Kitabı oku: «Konstruktive Rhetorik in Seminar, Hörsaal und online»

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utb 5550

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Dr. Jürg Häusermann ist emeritierter Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Er hat über vierzig Jahre Erfahrung in der Rhetorik-Ausbildung an Hochschulen, Fortbildungseinrichtungen und Medienanstalten.

Jürg Häusermann

Konstruktive Rhetorik in Seminar, Hörsaal und online

Sprache, Stimme, Körpersprache

und Medien gelassen einsetzen


Umschlagabbildung: © RapidEye · iStock

Autorenbild: © Hannah Barnekow

Illustrationen im Buch: Belege in den Endnoten, Strichzeichnungen © Jürg Häusermann, Tübingen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

1. Auflage 2021

© UVK Verlag 2021

– ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Internet: www.narr.de

eMail: info@narr.de

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

CPI books GmbH, Leck

utb-Nr. 5550

ISBN 978-3-8252-5550-3 (Print)

ISBN 978-3-8385-5550-8 (ePDF)

ISBN 978-3-8463-5550-3 (ePub)

Gender-Hinweis

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen zwischen der männlichen und der weiblichen Form abgewechselt.

Leserinnen und Leser sind gleichermaßen angesprochen.

für Bärbel

Inhalt

Vorwort | Keine Show!

1Reden vor Publikum: Was wird anders?

2Vom Monolog zum Dialog

3Die erste Herausforderung: der gemeinsame Raum

4Der Online-Vortrag ist eine Einladung

5Vertraue deiner Körpersprache!

6Körpersprache online: mehr als nur Blickkontakt

7Klar und lebendig durch Melodie und Rhythmus

8Neue Impulse beleben die Sprechweise

9Sprecherische Gestaltung: Regeln und Mikro-Tipps

10Wege zu einem verständlichen Stil

11Sag’s attraktiver!

12Der Aufbau unterstützt den Dialog

13Argumentation lädt zum Mitdenken ein

14Dialog durch Fragen und Antworten

15Das Interview als Alternative zum Vortrag

16Visualisieren und trotzdem präsent bleiben

17Medien und Requisiten beim Online-Vortrag

Anhang

Weiterführende Literatur

Endnoten

Personen und Stichwörter

Vorwort

Reden könnte so einfach sein. Reden ist eine alltägliche Tätigkeit, mit der wir das Leben meistern. Wir fragen „Wie geht’s?“, wir bestellen Kaffee, wir führen Selbstgespräche – und oft ist nicht viel Überlegung dabei. Aber wenn es gilt, sich vor eine Gruppe zu stellen und einen kurzen Vortrag zu halten oder über die Kamera des Computers Menschen zu erreichen, ist anscheinend alles anders.1 Viele empfinden das Reden zu einem Publikum als eine einsame Tätigkeit. Sie glauben, sie seien zu einem ununterbrochenen, kunstvollen Redefluss verpflichtet, zum perfekten Monolog. Das ist kein Wunder, denn die Idealbilder, die uns für das öffentliche Reden präsentiert werden, sind Bilder von Menschen, die sich vor einer Menschenmenge postiert haben und dieser eine brillante Performance bieten. Barack Obama, Winston Churchill, Helmut Schmidt, Hape Kerkeling, Charles de Gaulle, Martin Luther King: Redner (und es sind wirklich zum größten Teil Männer2), die einen geschliffenen Text sprechen können, den die Öffentlichkeit bewundernd abnickt und den man später in Sammelbänden abdruckt.

Solche Redner imitieren zu wollen, setzt unnötig hohe Hürden. Denn von Menschen, die einen Vortrag halten müssen, wird etwas anderes erwartet als von Schauspielerinnen oder politischen Führern. Sie müssen keine Rolle einstudieren und keine makellose Vorführung präsentieren. Sie müssen informieren. Sie haben etwas Eigenes mitzuteilen, und ihr Publikum ist an der Information interessierter als an der Form. Dafür taugt auch der populäre Volksredner von Cicero bis Obama nicht zum Vorbild, der einen ausgefeilten Text wiedergibt und den mit einer Erfahrung von Jahrzehnten des Redens und des Redetrainings zelebriert. Und es braucht nicht das Ideal der Rede, die angeblich mit der Macht des Wortes eine Menschenmenge zu manipulieren vermag.

Nein, dem nachzueifern, macht kaum Sinn, wenn man in einem normalen Beruf, im Studium oder in der Freizeit zu anderen reden soll. Wer bei einem Online-Seminar einen Vortrag hält, wer in der Kirche einen Bibelvers auslegt oder eine Gruppe von Kunden durch die Werkstatt führt, braucht nicht Tipps für den tadellosen Auftritt, sondern etwas viel Einfacheres: eine Anleitung dazu, mit den Menschen in den Dialog zu treten. Das bedeutet Gelassenheit statt Leistungsdruck, Persönlichkeit statt Perfektion, Verständigung statt Überredung.

Dieses Buch wendet sich an Menschen, die ihre Sache verständlich rüberbringen wollen – so, dass man ihnen motiviert zuhört und bereit ist, mitzudenken. Ausgangspunkt dafür ist die Schwelle, die offensichtlich da ist, die Schwelle vom ungezwungenen Reden im Alltag zum Reden vor Publikum.

Mit diesem Übergang vom nicht-öffentlichen zum öffentlichen Reden verändern sich die Rahmenbedingungen des Redens und es stellen sich besondere Anforderungen an das sprachliche, sprecherische und körpersprachliche Verhalten. Aber nur scheinbar ist es auch ein Übergang vom Dialog zum Monolog. Im Gegenteil: Das Ziel ist Verständigung, und diese gelingt am besten, wenn auch die öffentliche Rede möglichst viel Dialogisches enthält. Die Rednerin, der Redner, aber auch die Zuhörerinnen und Zuhörer profitieren davon. Wie auch im Alltag ist der Grundgedanke, dass das Ziel gemeinsam erreicht werden soll.

Das soll dieses Buch zeigen: dass Reden als Dialog aufgefasst und mit dialogischen Mitteln angegangen werden kann. Dies erleichtert nicht nur dem Redner oder der Rednerin die Aufgabe, sondern macht auch die Menschen im Publikum von passiven Empfängern der Botschaft zu Gesprächspartnern.

Voraussetzung ist, zu erkennen, wie sich nicht-öffentliches und öffentliches Reden unterscheiden und wie eine dialogische Haltung auch in die öffentliche Rede übernommen werden kann. Die Beispiele und Tipps beginnen beim Umgang mit dem Raum: mit der Überwindung der Distanz zum Publikum. Dies führt zu den Themen Körpersprache und Akustik. Darauf folgen die Kapitel, die zeigen, wie man die passenden Worte findet und mit klassischen und neuen Medien visualisiert.

Extras

Der Anhang enthält Vorschläge für die Gestaltung von Seminaren mit einer Reihe bewährter Übungen für das Reden vor Gruppen in Präsenz und online.

Dieses Buch ist entstanden, als die Corona-Pandemie viele von uns zwang, Präsenzveranstaltungen ins Netz zu übertragen. Es fußt auf Erfahrungen der Online-Rhetorik, wie sie sich mit den sozialen Medien und den Werkzeugen der digitalen Lehre entwickelt hat. Es nimmt aber auch – in überarbeiteter Form – Grundgedanken und bewährte Inhalte aus dem Buch Konstruktive Rhetorik von 2019 auf.

Die Regeln und Tipps richten sich an alle, die in irgendeiner Form mündlich informieren müssen, und natürlich auch an Lehrende, die das Halten von Vorträgen als Schlüsselkompetenz vermitteln. An sie wenden sich besonders auch die praxiserprobten Seminar- und Übungsvorschläge. Allen aber wünsche ich, dass ihnen die dialogische Ausrichtung des Buchs eine Hilfe ist und dass sie beim Lehren und Lernen auch den spielerischen Aspekt des Redetrainings entdecken.

1Reden vor Publikum: Was wird anders?

Luisa Neubauer, die Geografie-Studentin und Klimaschutz-Aktivistin, steht auf der Bühne. Am Rand des Berliner Invalidenparks spricht sie zu mehreren tausend Menschen, die sich zum internationalen Klimastreik versammelt haben. Sie steht aufrecht, während sie sagt: „Wir sind vernetzter als je zuvor, wir sind globaler als je zuvor, wir werden den Leuten so lange auf die Nerven gehen, bis sie begreifen, dass sie an der Reihe sind, was zu tun.“ Es sind klare, plakative Sätze, und einige davon hämmert sie den Zuhörenden richtiggehend ein: „Wir sind die Generation, die das schaffen kann!“ Jede der unterstrichenen Silben betont sie und dazu schlägt sie mit beiden Armen den Takt. „Wir sind diejenigen, die das schaffen müssen, und wir werden das schaffen.“3


1 | Die Rednerin auf der Bühne.

Die einprägsamen Formulierungen, die starken Betonungen, die rhythmischen Armbewegungen: das ist die „öffentliche“ Luisa. Sie formuliert mit fester Stimme klare Botschaften in kurzen, vollständigen Sätzen.

Eine Fernseh-Doku zeigt sie aber auch im Gespräch mit ihren Freunden. Man sieht sie bei der Planung einer Aktion, beim Diskutieren persönlicher Probleme oder beim Entspannen nach einem anstrengenden Tag. Da ist keine Bühne mehr; sie stehen nahe beieinander. Luisas Stimme klingt mal kräftiger, mal zurückhaltend. Sie braucht nicht immer vollständige Sätze zu machen und lässt sich auch unterbrechen oder fragt nach. Dazu steht, sitzt oder liegt sie, geht durch den Raum. Manchmal schaut sie aufs Handy, gelegentlich führt sie ihre Hände zum Mund oder stützt ihr Kinn auf, um nur zuzuhören.


2 | Gespräch unter Freunden: geringe Distanz.

Das sind zwei Bilder von ein und derselben jungen Frau, einmal bei der öffentlichen Rede vor Publikum und einmal im Gespräch mit Vertrauten. Ansprache im Kontrast zu Zwiesprache. Sie illustrieren die drastischen Unterschiede, die sich da ergeben können. Auch wenn das Ziel nicht in einer Kampfrede besteht, ist es dennoch wichtig zu wissen, unter welchen Bedingungen sich die öffentliche Rede entwickelt hat. Es hilft, zu erkennen, wie man mit diesen Vorgaben umgehen kann. Die nächsten Kapitel zeigen die wesentlichen Aspekte auf. Einige davon müssen respektiert werden, andere lassen sich durchaus ignorieren. Alle werden einfacher, wenn man sie mit einer dialogischen Haltung angeht.

Im Überblick sind dies die wichtigsten Merkmale öffentlicher Kommunikation:

»Drei Rollen: Die Beteiligten übernehmen unterschiedliche Aufgaben:

»eine Person trägt vor

»eine Gruppe hört zu

»ein Veranstalter schafft den Rahmen

»Mehr Raum: RednerIn und Publikum sitzen oder stehen einander in einer gewissen Entfernung gegenüber (Präsenzvortrag) – oder sie befinden sich in unterschiedlichen Räumen und sind durch ein elektronisches Medium verbunden (Online-Vortrag).

»Zeitliche Begrenzung: Wie lang eine Rede sein soll, ist von vornherein abgesprochen oder ergibt sich aus der Erfahrung.

»Einflüsse von Kultur und Gesellschaft: Für jeden Typ Rede gibt es Vorgaben, die von der Wahl des Ortes bis zur Kleidung gehen können.

»Redeziele und Redehandlungen: Eine Rede ist mit einem klaren Zweck verbunden, dem eine sprachliche Handlung zugeordnet werden kann.

»Planung: Jeder Rede geht eine längere oder kürzere inhaltliche und sprachliche Planung voraus.

»Sprache, Sprechen und Körpersprache ergeben sich als Produkt dieser Rahmenbedingungen.

Drei Rollen sind beteiligt: RednerIn, Publikum, Veranstalter

Die Dozentin und die Studierenden; der Vorgesetzte und die Mitarbeitenden; die Pfarrerin und die Gemeinde; der Influencer und die Follower usw.: Sobald eine öffentliche Rede angesagt ist, übernehmen die Beteiligten unterschiedliche Rollen. Die Rolle der Rednerin oder des Redners wird akzeptiert, weil die betreffende Person eine Kompetenz mitbringt, von der die anderen profitieren können, indem sie zuhören können. Das ist die grundlegende Spielregel der öffentlichen Rede.

Die Rednerin, der Redner

„Wenn einer spricht, müssen die andern zuhören – das ist deine Gelegenheit! Missbrauche sie.“4 Kurt Tucholskys Schlussworte zu seinen Ratschlägen für einen schlechten Redner sagen alles über die destruktive Wirkung der klassischen Rednerrolle. Sie stammen aus einer Zeit, in der der öffentliche Vortrag noch einen ganz anderen Stellenwert als heute hatte. Er war oft die direkte Begegnung mit einer Informationsquelle, zu der es keinen anderen Zugang gab. Man ging hin, um sich zu informieren oder überzeugen zu lassen, weil das der unmittelbarste Zugang zu kompetenten und aktuellen Informationen und Stellungnahmen war. Es gab keine Podcasts, keine YouTube-Kanäle, keine spezialisierten Fernsehangebote. Und das Radio, das noch keine zehn Jahre alt war, lieferte zu einem großen Teil genau dies: Vorträge von Fachleuten und Politikern.

Heute steht jeder Vortrag in Konkurrenz zu anderen aktuellen Medien. Das hat die Rolle nur wenig verändert, aber geblieben ist die Erwartung an eine kompetente Person, die sprechen wird. Gefragt ist ihre Sachkompetenz, aber auch ihre Perspektive: ihre Erfahrung als Fachperson, ihre Spezialität, die sie von anderen unterscheidet. Das ist Verpflichtung und Erleichterung zugleich. Es verpflichtet zu einer gut recherchierten inhaltlichen Darbietung. Und es erleichtert die Aufgabe, weil niemand im Saal das gewählte Thema besser kennt.

Die Rolle als Verpflichtung

Die Rolle der Rednerin oder des Redners ergibt sich aus der Kompetenz der vortragenden Person. Im Sachvortrag beruht sie auf Fachwissen und Erfahrung. Das sollte zum Selbstvertrauen beitragen. Das Privileg, als einzelner Mensch zu mehreren reden zu dürfen, verpflichtet aber auch zur inhaltlichen Sorgfalt.

Ausgeprägter als vor hundert Jahren ist die Erwartung an einen unmittelbaren Austausch während oder nach dem Vortrag. Bereitschaft zur Antwort auf Fragen und Improvisation sind die Regel. Auch digital übertragene Vorträge betonen dies durch eine Kommentar- oder Chat-Funktion. Der heutige Vortrag ist offen – und wenn das Medium dies nicht erlaubt, dann wird es wenigstens deklariert.

Das Publikum

„Warum halten eigentlich die meisten Menschen so gern Reden? – Wie ich glaube, deshalb, weil dies die einzige Art und Weise ist, in der sie sich die Illusion verschaffen können, dass ihnen die anderen zuhören. Sie hören natürlich nicht zu; wenn sie nur irgend können, dann verschaffen sie sich auf ihren Zuhörerplätzen Papier, Programme, ein Zettelchen, und dann ziehen sie mit ernster Miene einen Bleistift aus der Tasche und machen sich Notizen … Männerchen, Sternchen, Kreise und schraffierte Felder, und ein geschickter Seelenarzt kann aus diesen Malereien viel Aufschlussreiches herauslesen … Zuhören aber tun sie nicht.“5

Das ist das (weniger berühmte) Zitat Tucholskys über das Publikum. Darin spiegelt sich die klassische monologische Einstellung. Das Publikum sollte zuerst still zuhören und sich eventuell im Nachgang äußern. Dennoch war es auch damals nicht passiv. In jedem Fall wurde erwartet, dass es mitdachte, lernte, im besten Fall auch weiterdachte. Das kann durch einen guten Vortrag erreicht werden. Und wir werden in diesem Buch sehen: Je dialogischer der Ansatz ist, desto leichter wird es und desto aktiver wird die Rolle, die das Publikum übernimmt.

Das Publikum ist freiwillig da

Vom Publikum kann immer Interesse erwartet werden – im Idealfall sogar Wohlwollen. Beides lässt sich fördern, indem es wahrgenommen und auf Augenhöhe angesprochen wird.

Der Veranstalter

Eine weitere Rolle, die im Rhetorik-Unterricht oft übersehen wird, ist die des Veranstalters. Zwar spricht er nicht und spendet auch nicht Applaus; dennoch macht er seinen Einfluss geltend, sei es durch die Vorgabe eines Programms, sei es durch Kleidervorschriften oder auch durch Zensurmaßnahmen. In der digitalen Welt ist es zurzeit umstritten, wie stark der Einfluss des Eigentümers einer Plattform – etwa von Facebook oder Twitter – auf die präsentierten Inhalte sein soll. Die Tweets von US-Präsident Trump wurden zum Teil mit Kommentaren versehen („Diese Behauptung über Wählbetrug sind umstritten“), zum Teil gelöscht, bis gegen Ende seiner Amtszeit der gesamte private Account von @RealDonaldTrump aus dem Netz entfernt wurde. Aber im Zusammenhang mit Redebeiträgen sind auch andere Zensurmaßnahmen bekannt geworden. Dazu gehören Eingriffe der weltumspannende Vortragsfirma TED, die Bühnenprogramme mit Kurzvorträgen organisiert, die später im Internet Millionen von Klicks generieren. Dabei müssen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an einen ganzen Katalog von Vorschriften halten. Wenn sie es nicht tun, werden sie mitunter damit gestraft, dass ihre Vorträge auf der TED-Plattform nicht weiter zu sehen sind.

So ging es im Jahr 2012 dem Unternehmer und Investor Nick Hanauer. Selbst Milliardär, wandte er sich gegen die Steuervorteile, die Unternehmen und reiche Mitbürger in den USA genießen. Zwar werde behauptet, dass sie die so erzielten Einsparungen für neue Arbeitsplätze nutzten. Aber Hanauer stritt dies vehement ab: „Reiche Leute wie ich schaffen keine Arbeitsplätze; Arbeitsplätze sind die Folge einer Rückkopplung von Kunden und Unternehmen.“ Hanauer brüskierte die Reichen und Superreichen, die schon viel zum Erfolg von TED beigetragen hatten. Das fand man dort nicht witzig, sondern man beschloss, das Video von Hanauers Rede nicht zu veröffentlichen. Die Begründung: Die Leistung sei „mittelmäßig“ gewesen, das anwesende Publikum habe gemischte Reaktionen gezeigt, und mit der politischen Botschaft könnten sich viele Geschäftsleute angegriffen fühlen.6

Mitspieler Nummer 3, der Veranstalter, hatte zugeschlagen. In seiner Macht steht es, den Rednern eine Plattform zur Verfügung zu stellen oder auch zu entziehen. Er hat auch die Macht, für den Inhalt der Reden in seinem Einflussbereich eigene Regeln zu formulieren. Für die TED-Vorträge existiert eine Liste, die angibt, welche Inhalte zulässig sind und welche nicht. Dies geht so weit, dass Behauptungen, die sich „außerhalb orthodoxen wissenschaftlichen Denkens“7 bewegen, der Zensur unterworfen werden.8 Aber auch für die Sprache gibt es Regeln. So ist zum Beispiel „unpräzises New-Age-Vokabular“ verboten.9 Es ist leicht denkbar, dass es da Rednerinnen und Redner schwer haben, die eine radikale politische oder philosophische Position vertreten.10

Im Fall von Hanauer kam es bald zu einem Kräftemessen zwischen TED und dem Redner, der immerhin finanzkräftige Partner hinter sich wusste. Er wehrte sich erfolgreich. TED gab klein bei, lud später Hanauer sogar erneut ein, um ihn dann sehr schmeichelhaft auf der TED-Website zu präsentieren.11

Der Einfluss des Veranstalters

»Platzierung der Rede im Programm (im Kontrast mit anderen Reden)

»Regeln zur Form, von der Kleidung bis zum sprachlichen Ausdruck

»Festlegung inhaltlicher Grenzen

»Entscheidung über die Weiterverbreitung (Kontakt zur Presse, Internetauftritt, Aufnahme in Publikationen)

Die Regeln des Veranstalters müssen nicht, wie bei TED, schriftlich festgelegt12 sein; andernorts hält man sich mehr oder weniger unbewusst an traditionelle Formen. Wie der Pfarrer bei der Taufe spricht (in welcher Kleidung, welchen Worten, an welchem Platz in der Kirche, mit welchen Gesten usw.), ist in der Liturgie des Gottesdienstes festgeschrieben. Was im Parlament möglich ist und was nicht, schreibt die Geschäftsordnung vor. Aber auch wenn Jugendliche einen Debattierclub gründen, stellen sie ad hoc Regeln auf, die nicht sehr von den überlieferten Gebräuchen abweichen, obwohl sie es in der Hand hätten, völlig neuartige Formen auszuprobieren.

