Kitabı oku: «Literaturstreit und Bocksgesang»
Kleine Schriften zur literarischen
Ästhetik und Hermeneutik
Bd. 7
Herausgegeben von
Wolfgang Braungart | Joachim Jacob
Jürgen Brokoff
Literaturstreit und Bocksgesang
Literarische Autorschaft und öffentliche Meinung nach 1989/90
Wallstein Verlag
Ich führe ungern eine Polemik fort, die dort trennt, wo im Grunde, nämlich in der Option für die offene Gesellschaft und die westliche Zivilisation, Einigkeit herrscht.
Ralf Dahrendorf, Die Sache mit der Nation, 1990
Wer sich in die politischen Diskurse der deutschen Öffentlichkeit einmischt, der tut es auf eigene Gefahr. Abschreckend wirken weniger die moralischen Verdächtigungen, die auf diesem Feld gang und gäbe sind. Sie können sich auf eine lange Tradition berufen und gehören zur publizistischen Normalität. Gravierender sind die intellektuellen Risiken, die jeder eingeht, der sich an einer Mediendebatte beteiligt. Fast immer wird er, kaum daß er seinen Beitrag abgeliefert hat, dümmer aussehen als zuvor.
Hans Magnus Enzensberger, Die Große Wanderung, 1992
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© Wallstein Verlag, Göttingen 2021
www.wallstein-verlag.de
Umschlag: Susanne Gerhards, Düsseldorf
ISBN (Print) 978-3-8353-1712-3
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-2922-5
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-2923-2
Inhalt
I. Einleitung: Literarische Autorschaft und intellektuelle politische Öffentlichkeit
II. Ein Anfang und ein Ende der deutschen Nachkriegsliteratur
1. 1947 – Westdeutsche Neubestimmungen literarischer Autorschaft und öffentlicher Meinungsbildung
2. 1990 – Christa Wolfs Erzählung Was bleibt, der deutsch-deutsche Literaturstreit und ein Strukturwandel der Öffentlichkeit
3. Nach 1990 – Folgen für das Verhältnis von Literatur und Öffentlichkeit
III. »Das Wort ist gefallen: Rechts.« Literarische Autorschaft und öffentliche Meinung nach dem deutsch-deutschen Literaturstreit
1. Botho Strauß’ Essay Anschwellender Bocksgesang im Kontext des öffentlichen Meinungsstreits
Themen
Gesellschaft
Politik
Intellektuelle und Massenmedien
2. »Jenes ›Rechte‹, um das der Streit noch geht« – Strauß und kein Ende
IV. Ausblick: Literatur und Öffentlichkeit einer »geschwätzig plappernden Spezies«
Anmerkungen
I. Einleitung: Literarische Autorschaft und intellektuelle politische Öffentlichkeit
Am 19. 9. 2015 erscheint im Magazin Der Spiegel ein Artikel, der die Berichterstattung über die gestiegene Zahl der nach Europa und Deutschland Geflüchteten mit einer Reportage über die Arbeit der Flüchtlingshilfe in Hamburg verbindet. Der Autor schildert seine Eindrücke, die er bei Besuchen in einer Halle des Hamburger Messegeländes über die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, ihre Antriebe und Motive bei der Organisation von Kleiderspenden und anderen Formen der Flüchtlingshilfe gewonnen hat. War der Anlass des ersten Besuchs die Spende von »vier Ikea-Taschen«[1] eigener Kleidung für Geflüchtete, so reiht sich der Autor bei den nachfolgenden Besuchen selbst in die Gruppe der Ehrenamtlichen ein. Beim zweiten Besuch ordnet er sich jenen zu, die in der Halle Herrenoberbekleidung sortieren, bei den anschließenden Besuchen wird er »der Kinderabteilung zugewiesen« (105) und »in eine Menschenkette gestellt« (ebd.), um Kartons mit gespendeter Kleidung per Hand durch die große Halle zu transportieren. Der auf Selbsterfahrung basierende Bericht zeichnet ein anschauliches Bild von den Leistungen der Helferinnen und Helfer quer durch die Generationen und Bildungsschichten, und er charakterisiert den Einsatz der Beteiligten als Versuch, dem ersten Artikel des deutschen Grundgesetzes über die Achtung und den Schutz der Menschenwürde »mit einfachen Mitteln Geltung zu verschaffen« (108).
Bei aller Anschaulichkeit der Reportage gibt deren Überschrift Rätsel auf. Sie lautet Abschwellender Bocksgesang. Im zweiten Absatz des Beitrags klärt der Autor seine Leserschaft über den gewählten Titel auf. Er führt, ohne genauere Hinweise auf die Gattung oder Machart des Zitierten zu geben, Sätze aus dem »anschwellenden Bocksgesang« (105) von Botho Strauß an. Diese Formulierung des Reporters legt nahe, dass der namentlich erwähnte Autor Strauß einen Bocksgesang angestimmt hat. Die Reportage verhält sich dazu konträr: Aus dem anschwellenden wird ein abschwellender Bocksgesang.[2]
Über den Text aus dem Jahr 2015 sind insgesamt zehn Zitate verteilt, die als wörtliche Übernahmen von Strauß gekennzeichnet sind. Was haben Zitate eines literarischen Autors in einer Reportage über die Arbeit der Hamburger Flüchtlingshilfe zu suchen? Wie kommen sie dort hinein? Offenkundig dienen sie dem Verfasser als eine Art Kontrastfolie, vor der sich sein Bericht besser abhebt. Dass dabei das Thema der Reportage vom Schreiben der Reportage nicht zu trennen ist, zeigt sich unter anderem daran, dass der Autor im Verlauf seiner Arbeit als Reporter selbst zum Flüchtlingshelfer wird. Wenn die vom Journalisten und Flüchtlingshelfer geschriebene Reportage den Titel Abschwellender Bocksgesang trägt, dann tritt der »anschwellende Bocksgesang« von Strauß in einen Gegensatz nicht nur zur Reportage, sondern auch zu dem von ihr Berichteten. Der »anschwellende Bocksgesang« von Strauß ist gegen Anstrengungen wie die der Hamburger Flüchtlingshilfe gerichtet – so lautet die Botschaft der Spiegel-Reportage. Damit wende sich Strauß implizit auch gegen die Voraussetzungen, die zur Flüchtlingshilfe geführt haben. Der »anschwellende Bocksgesang« von Strauß sei gegen Flucht und Migration gerichtet.
Das Verfahren der Reportage ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Der erste Einwand, der die von der Reportage nahegelegte Lesart des Titels von Strauß betrifft, ist noch vergleichsweise gering zu veranschlagen. Die Frage, ob ein Text mit der Überschrift Anschwellender Bocksgesang zwangsläufig so verstanden werden muss, dass der Titel den Text selbst, also das eigene Verfahren, die eigene Darstellungsweise beschreibt, oder ob dieser Titel, der eine deutsche Übersetzung des griechischen Wortes für ›Tragödie‹ ist, nicht vielmehr auf den Gegenstand des Textes bezogen ist, lässt sich durch einen Blick in Strauß’ Essay Anschwellender Bocksgesang[3] beantworten. Es zeigt sich, dass die Bezeichnung »Bocksgesang«, die in der Spiegel-Fassung des Textes außer im Titel nur an einer weiteren Stelle verwendet wird, sich nicht auf den Text selbst bezieht, sondern auf die von ihm beschriebenen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen zu Beginn der neunziger Jahre: Der »Bocksgesang« geht »aus der Tiefe unseres Handelns« (205) hervor und ist Anzeichen einer »künftigen Tragödie« (ebd.), deren Gestalt nicht zu erkennen ist.[4] Dies festzustellen bedeutet nicht, den Begriff der Tragödie als passende Bezeichnung für die beschriebenen Entwicklungen unkritisch gelten zu lassen.
Auch der zweite Einwand, dem zufolge der von der Reportage zitierte Essay Anschwellender Bocksgesang zwar ebenfalls im Magazin Der Spiegel erschienen ist, aber doch zu einer anderen Zeit und unter anderen Bedingungen, nämlich zu Beginn des Jahres 1993, ist eher von untergeordneter Bedeutung. Denn das Verfahren, Zitate aus zeitlichen und sachlichen Entstehungszusammenhängen herauszulösen, ist in politischen und publizistischen Auseinandersetzungen gängige Praxis. Wer die Arena der politischen Öffentlichkeit betritt, muss wissen, was er tut. Der in dieser Hinsicht reichlich erfahrene Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger vermerkt 1992, dass das Betreten dieser Arena »auf eigene Gefahr«[5] erfolgt.
