungen dar. Das finale Protokoll entsteht meistens aus einem parallel zur Beobachtung angefertigten Stichwortprotokoll, welches durch nachträgliche Ergänzungen und Überarbeitungen komplettiert wird. Im Zusammenhang der Unterrichtsbeobachtung werden Korossy (2011, S. 28) zufolge die drei Formen des narrativen Protokolls (in welchem der Beobachter das Geschehen unstrukturiert so festhält, wie er es wahrnimmt), des Wortprotokolls (welches sprachliche Äußerungen wortgetreu erfasst) und des teilstrukturierten Protokolls (welches das Geschehen hinsichtlich vorgegebener Aspekte oder Kategorien fixiert) unterschieden. In der Praxis sind in der Regel individuelle Mischformen aus diesen drei Notationsformen anzutreffen, ergänzt um grafische Dokumentationsverfahren wie Handskizzen sowie um Abschriften des Tafelbildes usw. Neben den schriftlichen kommen verstärkt auch audiovisuelle Verfahren zum Einsatz: Fotodokumentationen, Tonmitschnitte sowie videografische Aufzeichnungen einer Beobachtungssituation können sehr viele Daten parallel erfassen, sind beliebig oft abspielbar und stehen verschiedenen Auswertungsansätzen offen (vgl. Korossy, 2011, S. 31). Digitale Tools auf mobilen Endgeräten wie Tablets und IPads stellen dazu eine Fülle von Möglichkeiten bereit, werden von vielen pädagogischen Fachkräften bislang allerdings äußerst kritisch gesehen, wie eine Studie von Knauf (2014) ergab. Stellt schon das Beobachten eine Unterscheidung von aufmerksam Wahrgenommenem von nicht Wahrgenommenem dar (vgl. Reh, 2012a im Rekurs auf Luhmann, 2003, S. 123), so bildet das Notieren von Beobachtetem eine zweite Selektion. Im Bewusstsein der Aufgabe, Beobachtetes notieren zu müssen, wird das Beobachten selbst noch einmal verändert, weil implizit die Frage »mitläuft«, was von dem, was im Feld beobachtet wird, aufgeschrieben werden soll (vgl. Reh, 2012b, S. 119). Die Tätigkeiten des Beobachtens und Dokumentierens erzeugen auf diese Weise selbst »blinde Flecke« der Wahrnehmung.

Die Dokumentation des Beobachteten fällt je nach Adressat unterschiedlich aus. Die Dokumentation für die beobachtende Person selbst dient dem Zweck des »Festhaltens«, beispielsweise in Form eines pädagogischen Tagebuchs oder einer Schüler/innenkartei von Grundschullehrkräften. Sobald andere Personen (Kollegen/innen, außerschulische Experten/innen, Eltern, Kinder) Adressaten sind, findet eine zweck- und adressatenorientierte Transformation der Beobachtung statt: So wird sie beispielsweise für das Kind in narrativer Form einer Lerngeschichte oder eines Briefes aufbereitet oder – wenn das Kind über entsprechende schriftsprachliche Fähigkeiten verfügt – in ein dialogisches Lerntagebuch integriert (vgl. Hanke, 2007). Im Rahmen von gutachterlichen Verfahren wird die Beobachtung als Bericht formuliert. Beobachtungen werden auch für die öffentliche Dokumentation der pädagogischen Arbeit genutzt, häufig in Form von foto- und textbasierten Sprechenden Wänden in Anlehnung an Reggio (vgl. Kerstan, 2016), Fotobüchern oder Videozusammenschnitten für eine KiTa-Gruppe oder Schulklasse. Über diese mediale Form der Aufbereitung werden insbesondere die Eltern, aber auch die Kinder selbst adressiert. Als aufbereitete Sammlung von dokumentierten Beobachtungen, ergänzt und illustriert durch Artefakte wie Bilder, Texte oder Arbeitsblätter des Kindes, wird häufig das Portfolio eingesetzt (vgl. Knauf, 2015, 2019).