Ein autoritärer Rahmen

Alle diese Formen der Einflussnahme lassen einen wichtigen Grundton des Redens in der Öffentlichkeit erkennen: Es geschieht in einem Kontext der Autorität. Der Rollenunterschied zwischen Redner und Zuhörern fügt sich in ein Machtgefälle ein, in dem gewöhnlich der Veranstalter das Sagen hat. Wenn die Rednerin sich den Vorgaben des Veranstalters fügt, profitiert sie von dessen Macht. Wenn sie aber (wie Hanauer) Thesen vertritt, die den Interessen des Veranstalters widersprechen, oder formale Vorgaben unterläuft (wie es gelegentlich bei Oscar-Verleihungen zu beobachten ist), nimmt sie einen Machtkampf auf, den sie auch verlieren kann. Auf der anderen Seite ist der Erfolg von Reden oft gerade darauf zurückzuführen, dass der Redner oder die Rednerin in Maßen auf Distanz zum Veranstalter geht, mit dessen Regeln kokettiert oder sie explizit missachtet.

Die Regeln können auch unterlaufen werden

Ein Beispiel für den spielerischen Umgang mit den Regeln des Veranstalters: Bei der Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag zum 25 Jahre zuvor erfolgten Fall der Mauer war Wolf Biermann eingeladen, ein Lied zu singen.

Er nutzte die Gelegenheit zu einer gesprochenen Einleitung über sein Verhältnis zu der Partei Die Linke, wurde vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert mit einem humorvollen Verweis auf die Geschäftsordnung unterbrochen, die ihm das verbiete, was er wiederum konterte: „Das Reden habe ich mir in der DDR nicht abgewöhnt und werde das hier schon gar nicht tun.“13

Zu berücksichtigen bleibt, dass institutionelle Vorgaben auch etwas Gutes haben. Auch wenn sie in vielen Fällen lächerlich oder veraltet wirken, erleichtern sie auch die Kommunikation. Sie unterstreichen die Funktion der betreffenden Person und verleihen ihr damit mehr Autorität. Zur rhetorischen Praxis gehört es, sich zu überlegen, inwieweit es möglich ist, von den Normen des Veranstalters zu profitieren, aber auch von ihnen abzuweichen, um nicht nur als Vertreter einer abstrakten Instanz, sondern auch als Individuum in den Dialog mit dem Publikum zu treten.

Der Raum der Begegnung wird wichtig

Weil sich eine einzelne Person an eine Gruppe von Menschen wendet, wird ein größerer Raum benötigt als im privaten Gespräch. Das bedeutet fast in jedem Fall, dass Redner und Publikum einige Meter Abstand brauchen. Die Innenarchitektur betont dies noch: Eine Rednertribüne, ein Lehrerpult oder eine Bühne sorgen für die Sicht- und Hörbarkeit. Stühle, Bänke, Sitzreihen richten die Zuhörenden auf die wichtigste Person im Raum aus. Viele Gebäudetypen sind im Hinblick auf öffentliche Reden geschaffen worden: Parlamentsgebäude, Gerichtssäle, Kirchen, Schulzimmer. Sie bestimmen, wo der Redner steht und wo die Zuhörer sitzen: Es gibt das Podium, die Kanzel, das Katheder. Diese Wörter allein lassen an bestimmte Arten des Redens denken: Podiumsredner, Kanzelwort, Kathederweisheit …

Aber auch in informellen Situationen ist es weithin üblich, dass die Rednerin sich vom Sitz erhebt und die Menschen, die sie hören sollen, im Stehen anspricht, auch wenn diese selbst sitzen. Indem sie aufsteht und einen besonderen Standort einnimmt, setzt sie ein Zeichen. Sie erhöht aber auch die Verständlichkeit und zeigt Respekt für die um sie Versammelten. Wer sitzen bleibt, gilt schnell als unhöflich, auch wenn es als Zeichen der Bescheidenheit oder der Originalität gemeint ist.

Einfluss auf die Sprechweise

Die Distanz zwischen Redner und Publikum beeinflusst die Art, wie mit der Stimme umgegangen wird. In hohen und weiten Räumen entsteht ein starker Hall – ein Effekt, der beim nicht-öffentlichen Gespräch in kurzer Distanz kaum eine Rolle spielt. Das führt zu mehr und längeren Pausen, die gebraucht werden, um die Stimme verhallen zu lassen. Deshalb hat sich eine redetypische Sprechweise entwickelt, mit gleichförmigem Rhythmus und vielen Betonungen. Man hat den Extremfall dieser Sprechweise von Festreden im Ohr. Ansätze dazu lassen sich auch in vielen Online-Vorträgen erkennen. Zwar würde das Mikrofon eine zurückhaltendere Sprechweise erlauben; aber das Bewusstsein für die öffentliche Situation beeinflusst dennoch mehr oder weniger stark die Art und Weise des Sprechens in der Online-Situation.

Einfluss auf die Körpersprache

Dass der Raum sich weitet, beeinflusst auch die Körpersprache. Vieles, was Rednerinnen und Redner intuitiv tun – wie sie sich bewegen, wie sie dastehen, welche Gesten sie ausführen –, ist durch die Distanz zum Publikum zu erklären, die zur traditionellen öffentlichen Rede gehört, auch wenn diese in vielen Fällen längst aufgehoben ist.

Honoré Daumier hat dies illustriert, als er Mitte des 19. Jahrhunderts Anwälte karikierte. Es war die französische Juli-Monarchie, eine Zeit der Skandale und sozialen Missstände. In der Serie Les gens de justice zeichnete er zwei Advokaten, die sich noch auf ihren Auftritt vorbereiten. Der eine ordnet seine Halsbinde, der andere schlüpft gerade in den Talar. Die Art ihres Gesprächs ist aus diesen privaten Handlungen, aus der Mimik, aber auch schon allein aus der Nähe der beiden Figuren erkenntlich. Sie werden gleich gegnerische Parteien vertreten; aber eigentlich sind sie Kumpel und vertrauen sich an, was sie wirklich von der Sache denken.


3 | Honoré Daumier: zwei Anwälte vor ihrem Auftritt in kollegialem Gespräch.14


4 | Honoré Daumier: der Anwalt beim Plädoyer.15

Ein anderes Bild zeigt die beiden in der Hitze des rhetorischen Gefechts. Dem plädierenden Anwalt ist anzusehen, dass er zu einem ganzen Saal spricht. Man ahnt die große Lautstärke, auch die Gestik ist für die Wirkung im Raum ausgelegt. Mit seiner Körperhaltung, leicht nach hinten gedehnt, vergrößert er sogar noch die Distanz zum gegnerischen Anwalt, der den indignierten Kollegen spielt.

Auch das Verhalten des Publikums wird durch die räumliche Einrichtung geleitet. Die Menschen werden auf eigens angeordnete Sitze verwiesen. Das gibt die Blickrichtung vor und fördert damit die Aufmerksamkeit. Es schränkt aber auch ihre Beweglichkeit ein. Zwischen anderen Zuhörern eingepfercht, ist man zu einer ruhigen, wenn nicht gar starren Haltung gezwungen. In einem gewissen Sinn isoliert die räumliche Anordnung den Redner; sie verstärkt den Eindruck der Distanz zwischen ihm und dem Publikum.

Der Einfluss des Raums

»größere Distanz des Redners zum Publikum

»reduzierte Bewegungsmöglichkeiten des Publikums

»vereinfachte, auf Deutlichkeit ausgerichtete Körpersprache

»lautes, gleichförmiges Sprechen

Rhetorik: Die Lehre vom Reden in der Öffentlichkeit

Rhetorik ist in diesem Sinne die Lehre vom Reden in der Öffentlichkeit: vom Reden, wenn der Raum sich weitet und die Rollen in Redner und Publikum aufgeteilt sind. Man sieht und hört es einem Menschen an, wenn er seine private Redeweise verlässt und – je nach Typ – doziert oder referiert oder predigt. Er begibt sich auf Distanz, nimmt eine neue Rolle an und verhält sich nach anderen Normen.

Wer redet, schafft zwar nicht in jedem Fall Öffentlichkeit im soziologischen Sinne.16 Aber die Gemeinschaft mit dem Publikum im erweiterten Raum macht die Inhalte der Rede für andere zugänglich und schafft die Möglichkeit, dass die Inhalte der Rede weitergetragen werden und über die Anwesenden hinauswirken. Sie werden das Gehörte weiterverbreiten, in der Familie, in anderen sozialen Gruppen. Öffentlich zu reden, bedeutet, in einem größeren Raum zu reden, im konkreten wie im übertragenen Sinne.

Die in diesem Buch verwendete Rhetorik-Definition „Lehre vom Reden in der Öffentlichkeit“ schränkt den Begriff stark ein im Vergleich zum Anspruch, den die akademische Rhetoriktheorie seit Jahrhunderten erhebt. Denn diese aus dem Altertum entwickelte Wissenschaft hatte immer mehr im Sinn, als nur eine Kommunikationslehre zu sein. Sie bezog immer Aspekte der Philosophie, Psychologie und Sprachwissenschaft ein. Diese wurden später von eigenen Disziplinen (z.B.: Linguistik, Psychologie, Kommunikationswissenschaft) übernommen. Einige davon sind direkt aus der Rhetorik entwickelt worden, andere zumindest können ihre Verwandtschaft nicht leugnen.

Deshalb umfasst der heutige praktische Rhetorikunterricht nur noch einen kleinen Teil des klassischen Lehrgebäudes. Das hat aber durchaus seinen Sinn, eben weil es moderne Fächer gibt, die sie entlasten, weil sie Inhalte erforschen, die früher zur Rhetorik gehörten.

Moderne Erben der klassischen Rhetorik

»Linguistik

»Literaturwissenschaft

»Psychologie

»Jurisprudenz

»Theaterwissenschaft

»Medienwissenschaft

Dennoch ist das in diesem Buch verwendete Verständnis von Rhetorik – als Lehre vom Reden in der Öffentlichkeit – eine bewusste Einschränkung. Es beruht auf der Beobachtung des Besonderen am Reden zu einer Gruppe von Menschen im Vergleich zum Reden mit Menschen in einem informellen Rahmen.17

Dass diese Lehre trotz ihrer klaren Einschränkung immer noch Rhetorik genannt werden soll, hat zwei Gründe.18 Der eine liegt in der Tradition des Sprachgebrauchs: Im deutschen Sprachraum hat Rhetorik sich als Bezeichnung für alle Formen des praktischen Redetrainings eingebürgert. Unzählige Angebote führen den Begriff im Titel, auch wenn sie keinen Zusammenhang zur wissenschaftlichen Rhetorik erkennen lassen. Deshalb sollte ein Buch wie dieses, das den Bezug zur Wissenschaft beibehält, den Begriff nicht über Bord werfen.

Der zweite Grund hat mit der Perspektive der Rhetorik zu tun, die sich von derjenigen anderer Wissenschaften der Kommunikation unterscheidet. Auch wenn uns bewusst bleibt, dass das Publikum ebenso entscheidend ist wie die Rednerfigur, richtet sich die Botschaft der Rhetorik in erster Linie an die Rednerin bzw. den Redner. Auch wenn es eine Lehre des dialogischen, konstruktiven Redens ist, werden wir immer wieder auf die Rednerperspektive zurückkommen, weil es der Redner bzw. die Rednerin ist, an die sich die Ausbildung richtet.19

Die Zeit ist begrenzt

Im privaten Rahmen ergibt es sich meist von selbst, wie lang ein Gespräch dauert. Die öffentliche Rede dagegen ist von Zeitvorgaben geprägt. Unterrichtsstunden von der Grundschule bis zur Universität haben ihren festen Zeitrahmen; bei Radio- oder Fernsehsendungen ist die Dauer das Erste, was vorbestimmt ist. Und sogar bei freien Formen, wie sie Podcasts und Video-Blogs ermöglichen, ist eine Beschränkung der Länge meist selbstverständlich. Die zeitliche Begrenzung führt dazu, dass sich viele Rednerinnen und Redner verhalten, als ob sie unter Zeitdruck stünden. Sie nehmen ohne Not eine gehetzte Sprech- und Präsentationsweise an, wie wenn sie Angst hätten, gleich unterbrochen zu werden.

Da ist der Mediziner, der zum Thema „Psychiatrische Störungen“ reden soll. Die Studierenden sind schon da, sie warten in einem großen Hörsaal mit nach hinten ansteigenden Sitzreihen. Die ersten Sitzreihen haben sie typischerweise leergelassen. Der Dozent ist noch nicht zu sehen. Sie blicken auf eine weiße Leinwand, die hinter dem Lehrerpult aufgespannt ist. Einige Minuten nach der vereinbarten Zeit eilt der Dozent in weit ausholenden Schritten durch den Raum auf das Pult zu.20 Als er die Mitte des Raums erreicht, spricht er, ohne anzuhalten, den ersten Satz: „So!“

Da er noch mitten im Lauf ist, sagt er es geradeaus, mit Blick in Richtung Seitenwand. Beim nächsten Schritt sagt er: „Etwas zu spät!“ Bei „spät“ wendet er den Kopf kurz nach links, wo die Studierenden sitzen, allerdings ohne abzubremsen. Er braucht drei weitere Schritte, um sich von einem Tablar eine Fernbedienung zu greifen. Mit dieser dreht er sich um, sagt „äh“ und macht drei kurze Schritte zurück. Dabei studiert er kurz die Fernbedienung und tippt mit dem Finger darauf herum (was auf der Leinwand keinen Effekt erzeugt). Als er hinter dem Pult angekommen ist, sagt er, noch immer zur Fernbedienung: „Schönen guten Tag!“

Erst bei „Tag” blickt der Dozent ins Publikum. Danach wird er sich vorstellen, und dann wird die Vorlesung wirklich beginnen. Er wird zwar versuchen, seine Zuhörer mit seinem Thema zu fesseln. Mit dieser kurzen Einleitung hat er aber weder für sie noch für sich selbst eine gute Vorlage geschaffen. Denn in diesen ersten zehn Sekunden hat er so viele Dinge getan, dass er sich und die anderen überfordert:

»Er betritt den Raum.

»Er durchschreitet den Raum.

»Er nimmt kurz Blickkontakt mit den Zuhörerinnen auf.

»Er ergreift die Fernbedienung (mit einem weiteren Blick ins Publikum).

»Er blickt auf die Fernbedienung, bedient sie.

»Jetzt nimmt er erst seine endgültige Redeposition ein.

»Und er sagt drei Dinge:

»Er spricht die Verspätung an („etwas zu spät“) – eventuell in der Meinung, dies werde als Entschuldigung verstanden.

»Er überbrückt eine Pause (Äh).

»Er sagt guten Tag.21

All dies ist in einer schwungvollen Bewegung von der Tür bis zum Dozentenpult erfolgt und hat sieben Sekunden gedauert. Für die Veranstaltung stehen 45 Minuten zur Verfügung. Es gibt keinen Grund zur Eile. Ein derart gehetzter Anfang ist nicht notwendig, und dennoch ist er typisch für diese Art Vortrag, gerade an Hochschulen und anderen Lehranstalten: Die Dozentinnen und Dozenten lassen sich keine Zeit. Sie spurten in den Hörsaal, fangen an, bevor sie richtig angekommen sind, und tun immer mehrere Dinge gleichzeitig. Sie überfordern damit sich und ihr Publikum. Und verpassen die besten Möglichkeiten, mit den Zuhörern in Kontakt zu kommen.

Der Grund ist die scheinbar harmlose Rahmenbedingung, ohne die öffentliches Reden nicht auskommt: die Zeitabsprache. Sie führt in vielen Fällen zu einer unnötigen Hast. „Fasse dich kurz!“ ist eine Maxime, die sich durch sehr viele Bereiche des Lebens zieht, und viele Rednerinnen und Redner orientieren sich sogar dann daran, wenn ihnen genügend Zeit gegeben ist.

Der Einfluss der Zeit

»Zeitmanagement durch den Redner (im Gegensatz zum gemeinsamen Zeitmanagement im privaten Dialog)

»Tendenz zu vorzeitigem Beginn

»Tendenz zu hoher Sprechgeschwindigkeit

»gleichzeitiges Ausführen verschiedener Handlungen (z.B. Sprechen und Bedienung technischer Geräte

Auffällig ist dabei die Tendenz, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Wer sich dem Publikum vorstellen will und gleichzeitig seine Brille zurechtrückt, in sein Manuskript schaut und dabei sagt: „Mein Name ist …“, verpasst die Chance, Kontakt aufzunehmen, vom Publikum als Gesprächspartner wahrgenommen zu werden – und auch das Publikum selbst wahrzunehmen.

Reden heißt Zeit haben. Nicht dass man sich auf eine bestimmte Dauer geeinigt hat, sollte die Leitlinie sein, sondern dass man frei ist, sie mit so viel oder so wenig Dingen zu füllen, wie es sinnvoll ist – sinnvoll für die Konzentration des Redners, für die Aufnahmefähigkeit des Publikums und für ihre Interaktion.

Kultur und Gesellschaft reden mit

Wer zu einer öffentlichen Rede ansetzt, übernimmt eine Rolle, die zu einer gewissen Tradition gehört und entsprechende Erwartungen weckt. Ob diese erfüllt oder missachtet werden sollen, ist eine Sache des Abwägens von Fall zu Fall.

Antoine de Saint-Exupéry berichtet in seiner Geschichte vom Kleinen Prinzen über die Entdeckung des Planeten, von dem er stammt. Ein türkischer Astronom habe ihn als erster erspäht. Als dieser aber seine Entdeckung beim internationalen Astronomenkongress bekannt machte, habe ihm niemand geglaubt, „und zwar ganz einfach seines Anzuges wegen“.


5 | Antoine de Saint-Exupéry: der Astronom in traditioneller Kleidung.

Es dauerte elf Jahre, bis die wissenschaftliche Community den Mann ernst nahm. Dazwischen lagen die Gesellschaftsreformen unter Atatürk, und als der Astronom seinen Vortrag wiederholte, trug er einen Anzug nach westlicher Mode. „Und diesmal gaben sie ihm alle recht“22, stellt der Erzähler fest.


6 | Antoine de Saint-Exupéry: der Astronom elf Jahre später.

Die Geschichte erinnert daran, dass Verhaltensnormen sich von Kultur zu Kultur unterscheiden – und dass diese auch für Voraussetzungen des öffentlichen Redens, seine Organisation und seine Funktion gilt. Die Vertreter einer vermeintlich überlegenen Kultur verlangten die Unterwerfung unter ihre Normen, um den Redner überhaupt als solchen anzuerkennen.

Zudem ist das Reden in der Öffentlichkeit seit jeher dazu da, traditionelle kulturelle Güter zu zelebrieren. Reden werden gehalten, um Jubilare zu ehren, um Begräbnissen einen würdigen Rahmen zu geben oder auch um an einem politischen Feiertag ein Zeichen zu setzen. Nicht was gesagt wird, sondern dass etwas gesagt wird, ist wichtig. Ohne gesprochene Formeln bei Gründungsakten, Taufen oder Ernennungen könnte die betreffende Handlung gar nicht durchgeführt werden. Aber in vielen Fällen werden Äußerlichkeiten, Form und Gehabe, wichtiger genommen als der Inhalt. Dies ist in der öffentlichen Rede ständig präsent. Umso wichtiger ist es für den Einzelnen oder die Einzelne, sich vom sozialen Druck, der daraus entsteht, so weit möglich zu emanzipieren und nur diejenigen Rahmenbedingungen zu akzeptieren, ohne man nicht auskommt. Es geht also darum, sich mit den Erwartungen der Umgebung so weit zu arrangieren, dass die Verständigung klappt, aber die eigene Selbstachtung gewahrt bleibt.

