Kitabı oku: «Feenders»

Yazı tipi:

Jürgen Friedrich Schröder

Feenders

Der Versuch zu überleben


Impressum

Immer informiert

Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie

regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.

Gefällt mir!

Facebook: @Gmeiner.Verlag

Instagram: @gmeinerverlag

Twitter: @GmeinerVerlag

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2021 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Daniel Abt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © ullstein bild – mauritius

ISBN 978-3-8392-6738-7

Vorbemerkung

Die Handlung des Romans ist fiktiv,

orientiert sich jedoch teilweise am Schicksal

und den Erlebnissen verschiedener Menschen,

die zu dieser Zeit gelebt haben, ohne deren Namen,

Ansichten und tatsächlichen Lebensverlauf wiederzugeben.

*

Die ebenso fiktive Ortschaft Rheidersum liegt

nördlich der Stadt Leer in Ostfriesland.

Die Personen

Cornelius Holtkamp: Sohn eines armen Landbauern aus Heisfelde/Burfehn

Fräulein Marlene Degenhardt: später Buchhalterin

*

Familie Feenders

Elisabeth, genannt Lilli: Krankenschwester

Georg: Gymnasiast, später Flakhelfer und Marinesoldat

Eltern Ilse und Helfried

Großeltern Melitta und Gottfried

*

Familie Strodthoff

Margarethe, genannt Marga, geb. Feenders: Schwester von Helfried Feenders

Theodor Strodthoff: Saatguthändler

Heinrich Strodthoff: Major und Stabsingenieur der Luftwaffe, Bruder von Theodor Strodthoff

*

Otto Tammen: Kriminalrat a. D.

*

Familie Dijkstra

Marijke: Lilli Feenders’ beste Freundin aus Nieuweschans, Nederland

Eltern Harriet und Bernhard

*

Gerhard Thedinga: Berufsoffizier und Sohn des Tierarztes aus Leer/Loga

*

Flakbatterie Groß Midlum bei Emden

Oberleutnant Schirrmacher: Batteriechef

Hauptfeldwebel Wegener

Marineobermaat Benthien

Diverse Flakhelfer und russische Hilfswillige

*

Marinestützpunkt auf dem Dänholm vor Stralsund

Oberleutnant Friedrichsen

Weitere Marineoffiziere und -soldaten

*

Captain Paul Kramer, Kommandeur einer US-Panzereinheit

Prolog – Tod eines Piloten

Stralsund, Sonnabend, 28. April 1945

Sein Blick ging in der kargen Zelle umher. Eine Holzpritsche, darauf zwei grob gewebte Decken, ein kleiner Tisch, ein Stuhl und natürlich der unvermeidliche Eimer für die Notdurft. Auf dem Tisch lagen einige Bogen billigsten Briefpapiers und ein abgenutzter Bleistift. Wie viele vor ihm hatten hier schon ihre letzten Zeilen an die Angehörigen geschrieben?

Die letzten Zeilen, wie sich das anhörte! Er war gerade einmal sechsunddreißig Jahre alt und hatte vielleicht noch ein, zwei Stunden zu leben. Vielleicht – er lachte bitter. Gestern hatte man ihm lapidar mitgeteilt, dass sein Gnadengesuch abgelehnt worden war und das Todesurteil heute in aller Frühe vollstreckt werden würde.

»Wegen Befehlsverweigerung werden Sie zum Tod durch Erschießen verurteilt!«, hatte der Kriegsgerichtsrat verkündet. »Sie haben unserem obersten Kriegsherren die notwendige Hilfe verweigert! Sie haben …« An die restlichen Worte der Urteilsbegründung konnte er sich nicht mehr erinnern. Es war auch vollkommen egal. Und – was hatte er getan bei diesem Flug, der ihm zum Verderben werden sollte?

Als er die Situation am Boden erblickte, hatte er die Gashebel seiner Junkers 352 nach vorne geschoben und das bereits ausgefahrene Fahrwerk wieder eingeholt. Mit leicht angezogenem Steuerhorn und aufheulenden Motoren hatte er die Maschine im stetigen Steigflug wieder auf Höhe gebracht. Rund dreißig junge Soldaten, kaum einer älter als zwanzig, hatte er damit vor einem schlimmen Schicksal, wahrscheinlich sogar vor dem Tode bewahrt.

»Einer für dreißig!«, hatte er dem Militärkaplan geantwortet, der gerade noch bei ihm gewesen war.

»So solltest du nicht denken! Ich weiß, du bist verzweifelt – ich wäre es auch an deiner Stelle –, aber wenn du vor deinen Schöpfer trittst, wirst du es reinen Gewissens tun!«

Wie war er denn in diesen Irrsinn hineingeraten? Die pure Lust am Fliegen war es gewesen. Die Nationalsozialisten hatten es ihm ermöglicht. Sein Talent wurde ihm letztlich zum Verhängnis. Er hatte eine steile Karriere hinter sich, die eigentlich nur auf Ausnahmegenehmigungen beruhte und ihn zur Lufthansa gebracht hatte. Die Krönung kam zu Beginn des Jahres 1939. Als Flugkapitän durfte er eine der brandneuen viermotorigen Condor-Maschinen übernehmen. Sein Glück kannte keine Grenzen mehr, als ihm der Direktor der Bremer Flugzeugwerke persönlich die Maschine übergab und allzeit guten Flug wünschte.

Ein halbes Jahr der Glückseligkeit – dann war Krieg.

Reinen Gewissens – was wusste denn dieser Pfarrer? Den größten Teil des Krieges hatte er junge Leute in die Hölle geflogen. Ob die Hölle nun Norwegen, Belgien, Kreta oder wie auch immer hieß, dem großen Schnitter war es egal. Dieser hielt reichlich Ernte. Und er war sein Werkzeug gewesen.

Einmal hatte er einen stillen Triumph erlebt. Abkommandiert zur Erprobungsstelle Rechlin sollte er daran mitarbeiten, die schöne Condor zum Bomber umzukonstruieren. Sie hatte sich geweigert, die Condor! Da konnten die Herren Ingenieure ihre Rechenschieber noch so sehr bemühen – dafür eignete sich die Konstruktion einfach nicht. Kriegsdienst mussten diese Flugzeuge dennoch tun – als Fernaufklärer über dem Atlantik und als persönliche Maschine dieses größten Feldherrn und Führers aller Zeiten, der Deutschland so konsequent in den Untergang geführt hatte.

Der Endsieg konnte eigentlich nur noch eine Frage von wenigen Tagen sein, dann hatten die Alliierten es geschafft, das Ungeheuer niederzuringen, in das dieses Land der Dichter und Denker sich verwandelt hatte.

Dies würde er nicht mehr erleben.

Marianne! Ihr Bild lag vor ihm. Das Gesicht verschwamm vor seinen Augen. Er würde sie nicht wiedersehen. Auf dem ersten Linienflug mit der Condor hatten sie sich kennengelernt. Komischerweise war dies erst während des Fluges nach London geschehen. Auf einmal hatte diese unbekannte junge Dame in der Lufthansa-Uniform hinter ihm gestanden und nach den Wünschen des Herrn Flugkapitäns gefragt. Das hübsche Gesicht, das herzliche Lächeln, der dunkle Bubikopf mit der schicken Mütze, ihre bezaubernde Stimme … Er hatte sich Hals über Kopf in sie verliebt.

In die Realität hatte ihn die Stimme des zweiten Piloten zurückgeholt. »Wir müssen langsam den Sinkflug einleiten, dort hinten kommt schon die Themsemündung in Sicht!«

Er hatte nur mit einer gewissen Verzögerung reagiert. »Ja – ich hatte gerade …«

»… eine reizende Erscheinung!«, ergänzte sein Kollege lachend und meldete die Maschine zur Landung in Croydon Airport an.

Die Begegnung mit der hübschen Marianne stellte sich als purer Zufall heraus. Sie war in letzter Minute für ihre erkrankte Kollegin eingesprungen. Daher waren sie sich vor dem Start in Frankfurt nicht begegnet. Der Abend in London war jedenfalls unvergesslich geworden und fortan sah man die beiden, soweit die Dienstpläne dies zuließen, nur noch als Paar. Einige Monate später hatten sie geheiratet, ein Jahr darauf wurde ihr Sohn geboren.

Knallende Stiefeltritte näherten sich der Zelle. Die Riegel wurden zurückgeschoben, der Schlüssel knirschte im Schloss, die Tür wurde aufgerissen.

»Raustreten! Hände auf den Rücken!«

Einer für dreißig!

*

Zwei Tage später, am 30. April 1945, setzte Adolf Hitler ­seinem Leben ein Ende.

1 – Von einem, der auszog, ein
besseres Leben zu finden

Im Jahre 1898 wurde der Knabe Cornelius geboren. Seine Eltern, die Eheleute Meta und Garrelt Holtkamp, besaßen eine kleine Landstelle nahe dem Ort Heisfelde. Das Haus existiert nicht mehr und die Sandgrube Burfehn, in der der Vater manchmal arbeitete, ist längst zugeschüttet.

Cornelius war von untersetzter kräftiger Statur. Die dunklen flinken Augen verrieten seinen wachen Geist. Er besuchte die achtklassige Volksschule in Heisfelde mit gutem Erfolg. Ein ansehnliches Zeugnis war Lohn der Mühe. Eigentlich war sein Leben vorbestimmt. Da sein älterer Bruder sich freiwillig zum Militär gemeldet und es mittlerweile zum Unteroffizier gebracht hatte, sollte er eines Tages die bescheidene Landwirtschaft seiner Eltern übernehmen. Er würde seine Geschwister abfinden müssen und mehr schlecht als recht durchs Leben gehen. Alles – nur das nicht! In ihm rumorte es. Wie konnte er dem entkommen? Diese Frage ließ sich kaum beantworten. Der Besuch des Realgymnasiums und gar einer anschließenden Hochschule war für ihn undenkbar, obwohl der Dorfschullehrer meinte, er hätte den Kopf dafür. Wer sollte das bezahlen? Selbst eine Lehre würde vermutlich schon am Lehrgeld scheitern. In seiner Verzweiflung ging Cornelius zum Pastor des Ortes und schilderte ihm sein Problem. Der gute Mann wiegte den Kopf schwer hin und her. Schließlich riet er ihm, trotzdem einen Lehrherren zu suchen und – dieser Rat konnte nur von einem Geistlichen kommen – auf Gott zu vertrauen.

Cornelius war fast genau so klug wie vorher. Da ihm jedoch auch nichts Besseres einfiel, befolgte er diesen Ratschlag. Sein erster Weg führte ihn zum Bäckermeister. Dieser hätte ihn sogar genommen – das Thema Lehrgeld wurde nicht angesprochen –, aber der Bäcker hatte bereits einen Lehrjungen eingestellt. Der Meister gab ihm den Rat, es einmal bei den Mühlenbetrieben in der Umgebung zu versuchen. Cornelius bedankte sich artig und wandte sich zum Gehen. Da fiel der Satz, der sein ganzes weiteres Leben bestimmen sollte.

»Cornelius!«, rief der Bäckermeister ihm nach. »Mir fällt da noch etwas ein. Im Ammerland gibt es einen ganz ungewöhnlichen Müller …«

Die nachfolgende Schilderung ließ die Augen des Jungen immer größer werden.

»So etwas gibt es?«

»So wahr ich hier stehe!«, bekräftigte der Bäcker. »Wenn du bei dem antreten und bestehen solltest, kannst du dich gegen dein weiteres Glück im Leben gar nicht mehr wehren!«

Cornelius konnte an nichts anderes mehr denken. Abends erzählte er seinen Eltern davon.

»Warum sollte dieser Müllermeister ausgerechnet dich nehmen?«, wandte der Vater ein. »Der wird sich vor Lehrjungen gar nicht retten können! Außerdem, wie sollen wir das Lehrgeld bezahlen?«

»Bitte, Vater, lass es mich versuchen. So kann es nicht weitergehen. Wir arbeiten uns krumm und kommen auf keinen grünen Zweig!«

»Das hier ist also unserem Herrn Sohn nicht gut genug?«

»Nein!«

Es gelang schließlich der Mutter, die sonst höchst selten widersprach, ihren Mann zwar nicht zu überzeugen, aber zumindest zu überreden.

»Cornelius! Schreib dem Müller einen Brief in deiner schönsten Handschrift und bitte ihn, dass du dich vorstellen darfst!«

»Mutter, mit solchen Briefen kann sich der Mann bestimmt seine Wohnstube tapezieren! Nein, ich fahre dorthin und überzeuge ihn, sodass er gar nicht anders kann, als mich zu nehmen!«

»Und wenn es schiefgeht?«

»Dann habe ich es wenigstens versucht!«

Die Mutter steckte ihm das Fahrtgeld für die Eisenbahn zu. Wenige Tage später lief Cornelius zum Bahnhof in Leer, löste ein Billett dritter Klasse mit Rückfahrt nach Ocholt, um von dort aus wiederum nach Torsholt zu laufen.

Gerhard Hisje1, so hieß der gute Müllermeister, hatte einen Ruf weit über die heimischen Gefilde hinaus, denn er ging nicht nur mit der Zeit, er war ihr deutlich voraus. Er war nicht nur Windmüller. Da es nicht immer Getreide zu mahlen gab, hatte er sich beizeiten ein zweites Standbein aufgebaut, eine Holzsägerei. Das war zwar schön und gut, nur spielte der Wind nicht immer mit. Zu oft hatte er genügend Arbeit, aber die launische Energiequelle versagte. Als Ausweg schaffte er eine Dampfmaschine an. Doch die hätte auch arbeiten können, wenn es nichts zu mahlen oder zu sägen gab. Im Jahre 1906 kam der große Sprung. Gerhard Hisje investierte in einen Generator, der zweihundertzwanzig Volt Gleichstrom lieferte, freilich nicht, ohne sich vorher entsprechender Abnehmer versichert zu haben. Auf diese Weise kam das kleine Dorf Torsholt im Ammerland zum eigenen Energieversorgungsnetz, vier Jahre nach der Reichshauptstadt Berlin. Eines sei weit vorweggenommen – dieses Netz war unglaubliche fünfzig Jahre in Betrieb, bis es von der Oldenburger Energieversorgung Weser-Ems übernommen und auf Wechselstrom umgestellt wurde. Nebenbei erwähnt – Meister Hisje beschäftigte auf diese Weise ein halbes Dutzend Gesellen.

Aber noch befand man sich im Jahre 1912.

Der Müller staunte nicht schlecht, als Cornelius so einfach bei ihm aufkreuzte. Da ihm der Schneid des Jungen imponierte, hörte er ihn wenigstens an. Auf das Zeugnis gab er nicht viel, sondern unterhielt sich während der Arbeit mit ihm. Nicht nur die gescheiten Antworten des Jungen, sondern auch der Umstand, dass dieser unterdessen ebenfalls kräftig mit anpackte, bewogen ihn, außer der Reihe noch einen zweiten Lehrjungen aufzunehmen.

