Kitabı oku: «Geschichten aus dem Koffer»

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Impressum

Geschichten aus dem Koffer - Ein Adventskalender für die ganze Familie

Copyright: © 2021, Julia Krenz & Thomas Fuhrmann

Alle Rechte zu den Geschichten liegen beim jeweiligen Autor. Eine Aufstellung der Geschichten ist bei den Kurzbiografien der Autoren am Ende des Buches zu finden.

ISBN: 978-3-754923-15-3

Veröffentlicht über www.epubli.de - Neopubli GmbH

Unser Dank gilt unseren Familien, die es ertragen mussten, dass bei uns beiden ein Jahr lang Weihnachten war, und die trotzdem mit Rat und Tat, Kritik, sowie Test- und Korrekturlesen bereitstanden.

Vorwort

Adventszeit ist Lesezeit. Und wer hat es als Kind nicht gemocht, eingekuschelt neben Mama oder Papa zu liegen und sich vorlesen zu lassen, während man Weihnachten entgegenfiebert?

Mit unseren Geschichten begeben Sie sich gemeinsam mit Ihren Kindern auf Reisen, begleitet von Wichteln, Rentieren, dem Nikolaus, Raben und Papageien. Spinnen, Bienen und sogar ein Flusspferd sorgen für viel Vergnügen für Klein und Groß. Wer hat schon mal einen Drachen in der Kirche gesehen? Oder eine Hexe, der kaum ein Zauber gelingen will und die so für reichlich Chaos sorgt? Hier wird all das Wirklichkeit. Aber auch Besinnliches und Nachdenkliches kommen nicht zu kurz. Wie trifft man sich als Grundschüler mit seiner Freundin, wenn der Kontakt verboten ist? Was hat es mit einem geheimnisvollen Koffer auf dem Dachboden auf sich? Und was sind überhaupt Barbarazweige?

Nach der Vorlesezeit ist dann Gelegenheit, jeden Tag bei einer Geschichte für Jugendliche und Erwachsene zu entspannen. Die Erzählungen sind fröhlich, besinnlich, dramatisch, nachdenklich und berühren das Herz. Was geschieht mit dem Hund am Laternenpfahl? Was hat es mit der Frau mit dem Koffer auf sich? Was ist ein politisch korrektes Krippenspiel, und warum werden nur zwei nicht ganz so heilige Könige daran teilnehmen? Plätzchen, die nicht gelingen wollen, Sorge vor immer gleichen Weihnachtsfeiern, eine Geige, die noch nie erklang - alles ist enthalten. Sie sind dabei, wenn Josef darüber grübelt, wie anstrengend es ist, der Vater von Jesus zu sein, wenn eine Kriminalkommissarin eine höchst unfreiwillige Jagd auf einen Geist, eine Weiße Frau, unternimmt, und wenn eine Feier im Hochmittelalter vollständig entgleist. Was sind eigentlich Weihnachtserdnüsse? Und wie kann es sein, dass schon im Trojanischen Krieg Weihnachten gefeiert wurde, während eine kleine Nachricht in sozialen Medien viral geht?

Dieses Buch bietet beides: Für jeden Tag im Advent gibt es eine Geschichte für die Kleinen und zusätzlich eine für die Großen und Größeren. Und jeweils auch noch eine Bonusgeschichte für die Nachweihnachtszeit. Es sind „Geschichten aus dem Koffer“: Immer dabei, immer parat.

Jeder Tag beginnt mit der Kindergeschichte, gekennzeichnet mit einem (K) hinter dem Titel, anschließend folgt täglich die Geschichte für die Jugendlichen und Erwachsenen, erkennbar am (J&E) hinter der Überschrift. Zwischen den Tagen und Geschichten ist immer ein Trennbild eingefügt, so dass nicht aus Versehen beim Blättern schon die Geschichte des nächsten Tages erreicht wird.

In jeder Geschichte taucht ein Koffer oder ein anderes Gepäckstück auf. Und wer ganz genau aufpasst, kann auch etliche Querverbindungen zwischen den Geschichten entdecken, sogar zwischen den Erzählungen verschiedener Altersgruppen. Doch keine Sorge: Alle Geschichten sind auch ohne den Bezug zu einem anderen Text verständlich.

Wie ist denn nun der Name der Sammlung entstanden? Warum taucht ausgerechnet immer wieder ein Koffer auf? Dazu müssen wir zeitlich ein bisschen zurückspringen: Wir, die Autoren, sind beide Mitglied einer Kirchengemeinde. Julia ist für die musikalische Arbeit mit Kindern zuständig, Thomas für die Internetpräsenz. Im Zuge der Coronaschutzmaßnahmen konnten die musikalischen Gruppen zeitweise nicht mehr live stattfinden. Stattdessen entstanden Videos, die den Kindern und Eltern online zugänglich gemacht wurden. Bei diesen Videos benutzte Julia für die benötigten Materialien immer einen Koffer, den „Koffer voll Musik“. Thomas, der die Videos anschließend hochlud, fragte sich eines Tages, ob Julia denn nach der Masse an Videos irgendwann live auch ohne ihren Koffer noch erkannt werden würde. Geboren war die Idee zu „Die Frau mit dem Koffer“ (auch wenn weder Julia noch Thomas dort mitspielen). Nach dieser Geschichte entstanden immer weitere Erzählungen, die hier in dieser Sammlung zu finden sind.

Wir wünschen allen Lesern eine schöne, besinnliche, humorvolle und nachdenkliche Adventszeit mit der ganzen Familie!

Julia Krenz und Thomas Fuhrmann

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Dezember Alle Jahre wieder (K)

1. Dezember: Das Plätzchenrezept (J&E)

2. Dezember: Die Kuscheltiere feiern Advent (K)

2. Dezember: Weihnachtserdnüsse (J&E)

3. Dezember: Die Wichteltür (K)

3. Dezember: #NachrichtamBaum (J&E)

4. Dezember: Barbarazweige (K)

4. Dezember: Am Laternenpfahl (J&E)

5. Dezember: Flip und Flop in der Nikolausnacht (K)

5. Dezember: Die Frau mit dem Koffer (J&E)

6. Dezember: Nicki und der Nikolaus (K)

6. Dezember: Die neue Decke (J&E)

7. Dezember: Die kleine Hexe Elli Einfallsreich und ihre zauberhaften Weihnachtsplätzchen (K)

7. Dezember: Nächtlicher Besuch (J&E)

8. Dezember: Die Weihnachtswichtel (K)

8. Dezember: Familie Kranz und der Advent (J&E)

9. Dezember: Der Murmelkönig (K)

9. Dezember: Lebenspläne (J&E)

10. Dezember: Ein Koffer voller Wünsche (K)

10. Dezember: Ihr Kriegerlein kommet (J&E)

11. Dezember: Das heimliche Geschenk (K)

11. Dezember: Die stumme Geige (J&E)

12. Dezember: Das Rentier mit der schwarzen Nase (K)

12. Dezember: Die Frau im Café (J&E)

13. Dezember: Elli Einfallsreich auf dem Adventsbasar (K)

13. Dezember: Weihnachtserinnerungen (J&E)

14. Dezember: Der Ball (K)

14. Dezember: Vater und Sohn (J&E)

15. Dezember: Emis erste Reise (K)

15. Dezember: Der vierzigste Geburtstag (J&E)

16. Dezember: Das Rätsel (K)

16. Dezember: Traumreisen (J&E)

17. Dezember: Nur ein Traum? (K)

17. Dezember: Das politisch korrekte Krippenspiel (J&E)

18. Dezember: Hallöche (K)

18. Dezember: Die nicht ganz so heiligen zwei Könige auf ihrer Reise zum Glück (J&E)

19. Dezember: Sternenreise zum Glück (K)

19. Dezember: Verloren im Schnee (J&E)

20. Dezember: Elli Einfallsreichs magische Weihnachtsreise (K)

20. Dezember: Weihnachten bei Feinden (J&E)

21. Dezember: Der Schneemann (K)

21. Dezember: Nach Dienstschluss (J&E)

22. Dezember: Das zauberhafte Malbuch - Ein besonderes Geschenk (K)

22. Dezember: Die Weiße Frau – Gestrandet im Nirgendwo (J&E)

23. Dezember: Das zauberhafte Malbuch - Auf nach Bethlehem (K)

23. Dezember: Die Weiße Frau – Kein Weihnachtsfest in Groß-Finsterweiler (J&E)

24. Dezember: Heiligabend mit Elli Einfallsreich (K)

24. Dezember: Einmal nach Weihnachten bitte (J&E)

Bonus: Wo ist Mona? (K)

Bonus: La fête solennelle des Saints Innocents (J&E)

Die Autoren


1. Dezember Alle Jahre wieder (K)

Mila lag im Bett und hatte ihr liebstes Kuscheltier im Arm. Sie hatte Bello, den kleinen braunen Hund mit den langen Schlappohren, zu ihrer Geburt bekommen und seitdem jede Nacht mit ihm zusammen verbracht. Zuerst hatte er bei ihr am Fußende der Wiege gelegen, dann in ihrer Nähe. Seit sie in ihrem eigenen Bett schlief, früher mit Gitterstäben, die natürlich schon längst abgebaut waren, kuschelte sie meistens auch mit ihm beim Einschlafen.

Bello war ein guter Zuhörer. Er konnte hervorragend trösten und kuscheln und er meckerte nie, wenn sie ihn viel zu fest an sich drückte oder auf seinem Ohr liegend einschlief. Und er schien immer zu wissen, wie es ihr ging, manchmal sogar, noch bevor sie es sich selber eingestehen konnte.

„Na, bist du zu aufgeregt zum Schlafen?“ Bello stupste sie freundlich in die Seite.

Mila nickte. „Ist doch auch kein Wunder“, flüsterte sie zurück. „Mama hat heute den Adventskalender aufgehängt, und sie hat gesagt, dass in der Nacht die Wichtelmännchen kommen und die Geschenke dranhängen.“

„Und du würdest sie gern sehen?“

„Du doch auch!“

„Hmmmm …“, brummte Bello zustimmend. „Aber woher weißt du, dass sie diese Nacht unterwegs sind?“

„Noch ein Mal schlafen und dann darf ich doch schon das erste Päckchen aufmachen. Also müssen sie diese Nacht die Geschenke anbringen. Sonst kann ich morgen doch gar nichts aufmachen!“

„Da ist was Wahres dran …“ Bello überlegte. „Aber was ist, wenn sie nur kommen, wenn du schläfst?“

„Dann müssen wir einfach ganz leise sein, damit sie uns nicht hören. Und so tun, als ob wir schlafen.“

Mila legte sich auf die Seite, kuschelte sich in die Decke, achtete aber darauf, dass beide Ohren frei blieben. Sie dachte an den Wandbehang an der Küchentür, der mit vielen kleinen Wichtelmännchen und vierundzwanzig Zahlen bestickt war. Bei jeder Zahl war ein Ring angenäht, an dem dann ein Geschenk hängen würde. Mama hatte den Kalender gestaltet, als Mila damals in ihrem Bauch gewesen war. Und jedes Jahr holte sie ihn einen Tag vor dem 1. Dezember heraus. Heute schon zum sechsten Mal. An die ersten Jahre konnte Mila sich natürlich nicht erinnern, aber es gab Fotos, auf denen sie sich nach Geschenken streckte und versuchte, dabei nicht umzufallen.

Bello schnarchte leise vor sich hin. Mila lächelte. Und gähnte. Ihre Augen fingen auch schon an zu brennen. Wenn sie sie nur einmal kurz schließen würde …

„Pass doch auf!“, zischte eine Stimme. „Du bist mir schon wieder in die Hacken gelaufen!“

„Das kann überhaupt nicht sein“, brummte eine zweite Stimme zurück. „Ich bin weit hinter dir. So lang sind meine Beine überhaupt nicht. Außerdem könntest du mir mit dem Koffer ruhig mal helfen!“

„Ich trage dafür die Bänder. Und wer hat die ganzen Geschenke überhaupt erst eingepackt und in den Koffer gesteckt?“

„Geht das schon wieder los?“, beschwerte sich die zweite Stimme. „Du hast doch Poldi gehört. Wir arbeiten alle zusammen und versuchen, uns zu unterstützen, um den Menschen eine schöne Adventszeit zu gestalten. Dabei kommt es auf das Ergebnis an und nicht darauf, wer wie viel gemacht hat.“

„Du willst doch, dass ich dir mit dem Koffer helfe!“, wunderte sich die erste Stimme.

„Um Hilfe zu bitten, sollte ja wohl auch noch erlaubt sein, vor allem, weil ich …“ Der Rest des Satzes ging in einem Poltern mit leisen Schreien unter.

Mila kletterte aus dem Bett und schlich zur Tür. Die Stimmen waren jetzt viel schwächer zu hören als vorher.

„Jetzt ist der Koffer aufgegangen, und wir sind mit allen Geschenken die Treppe hinuntergepurzelt“, beschwerte sich die zweite Stimme.

„Und hier am Bein bekomme ich bestimmt wieder einen blauen Fleck“, jammerte die erste Stimme. „Ich bin böse gefallen, weil ich mich in den Bändern verheddert habe. Es schwillt bestimmt auch an. Ganz sicher. Ich merke das schon …“

„Ja, ja, ich weiß. Du bist ganz schwer verletzt. Wie damals, als du dachtest, dass du nie wieder laufen könntest, nur weil dir ein Kuscheltier-Elefant auf den Fuß gestiegen war. Aber das können wir morgen klären. Jetzt hilf mir bitte erst mal mit den Geschenken. Wir müssen sie einsammeln und aufhängen, bevor noch jemand mitbekommt, dass wir hier sind.“

Mila hörte geschäftiges Trippeln, Schieben, Rascheln und Schleifen. Sie versuchte, durch das Schlüsselloch zu gucken, doch der untere Treppenabsatz lag nicht in ihrem Blickfeld. Außerdem war der Flur dunkel.

Sollte sie die Tür vorsichtig öffnen? Aber wenn sie dadurch die Wesen verscheuchte? Sie presste das Ohr an die Tür.

„So, geschafft!“ Der Koffer wurde mit einem Klicken verschlossen.

„Warte, ich helfe dir“, meldete sich die erste Stimme.

„Ach, jetzt doch auf einmal? Du willst wohl nicht ein zweites Mal hinfallen?“, spöttelte die zweite Stimme.

„Ist doch egal, freu dich doch! Außerdem hab’ ich Hunger. Ich habe noch überhaupt nichts gefrühstückt, weil du so gedrängelt hast.“

Mila hörte ein paar letzte Trippelschritte, die Flurtür öffnete und schloss sich, und dann war wieder Ruhe.

Vorsichtig drückte sie ihre Türklinke hinunter. Es war still im Haus. Der Flur lag dunkel vor ihr, nur spärlich erhellt durch das Mondlicht, das durch ein kleines Fenster im Treppenhaus fiel. Niemand war zu sehen.

Mila schloss die Tür und schlich wieder ins Bett zurück.

Am nächsten Morgen rannte sie mit Bello direkt zum Adventskalender. An jedem Ring hing ein kleines Geschenk, fein säuberlich befestigt mit einem roten Band. Manche Päckchen sahen allerdings ein bisschen zerknautscht aus, hatten eingedrückte Ecken oder leicht zerknittertes Papier.

Mila lächelte und flüsterte Bello zu: „Ich muss dir gleich unbedingt was erzählen. Das glaubst du nie!“


1. Dezember: Das Plätzchenrezept (J&E)

Sarah nahm sich einen kleinen Brocken aus der Schüssel und steckte ihn in den Mund. Hmmm … Gar nicht so übel. Aber etwas Besonderes war es auch nicht. Sollte sie noch etwas mehr Zimt nehmen? Nein, das hatte sie gestern schon probiert. Oder noch etwas mehr Kakao? Vielleicht war es auch schon zu viel? Sarah seufzte und vertiefte sich grübelnd wieder in ihr Rezept. Eigentlich müsste sie gar nicht mehr nachschauen, so oft hatte sie sich schon in den letzten Tagen daran versucht. Und jedes Mal war sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden gewesen. Dabei backte sie diese Plätzchen schon seit ihrer Kindheit.

Für Sarah,

zum 11. Geburtstag

von Mama und Papa,

stand als Widmung auf der ersten Seite. Und seitdem hatte sie die Kekse in jedem Jahr gebacken, mindestens zwölf Mal. Und bis zum letzten Jahr war sie auch immer damit zufrieden gewesen. Aber allein in dieser Adventszeit hatte sie schon genauso viele Versuche gestartet. Und keines dieser Ergebnisse kam an die Plätzchen aus dem Vorjahr heran. Dabei wäre es grad in dieses Mal so wichtig gewesen.

Dieses war jetzt ihre letzte Chance, leckere Exemplare zu produzieren, denn morgen würde sie in den Zug steigen. Der Koffer war schon gepackt. Sie hatte gleich damit angefangen, als Alex die Nachricht geschickt hatte, die Nachricht, die sie nachts mit Herzklopfen aufwachen ließ. Die Nachricht, die dazu führte, dass sie tagsüber mit einem dümmlichen Lächeln aus dem Fenster starrte. Die gleiche Nachricht, die sie blind und taub machte, so dass ihre Kollegen sie schon in die Seite stießen, wenn Kunden Hilfe benötigten. Jedes Outfit war bewusst gewählt, gebügelt und ordentlich gefaltet im Koffer gelandet. Auf dem Stuhl neben dem Bett lagen ihr Lieblingsshirt und die neue Jeans für die Fahrt, dazu ihre edelste Unterwäsche. Nur eine Ecke des Koffers hatte sie freigelassen. Für ihre schönste Plätzchendose. Aber was ihr dafür noch fehlte, waren eben genau noch die Plätzchen. Dieser Versuch musste einfach gut werden.

Toll, dass Du auch kommst. Auf Dich freue ich mich besonders. Und auf Deine Kekse … Dazu hatte Alex einen seiner berühmten Grinsesmileys gesetzt. Er schien eine geheime Quelle dafür zu kennen. Als sie alle noch nur mit Lachen und Weinen gearbeitet hatten, hatte er ganze Gemälde aus Zeichen gestaltet. Und jetzt schien er für jede Emotion ein Bildchen zu kennen. Bisher hatte sie es nur im Gruppenchat bewundern dürfen. Aber die letzte Nachricht war für sie gewesen, nur für sie allein. Ein zwinkerndes Gesicht mit roten Wangen und einem angedeuteten Kuss. Das konnte nur bedeuten, dass er den Abend vom letzten Jahr auch nicht vergessen hatte. Und ausgerechnet jetzt wollten die Kekse einfach nichts werden.

„Das kann doch nicht wahr sein! Warum klappt das denn nicht?“

Sarah schlug entnervt das Buch zu und steckte sich noch einen Brocken des Teiges in den Mund.

„Weil deine Erinnerungen dir einen Streich spielen!“

Wo kam denn das gerade her? Sarah sah sich erstaunt um. Sie kannte niemand mit einer so hellen Stimme. Außerdem war sie doch allein in der WG.

„Du kannst mich nicht sehen.“ Die Stimme lachte. „Ich bin nämlich in dir.“

„In mir? Was soll das denn heißen?“

„Ganz einfach. Ich bin deine innere Stimme. Normalerweise kennst du mich nur, wenn du eine Idee hast. Oder wenn du nachdenkst. Dann klinge ich aber wie du. Also, wie ich. Denn ich bin ja du. Wir sind ja ich …“ Sarah hörte förmlich, wie die Stimme den Kopf schüttelte. „Du bringst mich ja völlig durcheinander.“

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Sarah automatisch.

„Schon gut. Ich wäre auch verwirrt, wenn ich mich das erste Mal hören würde.“

„Nein, es tut mir überhaupt nicht leid.“ Sarah stieß sich von der Arbeitsplatte ab und ging entschlossen durch die Küche. „Was rede ich denn da? Ich bin verrückt! Ich rede mit einer Stimme und entschuldige mich auch noch, dass ich die Stimme durcheinanderbringe. Was ist das denn für ein Quatsch?“

„Du bist nicht verrückt!“

„Nein, natürlich nicht, weil das ein blöder Scherz ist! Wer hat das inszeniert? Stefan? Oder Chrissy? Ihr hattet euren Spaß. Ich bin voll drauf reingefallen. Haha, sehr witzig! Aber jetzt kommt raus!“

„Deine Mitbewohner haben damit nichts zu tun. Ich bin es wirklich.“ Die Stimme klang ein bisschen ungehalten. „Ich kann auch wie du klingen. So kennst du mich.“

Sarah runzelte die Stirn.

„Ja, so hast du mich schon oft gehört“, dachte die Stimme in Sarahs Kopf. Sie klang nun wie ihre eigene Stimme. „Wenn die Plätzchen doch nur endlich so schmecken würden wie im letzten Jahr! Das denkst du doch, oder?“

„Das ist ja auch nicht schwer zu erraten! Schließlich wissen alle, dass ich seit fast zwei Wochen jeden Abend diese bescheuerten Kekse backe. Jeden Tag! Ich kann sie nicht mehr sehen. Und deshalb hat ja auch schon fast jeder in meinen Kursen oder im Copyshop meine Kekse gegessen.“

„Aber nur ich weiß, warum du dir solche Mühe gibst.“ Die Gedanken kamen einfach so in ihren Kopf. „Denn ich war letztes Jahr auch mit dabei.“

„Aaaaah! Das ist doch alles nicht wahr!“ Sarah blieb stehen, raufte sich die Haare und stützte sich auf der Arbeitsplatte ab. „Red wenigstens wieder mit deiner normalen Stimme. Das macht mich fertig, wenn du so klingst wie meine Gedanken. Wie soll ich dann wissen, was ich denke und was du sagst?“

„Bitte, gern, wenn es dir so lieber ist“, hörte Sarah wieder die hohe Stimme. „Aber eigentlich ist es auch völlig egal. Denn ich bin du. Das wollte ich dir ja gerade schon erklären, aber du hast mich unterbrochen. Darf ich jetzt?“

„Bitte, bitte, tu dir keinen Zwang an.“ Sarah wischte einen Krümel von der Arbeitsfläche. „Sag, was du zu sagen hast. Und dann lass mich bitte wieder in Ruhe!“

„Den Wunsch kann ich dir leider nicht erfüllen. Denn wie ich schon sagte, ich bin ein Teil von dir. Ich bin deine innere Stimme. Ich bin bei dir, solange du denken kannst. Ich bin dein Denken und ich bin dein Gewissen. Und ich gestalte mit dir deine Erinnerung.“

„Was meinst du damit, wir gestalten meine Erinnerung?“

„Dazu komme ich noch später. Denn das ist ein wesentlicher Punkt. Erinnerung ist subjektiv. Aber wo war ich? Ach ja, dabei, dass ich ein Teil von dir bin. Ich bin immer da. Wir sind zur gleichen Zeit wach, wir schlafen zur gleichen Zeit. Wir essen zusammen und wir arbeiten zusammen. Wir machen zusammen Sport, wir leiden zusammen, wir freuen uns zusammen und wir lieben zusammen. Wir kommen zusammen auf die Welt und wir sterben zusammen. Wir sind eins. Und meistens sind wir auch einer Meinung. Wenn du unsicher bist, fragst du mich um Rat und hörst auf mich. Das ist gut, denn es ist wichtig, mit sich selbst im Reinen zu sein. Aber die letzten Tage, da weiß ich gar nicht, was ich mit dir machen soll.“

„Die letzten Tage?“, unterbrach Sarah den Gedankengang ihrer inneren Stimme.

„Du weißt genau, was ich meine. Die letzten fast zwei Wochen bist du nicht mehr du selbst gewesen. Genauer gesagt seit 13 Tagen, seit dem Moment, in dem du die Nachricht gelesen hast, die Alex dir geschrieben hat.“

„Du weißt von der Nachricht?“ Sarah spürte, wie ihre Wangen warm wurden.

Ihre Stimme seufzte. „Natürlich weiß ich von der Nachricht. Soll ich es noch einmal wiederholen? Wir sind zur gleichen Zeit wach, wir schlafen zur gleichen Zeit. Wir essen …“

„Nein, schon gut! Ich glaube, ich habe es verstanden.“ Sarah schüttelte den Kopf. „Soweit man das überhaupt verstehen kann …“

„Also, noch einmal zurück: Natürlich kenne ich die Nachricht. Und ich weiß auch, warum du seitdem jeden Tag Plätzchen backst. Und jeden Tag nimmst du dafür dasselbe Rezept. Nicht mal Vanillekipferl und dann Lebkuchen, am nächsten Tag vielleicht Schwarzweiß-Gebäck und danach Schoko-Nuss-Makronen. Nein, immer dasselbe Rezept. Das Rezept, das du seit deinem 11. Geburtstag in jedem Jahr gebacken hast.“

„Ja, und immer haben die Kekse geschmeckt. Nur jetzt, ausgerechnet jetzt wollen sie nichts werden“, jammerte Sarah. „Dabei habe ich alles probiert: Ich habe mal ein bisschen mehr Zimt genommen, mal ein bisschen weniger, mal mehr Kakao, mal weniger Kakao, dafür aber mehr Zimt und Honig, mal waren sie bei niedrigerer Temperatur länger im Backofen, mal hatte ich ihn etwas heißer eingestellt. Was ich auch versucht habe, nichts hat geholfen! Und jetzt erzählst du mir, ich sei nicht ganz bei mir. Ist das etwa ein Wunder?“ Sarah ließ sich auf den Fußboden sinken und lehnte sich gegen den Küchenschrank.

„Hast du den Keksen denn jemals eine echte Chance gegeben?“, fragte die Stimme freundlich.

„Wie meinst du das? Natürlich habe ich sie probiert!“

„Ja, das weiß ich. Aber was hast du dabei gedacht, als du sie probiert hast? Vor zwölf Tagen oder letzte Woche oder gestern?“

„Das musst du doch wissen! Ich dachte, wir machen alles zusammen.“

„Natürlich weiß ich es. Ich möchte es aber von dir hören!“

Sarah schüttelte den Kopf. Sie hatte fast den Eindruck, ihre Stimme würde sich zurücklehnen und sie abwartend ansehen. Vielleicht wippte sie auch noch mit dem Fuß. Hatte sie etwa Sandalen an? Flip-Flops? Im Winter? Was denke ich da nur? Eine Stimme trägt Flip-Flops?

„Du lenkst ab!“, ermahnte sie die Stimme. „Natürlich trage ich gern Flip-Flops. Ich bin du, schon vergessen?“

Sarah sah auf ihre Füße. Ja, auch sie lief gern barfuß oder mit Flip-Flops herum. Im Winter allerdings nur in der Wohnung. Dafür zog sie sich allerdings auch als erste einen Pullover über, wenn alle anderen noch kurzärmelig herumliefen und die letzten Sonnenstrahlen genossen. Eigentlich war sie eben doch ein Friasling, wie ihr Vater sie früher immer genannt hatte, da sie so schnell fror.

„Ein Friasling mit Flip-Flops“, lachte die Stimme. „Aber zurück zum Thema!“

„Was war das noch mal?“

„Die Kekse. Hast du ihnen jemals eine echte Chance gegeben? Was hast du gedacht, als du sie probiert hast? Oder besser: Woran hast du dabei gedacht?“

Sarah atmete tief ein und aus und schloss die Augen. Sofort fühlte sie sich zurückversetzt an den einen entscheidenden Abend im letzten Jahr. Auch damals waren sie zusammen auf der Hütte gewesen, Sarah, Alex, Jenny, Niklas und Tobi, ihre ganze Clique aus der Schulzeit. Sie waren zusammen Ski gefahren, hatten Schneewanderungen unternommen, waren im Schwimmbad und hatten sich eine Schneeballschlacht geliefert, die sich gewaschen hatte, bis sie dann lachend im Schnee gelandet waren. Abends hatten sie bei Käse und Wein zusammengesessen und sich die alten Geschichten erzählt. Von Herrn Schleich, der ohne seine Chemie-Notizen aufgeschmissen war, und der alten Knobloch, die immer heimlich ihre Illustrierten während der Aufsicht las. Und irgendwann waren nur noch Alex und sie übrig geblieben. Das Feuer knisterte, sie lachten, der Wein zeigte seine Wirkung, und nach und nach war der Abstand zwischen ihnen immer geringer geworden. Es fühlte sich einfach nur natürlich an, sich an ihn zu lehnen, ihre Hand in seiner zu spüren, seinen Daumen auf ihrem Handrücken, ihrer beider Finger, die sich ineinander verschränkten. Ihr ganzer Körper hatte gekribbelt, nicht nur die Stellen, die er berührt hatte. Und dann hatten sie sich mit Plätzchen gefüttert, den Plätzchen, die sie mitgebracht hatte. Irgendwann wischte er ihr einen Krümel aus dem Mundwinkel und küsste sie vorsichtig. Sie fühlte Wärme, Kribbeln, das Kratzen seines Bartansatzes, schmeckte Wein, Käse und eben ihre Plätzchen. Sie fühlte sich zu Hause, angekommen, eine vertraute Situation und trotzdem aufregend neu.

Am nächsten Morgen hatten die anderen wissende Blicke geteilt. Niklas konnte sich natürlich einen Kommentar nicht verkneifen und wurde dafür von Jenny strafend in die Seite gestoßen. Dabei war gar nichts passiert. Wie auch? Es gab ja nur zwei Schlafzimmer und ihres teilte sie sich mit Jenny. Diese hatte natürlich schon längst geschlafen, schließlich waren die Sterne am Himmel schon blasser geworden. Oder der Himmel heller, wie man es sehen wollte.

Diese Nacht hatte sie trotzdem nicht vergessen. Und mittendrin ihre Plätzchen.

Alex war kurz nach Silvester wieder zum Studium nach Barcelona zurückgekehrt, und sie hatte ihre Tage im Zwiespalt zwischen der Uni und dem Job im Copyshop verbracht. Natürlich hatte sie Alex nicht das ganze Jahr hinterher getrauert. Trotzdem hatte sie immer mal wieder an ihre gemeinsame Nacht gedacht. Und er hatte es offensichtlich auch nicht vergessen. Und die Rolle, die ihre Plätzchen dabei gespielt hatten, auch nicht.

„Und deshalb ist es auch so wichtig, dass sie genauso gut werden wie letztes Jahr“, ergänzte Sarah ihre Gedanken.

„Und da haben wir das Problem.“

„Genau. Sie waren super. Und jetzt schmecken sie, tja, halt nach Margarine, Mehl, Zucker und Eiern.“

„Nicht zu vergessen, nach Zimt und Kakao“, neckte sie die Stimme.

„Hey, das ist ein ernstes Problem!“, beschwerte sich Sarah. „Sie waren magisch, und jetzt sind es einfach Plätzchen.“

„Das ist das, was du in ihnen siehst. Und das meinte ich, als ich mich bei dir eingeschaltet habe. Deine Erinnerungen spielen dir einen Streich.“

„Was meinst du damit?“

„Erinnerungen sind nie objektiv. Sie sind nicht messbar. Frage drei Personen, die gemeinsam einen Abend erleben. Jeder wird dir die Situation anders schildern. Es spielt so viel zusammen. Deine Gefühle, deine Stimmung, deine gemachten Erfahrungen, deine Gedanken: All das beeinflusst deine Erinnerung.“

„Du meinst, es ist gar nicht so passiert, wie ich es in Erinnerung habe?“

„Doch, für dich in diesem Fall schon. Aber es wäre sogar möglich, dir eine Erinnerung an eine Begebenheit zu schaffen, die du gar nicht selber erlebt hast. Und trotzdem könntest du irgendwann das Erlebte in der Erinnerung spüren.“

„Das klingt verrückt.“ Sarah umfasste ihre Knie.

„Es ist auch verrückt. Aber trotzdem möglich. Und auch dir ist es schon passiert!“

„Mir? Was weißt du? Willst du damit sagen, mein Leben ist eigentlich ganz anders verlaufen?“

Die Stimme lachte beschwichtigend. „Keine Sorge! Den Großteil deines Lebens hast du schon wirklich erlebt und hast dir deine eigenen Erinnerungen erschaffen. Aber erinnerst du dich an den 85. Geburtstag deiner Tante Tilly? Damals, als du vier Jahre alt warst?“

Sarah überlegte. „Da waren wir doch gar nicht. Weil ich die Treppe runtergefallen bin und ins Krankenhaus musste.“

„Stimmt, ihr, also wir waren nicht da. Aber im Krankenhaus warst du auch nicht.“

„Nicht? Aber ich kann mich doch an die Schmerzen erinnern. Mein Knie tat wochenlang weh!“

„Ja, du bist auch gefallen. Allerdings nicht die Treppe hinunter, sondern beim Hochlaufen. Du bist ausgerutscht und hingefallen. Dein Knie war aufgeschlagen. Das hat gebrannt, vor allem beim Baden. Aber im Krankenhaus waren wir nicht.“

„Aber ich kann mich doch daran erinnern. An die Aufnahmeschwester, die ständig eine Möhre im Mund hatte und nur gemeckert hat. An den Flur mit dem quietschenden Boden. Und an den Geruch.“

„Das ist alles nicht passiert. Das haben dir deine Eltern erzählt. Die Krankenschwester gab es auch, aber nicht da. Sie war an der Anmeldung, als deine Eltern mit dir zur Entbindung gekommen sind.“

„Warum sollten sie mir so eine Geschichte erzählen? Warum sollten sie so etwas tun?“

„Sie hatten sich gestritten. Dein Vater wollte nicht mehr mitkommen und deine Mutter hatte überhaupt keine Lust, allein zu fahren und allen zu erklären, wo denn ihr Mann sei und warum er nicht mitgekommen war. Und dann bist du hingefallen. Das war wie ein Zeichen für sie, die bequemste Lösung, aus der Situation zu kommen: Die Geschichte, dass du ins Krankenhaus musstest, schön ausgeschmückt mit der Möhrchen kauenden Krankenschwester. Und du wolltest sie immer wieder hören. So sind die Erinnerungen gewachsen. Es gibt sie aber nur in deinem Kopf.“

„Das ist ja irre!“ Sarah streckte ihre Beine aus.

