Kitabı oku: «Torschrei - Bekenntnisse eines Fußballsüchtigen»

Yazı tipi:

Jürgen Bertram
Torschrei
Bekenntnisse eines Fußballsüchtigen

Mit einem Nachwort von Günther Koch

Saga

Für Kurt (»Todos«) Brandt, SV Viktoria Bad Grund,

mein Vorbild als Torwart

Vorwort

Vergangenen Herbst, als der Wind im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel die Straßenbäume schüttelte, überkam es mich wieder. Die Kastanie, die beim Sonntagsspaziergang unmittelbar vor mir aufprallte, kickte ich mit dem rechten Spann zielgenau zwischen die eisernen Streben einer U-Bahn-Überführung. Ich riss die Arme hoch und schrie: Tooor! Mein Gott, so sagten die Blicke der anderen Passanten, der ist längst ergraut und immer noch ein Kindskopf!

Meinem fußballerischen Reflex folgte die Reflexion. Sie gipfelte in der Erkenntnis, dass meine Besessenheit, gegen alles zu treten, was sich vor meinen Füßen bewegt, und an jedem Sportplatz innezuhalten, auf dem zwei Mannschaften einem Ball hinterherlaufen, in einer Zeit wurzelt, in der ich tatsächlich noch ein Kind war. Als Adenauer-Ära ging sie in die Geschichtsbücher ein – und dass der Fußball damals mein Ein und mein Alles war, hat auch mit der Gefühlskälte zu tun, die ich in meinem kleinbürgerlichen Elternhaus erlebte und die charakteristisch ist für diese von Kriegslast und Aufbruch gleichermaßen geprägte Epoche.

Als ich mich noch an diesem denkwürdigen Herbsttag zu einem Buch über meine Fußballsucht und ihre familiären wie gesellschaftlichen Hintergründe entschloss, ahnte ich noch nicht, in welche Wechselbäder der Emotionen ich mich beim Schreiben stürzen würde. Ich staunte über die kriminelle Energie, mit der ich mich dem von meinem autoritären Vater verhängten Fußballverbot entzog. Und ich erschrak, als mir bewusst wurde, dass sich mein Suchtverhalten keineswegs auf den Fußball beschränkte und ich nur mit großem Glück dem Absturz in die Verwahrlosung entging.

Ich wunderte mich, wie langfristig vor Jahrzehnten erlittene Beschädigungen nachwirken, aber ich schwamm auch in Glückseligkeit, als ich noch einmal die Höhepunkte meiner Laufbahn als Fan und als Spieler Revue passieren ließ: die Tramptouren zu den internationalen Arenen, die Begegnungen mit meinen Idolen, die Schlammschlachten auf den Plätzen der niedersächsischen Provinz, meine eigenen Heldentaten als Torwart.

Was mich am meisten verblüffte, war die Detailgenauigkeit, mit der ich mich, unterstützt durch intensive Recherchen in Zeitungsarchiven und Reisen zu wichtigen Schauplätzen, an meine ersten Fußballerlebnisse in den Harzer Bergbauzentren Bad Grund und Goslar und an andere Schlüsselszenen meiner Kindheit und Jugend erinnern konnte. Das erleichterte mir die Entscheidung, diese Erlebnisse aus der Sicht des staunenden, hin und her gerissenen Knaben nachzuerzählen. So romanhaft und dramatisch einige Szenen auch wirken mögen: Alles, was ich beschreibe, hat sich so oder zumindest so ähnlich zugetragen. Verändert habe ich lediglich einige Namen.

So entstand ein Text, der von Flanken und Fallrückziehern, Stars und Stadien, Ecken und Elfmetern handelt und sich als Hymne auf den Fußball versteht, aber eben auch eine in einer bleiernen Zeit angesiedelte Familiengeschichte erzählt. Natürlich habe ich mich vor allem bei den sehr persönlichen Passagen gefragt: Wie weit kann ich gehen? Ich entschied mich, da Halbherzigkeit und Schönfärberei miserable inhaltliche und dramaturgische Fundamente sind, für die Offensive. Und dies hatte, um einen anderen Begriff aus der Fußballsprache zu verwenden, am Ende die Wirkung eines Befreiungsschlages.

Die Bürger der alten Kaiserstadt Goslar möchte ich bitten zu bedenken, dass ich die Atmosphäre in den fünfziger Jahren beschreibe. Ich bin mir sicher, dass am Fuße des Harzgebirges heute – wie in der gesamten Bundesrepublik – ein offeneres und toleranteres Klima herrscht.

I

1 Teufelstal

Schweigen. Auch am Sonntag beim Frühstück: dieses grauenhafte Schweigen. Meine Mutter schweigt, weil sie ständig an ihre Eltern, meine Oma und meinen Opa, denkt. In Berlin, im Stadtteil Wedding, kamen sie, kurz vor Toresschluss, bei einem Bombenangriff ums Leben.

Mein Vater schweigt, weil er in Gedanken bestimmt schon wieder bei seiner Arbeit im Wald ist: Die Axt anlegen. Den Stamm spitzen. In Deckung gehen. Die Äste entfernen. Aufpassen, dass kein Vogelnest beschädigt wird. Den Stamm in Stücke sägen.

Ein Jahr lang muss mein Vater, der vor dem Krieg als Buchhalter der Erzgrube »Hilfe Gottes« in Bad Grund im Oberharz hinter einem Schreibtisch saß, im Wald arbeiten. Das ist die Strafe dafür, dass er einem Mann folgte, der auf den Briefmarken in der Schublade einen Schnurrbart trägt und den die Erwachsenen »Adolf« nennen. NSDAP, SA, Oberscharführer … mit den Begriffen in dem Fragebogen, mit dem sich mein Vater wochenlang beschäftigt hat, kann ich nichts anfangen. Aber sie bedeuten wohl etwas Böses.

Der ältere Bruder meines Vaters, mein Onkel Ernst, ist im Krieg gefallen. In der Eifel. Am 13. Februar fünfundvierzig. Auch kurz vor Toresschluss. Gefallen? Kann man nicht wieder aufstehen, wenn man gefallen ist? Nebenan schimpft der alte Bartels mit seiner Frau. Wenn sie zurückschimpft, jault Molli auf, der schwarze Spitz der beiden. Der Himmel ist grau, dunkelgrau – wie gestern und vorgestern und vorige Woche und die Woche davor. Die Uhr an der Wand tickt, tickt, tickt. Bitte, sagt was; irgendwas. Meine Eltern sagen nichts.

Ich renne vom Roland, dem Hügel, auf dem wir wohnen, in Richtung Kurpark, streife die Sträucher der Schrebergärten, in denen Mokri haust, der Italiener, der, wie die Leute erzählen, unsere Katzen wegfängt und brät oder kocht oder dünstet oder gleich roh verzehrt und der mit seiner Flinte auf die Vögel schießt, die im Liederbuch meiner Volksschulklasse 1a vorkommen. Amsel, Drossel, Fink und Star. Alle Vögel sind schon da. Alle Vögel, alle.

Der »schöne Erich«, ein Kriegskamerad meines Vaters, sagt: Wenn die Italiener nicht so feige gewesen wären, dann hätten wir den Krieg noch gewonnen. Anschließend erzählt er immer einen Witz. »Fragt der eine: Kennst du Italiener? – Antwortet der andere: Ja, aber nur flüchtig.« Auch der schöne Erich war irgendwo Mitglied. Nur aus einem doppelten Buchstaben besteht der Name: SS.

Auf dem Iberg, wo die Sage vom Zwergenkönig Hübich spielt, der einer armen Bergmannsfrau silberne Tannenzapfen schenkte, knarzen die Buchen im Novemberwind. Seltsame Laute weht er aus dem Teufelstal zu mir herauf: Uuiiii. Pfuuiiii. Aaaaah. Als eine Lichtung den Blick freigibt, erkenne ich ein rechteckiges, von Pfützen übersätes Feld, auf dem Pulks junger Männer, deren Konturen immer wieder hinter einem Schleier aus Schneeregen verschwimmen, einen Ball vor sich hertreiben.

Ich stolpere, rutsche, springe den Hang hinunter. Kaum bin ich am Rande des Platzes zum Stehen gekommen, fliegt der klitschnasse Lederball wie ein Geschoss auf mich zu. Aus Angst, er könne unmittelbar vor mir aufprallen und mir mitten ins Gesicht klatschen, stoppe ich ihn mit dem linken Fuß und halte ihn wie ein waidwundes, aber keineswegs erledigtes Wild für fünf, sechs Sekunden unter der Sohle fest. Dann hebe ich ihn auf und werfe ihn einem der keuchenden Männer in den kurzen Hosen zu. Der leitet ihn, ein knappes »Danke!« knurrend, an einen Mitspieler weiter. Er läuft, dreht sich, zielt, trifft. Toooor!, rufen die Zuschauer und umarmen sich.

Ich – jawohl: Ich – habe die Aktion eingeleitet, die mit Triumph und Jubel endete. Ein Schauer des Glücks erfasst mich. Ich speichere mein Erlebnis in allen Einzelheiten im Kopf, bewahre es dort auf wie einen Schatz.

Mir ist klar, dass ich mich heute Vormittag unerlaubt von zu Hause entfernt habe. Also erwartet mich nach meiner Rückkehr eine Strafe. Um die Begegnung mit meinem Vater hinauszuzögern, erfinde ich Spiele. Ich spiele Fußball mit mir selbst.

Aus einer Böschung löse ich drei Steine. Zwei Steine lege ich in einem Abstand von zwei, drei Metern parallel zueinander auf den Bürgersteig. Das sind die beiden Pfosten. Der dritte Stein soll, nachdem ich aus etwa 15 Metern Entfernung gegen ihn getreten habe, möglichst über die Linie dazwischen schurren. Zehn Versuche gebe ich mir. Bin ich mehr als fünfmal erfolgreich, habe ich gewonnen. Daneben … drin. Drin … daneben. Drin. Drin. Daneben. Drin. Pfosten … drin. 6 : 4 für mich.

An einer Reihe von Büschen hängen erbsengroße weiße Beeren, Schneebeeren. Sie halten dem heißesten Sommer und dem kältesten Winter stand, und selbst die hässlichen Krähen, die über jedes tote Getier herfallen, wagen sich wegen ihres bitteren Geschmacks nicht an sie heran. Ich pflücke die Beeren, sammele sie in der hohlen Hand, werfe sie in die Luft, katapultiere sie mit dem Fuß, ohne dass sie den Boden berühren, wieder in die Höhe. Einmal, zweimal … siebenmal, dreizehn Mal. Dann versuche ich das Kunststück mit dem Knie. Zum Schluss gelingt es mir sogar, eine Beere mit der Hacke so gefühlvoll weiterzuleiten, dass ich sie mit dem Kopf auffangen und balancieren kann.