Cornelius war selig. Er sang auf dem Rückweg nach Ocholt, er sang in der Eisenbahn, er sang auf dem Weg zum Elternhaus. Die Leute schauten ihn komisch an und er hätte die ganze Welt umarmen können. Der Vater war weniger frohgestimmt, schließlich verlor er einen guten Arbeiter. Andererseits konnte und wollte er dem Lebensglück seines Sohnes nicht im Wege stehen.

Eine Woche später stand Cornelius wieder vor dem Müllermeister.

»So, da bin ich!«, verkündete er.

»Das seh ich!«, antwortete Gerhard Hisje trocken. »Du kannst es wohl gar nicht abwarten. Der Monatserste war doch ausgemacht!«

»Nee, ran an die Arbeit!«, gab Cornelius kurz und bündig zurück.

Der Müllermeister wusste zunächst nicht recht, welch einen Vogel er sich da eingefangen hatte. War das ein Windbeutel, dem bald die Luft ausging? Oder würde er durchhalten? Der Junge arbeitete von früh bis spät, manchmal mit einer gewissen Hast und wirkte oft bedrückt. Gerhard Hisje nahm ihn nach einiger Zeit beiseite. »Sag, Cornelius, dir liegt doch etwas auf der Seele?«

Der Junge zuckte regelrecht zusammen und nickte schließlich. »Ich kann das Lehrgeld nicht bezahlen. Meine Eltern sind zu arm.«

»So, und das sagst du mir jetzt?«, antwortete der Müller recht bedächtig.

»Bitte, Meister! Schickt mich nicht weg! Das ist meine einzige Möglichkeit, einmal zu einem besseren Leben zu kommen! Ich werde bis zum Umfallen arbeiten!«

»Das geht schon gar nicht!«

Cornelius schaute ihn entsetzt an. Gerhard Hisje bemerkte die erschrockene Reaktion des Jungen.

»Nee, so meine ich das nicht. Ich mach dir einen Vorschlag. Du nimmst mal ’n büschen Fahrt aus deiner Arbeit, arbeitest mit Bedacht und Sorgfalt und alles Weitere wird sich finden!«

Cornelius schaute ihn nur fragend an.

Der Meister merkte, dass er den Jungen auf einen anderen Kurs bringen und ihm die Sorgen nehmen musste. »Setz dich mal hin!« Er deutete auf einen niedrigen Bretterstapel und nahm ihm gegenüber Platz. »Du musst ’n büschen ruhiger werden. Denk vorher zweimal nach und mach mit Bedacht voran. Da schaffst du genauso viel, sollst mal sehn. Sonst fällst du mir wirklich noch um. Und davon hab ich auch nichts!«

Cornelius sah den Meister überrascht an, lächelte und nickte. Gleich darauf wurde er wieder ernst. »Aber das Lehrgeld, Kost und Logis?«

»Ach, Junge. Das ist ganz einfach! Solange du mich weniger kostest, als du einbringst, passt das schon!«

Cornelius’ Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

»Du Dösbaddel!« Gerhard Hisje lachte. »Bist doch sonst nicht so schwer von Begriff! Du machst wieder ein fröhliches Gesicht, arbeitest ordentlich und in Ruhe – und ich verlange kein Lehrgeld!«

»Meister!« Der Junge schrie es fast, überglücklich.

»Unter einer Bedingung. Davon erzählst du niemandem etwas. Und wenn deine Eltern fragen sollten, sagst du ihnen einfach, es sei alles geregelt. Und nun ran an die Arbeit! Wir haben schon viel zu lange geredet!«

Cornelius lernte dadurch nicht nur, ruhiger zu arbeiten, sondern noch etwas anderes. Der Pastor hatte es Gottvertrauen genannt.

Bald begann der große Krieg und die Jüngeren unter den Gesellen mussten einer nach dem anderen ins Feld ziehen, wie man damals sagte. Cornelius Holtkamp lernte drei Jahre und machte seine Prüfung als Müllergeselle. Die Kenntnisse in diesem Handwerk hatte er mehr nebenbei erworben, denn sein ganzes Interesse galt der modernen Elektrotechnik. Eigentlich hätte er 1916 ebenfalls zum Militär einrücken müssen. Da jedoch sein älterer Bruder bereits bei einer in Hage stationierten Luftschifferabteilung diente, blieb Cornelius davon verschont. Er arbeitete weitere Jahre bei seinem Lehrmeister, bevor er in einigen der zahlreicher werdenden Elektrounternehmen zusätzliche Erfahrungen sammelte. Eine Gesellenprüfung im Bereich dieser neuen Technik legte Cornelius jedoch niemals ab.

Im Jahre 1934 stand in Leer ein kleiner ehemaliger Bäckereibetrieb zum Verkauf. Da die Ersparnisse bei Weitem nicht reichten, ging er zur Bank, um eine Hypothek aufzunehmen. Als man dort zögerte und nach Sicherheiten fragte, legte Cornelius seine Zeugnisse auf den Tisch. Oben drauf das Arbeitszeugnis von Gerhard Hisje.

Der Bankmitarbeiter machte große Augen: »Sie haben bei diesem sagenhaften Elektromüller gelernt? Ja, das ist natürlich etwas anderes! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«

Wenige Wochen später eröffnete Cornelius Holtkamp sein Elektro- und Installationsgeschäft in der ehemaligen Bäckerei, die er zuvor weitgehend eigenhändig umgebaut hatte.

Eine Hürde hatte er allerdings noch nehmen müssen. Bedingung für die Eröffnung seines Unternehmens war die Mitgliedschaft in der NSDAP. Cornelius, der sich nie einen Deut um die Politik geschert hatte, wurde Parteimitglied.

Jahre später sollte er damit ein Problem recht eigener, oder besser gesagt, sehr eigenwilliger Art haben.

1 Gesprochen: Hische.

2 – Fräulein Marlene Degenhardt

Geboren wurde Marlene als einziges Kind des Studienrates Paul Degenhardt und seiner Frau Helene in einem Vorort Hannovers im Jahre 1913. Über ihre Kindheit und frühe Jugend gibt es nichts Besonderes zu berichten. Dies änderte sich jedoch schlagartig in ihrem sechzehnten Lebensjahr. Sie lernte einen jungen Mann kennen. Man kam sich näher, die Eltern ahnten nichts davon. Die Natur nahm ihren Lauf und Marlene wurde schwanger. Als sich die verstörte junge Dame ihrer Mutter anvertraute, war sie schon im vierten Monat. Normalerweise hätte man sich arrangieren können, ohne dass es zu einem gesellschaftlichen Skandal gekommen wäre. Hier lagen die Dinge jedoch ein wenig anders. Ein vertrauliches Gespräch zwischen Paul Degenhardt und dem Vater des möglichen Schwiegersohnes in spe ergab zweierlei. Zum Ersten war der junge Mann nur zwei Jahre älter als Marlene, konnte ihr also noch keine gesicherte Zukunft bieten, zum Zweiten hatte schon dessen Nachname offenbart, dass dieser mosaischen Glaubens war. Ein Jude als Schwiegersohn war für die Degenhardts ebenso wenig vorstellbar wie für die Familie Salomon die Eheschließung ihres Sohnes mit einer Gojah, einer Nichtjüdin.

Nun war guter Rat, besser gesagt ein Ausweg, im wahrsten Sinne des Wortes teuer. Bei einem kurz darauf stattfindenden Gespräch der Elternpaare – die beiden jungen Leute durften nicht daran teilnehmen – stand für einen Moment der Gedanke an den Gang zur Engelmacherin im Raum. Für einen sehr kurzen Moment, denn er wurde im nächsten Augenblick von beiden Frauen entrüstet verworfen. Von den Männern wollte später keiner dieses Wort in den Mund genommen haben.

Vater Salomon präsentierte daraufhin eine Lösung, die er sich schon zuvor sorgfältig überlegt zu haben schien. Da er zusagte, die finanzielle Seite dieses Planes zu übernehmen, ließ sich dieser flugs in die Tat umsetzen. Den Salomons fiel das nicht schwer, besaßen sie doch zwei große florierende Fertigungsateliers für feinste Damen- und Herrenkleidung.

Marlene verließ das Lyzeum nach Beendigung der Untersekunda und blieb in den folgenden Monaten daheim. Ein Vierteljahr später reiste sie zusammen mit ihrer Mutter in die Tschechei, ins schöne Marienbad. Ein verschwiegenes Privatsanatorium wurde für die nächsten beiden Monate ihr Zuhause. Dort brachte Marlene, mittlerweile siebzehn Jahre alt, ein kleines Mädchen zur Welt.

Nun kam der eigentliche und entscheidende Punkt. Vater Salomon, dem nichts Menschliches im Leben fremd zu sein schien, hatte beizeiten die entsprechenden Stellhebel betätigt. Der Inhaber des Privatsanatoriums, ein angesehener Mediziner, kannte natürlich die Honoratioren der Stadt, deren Verbindungen unter anderem in das zuständige Standesamt reichten.

Drei Wochen später verließen Helene Degenhardt, zu diesem Zeitpunkt siebenunddreißig Jahre jung, ihre Tochter Marlene und deren gerade geborenes Schwesterchen Karin die Stadt Marienbad. Wer es in der Heimat nicht glauben wollte, durfte die vom Marienbader Standesamt ausgestellte Geburtsurkunde in Augenschein nehmen, die von den deutschen Behörden pro­blemlos anerkannt wurde. Zufrieden waren alle, auch die beteiligten tschechischen Beamten. Vater Salomon war ein vorausschauender Mann und schrieb ein zweites Kapitel dieser eigenartigen Geschichte.

Wenig später wurde Paul Degenhardt aufgrund seiner hervorragenden pädagogischen Fähigkeiten außer der Reihe zum Oberstudienrat befördert. Die entsprechende Stelle befand sich allerdings am Ubbo-Emmius-Gymnasium in Leer in Ostfriesland. Marlene Degenhardt und David Salomon sollten sich nicht wiedersehen, so lautete der Plan.

Drittes und letztes Kapitel der seltsamen Geschichte war die Versorgung von Marlene Degenhardt. Vater Salomon kaufte in Leer ein Haus auf ihren Namen. Dieses kleine Gebäude war vor wenigen Jahren erbaut worden, dem neuesten Stil entsprechend mit einem quadratischen Grundriss, zweistöckig und mit einem Dach in Form einer flachwinkligen Pyramide. Unten zogen die Eltern und die kleine Karin ein, oben wohnte Fräulein Marlene. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass sie in den folgenden Jahren den Beruf der Buchhalterin erlernte.

Und hier endet die merkwürdige Geschichte, denn man schrieb mittlerweile das Jahr 1932.

Wie schon erwähnt, war Vater Salomon ein sehr kluger und weitsichtiger Mann. Viele seiner Glaubensbrüder konnten sich nicht vorstellen, welches Schicksal wenige Jahre später über sie hereinbrechen sollte, Vater Salomon schon. Mit dem Kauf des Hauses für Marlene hatte er sein letztes Geld ausgegeben. Die Fertigungsateliers waren bereits verkauft, der Erlös in die USA transferiert und im Herbst des letzten Jahres der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Deutschland verließ die gesamte Familie Salomon ihre Heimat.

Marlene arbeitete für einige Zeit in einem größeren Leeraner Industrieunternehmen. Als ihr jedoch der Hauptbuchhalter in sehr unangenehmer Weise zu nahe kam, ergriff sie die Flucht. Sie kam auf die Idee, kleineren Firmen, oftmals Familienbetrieben, die sich keine eigene Buchhalterin leisten konnten, ihre Tätigkeit tageweise anzubieten. Zunächst waren ihre potenziellen Kunden wenig erbaut, befürchteten sie doch das Entstehen gewisser Interessenskonflikte. Dieses Problem löste Marlene auf einfache Art. Sie arbeitete niemals für zwei Firmen in derselben Branche gleichzeitig, legte außerdem die Namen ihrer Auftraggeber jeweils offen und hielt sich strikt an ihre selbst auferlegte Schweigepflicht. Mögliche Probleme brauchte daher keiner zu fürchten, da sie auf diese Weise gar nicht erst entstanden.

Im Übrigen mochte Marlene, diese aparte Erscheinung mit ihren feinen Gesichtszügen und langen dunkelbraunen Haaren, mit Männern nichts mehr zu tun haben. Sie kleidete sich fortan sehr unvorteilhaft und band ihre Haarpracht zu einem strengen Dutt. Zeit ihres Lebens bestand sie darauf, als Fräulein angesprochen zu werden.

Marlene Degenhardt wird in dieser Erzählung noch bei zwei eigenwilligen, den jeweiligen Zeitgeist geradezu karikierenden Ereignissen eine Rolle spielen.

3 – Wotans Mickymaus

Im November 1928 erschien der erste Micky-Maus-Film unter dem Titel »Steamboat Willie« in den US-Kinos. Im Jahre 1930 kam der Streifen über den Atlantik und wurde auch in Deutschland schnell populär. Hier entwickelte sich eine besondere Version der Trickfilmfigur, die im folgenden Kapitel eine Rolle spielen wird.

*

Rheidersum, Mittwoch, 15. Mai 1935

Die mechanische Türglocke läutete Sturm, unterbrochen nur von einem Hämmern gegen die Haustür, gefolgt von verzweifelten Rufen, und das morgens um halb sechs. Ilse Feenders lief zur Tür, öffnete sie und wurde fast umgerannt. Marga Strodt­hoff, ihre Schwägerin, stürzte in den Flur, zitternd am ganzen Körper, weinend, völlig aufgelöst.

»Marga, was ist mit dir, was ist passiert?«

»Sie haben ihn abgeholt. Wo ist mein Bruder? Er muss helfen!«, stieß sie hervor.

»Helfried ist noch im Stall beim Melken. Und wer hat wen abgeholt?«

»Theo haben sie gerade geholt! Die Gestapo!«

»Warum? Moment eben!« Mit lauter Stimme rief Ilse Feenders: »Lilli, hol Papa aus dem Stall. Es ist etwas passiert. Er soll schnell kommen!«

Elisabeth, die fünfzehnjährige Tochter, hastete die Treppe herunter, lief durch den langen Flur, riss die Tür auf und verschwand in der Diele, die in den angrenzenden Stall führte.

Keine Minute später stand Helfried Feenders vor seiner von Weinkrämpfen geschüttelten Schwester: »Marga, nun komm. Wir gehn jetzt in die Stube, da vertellst du uns alles!« Er schob sie zum Sofa, drückte sie auf die Polster und setzte sich neben sie: »Was ist passiert?«

Marga antwortete schluchzend und stoßweise: »Die – Gestapo – hat – Theo – abgeholt!«

»Warum? Haben sie etwas gesagt?«

»Nee, das würde er schon auf der Dienststelle erfahren!«

Ilse Feenders drückte ihrer Schwägerin ein Glas Korn in die Hand: »Trink das, damit du wieder beikommst!«

Helfried ergriff das Glas und führte es seiner Schwester zum Mund.