Gravierender ist hingegen der dritte Einwand, nämlich dass Zitate aus dem 1993 erschienenen Text Anschwellender Bocksgesang auf geschickte Weise in die Spiegel-Reportage von 2015 eingearbeitet wurden und dort in collagierter Form der eigenen Erzählung dienen. Das wird bereits bei den ersten beiden Bezugnahmen auf Strauß deutlich. Das erste wörtliche Zitat aus Strauß’ Essay bezieht sich auf die dort thematisierte Herausforderung, den zu Beginn der neunziger Jahre in Deutschland Zuflucht suchenden »Heerscharen von Vertriebenen und heimatlos Gewordenen« (203) mit Mitleid, Hilfsbereitschaft und Güte zu begegnen. Im Anschluss an diese zitierte Äußerung, die im Hinblick auf die Bezeichnung »Heerscharen« eine Sprachkritik erfordert,[6] heißt es in der Reportage von 2015:
Vor mehr als 20 Jahren schrieb Botho Strauß diese knirschenden Zeilen, die Zahl der Asylbewerber war auf über 400 000 angestiegen, und in seinem »anschwellenden Bocksgesang« entwarf er das düstere Bild eines Volkes, das nicht »durch feindliche Eroberer« herausgefordert werde, aber »nach innen um das Unsere« kämpfe und so wegen seines »modernen egoistischen Heidentums« überfordert werde. (105)
Abgesehen davon, dass das zitierte »Heidentum« im Essay eine scharfe Grundsatzkritik erfährt und ihm nach Auffassung des Autors mit der Förderung einer christlichen Haltung zu begegnen wäre, die Mitleid, Hilfsbereitschaft und Güte allererst ermöglicht, geht es im einleitenden Teil von Strauß’ Essay nicht um die Belange eines Volkes. Die durch die Pronomina »unser« und »wir« bezeichnete Gruppe wird im Text von Strauß präzise benannt: »wir Reichen«.[7] Unmittelbar vor der vom Verfasser der Reportage zitierten Passage ist bei Strauß in kritischer Absicht vom »reichen Westeuropäer« die Rede, der »auch sittlich über seine Verhältnisse gelebt« habe.[8] Anders, als es die Spiegel-Reportage suggeriert, entwirft Strauß hier keineswegs in nationaler oder gar nationalistischer Perspektive »das düstere Bild eines Volkes«. Ausgangspunkt seines Textes ist vielmehr in europäischer Perspektive eine (Selbst-)Kritik des reichen Westens.
An anderer Stelle kommt die Spiegel-Reportage von 2015 auf den Wandel der öffentlichen Meinung über die Flüchtlingshilfe im Sommer desselben Jahres zu sprechen. Im Verlauf dieses Sommers sei die anfänglich euphorisch und rückhaltlos begrüßte Arbeit der Flüchtlingshelferinnen und Flüchtlingshelfer immer stärker einer Kritik unterzogen worden. Auch hier zieht der Verfasser der Reportage eine Verbindungslinie zu Strauß, dem Urheber des »anschwellenden Bocksgesangs«:
Und nun sieht mancher Journalist, Blogger und Facebook-Kommentator auch in ihnen [den Helferinnen und Helfern, J. B.] den Grund dafür, dass zu viele Fremde dem Lockruf ins Altkleiderparadies gefolgt seien. Seit Botho Strauß den »Fanatismus des Guten« zur Gefahr für das Abendland erklärt hat, ziehen seine Nachbeter immer wieder in den lächerlichen Kampf gegen das Gutmenschentum. (105)
Im Text Anschwellender Bocksgesang ist die hier zitierte Formulierung nicht zu finden. Sie steht aber, ohne dass dies in der Reportage irgendwo vermerkt würde, in einem anderen Text von Strauß, der 2013 ebenfalls im Spiegel erschienen ist. In diesem Text mit der Überschrift Der Plurimi-Faktor. Anmerkungen zum Außenseiter kritisiert Strauß im Rahmen einer Reflexion über den »Typus des Außenseiters« die »Vorschriften des politisch Korrekten und Guten«, die einen »gewissen Fanatismus des Guten« erkennen lassen und die Arbeit des literarischen Autors im öffentlichen Meinungsbildungsprozess beeinflussen.[9] Von Migration, Flucht oder Flüchtlingshilfe ist in diesem 2013 publizierten Text an keiner Stelle auch nur ansatzweise die Rede. Ihren Kulminationspunkt erreicht die Spiegel-Reportage von 2015 im folgenden Absatz:
Das dunkle Deutschland der Brandstifter und Hetzer wird überstrahlt vom hellen Deutschland der Luftballons und Kuscheltiere, aber dazwischen macht sich das graue Deutschland der Ängstlichen immer breiter, die mahnen und warnen, die Terroristen ins Land strömen sehen und Analphabeten, die das Unsere in Schulen, um Wohnungen und gegen volle Gefängnisse kämpfen sehen. Es ist der rechte Mainstream des »Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-Dürfen«, der sich mit zusammengeschusterter Wahrheit mutig dem Mitleid entgegenwirft, wenn auch nicht mit der schwellenden Sprache eines Botho Strauß. Was bei ihm der »verklemmte deutsche Selbsthass« ist, »der die Fremden willkommen heißt, damit hier, in seinem verhassten Vaterland, sich die Verhältnisse endlich« ändern, ist bei rechtspopulistischen Journalisten wie den Roland Tichys und Hugo Müller-Voggs der linke Mainstream, dem es an Verstand und Nationalbewusstsein fehlt. Seit zwei Jahrzehnten sitzen sie in der Schneise, die Botho Strauß geschlagen hat, und schreiben immer denselben Artikel über »Gutmenschen« und »politisch Korrekte«: Das Land müsse sich befreien vom Diktat derer, die es multikulturell zugrunde richten, die keine Ahnung von den Notwendigkeiten einer modernen Gesellschaft haben, schon gar nicht von einer Ökonomie, der wir alle den Reichtum verdanken, den sie leichtfertig aufs Spiel setzen. (106)
Auch wenn Strauß hier nicht direkt dem »dunklen« Deutschland der Brandstifter und Hetzer zugeschlagen wird, sondern dem »grauen« Deutschland der ängstlichen Mahner und Warner: Die vorgenommene Eingliederung in den »rechten Mainstream«, der sich in der Frage der Flüchtlingshilfe »dem Mitleid entgegenwirft«, und die hergestellte Verbindung zum Rechtspopulismus, als deren Vorreiter Strauß hier präsentiert wird, wiegen schwer.
Der Spiegel-Reportage nun jenseits der Analyse ihres problematischen Verfahrens vorzuwerfen, dass sie analog zur »zusammengeschusterten Wahrheit« des »rechten Mainstream[s]« ihrerseits ein entstelltes Bild des Autors Strauß präsentiert, das nicht auf naiver Fehllektüre, sondern auf »intentionale[r] Falschlektüre«[10] basiert, würde bedeuten, ihre Polemik zu verlängern. Das geheime Zentrum dieser von Affekten bestimmten Polemik liegt dabei in der verächtlichen Kennzeichnung von Strauß als »Dichter« (105, 108). Mehrfach verwendet der Verfasser der Reportage diese typisierende Formel und kommt dabei bezeichnenderweise ohne Namensnennung aus.
Nicht der Fortsetzung, sondern der Analyse solcher Polemik gegen den »Dichter« Strauß, der Teil eines »rechten Mainstream[s]« sei, gilt das Interesse der vorliegenden Studie.[11] Sie stellt die Texte von Strauß, aber auch die von anderen Autorinnen und Autoren, etwa von Christa Wolf, Hans Magnus Enzensberger, Peter Handke und Martin Walser, in einen größeren Zusammenhang. Artikel wie die Spiegel-Reportage von 2015 prägen das öffentliche Erscheinungsbild literarischer Autorinnen und Autoren, sie haben Einfluss auf die diesbezügliche Meinung. Zugleich bleiben diese Artikel nicht ohne Wirkung auf die davon betroffenen Autoren.[12] Sie bestimmen deren weiteres Agieren im öffentlichen Raum und prägen nicht zuletzt ihr literarisches Schaffen. Vor diesem Hintergrund gilt es zu analysieren, wie öffentliche Diskussionen über literarische Texte und Darstellungen von Öffentlichkeit in literarischen Texten sich wechselseitig dynamisieren und ineinandergreifen. So sieht sich Strauß mit Erscheinen der Reportage vom September 2015 in der Öffentlichkeit als ein Kritiker der aktuellen Flüchtlingshilfe dargestellt, ohne bis dahin zu diesen aktuellen Fragen überhaupt Stellung genommen zu haben.