„Da muss ich dir zustimmen. Irre, aber möglich.“

„Und jetzt willst du sagen, dass die Plätzchen ganz anders geschmeckt haben? Das wäre ja möglich, wenn man sich schon an einen ganzen Krankenhausaufenthalt erinnern kann, den es gar nicht gab. Vielleicht waren sie ja total pappig.““

„Nein, sie waren gut. Aber du verbindest den Geschmack der Plätzchen mit der besonderen Stimmung des Abends. Dadurch wurden sie für dich zu den magischen Keksen, die du in Erinnerung hast. Weißt du noch, wie du die Plätzchen vorher fandest? Waren sie da auch schon besonders? Oder waren es einfach nur die Plätzchen, die du schon immer gebacken hast?“

Sarah schluckte. „Ich sollte ihnen also noch eine Chance geben?“

„Ich sehe, wir verstehen uns wieder.“ Die Stimme lachte. „Dann kann ich dich ja beruhigt dem Teig überlassen. Und noch etwas …“

„Ja?“

„Vertrau auf dich! Dann habe ich auch keinen Grund mehr, dich zu nerven.“

Sarah lächelte und stand auf. „Schade eigentlich. Ich fange gerade an, mich an dich zu gewöhnen.“ Dann zog sie das Regal auf, streute Mehl auf die Arbeitsfläche und fing an, den Teig auszurollen.


2. Dezember: Die Kuscheltiere feiern Advent (K)

In den Wochen vor Weihnachten herrscht in den Kaufhäusern immer besonders geschäftiges Treiben. Eltern und Großeltern suchen Geschenke für die Kinder, Männer verzweifeln an den unausgesprochenen Wünschen der Frauen, und Kinder stehen staunend vor den Kuscheltier- und Spielzeugregalen. Doch was passiert eigentlich an den Wochenenden, wenn der Nachtdienst die Türen verschließt und endlich Ruhe einkehrt?

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Oskar nahm seine Trompete und schmetterte ein paar schiefe Töne. „Alle einmal hergehört!“ Töö-tö-tö-töö-töö-tööööö erklang noch einmal die Trompete. „Wir treffen uns in fünf Minuten am Versammlungsplatz vor den Rolltreppen.“ Oskar wiederholte das Trompetensignal und kletterte dann mühsam am Regal hinab. Der Abstieg fiel ihm in der letzten Zeit merklich schwerer. Es quietschte und knarrte bei immer mehr Bewegungen. Irgendwann würde er die Versammlungen vor seinem Regal abhalten müssen, dachte er. Aber solange er noch den Weg zurücklegen konnte, wollte er an der Tradition festhalten. Die Tradition, die er selber vor so vielen Jahren begründet hatte. Die Idee dazu hatte er schon kurz nach der Eröffnung des Kaufhauses gehabt. Als einziges der hier lebenden Spielzeuge hatte er die Feier miterlebt. Das feierliche Durchschneiden des Bandes vor dem Hauptportal, das schwungvolle Öffnen der Türflügel, die glänzenden Augen der Menschen. Er hatte alles aus nächster Nähe beobachten können. Karl hatte ihn im Arm gehabt, ihn, Oskar, sein Lieblingsspielzeug. Und als Karl der Chef des Kaufhauses wurde, hatte er Oskar oben auf ein Regal in der Spielzeugabteilung gestellt. Zusammen mit seiner Trommel, der Trompete, einem Köfferchen, seinem Hut, den übergroßen Schuhen und natürlich der Clownsnase. Seine Mechanik war ein wenig eingerostet. Aber es hatte ihn ohnehin schon seit vielen Jahren niemand mehr zum Trommeln und Tanzen gebracht. Stattdessen stand er tagaus, tagein auf seinem Beobachtungsposten und bewegte sich nur dann, wenn kein Mensch im Kaufhaus war. Und im ersten Winter hatte er seine Idee in die Tat umgesetzt und seitdem in jedem Jahr wiederholt.

So, noch das letzte Brett, dann stand er auf dem Fußboden und wackelte zur Rolltreppe. In den ganzen umliegenden Regalen verließen Elefanten, Krokodile, Affen, Schildkröten, aber auch Katzen, Hunde, Mäuse, Teddybären, Delfine, Puppen und Meerjungfrauen ihre zugedachten Plätze und marschierten, hüpften, sprangen oder glitten zum Treffpunkt. Die große Schlange hatte den Wasserbewohnern angeboten, sie zu tragen. Sie drohten, bei jeder Biegung von ihrem Transporttier hinunterzustürzen, kicherten und klammerten sich fest. Und doch kamen alle heil bei der Kundgebung an.

Oskar kletterte ein paar feststehende Rolltreppenstufen hinauf und drehte sich um. „Ich habe euch hier zusammengerufen“, Oskar räusperte sich und machte eine Pause, so wie er es oft bei Karls Vater erlebt hatte, „um euch daran zu erinnern, dass heute ein besonderer Tag ist. Heute ist - wie einigen von euch sicher schon aufgefallen ist - der Tag, auf den viele von euch schon sehnsüchtig warten: Der erste Advent.“

Oskar wartete, bis sich der Jubel gelegt hatte. Dann sprach er weiter. „Ich habe mitbekommen, dass es schon in den letzten Tagen Gesprächsthema war. Die Erfahrenen von euch kennen es noch aus dem letzten Jahr, auch wenn es - außer mir natürlich - nicht mehr viele gibt, die länger als ein Jahr hier verweilen. Die Zeit ist so schnelllebig geworden …“

Oskar schluckte den Kloß im Hals herunter, den er immer bekam, wenn er an früher dachte, an die Zeit, als er noch in Karls Kinderzimmer gelebt hatte. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Menge vor sich. Einige von ihnen blickten noch gespannt zu ihm empor, doch die meisten flüsterten und tuschelten aufgeregt miteinander. Oskar runzelte die Stirn und schlug auf seine Trommel. Erschrocken fuhren die Spielzeuge auseinander.

„Der erste Advent ist für uns das, was für die Menschen der Heilige Abend ist: Der große Festtag der Familie, unserer Spielzeug-Familie hier. Noch sind die meisten von uns vor Ort, aber Adventszeit bedeutet auch Trennung und das Finden neuer Familien. Und deshalb wollen wir feiern: Wir freuen uns, dass wir beisammen sind, nehmen Abschied und freuen uns auf neue Abenteuer. Und bevor ich es später vergesse: Passt auf euch auf! Vor allem ihr“, er wandte sich an die Pferdesammlungen und die Affenmamas mit Kind, „die ihr als Familie verkauft werdet. Achtet auf euch, damit ihr gemeinsam euer Abenteuer erreicht!

Jetzt aber zurück zu unserer Feier: Heute Nachmittag, mit Einbruch der Dunkelheit, beginnt unser Fest. Wir werden wieder hier feiern, hier im Bereich vor den Rolltreppen. Dort an der Regalecke“, Oskar deutete auf den Beginn des Spielzeugbereichs, „legen wir eine Decke auf den Boden, darauf kommt dann mein Koffer. Bären und Elefanten, könnt ihr das vorbereiten?“

Die Angesprochenen brummten und tröteten zustimmend.

„An das Regal hängen wir einen Türkranz. Puppen, könnt ihr den mit einem Auto und Anhänger transportieren?“

Die Puppen nickten und wollten schon losstürmen, wurden aber von Oskar zurückgehalten. „Wartet bitte ab, bis wir alles besprochen haben. Dann gibt es hinterher nicht so viel Chaos.“ Oskar fuhr sich mit der Hand über die Stirn und murmelte zu sich: „Das wird es unweigerlich sowieso geben. Niemand kann mehr zuhören, und mitgedacht wird ohnehin nicht …“

Laut fuhr Oskar fort: „Auf den Koffer stellen wir eine elektrische Kerze. Affen und Krokodile, sucht bitte ein schönes Exemplar aus. Ihr findet sie dort in der Dekoabteilung. Ihr könnt zusammen mit den Puppen gehen, später natürlich!

Dann kommen wir zu der übrigen Deko: Strohsterne, Christbaumanhänger, Lichterbögen und was es sonst noch so gibt. Barbies, das wäre doch eine gute Aufgabe für euch. Fragt die Giraffen, ob sie euch beim Aufhängen helfen.“

Die kleinen Puppen kicherten und drängelten sich zu den Giraffen, die huldvoll ihre langen Hälse beugten und die aufgeregten Mädchen begrüßten.

„Jetzt benötigen wir noch etwas zu essen. Getränke lassen wir weg. Wenn ich da an den Unfall vom vorletzten Jahr denke … Das war eine Sauerei. Beinahe hätten wir es bis zum nächsten Morgen nicht wieder trocken bekommen. Trotzdem hat der Boden noch entsetzlich geklebt. Und der Geruch ... Die arme Putzkraft musste sich ganz schön was anhören!“

Oskar schämte sich heute noch, wenn er an das Durcheinander dachte, das sie verursacht hatten. Es war eine ausgelassene Party geworden. Einer der Affen wollte ein Kunststück zeigen und war mit einem Doppelsalto vom Regal gesprungen. Leider war er auf dem Fuß eines Elefanten gelandet, der daraufhin zur Seite ausgewichen war und dabei die Karaffe umgeschüttet hatte. Die Limonade war bis unter die Regale gelaufen, und die Fußspuren waren in der gesamten Abteilung zu finden gewesen. Damals hatte er beschlossen: Nie wieder Getränke.

„Also, nur Kekse“, setzte Oskar seine Rede fort. „Hasen, bitte holt ein paar Tüten aus der Feinkostabteilung. Und für die musikalische Untermalung setzen wir die Spieldosen ein. Meerjungfrauen, bitte kümmert euch darum. Wenn ihr möchtet, könnt ihr auch wieder einen Chor gründen. Da habt ihr ja schon Erfahrung.“

„Au ja“, piepste eine rothaarige Meerjungfrau, „das machen wir. Freiwillige können sich bei mir melden!“

„Ihr habt es gehört. Freiwillige wenden sich bitte direkt an unsere Meerjungfrauen.“ Oskar überlegte und nickte sich dann selber bestätigend zu. „Damit hätten wir auch schon die Planung abgeschlossen. Jeder kennt seine Aufgabe?“ Oskar ließ seinen Blick durch die Reihen schweifen. „Dann wünsche ich uns allen viel Spaß bei der Vorbereitung und später ein schönes Fest!“

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Horst, der alte Nachtwächter, der zu einem zusätzlichen Sonntagsdienst eingeteilt worden war, öffnete die Tür zum nächsten Stockwerk des Kaufhauses. Wie immer am Wochenende, wenn die Fahrstühle und Rolltreppen abgestellt waren, musste er zu Fuß gehen. 29 anstrengende Stufen und ein Podest waren es pro Stockwerk, die er im Lichtkegel seiner Taschenlampe bewältigen musste. Erschöpft ließ er den schweren Schlüsselbund in seine Tasche gleiten und atmete durch. Erstaunt lauschte er. Das Treppensteigen musste ihm schwerer gefallen sein als sonst. Er hörte leise Weihnachtsmusik, dazu wurde gesungen. Kicherte da nicht auch jemand? Horst wischte sich über die Augen und ließ dabei die schwere Feuerschutztür los, die den Verkaufsraum vom Treppenhaus trennte. Sie fiel mit einem lauten Knall ins Schloss.

Horst horchte. Er musste sich getäuscht haben. Alles war still, kein Gesang, kein Kichern war mehr zu hören. Er ging ein paar Schritte, bis er den Bereich vor den Rolltreppen erreichte. Dort war ein weihnachtlicher Läufer ausgebreitet, auf dem ein Koffer lag. Darauf stand eine flackernde LED-Kerze inmitten von künstlichen Zweigen, Sternen, Wichteln und Skifahrern. Um die Kerze waren unglaublich viele Kuscheltiere und Spielsachen angeordnet. Es wirkte auf ihn wie ein weihnachtliches Schaufenster mitten im Kaufhaus. Hatte der Bär dort vorn nicht sogar einen angebissenen Keks in der Pfote?

Horst schüttelte den Kopf. Er musste den Chef informieren. Wer auch immer sich das überlegt hatte, mit ihm war es nicht abgesprochen. Es ging ja auch gar nicht. Die Sicherheit, wenn dort jemand stolperte … Horst zog sein Handy aus der Tasche, wählte eine Nummer und setzte seinen Rundgang durch die Gänge fort.

Sein Chef meldete sich am Telefon. „Horst, ich hoffe, es ist wichtig, wenn Sie mich schon am Sonntag stören! Meine Familie erwartet mich beim Adventsessen. Es gibt Raclette und hinterher die leckeren Kekse, die mein Schwiegervater mit den Kindern gebacken hat. Wir feiern doch immer am ersten Advent mit der Familie.“

„Das ist ein gutes Stichwort, Chef“, antwortete Horst. „Ich bin grad auf meiner Runde. Und wissen Sie, was ich da entdeckt habe?“

„Nein. Aber Sie werden es mir bestimmt gleich verraten.“

„Hier findet auch eine Adventsfeier statt. Also, es ist alles dafür aufgebaut, aber mit Kuscheltieren und mitten im Gang.“

Der Chef lachte dröhnend ins Telefon. „Sie wollen mir also sagen, die Kuscheltiere feiern Advent?!?“

„Genau, Chef. Warten Sie, ich schicke Ihnen gleich ein Foto.“

Horst beendete das Telefonat und ging um die Ecke. Vor ihm lag wieder der Platz bei den Rolltreppen. Er war frei. Kein Kuscheltier und kein Spielzeug stand mehr im Weg. Nur ein angebissener Keks lag noch herum.

Horst schüttelte den Kopf. Das war doch nicht möglich … Gerade hatte es noch so ausgesehen, als ob da im Gang eine Adventsfeier mit ganz vielen Kuscheltieren stattgefunden hätte. Und jetzt? Der Aufbau konnte sich doch nicht in Luft auflösen.

Horst sah sich um. Dort hinten hing ein Affe am Wandregal, mitten vor den anderen Fächern. Schwankte der nicht hin und her? Und der alte Clown mit der Trommel, der sonst immer auf dem obersten Brett stand, saß daneben und stützte sich auf einen Schlägel. Zwinkerte der ihm etwa zu? Das konnte nicht sein. Er, Horst, Nachtwächter aus Leidenschaft, war es doch gewohnt, nachts zu arbeiten. Da sah er doch nicht plötzlich Dinge, die es so nicht gab. Nicht geben konnte. Oder etwa doch?


2. Dezember: Weihnachtserdnüsse (J&E)

„… und deshalb haben sie sich überlegt, es dieses Mal digital stattfinden zu lassen. Ein Adventskalender für die ganze Familie, live im Internet. Na ja, nicht live, aber für jeden einzelnen ja irgendwie schon!“

Carolin rollte genervt mit den Augen, während das Lachen ihres Chefs dröhnend durch das Telefon klang. Eigentlich war er gar nicht wirklich ihr Chef. Sie war Freelancerin, arbeitete aber schon so lange für dieses Entwicklerbüro als Grafikerin, dass es sich fast so anfühlte, als würde sie fest dazugehören. Früher war sie auch mindestens einmal im Monat zu einer persönlichen Besprechung im Büro gewesen. Der direkte Kontakt war ihren Auftraggebern immer wichtig. Doch das schien wie aus einer anderen Welt zu sein. Inzwischen hatte sie ihr Büro ins Wohnzimmer verlegt. Auf dem Esstisch stand ihr Laptop mit dem großen Monitor, daneben stapelten sich Bleistiftskizzen. Den Couchtisch hatte ihre jüngere Tochter mit ihren Schulsachen in Beschlag genommen, genauso wie den umliegenden Boden, die Sofas und Stühle. Und um überhaupt zu den Tischen gelangen zu können, musste man Slalom laufen oder wie ein Storch stolzieren. Kneippen im Wohnzimmer. Und im Flur. Von den Kinderzimmern ganz zu schweigen … Carolin seufzte. Schön sah es nicht aus. Aber die Zeit …

„… einen ersten Entwurf bis Ende der Woche. Bekommst du das hin?“

Ups, er redete ja schon wieder. Es ging wohl um das Design der Türchen, so hoffte sie zumindest.

„Bis Ende der Woche ist ganz schön knapp. Da ist ja auch noch der CFI-Auftrag.“

„Mach dir darüber keine Gedanken“, unterbrach sie der Projektleiter. „Das kannst du schieben. Mit der Adventszeit lässt sich das aber nicht machen.“

Carolin seufzte. „Nein, leider nicht. Ich habe für unsere Adventskalender noch gar nichts.“

„Dann kannst du deinen Girlies ja den Link zu unserem Projekt geben. Adventskalenderproblem gelöst.“

„Ich glaube, dann hätte ich erst recht ein Problem!“ Carolin konnte sich die enttäuschten Gesichter ihrer Töchter lebhaft vorstellen, wenn sie ihnen als Adventskalender nur einen Link präsentieren würde. Aber mit dieser Baustelle würde sie sich ein anderes Mal beschäftigen.

„Doch zurück zu unserem Projekt“, unterbrach der Projektleiter ihre Gedanken. „Erster Entwurf bis Ende der Woche? Ist das gebongt? Und die fertige Abgabe dann eine Woche später. Ich erwarte also kein achtes Weltwunder. Einfach nur nette Bildchen, die auf einen Blick zusammen schön aussehen. Geeignet für die ganze Familie, also nicht zu kitschig, aber auch nicht zu verstaubt. Die Kinder sollen sich ja auch angesprochen fühlen. Du weißt ja: …“

„Verspielte Seriosität?“, ergänzte Carolin und grinste. Das hatte einmal ein Kunde gefordert und es hatte sich zum geflügelten Wort im Büro entwickelt. „Okay, wenn ich CFI erst einmal aufs Eis legen kann, dann schaffe ich das. Sind ja drei Tage bis Freitag. Das sollte reichen für einen ersten Entwurf. Schreibst du alles noch in den Projektordner?“

„Klar, lege ich dir ab. Und danke schon mal.“

„Danke dir!“, entgegnete Carolin automatisch und verabschiedete sich.

„Wer war das?“, fragte Leonora ihre Mama, als diese das Headset absetzte.

Carolin seufzte. Sie hatte schon so oft darum gebeten, in Ruhe telefonieren zu können. Das klappte inzwischen. Schließlich gingen beide Kinder ja auch schon in die Schule. Also theoretisch zumindest. Im Moment bedeutete es: Schule zu Hause. Aber dass das Gespräch noch nicht bei der Verabschiedung vorbei war, schien Leonora immer wieder zu vergessen. Hoffentlich hatte ihr Gesprächspartner es nicht gehört. Wobei, eigentlich wäre es nicht so schlimm. Zurzeit arbeitete ja fast jeder zu Hause. Wie oft waren da schon Kinder in die Videokonferenzen hineingeplatzt oder hatten auf dem Schoß der Kollegen gesessen, weil sie Kuschelzeit brauchten … Aber sie versuchte trotzdem noch, eine gewisse Arbeitsatmosphäre zu bewahren.

„Das war mein Arbeitskollege“, beantwortete Carolin die Frage ihrer Tochter. „Ich habe einen neuen Auftrag.“

„Oh cool, was denn?“

„Ich soll Bilder für die Türchen eines Adventskalenders gestalten.“

„Ooooooh!“ Leonora stand auf. Sie redete immer mit Händen und Füßen. „Kann ich nicht auch so was machen? Das wäre was für mich. Das wäre viel cooler als das blöde Mathe hier. Ich hab keinen Bock auf Schule. Wann bin ich denn fertig für heute?“ Sie trank einen Schluck Wasser. Dann streckte sie ihrer Mutter den Zeigefinger hin. „Weißt du, warum ich mir hier ein Pflaster drangemacht habe?“

„Nein.“ Abgelenkt schaute Carolin auf ihren Zeichenblock. Darauf waren bisher nur mehrere Kästchen zu sehen. Wie könnte sie sie wohl füllen?

„Das habe ich draufgemacht, damit ich nicht mehr dran knabbern kann. Das soll mein einziger langer Fingernagel werden.“ Leonora griff nach dem Holzstück aus der Dominokiste, das vor ihr auf dem Sofa lag. Sie tippte mit dem umwickelten Finger darauf. „Klingt schön. Ganz anders als mit den anderen Fingern. Mama, hörst du das?“ Sie ging zu ihrer Mutter hinüber. „Hier, klingt viel heller, hörst du?“

„Hmmm …“

Leonora sah auf den Tisch. „Du könntest doch Engel malen. Einer könnte trommeln. Oder Blockflöte spielen.“ Sie drehte den Dominostein, den sie für ihre Matheaufgaben als Beispiel für einen Quader herausgeholt hatte, tippte darauf und tat so, als würde sie hineinblasen. „Das ist doch fast ‘ne Blockflöte, oder?“ Sie legte den Stein weg, ging zum Schrank und griff nach ihrer alten Plastikblockflöte. „Ist doch fast genauso.“ Sie spielte ein paar Töne. „Das geht aber schlecht mit dem Pflaster. Man trifft ja gar nicht …“ Prompt wanderte die Flöte neben den Quader auf den Tisch. „Was hattest du denn gedacht?“

„Was?“ Carolin tauchte aus ihren Gedanken auf. „Ach so. Na ja … Engel sind irgendwie so normal. Ich würde gern irgendwas Witziges haben. Vielleicht ein Tier oder so. Und die Zahl muss auch immer noch dabei sein.“

„Nimm doch einen Pinguin! Pinguine sind immer süß. Und es gibt immer weniger.“

„Weil die Eisbären so viele auffuttern?“, vermutete Carolin und grinste.

„Nein, Mama! Das geht überhaupt nicht! Aber das weißt du doch! Guck mal!“ Leonora holte sich den Ball vom Sofa, der bei ihrer Matheaufgabe die Kugel verkörpert hatte. „Guck mal: Da oben leben die Eisbären. Da, am Nordpol. Und da unten“, sie drehte ihren imaginären Globus, „da leben die Pinguine. Die KÖNNEN sich also gar nicht begegnen!“

Carolin grinste.

„… denn das ist der Südpol. Da sind die Pinguine. Und da oben am Nordpol sind die Eisbären. Und der Weihnachtsmann. Dann würden ja eigentlich Eisbären besser passen. Aber die sind nicht so süß. Außer die Kleinen. Kleine Eisbären sind auch süß. So wie die, die auf meinem Koffer sind. Aber wenn die groß werden … Grrrr …“

„Deshalb machst du lieber weiter mit deinen Quadern, Kugeln und Würfeln, und ich versuche mal ein paar Pinguine.“

„Muss das sein?“

„Ich dachte, du findest die süß“, wunderte sich Carolin.

„Nein, ich meinte Schule. Ich hab heute doch schon so viel gemacht!“

„Du hast grad erst angefangen! Und dann kam mein Telefonat, und dabei hast du fast gar nichts mehr gemacht! Guck, mit Mathe bist du doch fast fertig. Nur noch die Körper aufmalen. Dann hast du es geschafft. Und bei Deutsch war es doch auch nur noch das Buchstabenpuzzle!“

„Hmmmm …“ Grummelnd ging Leonora wieder zurück zu ihrem Arbeitsplatz am Couchtisch. In ihrem Zimmer konnte sie sich nicht motivieren. Daher hatte Carolin sie irgendwann ins Wohnzimmer geholt. Und Leonora hatte nichts dagegen gehabt. Bei Mama war es viel schöner. Und man hatte immer jemanden zum Quatschen, sehr zu Carolins Leidwesen, die Mühe hatte, sich zumindest zeitweise zu konzentrieren.

Sie malte jetzt einen Pinguin, der ein Schild in der Hand hielt. Ja, das könnte gehen. Vielleicht noch mit Mütze und Schal? Oder doch lieber ein Rentier? Oder einen Weihnachtsmann mit Sack? Oder Schlitten? Alles nett. Aber irgendwie fehlte das gewisse Etwas.

Da ploppte eine Nachricht auf. Carolin wechselte in den Chat. Der Projektleiter hatte geschrieben. „Kurze Korrektur: Der Entwickler braucht doch morgen schon ein erstes Beispiel für ein Layout. Er braucht was, womit er arbeiten kann. Schickst Du dann einen ersten Entwurf? Der muss auch noch nicht final sein.“

Carolin lachte hektisch auf. Morgen! Wann sollte sie das denn machen? Ihr blieben eigentlich nur die Abende, um wirklich konzentriert arbeiten zu können. Am Vormittag war Schule angesagt, das hieß, sie musste Leonora dazu bringen, die Arbeitsblätter zu bearbeiten. Eigentlich war ihre Tochter gut in der Schule, sehr gut sogar. Wenn sie einmal anfing, ging es schnell. Das Problem war eher die fehlende Motivation, überhaupt erst einmal anzufangen ... Ihre große Tochter arbeitete allein in ihrem Zimmer und kam nur ab und zu mit einer Frage heraus. Sie erarbeitete sich fast alles eigenständig, auch neue Themen.

Carolin starrte auf die Wand ihr gegenüber. Wie mochte es erst den Familien ergehen, deren Kinder ohnehin schon Probleme in der Schule hatten? Wie sollte das mit der eigenen Arbeit kombiniert werden können? Carolin raufte sich die Haare. Auch wenn sie es scheinbar gut getroffen hatte, löste es trotzdem nicht ihr Problem, bis morgen eine Idee nicht nur entwickelt, sondern dann auch noch umgesetzt haben zu müssen.

Verzweifelt schmierte sie noch einen Pinguin auf das Blatt. Leonora kam zu ihr.

„Was ist denn Mami? Hast du schon was?“

„Na ja, nicht wirklich …“

Leonora sah auf die Skizzen und kicherte. „Das da ist toll!“ Sie zeigte auf den letzten Entwurf. „Eine Erdnuss mit Weihnachtsmannmütze!“

Carolin musste widerwillig lachen. Leonora hatte recht. Der Pinguin sah wirklich eher aus wie eine Weihnachtserdnuss. Aber … Sie überlegte. Ja, warum eigentlich nicht. Das könnte was werden. Weihnachtserdnüsse, Weihnachtsorangen, Weihnachtsäpfel, Weihnachtszapfen. Und immer mit der Zahl drauf oder dabei. „Ich glaube, das probiere ich mal!“

„Die Pinguine?“ Leonora schmiegte sich an sie und zeigte auf die ersten Entwürfe.

„Nein!“ Carolin grinste. „Weihnachtserdnüsse.“


3. Dezember: Die Wichteltür (K)

„Papa, Papa, wir haben jetzt einen Adventskalender! Und wir durften helfen! Anna und Emil haben ihn getragen, und ich hab ihn aufgehängt! Das ist soooooo aufregend!“ Paul hüpfte vor seinem Vater auf und ab und zog ihn zu seinem Kita-Raum. „Komm mit, ich zeig`s dir!“

Voller Stolz präsentierte er die bunten Päckchen. Sie hingen an einer Schnur, die über die gesamte Breite einer Wand gespannt war.

„Und nächste Woche dürfen wir dann das erste Geschenk aufmachen!“

„Das passt übrigens hervorragend“, merkte sein Vater an, als Paul später in seinen Schneeanzug schlüpfte. „Zu Hause wartet nämlich auch eine Überraschung auf dich!“

„Echt?“ Paul zog den Reißverschluss zu, stand auf und nahm seine Stiefel in die Hand. „Was denn für eine?“

Sein Vater lachte. „Dann wäre es ja keine Überraschung mehr. Hier, vergiss deinen Schal nicht!“

Gemeinsam verabschiedeten sie sich von den Erziehern und gingen zur Tür. Paul zog die Stiefel an, sein Vater setzte ihm noch die Mütze auf den Kopf, und dann machten sie sich auf den Weg nach Hause.

Paul hüpfte an der Hand seines Vaters und überlegte unentwegt, welche Überraschung es denn sein könnte.

„Oma und Opa haben mir ein Paket geschickt mit gaaaaaaaanz vielen Süßigkeiten. Oder war der Nikolaus heute schon da? Nein, Mama hat Plätzchen gebacken, und ich darf verzieren? Oder bekomme ich heute schon ein Geschenk vom Adventskalender?“

Sein Vater lächelte und schloss die Haustür auf. Paul stürmte hinein, kickte die Stiefel weg und blieb staunend stehen.

„Oh, was ist das denn?“ Paul zeigte auf eine winzige Tür an der gegenüberliegenden Wand, direkt oberhalb der Fußleiste. Auf dem Fußboden standen ein Mini-Tannenbaum und eine dazu passende Bank. Eine kleine Leiter führte zu der Tür, an der ein geflochtener Kranz befestigt war. Neben der Treppe lag ein Köfferchen, und darauf befand sich ein gefalteter Zettel. „Paul“ stand in Großbuchstaben darauf. Das konnte er schon lesen.

„Ein Brief für mich?“

Sein Vater nickte. „Ja, das sieht so aus.“

Paul nahm die Nachricht und gab sie seinem Vater. „Liest du es mir vor?“

Sie setzten sich gemeinsam auf die große Truhe im Flur, beide noch in voller Wintermontur. Dann faltete Pauls Vater den Zettel auseinander und begann zu lesen.

Lieber Paul!

Ich freue mich, dass ich in dieser Adventszeit bei Euch wohnen darf. Auf den ersten Blick sieht Euer Zuhause sehr gemütlich aus, mit vielen bunten Sternen an den Fenstern. Hast Du sie selber gebastelt? Alle sehen anders aus, und das gefällt mir.

Du fragst Dich wahrscheinlich, wer ich bin. Ich bin ein Weihnachtswichtel. Nachts, wenn Du schläfst und von Deinen Weihnachtswünschen träumst, bin ich unterwegs und helfe dem Weihnachtsmann. Auch Euer Haus bereite ich auf die großen Festtage vor. Doch Du wirst mich dabei nicht entdecken, nur vielleicht hinterher das eine oder andere, das ich gemacht habe. Aber das gehört zu Weihnachten ja mit dazu. Was wäre die Adventszeit ohne ein paar Weihnachtsheimlichkeiten?

Ich wünsche Dir eine wunderschöne Adventszeit mit vielen kleinen Überraschungen!

Dein Weihnachtswichtel

Paul sprang auf und klatschte in die Hände. „Oh, das ist toll! Wir haben einen Weihnachtswichtel im Haus!“ Dann überlegte er und schaute sich das Köfferchen noch einmal an, auf dem ein Postsymbol aufgemalt war.

„Papa, weißt du was? Ich male dem Weihnachtswichtel ein Willkommensbild. Damit er sich auch wohlfühlt bei uns. Ich fange gleich an.“

„Das ist eine gute Idee“, bestätigte sein Vater. Dann hielt er seinen Sohn doch noch einmal zurück, der schon auf dem Weg in sein Zimmer war. „Zieh aber vorher noch deinen Schneeanzug aus. Sonst schmilzt du ja wie ein Schneemann in der Badewanne!“


3. Dezember: #NachrichtamBaum (J&E)

So sah es hier jetzt also aus …

Dominik bog in die Fußgängerzone ein und blieb erstaunt stehen. Eigentlich war es nur eine einzige lange Straße, die den Kern seines kleinen Ortes bildete. Hier fand man alles, was man zum Leben brauchte. Mehrere Bäcker, eine Drogerie, einen Buchladen, einen Zeitungskiosk, einen Getränkemarkt, Schuh- und Bekleidungsläden, Friseure, Cafés, Restaurants, Schnellimbisse, Sparkasse und Post. Selbst ein Eiscafé war vor ein paar Jahren dazugekommen, das allerdings jetzt im Winter geschlossen war. Nur die Lebensmittelläden hatten sich inzwischen am viel befahrenen Ring angesiedelt, der wie eine neuzeitliche Stadtmauer den Ortskern begrenzte.

Von einer Seite der Fußgängerzone zur anderen waren Lichterketten gespannt, mal mit Rentieren und Sternen, mal in der Form von Weihnachtskränzen, und leuchteten in der beginnenden Dämmerung. Natürlich, die Adventszeit hatte inzwischen schon angefangen. Er war lange nicht mehr draußen gewesen. Ihm wurde jetzt erst bewusst, wie viel Zeit vergangen war, wie sehr sich alles verändert hatte. Auch die paar Holzbuden mit Glühwein, gebrannten Mandeln, Crêpes und Bratwürsten standen schon auf dem Platz vor der Kirche, deren Turmspitze an der nächsten Querstraße die Häuser überragte. Zu einem richtigen Weihnachtsmarkt hatte es bei ihnen im Ort nie gereicht. Aber ein bisschen Adventsstimmung konnte so auch aufkommen.

Wobei, wohl nicht bei allen. Ein Mann mit Aktenkoffer hetzte an ihm vorbei. Ein anderer trat dort vorne aus einer Haustür und balancierte drei Pakete auf dem Arm, während er versuchte, mit der anderen Hand den Schlüssel in das Schloss zu stecken, um die Tür von außen abzuschließen. Aus der Ferne war ein Presslufthammer zu hören, dazu das Quietschen eines einfahrenden Zuges.

Geräusche, so viele, so laut. Dominik schüttelte den Kopf. Er war wohl doch noch nicht ganz über den Berg. Drei Wochen lang hatte er die Wohnung nicht verlassen. Er war allein gewesen, die ganze Zeit. Niemand hatte ihn besuchen können. Die Ansteckungsgefahr wäre zu groß gewesen. Er hatte sich wohl an die Ruhe gewöhnt.

Alles wirkte so schnell, so laut, wie im Zeitraffer mit Klangverstärkung. Das Klacken der Schuhe auf dem Pflaster, ein Stein, der, von einer Fußspitze getroffen, wegsprang, ein bellender Hund, dazu Musik aus einem Wohnhaus. War er der einzige, dem das auffiel? Wobei, früher hatte er es ja auch nicht bemerkt, hatte kaum darauf geachtet, was um ihn herum geschah. Meist war er in Gedanken bei der Arbeit oder im Gespräch mit Freunden vertieft. Oder er hatte Musik gehört. Stimmt. Wo waren eigentlich seine Kopfhörer?

Wie oft war er wie der Mann mit Aktenkoffer hier durch die Straße gehetzt, weil er wieder mal in letzter Minute das Haus verlassen hatte? Wie oft war er noch seine Notizen im Kopf durchgegangen? Ohne einen Blick für seine Umgebung? Und wie lange hatte er sich nichts dabei gedacht?