»Bah, Schnaps am frühen Morgen!«

»Wenn die Gestapo kommt, reicht ’ne ganze Buddel nicht!«, entgegnete Helfried. »Mal ehrlich, hat Theo vielleicht den Schnabel wieder zu weit aufgemacht?«

»Du meinst …?«

»Ich weiß es nicht, ist nur so ’ne Vermutung. Was er von den Braunen hält, hat er ja oft genug gesagt.«

»Was machen wir denn nun? Ich muss doch wissen, was mit ihm ist!«

»Bei der Gestapo nachfragen? Das macht keiner, Marga! Und die Schupos wissen meist nicht, was die Ledermäntel treiben.«

»Aber ich muss doch …«

»Ganz ruhig, Marga. Lass mich eben ’n Moment überlegen … Erinnerst du dich noch an den alten Kriminalrat Tammen aus Leer?«

»Das war doch der, der Berend die Mane als den Mörder der kleinen Gesa Hellmann überführt hat!«

»Genau der!«

»Tammen ist aber nicht mehr im Dienst.«

»Egal, wenn hier einer helfen kann, dann er! Und dass er nicht mehr im Dienst ist, kann sogar von Vorteil sein. Denn unserem Dorfpolizisten möchte ich mit der Bitte nicht kommen. Aber der weiß vielleicht, wo Tammen wohnt.«

Kriminalrat Tammen war in seiner Dienstzeit eine Kapazität auf seinem Gebiet gewesen, in den Kreisen seiner Kundschaft geachtet und gefürchtet zugleich. Bekannt wurde er durch seine rasche Ermittlungsarbeit und sein Verhalten in dem bereits erwähnten Mordfall, der sich im Frühjahr 1930 nahe dem sonst so friedlichen Ort Rheidersum zugetragen hatte. Die zehnjährige Gesa Hellmann, Tochter des Dorfschullehrers, war abends nicht nach Hause gekommen. Ein eilig zusammengetrommelter Suchtrupp fand kurz darauf ihre entsetzlich zugerichtete Leiche an einem Weg nahe der Bahnstrecke zwischen Leer und Emden. Das Kind war missbraucht und mit einem großen harten Gegenstand erschlagen worden. Recht bald geriet der jugendliche Berend de Buhr ins Visier des Kriminalrats. Berend war von Geburt an schwachsinnig, galt aber als harmlos. Seinen Beinamen »die Mane« hatte der Junge erworben, als er eines Abends auf die untergehende Sonne deutete und sagte: »Dat is die Mane!«, was so viel heißen sollte wie: »Das ist der Mond!«

Lehrer Hellmann hatte sich sehr um den Jungen bemüht, letztlich aber keinen Erfolg gehabt. Selbst einfachste Rechenaufgaben, mit Knöpfen dargestellt, konnte der Junge nicht verstehen. Er starrte nur fasziniert auf die Knöpfe und stotterte: »Dat is ja ’n heel anner Knoob!«2

Danach gab der Lehrer auf. Entgangen war ihm jedoch, dass der in die Pubertät gekommene Berend ein gewisses ungutes Interesse an seiner Tochter, der kleinen Gesa, entwickelte. Dies endete schließlich in der Katastrophe.

Tammen, der im Umfeld der Lehrersfamilie genauestens recherchierte, stieß auf Berend de Buhr. Er fand sich in die eigenartige Sprache des Jungen, der ihm schließlich den ganzen Hergang erzählte, inklusive des Wissens, das nur der Täter haben konnte. Den Stein, mit dem Gesa erschlagen worden war, fand man unter seinem Bett.

Als Berend de Buhr von Polizeibeamten abgeführt werden sollte, stürzte der Lehrer Hellmann, mit einer Axt bewaffnet, wie von Sinnen auf den Mörder seiner Tochter los. Kriminalrat Tammen trat ihm in den Weg, hob nur die Hände ein wenig und sagte ruhig: »Das wirst du nicht tun, Hellmann. Und auf mich gehst du ja schon gar nicht los.«

Die beiden Schupos, die bereits ihre Pistolen gezogen hatten, brauchten nicht mehr einzugreifen. Tammen nahm dem Lehrer, der wie erstarrt stehen geblieben war, die Axt aus den Händen. Hellmann brach weinend zusammen. Vom Kriminalrat mühsam wieder aufgerichtet, wurde er zum Haus des Pastors gebracht, der sich weiter um ihn kümmerte.

Kriminalrat Otto Tammen hatte noch eine andere Seite, die wenig später zutage trat. Mit den braunen Flegeln, wie er sie gelegentlich zu nennen pflegte, konnte er rein gar nichts anfangen. Vor der Machtergreifung hatte er einige SA-Leute nach einer Schlägerei, die mit einem toten Kommunisten endete, vorläufig festnehmen lassen. Die neuen Herren im Lande wollten ihn loswerden und hatten ihn kurzerhand vom Dienst suspendiert. Da der verdiente Kriminalrat aber einflussreiche Fürsprecher besaß, hatte man ihn schließlich mit voller Pension anderthalb Jahre eher in den Ruhestand geschickt.

Und dieser Mann sollte nun nach dem Verbleib von Theodor Strodthoff, dem Saatguthändler aus Rheidersum, forschen.

Der Dorfpolizist wunderte sich zwar ein wenig über Helfried Feenders’ Ansinnen, stellte aber keine weiteren Fragen und nannte ihm die Adresse des alten Kriminalrates.

»Was wünschen Sie?« Eine ältere Frau hatte Helfried Feenders die Tür geöffnet. Misstrauisch schaute sie ihn an.

»Frau Tammen? Moin, Feenders ist mein Name, aus Rheidersum. Könnt ich wohl Ihren Mann sprechen?«

»Worum geht es denn?«

»Das möcht ich ihm lieber selber sagen. Ist eine ziemlich vertrackte Geschichte. Vielleicht weiß Ihr Mann einen Rat.«

Die Verzweiflung musste Helfried Feenders im Gesicht gestanden haben, denn die Frau antwortete nach kurzem Zögern: »Na, denn kumm Se man rin. Hoffentlich bring’ Se kien’ Ärger mit!«

Der alte Kriminalrat saß in der Küche und sah von der Zeitung auf, als seine Frau mit dem Besucher hereinkam. Er stand auf. »Moin, Herr Feenders!« Tammen freute sich über das verblüffte Gesicht. »Wir hatten im Mordfall Hellmann kurz miteinander gesprochen!«

»Dass Sie sich noch an mich erinnern?«

»Ich bin zwar ’n büschen älter geworden und außer Dienst, aber hier oben funktioniert noch alles!« Er tippte sich leicht an den Kopf. »Schreckliche Sache damals mit der kleinen Gesa. Aber deshalb sind Sie bestimmt nicht hier!«

»Nee, da haben Sie recht! Könnte ich eben mit Ihnen allein sprechen? Nichts für ungut, Frau Tammen, aber das ist, wie ich eben schon sagte, eine sehr vertrackte Sache.«

Henrike Tammen nickte nur vielsagend und verließ die Küche. Helfried Feenders schloss die Tür leise und vorsichtig hinter ihr.

»Na, nun nehm’ Se man erst mal Platz. Tass’ Tee?«, fragte Otto Tammen.

»Danke, gern. Das ist so, Herr Kriminalrat …« Helfried Feenders erzählte die Sache mit der Verhaftung seines Schwagers und stellte die Frage, was wohl aus ihm geworden sei.

»Gestapo, sagten Sie?« Tammen atmete hörbar ein und schwieg eine Weile. »Mit denen habe ich rein gar nichts zu tun, möchte ich auch nicht! Aber ich werde versuchen, Ihnen zu helfen – unter einer, nein, zwei Bedingungen!« Er sah den Besucher prüfend an.

Der nickte nur wortlos.

»Wenn ich etwas herausgefunden habe, melde ich mich bei Ihnen. Sie warten und rühren sich nicht in der Sache, auch wenn es ein paar Tage dauert. Und die zweite Bedingung: völliges Stillschweigen!«

»Natürlich, Herr Kriminalrat!« Helfried Feenders wirkte erleichtert. »Danke, dass Sie uns helfen wollen. Meine Schwägerin ist schon völlig durch ’n Wind!«

»Ich werde tun, was ich kann. Also, Ohren steifhalten!« Mit diesen Worten verabschiedete Otto Tammen seinen Besucher.

Eine Woche war vergangen und in den Familien Strodthoff und Feenders wurde man immer nervöser.

»Helfried, meinst du, dass Tammen etwas unternimmt?«, fragte seine Schwester.

»Ja, Marga, in den Mann habe ich absolutes Vertrauen! Der wird schon kommen!«

Er kam und seine Botschaft war kurz und knapp: »Also, er lebt. Das ist die Hauptsache! Man hat ihn ins Konzentrationslager Börgermoor gebracht, zur Umerziehung!«

»Umerziehung?«

»Ja, Frau Strodthoff! Ihr Mann muss sich schon des Öfteren sehr negativ über die neuen Herren geäußert haben. Die Gestapo hatte ihn bereits einmal vorgeladen und verwarnt. Aber das hat ihn wohl nicht beeindruckt. Daher jetzt die Verhaftung.«

»Was bedeutet das? Kommt er irgendwann wieder frei?«

»Wenn er sich entsprechend führt, denke ich mal, haben Sie ihn in sechs Wochen wieder!«

»Und woher wissen Sie das – ich meine, dass er lebt und dass es ihm gut geht!«

»Von gut gehen habe ich nichts gesagt. Die Häftlinge müssen im Moor arbeiten bis zur Erschöpfung. Aber er lebt, so viel weiß ich. Und die Frage, woher ich das weiß, werde ich Ihnen nicht beantworten. Haben Sie einfach Geduld!«

»Vielen Dank, Herr Kriminalrat!«

»Noch etwas – es ist doch allgemein bekannt, dass unsere neuen Herren ihre Gegner in Arbeitslager stecken. Verharmlosend werden sie auch Konzertlager genannt.«

»Gegner! Wie sich das anhört! Er hat nur seine Meinung über das braune …«

»Sehen Sie, das kann schon zu viel sein!« Otto Tammen hatte warnend die Hand erhoben. »Sie sollten vorsichtiger sein!«

*

Kriminalrat a. D. Otto Tammen hatte mit seiner Vermutung richtiggelegen. Anfang Juli tauchte Theodor Strodthoff wieder zu Hause auf.

Elisabeth Feenders erschrak, als sie ihren Onkel Theo zum ersten Mal wiedersah. Diese graue Gestalt, dieser Mensch, der gar nichts mehr von dem ausstrahlte, das ihn vorher ausgemacht hatte, das sollte ihr Onkel sein? »Onkel Theo?« Lilli stand in der Wohnzimmertür. »Geht es dir einigermaßen?«

»Ooch, mien Deern, danke, recht gut!«

»Darf ich dich mal was fragen?«

»Wenn es wegen meiner Haft ist, nein! Deinen Eltern habe ich schon gesagt, was ich sagen darf. Jeden Tag zig Stunden Arbeit im Moor bis zum Umfallen und häufige Misshandlungen!«

»Das haben sie mir erzählt. Furchtbar, das sind keine Menschen, die so etwas machen. Ich weiß, dass du nichts weiter erzählen darfst. Sonst holen sie dich wieder und du kommst nicht zurück!«

»Dann ist doch alles klar!«

»Das ist es ja gerade, nichts ist klar! Warum machen die das? Das hat es doch früher nicht gegeben!«

»Wie sagt unser werter Führer? Wir leben in einer großen Zeit! Und da scheint alles erlaubt zu sein, was die Herrschaften sich herausnehmen.«

»Ja, aber der Führer tut auch viel Gutes. Dein Bruder hat eine gute Arbeitsstelle gefunden und dein Geschäft läuft wieder!«

»Kind, das ist alles richtig, aber …«

»Oh, Onkel Theo! Nenn mich doch nicht immer Kind!«

»Verzeihung, Lilli, du bist ja schon eine richtige junge Dame«, antwortete Theodor Strodthoff mit einem leichten Lächeln. »Das hätte ich bald vergessen! Setz dich mal hin. Ich will versuchen, dir das zu erklären, so gut ich kann.«

Die beiden nahmen am Wohnzimmertisch Platz.

»Sieh mal, nach dem verlorenen Krieg, an dem die damalige deutsche Regierung und der Kaiser einen großen Teil der Schuld trugen, haben die Sieger im Vertrag von Versailles …«

»Das ist ein Schandvertrag, sagt unsere BDM-Führerin. Ein richtiges Diktat wird er genannt!«

»Ja, aber weißt du, dass dieser Vertrag ein deutsches Vorbild hatte?«

»Wieso?«

»Als 1917 die Bolschewiken mit ihrer Oktoberrevolution in Russland Erfolg hatten – übrigens mit deutscher Hilfe –, war im Osten der Krieg zu Ende. Die Russen bekamen von Deutschland den Vertrag von Brest-Litowsk aufgezwungen und der war knapp zwei Jahre später in großen Teilen die Vorlage in Versailles!«

»Das wusste ich zwar nicht, aber was hat das mit den Nationalsozialisten zu tun?«

»Das will ich dir ja gerade erklären, soweit das kurz gefasst möglich ist!«

Lilli rutschte unruhig auf dem Sofa herum, das konnte dauern, wie sie ihren Onkel kannte. Außerdem passte ihr das so gar nicht in den Kram, wenn sie an die vielen schönen Erlebnisse beim BDM dachte, dem »Bund deutscher Mädel«. Irgendetwas stimmte da nicht!

»Die Sieger wollten Deutschland wirtschaftlich nicht wieder hochkommen lassen«, sprach Theodor Strodthoff weiter. »Sie wollten ein für alle Mal verhindern, dass sich so etwas wiederholte. Dass sie selber erheblich zum Ausbruch des Weltkriegs beigetragen hatten, interessierte dabei nicht. Deutschland lebte weit über zehn Jahre in mehr oder weniger großer Not und die gemäßigten Politiker fanden keine Lösung. Einer der wenigen, der etwas bei den Siegern erreichte, Gustav Stresemann, starb leider zu früh. 1929 kam, ausgehend von Amerika, die große Weltwirtschaftskrise …«

»Wir hätten bald unseren Hof verloren …«, unterbrach Lilli ihn.

»… und ich stand kurz vor der Pleite!«, ergänzte Strodthoff ihren Satz. »So ging es vielen Leuten! Die Radikalen in Deutschland lieferten sich Straßenschlachten und es gab jede Menge Mord und Totschlag!«

»Und dann kam der Führer und es war Ruhe!«

»Das ist zwar richtig, aber du übersiehst dabei, dass er und seine SA-Schläger die eine Seite der Radikalen waren und es heute noch sind!«

»Hauptsache, Ruhe. Sagt mein Papa!«

»Eben, und so denken die meisten Leute. Außerdem hat niemals eine Mehrheit des Volkes die Braunen gewählt, selbst in der letzten Wahl am 5. März ’33 nicht, bei der noch mehrere Parteien zugelassen waren. Erst durch eine Koalition mit der schwarz-weiß-roten Kampffront unter der Führung der Deutschnationalen hatten die Braunen die parlamentarische Mehrheit. Und um welchen Preis haben wir jetzt diese trügerische Ruhe?«

Oh je, jetzt doziert er wieder, dachte Lilli, das kann anstrengend werden. Sie fragte: »Wie meinst du das, um welchen Preis?«

»Man darf nicht mehr sagen, was man denkt! Wenn ich früher auf Brüning und Papen geschimpft habe, machte das gar nichts. Da hätte man es schon recht toll treiben müssen. Und heute? Ein paar falsche Sprüche und man landet im Konzen­trationslager!«

»Onkel Theo?« Lilli schaute ihn an. »Was hast du denn gesagt, dass sie dich eingesperrt haben?«

»Lilli!«

»Ja, ich weiß, du darfst nicht darüber reden.«

»Eigentlich ist das Ganze lächerlich, aber wenn du das zum Beispiel unter dem Siegel der Verschwiegenheit deiner besten Freundin erzählst und die sagt es weiter, dann war es das mit mir.«

Elisabeth zuckte ratlos die Achseln.

