Kitabı oku: «Onkel Ali & Co. - Meine Multikulti-Straße»

Yazı tipi:

Jürgen Bertram
Onkel Ali & Co.
Meine Multikulti-Straße

Mit »Protokollen« von

Helga Bertram

Saga

Vorwort

Braucht mein Auto neues Öl, bedient mich der algerische Tankwart. Die Rosen zum Geburtstag kaufe ich beim pakistanischen Blumenhändler, das Obst und das Gemüse beim Türken gleich nebenan, den Rollmops und den Heringssalat beim Fischhöker aus Vietnam.

Meinen Schoppen am Abend lasse ich mir in der griechischen Schenke kredenzen. Will ich meinen Gästen einen besonderen Tropfen bieten, berät mich der Weingrossist aus Chile. Und zu den Polizisten, die in meinem Viertel Streife gehen, gehören ein bosnischer und ein kurdischer Beamter.

Man sieht: das Prinzip Multikulti, das so mancher Politiker bereits für gescheitert hält, gehört zur alltäglichen Praxis in meiner ganz normalen Straße. Sie liegt im Hamburger Durchschnittsbezirk Eimsbüttel, ist etwa einen Kilometer lang und nach dem hanseatischen Heimatdichter Gustav Falke benannt.

So selbstverständlich leben in der Gustav-Falke-Straße Menschen mit dem unterschiedlichsten kulturellen Hintergrund zusammen, dass vor allem die Bürger mit nichtdeutschen Wurzeln eines der am meisten verkauften Bücher der vergangenen Jahrzehnte, nämlich Thilo Sarrazins Traktat »Deutschland schafft sich ab«, als Beleidigung empfinden.

Niemand von ihnen bestreitet, dass es in der Bundesrepublik islamische Eltern gibt, die ihre Töchter zur Heirat zwingen, oder libanesische Gangs in den Problemvierteln Berlins ganze Häuserblocks kontrollieren, dass der frühere Finanzsenator und Bundesbanker also punktuell richtig liegen mag mit seinen Befunden. Was sie aber in Rage bringt, ist die bereits in dem provokanten Titel anklingende und vom Stammtisch gierig aufgegriffene Behauptung, es handele sich um eine allgemeine, mithin existenzielle Gefahr.

Für mich, den nach 13 Korrespondenten-Jahren in Asien ins Herz von Hamburg zurückgekehrten Journalisten, war die Aufregung um dieses Buch eine Anregung – mich nämlich mit der Frage zu beschäftigen, welchen Einfluss Bürger mit einem »Migrationshintergrund« auf das gesellschaftliche Leben in meinem Quartier ausüben und was sie auf sich nahmen, als sie ihre Heimat aus ökonomischen oder politischen Gründen verließen. Menschen, mit denen mich bisher ein Hallo-wie-geht’s-Verhältnis verband, lernte ich bei meinen Recherchen also endlich kennen.

Da die Straße, in der ich wohne, auch in den unauffälligeren Bezirken von Berlin, Frankfurt, Köln oder Hannover liegen könnte, sind meine Erfahrungen, wie ich glaube, repräsentativer als Thilo Sarrazins Thesen. Aufklärung, aber keine Verklärung – so lautet das Ziel meines Spaziergangs durch die Kulturen, zu dem ich den Leser einlade.

Dass ich mich nicht auf die von Thilo Sarrazin fokussierten Familien mit islamischem Hintergrund beschränke, hat einen einfachen Grund: Auch die Chilenen oder Griechen in meiner Umgebung empfinden sein Buch als Rundumschlag gegen »die Ausländer«. In einigen Fällen erzählen die Protagonisten ihre Geschichte in der Ich-Form. »Protokolle« nennt man diese literarische Variante, die aus den Extrakten langer Interviews besteht. Meine Frau Helga Bertram hat sie aus Tonbandaufzeichnungen zusammengestellt.

Hamburg, im Herbst 2011

Jürgen Bertram

I Eine anatolische Saga

1 »Hier bin ich, Mölln!«
Hüseyins Traum

Wovon träumt ein Hirte, der auf den Höhen Ostanatoliens für einen Hungerlohn Schafe hütet? Von einem Trecker träumt er, von einem dieser bulligen Gefährte, die, den Pflug im Schlepp und in eine Wolke aus Staub gehüllt, unten im Tale des Euphrat über die Äcker tuckern. Wie Musik, Zukunftsmusik, klingt das monotone Geräusch der Maschine in seinen Ohren. Denn einen Trecker zu besitzen, bedeutet: sein eigener Herr sein.

Aber wer sich Ende der sechziger Jahre selbständig machen will in dem Provinznest Erzincan, der muss seiner türkischen Heimat erst einmal den Rücken kehren und sich in das ferne Land begeben, in dem die Schlote rauchen, die jungen Frauen Minirock tragen und die Studenten einen Revolutionär namens Ho Chi Minh hochleben lassen.

Von Erzincan juckelt der Sohn, Ehemann, Bruder, Vater und Onkel mit dem Bus ins knapp zweitausend Kilometer entfernte Istanbul. Dort steigt er in den Zug nach München und anschließend in den nach Hamburg. Mit dem Lastwagen geht es noch einmal in Richtung Norden.

Vier Tage und vier Nächte dauert die Reise in die kleine Stadt in Schleswig-Holstein, in die eine Agentur in Istanbul den anatolischen Gastarbeiter vermittelte und für deren Finanzierung er sich bei seiner Verwandtschaft hoch verschuldete. Hier bin ich, Mölln! Ich, der Hirte Hüseyin Yldirim aus Erzincan – Ende zwanzig, acht Geschwister, drei Kinder, fünf Jahre Grundschule, kein Wort Deutsch, nichts gelernt, aber strotzend vor Kraft, Arbeitskraft.

Am liebsten würde sich Hüseyin Yldirim gleich nach seiner Ankunft, einem Freitag im Frühling, seinen Platz in der Gießerei ansehen, die ihn für zunächst zwei Jahre unter Vertrag nimmt. Aber der Betrieb ruht. Wie? Freitags arbeiten die Deutschen nicht? Hieß es in der Türkei nicht, sie seien so fleißig? Am Montag darauf regt sich immer noch nichts in der Firma. Und auch die Bäckereien, die er, mit seinen zwanzig Mark Begrüßungsgeld in der Tasche, in der Fußgängerzone des Kurortes abklappert, bleiben geschlossen. Was der Moslem nicht weiß: In der Bundesrepublik begeht man gerade eines der wichtigsten christlichen Feste. Von Karfreitag bis Ostermontag dauert es.

So häufig hat der Hirte, der auszog, um sich in Deutschland den Traum vom eigenen Trecker zu erfüllen, seiner Tochter Fetiye über seine ersten Tage in Mölln berichtet, dass es ihr nicht schwer fällt, uns die Geschichte bei türkischem Gebäck und Tee in allen Einzelheiten weiter zu erzählen. Fetiye gehört zu unseren Nachbarn in der Gustav-Falke-Straße in Hamburg-Eimsbüttel, einem Bezirk, der weder zu den sozialen Brennpunkten noch zu den Flaniermeilen der Schickeria gehört. In der gesellschaftlichen Mitte ankert er.

Mit ihrer Liebe zum Detail erweist sich unsere Nachbarin vom Haus Nummer 10 als Glücksfall für die Erkundungen in unserer Straße und ihrer unmittelbaren Umgebung. Denn vor allem im Alltag, in den Irritationen und Frustrationen, Erfolgen und Misserfolgen, Brüchen und Durchbrüchen, spiegelt sich eine Migranten-Existenz und nicht in Statistiken, Verordnungen oder gar biologistischen Thesen.

Am Dienstag nach Ostern wird also wieder gearbeitet in der Möllner Gießerei. Und als seine deutschen Kollegen ihm »Mahlzeit« zurufen, bedeutet das für den Arbeiter aus dem Osten Anatoliens: Endlich gibt’s wieder etwas Handfestes zu essen. Aber was ist das für Fleisch, das in der kleinen Kantine serviert wird? Lamm? Huhn? Kalb? Es könnte, da sich eine undefinierbare Masse auf dem Teller häuft, auch Schweinefleisch dabei sein. Und Allah, der Gott und Richter am Jüngsten Tag, verbietet dessen Genuss. Also: Finger davon lassen! »In seiner ersten Woche in Mölln«, berichtet Fetiye, die Tochter, »hat mein Vater aus Angst, er könnte gegen den Koran verstoßen, fast nur Brot gegessen – Brot und manchmal ein Ei dazu.«

Mit seiner Unterkunft, einem Raum mit sechs Betten, kommt der ostanatolische Gastarbeiter besser klar. Weil er mit leichtem Gepäck anreiste, benötigt er nicht viel Platz. »Sein Koffer«, erzählt seine Tochter, »war so klein, dass er gerade für ein wenig Proviant und die Unterwäsche ausreichte. Die Hose, die mein Vater an hatte, war die einzige, die er besaß. Und seine beiden einzigen Hemden trug er übereinander am Körper. Es herrschte eben extreme Armut bei uns auf dem Land.«

Zwischen fünfzig und sechzig Mark in der Woche zahlt die Gießerei ihrem türkischen Mitarbeiter. Das ist eine Menge Geld für einen Hirten, der vor seinem Aufbruch nach Deutschland heiratete und einen Sohn und zwei Töchter zu versorgen hat. Eines der Mädchen ist Fetiye, unsere heutige Nachbarin. Für sich selbst gibt Hüseyin Yldirim so gut wie nichts aus in Mölln. Umso mehr schmerzt es ihn, dass für jede Nutzung des gemeinschaftlichen Waschraums eine Mark fällig wird. Seine Überweisungen in die Türkei beschränkt er auf wenige Male im Jahr. Auf diese Weise reduziert er die Gebühren auf ein Minimum.

Die Nachrichten, die Hüseyin Yldirim aus der Heimat erreichen, werden immer dramatischer. Zunächst stirbt sein kleiner Sohn an einer Lungenentzündung. Ihm folgt die jüngere der beiden Töchter – plötzlicher Herztod. Und dann lässt sich seine Mutter, die weder lesen noch schreiben kann, einen Brief aufsetzen, in dem sie verkündet, dass auch Fetiye, die mittlere Tochter, immer kränker werde und kaum Überlebenschancen habe. In der Nachbarschaft raune man schon: eine Mutter, die so schwache Kinder zur Welt bringt, taugt wohl nichts. Der Brief schließt mit einem Hilferuf: Komm nach Erzincan! Komm sofort.

Als der Vater in seiner Heimat eintrifft, ist die kranke Tochter anderthalb Jahre alt – und, wie man ihr später berichtet, »schon halbtot«. Was ihrem Körper so zusetzt, weiß man nicht. In der medizinisch unterversorgten ostanatolischen Provinz hat der sozialdarwinistische Lehrsatz damals eine erschreckende Gültigkeit: Weil du arm bist, musst du früher sterben. Doch der frühere Hirte ersinnt einen Ausweg: eine Behandlung in Deutschland. Also verfügt der Patriarch vor seiner Rückreise: Fetiye kommt mit!

Den Traum vom eigenen Trecker gibt Hüseyin Yldirim keineswegs auf. Aber nun rückt erst einmal das schwerkranke Mädchen in den Mittelpunkt seiner Gedanken und Aktivitäten. Von einem türkischen Freund weiß er, dass die Bundesbahn in Hamburg dringend Personal für die Reinigung von Gleisen und Waggons sucht, und da es im Stadtteil Eppendorf ein bestens ausgestattetes Universitätskrankenhaus gibt, wechselt er den Arbeitgeber und den Wohnsitz. Im Zentrum der Hansestadt mietet er eine Einzimmer-Behausung. Im UKE, einem der renommiertesten Hospitäler der Bundesrepublik, stellen die Ärzte bei seiner Tochter endlich eine Diagnose: verschleppte Kinderlähmung. Acht, höchstens neun Monate war sie alt, als der erste Schub sie heimsuchte.