Als mich mein Vater gleich im Flur bestraft, spule ich die Bilder von meinem Erlebnis im Teufelstal ab. Die Backpfeife rechts – klick: der Schuss. Die Backpfeife links – klick: das Tor. Die Kopfnuss – klick: der Jubel. Im Wohnzimmer haben sich, wie so oft am Sonntag, die Kriegskameraden meines Vaters versammelt – der »schöne Erich«, der »dicke Otto«, der »schlaue Willi«. Auf dem Tisch stehen Bierflaschen und Teller voller hoch mit Zwiebeln beschichteter Mettbrötchen. »Na, das gibt vielleicht ein Konzert heute Nacht im Schlafzimmer«, sagt mein Vater. Der schöne Erich sagt: »Zwiebeln sind doch noch gar nichts. Was meinst du, wie du nach Bohnen trompeten kannst! Jedes Böhnchen ein Tönchen.« Der schlaue Willi sagt: »Wenn’s Arschl brummt, ist’s Herz gesund.« Der dicke Otto sagt: »Darauf kannst du einen lassen.«

Der schöne Erich reicht meiner Mutter einen Zehnmarkschein. Er fragt: »Kannst du den wechseln?« »Nein, kann ich nicht.« – »Ach, ich dachte, du bist in den Wechseljahren.« Mein Vater holt die Packung mit den Kyriazi-Zigaretten aus dem Schrank. Kyriazi gibt es nur am Sonntag. Und auch nur, wenn die Kriegskameraden zu Besuch sind. Gold Dollar oder Ernte 23, die alltags geraucht werden, sind rund und stehen senkrecht in der Schachtel. Kyriazi sind oval und ruhen waagerecht in einem Bett aus Silberpapier. Aus Ägypten kommt der Tabak. Auch König Faruk soll ihn schätzen.

Westfront. Ostfront. Smolensk. Iwan. Dünkirchen. Perpignan. Polacken. Panzerfaust. Zum hundertsten Mal höre ich diese Namen, diese Begriffe. Aber nur mit Perpignan kann ich etwas anfangen. In Perpignan, in Südfrankreich liegt das wohl, ist den Soldaten ein Hund zugelaufen, ein Mischling. Und Major Jenner, der alte Jenner, hat es ihnen erlaubt, den Hund zu behalten und mit ihm von Etappe zu Etappe zu ziehen. Zum Obergefreiten haben sie Lumpi Heiligabend zweiundvierzig befördert.

Mein Vater nimmt seine Gitarre von der Wand und setzt sie sich vorsichtig auf sein Knie. Die Gitarre hat es besser als ich. Die Männer singen.

Alle Tage ist kein Sonntag,

Alle Tag gibt’s keinen Wein,

Aber du sollst alle Tage

Recht lieb zu mir sein.

Und wenn ich einst tot bin,

Sollst du denken an mich,

Auch am Abend, eh’ du einschläfst

Aber weinen darfst du nicht.

Der dicke Otto sagt: »Im Osten hatten die Flüchtlinge nicht mal das Schwarze unter den Fingernägeln. Und hier werden sie plötzlich alle zu Großgrundbesitzern.« Bei uns zu Hause hat man den pensionierten Volksschullehrer Josef Mainka einquartiert. Aus Hirschberg stammt er. In Oberschlesien liegt das. In »Schläsien-Obber«, wie mein Vater sich ausdrückt.

Das Bilderbuch, das mir Herr Mainka geschenkt hat, handelt von Rübezahl, einem Berggeist, der, einen knorrigen Stab umklammernd, durch die schwarzen Wälder des Riesengebirges stapft. Mit seiner in Lumpen gehüllten, gewaltigen Gestalt flößt er mir Angst ein. Nachts träume ich manchmal von Rübezahl. In der Nacht nach dem Fußballspiel im Teufelstal träume ich von dem Schuss, dem Tor, dem Jubel.

2 Glückauf-Kampfbahn

1947. Durch das Teufelstal röhren, als hätten sich dort tausend brünftige Hirsche versammelt, schwere Maschinen. Ihre Räder gleiten auf Ketten, und sie machen selbst die sperrigsten Erdhügel platt. Planierraupen heißen sie. Der »Tommy«, wie man in Bad Grund die englischen Besatzer nennt, hilft dem SV Viktoria mit dem Gerät aus. Ein richtiger Fußballplatz soll aus dem Acker werden, auf dem der Ball so wild hin und her springt, dass er mir voriges Jahr fast ins Gesicht geklatscht wäre. Von einem Schulkameraden, dessen Vater beim SV Viktoria spielt, weiß ich, dass der Tommy dem Verein auch Fußbälle geschenkt hat, Bälle mit Blase und Schnüren. Einfetten muss man die nach jedem Spiel.

Der Tommy hat den »Ami« abgelöst, der am 9. Mai fünfundvierzig vom Kelchtal her in Bad Grund einmarschierte. Zwei Männer vom Volkssturm, erzählt der schöne Erich, haben aus einem Fenster des Rathauses noch ihre Gewehre leergeballert. »Aber gebracht hat das nichts mehr.«

Mein Vater hasst den Ami. In Remagen am Rhein hat er ihn fünfundvierzig für ein paar Wochen in einem Lager festgehalten. Hinter Stacheldraht. Bei Maisbrot und einer so dünnen Suppe, »dass du bis auf den Grund gucken konntest«. Wenn der Ami in Bad Grund Sport trieb, behaupten die Leute, zog er die Grenzlinien auf dem Platz mit Mehl. Und wir, schimpfen die Leute noch immer, hatten nichts zu beißen.

Wenn wir zu Hause nichts mehr zu beißen hatten, lief ich mit meiner Mutter die sechs Kilometer zum Bauern nach Münchehof. Sie nahm mich an die Hand, manchmal auch auf die Schulter. Sie bot dem Bauern den Schnaps an, den mein Vater zusammen mit dem Polizeibeamten Jorzik in unserem Schlafzimmer aus Kartoffeln brannte, und der Bauer gab meiner Mutter ein paar Eier, hin und wieder auch eine Mettwurst dafür. Es kam aber auch vor, dass er uns ohne Eier und Wurst nach Bad Grund zurückschickte.

Unterwegs pflückten wir uns Äpfel von den Straßenbäumen. Mondrunde, gelbgrüne, saftige Augustäpfel, in deren Gehäuse sich, wenn man hineinbiss, manchmal ein Wurm wand. Der Polizeibeamte Jorzik ist später mit seinem Auto verunglückt. An einem Bahnübergang zwischen Bad Grund und Wildemann. Er war sofort tot. Selbst schuld, sagt der schöne Erich.

Ich hasse den Ami nicht. Obwohl er den Ort längst dem Tommy übergeben hat, versorgt er uns Volksschüler noch immer mit Milchsuppe, in der dicke Rosinen schwimmen. Auf dem Schulhof wird sie jeden Morgen aus einem großen Kessel ausgeschenkt. Quäkerspeise heißt sie. Als mir ein Klassenkamerad, den wir wegen seiner Stoppelhaare »Igel« nennen, in der großen Pause beim Fußballspielen immer wieder das Bein stellt, nehme ich vor Wut mein Kochgeschirr und schütte ihm den Rest der Rosinensuppe ins Gesicht.

Mein Vater muss daraufhin zum Rektor. Zu Hause löst er sofort den Lederriemen aus dem Hosenbund und befiehlt mir, meinen Hintern frei zu machen und mich über die Sofalehne zu legen. Nicht mit der Schnalle, bete ich. Bitte, nicht mit der Schnalle!

Die Schnalle trifft mich. Einmal, zweimal, dreimal … Ich denke an den Schuss, das Tor, den Jubel. Diesmal hilft es mir nicht. Die Schläge mit der Schnalle tun zu weh. Mein Vater, überlege ich abends im Bett, hasst den Ami. Aber wenn ich seine Rosinensuppe verschütte, hasst er mich.

Mai 1950. In Bad Grund spricht man nur noch über einen Fußballverein: Schalke 04. Vom dicken Otto erfahre ich, dass er in einer Stadt namens Gelsenkirchen zu Hause ist und dass er schon sechsmal die Deutsche Meisterschaft gewann. Seine Stürmer Ernst Kuzorra und Fritz Szepan seien die Erfinder des Schalker Kreisels, des blitzschnellen, den Gegner lähmenden Kurzpassspiels. Und dieser in ganz Deutschland bekannte Klub hat sich bereiterklärt, zur Einweihung des neuen Platzes im Teufelstal nach Bad Grund zu kommen! Als Gegner wurde der SC Peine 48 verpflichtet, eine Spitzenelf aus der Amateuroberliga Niedersachsen.

Am 18. Mai, dem Himmelfahrtstag, ist es endlich so weit. Ich bin einer von 8000 begeistert klatschenden Zuschauern, als die Mannschaften kurz vor 16 Uhr den Platz betreten – Peine in blauen Hosen und roten Hemden, Schalke in weißen Hosen und Hemden, die so blau sind wie der Himmel über dem Iberg. Cornelissen … Beverungen … Karla … Abramczik … Groß … Ernst Kuzorra und Fritz Szepan sind nicht dabei. Eine Reisemannschaft ist das, beklagt sich einer der Zuschauer in meiner Reihe. Kuzorra und Szepan, klärt ihn ein anderer Zuschauer auf, haben ihre Laufbahn doch gerade beendet.

Mir ist es egal, ob Kuzorra und Szepan spielen oder nicht. Hauptsache, Schalke 04 spielt im Teufelstal. Schalke ist spitze. Peine ist spitze. Bad Grund ist spitze. Ich bin spitze. Schade, dass sich an diesem Nachmittag mein Vater nicht an meiner Seite befindet. Ob er mich beim ersten Schalker Tor wohl genauso in den Arm genommen hätte wie der alte Herr neben mir?

Schalke 04 gewinnt 2 :1 – und hinterlässt dem SV Viktoria Bad Grund ein Geschenk. »Glück-auf-Kampfbahn« darf der Verein seinen neuen Platz nennen. Genauso heißt das Stadion, in dem die Gelsenkirchener Meistermannschaft spielt. Glück auf! Das ist der Gruß der Kumpel im Ruhrgebiet und auch der Bergleute im Harz.

Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt.

Und er hat sein helles Licht bei der Nacht,

und er hat sein helles Licht bei der Nacht,

schon angezünd’t …

Der eine gräbt das Silber,

der andre gräbt das Gold;

doch dem schwarzbraunen Mägdelein bei der Nacht;

dem sein sie hold, dem sein sie hold.

Beim Abschlussball im Iberger Kaffeehaus, erzählt man sich in Bad Grund noch Tage später, war der Gelsenkirchener Spieler Groß nicht von der Tanzfläche wegzukriegen. Bis in den frühen Morgen ist er auf dem Parkett gewesen, und besonders beim Foxtrott hat er sich so schnell und elegant bewegt wie beim Schalker Kreisel.

3 Totemannsteich

Mein Vater arbeitet nun wieder im Büro – in der Berginspektion, wie man das Verwaltungsgebäude der Grube »Hilfe Gottes« nennt. Im Gegensatz zum Bergwerk, das sich am Rande des Städtchens hinter einem Wald versteckt, liegt es mitten im Ort, ganz in der Nähe des Kurparks mit seinen Beeten und Bänken, seinem Pavillon, seinen Moorbädern. Die Angestellten, die ausrechnen, wie viel Lohn den Arbeitern zusteht, trinken ihr Bier abends im »Römer«, einem Hotel, in dem, wie mein Vater sich ausdrückt, die »Haute wo Laute« absteigt. Hautevolee meint er damit. Das ist französisch und bedeutet: »die feine, bessere Gesellschaft«. Im Duden habe ich das nachgesehen.

Einmal in der Woche probt im »Römer« auch der Gesangverein, dem die Angestellten angehören. Der Chor für die Bergleute trifft sich im »Oberharzer«. In diesem Lokal gibt es eine Bühne, auf der manchmal Theaterstücke aufgeführt werden. Das Stück, das ich sehe, heißt: »Die Letzte Fris(s)t«. Am Ende des Stückes läuft eine Reihe von Mädchen über die Bühne. Das Mädchen am Ende der Reihe – es ist die Lehrerstochter Ute – beißt kräftig in ein dick mit Wurst belegtes Brot. Die Letzte frisst … Mein Vater singt im »Römer«.

Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre,

Ihr Schall pflanzt seinen Namen fort.

Ihn rühmt der Erdkreis, ihn preisen die Meere

Vernimm, O Mensch, ihr göttlich Wort …

Herr Zucker, unser Musiklehrer, leitet den Chor. Neulich beim Sommerfest im Iberger Kaffeehaus war er so besoffen, dass er auf dem Weg zur Toilette ausrutschte und den Abhang hinuntertrudelte. Von oben bis unten, sagen die Leute, sei sein Anzug mit Lehm beschmiert gewesen. Und an dem Lehm hätten die Blätter der Buchen geklebt. Wie ein Pfingstochse habe er ausgesehen. Bei Herrn Zucker, das wissen wir Schüler, sitzt die Hand locker. Manchmal wirft er auch mit der Stimmgabel nach uns. Wer nicht hört, meint auch mein Vater, muss fühlen. Mein Sohn, hat er mal zu dem alten Bartels gesagt, pariert noch nicht so, wie ich es mir vorstelle.

Wer trägt der Himmel unzählige Sterne

Wer führt die Sonn’ aus ihrem Zelt

Sie kommt und leuchtet und lacht uns von ferne

Und läuft den Weg gleich wie ein Held …

Mein Held heißt Kurt Brandt, genannt »Todos«. Er arbeitet als Schlosser in der Grube »Hilfe Gottes«, trinkt sein Bier im »Oberharzer« und steht beim SV Viktoria im Tor. Lautenthal greift an – Todos fängt. Ecke für Wildemann – Todos faustet. Elfmeter für Zellerfeld – Todos hechtet. Ich bin in unserer Klassenmannschaft der Torhüter. Darum nenne auch ich mich Todos. Irgendwann kennt mich jeder in Bad Grund unter diesem Namen.

Der Film, den ich seit meinem ersten Fußballerlebnis im Teufelstal im Kopf speichere, wird länger und länger. Als ich mal am Totemannsteich Blaubeeren pflücke, spule ich ihn, um mich abzulenken von einer schrecklichen Begegnung, vom Anfang bis zum Ende ab. »Toter Mann« sagen die Bergleute zu einem verlassenen Stollen. Und das Gewässer darüber nennen sie Totemannsteich.

Ich lege beim Sammeln der Blaubeeren eine Pause ein und entdecke am Ufer einen jungen Mann, der in der rechten Hand einen Sack trägt. In dem Sack bewegt sich ein Körper. Aus der Öffnung ragt eine schwarzweiß gezeichnete Pfote. Als wolle sie an die Wälder, die Wiesen, die Bäche, die Seen einen letzten Gruß richten, löst sie sich hin und wieder aus der Starre. Der junge Mann sieht sich nach allen Seiten um, beschwert den Sack mit einem großen Stein, schwingt ihn ein paarmal hin und her – und lässt ihn los. Einmal noch bewegt sich, einen Kreis dünner Wellen malend, die Pfote. Während sich die Oberfläche wieder beruhigt, versinkt der Sack mit dem Stein und der Katze glucksend in der Tiefe.

Ich verstecke mich, um nicht entdeckt zu werden, hinter einem Wall aus Büschen. Es ist windstill. Als mein Fuß abrutscht, berührt er den Eimer mit den Blaubeeren. Der junge Mann blickt in meine Richtung, hastet den Abhang hinauf. Ist es Mokri, der Italiener, der in den Schrebergärten zwischen unserer Wohnung am Roland und dem Kurpark haust? Nein: Mokri kann es nicht sein. Mokri brät oder kocht oder dünstet unsere Katzen, nachdem er sie gefangen hat. Warum sollte er sie im Totemannsteich versenken?

Der junge Mann brüllt mich an: »Ich weiß genau, wer du bist, und ich weiß auch, wo du wohnst, Todos! Wenn du nur einen Mucks sagst, dann schlage ich dich windelweich!« Auf dem Weg nach Hause nehme ich zehn Blaubeeren aus meinem Eimer und werfe sie in die Luft, so hoch es geht. Für jede Beere, die ich fange, gebe ich mir einen Punkt. Bleibt die Beere heil, kommt ein Punkt hinzu. 2 : 0 … 4 : 0 … 6 : 0 … 8 : 0 …

Hurra, ich bin so gut wie Todos!

4 Schlägermütze

Mach auf! Bitte, mach auf! Bitte, bitte: Mach auf! Meine Mutter macht nicht auf. Im Schlafzimmer hat sie sich eingeschlossen. Immer öfter tut sie das.

Mein Vater sagt: Mensch, wir wohnen jetzt nicht mehr in Bad Grund, diesem Kaff, sondern in Goslar, der alten Kaiserstadt. Weißt du, wie viel Einwohner Bad Grund hat? Viertausend. Und weißt du, wie viel Einwohner Goslar hat? Vierzigtausend. Du wolltest doch immer nach Goslar! Zum Bürovorsteher hat man mich befördert. Das gibt hundertsechsunddreißig Mark mehr im Monat. Hundertsechsunddreißig. Und die Knappschaft zahlt mir später eine Pension, von der andere nur träumen. Und seit der Koreakrieg ausgebrochen ist, geht’s dem Bergbau wieder richtig gut. Mensch, unser Sohn besucht jetzt das Gymnasium. Du wolltest doch immer, dass er das Gymnasium besucht! Ich weiß nicht, was du hast. Ich weiß es wirklich nicht.

Ich knie mich vor die Tür und beuge mich zum Schlüsselloch vor. Meine Mutter hat den Schlüssel abgezogen, so dass ich durch einen Lichtschacht ins Schlafzimmer blicken kann. Hinter der Gardine erhebt sich der Förderturm des Erzbergwerks Rammelsberg. Viele Hundert Meter tief fahren die Kumpel in den Berg hinein. Hundertsechzig Gramm Silber und ein Gramm Gold enthält jede Tonne des Erzes, das sie in den Stollen aus den Wänden sprengen und auf Loren laden. Das Silber, das wir prägen zum Taler blank und wert – bedenke, dass drum der Knappe in Berges Tiefe fährt.

Mein Fußballverein heißt nun Goslar 08. In der Amateuroberliga Niedersachsen-Ost, der zweithöchsten deutschen Klasse, spielt er – wie der SC Peine 48, der vor drei Jahren in Bad Grund nur mit 1: 2 gegen Schalke 04 verlor. Blauweiß – die Farben von Schalke 04 sind auch die Farben von Goslar 08. Und wie bei Peine 48 und Schalke 04 hat bei Goslar 08 jeder Spieler eine Nummer auf dem Rücken: Torwart Macha die Nummer 1, Mittelläufer Thielemann die Nummer 5, der Halblinke Schröder die Nummer 10, Linksaußen Juppe die Nummer 11. Rückennummern! Nur Spitzenmannschaften haben Nummern auf dem Rücken.

Ich presse das Auge ganz dicht an das Schlüsselloch, um den Ausschnitt, der sich bisher auf den schmalen Streifen bis zum Fenster beschränkte, zu erweitern. Mein Blick erfasst jetzt auch die Bettkante und das Bild von der Spree, die durch eine Wiesenlandschaft mit einem einsamen Baum in der Mitte fließt. Ein Sonnenstrahl wandert durch das Zimmer. Ich folge ihm in der Hoffnung, dass ich in seinem Kegel meine Mutter erkenne. Das Licht löst sich in Dunkelheit auf.

Würde meine Mutter, was häufig der Fall ist, im Zimmer auf und ab gehen, von Ecke zu Ecke, von Wand zu Wand, dann würde sie, für einige Sekunden wenigstens, den von mir einsehbaren Winkel kreuzen. Dann könnte ich von ihrem Gesicht, ihrem Gang ablesen, wie sie sich gerade fühlt. Wie traurig sie ist, wie lange es dauern könnte, bis sie die Schlafzimmertür öffnet. Meine Mutter geht nicht auf und ab. Auf dem Bett, das sich meinem Blick entzieht, wird sie liegen. Ich wende das Auge vom Schloss ab und presse stattdessen das Ohr dagegen. Schläft sie? Schluchzt sie? Atmet sie noch? Ist sie tot? Oder stellt sie sich tot?

Ich hämmere mit den Fäusten gegen die Tür, schreie: Mach auf! Bitte, bitte: Mach auf! Ich forme die Hände zu einem Trichter und flüstere durch das Schlüsselloch: Dann sag doch wenigstens was. Irgendwas. Meine Mutter sagt nichts.

Meine Lieblingsspieler bei Goslar 08 sind Torwart Macha und Mittelläufer Thielemann. Torwart Machas Stärke, schreibt die »Goslarsche Zeitung«, ist seine Reaktionsschnelligkeit auf der Linie. Das zeichnet auch »Todos« Brandt aus, mein Vorbild vom SV Viktoria Bad Grund. Verrate ich Todos, wenn ich nun Torwart Macha bewundere? Ich erkläre beide zu meinen Vorbildern. Und von meinen Mitspielern in der Straßenmannschaft lasse ich mich – wie damals in Bad Grund – Todos rufen.

Torwart Macha, der als Schlosser in der Kleiderfabrik Odermark arbeitet, trägt während des Spiels eine Mütze, eine Schlägermütze. Sie besteht aus einem Schirm und einer Wölbung, die aussieht wie eine aufgeblasene Kröte. Ein Druckknopf hält die beiden Teile zusammen. Auch ich besorge mir eine Schlägermütze – eine dunkelgraue, wie sie Torwart Macha auf dem Platz benutzt. Ich bezahle sie von meinem Taschengeld, das fünfzig Pfennig in der Woche beträgt. Als mein Vater die Mütze auf meinem Kopf entdeckt, schimpft er: »Du siehst ja aus wie ein Prolet! Schlägermützen sind Proletenmützen. Ich verbiete dir, mit dieser Mütze rumzulaufen!«

Das Auge und das Ohr beginnen von dem ständigen Druck zu schmerzen. Ich verlasse meinen Posten am Schlüsselloch und knülle eine Seite aus meinem Schreibheft zu einer Kugel zusammen. Nachdem ich sie in die Luft geworfen habe, befördere ich sie mit dem Fuß in Richtung Schlafzimmertür – mal mit dem Spann, mal mit dem Innenrist, mal mit dem Außenrist, mal mit der Pieke. Der Rahmen der Tür, hinter der meine Mutter auf dem Bett liegt und grübelt, ist das Tor. Habe ich nicht eben ein Räuspern gehört? Ist das ein Zeichen, dass die Tür sich gleich öffnet? Die Tür bleibt zu.

Während meiner Übungen mit der Papierkugel führe ich mir das schönste Erlebnis vor Augen, das ich seit unserem Umzug nach Goslar hatte. Im Stadion am Osterfeld wird das Punktspiel gegen Tuspo Holzminden abgepfiffen. Um den Spielern ganz nahe zu sein, renne ich zu dem Steg, der vom Platz in die Kabinen führt. Als Torwart Macha auf mich zukommt, stelle ich mich ihm in den Weg und blicke zu ihm auf. Ich möchte ihm sagen, wie gut er wieder gehalten hat. Aber ich bringe kein Wort über meine Lippen.

Torwart Macha legt seine Hand auf meine Schulter und sagt: »Na, mein Junge?« Auf dem 45 Minuten, also eine Fußballhalbzeit, langen Weg zu unserer Wohnung im Bergtal Nummer 8 fasse ich mir immer wieder auf die Schulter, die Torwart Macha berührt hat, und ich stelle mir vor, wie er hechtet, faustet, fängt. Als ich mit dieser Schulter eine Kiefer streife, bin ich traurig, weil ich glaube, dass ihr Zweig auch Torwart Machas Berührung wegwischt.

