Kitabı oku: «Tod in Andeer»

Yazı tipi:

Rita Juon

Tod in Andeer

Kriminalroman


© 2021 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und

Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger,

elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck,

sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Brigitte Knöpfel

Umschlagbild: Carmen Wueest

Gesetzt in Times New Roman

Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn

ISBN: 978-3-85830-290-8

ISBN e-Book: 978-3-85830-294-6

www.orteverlag.ch

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Fremdsprachige Ausdrücke

Dank

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Über den Autor

1
September 2019

Die beiden Buben schrien sich schon den ganzen Nachmittag an. Nicht etwa, weil sie im Streit lagen. Auch nicht, weil keiner dem anderen zuhören wollte. Erst recht nicht, weil ihre Ohren wieder einmal geputzt werden sollten. Sie mussten schreien, um das Rauschen des Hinterrheins zu übertönen.

«Wieder nichts», rief der eine. «Ob wir wohl überhaupt jemals Gold finden?»

«Das muss man üben!», brüllte der andere. «Parker Schnabel hatte auch nicht auf Anhieb Erfolg.»

«Wer?»

«Parker Schnabel! Der Goldsucher aus Alaska, der im Fernseher kommt. Papa und ich schauen uns die Sendung immer an.»

Ursin schaufelte erneut Sand und Kies aus dem Fluss in das Kunststoffbecken. «Ein richtiges Goldwaschbecken wäre zehnmal praktischer als diese Teigschüssel meiner Mutter», maulte er.

«In einem Monat habe ich Geburtstag, dann wünsche ich mir eines.» Frederik rüttelte an der selbst gebauten Goldwaschrinne, um sie besser zu platzieren. «Für eine richtige Goldwaschrinne wird es nicht reichen, aber diese hier ist gar nicht schlecht.»

«Und wenn es im Hinterrhein gar kein Gold gibt?», wandte Ursin ein.

«Gibt es!», beharrte sein Freund. «Ich habe es selbst gehört, als zwei Männer darüber redeten. Ich erzählte meinem Papa davon, und der hat im Internet nachgeschaut. Es gibt Gold im Hinterrhein.»

«Da!», brüllte Ursin aufgeregt, während er die Teigschüssel im Kreis drehte. «Schau hier, am Rand, das, was so glitzert!»

So schnell er mit den hohen Gummistiefeln konnte, eilte Frederik zu ihm. Andächtig betrachteten sie das winzige glitzernde Teilchen im Sand auf dem Boden der Schüssel. Fast gleichzeitig liessen sie ein enttäuschtes Brummen vernehmen.

«Glimmer», stellte Ursin fest. «Wieder nur Glimmer.»

Frederiks Gesicht hellte sich auf. «Aber wir werden immer besser», meinte er. «Letztes Mal haben wir überhaupt nichts gefunden und heute schon zum zweiten Mal Glimmer!»

Ursin leerte die Schüssel aus und klemmte sie sich zwischen die Knie, um sich die klammen Finger warm zu reiben. Als er den Reissverschluss seiner Jacke bis zum Kinn hochzog, blieb sein Blick an einem dunklen Fleck flussaufwärts haften. «Schau, dort liegt etwas im Wasser», sagte er. «Was kann das sein?»

Trotz der unförmigen Stiefel bewegten sich die Buben gewandt über Kies und Steine am Ufer flussaufwärts.

«Ein Rucksack!», rief Ursin. «Hilf mir», wies er seinen Freund an und begann, Trittsteine zwischen dem Ufer und dem Fundstück ins Flussbett zu werfen. Frederik schleppte einen angeschwemmten Holzprügel heran, an dem sich Ursin festhalten konnte, als er sich zum Fundstück hinüberhangelte. Seine Jacke wurde nass bis zu den Ellbogen, als er die Hände ins eiskalte Wasser tauchen musste, um den Rucksack, der sich im Geschiebe verfangen hatte, zu lösen. Endlich erreichte er mit ein paar Sätzen das Ufer, wo er zitternd vor Kälte auf einen Stein sank.

Frederik nahm ihm die Beute aus der Hand. «Vielleicht ist ein Ausweis drin, dann können wir ihn zurückgeben.» Er schickte sich an, die Schnalle zu lösen. «Ein richtiger Rucksack ist das nicht, er sieht eher aus wie eine grosse Damenhandtasche.»

Tatsächlich enthielt der Beutel die üblichen Utensilien, die Damen nach den Kenntnissen der Buben mit sich führten: Taschentücher, ein Brillenetui, Kaugummi, Lippenstift, ein Röhrchen mit Kopfwehtabletten, die Reste einer Illustrierten, ein kleines Portemonnaie und einen durchnässten Briefumschlag aus Karton.

Frederik griff nach dem Portemonnaie. «Kein Ausweis», berichtete er, als er es untersucht hatte, «und auf dem Couvert steht keine Adresse.» Er drehte es in der Hand. «Es ist verschlossen. Der Inhalt wird wohl völlig aufgeweicht sein.»

«Wie finden wir denn heraus, wem der Rucksack gehört?», fragte Ursin.

Der Freund dachte nach. Erneut untersuchte er das Portemonnaie und entdeckte ein Notenfach mit Reissverschluss, den er jetzt öffnete. «Keine Adresse», stellte er fest, «aber hundertfünfzig Franken.»

Ursin blickte sehnsüchtig auf die Noten. «So viel wie eine Goldwaschrinne und eine Waschpfanne kosten.»

«Stimmt.» Frederik blickte ihn aufmerksam an. «Wir wissen nicht, wem der Rucksack gehört. Darum können wir ihn auch nicht zurückgeben. Also dürfen wir ihn behalten.»

«Bist du verrückt?», fragte Ursin entsetzt. «Er gehört uns doch nicht. Wir müssen ihn abgeben.»

«Wo denn?»

«Das weiss ich nicht. Vielleicht auf dem Fundbüro?»

«So etwas gibt es hier nicht», gab Frederik zurück.

«Dann müssen wir ihn auf der Gemeinde abgeben», sagte Ursin.

«Auf welcher denn?» Frederik wurde ungeduldig. «Andeer? Bestimmt nicht, wir haben ihn ja vor dem Dorf aus dem Rhein gefischt. Er muss von irgendwo oberhalb kommen. Aber wir können doch nicht bis nach Splügen gehen, nur um ihn dort abzugeben!»

Ursin schüttelte den Kopf. «Von dort kann er nicht kommen, er muss nah beim Dorf ins Wasser gefallen sein, unterhalb der Staumauer von Bärenburg.»

«Jetzt sei nicht so ein Besserwisser», raunzte Frederik. «Hat der Stausee etwa keinen Abfluss? Klar hat er! Also kann der Rucksack auch von weiter oben kommen.» Er runzelte die Stirn und überlegte. «Wenn er aber aus dem Rheinwald kommt und schon einen oder sogar zwei Staudämme hinter sich hat, ist er schon länger unterwegs. Dann hat es die Besitzerin längst aufgegeben, ihn zu suchen. Ausser diesen hundertfünfzig Franken ist ja auch nichts Besonderes drin.»

«Was meinst du damit?»

«Ich meine, dass niemand den Rucksack vermisst. Wir brauchen ihn nirgends abzugeben.»

Ursin war empört. «Aber das Geld!»

«So viel ist es nicht. Wenn Mama in Thusis einkaufen geht, braucht sie mehr als das.»

«Schon, ja, aber die Frau, der der Rucksack gehört, wollte doch etwas kaufen damit!»

«Dann hätte sie besser aufpassen müssen», sagte Frederik ungehalten. «Wahrscheinlich war es sowieso eine Touristin, somit ist sie unmöglich zu finden. Vermutlich ist sie längst wieder abgereist.»

«Möglich. Ich kenne jedenfalls niemanden im Dorf mit einem solchen Rucksack.» Ursin betrachtete das Gepäckstück nachdenklich.

«Du hast gesagt, es würde reichen für eine Goldwaschrinne und eine Waschpfanne.»

«Ja.» Abwesend liess Ursin den Blick zur Teigschüssel schweifen. «Es würde genau reichen …»

Eine Zeit lang hing jeder seinen Gedanken nach, die sich unweigerlich in die gleiche Richtung bewegten.

«Sind wir uns einig, dass wir die Besitzerin des Rucksacks niemals finden werden?», fragte Frederik schliesslich.

«Ja.»

«Wozu sollen wir ihn also irgendwo abgeben?»

«Weil …»

«Wenn er niemandem gehört, können wir ihn genauso gut behalten.»

«Aber …»

«Aber, aber, aber!» Frederik rang die Hände. «Mach nicht so ein Theater! Für die Besitzerin ist der Rucksack verloren. Wer soll ihn dann am ehesten bekommen? Die Gemeinde?» Er schüttelte den Kopf. «Sicher nicht! Die auf der Kanzlei wissen doch nichts damit anzufangen, und Geld hat die Gemeinde genug.»

«Schon, aber …»

«Aber wir können uns damit eine Goldwaschrinne und eine Waschpfanne kaufen!»

Nach einigen Minuten war Ursin endlich von der Idee überzeugt, das Fundstück zu behalten. Dass sowohl seine als auch Frederiks Eltern das anders sehen würden, war allerdings beiden klar. Deshalb durften sie nichts davon erfahren, was bedeutete, dass sie jemand anderen brauchten, der ihnen beim Einkauf im Internet half und das grosse Paket zu sich nach Hause liefern lassen konnte. Ein Mittelsmann musste her, oder in ihrem Fall ein Mittelsmädchen. Ein solches kannten sie nämlich im Dorf; es war einige Jahre älter und gewitzt genug, um ihr Vorhaben zu unterstützen.

Sie besiegelten ihren Plan mit einem feierlichen Schwur und machten sich auf den Weg nach Hause, wo sie den Rucksack auf einer Ablage unter dem Dach im Stall von Ursins Familie verstecken wollten.

Am folgenden Morgen drehte sich Massimiliano träge im Bett um. Das Tageslicht drang durch seine geschlossenen Lider. Er lauschte auf die Atemzüge seiner Partnerin, hörte aber nichts. Offenbar war Marlene bereits aufgestanden, um nach den Pferden zu sehen. Er streckte sich ausgiebig, bevor er endlich die Augen öffnete. Halb neun Uhr und kein Sonnenschein. Das waren zwei gute Gründe, an diesem Donnerstag noch eine Weile liegen zu bleiben. Er griff nach dem dicken Buch auf seinem Nachttisch und vertiefte sich in die Schilderung des ausschweifenden Lebenswandels von Amedeo Modigliani.

Eine Stunde später stieg er aus dem Bett und in eine ausgeleierte Trainingshose und einen dicken Pullover. Das stattliche Haus der Familie Rosales war zwar ein Schmuckstück und ein historisch faszinierendes Gebäude, aber die dicken Mauern und die Steinböden liessen sich kaum wärmen. Mochte die Kühle während ein paar Wochen im Sommer angenehm sein, sorgte sie während zehn Monaten im Jahr für permanentes Frösteln und immense Heizkostenrechnungen. Er zog dicke Socken über und machte sich auf den Weg ins Esszimmer.

Der Tisch war zum Frühstück gedeckt, beide Teller waren unberührt. Bevor er sich Gedanken über den Verbleib seiner Partnerin machen konnte, trat Blanka aus der Küche und begrüsste ihn wie üblich ohne den Anflug eines Lächelns.

«Wartest du auf deine Frau oder wünschst du zu essen?», fragte sie.

Massimiliano hatte es längst aufgegeben, ihr zu erklären, dass Marlene und er nicht verheiratet waren. Blanka nannte sie konsequent seine Frau, und eigentlich, hatte er irgendwann eingesehen, stimmte das abgesehen vom Zivilstand auch.

«Marlene ist längst aufgestanden», erklärte er. «Hat sie nichts gegessen?»

«Nein», antwortete Blanka, ohne ihn darauf aufmerksam zu machen, dass die Frage nicht besonders gescheit war.

«Wo ist sie denn?», wollte Massimiliano wissen.

«Ich habe sie heute Morgen noch nicht gesehen», antwortete Blanka.

Er runzelte die Stirn und warf einen Blick aus dem Fenster. Es hatte zu nieseln begonnen. Keine zehn Pferde würden ihn bei diesem Wetter aus dem Haus bringen, aber Marlene scherte sich nicht darum. Für sie reichten zwei Pferde. Für ihre Haflinger würde sie barfuss durchs Feuer gehen, während die beiden für ihn bloss ein Pärchen hellbrauner Huftiere waren. Er seufzte und machte sich auf den Weg nach draussen, um Marlenes Frühstückswünsche zu erfragen.

Daraus wurde nichts. Vier Pferdeaugen beobachteten ihn sanftmütig, während er Stallungen und Weide erfolglos nach seiner Partnerin absuchte. Zurück im Haus schälte er sich aus der Regenjacke und kehrte in die Küche zurück, wo er sein Mobiltelefon einschaltete. Keine neuen Nachrichten. Er schickte Marlene einen Guten-Morgen-Gruss und setzte sich an den Tisch, wo Blanka sogleich mit einer dampfenden Tasse Kaffee aufwartete.

Bis er in aller Ruhe sein Frühstück fertig gegessen hatte, war keine Antwort eingetroffen. Er wählte Marlenes Nummer, doch ihr Smartphone war ausgeschaltet. Stirnrunzelnd hob er den Kopf. Sein Blick kreuzte sich mit Blankas; in ihren Augen las er dieselbe Besorgnis.

«Sie wird wohl joggen gegangen sein», versuchte er, sich und Blanka zu beruhigen.

«Ihre Joggingschuhe stehen beim Eingang», erwiderte Blanka.

«Vielleicht ist sie nach Thusis oder Chur gefahren.»

Blanka schüttelte den Kopf. «Beide Autos stehen in der Garage.»

Mit aller Kraft versuchte er, sich daran festzuhalten, dass alles in Ordnung war. Marlene war nur kurz weg. Jeden Moment würde sie über die Schwelle treten und ihn auslachen, weil er sich Sorgen gemacht hatte.