Jeden Tag besucht der Vater das Mädchen im UKE. Im Sommer 1971 kommt auch die Mutter nach Hamburg. Sie verdingt sich zunächst als Hilfskraft in einer Fischfabrik und später in einer Bäckerei. Im Leben der Tochter Fetiye, der in der ostanatolischen Heimat das Schicksal ihrer beiden Geschwister drohte, ist dieser Sommer ein Wendepunkt.

2 »Das Mädchen gehört aufs Gymnasium«
Fetiyes Aufstieg

Wie gut, dass es Fatma gibt. Fatma, benannt nach der jüngsten Tochter des Propheten Mohammed, ist zwanzig Jahre alt und gehört zu den Nachbarn der Familie Yldirim. Da auch sie unter einer Körperbehinderung leidet, die sie ans Haus bindet, hat sie genügend Zeit, sich gegen einen kleinen Lohn um die physisch und psychisch noch immer angeschlagene Fetiye zu kümmern. Deren Eltern, die ja beide arbeiten, nimmt sie damit eine große Last ab.

Die Existenz der jungen Frau bekommt durch die neue Aufgabe einen Sinn, und Fetiye geht es unter ihren Fittichen von Tag zu Tag besser. In einem Quartier direkt über dem Hamburger Obdachlosenasyl »Pik As« findet sich eine anrührende Schicksalsgemeinschaft, der auch jener kämpferische Pragmatismus innewohnt, den man sich in Überlebensgesellschaften aneignet und ohne den Behinderte ihren Alltag kaum meistern könnten.

Als Fetiye einen Bruder bekommt, ihre Familie also auf vier Personen anwächst, wird es zu eng in der Einzimmerwohnung. Diesmal ist es zunächst der Hamburger Kinderarzt, der die Initiative ergreift. Er schaltet eine städtische Sozialberaterin ein, die prompt eine größere Wohnung besorgt. »Zweieinhalb Zimmer«, schwärmt Fetiye noch heute, »das war für uns Luxus pur. Traurig war nur, dass wir unsere Fatma zurücklassen mussten.«

Auf jeden Fall werden sich Fetiyes Eltern so ganz allmählich eines der größten gesellschaftlichen Unterschiede zwischen ihrer alten und ihrer zweiten Heimat bewusst. Im Tale des Euphrat war es ausschließlich der Familienclan, der, wenn auch mehr schlecht als recht, für eine Absicherung sorgte. Im Sozialstaat Deutschland aber kann man sich, ohne sich als Bettler fühlen zu müssen, auch an eine Amtsperson wenden, wenn man Unterstützung benötigt. »Vor allem mein Vater«, erinnert sich unsere Nachbarin, »hat lange gebraucht, um dieses Prinzip zu begreifen. Und dass man seine Söhne und Töchter sogar für wenig Geld in einem Kindergarten unterbringen kann, hat er überhaupt nicht gewusst. Ich glaube, er war lange Zeit auch zu stolz, um staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.«

Auch Fetiye weiß, dass es nicht nur deutsche, sondern auch aus dem Ausland stammende Familien gibt, die den Sozialstaat durch ihre Raff-und-Schlaff-Mentalität in Gefahr bringen und sich damit unsolidarisch gegenüber den wirklich Bedürftigen verhalten. Aber das Beispiel ihrer eigenen Familie repräsentiert, wie mir mit dieser Materie vertraute Beobachter versichern, eine Mehrheit und nicht, wie man an manchen Stammtischen glaubt, die Ausnahme.

Statt sie der Obhut von Erzieherinnen anzuvertrauen, also für einige Stunden außer Haus zu geben, sinnt Fetiyes Vater darüber nach, wie seine Tochter und ihr kleiner Bruder am sichersten in der neuen, im vierten Stock gelegenen Wohnung aufgehoben sind, während die Eltern ihrer Arbeit nachgehen. Die Eisenstäbe, die er im Sperrmüll findet, bringt er in so dichten Reihen vor den Fenstern an, dass seine Kinder nicht hindurchschlüpfen können. Die Wohnungstüren verriegelt er. »Als die Sozialarbeiterin das entdeckte«, berichtet Fetiye, »bekam sie einen Schock. Sie sagte: ›Das ist ja wie im Gefängnis.‹ Sie sorgte dann dafür, dass wir endlich in den Kindergarten kamen. Wir wunderten uns, dass es da sogar was zu essen gab.«

»Und wie war das mit der Schule? Irgendwann mussten Sie und Ihr Bruder ja auch eingeschult werden ...«

»Ja, ja – das war meinen Eltern durchaus klar. Aber sie wussten nicht, wie man das anstellt. Da haben sie uns einfach Schultüten verpasst und uns zum nächsten Schulgebäude geschickt. Wir sind tatsächlich losmarschiert und haben uns zu den anderen Kindern gestellt. Alle wurden aufgerufen – nur wir nicht. Der Rektor hat gefragt: ›Was wollt ihr denn hier?‹ – ›Lernen‹, habe ich geantwortet. ›Aber ihr seid nicht angemeldet‹, hat der Rektor gesagt und uns weitergeschickt.«

Wo immer Fetiye und ihr Bruder auch um Einlass bitten – man kann nichts anfangen mit ihnen. Als sie am Ende ihrer kafkaesken Suche keinen Ton mehr herausbringen, weist man ihnen Plätze in einer Sonderschule zu. Allmählich überwinden die beiden ihre Scheu – und es stellt sich heraus, dass sie viel zu intelligent sind für das Untergeschoss des deutschen Bildungswesens. Durch die ständigen Besuche in der Arztpraxis und bei Behörden hat zum Beispiel Fetiye bereits so gut Deutsch gelernt, dass die Sozialberaterin den Eltern rät, das Kind nach den ersten Grundschuljahren auf eine höhere Schule zu schicken.

Gut, sagt der Vater: Dann geht sie eben auf die Realschule. Die liegt in unmittelbarer Nähe zu unserer Wohnung in der Neustadt. Also hat Fetiye es mit ihrer Gehbehinderung nicht so schwer. Und auch für uns Eltern ist das die günstigste Lösung. Nein, sagt die Sozialberaterin: Das Mädchen gehört aufs Gymnasium. Und ich fahre Fetiye jeden Tag mit meinem Auto dorthin und hole sie nach dem Unterricht wieder ab.

Als eine deutsche Mitschülerin sie zu sich nach Hause einlädt, empfindet Fetiye das als einen »ganz großen Moment«. Und auch die Überraschung, die sie während des Besuchs erlebt, wird sie nie vergessen. »Da ratterte in der Küche so ein merkwürdiges Ding. Ich fragte: ›Was ist denn das?‹ – ›Eine Waschmaschine‹, antwortete meine Freundin. Zu Hause habe ich das sofort meiner Mutter erzählt. Sie wusch ja die Wäsche der gesamten Familie noch mit der Hand – auch die schietigen Arbeitsklamotten meines Vaters. Irgendwann hatte sie keine Fingernägel mehr. Wir haben uns dann in einem Laden informiert, was eine Waschmaschine alles kann und was sie kostet. Aber mein Vater hat sich zunächst gegen einen Kauf gesträubt, weil er ja ständig an seinen Trecker dachte. Aber am Ende hat er sich doch überreden lassen.«

»Und das war’s dann endgültig mit dem Trecker?«

»Keineswegs. Es wurde weiter eisern gespart, kein Pfennig zu viel ausgegeben. Auch ein Telefon kam bei uns nicht ins Haus. Das war viel zu teuer. Wenn man aber mal mit der Tante in der Türkei sprechen wollte, dann lief das so ab: Man ging zum großen Postamt am Hauptbahnhof und meldete ein Gespräch nach Erzincan an, wo es in jeder Straße aber nur ein öffentliches Telefon gab. Meldete sich jemand am anderen Ende der Leitung, dann bat man, die Tante zu informieren, sie möge am nächsten Tag zu einer bestimmten Zeit für einen Anruf parat stehen. Dieses Gespräch verlief dann im Stakkato, in abgehackten Sätzen. Für irgendwelche Plaudereien blieb keine Zeit. Fünf Mark für ein Gespräch waren das absolute Limit. Mehr Geld nahm man gar nicht erst mit.«

Das Kommunikationszentrum der in Hamburg lebenden Türken ist damals wie heute die Wandelhalle des Hauptbahnhofs. »Wer geheiratet hat, wer gestorben ist ... Was in der Heimat passierte, das erfuhr man in dieser Halle. Es war auch ganz normal, dass man einem Wildfremden tausend Mark in die Hand drückte und ihn bat, das Geld irgendwo in der Türkei abzugeben. Ich habe nie gehört, dass etwas weggekommen ist.«

Als Fetiyes Familie um eine weitere Tochter wächst, teilen sich die Mädchen einen Schlafraum, und der Bruder zieht aufs Sofa um. Da die Mutter auch am Wochenende in ihrer Bäckerei arbeitet und der Vater bei der Bahn keine Sonderschicht auslässt, brauchen die Yldirims dringend jemanden, der ihren Alltag managt. Der Kinderarzt, wegen seiner medizinischen Fähigkeiten und seiner außerdienstlichen Fürsorge eine Respektsperson bei den Yldirims, ernennt Fetiye zum Boss. Sie füllt die Anträge aus, kümmert sich um ihre Geschwister, disponiert die Essensvorräte.

»Hat sich Ihr Vater, der ja aus der tiefen anatolischen Provinz stammt, gegen diesen Rollentausch gewehrt?«

»Nein, überhaupt nicht. Unsere Familie gehört der islamischen Reformgemeinde der Alewiten an. Und zu deren Zielen gehört die Förderung der Frauen. Auch die Bildung spielt bei den Alewiten eine zentrale Rolle.«

»Aber Ihre Mutter konnte doch, als sie die Türkei verließ, weder lesen noch schreiben ...«

»Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass die Familien im bitterarmen Osten Anatoliens viel größer sind als in Deutschland. Wenn man zehn Kinder hat, kann man meist nur ein Kind gezielt fördern. Meine Tante zum Beispiel hatte das Glück, mit Büchern aufzuwachsen. Aber natürlich sagten viele Männer im Dorf zu meinem Opa: ›Du wirst schon sehen, was du davon hast, das Mädchen etwas lernen zu lassen‹«.

Zwei neue Operationen werfen Fetiye, die erst mit sechs gehen lernte und noch immer Schwierigkeiten beim Treppensteigen hat, körperlich und seelisch und damit auch schulisch zurück. Wenn ihre Mutter sie im Krankenhaus besuchen will, verläuft sie sich ständig. »Sie kannte ja nur den kurzen Weg von unserer Wohnung bis zu ihrer Bäckerei. Aber dann hat sie ein Fahrer des Krankenhauses einmal in der Woche abgeholt. Sie blieb dann drei, vier Stunden und wurde anschließend wieder zurückgebracht. Es war ein christliches Krankenhaus. Auf diese positive Erfahrung ist wohl mein Faible für die Kirche zurückzuführen.«

Ende der siebziger Jahre, eine Dekade nach seiner Ankunft in Mölln, erfüllt sich für Fetiyes Vater endlich der Lebenstraum. Er hat nun soviel Geld beisammen, dass er sich bei einem Fachhändler vor den Toren Hamburgs einen Trecker kaufen kann. Um die Frachtkosten so gering wie möglich zu halten, schließt er sich mit einigen Landsleuten zusammen, die ebenfalls einen Traktor erworben haben. Per Sammelfracht werden die Gefährte auf eine weite Reise in die türkische Provinz geschickt. Hüseyin Yldirims Trecker erhält einen Ehrenplatz auf dem Grundstück, das sich die Familie mit den Ersparnissen ihrer in Deutschland arbeitenden Söhne und Töchter anschaffte.