»Was soll’s, das ganze Wirtshaus hat es ohnehin mitbekommen. Aber du hältst wirklich den Mund?«

Lilli nickte wortlos.

»Ich habe erzählt, der dicke Hermann …«

»Göring?«

»Ja! Der ist doch so eitel mit seinen vielen Orden. Die habe er sich noch einmal aus Gummi anfertigen lassen, damit er sie auch in der Badewanne tragen kann.«

Elisabeth kicherte leise.

»Und unseren hochverehrten Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels habe ich als Wotans Mickymaus bezeichnet.«

Lilli presste sich die Hand vor den Mund und prustete los: »Goebbels als Mickymaus! Das ist gut!«

»Schließlich ist mir noch der Satz rausgerutscht: ›Lieber Gott, mach mich blind, dass ich Goebbels arisch find!‹«

Lilli lachte schallend: »Ich werd nicht wieder!«

»Ja, du lachst. Und fast alle anderen auch. Aber mir hat es sechs Wochen Arbeitslager eingetragen.«

»Wegen solcher Lappalien?«

»Ja!«

»Und wer hat dich verpetzt?«

»Weiß ich nicht. Das kann jeder gewesen sein. Es haben genügend Leute gehört.«

»Und nun?«

»Und nun?«, echote Theodor. »Halte ich meinen Rand und gehe nicht mehr ins Gasthaus! Wem soll man noch trauen? Und genau das ist es, was die heutigen Herren wollen!«

»Aber warum?«

»Verstehst du denn nicht, Lilli? Je mehr Leute aus Angst den Mund halten, desto ungenierter können die Braunen schalten und walten, wie sie wollen.«

»Aber was haben sie davon?«

»Hast du das Buch unseres geliebten Führers gelesen? ›Mein Kampf‹?«

»Ooch nee, der Wälzer hat über siebenhundert Seiten! Ich hab mal reingeschaut, als unsere BDM-Führerin sagte, jedes deutsche Mädel und jeder deutsche Junge sollte die Gedanken unseres Führers kennen.«

»Da hat sie völlig recht!«

»Wieso, ich denke, du magst die Braunen nicht?«

»Man sollte trotzdem – oder gerade deshalb – wissen, was unser glorreicher Führer vorhat.«

»Und? Was hat er vor?«

»Beispielsweise will er Land im Osten gewinnen, weil wir angeblich ein Volk ohne Raum seien. Weißt du, was das in letzter Konsequenz bedeutet? Krieg, das gibt den nächsten Krieg!«

»Ach, Onkel Theo, du bist immer so schrecklich pessimistisch. Das macht der Führer bestimmt nicht. Er redet doch immer vom Frieden!«

»Und warum schreibt er in seinem Buch etwas anderes?«

Lilli schaute nur ratlos.

»Oder die Sache mit den Juden.«

»Die Juden sind unser Untergang, sagt der Führer!«

»Und warum?«

»Papa ist mal von einem jüdischen Viehhändler übers Ohr gehauen worden!«

»Und bei mir haben treudeutsche Bauern ihre Rechnungen nicht bezahlt!«

»Das war in der Weltwirtschaftskrise. Und daran ist die jüdische Hochfinanz in Amerika schuld!«, antwortete Lilli mit leichtem Triumph in der Stimme.

»Und selbst wenn es so wäre. Sollen wir deshalb nicht mehr in jüdischen Geschäften kaufen? Was hat etwa der Kaufhausbesitzer Rosenfeld damit zu tun?«

»Der Führer wird es schon wissen!«

»Der Führer, der Führer«, räsonierte Strodthoff. »Weißt du, wie er mit den Juden umgehen will? Ziemlich am Ende des Buches schreibt er, man hätte einige Tausend von ihnen unter Gas halten sollen. Das empfiehlt unser famoser Führer, auch wenn er das in seinem Buch auf das Ende des Weltkrieges bezogen hat.«

»Das kann nicht wahr sein. So wie an der Front mit Giftgas?«

»Lilli, ich kann das jetzt nicht wörtlich wiedergeben, aber sinngemäß – ja! Jeder sollte dieses Buch lesen, denn wie ich diese Herrschaften kennengelernt habe, werden sie das so oder ähnlich umsetzen. Krieg und Massenmord!«

Elisabeth schaute ihren Onkel entsetzt an und schwieg.

»Lilli, ich hätte dir das gar nicht sagen dürfen. Eine versehentliche Bemerkung von dir an der falschen Stelle und ich bin geliefert! Die schlagen mich tot!«

*

1935 begann das Fernsehzeitalter in Deutschland. Geräte in Privathaushalten gab es kaum. Dafür konnten die braven deutschen Volksgenossen das Programm des Fernsehsenders Paul Nipkow in sogenannten Fernsehstuben sehen. Im Jahre 1936 erschien – mitten im Verlauf einer Varietésendung – ein sardonisch grinsender Kerl auf der Mattscheibe und gab Folgendes zum Besten:

Um mal wieder über die Musik zu sprechen:

Ich freue mich eigentlich,

dass es heute alles so wunderbar im Takt geht, nicht wahr?

Wenn es auch hier und da immer noch so etliche Querpfeifer bei uns gibt und vielleicht auch mal solche,

die gerne mal wieder die Zentrummel rühren möchten,

sogenannte Devisenmusikanten, nicht wahr,

da machen wir wenig Federlesen.

Die kommen zu ihrer weiteren Ausbildung

in ein Konzertlager,

wo man ihnen dann so lange die Flötentöne beibringt,

bis sie sich an eine taktvolle Mitarbeit gewöhnt haben!

*

Ende Februar 1936 ratifizierte Frankreich den sowjetisch-französischen Beistandsvertrag. Adolf Hitler nahm dies zum Anlass, das bis dahin entmilitarisierte Rheinland zu besetzen. Seitens der Ententemächte gab es keine sonderlichen Proteste, obwohl es sich um einen klaren Bruch sowohl des Versailler Vertrages als auch des von Deutschland freiwillig unterschriebenen Vertrages von Locarno handelte. Frankreich und Großbritannien versäumten damit die letzte Möglichkeit, durch entschlossenes Handeln die nationalsozialistische Diktatur in die Schranken zu weisen. Zu ernsthaftem Widerstand wäre die zu diesem Zeitpunkt noch relativ schwache Wehrmacht kaum in der Lage gewesen.

2 Das ist ja ein ganz anderer Knopf!

4 – Der schreiende Punkt

Rheidersum, im Frühjahr 1936

»Lilli?« Georg Feenders, dieser kleine drahtige Kerl, hatte sich vor seiner großen Schwester aufgebaut. »Wo bist du denn gerade mit deinen Gedanken?«

»Weit weg!«, antwortete Elisabeth. »Ich habe ein Problem!«

»Und welches?«

»Dabei kannst du mir sowieso nicht helfen mit deinen acht Jahren!«

»Wenn du es mir nicht sagst, bestimmt nicht!«

»Du hast ’ne Art, einen auszufragen. Aber wenigstens bist du nicht neugierig.«

Georg grinste. »Erzähl schon!«

»Ich würde so gerne mit der NS-Frauenschaft zum Reichserntedankfest auf dem Bückeberg fahren! Alwine Oltmanns war letztes Jahr schon da und hat mir davon vorgeschwärmt.«

»Wo ist denn das? Und wann?«

»Das findet in der Nähe von Hameln statt, am 4. Oktober.«

»Da hast du ja noch ’n büschen Zeit.«

»Das schon, aber ich habe mal bei Mama vorgefühlt und die war nicht gerade begeistert! Da wird Papa bestimmt ablehnen.«

»Was bekomme ich, wenn ich dir ’nen todsicheren Tipp gebe?«

»Georg!«

»Lass hören, Schwesterherz!« Georg grinste schon wieder.

»Na gut, eine Tafel Schokolade.«

»Abgemacht! Also, du erklärst unseren Eltern, dass du unbedingt zur Olympiade nach Berlin möchtest. Die ist im August.«

»Was soll das denn? Das will ich gar nicht. Außerdem, in die Großstadt lassen sie mich garantiert nicht.«

»Bist du heute schwer von Begriff. Du sollst doch nur so tun!«

»Und wozu?«

»Na, du gehst ihnen ordentlich auf den Wecker damit. Du erklärst ihnen, dass deine Glückseligkeit davon abhinge! Und wenn sie so richtig genervt sind, sagst du schließlich, du würdest dich notfalls auch mit dem Reichserntedankfest zufriedengeben, obwohl das ja kein vollwertiger Ersatz sei. Sollst mal sehn, wie sie dir dann zustimmen.«

»Georg, du bist vielleicht ein Schlitzohr!«

Das freche Lausbubengrinsen ihres kleinen Bruders wurde noch breiter und er sagte ganz trocken: »Tja, man kann ruhig dumm sein, man muss sich nur zu helfen wissen. Denk an die Schokolade!«

Elisabeth fuhr zum Reichserntedankfest. Das Borromäus-Hospital3, in dem sie seit einiger Zeit als Lernschwester arbeitete, hatte ihr außer der Reihe und ausnahmsweise freigegeben. Am besagten Tag wanderte sie mit ihrer Nachbarin in aller Herrgottsfrühe zum Bahnhof in Leer.

Zwei Tage später, gegen Abend, kehrte sie todmüde, aber sehr vergnügt zurück.

»Und?«, fragte Georg. »Wie war’s?«

»Fantastisch!«

»Ja, nun erzähl schon!«

»Also, einen durchgehenden Zug gab es nicht. Wäre ja auch zu schön gewesen. Oldenburg, Hannover, dort haben wir schnell etwas gegessen. Endlich kamen wir in Hameln an. Dieser letzte Zug war brechend voll. Zuerst sind wir in die Innenstadt gegangen. So schöne Fachwerkhäuser hab ich überhaupt noch nicht gesehen. Einfach toll. Und alles geschmückt mit Fahnen, Girlanden und Birkenzweigen. Nun wollten wir Kaffee und Kuchen haben, aber alle Cafés waren …«

»… brechend voll!«, unterbrach Georg sie.

»Schlauberger! Schließlich fanden wir einen Platz. Wir hatten unseren Kuchen gerade mal halb auf, da kam der Kellner schon wieder und sagte zu uns, wir möchten jetzt bitte gehen, andere deutsche Volksgenossen wollten sich auch noch stärken. Wir haben dort nicht einmal eine Viertelstunde sitzen können! Egal. Wir also wieder zum Bahnhof und rein in den nächsten Sonderzug, der uns zum Festgelände brachte. Man hatte dort extra eine kleine Station gebaut. Die hatte so einen komischen Namen, Tündernscher Bahnhof. Danach mussten wir noch ein ziemliches Stück laufen, bis wir endlich zum Bückeberg kamen. Ein Fesselballon zeigte uns den Weg in dem Gewühl. Solche Menschenmassen hast du noch nicht gesehen. Dort traten Trachtengruppen und Musikkorps der SA und Wehrmacht auf. Das wollte ich einfach mal erlebt haben. Es war wundervoll!«

»Und?«, fragte Georg gespannt. »Hast du unseren Führer gesehen?«

»Den Adolf?« Lilli lachte. »Ja, den habe ich gesehen. Oder besser gesagt gehört. Das war nämlich der kleine schreiende Punkt in der Ferne!«

Alle aus der Familie hörten sich gerne Lillis Erlebnisse an. Nur Theodor Strodthoff wechselte mit seiner Nichte kein einziges Wort darüber. Ihr Onkel ging ihr in den folgenden Tagen geradezu aus dem Weg. Der überzeugte Sozialdemokrat hatte schon vor Zeiten in seinem nunmehr stummen Protest im Kontor ein Porträt von Otto Wels angebracht. Onkel Theo hatte ihr einmal vom früheren Vorsitzenden der SPD erzählt. Dieser hatte in seiner letzten freien Rede im Deutschen Reichstag gesagt, man könne ihnen Freiheit und Leben nehmen, die Ehre aber nicht. Nach dem Ausschluss der KPD aus dem Parlament hatte nur noch die SPD gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt. Es reichte nicht mehr, die Nationalsozialisten von der uneingeschränkten Macht fernzuhalten.

Elisabeth war ein wenig unglücklich über das Verhalten ihres Onkels. Sie wagte es aber nicht, ihn darauf anzusprechen. Sicher, im Umerziehungslager hatten sie ihn schrecklich gequält. Andererseits, hatte sie nun irgendetwas Schlimmes getan, weil sie zu diesem größten Fest der nationalsozialistischen Bewegung gefahren war? Sie hatte doch nur ihren Spaß haben und diese gewaltige Veranstaltung einmal selbst erleben wollen, von der ihr schon mehrfach vorgeschwärmt worden war. Und es war auch wirklich beeindruckend, so viele begeisterte Menschen, so viele schöne Darbietungen.

Nur eines hatte ihr zu denken gegeben auf dieser imposanten Kundgebung. Das war die Vorführung der Wehrmacht. Die Truppen eroberten ein Dorf, das daraufhin in Flammen aufging. Natürlich waren es Theaterkulissen, die dort zerstört wurden. Unwillkürlich hatte sie bei diesem Anblick wieder an Onkel Theos Worte denken müssen. Wie hatte er gesagt? Hitler will Land im Osten gewinnen, weil wir angeblich ein Volk ohne Raum seien. Weißt du, was das in letzter Konsequenz bedeutet? Krieg – das gibt den nächsten Krieg!

Ihrer Familie hatte sie von dieser Inszenierung militärischer Gewalt nichts erzählt. Ihr war es wie ein Menetekel erschienen.

Elisabeth fand keinen gedanklichen Schluss zu den Eindrücken dieses Festes, die sich letztlich als zwiespältig erwiesen. Ein Jahr später fuhr sie nicht mehr zum Reichserntedankfest, dem letzten, das die Nationalsozialisten am Bückeberg bei Hameln veranstalteten.

3 Späteres Marinehospital beziehungsweise Marinelazarett. Nach dem Krieg wieder in Borromäus-Hospital umbenannt.

5 – Was geschah in der Pfännergasse?