Zwei Wochen später, am 2. 10. 2015, veröffentlicht Strauß im Magazin Der Spiegel eine »Glosse« unter dem Titel Der letzte Deutsche.[13] Der Text lässt sich als Reaktion auf die Reportage über die Hamburger Flüchtlingshilfe verstehen. Ob die Veröffentlichung von Strauß’ Reaktion auf die Reportage, die ins Gesellschaft-Ressort des Magazins fällt, auch mit den divergierenden Interessen der unterschiedlichen Ressorts innerhalb der Spiegel-Redaktion zusammenhängt, muss Spekulation bleiben. Die Verbindung beider Texte geht jedenfalls aus der redaktionellen Notiz zum Beitrag von Strauß hervor:
1993 veröffentlichte der Schriftsteller und Dramatiker Botho Strauß, 70, im SPIEGEL seinen berühmten Essay »Anschwellender Bocksgesang«. [….] Kaum ein Text in der Publizistik des wiedervereinten Deutschlands sorgte für mehr Empörung und Diskussionen, von seinen Gegnern wurde Strauß zum Vordenker eines neuen rechten Deutschlands erklärt. Vor zwei Wochen noch setzte sich der SPIEGEL-Redakteur Cordt Schnibben in einem Text über seine Erlebnisse als Helfer in den Hamburger Messehallen, wo mehr als 1000 Flüchtlinge untergebracht waren, kritisch mit den umstrittenen Thesen des Schriftstellers auseinander. Nun beschäftigt sich Strauß, der zurückgezogen in der Uckermark lebt, aus Anlass der Flüchtlingskrise ein zweites Mal mit dem Thema. (122)
Für den hier interessierenden Zusammenhang ist es wichtig, dass die Spiegel-Reportage, die Strauß vorab eine negative Haltung zur aktuellen Flüchtlingshilfe zugeschrieben hatte, zum diskursiven Kontext der Glosse Der letzte Deutsche gehört. Sie bildet gewissermaßen den Schreibanlass für die Glosse, die gemäß den Gesetzen der Gattung in Form eines spöttischen Kommentars auf politische oder publizistische Ereignisse reagiert. In dieser Glosse, die die zwei Wochen zuvor erschienene Reportage mit keinem Wort erwähnt, nimmt Strauß nun in der Tat kritisch zu aktuellen Fragen von Flucht und Migration Stellung. Er macht sich dabei, wie er selbst schreibt, zur »komischen Figur« (124): Er sei der »letzte Deutsche« (122), der als verbliebenes »Subjekt der Überlieferung« (123) fest daran glaube, »Hüter und Pfleger der Nation in ihrer ideellen Gestalt zu sein« (124). Ungeachtet der vom Autor selbst eingestandenen und vom Feuilleton durchweg ignorierten Komik, die auch im ironisierten Anspruch besteht, »immer von irgendwas ein Letzter sein zu wollen« (122), provoziert und stimuliert Strauß sein Publikum durch Reizwörter. So schreibt er, dass er lieber »in einem aussterbenden Volk« leben möchte als in einem, »das aus vorwiegend ökonomisch-demographischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird« (123). Er beklagt den in der öffentlichen Diskussion zu verzeichnenden Raub der »Souveränität, dagegen zu sein« (123) und fragt danach, ob »den Deutschen Besseres passieren [könne], als in ihrem Land eine kräftige Minderheit zu werden« (ebd.). Und er thematisiert eine seiner Ansicht nach verbreitete »Sorge« (124) über die »Flutung des Landes mit Fremden« (ebd.) und kritisiert die von ihm beobachtete Haltung der »Selbstaufgabe« (ebd.), derzufolge »endlich Schluss sein [wird] mit der Nation und einschließlich einer Nationalliteratur« (ebd.).
Es ist nicht zu entscheiden, ob die mit den zitierten Formulierungen verbundene politische Positionierung, die auch sprachkritisch zu analysieren sein wird, auf eine seit Längerem bestehende Haltung des Autors schließen lässt, wie viele seiner Gegner und Kritiker annehmen, oder ob sie durch die Reportage erst angestoßen wurde. Es wäre nicht das erste Mal, dass die öffentliche Markierung als Rechtspopulist, Antidemokrat oder Ausländerfeind zu einer nachträglichen Bestätigung der Vorwürfe durch die davon Betroffenen führt.[14] Unabhängig von dieser Frage aber, die nur sozialpsychologisch beantwortet werden kann, sind an die Beurteilung der Glosse – und der causa Strauß insgesamt – in textanalytischer Hinsicht zwei Mindestanforderungen zu stellen.
Erstens ist zu berücksichtigen, dass die Glosse von Strauß kein isolierter Sprechakt ist, sondern in kommunikativen Zusammenhängen steht. Dazu gehört, wie ausgeführt, an erster Stelle die Spiegel-Reportage vom 19. 9. 2015. Überraschenderweise nimmt keiner der Feuilleton-Artikel, die der Glosse von Strauß mit Kritik und zum Teil mit vehementer Ablehnung begegnen, auf die Reportage Bezug.[15] Stattdessen werden Strauß’ Äußerungen ungeachtet der von den Artikeln ins Spiel gebrachten historischen Verweise auf die »Konservative Revolution«, Helmuth Plessner und andere Autoren isoliert betrachtet. Fast scheint es, als herrsche die ansonsten vielfach kritisierte Überzeugung vor, dass das Schriftsteller- und Dichter-Wort auch in der Gegenwart für sich allein steht und aus sich heraus verstanden werden kann. Es macht jedoch einen großen Unterschied, ob sich ein Autor wie Strauß ohne weiteren Anlass zum Thema Flucht und Migration äußert oder ob er mit seinen Äußerungen auf die Veröffentlichungen anderer reagiert, die zuvor ein bestimmtes Bild des Autors in der Öffentlichkeit gezeichnet haben.
Die zweite Anforderung besteht darin, die Äußerungen von Strauß so genau und vorurteilsfrei wie möglich zu lesen und damit der Gefahr einer »Nuancenvernichtung«[16] vorzubeugen. Ein Beispiel aus der Glosse von Strauß kann dies verdeutlichen. Strauß hatte geschrieben:
Die Sorge ist, dass die Flutung des Landes mit Fremden eine Mehrzahl solcher bringt, die ihr Fremdsein auf Dauer bewahren und beschützen. Dem entgegen: Eher wird ein Syrer sich im Deutschen so gut bilden, um eines Tages Achim von Arnims »Die Kronenwächter« für sich zu entdecken, als dass ein gebildeter Deutscher noch wüsste, wer Ephraim der Syrer war. Zuletzt ist es eine Frage der persönlichen Wissbegierde, denn die üblichen Ausbildungsprogramme reichen nicht bis dorthin. Man darf annehmen, dass in puncto Wissbegierde der Syrer sich im Vorteil befindet. (124)
Deutlich erkennbar setzt Strauß an dieser Stelle seine andernorts – etwa im Essay Anschwellender Bocksgesang – geäußerte Kritik an Normenwelt und Bildungsanspruch der Deutschen und »reichen Westeuropäer« fort. Die in der Glosse referierte Sorge, dass die verstärkte Einwanderung von Geflüchteten zur Entwicklung von Parallelgesellschaften beitragen könnte, ist klarerweise nicht die des Autors Strauß. Demgegenüber zu behaupten, dass dieser selbst von der genannten Sorge erfüllt sei, gibt den Sinn der zitierten Stelle nicht richtig wieder. Strauß’ kritische Argumentation ist primär auf die eigene Nation gerichtet. Dies anzuerkennen bedeutet nicht, die von Strauß bezogene Position inhaltlich zu übernehmen oder die vom Autor im Zusammenhang mit der referierten Sorge verwendete Formel von der »Flutung des Landes« unkritisch gelten zu lassen.
Man kann den Sichtweisen und Argumenten, die Strauß in den zitierten Texten vorbringt, begründetermaßen kritisch gegenüberstehen. Umso mehr ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer nuancierten und differenzierten Lektüre. Dabei geht es weniger um die politische Beurteilung der öffentlich vorgetragenen Argumente von Strauß als um die Rekonstruktion der diskursiven Zusammenhänge, in denen diese zu verorten sind. Wie die zitierten Formulierungen der Spiegel-Reportage von 2015 über »rechten Mainstream« und »rechtspopulistische« Autoren zeigen, kreist die Debatte auch um die vermeintliche oder tatsächliche Einnahme »rechter« Positionen durch Intellektuelle, Schriftsteller und »Dichter« in der kulturellen Öffentlichkeit. Dies bestimmt schon 1993 den Streit um den Essay Anschwellender Bocksgesang oder, genauer, den Streit um die Veröffentlichung des Essays. Denn die Gedanken und Argumente, die in den seinerzeit und neuerdings wieder kritisierten Texten von Strauß und anderen vorgebracht werden, lassen sich vom Vorgang der Veröffentlichung nicht trennen. Der öffentliche Charakter einer vermeintlichen oder tatsächlichen Positionierung im »rechten« politischen Spektrum ist konstitutiver Bestandteil der Positionierung selbst und bedarf seinerseits der Analyse.