Sowohl die Tätigkeit, d. h. der Prozess des Beobachtens, Fixierens und Transformierens in ein adressatengerechtes Medium, wie auch das Produkt, d. h. das Medium selbst, werden im pädagogischen Kontext als Bildungsdokumentation bezeichnet. Der Begriff spielt eine Schlüsselrolle im Bereich von prozessorientierten Verfahren (vgl. Knauf, 2019). Im Kontext standardisierter Dokumentationsverfahren wird eher von »Notation« oder »Erfassung« des Beobachteten gesprochen. Die Bildungsdokumentation stellt keinen pädagogischen Wert an sich dar. Vielmehr kommt erst durch den kommunikativen Austausch zwischen den relevanten Akteuren (Fach- oder Lehrkraft, Kind, Eltern, …) die Bedeutungsebene zum Tragen. In gemeinsamen Portfoliogesprächen beispielsweise findet ein gegenseitiges Spiegeln von Wahrnehmungen auf bestimmte Situationen statt, wodurch (bei entsprechender Offenheit) alle Beteiligten eine Lernbeziehung eingehen. Mit der Beziehungsgestaltung verknüpft ist eine Emotionalität als Kennzeichen der Bildungsdokumentation. Das Kind erfährt das Interesse der Fach- bzw. Lehrkraft und weiterer Akteure an seinem Tun, seinen Wünschen und Interessen, was sich positiv auf das Selbstwertgefühl auswirken kann. Das Portfolio und die darin enthaltene Sammlung von Hinweisen auf den Entwicklungsprozess kann von Kindern und Eltern als »persönlicher Schatz« gedeutet werden und eine unter Lern- und Identitätsentwicklungsgesichtspunkten wichtige Funktion des Erinnerns übernehmen.

Vor diesem Hintergrund kann festgehalten werden, dass die Fähigkeiten des Beobachtens und Dokumentierens sowie des Transformierens im Prozess der Bildungsdokumentation professionelle Kompetenzen darstellen, die sich nicht in der Anwendung verschiedener Methoden oder Techniken des Beobachtens, Dokumentierens und Transformierens in Wort und Bild/Schrift erschöpfen. Vielmehr sind sie in besonderer Weise von normativen Rahmungen sowie von pädagogischen Haltungen bestimmt: Der Modus, in dem in KiTa und Schule beobachtet wird, bestimmt sich in starkem Maße durch persönliche Grundeinstellungen und subjektive Theorien (hier insbesondere das Bild vom Kind, Verständnisse von Lernen und gutem Unterricht sowie guter Kindergartenpädagogik, das Verständnis von Bildung usw.), die das Beobachtete einfärben. Gleichzeitig tragen die Beobachtungen wiederum zu Verfestigungen oder auch Veränderungen dieser Bilder bei. Die Bildungsdokumentation besitzt daher immer einen persönlichen und kollektiven Wertebezug. Darüber hinaus sind Emotionalität und Beziehungsgestaltung inhärente Themen der Bildungsdokumentation. Diese vielfältigen Facetten mischen sich im »Diskurs der Ansprüche«, der im Folgenden beleuchtet wird.

3
Beobachtung und Dokumentation: Begründungslinien und ihre Darstellung als »Diskurs der Ansprüche«

Aus einer Vorstellungsrunde von pädagogischen Fachkräften im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung für KiTas1:

»… und beobachten tun wir natürlich auch, da haben wir bereits an verschiedenen Fortbildungen teilgenommen und haben uns dann da selbst etwas zusammengestrickt, was für uns und unsere Kinder am besten passt«. »Ja? Was habt ihr da denn so genutzt?« »Also, die Bildungs- und Lerngeschichten auf jeden Fall und dann haben wir noch so einen Fragebogen aus dem Internet zum Entwicklungsstand der Kinder.« »Also, wir nutzen ja bei uns die Grenzsteine.« »Ach nee, die fanden wir nicht so gut. [an eine andere Kollegin gewandt] Und was macht ihr da so?« »Hm, also wir sind da noch ganz am Anfang … aber beobachten tun wir natürlich auch!«