Als ein Klingelton den Eingang einer neuen Meldung anzeigte, griff er aufgeregt nach dem Gerät. «Die von Ihnen bestellten Werkzeuge sind eingetroffen und in unserem Geschäft zum Abholen bereit», las er. Die banale Mitteilung des Händlers liess die Schutzmauern einstürzen. «Mein Gott, Blanka, was ist passiert? Wo kann sie sein? Wir müssen sie suchen! Aber wo?» Er raufte sich die Haare.

«Wir könnten zuerst nachschauen, welche Jacke und welche Schuhe fehlen. Dann wissen wir vielleicht mehr», riet Blanka.

«Ja, ja, ja, mach das!»

Da er nicht untätig abwarten konnte, eilte Massimiliano selbst die Treppe hinauf, zwei Stufen auf einmal nehmend. In Marlenes Ankleidezimmer sah er sich ratlos um. Wie sollte er wissen, was in der Unmenge von Kleidern, Foulards und Taschen fehlte? Er ging weiter zum angrenzenden Arbeitszimmer. Marlene hatte es fast nie benutzt, der imposante antike Schreibtisch war aufgeräumt wie immer.

Als er Blankas Schritte auf der Treppe hörte, trat er hinaus auf den Flur, aber die Haushälterin wich seinem Blick aus. Sie betrat Marlenes Ankleidezimmer und durchsuchte systematisch die Regale und Kleiderstangen. Als sie damit durch war, blieb sie reglos stehen. Endlich gab sie sich einen Ruck und wandte sich zu ihm um.

«Es fehlen ihre Bergschuhe und ihre leichten Freizeitschuhe. Die Regenjacke, eine Wolljacke und ein Blazer. Zwei Paar Jeans, eine schwarze Hose, eine Bluse, einige T-Shirts, drei Pullover.»

Massimiliano rannte an ihr vorbei die Treppe hinunter und stürzte hinaus ins Freie. «Marlene!», schrie er. «Marlene!» Wie von Sinnen lief er durch den weitläufigen Garten. «Marlene!» Verzweifelt rüttelte er am Gitter, das sein Anwesen vom Gelände trennte, wo der Andeerer Granit aus dem nahe gelegenen Steinbruch verarbeitet wurde. «Marlene!»

Kraftlos sank er am Zaun nieder. Wie ein zauberhaftes Wesen von einem anderen Stern war Marlene vor fünfzehn Jahren in sein Leben getreten. Überirdisch schön. Ein Engel, der seinem Leben Sinn gab. Sie hatte ihn bei der Hand genommen und aus dem Trübsinn hinausgeführt ans Licht. Sie hatte ihn ermutigt, sich dem Druck seiner Familie zu widersetzen und seinen eigenen Weg zu gehen. Seinem standesgemässen Leben den Rücken zu kehren und seine Träume zu verwirklichen. Sie hatte ihn dabei unterstützt, seine Skulpturen der Öffentlichkeit zu zeigen. Ihr verdankte er den Mut, unter sein bisheriges Leben einen Schlussstrich zu ziehen und sich fortan mit Leib und Seele der Kunst zu widmen. Zusammen hatten sie das Anwesen neben dem Steinbruch in Andeer entdeckt, als sie auf den Spuren des grünen Andeerer Granits, der eigentlich ein Gneis war, durch die Täler gereist waren. Gemeinsam hatten sie sich in das geschichtsträchtige Haus Rosales verliebt, das zur Tarnung als Wohnhaus rund um einen Blashochofen zur Eisengewinnung errichtet worden war. Es war ihre Insel geworden, ihr Paradies, die Erfüllung ihrer sehnlichsten Wünsche. Zusammen mit ihrer Haushälterin, ihrem Stallknecht, Marlenes Pferden und Massimilianos Steinblöcken lebten sie in ihrer eigenen Welt ohne nennenswerten Kontakt zur Umgebung.

Fragen nach ihrer Herkunft liess Marlene nicht zu. Wie die Fee im Märchen hatte sie ihm gleich zu Beginn ihrer Beziehung die Spielregeln klargemacht: Keine Fragen zur Vergangenheit. «Vielleicht bin ich als Elfe aus einer Rose geschlüpft? Ich lebte dreihundert Jahre lang, bevor ich dich sah. Dann war ich verloren. Ich wurde ein Mensch, um dich lieben zu können.» Keine Fragen, woher ihr Vermögen stammte. «Vielleicht war ich Meerjungfrau im Pazifik? Ein reicher Mann verzweifelte, weil ich ihn nicht lieben konnte. Er stürzte sich mit seinem ganzen Vermögen ins Meer. Dadurch wurde der Fluch gebannt, ich wurde erlöst und stieg an Land. Ich erblickte dich und entdeckte den Sinn meines Lebens.» Keine Fragen zu ihrer Familie. «Vielleicht lebte ich auf der Strasse und verzauberte als junges Mädchen einen Prinzen aus Saudi-Arabien? Er nahm mich in seinen Harem auf und schmückte mich mit Gold und Edelsteinen. Als er alt war, schenkte er mir die Freiheit und gab mir die Aufgabe, den besten Mann, der neben ihm auf der Erde wandelt, glücklich zu machen. Das ist mir gelungen.»

Marlene war nicht von dieser Welt. Immer hatte er die leise Furcht verspürt, sie könnte so plötzlich verschwinden, wie sie vor fünfzehn Jahren aufgetaucht war. Er wurde überwältigt von der Angst, Marlene sei als zauberhafter Vogel weitergezogen in ein neues Dasein.

Erst als ihm Wasser aus den Haaren über die Stirn lief, bemerkte er, dass der Regen zugenommen hatte und er bis auf die Haut durchnässt am Boden sass. Mühselig rappelte er sich auf und schleppte sich ins Haus zurück. Blanka empfing ihn mit ernstem Blick. In der einen Hand hielt sie ein Frottiertuch für ihn bereit, in der anderen einen grossen lilafarbenen Umschlag. In Marlenes schwungvoller Handschrift stand sein Name darauf.

Im Frühling davor

Marlene übte sich in Gelassenheit. Nicht aufregen, nicht kontern, nicht die Beherrschung verlieren. Am besten wäre es, nicht zuzuhören, aber das war nicht so einfach. Von Zeit zu Zeit warf die andere eine Frage ein. Sollte sie darauf keine Antwort wissen, ging das Gejammer mit erhöhter Frequenz von vorne los.

«Du hast es gut», sagte Roos zum gefühlten hundertsten Mal. «Du hast ein tolles Haus, einen Mann, der dich anbetet, zwei schöne Pferde. Was möchtest du mehr?»

Zum Beispiel meine Ruhe, dachte Marlene. Dass du aus meinem Leben verschwindest. Nie wieder etwas von dir zu hören, das wünsche ich mir sehnlichst. Sie hatten einen Spaziergang gemacht und sassen nun auf einer Bank. Der Schnee hatte sich bis zu den Bergspitzen zurückgezogen, das Grün setzte sich auf den Wiesen allmählich durch, rundum wuchs und blühte alles. Sie hatte im Schams ihr Paradies gefunden, sie fühlte sich im von hohen Bergen umgebenen Talkessel geborgen wie ein kleiner Schwan unter dem Flügel seiner Mutter. Ihr Glück wäre vollkommen, dachte Marlene frustriert, wenn Roos von einem Traktor überfahren, in der Rofflaschlucht den Wasserfall hinunterstürzen, im nahen Steinbruch von einem Granitbrocken erschlagen, auf welche Art auch immer vom Teufel geholt würde. «Was ist mit …» Wie hiess er doch gleich?

«Alex?», kam ihr Roos zu Hilfe. «Alex hielt nicht, was er versprach. Ich habe alles für ihn getan. Alles. Er hat es nicht gewürdigt. Ich kann nicht mit einem Mann zusammenleben, der nicht schätzt, was er an mir hat. Er …»

Marlene kannte die Fortsetzung, sie brauchte nicht weiter zuzuhören. Der Text war nach dem Abgang von Alex derselbe wie zuvor bei Hans, Gabriel, Mike und wie sie alle geheissen hatten. Ohnehin zweifelte sie daran, dass auch nur ein einziger von ihnen je existiert hatte.

«… über den Sommer wieder nach Kroatien …»

Marlene horchte auf.

«Das Klima tut mir gut. Natürlich wäre die Côte d’Azur die bessere Wahl, die Leute in Frankreich sind so nett, und die französische Küche bekommt mir besser. Aber Frankreich ist teuer. Bescheidenheit ist eine Tugend, sagt man. Ich werde häufig selbst kochen in Kroatien, ich kann es mir nicht leisten, immer auswärts zu essen.»

Vielleicht wird sie in Kroatien von einem Hai gefressen, dachte Marlene.

«Eigentlich kann ich mir den Aufenthalt in Kroatien trotzdem kaum leisten.»

Oder von einem Geldtransporter platt gedrückt.

«Das Leben ist so teuer geworden, ich komme kaum über die Runden.»

Oder von einer Fähre gerammt.

«Für das Billett nach Andeer habe ich das Geld nehmen müssen, das ich für Sandalen beiseitegelegt hatte.»

Oder von einem Tintenfisch in die Tiefe gezogen.

«Es fällt mir so unsagbar schwer, dich darum bitten zu müssen», seufzte Roos.

«Komm, gehen wir zurück.» Marlene erhob sich von der Bank. Keine Minute länger würde sie es aushalten, neben der anderen zu sitzen. Jetzt, da das Thema angeschnitten war, bestand die Hoffnung, dass sich der Besuch seinem Ende näherte.

«Bitte geh nicht so schnell!» Roos keuchte.

Marlene verlangsamte ihre Schritte. In spätestens zwei Stunden musste Roos das Postauto zum Tal hinausnehmen. Sie begann, die Minuten zu zählen.

2
September 2019

Ursin und Frederik gingen morgens bei leichtem Nieselregen, der rasch stärker wurde, zur Schule. Da die Tagundnachtgleiche nicht mehr weit war, brachte der Regen eine empfindliche Abkühlung mit sich. Das unfreundliche Wetter hielt sie davon ab, nach der Schule erneut nach Gold zu suchen. Es hinderte sie sogar daran, ans andere Ende des Dorfs zu laufen und dem Mittelsmädchen ihr Anliegen zu schildern. Sie schoben die Bestellung der Goldwaschrinne und der Waschpfanne auf und rührten den gefundenen Rucksack nicht an, der immer noch unter dem Dach im Stall lag.

Nicht nur die Buben zogen sich in die angenehme Wärme ihres Zuhauses zurück. Kaum jemand ging bei diesem Wetter freiwillig nach draussen. Auch die Hundehalterinnen und -halter verzichteten auf ausgedehnte Runden. Stattdessen zogen sie die Kapuzen tief in die Stirn, trieben ihre Vierbeiner zur Eile an und stemmten sich so kurz wie möglich gegen den Wind.

Ein einziger einsamer Fussgänger benutzte an diesem Donnerstag die schmucklose Hängebrücke, die einige hundert Meter vor dem südlichen Dorfeingang den Hinterrhein überquerte. Er war so beschäftigt mit der Frage, wie er seiner Frau erklären sollte, wo das Geld geblieben war, das sie für den Kauf neuer Vorhänge beiseitegelegt hatte, dass er weder nach rechts noch nach links schaute. Auch nicht hinunter ins Flussbett des Hinterrheins.

Massimiliano hatte den Brief im lila Umschlag zunächst nicht geöffnet. Er hatte sich auf das Sofa in der Eingangshalle sinken lassen und sich nicht wieder daraus erhoben. Blanka hatte ihm trockene Kleider und eine Suppe gebracht, die inzwischen erkaltet auf dem kleinen Tischchen neben der Armlehne stand. Er befand sich im freien Fall in die tiefste Schwärze, die er je empfunden hatte. Marlenes Worte im Brief bestätigten seine schlimmsten Ahnungen. «Mein Geliebter», stand da. Der Schmerz war durch seinen Körper gefahren, die Worte vor seinen Augen verschwommen. «Vielleicht bin ich eine verirrte Seele, für die der Zeitpunkt gekommen ist, weiterzugehen. Die an einen anderen Ort getrieben wird und in einer anderen Gestalt einen neuen Anfang machen muss.» Erst viel später hatte er die Kraft gefunden, den Brief zu Ende zu lesen. «Die Erde ist rund, damit alle Wege wieder zum Anfang führen», lautete der letzte Satz. Massimiliano verstand ihn so, dass sie ihn verliess, um zu ihren Wurzeln zurückzukehren. Ihm erschloss sich nicht, dass der rätselhafte Text genauso gut die Möglichkeit eines Wiedersehens andeuten könnte. Zu tief unten befand er sich bereits in seiner Verzweiflung.

Als es dunkel wurde, brachte ihm Blanka eine Tasse Tee und einige belegte Brote. Auch diese rührte er nicht an.

Im schwachen Licht einer kleinen Wandlampe verbrachte er die Nacht auf dem Sofa. Nur kurz döste er von Zeit zu Zeit, stundenlang hielt ihn der Schmerz über Marlenes Verlust wach. Er schaffte es nicht, in ihr gemeinsames Schlafzimmer hinaufzugehen, wo ihm Marlenes Kleider, ihr Duft, das Buch auf ihrem Nachttisch ihr Verschwinden ins Gesicht schreien würden. Zuerst wurde ihm klar, dass er die Kraft dazu für lange Zeit nicht aufbringen würde. Später beschloss er, sich dieser Herausforderung nicht zu stellen, weder jetzt noch irgendwann.

Sobald es am Freitagmorgen hell wurde, rief er seinen Treuhänder an, erreichte aber nur den Telefonbeantworter. Geistesabwesend wählte er immer und immer wieder die Nummer, bis der Mann endlich abnahm und versprach, sich sofort auf den Weg nach Andeer zu machen.

Blanka brachte ihm einen Kaffee, den er in einem Zug leerte. Sie erschrak bei seinem Anblick, Massimiliano war über Nacht um Jahre gealtert.