Meine Mutter sagt: Wie kann man sich über einen Krieg freuen? Auch wenn der Koreakrieg dem Erzbergwerk Rammelsberg Vorteile bringt – es bleibt ein Krieg. Und Kriege sind furchtbar. Das weißt du als ehemaliger Soldat doch selbst. Ich weiß es jedenfalls. Ja: Ich wollte immer nach Goslar. Aber glücklich bin ich hier nicht. Hast du gesehen, wie komisch der alte Müller mich neulich angeschaut hat? Der alte Müller mag mich nicht. Seine Frau mag mich auch nicht. Die grüßt mich nicht mal. Niemand mag mich in Goslar. Und ich mag mich auch nicht. Mein Bruder mag mich. Aber der lebt in Berlin, an der Spree.

Mittelläufer Thielemann, den ich genauso bewundere wie Torwart Macha, arbeitet als Schriftsetzer in einer Buchdruckerei in der Bäckerstraße. Auch Fritze Flügge, ein anderer Kriegskamerad meines Vaters, arbeitet dort. Mein Vater ist nicht gut zu sprechen auf ihn. Fritze Flügge, sagt er, verkehrt nachts in Bars und trinkt dort Sekt. Fritze Flügge sei ein Lebemann. Nur die Haute wo Laute trinke Sekt. Fritze Flügge gehöre aber gar nicht zur Haute wo Laute. Mein Vater trinkt Weinbrand, aber nie Sekt und nur ganz selten Korn. »Korn«, sagt er, »trinken die Proleten.«

Ich mag Fritze Flügge gern. Ich glaube, er mich auch. Weil er weiß, wie sehr ich Mittelläufer Thielemann bewundere, nimmt er mich irgendwann mit zu seiner Arbeitsstelle. Ich gehe durch ein Spalier vibrierender, ratternder Maschinen, die Blöcke aus Blei von sich stoßen. An einer der Maschinen sitzt der Mittelläufer Thielemann, der einzige Spieler von Goslar 08, der sich auch im bitterkalten Winter die Ärmel hochkrempelt. Sogar in die Niedersachsen-Auswahl hat man ihn schon berufen. Als er mich entdeckt, hält er kurz mit seiner Arbeit inne und lächelt mir zu. Mir. Nur mir. Wenn ich in Mathe mal wieder eine Fünf geschrieben habe oder wenn sich meine Mutter, wie heute, im Schlafzimmer einschließt, denke ich auch an dieses Lächeln.

Der Arzt sagt: Es liegt an den Wechseljahren. In den Wechseljahren kommt es bei Frauen oft vor, dass sie tagelang traurig sind. Mit Tabletten kriegen wir das schon wieder hin. Auch halb ausgebrütete Hühnereier sind gut für die Nerven. Der Schnabel des Kükens muss schon zu sehen sein. Augen zu – und runter damit! Aber wenn das alles nichts hilft, dann kommen wir um ein paar Wochen Woltorf nicht herum.

Woltorf? Wenn man irgendwas Dummes anstellt, dann sagen die Leute: Du kommst nach Woltorf, in die Klapsmühle. Meine Mutter soll nicht nach Woltorf. – Mach auf! Bitte, bitte: Mach auf!

Abends. Mein Vater deckt den Tisch. Es gibt – wie gestern und vorgestern und vergangene Woche und vorigen Monat und letztes Jahr und vorletztes Jahr – Schweinehack mit Zwiebeln, Hausmacher Leberwurst, gute Butter, Griebenschmalz und Harzkäse, in dem es, wenn Brummer über ihn hergefallen sind, vor Würmern wimmelt. Mein Vater untersucht ihn deshalb jedes Mal vor dem Verzehr mit einer Lupe.

Als Zutaten gibt es Rettiche und Radieschen aus unserem eigenen Garten. Die schmalen Wege zwischen den Beeten habe ich, stundenlang einen Fuß vor den anderen setzend, getreten. Mit einer Schnur hat mein Vater nachgeprüft, ob sie auch schnurgerade waren. Verliefen sie nicht »auf Kante«, musste ich zur Strafe Unkraut jäten. In Bad Grund habe ich mal beobachtet, wie ein wütender Vater seinen Sohn mit einer Zaunlatte verfolgte. Der Sohn lief in seiner Not einfach quer über die Gartenbeete. Der Vater benutzte die schnurgeraden Wege zwischen den Beeten. Und so entkam der Sohn seinem Vater.

Die Tür öffnet sich. Meine Mutter kommt herein. Sie setzt sich, als sei nichts gewesen, an den Tisch. Das Blaupunkt-Radio spielt Schlagermusik. Rudi Schuricke singt.

Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt,

Und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt,

Ziehn die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus,

Und sie legen in weitem Bogen die Netze aus.

Nur die Sterne, sie zeigen ihnen am Firmament

Ihren Weg mit den Bildern, die jeder Fischer kennt.

Und von Boot zu Boot das alte Lied erklingt,

Hör von fern, wie es singt:

Bella, bella, bella Marie,

Bleib mir treu, ich komm zurück morgen früh,

Bella, bella, bella Marie,

Vergiss mich nie.

Meine Mutter singt mit. Laut. Sehr laut. Zu laut.

5 Ostwind

»Jawoll, gnädige Frau!« – »Selbstverständlich, gnädige Frau!« – »Das kommt nie wieder vor, gnädige Frau!« – »Darauf können Sie sich verlassen, gnädige Frau!«

Mein Vater steht kerzengerade am Schreibtisch, als er mit der gnädigen Frau telefoniert. Sie ist mit dem kaufmännischen Direktor des Bergwerks verheiratet und wohnt mit ihm in dem Stockwerk über uns. Niemand in unserer Straße zweifelt daran, dass sie – im Gegensatz zu dem Lebemann Fritze Flügge – zur Haute wo Laute gehört. Sie besitzt ein Auto mit Schiebedach, fährt manchmal nach Braunschweig zum Theater, und kaum kündigt sich der Winter mit den ersten Flocken an, hüllt sie sich in einen flauschigen Pelzmantel, den der schlanke Kopf eines Fuchses abschließt.

Ein lebendiger Fuchs torkelte mal, mit hellem Schaum vor dem Maul, bis zu unserer Veranda. Tollwut! Revierförster Kolle hat ihn mit zwei Schüssen erledigt, mit einem Schuss ins Herz und einem Schuss in den Kopf. So rot wie das Blut, das nach den Schüssen in den frischen Schnee rann, ist das Haar der gnädigen Frau. Gefärbt, sagt mein Vater. Natur, sagt meine Mutter.

Revierförster Kolle sieht man nie ohne seinen Kurzhaardackel. Der ist schneller, sagen die Leute, als das schnellste Karnickel. Selbst vor dem tiefsten Bau hat der keine Angst. Astreine Zucht ist das. Aber der Hund der gnädigen Frau, sagen die Leute, der ist so edel, dass er den Dackel von Revierförster Kolle nicht mal mit dem Arsch anguckt. Genauso arrogant wie die gnädige Frau ist der. Arrogant … »Anmaßend-dünkelhaft«, heißt es im Duden.

Der Hund der gnädigen Frau ist ein Chow-Chow. Er hat ein rotbraunes Fell, einen Kopf wie ein Löwe und eine lila Zunge. Aus China, lerne ich aus unserem Lexikon, stammt diese Rasse. Schon seit zweitausend Jahren wird sie gezüchtet. Im Wohnzimmer der gnädigen Frau, erzählt ihr Fahrer, hängt ein Bild, das ihren Chow-Chow zeigt. Die gnädige Frau hat es selbst gemalt. Aber man erkennt den Hund kaum, sagt der Fahrer. Die Pfoten sitzen da, wo normalerweise der Kopf sitzt, und die Zunge schwebt irgendwo in der Ecke. Auch bei den nackten Weibern, die die gnädige Frau malt, weiß man nicht, was oben und was unten ist. Auf einem der Bilder liegen die Titties auf dem Hals. Und die Beine sind kürzer als die Arme.

Die größten Titties, sagt der schöne Erich, hat Silvana Mangano. »Freiwild« heißt der Film, der gerade mit ihr in der Hauptrolle im Odeon läuft. In der Anzeige in der »Goslarschen Zeitung« steht: »Verwirrende Schönheit. Brennende Leidenschaft. Unbeirrbare Frau.« Meine Mutter sagt: »Frauen wie Silvana Mangano blicken die Männer nach. Mir nicht. Ich bin viel zu dünn, und ich werde von Tag zu Tag dünner.« Der dicke Otto sagt: »Du bist so dünn, dass man dir das Vaterunser durch die Rippen blasen kann.«

Ich habe meine Mutter mal dabei beobachtet, wie sie sich mehrere Lagen Frottierhandtücher um den Oberkörper band und an die Stelle, an der die Brustwarzen sitzen, zwei Korken klebte. Ich glaube, die Leute sollten denken, dass sie so große Titties hat wie Silvana Mangano. Jeden Morgen nach dem Frühstück schlürft sie nun das Eigelb mit dem Kükenschnabel.

Mein Vater lässt den Hörer auf die Gabel fallen. Bei seinem Gespräch mit der gnädigen Frau war er noch blass. Als er auf mich zukommt, läuft sein Gesicht rot an. »Keine Widerrede!«, befiehlt er. »Du antwortest auf meine Fragen mit ›Ja‹ oder ›Nein‹!«

»Hast du gestern Nachmittag auf unserem Grundstück Fußball gespielt?«

»Ja.«

»War das nachmittags zwischen zwei und drei Uhr?«

»Ja.«

»Weißt du, dass die gnädige Frau nachmittags zwischen zwei und drei Uhr schläft?«

»Nein.«

»Hast du den Ball ständig gegen die Wand unter dem Schlafzimmer der gnädigen Frau geschossen?«

»Ja.«

»Habe ich dir nicht verboten, den Ball gegen diese Wand zu schießen – egal, ob die gnädige Frau schläft oder nicht?«

»Ja.«

Ja, ja, ja: Ich habe den Gummiball gegen diese Wand geschossen. Ich habe es getan, weil diese Wand nicht glatt ist, sondern dicht mit Efeu bedeckt. Wenn der Ball von einer glatten Wand zurückspringt, dann kann man ihn genau berechnen. Aber wenn er von einer mit Efeu bedeckten Wand zurückspringt, dann flattert er oder fliegt steil nach oben. Dann muss man – wie Torwart Macha – ganz schnell entscheiden, ob man ihn fängt oder faustet. Torwart Machas Stärke ist seine Reaktionsschnelligkeit auf der Linie. Ich will genauso stark sein wie Torwart Macha.

Mein Vater spricht das Urteil: Der Gummiball wird weggeschlossen. Das Fußballspielen auf dem Grundstück Bergtal Nummer 8 ist verboten – für immer. Die nächsten drei Heimspiele von Goslar 08 dürfen nicht besucht werden. Bei der nächsten Begegnung mit der gnädigen Frau wird sich entschuldigt. Außerdem verhängt mein Vater eine Woche Stubenarrest, Stufe drei. Stufe eins bedeutet eine Stunde Ausgang, Stufe zwei eine halbe Stunde Ausgang, Stufe drei gar keinen Ausgang.