Er sah zur Seite. Dort stand ein Baum. Was war es? Eine Eiche? Eine Kastanie? Eine Buche? Jetzt, ohne Blätter, hatte er keine Chance, es zu erkennen. Schon im Sommer tat er sich schwer damit, Bäume richtig zu benennen. Im Winter waren es für ihn nur halbtote Gerippe, die ihre Arme anklagend in die Luft streckten.

Da hing doch etwas am Baum! Kein Blatt, aber es schwankte trotzdem leicht im Wind. Neugierig ging er näher. Warum hing denn eine leere Tüte am Baum? Super soft, dreilagig, las er. Den oberen Teil konnte er nicht erkennen, da dieser mit einer Schnur zusammengebunden war, mit der die Folie an einem Zweig hing.

Er nahm das merkwürdige Objekt in die Hand und schaute es sich genauer an. Ganz leer war es doch nicht. In der Toilettenpapierverpackung war ein Zettel, oder eher eine Karte. Sie war beschriftet, handschriftlich, so sauber und ordentlich, wie er es nie schaffen würde, selbst wenn er sich ganz viel Zeit dafür nehmen würde. Er zog die Folie glatt, um die Nachricht lesen zu können.

Mach weiter!

Alles normal!

WAS IST NORMAL???

Die Karte hatte ein Loch oben links in der Ecke. Wofür war das gedacht? Und wer hatte die Karte in die Tüte gepackt und an den Baum gehängt?

Vorsichtig löste Dominik den Knoten, mit dem die Verpackung an einem Ast befestigt worden war, nahm die Folie mit der innen liegenden Karte in die Hand und ging weiter. Es war eigentlich nichts Besonderes, und doch hatte es seine Aufmerksamkeit geweckt.

Zu Hause legte Dominik sein Mitbringsel auf den Tisch, holte die Karte aus der Folie und wusch sich danach erst einmal gründlich die Hände. Die Karte war aus fester Pappe, weiß, ohne einen Aufdruck. Er drehte sie um. Die Rückseite war leer. Nur ein Teil eines Schuhabdrucks war darauf zu sehen. Und auf der Vorderseite gab es die drei handschriftlichen Sätze, die er vorher schon durch die Folie hatte entziffern können.

Was hatte er da gefunden? Hatte die Nachricht an einer Schnur gehangen? Vielleicht befestigt an einem Luftballon? Aber für wen war sie gedacht? Und warum erwartete der Absender keine Antwort?

Was faszinierte ihn so daran? Dominik konnte es nicht sagen. Er ging zum Sofa, nahm sein Handy aus der Tasche, machte ein Foto von der Karte und postete es. #NachrichtamBaum

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Dominik blinzelte. Er musste wohl eingeschlafen sein. Draußen war es bereits dunkel. Dass ihn ein kleiner Spaziergang immer noch so anstrengte … Früher war er sportlich gewesen, war gern und regelmäßig gejoggt. Wann würde er dafür wieder die Kraft finden?

Er griff nach seinem Handy, um nach der Uhrzeit zu schauen. Sein Sperrbildschirm war gefüllt von Nachrichten:

Du wurdest in einer Nachricht markiert.

Dein Beitrag wurde geteilt.

Du wurdest in einem Beitrag erwähnt.

Du wurdest in einem Kommentar erwähnt.

Du hast 423 neue „Gefällt mir“-Angaben.

423 „Gefällt-mir“-Angaben??? Wie lange hatte er geschlafen?

Er öffnete seinen Account. Sein letzter Post war geteilt, kommentiert und mit ganz vielen Herzen versehen worden. Innerhalb von nur etwas mehr als einer Stunde. Und dort: Ein weiteres Bild eines anderen Users, ebenfalls mit seinem Hashtag #NachrichtamBaum. Auch dort war eine weiße Karte zu sehen, ebenfalls beschriftet:

Wieder frei. Endlich. Oder zu früh?

Weg und doch noch da …

WAS IST RICHTIG???

Dominik nahm seine Karte in die Hand und verglich sie mit dem Foto. Es schien die gleiche Handschrift zu sein. Sollte die #NachrichtamBaum etwa von der gleichen Person stammen? Gab es vielleicht noch mehr Nachrichten?

Ja, ganz offensichtlich, denn gerade vermeldete sein Handy den Eingang einer weiteren Nachricht. Es war wieder ein Foto einer weißen Karte, wieder mit einem Loch oben links in der Ecke und wieder mit einem handschriftlichen Eintrag, der dieses Mal allerdings nur aus zwei Zeilen bestand:

So viele und doch allein!

WAS STIMMT NICHT MIT MIR???

Worauf war er da gestoßen? An wen waren die Nachrichten gerichtet? Und von wem stammten sie?

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Jetzt hatte sich sogar ein Reporter des ortsansässigen Käseblattes bei ihm gemeldet und um ein Gespräch gebeten. Dominik sah zu dem leeren Stuhl hinüber, auf dem sein Interviewer noch vor kurzem gesessen hatte. Was hatte er alles wissen wollen!

Ob er die Person kannte oder zumindest eine Vermutung hätte, wer es sei. – Nein, leider nicht.

Ob es ein großer Fake sei, eine Promotion irgendeines Produkts. – Wofür denn???

Ob es ein Hilfeschrei sei. – Könnte sein.

Ob er die Person jemals finden würde. – Wenn er das mal wüsste …

Schließlich war der Reporter mitsamt seinem Diktiergerät wieder verschwunden und hatte ihn allein in der Bäckerei zurückgelassen. Er hatte enttäuscht gewirkt, als hätte er sich mehr von dem Interview versprochen. Eine Liebesgeschichte. Oder eine Story über Helden des Alltags. Doch das konnte Dominik ihm nicht liefern. Oder hätte er sich etwas ausdenken sollen?

Er schüttelte den Kopf und trank den letzten Schluck seines inzwischen kalt gewordenen Kaffees, schob den Stuhl zurück, schlüpfte in seine Jacke und wickelte sich den Schal um den Hals. In der Tür nickte er seinem Freund Matthias, dem die Bäckerei mit kleiner Caféecke gehörte, zum Abschied zu.

Vor der Tür blieb er stehen. Er könnte ja noch einmal beim Baum vorbeischauen. An der Kastanie, die auf dem Hof der Bäckerei stand, hing ein Briefkasten, den er mit Matthias zusammen angebracht hatte. Matthias hatte die Idee gehabt, als #NachrichtamBaum immer beliebter geworden war. Seitdem waren viele Zettel mit Fragen, Anregungen, Nöten, aber auch guten Zusprüchen in dem Kasten gelandet, der für jedermann zugänglich war, zum Einwerfen aber auch zum Beantworten. Völlig fremde Menschen sprachen sich Mut zu, fanden einen Ansprechpartner oder hatten einfach nur das Gefühl, dass ihre Sorgen Gehör fanden. Es war aber keineswegs so, dass nur traurige Botschaften geteilt wurden. Dominik lächelte, als er an den Bericht eines Vaters dachte, der von der Freude seines kleinen Kindes berichtete, als dieses zum ersten Mal Schnee gesehen hatte. Kein Thema, das noch nicht vorgekommen wäre. Hier in dem Kasten ihrer kleinen Stadt, aber auch weiterhin online unter #NachrichtamBaum. Sein Hashtag hatte sich zum Austausch der eigenen Gedanken entwickelt.

Dominik griff nach dem Schloss und zuckte zurück. Das Metall war ja noch kälter als beim letzten Mal. Und bewegen ließ sich der Verschluss auch nicht. Seufzend hauchte er dagegen, probierte, hauchte weiter. Wie oft hatte er früher, als er noch regelmäßig Fahrrad gefahren war, sein Schloss genauso behandeln müssen, damit sich der Schlüssel wieder ins Schloss stecken ließ? Und hier war noch nicht einmal ein Schlüssel notwendig. Schließlich sollte es die Möglichkeit des Austausches für alle geben. Matthias hatte wegen der Romantik ein altes Kofferschloss daran befestigt.

„Ist doch schöner als nur ein Haken, damit die Tür nicht vom Wind aufgeht“, hatte er gesagt. Jetzt ging sie gar nicht auf. Auch nicht besonders romantisch. Zum Glück gab es wenigstens den Briefschlitz oben, wie bei einem normalen Briefkasten.

Dominik hauchte weiter. Endlich sprang das Schloss auf. Er öffnete die Tür und zog einen Haufen heraus: Karten, zusammengefaltete Zettel und einen gelben Briefumschlag. Dominik sah darauf und sog die Luft ein. Das war die Schrift. Die Schrift der ersten Karte. Für Dominik - #NachrichtamBaum stand darauf.

Würde er endlich Antworten bekommen? Er stieß die Luft aus und wog den Brief in der Hand. Er fühlte sich schwer an. Würde er endlich erfahren, wer der Absender der Karten war?

Er hatte sich immer eine Frau vorgestellt, die mit großen traurigen Augen an einem Schreibtisch am Fenster saß, allein in einer Dachwohnung vielleicht. Der beim Schreiben immer wieder eine Haarsträhne ins Gesicht fiel, die sie sich zurückstrich, um dann bewusst und langsam weiterzuschreiben.

Dieser Kontrast aus verzweifelten Fragen und der unglaublich ordentlichen Schrift hatte ihn seit Beginn fasziniert. Sollte er jetzt endlich erfahren, ob die Wirklichkeit mit seiner Fantasie übereinstimmte? Wollte er es überhaupt wissen?

Doch, definitiv. Aber nicht hier. Er würde sich Zeit nehmen, so wie der Schreiber sich Zeit ließ für das Beschriften der Karten. Er würde den Brief lesen. Irgendwann. In Ruhe. Was wohl darinnen stand?


4. Dezember: Barbarazweige (K)

„Ich hab` noch einen Zapfen gefunden! Und noch einen!“ Merle trug ihre Schätze zu ihrer Mutter.

„Oh, die Kiefernzapfen sind aber gut geeignet!“, stellte Mama begeistert fest. „Siehst du, die sind so schön offen.“

„Da kann ich ganz viele Pompons reinkleben. Noch viel mehr als neulich in der Kita.“

„Genau“, lächelte Mama. „Und guck mal, was ich grad entdeckt habe!“ Mama holte mehrere große Eicheln mit Hut aus ihrem Korb. „Darauf könntest du Gesichter malen, und wir könnten noch einen Bart ankleben.“

„Ja, das mache ich! Unser Weihnachtsbaum wird toll aussehen!“, strahlte Merle und gab ihrer Mutter die Zapfen. Im nächsten Moment sprang sie schon wieder ins Unterholz davon.

Mama bückte sich und legte die gesammelten Schätze in den Korb. Dabei verhakte sie sich mit der Mütze in einem Baum. „Mist, ich hänge fest“, seufzte sie.

Merle drehte sich um und rannte zurück. „Warte, ich helfe dir!“ Sie half Mama, ihren Kopf von der Mütze zu befreien, so dass sie sich wieder aufrichten konnte. Die Mütze baumelte weiter am Zweig.

„Mütze am Stiel“, lachte Merle. „Sieht lustig aus.“

Mama stimmte mit ein. „Da hast du recht.“ Sie rieb sich die Ohren. „Aber auf Dauer könnte es etwas kalt werden.“ Es hatte noch nicht geschneit, kalt genug wäre es allerdings dafür.

Vorsichtig versuchte Mama, die Mütze von dem Ast zu lösen. Dabei brach der Zweig ab. Nachdenklich blickte sie auf die beiden Gegenstände in ihrer Hand.

„Das erinnert mich an etwas, das wir als Kinder gemacht haben.“

„Echt? Bitte erzähl, bitte!“

Merle kuschelte sich an Mamas Bein. Mama sah sich um, ging zu einem großen Baumstumpf und setzte sich. Merle kletterte auf ihren Schoß.

„Als ich ein Kind war, bin ich mit deiner Oma und Tante Theresa immer am 4. Dezember in den Garten gegangen. Wir haben eine Gartenschere mitgenommen und haben ein paar Zweige vom Kirschbaum abgeschnitten. Über Nacht haben wir die Zweige manchmal zuerst noch einmal den Tiefkühler gelegt, wenn es vorher noch nicht gefroren hatte.“

Merle lachte. „Zweige im Tiefkühler! Das klingt lustig!“

„Das wäre mal eine ganz neue Eissorte: Rindengeschmack!“, lachte Mama. Dann wurde sie wieder ernst und wanderte in Gedanken in die Vergangenheit zurück. „Am nächsten Tag haben wir dann die Enden weichgeklopft und die Zweige in warmes Wasser gelegt. Sie sollten denken, es wäre schon Frühling. Dann haben wir sie in eine Vase gestellt. Wenn wir Glück hatten, haben sie an Weihnachten geblüht.“

„Oh, das sah bestimmt toll aus!“

„Ja, das tat es!“, nickte Mama. „Es ist ein Zeichen der Hoffnung. Mitten im Winter blühen Zweige. Es gibt dazu übrigens auch eine Geschichte von dem Mädchen Barbara, das in einen Turm eingesperrt wird. Auf dem Weg dorthin bleibt Barbara an einem Zweig hängen. Sie nimmt ihn mit, und er beginnt, in ihrem Turm zu blühen“, erinnert sich Mama. „Und deshalb nennt man die Zweige auch Barbarazweige. Das ist eine ganz alte Geschichte.“

„So alt wie die Bücher in deinem Koffer von früher?“, fragte Merle.

Mama schüttelte den Kopf. „Noch viel, viel älter. Aber wir haben damals noch etwas anderes gemacht.“

„Was denn?“ Merle kuschelte sich an ihre Mutter und schaute sie von unten aufmerksam an.

„Als Theresa und ich älter waren, hatte jede von uns ihren eigenen Strauß mit Zweigen. Daran haben wir Zettel mit Namen befestigt.“

„Was waren denn das für Namen?“

Mama lächelte. „Das waren die Namen von Jungs, die wir gut fanden. Und der Junge, dessen Zweig als erstes blühte, der hatte gewonnen.“

„War Papa auch mit dabei?“

„Nein“, sagte Mama wehmütig. „Papa habe ich erst viel später kennengelernt. Bei ihm brauchte ich keine Entscheidungshilfe.“

„Weißt du was?“ Merle nahm Mamas Hände und zog sie vor ihren Bauch. „Wir können das doch dieses Jahr wieder machen. Einen Zweig haben wir ja schon.“

„Das ist eine gute Idee“, stimmte Mama zu. „Wir können hier noch einen zweiten Birkenzweig nehmen. Und von unserem Apfelbaum können wir auch noch ein paar Zweige abschneiden.“

„Und dann hängen wir Zettel daran“, bestimmte Merle. „Dann sind wir vielleicht bald nicht mehr allein, und du musst nicht mehr so traurig sein.“

Mama lächelte und küsste ihre Tochter auf die Wange. „Du suchst die Zweige aus. Ein bisschen Hoffnung können wir immer gebrauchen.“


4. Dezember: Am Laternenpfahl (J&E)

Mir ist kalt. Schon seit einiger Zeit spüre ich meine Pfoten kaum noch. Ich habe sie abgeleckt, aber trotzdem haben sie nur leicht gekribbelt. Es wäre besser, wenn ich weiterhin stehen würde, doch ich habe keine Kraft mehr. Deshalb liege ich jetzt hier.

Ein Napf mit Futter steht neben mir. Doch wie könnte ich jetzt essen? Mein Brustkorb fühlt sich eng an, und mein Herz tut weh. An der Stelle, an der mein Halsband ist, brennt es. Ich habe versucht, mich loszureißen, aber das Halsband sitzt zu fest und die Leine ist neu. Und doch habe ich es immer und immer wieder versucht. Ich muss ihnen doch folgen. Es ist doch meine Familie.

Meine Decke riecht noch nach Madita. Ich konnte mich von ihr nicht verabschieden. Sie hat gleichmäßig geatmet, als wir angehalten haben und man mich aus dem Auto gehoben hat. Ich dachte, dass ich mich noch einmal erleichtern soll. Es war schließlich ein besonderer Tag. Die ganze Zeit über haben sie zu Hause Dinge hin- und hergetragen und in Koffer gepackt, Madita hat ihre Spielsachen genommen, und für mich hat sie die Decke bereitgelegt. Aber ich konnte mich nicht hinlegen. Ich hatte Angst, etwas zu verpassen. Immer wieder saß ich im Weg, bekam Tritte ab und wurde angemeckert. Trotzdem bin ich nicht von meinem Platz im Flur verschwunden. Es lag etwas Besonderes in der Luft …

Doch nach meinem kurzen Spaziergang hier sind wir nicht zum Auto zurückgegangen. Ich schnupperte noch an einem Laternenpfahl, als plötzlich meine Decke neben mir lag und Herrchen zwei Näpfe hinstellte. Er strich mir noch einmal kurz über den Kopf. Dann war ich allein und musste mit ansehen, wie das Auto losfuhr. Ohne mich. Meine Familie war weg.

Madita, du fehlst mir. Du hast mich zum Geburtstag bekommen. Ich sei dein schönstes Geschenk, hast du gesagt. Doch schon nach kurzer Zeit war ich nicht mehr so interessant, und du hast mich kaum noch beachtet. Trotzdem habe ich dich lieb und freue mich, wenn du aus der Schule kommst. Ich erkenne deine Schritte aus allen anderen im Treppenhaus heraus. Wenn sich die Aufzugtüren öffnen, springst du immer mit einem kleinen Hüpfer in den Flur und brauchst dann sieben Schritte bis zu unserer Wohnung. Bis dahin habe ich mich längst geschüttelt und schnaube unter der Tür durch.

Dann warst du mit einem Mal zu Hause und bist nicht mehr morgens zur Schule aufgebrochen. Überall waren Heimlichkeiten. Es lagen Dinge herum, die sonst nicht dort liegen. Und dann habt ihr plötzlich einen Baum ins Wohnzimmer getragen. Am nächsten Tag habt ihr alle zusammen davorgesessen und Geschenke ausgepackt. Mich hast du nur ein Mal kurz gestreichelt. Ansonsten hast du mich nicht beachtet. Anderes war viel interessanter.

Ich habe die Sätze gehört, aber ich habe sie nicht verstanden. „Was machen wir mit Theo? Onkel Dieter will ihn nicht, und Tante Bettina ist selber weg. Mitbringen dürfen wir ihn auch nicht.“ Was sollte das bedeuten?

Die Autos sausen in der Ferne vorbei. Es ist keine große Masse mehr. Inzwischen kann man sie einzeln hören. Dort hinten fahren sie langsamer und halten auch bei dem hell erleuchteten Haus an. Doch wenn sie später an mir vorbeifahren, sind sie fast schon wieder so schnell wie dort in der Ferne. Kein Auto bremst bei mir. Und nie ist das Motorengeräusch dabei, auf das ich warte.

Da wird ein Auto langsamer. Ist das vielleicht …? Nein, doch nicht. Es fehlt etwas. So ein Stottern … Trotzdem bleibt das Auto stehen. Die Lampen leuchten zu mir herüber. Ich muss die Augen schließen.

Eine Autotür wird geöffnet, jemand steigt aus und nähert sich mit leichten, schnellen Schritten. Es scheint eine Frau zu sein. Sie riecht fürsorglich, aber auch traurig und erschrocken. Ihre Stimme klingt nett, warm, freundlich. Sie spricht mit mir. Ich blinzele. Würde es sich lohnen, die Augen zu öffnen?


5. Dezember: Flip und Flop in der Nikolausnacht (K)

„Ich bin ja wirklich mal gespannt, was uns erwartet.“

Flip reckte sich und versuchte, im Halbdunkel etwas zu erkennen. „Hey, wie kannst du denn jetzt schlafen?“ Vorwurfsvoll sah er zu seinem Bruder, der schon wieder leise schnarchte, und stupste ihn an.

„Was hast du gesagt?“ Flop sah sich verwirrt um. „Was ist los? Wo …? Warum …?“

Flip lachte. „Du kannst wirklich überall schlafen. Sogar beim Reden.“

„Beim Reden?“, wiederholte Flop verständnislos.

Flip grinste. „Na ja, mir scheint, dein Kopf schläft immer noch, auch wenn du redest.“ Er sah sich erneut um und ergänzte: „Zu Wo? kann ich dir sagen: Wir sind im Wohnzimmer. Warum? Tja, wenn ich das mal wüsste. Ich habe gestern Abend nur gehört, dass Milo irgendwas von Überraschung und Stiefeln und Geschenken erzählt hat.“

„Aber wir sind doch keine Stiefel“, wunderte sich Flop. „Und außerdem gehören wir doch Franzi. Weiß sie überhaupt, dass wir hier sind?“

„Ja, da kann ich dich beruhigen. Milo hat sie gefragt.“ Flip kicherte. „Allerdings erst, nachdem er uns aus dem Schrank geholt und hierhin gestellt hatte.“

„Das passt zu ihm.“ Flop gähnte und schüttelte sich. „Mir ist kalt. Und ich bin müde. Sooooo müde …“

„Na das ist doch nichts Neues“, stellte Flip fest. „Aber kalt ist es wirklich. Und es riecht auch ganz anders. Sommer ist grad bestimmt nicht.“

„Könnt ihr nicht ein bisschen leiser sein?“, grummelte der Wanderschuh neben Flop. „Ich bin auch müde und muss meine Kräfte sammeln. Morgen stürzen sich wieder alle auf uns. Dafür brauche ich starke Nerven. Sonst ertrage ich das nicht.“

„Du weißt, weshalb wir hier sind?“ Aufgeregt rutschte Flip etwas näher. „Erzähl!“

„Bitte!“, ergänzte Flop.

Die Flip-Flops setzten ihren Welpenblick auf und bettelten. „Bitte, bitte, bitte!“

„Na gut.“ Der Wanderschuh drehte sich zu seinen neugierigen Nachbarn. „Morgen ist Nikolaustag. Und am Abend vorher putzt jeder aus der Familie seine Stiefel oder anderen großen Schuhe und stellt sie für den Nikolaus hin. Der kommt nämlich noch in dieser Nacht und füllt uns mit Geschenken. Das ist so Tradition. Immer am Nikolaustag finden die Kinder dann morgens kleine Überraschungen in ihren Schuhen. Manchmal auch die Erwachsenen der Familie.“ Nachdenklich betrachtete er die Flip-Flops neben sich. „Warum ihr aber heute mit dabei seid, ist mir noch nicht ganz klar.“

„Oh, da kann ich helfen!“, meldete sich der hohe Stiefel vom Rand. „Ich stand schon ganz zu Beginn hier und habe alles mitbekommen.“

„Ja, bitte, erzähle es uns!“ Flip nickte überschwänglich. Selbst Flop hatte sich inzwischen aufgerichtet und lauschte mit großen Augen.

„Wie gesagt, meine Schwester und ich, wir waren als Erste fertig.“ Fast zärtlich sah der Stiefel zu seinem Zwilling hinüber. „Franzi hat uns direkt geputzt, nachdem sie mit den Hausaufgaben fertig war. Ganz sorgfältig hat sie es gemacht. Zuerst hat sie den groben Schmutz entfernt, hat uns dann mit Schuhcreme eingerieben und uns sogar poliert. Ach, das war toll. Eine richtig schöne Massage. So intensiv gibt es die leider nur einmal im Jahr. Also, wenn ihr mich fragt, könnte häufiger Nikolaustag sein.“ Der Stiefel lachte. „Aber das interessiert euch ja gar nicht. Dazu seid ihr noch zu jung. In meinem Alter zählen nicht mehr aufregende Ereignisse. Entspannung und Wellness sind da viel interessanter.“

„Hmmm, vielleicht ist mein Zwilling dann gar nicht mein Zwilling, sondern ist eigentlich viel älter?“ Flip kicherte und zeigte auf seinen Bruder. „Für Flop zählen jetzt schon mehr Erholung und Schlaf.“

„Ich genieße halt mein Leben“, konterte der andere Flip-Flop. „Könntest du auch mal.“

„Nicht streiten, meine Lieben!“, besänftige der Stiefel. „Jeder ist so, wie er ist. Und das ist auch gut so.“ Er klimperte mit dem Reißverschluss. „Aber was wollte ich denn eigentlich erzählen? Ach ja, warum ihr da seid. Eigentlich stellt ja jeder nur ein paar Schuhe oder Stiefel hin. Milo hat auch mit seinen Winterstiefeln angefangen. Doch dann ist ihm plötzlich eingefallen, dass ein Junge in einer Geschichte auch mal mehrere Schuhe für den Nikolaus aufgestellt hat. Das Buch hat er am Wochenende erst von Oma und Opa geschenkt bekommen, als er bei ihnen war. Und was macht er? Er kramt das Buch aus dem Köfferchen raus, in dem seine Sachen immer noch eingepackt waren, schlägt es auf und sieht sich das Bild zur Geschichte an. Und dann holt er ein Paar nach dem anderen, das er dort sieht. Seine Hausschuhe, die Klettschuhe und eben auch euch, liebe Flip-Flops. Und da er keine eigenen Flip-Flops hat, hat er seine große Schwester gefragt, ob er ihre Schuhe ausleihen dürfte.“

„Vielleicht auch erst, nachdem wir schon hier standen“, stellte Flip klar.

„Ist doch egal.“ Flop zuckte mit den Riemen. „Hauptsache, er hat überhaupt gefragt. Außerdem, eigentlich ist es doch ganz cool hier.“

„Ja, finde ich auch“, stimmte Flip zu. „Eine Geschichten-erzähl-Nacht sollte es häufiger geben. Und irgendwie sind wir ja sogar mittendrin in der Geschichte.“

„Und sie ist ja noch gar nicht zu Ende.“ Flop sah zu den großen Schuhen. „Wenn ich es richtig verstanden habe, passiert ja noch etwas, oder?“

„In der Tat." Der Wanderschuh stellte sich aufrecht hin und sagte mit bedeutsamer Stimme: „Jetzt warten wir auf den Nikolaus.“

„Den Nikolaus? Das ist der, der die Geschenke bringt?“ Flip konnte vor Aufregung nicht mehr stillstehen.

Die Stiefelfrau lächelte und nickte. „Ja, das ist richtig.“

„Und wie sieht er aus?“, erkundigte sich Flop.

„Das, meine Lieben, dürfen wir nicht verraten.“ Der Stiefel neigte entschuldigend den Kopf. „Das ist ein Geheimnis.“

„Genau“, bestätigte der Wanderschuh. „Wir haben von Schuhen gehört, die es verraten haben. Und im nächsten Jahr waren sie dann nicht mehr mit dabei. Sie waren zu klein geworden oder kaputt gegangen. Was auch immer. Auf jeden Fall haben sie den Nikolaus danach nie mehr gesehen.“

„Und das soll uns nicht passieren!“ Der Stiefel richtete sich zu voller Größe auf und grinste. „Schließlich will ich meine jährliche Massage auf keinen Fall aufs Spiel setzen. Außerdem werdet ihr ihn ja auch bald live erleben. Dann könnt ihr euch selbst ein Bild von ihm machen.“ Er dachte kurz nach und ergänzte dann. „Und wenn ich euch einen Tipp geben darf? Versucht bis dahin noch ein bisschen zu schlafen. Dann vergeht die Zeit schneller.“

„Und ihr könnt den Stress morgen besser verkraften“, grummelte der Wanderschuh. „Sag ich ja. Denn Stress ist es. Der Nikolaus ist schön gemütlich. Das darf ich sagen. Der ist nicht anstrengend. Aber morgen, wenn die Kinder aufstehen, stürzen sie sich auf uns und reißen aus uns die Sachen heraus, die der Nikolaus so liebevoll in uns verteilt hat. Sie schütteln uns, halten uns kopfüber, kitzeln uns bei dem Versuch, auch noch die letzten kleinen Süßigkeiten vorn aus dem Zehenbereich herauszubekommen. Und dann landen wir achtlos in der Ecke.“

„Das klingt aufregend!“ Flip sah begeistert zu seinem Bruder hinüber. „Toll, dass wir dieses Jahr mit dabei sein dürfen!“

„Und ich träume jetzt noch ein bisschen vom Nikolaus. Und von Geschenken. Und wie er die in und bei uns versteckt.“ Flop gähnte. „Das wird toll!“

Die Flip-Flops kuschelten die Köpfe aneinander und träumten. Vom Nikolaus, der Ketten aus Süßigkeiten um ihre Riemchen wickelte, mit denen sie dann durch die Wohnung gingen. Flip, Flop, Flip, Flop, Flip, Flop …


5. Dezember: Die Frau mit dem Koffer (J&E)

Er hatte tief geschlafen. Gestern war der 1. Advent gewesen, und er hatte Freunde besucht. Spät war es geworden, ehe er nach Hause gekommen war, und er war sofort in sein Bett gefallen, ohne noch etwas von seiner Umwelt mitzubekommen. Doch dann hörte er es, dieses zutiefst vertraute Geräusch, dieses Reiben von Gummirollen auf den Steinfliesen vor seiner Wohnungstür.

Das Geräusch war nicht laut. Überhaupt nicht. Aber er nahm es wahr, fühlte es. Beinahe glaubte er, er würde die winzigen Vibrationen spüren, die sich ergaben, wenn ein Gegenstand auf dem Treppenabsatz bewegt wurde. Und da war er auch wieder, dieser leise kratzende Ton, der sich wiederholte, bis das Reiben endete und durch ein leises, sehr schnelles rhythmisches Klicken ersetzt wurde, das sich rasch entfernte.

Ihm war diese Geräuschabfolge nur zu vertraut, und bald würde er durch das angekippte Fenster hören, wie sich die Haustür öffnete und schloss, und er würde anschließend sowohl das Klicken als auch das Reiben der Gummirollen auf dem Pflaster des Bürgersteigs vernehmen, bis es in der Ferne verhallte.

Trotz seiner Müdigkeit war er nun hellwach, und er ärgerte sich, dass er nicht zur Wohnungstür gerannt war. Vielleicht hätte er ja diesmal …? Oder sollte er aufstehen und aus dem Fenster schauen? Möglicherweise würde sie heute unter seinem Fenster vorbeigehen und nicht in Richtung des U-Bahnhofs auf der Querstraße, die er nicht einsehen konnte. Vielleicht würde er sie dann endlich einmal …

Das Klicken aus dem Treppenhaus war kaum noch zu vernehmen. Er wusste, dass sie nun im Erdgeschoss war, gleich die Haustür öffnen würde. Schnell schwang er seine Beine aus dem Bett, stürzte zum Fenster, schob die Abdunkelung zur Seite. Obwohl es immer noch früh und die Wintersonne noch nicht sichtbar war, blendete ihn das Licht von draußen, und er kniff seine Augen zusammen. Die Haustür wurde aufgedrückt, fiel wieder ins Schloss.

Verdammt, dachte er, warum kann ich nichts sehen? Er wischte sich über die Augen. Es wäre doch wirklich ärgerlich, würde sie heute unter seinem Fenster entlang gehen, und er würde nicht hinschauen können, weil seine Augen zu empfindlich auf das Morgenlicht reagierten. Er blinzelte mehrfach, erkannte nun den menschenleeren Bürgersteig und die parkenden Autos. Ein Lkw fuhr vorbei, machte es ihm unmöglich, andere Geräusche wahrzunehmen.

Stand sie noch vor der Haustür? Würde sie jetzt unter seinem Fenster vorbeigehen? Er spürte, wie sein Herz schneller schlug, und gleichzeitig wusste er, dass dies mehr als unwahrscheinlich war. Schließlich war sie noch nie dort vorbeigegangen. Zumindest nicht, wenn er da war. Und sie hatte auch noch nie an der Haustür verharrt. Es war immer das gleiche Prozedere: Haustür auf - Haustür zu - Klackern der Absätze und das Rattern des Rollkoffers auf dem Bürgersteig. Und nach ein paar Sekunden war alles wieder vorbei.

Und auch diesmal war es wieder so, denn als der Lkw nicht mehr zu hören war, hörte er, kaum noch wahrnehmbar, das immer leiser werdende, ihm so wohlbekannte Geräusch. Er fluchte in sich hinein. Wäre er doch nur gleich aufgesprungen, als er wach geworden war. Da hatte sie noch auf dem Treppenabsatz gestanden. Mit ein bisschen Glück hätte er vielleicht diesmal einen Blick auf sie erhascht?

Sein Pulsschlag nahm ab, die Müdigkeit kehrte zurück, und er legte sich wieder ins Bett, auf den Rücken, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Er starrte an die Decke und merkte es nicht. Wie sah diese Frau aus? Sie war seine Nachbarin, und doch hatte er sie noch nie gesehen. Er war vor einigen Monaten hierher gezogen, hatte sich bei allen anderen Bewohnern vorgestellt, nur sie, seine direkte Nachbarin, hatte er in den ersten Wochen nie angetroffen.

Er hatte irgendwann einmal beiläufig die ältere Dame aus dem Erdgeschoss eher scherzhaft gefragt, ob da neben ihm überhaupt irgendjemand wohne, und die ältere Dame hatte ihm geantwortet, dass kaum jemand diese Bewohnerin jemals zu Gesicht bekäme. Sie sei wohl viel auf Reisen, und zusätzlich gehe sie auch noch häufig sehr früh und käme sehr spät, und meistens sei sie somit überhaupt nicht hier. Aber so genau wisse das wohl keiner. Und außerdem kenne man sich hier nicht so gut, das sei früher anders gewesen, aber nun wohnten hier viele Menschen, die viel unterwegs seien und hier nur schliefen.

Ja, hatte er gedacht, das war ihm auch schon aufgefallen. Nicht dass er ein Interesse daran gehabt hätte, in engen Kontakt mit den Hausbewohnern zu kommen, aber hier schien kaum jemand den anderen zu kennen. Und er war da keine Ausnahme. Genau genommen kannte er nicht einmal die Namen der anderen hier. Und eigentlich war es für ihn auch nicht wichtig. Er hatte einen großen Freundeskreis, arbeitete viel. Sein Lebensmittelpunkt war nicht diese Wohnung. Er wohnte hier, weil man ja irgendwo wohnen musste. Und die Wohnung war für ihn genau richtig: Verkehrstechnisch günstig gelegen, nicht zu laut, nicht zu weit draußen, nicht von Touristen überlaufen, nicht billig, aber erschwinglich, in gutem Zustand. Er mochte seine Wohnung.