Zwischen dem Mauerfall am 9. 11. 1989, der ein Jahr später zur Vereinigung Deutschlands führt, und dem Erscheinen von Botho Strauß’ Essay Anschwellender Bocksgesang im Februar 1993 vollzieht sich ein bemerkenswerter Wandel in der politischen Diskussionskultur. Er verändert, wie in der vorliegenden Studie erörtert werden soll, die Konzepte von literarischer Autorschaft und öffentlicher Meinung und wirkt sich noch heute auf die Struktur öffentlicher Debatten aus. Diese Struktur wird, bei allen Veränderungen der politischen, kulturellen und medialen Kommunikationsbedingungen, nach wie vor durch Intellektuelle, durch ihre Beiträge und Stellungnahmen in der Öffentlichkeit bestimmt. Im Hinblick auf die weitere Analyse sind deshalb einige begriffliche Präzisierungen notwendig.
Diese betreffen zunächst die Vieldeutigkeit des Begriffs der Intellektuellen, der, nach einem historischen Vorlauf, am Ende des 19. Jahrhunderts im Kontext der Dreyfus-Affäre in Frankreich geprägt wurde und eine von zahlreichen Kontroversen gekennzeichnete Geschichte als »Schimpfwort« und Selbstverständigungskonzept besitzt.[17] Eine Besonderheit ist darin zu sehen, dass an der Definition des Intellektuellenbegriffs vor allem Intellektuelle beteiligt sind, die sich in ihren Kämpfen um Meinungsherrschaft polemisch aufeinander beziehen. Das ist auch dann der Fall, wenn die am Diskurs Teilnehmenden ihre Gegner als Intellektuelle markieren und für sich selbst den Begriff und die Rolle von Intellektuellen ablehnen. In dieser Perspektive, die regionale und nationale Unterschiede (etwa zwischen Frankreich und Deutschland) zu berücksichtigen hat, ist der Begriff der Intellektuellen das Ergebnis eines sich selbst reproduzierenden Diskurses von Intellektuellen über Intellektuelle.[18] Jacques Derrida spricht in Bezug auf Intellektuelle von einem »Definitionsversuch durch sie selbst«.[19] Das erklärt auch die Vielzahl der Bücher über die Rolle und den Status von Intellektuellen im 20. Jahrhundert, die nicht zuletzt nach dem Mauerfall und dem Ende des Ost-West-Konflikts erschienen sind.[20]
Ungeachtet der skizzierten Vieldeutigkeit lässt sich eine Minimaldefinition des Begriffs angeben. Nach einer Formulierung des österreichisch-amerikanischen Nationalökonomen Joseph A. Schumpeter sind Intellektuelle »Leute, die die Macht des gesprochenen und des geschriebenen Wortes handhaben«.[21] Diese Definition wurde nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem von Arnold Gehlen aufgegriffen.[22] Die für Schumpeters »Soziologie der Intellektuellen«[23] maßgeblichen Elemente – das Fehlen einer »direkten Verantwortlichkeit für praktische Dinge«, das Fehlen von »Kenntnissen aus erster Hand« und die »kritische Haltung« als Zuschauer und Außenseiter – zeigen die Ambivalenz einer Begrifflichkeit an, die insbesondere bei Gehlen und später bei Helmut Schelsky eine stark intellektuellenkritische Tendenz erhält. Dagegen gibt Ralf Dahrendorf Schumpeters Definition, dass Intellektuelle die Macht des Wortes handhaben, eine Wendung ins Positive, wenn er die Tätigkeit der Intellektuellen als »selbständigen und bewußten Umgang mit dem Wort«[24] beschreibt. Anhand dieser sprachbezogenen Definition lässt sich der Intellektuellenbegriff mit Blick auf den hier interessierenden Zusammenhang weiter eingrenzen.
Für den »selbständigen und bewußten Umgang mit dem Wort« sind Schriftsteller und Dichter wenn nicht exklusiv zuständig, so doch in besonderer Weise prädestiniert. Schon Gehlens kritische Betrachtung hatte »Publizisten und engagierte Schriftsteller« als »Kerngruppe« der Intellektuellen identifiziert.[25] Auch Dahrendorf selbst, der die Rolle der Intellektuellen jenseits von Berufsgruppe, Status und Klassenzugehörigkeit prinzipiell durch jede Form des selbstständigen und bewussten Umgangs mit dem Wort erfüllt sieht, nennt an vorderster Stelle den »Dichter«.[26] In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist es dann Michel Foucault, der bis zum Aufstieg der Figur des »spezifischen Intellektuellen«[27] die von ihm kritisch betrachtete Figur des »universalen Intellektuellen« in erster Linie im Schriftsteller repräsentiert sieht: »Bis dahin war der Intellektuelle par excellence der Schriftsteller«.[28] Und noch im Übergang zum 21. Jahrhundert sieht die Forschung bei aller Schwächung und Infragestellung der öffentlichen Wirksamkeit von Literatur den Schriftsteller als »Musterfall«[29] des Intellektuellen an. Im Anschluss an diese Überlegungen geht es in der nachfolgenden Analyse um Schriftsteller als Intellektuelle und um Intellektuelle als Schriftsteller, wobei zu berücksichtigen ist, dass es sich hierbei nur um einen Ausschnitt aus dem Feld der Intellektuellen und der »Intellektualität«[30] handelt. Dieser Ausschnitt wird von literarischen Akteuren und von der Diskussion über ihr mögliches Verschwinden aus der Öffentlichkeit bestimmt.
Wenn es, wie der angeführte Kontext der Glosse von Strauß aus dem Jahr 2015 zeigt, dabei auch um die unfreiwillige oder selbstgewählte Positionierung im »rechten« politischen Spektrum geht, erscheint es sinnvoll, die kontrovers diskutierte Frage nach der Figur des ›Rechtsintellektuellen‹ auf die Frage nach der Figur des ›rechtsintellektuellen Schriftstellers‹ einzugrenzen. Beide sind nicht identisch. Wortmächtige Rechtsintellektuelle hat es in allen Phasen der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und auch davor, etwa in der Weimarer Republik, gegeben. Das Spektrum nach 1945 reicht, um einschlägige Namen zu nennen, von Martin Heidegger, Carl Schmitt und Ernst Jünger über Armin Mohler, Arnold Gehlen und Helmut Schelsky bis zu Robert Spaemann und, mit Einschränkungen, Karl Heinz Bohrer. Wesentlich unklarer ist dagegen die Lage in Bezug auf die Figur des rechtsintellektuellen Schriftstellers. Gibt es diese Figur überhaupt oder ist sie eine Fiktion, die nach dem Fall der Mauer im vereinten Deutschland einer politischen Linken als Schreckgespenst und einer politischen Rechten als Wunschtraum und Projektionsfläche dient? Welche Gründe sprechen für, welche gegen ihre Existenz? Lässt sich im Zuge einer zunehmenden Auflösung von Rechts-Links-Schemata überhaupt sinnvoll von einer solchen Figur sprechen? Und falls dies möglich oder, aus welchen politischen oder moralischen Gründen auch immer, sogar geboten erscheint: Was ist das Anstößige, das Skandalöse an ihr? Obwohl viele Arbeiten zur literarischen Skandalproduktion, zu medialen Aufmerksamkeitsstrategien von literarischen Autoren und zur Formierung einer Neuen Rechten im vereinten Deutschland vorgelegt wurden, sind die genannten Fragen bislang weitgehend unbeantwortet geblieben. Das hat auch mit der von Foucault konstatierten Reduktion der Intellektuellen auf »so genannte ›Links‹intellektuelle«[31] zu tun. Eine in diesem Kontext zu erörternde Frage ist, ob die für Linksintellektuelle beanspruchte »politische Kultur des Widerspruchs«[32] nicht in vergleichbarer Weise auch die andere Seite des politischen Spektrums zu kennzeichnen vermag, ohne dass damit ein weitergehender Symmetriegedanke in Bezug auf das politische Gefüge impliziert sein muss.