Ich rechne: Bei Stufe eins und zwei hätte ich das Haus am Sonntagnachmittag für die mir zugestandene Zeit in Richtung Osterfeld-Stadion verlassen können. Aus der Ferne, bei Stufe eins vielleicht sogar aus der Nähe, hätte ich dann wenigstens für einige Minuten einen Blick auf den von Kastanienbäumen gesäumten Platz werfen und am Geräuschpegel den Spielstand nachvollziehen können. Natürlich hätte ich darauf geachtet, dass mein Ausflug nicht in die für mich unergiebige Halbzeitpause fällt.

Aber nun wird mir am kommenden Sonntag nichts anderes übrigbleiben, als das Fenster meines Zimmers weit zu öffnen und darauf zu hoffen, dass der Wind von Osten, also vom Osterfeld her, weht und dass er stark genug ist, wenigstens Fetzen des hoffentlich mehrmals aufbrausenden Torjubels an mein Ohr zu tragen.

Der gnädigen Frau begegne ich schon einen Tag nach dem Urteil. Ruckartig nehme ich, wie es mein Vater mir für einen solchen Fall befohlen hat, die Hände aus den Taschen. »Entschuldigen Sie bitte, gnädige Frau«, sage ich mit zittriger Stimme, »dass ich Sie vorgestern beim Schlafen gestört habe.«

»Mein Gott, so schlimm war das doch nicht. Ich möchte nur zwischen zwei und drei Uhr meine Ruhe haben. Davor und danach kannst du den Ball gegen die Wand schießen, so lange du willst. Ich habe dich dabei beobachtet, wie du den Ball gefangen und gefaustet hast. Toll!«

Sonntagvormittag. Leichte Bewölkung bei Ostwind und Temperaturen um die zehn Grad, kündigt der Wetterbericht im Radio an. Sonntagmittag: Die Wolken über dem Rammelsberg werden dichter und dunkler. Aber es regnet nicht. Regen würde die vom Osterfeld in Richtung Bergtal wehenden Töne zerhacken. Sonntagnachmittag: Anpfiff des Punktspiels zwischen Goslar 08 und Rotweiß Braunschweig. Ich lehne mich so weit aus dem Fenster, dass ich fast das Gleichgewicht verliere.

Ein diffuses Grummeln schwillt plötzlich zu einem langgezogenen »Uuuuiiii« an, wie ich es aus dem Teufelstal in Bad Grund kenne. Ich bin mir sicher: Die Zuschauer rufen »Pfuuuiii«. Wahrscheinlich ist ein Stürmer von Goslar 08 im Strafraum gefoult worden. Danach wird es für eine Minute vollkommen still. Hat der Schiedsrichter Elfmeter gepfiffen? Ich stelle mir vor, wie Fritze Schröder, der Halblinke, der in der Breiten Straße in einer Werkstatt als Autoschlosser arbeitet, anläuft und täuscht und schießt. Aus der Stille wächst ein vielstimmiges »Oooohr«. Die Schwingen des Windes tragen es über die schiefergrauen Dächer der Stadt bis in mein Gefängnis im Bergtal. »Tooor!«, rufe ich. »Tooor!«

Insgesamt siebenmal braust der Jubel in den neunzig Minuten des Spiels auf. Das bedeutet: Goslar 08 hat siebenmal getroffen. Und Rotweiß Braunschweig? Auch siebenmal. 7 : 7, höre ich am nächsten Tag, ist das Spiel ausgegangen.

6 Jägergeist

Schularbeiten machen. Den in meinem Kopf aufbewahrten Film mit den schönsten Fußballszenen abspulen. Nach dem unberechenbar von der Wand zurückprallenden Radiergummi hechten. Zwei, vielleicht drei Stunden lassen sich füllen mit diesem Programm. Doch dann zwängt sich das Gespenst der Langeweile durch den Türspalt. Ich vertreibe es, indem ich Ablenkung bei meiner neuen Freundin suche: der »Goslarschen Zeitung«. Sie ist immer für mich da, und sie hat mir immer etwas Neues zu erzählen.

Die ersten Seiten, die von fernen Gegenden wie Palästina, Korea oder Indochina handeln und auf denen regelmäßig ein Opa mit einem Indianergesicht erscheint, der Konrad Adenauer heißt, überfliege ich. Die Artikel über Goslar 08, von denen ich nicht einen einzigen auslasse, lese ich wieder und wieder. Am Samstag, dem 3. November 1951, dem letzten Tag meines Stubenarrestes, erregt auch eine Sonderseite im Lokalteil meine Neugier. Sie ist dem »Tag der Goslarer Jäger« gewidmet – und in fast jedem Absatz kommen zwei Begriffe vor, die mir seit meinen Kindertagen in Bad Grund vertraut sind: »Krieg« und »Kameraden«.

Der »Oberst a. D. Freiherr von Ledebur vom Jäger-Bataillon des Infanterie-Regiments 17« schreibt: »Pflicht der lebenden Kameraden gegenüber ihren gefallenen Kameraden ist es daher, die Geschichte des vergangenen Krieges und die Taten der Goslarer Jäger aus dem Dunkel der Nachkriegszeit wieder herauszureißen und dafür zu sorgen, dass dieses heldenhafte Ringen nicht im Reich des Vergessens versinkt.«

Der schöne Erich, der dicke Otto, der schlaue Willi, mein Vater: Waren das auch Helden? Aber warum musste mein Vater ein Jahr im Wald arbeiten, wenn er ein Held war? Ich lese weiter: »Im polnischen Feldzug stürmt das Jägerbataillon Nummer 17 am 5. September 1939 in schneidigem Angriff den Barowa-Berg bei Petrikau, den Schlüsselpunkt der polnischen Stellung. Es ist ein hohes Lied wahren deutschen Soldatentums und echten Jägergeistes.«

Morgen Nachmittag müssen meine Helden von Goslar 08 schneidig angreifen, wenn sie ihr Punktspiel gegen die Spitzenmannschaft des VfL Wolfsburg gewinnen wollen. Um 10.30 Uhr, entnehme ich der »Goslarschen Zeitung«, beginnt am Jägerdenkmal eine Feierstunde. Da ich mich am Sonntag wieder frei bewegen kann, beschließe ich, diesen Tag auch für mich zu einem Festtag zu machen: vormittags Goslarer Jäger, nachmittags Goslar 08.

Das Jägerdenkmal an der Wallstraße liegt direkt am Weg von unserer Wohnung zum Stadion. Es zeigt einen riesigen Soldaten aus Eisen, der, das Gewehr im Anschlag, vor einer steinernen Wand kniet. Die Wand ist mit Efeu bedeckt. Sie würde sich also ideal zum Torwarttraining eignen. In einen Grabstein neben dem Denkmal ist ein Totenkopf gemeißelt, unter dem sich zwei Knochen kreuzen.

Mehrere Tausend Menschen, etwa so viele wie bei einem Heimspiel von Goslar 08, säumen das Denkmal, als eine Gruppe schwarz gekleideter Männer, es sind bestimmt Kriegskameraden, vor dem eisernen Soldaten einen Kranz niederlegt. Eine Kapelle spielt dazu ein traurig klingendes Lied. Der alte Herr neben mir weint, während er es mitsingt.

Ich hatt’ einen Kameraden,

Einen bess’ren findst du nit.

Die Trommel schlug zum Streite,

Er ging an meiner Seite

In gleichem Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen.

Gilt’s mir oder gilt es dir?

Ihn hat es weggerissen,

Er liegt vor meinen Füßen

Als wär’s ein Stück von mir.

Als die Kapelle die ersten Takte des nächsten Liedes spielt, erheben sich auch die Männer, die bis zu diesem Zeitpunkt auf einer Stuhlreihe unmittelbar vor dem Denkmal saßen. Einige von ihnen haben nur ein Bein, einige nur einen Arm, einige nur ein Bein und nur einen Arm. Einer hat gar keine Arme mehr.

Deutschland, Deutschland über alles,

über alles in der Welt,

wenn es stets zum Schutz und Trutze

brüderlich zusammenhält.

Von der Maas bis an die Memel,

von der Etsch bis an den Belt –

Deutschland, Deutschland über alles,

über alles in der Welt.

Zum Abschluss der Feier tritt ein Redner vor den eisernen Soldaten. »General Brüning ist das«, flüstert mir mein Nachbar mit feierlicher Stimme zu. »Nimm mal die Hand aus der Tasche!« General Brüning sagt: »Lassen Sie mich die Gedenkstunde als ein Zeichen der Rehabilitierung werten dafür, dass in der Zeit nach 1945 unsere Toten in so schändlicher Weise diffamiert wurden.«

Ein Beifall wie nach einer kühnen Parade von Torwart Macha brandet auf. Ich klatsche nicht, weil ich den Sinn der Worte zwar erahne, aber nicht begreife. Als mein Nachbar mich strafend anschaut, klatsche auch ich. In die Schweigeminute, die der Rede folgt, ruft jemand: »Heil Hitler!« Als sei dieser Gruß ansteckend, ertönt es nun vor mir, hinter mir, neben mir: »Heil Hitler!« Manche Männer strecken, als sie »Heil Hitler!« rufen, ihren rechten Arm aus. Sie halten ihn in der gleichen Höhe wie Torwart Macha, wenn er den Ball nach einer Ecke aus dem Strafraum faustet.

Im Stadion am Osterfeld habe ich meinen Stammplatz. Zwei Reihen unter mir steht der berühmte Kunstturner Alfred Schwarzmann, der bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin dreimal Gold und zweimal Bronze gewann. Am Ratsgymnasium ist er, ausgerechnet er, mein Sportlehrer. »Du hängst am Reck wie ein nasser Sack«, sagt er bei fast jeder Übung an diesem Gerät zu mir. Und als ich mal meine Turnhose vergesse, befiehlt er mir, sie von zu Hause zu holen. Anderthalb Stunden brauche ich hin und zurück.

Wenn Alfred Schwarzmann im Stadion in meine Richtung schaut, versuche ich sofort, seinem Blick auszuweichen. Ich habe Angst vor ihm. Ich denke immer, dass er mich bestrafen will. Vielleicht will er das ja gar nicht. Kann sein, dass ich vor ihm Angst habe, weil ich vor meinem Vater ständig Angst habe. Alfred Schwarzmann, das weiß ich vom schönen Erich, war nicht nur beim Turnen ein Held, sondern auch im Krieg. Fallschirmjäger, Ritterkreuz … Wenn der schöne Erich diese Wörter ausspricht, leuchten seine Augen.

Links von mir steht ein Zuschauer, der auch bei Regenwetter eine dunkle Brille und am Ärmel eine gelbe Binde mit drei dicken schwarzen Punkten trägt. Ein Kriegsblinder, der nur den halben Eintrittspreis bezahlt, ist das. Bei Smolensk, tuschelt man sich in der Halbzeit zu, hat ihn der Iwan mit dem Flammenwerfer erwischt. Smolensk? Iwan? Richtig: Von Smolensk und dem Iwan ist auch ständig die Rede, wenn sich mein Vater mit seinen Kriegskameraden trifft. Aber sie erzählen sich immer nur die Geschichte, wie der dicke Otto bei Eiseskälte in einen vom Iwan belagerten Wald geschissen und sich dabei fast den Arsch abgefroren hat.