Nur ein paar Jahre später erwirbt der ehemalige Hirte ein Fahrzeug, das seinen Stolz festigt. Knallrot, also nicht zu übersehen, ist der nagelneue VW-Golf, den er in bar bezahlt. »Wir gingen zur Bank«, erinnert sich seine Tochter, »und holten die 18000 Mark ab. Zu Hause zählten wir nach – und siehe da: Es waren 20000. Wir zählte und zählten. Es blieb bei 20000. ›Zieh dich wieder an‹, sagte mein Vater, ›wir bringen die 2000 Mark, die man uns zuviel ausgezahlt hat, zurück.‹ Ja, und da stand ich, das kleine Türkenmädchen, am Schalter und sagte zu dem Kassierer: ›Sie haben einen Fehler gemacht ...‹ Als ich dann die zwanzig Hundertmarkscheine hinblätterte, wusste der Mann immer noch nicht, wie ihm geschah.«

1992, ein Jahr nach ihrer Einbürgerung in Deutschland, macht Fetiye an der Hamburger Klosterschule ihr Abitur. »Ohne die Unterstützung durch ganz tolle Pädagogen, die auf meine Behinderung Rücksicht nahmen, hätte ich das nicht geschafft. Meine Lehrer für Latein und Mathematik haben manchmal Sonderschichten für mich eingelegt. Und in der Nähe des Hauptbahnhofs existierte ein Zentrum, in dem Studenten Kindern mit nichtdeutschen Wurzeln kostenlos Nachhilfeunterricht gaben.«

Im selben Jahr reist Fetiye in ihre ostanatolische Heimat und trifft dort Önder wieder, einen Spielkameraden aus ihren Kindertagen. Es ist eine schicksalhafte Begegnung.

3 »Ich liebe meinen Beruf«
Fetiye und Önder

Verliebt, verlobt ... aber auch: verheiratet? Als Fetiye und Önder verkünden, jene Gemeinschaft anzustreben, die man den Bund fürs Leben nennt, kommt plötzlich Skepsis auf im ostanatolischen Clan: Passen die 18 Jahre alte Abiturientin aus Hamburg und ihr zwei Jahre älterer Jugendfreund, der seine Heimat nie verließ, so die heiß diskutierte Frage, denn überhaupt zusammen?

Ginge es nach dem in Deutschland gängigen und auch nicht gänzlich unbegründeten Klischee, müsste Fetiyes Vater sagen: Dein Bräutigam hat eine gute schulische Ausbildung und als Besitzer einer kleinen Lederfabrik eine vielversprechende berufliche Zukunft. Also: nimm ihn! In Wahrheit aber sagt er: Als türkischer Mann wird er dich unterdrücken, an den Herd binden und die Unabhängigkeit, die du dir mühsam erkämpft hast, als Bedrohung empfinden. Also: lass es.

Es siegt – welch eine seltene Fügung – ein Bündnis aus Liebe, Pragmatismus und Einsicht. Fetiye und Önder lassen sich von der Ehe nicht abbringen, heiraten aber, aus Verbundenheit mit ihrer Heimat und im Einklang mit den traditionellen Bedürfnissen ihrer Verwandtschaft, in dem Städtchen Erzincan. Nachdem die auch von einem üppigen Mahl gespeiste Euphorie verklungen ist, analysiert der Bräutigam die Perspektive. »Fetiye«, erinnert er sich, »konnte ja kaum noch Türkisch. Und ich bekam mit, dass sie sich nicht zu Hause fühlte in dem Ort, in dem sie geboren wurde. Ich wusste, dass ich es in Deutschland schwer haben würde, aber für Fetiye wäre es unmöglich gewesen, sich in Erzincan zurechtzufinden.«

Das liegt auch an den archaischen Vorurteilen, die Fetiye bei ihrem Besuch nicht verborgen bleiben und die auch ihre Mutter bereits zu spüren bekam. »Ich merkte, dass die Menschen mich wegen meiner Behinderung als nicht vollwertig einstuften. Und ich hatte das Gefühl, dass sie von meinem physischen Zustand auf meine geistigen Fähigkeiten schlossen. Außerdem gab es genügend abschreckende Beispiele von türkischen Frauen, die in Deutschland aufgewachsen waren, nach ihrer Rückkehr in die Türkei heirateten und dort unglücklich waren. Nein: Ich wollte mich nicht sehenden Auges in einen Käfig begeben.«

Fetiye und Önder, noch ein ungleiches Paar, richten sich in Hamburg ein. Die Tochter des Hirten beginnt an der Universität der Hansestadt ein Studium der Erziehungswissenschaften. Nebenbei jobbt sie in der Verwaltung der Imbiss-Kette »Burger King«. Önder hilft, bevor auch er in dieser Firma anfängt, einem Cousin auf dem Großmarkt aus. Dabei vertieft er nicht nur seine Deutschkenntnisse, sondern lernt auch, wie man professionell mit Obst und Gemüse umgeht. Träumte sein Schwiegervater vom eigenen Trecker, so teilen Fetiye und Önder nun den Traum vom eigenen Laden.

Sich selbständig machen, gemeinsam etwas aufbauen, keinem Vorgesetzten verantwortlich sein – so stark beseelt sind auch die Eheleute aus dem Osten Anatoliens von diesem urmenschlichen, über allen Kulturen stehenden Impuls, dass die beiden die Karriere-Offerte ihres Arbeitgebers ablehnen. Stattdessen greifen sie 1994 sofort zu, als ihnen ein Verwandter anbietet, sein Geschäft im bürgerlichen Hamburger Stadtteil Alsterdorf zu übernehmen. In der multikulturell ausgerichteten Himmelstraße befindet sich der Laden.

Auf die Hilfsbereitschaft, die sie in Hamburg schon während ihrer von gesundheitlichen Rückschlägen geprägten Jugend erfuhr, kann sich Fetiye auch verlassen, als es darum geht, Studium und Beruf einigermaßen in Einklang zu bringen. So lösen sich nach der Geburt ihres Sohnes Beritan die Nachbarn in der Aufsicht des Kindes ab. »Die haben«, berichtet Fetiye, »einen regelrechten Dienstplan ausgearbeitet. Als Gegenleistung habe ich mir geduldig die Sorgen meiner Kunden angehört. Einer hat mal gesagt: ›Das geht hier zu wie in der psychotherapeutischen Praxis. Demnächst stelle ich dir eine Couch in den Laden‹.«

Die Uni, das Geschäft, das Kind – irgendwann wird die Dreifachbelastung für Fetiye trotz der nachbarschaftlichen Hilfe zu viel. Sie macht Abstriche beim Studium und verlagert ihre Forschungen auf den komplexen Alltag in ihrer Umgebung. Dabei stößt sie auch auf ein Phänomen, das zu den Schattenseiten der Absetzbewegung in Richtung Bundesrepublik gehört. »In einem der Eingänge neben unserem Geschäft flackerten auch tagsüber rote Lämpchen. Junge Frauen aus Osteuropa empfingen dort ihre männlichen Kunden. Ich habe mich oft mit diesen bildhübschen Frauen unterhalten und war erstaunt, dass sie alle einen akademischen Abschluss besaßen. Sie berichteten mir, dass sich ihre Eltern, um das Studium der Töchter finanzieren zu können, hoch verschuldet hatten und dass sie in Hamburg als Edelprostituierte in vier Monaten mehr verdienten als in Polen oder in der Ukraine in einigen Jahren. Ihren Familien haben sie erzählt, in deutschen Krankenhäusern ein Praktikum zu absolvieren.«

Nach zehn Jahren in der Himmelstraße ziehen Fetiye und Önder in den Bezirk Eimsbüttel um. Am Anfang der Gustav-Falke-Straße, unmittelbar vor dem Eingang einer belebten U-Bahn-Station, mieten sie eine frei gewordene Fläche, die sich ideal für den Verkauf von Obst, Gemüse und Getränken eignet. Auch der Kiosk mit Süßigkeiten, der Zeitungsladen und der Schnellimbiss in ihrer Nachbarschaft befinden sich in türkischer Hand. Eine deutsche Bäckerei und ein pakistanisches Blumengeschäft runden den multikulturellen Charakter der Zeile ab.

Als Fetiye 2005 ihr zweites Kind, die Tochter Belen, bekommt, nimmt die gesamte Nachbarschaft Anteil an diesem Ereignis. Die Stammkundin Ranghild Flechsig, Gustav-Falke-Straße 4, gratuliert mit einem Strampelhöschen und einer Biografie des türkischen Reformers Atatürk, für dessen Lebenswerk sich der Vater Önder besonders interessiert.

Die Oberschulrätin, die seit viereinhalb Jahrzehnten in diesem Quartier wohnt, versteht ihre Präsente auch als Dank dafür, dass Migranten wie das anatolische Ehepaar eine Lücke füllen, die ein schleichender, aber folgenschwerer gesellschaftlicher Wandel hinterließ. »Als ich hier in den sechziger Jahren zusammen mit meiner Mutter einzog«, erinnert sich die Kundin, »gab es in unserer unmittelbaren Umgebung eine ganze Reihe deutscher Einzelhändler und Handwerksbetriebe: Läden für Gemüse, Obst, Lebensmittel und Fisch, einen Uhrmacher, eine Laufmaschenreparatur, eine Heißmangel, eine Apotheke, eine Gaststätte mit deutscher Hausmannskost. Davon ist heute keiner mehr da, keiner. Als die Besitzer aus Altersgründen aufgeben mussten, fand sich unter den Einheimischen niemand, der diese aufreibenden Jobs übernehmen wollte. Hätten wir die Migranten nicht, würde unsere Gegend vollends veröden.«

Dabei gehört die mittlerweile pensionierte Beamtin keineswegs zu den Romantikern, die das aus der Immigration resultierende Problempotential verdrängen. Aus ihrer Erfahrung im Schuldienst weiß sie, dass zum Beispiel »Jungen mit islamischem Hintergrund häufiger negativ auffallen als Mädchen gleichen Glaubens«. Aber im Gegensatz zum per se von Ängsten und Ablehnung gesteuerten Reaktionär wägt sie ab, differenziert sie: »Natürlich fällt die Bilanz trotz mancher Probleme insgesamt positiv aus.«

Als Vorsitzende der Hamburger Goethe-Gesellschaft untermauert die Pensionärin ihr Plädoyer für mehr Offenheit sogar mit dem Wirken des genialen Dichters. Dem Schöpfer des Werkes »Der west-östliche Divan« sei das in deutschen Landen »weit verbreitete kleine Karo zutiefst zuwider« gewesen. Und der Weltbürger aus Weimar habe immer den Kontakt zu internationalen Geistesgrößen gesucht und zum Beispiel die persische Lyrik bewundert.

Ein Dienstagnachmittag im Februar. Der eisige Sturm, der in der Nacht zuvor die Wahlplakate der Hamburger Parteien über das Pflaster schurren ließ und vor unserer Haustür in der Gustav-Falke-Straße sogar eines dieser blechernen Toilettenhäuschen umwarf, wirbelt nun vor dem Laden von Fetiye und Önder den Staub eines von keinerlei Niederschlag gemilderten Wintertages auf. Atemfahnen wehen den Menschen voran, die sich auf den Rolltreppen zum U-Bahn-Schacht drängen. Allein der Rauch, der aus den von Önder mit Tee gefüllten Gläsern steigt, vermittelt das Gefühl, dass es noch Wärme gibt zu dieser frostigen Stunde.

Ich nehme auf dem Hocker neben der Kasse Platz und komme mir vor, als säße ich auf einem Regiestuhl. Aber die Alltagshelden, die unmittelbar vor meinen Augen agieren, bedürfen keiner ordnenden Hand. Ihre Dialoge und Monologe fügen sich von selbst zu einem spannenden, bisweilen absurden, auf jeden Fall aber von multikultureller Vielfalt geprägten Stück.

Als habe ihn ein Anfall von Hospitalismus gepackt, rennt ein Mann mittleren Alters vor dem Laden hin und her. Es sind arabische Laute, die er, wie wild mit der freien Hand fuchtelnd, in sein Handy schreit. Ständig wiederholt er einen Satz, der offenbar mit einem Fragezeichen endet und nach einer Antwort verlangt. Ein Blick auf das Telefon, ein Kopfschütteln, ein Fluch, eine wegwerfende Bewegung.

Der Anrufer stürzt auf Önder zu und stammelt: »Kairo, Kairo ... Batterie leer.« Ob er sie in dem Geschäft aufladen könne. Natürlich kann er das. Er lebe in Hamburg, klärt uns der Ägypter auf, und mache sich große Sorgen um das Schicksal seiner Verwandten. Seit dem Beginn der Demonstrationen gegen das Mubarak-Regime habe er nichts mehr von ihnen gehört.