Nachdem die Nationalsozialisten im März 1933 in Deutschland endgültig die Macht übernommen hatten, setzten sie sehr bald alles daran, sich diese auch in Österreich anzueignen, dem Heimatland Hitlers. Ihre intensive Untergrundarbeit gipfelte am 25. Juli 1934 zunächst im sogenannten Juliputsch. Etwa einhundertfünfzig illegale Nationalsozialisten, getarnt als Offiziere und Soldaten des Bundesheeres, überrumpelten die Wache des Kanzleramtes in Wien. Bei dem nachfolgenden Handgemenge wurde Bundeskanzler Dollfuß von zwei Kugeln zweier Putschisten tödlich getroffen. Das österreichische Bundesheer lief keineswegs zu den Aufrührern über, sondern schlug den zeitgleich an mehreren Orten losgebrochenen Aufstand blutig nieder. Es folgten weitere Jahre der NS-Untergrundarbeit. Am 12. Februar 1938 zitierte Hitler den amtierenden Bundeskanzler Österreichs, Kurt Schuschnigg, zu sich nach Berchtesgaden. In einem zweistündigen Gespräch setzte Hitler den österreichischen Kanzler derart unter Druck, dass dieser der Berufung von Arthur Seyß-Inquart zum Innenminister und der Legalisierung der österreichischen Nationalsozialisten zustimmte. Am 9. März kündigte Schuschnigg für den 13. März überraschend eine Volksabstimmung über die weitere Unabhängigkeit Österreichs an. Diese wollte er mittels restriktiver Teilnahmevoraussetzungen zu seinen Gunsten entscheiden. Hitler setzte Schuschnigg erneut unter Druck. Unter der Drohung eines Einmarsches deutscher Truppen erklärte der österreichische Kanzler am 11. März seinen Rücktritt und benannte den bisherigen Innenminister Arthur Seyß-Inquart zu seinem Nachfolger. Der Diktator, dem seine Versprechen zu keiner Zeit etwas bedeuteten, gab in der Frühe des 12. März 1938 der 8. Armee den Befehl, Österreich zu besetzen. Die deutschen Truppen wurden allenthalben bejubelt und mit offenen Armen empfangen. Es gab keinerlei Gegenwehr. Die wenigen Gegner der Nationalsozialisten verhielten sich stumm, denn offener Widerstand wäre einem Selbstmord gleichgekommen. Als »Blumenfeldzug« ging die Besetzung Österreichs in die Geschichte ein und wurde verharmlosend als »Anschluss an das Deutsche Reich« bezeichnet.

*

Linz, Österreich, Sonntag, 13. März 1938 am Vormittag

Matthias Holiczek, der elfjährige Bub, war unterwegs zu seinem Freund, dem um ein Jahr jüngeren Stefan Holzner. Die Ereignisse des gestrigen Samstags gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Schule? Ach wo! Schon am Vormittag waren deutsche Militärfahrzeuge in Linz eingetroffen. Spähpanzer vorneweg, danach voll besetzte Mannschaftswagen und schwere Zugmaschinen mit angehängten Kanonen. Aber wie ein Krieg – den kannte er nur aus den Erzählungen seines Vaters, der mit seinen Kameraden wieder und wieder die Italiener an der Isonzo­front zurückgeschlagen hatte – war ihm das wahrlich nicht vorgekommen. Kaum standen die Fahrzeuge auf dem Hauptplatz, da waren sie schon von begeisterten Menschen umringt gewesen. Blumensträuße wurden den Soldaten überreicht, manchmal gleich in die Läufe der Gewehre und Kanonen gesteckt. Lachende deutsche Soldaten, lachende Österreicher – es ging zu wie auf dem Kirtag4. Eigentlich konnte man die Piefkes ja nicht so recht leiden, doch das spielte jetzt keine Rolle mehr.

Matthias und Stefan waren den ganzen Tag auf dem Hauptplatz geblieben und auf den Militärfahrzeugen herumgeklettert, bis ein energischer Feldwebel sie heruntergescheucht hatte: »Des is koa Spuizeug, machts, dass ihr ’nunterkummt, bevor’s an Unglück gibt!« Ein Bayer, na ja.

Der größere Teil der Kolonne hatte sich bald wieder in Bewegung gesetzt, weiter ins Landesinnere. Stefan stieß den ­Matthias auf einmal an: »Host g’hert? Der Führer kummt!«

Es war die Sensation des Tages. Blitzschnell sprach es sich herum. Aber wann er kommen sollte, das konnte keiner sagen. Nachdem beim Überschreiten der Grenze durch die ersten deutschen Truppen kein Schuss gefallen war, das österreichische Bundesheer sich nicht blicken ließ und allenthalben nur Begeisterung herrschte, hatte Hitler sich spontan entschlossen, über Braunau am Inn, seinen Geburtsort, nach Linz zu fahren, in die Stadt seiner Jugendjahre. Immer wieder wurde die Wagenkolonne von seinen jubelnden Landsleuten aufgehalten, sodass er Linz erst am Abend erreichte.

Gegen neunzehn Uhr trat Hitler auf den Balkon des Rathauses am Hauptplatz, um seine Rede zu halten, nachdem er von Arthur Seyß-Inquart und August Eigruber, dem gerade ernannten Gauleiter von Oberösterreich begrüßt worden war: »Ich danke Ihnen für Ihre Begrüßungsworte. Ich danke aber vor allem euch, die ihr hier angetreten seid und die ihr Zeugnis ablegt dafür, dass es nicht der Wunsch und der Wille einiger weniger ist, dieses große volksdeutsche Reich zu begründen, sondern dass es der Wunsch und der Wille des deutschen Volkes selbst ist …«

Immer wieder wurde Hitler durch lang anhaltenden Jubel, Applaus und das Skandieren von Beifallsrufen unterbrochen, bis seine Rede schließlich in einem geradezu religiösen Bekenntnis geendet hatte:

»… für unseres Reiches Macht, für seine Größe und für seine Herrlichkeit, jetzt und immer – Deutschland, Sieg Heil!«

Heute gab es kein anderes Thema. Der Führer weilte noch in Linz! Matthias Holiczek hatte mittlerweile die Wohnung seines Freundes erreicht: »Du, kummst mit? Hab g’hert, der Führer isst im Hotel Weinzinger zu Mittag. Da können wir ihn noch mal sehen und vielleicht sogar mit ihm sprechen!«

Außer Atem trafen die beiden Buben nach einiger Zeit vor dem Hotel ein, nachdem sie sich durch Hunderte wartender Menschen bis zum Eingang vorgedrängt hatten.

Aber dort war eine Wache aufgezogen, die niemanden hineinließ.

»Könn’ wir bittschön den Herrn Führer noch oamal sehn?«

Der Wachposten, ein bayrischer SS-Mann, wehrte sie lachend ab: »Schauts, Buben, seids vernünftig. Der Führer muss amal in Ruhe essen kenna. Außerdem hat er mit einigen wichtigen Herren etwas zu besprechen. Da könnts ihr net stören. Gehts halt hoam, eure Mütter warten b’stimmt scho!«

Wie zwei begossene Pudel schlichen die beiden nach Hause, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Zu betroffen waren die beiden. Bis – ja, bis sie die Pfännergasse erreichten. Ein Menschenauflauf, aber kein jubelnder. Schreie und Schluchzen, ein Stöhnen erklang aus der Menge. Dazwischen SS-Leute: »Hier gibt’s nichts zu sehn. Schleichts euch, gehts weiter, Leut!«

Die beiden Buben schauten sich an. Ein Unfall?

Da sahen sie es: Eine Frau lag in einer großen Blutlache. Sie rührte sich nicht mehr. Daneben eine zweite, augenscheinlich ebenfalls schwer verletzt. Sie stöhnte noch, wimmerte und bewegte sich dann ebenfalls nicht mehr. Matthias und Stefan kannten die beiden. Es waren die Frau des Buchhändlers Silberstein und ihre Schwester. Wie vor den Kopf geschlagen, standen die beiden Buben dort. Rund um sich sahen sie nur betroffene Mienen.

Wortfetzen …

»Die armen Frauen … aus dem Fenster gesprungen … aus dem Fenster geworfen … Holts oana den Sanka5!«

Matthias Holiczek blickte nach oben: An der Front des nahen Bürgerhauses stand ein Fenster offen. Die Gardinen bauschten sich im Wind. Die Frauen waren allem Anschein nach aus dem dritten Stock …

… ein SS-Mann beugte sich über die beiden reglosen Gestalten: »Ooh, Sarah, des tut ma jetzt leid. Wenn mir mit eich fertig san, brauchts koane von eich no an Sanka!«

Ein Aufschrei aus der Menge: »Ihr verdammten Schweine, was habt ihr mit den beiden gemacht?«

Der SS-Mann ging drohend auf die Leute zu: »Passts bloß auf, sonst kummts ihr nach Dachau!«

Weitere Schreie: »Ihr habt sie misshandelt … missbraucht … aus dem Fenster geworfen!«

»Ja spinnts ihr denn«, knurrte der SS-Mann erbost. »Wir werden uns doch nicht an solchen Judenv… vergreifen!«

Die SS-Leute begannen, die Menge mit Schlagstöcken auseinanderzutreiben. Auch Matthias Holiczek und sein Freund suchten ihr Heil in der Flucht. Es war nicht klar – und offiziell verlautbart wurde später schon gar nichts –, ob es sich um einen Selbstmord der beiden Frauen handelte oder ob die SS daran beteiligt gewesen war. Aber das schockierende Erlebnis und die menschenverachtenden Reaktionen der SS-Leute brannten sich den beiden Buben geradezu unauslöschlich ins Gedächtnis ein. Für sie stand fest, die hatten es getan!

Jahre später – um genau zu sein, kurz vor Ende des Krieges – sollte aus diesem Erlebnis und den Reaktionen der jungen Österreicher darauf eine Situation entstehen, in der es zumindest für den Älteren der beiden um Leben und Tod ging.

*

Am 29. September 1938 wurde zwischen Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien das Münchner Abkommen unterzeichnet. Die Tschechoslowakei musste das großenteils von Volksdeutschen bewohnte Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten. Dies wurde über die Köpfe der tschechischen Regierung hinweg beschlossen, die an den Verhandlungen nicht teilnehmen durfte. Deutsche Truppen besetzten das Gebiet am 2. Oktober 1938.

Aufgrund der dafür erforderlichen Transportkapazitäten sagte man das Reichserntedankfest kurzfristig ab. Und 1939 wurde diese größte nationalsozialistische Propagandaveranstaltung wegen des Polenfeldzuges gestrichen. Eine Wiederaufnahme der jährlichen Veranstaltung war für die Zeit nach dem Endsieg vorgesehen …

4 Kirchweih, Jahrmarkt.

5 Sanitätskraftwagen.

6 – Mord und Brand

Rheidersum, Freitag, 11. November 1938

Elisabeth starrte auf den Zeitungsartikel. Wild schossen ihr die Gedanken durch den Kopf. Vor vier Tagen hatte das Unheil seinen Anfang genommen.

Die Stimme des Sprechers im Großdeutschen Rundfunk hatte sich regelrecht überschlagen.

Herschel Feibel Grynszpan, ein polnischer Jude von siebzehn Jahren, hatte am 7. November 1938 in Paris auf den deutschen Legationsrat Ernst Eduard vom Rath geschossen. Dieser starb zwei Tage später an seinen schweren Verletzungen.

Gestern Morgen, kurz nach Melkzeit, war Onkel Theodor plötzlich im Stall aufgetaucht, absolut ungewöhnlich für diese Stunde. Helfried, ihr Vater, hatte ihn erstaunt angeschaut.

»Was machst du denn schon hier in aller Herrgottsfrühe?«

»Den Herrgott lass lieber aus dem Spiel. Der hat damit nichts zu tun. Die Synagoge in Leer brennt! Und die SA hat sie angezündet!«

»Sind die jetzt völlig übergeschnappt?«

»Und weißt du, wer dabei war?« Ohne eine Antwort abzuwarten, hatte Theo hinzugefügt: »Unser lieber Herr Bürgermeister Drescher! Der soll persönlich die Vorhänge angezündet haben!«

In der Ostfriesischen Tageszeitung, dem amtlichen Organ der NSDAP und aller Behörden Ostfrieslands im Gau Weser-Ems, war an diesem Freitagmorgen ein kurzer Bericht mit Fotos des aufgebahrten vom Rath und der Überführung der Leiche ins Deutsche Reich abgedruckt. Darunter einige wenige Zeilen voller Pathos.

Elisabeth ließ die Zeitung sinken und schaute ins Leere. Eine Hand legte sich sanft auf ihre Schulter. Sie schrak hoch: »Ach, du bist es, Onkel Theo!«

Theo Strodthoff tippte auf die Zeitungsseite: »Lies das mal vor, ich habe meine Brille nicht dabei!«

»Den Text von Goebbels?«

»Genau den!«

Elisabeth zitierte:

Aufruf Dr. Goebbels’ an die Bevölkerung

Berlin, 10. November

Reichsminister Dr. Goebbels gibt bekannt:

Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen jüdischen Meuchelmord an einem deutschen Diplomaten in Paris hat sich in der vergangenen Nacht in umfangreichem Maße Luft verschafft. In zahlreichen Städten und Orten des Reiches wurden Vergeltungsmaßnahmen gegen jüdische Gebäude und Geschäfte vorgenommen.

Es ergeht nunmehr an die gesamte Bevölkerung die strenge Aufforderung, von allen weiteren Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgültig welcher Art, sofort abzusehen. Die endgültige Antwort auf das jüdische Attentat in Paris wird auf dem Wege der Gesetzgebung bzw. der Verordnung dem Judentum erteilt werden.

Elisabeth legte die Zeitung auf den Tisch.

Theodor Strodthoff holte tief Luft: »Da soll uns weisgemacht werden, dass diese Gewalttaten spontan vom Volk ausgegangen seien. Im ganzen Deutschen Reich gleichzeitig und mit Sicherheit die SA immer vorneweg. Für wie blöd halten die uns eigentlich?«

Lilli zuckte ratlos mit den Schultern: »Wie haben die Leute reagiert? Du warst doch gestern früh da.«

»Abgesehen von den SA-Schreiern haben die Leute eigentlich nur stumm dagestanden oder sind gleich erschrocken weitergegangen. Von großer Zustimmung konnte ich nicht viel merken. Übrigens hat die SA jüdische Geschäfte zusammengehauen und die Leute herausgetrieben.«

Lilli schaute ihn entsetzt an: »Und was haben sie mit ihnen gemacht?«

»Zum Viehhof haben sie sie gejagt, später auf Lastwagen geladen und weggefahren!«

»Wohin?«

»Ich weiß es nicht. Ich hörte nur einen der SA-Männer sagen: ›Jetzt kriegt das Pack die richtige Behandlung.‹ Es waren auch alte Leute und Kinder darunter!«

Elisabeth schwieg.

»Du sagst ja gar nichts.«

»Mir fällt auch nichts mehr ein!«

Dabei fiel ihr in dem Moment doch etwas ein. Sie wusste nicht, warum es ausgerechnet diese Begebenheit vor etwa vier Jahren war. Die beiden jüdischen Viehhändler David und Salomo de Vries, die immer zusammen auf einem schweren Motorrad kamen, hatten von ihrem Vater wieder einmal mehrere Rinder gekauft. Der Abschluss des Handels war traditionell mit Handschlag besiegelt worden. Anschließend gab es zum Tee Rosinenstuten. In die Butter, die Lilli dazu auftrug, hatte sie vorher mit einem Messer ein großes Hakenkreuz gezogen.