Professionelles Beobachten und Dokumentieren erscheint in der aktuellen Frühpädagogik als die Grundlage qualitätsorientierter Pädagogik und Didaktik schlechthin (vgl. Graf, 2008a; Viernickel & Schwarz, 2009; Leu, 2011; Knauf, 2015; Backhaus-Knocke, 2019) und wird als unerlässlicher Bestandteil der Prozess- und Einrichtungsqualität betrachtet. Da werden Vorstellungsrunden in Fortbildungen, in denen es eigentlich nur um ein erstes Kennenlernen geht, auch mal zu Inszenierungen von (vermeintlicher) Professionalität, die sich ausdrücken in einer möglichst hohen Zahl von durchgeführten Beobachtungen und dem Einsatz aufwändiger, bestenfalls mehrerer Beobachtungsverfahren. Diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr, ist es doch so, dass professionelle Begleitung von kindlichen Bildungsprozessen in den aktuellen Bildungsplänen der Bundesländer als Standard professioneller Arbeit in KiTas festgeschrieben wird (vgl. Röhner, 2014; Wildgruber & Griebel, 2016). Auch im Bereich der Grundschule zählt die systematische Beobachtung und Dokumentation von Lernständen und -verläufen als Merkmal von Professionalität und Qualitätsentwicklung ( Kap. 3.4). Beobachtung und Dokumentation sind kein Selbstzweck. Vielmehr sind sie eng verknüpft mit den hohen Erwartungen an erfolgreiche Bildungsbegleitung durch Individualisierung, Differenzierung, Integration, Inklusion und Partizipation, zu deren Umsetzung sie entscheidend beitragen sollen. So verorten Urban, Cloos, Meser et al. (2015, S. 11) die Verbreitung der Idee der Dokumentation von Bildungsprozessen sowie die Entwicklung und Implementierung dafür geeigneter Ansätze und Verfahren für den Bereich der frühen Bildung in drei großen Debatten, die sie als relevant für die aktuellen Wandlungsprozesse im vorschulischen Bereich erachten: Dies sei erstens die Idee einer Innovation und Qualitätsentwicklung der Frühpädagogik, zweitens die Gestaltung von anschlussfähigen Übergängen zwischen den unterschiedlichen Phasen einer institutionalisierten Bildung und drittens der Aufbau eines inklusiven Bildungssystems. Betrachtet man die Entwicklungen übergreifend für den Elementar- und Primarbereich, wie im hier vorliegenden Band der Fall, kommt aus unserer Sicht die maßgeblich durch PISA ausgelöste Debatte um kompetenzorientierte Bildung in der Grundschule hinzu (vgl. dazu auch Büker, 2015, in Band 1 dieser Buchreihe, S. 34 ff.). Alle genannten Diskurse rekurrieren dabei auf Begründungslinien, die die Relevanz frühkindlicher Bildungsprozesse für spätere Entwicklungsverläufe und die Bedeutung der Entfaltung kindlicher Potenziale untermauern. Die vier Debatten besitzen jeweils eigendynamische Entwicklungen, wirken im Kontext KiTa und Grundschule allerdings miteinander und aufeinander ein. Dementsprechend kann die Bildungsdokumentation als Teil eines komplexen Implikationszusammenhanges betrachtet werden, der sich aus verschiedenen Diskursen ergibt und dessen Elemente sich teilweise überlagern und z. T. in Spannungsverhältnissen zueinander stehen. Allen gemeinsam ist eine mehr oder weniger ausgeprägte Normativität, weshalb wir im Folgenden unter der Fokussierung »Diskurs der Ansprüche« Begründungsansätze unterschiedlicher Disziplinen bzgl. Nutzen und Notwendigkeit einer Bildungsdokumentation in KiTa und Grundschule skizzieren und kritisch reflektieren. Insbesondere geht es hier um die Darstellung der verkürzenden Rezeption wissenschaftlicher Erkenntnisse, welche sich oft bereits in Form bildungspolitischer Slogans ausdrückt. Diese wollen wir in den folgenden Abschnitten eingehender beleuchten. Aus unserer Sicht lässt sich der »Diskurs der Ansprüche« an eine Bildungsdokumentation zu sechs Argumentationslinien bündeln: Diese entstammen zum einen aus Neurowissenschaften, Entwicklungspsychologie und Lerntheorie, welche das Lernpotenzial und die Bedeutung individueller Entwicklung betonen ( Kap. 3.1). Daneben sind die gesellschaftlichen, bildungspolitischen und pädagogischen Forderungen im Zusammenhang von Diagnose, Förderung und Prävention anzuführen ( Kap. 3.2 und Kap. 3.3). Darüber hinaus gilt es, die in den Bildungsplänen für den Elementar- und Primarbereich enthaltenen Forderungen an die Bildungsdokumentation ( Kap. 3.4) und den Anspruch der Anschlussfähigkeit zwischen KiTa und Grundschule in den Blick zu nehmen ( Kap. 3.5). Last but not least ist die Bildungsdokumentation in den Anspruchsdiskurs um die Professionalisierung des pädagogischen Personals einzuordnen ( Kap. 3.6). An dieser Stelle sei betont, dass die nachfolgende kritische Darstellung der Diskurse und deren Rezeption nicht deshalb erfolgt, weil wir die Ansprüche selbst für ungerechtfertigt hielten. Gerade weil wir Beobachtung und Dokumentation große Potenziale für die Qualitätsverbesserung in KiTa und Grundschule beimessen, ist es uns wichtig, auf inhärente Problemgehalte aufmerksam zu machen, die mit der Programmatik des Diskurses einhergehen.