Vielleicht ging es seiner unbekannten Nachbarin genauso? Unruhig suchte er in seinem Bett eine neue Position. Wie oft schon hatte er sich ausgemalt, was sie wohl arbeitete. War sie eine Stewardess? Er flog viel, und er bewunderte das Servicepersonal, das, während er morgens oft noch schlaftrunken in seinem Sitz saß, freundlich und mit traumwandlerischer Sicherheit selbstbewusst und flink durch den Gang eilte. Der kraftvolle und doch elegante Gang seiner Nachbarin, der Rollkoffer - ein wundervolles Klischee einer Stewardess. Einmal, ein einziges Mal, hatte er durch den Spion seiner Wohnungstür mehr als nur einen Teil des modernen Rollkoffers erhascht. Es war ein Fuß gewesen. Ein Fuß in einem blauen Schuh, dieser elegant und gut geschnitten, nicht zu hoch, nicht zu flach, wie er es empfand. Und ein winziges Teil eines Beines hatte er gesehen, vermutlich in einer Strumpfhose. Zu schnell war alles aus seinem Blick entschwunden. Er hätte nicht einmal sagen können, ob es ein schönes Bein war, wie geformt, wie lang, und wie lang oder kurz der Rock war, den die Frau vermutlich trug. Und doch hatte sich vor seinen Augen fast automatisch das Bild einer Stewardess geformt, einer schlanken, gut gewachsenen Frau in einer eleganten Uniform. Er wusste, dass sein Gehirn hier Stereotypen bediente, aber war es seine Schuld, dass er schlanke Frauen mochte, die gut gekleidet waren? Nur das Gesicht und die Haarfarbe, die formten sich niemals vor seinen Augen. Und er versuchte es auch gar nicht. Wiewohl, passten eher lange dunkle Haare zu blauen Schuhen oder kurze blonde? Oder war das nicht vollkommen egal? Hatte er sich jemals Gedanken über Schuhe von Frauen, die er kannte, gemacht? Sicherlich niemals. Warum nun also bei seiner Nachbarin, die er noch nie zu Gesicht bekommen hatte? Das war doch albern!

Und im übrigen: Möglicherweise war sie auch keine Stewardess, sondern Pilotin? Er konnte es sich gut vorstellen. Andererseits, vielleicht war sie auch eine Businessfrau. Er hatte noch kein wirkliches Zeitmuster ausmachen können, wann sie das Haus verließ, sondern es schwankte deutlich, obwohl es immer sehr, sehr früh war. Und sie ging auch nur alle paar Tage, aber auch das in keinem nachvollziehbaren Rhythmus. Was war an den anderen Tagen? War sie dann auf Reisen? Vermutlich, sie hatte ja einen Koffer dabei.

Er schloss die Augen. Wieso beschäftigte ihn eine Frau, die er überhaupt nicht kannte? Wieso wurde er wach, wenn sie ging? Die Geräusche waren nicht einmal übermäßig laut. Die Familie, die unter ihm wohnte, versetzte das Haus stets in eine atemberaubende Kakophonie, wenn sie kam oder ging. Auch da wusste er nicht, wie viele Personen in dieser Wohnung wohnten, aber in diesem Fall interessierte ihn das nicht.

Bei seiner Nachbarin hingegen war das anders. Vielleicht, so dachte er bei sich, lag es einzig und allein daran, dass sie eine Frau war. Er mochte Frauen. Ja, er schaute sie auch gerne an. Und gleichzeitig wollte er aber auch nicht aufdringlich sein. Er konnte Menschen verstehen, die nicht angegafft werden wollten. Aber ein kleiner Blick in der Bahn? Aus dem Auto zu einer Fußgängerin? Oder ein kleiner, eigentlich eher überflüssiger Besuch an seinem Arbeitsplatz im Büro im dritten Stock? Schließlich kam auch die Kollegin aus dem Verkauf recht regelmäßig zu ihm, und er hatte nicht den Eindruck, dass sie dies ausschließlich aus beruflichen Gründen tat. Sie war doch schließlich sehr nett, und wer weiß, man könnte doch …?

Und es war ja auch keineswegs so, dass er keine Frauen kannte oder Probleme hätte, Frauen kennenzulernen. Er war offen, kommunikativ, er mochte Partys. Und er hatte auch schon Beziehungen gehabt.

Seufzend drehte er sich auf die Seite. Der Schlaf wollte nicht zurückkommen, obwohl er fühlte, wie müde er eigentlich war. Er dachte daran, wie er schon ein paar Male aufgesprungen war, als er das leise Reiben im Hausflur hörte. Ohne wirklich nachzudenken, ließ er auch seit einiger Zeit die Tür zu seinem Schlafzimmer offen. Wieso auch nicht? Er lebte alleine. Er konnte hier tun und lassen, was er wollte. Auch die Schlafzimmertür offen stehen lassen. Und so besser hören, was sich vor der Wohnungstür ereignete.

Was weckte ihn eigentlich? War es das leise Klicken der nachbarlichen Tür, wenn sie geschlossen wurde? Oder das noch leisere Drehen des Schlüssels im Schloss? Oder doch das Reiben der Gummirollen auf den Fliesen? Das Klicken der Absätze? Oder der leicht unrunde Schlag der einen Rolle, die manchmal ein wenig zu blockieren schien? Vermutlich, so hatte er beschlossen, war es irgendwie alles zusammen.

Er musste lachen. Wie albern war das eigentlich, aus dem Bett zu springen und zum Spion in der Wohnungstür zu schleichen, um einem Rollkoffer hinterherzusehen. Unpraktisch war es übrigens, dass er von der Tür aus nicht die Treppe sehen konnte. Sonst hätte er wenigstens ein Bild von der geheimnisvollen Nachbarin. Andererseits war es ihm auch unangenehm, dass er sich wie ein Voyeur benahm. Er schlich herum, um jemanden zu beobachten. Ein bisschen peinlich war das schon.

Er drehte sich auf die andere Seite, versuchte, sich seine Kollegin aus dem Büro aus dem dritten Stock vorzustellen, die Kollegin mit dem bezaubernden Lächeln. Wieso fragte er sie nicht endlich, ob sie nicht mal mit ihm essen gehen wollte? Er wusste, dass sie derzeit keinen Freund hatte, und er hatte nicht das Gefühl, dass es ihr unangenehm war, dass er doch recht häufig vorbei schaute. Also, dachte er bei sich, frag sie!

Ein blauer Schuh schob sich zwischen seine Gedanken, eine schlanke Fessel …

Zumindest hatte sie schlank ausgesehen für die paar gefühlten Millisekunden, die er sie hatte sehen können. Wie alt war seine Nachbarin? Wollte er sie überhaupt sehen? Vielleicht könnte er vollkommen enttäuscht sein. So etwas hatte doch bestimmt schon jeder erlebt: Man sieht eine Person, die man interessant findet, von weitem oder von hinten, bemüht sich dann, ihr näher zu kommen, und am Ende stellt man fest, dass das überhaupt nicht passt.

Er atmete tief durch. Wenn sie nicht so früh gehen würde, wenn er nicht stets im Schlafanzug wäre, dann könnte er mal, so rein zufällig, auch gerade die Wohnung verlassen, wenn sie die ihre verließ. Dann wäre es einfach, mit einem „Oh, hallo! Wir haben uns ja noch nie gesehen“ und mit einem freundlichen Lächeln Kontakt aufzunehmen. Im Schlafanzug war das unmöglich. Vielleicht sollte er einfach mal früher aufstehen? Nur, wenn das dann an einem Tag war, an dem sie gar nicht da war? Dann wäre er unnötig früh aufgestanden. Und das war die Sache nun wirklich nicht wert.

Er hörte sie auch nie nach Hause kommen. Er arbeitete oft sehr lang, war danach häufig mit Freunden unterwegs. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie kam, ohne dass er selbst zu Hause war, war ziemlich groß.

Langsam drehte er sich wieder auf den Rücken und starrte die Decke erneut an. Es wurde heller im Zimmer, und ein Blick zum Fenster zeigte ihm, dass er seine Abdunkelung nicht wieder richtig zugezogen hatte. Er ärgerte sich, wollte aber nicht extra aufstehen, und so schloss er doch wieder die Augen.

Würde er sie jemals kennenlernen? Wollte er sie überhaupt kennenlernen? Warum eigentlich? Er brauchte sie nicht. Er hatte seine Freunde. Und seine hübsche Kollegin aus dem dritten Stock. Aber immer wieder war da dieser Rollkoffer. Und immer wieder waren da diese eleganten Klickgeräusche dieser Absätze. Sein Herz schlug abermals schneller. Nein, er musste diese Nachbarin wenigstens einmal getroffen haben, um … Ja, um was denn? Er musste innerlich lachen. Nur so würde er sein Seelenheil wiederfinden, denn sonst konnte er gar nicht anders, als über sie nachzudenken. Und vielleicht bot sich da zu Weihnachten etwas an. Vielleicht sollte er kleine Geschenke für die Nachbarn besorgen? Ein wenig Gebäck mit einem kleinen Gruß zu Weihnachten? Eine Nachbarin hatte das in dem Haus gemacht, in dem er früher gewohnt hatte, und er hatte sich immer darüber gefreut. Und dort hatten sich dann alle Nachbarn immer bedankt, hatten bei der Spenderin geklingelt.

Ja, das war eine gute Idee. So war er unabhängig von ihren Zeiten, wann auch immer sie kam und ging. Und wenn er Glück hätte, dann würde sie den Kontakt zu ihm suchen, um sich bei ihm zu bedanken. Und dann müsste er ihr nicht mehr in seiner eigenen Wohnung hinterherschleichen. Und er wäre erlöst, weil er sie dann gesehen hätte.

Er seufzte noch einmal und schlief umgehend wieder ein.


6. Dezember: Nicki und der Nikolaus (K)

Nicki lag im Bett und wälzte sich hin und her. Er konnte nicht schlafen. Wie sollte er auch, da in dieser Nacht der Nikolaus kommen sollte. Und den wollte er auf keinen Fall verpassen!

Er würde natürlich in seinem Zimmer bleiben, damit der Nikolaus ihn nicht bemerkte. Aber durch das Schlüsselloch könnte er ja gucken. Wenn er sich weit genug nach links stellte, konnte er gerade eben die Eingangstür erkennen. Das hatte er ausprobiert. Er wollte ja nichts dem Zufall überlassen. Den Vorhang, der den hinteren Flurteil, an dem sein Zimmer lag, vom vorderen Eingangsflur abtrennte, hatte er extra ein wenig zur Seite geschoben. Der war zwar auch vorher schon offen gewesen, hatte ihm aber ein klein wenig die Sicht versperrt.

Doch wann würde der Nikolaus kommen? Er lag doch schon so lange im Bett. Mama und Papa waren auch schon schlafen gegangen. Draußen erhellte nur noch das kleine Nachtlicht im Bad die Wohnung. Nicki seufzte. Das hatte er vorhin erst wieder überprüft. Und immer noch war vom Nikolaus nichts zu hören.

Wenn er wirklich so große und schwere Stiefel anhatte, wie man immer auf Bildern sehen konnte, müsste man ihn doch eigentlich gut hören können. Hätte er auch seinen Stab dabei? Und die Mitra auf? Nicki überlegte. Eigentlich wäre das doch unpraktisch, so viel mit sich rumzuschleppen. Und dass die Bischofsmütze wirklich wärmte, bezweifelte er auch. Vielleicht dürfte er für den nächtlichen Einsatz ja auch eine normale Mütze anziehen. Dann wäre ihm zumindest nicht ganz so kalt.Und worin transportierte er überhaupt die Geschenke? Musste er einen schweren Sack schleppen, so wie der Weihnachtsmann? Ein Rollkoffer wäre doch eigentlich viel praktischer. Aber auch lauter. Vielleicht doch nicht so praktisch.

Nicki überlegte. Vielleicht sollte er im nächsten Jahr dem Nikolaus einen Brief schreiben. Dann wäre er ja in der Schule. Mama und Papa würden ihm bestimmt dabei helfen. Dann würde er dem Nikolaus vorschlagen, auf den Stab zu verzichten und eine Mütze aufzusetzen. Der Nikolaus könnte auch seine große Bommelmütze haben. Die rutschte ihm ohnehin immer über die Augen. Nicki grinste und stellte sich vor, wie der Nikolaus mit seiner bunten Mütze von Haus zu Haus ziehen würde.

Da hörte er ein Rumpeln. Etwas rutschte weg und landete unsanft auf dem Boden. Nicki schreckte hoch und rieb sich die Augen. Was war das? Der Nikolaus? Sollte er etwa kurz geschlafen haben?

Nicki schlug die Decke zurück und rutschte aus dem Bett. Leise schlich er zur Tür, beugte sich vor und blickte durchs Schlüsselloch. Im Flur war alles dunkel. Aber war da im Wohnzimmer nicht ein kleiner Lichtkegel? Und schimpfte da nicht jemand leise vor sich hin? Nicki lauschte. Nein. Derjenige schimpfte nicht. Da hatte jemand Schmerzen!

Nicki überlegte. Was sollte er machen? Hingehen? Dann würde er den Nikolaus vielleicht für immer verscheuchen. Hatte er nicht gehört, dass der Nikolaus nur zu denjenigen kommen würde, die ihm nicht auflauerten? Aber wenn er nun wirklich Hilfe bräuchte? Nicki zögerte. Was sollte er tun?

Nein, er konnte nicht an sich denken, er musste helfen. Papa sagte ja auch immer: „Geteilter Schmerz ist halber Schmerz.“ Deshalb musste er nachschauen. Nicki nahm sich seinen Kuschelhasen vom Bett, klemmte ihn unter seinen linken Arm, drückte die Türklinke hinunter und schlich in den Flur. Im Durchgang zum Wohnzimmer lag ein großes Etwas auf dem Boden, das sich vor und zurück bewegte. Es war fast schon ein Berg. Doch dieser Berg redete. Leise, mit dunkler Stimme.

„So etwas Dummes, habe ich schon wieder nicht aufgepasst. Das kommt davon, wenn man keine Ersatzakkus mitnimmt. Ich bin ja auch selber schuld. Mit meiner guten Lampe wäre mir das nicht passiert. Ah, ich glaube, es wird dick. Und Schnee gibt es auch nicht. Womit soll ich denn jetzt kühlen?“

Nicki räusperte sich. „Entschuldigung!“

Der Berg drehte sich um. Nicki sah, dass es ein Mann war. Alt, aber doch auch nicht so alt. Der Teil des Gesichts, der nicht von einem Bart verdeckt war, hatte viele freundliche Falten. Und auf dem Kopf trug er eine dicke Bommelmütze. In der Hand hielt er ein Windlicht, in dem eine Kerze flackerte.

„Ah, der Nicki“, brummte der Mann, lächelte aber freundlich. „Solltest du nicht eigentlich im Bett liegen und schlafen?“

„Ja, schon … Aber ich wollte doch zu gern mal den Nikolaus sehen …“

„Dass der in deinem Wohnzimmer auf dem Boden hockt, hattest du wahrscheinlich nicht gedacht, oder?“

Nicki schüttelte den Kopf und wagte sich etwas dichter heran. „Bist du wirklich der Nikolaus? Der wirkliche, echte Nikolaus?“

Der nächtliche Besucher nickte.

„Boah!“ Nicki kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mit offenem Mund stand er im Durchgang zum Wohnzimmer. Doch dann fiel ihm ein, dass der Mann ja auf dem Boden saß. „Aber was ist denn los? Ich habe ein Rumpeln gehört. Bist du hingefallen?“

„Ja, ich weiß auch nicht …“, erzählte der Nikolaus. „Plötzlich ist mein Fuß weggerutscht, und ich habe mich auf dem Boden wiedergefunden. Mit diesem Licht kann man aber auch nichts erkennen …“ Er hielt das Windlicht in die Höhe. „Es ist mir ein Rätsel, wie das früher funktioniert hat. Aber da waren meine Augen ja auch noch besser, und ich hatte mich noch nicht an das viel hellere elektrische Licht gewöhnt …“

Nicki sah auf den Durchgang und verzog das Gesicht. „Meine Autos!“

„Wie bitte?“, wunderte sich der Nikolaus.

„Ich hatte gestern meine Autos in einer Schlange dort abgestellt. Sie haben auch auf den Nikolaus gewartet. Und in einer Schlange, weil ja nicht alle gleichzeitig zum Stiefel können. Da müssen sie ja warten. Und da bist du wahrscheinlich drauf ausgerutscht.“

Der Nikolaus nickte. „Das könnte sein. Ich hoffe, ich habe dein Auto jetzt nicht zerstört.“

„Ach nein, das geht schon“, winkte Nicki ab. „Mein Papa tritt da auch ständig drauf. Und Mama meinte noch, ich soll das wegräumen, damit du nicht drauf ausrutschst. Aber dazu hatte ich keine Lust.“ Nicki drückte den Hasen an sich. „Es tut mir leid! Kommst du trotzdem nächstes Jahr wieder?“

Der Nikolaus lachte. „Wenn du möchtest, dass ich wiederkomme, dann komme ich auch.“

Erleichtert atmete Nicki aus.

„Aber sag mal“, fuhr der Nikolaus fort, „mein Knöchel fühlt sich ganz merkwürdig an. Hättest du …“

„Ich kann dir Eis bringen! Das macht Mama auch immer, wenn ich hinfalle.“

Nicki rannte in die Küche und kam kurz darauf mit einem Kühlpack und einem Tuch wieder. „Hier! Wickle das am besten ein. Dann wird es nicht zu kalt.“

Der Nikolaus nahm es dankbar entgegen und hielt es sich an seinen Fuß. Nicki versorgte ihn noch mit selbstgebackenen Keksen und Milch. Dabei unterhielten sie sich.

Später verabschiedete sich der Nikolaus von seinem neuen Freund und ging in die Nacht hinaus. Nur wer genau hinsah, konnte erkennen, dass er leicht humpelte. Nicki schob die Autos zur Seite, brachte das Kühlpack wieder in den Tiefkühler und schlich mit seinem Hasen zurück ins Bett.

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„Guten Morgen!“ Nickis Mutter strich über die Bettdecke. „Es ist Nikolausmorgen!“ Sie lächelte. „Oder fast schon Nikolaustag. Du hast so lang geschlafen, dass wir beschlossen haben, dich jetzt doch mal zu wecken.“

Nicki gähnte. Seine Mutter lachte.

„Da konnte wohl jemand gestern lang nicht einschlafen, könnte das sein?“

Nicki grinste. „Könnte sein.“ Er strampelte mit den Beinen die Decke zurück. Dann stutzte er. „Hat der Nikolaus denn was gebracht?“

„Ja, ich denke schon.“ Seine Mutter lächelte. „Zumindest vermute ich, dass es von ihm ist, was da steht.“

„Aber …“ Nicki dachte daran, wie er den Nikolaus zu Tür begleitet hatte. Sein Stiefel hatte da immer noch leer im Wohnzimmer gestanden. Aber wie konnte dann …

„Ach, hätte ich beinahe vergessen.“ Nickis Mutter drehte sich wieder zu ihm um. „Du hast ja doch deine Autos zur Seite geräumt. Das finde ich ganz toll!“

Nicki grübelte. Dann hatte er es ja doch nicht geträumt. Aber wer hatte dann die Geschenke gebracht? Irgendwie war das alles sehr geheimnisvoll. Aber auch sehr schön!


6. Dezember: Die neue Decke (J&E)

Oh, was ist das?

Jenny zieht etwas aus dem Sack, in dem immer die Sachen für mich sind. Ich habe ihn gestern direkt erkannt, als mein Frauchen ihn im Keller aus dem Koffer geholt hat. Der Beutel selbst riecht schon richtig gut. Nach Pansen und Kaustangen und Schweineohren und allen anderen Sachen, die ich im Laufe der Jahre bekommen habe. Aber das, was Jenny da hervorzieht, ist definitiv nichts zum Fressen.

Eher etwas zum Einkuscheln. Oder Draufliegen. Zum Einrollen und gemütlich Schlafen.

Jenny legt es vor mich hin, und ich schnuppere interessiert daran. Es riecht neu, nach Fabrik und Plastikverpackung, die aber schon eine Weile weg sein muss, denn ich rieche auch mehrere Menschenhände. Aber nur schwach.

„Ist das nicht die gleiche Decke, die wir schon haben?“, fragt Jenny ihre Mutter.

Ich wage mich auf mein Geschenk, drehe mich im Kreis, lasse mich fallen und schaue mein Frauchen an. Sie lächelt mir zu. Genauso freundlich hat sie mich auch angeschaut, als ich gewagt habe, meine Augen aufzumachen, und ich sie dann im Scheinwerferlicht das erste Mal gesehen habe. Das ist schon lang her. Ganz lang. Damals war Jenny noch so klein, dass wir zusammen durch das Haus gekrabbelt sind. Inzwischen fährt sie morgens immer mit ihrer Freundin mit dem Fahrrad los und ist dann ganz lange weg. Ihre Tasche, die sie dabei mitnimmt, ist groß und scheint auch schwer zu sein, und Jenny riecht nach ganz vielen Menschen, nach Arbeit und manchmal auch nach Stress. Aber mich begrüßt sie trotzdem immer, sobald sie wiederkommt, und streichelt mir über den Kopf. Zumindest dann, wenn ich ihre Ankunft nicht verschlafe. Das kommt in letzter Zeit leider häufiger vor. Ich brauche nämlich viel Schlaf, viel mehr als früher. Und dann bekomme ich nicht immer mit, wenn mein Frauchen vom Schreibtisch aufsteht, um Jenny hereinzulassen.

„Ja, du hast recht, es ist die Decke“, bestätigt mein Frauchen. „Oder zumindest fast. Genau die gleichen Farben gab es nicht mehr. Bei der alten Decke war, glaube ich, das Grau früher ein bisschen heller.“

Jenny lacht. „Das weißt du noch? Ich erkenn da nichts mehr.“

Stimmt, meine Decke ist wirklich schon ziemlich alt und durchgelegen. Und sie wurde oft gewaschen. Zum Beispiel dann, wenn ich mal wieder Frauchen entwischt war und mein matschiges Fell auf meinem Schlafplatz trockengerieben hatte. Geschimpft hat sie nie. Nur den Kopf geschüttelt und gesagt, dass sie mal wieder nicht aufgepasst hätte. Zugegeben: Meistens habe ich schon brav an der Tür gewartet. Aber wenn sie abgelenkt war, dann konnte es schon mal passieren, dass ich zu meinem Platz gestürmt bin.

Ach, das waren noch Zeiten, als ich in meinen Beinen noch viel Kraft hatte. Manchmal vergesse ich es und mache beim Spaziergang einen großen Satz über eine Pfütze. Puh, da muss ich danach dann ganz schön kämpfen, dass ich vor lauter Schwung nicht umfalle. Aber noch schlimmer ist, dass ich nicht mehr so gut höre. Früher wusste ich immer genau, wo sich mein Frauchen aufhielt. Aber jetzt? Jetzt weiß ich es oft nicht. Manchmal steht sie plötzlich neben mir, und ich habe keine Ahnung, von wo sie gekommen ist. Zum Glück hat sie mein Problem aber inzwischen verstanden und nimmt mich immer mit, wenn sie in ein anderes Stockwerk geht.

Ich glaube, die neue Decke gefällt mir. Sie ist viel weicher als mein bisheriger Schlafplatz. Und dass ich darauf eine leckere Stange bekomme, die Jenny auch noch aus dem Beutel gezogen hat, ist natürlich auch nicht zu verachten. Wie gut, dass Jenny gesagt hat, dass sie noch nicht zu groß dafür ist, ihre Stiefel zu putzen und hinzustellen. Sonst hätte ich heute Morgen wahrscheinlich auch nichts bekommen. Das wäre schade gewesen, denn wenn geputzte Stiefel im Wohnzimmer stehen, gibt es immer etwas besonders Tolles. Das weiß ich noch aus den letzten Jahren. Jenny sieht auch ganz glücklich aus, wie sie da in ihren Stiefeln kramt und es dabei raschelt.

Ich glaube, ich bleibe einfach erst einmal hier liegen. Von hier aus habe ich alles im Blick. Und wenn ich müde bin, kann ich einfach die Augen schließen und von meinem Leben träumen. Das gefällt mir nämlich eigentlich ganz gut. Das hätte ich nicht gedacht, damals, als ich mit eiskalten Pfoten im Freien hockte und wartete und hoffte und wartete.


7. Dezember: Die kleine Hexe Elli Einfallsreich und ihre zauberhaften Weihnachtsplätzchen (K)

Die kleine Hexe Elli Einfallsreich schaute auf das große Loch im Dach über ihr und auf den sich schnell in Richtung Himmel entfernenden Kessel. Und peinlich berührt wusste sie, was nun kommen würde.

„Na, der Kessel dürfte bald die Erdumlaufbahn erreicht haben“, krächzte der Rabe Anaximander, der bei ihr zur Untermiete wohnte. „Eventuell hat er sogar die Chance, als Komet in die Geschichte einzugehen.“ Er deutete auf den Feuerschweif, den der Kessel hinter sich her zog.

Elli ärgerte sich über Anaximanders Besserwisserei, die ihr nur zu gut bekannt war. Das Problem war nur: Der Rabe hatte oftmals einfach recht, und momentan fiel ihr auch keine gute Erwiderung ein.

„Aber ich sage es ja schon ständig“, ergänzte Anaximander mit schiefgelegtem Kopf, um die Flugbahn des Kessels besser verfolgen zu können, „ihr Hexen könnt ja einfach nicht hören! Hätte ich mich nicht auf den Schrank gerettet, wäre ich jetzt der erste Rabe im Weltall.“

Sie wusste, was nun noch folgen würde.

„Es ist wirklich so, wie mir früher mein Großonkel erzählt hat. Er sagt seiner Hexe auch immer, dass sie dabei ist, einen Fehler zu machen. Und was folgt dann? Sie macht den Fehler. Wie damals, als sie am Freitag hexen wollte, und was macht sie? Hext am Freitag! Mein Großonkel sagte noch: Mach das nicht! Du wirst erwischt. Und was macht sie? Zack, sie hext weiter. Und was passiert? Na?“

„Sie wurde erwischt. Ich kenne die Geschichte. Sie ist allgemein bekannt“, seufzte Elli. Der Kessel war mittlerweile kaum noch zu erkennen. Für einen Moment wirkte es so, als sei ein heller Stern am Abendhimmel zu sehen.

„Genau, sie wurde erwischt! Und man kann diese Geschichten nicht oft genug erzählen!“

„Aber das sind Geschichten von vorgestern, Anaximander. Keiner Hexe ist es mehr verboten, freitags zu hexen!“

„Mein Großonkel sagt immer: Es war nicht alles gut damals, aber es gab wenigstens Regeln. Und die Hexenausbildung war auch besser. Damals hätte keine Hexe versucht, ihren Untermieter ins Weltall zu schießen.“

Empört stemmte Elli ihre Arme in die Seite und stellte dabei fest, dass sie immer noch die Schöpfkelle in der Hand hatte: „Also erlaube mal, ich komme im nächsten Jahr aufs Hexenlyzeum! Ich bin keine kleine Hexe mehr, ich bekomme eine umfangreiche und fundierte Ausbildung!“

Anaximander krächzte und krächzte und wollte nicht mehr aufhören. Er lachte, dass es ihn schüttelte: „Was haben die euch denn auf der Hexengrundschule beigebracht? Offenbar nichts Nützliches, sonst hättest du kapiert, was es bedeutet, wenn ich dir das Buch Zauberhafte Backideen empfehle.“

Elli schielte auf das aufgeschlagene Backbuch auf dem Küchentisch, der durch die vorangegangene Explosion einer Rührschüssel eine halbe Stunde zuvor am Rand noch etwas Glut aufwies. Auch einige Seiten des Buches waren leicht versengt, und Elli hoffte, dass sie in der Stadtbibliothek keinen großen Ärger bekommen würde. Wenigstens stand das zweite Buch, Backen wie durch Zauberhand, unversehrt im ebenso unbeschädigten Küchenregal.

„Ich habe dir gesagt, das sind Bücher für nicht-magische Menschen. Die machen alles mit den Händen und backen ganz normal im Backofen. Zaubern bedeutet da nicht, dass man zaubern muss.“

„Aber ohne Zaubern dauert das doch viel zu lange!“

„Ist aber erheblich ungefährlicher.“

Elli zog ihre Augenbrauen zusammen. Dem will ich’s jetzt aber mal zeigen! Sie atmete tief ein und schwenkte dann ihren Zauberstab durch die Luft, nur um zu bemerken, dass sie keinen Zauberstab, sondern die Schöpfkelle in der Hand hatte und Teigreste in der Küche verteilte. Sie errötete und griff nach dem Zauberstab. Anaximander krächzte schon wieder vor Vergnügen.

Wild schwenkte sie ihre Hand, murmelte einen Zauberspruch, es gab einen großen Knall und viel Rauch, und das Loch in der Decke war verschwunden.

Ha, dachte Elli, von wegen nichts gelernt! Zufrieden verschränkte sie die Arme vor ihrem Körper und beugte sich wieder über das Backbuch. Schließlich wollte sie die besten Plätzchen der Welt backen.

„Sag mal, warum haben wir denn jetzt Karotten an der Decke?“

Elli folgte Anaximanders Blick. Das Loch in der Decke war in der Tat gestopft, nur hatte sie offenbar den Zauberspruch doch nicht ganz korrekt wiedergegeben. Anstelle von Holzbrettern waren dort Mohrrüben zu sehen. Erneut errötete sie.

„Lass mich mal aufzählen, was du heute alles schon geschafft hast.“ Der Rabe, immer noch auf dem sicheren Schrank sitzend, streckte einen Flügel vor und zählte mit seinem Schnabel ab: „Zuerst wolltest du die Butter verdoppeln und hast sie in stinkenden Krötenschleim verhext. Dann wolltest du Zucker unterrühren und hast den Kochlöffel in einen Hubschrauber verwandelt, der deine Fenstervorhänge zerschnitten hat und dann aus dem Fenster geflogen ist. Wer weiß, wo der Kochlöffel nun sein Unwesen treibt. Danach wolltest du Eier aufhexen, und die Eier sind nun überall, nur nicht in der Schüssel. Anschließend endete dein zweiter Rührversuch mit einer Explosion der Rührschüssel und einem am Rand auch jetzt noch glühenden Arbeitstisch. Dein Kessel ist unterwegs zum Jupiter, und wir haben seit einigen Sekunden nun auch noch Karotten an der Decke. Es ist kein Wunder, dass euer Hexen-Schulsystem bei der letzten PIWA-Studie so erbärmlich abgeschnitten hat.“

Ja, die PIWA-Studie, das Programme for International Witchcraft Assessment. Elli konnte es nicht mehr hören. Angeblich seien die Hexen in anderen Ländern viel besser ausgebildet. Aber war das wirklich so? Und, mal ganz ehrlich: Welche Hexe in so jungen Jahren war denn schon in der Lage, mit nur wenigen Hexensprüchen eine derartig grundlegende Verwüstung wie sie anzurichten? Das mussten doch die anderen Hexen erst mal hinbekommen!

Andererseits half ihr das alles nicht. Sie hatte nicht mehr viel Zeit, und die Gäste würden kommen. Sie hatte ihre Freunde eingeladen, um ihre neuen Plätzchen vorzustellen. Schließlich sollten diese Plätzchen die besten der Welt werden. Und morgen wollte sie ganz viele davon auf dem Adventsbasar der Kirchengemeinde verkaufen. Schließlich sollte viel Geld damit verdient und für Kinder gesammelt werden. Nur: Wie sollte das jetzt alles gelingen? Sollte sie es doch nach der Methode ohne Magie versuchen?

Elli schaute zu der großen Uhr an der Wand, einem Erbstück ihrer Urururgroßmutter. Es war ein Monster aus dunklem Holz, mit einem riesigen Pendel, auf dem ein Totenkopf abgebildet war, und zwei schweren Gewichten in der Form von Hexenbesen. Zu jeder halben und vollen Stunde sprang ein Geier aus der kleinen Tür und verkündete die Uhrzeit. Der Kessel hatte, bevor er die Decke durchschlug, die Zeiger ganz offensichtlich versengt, aber auch jetzt noch war unverkennbar zu erkennen: Die Gäste kamen gleich.

Und während sie noch versuchte, einen geeigneten Zauberspruch in ihrem Hexenbuch zu finden, der ihr erlauben würde, aus dem Nichts die besten Plätzchen der Welt zu zaubern, sprang der Geier aus der Uhr und meldete kraftvoll und laut: „Es ist halb Sieben, halb Sieben!“

Und natürlich klopfte es auch schon entschlossen an die Tür. Ihr erster Gast war gekommen, und wie fast immer war es Lieutenant Bones, das Skelett. Lieutenant Bones war die Pünktlichkeit in Person, überaus zuverlässig und immer unterwegs in Erfüllung seiner Pflicht. Er war als Soldat im Ersten Weltkrieg gestorben, hatte sich aber einfach geweigert, auch wirklich tot zu sein. Schließlich ging die Pflicht vor. Und so war er als Skelett immer noch auf der Erde und beriet heutzutage Hexenschulen in Sachen Disziplin und Zeitmanagement.

„Hallo, Lieutenant Bones“, sagte Elli, während das Gerippe zackig vor ihr salutierte. „Entschuldigen Sie die Unordnung, aber es ist etwas schiefgegangen ...“

„Guten Abend, Fräulein Elli“, schnarrte Bones. „Woll’n mal doch sehen, was wir da machen können. Alles eine Frage der Planung und Organisation, junge Dame.“ Mit den knochigen Armen auf dem Rücken betrat er das Haus und blickte sich in dem Chaos um. „Vermute, Sie wollen Plätzchen backen? Ist denn die Truppe schon vollzählig angetreten?“

„Äh, nein, Sie sind der Erste.“

„Gut, gut“, nickte Lieutenant Bones. „Dann haben wir noch ein wenig Zeit, um uns anders aufzustellen und den Feind genauer in den Blick zu nehmen. Was macht der Tross?“

„Die Versorgung ist derzeit noch halbwegs sichergestellt, Sir“, krächzte der Rabe mit an den Kopf gelegten Federspitzen des rechten Flügels, bevor Elli antworten konnte. „Sofern die Hausherrin nicht auch noch den Rest der Lebensmittel in Raketen oder grünen Schleim verwandelt.“ Die letzten Worte verloren sich in belustigtem keuchendem Krächzen.