Stecker raus, neuer Versuch. Dem Satz mit dem Fragezeichen folgt eine Antwort, der Antwort ein Lächeln, dem Lächeln ein in die Höhe gereckter Daumen. Alles okay in Kairo.

»Sind die Weintrauben süß?«, erkundigt sich die ältere Dame.

»Ja ... Weintrauben sind immer süß«, antwortet Önder leicht verlegen.

»Ich möchte wissen, ob sie sehr süß sind.«

»Sie sind süß, aber nicht sehr süß.«

»Wichtig ist, dass sie nicht zu süß sind.«

»Warum ist das wichtig?«

»Sie sind für meine 96-jährige Mutter – und die ist Diabetikerin.«

»Probieren Sie doch einfach mal eine Weintraube!«

»Ja, sie sind süß, aber nicht zu süß. Ein halbes Pfund, bitte.«

Der aus Polen stammende Physiotherapeut, der im Gebäude um die Ecke seine Praxis betreibt, bestellt, wie jeden Nachmittag zu dieser Zeit, einen »Kaffee to go«. Aber er geht nicht. Er bleibt. So lange bleibt er, bis er Önder und mir die Geschichte von seinem Besuch beim König von Malaysia erzählt hat.

Zusammen mit der deutschen Hockey-Nationalmannschaft, die er auf einer Tour nach Südostasien begleitete, wurde er dort eingeladen. »Dieser Palast ... ein Prunk war das – unfassbar.« Wir erfahren, dass der Blick von den Twintowers in Kuala Lumpur zu den grandiosesten Eindrücken seines Lebens gehörte und dass die pingeligen Kontrollen an der Grenze zu Singapur ihn an »die schlimmsten Zeiten der DDR« erinnert hätten.

Ein letzter Schluck, eine letzte Geschichte. Von Boris Becker handelt sie, der sich, als er vor Schmerzen nicht mehr weiterwusste, in seine Obhut begab. Unter einem Dehn-Defekt habe der Tennisstar gelitten.

Fröhlich vor sich hin pfeifend, fegt ein Bediensteter der Stadtreinigung zwischen dem U-Bahn-Schacht und dem Laden den Staub zusammen. »Ein Landsmann von mir«, sagt Önder. »Der war mal ganz oben, hat als Geschäftsmann sehr viel Geld gemacht. Dann hat er sich verspekuliert – und nun ist er ganz unten. Aber er steckt das weg, beklagt sich nicht. Davon könnten die Deutschen einiges lernen.«

»Sind die Deutschen zu pessimistisch?«

»Ja. Das sind sie. Die Deutschen könnten stolz sein auf ihren Staat, der zu den besten der Welt gehört. Aber stattdessen beklagen sie sich darüber, dass sie zu viel Steuern bezahlen müssen. Als der Lehrer merkte, dass unser Sohn sehr musikalisch ist, empfahl er ihn zur staatlichen Musikschule. Auch seine Schwester wird da unterrichtet. Uns kostet das so gut wie nichts. Wo gibt’s denn das sonst auf der Welt? Und sehen Sie sich diese Bürgersteige und Straßen da draußen an: alles ist gepflastert, geordnet, geregelt.«

»Welche Kunden sind eigentlich freundlicher: die Deutschen oder die Türken?«

»Eindeutig: die Deutschen. Sie sind einfach zivilisierter – jedenfalls die Menschen in der Stadt. Wenn ich zum Beispiel einem Jungen oder einem Mädchen Süßigkeiten zustecke und das Kind nimmt das einfach hin, dann sagt jede deutsche Mutter: ›Du musst dich aber dafür bedanken!‹ Wirklich, jede Mutter sagt das. Bei uns in Anatolien, wo die Leute jeden Tag ums Überleben kämpfen, gibt es so etwas nicht. Man kann das niemandem vorwerfen.«

Der Nachbarschaftspolizist vom Revier 17, dessen gütiger Gestus dem amerikanischen Klischee vom fürsorglichen, dem Wohle der rechtschaffenen Bürger verpflichteten Sheriff nahe kommt, erkundigt sich nach dem Wohlbefinden der Familie. Die Afrikanerin, die ihre Kinderkarre mit den Zwillingen vor dem Laden parkt, skizziert, nachdem sie eine Dose »Pizzatomaten« in ihrer Tasche verstaut hat, die katastrophale Lage in ihrer somalischen Heimat.

Mit dem heiteren Überschwang eines von seiner Kunst und seinem Können überzeugten Jongleurs befördert Önder die Zwei-Euro-Münze, mit der die junge Frau bezahlte, in den offenen Rachen der Registrierkasse. »Ich liebe meinen Beruf«, sagt er.

4 »Den Ball eng führen!«
Beritans Zukunft

Dreizehn Fächer umfasst das Zeugnis, das die katholische Grundschule »Sankt Bonifatius« in Eimsbüttel ihren vierten Klassen ausstellt. Bei dem Schüler Beritan Öylü, dem Sohn der Obst- und Gemüsehändler Fetiye und Önder, schlägt neunmal eine »Zwei« und zweimal eine »Eins« zu Buche.

»In den Gruppenarbeitsphasen«, so heißt es in einem Kommentar des Klassenlehrers, »bringt er eigene Ideen ein und trägt seine Vorschläge verständlich und interessant vor.« Und: »Durch gezielte Antworten trägt er zur Lösung eines Problems bei.« In einem Zusatzbogen wird Beritan attestiert, sich »in besonderem Maße an den Regeln der Gemeinschaft zu orientieren«. Die verheißungsvolle Prognose: »Aufgrund der bisher gezeigten Lern- und Leistungsentwicklung und den überfachlichen Kompetenzen, ist Ihr Sohn geeignet, das Gymnasium zu besuchen.«

Aber welches Gymnasium? »Ist doch klar: das katholische«, sagt Fetiye, die Mutter.

Katholische Grundschule, katholisches Gymnasium ... Ich frage Fetiye, warum islamische Eheleute ihr Kind ausgerechnet der Obhut kirchlicher Schulen anvertrauen.

»Weil dort, im Gegensatz zu vielen anderen Schulen, konsequent Werte vermittelt werden – Werte wie die Hilfsbereitschaft zum Beispiel, die ich während meiner Krankheit in christlichen Institutionen erfahren habe. Und außerdem genießt dieses Gymnasium wegen seines hohen Leistungsanspruchs einen hervorragenden Ruf.«

»In Beritans Zeugnis fällt auf, dass er im Fach ›Herkunftssprachlicher Unterricht: türkisch‹ die Höchstnote erzielte. Ihr Sohn ist in der Bundesrepublik geboren, und sein bester Freund ist das, was man einen echten Hamburger Jungen nennt. Warum dann noch die zusätzliche Fixierung auf die türkische Sprache?«

»Wir wollen, dass er in beiden Kulturen zu Hause ist. Wenn das gelingt, ist das doch das Beste, was einem Kind passieren kann. Aber auf gar keinen Fall darf man, wenn man in Deutschland lebt, dessen Sprache und Kultur vernachlässigen.«

»Kennen Sie Familien, die gegen diesen Grundsatz verstoßen?«

»Oh, ja. Und einer der wichtigsten Gründe dafür, dass sie so schlecht Deutsch sprechen, liegt im Fernsehkonsum. Seit man in der Bundesrepublik türkische Sender empfangen kann, hocken viele Familien, wann immer sie können, vor der Mattscheibe und sehen sich türkische Trashserien an. Ich kenne Kinder, die sprechen schon genauso wie so wie Stars dieser Programme.«

Der hervorragende Ruf des Sankt-Ansgar-Gymnasiums löst in Hamburg jedes Jahr einen Ansturm an Bewerbungen aus. Hat der Sohn einer sich zu einem Zweig des Islam bekennenden Familie angesichts einer solchen Konkurrenz überhaupt eine Chance? Mit der persönlichen Vorstellung von Mutter und Kind beginnt am Nachmittag des 25. Januar 2011 das Drama des Werbens und des Wartens.

Dienstag, 25. Januar, abends. Auf der von Flutlicht beschienenen Sportanlage des Eimsbütteler Turnverbandes (ETV) trifft sich die E-Jugend zum Fußballtraining. Ich bin dort mit Fetiye und ihrem Sohn, dem Stürmer Beritan, verabredet.

Da sich die beiden wegen ihrer Präsentation im Gymnasium verspäten, sehe ich mich auf dem Gelände des Hamburger Traditionsvereins erst einmal nach Symptomen multikultureller Einflüsse um. Bereits im Schaukasten am Eingang, wo die Werbung von Sponsoren die Ankündigung der nächsten Spiele umrahmt, entdecke ich welche. Die Firma »Adi shakti fashion« bietet in unmittelbarer Nachbarschaft mit bodenständigen deutschen Handwerksmeistern »Mode für Yoga, Wellness und Freizeit« an. Das asiatisch orientierte Unternehmen »Aurasya« wirbt für »diverse Öle aus aller Welt«.

Die in Eigenarbeit gezimmerte Klubhütte heißt »Zum Wilden Sizilianer«. Francesco, der Wirt, verbringt, wie ich den Gesprächen an der Theke entnehme, fast jede freie Stunde in seinem Schrebergarten am Rande einer Autobahn. Sollte die Stadt ihren Plan wahr machen, das Refugium einer neuen Trasse zu opfern, will er sich mit seinen deutschen Nachbarn zusammentun, um dagegen zu protestieren.

»Den Ball eng führen!« – »Dranbleiben!« – »Nicht von der Strecke abkommen!« Von den elf Jungen, die auf das Kommando ihres Trainers Pattrick Dietz auf dem mit rotweißen Plastikhütchen gespickten Kunstrasen Slalom laufen, stammen vier aus der Türkei. Einer von ihnen ist Beritan, der von einer Profikarriere beim Bundesligaverein HSV träumt wie einst sein Großvater von einem Trecker und seine Eltern vom eigenen Laden. Einen »schnellen Antritt«, »Laufstärke« und »viel Herz« bescheinigt ihm sein Übungsleiter, ein Abiturient, der in der A-Jugend des ETV spielt.

»Ist es schwer für Sie«, frage ich den jungen Mann zwischen zwei Trainingseinheiten, »sich auf die türkische Mentalität einzustellen?«

»Überhaupt nicht. Der Vater meiner Freundin ist Türke. Und auf einer Reise nach Istanbul hat sie mir die türkische Kultur nahe gebracht. Auch mit einer meiner Jugendmannschaften war ich schon in der Türkei. Deutsche und Türken – das ist bei uns eine Einheit.«

»Es gibt wirklich keinerlei Unterschiede?«

»Doch. Bei den türkischen Spielern in meinem Team gibt es gewisse Unterschiede. Ich erkenne sofort, wer von ihnen in einem Haushalt mit einem Macho-Vater aufwächst. Die hauen ganz anders dazwischen als ihre Mitspieler.«

»Und Beritan?«

»Der ist immer höflich und freundlich. Ein ganz lieber Junge ist das!«

Passt die Violine, die ihm seine Eltern schenkten, also besser zu ihm, als der vom Schnee durchweichte Lederball, den er, das Gesicht gerötet von Kälte und Anstrengung, gerade seinem Gegner abgrätscht? Fetiye, seiner Mutter, kann ich diese, dem rauen Ambiente eines Trainingsgeländes angemessene Frage nicht stellen. Sie ist noch immer nicht erschienen. Beren, ihre Tochter, klärt mich auf. Ihre Mutter suche seit einer halben Stunde einen Parkplatz. Deswegen verspäte sie sich. Nur deswegen. Wirklich.

Mir ist klar, was Fetiye, unserer aus Ostanatolien stammenden Nachbarin, in diesem Moment durch den Kopf geht: Die Deutschen gelten als die pünktlichsten Menschen der Welt. Wenn wir von ihnen anerkannt werden wollen, müssen wir Türken besonders pünktlich sein. Und wenn wir es mal nicht sind, bedarf es einer plausiblen Begründung.