3.1 Anspruch der Ausschöpfung kindlicher Lernpotenziale: Neurowissenschaftliche, entwicklungspsychologische und lerntheoretische Einflüsse
3.1.1 »Das Gehirn lernt immer«: Kinder als Meisterlerner

Während einer Ultraschalluntersuchung, 23. Schwangerschaftswoche:

»So, hier sehen Sie jetzt ganz deutlich das Profil des Kindes, da ist alles in Ordnung, kein Hinweis auf eine Spaltbildung. Ja, da geht der kleine Mund auf und zu. Hoppla, was ist denn das? Da lutscht der kleine Mann wohl schon am Daumen!«

»Wow, was mein Kind schon kann!«

Die technischen Möglichkeiten werden immer besser, Kinder bereits im Mutterleib beständig zu beobachten, sie zu vermessen und ihre Entwicklung zu dokumentieren. Was zunächst vor allem durch den Wunsch geprägt ist zu erfahren, ob das Kind gesund ist und sich zeitgemäß entwickelt, wird ergänzt durch die große Neugierde der Eltern auf das neue Wesen, welches die Familie demnächst bereichern wird. Respekt vor der Natur drückt sich aus durch ein ständiges Staunen darüber, was »mein Kind schon kann«. Gesteigert wird diese Bewunderung vor allem durch populärwissenschaftlich rezipierte neurowissenschaftliche und entwicklungspsychologische Erkenntnisse, die beispielsweise in Elternratgebern das ungeheure Lern- und Entwicklungspotenzial von Kindern unterstreichen (vgl. z. B. Pauen, 2007; Spitzer, 2007): Die ca. zehn hoch neun Nervenzellen des menschlichen Gehirns entstehen größtenteils pränatal – zu Stoßzeiten bilden sich vor der Geburt 250.000 Zellen pro Minute. Die »Entdeckung der frühen Jahre« (vgl. Kahl, 2006), welche für die Expansion der Frühpädagogik in Praxis (vgl. Fthenakis & Oberhuemer, 2004) und Forschung im Kontext der »new childhood studies« (vgl. Heinzel, Kränzl-Nagl & Mierendorff, 2012) eine zentrale Rolle spielt, spiegelt sich auch im Privaten. Der erste Schritt, das erste Wort, die erste Breimahlzeit und der erste Zahn: Mittlerweile gibt es für Eltern einen regelrechten Markt von Alben und Erinnerungsbüchern, die Mütter und Väter dazu anhalten, besonders einprägsame Entwicklungsschritte festzuhalten. Dabei werden teilweise auch natürliche, kaum beeinflussbare Entwicklungen wie das Erscheinen oder der Verlust des ersten Milchzahns förmlich gefeiert und Meilensteine der körperlichen Entwicklung wie das »Trockenwerden« als Kompetenzen gewertet. Solche Bücher, die die früher üblichen einfachen Fotoalben ablösen, werden dem Kind später, womöglich zum 18. Geburtstag, als »Erinnerungsschatz« übergeben. Mit der Begeisterung für das kindliche Lernen und das Staunen über Entwicklungssprünge und Fortschritte geht der gesellschaftliche Anspruch an Eltern und Fachkräfte einher, die vorhandenen Lernpotenziale angemessen zu fördern und für eine entwicklungsanregende Umwelt zu sorgen. Die Erkenntnis, dass Kinder für erfolgreiches Lernen im Sinne von Behalten, Verstehen, Reproduzieren und Transferieren enorme Potenziale mitbringen, die es zu nutzen gilt (Zimpel, 2011), hat in den vergangenen 20 Jahren insbesondere die Frühpädagogik stark beeinflusst. So liegt eine wesentliche Begründung für die Notwendigkeit individueller Bildungsdokumentationen zunächst in den unterschiedlichen Entwicklungsverläufen von Kindern, in den individuellen Ressourcen und Fähigkeiten, die Kinder für ihre Entwicklungs- und Bildungsprozesse mitbringen und in der Herausforderung für pädagogische Fach- und Lehrkräfte, individuelle Entwicklungsverläufe anzuerkennen und gleichzeitig Förder- und Forderbedarfe nicht zu übersehen. Dabei werden sowohl neurowissenschaftliche und entwicklungspsychologische Forschungsergebnisse wie z. B. zur Bedeutung einer kognitiven Aktivierung sowie eines adaptiven Wissens, Befunde aus der Motivations- und Selbstkonzeptforschung sowie pädagogische Impulse im Kontext von Diagnose und Förderung miteinander verknüpft. So werden wissenschaftliche Forschungsergebnisse zum Lernpotenzial junger Kinder beispielsweise zur Begründung herangezogen, um Babys und Kleinkindern Fremdsprachen nahezubringen (vgl. Werle, 2010), auch befördern sie den Aktionismus so mancher Kindertageseinrichtung, die möglichst viele verschiedene Programme und Angebote im Tages- und Wochenablauf unterbringen möchte, womöglich ohne dass diese sinnvoll mit der Lebenswelt der Kinder oder dem pädagogischen Konzept der KiTa verknüpft wären. Neben der Verunsicherung, eventuell sensible Phasen zu verpassen und Kindern zu wenig Input zu bieten, entstehen parallel dazu gegenläufige, ebenfalls wissenschaftlich begründete Befürchtungen bzgl. einer Reizüberflutung von Kindern, die insbesondere in der Diskussion um Chancen und Risiken der Mediennutzung ins Feld geführt werden (vgl. Höke, 2011; Krey, 2016). Als weiteres, für eine verkürzende Rezeption der Neurowissenschaften anfälliges Feld ist der Diskurs um Geschlechtererziehung. So wird die Existenz unterschiedlicher »Mädchen- und Jungenhirne« proklamiert, woraus entsprechend geschlechtersegregierende Lerntypen und darauf abgestimmte Bildungsangebote abgeleitet werden, die zu engführenden vereindeutigenden Zuschreibungen im Sinne eines »doing gender« führen (vgl. Fine, 2012; Rendtorff, 2011). Die Verknüpfung von neurowissenschaftlichen, entwicklungs- und kognitionspsychologischen Diskursen mit pädagogisch-didaktischen geschieht also oftmals nur ausschnitthaft und damit verkürzend, so dass es bei Adaptionsversuchen der Forschungsergebnisse auf den pädagogischen Alltag zu Simplifizierungen kommt, die den jeweiligen Forschungsrichtungen bei Weitem nicht gerecht werden. Gleichzeitig verschärft die disziplinübergreifende Mischung von Diskursen über Lernen und Entwicklung die »gefühlte Notwendigkeit« in der pädagogischen Praxis, individuelle Entwicklungsverläufe zu beobachten und zu dokumentieren und daran anknüpfend Lernpotenziale auszuschöpfen.