Lieutenant Bones‘ Schädel drehte sich zu Elli und starrte sie aus seinen leeren Augenhöhlen vorwurfsvoll an: „Fräulein Elli, haben Sie eine Aufstellung Ihrer Lagerbestände? Bitte händigen Sie mir diese aus.“

Aufstellung? Lagerbestände? Elli hatte keine Aufstellung. Sie wusste so ungefähr, was in ihrer Vorratskammer war, und wenn etwas aus war, flog sie auf einem ihrer Besen zum Einkaufen. Aber eine Aufstellung? Wozu? Und überhaupt, dachte sie, wie konnte man als Skelett eigentlich ohne Augen gucken?

Ihre Überlegungen wurden durch die Ankunft des nächsten Gastes unterbrochen. Sigismund von Schreckenfels war eingetroffen und bemühte sich verzweifelt, durch Anklopfen auf sich aufmerksam zu machen. Doch da er ein Geist war, konnte er nichts berühren. Außer die Bekleidung, die er getragen hatte, als er zum Geist geworden war. Und so war sein Anklopfen eher wie das Winken einer durchscheinenden Hand durch die Eingangstür. Er hätte auch einfach durch die Tür schweben können, doch er war ein Geist von tadellosem Benehmen, und er wäre niemals ohne Aufforderung hereingeschwebt.

Elli öffnete die Tür: „Sehr verehrter Herr von Schreckenfels, treten Sie doch bitte ein!“

Der Geist nahm seinen großen Hut mit den noch größeren Federn ab und verneigte sich tief: „Es ist mir eine Ehre, sehr verehrte Jungfer Elli. Ich möchte keineswegs unverschämt anmuten, wenn ich mir dennoch erlaube, Ihnen zu sagen, wie bezaubernd Sie aussehen.“

Elli merkte, dass sie wieder errötete. Sigismund von Schreckenfels war fast 400 Jahre alt, aber sein Charme hatte sich bestens gehalten.

„Wäre es mir möglich gewesen, Jungfer Elli, hätte ich mir auch erlaubt, Ihrer Lieblichkeit ein Sträußlein Blumen zu überreichen. Nur, es ist Winter, und außerdem ...“, traurig streckte er seine Hände vor, mit denen er nichts greifen konnte. Und dann verneigte er sich abermals und wedelte mit seinem großen Hut durch die Luft, bevor er in den Raum schwebte und sich interessiert umschaute: „Jungfer Elli, haben Sie umdekoriert? Möhren an der Decke? Und warum glimmt Ihr Küchentisch? Ich gebe zu, nicht alles in der neuen Zeit werde ich verstehen.“

Anaximander öffnete seinen Schnabel, doch ein mahnender Blick Ellis ließ ihn schweigen. Wehe, warnte sie stumm, oder du kannst dich nach einer neuen Unterkunft umschauen!

Ehe sie die Tür schließen konnte, war ein weiterer Gast eingetroffen. Madame Arachnia, die Spinne, krabbelte über die Schwelle, winkte mit ihrem ersten Beinpaar und blinzelte mit allen acht Augen: „Guten Abend, Elli-Kindchen. Wie freue ich mich, bei dir zu sein.“ Aus einem Beutel zog sie ein zusammengefaltetes Blatt hervor und überreichte es der Gastgeberin.

„Danke schön“, sagte Elli artig und wagte nicht, das Blatt aufzufalten. Madame Arachnias Geschenke waren stets äußerst ungewöhnlich.

„Ooooh“, machte die Spinne, nickte den anderen Anwesenden zu und flüsterte dann: „Das ist etwas ganz Besonderes. Das Blatt habe ich in einer Neumondnacht gepflückt und mit Wasser benetzt, das aus einer Quelle stammt, die in der ersten Adventsnacht, außer in Schaltjahren, da in der Nacht vor der ersten Adventsnacht, besondere Kräfte besitzt.“ Verschwörerisch nickte sie. „Oh ja, Kindchen, und wenn du Blatt und Wasser zusammenführst und dann vierzehn Tage aufbewahrst, dann hast du den Weg zur ewigen Jugend!“

„Ewige Jugend?“, schnarrte Lieutenant Bones und klapperte mit seinen Knochen. „Schauen Sie mich an, Verehrteste. Oder Herrn von Schreckenfels.“

„Sie beide hätten mehr auf mich hören sollen, dann würden Sie auch gesünder aussehen“, gab Madame Arachnia pikiert zurück. „Elli-Kindchen, hör nicht auf die beiden. Achte auf deine Ernährung. Wenn du nicht so enden möchtest, dann fügst du, das ist etwas problematisch im Winter, nach vierzehn Tagen eine frische, selbst geerntete, mit der linken Hand in Scheiben geschnittene Mohrrübe hinzu, ...“

„Selbst geerntete Mohrrübe? Kein Problem, die haben wir ab sofort unter unserem Dach ganzjährig im Angebot“, meldete sich Anaximander vom Schrank aus.

„... und in der Neujahrsnacht bereitest du alles mit biologisch angebautem Spinat zu. Du wirst sehen, Elli-Kindchen, deine Haut bleibt zart und weich, und deine innere Energie wird für ein ganzes weiteres Jahr aufgeladen.“

Elli war sprachlos. Wo bekam sie biologisch angebauten Spinat im Winter her? Musste sie den auch selbst ernten? Aber sie dankte der Spinne nochmals für ihr Adventsgeschenk.

„Wer ist denn noch geladen?“, fragte Sigismund von Schreckenfels.

„Die weiteren Gäste kommen erst, wenn es richtig Nacht ist“, antwortete Elli. Und sie musste ihren Besuchern gestehen, dass das Plätzchen-Essen nicht stattfinden konnte, da sie noch keine Plätzchen hatte. Und dass sie nun traurig sei, dass ihre Gäste nichts zu essen hatten und dass sie so auch kein Geld für die Kinder morgen auf dem Adventsbasar der Kirche sammeln konnte.

„Organisation“, schnarrte Lieutenant Bones, „alles nur eine Frage der Organisation.“

Mitleidig neigte Sigismund von Schreckenfels seinen Kopf zur Seite: „Jungfer Elli, mit Verlaub, ich erinnere mich an Gertrude, die Köchin auf der Burg meines Vaters. Und sie konnte wundervoll backen. Sie machte die besten Weihnachtsplätzchen, die es gab.“ Sehnsüchtig zog der Geist Luft durch die Nase. Oder tat zumindest so, da er die Luft nicht einsaugen konnte. „Auch nach so vielen Jahrhunderten erinnere ich mich an ihren Duft.“

„Das hilft mir aber nicht“, antwortete Elli, „es sei denn, Gertrude ist auch ein Geist. Wir brauchen doch das Rezept. Ich glaube, der einzige Weg ist, wenn ich es noch einmal mit Zaubersprüchen ...“

Die Reaktion aller Anwesenden war eindeutig, und Madame Arachnia führte die Gedanken der Besucher zusammen: „Es mag sicherer sein, wenn wir es auf die übliche Art machen.“ Und sie fügte hinzu: „Und so ist es dann auch ökologisch-nachhaltig.“

Sofort entstand geschäftiges Treiben. Sigismund von Schreckenfels zählte die Bestandteile von Gertrudes Rezept auf. Allzu oft hatte er in der Küche der Burg gehockt, wenn sie die Plätzchen buk, um schon vorher Teig zu naschen. Elli wog die Zutaten ab, Anaximander öffnete die Eier mit seinem Schnabel, Madame Arachnia griff nach zwei Kochlöffeln und begann kraftvoll zu rühren. Lieutenant Bones schritt wichtig zwischen den anderen auf und ab und ließ von Zeit zu Zeit Anweisungen zur disziplinierteren Vorgehensweise erschallen.

Bald schon hatten sie einen leckeren Teig erstellt, den Sigismund von Schreckenfels mehrfach versuchte zu kosten, doch sein Finger glitt wieder und wieder einfach nur durch die Schüssel. Lieutenant Bones vermeldete, während ihm Teig von den Kieferknochen tropfte: „Ausgezeichnet. Wirklich ausgezeichnet. Hätten wir damals im Ersten Weltkrieg eine derartige Verköstigung gehabt, wir hätten nur gegessen und nicht gekämpft!“

Elli holte die Ausstechförmchen, während Madame Arachnia den Teig auswalzte. Es waren ganz besondere Ausstechförmchen, denn es waren nicht nur Sterne, Weihnachtsbäume, Engel, Weihnachtsmänner und Schaukelpferde. Elli hatte auch Fledermäuse, Besen, Spinnen, Kröten, Zauberhüte und sogar – darauf war sie besonders stolz - einen Drachen. Sie hatte so viele Ausstechförmchen, dass sie ein ganzes Täschchen füllten. Schnell hatten die Freunde unzählige Plätzchen ausgestochen und nach und nach in den Backofen geschoben, während sie die nächsten Plätzchen herstellten. Lieutenant Bones stand zwischen Küchentisch und Ofen und gab den Takt des Ausstechens vor, indem er mit seinem Offiziersdegen gegen seine Stiefel schlug.

Und dann war der Moment gekommen, als die ersten fertigen Plätzchen aus dem Ofen genommen werden konnten. Elli hatte den Ofen geöffnet, und Sigismund von Schreckenfels schwebte durch sie hindurch, um das Ergebnis besser in Augenschein nehmen zu können.

„Hervorragend. Wenn sie so riechen und schmecken, wie sie aussehen, werden sie deliziös sein!“ Er wollte nach einem Topflappen greifen, um das Backblech aus dem Ofen zu ziehen, doch zu seiner Enttäuschung glitt seine Hand durch Topflappen und Tischplatte.

„Elli-Kindchen“, säuselte Madame Arachnia, „die Plätzchen duften wundervoll. Siehst du, so etwas geht nur mit Handarbeit und nicht mit Zauberei. Und das ist auch gesünder.“

„Insbesondere für die Anwesenden, damit sie nicht ins All geschossen werden“, meldete sich Anaximander aus dem Hintergrund.

Madame Arachnia war mit ihren Gesundheitsratschlägen noch nicht am Ende: „Wiewohl, ich muss anmerken, dass es den Kindern auch gut täte, weniger Plätzchen und mehr Obst und Gemüse zu essen.“

„Aber verehrteste Madame Arachnia“, wandte Sigismund von Schreckenfels ein und neigte höflich seinen Kopf in Richtung der Spinne, „wir haben doch Weihnachten. Da gehören Plätzchen einfach dazu.“

„Nun, da mag ich Ihnen zustimmen“, überlegte Madame Arachnia und ließ die Halskette mit den unzähligen bunten Glaskugeln klimpern. „Aber nur, weil Weihnachten ist!“

„Und deswegen sollen die Plätzchen ja auch etwas ganz Besonderes sein!“, ergänzte Elli. Sie griff nach einem frischgebackenen Plätzchen-Besen und kostete. Es war natürlich noch viel zu warm, aber es schmeckte umwerfend!

„Fräulein Elli, mehr Disziplin. Jedes jetzt gegessene Plätzchen kann nicht mehr verkauft werden“, mahnte Lieutenant Bones. „Ich erkenne auch ein gewisses Maß an undisziplinierter Nachlässigkeit in der Truppe.“ Das Skelett schritt durch die Küche und setzte seine knöchernen Füße besonders lautstark auf. „Nachlässigkeit vor Erreichen des Ziels gefährdet den Gesamterfolg!“

Einige Zeit später klopfte es an die Tür, und Elli konnte ihre letzten drei Gäste begrüßen. Zum einen die junge Schleiereule Tinchen Tano, die einen entzückenden Sprachfehler hatte, weil sie lispelte und so jedes „s“ als „th“ aussprach. Zum anderen die junge Fledermaus Freddy Flatter, immer aufgeregt und nervös. Zum dritten Graf Dragomir von Moarte.

„Es ist schön, dass Sie kommen konnten, hochverehrter Graf“, freute sich Elli und nahm ihm seinen dunklen Umhang ab.

„Aberrr das ist doch selbstverrrständlich, gnädiges Frrräulein.“ Niemand konnte ein „r“ derartig beeindruckend rollen wie Graf Dragomir. „Leiderrr warrr es mirrr nicht möglich, frrrüher zu errrscheinen. Sie wissen schon ...“ Der Graf griff nach Ellis Hand und beugte sich über sie zu einem formvollendeten Handkuss.

„Natürlich“, nickte Elli. „Wir wissen Bescheid.“

„Oh, es duftet herrrvorrrrrragend.“ Der Graf schaute sich um. „Ich hoffe, dass die Plätzchen keinen Knoblauch enthalten?“

„Aber nicht doch Herr Graf. Wie würde ich das einem meiner liebsten und ältesten Freunde antun?“

Dragomir von Moarte lächelte ihr zu, und seine beiden spitzen Vampir-Eckzähne kamen zum Vorschein. Inzwischen hatte Freddy Flatter versucht, eines der Plätzchen zu kosten und war von Lieutenant Bones vertrieben worden.

„Lecker, lecker, lecker“, hechelte die kleine Fledermaus. „Es riecht so lecker! Ein Plätzchen, bitte ein Plätzchen.“

Tinchen Tano war zu Madame Arachnia geflogen und bekam ein Plätzchen, von dem sie ein Stück abbiss. Ihre großen Eulenaugen wurden noch größer: „Dath itht thoooo lecker!“ Für einen Augenblick sah es so aus, als würde sie den Rest sofort aufessen, aber dann nahm sie ein Stückchen und flog zu Freddy Flatter, der vor dem Skelett geflohen war und nun aufgeregt am Dachsparren über dem Schrank hing. Tinchen Tano gab ihrem Freund einen Bissen, und er war begeistert.

„Die Plätzchen müssen noch ein bisschen abkühlen“, freute sich Elli, „aber es ist genug für alle da. Und auch für die Kinder morgen.“ Sie war so glücklich. Und sie war ihren Freunden dankbar, dass sie ihr geholfen hatten. Es waren die besten Freunde, die sie sich wünschen konnte.


7. Dezember: Nächtlicher Besuch (J&E)

Was war denn das für ein Geräusch? Genervt drehte sich Thomas auf die andere Seite und wagte einen Blick durch die leicht geöffneten Lider. Anscheinend war noch Nacht. Durch den schweren Vorhang vor dem Fenster fiel kein Licht. Regnete es? War das das Geräusch, das ihn geweckt hatte? Doch jetzt war alles still. Wer sollte ihn auch stören? Er lebte allein, schon lange, eigentlich fast sein gesamtes Leben als Erwachsener. Und das war auch gut so. Niemand störte ihn in seinen Gedanken. Er konnte sie sogar laut aussprechen. Keine Unterbrechungen, keine Rücksichtnahme, keine Kompromisse.

Sollte er einfach weiterschlafen? Oder lieber noch etwas arbeiten, wenn er schon einmal wach war? Wie spät war es eigentlich? Um die Uhrzeit erkennen zu können, müsste er sich wieder umdrehen. Stöhnend rollte er sich herum, gähnte, öffnete die Augen und erstarrte. Direkt vor seinem Bett hockte ein Wesen und trommelte mit den Fingerspitzen auf den Koffer, auf dem es saß.

„Na endlich! Das hat ja gedauert!“, beschwerte sich das Wesen.

Thomas rieb sich die Augen und schüttelte den Kopf.

„Du kannst dich ruhig trauen“, amüsierte sich das Wesen. „Ich bin da, leibhaftig und real. Auch wenn du morgen vielleicht denkst, du hättest von mir geträumt.“

„Das gibt es doch nicht“, sagte Thomas zu sich selbst. „Ich habe einfach in letzter Zeit zu wenig geschlafen. Ist ja auch kein Wunder, ne, bei dem, was ich alles zu tun habe. Ich bin Geschäftsführer. Ich bin ein sehr guter Geschäftsführer. Wenn ich nicht gewesen wäre, würde es die Firma schon lang nicht mehr geben. Angebote gab es viele. Wir wären geschluckt worden, weg, verschwunden, ne. Ein unbedeutender Teil eines großen Unternehmens. Niemand würde uns mehr kennen. Aber ich, ne, ich habe das verhindert. Und jetzt sind wir diejenigen, die schlucken. Ja, genau, wir die anderen, ne. Und wenn ich dann mal weiterdenke, ne, nehmen wir mal nur die nächsten zehn Jahre, dann sehe ich uns auf dem Weltmarkt. In zwei Jahren, ne, da wird es in Deutschland keine Firma mehr geben, die für uns noch eine Konkurrenz darstellen würde. Und dann denke ich mal weiter, ne, dann sind wir so aufgestellt, dass die herrschenden Prinzipien von …“

„Merkst du gar nicht, dass das, was du da lang und breit erzählst, außer dir keinen interessiert?“, unterbrach das Wesen den Redeschwall. „Mich nicht, ansonsten aber auch niemanden. Die anderen sind nur zu höflich, um dich zu unterbrechen.“

Verwirrt stoppte Thomas seinen Monolog. Für einen Moment war er sprach- und gedankenlos. Was sollte das bedeuten? Und was war das überhaupt für ein nächtlicher Besucher? Er war wach. Ein Traum konnte es nicht sein. Zum ersten Mal schaute er sich das Wesen genauer an.

Es war deutlich kleiner als er. Von der Größe eher wie ein Grundschulkind, zierlich und gleichzeitig stämmig. War es alt oder jung? Er konnte es nicht sagen. Noch nicht einmal, ob er einen Mann oder eine Frau vor sich hatte.

Das Wesen kicherte. „Wieso denken eigentlich alle das Gleiche, wenn sie mich sehen?“

„Was ...“

„Ja, ich kann hören, was du denkst. Gerade ist dein Gedankenfluss ein bisschen ins Stocken geraten, vor allem, wenn man deinen üblichen Maßstab zugrunde legt. Du möchtest also wissen, wer ich bin und warum ich dich denken hören kann. Oder um es in deinen Worten zu sagen: Das Wesen scheint komplex zu sein in seinen Eigenschaften, gerade wenn ich das Aussehen und das Alter betrachte, ne, dann muss ich feststellen, dass ich nicht genau eingrenzen kann, welches Geschlecht, und da denke ich erst einmal nur an die beiden althergebrachten Geschlechter und nicht an das, was andere jetzt noch meinen, was es geben müsste, ne. Äh, also da kennt man sich ja gar nicht mehr aus, ne. Aber selbst wenn ich das einmal außen vorlasse, dann kann ich trotzdem nicht mit Sicherheit sagen, was ich da so vor mir sehe, wobei ich auch in Zweifel ziehen muss, ob das, was ich denke zu sehen, auch wirklich real vorhanden ist, ne. Wenn ich da mal bedenke, dass ja durchaus auch angesichts der Uhrzeit und der Tatsache, dass ich gerade geschlafen habe, dass da ... Träume will ich jetzt gar nicht erwähnen. Ich träume nicht, jedenfalls glaube ich, dass das, was gemeinhin für Träume gehalten werden, nichts weiter als Wunschbilder des Gehirns sind, wobei das die Frage aufwirft, was mein Gehirn, wenn ich jetzt mal davon ausgehe, ne, dass das hier jetzt auch ein Wunschbild ist, denn etwas anderes kann es ja nicht sein. Ein Einbrecher würde sich nicht so verhalten. Das wäre absolut untypisch, wenn man bedenkt, ne, dass ein Ziel des Einbrechens, wenn ich mich jetzt mal versuche, mich in die Gedanken eines Einbrechers hineinzuversetzen, ne. Das ist ja so weit von mir entfernt. Ist Spekulation, ne, aber ich denke, ich kann es ganz gut erfassen. Dann will ich ja nicht gesehen werden, ne. Ich gehe also an ein unbeobachtetes Fenster, ne, also, so ein Zimmer an der Ecke, vielleicht noch verdeckt durch einen Busch. Und dann setze ich das Schneidegerät an und in 20 Sekunden bin ich drin. Dann drei Griffe zu Schubladen, ein Schrank in der Küche und dann bin ich weg, ne.“

Thomas hielt sich die Ohren zu und schüttelte wild den Kopf. „Aufhören! Was hat das denn damit zu tun, wer du bist?“

„Tja, das denken sich deine Mitmenschen auch häufiger“, grinste das Wesen. „Aber ich kann dich beruhigen. Ich bin kein Einbrecher. Und dass ich deine Gedanken hören kann, ist für mich auch ganz normal. Ich bin nämlich ein Engel. Um genau zu sein: Ein Engel für besondere Aufgaben. Ich bin zuständig für die besonders schweren Fälle. Insofern bin ich genau der Richtige für dich. Und noch etwas: Es ist übrigens ziemlich unhöflich, ständig zu denken, wenn jemand anders redet.“

„Aber …“

„Ich merke, dir hat es die Sprache verschlagen. Sehr gut. Dann hoffen wir mal, dass du mir dann auch zuhörst, was ich zu sagen habe. Und was ich dir zeigen möchte. Bist du bereit?“

Thomas fuhr sich hektisch durch die Haare, räusperte sich, richtete sich auf und stopfte sich das Kissen hinter den Rücken.

„Ich vermute mal, du bist bereit“, schlussfolgerte der Engel. „Okay, um die Form zu wahren: Ich bin Nathanael. Das ist zumindest seit den letzten 256 Jahren mein Arbeitsname. Davor war ich als Wolfgang Leopold Theophil Alexander Freiherr von Stetten auf der Welt. Ich bin – oder war – also ein Mann und hätte, wäre ich noch auf der Erde, vor zwölf Jahren meinen 300. Geburtstag gefeiert.“

„Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Wenn man dich so reden hört, könnte man annehmen, jedenfalls würde ich das denken, und vermutlich der Großteil ebenfalls, ne, äh, dass du in der Jetztzeit leben würdest.“

„Das nehme ich mal als Kompliment.“ Der Engel warf seinen Schal schwungvoll über die Schulter und setzte sich aufrecht hin. „Natürlich habe ich mich zu meiner aktiven Zeit auf der Erde noch anders ausgedrückt. Ich bin aber lernfähig. Wenn ich gerade Pause habe, setze ich mich gern auf einen Schulhof, auf Spielplätze oder Skaterbahnen. Du glaubst gar nicht, was man da so alles hört. Unglaublich faszinierend! Solltest du auch mal hingehen.“ Nathanael wackelte mit dem Zeigefinger vor Thomas’ Gesicht hin und her, lächelte allerdings dabei. „Aber ich schweife ab. Wobei, eigentlich gar nicht, wenn ich es richtig bedenke. Thema: Zuhören. Das ist auch bei dir ein wichtiger Punkt.“ Nathanael blickte Thomas intensiv an. „Wobei, ich muss lobend erwähnen, dass du in den letzten Minuten deutlich weniger dazwischen gedacht hast. Das ist ein großer Fortschritt im Vergleich zu dem, was mir meine Kollegen berichtet haben.“

„Deine Kollegen? Was soll das heißen? Bist du, wenn ich das richtig verstehe, also nicht … äh … der erste Gast, der mich hier in der Nacht an meinem Bett aufsucht?“

„Ich kann dich beruhigen.“ Nathanael lächelte. „In der Nacht bin ich der Erste. Meine Kollegen waren alle tagsüber unterwegs. Und sie haben sich dir auch nicht zu erkennen gegeben. Das dürfen nur wir Engel für besondere Aufgaben. Es ist der letzte Versuch, einen Menschen auf den richtigen Weg zurückzubringen.“

„Und warum bist du, oder vielmehr, wie kommen, ich sag mal, deine Kollegen und du, ne, oder euer Oberboss, falls ihr so etwas habt, auf die Idee, äh …, dass ausgerechnet ich ein Kandidat sein sollte, der auf den rechten Weg, wie ihr so sagt, ne, zurückgebracht werden sollte? Habt ihr nicht gesehen, was ich …. Doch bestimmt, ihr seid ja allwissend!“, spottete Thomas. „Jedenfalls sagt man doch so, ne, über euch himmlische Wesen. So eines bist du doch, ne?“

„Na, na, na, kein Grund, sich hier über andere zu erheben!“ Nathanael erhob mahnend den Zeigefinger und wirkte längst nicht mehr so entspannt wie zu Beginn des Gesprächs. „Da sind wir genau bei deinem Punkt: Du glaubst, etwas Besseres zu sein. Nein!“, hob er die Hand, „jetzt hörst du mir erst einmal zu. Und zwar bitte kommentarlos. Deine Gedanken in abgehackten Sätzen sind echt anstrengend, wenn ich das mal ganz salopp so sagen darf.“ Der Engel seufzte. „Wo war ich? Ach ja, der Punkt, den ich nennen wollte: Du umgibst dich gern mit Menschen, denen du dich überlegen fühlst. Menschen, die nicht ihre gesamte Energie auf sich selber verwenden. Menschen, die auch mal auf ihren eigenen Vorteil verzichten und dadurch angreifbar werden. Dafür haben sie etwas, was dir komplett fehlt: Empathie, Mitgefühl, Nächstenliebe, Wärme. Das ist die eine Gruppe. Und dann sind da noch diejenigen, die sich von dir einen Vorteil erhoffen. Schleimer, Emporkriecher, Menschen wie du. Stets auf den eigenen Vorteil bedacht. Und dafür geht ihr über Leichen.“

Thomas richtete sich empört auf. „Das ist frech!“ Er schnappte nach Luft. „So eine ungeheuerliche Behauptung, ich würde, also, im Ernst, das kann doch nicht. Noch nie habe ich jemanden körperlich geschädigt. Geschweige denn, was du hier, ne, einfach so behauptest … Ich sorge für meine Mitarbeiter. Ich arbeite hart, dass es der Firma gut geht. Und geht es der Firma gut, ich muss sogar sagen, in den letzten Jahren haben wir uns exzellent aufgestellt, so dass man nicht mehr nur von gut, ne, reden kann, sondern eher in einer Weise, die beeindruckend ist. Das ist aber nur möglich, wenn man sich, ne, mit dem richtigen Wissen versorgt, ne. Das ist nicht in der Bildzeitung zu lesen. Das ist nur …“

„Stopp! Ich habe es verstanden. Du bist allwissend und großartig. Und nur du verstehst die Zusammenhänge des großen Ganzen. Aber“, Nathanael richtete sich auf, „was dabei auf der Strecke bleibt, das siehst du nicht. Und dafür bin ich heute hier.“

„Du bist also der Geist der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht?“ Thomas lachte höhnisch. „Reisen wir jetzt durch die Zeit und du zeigst mir auf verschiedenen Stationen meine, wie du so sagst, ne, Verfehlungen?“

„Auch wir sind inzwischen moderner geworden.“ Nathanael schien zu überlegen, ob er die letzten Äußerungen noch weiter kommentieren sollte, beließ es dann aber dabei. „Auch wir sind inzwischen im digitalen Zeitalter angekommen.“ Nathanael erhob sich und holte ein Pad aus seinem Koffer. „Wir reisen nicht in Zeittunneln mit verschiedenen Abzweigungen. Wir holen uns die Vergangenheit und Zukunft aufs Tablet.“

Der Engel schaltete das Pad ein, tippte darauf herum und ließ es dann sinken. „Bereit für deine Zukunft?“

Thomas lachte. „Auf jeden Fall. Wenn ich das jetzt schon sehe, was mich später so erwarten wird, in der Zukunft und so, dann kann ich mich ja, wie man so sagt, schon darauf freuen, ne. Vorfreude soll ja die schönste Freude sein. Was ich allerdings noch nie so ganz verstanden habe. So richtig schön ist es ja doch erst, wenn wirklich eintrifft, was man vorher erwartet hat, ne. Wenn man sieht, dass man richtig gelegen hat.“

Nathanael hob die Augenbrauen. „Ob du wirklich Grund hast, dich darauf zu freuen, da bin ich mir ja noch nicht so sicher. Aber sieh selbst: Deine Zukunft. So, wie sie sein wird, wenn du nichts änderst.“

Der Engel startete ein Video und hielt das Tablet so, dass auch Thomas einen guten Blick darauf hatte. Auf dem Bildschirm erschien ein prachtvolles Haus. Weiße Fassade, klare Architektur mit großen, dunklen Fenstern, umgeben von einem gepflegten Garten. Die Hecke war akkurat zurückgeschnitten, die kleinen Bäume hatten einen Winterschutz, und auf den Beeten lagen Tannenzweige.

„Dann wollen wir doch mal sehen, was du so machst“, kommentierte Nathanael. Das Video zoomte auf das Haus, die Tür sprang auf und der Betrachter befand sich im Wohnzimmer. Es war in schwarz-weiß gehalten. Edle Ledersofas standen U-förmig in der Fensterecke, davor ein weißer Glastisch, auf dem ein Adventsgesteck mit einer künstlichen Kerze stand. Nichts lag herum. Jeder Platz schien sorgsam ausgewählt. Selbst die Fernbedienung steckte ordentlich in einem Organisationshelfer, der an der Sofalehne befestigt war. Auf dem Platz daneben, direkt an der Ecke des Sofas mit Blick auf den Fernseher, saß ein Mann mit etwas zu langen grauen Haaren, Seitenscheitel und Hörgerät. Seine Schultern waren hingen nach vorn und bildeten einen leichten Buckel. Im Gegensatz dazu standen seine Füße, die in Filzpantoffeln steckten, exakt nebeneinander auf dem Fußboden.

Eine Frau kam ins Zimmer und zog sich im Gehen eine Jacke über. „Ich gehe jetzt. Ich wünsche Ihnen einen guten Rutsch, Herr Ernst.“

„Das bin ja tatsächlich ich“, flüsterte Thomas. „Das Haus gefällt mir. Das wirkt so, ich muss schon sagen, edel, ne, also, da könnte ich es wohl schlechter getroffen haben, wenn ich das so sehe.“

„Du kannst ruhig laut reden“, amüsierte sich der Engel. „Wie du vielleicht bemerkt hast, betrachten wir ein Video.“

Die Frau hatte inzwischen das Haus verlassen. Der alte Thomas saß auf dem Sofa und blickte in die Kerzenflamme.

„Ich kann das hier mal ein bisschen schneller laufen lassen“, stellte Nathanael fest und erhöhte die Abspielgeschwindigkeit. „Hier passiert in den nächsten Stunden nicht viel.“

Tatsächlich blieb der Mann in nahezu unveränderter Position sitzen. Mal beugte er sich vor, um einen Schluck aus dem Wasserglas zu nehmen, das vor ihm auf dem Tisch stand, mal griff er nach der Zeitung, die ebenfalls im Organizer steckte. Währenddessen wurde es draußen dunkel. Im Zimmer tauchte eine indirekte Beleuchtung den Raum in ein stimmungsvolles Licht.

„Das ist alles programmiert“, erklärte Nathanael, als er Thomas’ fragenden Blick bemerkte. „Du musst nichts mehr machen.“

„Das gefällt mir! Wenn ich überlege, wieviel Zeit man sparen kann, wenn man nicht mehr jedes Mal zum Lichtschalter gehen muss, wenn man das Licht ein- oder ausschalten will, ne, wenn ich bedenke, das sind am Tag, wenn ich es jetzt mal so überschlage, bestimmt, ach, wenn ich schon allein morgens denke, gerade im Winter, wenn es noch dunkel ist. Da fallen mir das Schlafzimmer, auf dem Weg ins Bad noch der Flur, dann die Küche und das Wohnzimmer ein. Wenn ich jedes Mal das Licht an- und natürlich auch, wenn ich den Raum wieder verlasse, denn das sollte man ja, aus Energiespargründen, ne, dann sind das allein in diesen Räumen am Morgen neun Mal, wenn ich davon ausgehe, dass ich mich im Wohnzimmer erst einmal ein bisschen aufhalte, ne, denn ich bin ja dann im, wie sagt man so, verdienten Ruhestand, ne.“ Thomas lachte. „Und es heißt ja Ruhestand, ne, und nicht … äh … Lichtschalterweg oder so, ne.“

Der Engel sah den Mann vor sich im Bett mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Wenn du meinst.“

„Na klar, das ist doch unglaublich praktisch, ne, das kann man ja sehen. Ich musste mich keinen Zentimeter bewegen, ne, und trotzdem wechselt das Licht. Was das alles für Möglichkeiten freisetzt, ne.“

Der Engel ließ die Feststellung unerwidert und reduzierte stattdessen wieder die Abspielgeschwindigkeit.

„Oh, jetzt passiert etwas!“ Thomas beugte sich interessiert vor.

Sein altes Ich griff nach der Fernbedienung und richtete sie auf den Fernseher. Auf dem Bildschirm erschienen zwei Moderatoren, die Sektgläser in die Kamera hielten. Sie zählten den Countdown mit, der als überdimensional große Zahlen eingeblendet wurde. Am Ende stießen sie gemeinsam an, und das Fernsehbild wechselte. Leuchtende Raketen schossen in den Himmel und bildeten immer neue glänzende Bilder. Der alte Mann nickte, stellte den Fernseher wieder aus und blickte in das flackernde Licht der Adventskerze.