Nicht unangenehm auffallen, sich anpassen, das Vorurteil durch die Praxis widerlegen – es ist nicht das erste Mal, dass ich bei einer beruflichen Begegnung mit Bürgern türkischer Herkunft auf diese Haltung stoße. Als ich in den siebziger Jahren mit einem TV-Team des Norddeutschen Rundfunks ein niedersächsisches Dorf porträtiere, in dem bereits mehr Türken als Deutsche leben, lassen uns die deutschstämmigen Bewohner häufig warten, während uns die Gastarbeiter mit ihrer Überpünktlichkeit beeindrucken. Das gilt auch für den Zustand ihrer Wohnungen, den Türken bis heute gern mit einem Begriff bezeichnen, den sie der italienischen Sprache entliehen: picobello.

Natürlich kann man aus solchen Beobachtungen keine repräsentativen Schlussfolgerungen ziehen. Doch belegen sie einmal mehr, in welchem Maße sich die Realität von der im Unterbewusstsein gespeicherten Erwartung unterscheiden kann.

Fetiye sucht noch immer einen Parkplatz, ihr Sohn, der ihr mit seiner Schwester Beren vorauseilte, sprintet im Trikot seines Lieblingsvereins HSV über den Trainingsplatz: Es bleibt mir in diesem Recherchen-Vakuum nichts anderes übrig, als mich mit Beren zu unterhalten, die mit sichtlicher Erleichterung registriert, dass ich Verständnis habe für die Verspätung ihrer Mutter. Was, um Himmels willen, soll man ein gerade mal sechsjähriges, in der Abendkälte bibberndes türkisches Mädchen fragen? Wie es ihm in Deutschland gefällt? Was es vergangenen Sommer bei seinem Besuch im Osten Anatoliens empfunden hat? Nicht kindgerecht genug, sage ich mir – und stelle in meiner Verlegenheit eine Frage, die so linkisch klingt, dass ich erschrecke: »Hast Du schon einen Berufswunsch?«

Beren erlöst mich, indem sie mit fester Stimme antwortet: »Ja.«

»Und was willst du werden?«

»Bundesliga-Schiedsrichterin.«

»Wie kommst du denn da drauf?«

»Neulich hat Beritan mit anderen Jungen auf der Wiese am Weiher Fußball gespielt. Weil sie keinen Schiedsrichter hatten, haben sie mich gefragt, ob ich das machen will. Na, ja: Und als das Spiel aus war, haben sie gesagt: Du warst gerecht.«

»Hattest du denn eine Pfeife?«

»Nein. Wenn mir etwas nicht gefiel, dann habe ich Laute von mir gegeben – bei Abseits: ›Huuuu‹, bei einem Foul: ›Heeee‹.«

Berens Mutter spürt man, als sie endlich auf dem ETV-Gelände eintrifft, noch die Anspannung an, die das Bewerbungsgespräch im katholischen Gymnasium mit sich brachte und die nun in den Stress der Ungewissheit mündet. Nach dem Taufschein ihres Sohnes habe man sie gefragt. War das ernst gemeint? War es Ironie?

Ein aus einer deutschen Familie stammenden Anwärter hat auf die Frage, warum er unbedingt nach Sankt Ansgar wolle, geantwortet: »Weil ich mit Beritan zusammenbleiben will. Beritan ist mein bester Freund.« – Könnte das als Kumpanei ausgelegt werden, die an einer auf Höchstleistung gepolten Schule unerwünscht ist? Gehört, andererseits, der Zusammenhalt nicht zu den christlichen Werten?

»Vergiss den Teig nicht!«, ermahnt Fetiye eine die Dribblings ihres Sohnes beobachtende deutsche Mutter. »Und denk du an das Waffeleisen!«, erwidert die junge Frau. »Auch das Backpulver dürfen wir nicht vergessen«, fügt sie hinzu.

Plötzlich erfasst mich eine irritierende Überlegung: Du hast während deiner Jahre als Fernsehkorrespondent über Bürgerkriege, Volksaufstände, Erdbeben und Feuersbrünste berichtet. Du hast Präsidenten interviewt, Kanzler und Künstler. Du hast Dokumentationen auf dem Himalaya gedreht, auf den südpazifischen Atollen, im australischen Outback, am Gelben Meer. Und nun notierst du dir auf diesem Trainingsgelände in Hamburg-Eimsbüttel hektisch, fast schon übereifrig, die banalsten Dialoge. Hast du die journalistischen Maßstäbe verloren? Keineswegs, beruhige ich mich. Denn indem die beiden aus so unterschiedlichen Verhältnissen stammenden Frauen sich völlig unverkrampft über Alltägliches verständigen, verkörpern sie nichts Geringeres als den Idealzustand interkulturellen Zusammenlebens: die Normalität. Und sie ist ein Wert, den auch ich als Journalist häufig unterschätzt und ignoriert habe.

Spätestens am kommenden Freitag, also in vier Tagen, trifft das Elitegymnasium, wie man Fetiye mitteilte, seine Entscheidungen. Eltern, deren Kind den Sprung nach Sankt Ansgar nicht schafft, erhalten bis zum Abend dieses Tages telefonisch Auskunft. Die Auserwählten werden in der Woche danach per Brief informiert. Es ist ein Verfahren, das an den Nerven zerrt – auch an meinen.

Freitag, 28. Februar, vormittags. Fetiye schüttelt den Kopf, als ich sie an ihrem Stand frage, ob sich das Direktorium von Sankt Ansgar schon gemeldet hat. »Gott sei Dank, nicht. Normalerweise freut man sich ja über einen Anruf. Aber heute schrecke ich jedes Mal zusammen, wenn das Telefon klingelt.«

Freitagnachmittags. Das Telefon klingelt. Wenn das Sankt Ansgar ist, bedeutet das: Es wird nichts mit der Eliteschule. Bevor sie den Hörer abnimmt, beruhigt Fetiye sich (und mich) mit vorauseilendem Trost: »Bei diesem Zeugnis gibt es für Beritan genügend Alternativen. Es muss ja nicht eines der besten Gymnasien Hamburgs sein.« Aber nicht Sankt Ansgar ruft an, sondern eine Kundin, die eine Bestellung aufgibt.

Freitag, früher Abend: das Telefon ruht, gleichzeitig Hoffnung und Ängste verbreitend, in seiner Fassung. Zwei, maximal drei Stunden noch – dann wird Feierabend sein in Sankt Ansgar. Aber kann man denn automatisch mit einer Zusage rechnen, wenn bis heute Abend keine Absage eintrifft? Ich lenke Fetiye ab, indem ich eine Informationslücke fülle. Was ist eigentlich aus ihrem Vater geworden, dem Hirten, der auszog, um seinen Traum vom eigenen Trecker zu verwirklichen?

Hüseyin Yldirim kehrt Ende der neunziger Jahre, also drei Dekaden nach seinem Aufbruch nach Deutschland und sechs Jahre nach einem verheerenden Brandanschlag auf ein von Türken bewohntes Haus in Mölln, zurück in den Osten Anatoliens. In seinem Heimatstädtchen Erzincan bezieht er mit seiner Frau eine kleine Wohnung und holt, aus reiner Freude am Lernen, die Realschulreife nach. Als er an Leberkrebs erkrankt, entschließt er sich zu einer Transplantation. Im Hamburger Universitätskrankenhaus, wo man auch seiner Tochter das Leben rettete, begibt er sich in die Obhut der Ärzte. Seine Verwandtschaft beruhigt er mit einer schlichten Gleichung: Ich war in Deutschland immer fleißig und ehrlich, nun wird Deutschland gut zu mir sein. Der Chirurg, der ihn erfolgreich behandelt, sagt: Es ist auch dieser Optimismus, der ihn geheilt hat.

Und der Trecker? Was wurde aus dem Trecker?

»So richtig benutzt«, sagt Fetiye, die noch immer auf das Telefon starrt, »hat mein Vater ihn nie. Aber weggeben wollte er ihn auf keinen Fall. Als mein Onkel den Trecker mal im Sommer benutzte, hat er ihm den Schlüssel wieder weggenommen. ›Du behandelst ihn nicht gut genug‹, hat er ihm vorgeworfen.«

»Und wo steht der Trecker jetzt?«

»In einer Hütte, die mein Vater extra für ihn gebaut hat. Manchmal macht er die Tür auf, sieht sich den Trecker an und macht die Tür wieder zu.«

»Wird er ihn eines Tages verkaufen?«

»Nie. Wir überlegen jetzt schon, wer in unserer Familie würdig genug ist, um ihn eines Tages zu erben.«

Dienstag, 1. Februar, Fetiyes Geburtstag. Gegen zwölf Uhr mittags – high noon in der Gustav-Falke-Straße – parkt der Briefträger sein Fahrrad vor dem Obst- und Gemüseladen. Beim Offnen des Umschlags, den er ihr überreicht, zittern Fetiye die Hände. Gymnasium Sankt Ansgar steht auf dem Briefkopf. Fetiye liest, liest, liest – und hebt den Daumen. Beritan hat es geschafft.

Freitag, 13. Mai 2011. Fetiye und ihr Mann Önder bitten mich, als ich, voll bepackt mit Tüten und Taschen, aus dem U-Bahnschacht meiner Wohnung zustrebe, in ihren Laden. »Wir haben ein Problem«, sagt meine Nachbarin. »Vielleicht können Sie uns helfen.«

Ist den Kindern etwas passiert? Wollen sich die türkischen Eheleute, was für mich zumindest eine inhaltliche Katastrophe wäre, zurückziehen aus meinem Buchprojekt? Brauchen die beiden einen Kredit für ihr Geschäft? Bevor ich mich der nächsten Hiobs-Variante ausliefere, erlöst mich Fetiye, indem sie ihrer Erklärung ein Lächeln vorausschickt, das mütterlichen Stolz signalisiert. »Vor wenigen Minuten«, sagt sie, »hat ein Jugendtrainer des HSV bei uns angerufen.«

»Und was wollte er?«

»Er hat gesagt, dass er Beritan schon seit längerer Zeit beobachte und dass er vor allem von seiner Laufstärke beeindruckt sei. Aus diesem Potential könne man etwas machen.«

»Und werden Sie darauf eingehen?«

»Wenn wir das tun, bedeutet das: Beritan muss dreimal die Woche jeweils zwei Stunden draußen am Stadtrand trainieren und sich fast jedes Wochenende für ein Turnier bereithalten. Na ja, und die katholische Schule, auf die er nun wechselt, stellt auch höchste Anforderungen an ihn. Wir wissen nicht, wie wir uns entscheiden sollen ...«

»Was glauben Sie: Wie würde er sich selbst entscheiden?«

Fetiye, die ins Zentrum eines Hochleistungs-Konfliktes geratene türkische Mutter, gibt ihre Antwort mit den Augen. Natürlich würde Beritan sofort bei seinem Lieblingsverein trainieren, sagt ihr Blick. Und mit der Ratlosigkeit, die danach aus ihren Gesichtszügen spricht, nimmt sie mich, den Nachbarn, Kunden, Autor und Fußballfan, in die Pflicht.

Eingerahmt von Apfelsinenkisten, Flaschenbatterien und Gemüsezwiebeln philosophiere ich an diesem lauen Nachmittag im Mai mit deutscher Tiefgründigkeit vor mich hin: »Wem der Schöpfer, sei es Allah, Buddha oder der Zufall, ein ganz besonderes künstlerisches oder sportliches Talent in die Wiege legte, der ist verpflichtet, es zu nutzen – und zwar nicht nur zur eigenen Erbauung, sondern auch zum Segen der Gesellschaft.«

»Haben Sie einen konkreten Vorschlag?«, fragt mich Fetiye mit spürbarer Ungeduld.

»Versuchen Sie es! Versuchen Sie, herauszufinden, ob sich Schule und Fußball miteinander vereinbaren lassen.«

Samstag, 14. Mai 2011. Es ist der letzte Spieltag einer Bundesliga-Saison, die der große HSV mit einem enttäuschenden Platz im Mittelfeld und der Erkenntnis beendet, die Nachwuchsarbeit zu intensivieren und den Fokus verstärkt auf die ehrgeizigen Söhne von Migranten zu richten. »Na, haben Sie sich entschieden?«, frage ich Önder, den Vater des laufstarken Fußballers.