«Sie ist fort», sagte er und deutete mit dem Kinn auf den Brief. «Für immer», fügte er stockend hinzu. Die Worte laut auszusprechen, zerstörten den letzten Funken Hoffnung, sie liessen den Verlust real werden. «Die Pferde», fügte er hinzu.

Blanka verstand. Sie machte sich auf den Weg zu den Haflingern, wo der Stallknecht bereits an der Arbeit war, und überbrachte ihm die traurige Nachricht. Auf dem Rückweg zum Haus stellte sie fest, dass der Treuhänder inzwischen eingetroffen war. Er hatte neben Massimiliano auf dem Sofa in der Eingangshalle Platz genommen, offenbar war dieser nach wie vor nicht in der Lage, sich in einen anderen Raum zu begeben.

Die Männer besprachen sich kurz miteinander, dann zog sich der Treuhänder ins Esszimmer zurück, wo er diverse Telefongespräche führte. Geraume Zeit später setzte er sich wieder zu Massimiliano und erklärte ihm, dass alles nach seinen Wünschen machbar sei.

Der Hausherr wies ihn an, Blanka und den Stallknecht zu holen. Blanka brachte zwei Stühle aus dem Esszimmer mit, die sie vor das Sofa stellte.

«Marlene ist fortgegangen», begann Massimiliano. «Ohne sie bleibe ich nicht hier.» Er warf dem Treuhänder einen auffordernden Blick zu.

«Herr Ferrero wird sofort nach Italien umziehen. Seine Familie besitzt ein Haus auf dem Land, ein ehemaliges Bauerngut in der Nähe von Assisi. Herr Ferrero wird sich vorläufig dort niederlassen. Unsere Firma hat den Auftrag erhalten, das Haus hier zu räumen und das gesamte Mobiliar zu veräussern. Der Mietvertrag mit der Familie Ordogno de Rosales wird aufgelöst. Sie kümmern sich vorderhand um die beiden Pferde», wandte er sich an den Stallknecht. «Wir werden den Züchter anweisen, einen neuen Platz für sie zu finden. Sie, Blanka, sind bitte hier, bis das Haus leer ist.»

Massimiliano hörte nicht mehr zu. Eine Stimme in seinem Kopf rief unaufhörlich: «Marlene ist weg, Marlene ist weg!» und übertönte damit alles, was um ihn herum gesagt wurde.

Das schlechte Wetter hielt sich auch am Samstag hartnäckig. Ursin und Frederik waren es leid, im Haus herumzusitzen. Die unangenehme Temperatur hielt sie zwar davon ab, die Goldsuche im Hinterrhein fortzusetzen, nicht aber davon, das Mittelsmädchen am anderen Ende des Dorfs aufzusuchen. Enttäuscht stellten sie fest, dass dort niemand zu Hause war. Eingehüllt in ihre Regenjacken schlenderten sie zurück. Sie hatten es nicht eilig, nach Hause zu gehen. Hier streichelten sie eine Katze, dort lauschten sie Gitarrenklängen, weiter vorne drückten sie die Nase an der Fensterfront des Mineralbads platt. Im Dorfladen deckten sie sich mit Süssigkeiten ein, die sie unter dem Vordach verzehrten. Irgendwann hatten sie alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die Zeit totzuschlagen. Sie trotteten wohl oder übel heimwärts.

Daria, das Mittelsmädchen, bekam von alldem nichts mit. Sie wäre glücklich gewesen, hätte sie den Buben bei der Durchführung ihres Vorhabens helfen können. Stattdessen war sie in Chur und langweilte sich zu Tode. Ihre Mutter hatte sie mitgeschleppt, um ihr Winterschuhe zu kaufen, was in zehn Minuten erledigt gewesen war. Aber seit über zwei Stunden zog die Mutter sie von einem Laden zum anderen hinter sich her, weil sie für sich noch dies und das brauchte.

Immerhin stand sie im Trockenen, während eine ihrer Freundinnen in Andeer schlotternd im Freien unterwegs war. Deren Mutter hatte es nicht mehr ausgehalten mit der Halbwüchsigen, die zu Hause herumlungerte. Sie hatte sie vor die Tür geschickt und ihr befohlen, mit dem Hund die grosse Runde zu drehen. Wenn sie weniger als eine Dreiviertelstunde draussen sei, werde sie ihr blaues Wunder erleben, hatte sie gedroht. Die Tochter war schimpfend aufgebrochen, aus Trotz ohne die biedere rote Windjacke. Das Smartphone hatte sie hingegen eingesteckt, und mit diesem erzählte sie einer anderen Freundin seit zehn Minuten, ihre Mutter sei ja so doof. Sie lamentierte immer aufgebrachter und war so vertieft in das Gespräch, dass sie weder nach links noch nach rechts schaute. Auch nicht von der Brücke, auf der sie vor dem Dorf den Rhein überquerte, hinunter ins Wasser.

Blanka gesellte sich zum Stallknecht, der in der Remise rauchte.

«Kommen heute schon die ersten Händler wegen der Möbel?», fragte er. Sie stammten zwar beide aus Osteuropa, aber aus verschiedenen Ländern, weshalb sie sich auf Deutsch unterhielten.

«Nein», antwortete Blanka. «Heute ist Samstag, die treffen frühestens am Montag ein.»

Er nickte und nahm einen tiefen Zug.

«Soweit ich weiss, hat der Treuhänder mehrere Firmen angefragt, italienische und schweizerische», fuhr sie fort. «Antikschreiner und Antiquitätenhändler.»

«Ich wüsste nichts anzufangen mit dem alten Zeug.»

«Du hättest für Jahre ausgesorgt, wenn du es verkaufen würdest. Manche der Möbelstücke sind Zehntausende wert.»

«Zehntausende?», fragte er ungläubig.

«Bestimmt. Ganz zu schweigen von den Bildern. Wegen diesen war heute Morgen bereits der Treuhänder mit einem Kunsthändler hier.»

Alarmiert schaute er sie an. «Der Chef wird doch nicht das Porträt seiner Frau verkaufen, das er gemalt hat?»

«Nein, nein», beruhigte ihn Blanka. «Der Händler hat zwei der abstrakten Bilder von einem berühmten Künstler mitgenommen.»

«Schade, dass die Pferde verkauft werden», seufzte er. «Sie haben es schön hier und fühlen sich wohl. Die Chefin hat sich jeden Tag stundenlang um sie gekümmert. Ich hoffe, sie kommen wieder an einen guten Platz.»

«Was wirst du machen?»

«Ich weiss es nicht. Lange werde ich nicht hier bleiben können ohne Arbeit, das Leben ist teuer in der Schweiz. Und du?» Er drückte seine Zigarette in einem eigens dafür aufgestellten Blumentopf aus. In der Erde steckte ein Stein, auf den Marlene das Gesicht eines Rauchers gemalt hatte.

«Ich weiss es auch nicht.» Blanka zuckte die Achseln. «Es wird eine Weile dauern, bis das Haus leer ist. So lange bleibe ich hier.»

Der Stallknecht beobachtete aus dem Augenwinkel, wie sich ihr Gesicht verschloss. Kämpfte sie mit den Tränen? Sie hatte nie etwas über ihre Vergangenheit verraten. Er wusste nur, dass sie die Chefin schon sehr lange kannte. Weit länger als deren Mann. Woher die beiden gekommen und wo sie zuvor gewesen waren, entzog sich seiner Kenntnis. «Ich begreife immer noch nicht, was eigentlich passiert ist», meinte er stirnrunzelnd. «Plötzlich war sie weg.»

«Sie wird ihre Gründe haben.»

«Ich glaube, der Chef weiss auch nicht, warum sie gegangen ist.»

«Wahrscheinlich nicht. Immerhin hat sie ihm einen Brief hinterlassen. So weiss er wenigstens, dass sie weggegangen und nicht verunglückt ist.»

«Ein Unglück ist es auch so», stellte er richtig. «Er war am Boden zerstört. Wahrscheinlich ist er es immer noch.»

«Ja, es geht ihm furchtbar schlecht. Jetzt ist er in dem grossen Haus in Italien. Weiss der Himmel, was er dort macht, allein.»

«Er wird arbeiten, denke ich», mutmasste der Knecht. «Steine behauen, bis er zusammenbricht.» Nachdenklich strich er sich übers Kinn. «Gehst du zu ihm, wenn das hier fertig ist?» Mit einer Handbewegung deutete er auf Haus und Hof.

«Er hat nicht nach mir verlangt.»

«So weit konnte er bestimmt nicht denken», meinte er ungeduldig. «Schreib ihm! Biete ihm deine Dienste an. Oder geh einfach zu ihm, bring ihm die letzten Sachen persönlich vorbei. Er wird dich nicht wegschicken.»

«Er gibt alles weg, das ihn an seine Frau erinnert. Er wird auch mich nicht mehr sehen wollen», gab Blanka traurig zu bedenken.

«Das soll er selbst entscheiden.» Er wandte sich Blanka zu und musterte sie eindringlich. «Aber um entscheiden zu können, muss er überhaupt erst darüber nachdenken. Fahr zu ihm, wenn du hier fertig bist, und frag ihn. Bis dann wird einige Zeit vergangen sein. Ich bin sicher, er wird froh sein, dich zu sehen. Er wird dankbar sein, dass du bei ihm bleiben willst.»

Sie betrachtete ihn zweifelnd.

«Gib nicht auf», sagte er nachdrücklich. «Kämpfe!»

Im Frühling davor

Massimiliano legte seiner Frau die schmutzige Hand auf die Hüfte. «Ist deine Freundin gegangen?», fragte er.

Sie wandte sich ihm lächelnd zu und fuhr mit der Hand durch seine Locken. Vom Steinstaub waren sie mehr grau als schwarz, er kam direkt aus der Werkstatt. «Ja, sie ist weg.»

«Hat sie wie immer einen Umweg gemacht zur Postautohaltestelle?»

«Ja, sicher», bestätigte Marlene. «Sie hat solche Angst vor Hunden! Ihre Begegnung mit dem Hund vom herrschaftlichen Gut bei der Holzbrücke wird sie wohl nie vergessen.»

«Kein Wunder, das ist wirklich ein unangenehmes Tier», meinte Massimiliano.

«Ich weiss, aber mehr als kläffen kann er eigentlich nicht. Ausser den Leuten einen zünftigen Schrecken einzujagen. Bei Roos hatte er ein leichtes Spiel, sie fürchtet sich vor allem, was vier Beine hat.» Sie zuckte die Achseln. «Jedenfalls meidet sie diesen Weg, als würde er direkt ins Verderben führen. Lieber geht sie über die südliche Hängebrücke und dann zurück ins Dorf, oder sie steigt in Bärenburg ins Postauto ein.»

«Ich begreife nicht, dass ihr Freundinnen seid. Sie ist so anders als du.»

«Klein, dick, hässlich?», fragte sie schalkhaft.

«Das nicht gerade. Weniger gross, weniger schlank, viel, viel weniger schön.» Er betrachtete sie nachdenklich. «Du bist Leben, Freude, Tatkraft. Sie ist nichts davon.»

«Stimmt», bestätigte sie leichthin. «Immerhin geht es ihr jeweils besser, wenn sie geht, als bei ihrer Ankunft. Und allzu oft kommt sie ja nicht.»

«Du hast ein grosses Herz.»

«Es gehört dir!» Sie legte seine Hand auf ihre Brust.

Er zog sie an sich. «Was hast du heute noch vor?»

«Rate mal.»

«Reiten?», fragte er lächelnd.

«Ja, reiten», bestätigte sie und löste sich aus seiner Umarmung. «Geh zurück in deine Werkstatt. Ich spüre, dass es dich in den Fingern juckt.»

«Das tut es wirklich», stimmte er zu. «Das Licht fällt gerade richtig, in einer Stunde steht die Sonne zu tief. Jetzt ist der Farbton warm, kraftvoll wie der Herbst. Der grüne Granit scheint zu schmelzen in den Strahlen. Er will, dass ich ihn bearbeite.»

«Geh schon», sagte sie lachend. «Folge den Wünschen deines Steins. Ich folge den Wünschen meiner Pferde.»

Sie sattelte das Kleinere der beiden und machte sich auf den Weg bergauf. Roos’ Besuch hatte sie stärker aufgewühlt, als sie sich anmerken liess. Marlene hatte es gründlich satt, ihr immer wieder finanziell unter die Arme zu greifen. Nicht, weil sie es sich nicht leisten könnte. Die Beträge waren nie so gross, dass es ihr wehtat, sie herzugeben. Roos war schlau genug, diese Grenze zu kennen. Sie vermied es, mit einer zu hohen Forderung einen Konflikt zu provozieren. Solange die Geldsumme kein ernsthaftes Problem für Marlene darstellte, würde sie bezahlen, das war Roos klar.

Ohne zu überlegen, war sie zur Burgruine Cagliatscha geritten, in deren Nähe Tom hauste. Der junge Mann lebte hier allein in einem ausgebauten Maiensäss. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Fahrer mit unregelmässigem Pensum bei einem Transportbetrieb im Tal, seine Leidenschaft gehörte seinen beiden Schäferhunden, mit denen er jeden Tag trainierte. Da seine Ansprüche bescheiden waren, fielen die Kosten für seinen Lebensunterhalt gering aus. Umso weniger Zeit er zum Arbeiten brauchte, umso mehr hatte er für seine Hunde. Und für seine wenigen Freunde, mit denen er ab und an durch die Lokale zog. Marlene kannte ihn, weil er an einer ihrer bevorzugten Reitrouten wohnte. Sie mochte ihn und seine Hunde, er mochte sie und ihre Pferde.

Tom lächelte sie an, als sie den Haflinger zum Stehen brachte. Allzu nah kam sie nicht, denn neben Tom stand einer seiner Hunde, aufmerksam und mit jeder Faser seines Körpers bereit, den nächsten Befehl auszuführen. Tom rief ihm die Anweisung zu. Der Hund rannte los und verschwand im Haus.