3.1.2 »Kein Kind kommt mit einem leeren Rucksack«: Vorwissen als Lernressource

Lernstandserhebungen bei Schulanfängern zeigen, dass Kinder desselben Jahrgangs mit Entwicklungsunterschieden von bis zu drei (vgl. Hanke, 2007) bzw. vier Jahren (vgl. Brügelmann, 2005) in den Anfangsunterricht kommen. Im Bereich des Vorwissens beziehen sich diese auf das Lesen wie auch auf den mathematischen Bereich und auf domänenspezifisches Wissen etwa im Sachunterricht. Die Heterogenität der Lernvoraussetzungen hat unterschiedlichste Ursachen. Neben individuellen Faktoren wie Interesse und Lernfähigkeit eines Kindes spielt die Prozessqualität der Bildungsbegleitung innerhalb der Familie und der Kindertageseinrichtung eine besondere Rolle für die kindliche Entwicklung, wie Tietze, Roßbach et al. (2005) zeigen konnten. Insbesondere für die Grundschule entsteht hier der Anspruch, das individuelle Vorwissen von Kindern zu erheben und dieses als Lernressource nutzbar zu machen: »Für den Anfangsunterricht ergibt sich in dem Zusammenhang die besondere Herausforderung, an jene begonnenen Bildungsprozesse anzuknüpfen, ›anzuschließen‹, diese durch geeignete Lernumgebungen zu erweitern und auszudifferenzieren« (Hanke, 2007, S. 21). Schuleingangsdiagnostiken, die im Rahmen der Einschulung von der Grundschule durchgeführt werden, zielen zunächst darauf ab, bei den Kindern Entwicklungsstände zu erfassen, um dieses Vorwissen bereits ab Schulstart in individualisierten und differenzierten Lernangeboten berücksichtigen zu können. In der Regel werden besondere Interessen, Begabungen und bereits erarbeitete Inhalte der KiTa-Zeit dabei nur wenig berücksichtigt. Über eine Einsichtnahme in die Bildungsdokumentation der KiTa oder im Rahmen von portfoliogestützten Übergangsgesprächen mit Kindern und Eltern bestehen Möglichkeiten zu erfahren, dass Christian gern voltigiert und Enno Experte für Raumfahrtthemen ist. Kenntnisse hierüber tragen nicht allein zu einem persönlichen Kennenlernen des Kindes durch die aufnehmenden Lehrkräfte bei; sie ermöglichen auch das Kreieren bedeutungsvoller Lerninhalte für die Kinder. Besonders unterstrichen wird die Bedeutung des Vorwissens in der konstruktivistischen Didaktik, die die Konstruktion neuen Wissens immer in Abhängigkeit von bestehenden Erfahrungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie persönlichen Relevanzzuschreibungen begreift (vgl. Reich, 2012b).