»Gestern Abend hat sich noch mal der Trainer vom HSV bei uns gemeldet und uns dringend gebeten, unseren Sohn zum Training zu schicken. Wir haben zugesagt.«

Und wie ist das mit der Violine? Wird Beritan unter den neuen Bedingungen auf diesem Instrument weiter üben?«

»Nein, damit wird er aufhören. Aber ...«

»Aber?«

»Er wird Klavierunterricht erhalten – wie seine Schwester Beren.«

Montag, 30. Mai. Als ich am frühen Abend auf dem Mittelstreifen der Gustav-Falke-Straße meine Walking-Übung absolviere, stoppt Fetiye, unsere Nachbarin von der Hausnummer 10, ihren VW-Bus neben mir. Sie kurbelt das Fenster herunter und sagt: »Ich habe einen Anschlag auf Sie vor.«

»Nur zu.«

»Ich komme gerade mit Beritan vom Konditionscheck zurück. Der Trainer beim HSV meint, was die Ausdauer betrifft, müsse er noch einiges zulegen. Sie walken doch fast jeden Tag. Hätten Sie etwas dagegen, wenn er in Zukunft neben Ihnen herläuft?«

Ich sage zu. Schließlich war der HSV während meiner Kindheit auch mein Lieblingsverein.

5 »Mein Mund stand zwei Meter weit auf«
Arif, der Einsame

Es lärmt tagsüber fast ununterbrochen, wenn, wie bei uns im Haus Gustav-Falke-Straße Nummer 4, Handwerker die gesamte Fassade renovieren. Mal gibt der Bohrer den durch Mark und Bein gehenden Misston an, mal die Motorsäge, mal der Hammer. Aber das Scheppern, das an einem Winternachmittag die ohnehin schon genervten Bewohner aufschreckt, übertrifft diesen Pegel noch.

Ich reiße die Tür zum Flur auf und blicke auf einen Knaben, der völlig perplex inmitten einer mit Scherben übersäten Pfütze steht. Statt die zwei Kisten Mineralwasser, die ich telefonisch im türkischen Lebensmittelladen an der Ecke bestellt habe, nacheinander in unsere Speisekammer zu schleppen, wollte er sie offenbar mit einem Male wuppen – eine, wie man unschwer erkennen kann, folgenschwere Selbstüberschätzung.

Ich denke: Wenn der Besitzer des kleinen Geschäftes in unserer Straße von dem Malheur erfährt, zieht er seinem minderjährigen Gehilfen den Schaden vom Lohn ab, und womöglich, man weiß ja nie, fällt die Strafe noch härter aus. Also biete ich dem Knaben an, die Fracht trotz des Bruchs zu akzeptieren und den vollen Preis dafür zu zahlen. Und obwohl sie in seinen Ohren wie Hohn klingen könnte, tröste ich ihn mit einer deutschen Alltagsweisheit: »Scherben bringen Glück«.

Der Junge lehnt mein Angebot ab und kehrt kurz darauf mit zwei neuen Kisten zurück. Wie sein Chef reagiert habe, frage ich ihn. »Genau so wie Sie. Mein Vater hat gesagt: ›Scherben bringen Glück‹.« In diesem Moment weiß ich, dass der türkische Lebensmittelladen in meiner Straße ein Familienbetrieb ist und dass es sich lohnt, mit dem nachsichtigen Patriarchen mal näher ins Gespräch zu kommen.

Auch Arif Sarikaya, Jahrgang 1966, stammt aus dem Osten Anatoliens. Das 250-Seelen-Dorf Sütpinar, in dem er aufwächst, liegt nur wenige Kilometer von der Bezirkshauptstadt Erzincan entfernt, der Heimat seiner Verwandten Fetiye und Önder. Es kommt häufig vor, dass sich, nachdem es ein Onkel oder ein Schwager in Deutschland zu einem gewissen Wohlstand brachte, ganze Sippen aufmachen in Richtung Norden, um sich auch dort wieder zu Familienclans zusammenzuschließen.

Nur mühsam kann Arif an manchen Stellen die Tränen unterdrücken, als er mir in seinem Geschäft die Geschichte seiner Kindheit erzählt. Als er geboren wird, verdingt sich sein Vater in Istanbul als Hilfsarbeiter. Arif ist fünf, als sein Vater einem seiner Brüder in die Bundesrepublik folgt. In Hamburg heuert er bei der Bundesbahn an und spezialisiert sich auf das Auswechseln von Batterien. Ein gewaltiger Aufstieg ist das für einen Mann, der im Hafen der türkischen Metropole Kohlesäcke von den Schiffen hievte.

Unter den Kindern im fernen Sütpinar herrscht in der Zeit des großen Exodus helle Aufregung, wenn sich am anatolischen Himmel mal eine der kleinen Sportmaschinen zeigt. Sie versammeln sich dann, wie Arif aus diesen Tagen berichtet, auf dem Dorfplatz und beten: »Ucak, ucak babami bana getir!« – »Bitte, bitte, Flugzeug«, heißt das auf Deutsch, »bring uns unsere Väter zurück.«

Einige Male kommt der Vater tatsächlich zurück – aber nur auf Besuch. »Ja, ich habe mich nach ihm gesehnt«, erinnert sich Arif. »Aber wenn er dann plötzlich da war, dann habe ich mich vor ihm versteckt. Ich kannte meinen Vater ja nicht. Mein Opa war mein Vater.«

Erst die Tafel »Milkana«, die der fremde Mann aus Hamburg mitbrachte, lockt seinen Sohn etwas aus der Reserve. »Es war plötzlich ein ganz anderer Geruch im Raum, wenn mein Vater ihn betrat. Nach Ausland roch es, nach Stadt. Ich mochte diesen Geruch. Aber wenn ich mich daran gewöhnt hatte, reiste mein Vater auch schon wieder ab.«

»Ihr habt euch als Kinder«, frage ich Arif, »nach euren Vätern gesehnt. Hattet ihr noch eine andere Sehnsucht?«

»Ja. Wir alle wollten mal ein Dolmusch besitzen. So nennt man in der Türkei die Sammeltaxis. Wirklich: Alle wollten das. Und wenn die Schule aus war, dann haben wir Dolmusch fahren gespielt.«

»Und wie ging das?«

»Wir sind auf einen Baum geklettert. Und einer hat sich auf dem dicksten Ast ganz nach vorn gesetzt. Das war der Fahrer. Meistens war ich das. Die Fahrgäste haben sich auf die dünneren Äste verteilt. Bezahlt haben sie mit Blättern. Die großen Blätter waren die Scheine. Die kleinen Blätter waren die Münzen. Na, ja: dann habe ich mit dem Mund ›Brumm, brumm‹ gemacht und schon ging es los: Erzincan ... Istanbul ...«

»... München ... Hamburg ...?«

»Nein, nein. In Istanbul endete unsere Reise. Deutschland war für uns unvorstellbar weit entfernt.«

Doch Mitte 1975 tritt das Unvorstellbare ein. Arifs Mutter folgt ihrem Mann nach Hamburg, und ihren Sohn, der gerade seinen neunten Geburtstag feierte, nimmt sie mit. Die Familie lebt in einer kleinen Wohnung im Arbeiterviertel Wilhelmsburg. Als Arif den gleichaltrigen Sohn der deutschen Nachbarn besucht, mag er nicht glauben, was er sieht. »Das Kinderzimmer war krachend voll mit Spielsachen. Ich fühlte mich wie im Wunderland. Autos, die sich auf Knopfdruck bewegten, Teddybären, die mit dem Kopf wackelten ... das kannte ich doch nicht von unserem Dorf. Mein Mund stand zwei Meter weit auf.«

»Haben Sie den Sohn Ihrer Nachbarn beneidet?«

»Für mich war das eher ein Schock. Beneidet habe ich ihn jedenfalls nicht. Wenn wir in Anatolien gespielt haben, mussten wir all unsere Phantasie aufbieten. Schon über ein paar Steine waren wir froh. Ich glaube, die deutschen Kinder büßen beim Spielen ihre Phantasie ein.«

So fremd bleibt ihm das Leben in der großen Stadt an der Elbe, dass sich Arif nur auf die Straße traut, wenn sein Vater ihn an die Hand nimmt. Auch die Hausfrauen, die den niedlichen Türkenjungen im Kaufhaus liebevoll über den Wuschelkopf streichen und ihm bisweilen ein paar Murmeln oder Süßigkeiten zustecken, können ihm die Ängste nicht nehmen. Also ist er nicht unglücklich, als seine Mutter, die nur ein Touristenvisum besitzt, mit ihm erst einmal zurückkehrt nach Ostanatolien. Was er nicht ahnt: Nun ist er in seinem Dorf ein Fremder.

Die anderen Kinder lachen ihn aus, als Arif seine alte Schulklasse betritt. Der Grund ist sein üppiger Haarwuchs. »Vor der Einschulung wurden die Jungen in meinem Dorf erstmal kahlgeschoren – wegen der Läuse. Haare auf dem Kopf – so etwas kannten meine Mitschüler nicht.«

Aus der Not, als Außenseiter dazustehen, macht Arif am Ende eine Tugend. »Eines Tages bat mich der Lehrer, vor die Klasse zu treten und zu erzählen, was ich in Deutschland erlebt habe. Da ich in Hamburg ja nur ganz selten draußen war, machte ich Figuren aus den Zeichentrickfilmen nach, die ich im Fernsehen gesehen hatte – Donald Duck zum Beispiel.«

Wieder biegen sich die Schüler vor Lachen – aber diesmal, weil sie der Rückkehrer so perfekt unterhält. Arif, den Clown, finden sie toll.

6 »Du musst dem Kunden immer in die Augen sehen!«
Arifs Kampf

Und wie ging es weiter in dem Dorf Sütpinar im Osten Anatoliens? – Ich muss meine Neugier für einige Minuten zügeln, weil eine Schar von Jungen und Mädchen, von denen mindestens die Hälfte aus Familien mit »Migrationshintergrund« stammt, den kleinen Laden an der Gustav-Falke-Straße belagert. Sie kommen von Schulen, die dieses Areal prägen, und decken sich mit dem Proviant für die große Pause ein. »Onkel Ali« nennen sie, eher liebvoll als nivellierend oder gar diskriminierend, den Patron hinter dem Tresen. Damit kennzeichnen sie auch eine ökonomische Zäsur, auf die man allenthalben in der Bundesrepublik stößt: Der Onkel-Ali-Laden hat den Tante-Emma-Laden abgelöst.

Was den Wandel in diesem Geschäft offenbar überdauerte, sind die nachbarschaftliche Geborgenheit und die Überschaubarkeit – Qualitäten, die »Onkel Ali« mit einer Prise augenzwinkernder Generosität anreichert.

»Was kostet die Boulette mit Mayo?«

»Einsachtzig, mein Jung.«

»Mensch, ich hab nur einsfünfzig.«

»Na, gut – einsfünfzig.«

Eine ältere Dame, die der Besitzer mit »Gisela, mein Schatz!« begrüßt, betritt, ihren Rollator voraus, das Geschäft. Die zweite Hüftoperation, klagt sie, habe sie nun schon hinter sich. In vierzehn Tagen, habe der Arzt gesagt, sei alles wieder gut. Nichts sei gut – vor allem bei dem vielen Eis und Schnee in diesem Winter nicht. Bald komme der Frühling mit seinem Grün, tröstet sie der Kundenversteher von der Gustav-Falke-Straße.

Grün – das ist das Stichwort, auf das sich der von immer mehr Schülern frequentierte Onkel-Ali-Laden für einen seligen Moment in eine Musical-Bühne verwandelt. »Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blü-hen«, singt, den Ton jederzeit kontrollierend, die vom Schicksal geplagte Rentnerin. Und dann erzählt sie – zum wievielten Male eigentlich? – die Geschichte von ihrer gescheiterten Ehe mit einem Kripobeamten, einem »Schlipsträger«, der viel zu »etepete« gewesen sei und sie vor allen Leuten korrigiert habe, wenn sie nach dem dritten Glas Wein vom Hochdeutsch in den Slang verfallen sei. Die zwei Jahre mit dem Italiener, die der Scheidung folgten, »ach, war das eine schöne Zeit«. Nun, meint sie, habe ein Galan aus dem Iran ein Auge auf sie geworfen. »Guck ihn dir genau an«, rät Arif.