Eine männliche Tradition

In diesen Komplex gehört auch, dass die gängigsten Ideale des öffentlichen Redens Ideale männlichen Verhaltens sind. Das Reden in der Öffentlichkeit galt seit jeher generell als Männerdomäne. Die antike Rhetorik demonstriert dies sehr gut. Die ideale Rednerpersönlichkeit war der vir bonus, der rechtschaffene Mann, der als Jurist, Politiker oder Künstler in der Öffentlichkeit stand. Frauen, die sich in der Antike poetisch oder politisch im männlich definierten öffentlichen Raum äußerten, wurden von männlicher wie weiblicher Seite gleichermaßen kritisch beäugt und ihr Einfluss und Respekt wurden „in der Regel unterminiert.“23 Noch im 20. Jahrhundert wurde der erfolgreiche Redner mit dem triumphierenden Krieger gleichgesetzt. Konrad Lienert, Verfasser einer „Einführung in die Redekunst“, die es vor gut hundert Jahren zu sieben Auflagen brachte, setzte dem Buch mit dem Titel Der moderne Redner noch ohne Bedenken die folgenden Zeilen voran:

Das war ein Mann! Sein Schwert hat er geschwungen, Das Schwert des Wortes, männlich, kühn und scharf, Und Jauchzen schallte, wenn dies Schwert erklungen, Wenn es zu Boden jeden Gegner warf.24

Da ist alles drin, was zur Verherrlichung der Macht des Wortes gehört, und nicht nur der Führer des Schwertes ist ein Mann, sondern auch das Schwert selbst, das jeden Gegner niederschlägt, ist männlich. Die kriegerische Vorstellung, dass öffentliches Reden ein Kampf sei, in dem das stärkere Argument obsiegt, passt zu einer Welt, in der die Männer für Sieg und Niederlage zuständig sind, die Frauen dagegen für den Ausgleich und das Zusammenkehren der Scherben.

Nun hat sich zur Zeit des besagten türkischen Astronomen in Europa einiges getan. Die Frauenbewegung kämpfte für die Gleichberechtigung, Politikerinnen wie Rosa Luxemburg und Clara Zetkin verschafften sich damals trotz Anfeindungen Gehör. Und es ist zwar ein Topos der praktischen Rhetorik-Literatur, dass „Frauen den Beziehungsaspekt in ihrer Rede in den Vordergrund stellen und einen partnerschaftlichen, kooperativen und integrativen Redestil pflegen“, Männer dagegen angeblich einen Stil der Auseinandersetzung und der Sachlichkeit bevorzugen.25 Es existieren moderne Rhetorikratgeber für Frauen, die ein Redeverständnis vertreten, „das nicht auf der Unterscheidung von Sieg und Niederlage basiert, sondern das Raum für ein Nebeneinander von souveränen Subjekten lässt.“26 Doch dies hat bisher in der öffentlichen Rede weder zu einem erkennbaren weiblichen Stil noch zu einem Umdenken männlicher Redner geführt. Und viele Normen sind männliche Normen geblieben.

Für die Ziele dieses Buchs ist es zunächst wichtig, einfach festzuhalten, dass zu den traditionellen Rahmenbedingungen des öffentlichen Redens Faktoren gehören, die sich aus institutioneller, politischer und geschlechtsbezogener Macht ergeben. Der rednerische Auftritt in einem Rahmen über Jahrhunderte entwickelter Machtinstrumente ist nicht möglich, ohne dass eine Rednerin auf diese zurückgreift. Aber es ist in vielen Fällen möglich, auf Kommunikationsweisen zu verzichten, die nur dem Machterhalt und nicht der Sache dienen, und alternative Formen der Auseinandersetzung zu finden.27 Hilfreich ist es dabei, die Funktion der einzelnen Rede nicht zu überschätzen, sondern sie als einen von vielen Kommunikationsprozessen in einem größeren Ganzen zu sehen. Nicht nur der einzelne Auftritt ist entscheidend, sondern die Gesamtheit der Arbeitsschritte, auch die, die ihm vorangegangen sind und folgen werden.

Der Einfluss gesellschaftlicher und kultureller Normen

[1]Anwendung von Praktiken der eigenen Gruppe/Kultur auf andere

[2]Verwechslung rednerischer Fähigkeiten mit persönlichen Qualitäten

[3]Betonung ritueller Funktionen von Reden

[4]Vorgabe „männlich“ besetzter Rede-Ideale

Eine Rede hat ein Handlungsziel

Ein Gespräch im Alltag dient oft verschiedenen Zwecken. Das Ziel ist Verhandlungssache, und manchmal einigt man sich erst in seinem Verlauf, worauf man hinauswill – z.B. eine Beziehung zu klären oder einen Beschluss zu fassen. Zur öffentlichen Rede hingegen gehört, dass sie einem eindeutigen Ziel untergeordnet ist. Es ist von vornherein festgelegt, was die Rednerin oder der Redner tun wird: zum Beispiel neutral informieren (wie bei einer Nachrichtensendung oder einer Durchsage am Bahnhof), zu praktischer Tätigkeit anleiten (wie bei einer sportlichen Trainingseinheit oder einer naturwissenschaftlichen Übung) oder Texte auslegen (wie im juristischen Vortrag oder in der Predigt). Die Redetypen sind verschieden; das Ziel ist aber immer klar definiert:

»Unterhaltung

»Aufklärung

»Anleitung

»Befehl

»Anklage

»Verteidigung

»Verkündigung

»Begrüßung

»Nachruf usw.

Dass die Rede jeweils einem Hauptziel verpflichtet ist, ist die Voraussetzung dafür, dass sich Redner und Publikum zu einer gemeinsamen Veranstaltung finden. Im Verlauf der Rede sind zwar auch Nebenziele möglich. So kann ein informativer Vortrag über Klimaveränderung durchaus auch werbenden Charakter haben, eine unterhaltende Erzählung kann auch eine weltanschauliche Botschaft enthalten usw. Aber sie ordnen sich dem Hauptziel unter. Dennoch ist es für die praktische Rhetorik wichtig, auch eine kleinteiligere Handlungsstruktur zu erkennen, die die Rede in einzelne Schritte aufteilt. Ein längerer Vortrag zerfällt zum Beispiel in Thesen und Argumente, denen Hintergrundinformationen vorausgeschickt werden. Zwischendurch werden Hauptaussagen mit Beispielen illustriert, Fragen werden gestellt, Zusammenfassungen formuliert usw. Wir werden sehen, dass es für die attraktive Gestaltung einer Rede wichtig ist, dass man sich dieser Handlungsformen bewusst ist, dass man weiß: Jetzt stelle ich eine These auf – jetzt erzähle ich eine kurze Geschichte – jetzt unterbreche ich die Darstellung mit einer Frage usw.

Handlungsziele der Rede

Jede Rede hat ein Hauptziel, das als Handlung verstanden werden kann: Informieren, Unterhalten, Überzeugen, Auffordern usw. Die Rede ist weiter aufgeteilt in Teilhandlungen: Ankündigen, Behaupten, Begründen, Illustrieren, Zusammenfassen usw.

Typisch für die öffentliche Rede ist, dass die jeweiligen Handlungsformen von der Rednerin oder vom Redner bestimmt werden. Aber je dialogischer die Rede gehalten wird, desto eher können sich alle Gesprächspartner daran beteiligen. In einer abwechslungsreich gestalteten Schulstunde zum Beispiel erarbeiten die Schülerinnen und Schüler einleuchtende Beispiele. In der Präsentation eines neuen Produkts sind Fragen der Kundinnen oft informativer als die Behauptungen des Verkäufers. In einem Live-Streaming sind die Chat-Beiträge mindestens so wichtig wie die eigentliche Präsentation. Deshalb ist es sinnvoll, auch den Handlungsaspekt der öffentlichen Rede nicht einseitig aus dem Blickwinkel des Redners zu sehen. Die Vorstellung, dass Publikum und Organisatoren an der Ausrichtung der Rede mitbeteiligt sind, nimmt viel Gewicht von den Schultern der hauptverantwortlichen Person. Wenn Redner und Publikum auf Augenhöhe sind, sich unter dem Zeichen der Gleichberechtigung finden, ist die Gliederung in Teilhandlungen auch eine Gliederung in Rede und Gegenrede.

Planung gehört immer dazu

Viele Gespräche im Alltag entstehen spontan und laufen ohne eine geplante Struktur ab. Wenn es dabei drunter und drüber geht, liegt oft gerade darin ihr Reiz. Eine Rede für die Öffentlichkeit dagegen hat in der Regel eine längere Entstehungsgeschichte. Sie geschieht oft in Zusammenarbeit mit anderen, mit Rückgriff auf frühere Reden und Texte als Quellen. Im Prinzip aber handelt es sich um vorbereitete Reden – um Wortmeldungen, denen eine gewisse Zeit der Überlegung vorausgegangen ist.

Zur Erinnerung an Martin Luther King gehört die berühmte Rede, die er am 28. August 1963 am Ende des großen Marsches auf Washington vor dem Lincoln Memorial hielt. Im Film, der das dokumentiert, wirkt er vor der riesigen Menschenmenge wie in Trance. I have a dream, sagt er in der Mitte der Rede und hebt an zu der berühmten Passage, einer Vision von einem Amerika der Einheit und Gleichberechtigung. Aber dies ist weder eine spontane Eingebung noch eine einsame Tat. Hinter ihm auf dem Podium sitzt die Sängerin Mahalia Jackson. Er ist mitten in seinem vorbereiteten Text, als sie ihm zuruft: „Erzähl ihm vom Traum, Martin!“28

Da schiebt King sein Manuskript beiseite und spricht die unsterblichen Worte:

„Heute, meine Freunde, sage ich euch: Auch wenn wir uns den Schwierigkeiten des heutigen und morgigen Tags stellen, habe ich immer noch einen Traum. Es ist ein Traum, der tief im Amerikanischen Traum wurzelt. Ich träume davon, dass eines Tages diese Nation aufsteht und die wahre Bedeutung ihres Bekenntnisses erleben wird: ‚Wir erachten diese Wahrheiten als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich erschaffen worden sind.‘ “

Und dann erweitert er sein Bekenntnis mit drei Bildern, die diese Sehnsucht illustrieren:

„Ich träume davon, dass sich eines Tages, auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne einstiger Sklaven und die Söhne einstiger Sklavenhalter zusammensetzen können am Tisch der Bruderschaft.

Ich träume davon, dass eines Tages sogar der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze des Unrechts schmort, in der Hitze der Unterdrückung schmort, sich wandelt zu einer Oase der Freiheit und Gerechtigkeit.

Ich träume davon, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt, sondern nach dem Gehalt ihres Charakters.“ 29

So spontan King diese unsterbliche Passage einbaute, so wenig improvisiert war sie. Derart wohlgesetzte Worte können nicht einer plötzlichen Eingebung entspringen. King konnte auf ein Repertoire zurückgreifen, das er im Lauf der Zeit aufgebaut hatte. Bei mehreren früheren Ansprachen hatte er ähnliche Passagen verwendet. Als Mahalia Jackson rief: „Erzähl ihm vom Traum“, meinte sie genau das. Vielleicht wäre er auch selbst darauf gekommen. Aber auf jeden Fall nahm er die Anregung bereitwillig auf. Eine Mischung zwischen vorformulierten Passagen und spontaner Kreativität machten die Rede zu einem authentischen Produkt.

Eine Rede zu planen, heißt …

»das Redeziel bestimmen

»das Zielpublikum kennen

»Hauptaussagen notieren

»den Aufbau der Rede skizzieren

»Notieren der Möglichkeiten, mit dem Publikum zu interagieren

Recherche ist die wichtigste Aufgabe

Reden entstehen geplant. Und eine gute Rede basiert nicht nur auf solchen einzelnen vorbereiteten Formulierungen, sondern auf intensiver Beschäftigung mit dem Stoff. Ebenso wie das Sammeln gehört auch das Verwerfen von Material dazu. Auch das ist essenziell. Es führt dazu, dass man mehr weiß, als man schließlich vor Publikum sagt, und das ist eine Grundlage für das sichere Reden.

Noch heute orientiert sich die Rhetorik an den Schritten, die im klassischen Altertum galten, an den so genannten Produktionsstadien. Man nannte meist fünf, und sie werden immer noch mit ihren lateinischen Namen bezeichnet:30

»Inventio (das Auffinden des Stoffs, der Informationen, die seine Botschaft erhellen und stützen)

»Dispositio (die Anordnung der einzelnen Aussagen so, dass die Rede einen überzeugenden Aufbau erhält)

»Elocutio (die sprachliche Gestaltung der Rede)

»Memoria (das gedankliche Durchgehen und Sich-Einprägen der Rede)

»Actio (der Auftritt, mit der sprecherischen und körpersprachlichen Präsentation der Rede)31

Vier dieser fünf Produktionsstadien betreffen die Planung und Vorbereitung. Dabei sticht die Inventio als inhaltliche Grundlage noch heute heraus, weil sie das garantiert, womit man als Vortragender am überzeugendsten auftritt: inhaltliche Kompetenz. Wir nennen es heute Recherche, und sie ist eine Schlüsselqualifikation in sehr vielen Berufen; wenn es darum geht, einen Text zu verfassen (oder eben auch eine gesprochene Rede), kommt man ohne sie nicht aus. Für die öffentliche Rede ist sie ein wichtiges Merkmal, das sie vom alltäglichen Gespräch unterscheidet. Unsicherheit über einen Sachverhalt gehört zur privaten Konversation. „Lass uns das mal nachschlagen/googeln/erfragen.“ ist eine gängige Aufforderung, mit der man gemeinsam Informationen ergänzt, um danach weiter diskutieren zu können.

Dass man vorbereitet vor ein Publikum tritt, entspricht auch den Erwartungen an eine Rednerin oder einen Redner: Als Einzelperson zu einer Gruppe zu sprechen, ist ein Privileg. Weil man etwas zu sagen hat, lohnt es sich für andere Menschen, zuzuhören und damit das eigene Wissen zu ergänzen oder in Frage zu stellen. Die Rednerin ist Expertin. Expertin zu sein, bedeutet aber in dem meisten Fällen nicht einfach, aus dem erworbenen Wissen zu schöpfen, sondern recherchieren zu können. Auf keinem Gebiet ist es ratsam, einen alten Vortrag aus der Schublade zu ziehen und ihn so zu halten, wie es vor ein paar Jahren, Monaten oder auch Tagen passend war. Man greift zwar auf Früheres zurück, reagiert aber auch auf Aktuelles. Das eine gibt Sicherheit, das andere ermöglicht den Kontakt mit dem Publikum.

Vorbereitung kann einengen oder Sicherheit bringen

Eine gute Vorbereitung birgt immer die Gefahr, dass man sich zu eng an einem Konzept orientiert. Die Rede kann in Sprache und Tempo zu starr wirken. Gute Vorbereitung kann aber auch als Chance gesehen werden, von ihr abzuweichen, so dass die Rede lebendig wirkt – dank spontaner Ergänzungen, Tempoveränderungen, Reaktionen auf Einwände. Je besser dabei die Vorbereitung, desto leichter ist es, den eingeschlagenen Weg zu verlassen und ihn bei Bedarf wieder aufzunehmen.

Die Rede als Produkt dieser Rahmenbedingungen

Alle genannten Bedingungen der öffentlichen Rede haben die traditionelle Art, sich vor Publikum auszudrücken, beeinflusst, und zwar im Negativen wie im Positiven.

Dass man sich vor einer Gruppe in einem größeren Raum findet, beeinflusst die Bedeutung der Stimme wie auch der Körperhaltung und -bewegung. Das kann einengen, aber auch eine gewisse Sicherheit geben. Die zeitliche Begrenzung führt oft zu einem erhöhten Sprechtempo und zu einem Aufbau, der im Vergleich zum Gespräch knapper strukturiert ist. Trotzdem kann der Zeitdruck auch zu einer kompakteren Darstellung zwingen. Die kulturellen und sozialen Normen betreffen viele Rahmenbedingungen, von Äußerlichkeiten der Kleidung und des Auftretens bis zu sprachlichen Formulierungen. Die Ausrichtung auf ein Redeziel hat dazu geführt, dass es verschiedene Gattungen von Reden gibt, für die sich ihrerseits wieder Gewohnheiten und Regeln entwickelt haben. Sich daran zu halten (etwa an die Struktur einer Grabrede), kann zwar Mühe bereiten, aber es kann einem auch einen hilfreichen Rahmen geben. Die inhaltliche Planung führt manchmal zu einer Sprache, die sich nur schwer von schriftlichen Vorbildern löst, hilft aber beim Aufbau und der Klarheit der Botschaft. Insgesamt aber darf nicht vergessen werden, dass jede Rede – ob sie sich an konventionelle Vorgaben hält oder konstruktiv und dialogisch verstanden wird – das Produkt dreier Kräfte ist. Die Rednerin oder der Redner steht zwar im Vordergrund und trägt einen großen Teil der Verantwortung; aber das Publikum beteiligt sich in jedem Fall mit und kann dem Ereignis einen unerwarteten Verlauf geben. Und im Hintergrund übt immer die veranstaltende Institution ihren Einfluss aus und gestaltet die Rede mit.

2Vom Monolog zum Dialog

Es gibt klassische Vorstellungen davon, was eine gute Rede ist. Viele davon sind aber für den Sachvortrag eher hinderlich. Sie stellen Anforderungen, die schwer zu erfüllen sind, und verhindern eine Begegnung auf Augenhöhe mit dem Publikum. Im Dialog sind wir nicht nur authentischer, sondern erzielen auch bessere Resultate, weil wir gemeinsam vorgehen. Deshalb lautet die Empfehlung: Nutze die Stärken des Dialogs, auch wenn du einen Vortrag hältst.

Das gilt zugegebenermaßen nicht für die, deren Ziel es ist, auf einer Demo die Massen aufzupeitschen. Es gilt auch nicht für die, die in den großen Festzelten Wählerstimmen zusammentrommeln oder auf Instagram Kunden für die neueste Duschgel-Duftnote begeistern wollen. Es gilt aber für alle jene, deren Hauptziel es ist, andere zu informieren: Fachleute, die einen Vortrag über ihr Fachgebiet halten, Studierende, von denen man ein Seminar-Referat erwartet, Dozentinnen, Instruktoren, Fremdenführer und viele andere, für die das Reden nicht Berufung ist, denen es aber auch nicht erspart bleibt. Man erwartet von ihnen keine schauspielerischen Leistungen. Man erwartet, dass sie authentisch bleiben.

Wenn man zum Reden abgerichtet wird

Zugegeben: das braucht auch andere Arten des Rhetoriktrainings, als was viele Coaches und Beratungsfirmen anbieten, die angeblich lehren, wie ein Einzelner das Publikum „begeistert und bewegt“,32„bei Laune hält“33 oder „anrührt oder erschüttert“,34 so dass „eine motivierende Welle der Begeisterung durch das Publikum schwappt und alle mitreißt“.35 Sie machen glauben, man könne Menschen nach einem simplen Schema zum Reden abrichten.

Da sitzen dann die Leute vor ihrem Trainer und lernen, wie man „Glaubhaftigkeit“ und „Schubkraft“ erlangt. Der Trainer hat nämlich „Menschen beobachtet, die bis zu tausend Prozent überzeugt sind von dem, was sie sagen.“ Und diese haben, so fährt er fort, „ein natürliches sprechtechnisches Verhalten.“ Deshalb sollen jetzt alle mal aufstehen und es dem Trainer nachmachen:

Der Zauber liegt in Ihrer rechten Hand: Nehmen Sie Ihren rechten Unterarm nach vorne, waagrecht, machen eine Art O – und jetzt kommt’s: Sie – takten – Ihre – Botschaft!36

Und die Gruppe tut, wie ihr gesagt wurde: Die Leute heben den Arm und sprechen den vorgegebenen Satz. Jede Phrase begleiten sie mit einem Schlag des Arms, lassen eine kurze Pause folgen, dann die nächste Phrase mit der gleichen

Geste und so weiter. Auf diese Weise übernehmen die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer angeblich die Überzeugungskraft großer Redner. Denn: „Menschen, die bis zu tausend Prozent überzeugt sind von dem, was sie sagen, die machen Folgendes: Die dehnen die Botschaft rhythmisch auseinander.“ Der Trainer verspricht: „Wenn Sie dieses Verhalten erkennen und auf egal welche Botschaft übertragen, dann erreichen Sie dieselbe Glaubhaftigkeit und dieselbe Schubkraft!“

Dieser Unsinn kann auf YouTube bewundert werden. Er kam dort bisher auf knapp 900.000 Aufrufe.37 Was da nicht gesagt wird: dass diese Art des Redens lächerlich wirkt, wenn sie der eigenen Persönlichkeit widerspricht. Und die Frage, die nicht beantwortet wird: ob es denn erstrebenswert ist, dass jede beliebige Botschaft ungeahnte „Glaubhaftigkeit und Schubkraft“ erfährt.