Der Kriegsblinde wird von einem jungen Mann, seinem Sohn, untergehakt. Vom Anpfiff bis zum Schlusspfiff schildert er seinem Vater wie ein Reporter das Geschehen auf dem Platz. »Wolfsburg greift über rechts an, Thielemann klärt und gibt weiter zu Zahorsky. Der passt zu Schröder. Schröder kurvt nach innen, dringt in den Strafraum ein. Schröder schießt: Toooor! 1: 0 für Goslar 08.«

Mit zwei, drei Sekunden Verzögerung reißt der Kriegsblinde die Arme hoch. Er verliert das Gleichgewicht, strauchelt, kippt gegen die Zuschauerwand in der Reihe vor ihm. Der Sohn richtet ihn wieder auf, stellt ihn neben sich. »Siebte Ecke für Wolfsburg. Thielemann rettet auf der Linie. Schilling flankt zu Schulze, Schuss: Toooor! 2 : 0 für Goslar 08.« – »88. Minute. Stasch steht frei vor dem Torwart. Stasch schießt. Toooor! 3: 0 für Goslar 08.« Als der Jubel der 2500 Zuschauer bereits verklingt, ruft auch der Kriegsblinde: »Tooor!« Diesmal kann er die Arme nicht hochreißen. Sein Sohn hält sie fest.

7 Klapsmühle

Warten. Warten. Warten. Im Wartesaal des Bahnhofs in Goslar auf den Zug nach Braunschweig warten. Im Wartesaal des Bahnhofs in Braunschweig auf den Zug nach Peine warten. Vor dem Bahnhof in Peine auf den Bus nach Woltorf warten. Im Besucherzimmer der Klapsmühle in Woltorf auf den Arzt warten. Während des Gesprächs zwischen meinem Vater und dem Arzt darauf warten, dass ich das eine oder andere Wort aufschnappen kann. Elektroschock, lautet der einzige Begriff, den ich heraushöre.

Nach dem Gespräch zwischen meinem Vater und dem Arzt auf meine Mutter warten. Sie ist noch dünner und blasser geworden, blickt mich mit leeren Augen an, sagt nichts. Bin ich in einem Film? Ja, ich bin wohl in einem Film. Aber es ist kein Film mit Silvana Mangano und auch nicht mit Torwart Macha und Mitteläufer Thielemann.

Sonntag, 16. März 1952, Stadion am Osterfeld, Punktspiel der Amateuroberliga Niedersachsen-Ost zwischen Goslar und Peine, 29. Spieltag, 28. Minute: 1: 0 durch Salier, 68. Minute: 2 : 0 durch Voges, 85. Minute: 3 : 0 durch Nebelung. Mit 66 : 50 Toren und 38 : 25 Punkten rückt die Mannschaft, meine Mannschaft, auf den sechsten Tabellenplatz vor. »Das beste Spiel der Serie«, schreibt am Montag die »Goslarsche Zeitung«. Obwohl ich am Sonntag einer der 4000 Zuschauer war, lese ich den Bericht so häufig, dass ich ihn am Ende auswendig kann. 3: 0, nur fünf Ränge hinter dem Spitzenreiter – und das wenige Tage vor meinem Geburtstag!

Donnerstag, 20. März 1952. Nun bin ich schon zwölf. Am Mittag steht plötzlich der schmächtige Volksschüler Jörg vor unserer Veranda. Sein Vater betreibt an der Ecke, an der die Bergstraße in die Rammelsberger Straße mündet, einen Kiosk. Wenn ich bei ihm Negergeld kaufe, die schwarzen Taler aus Lakritze, schenkt er mir jedes Mal ein Tütchen Brausepulver dazu. Von seinem Kiosk blickt er auf ein mittelalterliches Haus, dessen Giebel eine Weisheit aus goldenen Buchstaben ziert: »Das Glück des Hauses – das Glück der Welt.«

Die Familie wohnt in einer Holzhütte, die sie sich selbst gezimmert hat und die einsam auf einer Wiese hinter dem Krankenhaus Theresienhof steht. Ich lerne Jörg kennen, als ich ihn auf dem Weg von der Schule zu unserer Wohnung dabei beobachte, wie er nach einem Ball sucht, der im ungemähten Gras verschwunden ist. Ich helfe ihm bei der Suche, und als wir den abgewetzten Tennisball endlich gefunden haben, lädt mich Jörg in das Zimmer ein, das gleichzeitig als Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche dient. Auf dem Tisch in der Mitte sitzen einige Hühner, die jedes Mal, wenn wir uns beim Torwartspiel den Ball zuwerfen, aufgeregt gackern und mit den Flügeln flattern.

»Herzlichen Glückwunsch!«, sagt Jörg und drückt mir auf unserer Veranda den Tennisball in die Hand, mit dem wir beide erst vor wenigen Tagen gespielt haben. »Mein Geschenk für dich!« Als meine Mutter die Tür öffnet, um uns hereinzulassen, nähert sich mein Vater der Veranda. Er mustert Jörg von oben bis unten, bemerkt die ungeputzten Schuhe und das Loch in einem der Strümpfe, blickt ängstlich zum Fenster, hinter dem die gnädige Frau wohnt, zeigt auf den schmutzigen Tennisball in meiner Hand und fragt: »Was ist das denn?«

»Das ist das Geburtstagsgeschenk von Jörg.«

»Und wer ist Jörg?«

»Jörg wohnt in der Hütte hinter dem Theresienhof.«

»Du gibst den Ball sofort zurück!«

»Warum?«

»Weil ich dir das Ballspielen verboten habe und weil dieser Junge kein Umgang für dich ist.«

Ich zögere. Dann gebe ich Jörg den Tennisball zurück. Er wendet sich ab und läuft, ohne sich umzudrehen, in Richtung der Hütte, in der die Hühner mitten unter den Menschen wohnen und in der auch ich am liebsten wohnen würde.

20. März, nachmittags. Mein Vater ist nach dem Mittagessen zurückgekehrt in sein Büro. Meine Mutter hat einen Geburtstagstisch für mich vorbereitet. In der Mitte liegt eine mit Geschenkpapier umwickelte Kugel. Ich entferne die Hülle so langsam, dass die Spannung möglichst lange anhält. Ich erkenne eine Naht und Schnüre. Ich taste mich über die Haut, die mir fremd vorkommt. Ist sie aus Gummi? Nein, Gummi fasst sich anders an; härter. Ist sie aus Leder? Ja: Sie muss aus Leder sein. Ein Lederball ist das. Ein richtiger Fußball. Ein Fußball, wie ihn Torwart Macha in den Händen hält, wenn er eine Flanke unschädlich gemacht hat. Ich streichele den Ball und frage: »Von euch?«

»Von mir.«

»… und wenn …?«

»Wenn ich dir einen Fußball schenke, dann darfst du damit auch spielen. Es muss ja nicht auf unserem Grundstück sein. Es gibt doch genügend andere Möglichkeiten.«

Ein langer Zaun mit einer Tür an der Seite trennt die Wohnhäuser im Bergtal von der Straße, an der sich das Verwaltungsgebäude des Erzbergwerks Rammelsberg befindet. Ein besseres Übungsziel als diesen Zaun kann man sich kaum vorstellen. Will man seine Fähigkeiten als Feldspieler trainieren, reagiert man mit dem Fuß auf den zurückprallenden Ball – eine Zeit lang mit rechts, dann mit links, schließlich abwechselnd mit rechts und mit links. »Thielemanns Stärke«, hat die »Goslarsche Zeitung« geschrieben, »ist seine Beidfüßigkeit.«

Geht es darum, die Reaktionsschnelligkeit als Torwart zu verbessern, entscheidet man sich, je nach der Geschwindigkeit und der Flugbahn des Balles, für den Stand oder den Sprung, das Fangen oder das Fausten. Die letzten zehn Schüsse widme ich den Verboten und den Geboten, die mir mein Vater auferlegt hat. Immer wenn der Ball, beschleunigt von meiner Kraft und meiner Wut, gegen den Zaun prallt, stelle ich mir vor, eine dieser Regeln ausgelöscht zu haben.

Du darfst keine Forellen aus dem Bach fischen, denn das ist Wilddieberei! Schuss. Rumms. Gelöscht.

Du sollst nicht »Danke« sagen, wenn du keinen Kuchen mehr möchtest, sondern: »Nein, danke.« Schuss. Peng. Gelöscht.

Du darfst nicht die Hitparade des amerikanischen Soldatensenders AFN hören, denn das ist Negermusik, und der Ami hat uns in Remagen behandelt wie den letzten Dreck. Schuss. Klatsch. Gelöscht.

Du sollst die Hände aus den Taschen nehmen, wenn du der gnädigen Frau begegnest. Schuss. Wumm. Gelöscht.

21. Juli 1952. Die »Goslarsche Zeitung« meldet: »Hoffnungsvoller Start unserer Fußballer. Zum ersten Male seit 1936 griff am Sonntagabend die deutsche Fußballmannschaft in das Olympische Fußballturnier ein.« – 3:1 gewinnt die deutsche Amateurmannschaft in der finnischen Stadt Abo gegen Ägypten. Ihre Aufstellung kann ich am nächsten Tag aufsagen wie eine Ballade von Friedrich Schiller: Schönbeck, Eberle, Post, Sommerlatt, Jäger, Gleixner, Mauritz, Stollenwerk, Zeitler, Schröder, Ehrmann.

25. Juli 1952. Nach einem 0 : 2-Rückstand schlägt die deutsche Olympiamannschaft in der Verlängerung den Favoriten Brasilien mit 4 : 2. »Das Ra-ra-ra Germania«, schreibt die »Goslarsche Zeitung«, »brandete als Aufpulverungspille über das Stadion.«

29. Juli 1952, abends. Mein Vater nimmt an einer Sitzung teil, bei der über das bevorstehende Fest der Goslarer Bergleute, das berühmte Bergfest, gesprochen wird. Der Nordwestdeutsche Rundfunk überträgt zur gleichen Zeit aus dem Olympiastadion in Helsinki das Halbfinale zwischen Deutschland und Jugoslawien. Meine Mutter schaltet das Blaupunkt-Radio ein. Sie bleibt an meiner Seite, als der Reporter die neunzig Minuten schildert.

5. Minute: Der jugoslawische Halblinke Mitic flankt, der Halbrechte Bobeck vollendet. 0:1.

Deutschland stürmt. Schuss von Schröder. Verteidiger Stankovic lenkt den Ball gegen den Pfosten.

12. Minute: Stollenwerk schießt. Tooor! 1:1.

Deutschland drängt, erzwingt fünf Ecken. Schröder spielt steil auf Zeitler. Der Ball geht knapp am Tor vorbei.

25. Minute: Bobeck dringt in den Strafraum, schießt: Tor. 1: 2. Cajkovski nimmt einen Querpass auf, verwandelt unhaltbar für Schönbeck. 1: 3.

Zweite Halbzeit. Deutschland stürmt. Sommerlatt schießt. Knapp vorbei. Schröder schießt. Knapp vorbei. Indirekter Freistoß für Deutschland. Von der Unterkante der Latte prallt der Ball ins Feld zurück. Der finnische Schiedsrichter Wolf Kerni pfeift das Spiel ab. Jugoslawien gewinnt 3:1.

Meine Mutter macht das Radio aus. Das magische Auge, das wie wild hin und her flackerte, wenn sich die Stimme des Reporters vor Eifer überschlug, erlischt mit zwei, drei Sekunden Verzögerung. Meine Mutter geht zum Fenster und starrt mehrere Minuten schweigend in die heraufziehende Dunkelheit. Mit einer ruckartigen Bewegung dreht sie sich um und setzt sich zu mir auf das Sofa. Sie sagt: »Ich will nicht mehr.«

»Was willst du nicht mehr?«

»Leben.«

»Warum willst du nicht mehr leben?«

»Weil ich das Leben nicht mehr aushalte. Ich bin für dieses Leben nicht geschaffen. Du bist es auch nicht. Ich werde gehen. Und ich glaube, es ist besser, wenn ich dich mitnehme.«

Ich lege mich schlafen. Wie in jeder Nacht seit dem 20. März, ruht der Lederball neben mir. Heute Nachmittag habe ich ihn wieder eingefettet. Ich schließe die Augen und spule den Film mit dem Spiel gegen Jugoslawien ab. Da ich nur die Reportage im Radio gehört habe, komme ich mir dabei vor wie der Kriegsblinde im Osterfeld-Stadion. Ach, hätte Deutschland doch gewonnen!