Die vorliegende Analyse versucht eine erste Antwort auf die gestellten Fragen und geht dabei auch auf Diskussionen zurück, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der neu gegründeten Bundesrepublik über Öffentlichkeit, öffentliche Meinung und die Bedeutung der Literatur für den öffentlichen Meinungsbildungsprozess geführt wurden. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht jedoch die angedeutete intellektuelle Verschiebung in der deutschsprachigen Diskussions- und Debattenkultur zwischen Mauerfall und Einheit einerseits und der Veröffentlichung von Strauß’ Essay im Frühjahr 1993 andererseits – zwischen Literaturstreit und Bocksgesang. Diese Verschiebung hängt auch mit Veränderungen des politischen Koordinatensystems nach dem Untergang der DDR, dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus, der Auflösung des Ost-West-Konflikts und der Formierung der Berliner Republik zusammen, vor allem aber ist sie Ausdruck eines ebenso komplexen wie umfassenden Transformationsprozesses, der die von Massenmedien bestimmte Sphäre der Öffentlichkeit(en) betrifft. In einer durch verschärfte Medienkonkurrenz geprägten Situation verstärke sich auf dem Feld der Literatur und des Literaturbetriebs die Neigung zur Skandalisierung ebenso wie der Kampf um die knapper gewordene Ressource medialer Aufmerksamkeit. Jürgen Habermas, der nach 1945 zu den wichtigsten Theoretikern eines »Strukturwandel[s] der Öffentlichkeit«[33] gehört, sieht durch die abermalige Transformation der »Medienöffentlichkeit«[34] auch die Rolle der Intellektuellen beeinträchtigt:
Vermissen wir nicht die großen Auftritte und Manifeste der Gruppe 47, die Interventionen von Alexander Mitscherlich oder Helmuth Gollwitzer, die politischen Stellungnahmen von Michel Foucault, Jacques Derrida und Pierre Bourdieu, die eingreifenden Texte von Erich Fried oder Günter Grass? Liegt es wirklich an Grass, wenn dessen Stimme heute kaum noch Gehör findet? Oder vollzieht sich in unserer Mediengesellschaft erneut ein Strukturwandel der Öffentlichkeit, der der klassischen Gestalt des Intellektuellen schlecht bekommt?[35]
Die Gründe für den »erneut« sich abzeichnenden Strukturwandel erkennt Habermas in der »Entformalisierung der Öffentlichkeit und in einer Entdifferenzierung entsprechender Rollen«.[36] Durch die in paradoxer Gleichzeitigkeit stattfindende Erweiterung und Fragmentierung öffentlicher Diskurse, die dem Aufstieg der Massenmedien und internetbasierter Kommunikationsformen geschuldet seien, werde der »begrüßenswerte Zuwachs an Egalitarismus« mit der »Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt«.[37] Der von Habermas verwendete Begriff des Egalitarismus zeigt an, dass es nicht nur um den Bedeutungsverlust der Qualitätspresse und der in diesem Bereich tätigen gatekeeper geht, sondern auch um ein politisches Problem. Dieses politische Problem ist im medialen Wandel selbst zu verorten, weil sich in dessen Verlauf die Kommunikation zunehmend der intellektuellen Kontrolle entzieht. Befördert dies Tendenzen, sich der kulturellen Hegemonie bestehender Öffentlichkeitsregime zu widersetzen?
Die nachfolgenden Überlegungen nehmen die hier sichtbar werdende Verschränkung politischer und medialer Aspekte in ihrer Beschreibung des Wandels von literarischer Autorschaft und öffentlicher Meinung nach 1989 in den Blick. Sie konzentrieren sich dabei auf die Jahre nach der Wende und untersuchen Texte literarischer Autoren, die diesen Wandel reflektieren und ihn selbst zum Ausdruck bringen. Es geht also nicht darum, gesellschafts- und medientheoretische Fragestellungen von außen an diese Texte heranzutragen, sondern das gesellschaftskritische und medienreflexive Potential der Texte selbst zu erfassen. Die Analyse greift damit eine Diskussion auf, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts über das Verhältnis von Gesellschaftskritik und Gesellschaftstheorie geführt wurde. Der Philosoph Michael Walzer hatte in seinem Essay Die Tugend des Augenmaßes die Frage aufgeworfen, ob es Gesellschaftskritik ohne zugrunde liegende Gesellschaftstheorie geben kann, und dargelegt, dass die damit zur Diskussion stehende »Verbindung von Theorie und Kritik offen für Zweifel« ist.[38] Karl Heinz Bohrer, der zu Walzers Thesen Stellung nimmt, ist entschieden der Ansicht, dass Gesellschaftskritik ohne Gesellschaftstheorie nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert ist. Unter dem Stichwort einer »Phänomenologie der Einzelnen« führt er die »gesellschaftskritischen Möglichkeiten des dichterischen Blicks« ins Feld.[39] Die Formel vom »dichterischen Blick« klingt zunächst vage und ein wenig pathetisch, sie fußt aber auf der durchaus nüchternen Einsicht, dass durch literarische Schreibweisen andere Phänomene in den Blick geraten als durch eine »gesellschaftstheoretisch orientierte soziale Erzählung«, die beispielsweise Erfolgreiches über die funktionierenden Institutionen der »deutschen Bundesrepublik« nach 1945 zu berichten weiß.[40] Bohrer zufolge sind es insbesondere die scheinbar entlegenen, leicht zu übersehenden Nuancen, die in literarischen, dichterischen Texten zu ihrem Recht kommen. Durch die Freilegung dieser Details verbinde sich in der Literatur auf spezifische Weise eine gesellschaftskritische Erkenntnisfähigkeit mit moralischer Wirkung:
Je mehr die Schriftsteller – auch die der Vergangenheit – sich nach philosophischen Universalien ausrichteten, umso weniger erkannten sie wirklich. Je mehr sie die Nuance des noch Verborgenen, dem ein Wort fehlte, hervorholten, umso stärker war auch die moralische Wirkung.[41]
Man muss nicht so weit gehen und im Anschluss an Bohrer »auf den Dichter als Paradigma einer künftigen Gesellschaftskritik verfallen«,[42] zumal es sich bei den hier behandelten Texten nur in Teilen um literarische Texte im enger gefassten Sinne, stets aber um Texte literarischer Autoren handelt. Diese Texte nehmen aber im hier interessierenden Kontext eine so zentrale Stellung ein, dass es bei aller Berücksichtigung politischer und medialer Aspekte geboten ist, ihre genaue Analyse in den Vordergrund zu stellen.[43] Das ist mit Blick auf die zum Teil sehr polemisch geführten Debatten zu Beginn der neunziger Jahre keineswegs selbstverständlich. Es gilt für Christa Wolfs literarische Erzählung Was bleibt, die im Zentrum des ersten gesamtdeutschen Literaturstreits steht und den Ausgangspunkt der hier in den Blick genommenen Verschiebung bildet. Und es gilt für Strauß’ Essay Anschwellender Bocksgesang, an dessen Überlegungen zur Frage, »rechts zu sein«,[44] seinerzeit viele Anstoß genommen haben – und dies vor dem Hintergrund eines tiefgreifenden Wandels der politischen Diskussionskultur in Deutschland auch heute noch tun.
II. Ein Anfang und ein Ende der deutschen Nachkriegsliteratur
1. 1947 – Westdeutsche Neubestimmungen literarischer Autorschaft und öffentlicher Meinungsbildung
Im Herbst 1947 wollte der Schriftsteller Hans Werner Richter eine neue Zeitschrift mit dem Titel Der Skorpion herausbringen. Sie war als Nachfolgeprojekt der Zeitschrift Der Ruf gedacht, kam aber unter den Bedingungen der von den Alliierten reglementierten Lizenzpresse nicht wie geplant zustande. Die Umstände der gescheiterten Veröffentlichung sind bis heute nicht restlos geklärt. Richter selbst gibt als Grund die Verweigerung der Drucklizenz durch die Behörden in der amerikanischen Besatzungszone an:
Kurz darauf erhielt ich einen Bescheid der amerikanischen Militärregierung: Die Lizenz für die literarische Zeitschrift »Der Skorpion« wurde mir verweigert. Begründung: Nihilismus […] So waren wir ohne Zeitschrift, ohne die Möglichkeit, unsere eigenen Arbeiten zu veröffentlichen. Es blieb nur die Kommunikation im eigenen Kreis. Vorlesen und Kritisieren, […] als Ersatz für eine literarische Öffentlichkeit, die es nicht gab.[45]
In der Probenummer der Zeitschrift findet sich ein Beitrag des Schriftstellers Nicolaus Sombart mit dem Titel Publikation und Öffentlichkeit. Der Titel stand offenbar nicht von vornherein fest. Im Inhaltsverzeichnis des seinerzeit nie erschienenen Heftes, das erst 1991 als Reprint veröffentlicht wurde, trägt der Beitrag noch den Titel Publikation und öffentliche Meinung.[46] Einige Wochen zuvor hatte Richter den zu veröffentlichenden Text mit dem umgekehrt gereihten Titel Öffentliche Meinung und Publikation versehen.[47] In einem Brief vom August 1947 äußerte Richter, der einen Monat später mit einem Treffen der am Zeitschriftenprojekt beteiligten Autorinnen und Autoren die Gruppe 47 ins Leben rufen wird, die Idee, Sombarts Beitrag als »Einführungs-Aufsatz in der ersten Nummer zu bringen«.[48]
Auch wenn es nicht bei dieser exponierten Stellung von Sombarts Beitrag blieb, weil ihm in der Probenummer unter anderem Texte von Günter Eich und Wolfdietrich Schnurre vorangestellt wurden, kommt dem Aufsatz programmatische Bedeutung zu. Der Beitrag des 24-jährigen Sombart, der als Sohn des Soziologen Werner Sombart in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs im Berliner Grunewald ausgiebige Spaziergänge mit seinem väterlichen Mentor Carl Schmitt unternommen hat,[49] in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Gründungsautoren der Gruppe 47 gehörte und später als Mitarbeiter bzw. Leiter der Kulturabteilung des Europarats eine internationale Beamtenkarriere durchlief, stellt auf bemerkenswerte Weise literarische Autorschaft und öffentliche Meinungsbildung in einen Zusammenhang.