Mitdenken statt Eintrichtern

Wer von einem Publikum träumt, das sich auf diese Weise beeinflussen lässt, träumt von einer Schafherde. Es ist das Publikum aus grauer Vorzeit, als man die Zuhörer mit Befehlsempfängern verwechselte. Oder den Worten des großen Trainers: „Arbeit im Hirn des Zuhörers ist Widerstand … Widerstand gegen Sie und Ihr Anliegen.“ Aber Widerstand bricht man nicht mit aufgesetzten Verhaltensweisen.

So klang die Botschaft des Rhetorik-Trainers

Führen Sie / in Ihrer Verwaltung / Lean Management ein; / fünfzig Prozent / Ihrer Konflikte / sind verschwunden.

Das sind sechs Phrasen, sechs Betonungen, dazwischen fünf Pausen. Dazu sagt die konstruktive Rhetorik: Vergiss solche Regeln, die von jedem Kontext losgelöst sind. Erzähle stattdessen ruhig, was Lean Management ist – aus deiner Kompetenz heraus und verständlich. Und wenn du zur Empfehlung kommst, dies auch einzuführen, wird es automatisch passend klingen. Denn alle haben mitgedacht und brauchen keine künstlichen Gesten und Betonungen.

Wenn Zuhören wirklich Widerstand wäre, würde jeder Auftritt zum Kampf, und nicht mal dann wären die wirksamsten Waffen solche plakativen Werkzeuge aus der Mottenkiste des Laienschauspielers. Vielleicht funktionieren sie noch für Politikerinnen und Politiker, die ihre Wahlkampfreden halten, bei denen sowieso nur ihre eigenen Schäfchen zuhören. Wer aber in erster Linie informieren will und seine Zuhörerinnen und Zuhörer nicht als Gegner sieht, sondern als mitdenkende Individuen, wird auf derartige Mätzchen verzichten und sich sagen: Es geht mir nicht darum, den Leuten „egal welche Botschaft“ einzutrichtern, sondern darum, meine Inhalte verständlich und attraktiv einem intelligenten Publikum mitzuteilen, das bereit ist, zuzuhören, mitzudenken und das Gesagte auch kritisch zu hinterfragen.

Wer dazu bereit ist, kann die klassischen Anleitungen zum Monolog vergessen. Wer dazu bereit ist, wird mehr erreichen und es auch leichter haben, wenn er die Redeaufgabe als Dialog versteht.

Das Publikum ernst nehmen

Wie sieht denn die Alternative aus? Der erste Tipp für einen erfolgreichen Vortrag, bei dem das Publikum mitgeht, lautet: Nimm die Leute wahr, die dir zuhören sollen! Nimm sie ernst. Nimm dir deshalb Zeit, sie anzusehen, bevor du sprichst. Und statt deine Phrasen zu skandieren, sprich sie so aus, dass man mitdenken kann. Das ist das Gegenteil von Eintrichtern, das Gegenteil des „Auseinanderdehnens“ einer auswendig gelernten Botschaft. Es ist die Koordination von Denken und Sprechen. Da besteht ein Satz nicht aus sechs betonten Phrasen, sondern nur das, was im Satz neu ist, erhält die Hauptbetonung; der Rest unterstützt es, weil sich Melodie und Rhythmus dem unterordnen. Und den Unterarm kann man getrost vergessen.

Grundgedanke: das Verständnis für den Austausch

Konstruktive Rhetorik verrät nicht faule Tricks, sondern fördert das Verständnis für den Austausch: Entwickle deine Gedanken so, dass die Leute mitdenken können. Das gelingt dir, wenn du mit ihnen in Kontakt bist. Die Voraussetzung dazu:

»Nimm das Publikum wahr.

»Formuliere die Gedanken frei anhand von Stichworten, so dass du während des Redens auch selber mitdenkst.

»Nutze Pausen – nicht weil sie magische Kräfte haben, sondern weil du in den Pausen siehst, wie das Gesagte ankommt und erkennst, was vom Publikum zurückkommt.

Informationen bringen mehr als Überredungskünste

Klassische Rhetoriktrainings gehen vom Monolog aus, vom Reden gegen andere. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Überzeugungsrede. Eine Sache wird vertreten und muss gegen andere verteidigt werden. Das ist natürlich in vielen Reden enthalten, aber meistens nicht das Hauptziel – weder in Vorträgen oder Vorlesungen noch in Instruktionsvideos, Berichten oder Reportagen. Hier geht es primär darum, Leuten, die etwas Neues erfahren wollen, dieses neue Wissen zu vermitteln und sie anzuleiten, wie sie es weiter vertiefen können. In vielen Fällen ist dies auch die Haupttätigkeit von Verkäufern, Journalistinnen oder Unternehmenssprechern. Es ist nicht ein Reden gegen andere, sondern ein Reden für andere und mit anderen. Auch wenn die Zuhörer eine Stunde lang stumm bleiben, können sie aktiviert werden, denn sie wollen lernen, unterhalten werden, selbst weiterdenken. Eine konstruktive, dialogische Einstellung nimmt diese Bereitschaft zur Mitarbeit auf.

Gespräch – Vortrag – Online-Präsentation: Drei Beispiele

Welches sind die Stärken des Dialogs und welche davon können in die Präsentation – vor Publikum oder online – übernommen werden? Das ist leicht zu erkennen, wenn man eine Person bei den verschiedenen Aufgaben beobachtet: beim Gespräch, beim Vortrag und bei der Online-Präsentation.

Da ist die erfolgreiche Unternehmensberaterin Olivia Grau.38 Sie hat Managerinnen namhafter Firmen betreut und Weltklassesportler zum Erfolg geführt. Ihre Stärke ist die Motivation einzelner Menschen im persönlichen Kontakt. Wer sie zum privaten Gespräch trifft, erkennt ihre besondere Ausstrahlung, sie wirkt sympathisch und zugewandt. Wer sie im Vortrag hört, spürt bereits eine gewisse Distanz. Und in der Online-Präsentation in ihren Videos hat sie fast alle ihre sympathischen Züge verloren. Die folgenden Abschnitte beschreiben diese Unterschiede und zeigen, wo die Stärken liegen, auf denen sie auch im Vortrag aufbauen kann.

1. Das konstruktive Gespräch

Olivias Stärken werden in der persönlichen Begegnung mit ihren Kunden offenbar. Sie lässt sie erzählen, stellt Fragen, ergänzt das Gehörte mit ihren eigenen Erfahrungen und leitet daraus die Ratschläge für Praxis und Training ab. Dogmen und Regeln stehen nicht am Anfang, sondern folgen erst da, wo sich der Gesprächspartner geöffnet hat. Zwar sind die Rollen klar verteilt, aber es ist ein konstruktives Gespräch unter Gleichberechtigten.

»Raum: gemeinsame Nutzung. Die Trainerin und ihr Gesprächspartner finden ihren Platz gemeinsam. Wie weit sie voneinander entfernt sitzen oder stehen, pendelt sich ein.

»Zeit: gemeinsames Management. Zwar ist die Dauer einer gemeinsamen Sitzung vorher abgesprochen; aber wer wie lange spricht oder schweigt, ergibt sich aus der Dynamik des Gesprächs. Stellt einer eine Frage, bleibt dem anderen Zeit, sie zu verstehen und erst dann zu antworten.

»Zielsetzung: flexibel. Obwohl die Aufgabenteilung klar ist – die eine ist Trainerin, der andere Kunde –, verfügen beide über das gleiche Spektrum an Handlungen. Beide fragen, antworten, stellen Thesen auf, widersprechen usw. Der Schwerpunkt liegt nicht auf Überredung, sondern auf Verständigung.

»Sprachliche Gestaltung: locker. Die sprachliche Formulierung ergibt sich ohne viel Überlegen. Und wenn einem ein Wort nicht gleich einfällt, hilft der andere aus. Wenn etwas unverständlich bleibt, wird wiederholt oder neu formuliert.

»Sprechweise: problemlos. Die Lautstärke, das Tempo, die Betonungen ergeben sich von selbst. Verlangsamung und Pausen entstehen, weil das Gegenüber signalisiert, ob es der Rede folgen kann.

»Körpersprache: organisch. Blickkontakt und Gestik sind kein Problem, weil man sich wohlfühlt und so verhalten kann, wie es einem im Moment entspricht. Ob jemand mit dem Kopf nickt oder mit dem Fuß scharrt, wird im Gespräch direkt aufgenommen. Es gibt keine falsche Mimik oder Gestik.

»Medieneinsatz: dialogisch. Es gibt Dinge, die man sich auf dem Tablet zeigt; Informationen müssen ad hoc im Internet gesucht werden. Das stört das Gespräch nicht, weil man gemeinsam auf das Gerät blickt und es wieder weglegt, wenn es seine Aufgabe getan hat.

2. Der Vortrag vor Publikum

Die Trainerin ist als Rednerin zu einer Veranstaltung eingeladen, zu der sich 250 motivierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingeschrieben haben, die etwas über ihr Motivationstraining lernen möchten. „Du bist der Schlüssel zu deinem Erfolg “ wird ihre Botschaft sein, und da sie von vielen erfolgreichen Kundinnen und Kunden berichten kann, wird niemand ihre Kompetenz anzweifeln. Aber man spürt auch, dass etwas fehlt. Sie wirkt unpersönlicher, kühler. Ihre Stimme klingt eher eintönig, einige Effekte, die sie sich gut überlegt hat, verpuffen im Saal. Sie bezeichnet das Reden vor Publikum als „Performance“, und das ist auch zu spüren: Sie wirkt, als ob sie unter Erfolgsdruck stünde, als ob es nur um Siegen oder Scheitern ginge.

»Raum: suboptimale Einrichtung: Im Seminarraum ist Platz für 250 Personen. Die Rednerin hat eine sechs Meter breite und drei Meter tiefe Bühne zur Verfügung, die sie mit einem großen Bildschirm teilt. Quer zur Bühne verlaufen die Tische, an denen das Publikum sitzt. Ein großer Teil der Leute sitzt mit dem Rücken zur Bühne, sie müssen sich also umdrehen, um etwas zu sehen.

»Zeit: ohne Beteiligung des Publikums: Die Rednerin spricht zwar nicht besonders schnell, sie macht immer wieder kurze Pausen. Aber diese dienen nicht dazu, das Publikum einzubeziehen. Wenn sie z.B. Fragen stellt, lässt sie diese nicht wirken. So stellt sie in der Einstiegsphase gleich mehrere Fragen:

„Wie sehen Sie sich selbst? Wie sehen Sie Ihr Umfeld? Wie schätzen Sie Ihre Ausgangschancen ein? Welche Bilder steigen in Ihnen auf, wenn Sie an Ihre letzte große Aufgabe denken?“

Niemand kann so viele Fragen verdauen, ohne dafür Zeit zu haben. Zwar sollen sich die Anwesenden nicht sich laut dazu äußern. Aber Fragen bleiben Fragen. Sie lösen eine Antwort aus und benötigen dazu etwas Zeit. Olivia gibt ihnen jeweils nicht einmal eine Sekunde, um die Frage zu verstehen und für sich zu beantworten.

»Zielsetzung: unbeirrtes Festhalten. Mehrere Male wird deutlich, dass die Rednerin ein Programm hat, das sie ohne Rückversicherung beim Publikum durchziehen will. Ein besonders drastisches Beispiel: Kurz vor Schluss will sie ein Buch verschenken und fragt: „Wer von Ihnen hätte gerne dieses Buch?“ – Niemand reagiert. Sie macht eine Pause, muss nochmals fragen. Erst nach qualvollen 15 Sekunden meldet sich jemand und kommt zur Bühne, um es in Empfang zu nehmen. – Sie hat sich während des Vortrags nicht die Zeit genommen, die Reaktionsbereitschaft der Anwesenden zu testen (etwa mit ernst gemeinten Fragen, bei denen erkennbar würde, wie weit das Publikum zu gehen bereit ist). Sie hätte erkannt, ob die Bereitschaft mitzumachen da ist, oder ob sie auf die Geste verzichten sollte.

»Sprachliche Gestaltung: verständlich, aber ohne Verknüpfungen. Der Vortrag ist von seiner Sprache her durchaus verständlich: einfache Sätze, keine unbekannten Ausdrücke. Aber viele Effekte verpuffen. Sie sind nicht eingebettet. Dies hängt mit dem Fehlen moderierender Übergänge zusammen: Einleitungen und Verknüpfungen fehlen; viele Aussagen stehen isoliert da und lassen den Zusammenhang vermissen.

»Sprechweise: monoton. Alle Aussagesätze enden melodisch gleich, Fragesätze sind akustisch fast nicht als solche zu erkennen. Wenn sie sich nicht als plakative Verkünderin, sondern als Gesprächspartnerin sähe (und die Fragen, die sie immer wieder stellt, würden das ermöglichen), ergäbe sich automatisch eine größere melodische Bandbreite.

»Körpersprache: unstet. Der Blickkontakt gelingt; sie sieht ins Publikum, und zwar mal hierhin, mal dorthin. Aber sie steht unsicher da. Sie hat ihr Gewicht mal auf dem linken, mal auf dem rechten Bein. Bei der dauernden Gewichtsverlagerung kommt sie nie recht zur Ruhe. In der rechten Hand hält sie eine Fernbedienung, die linke hebt sie, um eine Aussage zu betonen. Das unterstreicht die Einförmigkeit der Sprechweise.

»Medieneinsatz: zu viel. Die Rednerin muss ihre Aufmerksamkeit mit dem Bildschirm teilen, auf dem zur Illustration Bilder, Grafiken und Texte aufleuchten. Oft bleiben diese stehen, während der Vortrag weitergeht. Manchmal unterstützt die Visualisierung, was sie sagt, oft aber wird sie zu Konkurrenz.

3. Der Online-Auftritt

Olivia geht mit ihrer Botschaft auch online. Sie hat ihren eigenen YouTube-Kanal und lädt fast jede Woche ein neues Video hoch. Sie ist sich im Online-Vortrag ihrer Sache zwar ebenso sicher wie im direkten Gespräch. Aber die Ausstrahlung ist weg. Die Lebendigkeit, die im Gespräch noch da war und im Vortrag hin und wieder durchblitzte, ist einer Monotonie gewichen, die das Zuhören mühsam macht.

»Raum: nicht genutzt. Sie hätte volle Freiheit in der Wahl des Ortes ihrer Rede, der Beleuchtung, des Hintergrundes, aber sie wählt die engen Verhältnisse an einem Pult, dicht hinter ihr steht das Bücherregal mit Fachliteratur. Das ergibt ein zweidimensionales Bild ohne Tiefe.

»Zeit: unstrukturiert: Der Vortrag plätschert vor sich hin. Zwar kann man sich im Video die Dauer anzeigen lassen; aber da nicht erkennbar ist, was man zu erwarten hat, kommt keine Spannung auf. Und in diesem Fall wird man von A bis Z von einem gleichmäßigen Redefluss ohne klare Gliederung eingeschläfert.

»Zielsetzung: unklar. Natürlich kann die Rednerin bei der Aufnahme ihr Publikum nicht sehen. Aber es ist immer möglich, es als mitdenkenden Partner anzusprechen. Stattdessen entsteht eine Predigt ohne klaren Anfang und mit guten Ratschlägen, die aber in dem unstrukturierten Wortfluss verschenkt sind.

»Sprachliche Gestaltung: ohne roten Faden. Sie fängt gleich an zu erzählen, allerdings ohne zu verraten, wohin die Reise gehen wird. Und ähnlich wie beim Präsenzvortrag stellt sie unvermittelt Fragen – zu viele Fragen –, auf die es schwierig ist, zu reagieren. Die Sprache ist einfach, aber es fehlen Verknüpfungen: in der Online-Präsentation ist das besonders problematisch, weil niemand da ist, der die Stirne runzelt oder Rückfragen stellt.

»Sprechweise: noch mehr Monotonie. Die Variation im Tempo und Rhythmus, die Pausensetzung, die beim Präsenzvortrag noch für etwas Abwechslung gesorgt haben, sind weiter reduziert. Der Tonfall ist gleichförmig, man bekommt den Eindruck einer unendlichen Folge von Sätzen. Man kann zu einem beliebigen Zeitpunkt aussteigen, ohne fürchten zu müssen, etwas verpasst zu haben.

»Körpersprache: keine Bewegung. Von Olivia ist nur ein Ausschnitt zu sehen: von den Schultern bis zum Haaransatz. Zwar blickt sie zum größten Teil direkt in die Kamera, simuliert also Blickkontakt mit dem User, ist aber so nah, dass sie ihm auf die Pelle rückt und eine vertraute Nähe nicht entstehen kann.

»Medieneinsatz: unkommentiert. Sie verzichtet auf die Unterstützung durch visuelle Hilfsmittel. Aber gegen den Schluss taucht kommentarlos als Insert der Umschlag ihres Lehrbuchs auf. Während sie weiterspricht, hat man zehn Sekunden Zeit, sich den Titel zu merken, dann ist die Werbeeinlage vorbei. Ähnlich wie schon im Präsenzvortrag ist es eher mediale Konkurrenz als mediale Unterstützung.

Wie kommt Dialog in den Vortrag?

Aber wie kann jetzt die Rednerin „Dialog“ in ihre Vorträge bringen? – Nicht, indem sie sich sagt: „Alles hängt von mir ab.“ Sondern indem sie Verantwortung abgibt. Weil sie die Hauptperson ist, glaubt sie, für alles zuständig zu sein. Wenn jemand nichts mitbekommt, ist es vermeintlich ihre Schuld. Ihr Idealbild ist der Tausendsassa, der riesige Säle füllt und die Leute bis zum Schluss in Atem hält. Sie scheint vergessen zu haben, dass sie es auch anders kann. Im Gespräch ist ihr ja bewusst, dass sie ein gutes Resultat nur mit dem Gesprächspartner zusammen erreicht. Sie muss ihn zwar ins Boot holen; aber da soll er mitrudern. Er ist mitverantwortlich dafür, dass er von der Begegnung profitiert.

Dies ist auch in der öffentlichen Rede so. Diese Einstellung lässt sich in den Vortrag übernehmen. Keine Redner-Rolle ist so starr vorgegeben, dass sie sich nicht elastisch gestalten ließe, indem das Publikum wahrgenommen und so weit als möglich beteiligt wird.

»Raum: den Raum erlebbar machen: Ein Seminarraum lässt sich zwar nicht beliebig gestalten, besonders wenn man als Gastrednerin zu einer Veranstaltung eingeladen ist und sich ans Rahmenprogramm anpassen muss. Aber einen Versuch ist es immer wert. Toll wäre es, wenn alle Beteiligten einander mühelos sehen könnten. In diesem Fall hat das veranstaltende Unternehmen (spezialisiert auf Seminare und Konferenzen) Tischreihen aufgestellt, weil den BesucherInnen Kaffee und Mineralwasser serviert wird. Die erste Option – die Bestuhlung zu verändern – ist damit hinfällig. Die einzige Möglichkeit ist, die eigene Position als Rednerin zu verbessern. Ihr erster Gedanke: Ich beginne meinen Vortrag nicht auf der Bühne, sondern am Saaleingang. Ich beginne zu reden, und die Teilnehmerinnen – irritiert, weil sie mich nicht sehen – müssen sich alle mir zuwenden. Das kann funktionieren, unter zwei Bedingungen: genügend Zeit einsetzen und sich sprachlich über die Situation verständigen.