Die Kundin verlässt das Geschäft mit leeren Händen. Der Sohn des Besitzers, dem vor wenigen Tagen bei uns im Flur eine Kiste mit Mineralwasser entglitt, wird ihr die Ware ins Haus liefern – ein Service, den die Supermärkte in der Nähe ebenso wenig bieten wie den ganz persönlichen Plausch. Und: Arif öffnet seinen Laden bereits um sechs Uhr morgens, also weitaus früher als die in großen Ketten organisierte Konkurrenz. Um 18.30 Uhr ist Feierabend.

Eine andere ältere, aus Polen zugewanderte Frau wendet sich an den Besitzer. Sie komme gerade aus dem Krankenhaus zurück und habe erfahren, dass der Krebs, unter dem ihre Mutter leide, Metastasen streue. »Sie wird nicht mehr lange leben, aber sie hat Gott im Herzen«, sagt sie. »Wann sie stirbt«, besänftigt der Moslem die Katholikin, »das weiß nur der da oben.« Dabei zeigt er, natürlich ungewollt, auf den »Jägermeister«-Hirsch an der Wand.

Nicht in seinem Heimatdorf Sütpinar geht es damals weiter mit Arif, sondern in Hamburg. Dorthin kehrt er schon 1976 mit seiner Mutter zurück, die nun statt eines Touristenvisums eine Aufenthaltsgenehmigung besitzt. An einem Freitag treffen die beiden in der Hansestadt ein. Schon am Montag hockt der Elfjährige, ohne mehr als ein paar Wörter Deutsch zu sprechen, auf seinem Stuhl in der vierten Grundschulklasse.

Wurde er in seinem ostanatolischen Dorf wegen seiner langen Haare ausgelacht, so stößt Arif in Hamburg wegen seines Kauderwelschs auf Heiterkeit. »Und irgendwann habe ich überhaupt nichts mehr gesagt.« Doch er trifft auch auf Verständnis und Hilfsbereitschaft. »Eine Mitschülerin nahm mich irgendwann mit zu sich nach Hause mit und stellte mich ihrer Mutter vor. Und diese Frau hat mir in mühevoller Kleinarbeit die deutsche Sprache nähergebracht. Mit den Begriffen für Obst und Gemüse fingen wir an: ›Das ist ein Apfel, das eine Birne, das eine Mohrrübe, das eine Kartoffel‹. Am schwierigsten war für mich der Satzbau. Es hat lange gedauert, bis ich begriff, dass es heißt: ›Wir gehen morgen in die Moschee‹ und nicht: ›Wir morgen Moschee gehen.‹«

Arif bringt es bis zur achten Klasse – und das bedeutet: Er hat keinen Abschluss. Da er aber schulpflichtig bleibt, verweist man ihn an eine berufsfördernde Gewerbeschule. Im Herzen von Sankt Pauli liegt sie, dem in aller Welt bekannten Rotlichtviertel. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die sich dort seinerzeit im Zuschneiden von Holz und Metall oder im Anstreichen üben, haben einen ähnlichen Hintergrund wie Arif, für den es von nun an bergauf geht – nicht steil, aber ständig. Es ist eine Karriere der kleinen Schritte.

Der technisch begabte Türke hält dem Leistungsdruck stand und »um meinen Eltern nicht auf der Tasche zu liegen«, verdingt er sich nach dem Schulschluss auf einem Wochenmarkt. Zunächst fegt er nach Feierabend den Unrat zusammen und hilft beim Abbau der Stände, aber schon bald darf er sich auch als Verkäufer erproben. Dabei folgt er intuitiv einem psychologischen Gebot, das er bis heute beherzigt: »Du musst dem Kunden immer in die Augen sehen!«

Beschränkte sich sein Lohn am Anfang auf Naturalien (»Krabben vom Fischmann, Bienenstich vom Bäcker«), so hält er bald auch die erste Münze in seinen Händen. »Ein Außenstehender kann sich nicht vorstellen, wie glücklich ich über dieses Fünfzigpfennigstück war. Ich habe es ganz fest umklammert, bin nach Hause gerannt und habe es meiner Mutter auf den Tisch gelegt. ›Mamma, Mamma‹, habe ich gesagt: ›Das ist mein erster Lohn.‹«

Als die Stadt Hamburg den Service des »Sperrmülls« einführt, der vor allem Bürgern aus den besseren Gegenden die Möglichkeit einräumt, sich ihres überflüssigen Guts am Straßenrand zu entledigen, eröffnet sich für den Fachschüler ein neues Betätigungsfeld. Er sucht sich so lange Pedale, Lenker, Sattel und Ketten zusammen, bis er daraus neue Fahrräder zusammenbauen kann. Seine wichtigsten Kunden sind jene Marktbeschicker, für die er jahrelang die Drecksarbeit erledigte.

Arif schafft den Abschluss an der berufsfördernden Schule und legt damit endlich den Grundstein für eine solide Ausbildung. Er besucht eine staatlich geförderte Elektroschule, absolviert eine dreieinhalbjährige Ausbildung als Kfz-Mechaniker und fängt in einer kleinen Autowerkstatt als Geselle an.

Der Inhaber des Betriebes erlaubt es seinen Mitarbeitern, die Werkstatt am Wochenende für ihre privaten Zwecke zu nutzen. Es ist ein Angebot, von dem der türkische Kollege weidlich Gebrauch macht. Für 300 Mark erwirbt er zunächst von einem Bekannten ein Auto, dessen Merkmale er bis heute so detailgenau auswendig kennt wie die Bier- und Zigarettenmarken in seinem Geschäft: Opel Commodore, B-Coupé – 2,8-Liter-Maschine ...

In Dutzenden von Sonntagsschichten motzt Arif die Klapperkiste dermaßen auf, dass sie am Ende aussieht »wie eine James-Bond-Limousine«. Ganz in Weiß glitzern die Karosserie, die Felgen, das Armaturenbrett, die Lederbezüge. »Stolz bis unter die Haarspitzen« gleitet er, einen Arm lässig aus dem Fenster gelehnt, die Reeperbahn, Hamburgs Amüsiermeile, auf und ab. Als er das Ritual auf den Landstraßen rund um Hamburg wiederholt, gibt er richtig Gas.

Das eigene Auto – in dem Dorf Sütpinar war es noch ein Traum, dem man sich ganz vorn auf dem Ast hingab. Auf den norddeutschen Pisten nimmt er, röhrend und rasend, Gestalt an, die Gestalt des Traumautos. Und die Euphorie darüber gebärdet sich so unbändig, dass sie, buchstäblich, nicht zu bremsen ist. »Ich sah nur noch die Straße, die vorüberfliegenden Felder und Bäume – und im Rückspiegel: mich.«

Auch aus solchen Erlebnissen speist sich das Selbstbewusstsein, aus dem wiederum jene für arrivierte Türken typische Ironie wächst, mit der man vor allem in Amtsstuben auch mal anecken kann. Als Arif nach zehn Jahren Warterei die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen wird, fragt er den verdatterten Beamten: »Darf ich meine türkischen Landsleute jetzt ›Ausländer‹ nennen?« Einen Arzt, bei dem er sich einem Gesundheitstest unterzieht, begrüßte er mit »Na, Herr Kollege« ... Der Grund: Sowohl Arif als auch der Doktor tragen einen weißen Dienstkittel.

In der Zeit danach greifen die in der dörflichen Tradition verankerten Mechanismen des türkischen Clans. Es ist eine Konstellation, die, wie unser Beispiel belegt, die Integration keineswegs ausschließt. Die Eltern, ihr Sohn Arif und dessen älterer, ebenfalls in Hamburg lebender Bruder legen ihre Ersparnisse zusammen und erwerben ein kleines Haus, in das die komplette Familie zieht. 1990 heiratet Arif seine Freundin, die aus dem gleichen Ort stammt wie er. Ein Jahr später kommt der Sohn Dogocan zur Welt.

Arifs Vater kündigt bei der Bundesbahn und wechselt als Hausarbeiter zum Wirtschaftsgymnasium im Stadtteil Eimsbüttel. Sein Sohn legt bei der Schilderung dieser Vita großen Wert darauf, dass der neue Job mit einem Titel verbunden ist: »Stellvertretender Hausmeister«.

Auf jeden Fall macht der Vater im Schulbetrieb eine folgenschwere Beobachtung: Es gibt keine Kantine. Sein umtriebiger Sohn erkennt in der Versorgungslücke sofort die Marktlücke und bietet den Schülern fünf Jahre lang Kaffee, Tee, Süßigkeiten und Mettbrötchen an. »Das war da jeden Tag proppenvoll. Nach Feierabend habe ich dann noch bei einem Großhandel als Kassierer gearbeitet.«

Das Mett für die Brötchen liefert ihm der Schlachtermeister, der zu den verschwindend wenigen deutschen Einzelhändlern in dieser Gegend gehört und den mit seinem türkischen Kunden ein nachbarschaftliches Verhältnis verbindet. Als er davon hört, dass sich das Ehepaar, das in der Gustav-Falke-Straße den letzten deutschen Lebensmittelladen betreibt, zur Ruhe setzen will und dringend einen Nachfolger sucht, fällt ihm nur ein Kandidat ein: Arif.

Der Türke stellt sich vor – und stößt bei dem Ehepaar auf eine unterschiedliche Reaktion. Der Mann sagt: Das schaffen Sie nie. Seine Frau meint: Sie packen das! Auf das Angebot des Bewerbers, erst einmal ein paar Monate auf Probe und unentgeltlich in dem Laden zu arbeiten, lassen sich die beiden ein. »Ich habe mich den Kunden vorgestellt und versucht, ihr Vertrauen zu gewinnen. Ich habe sie auch gefragt: ›Was fehlt nach Ihrer Ansicht in dem Geschäft? Genieren Sie sich nicht, es mir zu sagen.‹«

Anfang 1993 übergeben Arif und seine Frau die gut gehende Kantine im Wirtschaftsgymnasium ihrer türkischen Schwägerin. Sie selbst richten sich in dem Geschäft in der Gustav-Falke-Straße ein. Bevor ein Stammkunde das Viertel verlässt, verfasst er ein Gedicht von zweiundzwanzig Zeilen, das er mit »Der Selbstbedienungsladen« betitelt. Arif lässt es sich rahmen und hängt es sich zu Hause an die Wand. Damit würdigt er die emotionale Qualität der Eloge, die so beginnt:

Wegen Krankheit gab Herr Cichon seinen Laden auf.

Herr Sarikaya machte einen guten Kauf.

Es gab jetzt viel Arbeit und Schweiß.

Und der Laden war wieder weiß.

Ob selbst bedient oder betreut,

wohl fühlen sich hier die Leut’ ...

Wird Dogocan, der Sohn, das Geschäft eines Tages weiterführen? Eher nicht. Denn er besucht, nachdem er die Realschule abschloss, das Wirtschaftsgymnasium, dem sein Großvater als stellvertretender Hausmeister diente und wo sein Vater die Kantine betrieb.

Nach dem Fachabitur will Dogocan an einer Universität in Istanbul studieren und sich auf deutsch-türkisches Recht spezialisieren. Er weiß: die Türkei ist auch in Teilen Anatoliens ökonomisch längst nicht mehr von jener Rückständigkeit geprägt, vor der sich seine Großeltern und seine Eltern in die Bundesrepublik absetzten. Eines Tages als Jurist in einem türkisch-deutschen Gemeinschaftsunternehmen arbeiten – es wäre die Krönung einer Erfolgsgeschichte.

7 »Der Laden muss kotzen vor Ware«
Einer gegen die Supermärkte

Moment mal: Der junge Mann mit der blauen Schürze, der den Staub und die Kastanienblüten vom Trottoir auf das Kopfsteinpflaster fegt, einen Schwatz mit der Paketbotin und dem Handwerker hält, das Gemüse und das Obst in den Kisten ordnet ... Ist das nicht ...?