„Warum sitze ich an Silvester allein zu Hause“, wunderte sich Thomas. „Ich wollte doch immer verreisen, nach Neuseeland, oder durch Südamerika, oder Kanada. Natürlich nicht als Pauschaltourist, ne, da sieht man ja gar nichts vom Land und von den Leuten, wobei, ne, sicherer wäre es schon. Mir sieht man ja schon an, ne, wenn ich da so unterwegs bin, dass ich nicht ganz unvermögend bin, ne. Und da wäre eine Kreuzfahrt schon ungefährlicher.“

„Du sitzt zu Hause, weil du dich kaum noch bewegen kannst.“ Nathanael zeigte auf zwei Griffe, die hinter der Sofalehne zu sehen waren. „Siehst du das? Das ist dein Rollator. Ohne dieses Hilfsmittel würdest du noch nicht einmal vom Sofa bis ins Bett gelangen. Das Schlafzimmer ist übrigens direkt neben dem Wohnzimmer, damit du nicht so weit laufen musst. Seit deinem Schlaganfall vor drei Jahren ist dein linkes Bein nur noch teilweise belastbar. Doch das kannst du dir nicht eingestehen. Deshalb steht der Rollator auch hinter dem Sofa. Du verrenkst dich lieber, um ihn hervorzuziehen, als dass er sichtbar im Zimmer steht. Natürlich, das Kochen, Putzen und Einkaufen übernimmt Frau Raikowitsch, die nette Dame, die du vorhin gesehen hast. Sie ist aber auch die einzige, die das Haus betreten darf. Der Gärtner bekommt immer von ihr die Aufträge und hat die Türschwelle noch nie übertreten.“

Thomas grübelt. „Bekomme ich Besuch? Von meinen Arbeitskollegen zum Beispiel. Da ist doch der Martin, mit dem ich jeden Donnerstag zum Tennisspielen gehe.“

„Ja, der Martin …“, Nathanael nickte und stoppte das Video. „Den gibt es ja auch noch. Möchtest du sehen, was er so in der Zukunft macht?“

„Jetzt kommt bestimmt ne arme Familie ohne Geld zum Feiern“, spottete Thomas. „Kennen wir doch, ne? Und damit willst du mein Mitleid wecken, weil ich natürlich, ne, irgendwas in der Vergangenheit gemacht habe, ne, was sie arm gemacht hat. Bestimmt habe ich ihn vor die Tür setzen müssen, aber wenn es so gewesen sein sollte, ne, dass ne Kündigung notwendig wurde, denn das habe ich ja gemeint, falls du die Redewendung noch nicht kennst, wer weiß das schon, ne. Wenn ich jemanden entlasse, habe ich immer einen triftigen Grund dazu, das ist natürlich klar!“

„Dann schauen wir doch mal, ob du recht behältst“, schmunzelte Nathanael, zoomte, ließ das alte Video verschwinden, tippte eine kryptische Zahlen-Buchstaben-Kombination ein und startete ein neues Video. „Martin mit seiner Familie. Am gleichen Silvesterabend in der Zukunft.“

Ein blaues Haus erschien auf dem Bildschirm, davor ein Jägerzaun mit einem Rosenbogen über dem Gartentor. Schräg vor dem Haus stand eine große Tanne. An der anderen Seite des Hauses grenzte eine hohe Hecke das Grundstück zum Nachbarn ab. Im Erkerfenster im ersten Stock stand ein Windlicht mit einer flackernden Kerze, und der Carport wurde von einer Lichterkette eingefasst. Die Haustür, an der ein Adventskranz hing, schwang auf und führte die Betrachter durch den Flur in das Wohnzimmer. Im Kamin knisterte ein Feuer. Die Wärme war fast durch das Video spürbar. Auf dem Couchtisch stand ein halb aufgegessenes Käsefondue. Die Bewohner beachteten es nicht mehr. Drei von ihnen saßen auf dem Sofa und starrten auf den Hausherrn, der mit Gesten versuchte, einen Begriff verständlich zu machen. Was die anderen rieten, konnte Thomas nicht hören. Nathanael hatte den Ton ausgestellt.

„Und, sieht so eine verhärmte, unglückliche, arme Familie aus?“

Thomas schüttelte den Kopf und blickte nachdenklich auf das Tablet. Sein alter Freund ging gerade lachend zum Sofa zurück und klatschte sich mit seiner Frau ab. Ein jüngerer Mann stand auf und griff in eine Schale mit Zetteln. War das der Sohn? Thomas erinnerte sich vage, dass Martin einmal etwas von einem Kind erzählt hatte. Doch ob das ein Junge oder ein Mädchen gewesen war, konnte er nicht mehr mit Sicherheit sagen. Vielleicht war ja auch die Frau, die sich gerade von einem gähnenden Mädchen ein Bild zeigen ließ, die Tochter. Obwohl, die Ähnlichkeit war beim Mann eher vorhanden.

„Ich wusste gar nicht, dass seine Frau noch lebt“, sprach Thomas den Gedanken aus, der ihm im Kopf herumspukte. „Sie war krank und irgendwie dachte ich immer …“

„... dass sie gestorben ist, ich weiß“, ergänzte der Engel. „Thomas hat dir damals von seiner Verzweiflung erzählt. Von ihrer Krankheit, dass keine Therapie anschlagen wollte. Und weißt du noch, was du geantwortet hast?“

Thomas schüttelte den Kopf.

„Du hast gesagt: Wir sind hier beim Tennis. Und weißt du, was der Sinn hier ist, ne? Doch ganz bestimmt nicht, nach den Problemen in der Arbeit, für die wir nach langem Ringen wirklich erfolgreiche, ja geradezu bahnbrechende Lösungen gefunden haben, ne, wie schon bald auch der Letzte erkennen wird, jetzt hier die nächsten Probleme zu wälzen, für die es keine Lösung gibt. Wir sind hier, um den Kopf frei zu bekommen. Und wenn du mit dem Kopf ohnehin zu Hause bist, denn das scheinst du ja zu sein, wenn du die ganze Zeit von deiner Frau und ihren Therapien erzählst, ne, dann kannst du das nächste Mal auch deinem Kopf folgen und nach Hause gehen“, zitierte der Engel den etwas jüngeren Thomas. „Das war vor zwei Jahren. Danach seid ihr nie wieder gemeinsam beim Sport gewesen. Du hast dir andere Tennispartner gesucht, die weniger geredet haben und dir geduldiger zugehört haben. Martin hat nie wieder von seiner Frau erzählt. Und du hast nicht gefragt.“

Nathanael schaute zu dem Mann, der zusammengesunken auf dem Bett hockte und das Standbild auf dem Tablet anstarrte. Es zeigte Martin und seine Frau. Beide lachten, weil das Mädchen eine Luftschlange auf sie pustete.

„Ich habe niemanden?“, fragte er schließlich den Engel.

„Niemanden“, bestätigte dieser. „Niemand kommt zu dir, ohne dafür bezahlt zu werden.“

„Dann kann mich auch wenigstens keiner stören. Unterbrechungen in Gedanken sind, wie du sicherlich ja schon in deinen Vorbereitungen gemerkt hast, ne, denn man wird dich ja nicht ohne Briefing auf mich losgelassen haben und du hast ja schon von Kollegen erzählt, ne, die bei mir waren. Ich bin auf dem Weg zur Vollkommenheit. Und wenn ich dann so abends dasitze, mit Wasser oder mal auch mal einem Gläschen Wein, ne, bei Kerzenschein, ganz so, ne, wie man sich das vorstellt, dann ist das in Ordnung.“ Selbstzufrieden lehnte Thomas sich zurück.

Nathanael sah ihn an. „Weißt du, wie alt du in dem Video bist?“

Thomas zuckte mit den Schultern. „Schwer zu sagen. Wenn ich jetzt mal bedenke, dass ich gute Erbanlagen habe, mein Großonkel, ne, der ist 102 geworden, und meine Tante, Tante Margot, ne, die lebt zwar in einem Pflegeheim, aber erst letzte Woche hat sie einen neuen Rekord aufgestellt, ne. Ihre bekannte Strecke, oben, der Gang, einmal um den Innenhof herum, ne. Ich sage dir, die Frau war besser unterwegs als in ihren besten Zeiten. Eine Minuten und 25 Sekunden, ne, für den ganzen Weg. Da war sie bisher nur ein Mal schneller, aber das ist schon Jahre her. Wenn ich das also mal für mich überdenke, ne, dann rechne ich schon damit, dass ich die nächsten dreißig oder vierzig Jahre noch aktiv unterwegs bin, Reisen, Bildung, ne, ...“

„Ich will es dir sagen“, unterbrach Nathanael den Redefluss. „Im Video bist du 68 Jahre alt. Das, was ich dir vorhin gezeigt habe, erlebst du morgen in zwanzig Jahren. Du führst mit 68 Jahren das Leben eines 90jährigen, der Tag für Tag nur darauf wartet, dass es Zeit ist zum Schlafengehen. Wenn du nichts änderst.“

„Aber was kann ich denn ändern? Hast du die Macht, einen Schlaganfall zu verhindern?“, fuhr Thomas auf. „Eins, zwei, drei, hex-hex? Ach ne, ihr seid ja eher auf der Schiene Herr, bitte hilf und heile diesen Kranken, ne? Amen.“

Nathanael schüttelte den Kopf und atmete tief durch. „Nicht ich habe die Macht. Du allein kannst etwas ändern. Ich kann dich nur darauf aufmerksam machen. Was du daraus machst, ist deine Sache.“

Der Engel tippte einen neuen Code ein und drehte das Tablet zu dem Mann im Bett. Der schrak zurück.

„Was ist das?“

„Das bist du, in ungefähr anderthalb Jahren. Du warst bei einem Kunden und hast dort einen Schwächeanfall erlitten. Du bist einfach zusammengebrochen, mitten im Gespräch. Der Kunde hat einen Krankenwagen gerufen und dich ins Krankenhaus bringen lassen, trotz deines Protestes. Du warst schon wieder bei Bewusstsein und hast heftig protestiert. Deine Mitarbeiter hätten dem wahrscheinlich stattgegeben. Dein Kunde hatte aber Sorge um deine Gesundheit …“

„... wohl eher um seinen guten Ruf. Wer will schon von sich hören, dass dort Kontaktpersonen in der Firma zusammenbrechen.“

„Wie auch immer“, stellte der Engel fest. „Tatsache ist, dass du untersuchst wurdest. Und der Chefarzt im Krankenhaus hat dich gewarnt. Du betreibst Raubbau an deinem Körper. Bluthochdruck, Übergewicht, auch durch die vielen Arbeitsessen bis weit in den Abend hinein, der dauerhafte Stress. Wenn du dein Leben so fortführen würdest, würde dein Körper irgendwann die Notbremse ziehen. Du solltest dir, so sein Fazit, den Warnschuss zu Herzen nehmen, und dir ein Leben außerhalb der Arbeit aufbauen.“

Nathanael wechselte die Anzeige und und zeigte auf ein Standbild des alten Thomas in seinem Wohnzimmer. „Wenn du dir dies jetzt anguckst, was vermutest du? Hast du auf den Arzt gehört?“

„Wohl eher nicht“, gab Thomas zu.

„Und ich möchte dir noch etwas zeigen“, ergänzte der Engel. „Aber dafür legst du dich bitte schon wieder hin, damit du dabei einschlafen kannst.“

Thomas rutschte nach unten und legte sich widerspruchslos auf die Seite. Seine Augen fühlten sich plötzlich ganz schwer an.

„Es ist gibt nicht nur einen Abzweig im Leben. Dein Weg hat lauter kleine Verästelungen. Täglich triffst du Entscheidungen und mit jeder Entscheidung, mag sie auch noch so klein sein, bestimmst du deine weitere Richtung. Manche Wege verlaufen fast parallel zu deinem bisherigen Weg, andere beschreiben einen Bogen. Wohin du gehst, bestimmst du, jeden Tag aufs Neue.“

Nathanael öffnete eine neue Datei und drehte das Tablet zu Thomas. „Du hast vorhin selbst von deiner Tante erzählt, die im Pflegeheim lebt. Doch dort war sie nicht immer. Früher hat sie allein einen ganzen Hof bewirtschaftet, hat die Aufsicht über die Arbeiter geführt, hat den Hofladen betrieben und im Winter Wollprodukte hergestellt. Wusstest du, dass sie mal das Gesicht ihrer Region war? Auch die Pressetermine hat sie mit Bravour gemeistert. Erinnerst du dich an den Hof?“

„Dunkel. Ich war als Kind ein paar Mal in den Sommerferien dort.“

„Ich kann dir sagen: Du fandest es wunderbar! Sie hat dir ganz viele Freiheiten gelassen, und du hast ihr Vertrauen nicht missbraucht. Doch davon sprichst du schon lang nicht mehr. Mein letztes Video ist eine Vision. Ein Vorschlag von mir, eine Idee, ein Traum. Mach damit, was du möchtest. Ich habe getan, was ich konnte.“

Nathanael startete das Video und hockte geduldig auf seinem Koffer, das Tablet in seiner Hand.

---

Am nächsten Morgen erwachte Thomas und schüttelte ungläubig den Kopf. Er hatte geträumt, eine Tatsache, die er schon länger verleugnete. Er träumte nicht. Das gab es gar nicht. Doch dieser Traum fühlte sich fast real an. Er war im Pflegeheim gewesen, wie an jedem Sonntag. Doch im Traum war er nicht mit seiner Tante auf dem Flur unterwegs gewesen, ungeduldig, weil sie schon wieder nach ein paar Schritten stehen blieb. Sie hatten zusammen im Garten gesessen, in der Rosenlaube, die er bisher in der Realität nur vom Fenster aus gesehen hatte. Eine Kanne mit Tee hatte auf dem Tisch gestanden, daneben eine Schale mit Plätzchen. Und seine Tante hatte erzählt, von früher, von ihren Eltern, von ihren Geschwistern, von ihm als Kind, von ihrem Leben. Ihr Gesicht hatte gestrahlt und er hatte ihr sogar ein bisschen zugehört. Wirklich zugehört. Zumindest teilweise. Zwischendurch hatte er sich schon gefragt, ob sie es nicht auch beim Laufen erzählen könnte. All die Meter, die jetzt fehlten … Da würde er nächsten Sonntag dann, wenn er wieder da wäre, dringend etwas nachholen müssen. Wobei, zu sitzen hatte auch seine Vorteile. Da war ja auch noch die Pflegerin gewesen, die gekommen war, um seine Tante an die Tabletten zu erinnern. Hatte sie ihm zugelächelt? Thomas schüttelte den Kopf. Es war ja nur ein Traum. Aber was wäre, wenn der Traum wahr werden könnte?


8. Dezember: Die Weihnachtswichtel (K)

„Und dann haben wir ja auch noch unseren Adventskalender!“ Katja hielt den kleinen Koffer mit den aufgeklebten Glitzersternen in die Höhe. Die Kinder der Bärengruppe saßen vor ihr im Halbkreis auf dem Teppich im Gruppenraum: Ben, Ole, Lilli und Anna, die Zwillinge Janne und Matti, Emir, Leyla, Ali, Emily und Jason. Die kleine Emma hatte wieder ihren Lieblingsplatz auf Liahs Schoß ergattert, und daneben kuschelte sich Vincent an seine große Schwester Amelie.

„Wer weiß denn, welche Zahl heute dran ist?“

Sofort schossen mehrere Hände in die Höhe. Emir folgte zögerlich.

„Ja?“ Katja nickte ihm lächelnd zu. „Welche Zahl war es denn heute bei dir?“ In der Bärengruppe hatten alle Kinder auch zu Hause einen Adventskalender. „Möchtest du sie mir zeigen?“

Emir stand auf und zeigte auf den Stern mit den zwei Bäuchen. „Die da.“

„Ja, genau!“

Emir strahlte und setzte sich wieder auf seinen Platz.

„Und wer weiß, wie die Zahl heißt? Ja, Anna?“

„Das ist die Acht. Und morgen ist dann die Neun dran.“

„Super!“ Katja lächelte und summte den Anfang einer Melodie. „Wie viel Tage sind es noch, bis wieder Weihnacht ist?“, stiegen die Kinder mit ein. „Wie viel Tage sind es noch bis zum Heil`gen Christ? Wir zählen rasch die Sterne, wie viele sind noch dran? Wir zählen rasch die Sterne. Dort vorne fang`n wir an.“

Gemeinsam zählten sie: „Eins, zwei, drei, vier … fünfzehn, sechzehn.“

„Ja, in sechzehn Tagen ist Weihnachten! Da haben wir zum Glück noch viel Zeit, um zu basteln, zu backen oder einfach auch mal zu kuscheln.“

„Aber wir haben doch noch was vergessen!“, erinnerte Amelie.

„Natürlich“, lachte Katja. „Wie könnte ich das vergessen. Möchtest du schauen, was heute für uns in dem Koffer ist?“

Amelie nickte und kam zu Katja. Ehrfürchtig öffnete sie den Deckel und holte eine Papierrolle heraus. Ole durfte am Band der Schleife ziehen, und Janne rollte den Zettel auseinander. Darauf waren fünf Wichtel zu sehen.

„Die fünf Weihnachtswichtel!“ Katja sah die Kinder an. „Möchtet ihr wissen, was sie so treiben?“

„Ja!“

Katja begann zu erzählen und untermalte das Gedicht mit Gesten.

Fünf Weihnachtswichtel

Der erste Weihnachtswichtel ist dort in seinem Wichtelhaus.

Was er wohl grade macht?

Wer hätte das gedacht?

Er übt, ganz klarer Fall,

den Tanz für´n Weihnachtsball.

Der erste Weihnachtswichtel ist dort in seinem Wichtelhaus.

Der zweite Weihnachtswichtel ist dort in seinem Wichtelhaus.

Was er wohl grade macht?

Wer hätte das gedacht?

Er holt aus seinem Keller

die guten Weihnachtsteller.

Der zweite Weihnachtswichtel ist dort in seinem Wichtelhaus.

Der dritte Weihnachtswichtel ist dort in seinem Wichtelhaus.

Was er wohl grade macht?

Wer hätte das gedacht?

Ganz herrliche Gerüche

durchströmen seine Küche.

Der dritte Weihnachtswichtel ist dort in seinem Wichtelhaus.

Der vierte Weihnachtswichtel ist dort in seinem Wichtelhaus.

Was er wohl grade macht?

Wer hätte das gedacht?

Er spielt, man hört es leise,

‘ne alte Weihnachtsweise.

Der vierte Weihnachtswichtel ist dort in seinem Wichtelhaus.

Der fünfte Weihnachtswichtel ist dort in seinem Wichtelhaus.

Was er wohl grade macht?

Wer hätte das gedacht?

Er kuschelt sich ins Nest

und träumt vom Weihnachtsfest.

Der fünfte Weihnachtswichtel ist dort in seinem Wichtelhaus.

„Sie ist eingeschlafen!“, kicherte Ben.

Gespielt schnarchte Katja noch ein paar Mal und erwachte dann lachend. „Hach, ich hätte noch ewig von Weihnachten träumen können! Aber noch ist es nicht so weit. Und wir haben ja auch noch viel vorzubereiten, bevor dann unser Fest ist. Wie die Weihnachtswichtel. Wozu habt ihr Lust?“


8. Dezember: Familie Kranz und der Advent (J&E)

„Und in drei Tagen beginnt dann endlich der Adventskalender!“ Lulu zeigte auf ihren Zettel. „Siehst du, Mama, ich habe hier nur noch drei Kästchen: Eins, zwei, drei. Also darf ich in drei Tagen das erste Päckchen öffnen! Was da wohl drin ist?“

Lulu ging zu ihrer Tür, an der der Adventskalender hing, und befühlte vorsichtig das erste Päckchen. Heute war er aufgehängt worden, gleich nachdem der Adventskranz fertig geworden war. Den machten sie immer alle zusammen. Und er fiel in jedem Jahr größer aus. „Aber das macht nichts“, hatte Siah lachend gesagt. „Das sind wir unserem Namen schuldig.“ Die ältere Kranztochter hatte die kleingeschnittenen Zweige zu kleinen Sträußen zusammengefügt, die Mama Kranz an den Unterkranz band, den sie vorher auch schon selbst erstellt hatten. Ihr Garten lieferte reichhaltiges Material. Lulu wiederum hatte ihrer älteren Schwester Siah die Zweige angereicht, natürlich streng nach Aufforderung, so dass immer neue Zweigkombinationen entstanden. Papa Kranz blieb lieber sicherheitshalber in seinem Arbeitszimmer und sammelte Kraft für die anstehende Adventszeit.

Er mochte Advent. Er mochte auch Kerzen, Tee und Räuchermännchen. Er war aber eher der stille Genießer. Das aus seiner Sicht übertriebene Hinfiebern auf jeden besonderen Tag im Advent war für ihn nur schwer zu ertragen. Und mit jedem Jahr, das die Kinder älter wurden, wurden ihre Erwartung und Vorfreude größer. Die Krönung war der Adventskalender für den Adventskalender, der schon im Oktober begonnen hatte und an dem an jedem Tag ein Kästchen abgestrichen wurde. Irgendwann würde die Vorfreude auf den Advent direkt im Anschluss an die Weihnachtszeit beginnen, da war sich Papa Kranz sicher. Und ihm graute davor.

In manchen Jahren hätte man die Weihnachtssterne auch fast nicht mehr abnehmen müssen, so lang hatten sie bis in den Frühsommer hinein an den Scheiben gehangen. Allerdings hatte Papa Kranz sich dann doch gefreut, von seinem Platz am sonntäglichen Frühstückstisch wieder den Garten beobachten zu können. Nach der anstrengenden Arbeit am Samstag genoss er es, das Ergebnis des Rasenmähens auch sehen zu können. Mit Weihnachtsschmuck war das kaum möglich. Im Winter erfüllte dieser aber wenigstens den Zweck, dass Papa Kranz den Schnee nicht sehen musste. Den mochte er fast noch weniger als weihnachtliche Vorfreude.

Aber in diesem Jahr war von Schnee noch nichts zu sehen. Die warmen Temperaturen machten den meisten Kranzens auch nicht gerade Hoffnung darauf, bald welchen erleben zu können. Keine geliebten Engel im frischen Schnee, keine gebauten Schneegestalten, keine wilden Schneeballschlachten mit Verfolgungsjagd, keine rasanten Fahrten auf dem Schlitten, aber zum Glück auch keine Eiszotteln an den Beinen der Hunde nach den Spaziergängen. Ob das jetzt immer so bleiben würde?

Lulu und Siah hatten schon Ersatz für sich besorgt. Wenn kein Schnee da war, den man verarbeiten konnte, dann nahmen sie eben Teig und formten dicke Schneemänner. Leider eigneten sie sich nicht zum Backen. So wurden die freundlichen Gestalten wieder eingestampft und es entstanden Herzen, Sterne, Lebkuchenmänner, Glocken, Stiefel, Monde, Rentiere, Tannenbäume und ein platter Riesenschneemann, der so groß war, dass er die gesamte Breite des Backblechs ausfüllte. Zusammen mit dem Zuckerguss und der liebevollen Dekoration entwickelte er sich zu einer echten Zuckerbombe.

„Du, Mama?“, unterbrach Lulu die gedankliche Reise ihrer Mutter. „Ich weiß ja, dass die Adventskalender in dem großen alten Koffer waren, den du schon mal für deine Schüler benutzt hast. Der ist ja jetzt leer. Kommen da dann die Weihnachtsgeschenke rein?“

Mama Kranz lachte. „Das würdest du gern wissen. Aber wenn du das weißt, dann ist es ja gar keine Weihnachtsheimlichkeit mehr.“ Sie überlegte kurz. „Aber weißt du was? Wir können jetzt in den Koffer unsere ganze Weihnachtsdekoration einpacken und damit unser Wohnzimmer schmücken.“

„Au ja!“ Lulu sprang begeistert in die Luft und rannte zu ihrer Schwester. „Wir schmücken jetzt das Wohnzimmer!“ Sofort kam sie zu ihrer Mutter zurück. „Kaufen wir dann auch einen Weihnachtsbaum?“

„Nein.“ Mama Kranz schüttelte den Kopf. „Den kauft ihr doch mit Papa zusammen. - Aber noch nicht jetzt!“, rief sie ihrer jüngeren Tochter hinterher, die direkt zu ihrem Vater stürmen wollte. „Wenn wir jetzt schon den Weihnachtsbaum aufstellen würden, hätte er an Weihnachten vielleicht gar keine Nadeln mehr.“

„Dann säßen wir unter einem Gerippe“, grinste Siah, die dazugekommen war. „Ein geschmücktes Weihnachtsbaumskelett.“

Mama Kranz lachte. „Wisst ihr, was Papa eigentlich vorhatte? Er wollte sich dieses Jahr den Baum sparen und dafür die Wurzel in unserem Garten schmücken. Er meinte, wozu sollte er einen toten Baum kaufen, wenn wir doch schon eine tote Wurzel im Garten hätten. Das ginge doch auch …“

„Nein!!!!“, protestierten die Kinder.

„Aber das hat er doch nicht ernst gemeint, oder?“, erkundigte sich Siah.

Mama Kranz grinste. „Wer weiß das schon. Aber ich kann euch beruhigen. Er hatte dann doch keine Lust, die Wurzel zum Haus zu ziehen. Ihr könnt also in drei, vier, fünf, sechs, sieben Wochen mit Papa zusammen losfahren, um einen Baum zu kaufen.“

„Aber dann ist doch Weihnachten schon längst vorbei!“, empörte sich Siah.

„Na gut, vielleicht dann doch ein bisschen früher“, gab Mama Kranz zu. „Aber nicht jetzt, denn jetzt …“

„... bereiten wir unser Wohnzimmer auf den Advent vor“, ergänzten die Kinder im Chor.


9. Dezember: Der Murmelkönig (K)

Es war die Zeit, in der Kinder zum Spielen auf die Straße gingen, als es noch keine Handys und Tablets gab, keine Spielekonsolen und auch keine Streaminganbieter und keine gefühlten neunhundertneunundneunzig Fernsehprogramme.

In dieser Zeit trafen sich die Kinder der Gartenstraße in Neuunteraudorf auf dem Feld hinter dem letzten Haus. Dort, wo der Boden besonders fest war und der Bauer extra nicht pflügte, da ebendort die Kinder so gerne spielten. Gerade war Murmeln schwer angesagt bei ihnen, und der ungekrönte König war Henry. Niemandem gelang es, so elegant wie Henry die Glaskugeln über die unebene Fläche in Richtung der Kuhle zu schnipsen, zu werfen, zu schieben. Es war egal, welche Regeln sie aufstellten – Henry beherrschte alle Techniken schon nach kurzer Zeit am besten. Und natürlich liebte Henry dieses Spiel. Wer wollte nicht gerne der Erste sein im täglichen Kampf um den Besten, Schnellsten, Größten oder Stärksten? In den meisten Kategorien war Henry höchstens Mittelmaß, doch hier, beim Murmelspielen, hier hatte er seinen Platz an der Sonne gefunden.

Natürlich gab es auch Neider: Olaf, den Hünen, den dumben Haudrauf, dessen Finger so gewaltig waren, dass er die kleinen Murmeln meistens viel zu weit stieß. Oder Lothar, den Schnellsten unter ihnen, der erst damit zurecht kommen musste, dass es auch andere Sieger neben ihm geben konnte. Doch die meisten Kinder hatten kein Problem damit, dass es ausgerechnet Henry war, der schon seit Tagen, wenn nicht seit Wochen, beim Murmeln dominierte. Warum auch? Spätestens nach den Sommerferien, die vor der Tür standen, würde es irgendein neues Spiel geben, das sie dann ausgiebig betreiben würden. Noch aber war es motivierend, eben Henry wenigstens ein, zwei Mal beim Murmeln zu schlagen, und einigen gelang dies recht gut. Beispielsweise Dirk, dem Fußballtorwart, der so nicht nur Geschick beim Fangen von Bällen zeigte, oder der altklugen Margot, die nicht nur einen viel zu unmodernen Namen trug, sondern stets so wirkte, als hätte sie schon deutlich mehr als nur ihre zwölf Lebensjahre erlebt.

Eigentlich, so dachte Henry eines Tages, eigentlich war die Welt in Neuunteraudorf in Ordnung. Zumindest war sie es bis vor wenigen Tagen gewesen. Sicherlich war es nicht besonders lustig, wenn sich Olaf, dieses tapsige, aber leider sehr kräftige Riesenbaby auf einen warf, weil er es originell fand, wenn der unten Liegende Staub und Sand einatmen musste. Sicherlich war es auch nicht besonders lustig, wenn Lothar sich darüber amüsierte, dass er ja schon längst eine Limo trinken könne, während Henry sich noch über die letzten Meter der Rennstrecke quälen müsse. Und sicherlich waren auch Margots unerträgliche Ergüsse über alles und jeden schwer nervig. Nur, so war es eben. So war es schon immer, denn sie waren alle zusammen hier aufgewachsen.

Jetzt allerdings, jetzt war dieses komplizierte Gefüge von eingespielter Rang- und Hackordnung in Gefahr, denn jetzt war Ralf da, und Ralf gehörte einfach nicht hierher, wie Henry fand.

Ralfs Familie war vor ein paar Tagen nach Neuunteraudorf gezogen, mit unzähligen Umzugskartons und vielen Koffern, und Ralf brachte einfach alles durcheinander. Nicht nur, dass die hübsche blonde Brigitte, die Henry still verehrte, ohne ihr sagen zu können, dass er gerne mal mit ihr Eis essen gehen würde, nicht nur, dass eben diese hübsche blonde Brigitte kürzlich ausgerechnet zu Henry gesagt hatte: „Ralf ist, glaub‘ ich, ganz in Ordnung.“ Nicht nur, dass Dirk, der Fußballtorwart, ausgerechnet Ralf angeboten hatte, in seiner Mannschaft mitzuspielen. Nicht nur, dass Ralf auch mit dem Rad schneller am Waldrand gewesen war als Henry. Nein, viel schlimmer war, dass Ralf auch noch einfach gut Murmeln spielen konnte.

Er spielte nicht nur gut Murmeln, er spielte sogar sehr gut. Er spielte so gut Murmeln, dass Henry nicht mehr der sichere Seriensieger war. Nein, Ralf gewann häufiger als Henry, und schon nach ein paar Tagen gewann Ralf fast immer.

„Nicht schlecht“, lächelte die blonde Brigitte Ralf zu, als dieser wieder einmal die entscheidende Murmel in der Kuhle versenkte. Und dieses Lächeln versetzte Henry einen Stich ins Herz.

„Wenigstens gewinnt jetzt mal ein anderer als immer nur Henry“, lachte der ruhige Ronny, der sich eigentlich aus allen Streitigkeiten heraushielt. Henry schluckte schwer.

„Na ja“, machte Ralf und zuckte mit den Schultern, „ich habe eben meinen Glücksbringer.“

„Einen Glücksbringer?“ Brigitte rückte neugierig näher und legte sogar ihre Hand auf Ralfs Schulter, so dass Henry sich nur mit Mühe zurückhalten konnte, seinem Gegenspieler nicht gleich vors Schienbein zu treten.

„Ja, hier. Schaut mal.“ Ralf griff in seine Hosentasche und holte eine große Glasmurmel hervor. Sie war viel größer als die, mit denen sie spielten, und in ihrem Inneren waren einige bunte Bänder eingelassen, so dass sie in allen Farben der Welt schimmerte und im Tageslicht glitzerte wie eine kleine eigenständige Sonne.

Henry war fasziniert. Und nicht nur er, denn alle anderen Kinder rückten näher an Ralf heran und wollten einen Blick auf diese Murmel erhaschen. Einige griffen nach ihr, doch Ralf hob sie in die Höhe und rief: „Nur anschauen! Nur anschauen!“

Beinahe ehrfürchtig ging ein Raunen durch die Menge der Kinder, und Henry war angewidert. Wieso lagen diese Idioten diesem Aufschneider nur zu Füßen? Er sah nicht mal besonders aus. Er war auch nirgendwo herausragend, weder der Schnellste, noch der Klügste, noch der Stärkste. Nur beim Murmelspielen …

„Gewinnst du deshalb immer gegen Henry?“, fragte Brigitte.

Immer? Henry wollte protestieren, nur das hämische Gelächter von Olaf dem Hünen hielt ihn davon ab. Warum sagte Margot nichts? Sie war doch sonst immer zur Stelle, wenn es um Falsches ging. Sie korrigierte doch sonst immer jeden.

„Ja klar“, brüstete sich Ralf und ballte theatralisch die Faust um die Riesenmurmel. „Das ist der König der Murmeln, das ist der Murmelkönig!“

„Dann spiel doch um den Murmelkönig, verdammt noch mal!“

Alles Gemurmel erstarb, und alle schauten verdutzt zu Henry. Er schluckte schwer. Hatte er das gerade tatsächlich gesagt? Hatte er Ralf, diese blasse Ratte, diesen Störenfried, tatsächlich soeben herausgefordert? Wie blöd war er nur? Ralf, dieser Schleimer, dieser Eindringling, hatte die letzten fünf Spiele gegen ihn gewonnen. Und heute, wenn er es recht bedachte, hatte es für ihn, Henry, nur zu einem einzigen Sieg gelangt. Selbst Dirk, der Torwart, hatte zweimal das Spiel für sich entschieden.

„Du willst gegen mich antreten?“ Ralf verzog vergnügt das Gesicht. „Nun, du sollst ja mal gut gewesen sein, wie Brigitte sagt, aber jetzt? Du verlierst doch ständig.“

Henry kochte vor Wut. Am liebsten hätte er Ralf eine Murmel an den Kopf geworfen, nur würde das Brigitte bestimmt nicht mögen, dachte er.

„Na, was denn? Erst große Töne spucken und sich dann nicht trauen?“ Ralf setzte noch eins drauf.

Alle schauten gespannt zu Henry, und der wusste: Er konnte nicht mehr zurück, ohne gänzlich das Gesicht zu verlieren. Schließlich stieß er hervor, wobei er sich bemühte, besonders selbstbewusst auszusehen: „Ich mich nicht trauen? Pah! Ich schlag‘ dich schon und deinen komischen Murmelkönig.“

„Na schön“, grinste Ralf im Gefühl des sicheren Sieges. „Und was setzt du?“

Was setze ich? Henry spürte, wie ihm Schweißtropfen auf der Stirn standen. Er hatte nichts, was auch nur annähernd so viel Wert hatte wie dieser verdammte Murmelkönig. „Ich…“

„Dein Fahrtenmesser!“

Henry schrak hoch: „Mein…?“ Er liebte sein Fahrtenmesser. Nicht jeder hatte eins, und seines war das schönste und auch das schärfste. Gestern hatten sie im Wald Äste abgeschnitten, und Henrys Messer war allen anderen überlegen gewesen. Außerdem hatte er es zum Heiligabend im vergangenen Jahr bekommen, und Weihnachtsgeschenke waren sowieso etwas Besonderes. Nein, er wollte nicht um das Fahrtenmesser spielen. Er wollte es nicht verlieren.