»Zeit: Sich und den anderen Zeit lassen. In einer ungewohnten Sitzordnung müssen sich die Teilnehmenden zuerst zurechtfinden. Und hier, wo die Rednerin sie aus einer überraschenden Perspektive anspricht (was eine gute Idee sein kann), bedeutet Timing: Lass den Leuten genügend Zeit, sich umzusehen, dich zu finden und ihre Überraschung zu genießen. Erst dann kannst du zum nächsten Schritt gelangen und dich mit ihnen darüber verständigen, was das Ganze soll. Das geht am leichtesten, indem du kommentierst, was gerade geschieht. Und das tut die Rednerin auch. Sie beginnt mit der Frage: „Ja, wo ist sie denn, die Olivia Grau?“ Und antwortet gleich selbst: „Hier hinten steht sie. Genau!“ Und sie lässt den Leuten Zeit, sich zu ihr umzudrehen. (Allerdings fehlt hier die direkte Ansprache des Publikums mit dem Personalpronomen Sie oder ihr.)

»Zielsetzung: Der Vortrag steht im Tagungsprogramm. Vorher und nachher sind andere Punkte geplant. Da würde eine Diskussion mit den 250 Zuhörenden über Sinn und Zweck des Auftritts merkwürdig wirken. Aber deklarieren lässt sich das Ziel. Und es ist möglich, dabei auf die Reaktionen zu achten. Viele so genannte Keynote- oder Impulsvorträge leiden darunter, dass an den Bedürfnissen des Publikums vorbei gesprochen wird. Man vertraut dem Veranstalter, der einem die Fragen nennt, die die Anwesenden angeblich haben, und kommt mit einer Lösung für Probleme daher, die niemand hat. Die Distanz zwischen Rednerin und Zuhörern wird so nicht aufgehoben. In vielen Fällen gäbe es aber die Gelegenheit, sich vorgängig unter das Publikum zu mischen und Erwartungen aufzuschnappen. Darauf auch nur mit ein paar Worten einzugehen, bringt mehr, als nur den vorbereiteten Text abzuspulen.

»Sprachliche Gestaltung: Verständigung und Feedback. Neben den Hauptaussagen, Argumenten und Beispielen wären Botschaften des Kontakts ebenso wichtig. Einige davon sind bereits genannt worden: Verständigung darüber, was im Publikum vor sich geht (wenn es wie hier eine gewollte Bewegung ist), Feedback zu Äußerungen aus dem Publikum. Hinzu kommen eingeschobene Erklärungen, wenn erkennbar ist, dass nicht alle folgen, aber auch die direkte Ansprache der Anwesenden mit „Sie“ oder „ihr“.

»Sprechweise: Abwechslung durch eine dialogische Haltung. Der einfachste Weg von der Monotonie zu einer lebendigeren Sprechweise führt über das Interesse an den Zuhörenden: Bekommen sie mit, was ich soeben gesagt habe? Beantworten sie die Frage für sich, die ich gerade gestellt habe? Nehmen sie an der Geschichte teil, die ich erzähle? – Hilfreich ist dabei das Bewusstsein für die Gliederung der eigenen Rede in Sprechhandlungen. (Mehr dazu in Kapitel 8.)

»Körpersprache: Eine Handlung aufs Mal. Kontakt mit dem Publikum ist nur möglich, wenn gesprochene Sprache und Körperbewegungen zusammenpassen. Oft geht das ganz natürlich vor sich (z.B. bei Zeigegesten). Oft aber ist man verleitet, zwei Dinge zugleich zu tun. Olivia zum Beispiel geht durch den Raum und stellt dabei bereits eine Aufgabe: „Machen Sie eine Liste: Welches sind die zehn wichtigsten Personen in Ihrem Leben?“ Damit fordert sie alle, die sie mit dem Blick verfolgen, auf, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Und sich selbst erschwert sie die Orientierung beim nicht ganz problemlosen Weg durch die engen Tisch- und Stuhlreihen. Der wichtigste Tipp im nonverbalen Bereich: Eine Sache aufs Mal tun. Das bedeutet zum Beispiel auch, 20 Sekunden lang zu schweigen, bevor man wieder auf der Bühne steht.

»Medieneinsatz: Im Vortrag teilt sich Olivia die Bühne mit dem Bildschirm. Darauf sind zum Teil einfache Bilder zu sehen (ein Flugzeug, wenn vom Fliegen die Rede ist, ein Strand, wenn sie vom Strand erzählt), zum Teil aber auch Grafiken und Texte, die gelesen werden wollen und den Blick von der Rednerin ablenken. Dialog ist aber nur möglich mit Blickkontakt. Das geht nur, wenn der Bildschirm keine Konkurrenz darstellt – am leichtesten, wenn darauf nichts zu sehen ist!

Chancen für Dialog im Präsenz-Vortrag

»Den Raum mit dem Publikum zusammen erleben: Lautstärke anpassen, Blickkontakt ermöglichen, Konkurrenz-Ereignisse (überflüssige visuelle Reize) vermeiden. (Über den konstruktiven Umgang mit Medien im Vortrag siehe Kapitel 16.)

»Sich und dem Publikum Zeit lassen: Fragen und Aufgaben müssen zuerst verstanden und dann umgesetzt werden. Erst danach kann der Vortrag weitergehen. Und er geht weiter, indem die Antworten bzw. Lösungen aus dem Publikum aufgenommen werden (Mehr zum Thema Fragen in Kapitel 14.)

»Überprüfen, was ankommt: Ob man sich versteht, wird nicht nur aus Antworten klar, sondern auch aus Blicken, Kopfnicken, Handzeichen usw.

»Aufgaben ernst meinen: Fragen, Problemstellungen usw. lösen in jedem Fall Reaktionen aus. Diese müssen – auch wenn sie nicht ausgesprochen sind – eingearbeitet werden: durch nonverbale Übereinkunft, Pausen, einzelne Antworten aus dem Publikum, Zitieren fremder Beiträge usw.

»Attraktive Sprechweise ermöglichen: Wer beim Sprechen mitdenkt, führt noch kein Gespräch, sorgt aber für den lebendigen Rhythmus eines Gesprächs und gibt damit dem Publikum die Möglichkeit, mitzudenken und, bei Bedarf, mitzusprechen. Der Anfang besteht in der Aufmerksamkeit für Sprechhandlungen. (Vgl. hierzu Kapitel 8.)

»Auf überflüssige PowerPoint-Folien verzichten: Viele Botschaften wirken überzeugender ohne Visualisierung. Wenn aber Medien eingesetzt werden müssen, dann muss die Rednerin sie gemeinsam mit dem Publikum betrachten (damit sie nicht völlig losgelöst ein Eigenleben führen).

Und was bedeutet Dialog im Online-Vortrag?

Auch der Online-Vortrag wird verbindlicher und attraktiver, wenn die Rednerin ihre Stärken aus dem direkten Gespräch nutzt. Das kann so aussehen:

»Raum: den eigenen und den fremden Raum verbinden: Rednerin und Publikum befinden sich in getrennten Räumen. Die Rednerin kann sie nur verbinden, indem sie in ihren eigenen Raum „einlädt“. Das setzt voraus, dass sie selbst in einem echten Raum – in einer dreidimensionalen Umgebung – zu sehen ist. Und sie muss die Möglichkeit schaffen, ihn zu „betreten“: indem sie sich darin bewegt (und sei es nur mit ihrer Gestik) und Dinge, die darin eine Bedeutung haben, anspricht. (Vgl. Kapitel 4.)

»Zeit: Verpflichtung zum Zeit-Management. Grundlage einer guten Kommunikation ist die Zeitabsprache. Online ist dies nur im Konferenz-Modus möglich. Aber nichts hindert die Rednerin oder den Redner daran, zu Beginn klar zu sagen, wie lange der Vortrag dauern wird. Zudem sollte das Publikum gerade bei Online-Vorträgen eine Übersicht über die zeitliche Gliederung haben. Es sollte in der Lage sein, einzelne Passagen zu überspringen, direkt zu bestimmten Punkten zu gehen oder Interessantes gezielt nochmals anzuhören. (Vgl. unten Kapitel 12.)

»Zielsetzung: Klare Angebote: Ein Online-Vortrag ist eine Kompaktlösung. Sie wird von Menschen gezielt gesucht und soll auch gezielt Antworten bieten. Die erste Auskunft, die gegeben werden muss, ist: Was nützt mir dieser Vortrag? Und wenn diese Information nicht schon aus dem Titel und anderen Kontext-Informationen klar wird, muss sie ziemlich schnell kommen. Wenn dann das Redeziel einfach und klar erkennbar ist, lassen sich Angebote zu Feedback und Beiträgen aus dem Publikum anschließen.

»Sprachliche Gestaltung: Dialogformen nutzen. Jeder Online-Vortrag kann durch Kommentare ergänzt werden. Diese sind zwar in einem anderen Medium (oder in einer Chat-Spalte) abzugeben und können deshalb nur in Live-Situationen direkt beantwortet werden. Aber man kann zumindest im Nachhinein auf die Beiträge aus dem Publikum eingehen und in einer Folgeveranstaltung darauf reagieren.

»Sprechweise: Helfer einsetzen. Wer minutenlang in eine Kamera blickt, wird garantiert monotoner klingen als im direkten Kontakt. Um dies zu verhindern, ist es notwendig, Elemente der Sprechweise aus dem alltäglichen Gespräch in die Online-Situation herüberzuretten. Das fällt leichter, wenn man jemanden bittet, sich als Zuhörerin dazu zu setzen. Nur schon durch die Anwesenheit und durch nonverbale Reaktionen wird sie die Sprechweise beeinflussen.

»Körpersprache: Raum für Gesten schaffen. Als Online-Vortragende fühlt man sich oft technisch eingeschränkt. Die Kamera ist zu nah, der Bildausschnitt zu eng, die Wirkung der Gestik schwer zu kontrollieren. Dennoch ist es immer möglich, sich so einzurichten, dass eine lebendige Körpersprache entsteht, eine Körpersprache, die das Gegenüber nicht ausschließt, sondern einbezieht. Hilfreich ist eine Einrichtung mit Hilfe von jemandem, der als „Regisseur“ mitplant.

»Medieneinsatz: Zurück zu den einfachsten Mitteln. Die Technik verführt dazu, parallel zur vortragenden Person eine Videoeinspielung, ein Foto-Insert oder eine ganze PowerPoint-Datei laufen zu lassen. Das spricht nicht an, sondern lenkt von der Rednerin ab. Ganz anders ist es, wenn sie das Buch, das sie vorstellen will, in der Hand hält, statt es im Video aufleuchten zu lassen. Eine Definition, über die sie spricht, kann sie auf einen großen Karton schreiben, statt mit ihr den Bildschirm zu füllen. Das hilft, das Reden und die Visualisierung zu koordinieren, man meldet sich nicht ab, sondern bleibt im Gespräch.

Diese Prinzipien kann der konstruktive Vortrag übernehmen

»vom Führer zum Partner des Publikums werden

– online: realistische, begrenzte Ziele setzen

»die eigene Bedeutung nüchtern sehen

Dass ich am Rednerpult stehe oder vor der Kamera sitze, ist nur eine temporäre Sache. Morgen bin ich wieder auf der anderen Seite und möchte selbst als Partner angesprochen werden.

– online: Ich relativiere die Vorstellung meines Impacts. Mir ist bewusst, dass meine Botschaft mit anderen konkurriert und dass das Publikum sein Wissen aus mehreren Quellen zusammensetzt.

»die klassischen Bedingungen (z.B. Zeitdruck) unterlaufen

–online: Ich stelle mir einen Gesprächspartner oder eine Zuhörerin vor oder hole sie gar vor die Kamera, um mir Rhythmus und Pausensetzung zu erleichtern.

»sich vorbereiten, aber auch das Publikum einbinden

– online: Ich spreche Publikum stärker an (du/Sie), lasse es mitdenken, beziehe es durch Pausen und Wiederholungen ein.

»dialogisch vorgehen: auf die Rückmeldungen aus dem Publikum eingehen

– online: Ich fordere zu Rückmeldungen auf und nehme beim nächsten Mal darauf Bezug.

Konstruktive Rhetorik in zwei Schritten

Zwei Schritte führen zur konstruktiven Rhetorik:

1. Erfolgreiches Redeverhalten im Gespräch entdecken: Was klappt mühelos? Was erleichtert mir das Reden? Was fördert die Verständigung?

2. Vergleich mit dem Redeverhalten im Vortrag: Welche Vorgaben muss ich einhalten? Was kann ich aus dem Gespräch übernehmen? Welche dialogfördernden Mittel kann ich einsetzen?

Zwar ist es notwendig, die Gesetzmäßigkeiten der öffentlichen Rede der eigenen Kultur zu kennen, um zu entscheiden, welche beachtet werden müssen und welche ignoriert werden können. Aber zentral bleibt die Vorstellung vom Dialog, vom Miteinander im Gespräch. Sie führt zu den Mitteln konstruktiver Rhetorik. Sie bestehen zum Teil in einer Auswahl klassischer rhetorischer Werkzeuge, zum Teil in Methoden, die sich im Gespräch bewährt haben.

Bloß nicht von den Besten lernen!

Wie macht es denn Michelle Obama? Wie hat es Willy Brandt gemacht, wie Margaret Thatcher? – Zu einem Standard-Rhetorik-Training gehören exzellente Beispiele, die die Teilnehmer mit Bewunderung erfüllen. Man sieht Videos von erfolgreichen Politikern, Unternehmern, Schauspielern (und meistens von Männern), bei deren Darbietung scheinbar alles stimmt. Und dann wird man aufgefordert, sich dies und jenes abzugucken, „von den Besten zu lernen.“ Aber diese Besten haben in der Regel einen ganzen Stab von Mitarbeitenden, die ihnen zu ihrem Auftritt verholfen haben – PR-Berater, Redenschreiberinnen, Maskenbildner, Technikerinnen – und die Reden, mit denen sie berühmt wurden, stammen von der Spitze ihrer Laufbahn. Ja, es ist richtig, von anderen zu lernen. Aber die wertvollsten Vorbilder sind Menschen, denen das Reden schwerfiel. Es sind Menschen, von denen man weiß, dass sie den Übergang vom persönlichen Gespräch zur öffentlichen Rede als Riesenhürde empfanden und den Schritt vor das Publikum dennoch gemeistert haben. Das Faszinierende ist nicht die perfekte Rede am Schluss eines erfolgreichen Politikerlebens, sondern der Weg, der bei den ersten unsicheren Schritten einer Rednerin anfängt und dahin führt, dass sie die scheinbar undankbare, lästige Aufgabe meistert.

Marie Curie freundet sich mit dem Publikum an

Marie Curie ist ein solches Beispiel. Noch als weltberühmte Physikerin und Chemikerin empfand sie großes Lampenfieber, auch wenn sie nur vor zwei Dutzend Studenten ihre Vorlesung halten sollte. Sie fühlte sich im privaten Gespräch wohl, wenn sie mit ihrem Gatten und Kollegen Pierre über ihre Themen sprach, die wohl anspruchsvoller waren als die Inhalte ihrer Vorlesung. Aber die Situation hatte sich verändert. Sie saß nicht mehr im Labor, sondern stand im Hörsaal; es war nicht mehr ein Austausch von Ideen, sondern eine Präsentation, die eine Stunde lang nicht unterbrochen wurde.

Eine Veränderung erfuhr sie erst mit 54 Jahren, als sie längst die berühmteste Wissenschaftlerin der Welt war – und noch immer zurückhaltend und unsicher, wenn sie vor anderen Menschen auftreten musste. Zur Schüchternheit kam noch, dass ihr als Frau in einer männerdominierten Wissenschaftswelt viele Kollegen feindlich gesinnt waren. 1921 reiste sie in die USA, um für ihre Forschung zu werben. Man hatte dort für sie Geld gesammelt, um ihre Arbeit zu unterstützen. Ziel war, dass sie Radium erstehen konnte – ein Gramm des Elements, das sie und Pierre Curie 1898 entdeckt hatten.

Marie Curie wurde in den USA stürmisch begrüßt und während der ganzen Zeit von einer Welle der Sympathie getragen. Und als sie von ihrer achtwöchigen Reise zurückkam, hatte sich ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit geändert. Sie nahm von da an mehr öffentliche Aufgaben wahr und bewies – zumindest in der Darstellung der Autorin Shelley Emling – ein weniger problematisches Verhältnis zu öffentlichen Auftritten. Laut Emlings biografischer Erzählung hatte sie in der Zeit erfahren, dass in ihrem Publikum nicht nur Skeptiker und Gegner saßen, sondern Menschen, die bereit waren, ihre Arbeit zu unterstützen.39

Zum einen hat dies einen sehr konkreten Hintergrund: In Europa war sie vielen Anfeindungen ausgesetzt, von denen in den USA weniger zu spüren war. Zum anderen lässt es auch ahnen, dass sich ihre Beziehung zu ihrem Publikum veränderte. Sie konzentrierte sich – so würde ich es interpretieren – weniger auf die mögliche Ablehnung, die ihr widerfahren konnte, und mehr auf das Gemeinsame, die Sympathie, die in jedem Auditorium vorhanden war. Eine Rede entsteht in der Zusammenarbeit von Rednerin und Publikum. Je zuversichtlicher man sich das sagt, desto leichter wird man es haben.

Verschwindet jetzt das Lampenfieber?

Dieses Buch zeigt, wie man mit den Bedingungen des Redens fertig wird, obwohl die Aufgabe nicht mehr ein ungezwungenes Gespräch, sondern eine Präsenz- oder Online-Rede ist. Es zeigt, dass dies leichter fällt, wenn man die Aufgabe als Teamwork, als Dialog mit dem Publikum auffasst. Und dies gelingt auch dann, wenn man die Menschen nicht leibhaftig vor sich hat, sondern nur über das Medium anspricht. Denn es ist die dialogische Einstellung, die einen dazu führt, auch über die Kamera und das Mikrofon Kontakt aufzunehmen und Kontakt zu halten.

Dass dies zu ganz anderen Resultaten führt als zu einer brillanten Darbietung in der Art eines amerikanischen Politikers, sollte damit klar sein. Es geht nicht darum, sich selbst in Pose zu setzen. Es geht nicht darum, sich zu „verkaufen“. Es geht darum, dem Publikum zu zeigen, dass man es ernst nimmt, und es dadurch dazu zu motivieren, mitzudenken und mitzugehen. Aber verschwindet dann auch das Lampenfieber?

Lampenfieber und Redeangst bestimmen viele Berichte über das öffentliche Reden. Fast alle berühmten Schauspielerinnen, Musiker, Akrobatinnen, Clowns – die meisten Menschen, die auf irgendeine Weise vor Publikum aufgetreten sind, können vom Lampenfieber erzählen. Das Gleiche gilt für Rednerinnen und Redner in unterschiedlichsten Situationen. Unter dem Titel „Menschen, denen das Reden schwerfiel“ habe ich dazu Geschichten gesammelt, in denen Berühmtheiten wie Thomas Jefferson, Greta Thunberg, Konrad Lorenz vorkommen.40 Sie illustrieren eine alte Erkenntnis: Sogar Menschen, die die Angst zu einem gewissen Grad überwunden haben, beteuern, dass Respekt für die Aufgabe immer dazu gehört und dass es normal ist, wenn sich dies in Nervosität ausdrückt. Sie zeigen aber auch, dass man damit fertig wird, indem man seine Rolle relativiert.

In all den Berichten über Lampenfieber wird wenig beachtet, dass wir in den allermeisten Redesituationen davon frei sind: beim Reden im Gespräch von Gleich zu Gleich. „Im Gespräch mit ihm fühle ich mich wohl“, heißt es oft. Und in den meisten Fällen denkt man nicht einmal darüber nach. Klar, denn im Alltagsgespräch braucht man keine Sorge zu haben, ob das Gesagte „gut“ oder „korrekt“ formuliert ist. Die anderen werden nicht als Publikum verstanden, sondern als Gesprächspartner. Sie helfen bei Bedarf auch aus, vervollständigen einen Satz oder Gedanken und nehmen dadurch der Situation den Druck, den man allenfalls empfinden könnte. Es ist ein dialogisches Sprechen, ein Miteinander.