Tatsächlich: Bülo ist das, Arif Sarikayas umtriebiger Neffe. Viele Jahre hat er im Geschäft seines Onkels in der Gustav-Falke-Straße hinter dem Tresen gestanden und mit seiner seltsamen Mischung aus Schlagfertigkeit, Hilfsbereitschaft und kecker Unschuld einen solchen Eindruck hinterlassen, dass der Stammkunde, der sich mit einem Gedicht aus dieser Gegend verabschiedete, auch ihn mit zwei Zeilen würdigte.

Bülo, dein Neffe, ein Mann mit Pfiff,

hat den Laden schon im Griff.

Irgendwann ist uns Bülo aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn geraten. Und nun treffen wir ihn bei einem Spaziergang im Eimsbütteler »Generalsviertel« wieder – vor seinem eigenen Laden.

Dieses kaum zehn Minuten Fußweg vom Geschäft seines Onkels entfernte Quartier, dessen Straßen die Namen von militärischen Strategen wie Moltke oder Manstein tragen, gehört zu den gutbürgerlichen Gegenden Eimsbüttels. Die gediegene Architektur aus der Gründerzeit und die stuckverzierten Wohnungen sind seine Kennzeichen.

Um die Kaufkraft der Bewohner buhlen Konzerne wie Karstadt oder Edeka und eine Reihe mit ausgefallener Ware bestückte Lebensmittel- und Gemüsegeschäfte. Aber da auch die Kapitänswitwe auf den Cent achtet, sind selbst Billigketten wie »Penny Markt« oder »Aldi« präsent. David gegen Goliath. Siegfried gegen den Drachen. Kreisklasse gegen Bundesliga. Viele solcher Vergleiche drängen sich auf, wenn man die Position und die Chancen eines türkischen Kellerladens angesichts der übermächtigen Konkurrenz beschreiben will.

Anders muss man sein, persönlicher und freundlicher: das Erfolgsrezept seines in weitaus ruhigeren Gefilden agierenden Onkels wendet Bülo auf dem hart umkämpften Terrain des Generalsviertels an. Und da solche Attribute seinem Naturell entsprechen, wirken solche Bemühungen nicht linkisch, sondern aufrichtig. Das ist schon mal ein großes Plus gegenüber den in starrer Effizienz erstarrenden Giganten.

Der Unterschied beginnt schon vor dem Laden. Wo bei den Supermärkten die Überwachungskamera hin und her schwenkt und sich wie von Geisterhand gesteuerte Glastüren öffnen, spannen sich bei Bülo, dem Türken, bunte Sonnenschirme über hölzernen Bänken und Tischen. »Hausgemachtes Essen« wie Erbsensuppe oder das für Hamburg typische Labskaus-Gericht serviert er dort. Blumen-Arrangements, die gleichzeitig als Angebot und Dekor dienen, begrenzen das Schatten spendende Refugium.

Am Schaufenster heißt es einladend: »Wir nehmen Ihre Vorbestellung gern entgegen!« In rührendem Kontrast zur Kommunikation per Computer klebten Kunden ihre Wunschzettel an die Eingangstür: »Künstlerin sucht alte Rasierpinsel.« Oder: »Suche Stelle als Haushaltshilfe ... schnell, gründlich, zuverlässig.«

»Eine Kroatin ist das, die mit deutschen Tugenden wirbt«, sagt Bülo. »Na ja, deutsche Tugenden gibt’s in Deutschland doch sowieso nur noch bei den Ausländern.«

Da ist es wieder, dieses Lächeln, das man als verstohlene Provokation, aber auch als lebensklugen Witz begreifen kann und das wir schon aus Bülos Lehrjahren in der Gustav-Falke-Straße kennen. Auf jeden Fall lädt es dazu ein, unterm schützenden Sonnenschirm einer Lebensgeschichte zu lauschen, in der sich die Höhen und die Tiefen genauso rasant ablösen wie bei einer Achterbahnfahrt.

Bülent Sarikaya, 31

Den Laden habe ich jetzt seit zwei Jahren, sechs Monaten und, warte mal – genau zehn Tagen. Eigentlich war es mein Traum gewesen, einen großen Rewe-Markt aufzumachen, den wollte ich nach meinen Vorstellungen bauen und einrichten.

Aber dann hab ich gerechnet und kapiert: ich hätte eine Million Euro investieren müssen. Außerdem hätte ich mich an die Vorgaben der Handelskette halten müssen, und das wollte ich nicht. Ich muss frei sein, so nach Schema F arbeiten, das kann ich nicht.

Also hab ich mir gedacht: dann wird eben alles ein paar Nummern kleiner, ich suche einen Tante-Emma-Laden. Den hab ich dann hier gefunden, der Vorgänger war alt und wollte aufgeben. Meine Familie hat mich nicht unterstützt. Die war skeptisch, weil gleich um die Ecke ein Großmarkt ist. Aber ich hatte keine Angst, ich wollte den Laden unbedingt.

Ich wollte mir selber was beweisen. Ich wollte zeigen: ich kann das, ich hab’s drauf. Für mich wollte ich das machen, nicht für meine Familie. Na ja, Riesensummen verdiene ich noch nicht, aber ich habe es immerhin geschafft, den Umsatz von 80 Euro pro Tag auf weit über 500 zu steigern.

Mit 15 bin ich nach Deutschland gekommen, allein, ohne meine Eltern. Die waren vorher schon mal hier gewesen, aber es hat ihnen nicht gefallen, sie konnten sich nicht einleben. Um ganz ehrlich zu sein: mich haben sie nach Hamburg geschickt, weil ich Mist gebaut hab in der Türkei; ich bin einfach nicht mehr zur Schule gegangen.

Dabei war ich, als wir noch in Erzincan wohnten, ein guter Schüler gewesen. Aber als meine Eltern von Anatolien ans Mittelmeer zogen, nach Alanya, da hab ich angefangen abzubauen. Aufs Gymnasium bin ich noch gegangen, aber nach der neunten Klasse war Schluss. Wie soll man das erklären: die Pubertät, die Sonne, der Strand, es war heiß – da hast du keine Lust zu lernen, ich hätte wohl eine härtere Hand gebraucht. Man hat mir dann eine Auszeit verordnet, vor allem Abstand von der Clique, mit der ich ständig rumhing.

In Hamburg lebte ein Teil der Familie, meine Großeltern, Onkel und Tanten. Die haben mich gleich zur Schule geschickt, acht Monate Deutsch mit Goethe, den gesamten Kurs haben sie privat bezahlt. Bis 14 Uhr war Unterricht, anschließend habe ich meinem Onkel Arif im Laden geholfen, verkauft oder Botengänge gemacht, also den Kunden die Ware nach Hause geliefert. Das hat mir Spaß gemacht, und ich habe dabei auch schnell die Sprache gelernt.

Ich bin ein offener Mensch, ich komme schnell in Kontakt mit Leuten. Und wenn ich etwas nicht verstehe, dann frage ich nach. Was ist denn das, wie spricht man das aus, wieso heißt das so und nicht anders. Ich hatte auch schnell eine Menge Freunde, und irgendwann war nicht mehr die Rede davon, mich nach Alanya zurückzuschicken.

Für Arif habe ich sechs Jahre lang gearbeitet. Er hat mir jeden Monat 1250 Mark gezahlt, und das Geld ging direkt aufs Konto, davon habe ich keinen Pfennig genommen. Gelebt habe ich von meinen Trinkgeldern. Jede Woche kamen da an die 100 Mark zusammen, und das war genug, um hin und wieder Spaß auf dem Kiez zu haben. Sogar einen Joint konnte man sich davon leisten. Nee, heute kiffe ich nicht mehr. Nach einer Weile wird man ohnehin nur schläfrig von dem Zeug. Man lacht nicht mehr, und wenn ich keinen Spaß habe, brauch ich das nicht.

Von meinen Ersparnissen habe ich erst mal meinen Papa in die Rente geschickt. Er hatte noch ein paar Monate offen, und diese 5000 Euro habe ich ihm gegeben. Außerdem habe ich für meine Mutti und meinen Papa eine Wohnung in Izmir gekauft, 4000 Mark hat die damals gekostet. Jetzt brauchen die beiden nur Wasser, Strom und Steuern zu zahlen, und damit kommen sie gut zurecht.

2001 war Schluss bei meinem Onkel. Täglich hatte ich zehn bis zwölf Stunden im Laden gestanden, und eigentlich wollte ich mir erst mal eine längere Pause gönnen. Aber dann hab ich schnell was Neues gefunden, in der Markthalle, wo die großen Musikveranstaltungen sind, Techno, Hip-Hop, Rock ’n’ Roll – ich fand das total spannend. Am Anfang hab ich nur ausgeholfen, Getränke ausgeschenkt und so.

Aber nach einem Jahr kam der Tresenchef zu mir und sagte: Ich mach den Job nicht mehr, willst du den haben? Klar wollte ich, mir hat das Spaß gemacht. Ich konnte ziemlich selbständig arbeiten. Ich hab nicht nur die Geräte repariert und Leute eingeteilt, ich durfte die sogar einstellen und rausschmeißen, ohne zu fragen. Meine Kasse hat immer gestimmt, und mein Tresen war der sauberste. Das Geld reichte aus, ich war happy.

Das war auch die Zeit, in der ich geheiratet habe. Wie das passiert ist, weiß ich heute gar nicht mehr. Du lernst ein Mädchen kennen und schwupps, bist du verheiratet. Ich weiß noch nicht mal, ob ich ihr einen Antrag gemacht habe, ich glaub eher nicht. Sie war Einzelkind, die Mutter Deutsche, der Vater Türke, aber der hatte nicht viel zu sagen. Sie war deutsch erzogen, und für mich war das okay. Ich mag Frauen, die selbständig sind und ihr eigenes Bewusstsein haben, ich wäre nie auf die Idee gekommen, mir eine Frau aus Anatolien zu holen. Obwohl, das muss man ganz klar sehen: auch da hat sich inzwischen einiges verändert.

Sie war 19 und ich 24, als wir geheiratet haben. Beide sehr jung, klar, heute würde ich sagen: zu jung. Sie hat damals in so einem Schnickschnackladen gearbeitet, 500 Euro netto hat sie verdient. Sie war überhaupt nicht zufrieden und hat ständig geklagt.

Ich hab das auch nicht eingesehen, dass sie für so wenig Geld arbeitet. Die Fahrtkosten haben ihr Einkommen fast vollständig aufgefressen, und ich bin dann auf die Idee gekommen: ich mach dir nen Laden auf. Ich hatte noch Geld auf meinem Konto, und das habe ich investiert, um ihr einen 30 Quadratmeter großen Kiosk in Winterhude zu kaufen. Natürlich musste der umgekrempelt und eingerichtet werden, von Grund auf. Aber das ist meine Leidenschaft, das mache ich gern. Ich glaube, ich habe insgesamt schon sieben Läden zurechtgezimmert.

Meine Frau war voll happy, aber dann haben wir einen Fehler gemacht. Wir haben ihre Mutter ins Boot geholt, weil die sich auskannte mit dem Gewerbe. Sie war eigentlich ganz lieb, aber ich habe festgestellt: man kann sich nicht richtig streiten und deshalb auch nicht richtig aussprechen in so einer Situation. Egal ob die Tochter recht hat oder nicht: eine Mutter schützt immer ihr Kind, das ist ein Naturgesetz, das kann man auch niemandem übel nehmen. Wir haben auch gleich hinter dem Laden gewohnt, die Mutter war also immer dabei.

Aber das war nicht der einzige Grund für das Scheitern unserer Ehe. Ich habe ja weiter in der Markthalle gearbeitet, der Kiosk sollte ganz allein ihr Ding sein. Um 18 Uhr ich bin aus dem Haus, meist gegen drei Uhr nachts zurückgekommen. Oft alkoholisiert, das gebe ich zu. Aber auch wenn ich nüchtern war: wenn du sechs oder acht Stunden dröhnende Musik im Ohr hattest, kannst du nicht sofort abschalten. Ich habe dann noch lange wachgelegen, ferngesehen, und am nächsten Tag bin ich nachmittags aufgestanden. Wir hatten dann vielleicht zwei Stunden für uns, in denen alles geklärt werden musste.

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