In diesem Moment schämte sie sich entsetzlich dafür. Was mochte wohl aus David und Salomo de Vries geworden sein?

Und was war mit …?

»Onkel Theo, du erinnerst dich noch an Gesa Hellmann?«

»Ja, natürlich. Wohl niemand wird sie vergessen haben.«

»Sie war damals meine beste Freundin.«

»Ich weiß. Nach dem Mord warst du völlig verstört, verständlicherweise. Deine Mutter hat es dir zwar so schonend wie möglich beigebracht, aber das änderte ja nichts an dem schrecklichen Geschehen.« Theodor Strodthoff schaute seine Nichte an. »Es beschäftigt dich immer noch?«

»Ja, aber – ich weiß auch nicht, wie ich jetzt darauf komme – was ist eigentlich damals aus dem Täter geworden?«

»Berend de Buhr? Wegen seines schwachen Geisteszustandes wurde er von einem Professor für Psychiatrie und Rechtsmedizin untersucht. Es war übrigens derselbe, der damals das Gutachten über den Massenmörder Fritz Haarmann erstellt hat.«

»Haarmann war voll zurechnungsfähig und wurde hingerichtet – richtig?«

»Ja.«

»Und Berend?«

»War eindeutig schwachsinnig. Dieser Professor Schultze hat ihn für schuldunfähig erklärt. Das Gericht hat daraufhin Berends Einweisung in eine geschlossene Psychiatrie verfügt.«

»Das hatte ich schon vermutet.«

»Vor einiger Zeit erhielten die Eltern die Mitteilung, dass Berend verstorben sei. Auf dem Totenschein stand Lungenentzündung als Todesursache.«

»Du glaubst nicht recht daran, Onkel Theo?«

»Wäre es ein Einzelfall, hätte ich nicht unbedingt Zweifel.«

»Welchen Fall gibt es denn noch?«

»Volli Knockmol …«

»Ach du lieber Gott, der arme Kerl!«

Der Junge hieß mit Vornamen nicht etwa Volker, wie man hätte annehmen können. Die Bezeichnung Volli verdankte er dem bedauerlichen Umstand, dass er absolut schwachsinnig war und daher umgangssprachlich Vollidiot oder in Kurzform eben Volli genannt wurde. Er hatte die besondere Fähigkeit, dass er sich seine Kniegelenke aus- und wieder einrenken konnte, was ein knackendes Geräusch verursachte. Andere Kinder trieben bisweilen ihren bösen Schabernack und sagten zu ihm: »Volli, knockmol!« Der arme Junge glaubte, damit die Anerkennung der anderen Kinder erringen zu können, und tat ihnen immer diesen Gefallen. Einige Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er in eine Anstalt eingewiesen und verstarb dort.

*

Am 1. Januar 1934 trat das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses in Kraft. Während der NS-Zeit wurden etwa dreihundertfünfzigtausend Menschen »von Amts wegen« sterilisiert, wobei mehrere Tausend bleibende gesundheitliche Schäden erlitten oder zu Tode kamen.

Offiziell begann die Vernichtung des im NS-Jargon »lebensunwerten Lebens« am 1. September 1939, zeitgleich mit dem Kriegsbeginn. Ebenso offiziell eingestellt wurde dieses Euthanasieprogramm nach öffentlichen Protesten, denen vor allem der katholische Bischof von Münster Clemens August Graf von Galen im August 1941 eine nicht zu überhörende Stimme verlieh.6

Bei weiteren derartigen Todesfällen außerhalb dieser Zeit liegt zumindest der Verdacht nahe, dass man auch hier im Sinne der NS-Ideologie verfuhr.

Es gab unterschiedliche Arten des Umgangs mit Menschen, die an geistigen Behinderungen litten, oder unheilbar Kranken. In manchen Anstalten brachte man diese gezielt mit Giftinjektionen oder Gas um, in anderen »Pflegeeinrichtungen« ließ man sie ohne jede medizinische Hilfe dahinvegetieren oder schlicht verhungern.

Schon in der psychiatrisch-neurologischen Wochenschrift Nummer 34 aus dem Jahr 1936 war Folgendes zu lesen: »Sehr interessant und in Deutschland wohl nur noch einmal in Schleswig vorkommend, sind die im Dorf Neusandhorst7 entstandenen drei Pflegehäuser, die von Bauern betrieben werden, und wo der Stallraum des niedersächsischen Bauernhauses in kleinste, ärmliche Schlafkabinen für Geisteskranke umgebaut ist. Jeder Bauer hat ca. zwanzig Patienten. Es sind Fälle, die sonst als Familienpfleglingsfälle von den Anstalten einzeln vergeben werden. Hier haben die Erbhofbauern diese in eigener Regie – ohne ärztliche Kontrolle – genommen. Es muss ein ganz gutes Geschäft sein! …«

6 Für die drangsalierten und verfolgten Juden fand sich leider keine Stimme, die ein solches Gewicht gehabt hätte.

7 Nordöstlich von Aurich.

7 – Ein elektrisches Problem und eine interessante Begegnung

Leer, Mittwoch, 15. März 1939

Die letzte Stunde, der Englischunterricht, fiel wieder aus. Dr. Gebhardt war noch immer krank. Georg hatte schon in entsprechender Voraussicht seinen Schulranzen mit einem Teil bestückt, das dort eigentlich nichts zu suchen hatte. Er rannte in Windeseile die Treppen des Ubbo-Emmius-Gymnasiums herunter, wäre auf einem Absatz beinahe mit dem Direktor kollidiert – »’tschuldigung« – und spurtete zu seinem Fahrrad. Das Elektrogeschäft lag nur zwei Straßen weiter. Wenn er sich beeilte, konnte er es noch schaffen, bevor der Inhaber seinen Laden zur Mittagspause zusperrte.

»Moin, Fräulein Degenhardt. Ist der Chef auch da?«

»Moin, Georg! Ich schau mal!« Sie öffnete die Tür der angrenzenden Werkstatt: »Chef? Kundschaft!« Marlene Degenhardt nickte Georg freundlich zu und verschwand wieder in ihrem Kontor.

Gleich darauf stand der Inhaber des kleinen Elektrogeschäftes im Laden. »Moin, Georg, du bist ja völlig aus der Puste!« Cornelius Holtkamp schaute ihn an. »Wer ist denn hinter dir her?«

»Niemand, Herr Holtkamp, moin erst mal! Ich hab nur ein Problem. Vielleicht können Sie mir helfen.«

»Es geht bestimmt um deinen Detektorempfänger, richtig?«

»Richtig! Ich hab die Antenne gewickelt, Messingstifte in ein Brett geklopft und die Bauteile nach dem Bauplan im ›Jugendfreund‹ darauf zusammengelötet.«

»Und jetzt sagt dein Radio keinen Mucks«, stellte Cornelius Holtkamp fest.

»Genau!«

»Gib mir das gute Stück mal rüber. Ich schau’s mir an.« Holtkamp verschwand mit Georgs Radio in der Werkstatt. Einige Minuten später tauchte er wieder auf.

»Und? Haben Sie den Fehler gefunden?«

»Ja, aber nicht so hastig, junger Mann. Wir gehen das Ganze einmal der Reihe nach durch. Die Bauteile sind alle in Ordnung. Spule, Gleichrichter, Kondensator und der Lautsprecher. Und deine gewickelte Antenne ist schon mal ein kleines Kunstwerk. Zusammengebaut und gelötet hast du es sehr ordentlich. Der Sender kommt gut herein, denn du kannst ein solches Radio ja von dessen Leistung betreiben und brauchst keinen Stromanschluss …«

»Ja, das weiß ich, Sie haben es mir wirklich sehr gut erklärt!«

»Kann es sein, dass du ’n klein büschen ungeduldig bist?«

»Nee, Herr Holtkamp, das täuscht. Ich muss nur unbedingt wissen, warum das Ding nicht funktioniert!«

Cornelius Holtkamp schmunzelte. Er mochte den wissbegierigen Jungen, der seinen Eltern mit Ausdauer klargemacht hatte, dass sein höchstes Glück darin bestünde, die Bauteile für ein einfaches Radio zu bekommen, wie es im Bauplan des »Neuen Deutschen Jugendfreundes« abgebildet war. Helfried Feenders hatte sich schließlich erweichen lassen und war eine Woche zuvor im Geschäft von Cornelius Holtkamp aufgetaucht, um die Teile zu kaufen. Georg hatte schon einen Tag später im Laden gestanden und dem Inhaber ein wahres Loch in den Bauch gefragt, vor allem im Hinblick auf die richtige Länge des Antennenkabels, abgestimmt auf den nächsten Rundfunksender. Immerhin waren sage und schreibe sechzig Meter des dünnen lackierten Drahtes auf einen kleinen Holzstern zu wickeln!

»Also, die Ursache ist recht einfach!« Cornelius Holtkamp gab Georg einen blanken Draht. »Schau dir diese Lötstelle einmal genauer an!« Er zeigte mit dem Finger auf den einen Anschluss des Kondensators. »Siehst du etwas?«

»Nee!«

»Jetzt überbrücke deine Lötstelle einmal mit dem Draht!«

Georg tat, wie ihm gesagt. Ein Knacken war im Lautsprecher zu hören, ein leichtes Rauschen und kurz darauf recht deutlich die Worte: »… eine Sendung des Großdeutschen Rundfunks. Sie hören jetzt …«

»Es geht!« Georg strahlte über alle vier Backen. »Ich habe nur eine kalte Lötstelle fabriziert!«

»Sehr gut erkannt, junger Mann! Kannst gleich in meine Werkstatt gehen und die Sache in Ordnung bringen!«

»Au prima, Herr Holtkamp!« Georg nahm sein Radio, wischte um den Tresen herum und rannte in die Werkstatt.

»Nimm den Lötkolben – der ist schon heiß – und entlöte die beiden Drähte! Anschließend schabst du sie schön blank …«

»… um die Oxidschicht zu entfernen!«, ergänzte Georg. »Na, das ist mal ’n Lötkolben, ein elektrischer – nicht wie dieses olle Riesending zu Hause, das ich erst im Feuer heißmachen muss!«

Einige Minuten später verließ Georg freudestrahlend den Laden, nachdem er sich bei Cornelius Holtkamp wohl mindestens dreimal bedankt hatte. Der stand hinter seiner Eingangstür und sah dem Jungen lächelnd nach.

*

Normalerweise fuhr Georg mit seinem Rad direkt zu dem Weg, der an der Bahnlinie zwischen Leer und Emden verlief. Heute aber, da er von dem Elektrogeschäft kam, bog er auf die Heisfelder Straße ein. Sonst hätte er ein Stück in Richtung Innenstadt zurückfahren müssen.

An der kürzlich neu erbauten Dapolin-Tankstelle, die schon fast in Heisfelde lag, gab es einen kleinen Volksauflauf. Georg, neugierig geworden, stellte sein Fahrrad an einer Hauswand ab, zerrte seinen Schulranzen herunter – da war schließlich sein neues Radio drin – und arbeitete sich durch die Menge.

Da standen sie! Gleich vier Wagen hintereinander. Schwarz lackiert und mit einer Karosserie, wie sie sonst kein anderes Auto aufzuweisen hatte. Nicht kantig und eckig, sondern – ja, wie ein längs halbiertes Ei, das auf seiner Schnittfläche lag. Einfach stromlinienförmig! Vorne und hinten waren an den Wagen Schilder mit der Aufschrift »Versuchswagen« angebracht. Die Nummernschilder der vier Fahrzeuge hatten dieselbe Anfangskennung, »III A«. Georg konnte damit nichts anfangen und fragte einen der Fahrer, einen schon etwas älteren Mann mit kurzem Schnurrbart. Bekleidet mit Hut und Mantel hob er sich in seiner äußeren Erscheinung deutlich von den übrigen Fahrern und Beifahrern ab, die überwiegend Uniformen des RAD trugen, des Reichsarbeitsdienstes.

»Das Kennzeichen steht für den Neckarkreis, also die Polizeidirektion Stuttgart!«

»Ich dachte, der neue KdF-Wagen wird bei Fallersleben gebaut?«

»Wird er auch. Aber diese Fahrzeuge stammen noch aus der letzten Vorserie. Die wurden in Stuttgart-Zuffenhausen entwickelt und gebaut. Daher die Stuttgarter Zulassung. Später werden alle Autos bei Fallersleben produziert.«

»Warum dort?«

»Wir haben da sehr viel freie Fläche zur Verfügung. Außerdem liegt das Gelände verkehrsgünstig am Mittellandkanal. Hameln war auch im Gespräch, weil es dort bis zur Weltwirtschaftskrise zwei kleinere Automobilfabriken gab. Aber letztlich hat Fallersleben das Rennen gemacht. Dort entsteht zurzeit das neue Volkswagenwerk.«

»Dürfte ich einmal den Motor sehen?«

»Klar!«, entgegnete sein Gegenüber und klappte am Heck des letzten Wagens die Motorhaube auf.

Georg ging in die Knie, betrachtete die Maschine des Autos und nannte die technischen Daten: »Vierzylinder-Viertakt, 986 Kubikzentimeter, 23,5 PS, von denen 8,5 PS für die Überwindung des Rollwiderstandes benötigt werden. Luft- und ölgekühlt, Leergewicht des Wagens 650 Kilogramm!«

»Donnerwetter, du kennst dich aber aus!«

»Ehrensache, hab ich neulich erst gelesen.«

Der Mann blickte auf seine Armbanduhr. »Wir liegen heute recht gut in der Zeit. Möchtest du einmal mitfahren?«

»Das wäre ein Traum!« Georg schaute den Mann nachdenklich an. »Eine Frage …«

»Ja?«

»Sie sind aber kein einfacher Versuchsfahrer?«

»Das lass nicht unsere Leute hören!« Der Mann lachte. »Es sind keineswegs einfache Fahrer, die sind schon sehr gut ausgebildet.«

»Nein, so meinte ich das nicht!«

»Um deine Frage zu beantworten, ich bin einer der Entwicklungsingenieure. Natürlich muss ich sehen, wie sich unsere Arbeit in der Praxis bewährt. Daher fahre ich teilweise mit oder auch selber! Komm mit zum ersten Wagen. Der ist schon fertig betankt. Den hintersten hier bekommen wir eh nicht aus der Menschenmenge heraus!« Der Ingenieur ging nach vorne und öffnete die Fahrertür des ersten KdF-Wagens. »Herr Wagner, unser junger Freund möchte gern ein Stück in unserem neuen Wagen mitfahren. Wenn Sie mich einmal ans Steuer lassen?«

Georg öffnete die Beifahrertür, setzte sich hinein und sah – nichts. Genauer gesagt, er schaute gegen das Armaturenbrett.

»Setz dich einfach auf deine Schultasche, dann kannst du rausschauen!«

»Moment, ich muss erst mein Radio herausnehmen. Sonst ist es platt!«

Georg beförderte zunächst die abgenommene Antenne und anschließend sein Radio ans Tageslicht.