Vom Nutzen des Lampenfiebers

Redeangst hat zwei Seiten. Zum einen ist es ein Hinfiebern auf die Konfrontation mit dem Publikum, also der Zustand vor der Rede. Zum anderen gibt es aber auch die Angst während der Rede. Die körperlichen Symptome – nervöses Zittern, kalte Hände, unkontrollierter Atem usw. – können weiter anhalten. In der Regel verschwinden sie aber in den ersten Minuten oder werden zumindest nicht mehr als bedrohlich empfunden. Die Furcht vor der Reaktion des Publikums, die Angst vor dem Versagen verschwindet nach einiger Zeit größtenteils.

Dass es ein „Fieber“ ist, wie die deutsche Sprache suggeriert41, lässt es als akute Erkrankung, als Belastung auffassen – wie es ein alter psychologischer Aufsatz drastisch schildert:

„Der Körper verspürt kalte Schauder in der Kreuzgegend. Er fühlt sich an, als ob ein Tausendfüßler sein Haar durchkämmte. Kalter Schweiß bricht aus und es fühlt sich an, als ob jemand in der Kniegegend die Muskeln durchtrennt hätte. Die Person würde am liebsten die Bühne so schnell wie möglich verlassen.“42

Claudia Spahn, die eine große Menge an Lampenfieber-Literatur verarbeitet hat, unterscheidet vier Gruppen von Merkmalen des Lampenfiebers:

»körperlich: schneller und flacher Atem, trockener Mund, kalte und schweißige Hände usw.

»emotional: Angst und Panik, Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Scham usw.

»kognitiv: Konzentrationsstörungen, angstvolle Beschäftigung mit dem Publikum, Blackout usw.

»das Verhalten betreffend: unkontrollierte Körperhaltungen und -bewegungen, stereotype Verhaltensweisen, sozialer Rückzug usw.43

Solche Beobachtungen haben dazu geführt, dass der Zustand des Redners seit jeher mit demjenigen eines Menschen verglichen wird, der mit einer Gefahr konfrontiert ist. Er spannt seine Muskeln an und hält nach Fluchtmöglichkeiten Ausschau – wie der Steinzeitmensch in der Begegnung mit dem Säbelzahntiger.44

Der englische Terminus stage fright – also „Bühnen-Furcht“ – unterstreicht deutlich den Zusammenhang des Lampenfiebers mit der Distanz zum Publikum.45 Die Bühne trennt Redner und Publikum deutlich voneinander und betont so die Erwartungen an ein perfektes Auftreten, an einen Monolog. Dies lässt aber auch erkennen: Wer in der Lage ist, frühzeitig dialogische Elemente in den Vortrag einzubauen, hat ein wirksames Mittel gegen die Redeangst in der Hand.

Mark Twain berichtet, wie er den Monologcharakter bei seinem ersten öffentlichen Auftritt milderte, indem er eine Handvoll verlässlicher Freunde bat, sich im Publikum zu verteilen und auf lustige Stellen des Vortrags vernehmbar zu reagieren, so dass das Publikum einstimmte. Ein dialogisches Element war damit eingebaut, das den Redner mit Rückmeldungen sicherer machte.46

Dass Lampenfieber entstehen kann, liegt im Übrigen an einer banalen Tatsache des öffentlichen Redens: es ist vorbereitetes – meist auch explizit angekündigtes – Reden. Angst wird entwickelt, weil die Zeit vorhanden ist, Angst aufzubauen. Dies weist aber auch auf einen erleichternden Aspekt hin: Wer vor anderen reden soll, hat Zeit, um sich vorbereiten.

Lampenfieber nutzen

In der Praxis geht es nicht darum, das Lampenfieber zu verlieren, sondern es zu nutzen, als Zeichen dafür, dass das Reden vor und mit dem Publikum eine dankbare Aufgabe und nicht eine lästige Pflicht wird. Claudia Spahn spricht denn auch nicht vom Bekämpfen, sondern vom „Optimieren“ des Lampenfiebers.47

Ein wichtiges Ziel, das sich mit unserem dialogischen Ansatz trifft, ist die Gestaltung einer positiven Beziehung zum Publikum. Für die Redepraxis bedeutet das nicht nur: „Ich habe den Zuhörern etwas zu geben“, sondern auch: „Ich freue mich auf ihre Resonanz.“

3Die erste Herausforderung: der gemeinsame Raum

Öffentliches Reden ist Reden mit Abstand. Deshalb ist das Erste, was uns beschäftigen muss, der Umgang mit dem Raum. Die Rede fängt nicht erst mit den Begrüßungsworten an, sondern mit dem Wahrnehmen des Raums und der Menschen, die sich darin befinden. Noch sitzt du in der ersten Reihe, und einer der Organisatoren spricht seine Begrüßungsworte. Dann übergibt er das Wort an dich, die Rednerin, den Redner. Applaus setzt ein, und du stehst auf. Dein Weg zur Bühnentreppe führt an den Knien der anderen Ehrengäste vorbei. Der Scheinwerfer trifft dich zum ersten Mal. Als du das Rednerpult erreicht hast, ebbt der Applaus ab. Stille. Einige hundert Augenpaare sind auf dich gerichtet.

Noch hast du kein Wort gesagt, aber dein Vortrag hat schon längst begonnen. Du hast die Publikumsreihen überblickt und die Distanzen wahrgenommen. Du hast abgeschätzt, wie laut du reden und in welche Richtungen du blicken musst. Du hast den Raum wahrgenommen.

Zwei Perspektiven

Denn die erste Aufgabe besteht nicht darin, zu sprechen, sondern den Raum wahrzunehmen, den gemeinsamen Raum von Rednerin und Publikum. Den ersten Schritt dazu hast du beim Betreten des Saals getan. Du hast den Raum gesehen, den du mit dem Publikum teilen wirst, und du hast dich darin aus der Besucherposition heraus orientiert. Zwei Perspektiven also: Rednerin und Publikum. Jetzt, wo du auf der Bühne stehst, nimmst du den Raum nochmals in seiner Tiefe, Breite und Höhe wahr. Und zum ersten Mal siehst du die Menschen, die dir zuhören werden, als Gruppe. Du bist in diesem Raum eine Zeitlang die wichtigste Person. Aber ohne die anderen, die da versammelt sind, ist dein Vortrag bedeutungslos. Das muss dir bewusst sein, und diese Menschen und die gemeinsamen räumlichen Verhältnisse musst du wahrnehmen.

Drei Arten, anzufangen

Es lohnt sich, im Detail zu verfolgen, was Menschen in diesem Moment tun – in den Sekunden, die ihrem Vortrag vorausgehen, da, wo die ganze Umgebung noch neu für sie ist und sie zum ersten Mal den Zuhörerinnen und Zuhörern gegenüberstehen.

Die BWL-Professorin macht es so: Sie steigt beschwingt die paar Stufen hoch, die vom Saal in die Mitte der Bühne führen, geht zum Pult und holt sich die Fernbedienung, blickt – immer noch mit dem Rücken zum Publikum – zur Leinwand mit dem Logo der Veranstalter, sagt kurz ins Publikum: „So!“, dreht sich nochmals um, um ihre erste Folie zu kontrollieren, und dann wieder zum Publikum: „Ich begrüße Sie ganz herzlich, es ist nicht eine Studie, die wir gemacht haben, einmal haben wir mehrere gemacht …“ Dabei tut sie mehrere kleine Schritte, erst dann steht sie fest auf beiden Beinen und sagt, dass sie die entscheidende Studie hier zum ersten Mal präsentieren wird.48

Der Gründer und CEO eines Technologie-Multis spaziert in brauner Lederjacke und schwarzer Jeans auf die Bühne, dreht sich in der Mitte zum Zuschauerraum, nimmt dann ein paar Schritte rückwärts, schaut nach links und nach rechts. Noch beim letzten Schritt fängt er zu reden an.49

Beide werden sorgfältig geplante und informative Vorträge halten. Beide haben sich die ersten Worte vorher überlegt. Es ist ihnen klar, wie sie in den Inhalt ihrer Rede einführen. Aber sie alle fangen mit Reden an, bevor sie richtig angekommen sind. Das tun zwar viele; sie reden schon, während sie noch den letzten Schritt tun, also ohne überhaupt auf beiden Beinen dazustehen. Auf diese Weise ist es schwer, das Publikum wahrzunehmen und Kontakt zu ihm zu finden.

Andere reden nicht sogleich, sondern sortieren ihr Manuskript oder tippen auf dem Notebook herum, das vor ihnen liegt. Wieder andere klopfen auf das Mikrofon usw. All diese Handlungen sind zwar möglich, aber sie bringen Redner und Publikum noch nicht zusammen. Der Nachteil: Sie befassen sich nur mit der eigenen Person.

Direkt loszulegen, hilft zwar, den Stress nicht weiter wachsen zu lassen. Das Manuskript zu büscheln oder sich in der Elektronik zu orientieren, hat zwar den Sinn, Ordnung zu schaffen. Wer auf das Mikrofon klopft, weiß zwar, dass die Tonanlage funktioniert. Aber die Leute im Auditorium erleben dabei nur eines: einen Menschen, der sich mit sich selbst beschäftigt. Und der sich noch keine Zeit genommen hat, mit ihnen in Kontakt zu treten.

Wie man es auch machen kann, demonstriert Sebastian P. Schild. Er wird gleich vor 60 SeminarteilnehmerInnen reden. Bisher saß er mit dem Rücken zum Publikum da. Jetzt ist er dran, und er rollt seinen Rollstuhl vor die vorderste Reihe, wendet sich den Leuten zu und stoppt. Da sitzt er nun, aufrecht, mit hängenden Armen. Sieben Sekunden lang sagt er nichts, sondern schaut in den Raum. Er sieht nach rechts, sieht nach links. Und erst dann fängt er an.

Es wird ein fulminanter Vortrag mit viel Interaktion, der die Menschen begeistert. Aber der Anfang war ganz einfach besonnen und konzentriert – konzentriert auf das Publikum und auf den gemeinsamen Raum.50

Den Raum wahrnehmen

Wer die Rednerposition eingenommen hat, soll sich die Zeit nehmen, den Raum und die Menschen darin wahrzunehmen. Vielleicht müssen zunächst technische Probleme gelöst werden – vom Kontrollieren der Fernbedienung bis zum Schluck aus dem Wasserglas. Aber dennoch braucht es zusätzlich eine Pause von wenigstens einigen Sekunden, die man dem Raum und dem Publikum widmet. Dazu gehört Blickkontakt mit einer oder zwei Personen, die vielleicht sogar lächeln. Und dazu gehört das Bewusstsein: Dieser ganze Raum steht mir zur Verfügung.

Die Wichtigkeit des Raums ergibt sich schon aus der Definition der Rhetorik als Lehre vom Reden in der Öffentlichkeit: Die Rednerin begegnet den Zuhörenden an einem Ort, der größer ist, mit weiteren Distanzen als beim alltäglichen Gespräch. Dessen muss sie sich bewusst sein, auf diese Voraussetzungen muss sie eingehen.

Den Raum gestalten

Den Raum und die Menschen, die darin versammelt sind, wahrzunehmen erfordert Zeit. Die rechtzeitige Auseinandersetzung mit dem Raum schafft nicht nur einen besseren Kontakt. Sie hilft auch auf einer rein technischen Ebene. Man wird sich dem Raum ja in der Redeweise anpassen müssen: in Stil, Lautstärke, Gestik und anderen Äußerungsformen. Zudem stellt jedes Rednerpult, jede Projektionsanlage eigene Anforderungen an das technische Geschick der Vortragenden.

Platz schaffen, Plätze zuweisen

Zur ersten Auseinandersetzung mit dem Raum gehört auch Orientierung. So muss abgeklärt werden, welcher Platz als Rednerposition vorgesehen ist und ob es dazu Alternativen gibt. Auch die Technik, die genutzt wird, und der Ort des dienstbaren Geistes, der sie eventuell bedient, müssen gefunden und ausprobiert werden.

Wer kann, begibt sich deshalb schon vor Beginn der Veranstaltung in den Saal, um diese Fragen zu klären. In vielen Fällen lässt sich da noch die eine oder andere Rahmenbedingung verändern: in kleineren Seminaren die Sitzordnung, in größeren Sälen die Position des Rednerpults. Wesentlich ist immer: Wer vor dem Publikum steht, hat im Prinzip viel mehr Raum zur Verfügung als diejenigen, die im Publikum sitzen. Und er ist für die gemeinsame Nutzung des Raums verantwortlich. Dies gilt für den Instruktor, der seinem Team die Benutzung einer neuen Maschine erklärt, ebenso wie für die Pressechefin, die eine Gruppe von Besuchern durch den Betrieb führt, oder die Referentin, der man einen Sitzungsraum zur Verfügung gestellt hat. Es gilt aber auch für die Lehrerin, die die Schulklasse zur selbständigen Arbeit anleitet, und für den Studenten, der die Resultate einer Gruppenarbeit präsentiert. Sie alle sind frei in der Wahl der Distanz zu den Angesprochenen und in ihrer Raumnutzung, z.B. durch Schritte und Körperdrehungen. In vielen Fällen ist es sogar möglich, mitten durch das Publikum hindurchzugehen. Dass z.B. ein Lehrer die Bankreihen abschreitet, ist eine traditionsreiche Geste, dass ein Referent vor den Zuhörenden auf und abgeht, wird ebenfalls akzeptiert. Alle diese Dinge muss man nicht tun (und einige können auch kontraproduktiv sein); aber zu wissen, dass man es tun könnte, ist ein guter Ausgangspunkt. Es betont die Freiheit der Gestaltung.

So näherst du dich dem Raum an

Vor dem Beginn der Veranstaltung:

»Suche den Raum auf und mache dich mit seiner technischen Einrichtung vertraut.

»Setze dich auf einen Zuschauerplatz, um ein Gefühl für den Eindruck zu bekommen, den man von dort aus vom Redner und dessen Umgebung hat.

»Wähle (wenn möglich) deinen späteren Standort. Gibt es mehrere Möglichkeiten? Solltest du deine Position während der Rede wechseln?

Sogar wenn keine Gelegenheit besteht, den Raum in Ruhe zu erkunden, kann man ein paar Sekunden dafür einsetzen. Man wird zum Beispiel unverhofft zu einer Sitzung gerufen und steht plötzlich vor den versammelten Abteilungsleitern – gefühlt zur falschen Zeit und ohne genügend Vorbereitung.

Hinzu kommt ein mentaler Effekt: Wer sich auf den Raum einlässt, stimmt sich auf die Öffentlichkeit ein, die hergestellt wird, auf die Weitung des Geltungsraums, die das Reden erst zum rhetorischen Akt macht. Ohne ein Bewusstsein für diese Veränderung wird, was man sagt und wie man es sagt, nicht zusammenpassen. Es ist ganz natürlich, dass dieses Bewusstsein für den Raum auch den körpersprachlichen Ausdruck beeinflusst.

Raumnutzung durch Planung des Ablaufs

»Wo sind die Geräte, die ich einsetzen werde?

»Wer hilft mir bei den technischen Abläufen? Wo befindet sich diese Person?

»Wo werde ich stehen? Kann ich meine Position verändern, um die Gliederung des Vortrags zu unterstreichen?

Die Haltung zeigt die Beziehung zum Raum

Wer vor Publikum reden will, muss den Raum einnehmen. Ob dies gelingt, zeigt die Körpersprache, und ein wichtiges Signal gibt dabei die Körperhaltung.

Zwei Skizzen illustrieren dies: Im linken Bild demonstriert die Rednerin Reserviertheit, Inaktivität. Mit der nach vorne gebeugten Haltung scheint sie in ihrem Anzug zu hängen. Die Füße, die eng beieinanderstehen, bieten keinen sicheren Halt. Auf dem Bild rechts hat sie durch einen sichereren Stand und das Heben der Arme bereits eine andere Präsenz. Sie atmet in die Körpermitte (s. Kapitel 7) und ist sich des gesamten Raums bewusst, in dem sie sich befindet. Sie signalisiert allen, die vor ihr sitzen, Interesse.


7 | Passive Haltung: Füße nahe beieinander, Oberkörper ohne Spannung.


8 | Aktive Haltung: Füße in etwa schulterbreitem Abstand, Oberkörper aufgerichtet.

Die Haltung ist nicht nur dazu da, Selbstvertrauen zu signalisieren. Sie hilft auch dabei, die Distanz zu überbrücken: Indem das Publikum einen Menschen sieht, der Präsenz ausstrahlt, konzentriert es sich besser und ist aufmerksamer trotz der Entfernung und der Ablenkungen durch Sitznachbarn und Nebengeräusche.

Kontakt aufnehmen, Kontakt halten

Natürlich hat man das Publikum längst wahrgenommen. Aber kurz vor dem Beginn der Rede braucht es ein paar Sekunden, in denen bewusst Kontakt mit aufgenommen wird – der Kontakt, der durch den Vortrag hindurch gehalten wird. Es ist notwendig, sich dafür die Extrazeit zu nehmen, für Blickkontakt, ohne dabei gleichzeitig einen sicheren Stand zu suchen, ohne noch mit der technischen Einrichtung zu kämpfen.

Dies ist die Chance, Kontakt anzuknüpfen, der während der ganzen Zeit nicht abbrechen wird.

Keine Angst vor Banalitäten: Wenn es im Raum plötzlich zu dunkel ist oder zu kalt oder zu stickig, wenn eine Unruhe entsteht, wenn nicht klar ist, ob alles bis in die hinterste Reihe zu verstehen ist, braucht dies den Kontakt mit dem Publikum nicht zu unterbrechen. Es kann angesprochen werden – ruhig und selbstverständlich. Für viele solche Dinge sind die Leute im Saal kompetenter und können helfen. Und das zu thematisieren, kann als Chance genutzt werden, das gemeinsame Interesse zu betonen – am besten natürlich dann, wenn sich das betreffende Problem auch gemeinsam lösen lässt.

Unmittelbar vor der Rede

»Nähere dich deiner Redeposition bewusst. Erkenne, wie sich dein Spielraum vergrößert.

»Nimm den Raum und dein Publikum aus der Position des Redners wahr.

Zeige durch deine Haltung, dass du den gesamten Raum einnimmst.

Während der Rede

»Wechsle gelegentlich die Perspektive: Was sehen die anderen? Was können sie zum Vortrag beitragen, weil sie in eine andere Richtung blicken?

»Teile deine Raumwahrnehmung: Thematisiere Ungewöhnliches, das dich stört oder belustigt!

Lass dir helfen, wenn das Licht oder die Akustik verändert werden müssen!

Nach der Rede

»Verlasse deine Redeposition und akzeptiere, dass „dein“ Raum wieder kleiner wird und nicht mehr alle Blicke auf dir ruhen.

Ein Beispiel: Orientierung durch Raumnutzung

Der Physiker Harald Lesch nutzt den Raum zur Unterstützung seiner Didaktik. Zu Beginn seines Vortrags Wir irren uns empor. Oder: Warum ist die Physik so erfolgreich? erkundet er zusammen mit den Zuhörern den Raum. Er erklärt, dass er für die verschiedenen thematischen Aussagen auch verschiedene Positionen im Raum einnimmt. Mit einem Schritt vom Podium herunter auf die erste Sitzreihe zu sagt er: „Jedes Mal, wenn ich hier vorne bin, werde ich Ihnen was erzählen darüber, warum die Physik so erfolgreich ist, also welches Verfahren wir benutzen, welche Annahmen wir machen, wenn wir Physik betreiben.“

Zurück auf dem Podium stellt er sich zuerst in die entfernte linke Ecke und erklärt: „Wenn ich hier bin, auf dieser Seite, dann geht es ums Heute.“ Dann schreitet er der Wandtafel entlang auf die rechte Seite. Er will damit die historische Zeit visualisieren: „Dieser ganze Weg auf die andere Seite wird dann einen Zeitpfeil darstellen.“

Diese Ankündigung wird den Zuhörerinnen und Zuhörern helfen, das Gehörte besser einzuordnen. Indem Lesch mit ihnen gemeinsam die verschiedenen Positionen erkundet, bewegen sich alle: Sie richten ihren Blick in alle Richtungen und durchmessen den Raum. Ein Hörsaal, in dem sonst oft nur ein Mensch und seine Wandtafel zu sehen sind, wird dreidimensional. Der Dozent hat also den Raum eingenommen und strukturiert und gleichzeitig die Zuhörenden miteingeschlossen.51

Raumnutzung im großen Saal

Wenn man Vorträge oder gar Seminare in großen Hörsälen halten muss, ist es schwierig, mit 100, 200 oder mehr Menschen so Kontakt aufzunehmen, dass auch etwas zurückkommt. Man merkt das spätestens bei einer Frage ans Publikum, wenn dann die Mehrzahl der Leute passiv bleibt.