Marlene beobachtete das Geschehen neugierig. Sie wusste, dass Toms Tiere allerlei Tricks beherrschten. Überrascht lachte sie auf, als der Hund mit einem Paar Cervelats in der Schnauze aus der Tür schoss. Vor Tom blieb er stehen und hob den Kopf, sodass sich dieser kaum bücken musste. Er nahm die Beute in Empfang und prüfte, ob sie Bissspuren aufwies. Es gab keine, der Hund war behutsam genug vorgegangen. Tom lobte ihn und fischte eine Belohnung aus seiner Hosentasche.

«Ist das das neuste Kunststück?», fragte sie.

«Nein, das kennt er schon lange», antwortete er. «Wir müssen es immer wieder üben, damit er nicht verlernt, wie sanft er mit den Würsten umgehen muss. Schliesslich sind sie mein Abendessen, nicht seines.» Er schüttelte eine Zigarette aus dem zerknitterten Päckchen und fragte sie nach dem Befinden ihres Pferdes.

Die kurze Unterhaltung mit Tom liess ihren Ärger verrauchen. Als sie zurückritt, war Roos fast vergessen.

Die Sonne war hinter den Bergen verschwunden, es wurde kühl. Massimiliano sass vor dem Haus auf der Bank und schien nicht zu bemerken, dass er fröstelte. Sie überliess das Pferd der Obhut des Stallknechts und stellte sich vor Massimiliano. «Ist die Skulptur vollendet?», fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. «Ohne Sonnenlicht ist der Stein nur noch Stein. Kühl und abweisend. Er will sich nicht auf mich einlassen. Ganz anders, als wenn er vom warmen Licht beschienen wird. Dann ist er bereit und willig. Aber die Sonne ging unter, ich musste aufhören.»

«Komm mit ins Haus», forderte sie ihn auf. «Hier holst du dir eine Erkältung.»

Verwundert stellte er fest, dass er erbärmlich fror, und erhob sich von der kalten Steinbank.

Marlene kannte die Anzeichen. In dieser Phase hörte die reale Welt für Massimiliano auf zu existieren. Seine Gedanken drehten sich unablässig um sein Schaffen, Entspannung gab es kaum. In ein paar Tagen würde sein Werk vollendet sein. Sofern es zu seiner Zufriedenheit gelang, würde er für kurze Zeit glückselig sein. Danach kam die Erschöpfung und mit ihr die grosse Leere. Er würde sie an seiner Seite brauchen, um nicht in die Dunkelheit abzustürzen. Sollte die Skulptur hingegen nicht befriedigend ausfallen, würden ihn zunächst Wut und Verzweiflung heimsuchen. Auch das nicht für lange, und auch in diesem Fall würde er sie nötig haben, um sich gegen die Dämonen zu wehren, die ihn in die Tiefe ziehen wollten.

3
September 2019

Am Sonntag kündigte sich endlich eine leichte Wetterbesserung an. Die Buben verabredeten sich direkt nach dem Frühstück. Zuerst wollten sie ihre geschäftlichen Angelegenheiten regeln und danach sofort zum Fluss. Zwar mit unzureichender Ausrüstung, aber voller Elan.

Daria, das Mittelsmädchen, nahm sich der Sache sofort an. Feierlich überreichten ihr die Buben ein paar inzwischen getrocknete Banknoten aus dem gefundenen Portemonnaie. Im Gegenzug bestellte sie die gewünschte Goldwaschausrüstung auf ihren Namen. Als Provision verlangte sie zehn Prozent des Warenwerts, was die Buben unerhört fanden. Nach zähen Verhandlungen einigten sie sich auf fünf Prozent und zwei Comics aus Frederiks Sammlung. Niemand von den sechs betroffenen Elternteilen und den insgesamt vier Geschwistern bekam etwas von dem Handel mit. Das Paket abzufangen, bevor ihre Eltern es zu Gesicht bekamen, würde für Daria ein Leichtes sein. Sie plante, am Tag des Liefertermins rasch in der Morgenpause nach Hause zu rennen, um es zu verstecken. Am Vormittag war niemand daheim, und der Briefträger stellte die Lieferungen normalerweise in den Hausgang.

Annetta Baselgia freute sich ebenfalls über die Erholung an der Wetterfront. Ihren täglichen Spaziergang hatte sie während der garstigen Verhältnisse auf ein Minimum beschränkt. Genau genommen konnte der kurze Weg von ihrem Haus im Andeerer Dorfkern zum Café oder zu einem der Restaurants selbst mit viel gutem Willen nicht als Spaziergang bezeichnet werden, und weiter als bis zu einem der Lokale war sie nicht gegangen. Dazu kam, dass sie körperlich fit war und es selbst kaum glauben konnte, ihren siebzigsten Geburtstag seit Kurzem hinter sich zu haben. Selbst wenn sie gemächlich unterwegs war, brauchte sie zu keiner der Gaststätten mehr als ein paar Minuten.

Ihr Haus zählte ein Vielfaches ihrer Lebensjahre. Es war ein stattliches Gebäude mit dicken sgraffitigeschmückten Mauern. Die Lage direkt an der Durchgangsstrasse erlaubte es seinen Besitzerinnen und Besitzern seit Jahrhunderten, genau Bescheid zu wissen, wer auf der Transitroute verkehrte. Seit dem Bau der Umfahrungsstrasse entzog sich der Einwohnerschaft im Dorfzentrum dieses Wissen, was aber den Blick aus dem Fenster keineswegs weniger attraktiv machte. Das Ziel der Beobachtungen waren jetzt Einheimische und Fremde, Schulkinder, Badegäste und Handwerksleute, die zu Fuss, auf dem Velo oder mit dem Auto unterwegs waren. Annetta war demzufolge bestens informiert über das Kommen und Gehen im Dorf. Was sie nicht selbst sah, erfuhr sie im Café, im Restaurant, beim Einkaufen oder beim Schwatz während eines Spaziergangs.

Sie streifte ihre Jacke über und trat vor die Haustür. Kein Mensch war unterwegs, vermutlich hatten manche die Wetterbesserung noch nicht einmal bemerkt. Sie entschied sich für die Brückenrunde, wie sie diesen Weg für sich nannte. Zuerst über die schöne gedeckte Holzbrücke am westlichen Dorfrand, dann gegen Süden, dort über die zweckmässige Hängebrücke zum Granitverarbeitungsbetrieb und dem Wasserlauf folgend zurück ins Dorf. Und dort in eines der Restaurants zum Kaffee.

Der Hinterrhein führte nach dem Unwetter viel Wasser. Beim Gang über die erste Brücke hörte sie ihn unter ihren Füssen toben. Auf der anderen Flussseite kam der Hund vom grossen Herrschaftshaus wie üblich in weiten Sätzen auf sie zu. Sie liess sich von seinem Bellen und Knurren nicht beirren. Sie wusste genau, dass er sie in Ruhe liess, solange sie auf dem Weg blieb. Allerdings wusste sie auch, dass sich manche Leute von dem Tier einschüchtern liessen und diesen Weg aus dem Dorf hinaus mieden. Wahrscheinlich hatten dessen Besitzer ihre Freude daran, die Passanten zu erschrecken.

Bald kam sie zum kleinen katholischen Friedhof, der sich etwas ausserhalb des traditionell protestantischen Dorfs befand. Wie erwartet war niemand zu sehen, für die Pflege der Blumen war es nach wie vor zu nass. Sie wusste, dass einige der Gräber fast täglich besucht wurden, aber offenbar zu späterer Stunde. Auch hier würde sie keinen Schwatz halten können.

Der Weg führte ein Stück durch die Wiesen, dann erreichte sie das Anwesen der Familie Rosales. Sie nannte es immer noch so, auch wenn zurzeit niemand der Familie dort wohnte. Das Haus mit dem eingebauten Hochofen war seit Jahren vermietet. Zu den Mietern hatte sie kaum Kontakt, niemand im Dorf schien sie näher zu kennen. Nicht einmal einkaufen gingen sie, das erledigte ihre Angestellte. Eine sehr reservierte Frau, die kaum grüsste, nie für einen Schwatz stehenblieb und allem Anschein nach nicht lächeln konnte. Auch beim Haus Rosales war niemand zu sehen. Nur die beiden Pferde waren schon auf der Wiese. Sie wusste, dass der Mann Künstler war und wie besessen Blöcke aus Andeerer Granit bearbeitete. Gesprochen hatte sie ihn nie, wahrscheinlich konnte er nicht einmal Deutsch. Dem Vernehmen nach stammte er aus einer reichen, eher schwerreichen Familie aus Italien. Vielleicht Gucci oder Versace. Agnelli oder Lancia. Cardinale oder Celentano. Die Gattin war öfter zu sehen, allerdings meistens auf dem Rücken eines Pferdes, was ein Gespräch unmöglich machte. Manchmal hatten sie Besuch, wahrscheinlich andere reiche Leute aus dem Ausland. Manchmal verreisten sie für ein paar Tage oder Wochen, wahrscheinlich dorthin, wo andere reiche Leute aus dem Ausland ihre Zeit verbrachten.

Am Steinbruch vorbei gelangte sie südlich des Dorfes wieder zum Rhein. Sie blieb mitten auf der zweckmässigen Hängebrücke stehen und schaute flussaufwärts, wie das braune Wasser auf sie zukam. Es würde ein paar Tage dauern, bis der Hinterrhein wieder klar und leise dahinplätscherte. Sie wandte sich um und schaute in die andere Richtung. Die Wolken hingen tief, es wurde trotz der leichten Wetterbesserung nur dann richtig hell, wenn unvermittelt ein Sonnenstrahl hervorbrach. Dann leuchtete die Welt für einen Augenblick, aber die meiste Zeit schien sie in gedämpften Tönen gemalt worden zu sein.

Sie betrachtete das schmutzigbraune Wasser, das unter der Brücke hervorquoll. Unvermittelt blieb ihr Blick an einem grasgrünen Fleck im Bachbett hängen. Sie runzelte verärgert die Stirn. Es war himmeltraurig, was alles an Abfall angeschwemmt wurde. Wer kam bloss auf die Idee, so viel Kehricht im Fluss zu entsorgen? Und was war das überhaupt? Als sie die Ursache ihres Ärgers genauer in Augenschein nahm, wurde sie blass. Entsorgung war das falsche Wort, wurde ihr allmählich klar. Hier ging es nicht um Kehricht. Weder um Plastik noch um Baumaterial. Was sich dort unten am Rande des Flussbetts in den Steinen verfangen hatte, war ein Mensch. Eine Frau in einer grasgrünen Jacke. Und sie war zweifellos tot.

Im Sommer davor

Marlene betrat vorsichtig Massimilianos Atelier. In seinem Kopf und unter seinen Händen entwickelte sich eine neue Idee. Diese Zeitspanne war heikel, das wusste sie. Dann und wann war er so absorbiert von seinen Gedanken, dass eine Störung unabsehbare Folgen haben konnte. Ein einziges Mal, vor vielen Jahren, hatte sie in einer solchen Phase ahnungslos sein Reich betreten. Sie hätte es grün und blau verlassen, wenn Massimilianos Hemmschwelle, Gewalt anzuwenden, nicht so hoch wäre. Das war ihr eine Lehre gewesen.

Mit dem Raum konnte sie sich nicht anfreunden, auch wenn sie um seine ausserordentliche Geschichte wusste. Der Marchese Rosales hatte den gewaltigen, mehrere Stockwerke hohen Blashochofen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erbauen lassen, um die italienischen Freiheitskämpfer mit Eisen für die Waffenherstellung zu versorgen. Dass es gescheiter war, dieses Vorhaben nicht an die grosse Glocke zu hängen, lag auf der Hand. Deshalb errichtete er zur Tarnung ein stattliches Haus um den Ofen herum. Spätere Umbauten machten aus dieser Tarnung ein bewohnbares Objekt. Der Hochofen befand sich nach wie vor gut versteckt im Inneren. Das hatte ihn davor bewahrt, von den Einheimischen in seine schönen, exakt behauenen Quader zerlegt und als Baumaterial verwendet zu werden.

Vor dessen riesigem Schlund mit dem gemauerten Rundbogen sass Massimiliano. Marlene erkannte Anzeichen von Entspannung, möglicherweise hatte er den fiebrigen Arbeitsdrang überwunden, weil sich seine Energie nun auf ein Ziel richten konnte. Sie wagte es, einige Schritte auf ihn zuzugehen, und sah erleichtert, dass er sie anlächelte und sich erhob. Sie reichte ihm eines der beiden Gläser mit sizilianischem Weisswein.

«Es ist alles eine Frage der Relation.» Er deutete ein Zuprosten an.

Sie musterte ihn fragend.

«Das Weltall sei unendlich, die Entfernungen unvorstellbar. Per l’amor di Dio, das ist doch völliger Blödsinn!»

«Warum?», fragte Marlene.

Er rang die Hände, sodass der Wein überschwappte. «Siehst du diese Fliege?» Massimiliano deutete auf eine Stubenfliege, die durch den Raum surrte. «Ich frage dich: Was bedeutet für sie der Begriff Unendlichkeit? Ihre Welt ist dieses Haus, ihr Universum das Tal. Sie weiss, dass es hinter den Bergen ringsherum vielleicht weitergeht, aber sie hat keine Vorstellung von anderen Tälern, sie weiss nichts vom Meer oder davon, dass die Erde rund ist.»

Marlene lächelte. «Du meinst, sie macht sich dieselben Gedanken über die Unendlichkeit wie wir?»

«Ja!» Massimiliano verweigerte sich dem leicht ironischen Tonfall. «Und wenn sie es tut, geht sie von anderen Grössenverhältnissen aus.» Er blickte in Marlenes Gesicht und erkannte, dass sie seinen Gedankengängen nicht folgen konnte. Er trank einen Schluck und dachte nach, bevor er neu begann. «Stell dir vor, du wärst eine Darmbakterie.»