„Traust dich wohl nicht, oder?“

Brigitte kicherte albern, und Olaf nickte so stark, als ob er Ralf auch noch ganz besonders recht geben musste.

„Natürlich traue ich mich!“, entfuhr es Henry. Mein Messer! Nur, er konnte nicht zurück. Es ging nicht. Warum hatte er nicht einfach seinen Mund gehalten?

Ein Jubel ging durch die Gruppe der Kinder, und Dirk übernahm das Kommando: „Henry und Ralf spielen Der Letzte Gewinnt. Mit je fünf Murmeln. Um den Murmelkönig und um das Fahrtenmesser!“

Einige applaudierten, Ralf reckte noch einmal seinen Murmelkönig in die Höhe, Brigitte schaffte es erneut, ihn wie zufällig zu berühren und ganz an seiner Seite zu stehen. Henry konnte nicht mehr hinsehen, tastete nach seinem Fahrtenmesser, das er immer an seinem Gürtel trug. Es war sein ganzer Stolz…

„Los geht’s!“, befahl Dirk und hielt Henry zwei Fäuste entgegen.

Henry wählte die linke Faust, und sie war leer. Ralf begann somit das Spiel. Abwechselnd warfen sie jeder fünf Murmeln in Richtung der Kuhle, und Ralf traf zweimal direkt hinein. Henry hingegen spürte, wie seine Hände zitterten. Eine Murmel landete direkt auf der Kante der Kuhle, eine andere wenigstens in der Nähe, doch die drei übrigen Murmeln waren so weit entfernt, dass sie kaum alle in einem Durchgang zu versenken waren. Ralfs andere Murmeln lagen besser. Eine in der Nähe der Kuhle, die anderen zumindest in Positionen, von denen aus die Kuhle zu treffen war.

Na ja, dachte Henry, wenigstens würde es Ralf auch mit dem blöden Murmelkönig nicht gelingen, alle Murmeln in einem Rutsch in das Loch zu befördern. Aber Ralf war selbstsicher, begann nun, die außen liegenden Murmeln in die Kuhle zu schnippen. Zunächst die von Ralf, die direkt auf der Kante lag, dann eine von seinen, dann beugte er sich zur nächsten. Es sah so spielerisch aus.

„Toll machst du das“, flötete Brigitte.

Ralf war gerade dabei, diese Murmel zu schnippen. Er schaute aber gleichzeitig zu Brigitte, und so ging die Murmel knapp an der Kuhle vorbei.

Ein Aufstöhnen ging durch die Menge. Haben die wirklich erwartet, dass dieser blöde Ralf alle Murmeln sofort versenkt? dachte Henry, als er sich nach der verschossenen Glaskugel bückte und sie die paar Zentimeter bis ins Loch schnippte. Noch habe ich nicht verloren, dachte er. Es geht nur darum, die letzte Kugel zu versenken. Die letzte Kugel entscheidet. Er blickte sich um. Noch waren fünf Kugeln nicht eingelocht. Und drei waren richtig schwer…

„Na los, Henry!“, rief Margot.

„Das schafft er nie!“, ergänzte Lothar.

Na warte! Dir werd‘ ich’s zeigen! Wütend schnippte Henry die nächste Murmel, eine einfache Aufgabe, doch …

Sie rollte am Loch vorbei! Aufstöhnen in der Menge. Olafs Lachen dröhnte in Henrys Ohren, und Ralf verzog siegesgewiss den Mund, während er sich zu dem Fehlläufer bückte, kaum hinschaute, und ihn endgültig in die Kuhle beförderte. Unwillkürlich griff Henry nach seinem Fahrtenmesser.

„Ja“, zwinkerte ihm Ralf zu, „fass es noch mal an. Gleich ist es nämlich meins.“ Er suchte die nächste Murmel, blickte noch einmal zu Brigitte und …

... verschoss! Erneutes Aufstöhnen in der Menge. Henry konnte es kaum glauben. Viel zu sehr hatte er sich, so fühlte er, schon mit der drohenden Niederlage abgefunden. Und nun bekam er noch einmal eine Chance. Nur, die letzten Murmeln, sie waren so weit weg, und Ralf war einfach besser. Diese Erkenntnis schmerzte Henry, genauso wie das Verstehen, dass Brigitte vermutlich niemals ein Eis mit ihm essen würde, aber er wollte diese Erkenntnis gar nicht haben. Und er wollte auch sein Fahrtenmesser nicht hergeben.

„Tja, egal“, lachte Ralf. „Soll er’s noch mal probieren.“ Er stand auf und machte Platz für Henry. „Ich habe schließlich den Murmelkönig, und der gewinnt immer!“ Ralf zauberte die Riesenmurmel erneut aus der Tasche und zeigte sie herum, so dass sich sofort wieder alle anderen um ihn versammelten.

Henry bemerkte es erst, nachdem er die nächste Murmel in die Kuhle geschnippt hatte. Alle standen bei Ralf, keiner blickte zu ihm. Die einzige war Margot, die zumindest noch den letzten Treffer gesehen hatte, dann kurz zu den drei weit entfernten Murmeln sah und sich dann endgültig dem Murmelkönig zuwandte.

Und jetzt? Henry starrte auf die drei letzten Kugeln. Es war unmöglich. Es wäre großes Glück. Aber immerhin, es schaute niemand. Keine blöden Bemerkungen. Henry kniete sich hinter die erste dieser drei Kugeln, zielte, schnippte und traute seinen Augen nicht. Die Murmel sprang, hüpfte, rollte direkt zur Kuhle und hinein! Am liebsten hätte er nun triumphierend aufgeschrien, nur – es hatte niemand gesehen! Ralf nicht, der Möchtegern-Sieger. Olaf nicht, der dumme Idiot. Brigitte nicht, mit ihren blonden Haaren, die so schön dufteten…

Sein Herz schlug schneller. Er hatte Glück gehabt, nur er brauchte noch zweimal dieses Glück, und das war ausgeschlossen. In diesem Augenblick aber kam ihm die Idee. Er griff nach der ersten der verbliebenen Kugeln, beugte sich nach vorne, stützte sich ab und warf sie in das Loch. Schnell hatte er auch die zweite geschnappt, warf sie regelwidrig, sie fiel auf den Boden, rollte weiter, direkt zur Kuhle. Aus dieser Entfernung war es einfach, das Loch mit einem Wurf zu treffen, nicht aber mit einem Schnipsen.

„Ja!“, hörte er sich schreien. „Ja!“

Alle fuhren herum, gerade im richtigen Moment, als die kleine Glaskugel über den Rand lief und sich zu den neun anderen Murmeln gesellte.

„Ja!“, schrie Henry und sprang auf. „Ich habe gewonnen! Ich! Ich!“ Jubelnd schüttelte er seine Arme.

Fassungslos starrte Ralf in das Loch, griff hinein, zählte nach.

„Los, her mit dem Murmelkönig!“, rief Henry triumphierend. „Her damit!“

Unendlich langsam streckte Ralf ihm seine Faust entgegen und ließ seinen größten Schatz in Henrys Hand fallen. Der konnte sein Glück kaum fassen, griff nochmals nach seinem Fahrtenmesser. Nun besaß er die beiden größten Schätze. Den Murmelkönig und eben das Messer!

„Wahnsinn!“, stöhnte der ruhige Ronny. Olaf keuchte, Lothar hatte es die Sprache verschlagen. Brigitte warf Henry einen Blick zu, der bedeutete, dass es vielleicht doch noch etwas mit dem Eisessen, von dem sie noch gar nichts wusste, werden könnte. Andere jubelten und schrien durcheinander, waren begeistert von diesem Duell.

Und dann sah Henry Margots Blick. Ihre Mundwinkel zuckten nach unten, und ihre Stirn zog sich in Falten. Und auch Dirk schaute ihn skeptisch an. Ralf blickte todtraurig ein letztes Mal auf den Murmelkönig in Henrys Hand und schlurfte dann geschlagen davon.

Der Triumph war plötzlich nicht mehr so triumphal. Er stieß in Henry sauer auf. Einerseits fühlte es sich unglaublich gut an, diesen Murmelkönig in der Hand zu halten, den vernichteten Störenfried von hinten zu sehen, von Brigitte wirklich und wahrhaftig kurz umarmt zu werden. Aber andererseits stieg in Henry die Angst empor, dass Margot oder Dirk gesehen hatten, wie er sich zum Sieg geschummelt hatte. Warum sagten sie nichts? Gottseidank sagten sie nichts. Aber würden sie schweigen?

„Das war super!“, kreischte Brigitte, und sie bemühte sich, den Murmelkönig zu berühren.

„Hätte ich nie geglaubt“, grummelte Olaf.

„Ich auch nicht“, schüttelte Lothar ungläubig den Kopf. „Aus der Entfernung? Drei Murmeln? Nee…“

Margots Stirn zog sich noch mehr zusammen, und Dirk sagte: „Ich hätt’s gerne gesehen.“

Henrys Hand zitterte. Immer noch starrte er Ralf hinterher. Er hatte diesen Störenfried besiegt, diesen Angeber, diesen Aufschneider. Und das war gut! Andererseits hatte Ralf ihm sofort den Murmelkönig gegeben, obwohl niemand gesehen hatte, wie Henry die letzten Murmeln in die Kuhle befördert hatte. Ralf mochte ein Angeber sein, ein Schummler war er nicht. Und er zweifelte nicht einmal an, dass Henry dies über diese erstaunliche Entfernung vollbracht hatte.

Der Murmelkönig in Henrys Hand schien immer schwerer zu werden. Doch sollte er zugeben, dass er geschummelt hatte? Vielleicht hatten Margot und Dirk wirklich nichts gesehen. Und er war schließlich der Sieger! Und Brigitte…

Henry fühlte nach seinem Fahrtenmesser. Den Murmelkönig einfach zurückgeben? Kam nicht in Frage! Ralf eine Revanche bieten und sich danach anhören müssen, wie gut er – Ralf – doch war, weil er vermutlich gewinnen würde? Unerträglich.

Irgendjemand schlug ihm anerkennend auf die Schulter, dass es krachte. Olaf, der Hüne, nicht zu fassen! Die Anerkennung tat gut.

Noch einmal sah er Ralf hinterher, der traurigen Gestalt. Vermutlich weinte er jetzt, weil er seinen größten Schatz verloren hatte. Henry versuchte, sich darüber zu freuen, doch unwillkürlich wanderte seine Hand zum wiederholten Male zum Fahrtenmesser. Wie würde er reagieren, wenn er es verloren hätte? Und wenn Ralf vielleicht auch noch dabei geschummelt hätte?

Triumph, Stolz, Schadenfreude und ein merkwürdiges Gefühl, das ihm Übelkeit in seinem Magen bereitete… Er schämte sich. Nur – wie kam er aus der Nummer wieder heraus? Henry wusste es nicht. Aber der Tag, soviel war sicher, war endgültig verdorben.

Vielleicht hatte Ralf ja den Murmelkönig auch zu Weihnachten bekommen? Vielleicht war der Murmelkönig für ihn ein ebenso wertvolles Geschenk wie das Fahrtenmesser für Henry? Nein, es fühlte sich immer unangenehmer an, wie Diebstahl. Aber den konnte er doch nicht zugeben. Oder doch? Und wenn Ralf dann allen erzählen würde, dass Henry betrogen hätte? Nur, vielleicht tat er das gar nicht? Ralf war immerhin ein fairer Verlierer. Allerdings ein betrogener Verlierer. Also eigentlich kein wirklicher Verlierer.

Und da formte sich ein neuer Gedanke in Henrys Kopf. Wie wäre es, Ralf etwas zu Weihnachten zu schenken? Bis dahin war es noch recht lange hin, und das würde bedeuten, der Murmelkönig könnte erst einmal einen Ehrenplatz bei Henry bekommen. Dann aber könnte er …

Er atmete geradezu auf: Ja, der Murmelkönig als Geschenk! Das war kein wirkliches Zugeben eines Betruges. Eher eine freundschaftliche Geste. Wie sie alle es untereinander durchaus zu Weihnachten machten. Gut, es war nie etwas so Besonderes, vielleicht mal eine dem Freund fehlende Sammelkarte für das aktuelle Album oder ein besonders schön geformter Stein. Aber eigentlich war ja der Murmelkönig auch nur ein Haufen Glas. Und den konnte man doch auch wieder zurückschenken. Insbesondere wenn man sich gar nicht so wohl fühlte, wenn man ihn hatte. Oder?

Henry nickte sich innerlich zu. Er hatte bis Weihnachten noch Zeit zum Nachdenken. Vielleicht war Ralf auch gar nicht so übel? Brigitte, die immer noch um ihn hüpfte und “toll, toll“ schrie, nervte gerade sogar ein bisschen. Schummeln war nicht cool. Und das würde er wiedergutmachen. Jawohl! Aber später. Irgendwann. Bestimmt! Auf jeden Fall!


9. Dezember: Lebenspläne (J&E)

Rebecca saß in ihrem Auto und schaute auf das Haus gegenüber. Sie kannte jeden Millimeter dieses Gebäudes, jeden kleinen Riss im Putz, jede Ecke, jede Fuge. Sie hatte hier die ersten achtzehn Jahre ihres Lebens gewohnt, gelebt, gegessen, geschlafen, Hausaufgaben gemacht, mit ihren Freundinnen gespielt. Und auch das eine oder andere Mal mit ihren Eltern gestritten.

Die junge Frau schloss die Augen. Nun war sie fast dreißig Jahre alt, und in den Jahren nach ihrem Auszug war sie nicht oft hier gewesen. Das letzte Mal war – sie wusste es gar nicht mehr so genau – sieben Jahre her. Oder waren es sogar schon acht? Oder doch neun? Eigentlich war es unwichtig.

Erinnerungen zogen in ihr auf. Ein Streit mit ihrem Vater wegen einer Freundin, die ihr Vater nicht hatte leiden können. Oder ein Konflikt mit ihrer Mutter, die einfach nicht verstehen wollte, dass Rebecca kein kleines Kind mehr war und deshalb am Wochenende nicht ständig kontrolliert werden wollte. Andere Eltern taten das doch auch nicht! Und mit Sechzehn oder Siebzehn ist man sehr wohl in der Lage, selbst zu entscheiden, wo man hingeht. Und wann man nach Hause kommt.

Rebecca hatten die permanenten Versuche ihrer Eltern, über ihr Leben zu entscheiden, wahnsinnig gemacht. Sie hatte es schon als kleines Kind nicht leiden können, wenn ihre Mutter etwas beschloss, was Rebecca nicht wollte. Gut, natürlich ging es hier nicht um den ersehnten Eisbecher oder ein Paar Schuhe, sondern um wichtigere Dinge...

Tief einatmend lehnte sich die junge Frau in ihrem Fahrersitz zurück. Eigentlich wusste sie nicht mehr alle Details aus ihrer Kindheit, was damals wirklich echte Gründe für Streitigkeiten waren. Bis auf die Sache mit Elisa, ihrer Freundin. Die Freundin, die ihre Eltern nicht mochten. Elisa war cool, cooler als die anderen Mädchen. Sie waren dreizehn Jahre alt gewesen, und Elisa hatte schon einen Freund. Und sie rauchte. Eigentlich fand Rebecca das Rauchen ziemlich dumm, wie eigentlich alle anderen auch, aber dass Elisa sich das traute, das war der Punkt gewesen. Elisa scherte sich nicht um das, war ihr gesagt wurde. Sie machte ihr Ding. Und sie war ja trotzdem auch nicht unhöflich. Sie grüßte und machte ihre Hausaufgaben und störte den Unterricht nicht. Weshalb also diese ständigen Gespräche, in denen ihre Eltern ihr klarmachen wollten: Elisa ist keine gute Freundin für dich!

Natürlich hatten sie sich weiter getroffen, und schließlich hatte auch Rebecca geraucht. Heimlich. So heimlich, dass es bis auf Elisa niemand wusste. Und eigentlich fand sie es ekelhaft. Aber aus Prinzip war es ihr wichtig. Sie entschied! Das hatte sie von Elisa gelernt.

Ihre Eltern hatten sie dann stets genervt, sie möge lernen für die Schule. Es sei ihre Zukunft. Und Rebecca hatte mit fünfzehn und sechzehn überaus gereizt reagiert. Hielten ihre Eltern sie für dumm? Vor ihrem geistigen Auge entstand eine Situation, wie sie nur allzu häufig vorgekommen war. Ihre Mutter, die sie daran erinnerte, dass sie vor dem Treffen mit ihrer Clique erst einmal die Hausaufgaben machen solle. Als ob sie eine schlechte Schülerin gewesen wäre! Im Gegenteil, sie lag immer im vorderen Drittel der Klasse. Auch beim Übergang auf die gymnasiale Oberstufe war sehr schnell klar: Das Abitur war nie in Gefahr. Es war einfach nur die Frage, mit welcher Note Rebecca bestehen würde.

Rückwirkend betrachtet konnte die junge Frau natürlich verstehen, dass ihre Eltern nur das Beste für sie gewollt hatten, aber in ihrer Erinnerung war alles derart penetrant geschehen, dass sie sich eingeengt gefühlt hatte. Sie hatte Lust zu reisen, Leute zu treffen, ins Ausland zu gehen. Und sie hatte keine Lust auf ihr Zuhause, auf ihre nervenden Eltern.

Was Rebecca immer irritiert hatte, war, dass ihre Freundinnen ihre Eltern eigentlich recht nett fanden. Selbst Elisa, obwohl sie ja von ihnen abgelehnt wurde. Rebecca hatte dann stets die Augen gerollt und gesagt: „Wir können ja mal tauschen!“ Dann hatten alle gelacht, und ihre Eltern waren vergessen. Nur Elisa hatte noch traurig und sehr ernst hinzugefügt: „Das willst Du nicht.“ Aber, und das stand fest, das Nerv-Potential ihrer Mutter und ihres Vaters hatten ihre Freundinnen ja nie persönlich erlebt. Rebecca war in jener Zeit zu der Überzeugung gelangt, nach dem Abitur so schnell wie möglich das elterliche Haus zu verlassen.

Sie hatte ein gutes Abitur gemacht, kein glänzendes, aber ein gutes. Ihre Eltern hatten eine kleine Feier veranstaltet, und auch wenn die Note niemals erwähnt wurde, so war Rebecca sicher, dass sie ihre Eltern eigentlich enttäuscht hatte. Doch dann bot sich diese einzigartige Chance eines Auslandsjahres, eine Ausbildung, gekoppelt mit der Möglichkeit eines späteren Studiums. Wieder war es Elisa gewesen, die ihr den Tipp gegeben hatte.

Zu Rebeccas Erstaunen hatten ihre Eltern dem Vorhaben sofort zugestimmt. Kein Meckern, dass es zu teuer sei. Nein, viel besser, ihre Eltern boten ihr eine monatliche Unterstützung, die sie in dieser Höhe niemals erwartet hatte. Sie war frei! Frei zu entscheiden, und sie nutzte ihre Chance!

Sie und Elisa gingen ins Ausland, wohnten zunächst zusammen. Die Ausbildung machte Rebecca Spaß, und schon nach einem halben Jahr bot ihr die Firma, für die sie arbeitete, eine duale Fortbildung an. Sie konnte arbeiten und studieren! Rebeccas und Elisas Lebenswege trennten sich nach einiger Zeit, absolut freundschaftlich. Rebecca arbeitete und lernte, und Elisa fand nach der Ausbildung in einer anderen Stadt eine Stelle, die ihr gefiel. Da war nicht viel Zeit für die Freundschaft.

Rebecca konnte nun auch reisen, nicht nur zu wunderschönen Urlaubszielen, sondern auch beruflich. Sie war gut, sie war erfolgreich. Sie ging auf Partys, sie lernte interessante Leute kennen, und wenn Menschen sie langweilten, dann lernte sie neue Leute kennen. Längst war sie nicht mehr auf das Geld ihrer Eltern angewiesen, hatte ihnen mitgeteilt, sie könnten die Zahlungen einstellen, was ihre Eltern erst nach mehrfacher Aufforderung auch wirklich taten.

Und überhaupt, das Beste an der ganzen Sache war, dass ihre Eltern sie nicht mehr nerven konnten. Man telefonierte miteinander, und Rebecca spürte von Jahr zu Jahr, wie weit sie mittlerweile eigentlich von ihrem Elternhaus entfernt war. Es war einfach nur der Ort, an dem sie früher gelebt hatte. Es war auch nicht so, dass sie ungerne mit ihren Eltern telefonierte, aber irgendwie hatte man sich nichts zu sagen. Ihre Eltern lebten seit Ewigkeiten in ebendiesem Haus. Und sie, sie zog regelmäßig um, bekam in ihrem Job immer wieder eine neue berufliche Aufgabe in einer anderen Stadt, in einem anderen Land. Längst hatte sie auch ihr Studium beendet, war trotz ihrer jungen Jahre schon mit einer beeindruckenden Karriere versehen. Die Türen standen ihr offen. Headhunter umschwirrten sie. Und nicht nur Headhunter.

Sie hatte viele Freunde, sie kannte viele Menschen, und sie hatte auch keine Probleme, wenn sie Lust auf etwas Intimeres hatte. Allerdings schätzte sie es auch, den Abstand wahren zu können, Distanz zu halten. Ihre Eltern hingegen, die waren schon weit über dreißig Jahre verheiratet. Das wäre nie etwas für sie, davon war Rebecca fest überzeugt.

Als sie noch mehr oder wenig abhängig vom Geld ihrer Eltern gewesen war, hatte sie sie ab und zu besucht. Pflichtbesuche, hatte sie dann immer zu Elisa gesagt, und Elisa hatte immer etwas merkwürdig reagiert. Elisa hatte sich noch viel schlechter mit ihren Eltern verstanden, hatte die Verbindung radikal abgebrochen, als sie es sich finanziell leisten konnte. Warum reagierte Elisa so seltsam, wenn Rebecca ihr sagte, dass sie keine Lust auf ihre Eltern hatte?

Letztendlich war die junge Frau froh gewesen, als auch die Anrufe ihrer Eltern seltener wurden. Mittlerweile telefonierten sie alle paar Monate, und es war zu Rebeccas Routine geworden, ihren Eltern stets ihre neue Adresse mitzuteilen, wenn sie an eine andere Stelle versetzt worden war. Immer bekam sie dann in den nächsten Tagen einen Blumenstrauß zugestellt oder Konfekt, mit Grüßen von ihren Eltern. Irgendwie, dem konnte sich selbst Rebecca nicht entziehen, war das schon ein wenig rührend. Eine merkwürdige Konstante in ihrem Leben, und als einmal das Geschenk für mehrere Wochen ausblieb, war sie regelrecht verärgert. Und dann war dann plötzlich doch ein Blumenstrauß da, und sie bekam mit, dass sie ihren Eltern versehentlich eine falsche Adresse übermittelt hatte. Und so war das Geschenk ins Leere gelaufen, bis ihre Eltern aus eigener Kraft ihre Adresse herausfanden. Sie hatten sie nicht einmal gefragt.

Rebecca hatte viel zu tun, war ständig beschäftigt, hatte nur wenig Zeit, über Belangloses nachzudenken. Sie liebte ihren Job, liebte ihr Leben. Es ging ihr gut, und sie vermisste nichts.

Und dann kam die Nachricht, dass sie für ein Projekt nach Deutschland versetzt würde. Und dann auch noch in ihre Heimatstadt. Im nächsten Jahr würde sie für sechs Monate dort sein. Sie hatte lange gezögert, dies ihren Eltern mitzuteilen. Sie wäre nur einige Kilometer von ihnen entfernt, und sie hatte kein gutes Gefühl. Würde ihre Mutter ihr wieder erklären, wie sie sich zu verhalten hätte? Würde ihr Vater ihr wieder erläutern, dass es nicht gut sei, wenn sie unausgeschlafen in die Schule ging? Oder jetzt zur Arbeit? Es war nichts Bestimmtes, was Rebecca beschäftigte, es war einfach ein allgemeines Unwohlsein. Sie war eine erfolgreiche Frau, aber bei ihren Eltern, das fühlte sie, würde sie wieder zu einem hilflosen, dummen Kind mutieren. Bei Menschen, die sie kaum noch kannte.

Am Ende hatte sie ihren Eltern doch eine Email geschrieben, dass sie zum Jahresende nach Deutschland ziehen würde, und am nächsten Tag hatte ihr Vater sie angerufen und gefragt, ob sie etwas dagegen haben würde, Weihnachten mit ihnen zu verbringen. Und bei ihnen zu übernachten.

Weihnachten! Das war in ihrer Familie immer eine ziemlich große Sache gewesen, und solange ihre vielen größeren Cousins und Cousinen noch dabei gewesen waren, war das alles ganz nett gewesen. Aber als sie selbst fünfzehn oder sechzehn Jahre alt war, war sie als letztes Kind im Kreise der Erwachsenen verblieben, und nie hatte sie derartig langweilige Feiern erlebt. Dieses gezwungene Sitzen unter dem Weihnachtsbaum. Und vorher das nervige Schmücken. Das aufgesetzte „Frohe Weihnachten!“ Der scheinheilige Gang zur Kirche, mehr deshalb, weil man das halt so machte, nicht aber, weil man das auch wirklich tun wollte. Und Rebecca hatte sich dann erkämpft, mit Elisa und anderen Freunden und Freundinnen zu feiern. Auch das hatte natürlich einen Riesenstreit gegeben, und Rebecca hatte vor lauter Wut sogar ihren Vater geschubst. Es war das einzige Mal, dass sie handgreiflich geworden war, und nie hatten ihre Eltern sie jemals geschlagen, aber Rebecca war sich sicher, dass diese Situation das endgültige Zeichen gewesen war, dass ein längeres Zusammenleben einfach nicht mehr ging.

Wie gut, dass die Trennung so positiv verlaufen war. Und so vollkommen schmerzlos.

Aber nun saß sie in ihrem Auto und starrte auf das Haus. „Ihr“ Haus. Sie sah sich selbst durch den Garten springen, mit dem alten Hund ihrer Mutter spielen, als sie noch ganz klein gewesen war. Wie hatte er geheißen? Max? Sie wusste es nicht mehr genau, aber es war ein ziemlich großer schwarzer Hund gewesen. Oder braun? Auf jeden Fall aber war er sehr gutmütig gewesen, denn sie hatte ständig in sein Fell gegriffen, und der Hund hatte nie geklagt, sondern ihre Hände schwanzwedelnd abgeschleckt.

Sie sah die Straßenlaterne vor dem Haus und erinnerte sich daran, dass sie einmal beim Fahrradfahren mehr nach hinten zu einem Schulfreund geschaut hatte als nach vorne auf den Weg. Und so war sie ungebremst in die Laterne gefahren. Das Rad war vollkommen verbogen, und sie hatte sich einen Arm gebrochen. Ihre Mutter hatte mit ihr geschimpft, dass sie mehr aufpassen solle, und ihr Vater hatte ihr ein neues Rad gekauft ...

Rebecca musste schlucken. Daran hatte sie schon lange nicht mehr gedacht. Sie hatte einfach ein neues Rad bekommen.

Die junge Frau schaute auf das Geschenk neben ihr. Was schenkte man einem Paar, das seit gefühlten Ewigkeiten zusammen am selben Ort wohnte? Sie hatte sich entschieden, ihren Eltern ein Bild zu malen. Seit einigen Jahren malte sie zum Zeitvertreib, wenn sie mal ein wenig Freizeit hatte. Sie mochte das Spielen mit den Farben und mit verschiedenen Techniken, liebte das Abstrakte, das Gestalten mit Formen jedweder Art. Sie hatte ein Bild ausgewählt, das sie sehr mochte, mit Dreiecken und Quadraten, sehr geometrisch, in rötlichen und orangenen Tönen gehalten, die in sanftes Braun am Rand verliefen. Im Prinzip wirkte es wie ein wunderschöner Sonnenuntergang an einem Sandstrand, und soweit sie das Wohnzimmer ihrer Eltern noch in Erinnerung hatte, würde es dort gut hineinpassen. Sofern ihre Eltern, die bestimmt nichts verändert hatten, den Mut dazu aufbrachten.

Wovor hatte sie nun also Angst? Ihre Eltern waren doch keine Monster! Oder war es die Angst vor der Sprachlosigkeit? Vor dem Nicht-Wissen, was man sagen sollte? Was man sich überhaupt zu sagen hatte? Rebecca biss die Zähne zusammen, stieg aus, strich ihren Rock zurecht, zupfte an ihrem Jäckchen, kontrollierte ihre hohen Schuhe. Alles war in bester Ordnung. Sie zog das Bild vom Beifahrersitz, hängte ihre Handtasche in die Armbeuge, holte die kleine Reisetasche vom Rücksitz, verschloss das Auto, atmete noch einmal tief durch und ging dann entschlossen über die Straße.

Sie musste nicht klingeln. Die Gartenpforte summte, sie trat hindurch – und fühlte sich wie in eine Zeitkapsel versetzt. Die Rosenbeete, die ihr Vater so sehr pflegte, sie waren immer noch da. Es schienen teilweise andere Rosenstöcke zu sein, auch andere Rosenarten, aber ihr Vater zog sie immer noch. Der kleine Kiesweg, der um das Haus herum in den hinteren Bereich des Gartens führte, war wie immer penibel gepflegt und sauber wie eh und je. Was hatte sie ihre Eltern in den Wahnsinn getrieben, wenn sie die kleinen Kiesel heimlich einsammelte und zum Spielen auf die Straße oder zu Freunden schleppte!

Auch der Baum, an dem ihre Schaukel gehangen hatte, war noch da. Natürlich war da längst keine Schaukel mehr. Die hatte ihr Vater schon abgehangen, als sie noch zu Hause gewohnt hatte. Aber am Ast waren immer noch die Einkerbungen zu sehen, wo einst die Seile tief in das Holz geschnitten hatten.

Rebecca war eigenartig zumute. So hatte sie sich noch nie gefühlt. Auch nicht, als sie die letzten Male hier gewesen war. Aber das waren ja eben Pflichtbesuche gewesen. Nicht dass ihre Eltern sie hierher befohlen hätten, weil sie ihre Ausbildung, ihr Studium mit bezahlten. Aber dennoch war es für Rebecca eine Art Pflicht gewesen. Nun aber war sie aus freien Stücken hier ...

Warum eigentlich?

Sie hatte darüber nachgedacht. Weil sie ihre Eltern sehen wollte? Eher nicht. Oder doch? Oder weil sie sich doch irgendwie verpflichtet sah? Eher auch das nicht.

„Rebecca?“ Die Stimme ihres Vaters drang an ihr Ohr.

Sie hatte nicht bemerkt, dass sie stehengeblieben war und auf den kleinen Teich zu ihrer Rechten starrte. Der war neu, der war damals nicht hier gewesen. Und sie sah auch eine kleine Steinbank, die sie nicht kannte. Und dass der Putz erst vor kurzem erneuert worden war. Nichts war es mit all den Rissen, die sie noch gekannt hatte.

Im Eingang stand ihr Vater auf der kleinen Treppe und blickte auf sie herab. Seine Haare waren etwas weißer und etwas dünner geworden, aber eigentlich hatte er sich nicht wirklich verändert. Natürlich trug er eine dunkle Hose, ein Hemd mit Manschetten und eine Krawatte. Wie immer zu Weihnachten. Oder zu anderen wichtigen Anlässen.

Und nun trat auch ihre Mutter in die Eingangstür, während ihr Vater etwas zur Seite rückte. Sie hatte sich für einen Hosenanzug entschieden, den Rebecca nicht kannte. Er stand, so musste die junge Frau anerkennen, ihrer Mutter ausgezeichnet.

„Möchtest du hereinkommen?“, fragte ihr Vater vorsichtig und versuchte ein etwas hilfloses Lächeln.

Die junge Frau bemerkte erst jetzt, dass sie ihre Eltern mit offenem Mund anstarrte. Es war, als ob sie sie noch nie gesehen hatte. Ja, sie waren etwas älter geworden, aber ihr war nie bewusst gewesen, wie attraktiv die beiden eigentlich als Paar wirkten. Wären sie nicht ihre Eltern, dann ... Ja, was eigentlich „dann“? Ihre Eltern, sie wirkten auf sie so fremd. Und doch irgendwie auch vertraut. Es grummelte in ihrem Magen.

„Natürlich“, schluckte Rebecca schließlich, stieg die Treppe empor und stand vor ihrer Mutter, die Handtasche in der linken Armbeuge, in der Hand die kleine Reisetasche, das etwas sperrige Geschenk unter dem rechten Arm. Und was nun? Wie begrüßt man Eltern, denen man eigentlich nichts zu sagen hat?

Die großen hellblauen Augen ihrer Mutter blickten sie an, und es war wie eine Ewigkeit, bis ihre Mutter ihr vorsichtig über den Arm strich. Auch ihr Vater wusste offenbar nicht, wie er seine Tochter begrüßen sollte, und so traten sie erst einmal in den Flur.

Rebecca erstarrte. Wohl erkannte sie noch das Haus, aber ansonsten war alles anders. Neue Möbel waren hier, eine neue Lampe, selbst das Treppengeländer in den oberen Stock war neu. Und als sie das Wohnzimmer betrat, fand sie auf Anhieb keinen einzigen Einrichtungsgegenstand, an den sie sich noch erinnern konnte.

„Ihr ... habt euch neu eingerichtet?“ Ihr Hals zog sich zusammen. Es war geschmackvoll. Es war hell und gekonnt. Es gefiel ihr sogar. Es war besser als die Möbel, die sie noch in Erinnerung hatte. Und doch war ihr für einen winzigen Moment so, als ob sie eine leichte Trauer empfand, dass nichts so war wie früher. Selbst der große Weihnachtsbaum stand in einer anderen Ecke als früher.