Ungewöhnlich ist zunächst die auf einer begrifflichen Abstraktion basierende Definition, dass die »Veröffentlichung«[50] literarischer Texte eine »Form der Kommunikation« (16) und als solche ein Bestandteil dessen ist, »was die Kultursoziologie den Zivilisationsprozeß genannt hat« (16). Im Zentrum dieser kultursoziologischen Bestimmung, die inhaltliche Aspekte und ästhetische Wertmaßstäbe bei der Beurteilung einer literarischen Veröffentlichung zunächst ausklammert, steht die Beziehung zwischen Autor und Publikum: »Leserschaft und Autor treten, auf technische Mittel gestützt, miteinander in […] Korrespondenz. Diesen gesellschaftlichen Zusammenhang nennt man dann Literatur.« (16). Die von Sombart gleich doppelt angeführte Überlegung, dass sich jede Veröffentlichung erst an ihrem Publikum »erfüllt« (16, 18), und der Gedanke, dass ein Werk, das Publikum und Leserschaft ausblendet, »Makulatur« (16) sei, weisen deutliche Parallelen zu Jean-Paul Sartres Konzept des Schreibens und Lesens auf, das dieser ebenfalls nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in seiner Abhandlung Was ist Literatur? entfaltet. In dieser Schrift, die den Begriff der engagierten Literatur etabliert, stellt Sartre die These auf, dass ein literarischer Gegenstand nur im Augenblick der Lektüre existiert. Außerhalb der Lektüre fällt dieser Gegenstand in den starren und toten Zustand von »schwarze[n] Strichen auf dem Papier«[51] zurück. Es ist der Leser, dem die Vollendung des vom Schriftsteller Begonnenen obliegt. Erst der Zusammenhang der Tätigkeiten des Schreibens und des Lesens kann nach Sartre Literatur genannt werden. Dieser Zusammenhang von Schreiben und Lesen steht auch Sombart vor Augen.
Der drei Druckseiten umfassende Beitrag Sombarts reflektiert in Gestalt einer essayistischen Miniatur und an literaturgeschichtlich bedeutsamer Stelle die kulturellen und kommunikativen Bedingungen literarisch-publizistischer Öffentlichkeit. Diese wird als ein »Medium« (16) verstanden, das nicht nur eine Verbindung zwischen Autor und Publikum herstellt, sondern auch über den Begriff der »öffentlichen Meinung« (16, 17) den Bereich der Literatur mit der Sphäre der Politik verschränkt.
Als wichtigste Bedingung, die für die Nachkriegssituation in Deutschland kennzeichnend ist, nennt Sombart die »Zerrüttung« (17) der Öffentlichkeit. An diese Gegenwartsdiagnose schließt sich die Forderung nach einer künftigen »Wiederherstellung« (18) der Öffentlichkeit an. Hierfür ist nach Sombart die Institutionalisierung einer »Kritik« (16) notwendig, die dem Publikum wie dem Autor »einen festen Anhalt« (17) bietet. Aufschlussreich ist an dieser Überlegung zunächst, dass sie mit der »Institution der Kritik« (18) eine Größe anführt, die als eine konkrete Erscheinungsform »kritischer Publizität«[52] seit der Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert für den Begriff und die gesellschaftliche Herausbildung bürgerlicher Öffentlichkeit von konstitutiver Bedeutung ist.[53]
Interessant ist auch der in diesem Kontext angestellte Vergleich, der die Sphäre einer von Kritik bestimmten Öffentlichkeit überraschenderweise mit der Welt des Sports in Beziehung setzt. Für Sombart hat das Fehlen einer institutionalisierten kritischen Öffentlichkeit nicht nur das Ausbleiben literarischer Leistungen zur Folge. Es fehlt auch der Rahmen, in dem diese Leistungen überhaupt bewertet und beurteilt werden können:
Mit weinerlicher Klage danach auszuschauen, wo die »neuen Sachen« bleiben, ist einfach lächerlich. Es heißt das, bei fehlendem Sportplatz nach leichtathletischen Leistungen Umschau halten. Gewiß, da läuft einmal einer eine tolle Zeit, irgendwo; aber wer stoppt sie, wer sieht es, wer applaudiert, wer macht es bekannt? So unterbleibt der Sport. (17 f.)
Der Raum der Veröffentlichung und Publizität als Sportplatz und Arena: Dieser auf der Idee des Wettkampfs und der Sichtbarkeit von Akteuren basierende Gedanke rückt nach 1945 ins Zentrum der Reflexion über Öffentlichkeit. Er bestimmt noch die Überlegungen, die Jürgen Habermas in seinem Vortrag Heinrich Heine und die Rolle des Intellektuellen in Deutschland von 1986 angestellt hat, wo von einer »Arena der öffentlichen Meinung«[54] die Rede ist. Im Vorwort zur Neuauflage seiner Studie Strukturwandel der Öffentlichkeit geht Habermas im Jahr der Einheit mit Blick auf die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und des liberalen Verfassungsstaates von einer Struktur der Öffentlichkeit aus, die »verschiedene Arenen für einen über Druckerzeugnisse […] vermittelten, mehr oder weniger diskursiv ausgetragenen Meinungsstreit umfaßt«[55] und sich dementsprechend in eine Vielzahl von »Öffentlichkeiten«[56] aufgliedert. Die seither geläufige Rede von »zerstreuten Öffentlichkeiten«[57] oder »Teilöffentlichkeiten«[58], die sich auch auf den Begriff fragmentarischer Öffentlichkeit bei Alexander Kluge und Oskar Negt beziehen lässt,[59] hat in dem von Habermas beschriebenen Prozess einen seiner Gründe – unabhängig von der Frage, ob die Zerstreuung und Teilung der Öffentlichkeit analytisch neutral oder normativ im Sinne einer Diskurskritik behandelt wird.
Zugleich beobachtet Habermas im Rückblick auf die mediengeschichtliche Entwicklung nach 1945 die Herausbildung einer »vermachteten Arena«[60], in der sich Öffentlichkeit in eine »durch Massenmedien zugleich vorstrukturierte und beherrschte«[61] Sphäre verwandelt. Der bei Sombart noch kompetitiv gedachte Begriff des Sportplatzes als Arena der Leistungsmessung weicht bei Habermas einer pessimistischeren Sicht, die den massenmedial bestimmten Schauplatz öffentlicher Kommunikation als Ort der Einflussnahme und Durchsetzung strategischer Machtinteressen begreift. Vor diesem Hintergrund hält Habermas auch und gerade nach 1990 am ursprünglichen Ansatz seiner 1962 erschienenen Arbeit über den Strukturwandel der Öffentlichkeit fest, die zwischen einer »kritischen«[62] und einer »manipulativen Publizität«[63] unterschieden hatte.