«Eine Darmbakterie!», rief Marlene verblüfft. «Ich versuche es. Ich bin eine Darmbakterie.»

«Wo fängt deine Welt an, wo hört sie auf?»

«Im Bauch eines Menschen?»

«Nein!» Massimiliano schüttelte den Kopf, dass der Steinstaub aus seinen Locken flog. «Du hast doch keine Ahnung, dass du dich in einem Bauch befindest. Von einem Menschen hast du noch nie etwas gehört. Also, wo fängt deine Welt an, wo hört sie auf?»

«Hm …», überlegte Marlene. «Im Vergleich zur Nahrung, die durch den Darm befördert wird, bin ich winzig. Ich denke, ich bin in einem bestimmten Abschnitt des Darms zu Hause und verarbeite immer wieder neue Nahrung, die an mir vorbeizieht.»

«Ja, ja, ja!», rief Massimiliano begeistert. «Vielleicht hast du gehört, dass es irgendwo ein Tor gibt, durch welches die Nahrung kommt. Das erzählt man sich über die paar Meter Darm oberhalb von dir, es ist eine Legende. Noch nie ist irgendjemand durch das Tor getreten.»

Marlene liess sich von seiner Leidenschaft anstecken. «Genauso wissen die Darmbakterien unterhalb, dass es irgendwo ein Tor gibt, durch das die verarbeitete Nahrung das Universum verlässt. Man erzählt es sich seit Generationen, aber niemand hat es je gesehen.»

«Niemand, der es je gesehen hat, ist zurückgekehrt», korrigierte er, «deshalb kann niemand erzählen, wie es hinter dem Tor aussieht.»

«Du meinst, das Universum der Darmbakterie ist der Darm?», fragte Marlene. «Der Urknall ist der Anfang beim Magenausgang?»

«Genau!» Massimiliano lachte. «Und der Schliessmuskel ist das Jüngste Gericht.»

Marlene stimmte ein. «Was bedeutet es für die Darmbakterien, wenn jemand Durchfall hat?»

«Dann ist das eine Naturkatastrophe», folgerte er. «Eine Überschwemmung, ein Murgang, ein Ereignis, das viele Opfer fordert.»

«Eine Antibiotikakur?»

«Oh, daran gehen noch viel mehr Darmbakterien zugrunde. Fast alle! Antibiotika sind wie die Pest.»

«Einige überleben immer», merkte Marlene an, «das war bei der Pest auch so.»

«Richtig», stimmte Massimiliano zu. «Sie wissen nicht, was passiert ist und weshalb sie verschont wurden, während ihnen ihre Liebsten genommen wurden. Was machen sie also?»

Marlene hob fragend die Augenbrauen.

«Was machen die Menschen, wenn sie sich etwas nicht erklären können?», drängte er. «Wenn sie dankbar sind, dass sie von etwas nicht heimgesucht wurden, das ausserhalb ihrer Macht steht?»

«Sie vermuten, dass Gott dahintersteckt», begriff Marlene.

Massimiliano nickte eifrig. «Ja, ja, ja! Sie beten!»

Sie nippte am Glas und grinste. «Und wie, du göttliches Wesen, willst du die Darmbakterien in Stein meisseln?»

Er blieb ernst, sein Blick ging in die Weite. «Jedes noch so kleine Teilchen ist ein Universum. Jedes dieser Universen ist Bestandteil eines grösseren Universums. Jede Unendlichkeit ist für das grössere System endlich. Es gibt immer ein grösseres System.»

«Vielleicht.»

«Sicher! Alles, was irgendwo fertig ist, geht jenseits dieses Punkts auf eine andere Art weiter. Es gibt kein Ende.»

«So, wie man zu jeder Zahl noch eins dazuzählen kann?», fragte sie.

Er nickte. «Ich habe eine Idee. Nein», korrigierte er sich, «ich habe eine Ahnung einer Idee. Ich habe einen Funken in meinen Gedanken, der noch nicht greifbar ist. Er muss sich erst festigen, er muss sich Platz verschaffen.» Er nahm ihr das Glas aus der Hand und stellte es zu seinem auf den Boden vor dem Ofenloch. «Komm!», sagte er und fasste sie bei der Hand. «Ich brauche Luft, Raum, Weite.»

Marlene lächelte ihn an und liess sich bereitwillig mitziehen.

4
September 2019

Walter Buess und Meta Schäfer sassen im Polizeiauto und freuten sich darüber, dass zum ersten Mal seit Tagen die Intervallschaltung der Scheibenwischer ausreichte. Sie waren zusammen auf Patrouillenfahrt und rechneten mit einem ruhigen Sonntag. Buess war wie immer sorgfältig rasiert, und zwar nur, weil er sich ärgerte, dass seine Barthaare seit einigen Jahren in Grau sprossen. Seiner Ansicht nach passte das nicht zu seinem nach wie vor roten Haarschopf. Meta Schäfer, die wie er noch rund fünfzehn Jahre bis zur Pensionierung vor sich hatte, zog ihn immer wieder gerne mit seiner Eitelkeit auf.

Als sie in Thusis ihren Dienst angetreten hatten, waren sie sich rasch einig gewesen, ins Schams zu fahren. Die Viamalaschlucht, die das Tal von Thusis trennte, bot nach Regenfällen in der Regel einen beeindruckenden Anblick, den sie sich nicht entgehen lassen wollten. Ausserdem brauchte Meta Schäfer ein Geschenk für die Bekannten, bei denen sie und ihr Mann zum Abendessen eingeladen waren, und das wollte sie in der Konditorei in Andeer besorgen. Die Cagliatschatürmli, die hier seit bald siebzig Jahren hergestellt wurden, schienen ihr geeignet. Im Übrigen gefiel ihr der Name, er war eine Herausforderung für alle Auswärtigen.

Dazu kam es allerdings nicht. Als sich die beiden in der Viamala befanden, erreichte sie die Meldung von der Auffindung einer Toten in der Nähe von Andeer. Meta antwortete sofort, sie seien fast schon vor Ort und würden sich um den Fall kümmern. Eilig stiegen sie die Treppen aus der Schlucht hoch zum Parkplatz und in ihr Auto. Meta diktierte Buess, der auf dem Beifahrersitz sass, die Nachricht an ihren Mann, er müsse sich selbst um ein Geschenk bemühen, und steuerte Andeer an. Dass ihr Gatte ungehalten auf die Anweisung reagieren würde, konnte sie sich unschwer ausmalen, aber sie verdrängte den Gedanken lieber. Deshalb ahnte sie nicht, dass er wütend dachte, ein wenig Provokation könne nicht schaden, und trotzig in den kurdischen Laden ging, wo er als Gastgeschenk eine Schachtel der klebrigen Süssigkeiten kaufte, die sie verabscheute.

Zwei rote Flecken zierten die faltigen Wangen der älteren Dame, die die Entdeckung gemacht hatte. Aufgeregt unterhielt sie sich mit der Ärztin, die von der Einsatzzentrale der Polizei nach dem Eingang der Meldung aufgeboten worden und die noch vor Buess und Schäfer vor Ort angekommen war.

Die Ärztin hatte die Hände in die Jackentaschen gesteckt und fror erbärmlich. Sie hatte weder einen Schirm noch eine Kapuze, ihre Haare kräuselten sich bereits im leichten Regen. Bis wir hier fertig sind, wird sie aussehen wie ein Pudel, dachte Meta Schäfer.

«Ich konnte nicht ganz bis zu ihr gelangen», berichtete die Ärztin. «Sie ist wahrscheinlich seit mehr als einem Tag tot, so, wie sie aussieht. Offenbar verfing sich einer der Füsse in den Steinen am Ufer, und der Baumstamm, den das Unwetter heranführte, klemmte ihr Bein so ein, dass sie nicht abgetrieben wurde, sondern hier stecken blieb.»

«Ob sie wohl hier ins Wasser gefallen ist?», fragte sich Buess.

«Keine Ahnung.» Die Ärztin zuckte die Achseln. «Die sichtbaren Verletzungen können vom Sturz in den Fluss stammen oder aber vom Geröll oder den Stämmen, die das Wasser in diesen Tagen mit sich führt. Sie kann von dieser Brücke gefallen oder irgendwo weiter oben in den Rhein gelangt sein, das kann ich nicht beurteilen.»

Mit Blaulicht und Sirene näherten sich weitere Einsatzfahrzeuge. Während die Bergungsarbeiten ihren Lauf nahmen, setzte sich Meta Schäfer mit den beiden Frauen in ihr Polizeiauto. Der Pudel brauchte sich nicht auch noch eine Erkältung zu holen, fand sie, und die ältere Dame machte zwar einen robusten Eindruck, sollte aber besser nicht unnötig strapaziert werden.

Die Nachricht, bei der Brücke zum Granitwerk sei etwas passiert und die Polizei sei zahlreich vor Ort, verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Dorf. Ursin und Frederik erschienen als Nummer fünf und sechs am Fundort, zusammen mit ein paar anderen Kindern. Sie versuchten verzweifelt, etwas zu sehen, wurden aber von den Polizisten angeschnauzt. Wie eine Hundemeute schlugen sie einen Bogen, um sich von der anderen Seite zu nähern. Sie kletterten auf die Granitblöcke vor dem Steinverarbeitungsbetrieb, um bessere Sicht zu haben, aber es nützte alles nichts. Sie erkannten die Ärztin und Annetta Baselgia, die ältere Frau aus dem Dorf. Auch den einen oder anderen Polizisten hatten sie schon gesehen. Hören konnten sie indessen nichts, und da ihnen niemand berichtete, was vor sich ging, liessen sie ihrer Fantasie freien Lauf. Ob wohl ein Auto in den Rhein gefallen war? Ein Tier? Ein Mensch?

«Vielleicht ein Selbstmörder», mutmasste einer.

«Bestimmt nicht, du sturnicel», erwiderte ein anderer. «Von dieser Brücke springt keiner, um sich das Leben zu nehmen, sie ist ja kaum ein paar Meter hoch.»

«Selber sturnicel!», wies ihn der erste zurecht. «Er könnte irgendwo weiter oben gesprungen und hier angespült worden sein.»

Zum wiederholten Male wandten sie sich an den Polizisten, der sie nicht näher herankommen liess, und fragten ihn, ob sie mit ihrer Vermutung richtig lagen. Wie nicht anders zu erwarten, verweigerte er jegliche Auskunft, was sie aber nicht abschreckte.

«Ist ein Auto in der Rhein gefahren?»

«Sassen Leute drin?»

«Hat man etwas gefunden? Geld oder so?»

«Oder geht es um eine Kuh oder ein Pferd?»

Der Polizist hatte grosse Lust, die Bengel mit einem Schuss in die Luft gehörig zu erschrecken, beherrschte sich aber. Ein Freund und Helfer schiesst nicht in die Luft, ermahnte er sich. Zumal diese Aktion wohl nur noch mehr Halbwüchsige angezogen hätte. Er schimpfte eine Tonlage höher. Die Wirkung blieb aus. Genervt stellte er fest, dass aus dem Dorf zwei weitere Kinder angerannt kamen, gefolgt von ein paar neugierigen Erwachsenen. Das konnte ja heiter werden.

«Ein Leichenwagen!», schrie ein Mädchen, das er bisher in der Gruppe nicht bemerkt hatte.

«Ein Toter.» – «Keine Kuh.» – «Ein Toter.» – «Ein Unfallopfer.» – «Ein Selbstmörder.» – «Ein Toter.» – «Eine Tote!»

Die ersten Schaulustigen kehrten ins Dorf zurück, um die Kunde zu verbreiten. Andere zückten das Mobiltelefon, um Fotos zu schiessen, die sie an die Nachrichtenportale schicken konnten. Die Erwachsenen gaben sich gelassener, waren aber nicht weniger erregt als die Kinder. Innert kurzer Zeit wussten alle in Andeer von dem Fund, und nur wenige Stunden später hatte sich die Neuigkeit überregional verbreitet.

Niemand nannte ihn Logistiker Distribution, obwohl das die korrekte Bezeichnung für seinen Beruf gewesen wäre. Er war für alle der Briefträger. Benedetg nannte ihn ebenfalls kaum jemand, auch wenn er so hiess. Für die allermeisten war er Beni, einzig für seine Grossmutter war er hie und da Benedetg. Nämlich dann, wenn sie ihm die Leviten las. Das hätte er ihr heimzahlen können, indem er sie Tatta gerufen hätte, wie alle anderen Grossmütter im Schams genannt wurden. Dazu fehlte es Beni freilich an Streitlust, er nannte sie stets Nana Annetta, wie sie das wünschte, weil sie ihrer eigenen Nana sehr zugetan gewesen war.

Seit bald zehn Jahren bildeten Beni und Annetta die WG Baselgia. Kurz nach seinem vierzehnten Geburtstag war es zwischen seinen Eltern zum Krach gekommen, worauf seine Mutter aus dem Tal weggezogen war. In der Folge hatte Annetta ihren Sohn einen tgapatalpas genannt, und zwar so laut und deutlich, dass auch die nicht Romanischsprachigen in der Nachbarschaft begreifen mussten, dass sie ihn als Dummkopf beschimpfte. Seither sprachen sie zwar nach wie vor miteinander, jedoch selten ein freundliches Wort. Benis Vater hatte den Fehler gemacht, auch zu Hause den Mund nicht zu halten und in Benis Gegenwart über dessen Mutter und Grossmutter herzuziehen. Beni, ein harmoniebedürftiges Wesen, kam damit nicht lange zurecht. Bald ging er nur noch zum Schlafen nach Hause und später nicht einmal mehr das. Er packte seine Sachen und zog bei Annetta ein. Ob sein Vater seinen definitiven Exodus bemerkte, entzog sich seiner Kenntnis. Es dürfte ihm spätestens dann klar geworden sein, als die Nana ihn aufsuchte und ihm mitteilte, dass Beni sein Kostgeld fortan bei ihr abliefern werde, nicht mehr bei ihm.