Die Aktivierung des Vorwissens zählt als ein zentraler Prädiktor für Schulerfolg (vgl. Helmke & Schrader, 2010, S. 243). Dabei geht es nicht allein um die Diagnose von deklarativem Fakten- sowie prozeduralem Routinewissen. Insbesondere aus den Bereichen der Mathematik- und Naturwissenschaftsdidaktik wird die Bedeutung der Präkonzepte der Kinder für die Lernprozesse hervorgehoben. Dabei handelt es sich um individuelle gedankliche Muster, die sich auf der Basis bestehender Erfahrungen und damit verknüpfter Deutungen bilden. Für strukturierte Lernprozesse, wie sie in schulischen Settings im Mittelpunkt stehen, ist die Kenntnis der vorhandenen Präkonzepte von herausragender Bedeutung, um im Dialog mit dem Kind erfolgreiche Lernprozesse im Sinne von Assimilation oder Akkomodation anregen zu können. So ist es beispielsweise bei der Erarbeitung des Themas Elektrizität im Sachunterricht von entscheidender Bedeutung, die Alltagstheorien der Kinder zu kennen. Viele Grundschulkinder gehen davon aus, dass Strom wie Kohle oder Gas beim Heizen eine »Substanz« ist, die teilweise oder vollständig »verbraucht« wird. Diese Vorstellung, so zeigen Forschungen im Kontext des SINUS-Transfer-Projektes, hat für die Schüler/innen auf der Basis ihrer bisherigen Wissensstrukturen eine enorm hohe Plausibilität, weit höher als die physikalische Stromkreisvorstellung, wonach die gleiche Menge Elektrizität überall in einem geschlossenen gerichteten Kreis fließt (vgl. Heran-Dörr, 2011). Die Lehrkraft ist hier in besonderer Weise gefragt, dem Kind fachlich begründete Einsichten zu ermöglichen, die dazu führen, dass es sein bisheriges Präkonzept als unzureichend erkennen und durch Integration neuer Wissenselemente modifizieren kann. Dabei ist es wichtig, die Erklärungsansätze des Kindes nicht in negativer Konnotation als »Fehler« zu stigmatisieren. Vielmehr betonen aktuelle Fachdidaktiken die Achtung vor dem, was das Kind sich zu einem bestimmten Zeitpunkt als vorläufige Annahme erarbeitet hat, sowie die Bedeutung des Prozesscharakters des Lernens. Auf diese Weise sollen Lernfreude und Anstrengungsbereitschaft erhalten und die Verfestigung eines negativen fachlichen Selbstkonzeptes vermieden werden. Der hier umrissene Anspruch, kindliches Vorwissen und individuelle Präkonzepte zu erheben und diese gemeinsam mit dem Kind zum Ausgangspunkt für sich anschließende Lernprozesse zu machen, stellt sich vor dem aufgezeigten lernpsychologischen Hintergrund permanent und für alle Bildungseinrichtungen. Damit verbunden ist die Notwendigkeit, Bildungsprozesse individuell zu dokumentieren, um die Veränderungen von Wissen und mentalen Konzepten zwischen wiederholten Beobachtungen und Diagnosen im Zeitverlauf erfassen zu können. Die gewonnenen Informationen sind nicht allein für die Erstellung von anknüpfenden individuellen Bildungsangeboten für die Fach- und Lehrkräfte interessant. Sie können auch durch das Kind selbst genutzt werden, um beispielsweise Veränderungen von Präkonzepten nachvollziehen und eigene Lernfortschritte sichtbar machen zu können. Um diese Option einlösen zu können, bedarf es der Entwicklung von Dokumentationsinstrumenten, die in Handhabung und Gestaltung auch die Bedürfnisse von Kindern berücksichtigen.