Eindeutige Signale geben

Oft herrscht am Anfang der Veranstaltung noch höfliche Aufmerksamkeit. Dann verliert man langsam den Kontakt zu den Leuten in den hinteren Reihen. Am Schluss sind nur noch zwei, drei Getreue in unmittelbarer Nähe, die zuhören oder auch mal aus Erbarmen eine Antwort geben. Dennoch gibt es immer wieder Beispiele von DozentInnen, denen es gelingt, auch Großveranstaltungen dialogisch zu gestalten. Was tun sie? – Sie bemühen sich um Eindeutigkeit. Weil sie den Raum vorher erkundet haben, wissen sie, dass vieles im Raum die Aufmerksamkeit ablenken kann. Wer seine Redeposition dezidiert, vielleicht sogar demonstrativ einnimmt, hilft, die Konzentration auf sich zu lenken. Auch dass der Vortrag dialogisch sein wird, muss von Anfang an deutlich werden. Wer will, dass das Publikum mitmacht, muss dies zu Beginn signalisieren, nicht erst nach zehn Minuten (s. Kapitel 14). Während der Rede ist es wichtig, für Feedback zu sorgen, also dafür, dass regelmäßig etwas zurückkommt, und zwar auf allen Ebenen. Werkzeuge hierfür sind beispielsweise Fragen, Humor oder Gruppenaktivitäten. Dabei ist es wichtig, den Dialog ständig mit dem gesamten Publikum zu führen. Auch wer zwischendurch mit einer Einzelperson interagiert (z.B. nach einem Zwischenruf), muss erkennen lassen, dass dies für alle eine Bedeutung hat. Er geht eher einen Schritt zurück, um auch die anderen körpersprachlich einzubeziehen, und wiederholt die Frage so, dass der Anschluss an den eigenen Vortrag deutlich wird (oder verweist auf später).

Blickkontakt im großen Saal

Da es in großen Sälen nicht möglich ist, auf gewohnte Weise Blickkontakt zu halten, hilft es, das Auditorium in mehrere Sektoren aufzuteilen. In vielen Fällen reichen drei Sektoren aus, was etwa einem Winkel von je 60 Grad entspricht.52

Den Winkel abzuschätzen, ist relativ einfach: Man setzt sich ins Publikum, sieht einem durchschnittlichen Redner zu, der den Blick immer wieder von der linken zur rechten Ecke des Publikums bewegt, und notiert, ab wann man sich mitgemeint fühlt und ab wann nicht mehr. Dies ergibt die Eckpunkte des Blickbereichs. Allzu schematisch dürfen diese Hinweise aber nicht verstanden werden; das Wichtigste ist, dass man keinen Teil des Publikums systematisch vernachlässigt – zum Beispiel die, die sehr weit hinten (oder in traditionellen Hörsälen in den obersten Reihen) sitzen.

Worte verhallen lassen

Oft ist ein Hauptgrund für Verständnisprobleme die Akustik: In großen Sälen ist in der Regel ein Nachhall zu hören, der nur erträglich wird, wenn alle Sitzplätze belegt sind. In Kirchen und anderen repräsentativen Gebäuden ist die Decke so hoch, dass der Hall auch bei Vollbesetzung nicht verschwindet. Dies muss beim Sprechen berücksichtigt werden; die Stimme muss hin und wieder verhallen können. – Die Akustik ist auch ein Grund dafür, dass in alten Kirchen und Versammlungsräumen ein besonderer Ort für die Rednerin oder den Redner geschaffen wurde: Kanzel, Podest, Minbar, Podium, Bütt usw. Wer eines dieser Bauwerke bestieg, war nicht nur in seiner Funktion erhöht, sondern einfach auch besser zu sehen und zu hören. Noch heute ist es für Geistliche eine Überlegung wert, ob sie auf gleicher Ebene wie die Gemeinde reden sollen, um damit Ebenbürtigkeit zu signalisieren, oder ob sie sich auf die Kanzel stellen sollen, um allen Anwesenden visuell und akustisch näher zu sein.

Diese architektonischen Traditionen haben aber meist den Nachteil, dass Beiträge aus dem Publikum nicht vorgesehen sind. Zwischenfragen oder Erfahrungsberichte aus der Gemeinde von den Bänken aus werden von den anderen kaum verstanden. Wenn ein Gemeindeglied gehört werden will, muss es aufstehen, sich eventuell sogar woanders hinstellen, und meistens muss zusätzlich eine kurze Zusammenfassung von der Kanzel herab das Verständnis sichern.

Tipps für Reden in großen Sälen

»Achte auf die Akustik: Gibt es einen Nachhall, der mehr Pausen erfordert? Regelt jemand die Lautsprecher?

»Bemühe dich um Eindeutigkeit in der Körpersprache

»Nimm nur eine Handlung auf einmal vor (Umgang mit Geräten, Manuskript, Bewegung im Raum etc.)

»Teile das Publikum in Sektoren auf, um die Blickrichtung zu wechseln

Beantwortung von Fragen

»Öffne das Gespräch für alle: Gehe eher einen Schritt zurück als auf den Fragenden zu.

»Wiederhole die Frage eines Einzelnen für alle vernehmbar.

»Stelle inhaltlichen Anschluss an den Vortrag her.

»Beantworte die Frage so, dass alle die Antwort verstehen.

Raumnutzung im Freien

Es ist noch nicht so lange her, dass Außenveranstaltungen ohne Mikrofon und Lautsprecher die Regel waren. Abraham Lincoln hielt seinen berühmten Appell an die Demokratie auf dem Schlachtfeld von Gettysburg vor 15.000 Zuhörern. Er war das gewohnt und wird laut und deutlich geredet haben. Nur darf man nicht annehmen, dass die Mehrheit etwas mitbekommen hat. Nach zwei Minuten war die Ansprache ohnehin vorbei, und ohne die Mitarbeit der Presse wäre die Kunde von diesen unsterblichen Worten wohl nie in die Welt gelangt.53

Das Publikum gruppieren

Dennoch gibt es Möglichkeiten, die Rede im Freien zu optimieren. Dies beginnt bei der „Choreografie“: Wenn sich Menschen im Freien treffen, stellen sie sich selten so auf, wie man es sich von einem idealen Publikum wünscht. Der Redner muss sich einen Platz schaffen, der Blickkontakt und Hörverständnis garantiert. Und die Menschen müssen als Publikum gruppiert werden, sei es, indem man ihnen Sitzplätze anbietet, sei es, indem man sie energisch an den gewünschten Ort komplimentiert.

Auf die Akustik achten

Die akustischen Verhältnisse sind im Freien grundlegend anders als in geschlossenen Räumen. Die Worte werden nicht von den Wänden zurückgeworfen, sondern breiten sich ungehindert aus, so dass ihre Lautstärke mit dem Quadrat der Entfernung abnimmt. Deshalb ist eine Verstärkeranlage sogar im kleinen Rahmen nützlich. Andere Möglichkeiten bestehen darin, sich wenigstens so zu stellen, dass der Schall nicht in alle Richtungen entschwindet. Bei einer Ansprache in einem Garten oder auf einer Terrasse z.B. wird man sich mit dem Rücken zur Hauswand stellen, während die Zuhörerinnen und Zuhörer den offenen Raum hinter sich haben.

Im Freien reden

»Das Publikum so platzieren, dass es konzentriert zuhören kann.

»Verstärkung durch Lautsprecher kann auch im kleinen Rahmen notwendig sein.

»Störgeräusche (z.B. laufende Apparate) unterbinden. Wenn das nicht möglich ist (z.B. Verkehrslärm), Sprechrichtung anpassen.

4Der Online-Vortrag ist eine Einladung

Das Publikum des Online-Vortrags ist weit verstreut. Der eine sitzt zu Hause, die andere in der freien Natur. Und die Rednerin muss für sich und die Kamera einen Platz suchen, der sich für den Redezweck und das Thema eignet: im Büro, in einem Seminarraum, im Freien … Um das in der Welt verteilte Publikum zu erreichen, müssen zwei Räume – der eigene und der Raum der angesprochenen Person – verbunden werden. Es muss das Gefühl entstehen, dass man sich trotz der örtlichen Trennung beieinander fühlt. Da man die Umgebung der Zuhörenden nicht kennt, klappt das nur, indem man das Publikum in seinen Raum einlädt.

Aber viele Menschen, die ihr Fachwissen online präsentieren, verpassen diese Chance. Sie stellen sich und ihre Umgebung nur zweidimensional dar. Sie setzen sich vor eine flache Wand und werden zu einer Pappfigur in einer Tapetenwelt. Da ist keine Tiefe, kein Platz für Bewegung. In eine solche Kulisse kann man nicht einladen, weil da kein Raum ist.

Willkommen in meiner Welt

Die Wahl des Raumes gehört ebenso zur Planung eines Vortrags wie die Wahl des Themas. Wer sich an Skype oder anderen Formen der Bildtelefonie gewöhnt hat, weiß längst, dass Online-Kommunikation einen großen Bewegungsspielraum bietet. Man braucht nicht starr ins Smartphone oder Laptop zu blicken, sondern kann auch die ganze Umgebung kommunizieren: Man kann den Gesprächspartnern die Wohnung zeigen, das Gespräch ins Freie verlagern usw. Mit anderen Worten: Der eigene Raum nimmt Formen an. Er wird für das Publikum begehbar. Deshalb muss er beim Vortrag zuerst einmal gewählt, dann gestaltet und schließlich auch vorgestellt werden.

In den eigenen Raum einladen: Das gehört dazu

»Die Umgebung wählen.

»Den Raum wählen

»Den Raum benennen

»Umgebung und Thematik abgleichen

»Den Raum dreidimensional darstellen

»Den Raum mit Gesprächspartnern beleben

»Akustik überprüfen

»Bildausschnitt wählen

»Licht setzen

»Perspektive überprüfen

»Durch Bewegung den Raum nutzen.

»Requisiten einsetzen.

»Orte und Gegenstände einbeziehen und erklären.

»Nebengeräusche thematisieren.

»Zwischenfälle positiv nutzen.

Den Raum wählen

Viele Vortragende ignorieren den Raum. Das demonstrieren unzählige Videos im Netz: Zu sehen sind ein Gesicht und ein Hals; den Rest des Bildes füllt Billy von Ikea aus. Oder man gewahrt einen adrett gekleideten Oberkörper hinter einem Schreibtisch, seitlich mit einer Zimmerpflanze dekoriert, im Hintergrund der gleiche notorische Billy. Aber der Raum verbindet sich mit der Botschaft. Er kann sie verstärken oder auch stören. Und alles, was man darin unternimmt, wie man sich darin bewegt, ist Interaktion mit dem Publikum in diesem Raum. Gut genutzt wird er für das Publikum erfassbar und begehbar.

Wer die Möglichkeit dazu hat, wird einen Raum wählen, der als Raum erkennbar ist und die Botschaft unterstützt. Zumindest aber darf das Publikum nicht auf der Frage „Wo redest du?“ sitzen bleiben. Deshalb:

»Wähle einen Raum mit optischer Tiefe (also nicht nur eine weiße Wand mit Zimmerpflanze).

»Wähle einen Raum, der mit deiner Botschaft (deinem Produkt, deinem Beruf, deinem Thema usw.) zu tun hat.

»Wähle einen Raum, in dem du dich wohlfühlst, so dass sich deine Körperhaltung und deine Gestik mit Leichtigkeit entwickeln.

Wo redest du? – Dem Raum einen Namen geben

Die Kommunikation funktioniert besser, wenn der Raum erkennbar ist – als Büro, als Wohnzimmer, als Terrasse usw. Das lässt sich bei Bedarf ansprechen: „Ich musste dem Rest der Familie Platz machen und spreche darum aus der Küche.“ Wenn das abgehakt ist, fällt die Konzentration auf den Inhalt leichter.

Abzuraten ist von einem verschwommenen Hintergrund. Es ist unterdessen möglich, mit einfachen Möglichkeiten (z.B. in Zoom) den Hintergrund unscharf zu belassen. Ein Raum ist nur angedeutet, aber man erkennt keine Details. Zwar zwingt diese Lösung das Publikum, sich auf die Person und den Inhalt zu konzentrieren. Aber die Atmosphäre wird auch steril, die Botschaft lautet: „Ich will nichts von mir preisgeben.“ – Empfehlenswert ist diese Gestaltung nur in einem Fall: wenn in einem Interview mit einem Split-Screen beide Gesprächspartner gleichzeitig gezeigt werden. Die befragte Person ist in ihrem normalen Umfeld zu sehen, die Interviewerin vor einem verschwommenen Hintergrund. Das ist zum Beispiel die Praxis bei den Interviews von WELT.de. Das lenkt die Aufmerksamkeit gezielter auf die Person, die im Zentrum stehen sollte.

Umgebung und Thematik abgleichen

Natürlich ist es ein großer Unterschied, ob man über eine Villa mit 18 Zimmern und einem riesigen Balkon verfügt oder sich eine Einzimmerwohnung mit zwei Mitbewohnern teilt. Aber selbst wenn man sich zur Aufnahme in die (aufgeräumte) Küche verziehen muss, ist das immer noch besser, als sich mit einem Greenscreen vor einen virtuellen Südseestrand zu beamen. Wer die Möglichkeit hat, wird einen Raum wählen, der nicht zu viele Ablenkungen bietet und dessen Einrichtung zur Thematik des Vortrags passt. In anderen Fällen hilft es, die Örtlichkeit kurz anzusprechen und damit allfälligen Irritationen vorzubeugen.

Eine verbale Bezugnahme auf den Raum lässt ihn oft präsenter werden als viele visuelle Bemühungen. „Ich bin der Held der Steine in Frankfurt am Main im Herzen von Europa in meinem wunderbaren kleinen Lädchen an einem phantastischen Tag,“ sagt zum Beispiel Thomas Panke auf seinem YouTube-Kanal.54 Das ist zwar ein wiederkehrender Gag, aber es tut’s schon (und lässt keinen Zweifel darüber, dass der Held seine Steine auch verkaufen will).

Der Raum kann auch dynamisch genutzt werden (vgl. auch Kapitel 16). Rachel Stewart, die ihrem englischsprachigen Publikum die exotischsten Dinge aus Deutschland vorstellt, wählt für jedes neue Thema einen neuen Ort. Sie präsentiert etwa ein Gemüse, das es nur Deutschland und Kaschmir gibt: den Kohlrabi. Dafür geht sie zum Wochenmarkt. Da stellt sie sich unter ihren Regenschirm, greift nach einer der hellgrünen Knollen und wendet sich dann mit einer Frage an einen Passanten.55 Der Stil ist typisch für Videos aus der Blogger- und Influencer-Szene: Man präsentiert nicht nur seine Themen, sondern entdeckt zusammen mit dem Publikum auch laufend Neues im Raum. Und weil der sich ständig verändern kann, ist es verlockend, mitzugehen und die gesamte Präsentation zu erleben.

Instruktiv ist auch der YouTube-Kanal der neuseeländischen Physikerin Tibees, die aus Australien in einfacher Form wissenschaftliche Grundlagen vermittelt. Sie stellt sich oft ins Freie, die Kamera auf einem Stativ, das weit genug entfernt ist, um ihren Körper zu zwei Dritteln („amerikanisch“) zu erfassen und dabei viel Raum für die Umgebung zu lassen. Man sieht die Hügel und Gewässer rund um Canberra, ohne davon abgelenkt zu werden. Speziell ist ihr Kanal, weil man Innen- und Außenaufnahmen vergleichen kann. Bei den Innenaufnahmen sind die Kulissen aufs Wesentlichste reduziert, die Beleuchtung ist sorgfältig überprüft. Es gibt kein störendes Element, alles ist auf die Präsentation ausgerichtet. Die Außenaufnahmen dagegen erfassen eine Landschaft, einen Wald, einen Garten usw., ohne dass man dadurch abgelenkt würde. Denn die Perspektive ist so gewählt, dass keine auffälligen Einzelheiten Fragen aufwerfen.56

Die Umgebung gestalten

Sobald man sich entschieden hat, in einem Raum zu präsentieren, muss man sich auch der Tatsache stellen, dass dieser Raum etwas ausdrückt. Er zeigt Dinge von mir oder von meinem Büro, die meinen Vortrag begleiten. Es ist durchaus in Ordnung, wenn an der Wand hinter mir die Familienbilder aus den letzten Jahrzehnten hängen. Aber sinnvoll ist es nur so lange, als die Familie auch mit dem Vortrag zu tun hat – als Thema oder als Teil der Crew. In allen anderen Fällen wirkt es ebenso ablenkend wie das Poster vom Hamburger Fischmarkt oder die Aussicht auf die sich drehende Waschmaschine. Und auch für Einzelheiten im Bild gilt die Regel: Was irritieren könnte und nicht entfernt werden kann, soll angesprochen werden.

Tiefe erzeugen: Drei Dimensionen zeigen

Ein Raum ist dreidimensional. Wer nur als „Talking head“ vor einem flachen Hintergrund zu sehen ist, kann niemanden zu sich einladen. Die Distanz wird betont; das Publikum beobachtet, es kommuniziert nicht mit der Rednerin. Ähnlich wie in der klassischen Tagesschau im Fernsehen wird man Zeuge einer Verkündung, nicht eines Dialogs.


9 | Präsentation zweidimensional.

Deshalb ist alles besser, als vor einer platten Wand zu sitzen. Schon eine reine Drehung der Kamera um 20 Grad verleiht dem Raum Tiefe: Eine fliehende Wand reicht aus, um Perspektive zu ermöglichen. Wenn noch eine Ecke und eine angeschnittene zweite Wand zu erkennen ist, umso besser. Das ist keine große Veränderung; aber die sprechende Figur wird zu einem Menschen in einem Raum mit Luft zum Atmen.


10 | Präsentation dreidimensional.

Eine andere Möglichkeit ergibt sich, wenn im Hintergrund eine Tür zum nächsten Zimmer offensteht. Und auszuprobieren lohnt sich immer auch die Präsentation im Freien – an einem kleinen Tisch vor einem grünen Hintergrund, der nicht ablenkt, aber dich in einem Raum mit Perspektive platziert und nicht vor einer Kulissenwand.

Gesprächspartner beleben den Raum

Ein Raum entsteht fast von selbst, wenn man eine Präsentation zu zweit erstellt. Viele Themen lassen sich ohnehin leichter im Gespräch erörtern. Und zwei Menschen, die im Gespräch sind, sprechen nicht nur, sondern verhalten sich auch körperlich zueinander: Sie müssen sich so setzen oder stehen, dass sie einander ansprechen können und von der Kamera erfasst werden. Damit wird auch ihre Gestik sichtbar. Und meistens fühlen sie sich zu zweit vor der Kamera wohler als allein. Sie sind damit als Nutzer eines angenehmen Biotops zu sehen und haben die Chance, menschlicher rüberzukommen.

Akustik überprüfen

Der Raum vermittelt sich auch durch seine Akustik. Diese wird zu oft vernachlässigt. Typisch sind die Präsentationen aus großen Räumen mit viel Nachhall. Schon ein Zimmer mit nackten Wänden kann ausreichen, dass die gesprochene Sprache zu sehr hallt. Problematisch sind immer Live-Übertragungen oder Aufzeichnungen aus hohen Räumen, etwa Kirchen, Konzerthallen oder Eingangshallen zu großen Gebäuden. Da muss dafür gesorgt werden, dass ein Mikrofon aus der Nähe auf den Mund gerichtet ist oder mit einem Ansteck-(Richt-)Mikrofon dafür gesorgt wird, dass der Hall nicht stört.