8 Trauerflor

Freitag, 1. August 1952. Die »Goslarsche Zeitung« berichtet über »Bomben auf Nordkorea«, die 0 : 2-Niederlage der deutschen Olympia-Elf gegen Schweden und über die Aufforderung des Bundeswirtschaftsministeriums, »sich mit Kohlen für den Winter einzudecken«. Eine Anzeige wirbt für »Max Schmeling Likör, Flasche 5,90 Mark«.

Aus Wolfsburg meldet das Blatt: »Ein elfjähriger Junge hat sich am Mittwoch in der Wohnung seiner Eltern erhängt. Es wird angenommen, dass der Junge Selbstmord beging, weil er Stubenarrest hatte. Er war von den Eltern bestraft worden, weil er sich am Abend vorher bis nach 22 Uhr auf der Straße aufgehalten hatte.«

Ich habe heute keinen Stubenarrest. Also freue ich mich auf die Höhepunkte des Bergfestes, die der Lokalteil für den Abend ankündigt: den »Lichtermarsch der Bergknappen« und »die Pflege der Tradition und Kameradschaft«. In dem großen Zelt auf dem Osterfeld hat mein Vater, der dem Festkomitee angehört, auch für meine Mutter und mich Plätze reserviert.

Wir sind schon auf dem Weg in die Stadt, als sich meine Mutter plötzlich weigert, auch nur einen Schritt weiterzugehen. »Ich hasse dieses Bergfest«, sagt sie. »Diese Witze, dieses Lachen, diese Lieder, diese Blicke: Ich kann das alles nicht ertragen. Ihr könnt euch gern amüsieren – aber ohne mich.« Meine Mutter kehrt um. Ich begleite sie. Ich habe Angst um sie und bin froh, dass sie am nächsten Morgen zum Frühstück erscheint.

6. August 1952. Die »Goslarsche Zeitung« schreibt: »Napalmbomben bei Celle – Bei einer Bombenabwurf- und Schießübung im niedersächsischen Kreis Celle wurden am Dienstagmittag zum ersten Mal im britischen Besatzungsgebiet auch britische Napalmbomben abgeworfen, wie sie von den UNO-Streitkräften im Koreakrieg verwendet wurden. Vier derartige Bomben wurden von Düsenjägern in rasendem Tiefflug aus etwa zehn Metern Höhe ausgeklinkt. Nach einer dumpfen Detonation lösten sie für etwa drei Sekunden einen gewaltigen schwarzroten Feuerblitz aus, der etwa hundert Meter lang am Boden entlangschoss und eine verkohlte Fläche hinterließ.«

Aus der Hauptstadt Bonn meldet die Zeitung: »Die Zahl der Arbeitslosen in der Bundesrepublik ist im Monat Juli um 84510 zurückgegangen. Damit lag Ende des Monats die Zahl der Arbeitslosen um 60000 unter dem Tiefstand des vergangenen Jahres. Die Gesamtarbeitslosenzahl betrug Ende Juli 1155456.«

Die Kriegskameraden der »216. und 272. Infanteriedivision« treffen sich zur »Wiedersehensfeier«. Der Generaloberst Heinz Guderian, genannt der »schnelle Heinz«, hat seine Erinnerungen aufgeschrieben. »Er stand«, heißt es in einer Besprechung, »im ersten Teil des Ostfeldzugs bei seinem Offensivstoß auf Moskau an entscheidender, weil vorgeschobener Stelle als einer der Heerführer, der die Bedeutung der Panzerwaffe zeitig erkannt und zwischen den beiden Weltkriegen entscheidend auf- und ausgebaut und zu großen Erfolgen geführt hatte.«

Im Anzeigenteil heißt es: »NIPA vernichtet todsicher Fliegen, Schnaken, Mücken und andere schädliche Insekten. Fliegentod aus den Sidolwerken Köln. 5 Streifen nur 25 Pfennig.« Im Odeon läuft der Heimatfilm »Der Bildschnitzer vom Walsertal«. Der Sportteil interessiert mich nicht an diesem Morgen. Die Amateuroberliga Niedersachsen-Ost hat Sommerpause.

6. August 1952, mittags. Vor dem Haus Bergtal Nummer 8 parkt ein grünes Personenauto. »Polizei« steht in großen Buchstaben an der Seitentür. Auf dem Kiesweg, der zu unserer Veranda führt, begegne ich dem Chow-Chow der gnädigen Frau. Ich streichele ihn, lasse mir das Pfötchen geben, rede wirr auf ihn ein. Ich versuche, Zeit herauszuschinden – wie die Mannschaft von Goslar 08, wenn sie einen knappen Vorsprung über die Runden bringen will. Doch dann verliert der Chow-Chow der gnädigen Frau das Interesse an mir und verschwindet im Dunkel des Waldes, der an unser Grundstück grenzt. Stundenlang hält er sich dort manchmal auf. Ein Einzelgänger ist das, sagen die Leute.

Auf unserer Veranda, die meine Mutter normalerweise jeden Morgen fegt, sieht es unordentlich aus, nicht »akkurat«, wie es mein Vater nennt. Neben dem Lederball, den sie mir zum Geburtstag schenkte, steht eine offene Tasche mit Tabletten, Spritzen, Verbandszeug. Auf einer dickbäuchigen Sauerstoffflasche liegt ein Strick. Ein Mann in einem weißen, durch ein rotes Kreuz gekennzeichneten Kittel rennt in Richtung Bergwerk. Er grüßt mich flüchtig und macht, wie der Halblinke Fritze Schröder nach einer verpassten Chance, eine wegwerfende Handbewegung. Vor der Tür zu unserer Stube nehmen mich zwei mir unbekannte Herren in Empfang. Sie seien von der Polizei, sagen sie. Sie müssten mir ein paar Fragen stellen. Das sei ihre Pflicht.

»Wann hast du heute Morgen das Haus verlassen?«

»Gegen acht.«

»Wo warst du zwischen acht und ein Uhr mittags?«

»In der Schule.«

»Sonst nirgendwo?«

»Sonst nirgendwo.«

»Auch in der großen Pause nicht?«

»Auch in der großen Pause nicht.«

Der Polizist, der sich während der Befragung Notizen machte, schließt seine Kladde. »Keine Fremdeinwirkung«, sagt er zu seinem Kollegen. Dann legt er seine Hand auf meine Schulter – wie Torwart Macha nach dem Spiel gegen Tuspo Holzminden. »Na, mein Junge«, hatte Torwart Macha gesagt. Der Polizist sagt: »Tut mir leid, tut mir wirklich leid für deinen Vater und dich.« Danach wird es, obwohl draußen die Sonne strahlt, dunkel um mich; so dunkel, dass ich glaube, dass es nie wieder hell wird.

Freitag, 8. August 1952. Die »Goslarsche Zeitung« kündigt für den Samstag ein Freundschaftsspiel zwischen Goslar 08 und dem VfB Kiel an. »Die Kieler«, heißt es, »gehören zur Spitzengruppe der sehr spielstarken Amateurliga Schleswig-Holsteins. Kurz vor der Sommerpause erreichten sie gegen die Oberliga des Hamburger SV ein beachtliches 2 : 2-Unentschieden.« Ich werde auf die Begegnung verzichten müssen. Genau für diesen Samstag ist die Beerdigung angesetzt. Ich trage jetzt eine schwarze Binde am Arm, einen Trauerflor. Erst nach einem Jahr, sagt mein Vater, darf ich ihn wieder abnehmen.

Befiehl du deine Wege,

Und was dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Des, der den Himmel lenkt!

Der Wolken, Luft und Winden

Gibt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann.

In der Friedhofskapelle sitze ich neben meinem Vater in der ersten Reihe. Ich habe das Gefühl, dass alle Trauergäste auf mich starren: der schöne Erich, der dicke Otto, der schlaue Willi, die flotte Hilde … Während sie ihre Blicke auf mich richten, scheinen sie zu fragen: Warum weint er nicht? Ist ihm das alles egal? Ich kann nicht weinen. Jetzt nicht. Hier nicht. Nicht für euch. Mir fällt der Satz ein, den meine Mutter immer sagte, wenn ein Vorgang abgeschlossen war: Nun hat die liebe Seele Ruh. Und ich denke an Goslar 08, stelle mir vor, wie Torwart Macha und Mittelläufer Thielemann die Kieler Stürmer zur Verzweiflung bringen.

Am späten Nachmittag frage ich meinen Vater, ob ich im Radio die Sportnachrichten hören kann. Er erlaubt es mir nicht. Wir sind ein Trauerhaus, sagt er. Und in einem Trauerhaus hört man kein Radio. Ich will wissen, wie Goslar 08 gegen Kiel gespielt hat. Ich muss es wissen. Meine Mutter würde das verstehen. Ich hetze die Rammelsberger Straße und die Breite Straße hinunter bis zum Tabakladen des Halbrechten Walter Sallier, der, wie die »Goslarsche Zeitung« schrieb, den Ball so perfekt beherrscht, dass er jederzeit in der Oberliga Nord spielen könnte. In seinem Schaufenster hängt, wie immer nach einem Spiel von Goslar 08, ein Zettel mit dem Ergebnis: 4 : 4. Nur 4 : 4. Was war mit Torwart Macha und Mittelläufer Thielemann los? »An Gottes Segen ist alles gelegen«, heißt es, in goldenen Buchstaben, an der Fassade des Fachwerkhauses schräg gegenüber von Walter Salliers Tabakladen.

Dienstag, 12. August. In der »Goslarschen Zeitung« entdecke ich die »Danksagung«, die mein Vater verfasst hat. Sie beginnt mit einem Spruch: »Es ist bestimmt von Gottes Rat, dass man vom Liebsten, was man hat, muss scheiden.« Sie endet mit dem Namen meines Vaters, dem ein Zusatz folgt: »und Sohn«. Und Sohn? Warum hat er mich nicht bei meinem Vornamen genannt?

Mein Sohn spurt noch nicht so, wie ich mir das wünsche … Mein Sohn wird in der Schule immer schlechter … Mein Sohn hat nur noch seinen Fußball im Kopf … Mein Sohn hat immer noch nicht begriffen, dass man sich mehrmals am Tag die Hände waschen muss. Vor dem Essen, nach dem Essen, Händewaschen nicht vergessen!

II

9 Kopfrechnen

Mein Vater: »Hiiiiii.«

Ich: »Huuuuuu.«

Er: »Haaaaaa.«

Ich: »Hoooooo.«

Er: »Heeeeee.«

Mehr fällt uns nicht ein an den radiolosen Augustabenden, als im Wechsel diese langgezogenen Töne auszustoßen. Die Hirsche in den Harzwäldern geben, wenn sie sich verständigen wollen, ähnliche Laute von sich. Ich habe das Spiel erfunden, mit dem wir die grauenvolle Stille in unserem Wohnzimmer zu füllen versuchen. Fängt mein Vater, so die Regel, zum Beispiel mit dem Vokal »I« an, dann muss ich einen anderen Vokal, zum Beispiel ein »U« oder ein »O«, dagegensetzen. Reagiere ich mit einem »I«, also demselben Buchstaben, steht es 1:0 für meinen Vater.