3.1.3 »Flammen entzünden statt Fässer befüllen«: Interesse und Motivation als Lernmotor

Interessen bilden neben Vorwissen und Präkonzepten einen weiteren wichtigen Ausgangspunkt für individuelle Lernprozesse. Das Aufgreifen von Interessen, verbunden mit der Möglichkeit, diese aufzubauen und auszudifferenzieren, geht weit über eine erwünschte Wirkung in Richtung gesteigerter Lernmotivation hinaus. Aktuelle Konzepte einer potenzialorientierten Pädagogik (vgl. Fischer, 2015; Seitz, 2017) weisen auf die noch weitgehend ungenutzten Chancen hin, welche das fachliche Anschließen an kindliche Interessen in Bezug auf Lernförderung, soziale Eingebundenheit und Persönlichkeitsstärkung beinhalten kann. Nachweislich wirken stabile Interessen als Schutzfaktor bei der Bewältigung schwieriger Lebensphasen (vgl. Fingerle, 2008). Daher wird im aktuellen Diskurs um inklusiven Unterricht betont, dass ein Interessen aufgreifendes und förderndes Lernangebot nicht allein, wie bislang oft praktiziert, als Bereicherung für die als besonders begabt eingestuften Kinder verstanden werden sollte. Während das Aufgreifen von Interessen der Kinder in der Grundschule mit der Begründung, spezifische Lehrplanvorgaben zu haben, die in bestimmter Zeit zu erarbeiten seien, häufig zu kurz kommt, ist das Thema in der Frühpädagogik deutlich prominenter. Die in vielen Bildungsplänen ( Kap. 3.4) verankerte Vorstellung des immer neugierigen, interessierten und engagierten Kindes ist Grundlage verschiedener pädagogischer Ansätze, die die intrinsische Motivation und hohe Lernbereitschaft des Kindes nutzen und anregen wollen. Als zentrale Kriterien, die eine angemessene Lernumwelt ausmachen, gelten dabei vor allem Möglichkeiten für Ausprobieren, Nachfragen, Forschen und Entdecken. Spezielle Räume, Materialien, Bücher sowie Angebote wie Ausflüge etc. bieten zweifelsohne ein substanzielles Anregungspotenzial für die Entwicklung von Interessen, die – wie gesehen – konstitutiv für gelingende Lernprozesse sind. Allerdings sind an den Umgang mit der Anforderung, kindliche Interessen zu fördern, auch kritische Fragen zu stellen bzw. zu reflektieren. So lässt sich die kindliche Neugierde weder beliebig wecken, noch richtet sie sich immer auf das, was aus Erwachsenensicht besonders interessant bzw. relevant ist. Was einfach klingt, ist in der praktischen Umsetzung in Familie, KiTa und Grundschule nicht immer gegeben (vgl. Miller & Velten, 2015, S. 37): Ist eine Eigenaktivität der Kinder tatsächlich per se gewünscht oder nur, wenn sie sich auf von den Erwachsenen positiv bewertete, erwünschte, genehmigte Aktivitäten bezieht? Sind Fragen willkommen und, wenn ja, welche? Werden unterschiedliche Verweildauern bei der Beschäftigung mit Themen ermöglicht, da Kinder in unterschiedlichem Maße interessiert sind? Für die Realisierung einer anregungsreichen bedürfnissensiblen Umwelt erscheinen eine individuelle, ressourcenorientierte Beobachtung von Kindern und eine transparente und sorgfältige Dokumentation der Beobachtungen notwendige Grundlagen zu sein, um diese Prozesse überhaupt sichtbar zu machen. Gleichzeitig soll die Dokumentation von Entwicklungs- und Lerngeschichten mit ressourcenorientiertem Fokus dem Kind ermöglichen, eigene Fortschritte und Weiterentwicklungen zu erkennen und durch das Erleben von Erfolgen Motivation zu schöpfen (vgl. Miller & Velten, 2015, S. 30) – insbesondere, wenn diese Beobachtungen nicht nur in Ordnern gesammelt, sondern auch direkt an das Kind zurückgemeldet werden.

Theo (3) erhält nach seinem Start in den Kindergarten von seinen Erzieherinnen einen Brief:

»Lieber Theo, einige Monate bist du schon in unserem Kindergarten, in unserer ›orangen‹ Gruppe und wir freuen uns, dass du dich so wohlfühlst. Einer deiner Lieblingsplätze ist unsere Leseecke – hier betrachtest du gerne die Sach- und Bilderbücher und hörst gut zu, wenn wir eine Geschichte vorlesen. Begeistert erkundest du deine Welt. In unserem Entdeckertisch gibt es eine Menge Linsen und Bohnen, die du mit Trichtern und Schläuchen in Becher und Flaschen umfüllst. Wir finden es prima, wie selbstständig du geworden bist! Wir wünschen dir, dass du in der nächsten Zeit genauso viel lernst und dich weiterhin so toll entwickelst. Deine Erzieherinnen2«.