„Ja“, antwortete ihre Mutter. „Vor vier Jahren haben wir das endlich gemacht. Das wollten wir immer schon, aber irgendwie sind wir nie dazu gekommen. Gefällt es dir?“

„Das ist sehr schön.“ Rebecca bemerkte kaum, dass ihr Vater ihr das Geschenk abnahm und unter den Weihnachtsbaum legte. Denn sie hatte etwas entdeckt, das sie doch kannte. Fotos von ihr selbst. Sie standen auf einem kleinen Board zwischen den beiden großen Glastüren, die auf die Terrasse führten, und sie kannte sie alle. Sie als Baby, als Kleinkind im Kinderwagen, bei der Einschulung ... Ein Bild von ihrer Abiturfeier war ebenfalls da. Und auch ein ganz aktuelles Foto aus ihrem letzten Urlaub, das sie ihren Eltern vom Telefon aus zugeschickt hatte. Es zeigte sie vor einem Brunnen. Sie hatte ein knappes, luftiges Oberteil an und einen fast durchsichtigen leichten Sommerrock. Eine Kellnerin hatte das Foto gemacht, und sie mochte es sehr. Irgendwie berührte es sie, dass ihre Eltern es ausgedruckt und aufgestellt hatten.

„Das ist ein wunderschönes Foto, Rebecca“, sagte ihre Mutter neben ihr. Von irgendwoher hatte sie ein Glas gezaubert. „Einen Sherry? Du hast uns geschrieben, dass du Sherry magst? Wollen wir anstoßen?“

„Äh, ja.“ Rebecca griff nach dem Glas und blickte sich um. „Wer kommt denn noch?“

„Niemand“, gab ihr Vater zurück. „Wir wissen doch, dass dich die großen Runden mit allen alten Verwandten nie begeistert haben. Ich hoffe, du bist einverstanden, wenn wir nur zu dritt sind?“

„Natürlich.“ Was sollte sie auch sagen? Sie wusste ja selbst nicht, was sie sich eigentlich wünschte. Nervös nahm sie einen Schluck. Der Sherry war ausgezeichnet.

„Auf dich, Rebecca.“ Ihr Vater hob sein Glas und lächelte ihr zu. Es war ein schönes Lächeln. Ein stolzes Lächeln. Und da war noch etwas ... Etwas, das Rebecca ins Herz traf, ohne dass sie zunächst wusste, was es war.

„Auf dich.“ Die Augen ihrer Mutter waren feucht, aber auch sie lächelte.

Rebecca war plötzlich wieder klein. Sie sah sich heimlich im Flur herumschleichen, während ihre Eltern die Geschenke einpackten. Sie erinnerte sich, wie ihr Vater sie getröstet hatte, als sie die Treppe hinuntergestürzt war. Sie erinnerte sich daran, wie sie unglücklich verliebt gewesen war und wie ihre Mutter sie in ihren Armen gehalten hatte. Sie erinnerte sich an den Duft der Bettwäsche, an den angenehmen Geruch von Mandelöl, das immer im Badezimmer bereitstand. Sie sah sich stolz mit ihrer Schultasche in der Haustür stehen, bereit für die Einschulung. So viele wunderschöne Erinnerungen schossen ihr durch den Kopf, längst vergessen geglaubte Erinnerungen, die so ewig von diesen längst völlig nichtigen Problemen, wann man als Teenager zu Hause zu sein hatte, überlagert worden waren. Wieso hatte sie all das Schöne vergessen? Wieso hatte sie sich so in diese Ablehnung verbissen? War das eine Notwendigkeit der Abnabelung? Vielleicht war es so. Aber jetzt, nach fast einem Dutzend Jahren?

Und sie erinnerte sich an den letzten Blick ihres Vaters, als sie ausgezogen war. Als er ihr hinterherblickte und ihr zuwinkte, als sie endgültig das Haus verlassen hatte. Es war der gleiche Blick, wie sie ihn jetzt sah. Nie hatte sie darüber nachgedacht, was das für ein Blick war. Doch jetzt, in diesem Moment, da war ihr alles klar.

Sie sah, wie ihre Eltern sich an den Händen hielten, vereint wie immer. Wie sie unsicher zu ihr schauten, auch nicht wussten, was sie sagen, was sie tun sollten.

Gott, dachte Rebecca, was bin ich dumm, was bin ich blind! Ja, ich lebe anders als meine Eltern, und ich will das auch so. Aber hier, hier finde ich bedingungslose Liebe. Einfach weil ich ich bin! Egal wann. Egal wie ich mich aufführe. Hier bin ich immer willkommen! Ohne jede Vorbedingung. Und ich war zu blind, das zu erkennen. Elisa aber, sie hatte das schon damals bemerkt und mich darum still beneidet. Niemals werde ich wieder so viel Zeit vergehen lassen.

Tränen des Glücks schossen ihr in die Augen. Sie stellte ihr Glas ab, ging auf ihre Eltern zu und konnte nicht anders, als sie zu umarmen. Und es war ein so herrliches Gefühl, bei ihnen zu sein. Es würde ein wunderschönes Weihnachtsfest werden. Und sie würden sich alle ganz, ganz viel erzählen, weil es so viel zu erzählen gab. Das stand jetzt schon fest.


10. Dezember: Ein Koffer voller Wünsche (K)

Sie liebte die Ruhe, die von diesem Ort ausging, dem Ort, der ihr so viel bedeutete. Natürlich, die Holzbank war längst erneuert worden und der Baum hatte etliche Jahresringe hinzugewonnen, und doch sah sie sich noch als junge Frau unter seinen Zweigen sitzen. Damals war sie glücklich gewesen. Damals und die letzten Jahrzehnte ebenfalls, auch wenn es nicht immer einfach gewesen war. Doch sie hatten es geschafft. Gemeinsam. So, wie sie immer gemeinsam eine Lösung gefunden hatten. Aber jetzt war sie allein. Und sie fühlte sich alt. Deutlich älter, als sie es eigentlich war.

Der Pfarrer ging mit einem Mitarbeiter über den Hof und grüßte zu ihr herüber. Sie nickte ihm zu und nahm ihn doch kaum wahr.

Es wurde kälter. Die Sonne ging in diesen Monaten schon früh unter und konnte auch tagsüber kaum wärmen. Dabei hätte sie die Wärme gut gebrauchen können. In den Häusern wurden Laternen angezündet und leuchteten aus den Fenstern auf die Straße. Sie sahen hübsch aus, liebevoll gestaltete Windlichter, die dennoch nicht ihr Herz erreichten. Eigentlich hatte sie auch eine Laterne basteln wollen, zusammen mit ihrer kleinen Enkeltochter. Doch sie hatte keine Kraft dafür gehabt. Jetzt hatte ihre Schwiegertochter sich darum gekümmert, damit sie nicht ohne Licht zum Umzug gehen mussten.

Sie zog den Schal fester um den Hals und richtete sich auf. Als sie nach dem kleinen Kissen greifen wollte, das sie sich seit der Blasenentzündung mitnahm, weshalb sie zwei Wochen nicht zu ihrem Baum gehen konnte, zögerte sie. War da etwas in dem Astloch? Ein Stift? Ein Geschenk? Oder ein Schlüssel? Vom Boden aus konnte sie es nicht erkennen. Mühsam kniete sie sich auf die Sitzfläche, hielt sich mit beiden Händen an der Lehne fest, stellte einen Fuß auf und stemmte sich hoch. Mit einer Hand stützte sie sich am Stamm ab und schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, konnte sie erkennen, dass sich das Astloch jetzt fast auf Kopfhöhe befand.

Sie beugte sich vor und zog eine längliche Metallbox heraus. Als sie den Deckel öffnete, sah sie einen vergilbten Zettel. Er war zerknittert und mit einer gelben Schleife zusammengebunden. Im ersten Impuls wollte sie an einem Ende des Bandes ziehen, doch dann zögerte sie. Sorgfältig klopfte sie den Dreck ab und steckte die Box mit dem Zettel in ihre große Manteltasche.

---

„Habt ihr es schon gehört?“, fragte Christian und kickte einen Stein weg.

„Was denn?“ Michael sah zu seinem Freund. Wie kam es nur, dass er immer alle Gerüchte als erster kannte? Auch seine Schwester Luise sah von ihrem Zweig auf, den sie mit einem spitzen Stock abschabte. Eigentlich war er mit Christian am liebsten allein unterwegs. Aber heute hatte Mama sie wieder einmal gebeten, seine jüngere Schwester Luise mitzunehmen. Wenn er ehrlich war, störte sie meistens eigentlich gar nicht so doll. Beim Rennen war sie etwas langsamer, dafür unglaublich geschickt, wenn es darum ging, in hohe Bäume zu klettern. Und ihre Staudamm-Konstruktionen waren legendär. Aber ob sie auch Geheimnisse bewahren konnte? Egal, es war ja nicht sein Geheimnis.

Christian winkte sie zu sich und legte ihnen jeweils einen Arm auf die Schulter. „Habt ihr schon gehört, dass wir einen Engel im Dorf haben?“

„Einen Engel?“

„Pst, Luise! Nicht so laut!“, zischte ihr Bruder.

„Ja, einen Engel“, fuhr Christian fort.

„Würde ja in die Zeit passen“, lachte Michael. „Wenn nicht jetzt in der Adventszeit, wann dann?“ Er sah seinen Freund an. „Ist er dir erschienen und hat dich ermahnt, immer brav zu sein?“

„Unterbrecht mich doch nicht immer“, beschwerte sich Christian. „Ihr wisst ja gar nicht, was ich erzählen will! Frau Sommer, die Tante von Alex, ihr wisst schon, dem Freund von meinem Bruder, also, die hat ein Geschenk vor ihrer Tür gefunden.“

„Ein Geschenk?“, wunderte sich Michael. „Was denn?“

„Irgendsoein besonderer Haarkamm. Sie hatte früher mal so einen, und dann hatte sie ihn verloren, oder er war kaputt. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall hatte sie ihn nicht mehr. Und dann hat sie es letzte Woche beim Kirchkaffee erzählt. Und ein paar Tage später hatte sie ein Päckchen im Blumenkasten neben der Tür.“

„Dann hat es wohl jemand gehört, wie sie es erzählt hat. Oder es gibt wirklich Wichtelmännchen.“ Michael lachte und dachte an die gestickten Figuren auf ihrem Adventskalender. „Wie kommst du darauf, dass es ein Engel sein könnte?“

„Weil das nicht das einzige ist. Meine Mutter hat dann erzählt, dass der Schuster Hans einen neuen Füller bekommen hat und die Liesl vom Bauer Schwarzer eine rosa Haarschleife. Und der Metzger hatte einen Zettel im Briefkasten mit einer Liste, wem er zu Weihnachten einen Braten liefern soll. Geld lag auch gleich mit dabei.“

„Das kann nur ein Engel gewesen sein!“ Luises Augen leuchteten. Sie liebte Sagen und Märchengeschichten.

Christian sah sie spöttisch an. „War ja klar, dass du das wieder glaubst. Dann kannst du ja auch zum Schuppen im Kirchgarten gehen. Dort hat der Pfarrer jetzt einen Koffer aufgestellt. Angeblich kann man dort einen Zettel mit einem Wunsch reintun. Und wenn es ein richtig großer und wichtiger Wunsch ist und man abends immer dafür betet, dass er sich erfüllt, dann geschieht das auch.“

Michael grinste und stieß seine Schwester in die Seite. „Na komm, lass dich doch nicht immer ärgern!“

Doch Luise hatte gar nicht ihre übliche Trauermiene aufgesetzt. Sie schüttelte den Kopf. „Also, wenn ihr euch die Chance entgehen lassen wollt … Ich werde es versuchen.“ Sie zog die Jungen mit sich. „Kommt, wir gehen nach Hause und schreiben unsere Wünsche auf. Und dann gehen wir zum Schuppen und legen sie in den Koffer.“

„Weißt du denn schon, was du dir wünschst?“, wunderte sich Michael.

„Na klar! Ein Schnitzmesser. Dann muss ich nicht mehr einen Stein oder einen Stock nehmen. Und bei deinem Messer ist ja schon eine Ecke abgebrochen. Und scharf ist es auch nicht mehr unbedingt. Mama und Papa haben schon gesagt, dass ich es nicht zu Weihnachten bekomme. Dabei wünsche ich es mir so sehr! Aber sie denken, ich bin noch zu klein dafür. Obwohl du ein Jahr jünger warst, als du dein Messer bekommen hast!“

„Du bist ja auch ein Mädchen!“

Empört wandte sich Luise an Christian. „Das ist doch kein Grund! Außerdem kann ich besser klettern als du.“

---

Es dämmerte schon, als die drei Kinder zum Kirchgarten kamen. Beinahe ehrfürchtig schlichen sie den Kiesweg entlang. Am Holzschuppen baumelte eine Laterne über der Tür, die mit einem Strick offen gehalten wurde. Auf einem Hocker lag ein Koffer, groß genug, dass eine ganze Familie damit verreisen könnte. Aber auch so schwer, dass er schon ohne Inhalt kaum zu tragen gewesen wäre.

Michael kniete sich hin und hob den Deckel hoch. Im Laternenlicht konnten sie mehrere gefaltete Zettel erkennen.

„Wir sind nicht die einzigen“, wisperte Luise.

Vorsichtig legte sie ihren Zettel dazu, den sie ordentlich gerollt und mit einer Schleife verziert hatte. Michael holte sein geknicktes Blatt aus der Hosentasche und legte es daneben. Doch er zögerte noch, den Deckel wieder zu schließen.

„Sollen wir einmal nachschauen, was sich die anderen so gewünscht haben?“

Christian nickte und griff in den Koffer. „Was haben wir denn da?“

Lieber Engel!

Bitte mach, dass Papa nicht mehr so traurig ist und Mama nicht mehr so doll schimpft. Ich habe doch beide lieb!

Deine Katharina

„Da steht ja gar keine Adresse dabei“, wunderte sich Michael. „Wie soll der Engel denn dann wissen, wem er helfen soll?“

„Also, ich bitte dich“, lästerte Christian. „Wie kannst du nur glauben, dass ein Engel das nicht wüsste …“

„Oder hier.“ Christian warf den ersten Zettel wieder in den Koffer und griff nach dem nächsten. In wackeliger Schrift stand nur eine Bitte:

Ein Bund Tannenzweige, damit mein Herrmann im Winter gut bedeckt ist.

„Ich finde nicht richtig, was wir hier machen!“, meldete sich Luise. „Das sind Wünsche, die nicht für uns bestimmt sind. Die hier, das könnte die alte Gruber sein. Ihr Mann ist doch schon lange tot und sie kümmert sich immer um sein Grab. Dabei sieht sie doch fast nichts mehr. Wir sollten das nicht lesen.“ Entschlossen nahm sie Christian den Zettel aus der Hand.

„Ich habe eine andere Idee.“ Michael machte den Deckel zu und griff nach dem Zettel in Luises Hand. „Wir erfüllen der Gruberin ihren Wunsch. Tannenzweige finden wir doch genug im Wald. Und dann könnten wir sie auch gleich aufs Grab legen.“ Er steckte den Zettel in seine Hosentasche, stand auf und klopfte sich die Hose ab. „Es wird dunkel. Wir sollten nach Hause gehen.“

Die anderen beiden nickten und folgten ihm über den Kirchhof. Nur Christian blickte immer wieder zweifelnd zurück.

---

Der große Baum warf lange Schatten auf den Hof. Die Zweige ächzten, und irgendwo rief ein Käuzchen. Christian atmete tief ein und ging dann zügig weiter. Er brauchte einfach nur auf die Laterne zu schauen. Nur noch fünf Schritte, höchstens sieben, dann hätte er den Schuppen erreicht. Warum hatte er auch vorhin nicht einfach zugeben können, dass er die Wunschidee eigentlich gar nicht so schlecht fand? Dann wäre ihm dieser Ausflug im Dunkeln erspart geblieben.

„Guten Abend!“

Mit einem Aufschrei sprang Christian zur Seite. Dann atmete er erleichtert auf. Auf der Bank unter dem Baum saß eine Frau. Er kannte sie und wusste doch nicht, wie sie hieß. Sie nannten sie die Baumfrau, da sie in den letzten Monaten fast immer auf der Bank zu sitzen schien. Jetzt erhob sie sich lächelnd, nickte noch einmal zu ihm herüber.

„Du solltest auch bald nach Hause gehen. Es ist schon spät!“ Sie lächelte und schien zu überlegen, ob sie noch etwas sagen sollte. Doch dann steckte sie die Hände in die Manteltaschen, die merkwürdig ausgebeult wirkten, drehte sich um und ging davon.

Christian wartete, bis sie durch das Hoftor verschwunden war. Dann rannte er zum Schuppen, nestelte das kleine Blatt aus seiner Hosentasche und hob den Deckel. Der Koffer war leer.

---

Ein paar Tage später legte der Vater ein Päckchen vor Luise auf den Frühstückstisch und setzte sich mit der Zeitung auf seinen Stuhl. In ordentlicher Schrift stand „Luise“ auf dem Packpapier. „Weißt du, was das zu bedeuten hat?“

„Vielleicht hat der Nikolaus gestern noch ein Geschenk vergessen“, kam Michael seiner Schwester zur Hilfe.

„Oder ein Engel hat es zu uns gebracht.“ Die Mutter zwinkerte ihrer Tochter zu.

Luise schluckte. Wusste ihre Mutter Bescheid? Vorsichtig befingerte sie das Päckchen. Könnte es sein ...?

„Darf ich aufstehen?“

„Und ich auch?“

Die Geschwister gingen ins Kinderzimmer. Sorgfältig wickelte Luise ihr Geschenk aus. Zum Vorschein kam das schönste Schnitzmesser, das sie jemals gesehen hatte.

„Oh, ist das toll! Wunderschön!“ Ehrfürchtig strich Luise über den Knauf und die fein gearbeitete Ledertasche. „Dann war es ja gut, dass ich unsere Adresse dazu geschrieben habe.“

Michael nickte. „So hast du es dem Engel leichter gemacht.“

„Was hast du dir eigentlich gewünscht?“, fragte Luise ihren Bruder.

Michael lächelte verträumt und sah das Messer an. „Mein Wunsch ist schon in Erfüllung gegangen.“


10. Dezember: Ihr Kriegerlein kommet (J&E)

Ein Drama in drei Akten

Dramatis personae

Kalchas (Seher der Griechen)

Agamemnon (Anführer der Griechen)

Menelaos (dessen Bruder)

Achilles (größter Held der Griechen)

Aiax (zweitgrößter Held der Griechen)

Odysseus (listigster Held der Griechen)

Priamos (König von Troja)

Kassandra (seine Tochter, Seherin der Trojaner)

Hektor (größter Held der Trojaner)

Aeneas (zweitgrößter Held der Trojaner)

Laokoon (Trojanischer Priester)

Penthesilea (Königin der Amazonen)

Paris (Bruder von Hektor)

Helena (Menelaos’ Frau, Geliebte des Paris)

Zeitpunkt der Handlung: Zehntes Jahr des Trojanischen Krieges

Erster Akt

Ort der Handlung: Lager der Griechen

Die Heerführer der Griechen stehen um einen Tisch herum, auf dem ein Modell Trojas steht.

(Kalchas betritt die Szene und reckt die Arme gen Himmel.)

Kalchas Ein Wunder! Ich kann sehen!

Aiax Bitte nicht schon wieder.

Kalchas Ich sehe! Ich sehe!

Menelaos Klar, wenn man die Augen offen hat, klappt das auch.

Kalchas (mit dem Finger auf Menelaos zeigend) Du! Du solltest ganz still sein. Hättest du dir nicht die Frau, die schöne Helena, rauben lassen, wären wir nicht hier.

Agamemnon Und hätten wir auf dich gehört, als wir hierher segelten und in die Windstille gerieten, hätte ich meine Tochter Iphigenie geopfert.

Achilles Mir ist langweilig. Jeden Tag Schädel einschlagen wird auf Dauer echt langweilig.

Kalchas Ich sehe die Lösung aller unserer Probleme! Die Götter haben zu mir gesprochen!

Odysseus (atmet tief in Kalchas’ Richtung ein und wedelt dann die Luft angewidert mit einer Hand fort) Du meinst, der Gott des Weines hat zu dir gesprochen?

Kalchas (mit dem Finger auf Odysseus zeigend, laut) Wage nicht, die Weissagungen des Willens der Götter zu verspotten! Viele meiner Voraussagen sind eingetroffen!

(Kurze Ruhe. Die anderen blicken sich an.)

Aiax (vorsichtig) Welche denn?

Kalchas (mit sehr lauter Stimme) Zweifler! Spötter! Ihr seid verantwortlich dafür, dass wir alle immer noch hier sind. Eure Kämpfer da draußen, sie sind es leid. Sie vertrauen mir. Ich werde zu ihnen gehen und von den Botschaften der Götter berichten.

Agamemnon (seufzend) Bevor du wieder mal alle aufwiegelst, was ist es denn diesmal?

Kalchas Der Winter ist gekommen!

(Die anderen schauen sich erneut an, sehr skeptisch, ziehen ihre Umhänge enger um sich)

Odysseus Das haben wir auch schon bemerkt. Ehrlich.

Kalchas Es wird kälter werden. Es wird schneien wie auf dem Olymp!

Aiax Zugegeben, ungewöhnlich, kommt aber ab und zu vor. Ich kann mich erinnern, wie ich als kleiner Junge …

Kalchas Und wir werden frieren. Aber die Götter haben mir Bilder geschickt. Bilder von Wärme!

Odysseus Von Feuer?

Kalchas Spötter! Götter reden nicht direkt. Sie reden in Bildern. Wir, die Seher, haben die Aufgabe, diese Visionen für euch, die Nichtsehenden, verständlich zu machen.

Menelaos (zu Agamemnon) Ja genau, wie bei Kroisos von Lydien und der Pythia von Delphi.

Agamemnon (lacht) Der, dem geweissagt wurde, wenn er den Fluss Halys überschreitet, wird er ein großes Reich zerstören?

Menelaos Genau. Und am Ende war es sein eigenes Reich, das zerstört wurde.

Kalchas (mit großer Geste) Die Pythia von Delphi pflegt ein anderes Image, ein anderes Dienstleistungsbranding, und betrügt damit die Leute. Ich hingegen …

Agamemnon (leise zu Menelaos) Konkurrenzkampf auf dem Sehermarkt.

Kalchas … ich hingegen beschreibe den Leuten, was ich sehe.

Achilles Mir ist langweilig. Ich gehe gleich mal vor die Tore von Troja und frage, ob da jemand Lust hat, sich von mir den Schädel einschlagen zu lassen. (beginnt, mit seinem Schwert zu spielen)

Aiax Und was hast du nun gesehen, Kalchas?

Kalchas Ich sehe den Sieg! Das Ende des Krieges! Und wie ich schon sagte, er wird somit im zehnten Jahr enden.

Aiax Kannst du vielleicht ein bisschen deutlicher werden? Warum wird der Krieg enden?

Odysseus (murmelnd zu Agamemnon) Könnte er nicht mal sein eigenes Ableben weissagen? Dann hätten wir Ruhe, um unseren Plan umzusetzen. (deutet auf ein großes hölzernes Pferd auf dem Tisch vor dem Troja-Modell)

Kalchas (triumphierend) Es ist kein Pferd! Es ist kein Pferd, Odysseus. Wie so oft irrst du!

Odysseus Kein Pferd?

Kalchas Den Sieg bringt ein Baum!

(Grenzenloses Erstaunen aller anderen. Sogar Achilles blickt kurz von seinem Schwert auf)

Agamemnon (sehr vorsichtig) Ein Baum bringt den Sieg?

Kalchas Jawohl. Ein Baum wird triumphieren über Priamos und seine Brut.

Menelaos (überaus zurückhaltend, beinahe mitleidig) Kannst du uns vielleicht mehr über diesen Baum erzählen?

Kalchas Wir bieten den Baum den Trojanern zum Geschenk! Und sie werden ihn in ihre Stadt bringen. Und so obsiegen wir.

Aiax Das wollen wir ja mit Odysseus’ Pferd machen.

Odysseus Du willst unsere Kämpfer in einem Baum verstecken, Kalchas? Echt jetzt?

Kalchas Nein.

Agamemnon Er soll, wenn er in der Stadt ist, durch Griechisches Feuer entzündet werden und Troja niederbrennen?

Kalchas Nein. Kerzen wird er tragen, aber sie entzünden nicht die Stadt.

Odysseus Keine Krieger, kein Feuer, kein Pferd … Wie soll das den Sieg bringen?

Kalchas Pferde sind dabei.

Achilles (strahlt) Aaaaah, sie ziehen den Baum in die Stadt, und dann kippt der Baum um und schlägt den Trojanern die Schädel ein?

Kalchas Die Pferde hängen am Baum.

Menelaos Pferde hängen am Baum?

Agamemnon (lacht) und noch was anderes?

Kalchas Ja. Mit geschmolzenem Zucker überzogene Äpfel beispielsweise. Und Sterne aus Stroh. Und bunte Kugeln aus geschmolzenem Sand.

(Alle treten ein wenig von Kalchas fort, als sei er ansteckend)

Odysseus Und dann reiten die Sterne auf den Pferden weiter in die Stadt und bringen den Sieg? (muss lachen)

Kalchas Lästere nicht! (er deutet auf Odysseus) Deine Aufgabe wird es sein, den Baum zu finden und hierher zu bringen.

Odysseus Und was, bitte, ist das für ein Baum?

Kalchas Eine Tanne.

Odysseus Eine Tanne? Hier gibt’s aber keine Tannen. Wo soll ich denn jetzt eine Tanne herbekommen?

Kalchas Dann solltest du dich mal auf die Suche danach machen. Nicht dass deine Reise ein langer Irrweg wird und wir auf dich warten müssen.

Aiax Und wie gewinnen wir jetzt mit dem Baum?

Kalchas Die Götter sagen mir, dass die Trojaner ihre Waffen fallen lassen werden.

Zweiter Akt

Ort der Handlung: Thronsaal Trojas

Der Kriegsrat von König Priamos ist zusammengetreten. Paris und Helena sind weniger am Gespräch als vielmehr an sich interessiert.

(Kassandra betritt die Szene und reckt die Arme gen Himmel.)

Kassandra Ein Wunder! Ich kann sehen!

Priamos (verdreht die Augen)

Hektor (mitleidig) Was ist denn jetzt schon wieder?

Kassandra Die Götter sprechen zu mir.

Aeneas Das wissen wir. Die Frage wäre eher: Wann schläfst du überhaupt mal? Die Götter scheinen ja ein Dauergespräch mit dir zu führen.

Kassandra (naserümpfend) Die Frage wäre eher: Wann glaubt ihr mir endlich mal? Ich rede mir den Mund fusselig, und ihr macht es immer anders, als ich empfehle. Und deshalb haben wir hier schon im zehnten Jahr den Krieg.

Penthesilea Da muss ich aber ausnahmsweise mal Kassandra recht geben. Ein wenig mehr Frauenquote wäre schon angebracht bei den Entscheidungen hier.

Hektor Frauenquote? Dass ich nicht lache. Die habt ihr Amazonen doch mit 100% übererfüllt.

Penthesilea Hat sich ja auch bewährt.

Hektor (abschätzig Penthesilea von oben bis unten betrachtend) Na, ich weiß nicht. (dann zu Helena zeigend, die immer noch mit Paris herumknutscht) Oder möchtest du ihr auch eine Führungsrolle geben?

Penthesilea Also, so weit möchte ich dann doch nicht gehen.

Priamos Kinder, es ist wie immer mit euch. Alles wird zerredet, und wir fällen keine Beschlüsse. Wir müssen uns jetzt mal um den Krieg kümmern.

Kassandra Oh Vater, das möchte ich doch gerne. Ich weiß, wie wir den Krieg beenden können! (tanzt um Priamos herum)

Laokoon (skeptisch) Aha.

Aeneas Und was schwebt dir - Verzeihung - was schwebt den Göttern da so vor?

Kassandra Ich sehe einen Stall.

(Ungläubiges Erstaunen aller anderen. Selbst Helena und Paris lassen kurz voneinander ab)

Helena Stall ist nicht gut. Das verdirbt meine Fingernägel. Der ganze Dreck da und so.

Priamos (traurig) Und sperren wir dann die Griechen einfach in einem Stall ein?

Kassandra Nein! Ich sehe ein Paar im Stall und ein Kind in einer Krippe.

Aeneas (schaut zu Hektor und dreht mit einem Finger neben seiner Schläfe)

Penthesilea Und wieso ist das Kind in der Krippe? Haben die kein Bett, oder was?

Kassandra Der Junge und seine Eltern …

Penthesilea Ach so, ein Junge! Na, dann ist eine Krippe ja eher noch gut für ihn. Für uns Amazonen sind nur Mädchen nützliche Kinder.

Priamos (versucht, das Gespräch wieder zu fokussieren) Wie gewinnen wir den Krieg mit einem Kind in einer Krippe?

Kassandra Der Junge und seine Eltern sind nicht alleine. Ein Ochse und ein Esel sind bei ihnen.

Aeneas Na, dann kann uns ja nichts mehr passieren. Da rennen die Griechen sofort davon. Vielleicht können wir den Ochsen als Minotauros verkleiden? (hält die Hand vor den Mund, da er lachen muss)

Kassandra Du bist ein unwürdiger Ignorant. Ein Stern leuchtet über dem Stall, und es kommen Könige. Drei Könige.

Hektor Wer denn? Bekommen wir Verstärkung?

Kassandra Ich kann sie nicht genau erkennen, aber es könnten Agamemnon, Menelaos und Odysseus sein. Und sie reiten auf Kamelen.

(Die anderen starren sich mit aufgerissenen Augen an)

Helena Ich will nicht, dass Menelaos kommt. Paris, sag du doch auch mal was.

Paris Muss Menelaos einer von den drei Königen sein?

Kassandra Nein, muss nicht. Vielleicht ist es auch Achilles. Entscheidend ist aber, dass meine Vision zeigt, dass sie vor dem Kind niederknien und Geschenke überreichen. Gold bringt der eine, …

Priamos (zu sich) Na, wenn das mal Agamemnon wäre, der alte Knauser. Dem würde ich das aber gönnen, dass er was abgeben muss.

Kassandra … die anderen Geschenke kann ich nicht erkennen. Aber ich habe heute einen merkwürdigen Weihrauchduft in der Nase, und meine Hände sind ölig.

Hektor Fassen wir mal zusammen: Ein Kind in einer Krippe in einem Stall samt Ochs’ und Esel und einem Stern darüber bringen Agamemnon, Odysseus und Achilles dazu, Geschenke zu überreichen und niederzuknien? Na, das wär’ doch mal was! Und wo finden wir so ein Zauberkind?

Kassandra Ich weiß es nicht. Ich muss ja nicht alles machen. (blickt zu Laokoon) Vielleicht findest du den Ort, wo ...

Laokoon Ich? Wieso ich jetzt? Nein, ich mache so etwas nicht mehr. Wenn ich Visionen habe, tauchen immer Schlangen auf. Ich habe Familie.

Hektor (folgt offenbar dem Zeichen einer Wache und geht ab)

Penthesilea Mir ist alles recht, was diesen Krieg beendet. Langsam habe sogar ich meine Rüstung satt. Aber ein Kind als Friedensbringer? Und dann auch noch ein Junge? Das ist doch albern, Kassandra!

Kassandra Das ist doch mal wieder typisch. Nur weil ich von den Göttern mit dieser Gabe beschenkt bin, seid ihr eifersüchtig und glaubt mir aus Prinzip nicht.

Aeneas Vielleicht liegt es auch daran, dass du ständig etwas Merkwürdiges von dir gibst? Demnächst erzählst du uns auch noch, Tote könnten wiederauferstehen.

Hektor (kehrt zurück) Mir wurde soeben von unseren Spionen bei den Griechen Erstaunliches gemeldet.

Priamos Was denn? Bauen die jetzt das Pferd, von dem sie glauben, dass wir so blöd seien, es in unsere Stadt zu ziehen, während sich dort Griechen im Inneren verstecken?

(Alle lachen boshaft)

Hektor Nein. Odysseus ist abgereist.

Penthesilea Na, um den ist’s auch nicht schade.

Helena Vielleicht hat er auch nur Sehnsucht nach seiner Frau?

Hektor Er ist auf der Suche nach einem Tannenbaum.

(Alle schauen sich an und schütteln amüsiert die Köpfe)

Hektor Außerdem ist der tägliche Nachmittagskampf mit den Griechen ausgefallen.

Priamos Deswegen ist das so ruhig hier. Was haben die vor?

Hektor Das wissen unsere Spione nicht. Aber die Griechen basteln jetzt alle Strohsterne, schnitzen Holzpferdchen und schmelzen Sand ein, um ihn danach bunt anzumalen.

Aeneas Ein Sonnenstich kann das nicht sein. Schließlich wird es Winter.

Laokoon (mehr zu sich) Die führen Übles im Schilde, diese Schurken! Die basteln doch Strohsterne nicht ohne Grund!

Helena Ob die mir auch so ein Holzpferdchen machen könnten?

Kassandra (tanzt wieder um ihren Vater herum) Das ist ein Zeichen, ein Zeichen der Götter! Die Griechen werden dem Kind huldigen!

Aeneas Mit Holzpferdchen?

Priamos Wie soll daraus Gutes entstehen?

Paris Wir könnten auch etwas schnitzen. Vielleicht die Krippe? Samt Kind. Und Ochse und Esel, das kann ich gut.

Helena Oh, du Großartiger. Das würdest du für mich machen? (sie umarmt und küsst Paris)

Paris Ich baue eine ganz tolle Krippe für dich. Da können sich die Griechen anstrengen, wie sie wollen. Diesen Kampf verlieren sie!

Helena Und vergiss den Stern nicht!

Kassandra Da sind auch Musiker auf dem Dach.

Laokoon Auf dem Dach? Aber klar doch!

Kassandra Und die Musiker haben Flügel, und die singen irgendwas, aber das verstehe ich nicht, weil es die Sprache, die die singen, noch gar nicht so richtig gibt. Außerdem kommen ganz viele Hirten mit ihren Schafen. Das ist ein riesiges Hallo da am Stall.

Aeneas Und wir machen die Griechen dann mit geflügelten Musikern und einer Armee von Schafen unter dem Befehl eines unbekannten Kindes in einer Krippe platt? Kassandra, ich habe schon Vieles gehört, aber heute übertriffst du dich selbst.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
660 s. 51 illüstrasyon
ISBN:
9783754923153
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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