»Darf ich mal sehen? Oh ja, ein Detektorempfänger!« Der Ingenieur musterte Georgs Radio genau. »Selbst gebaut?«

Georg nickte: »Ja.«

»Saubere Arbeit, vor allem die gewickelte Antenne. Ganz hervorragend!«

»Na ja, so hervorragend auch wieder nicht. Es funktionierte zunächst nicht. Ich komme gerade vom Radiohändler. Der hat mir auf die Sprünge geholfen.«

»Und, woran lag es?«

»An einer kalten Lötstelle.«

»Ach so. Na, wenn das die einzige Ursache war?«

Georg nickte erneut.

»Weißt du, einen Fehler zu machen ist nicht schlimm. Man sollte ihn sich nur genau merken und möglichst nicht wiederholen. Dann hat auch der Fehler seinen Sinn gehabt.«

»So habe ich das noch gar nicht gesehen!«

»Was glaubst du, wie viele Fehler und Irrtümer uns bei der Entwicklung dieses Wagens unterlaufen sind. Wir lernen ständig hinzu, bis das Auto möglichst perfekt ist.«

Der Ingenieur drehte den Zündschlüssel herum. Im nächsten Moment war das kernige Brummen des Boxermotors aus dem Heck des Wagens zu hören. Georg verfolgte alles genau. Der Fahrer trat das Kupplungspedal durch, legte den ersten Gang ein und gab das Pedal langsam wieder frei, während er mit dem rechten Fuß leicht auf das Gaspedal trat. Langsam rollte der KdF-Wagen an. Die Zuschauer machten Platz und das Auto bog auf die Heisfelder Straße ein. Zweiter, dritter Gang. Da flog schon die Kreuzung Dorfstraße/Logaer Weg vorbei. Der Ingenieur trat kräftig aufs Gas. Vierter Gang!

»Da staunst du, wie unser Wagen beschleunigt!«

»In vierzehn Sekunden von null auf sechzig Kilometer in der Stunde!«

»Gibt es auch etwas, was du nicht weißt?«

»Zu viel!«, räumte Georg selbstkritisch ein.

»Das ist allerdings schade. Sonst hätte ich dich gleich nach Fallersleben mitgenommen.«

Der Ingenieur schmunzelte. »Nein, im Ernst, du bist wirklich nicht von schlechten Eltern.«

»Oh, danke. Ich werd’s ihnen ausrichten.«

Georg hatte heimlich gehofft, der Ingenieur würde mit ihm bis Emden durchfahren, doch in Neermoor wendete er den Wagen. Auf der Rückfahrt war die Straße fast völlig frei. Die Tachonadel pendelte zeitweise bei sagenhaften neunzig bis einhundert Stundenkilometern und ein Hanomag wurde im Nullkommanichts überholt. Die Reifen sangen auf der mit Klinkern gepflasterten Straße ihr helles Lied. Viel zu schnell erreichten sie wieder die Tankstelle und die fantastische Fahrt war zu Ende. Georg fand seine Sprache erst wieder, als er sich bei dem Ingenieur recht herzlich bedankte.

Am nächsten Tag war Georgs Fahrt das Gesprächsthema in der Klasse. Er selbst hatte sie gar nicht erwähnt, aber ein Mitschüler hatte ihn gesehen und für entsprechende Verbreitung des Abenteuers gesorgt.

Bald stand auch ein ausführlicher Bericht in der Tageszeitung – mit Bild. Darauf war der Mann zu sehen, der ihn in dem neuen Wagen mitgenommen hatte. Darunter stand die Zeile: »Dipl.-Ing. Ferdinand Porsche und vier KdF-Versuchswagen in Leer!«

Oh nein! Wenn er das nur geahnt hätte! Er war mit dem Konstrukteur des zukünftigen Volkswagens unterwegs gewesen.

Ach, was hätte er ihn noch alles fragen können!

*

An diesem Tag »erledigte« der Führer sein Problem mit der Rest-Tschechei. Ab dem 15. März 1939 besetzten deutsche Truppen das gesamte Land. Die Tschechen sahen keinen Sinn in einer Gegenwehr und kapitulierten, ohne einen Schuss abgegeben zu haben. Ihnen war bekannt, dass England und Frankreich nicht eingreifen würden, obwohl das Vorgehen Hitlers einen klaren Bruch des Münchner Abkommens bedeutete. Mit ihrer Beschwichtigungspolitik hatten Chamberlain und Daladier dem deutschen Diktator dieses Land auf dem silbernen Tablett serviert. Anscheinend schenkte man immer noch den ein ums andere Mal wiederholten Beteuerungen Hitlers Glauben, dies solle seine letzte territoriale Forderung in Europa sein.

Auch tschechische Fahrzeug- und Rüstungsfabriken wie die Škoda-Werke mit Hauptsitz in Pilsen oder ČKD-Praga fielen in deutsche Hände. Die weitere Produktion nahm die deutsche Wehrmacht ab. Beispielsweise wurden ganze deutsche Einheiten mit dem leichten Kampfpanzer vom Typ 38(t) ausgerüstet. Es handelte sich dabei um die deutsche Bezeichnung. Die Zahl stand für das Jahr der Serienreife in der Tschechei, der Buchstabe für das Herkunftsland.

8 – Das verschwundene
Maschinengewehr

Am 1. September 1939 hatten deutsche Truppen die Grenze zu Polen überschritten. Die Ultimaten Frankreichs und Großbritanniens auf sofortige Einstellung der Kampfhandlungen und Rückzug waren verstrichen. Nachdem der deutsche Angriff weiterlief, kamen zwei Tage später aus Paris und London die angedrohten Kriegserklärungen.

*

Rheidersum, Montag, 4. September 1939

Ein Bomberverband der Royal Air Force, bestehend aus fünfzehn Maschinen, hatte am Abend den Marinestützpunkt Wilhelmshaven angegriffen. Mehrere Bomber wurden von der deutschen Flugabwehr abgeschossen, weitere von den sofort aufgestiegenen Jagdmaschinen vom Himmel geholt. Die Besatzung eines der britischen Blenheim-Bomber versuchte, mit ihrer schwer getroffenen Maschine in die neutralen Niederlande zu entkommen. Allen Bemühungen zum Trotz geriet das Flugzeug jedoch immer tiefer. Der Bomben- und der MG-Schütze sprangen ab. Zu spät, ihre Fallschirme öffneten sich nicht mehr vollständig. Wenige Kilometer vor Leer wagte der Pilot noch eine Notlandung, bei der die Maschine jedoch auf einer Weide zu Bruch ging.

Ein Landwirt, der die Heuernte einbringen wollte, wurde aus einiger Entfernung Zeuge des Geschehens und alarmierte den nächsten Dorfpolizisten. Dieser rief sofort bei der Sanitätsbereitschaft und seiner vorgesetzten Dienststelle in Leer an. Anschließend machte er sich mit dem Rad auf den Weg zum Wrack des Bombers. Der Pilot lebte noch. Der Polizist zog den Schwerverletzten mit größter Kraftanstrengung aus dem völlig zertrümmerten Cockpit und schleppte ihn zum nahen Rand der Weide. Mehr konnte er nicht für ihn tun.

Als der Sanitätskraftwagen schließlich eintraf, war der Pilot bereits seinen schweren Verletzungen erlegen. Den Helfern blieb nur, die beiden anderen toten Besatzungsmitglieder zu bergen und sie nach Leer zu überführen. Die Feldgendarmerie sicherte zunächst die Absturzstelle, zog aber gegen Abend ab.

Als am nächsten Morgen ein Bergungstrupp anrückte, stellte man sehr schnell fest, dass ein Maschinengewehr des Flugzeuges fehlte. Dem MG-Turm auf dem Rücken der Blenheim war zwar die Glaskuppel abhandengekommen, aber ansonsten war er völlig intakt. Die Halterung der Waffe wies keinerlei Beschädigungen auf. Hier war irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugegangen. Die Feldpolizei ging in den nahen Ortschaften von Haus zu Haus und befragte die Einwohner eindringlich nach möglichen Beobachtungen und sonstigen Hinweisen – ohne jedes Ergebnis. Während bei den zuständigen Dienststellen noch Ratlosigkeit herrschte, ging einer jungen Dame in der Ortschaft Rheidersum jedoch ein Licht auf – und zwar ein geradezu gleißend helles. Ihr Name war Elisabeth Feenders.

Hierzu muss allerdings erklärt werden, dass ihr Bruder Georg, zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt, Quintaner im Leeraner Ubbo-Emmius-Gymnasium und mehr oder weniger begeistertes Mitglied der HJ, sich zu einem rechten Schlingel entwickelt hatte. Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen war das Erlegen von Kaninchen in Feld und Flur. Jagdpächter war sein Vater, da gab es keinen Ärger, wenn Sohnemann die Speisekarte bereicherte und die Felle einem Kürschnermeister in Leer verkaufte. Irgendwie musste das Taschengeld schließlich aufgebessert werden. Wenn es darum ging, den allergrößten Unsinn zu machen, so war es sehr wahrscheinlich, dass Georg mit von der Partie war. Handelte es sich dabei um Dinge auf dem Gebiet der Elektro- oder Pyrotechnik oder gar einer Kombination derselben, etwa in Form elektrisch gezündeter Schwarzpulverladungen, so konnte man sich dessen sogar absolut sicher sein. Familienangehörigen, Lehrern und den anderen an der Erziehung dieses mehr als aufgeweckten Kerlchens Beteiligten ersparte solches Wissen zumindest eine längere Suche nach dem Missetäter, wenn wieder einmal etwas absolut Unmögliches passiert war. Fast jeder Erwachsene im Kreise der Familie erzog gelegentlich an ihm herum, ohne damit aber großartige Erfolge zu erzielen. Georg tat weiterhin, was ihm Spaß machte. Da er nicht nur seine Pflichten auf dem Hof erledigte, sondern auch ein recht guter Schüler war, hatte man nirgendwo eine rechte Handhabe gegen seine mehr oder weniger verrückten Ein- und Ausfälle.

Lilli stand nur Sekunden nach besagter Lichterscheinung vor der Tür, die auf den Dachboden des elterlichen Hauses führte. Sie drückte langsam die Klinke herunter. Die Tür war jedoch abgeschlossen. Sie hämmerte mit den Fäusten dagegen: »Georg, ich weiß genau, dass du da drin bist. Mach sofort auf!«

Statt einer Antwort erklang dort nur ein leises Rumpeln.

»Georg! Ich weiß, was du dort treibst!«

Knirschend drehte sich der Schlüssel im Schloss. Die Tür öffnete sich und Georg stand vor ihr. »Mach nicht so ’n Wind – was ist denn?«, fragte er mit treuherziger Unschuldsmiene.

»Lass mich durch!« Energisch drängte Lilli sich an ihm vorbei und stand vor einem zweiten Lausebengel.

»Ach nee, Gerold Harms, das hätte ich mir ja denken können!« Sie ging auf den großen schwärzlich-metallischen Gegenstand zu, der auf einem Tisch lag. Daneben einiges Werkzeug.

»Sagt mal, ihr beiden, spinnt ihr jetzt völlig? Was wollt ihr mit dem geklauten Maschinengewehr?«

»Wir wollten es draußen im Wäldchen ausprobieren«, antwortete Georg. »Das verdammte MG funktioniert nicht. Ladehemmung! Und jetzt suchen wir nach dem Fehler.«

»Wisst ihr, wer das Höllending außer Gefecht gesetzt hat?« Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte sie hinzu: »Das war euer Schutzengel, ihr Verrückten!«

Während Gerold Harms völlig stumm dastand, schaute Georg sie – was normalerweise nie vorkam – nur ratlos an: »Und nun?«

»Und nun, und nun?«, wiederholte Lilli erbost. »Ihr werdet das Maschinengewehr sofort wieder dahin zurückbringen, wo ihr es hergeholt habt!«

»Geht nicht«, antwortete Georg zerknirscht. »An der Absturzstelle ist Feldpolizei. Die haben uns sofort am A…!«

»Hör zu! Wenn ich darauf gekommen bin, wer für diesen Schwachsinn verantwortlich ist, dann werden andere bald dieselbe Idee haben!«

Lilli dachte einen Moment nach: »Ihr steckt das Ding in ein, zwei alte Kartoffelsäcke. Wenn es dunkel ist, gehe ich mit einer Lampe voraus. Falls ich auf einen Wachposten stoße, sage ich, dass ich unseren weggelaufenen Hund suche. Und wenn die Luft rein ist, folgt ihr mir unauffällig!«

*

Am nächsten Tag fand der Bergungstrupp zu seiner großen Überraschung das vermisste Maschinengewehr. Es lag halb unter dem Rumpf des zerstörten Bombers. Man meldete den vollständigen Bestand an die vorgesetzte Dienststelle, in deren Interesse es verständlicherweise lag, die Angelegenheit damit abzuschließen. Die gefallene Besatzung des englischen Flugzeugs wurde wenige Tage später auf einem Leeraner Friedhof beigesetzt.

Der Krieg brachte noch anderes. Die ersten Meldungen über Tote, Vermisste und Verwundete trafen ein.

*

Mit Beginn des zweiten großen Krieges in diesem Jahrhundert wurden Lebensmittelkarten und Bezugsscheine für weitere Waren ausgegeben, nachdem die nationalsozialistische Regierung bereits im Jahre 1937 unter anderem Molkereiprodukte rationiert hatte. Dies war durch den Umstand bedingt, dass es trotz aller Bemühungen immer noch nicht gelungen war, das Land von Lebensmitteleinfuhren unabhängig zu machen. Im Zuge der Kriegsvorbereitungen gehörte dies zu einem der erklärten Ziele der Machthaber. Eine Hungersnot, wie sie ab dem Ende des Kriegsjahres 1916 bedingt durch die britische Seeblockade und Missernten im Deutschen Reich geherrscht hatte und der etwa eine Dreiviertelmillion Menschen zum Opfer gefallen war, sollte sich auf keinen Fall wiederholen.

9 – Antje

»Oma?« Lilli Feenders hatte gegenüber ihrer Großmutter am Stubentisch Platz genommen.

»Ja, mien Deern, was hast du denn auf dem Herzen?« Melitta Feenders legte ihr Buch zur Seite.

»Georg – ich mache mir Gedanken über meinen Bruder.«

Ihre Großmutter schmunzelte: »Er ist schon ein recht wilder Vogel. Was hat er denn wieder angestellt?«

»Wenn ich das sage, hätte er keinerlei Vertrauen mehr zu mir.«

»Ja, aber was möchtest du von mir?«

»Wenn ich das nur selber wüsste. Ich fürchte, wenn Georg weiterhin solchen Unsinn treibt, wird es über kurz oder lang Verletzte oder gar Tote geben.«

»Übertreibst du nicht ein wenig?«

»Eben nicht.« Lilli schüttelte den Kopf. »Man müsste ihn in eine andere Richtung lenken.«

»Er hat schon einige Aufgaben auf dem Hof zu erledigen. Das macht er ja meist recht zuverlässig. Aber noch mehr Arbeit?« Melitta Feenders sah ihre Enkelin mit einem zweifelnden Gesichtsausdruck an.

»Es müsste irgendetwas mit größerer Verantwortung sein … aber was?« Lilli schaute ihre Großmutter ratlos an.