Erfolgserlebnisse sind für das Verarbeiten und Abspeichern von Informationen im menschlichen Gehirn von hoher Bedeutung. Beim Erleben von Erfolg, z. B. beim sogenannten Flow- bzw. Aha-Effekt, wird der Neurotransmitter Dopamin freigesetzt, der positive Gefühle erzeugt und dabei die Abspeicherung von Gelerntem unterstützt. Doch auch jenseits neurowissenschaftlicher Begründungszusammenhänge lässt sich bei der Beobachtung von Lernenden ein positiver Effekt auf die Motivation nachweisen, wenn Erfolgserlebnisse für das Kind erlebbar werden. Diese Erlebbarkeit soll über Beobachtung und Dokumentation erreicht werden, z. B. dadurch, dass das Kind sich in der Beobachtung wahrgenommen und individuell wertgeschätzt fühlt. Das kindliche Bedürfnis nach Aufmerksamkeit wird so befriedigt. Wenn es z. B. der Erzieherin gelingt, dem Kind zu signalisieren, »[…] dass sie mit Interesse und Staunen und nicht zur Kontrolle und Überprüfung am Werk ist, wird das beobachtete Kind dies mit Freude bemerken und positiv verbuchen, sowohl für sein Selbstwertgefühl als auch für seine Beziehung zur Erzieherin« (Bensel & Haug-Schnabel, 2009, S. 6). Die Bildungsgrundsätze NRW behaupten daran anknüpfend für das Setting Schule, »[…] dass die Mitgestaltung von und die Auseinandersetzung mit seiner eigenen Entwicklungsgeschichte […] für jedes Kind eine spannende Angelegenheit« sei (Bildungsgrundsätze MSW/MFKJ NRW, 2016, S. 37). Wildgruber und Griebel (2016, S. 17) kommen in ihrer Expertise zur Übergangsgestaltung vom Elementar- in den Primarbereich zu dem Schluss, dass vielfältige Interessen es Kindern erleichtern, in einer neuen Umgebung Anknüpfungspunkte zu finden, denn dadurch werden Anpassungsleistungen begünstigt. Dabei folgern sie im Rekurs auf Lichtblau, Thoms und Werning (2013), dass Interessen positiv auf die Entwicklung von Resilienz wirken und diese insbesondere in Transitionsphasen gezielt berücksichtigt und in der pädagogischen Arbeit genutzt werden sollen. Nur wenig in den Blick gerät dabei, dass es für Kinder nicht automatisch angenehm sein muss, beobachtet zu werden, sondern dass eine solche Situation – auch wenn sie in bester pädagogischer Absicht geplant wurde – auch als unbehaglich empfunden werden kann.

Insgesamt steht eine systematische Erforschung der Kindperspektive auf die zunehmende Kontrolle ihrer einrichtungsbezogenen, familialen und schulischen Aktivitäten im Zuge der Beobachtung und Dokumentation wie auch im Kontext verstärkter Zusammenarbeit und Vernetzung in Bildungspartnerschaften (auch mit Eltern) noch aus (vgl. Betz, 2015, S. 51). Eine aktuelle Kinderbefragungsstudie der Goethe-Universität Frankfurt/M. gibt allerdings erste Hinweise darauf, dass Kinder gängigen Grundannahmen in Bezug auf die »Zusammenarbeit von Eltern und Lehrkräften zur Optimierung eigener Lern- und Entwicklungsprozesse« zu widersprechen scheinen. So unterscheiden die befragten Drittklässler deutlich zwischen der privaten Sphäre der Familie und ihrem »Familienselbst« und der öffentlichen Sphäre der Schule und ihrem »Schulselbst« und wünschen sich hier eine klare Trennung. Die Weitergabe von Informationen und die Kommunikation mit Eltern über bestimmte Themen werden von ihnen als Beeinträchtigung des Vertrauensverhältnisses sowohl zur Lehrkraft wie auch zu den Eltern gewertet (Kayser & Eunicke, 2017, o. S.). Hier deutet sich an, dass der Anspruch an das Erfassen spezifischer Lernantriebe und Interessen des Kindes über ein möglichst nahes »Heranzoomen« an kindliche Aktivitäten Grenzen im Bereich des Persönlichkeitsrechtes der Kinder berührt, die im Zuge der erwarteten positiven Effekte allzu leicht übersehen werden können.

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18 aralık 2025
Hacim:
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ISBN:
9783170300538
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