In der Wohngemeinschaft waren die Rechte und Pflichten klar definiert, etwas anderes liess Annettas Sinn für Ordnung und Struktur nicht zu. Unumstösslich war die Regel, dass die privaten Zimmer gegenseitig nicht betreten wurden. Kein plötzliches Auftauchen, um etwas zu fragen, kein Zutritt während der Abwesenheit des Mitbewohners oder der Mitbewohnerin, auch nicht für die Reinigung, die in den übrigen Räumen Annetta erledigte und die auf Benis Konto beim Aufwand aufgeführt wurde. Geld musste er dafür freilich keines in die Hand nehmen, die Schuld glich er mit kleinen Pflichten im Haushalt aus, vor allem aber durch die Zuständigkeit für das Brennholz. Das alte Haus wurde hauptsächlich durch einen Kachelofen im Wohnzimmer und einen Schwedenofen in der Küche geheizt, die mit Unmengen von Holzscheitern befüllt werden mussten.

An diesem Sonntag schlief Beni nach einem deftigen Ausgang am Vorabend bis in den Nachmittag hinein tief und fest. Als er endlich wahrnahm, dass Annetta laut an seine Zimmertür pochte und ungeduldig seinen Namen rief, glaubte er zu träumen. Das war noch nie passiert, es verstiess gegen ihre Prinzipien. Folglich musste das Erdgeschoss unter Wasser stehen, ein Terrorkommando eingedrungen oder ein Meteorit aufs Dach gefallen sein oder all das gleichzeitig. Er schälte sich aus der Decke und eilte zur Tür.

«Bei der südlichen Brücke liegt eine Leiche im Rhein, und ich habe sie gefunden!», berichtete Annetta.

Trotz der vorabendlichen Eskapaden war Beni hellwach. Diese Eigenschaft gehörte zu den Anforderungen an einen Logistiker Distribution. Sofort war ihm klar, dass es keinen Sinn hatte, sich mit dummen Fragen aufzuhalten. Bist du sicher? Was hast du dort gemacht? Warst du bei der Polizei? Alles überflüssig. Stattdessen: «Wer ist es?»

«Ich weiss es nicht. Eine Frau, aber ich habe nicht genug von ihr gesehen, um sie erkennen zu können.»

«Das wird man bald erfahren. Haben die Leute des Alpenclubs geholfen, sie zu bergen? Sie gehen nachher sicher ins ‹Weisse Kreuz›.»

Annetta widersprach. «Der Alpenclub musste nicht helfen, die Polizei hat das selbst geschafft. Die ist mit allem aufmarschiert, was geradeaus gehen kann.»

«Sie werden wohl ihre Vermisstmeldungen durchgehen, dann wissen sie schnell, um wen es sich handelt. Gewiss eine Selbstmörderin», mutmasste Beni.

«Jedenfalls möchte ich es erfahren. Ich gehe ins ‹Weisse Kreuz›.»

«Mach das», stimmte Beni zu und griff nach seinem Smartphone. «Ich frage die Kollegen, ob jemand etwas weiss.»

Einige Wochen vorher

Blanka sass am Schreibtisch und prüfte, ob Rechnungen zu bezahlen waren. Sie war nicht ganz bei der Sache, denn gleichzeitig lauschte sie in den Gang hinaus, um ihre Chefin beim Betreten des Hauses nicht zu verpassen.

Endlich. Sie hörte, wie die Tür geöffnet wurde, und erkannte problemlos, dass die eintretende Person Marlene war. Ihre Schritte waren leichtfüssig, und die Duftwolke, die sie umgab und sich bald bis zu Blanka ausbreitete, verkündete, dass sie direkt aus dem Stall kam. Mit einigem Gerumpel tauschte sie die Stiefel gegen Hausschuhe aus. Blanka wusste, dass Marlene gern barfuss unterwegs gewesen wäre, aber die kalten Steinböden in den einen und die groben Holzriemen in den anderen Räumen liessen das nicht zu. Nun kündigten die Schritte an, dass Marlene aus dem Entrée in den weiten Flur hineintrat. Blanka erhob sich rasch, packte das dicke Couvert und stellte sich wortlos in den Gang.

Abrupt hielt Marlene inne. Blankas düsteres Gesicht und der Umschlag konnten nur eines bedeuten. «Post für Liese?», fragte sie.

Blanka nickte und überreichte ihr die Sendung.

Marlene bedankte sich und musterte die Anschrift: Liese Haller, c/o Marlene Bernard, Haus Rosales, Andeer. «Damit war zu rechnen», seufzte sie. «Roos hat bei ihrem Besuch im Frühling angekündigt, dass ihre Freundin Liese zwei, drei Sendungen erwarte, die sie hierherschicken lasse, damit Roos sie im Herbst mitnehmen könne.»

«Liese Haller?», fragte Blanka verächtlich.

«Ein Name ist so gut wie der andere», meinte Marlene achselzuckend. «Diese Person wird wohl kaum existieren. Die Sendungen sind für Roos selbst.»

Blanka biss die Zähne zusammen und nickte. «Sie geht ein grosses Risiko ein. Sie bringt uns damit in Gefahr.»

«Nein, ich denke nicht», widersprach Marlene.

«Und wenn plötzlich einer der Absender hier auftaucht?», wandte Blanka ein.

«Sie ist nicht dumm», meinte Marlene und strich ihr sanft über den Arm. «Ihr System ist raffiniert. Die Absender können die Verbindung zu uns nicht herausfinden. Roos weiss genau, dass wir sie nicht schützen würden, wenn wir selbst in Gefahr wären.»

Widerwillig musste ihr Blanka recht geben.

5
September 2019

«Nichts.»

«Wie, nichts?», fragte Meta Schäfer ungehalten durchs Telefon. Der Fundort war inzwischen geräumt, die tote Frau abtransportiert worden. Niemand der dort Anwesenden, weder Polizisten noch Rettungsdienst, Ärztin oder Finderin, kannten das Opfer. Sie und Walter Buess, die nach wie vor in Andeer beschäftigt waren, hatten deshalb ihren jungen Kollegen Camenisch auf dem Posten in Thusis beauftragt, die Vermisstmeldungen durchzugehen.

«Nichts, eben. Es wird keine Frau vermisst, auf die eure Beschreibung passt.»

«Wie soll das möglich sein?» Meta verdrehte die Augen. «Irgendjemand wird sie doch vermissen, wenn sie vor ein paar Tagen in den Fluss gefallen ist!»

«Du brauchst mich nicht anzuschnauzen», parierte der Jüngere. «Es ist, wie ich sage. Lass besser deine Fantasie walten, um herauszufinden, wer sie sein könnte.»

Meta verzog das Gesicht, verkniff sich aber eine giftige Bemerkung. «Wir werden im Dorf herumfragen müssen», meinte sie.

«Ja, aber das wird wenig bringen. Dort wissen inzwischen alle, dass eine tote Frau gefunden wurde. Wenn sie jemand vermissen würde, hätten wir das inzwischen erfahren.»

«Ausser, sie hat in einer Ferienwohnung gelebt. Moment, ich rufe dich gleich nochmals an.»

Walter Buess war herangetreten und hatte ihre letzten Sätze mitbekommen. «Sie wird bisher nicht vermisst», mutmasste er.

«Genau», bestätigte Meta Schäfer.

«Immerhin habe ich gute Nachrichten», fuhr Buess fort. «Die Untersuchung des Fundorts hat ergeben, dass sie höchstwahrscheinlich von der Brücke aus in den Rhein gestürzt ist.»

«Woher will der kriminaltechnische Dienst das wissen?», fragte sie.

«Bei der Brücke handelt es sich um eine Hängebrücke», erläuterte der Kollege. «Sie ist aber eher zweckmässig als schön konstruiert. Bei der Befestigung der Tragseile gibt es Metallstifte, die abstehen.»

«Ja, das habe ich gesehen.» Meta nickte.

«Offenbar haben sie dort Fäden oder Spuren von Stoff gefunden, ich weiss es nicht so genau. Grasgrün, wie die Jacke der Frau, und vermutlich aus dem richtigen Material.»

«Vermutlich?»

«Die definitive Bestätigung steht noch aus, aber es spricht alles für einen Sturz von der Brücke.»

«Das ist immerhin etwas», meinte Meta Schäfer. «Höchste Priorität hat jetzt, herauszufinden, um wen es sich bei der Toten handelt. Wir brauchen ihr Bild, um herumzufragen. Hotels, Läden, Mineralbad. Ferienwohnungen. Postautochauffeure.»

«Zunächst Andeer und flussaufwärts, also auch Rofflaschlucht, die Dörfer im Rheinwald und im Avers. Dann abwärts bis und mit Thusis.» Buess schaute auf die Uhr. «Stgier und Demont sind bereits hier, Meuli und Domenig treffen jeden Moment ein. Wir teilen das Gebiet unter uns auf.»

«Camenisch soll die italienischen Kollegen fragen, ob sie etwas wissen. Vorderhand informell. Die Grenze ist nah, sie könnte aus Italien gekommen sein. Ausserdem soll er uns ein passables Foto schicken.»

«Sie sah nicht mehr besonders passabel aus, das wird schwierig», seufzte Buess.

«Wir brauchen das Foto nicht für eine Shampoowerbung, man muss sie nur erkennen können!»

Buess schaute sie strafend an. «Lass mich raten. Du hattest heute Abend etwas vor, und jetzt wird dir klar, dass wir die Sache hier nicht bis zum Feierabend abschliessen können. Habe ich recht?»

«Ja», gab Meta widerwillig zu.

«Trag es mit Fassung. Der gemütliche Abend lässt sich später nachholen.» Er verkniff sich ein Grinsen. «Ausserdem werden wir bis spät abends hier beschäftigt sein, und bis dann ist die Wut deines Gatten verraucht.»

«Auch das stimmt», sagte Meta. «Ich hatte mich allerdings wirklich auf diesen Besuch gefreut.» Nicht zuletzt deshalb, weil der jüngste ihrer drei Söhne ihr mit seinen pubertären Launen gehörig auf die Nerven fiel, doch das erwähnte sie nicht. «Aber egal. Machen wir uns an die Arbeit.»

«Nichts.»

«Wie, nichts?» Annetta schaute ihren Enkel über ihren Kaffee Fertig hinweg an.

Beni vermutete, dass es der zweite war an diesem Sonntagnachmittag, denn die Nana war auf der Jagd nach Neuigkeiten vom «Weissen Kreuz» weitergezogen ins Hotel Fravi. Er war, nachdem er via Mobiltelefon nichts hatte in Erfahrung bringen können, ebenfalls hierhergekommen. Er vermutete, dass sich die Leute der Polizei oder der Gemeindebehörde am ehesten da einfinden würden.

«Man weiss nichts», präzisierte Beni. «Bisher hat sich nicht herumgesprochen, wer die tote Frau ist.»

«Vielleicht weiss man noch gar nicht, um wen es sich handelt», überlegte einer der anderen Gäste am Tisch.

«Eine Auswärtige, meinst du?» Annetta runzelte die Stirn. «Eine Touristin, die bei diesem Wetter am Rhein spazieren ging? Wohl kaum.»

Die Mutmassungen der Handvoll Leute zogen sich eine Weile hin, ohne nennenswerten Erfolg. Bald wandte man sich einmal mehr den Abschüssen auf der Hochjagd zu, von denen man erfahren hatte.

Schliesslich machte sich Annetta auf den Heimweg, während Beni bei einem Kollegen vorbeischauen wollte. Als er am späten Nachmittag nach Hause kam, traf er seine Nana in Gedanken versunken am Küchentisch sitzend an.

«Die Polizei sollte im Dorf herumfragen, wer das sein könnte», teilte sie Beni ihre Schlussfolgerung mit. «Die Einheimischen wissen am ehesten, um wen es sich handeln könnte.»

«Auf diese Idee werden sie bestimmt selbst kommen, wenn sie es auf andere Weise nicht herausfinden.»

«Die Frage ist, ob sie schlau genug sind, die Person zu fragen, die am ehesten Bescheid weiss.» Sie musterte ihn prüfend.

«Und wer wäre das, deiner Meinung nach?» Beni hatte bei aller Neugier allmählich genug von dem Thema. Sein Magen knurrte, und er überlegte, ob in seinem Teil des Kühlschranks wohl noch etwas Vernünftiges zu finden war. Ein grosses Stück Fleisch zum Beispiel. Das Knurren wurde lauter.

«Du.»

«Was, ich?», fragte er abwesend. Offenbar hatte er etwas verpasst. Besser wäre er ein bisschen aufmerksamer, dann konnte er der Nana vielleicht wenigstens eines ihrer Schnitzel abschwatzen, die sie immer vorrätig hatte. Er fürchtete, dass abgesehen von ein paar Eiern gähnende Leere herrschte in seinem Hoheitsgebiet.

«Du bist die Person, die am ehesten Bescheid weiss, wer die Tote sein könnte», erklärte sie ungeduldig.

Beni schaute verdattert auf. «Ich? Wieso denn?»

«Überleg doch mal», wies sie ihn an. «Welcher Briefkasten quillt über, weil er seit ein paar Tagen nicht geleert worden ist? Welche Frau, von der du die täglichen Gewohnheiten kennst, hat diese in letzter Zeit unterlassen? Was ist dir auf deiner Tour Ungewöhnliches aufgefallen?»

«Ich habe keine Ahnung, sonst hätte ich das längst gesagt», antwortete Beni abwehrend.

«Du hast nicht genug darüber nachgedacht», stellte Annetta fest. «Das holen wir jetzt nach.»

«Jetzt?»

«Jawohl.»

«Jetzt habe ich in erster Linie Hunger», widersprach Beni.

«Bei deinen Vorräten herrscht gähnende Leere, ausser Spiegeleiern oder Teigwaren mit Tomatensauce kannst du dir nichts kochen.»

Warum erstaunt es mich nicht, dass sie das besser weiss als ich?, fragte sich Beni.