Die Idee kritischer Publizität ist bereits in Sombarts Beitrag von 1947 leitend. Dabei führt der Autor die von ihm diagnostizierte Zerrüttung der Öffentlichkeit in Deutschland und die daraus resultierende fehlende Institutionalisierung der Kritik nicht nur auf die vollständige Diskreditierung der öffentlichen Sphäre durch die Propaganda des NS-Staates zurück. Zweieinhalb Jahre nach Kriegsende tritt zudem der »ökonomische Charakter« (17) der kulturellen und kommunikativen Verhältnisse hervor. Für die publizistische Misere der Nachkriegssituation in Deutschland macht Sombart vor allem »die Form des Konsums« (17) verantwortlich: »Der Großteil aller Veröffentlichungen versickert in dem morschen, porösen Gefüge einer anonymen, unübersehbaren Käuferschaft.« (17). Der Konsum von Publikationen, die bloß gekaufte Ware sind, ist für Sombart ein Anzeichen dafür, dass »jedes Wertprinzip« (17) verloren gegangen ist. Die geforderte Institutionalisierung der Kritik ist vor diesem Hintergrund als eine normativ begründete Maßnahme anzusehen, die zwischen sportivem Wettbewerb und intellektueller Wertsetzung oszilliert. Für eine Veröffentlichung, die nicht »ohne Echo« (17) bleiben, sondern Wirksamkeit entfalten will, soll die zu schaffende Institution der Kritik einerseits »Ansporn« (17) sein und »Ehrgeiz« (ebd.) wecken, andererseits hat sie »Anleitung« (ebd.) zu geben und einen »Maßstab« (ebd.) zu setzen.[64]
In den Jahren nach 1945 rückt der von Sombart angeführte »ökonomische Charakter« zunehmend in den Mittelpunkt einer kritischen Reflexion des Öffentlichkeitsbegriffs. Das ist in den fünfziger und sechziger Jahren immer dann der Fall, wenn der innere Zusammenhang von Markt- und Meinungsforschung thematisiert wird, wenn der Aufstieg der Massenmedien eine kritische Analyse erfährt und Öffentlichkeit als politische Kategorie der demokratischen Tradition ins Spiel kommt. So geht der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno in seiner Studie Meinungsforschung und Öffentlichkeit von 1964 mit der von ihm festgestellten »Identität von Markt- und Meinungsforschung«[65] scharf ins Gericht:
Der Aufschwung der Meinungsforschung entspricht dieser Tendenz [zur Bildung »großer ökonomischer und administrativer Einheiten«, J. B.]; sie ist angewandte Marktforschung, überträgt deren Verfahrungsweise auf kommunizierte geistige Gebilde.[66]
Die Auswirkungen dieses neuen Trends in Gesellschaft und Wissenschaft, der Meinungen nicht nur empirisch erforscht, sondern auch auf deren Bildung manipulativ einwirkt, sind weitreichend:
Öffentlichkeit selbst aber wird in ihrer realen Entwicklung eingefangen von den wirtschaftlichen Formen der bürgerlichen Gesellschaft, wird zur geschäftlichen Branche, die aus den Informationen, die sie den Bevölkerungen zuführt, ihren Profit zieht.[67]
Bereits vor Adorno hatte der Politologe Wilhelm Hennis in den fünfziger Jahren die Ökonomisierung der öffentlichen Sphäre durch die aufkommende Meinungsforschung kritisiert:
Die Informationen der Meinungsforscher sind Ware und kein Ergebnis freier Forschung. Sie wissen, warum man sich ihrer bedient. In der Regel schaffen sie dieses Wissen sogar erst, gehört es doch zur Branche, die potentiellen Auftraggeber darüber aufzuklären, wozu man nützlich ist.[68]
Bei aller weltanschaulichen Differenz, die den in der staatsrechtlichen Tradition von Rudolf Smend argumentierenden Politologen und den philosophischen Vertreter der Kritischen Theorie trennt, geht es Hennis wie Adorno um eine Verteidigung der politischen und demokratischen Dimension von Öffentlichkeit und öffentlicher Meinung.[69] Sieht Hennis durch das Aufkommen der Meinungsforschung die Öffentlichkeitssphäre der repräsentativen Demokratie in Gefahr, weil die Orientierung der Meinungsforschung an der massenmedial beeinflussbaren Menge und deren »Stimmungen«[70] die Autorität demokratisch legitimierter, meinungsbildender Eliten einschließlich der ›Qualitätspresse‹ untergräbt, so sieht Adorno durch die ökonomische Überformung der öffentlichen Sphäre das politische Projekt einer demokratisch verfassten Öffentlichkeit insgesamt in Gefahr. Anstatt ein Medium demokratischer Willens- und Meinungsbildung zu sein, das die Öffentlichkeit »nach der politischen Konzeption der Demokratie«[71] als ein erst noch »Herzustellendes«[72] begreift, verwandelt sich die öffentliche Sphäre unter dem Einfluss der Massenmedien in eine »Maschinerie«[73], die die am politischen Prozess beteiligten »lebendigen Subjekte«[74] zu Statisten degradiert. Der von Adorno in vollem Bewusstsein der politischen Tradition[75] geäußerte Satz: »Öffentlichkeit und Demokratie sind miteinander verklammert«,[76] ist vor diesem Hintergrund keine Trivialität, sondern eine programmatische Aussage, die es gegen bestehende Widerstände in Realität umzusetzen und immer wieder neu mit Leben zu erfüllen gilt.
Derselbe programmatische Stellenwert kommt einem Satz aus Sombarts Artikel von 1947 zu: »Übrigens sei hier vermerkt, daß Öffentlichkeit das fundamentale Prinzip der liberalen Demokratie ist.« (18) Wenn Sombart diesen Satz zweieinhalb Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Probenummer des Skorpion äußert, dann handelt es sich nicht um die Ansicht eines schöngeistigen Literaten, der sich Gedanken um die Zukunft einer spezifisch literarischen Öffentlichkeit macht. Vielmehr verortet Sombart den kommunikativen Zusammenhang von Autorschaft und Publikum, Veröffentlichung und Kritik im Spannungsfeld einer Öffentlichkeit, bei der die Trennung von Literatur und Politik systematisch aufgehoben ist. Für Sombart steht der publizierende Autor ebenso wie der Leser »mitten im Prozeß der Bildung einer ›öffentlichen Meinung‹« (17). Um die Erörterung dieses Standorts literarischer Akteure und ihrer Texte »mitten« im öffentlichen Meinungsbildungsprozess geht es im Folgenden.
Es gehört wesentlich zur Geschichte des Begriffs ›öffentliche Meinung‹, der seit dem Ende des 18. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum nachweisbar ist,[77] dass seine Definition als schwierig, wenn nicht gar als unmöglich angesehen wird.[78] Die Einschätzungen reichen von der Charakterisierung der öffentlichen Meinung als einer schwer zu greifenden »unsichtbaren Macht«[79] durch den französischen Finanzminister Jacques Necker im Vorfeld der Französischen Revolution bis hin zum Vorschlag Adornos in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, angesichts der »Vagheit«[80] der Begriffe Öffentlichkeit und öffentlicher Meinung auf eine »exakte Verbaldefinition«[81] derselben zu verzichten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts legt der Historiker Hermann Oncken, dem die gesamte Diskussion der Begriffe Meinung und Öffentlichkeit seit John Lockes Abhandlung über den menschlichen Verstand geläufig war, einen Definitionsversuch vor, der nicht auf einen feststehenden begrifflichen Kern zielt, sondern die variablen »Bedingungen«[82] umkreist, unter denen von öffentlicher Meinung die Rede sein kann:
Öffentliche Meinung ist ein Komplex von gleichartigen Äußerungen größerer oder geringerer Schichten eines Volkes über Gegenstände des öffentlichen Lebens, bald spontan hervorbrechend, bald künstlich gemacht; in den verschiedenartigsten Organen sich ausdrückend, in Vereinen, Versammlungen, vor allem in der Presse und Publizistik, oder auch nur in dem unausgesprochenen Empfinden eines jeden, des gemeinen Mannes auf der Straße oder eines kleinen Kreises von Gebildeten; hier eine wirkliche Macht, auf die auch die Staatsmänner blicken, dort ein Faktor ohne politische Bedeutung; und immer anders zu werten in jedem Volke; bald einheitlich, wie eine gewaltige Flutwelle gegen die Regierenden und Sachverständigen sich erhebend, bald in sich zerteilt und die widerstrebendsten Tendenzen bergend; einmal das einfache und natürliche Gefühl des Menschen zum Ausdruck bringend, das andere Mal ein lärmender und unsinniger Ausbruch wilder Instinkte; immer geleitet und doch immer führend; von den Kennenden und Wissenden über die Achsel angesehen und doch wieder den Willen der Menschen bezwingend, ansteckend wie eine Epidemie, launisch und treulos und herrschsüchtig wie die Menschen selber, und dann doch wieder nichts als ein Wort, mit dem sich die Machthaber betrügen.[83]
In welcher Weise literarische Autoren an der Bildung dieser vielfältigen, widersprüchlichen und schwer zu erfassenden öffentlichen Meinung beteiligt sind und unter welchen politischen, gesellschaftlichen und medialen Bedingungen diese Beteiligung in den Jahren nach der Wende und der Vereinigung Deutschlands stattfindet, wird anhand von Textanalysen zu erörtern sein. Sombarts Überlegungen, die den öffentlichen Meinungsbildungsprozess als kulturellen und kommunikativen »Zusammenhang« (16) von literarischer Autorschaft und Publikum, von Veröffentlichung und Kritik verstehen, sollen dabei der Analyse als Richtschnur dienen.