Die Übertragung von Gottesdiensten durch öffentliche Fernsehanstalten kann demonstrieren, dass es möglich ist, den Raumeindruck zu wahren und die Sprache dennoch verständlich zu übertragen. Unter Corona-Bedingungen konnten viele Kirchengemeinden ihre Gottesdienste nur online mit der Gemeinde zusammen feiern. Nebst der Pfarrerin nahmen in der Kirche nur noch einige wenige Personen teil, die den Raum nicht füllen konnten. Das bedeutete schon deshalb einen stärkeren Hall als gewohnt, weil normalerweise die Kirchgänger die Töne zum Teil absorbieren. Erschwert wurde die Prozedur noch dadurch, dass die Verstärkeranlage der Kirche selbst während der Übertragung oder Aufzeichnung ausgeschaltet bleiben musste. Ansonsten hätte das (notwendige) separate Mikrofon noch weitere Schallquellen – die Lautsprecher – aufgenommen. (Zu einem Vergleich laden die Aufnahmen aus der Stiftskirche Tübingen57 und der Stiftskirche Beutelsbach58 und von Heilig Abend 2020 ein. Den Tübinger Wortbeiträgen ist schwer zu folgen, weil offensichtlich keine Anstrengung gemacht wurde, die Akustik zu überprüfen; die Beutelsbacher sind sehr gut zu verstehen, sie arbeiten mit 14 Mikrofonen für Prediger, Lektorin und Musizierende.)

Generell ist die Investition in ein separates Redner-Mikrofon in jedem Fall zu empfehlen – auch dann, wenn keine weitere Technik als ein Notebook oder Tablet mit eingebauter Kamera verwendet wird. Das Mikrofon ist damit nicht Teil des Computers und übernimmt keine Erschütterungen, die sich ergeben, wenn auf diesem getippt wird.

Den Bildausschnitt wählen

Wer nur mit dem Laptop arbeitet, sitzt in der Regel etwa 50 cm von der eingebauten Kamera entfernt und präsentiert sich dem Zuschauer in einer Nahaufnahme, die vom Kopf bis knapp unterhalb der Schultern reicht. Wie schon aus bisherigen Beispielen deutlich wurde, bringt es viele Vorteile, wenn die Kamera etwas weiter entfernt ist. Sie zeigt dann zumindest den gesamten Oberkörper und die Arme. Damit werden Gesten und andere Aktionen sichtbar. Zudem fällt es dann leichter, eine bedeutsame Umgebung zu schaffen: Man sieht die Rednerin an ihrem Arbeitsplatz oder im Gebäude eines Kunden usw. Es erleichtert überdies den Blick in die Kamera: Der Blickkontakt braucht nicht so präzise zu sein wie aus unmittelbarer Nähe.

Auch der Kopf braucht Raum. Wenn der obere Bildrand zu nah am Kopf verläuft, kann der Rahmen beengend wirken. Als beste Position für die Augen gilt eine waagerechte Linie, die den Bildschirm im Verhältnis 2:1 teilt („Drittel-Regel“).

Licht setzen

Gutes Licht setzen zu können, ist eine Kunst. Allzu schlechtes Licht zu verhindern, ist jedoch nicht schwer. Zu viele Präsentationen werden im Gegenlicht aufgenommen – vor dem Fenster oder vor einer Stehlampe –, so dass die Gesichtszüge in einem flauen Schatten verschwinden. Ein Licht von vorne – und wenn es das Fenster ist – zeigt das Gesicht auf jeden Fall deutlicher. Plastischer wird die Darstellung durch eine weitere Lichtquelle im Hintergrund. – Das alles kann hier nur angedeutet werden. Viele Tipps zum Thema Porträt finden sich im Internet auf Blogs von Foto- und Film-Profis.

Die Perspektive überprüfen

In der Regel befindet sich die Kamera ungefähr auf Augenhöhe. In einzelnen Ratgebern heißt es, dass sie etwas tiefer positioniert sein müsse, andere empfehlen einen etwas höheren Standpunkt. Wer nach einem sicheren Tipp googelt, wird garantiert beide Meinungen finden. Die einzige gangbare Lösung ist: ausprobieren. Auf jeden Fall sollte man es nicht dabei bewenden lassen, das Laptop aufzuklappen, wo es sich gerade befindet, und ohne vorherige Kontrolle loszulegen.

Vorsicht bei der Präsentation aus zu großer Nähe! Dies gilt besonders für improvisierte Auftritte mit dem Handy. Man hält das Smartphone in der Hand und übernimmt den Ausschnitt, der bei einer Armlänge Abstand entsteht. Das Resultat im schlimmsten Fall: Eine Aufnahme aus größter Nähe von unten, auf der weder die Schultern noch der ganze Kopf Platz haben.

Damit entsteht leicht ein zu nahes, zu persönliches, zu intimes Porträt. Die Erfahrung zeigt, dass dies auch dann nicht automatisch behoben ist, wenn man das Smartphone in ein Regal stellt; denn das übliche Format (hochkant) verleitet auch zu einem stark beengenden Ausschnitt.


11 | Präsentation mit Smartphone aus größerer Entfernung.


12 | Präsentation mit Smartphone nah.

Deshalb ist es gerade bei der Verwendung des alltäglichen Kommunikationsmittels wichtig, sich rechtzeitig zu erinnern: Das wird ein öffentlicher Auftritt.

Durch Bewegung den Raum erlebbar machen

Zur Raumgestaltung gehört die Bewegung der Rednerin im Raum. Wenn sie zum Beispiel mittendrin aufsteht und ein Buch aus dem Regal nimmt, kann dies demonstrieren: Ich bin in meinem Zimmer und nutze die Dinge darin. Oder aber es demonstriert: Ich habe nicht genügend Platz, muss mich verrenken und weiß nicht, wie ich dabei in die Kamera schauen soll.

Derartige Bewegungen können in einem Präsenzvortrag auch klappen, wenn man sie improvisiert, aber online funktioniert es besser, wenn es einmal geprobt wurde. Die Probe zeigt, ob die Platzverhältnisse die Aktion überhaupt möglich machen, wie die Gegenstände platziert sein müssen, wie Kamera und Mikrofon gerichtet sein sollen usw.

Hier, wie in vielen anderen Fällen, erleichtert man sich die Aufgabe, wenn die Kamera von Anfang an weiter entfernt ist und einen größeren Ausschnitt zeigt. Das ergibt zwar nicht die befriedigendste Einstellung, aber es ermöglicht eine natürliche Bewegung vor der Kamera.

Requisiten einsetzen

Wer Requisiten benutzt, nutzt ganz selbstverständlich die dreidimensionale Qualität des Raums. Wenn der Held der Steine Thomas Panke ein neues Produkt präsentiert, nimmt er zuerst die Schachtel in die Hand und zeigt sie mit all ihren Besonderheiten.59 Das ergibt automatisch eine Bewegung zur Kamera hin, der Raum wird genutzt und ist dadurch erfahrbar.

In den Kapiteln zum Medieneinsatz werden wir nochmals darauf eingehen, dass die Verwendung von physischen Gegenständen die Körpersprache belebt. Eine Online-Präsentation wird dadurch, dass Dinge, die in die Hand genommen werden, viel dynamischer, als wenn dieselben Bildinformationen digital präsentiert werden.

Orte und Gegenstände einbeziehen und ansprechen

Alles, was im Bild zu sehen ist, kann früher oder später Fragen aufwerfen. Dies betrifft zunächst den Raum an sich. Wenn sich nicht von selbst erklärt, wo die Rede gehalten wird, sollte der Ort kurz angesprochen werden. Wenn die Kamera eine ungewöhnliche Einzelheit erfasst, sollte diese ebenfalls erwähnt werden. Die Micky-Maus-Figur auf dem Schreibtisch will vorgestellt werden oder sie sollte vor der Aufnahme verschwinden. Dies gilt auch für das schwere Gerät, das in der Ecke steht, weil es im nächsten Vortrag benutzt wird und nicht ständig bewegt werden kann. Wenn genau dies einmal gesagt ist, kann das Publikum es abhaken. Auch Medieneinrichtungen, etwa ein sichtbarer Bildschirm oder eine Wandtafel, wecken Erwartungen. Eigentlich haben auch sie im Bild nichts zu suchen, wenn sie nicht benutzt werden.

Den Raum einbeziehen

»einen Standort oder Sitzplatz wählen, der Bewegungsfreiheit erlaubt

»Requisiten verwenden

»auf Orte und Gegenstände im Raum verweisen

»eine Beziehung zwischen Thema und Raum herstellen

Nebengeräusche thematisieren

Wer einen Vortrag live hält oder aufnimmt, läuft immer Gefahr, dass Nebengeräusche die Aufmerksamkeit ablenken. In vielen Fälle, ist das für die Ohren der Person, die präsentiert, ein gewohnter Teil ihrer Umgebung. Sie hat sich längst daran gewöhnt wie die Dozentin der Online-Gynäkologie-Vorlesung, die kürzlich in unserer Wohnung lief. Die Rede wurde regelmäßig von einem kurzen, hohen Piepen untermalt. Zuerst piepte es nur alle halben Minuten, unangenehm, aber nicht zu schlimm. Wir dachten an ein Gerät, das im Hintergrund lief. Aber im Verlauf der anderthalbstündigen Vorlesung nahm die Frequenz zu. Schließlich war es ein Pieps alle 1,7 Sekunden, und es wurde deutlich: Das war ein Kanarienvogel, und nach der Lautstärke zu urteilen befand er sich im selben Büro wie die Dozentin. Diese hatte sich offenbar schon längst an diese tierische Untermalung ihres Alltags gewöhnt. Aber für Außenstehende, die die komplexen Zusammenhänge der Vorlesung verstehen wollten, ergab dies eine unnötige zusätzliche Konzentrationsübung. Zumindest wäre in einem solchen Fall eine Erklärung für die Störung zu erwarten – etwa so: „Ihr hört im Hintergrund meinen Hansi; ich kann nicht dozieren, ohne ihn in der Nähe zu wissen.“

Die Autodoktoren machen das auf ihrem YouTube-Kanal besser. Sie tun zu Beginn einen Blick durch das Tor hinaus in den Hof.60 Es geht eigentlich um die Reparatur eines Seat-Motors. Aber im Hof sind drei Männer am Reparieren des Teerbelags. Das kann laut werden, und deshalb wird vorsorglich daraufhingewiesen. Weil damit auch eine Kamerafahrt über zehn Meter verbunden ist, macht dieser kurze Exkurs die Werkstatt begeh- oder vielmehr erfahrbar, und es ist viel für die Raumkommunikation getan.

Zwischenfälle positiv nutzen

Genauso wie in der Präsenzveranstaltung gehören Zwischenfälle dazu. Sie müssen nur, genauso wie ein Gesprächsgast, akzeptiert und eingebaut werden, indem man sie anspricht. Dass die vierjährige Tochter hereinspaziert und die Aufnahme mit einer Frage an die Mama bereichert, die gerade ihren Vortrag hält, kann nichts weiter als eine willkommene Abwechslung sein. Bedingung ist aber, dass der familiäre Kontext, in dem die Präsentation stattfindet, vorher eingeführt wurde.

Eine Videokonferenz einer britischen Parlamentskommission wurde zum viralen Hit, als der schottische Abgeordnete John Nicolson am Reden war und sich zwischen ihn und die Kamera plötzlich der buschige Schwanz eines rot-weiß getigerten Katers stellte. Ein zehn Zentimeter langes Schwanzende, das nur zehn Sekunden munter hin und her tänzelte – das reichte aus, um die Situation ins Absurde abgleiten zu lassen. Passend dazu der irritierte Satz des Politikers: „Rocco, put your tail down!“61

Es war einer der Momente, in denen es angezeigt ist, den eigenen Redefluss kurz zu unterbrechen und das Ereignis anzusprechen. Robert Willis, der Dekan von Canterbury, tat das, als während seiner Morgenandacht im Garten eine Katze auf den Teetisch neben ihm sprang und sich an der Milch gütlich tat, die da neben der Teekanne bereitstand. Er wandte sich dem Tier zu, streichelte es und sagte: „Sorry, wir haben heute Morgen einen Freund zu Besuch.“ Dann wandte er sich wieder an das Publikum und hielt Predigt ungerührt zu Ende. Ob die kurze Zwischenbemerkung alle Gläubigen zurück zum Thema gebracht hat, ist allerdings zu bezweifeln. Der „Freund“ blieb nämlich auf dem Tisch, tauchte immer wieder die Pfote ins Milchkännchen und verschwand erst nach weiteren vier Minuten von der Bildfläche.62 In vielen anderem Fällen aber reicht es, optische Störungen durch einfaches Ansprechen zu relativieren.

Raumnutzung online: wichtigste Fragen

»Wird klar, wo sich die Rednerin befindet?

»Werden Details vermieden, die unnötige Fragen aufwerfen (Bilder und Bücher im Hintergrund)?

»Ist das Licht angenehm (für Publikum und RednerIn)?

»Gibt die Kamera die Personen überzeugend wieder (Höhe, Ausschnitt, Kopffreiheit, Distanz)?

»Vorsicht bei der Präsentation aus zu großer Nähe. Dies gilt besonders für improvisierte Auftritte mit dem Handy. Das Resultat im schlimmsten Fall: Eine Aufnahme aus größter Nähe von unten, auf der weder die Schultern noch der ganze Kopf Platz haben.

»Auch bei weniger drastischen Bildausschnitten ist es wichtig, sich rechtzeitig zu sagen: Das wird ein öffentlicher Auftritt. Die Kamera kann den Redner oder die Rednerin zu nah, zu persönlich, zu intim präsentieren.

5Vertraue deiner Körpersprache!

Und was soll ich mit meinen Händen tun? – Eine berechtigte Frage. Wer sie in YouTube eingibt, findet Dutzende von Videos, die genau dazu anleiten: zum überzeugenden Einsatz von Armen, Händen und Fingern. So isoliert hat das aber keinen Sinn. Du konzentrierst dich auf einen Teil des Körpers und lässt den Rest außer Acht.

Deshalb ist diesem Kapitel eines über den Raum vorausgegangen: Dass ich den Raum und die Menschen darin wahrnehme, ist die Voraussetzung dafür, was ich mit meinem Körper tue. Im besten Fall entwickelt sich die Körpersprache von selbst, aus der Interaktion mit Raum und Publikum. Voraussetzung ist die zielgerichtete Bewegung durch den Raum und ein sicherer Stand. In praktischen Kursen hat es sich bewährt, die Menschen genau dazu anzuleiten und zu versichern, dass sich eine Körpersprache, die zu ihnen passt, von selbst entwickelt, wenn sie auf beiden Füßen stehen und aus der Körpermitte heraus agieren. Deshalb beginnt der Abschnitt über Tipps zur Gestik auch mit diesem Ratschlag. Dennoch ist es wichtig, die Möglichkeiten zu kennen, die einem Blickkontakt, Mimik und Gestik eröffnen. Dies sollen die folgenden Abschnitte zeigen. Sie sollen dabei helfen, die nonverbalen Mittel zielgerichteter einzusetzen, ohne das Vertrauen in die eigene Körpersprache zu verlieren. Sie ist Ausdruck der Persönlichkeit und braucht deshalb nicht grundlegend revidiert zu werden. Besser als die Übernahme aufgesetzter Gesten hilft die Einsicht in das eigene nonverbale Repertoire und die Überzeugung, dass es sich mit der Bereitschaft weiterentwickelt, den Vortrag als einen Austausch mit dem Publikum zu verstehen.

Blickkontakt vor Publikum

Der erste Austausch geht über die Augen. Man kann das natürlich auch vermeiden und „guten Tag“ murmeln, während man vor sich herunter auf die eigenen Fußspitzen schaut. Aber damit ist niemandem geholfen. Deshalb war es so wichtig, sich schon beim Betreten des Raums umzusehen. Das macht den Kontakt leichter. Und jetzt hat die Rednerin ihre Redeposition erreicht, steht auf beiden Füßen und sieht in die Runde. Menschen aus dem Publikum sehen zurück. Ihre Augen treffen sich. Blickkontakt zwischen Menschen ist über Jahrzehnte immer wieder erforscht worden. So ist längst gesichert (und wird niemanden überraschen), dass Referenten, die kontinuierlichen Blickkontakt mit ihrem Publikum haben, besser ankommen. Ihnen wird mehr Glaubwürdigkeit zugeschrieben,63 man lässt sich von ihnen eher überzeugen.64 Das ist auch der Grund dafür, dass Teleprompter nicht nur im Fernsehen und Online, sondern auch bei großen politischen Veranstaltungen eingesetzt werden, mit den entsprechenden positiven und negativen Resultaten.

Wie geht Blickkontakt mit einer Gruppe?

In der direkten Begegnung zweier Menschen ist es eine relativ klare Sache. Zwar werden die Augen des Gegenübers nicht starr fixiert. Vielmehr werden neben den Augen verschiedene weitere Partien des Gesichts in kurzer Folge gescannt. Dennoch unterscheidet der Gesprächspartner sehr klar, ob er das als Blickkontakt wahrnimmt oder ob der andere an ihm vorbeisieht.65 Ja, es scheint, dass wir sogar unwillkürlich spüren, wenn uns ein Gesprächspartner in die Augen sieht, aber in Gedanken ganz woanders ist („Die Augen sind auf dich gerichtet, aber in Gedanken ist er auf Hawaii am Strand.“66)

Blickkontakt für Anfänger

Blickkontakt fällt nicht allen leicht. Manch einer hat den Eindruck, als einziger Introvertierter unter lauter Extravertierten zu leben, die alle so tun, als ob Blickkontakt kein Problem sei. Wenn man zusätzlich eine Sehbehinderung hat, wird das noch schwieriger. Ich selbst sehe von Kindesbeinen an doppelt. Was soll ich mit den vier Augen meines Gegenübers anfangen?

Mir hat im Alltag nur der Trick geholfen, dass ich Gesprächspartnern zwischen die Augen sehe, also auf die Nasenwurzel. Das ist eine viel gescholtene Technik;67 aber damit war ein für alle Mal die Frage vom Tisch, ob ich mich aufs linke oder aufs rechte Augenpaar konzentrieren soll.

In der Interaktion von Redner und Publikum dagegen ist die Sache etwas anders. Man kann nicht allen Menschen gleichzeitig in die Augen sehen. Aber die Erfahrung zeigt: die Gruppe fühlt sich dennoch angesprochen, wenn man eine einzelne Person ansieht. (Wer dagegen versucht, den Blick über die Gruppe schweifen zu lassen, wirkt eher unpersönlich.) Es ist dabei ohne weiteres möglich, sich einen Menschen herauszusuchen, bei dem dies leichtfällt, weil er nett dreinblickt (auch wenn der Schein trügt und oft die missmutigsten Zuhörenden am aufmerksamsten sind). Die Distanz ist in den meisten Fällen so groß, dass die Menschen im Umkreis der anvisierten Person noch erfasst werden und sich zumindest mitgemeint fühlen.

Blickkontakt wechseln

Je größer das Auditorium, desto wichtiger ist die Einteilung in Sektoren und der bewusste Wechsel des Blickkontakts. Drei Sektoren sind für einen Saal von 100 Personen ein guter Richtwert (vgl. auch Kapitel 3). Wenn der Saal größer ist oder die Zuschauerreihen ansteigen, ist es notwendig, auch zwischen näheren und entfernteren Gruppen abzuwechseln.

Ein Gefühl für die Weite dieses Sektors bekommt man natürlich nicht durch geometrische Verfahren. Empfehlenswert ist der Selbstversuch: die Umsetzung der eigenen Erfahrung als ZuhörerIn.

Für den Rhythmus des Blickwechsels sind auch Beobachtungen im Alltag hilfreich: Man findet sich im Gespräch mit einer kleinen Gruppe von Freunden, und einer der Anwesenden wirkt besonders präsent, als ob er den anderen viel stärker zugewandt wäre. Diese Person, so scheint es, bezieht bei längeren Wortmeldungen alle anderen ein. Dabei wendet sie sich zwar an einen Hauptadressaten, richtet aber gelegentlich ohne Hast den Blick auch auf jemand anders. Nonverbal bekommt jeder das Signal: Ich bin noch bei euch, seid ihr auch noch bei mir? Genau dies bewirkt auch ein Wechsel der Blickrichtung im Vortrag.

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