«Ich trete dir ein Schweinsfiletspiesschen ab und teile mit dir die Spätzli, die ich noch zum Aufwärmen habe.» Die Geräusche aus Benis Körpermitte waren auch für Annetta nicht mehr zu überhören. «Du kochst, ich frage, du antwortest, ich wasche ab.»

Beni kapitulierte. In Windeseile stellte er zwei Bratpfannen auf den Herd und zwei Teller auf den Tisch, würzte, brutzelte und wendete, während ihn Annetta ihrem Verhör unterzog. Systematisch ging sie mit ihm seine Tour durch. Als er die beiden Pfannen auf den Tisch stellte und sich reichlich schöpfte, war sie längst noch nicht fertig. Mit vollem Mund gab er ihr weiter Auskunft.

«Beim Herrschaftshaus mit dem elenden Köter ist also alles wie immer, sagst du», setzte Annetta die Unterhaltung fort. «Beim katholischen Friedhof?»

«Dort gibt es keinen Briefkasten.»

Annetta verdrehte die Augen. «Auch ohne Briefkasten kann etwas ungewöhnlich sein.»

«Dort ist nichts ungewöhnlich», stellte Beni klar. «Alles wie immer.»

«Beim Haus Rosales?»

«Auch dort …» Beni stutzte.

«Was ist los beim Haus Rosales?», drängte die Grossmutter.

«Gestern und heute waren dort verschiedene Autos zugegen», berichtete Beni. «Ein Lieferwagen aus Zürich, von einer Kunstgalerie, glaube ich. Ein schwarzer Tesla mit Bündner Nummer und einem diskreten Logo auf der Tür.»

Annetta musterte ihn aufmerksam. «Haben sie ein wertvolles Kunstwerk gekauft?»

«Nein. Zwei riesige Pakete wurden in den Lieferwagen eingeladen. Ich musste kurz warten, bevor ich wieder abfahren konnte. So bekam ich mit, dass die Galerie zwei Bilder eines französischen Künstlers gekauft hat.»

«Handeln sie neuerdings mit Kunst?», fragte sich Annetta.

Beni zuckte die Achseln. «Muss nicht sein. Vielleicht richten sie sich nur neu ein.»

«Ein schwarzer Tesla mit diskretem Logo», überlegte Annetta. «Vielleicht eine Anwaltskanzlei. Oder eine Vermögensberatung, ein Treuhänder. Waren der Bildhauer und seine Frau dort?»

«Nein.» Beni runzelte die Stirn. «Ich habe nur die Haushälterin gesehen. Den Mann treffe ich sowieso selten an, aber die Hausherrin ist häufig bei ihren Pferden. Seit ein paar Tagen habe ich sie aber nicht gesehen.»

«Sie verkaufen wertvolle Bilder, die abgeholt werden, wenn sie nicht da sind?», zweifelte Annetta.

«Daran ist nichts Besonderes», meinte Beni. «Sie werden sich zum Verkauf entschlossen haben, den sie nun durch eine Fachperson abwickeln lassen, das ist alles.»

«Kann sein», gab ihm die Nana widerstrebend recht. «Vielleicht sind sie zusammen verreist, während das Haus neu eingerichtet wird.»

«Nicht zusammen, glaube ich», widersprach Beni. «Sie habe ich am Mittwoch zum letzten Mal gesehen. Sein Auto war am Donnerstag und am Freitag noch hier.»

«Das ist eigenartig», stellte Annetta fest.

«Das muss gar nichts heissen», entgegnete er. «Sie kann vorausgegangen sein, er folgte ihr ein paar Tage später. Dafür kann es hundert Gründe geben.»

«Sicher», stimmte Annetta zu. «Aber wenn gleichzeitig eine Frau im Rhein ertrinkt und Kunstwerke abtransportiert werden, könnte es eben doch etwas heissen.»

Zwei Kaffees und eine halbe Schokolade später hatte sie Beni so weit, dass er bei der Polizei anrief.

«Warum hast du nicht gesagt, dass du sie kennst?», fragte der Stallknecht und nahm einen tiefen Zug.

«Ich spreche nicht mit der Polizei.» Blanka verschränkte die Arme.

«Ihre Fragen waren etwas eigenartig», überlegte er.

«Nein», widersprach sie. «Sie werden überall herumfragen, bis sie herausfinden, wer sie war. Das ist alles.»

«Schon, ja. Aber sie fragten auch nach dem Chef und der Chefin. Sie wussten, dass die beiden ausgezogen sind und dass Sachen aus dem Haus verkauft werden.» Er musterte sie eindringlich. «Woher wussten sie davon? Jemand muss es ihnen gesagt haben.»

«Schon möglich. In diesem Dorf wird viel geredet», meinte sie verächtlich.

«Eben. Deshalb frage ich mich, ob es eine gute Idee war, nicht zu sagen, dass du sie kennst.»

«Schweigen ist immer eine gute Idee.»

«Blanka!» Er wandte sich ihr zu. «Früher oder später werden sie herausfinden, wer die Frau ist. Dann wird ihnen klar sein, dass du gelogen hast.»

«Ja, und?», fragte Blanka trotzig.

«Meine Güte, dann steckst du in der Scheisse!»

«Warum?» Blanka wedelte den Rauch vor ihrem Gesicht weg. «Ich habe nichts mit ihrem Tod zu tun.»

«Das werden sie aber vermuten, wenn das herauskommt.»

«Ja, und?», wiederholte sie. «Sollen sie vermuten. Es wird ihnen nichts bringen.»

Der Stallknecht rang die Hände. «Sobald sie erkennen, dass du gelogen hast, bist du geliefert, begreif das doch!»

«Ich wüsste nicht, weshalb.» Sie schüttelte den Kopf. «Die Frau ist im Rhein ertrunken. Ich habe nicht gesagt, dass ich sie gekannt habe. Das ist alles.»

Der Knecht bemühte sich um einen geduldigen Tonfall. «Sie wurde tot im Flussbett gefunden. Sie müssen untersuchen, was passiert ist. Sie werden annehmen, dass sie unglücklich ausgerutscht und ertrunken ist. Aber wenn sie herausfinden, dass du sie gekannt und gelogen hast, werden sie vermuten, dass du viel mehr weisst. Vielleicht sogar, dass du sie in den Fluss gestossen hast.»

«Was spielt das für eine Rolle?», fragte Blanka. «Ich kann sie nicht gestossen haben, ich war hier.»

«Sie werden versuchen, dir das anzuhängen. Du bist verdächtig, begreif das doch!»

Blanka seufzte. «Ich hätte sagen können, dass ich sie erkenne. Dann hätten die Polizisten weitergefragt, weiter und immer weiter.» Sie faltete die Hände im Schoss. «Sie würden hier keinen Stein auf dem anderen lassen. Ich habe aber gesagt, dass ich sie nicht kenne. Die Polizei wird anderswo suchen und früher oder später herausfinden, wer sie ist. Mit etwas Glück werden sie davon ausgehen, dass sie niemanden im Dorf gekannt und nur einen Ausflug gemacht hat.»

«Das wird nicht der Fall sein», gab der Stallknecht zu bedenken. «Sobald sie wissen, wer sie ist, werden sie herausfinden, dass sie die Chefin gekannt hat.»

«Vielleicht.»

«Dann steckst du in der Scheisse!», wiederholte er.

«Dann wird einige Zeit vergangen sein. Du wirst vielleicht schon nicht mehr hier sein.»

Der Stallknecht betrachtete sie nachdenklich. «Du würdest alles für sie tun», stellte er fest. «Wirklich alles.»

«Ja.»

«Warum?»

Blanka schaute ihn lange an. Dann schüttelte sie den Kopf.

6
September 2019

Piet füllte zum dritten Mal die Waschmaschine. Zwei Waschgänge hatte er gebraucht, um alles zu reinigen, was er auf der einwöchigen Jagd getragen hatte. Zwei Kudus hatte er erlegt, noch jetzt schlich sich beim Gedanken daran ein stolzes Lächeln in sein Gesicht. Die Kudujagd war nichts für Draufgänger und Haudegen. Um bei Gefahr ihr Leben zu retten, zogen sich diese speziellen Antilopen klammheimlich ins Gebüsch zurück, anstatt, wie andere, Hals über Kopf davonzustürmen. Damit schlug die Stunde des besonnenen Jägers, zu welchen Piet sich zählte. Er brachte die Nerven auf, um reglos zu verharren, denn nun hing alles davon ab, keine Geräusche zu verursachen. Nur so erlebte man es möglicherweise, dass das Tier zuerst aufgab. Piet war dieser Moment in der einwöchigen Jagd drei Mal beschieden gewesen, zwei Mal hatte er getroffen. Die Kühltruhe in seinem Gästehaus in Mossel Bay würde zu Beginn der südafrikanischen Sommersaison gut gefüllt sein, Roos würde sich über die Grilladen freuen.

Beim Gedanken an sie verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht. Mit gerunzelter Stirn füllte er die Wäsche in die Maschine, es gab noch einiges zu tun vor der Wiedereröffnung der Pension. Während der Jagd hatte er abseits in einer einfachen Hütte in der Eastern Cape Region gewohnt, ohne Telefonempfang. Erst auf der Heimreise hatte er das Gerät wieder eingeschaltet und ihr sofort geschrieben. Das war am Vortag gewesen, und bis jetzt hatte er nichts von ihr gehört. Dass sie seit bald vierundzwanzig Stunden nicht schrieb, war etwas sonderbar, musste er sich eingestehen. Ihm schien es manchmal, das Mobiltelefon sei ihr verlängerter Arm und längst mit ihr verwachsen.

Piet wäre jedoch nicht Piet, der erfolgreiche Kudujäger, gewesen, wenn er sich leicht aus der Ruhe bringen liesse. Er war sicher nicht einer dieser Männer, die ihre Frau oder Freundin pausenlos überwachten und in jedem Augenblick wissen mussten, was sie gerade trieb. Piet war ein erfolgreicher Jäger, weil er geduldiger war als alle anderen, seien es Kudus, Jäger oder Ehemänner.

Einige Waschgänge, zwei grosse Steaks und drei Dosen Bier später senkte sich die Sonne über das flache Land im Westen. Er liess den Blick gegen Süden schweifen. Irgendwo dort war der Südpol, dann sehr viel Meer, ein kleiner Durchgang zwischen Russland und Alaska, dann der Nordpol, Skandinavien. Von dort aus wäre es ein Katzensprung nach Italien, wo sie zusammen den südafrikanischen Winter verbracht hatten. In dieser Zeit herrschte tote Hose in Mossel Bay, es lohnte sich nicht, das Gästehaus offenzuhalten. Früher hatte er jeweils über den Winter eine Arbeit angenommen. Für einen praktisch veranlagten, starken Mann gab es genug zu tun. So hatten sie sich manchmal Ferien im warmen Norden leisten können. In den Niederlanden, wo ihre Ahnen herkamen, oder am Mittelmeer. Mit steigendem Wohlstand waren aus den zwei Ferienwochen Monate geworden. Jedenfalls für sie, denn ihm selbst wurde die Zeit irgendwann zu lang. Auch diesen Sommer war sie vor ihm nach Europa gereist. Ein paar Wochen später hatten sie zusammen zwei Monate in Italien verbracht, in den Ausläufern der Alpen. Das war für Piet eine neue Erfahrung gewesen; noch nie hatte er sich so lange im Landesinnern aufgehalten. Nach einer Woche hatte er das Meer zum ersten Mal vermisst, nach zwei Wochen war er unruhig geworden. Piet konnte es kaum fassen: Er, der geduldigste aller Jäger, wurde unruhig ohne freie Sicht bis zu einem Horizont, wo Himmel und Wasser sich trafen. Während es Roos wohl war in ihrer Ferienwohnung, brauchte er für seinen Seelenfrieden gelegentlich einen Ausflug an den Strand. Wenn er sich hatte überzeugen können, dass die Weite hinter den Hügeln noch da war, war er für einige Zeit wieder sein ausgeglichenes Selbst.

Seine Ruhe war nun allerdings gefährdet, weil er nichts von ihr hörte. Sie war in Europa geblieben, als er zur Jagd heimgekehrt war, hatte noch ein paar Besuche im Sinn gehabt, bevor sie ihm in wenigen Tagen nach Hause folgen wollte. Inzwischen vermisste er sie nicht nur, weil er ihr gerne von seinem Jagderfolg berichtet hätte, sondern weil er tatsächlich begann, sich Sorgen zu machen.

An diesem Abend konnte er nichts mehr tun. Das wurde ihm klar, als er das vierte Bier öffnete. Morgen würde er weitersehen.

Als Beni am Montagmittag nach der Arbeit nach Hause kam, hatte er einen Bärenhunger. Montag bis Freitag war Annetta für seine Verpflegung zuständig, was ihr gehörig Punkte auf der Ertragsseite einbrachte. An diesem Tag war es allerdings still im Haus, als Beni über die Schwelle trat. Vielleicht würde er über Mittag tatsächlich seine Ruhe haben.

In der Küche empfingen ihn die bunten Papierchen, die seine Nana so gewissenhaft vollschrieb. Mittels eines rosaroten Zettels, der an der Glasscheibe in der Küchentür haftete, erfuhr er, dass sie zum Einkaufen nach Thusis gefahren war und sein Essen in der Pfanne zum Aufwärmen bereit sei. Ein gelber Zettel auf dem Tisch teilte ihm mit, das WC sei einmal mehr verstopft, und die Behebung des Schadens gehöre zu seinen Pflichten. Beni stöhnte. Dieser Posten hätte seiner Meinung nach weit höher zu seinen Gunsten gewichtet werden müssen, aber er versuchte erst gar nicht, sich gegen seine Nana durchzusetzen. Ein violetter Zettel am Geschirrschrank schliesslich unterrichtete ihn darüber, dass man immer noch nicht wisse, wer die Tote sei. Ausrufezeichen. Das wäre Beni ohnehin klar gewesen. Diese Mitteilung war ihr einen Zettel und sogar ein Ausrufezeichen wert gewesen, woraus er folgerte, dass sie sich in das Thema verbissen hatte und nicht so schnell wieder loslassen würde. Beni seufzte erneut. Das konnte ja heiter werden.