* * *
Zur selben Zeit, als Richter in seiner Zeitschrift die Publikation des Beitrags von Sombart plant und im Allgäu das erste Autorentreffen der Gruppe 47 initiiert, wird geographisch nicht weit davon entfernt ein Institut gegründet, dessen Arbeit für die Geschichte der politischen Kultur in der späteren Bundesrepublik Deutschland bedeutsam werden wird. Am 30. 11. 1947 erscheint in der nach dem Zweiten Weltkrieg von Benno Reifenberg mitgegründeten Halbmonatsschrift Die Gegenwart[84] ein Artikel mit der Überschrift Vom Zeitbild der Studenten.[85] Der ohne Namensnennung veröffentlichte Artikel dokumentiert eine im Juli und Oktober 1947 durchgeführte Umfrage unter Tübinger und Freiburger Studenten, die die Einstellungen, Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche der Befragten zum Gegenstand hat. Neu ist an dieser Umfrage unter anderem die Methode, die in der einleitenden Passage des Artikels als »amerikanische Gallup-Methode«[86] bezeichnet wird. Dahinter verbirgt sich die vom amerikanischen Markt- und Meinungsforscher George H. Gallup entwickelte Repräsentativumfrage, die auf der sozialwissenschaftlich fundierten Auswahl einer repräsentativen Stichprobe und auf der mündlichen Befragung der ausgewählten Personen basiert. Die in Deutschland bis dahin weitgehend unbekannte Methode wurde von Gallup erstmals im US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf von 1936 eingesetzt und konnte dort ihre größere Zuverlässigkeit gegenüber nichtrepräsentativen Umfragen eindrucksvoll vor Augen führen.
In einer redaktionellen Notiz, die dem Artikel aus der Zeitschrift Die Gegenwart vorangestellt ist, wird als durchführendes Organ der Umfrage von 1947 das »Institut für psychologische und soziometrische Forschungen in Allensbach«[87] angegeben. Der redaktionellen Notiz nicht zu entnehmen ist der Auftraggeber der Umfrage. Es handelt sich um die französische Militärregierung in Baden-Baden, die zwei Jahre nach Kriegsende Befindlichkeit und Stimmung der Jugendlichen in der französischen Besatzungszone ermitteln wollte.[88] Der Auftrag der französischen Militärregierung erging an die Zeitungswissenschaftlerin Elisabeth Noelle, die 1940 in Berlin mit der Arbeit Amerikanische Massenbefragungen über Politik und Presse promoviert wurde und bereits während der NS-Zeit in Deutschland über dieses Thema publiziert hatte.[89] Die Probeinterviews, die am 8. 5. 1947 in der Volksschule von Ludwigshafen stattfanden, und die Durchführung der Umfrage bedeuteten die Gründung des ersten deutschen Meinungsforschungsinstituts, das sich bereits Anfang 1948 in Institut für Demoskopie umbenannte und noch im selben Jahr unter diesem Namen als Unternehmen ins Handelsregister eingetragen wurde.
Die in der Zeitschrift Die Gegenwart dokumentierte Umfrage unter Studenten war Teil einer ausführlicheren Befragung, die vom Allensbacher Institut mit Jugendlichen im Alter von 14 bis 25 Jahren durchgeführt wurde.[90] Die studierenden Jugendlichen unterschieden sich von den nichtstudierenden durch ein sehr viel höheres Interesse an Politik, durch die größere Überzeugung, dass ein Engagement der Bürger in politischen Angelegenheiten notwendig sei, und durch ein größeres Interesse an der Idee der »Vereinigten Staaten von Europa«.[91] Allerdings gaben fast zwei Drittel der studierenden Jugendlichen gegenüber weniger als einem Drittel der nichtstudierenden »geistige Ziellosigkeit« als größte Schwierigkeit neben dem Wiederaufbau des Landes an.[92]
Die Überwindung »geistiger Ziellosigkeit« steht auch im Mittelpunkt des diskutierten Zeitschriftenbeitrags von Sombart. Seine Diagnose von der Zerrüttung der Öffentlichkeit macht sich unter anderem daran fest, dass es »[…] keine einzige Zeitschrift in Deutschland [gibt], deren Urteil maßgeblich und richtunggebend wäre« (17). Angesichts dieser Richtungslosigkeit scheuten die Autoren davor zurück, »ihre neuen Werke ins Dunkle hinein zu verschleudern« (18). Das von Sombart ins Auge gefasste »Vorhaben« (18), mit der Neugründung der Zeitschrift Der Skorpion, die er illusionslos »die 1001ste« (ebd.) nennt, die Wiederherstellung der Öffentlichkeit »systematisch« (ebd.) anzugehen, wird explizit als Projekt der »Jungen« (ebd.) und »Kommenden der Literatur« (ebd.) ausgewiesen. Der Autor des Zeitschriftenbeitrags, der im September 1947 auf dem ersten Treffen der Gruppe 47 das Prosastück Begegnung der Generationen vorlas,[93] ist zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt und Student an der Universität Heidelberg. Im Unterschied zum 39-jährigen Richter und zum 33-jährigen Alfred Andersch, dem Mitinitiator der Gruppe 47, hätte also Sombart im Rahmen der Jugendbefragungen des Allensbacher Instituts durchaus interviewt werden können. Er ist eine der Stimmen der »Jungen Generation«,[94] die den öffentlichen Meinungsbildungsprozess in der späteren Bundesrepublik maßgeblich mitgeprägt haben.
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Die Neubestimmung von literarischer Autorschaft und öffentlicher Meinungsbildung in der Zeitschrift Der Skorpion und die Gründung eines für die politische Kultur der Bundesrepublik wichtigen Meinungsforschungsinstituts bilden einen doppelten Anfang im Jahr 1947. Dieser doppelte Anfang wirft zwei Fragen auf, deren Bedeutung für die nachfolgenden Überlegungen zu erörtern ist: Zum einen stellt sich grundsätzlich die Frage, in welcher Weise literarische Autoren auf die öffentliche Meinungsbildung Einfluss nehmen. Und zum anderen lässt sich in historischer Perspektive fragen, welchen Anteil die Gruppe 47‚ die sich als »Ersatz« für eine fehlende Öffentlichkeit verstand, am öffentlichen Meinungsbildungsprozess in der Bundesrepublik hatte.
(1) Literarische Autorschaft und öffentliche Meinungsbildung. Literarische Autoren beeinflussen den Prozess der öffentlichen Meinungsbildung vor allem in ihrer Funktion und Rolle als Intellektuelle, in der sie, mit Schumpeter und Gehlen gesprochen, die »Macht des gesprochenen und geschriebenen Wortes handhaben«.[95] Unter Verwendung eines Ausdrucks von Hennis ließe sich sagen, dass Intellektuelle »das öffentliche Wort«[96] prägen und mitbestimmen. Daraus resultiert eine Spannung zwischen den mit qualitativen Mitteln zu analysierenden Äußerungen der Intellektuellen, Publizisten und engagierten Schriftsteller und dem mithilfe von quantitativen Methoden ermittelten Meinungs- bzw. Stimmungsbild, das auf statistischer Erhebung und Befragungen im Rahmen repräsentativer Stichproben basiert. Nicht von ungefähr hat daher der Versuch von Hennis, das »öffentliche Wort« qualifizierter Meinungsträger vom anonymen »Sample«[97] der aufkommenden empirischen Meinungsforschung abzugrenzen, die Kritik der Sozialwissenschaften auf sich gezogen. So bescheinigte der Soziologe Gerhard Schmidtchen, der in den fünfziger und sechziger Jahren selbst für das Allensbacher Institut tätig war und 1959 ein Buch mit dem Titel Die befragte Nation vorlegte, Hennis einen »sehr exklusiven Begriff der öffentlichen Meinung«[98] und warf ihm eine »anachronistische«[99] Sichtweise der Dinge vor. Die neuere Sozialforschung ist dagegen, auch in ihrer empirisch orientierten Variante, deutlich weniger polemisch. Sie trägt der Rolle der Intellektuellen dadurch Rechnung, dass sie diese in einer für den Prozess der öffentlichen Meinungsbildung maßgeblichen »Konstellation von Sprechern, Medien und Publikum«[100] verortet: als eine Gruppe von Akteuren unter anderen.
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