Meistens verliere ich das Spiel, weil ich mich viel zu oft auf die Stubentür konzentriere. Ach, würde sie sich doch öffnen und meine Mutter über ihre Schwelle treten. Aber meine Mutter erscheint nicht; natürlich nicht. Mein Vater legt während unseres Spiels immer mal wieder den Finger an seine Lippen. Pssst, bedeutet das. Wir dürfen die gnädige Frau nicht stören!

Einmal in der Woche, meistens am Samstagnachmittag, besuchen wir nun den Friedhof, der eine knappe Stunde von unserer Wohnung entfernt liegt. Ich trage die grüne Gießkanne, mein Vater den Rechen für das zusammenzuharkende Laub und die Eisenkralle, mit der man das um das Grab wuchernde Unkraut lockern kann. Manchmal bricht mein Vater unterwegs einen Ast ab und schiebt ihn mir zwischen die angewinkelten Arme und die Schulterblätter. Es ist eine Übung, die mich zu der kerzengeraden Haltung zwingt, wie mein Vater sie einnimmt, wenn er mit der gnädigen Frau telefoniert. Wer in der Jugend krumm geht, sagt man im Harz, der bekommt als Erwachsener einen Buckel.

Am Anfang bewege ich mich auf diesem Friedhof mit gemischten Gefühlen. Einerseits macht es mir Angst, dass hier Menschen unter der Erde liegen, die nicht mehr reden, lachen, weinen, jubeln, schimpfen können, und dass ich, hätte meine Mutter ihre Ankündigung wahrgemacht, mich mitzunehmen, dazu gehören würde. Andererseits geht von den steinernen Engeln, den schattigen Alleen, den goldenen Schriftzügen, den kühn von Zweig zu Zweig springenden Eichhörnchen ein großer Reiz aus. Und irgendwann ist mir dieses geheimnisvolle Gelände zwischen dem Bahndamm und der Ausfallstraße nach Hildesheim so vertraut wie das Stadion am Osterfeld. Die Anordnung der Gräber, Wege, Brunnen und Komposthaufen könnte ich genauso präzise aufzeichnen wie die taktische Ausrichtung von Goslar 08 vor einem Heimspiel.

»Generalkonsul« – »Dr. jur. dipl. rer. pol.« – »Dipl.-Bauingenieur« – »Gewerberat Dipl.-Ing.« – »Mittelschulrektor« – »Justizsekretär« – »Regierungsbaurat a.D.« – Die vielen Titel auf den Steinen erinnern mich an die Geschichte, die meine Mutter immer erzählte, wenn ihr das ständige »Herr Direktor« oder »Gnädige Frau« meines Vaters mal wieder auf die Nerven ging: In Fürstenwalde bei Berlin, der Heimatstadt meiner Mutter, haben die Schüler der Oberprima ihr Abiturzeugnis erhalten. Um dies der Bevölkerung kundzutun, tragen sie bei ihrem Marsch durch die Straßen extra für diesen Zweck angefertigte Mützen. Der Einzige, der auf eine Mütze verzichtet, ist einer der Brüder meiner Mutter, mein Onkel Gerhard. Er hat das Abitur als Bester bestanden. »Heute ist er Oberbaurat«, fügte meine Mutter ihrer Schilderung stets hinzu. »Aber auf seinen Titel legt er nicht den geringsten Wert. Sag deinen Kriegskameraden, dass sie den bloß nicht mit ›Herr Oberbaurat‹ anreden sollen.«

Eine von Efeu berankte Edeltanne, mehrere dunkelgrüne Eiben und ein rot leuchtender Vogelbeerbaum säumen die weitläufigste Ruhestätte auf diesem Friedhof. »Darré« steht auf einer riesigen, stets mit frischen Blumen geschmückten Steinplatte. »Bei Adolf«, sagen die Leute über den hier ruhenden Toten, »war das ein ganz großes Tier.« Als »Reichsbauernführer«, erfahre ich aus dem Lexikon, hat Richard Walther Darré in der »Reichsbauernstadt Goslar« dem Mann mit dem Schnurrbart gedient, den man vergangenes Jahr vor dem Jägerdenkmal mit »Heil Hitler« grüßte. Als »Politiker der NSDAP« habe er die »Blut und Boden«-Idee propagiert. NSDAP? Ist das nicht die Partei, der auch mein Vater angehörte?

Befinden wir uns auf der Höhe dieses Grabes, verlangsame ich meine Schritte und lasse mich hinter meinen Vater zurückfallen – wie der Halblinke Fritze Schröder, wenn er sich, um sich der gegnerischen Abwehr zu entziehen, im Mittelfeld versteckt. Ich komme einfach nicht an dem Vogelbeerbaum vorbei, ohne mir ein paar seiner Früchte zu grapschen und sie mal mit dem rechten, mal mit dem linken Fuß von mir zu stoßen. Bei dieser das Ballgefühl ungemein schulenden Übung kommt es darauf an, dass man die winzige, manchmal schon verschrumpelte Beere überhaupt trifft. Wenn fünf von zehn Versuchen gelingen, ist das schon ein Erfolg.

»Tooor«, flüstere ich, als eine der Beeren über die Linie eines steinernen Torbogens mit der Aufschrift »Generaloberst Heinz W. Guderian« kullert. Der »schnelle Heinz«, der, wie die »Goslarsche Zeitung« schrieb, den »Offensivstoß auf Moskau« anführte, liegt hier also begraben. Nach wenigen Schritten nehme ich das 1: 0, das ich schon für mich verbuchte, wieder zurück. Dieses Tor, gestehe ich mir ein, habe ich dem Zufall verdanken, nicht meinem Können.

Zwischen den Gräbern des Reichsbauernführers und des Panzergenerals befindet sich ein von einer Hecke umrahmtes Feld, das die Aufschrift auf einem Kreuz als »Ehrenfriedhof« bezeichnet. Die Gräber reihen sich hier »auf Kante« wie die Wege und Beete in unserem Garten im Bergtal.

Unter die Namen der »Gefallenen« hat man ihr Geburts- und Todesjahr graviert. Ich ziehe die untere von der oberen Zahl ab und errechne so das Alter, das sie erreichten. 1916–1940 = 24 Jahre. 1924–1940 = 16 Jahre. 1891–1944 = 53 Jahre. 1908–1945 = 37 Jahre. 1902–1944 = 42 Jahre; wie meine Mutter. Ob auch ich es bis 42 schaffe? Mit Begonien haben wir das Grab meiner Mutter bepflanzt. Unser Nachbar, der alte Müller, riet uns dazu. »Begonien«, meinte er, »sind nicht kaputt zu kriegen.«

Manchmal möchte ich den Friedhof am liebsten gar nicht wieder verlassen. Denn jenseits dieses so friedlichen Parks wittere ich nur noch Gefahren, rechne ich immer mit dem Schlimmsten. Als ich auf dem Nachhauseweg von der Schule beobachte, wie ein Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene die Rammelsberger Straße hinunterrast, denke ich sofort: Das ist mein Vater! Der Steiger Baumann – Herzinfarkt. Der Buchhalter Wolters – Herzinfarkt. Warum nicht auch mein Vater? Erst als er abends mit mir Kopfrechnen übt, weiß ich: Er lebt.

3136 minus 2113. Oder 244 durch 13. Oder 73 mal 54. Oder 1237 plus 4534. Mit der Stoppuhr misst mein Vater, wie schnell ich die Aufgabe löse. Wer gut im Kopfrechnen ist, sagt er, hat im Büro schon mal einen Vorteil. Will er, dass auch ich eines Tages im Büro arbeite?

Zieht über dem Rammelsberg ein Gewitter auf, bin ich mir sicher, ganz sicher, dass gleich ein Blitz unser Haus in Brand setzen wird.

Kündigt der Wetterbericht »leichte Bewölkung« an, schrecke ich zusammen, weil »leichte« wie »Leiche« klingt. Qualm steigt von einer Bergkuppe auf, als ich den dicken Otto, der Margarine an Lebensmittelgeschäfte ausliefert, auf einer Fahrt durch das Harzvorland begleite. Zwei Autos, phantasiere ich, sind zusammengestoßen. Die Insassen verbrennen gerade. Als wir den Hügel erreichen, stellt sich heraus, dass auf einer Halde alte Reifen vor sich hin kokeln.

Ich bin so erleichtert, dass ich dem dicken Otto übereifrig dabei helfe, die Kartons mit Margarine in die Lager zu tragen. In Osnabrück, wo der Oberligaverein VfL zu Hause ist, wird die Margarine hergestellt. »Frihoma« ist ihr Markenname.

Der Küchenchef im Stadthotel

spricht hocherfreut zur Kaltmamsell:

Noch mal so gut das Essen schmeckt,

seitdem Frihoma ich entdeckt.

Kurz vor Weihnachten trifft allerdings ein, was ich seit Monaten befürchte. Blau ist die Farbe des Briefes, den das Gymnasium an meinen Vater schickt und den ich rechtzeitig abfange. Ein Blauer Brief, das weiß ich von meinen Mitschülern, verheißt nichts Gutes. Und tatsächlich endet das Schreiben mit der Bemerkung: »Versetzung erheblich gefährdet.« Mit seiner Unterschrift möge mein Vater bestätigen, dass er die Mitteilung erhalten hat.

Mir ist klar: Wenn er diesen Brief liest, belegt mich mein Vater endgültig mit einem Fußballverbot, der schlimmsten aller Strafen. Ich denke an Torwart Macha, Mittelläufer Thielemann, den Halblinken Fritze Schröder, den Halbrechten Walter Salier, den Linksaußen Juppe, an meine eigenen Spiele auf der Wiese hinter dem Jägerdenkmal, an die Montagnachmittage, die ich in der Lesehalle in der Marktstraße verbringe, um im »Niedersachsen-Sport« und im »Kicker« die Tabellen, die Spielberichte und die Kommentare zu studieren …

Und mir fällt ein, was mir ein Mitschüler erzählt hat, der in einer ähnlichen Lage war wie ich: Man fischt aus einem Aktenordner irgendein Schreiben mit der Unterschrift des Vaters heraus. Dann teilt man eine nicht zu alte Kartoffel in zwei Hälften und presst eine der feuchten Hälften auf diesen Schriftzug. Dann überträgt man das sich auf der Innenfläche abzeichnende Muster ganz vorsichtig auf den Brief, den der Vater unterschreiben soll. »Wichtig ist«, hat der Mitschüler gewarnt, »dass dabei die Hände nicht zittern.«

Meine Hände zittern schon beim Durchschneiden der Kartoffel. Um mich zu beruhigen, richte ich meinen Blick auf den Gipfel des Rammelsberges, wo sich die Fichten im Dezemberwind wiegen. Die Wohnzimmertür öffnet sich – mein Vater. Ich schaffe es nicht mehr, die Beweisstücke in der Schublade verschwinden zu lassen und gestehe alles. Nach einigen Schlägen und Tritten spricht mein Vater das Urteil: Fußballverbot – für immer.

Ich balle meine Finger zu Fäusten, presse die Nägel ganz fest in die Handflächen. Von Goslar 08, so schwöre ich mir, lasse ich mich durch niemanden trennen. Auch durch meinen Vater nicht. Ich werde ihn austricksen wie Fritze Schröder die gegnerische Verteidigung. Wenn nicht morgen, dann übermorgen. Wenn nicht nächstes Jahr, dann übernächstes Jahr.

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9788711448434
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