Mit grossem Appetit schaufelte er Hörnli und Gehacktes mit Apfelmus in sich hinein, während er sich den Informationen auf seinem Smartphone widmete. Niemand wusste etwas Neues. Nicht einmal Gerüchte, die vielleicht Hand und Fuss hatten, machten die Runde. Allem Anschein nach hatte sogar niemand eine Vermutung, was sich bei der Brücke zugetragen haben und wer die Frau sein könnte.

Nachdem er das Geschirr in die Maschine geräumt hatte, streckte er sich ausgiebig. Bald würde er sich für drei Stunden aufs Ohr legen. Diesen Rhythmus hatte er sich angewöhnt, weil er es ihm erlaubte, trotz seiner ungewöhnlichen Arbeitszeiten weitgehend am sozialen Leben teilzunehmen. Abends ging er wie seine Kameraden aus. Er trieb Sport, traf sich mit Freunden, blieb so lange auf wie diese, obwohl sie einige Stunden länger schlafen konnten als er. Die verpasste Nachtruhe holte er nachmittags nach, dann schlief er jeweils tief und fest.

Vorher wollte er allerdings zum Kaffee ins «Weisse Kreuz». Am Montag assen dort immer die gleichen paar Kollegen, er gesellte sich jeweils nach dem Essen dazu. Dass er nicht auch mit ihnen ass, lag weniger an Annettas zugegebenermassen beachtlichen Kochkünsten. Vielmehr war es so, dass sein Verzicht auf eine der wöchentlichen Mahlzeiten einen herben Verlust auf ihrer Aktivseite bedeutet hätte. Das konnte er ihr nicht antun, fand Beni.

Im «Weissen Kreuz» traf er am gewohnten Tisch die gewohnten Kameraden an, und die Serviererin brachte ihm ungefragt den gewohnten Espresso. Einer fehlte, weil er auf der Jagd war. Einer grübelte wie immer mit einem Zahnstocher die Reste aus dem Gebiss, während er die Zeitung las. Zwei begrüssten Beni herzlich.

«Was gibt’s Neues?», fragte er in die Runde und hoffte, nicht mit endlosen Berichten über Jagderfolge eingedeckt zu werden.

«Der eine liest Zeitung, der andere redet noch weniger als üblich, was soll es da Neues geben?», maulte einer der Kameraden.

«Tom mag nicht reden?» Beni wandte sich dem Kollegen zu. «Ist etwas passiert?»

«Nein, alles gut», antwortete Tom.

«Sorgen mit dem Lastwagen?»

«Nein, alles in Ordnung mit dem Lastwagen.» Als er sah, dass Beni weiter fragen wollte, nahm er die Antwort vorweg. «Auch mit dem Strassenzustand, mit dem Chef, mit der Ware.»

Beni grinste. «Sorgen mit deinen Hunden?»

«Nein, alles in Ordnung mit den Hunden.»

«Bringst du ihnen immer noch das Apportieren von Cervelats bei, die du nachher selbst isst?», fragte der andere Gast leicht befremdet.

«Das kann nur einer, und beigebracht habe ich es ihm schon lange. Wir müssen es nur immer wieder üben.»

«Folglich hast du einen ordentlichen Cervelatkonsum», stellte Beni fest. «An deiner Stelle hätte ich ihm das Herantragen von Entrecôtes beigebracht.»

«Oder er könnte dir Zigaretten holen im Dorf», schlug einer vor. «Du schickst ihn mit dem Geld in den Laden, und die Verkäuferin gibt ihm eine Stange mit für dich.»

«Geht nicht, er ist noch nicht achtzehn», antwortete Tom. «Ausserdem ist das zurzeit zu gefährlich. Während der Jagd lasse ich die Hunde nicht aus den Augen. Es kommt immer wieder vor, dass ein Depp einen Hund mit einem Reh verwechselt.»

Nicht zur Jagd abschweifen, dachte Beni und wollte die Gefahr abwenden, doch der Zeitungsleser kam ihm zuvor.

«Eher verwechselt man deine Hunde mit Wölfen, und diese sind geschützt», stellte er fest.

Noch viel schlimmer, dachte Beni, bloss nicht auf die Wölfe zu sprechen kommen. Dieses Reizthema konnte eine Tischrunde stundenlang beschäftigen. Er verkniff sich die Bemerkung, dass der Schutz manchen Wolfsgegner unter den Jägern kaum am Schiessen hindern würde, und leitete einen Themawechsel ein. «Aus dem Haus Rosales wurden wertvolle Bilder abtransportiert. Was tut sich dort?»

«Keine Ahnung.» Tom zuckte die Achseln.

«Ich glaube, der Künstler und seine Frau sind nicht hier.» Er wandte sich Tom zu. «Sie reitet doch manchmal zu dir hinauf.»

«Ich habe sie seit einer Woche nicht gesehen.» Tom zeichnete mit dem Löffel Muster auf den Tisch. «Oder sogar länger.»

«Sie werden verreist sein», warf der Zeitungsleser ein und legte das Blatt weg. «Geld haben sie eh zum Versauen, Zeit auch, und arbeiten müssen sie ja nicht. An ihrer Stelle könntest du deinen Hund auf Tausendernoten abrichten», wandte er sich an Tom.

«Es gibt Zeiten, da arbeitet er fast Tag und Nacht», widersprach Beni. «Ich glaube, wenn es ihn packt mit seinen Steinen, kommt er kaum mehr aus der Werkstatt.»

«Das nenne ich nicht Arbeit», meinte der Leser abschätzig. «Und sie tut sowieso nichts, ausser schön auszusehen und ihre Gäule spazieren zu führen.»

Tom fuhr auf. «Du nimmst den Mund ganz schön voll. Kennst du sie denn? Du hast bestimmt noch nie ein Wort mit ihr gesprochen!»

«Nein, natürlich nicht», gab er bereitwillig zu. «Ich habe sie noch nie an einem Stammtisch angetroffen. Oder im Dorfladen. Oder auf der Post. Oder an einem Dorfanlass. Ausländer halt.»

«So ein Blödsinn!» Tom schüttelte den Kopf. «Es gibt auch Schamser, die man kaum im Dorf antrifft.»

Beni beeilte sich, die Wogen zu glätten. «Sollen sie doch zurückgezogen leben in ihrem grossen Haus. Solange sie dabei niemandem auf den Geist gehen, ist das ihre Sache.»

Der Zeitungsleser nickte. «Solange sie brav ihre Steuern zahlen und keinen Ärger machen, können sie sich in ihrer alten Hütte den Arsch abfrieren, mir soll’s recht sein.»

Tom runzelte die Stirn und schwieg.

Am nächsten Tag gerieten Frederik und Ursin schier aus dem Häuschen, als Daria ihnen in der Pause diskret ein Daumenhoch-Zeichen machte. Direkt nach der Schule standen sie aufgeregt bei ihr vor der Tür. Sie bedeutete ihnen unwirsch, gefälligst ruhig zu sein, und führte sie in den Keller, wo sie das Paket untergebracht hatte.

«Alles da!», rief Frederik. «Ursin, jetzt geht es los!»

Ursin hüpfte vor Begeisterung auf und ab.

«Moment!», bremste die Kameradin die beiden Jungen. «Erstens: Her mit dem Geld!»

«Das müssen wir erst holen. Wir bringen es morgen mit in die Schule», beteuerte Ursin. Frederik nickte eifrig.

«Zweitens: Woher kommt das Geld!»

Augenblicklich hörten die Buben auf zu strahlen und zu hüpfen. Sie drucksten eine Weile herum, bis Frederik aufbegehrte. «Das spielt keine Rolle, und das geht dich nichts an!»

«Oh doch», widersprach sie. «Wenn ihr es geklaut habt, hänge ich mit drin.»

«Wir haben es doch nicht geklaut!», rief Ursin entsetzt. «Ehrlich. Du musst keine Angst haben.»

«Angst?» Sie lachte verächtlich. «Ich habe keine Angst. Aber ich will sicher sein. Also: Woher kommt das Geld?»

«Wir haben es geschenkt bekommen.» Frederik nickte feierlich, um seine Aussage zu bekräftigen.

«Für wie blöd hältst du mich?» Daria schaute ihn streng an. «Wenn ihr es geschenkt bekommen hättet, würdet ihr mich nicht brauchen, um das Zeug zu kaufen.» Sie tippte ihm auf die Brust und wurde lauter: «Woher kommt das Geld?»

«Das sagen wir dir nicht.» Frederik verschränkte die Arme. «Nein, das sagen wir dir nicht.»

Wortlos packte sie das Paket und ging damit zur Tür.

«Moment», rief Ursin, «warte!»

Sie blieb mit dem Rücken zu ihnen stehen, die Türfalle in der Hand.

«Wir haben das Geld gefunden», erklärte Ursin.

«Gefunden», wiederholte sie ärgerlich und verdrehte die Augen.

«Es stimmt, wirklich», bekräftigte Frederik. «Es gehört niemandem. Es ist nicht geklaut.»

Nach und nach erzählten sie ihr von dem Rucksack, den sie aus dem Rhein gezogen hatten.

Stöhnend liess sich Daria auf einen Harass sinken. «Ihr steckt noch schlimmer im Schlamassel, als ich gedacht hätte.»

Frederik schaute sie verständnislos an. «Warum?», fragte er. «Ist doch kein Problem!»

«Überleg doch mal», wies sie ihn an. «Was war am Sonntag los?»

«Am Sonntag?» Die Buben schauten sich an. Bezüglich Wochentage und Zeitgefühl hatten sie beide noch Luft nach oben, wie sich Frederiks Vater auszudrücken pflegte.

«Am Sonntag!» rief Daria. «Was war am Sonntag los? Bei der Brücke? Was hat man beim Granitwerk aus dem Rhein gefischt?»

«Eine tote Frau», antwortete Ursin verdattert.

«Bravo», lobte sie ironisch. «Und was habt ihr beide ein paar Tage vorher aus dem Rhein gefischt?»

«Den Rucksack», sagte Ursin brav.

«Bravo», wiederholte sie. «Und wem gehört wohl dieser Rucksack?»

«Der toten Frau.»

«Bravo, ihr cucaloris!» Vom bemüht geduldigen Tonfall war nichts mehr übrig. «Er gehört der toten Frau, von der man immer noch nicht weiss, wer sie ist. Weil sie nichts bei sich hatte, keinen Ausweis, kein Geld, nichts. Und warum hat man nichts davon bei ihr gefunden? Weil ihr zwei die Sachen genommen habt!»

Ursin schluckte.

Frederik biss sich auf die Lippe.

Die Kameradin trommelte mit den Fingern auf das Paket.

«Wir werden ihn abgeben müssen», meinte Frederik leise.

«Wir werden das Paket zurückschicken müssen.» Ursin liess nicht erkennen, was für ihn schlimmer war.

«Wirklich?», fragte Daria kritisch.

Die Buben schauten sie fragend an.

«Das Porto ist teuer, und meine Provision schuldet ihr mir sowieso.»

«Deine Provision?», fragte Ursin entgeistert. «Aber wir können die Ausrüstung ja nicht behalten!»

«Aber ihr habt sie über mich bestellt und auch bekommen. Also müsst ihr mich bezahlen. Ist doch klar.»

«Aber wenn wir den Rucksack zurückgeben müssen, haben wir doch kein Geld!», rief Ursin verzweifelt.

Sie verdrehte die Augen. «Giavel, seid ihr schwer von Begriff. Weiss jemand, wie viel Geld im Portemonnaie war? Nein. Also nehmt ihr so viel heraus, wie ihr mir schuldet.»

Ursin schluckte wieder.

Frederik biss sich immer noch auf die Lippe. «Du hast recht», sagte er schliesslich. «Niemand weiss, wie viel Geld drin war. Also können wir genauso gut mehr herausnehmen, als wir dir schulden. Nämlich so viel, wie die Goldwaschrinne und die Waschpfanne kosten.» Triumphierend schaute er in die Runde.

«Aber …» Ursin musste nochmals Anlauf nehmen. «Aber das geht doch nicht!»

«Warum nicht?», fragte Daria. «Frederik hat recht.»

«Das geht doch nicht!», wiederholte Ursin. «Was sagen wir den Eltern, woher wir das Geld haben für die Goldwaschausrüstung?»

«Das haben wir doch besprochen», antwortete Frederik. «Jeder von uns sagt, der andere habe es geschenkt bekommen.»

Sie nickte. «Jetzt braucht ihr nur noch einen guten Grund, weshalb ihr den Rucksack erst jetzt herausrückt.»

«Müssen wir ihn wirklich herausrücken?», fragte Frederik. «Wir können ihn ja einfach von der Brücke in den Rhein werfen. So, als ob wir ihn nie gehabt hätten.»

«Das geht nicht», widersprach Daria. «Die Bullen haben das ganze Flussbett abgesucht, sie hätten ihn gefunden.»

«Wir können nur das Portemonnaie ins Flussbett legen, weiter unten im Rhein, wo sie nicht mehr so gut gesucht haben. So, dass sie es übersehen haben könnten.» Frederik begeisterte sich für seine Idee.

«Das geht auch nicht», erwiderte sie. «Stell dir vor, die Strömung nimmt das Portemonnaie mit. So klein wie es ist, wird es nie mehr gefunden.»

«Wir könnten es bei der Gemeinde in den Briefkasten werfen», schlug Ursin vor.

«Spinnst du?», fragte Frederik. «Wenn uns jemand sieht? Wenn man unsere Fingerabdrücke darauf findet?»

«Na, nun übertreib nicht», bremste ihn Daria. «Das Problem ist verzwickt, aber es gibt sicher eine Lösung.»

Die Buben zogen einen zweiten Harass heran und setzten sich darauf. Zu dritt heckten sie einen Plan aus, wie sie weiter vorgehen wollten.

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