Melitta Feenders überlegte einen Moment. Ein Lächeln ging über ihr Gesicht. »Ich habe eine Idee!«

»Und welche?«

»Warte mal ab, ich muss erst mit Oltmanns sprechen, ob das geht.«

»Was haben unsere Nachbarn damit zu tun?«

»Das verrate ich dir, wenn es geklappt hat.« Melitta Feenders begann zu lachen. »Dein Bruder wird Augen machen!«

Georg staunte nicht schlecht über den Vorschlag seiner Großmutter. Die alte Dame war klug genug, ihren Enkel nicht vor vollendete Tatsachen zu stellen. Den Hintergrund ihrer Idee verriet sie ihm wohlweislich nicht.

»Und ab wann soll das sein?«

»Wenn du willst, kannst du gleich rübergehen.«

»Mensch, Oma, das ist ’ne tolle Idee, danke!« Weg war er.

Ein Weilchen später kam er zurück – mit einer Schubkarre. Und darin lag auf einer Decke ein kleines Hundekind, ein braun-grau gefleckter Jagdterrierwelpe.

»Oh, ist der niedlich!« Lilli war begeistert.

»Das ist kein der, sondern eine die!« Georg hob das kleine Tier vorsichtig hoch und nahm es auf den Arm. »Ich werde sie Antje nennen.«

»Und wer kümmert sich darum?« Lilli musste innerlich lachen, als sie die Idee ihrer Großmutter erkannte.

»Ich natürlich«, sagte Georg im Brustton der Überzeugung. »Frau Oltmanns hat mir genau erklärt, wie ich das machen muss. Swantje, die Hundemutter, hat vier Junge bekommen. Sie ist bei der Geburt leider gestorben. Daher wollen sie einen Welpen behalten und drei weggeben. Antje ist jetzt mein Hund!«

»Hoffentlich bringst du ihr nicht lauter Unsinn bei!«

»Lilli, wie kommst du denn da drauf?«, antwortete Georg empört. Dann musste er selber lachen. »Nee, nee, ich werde mir schon Mühe geben. Antje ist so klein, die kriegt noch die Flasche. Und wenn ich in der Schule bin, übernimmt Oma das, hat sie mir versprochen!«

Ob Georg wirklich weniger Unfug machte, ist nicht überliefert. Größere Zwischenfälle waren jedoch nicht mehr zu vermelden. Es gab nun zwei, die regelrecht unzertrennlich wurden. Nur als Antje eines Morgens in Georgs Bett lag, da protestierte seine Mutter energisch. Also wurde ein Hundekorb neben das Bett gestellt. Wenn Georg morgens zur Schule fuhr, heulte Antje regelmäßig. Wenn er mittags zurückkam, brachte sie sich bald um vor Freude. Für den Rest des Tages wich sie meist nicht mehr von seiner Seite.

*

Schon der »Anschluss« Österreichs und die Besetzung der Tschechoslowakei geschahen unter anderem, um sich der dortigen Industrie und der Bodenschätze zu bemächtigen. Sie waren unabdingbare Voraussetzungen für die weitere deutsche Aufrüstung.

Am 9. April 1940 um 5.15 Uhr morgens begann das Unternehmen »Weserübung«. Die Besetzung Dänemarks erfolgte aus militärstrategischen Gründen. Hauptziel war jedoch Norwegen mit seinen eisfreien Häfen wie Narvik, dem Endpunkt der von Schweden herführenden Erzbergbahn. Während der dänische König Christian X. seinen unvorbereiteten Truppen jegliche Gegenwehr untersagte, leisteten die Norweger erheblichen Widerstand. In mehreren Häfen des Landes kam es außerdem zu schweren Kämpfen mit den englischen und französischen Expeditionskorps. Vor allem die deutsche Kriegsmarine erlitt hohe Verluste.

10 – Marijke Dijkstra

Nieuweschans, Nederland, zaterdag, 4 mei 1940

Zij mocht de splinternieuwe fiets van haar ouders lenen.8 Es war eine geradezu unerhörte Neuheit, die dieses Rad darstellte. Es besaß nicht nur einen Freilauf, der es gestattete, auch einmal die Füße stillzuhalten, während das Rad dahinrollte – nein, es wies noch eine weitere Besonderheit auf. Ihre Eltern hatten lange gespart, überlegt und gerechnet. Da ihr Vater seine sichere Arbeit bei »de Nederlandse spoorwegen«, den Niederländischen Eisenbahnen hatte, konnten sich ihre Eltern dazu entschließen, dieses sündhaft teure Rad zu kaufen. Es war sozusagen das Familienrad. Sie hatte auch etwas dazu beigesteuert. Schließlich arbeitete sie seit einiger Zeit im Dorfladen der alten Frau Wijnands. Und sie, Marijke, durfte das erste Mal eine längere Fahrt mit dem neuen Rad unternehmen.

Das ganz Besondere an diesem Rad war die Gangschaltung. Die kam aus England von der berühmten Firma Sturmey-Archer. Drei Gänge, einfach über einen Hebel am Lenker zu schalten. Das Fahren mit diesem Wunderwerk war einfach herrlich, auch bei Gegenwind. Aus Groningen hatte ihr Vater das Prachtstück geholt. Die ganze Strecke war er damit hergefahren.

»Let goed op jezelf!«, hatte ihr Vater noch gesagt. Und Marijke fragte sich unwillkürlich, ob seine Sorge nun mehr dem Rad oder seiner Tochter galt. Sie war, wie man so schön sagte, een heel mooi meisje9, dem die Männer mittlerweile gerne nachschauten. Ihre Eltern erfüllte dies naturgemäß mit Freude und Sorge zugleich.

Marijke kümmerte das wenig. Sie hatte ein sonniges Gemüt und eine freundliche Art, und wenn ihr einer zu nahe kam, konnte sie ziemlich resolut werden. Bislang hatte das jeder respektiert und so machte sie sich keine allzu großen Gedanken. Für einen Freund, Verehrer, Kavalier oder wie auch immer man das nennen wollte, fühlte sie sich einfach noch zu jung.

Marijke rollte mit dem schönen neuen fiets die Straße entlang, die nach Bunde führte. Die Grenze zum Deutschen Reich beschrieb hier eine Ausbuchtung, einen spitzen Zipfel, der in das Nachbarland hineinragte. Früher hatte an dieser Stelle vielleicht einmal jemand vom Zoll oder ein Polizist gestanden, meistens jedoch überhaupt niemand. Nun befand sich am Ortsende der Posten van de »Koninklijke Landmacht«10, ein kleines Wachlokal, eine Holzbaracke und eine Barriere von Sandsäcken in der Form eines Hufeisens. Daraus lugte ein Maschinengewehr hervor. Die beiden wachhabenden Soldaten winkten ihr freundlich zu. Im November 1938, nach den fürchterlichen Anschlägen auf die Synagogen, als immer mehr Juden in die Niederlande geflohen waren, hatte man offiziell nur noch wenige Flüchtende aufgenommen und ansonsten die Grenze geschlossen, um den mächtigen Nachbarn nicht zu provozieren. Häufig schauten jedoch niederländische Grenzbeamte und Soldaten in die andere Richtung, wenn Flüchtlinge die Grenze passieren wollten. Herzloses Verhalten kam für die meisten nicht infrage. Auch dieser Militärposten war seit dem schrecklichen September, dem Kriegsausbruch im letzten Jahr, noch einmal verstärkt worden. Auf der anderen Seite der Grenze bei den Deutschen war es ähnlich. Es herrschte Krieg zwischen Deutschland und den Alliierten, England und Frankreich. Und keiner wusste, ob und wann der Wahnsinn im Westen richtig losgehen würde. Respektierten die verfeindeten Mächte die niederländische Neutralität, wie dies im »wereldoorlog«, dem großen Krieg, der Fall gewesen war?

Vom deutschen Posten wurde Marijke allerdings kontrolliert, ihr »persoonlijk document« sorgfältig studiert.

»Gute Fahrt, Fräulein Dijkstra!«, wünschte der Wachhabende und trat aus dem Weg. Höflich waren sie, die deutschen Wachposten. Meist trugen sie keine Helme, sondern nur diese komischen Mützen. Das ließ sie ein wenig menschlicher erscheinen.

Normalerweise hätte Marijke die Emsfähre bei Leerort genommen. Der Bau der neuen Brücke, vor drei Jahren begonnen, war noch nicht fertig. An der Dampffähre gab es oft längere Wartezeiten. So hatte sie beschlossen, über Bunde und Weener zu fahren und den Bohlenweg an der großen Eisenbahnbrücke über die Ems zu nehmen, obwohl es ein Umweg war.

Dort an der Emsbrücke stand zwar ein Posten, der sie sehr höflich bat, einen Blick in ihre Fahrradtaschen werfen zu dürfen, aber das war es auch schon.

»Obacht!«, hatte der Soldat noch gesagt. »Die Bohlen sind glitschig, schieben Sie Ihr Rad lieber!«

Nun ging es den alten Klosterweg entlang bis zur nächsten Eisenbahnbrücke. Die führte über die Leda. Aber was war das?

Mitten auf dem Weg zur Brücke mit ihrem seitlichen Übergang stand wiederum ein Posten. Groß, mit grimmigem Gesichtsausdruck, Stahlhelm auf dem Kopf und einem geradezu bösartig aussehenden Gegenstand in den Händen!

Een machinepistool, dachte Marijke.

»Kein Durchgang! Umdrehen!« Der grimmige Soldat unterstrich seine Worte durch eine unmissverständliche Bewegung mit seiner grässlichen Waffe.

Marijke machte kehrt und murmelte nur noch: »Als je me niet bijt, bijt ik jou ook niet!«11

»Werden Sie nicht frech, junge Frau!«

Ooch, jetzt verstand der widerliche Kerl auch noch ihre Sprache! Sie machte, dass sie fortkam. Sie wusste, ein wenig weiter führte die Brücke der Reichsstraße 70 über den Fluss.

Gleich darauf blieb sie wieder stehen, denn sie hatte etwas Merkwürdiges gesehen. Ein ganzes Stück hinter der Brücke, auf einem Seitengleis – da stand etwas, das dort irgendwie nicht hingehörte. Sie blickte noch einmal in die Richtung, aber das Ding war auf diese große Entfernung im Dunst des Tages nicht recht auszumachen. So richtig wie ein Zug sah das nicht aus. Schon wurde der Posten wieder auf sie aufmerksam.

»Weiterfahren!«, brüllte er. »Hier gibt’s nichts zu sehn!«

Marijke setzte sich sofort wieder in Bewegung. Wer konnte schon wissen, was diesem moffen als Nächstes einfiel. Aber warum machte der solch einen Aufstand? Die anderen deutschen Soldaten hatten sich dagegen ganz freundlich verhalten. Egal, weiter! Auf der Straßenbrücke über die Leda und noch ein ziemliches Stück zwischen Weideland dahin, dann hatte sie Leer erreicht. Auf der Bremer Straße fuhr sie über den großen Bahnübergang, um gleich darauf an den Gleisen entlang den Weg nach Norden einzuschlagen.

Bah, was für ein Mullsand. Das Vorderrad ihres schönen fiets grub sich ständig ein. Das fehlte noch, sich hier mit ihrem Prachtstück langzulegen. Auf einmal kam von hinten ein motorfiets herangerast. Der Kerl fuhr für einen Moment neben ihr her und sie erschrak fast zu Tode. Stahlhelm, Schutzbrille und ein hässlicher grauer Gummimantel. Er brüllte durch den Motorenlärm: »Mädel, runter von der Straße!« Mit der stulpenbewehrten Hand deutete er nach hinten.

Panzer!

Marijke flüchtete nach links hinter die Baumreihe. Und da fegten sie auch schon vorbei. Große Dinger mit acht Rädern und in einem Höllentempo. Der Kradfahrer war bereits ganz weit vorne, stand jetzt am Logaer Weg und sperrte die Straße. Die Panzer rasten, ohne die Fahrt zu vermindern, über die Kreuzung hinweg und verschwanden in der Ferne – auf demselben Weg, den Marijke nehmen wollte.

Sie wartete, bis der Staub sich gelegt hatte, dann fuhr sie gemächlich weiter. Rheidersum kam in Sicht.

Och nee, nicht auch noch hier. Militär, wohin sie blickte. Auf der Hauptstraße stand die Schützenpanzerkolonne, die eben noch an ihr vorbeigerast war. Dort lag der große Bauernhof, schon fast ein Gutshof mit seinem großen Gulfhaus und dem angebauten Scheunenteil. Hier wohnte ihre Freundin, die sie endlich wieder einmal besuchen wollte. Sie zog an dem Griff, der die mechanische Glocke in Gang setzte. Das laute Schellen konnte man bis in den Stallbereich hören, wie sie wusste.

Gleich darauf öffnete Georg Feenders mit seinem Hund im Schlepptau die Tür: »Moin, Marijke, kumm rin!« Das unvermeidliche Grinsen – von einem Ohr zum anderen, wie sie dachte – fehlte auch diesmal nicht.

»Halloo, hoe gaat het?«, begrüßte sie ihn und kraulte Antje hinter den Ohren.

»Oh ja, all heel mooi! Lilli is achtern in de Stal!« Er deutete mit dem Daumen der erhobenen Rechten hinter sich. »Jümmers doorlang!«

Ihre Unterhaltung wurde meist in dieser komischen Mischung aus niederländischer Sprache und ostfriesischem Platt geführt. Beides klang recht ähnlich. Verständigungsprobleme gab es nicht.

Im Stall traf Marijke auf eine bunte Gesellschaft. Lilli stand dort und unterhielt sich mit mehreren Soldaten. Einer führte gerade zwei Reitpferde in leer stehende Boxen. Trakehner, wie Marijke am Brandzeichen, der Elchschaufel, feststellte. Es waren wunderschöne Tiere.

Die beiden Freundinnen umarmten sich zur Begrüßung.

»Warum so viel Militär?«

»Ich weiß nicht recht! Man sagte uns vor der Einquartierung, es sei eine Übung!« Lilli zuckte die Schultern.

Mitten in der Scheune war ein gewaltiger Heuhaufen aufgetürmt, wohl bald vier Meter hoch. Einer der Soldaten, der mit drei oder vier jungen Katzen spielte, machte sich einen besonderen Spaß. Er nahm eine und warf sie hoch in die Luft, sodass sie auf dem Heuhaufen landete. Marijke und Lilli schauten gespannt nach oben. Zunächst passierte gar nichts. Dann erschienen dort zwei Ohren, gleich darauf zwei große Augen. Die Katze setzte sich regelrecht auf ihren Hintern und rodelte den Heuhaufen hinunter. Sie rannte gleich wieder zu dem Soldaten und schaute ihn erwartungsvoll an.

Dieser lachte. »Noch mal?« Im nächsten Moment flog das fidele Katzenkind wieder nach oben und das Spiel wiederholte sich. Nun wurden auch die anderen jungen Katzen aufmerksam und bald darauf gab es ein munteres Katzenfliegen. Die Kleinen konnten gar nicht genug davon bekommen. Der Soldat, sicher noch keine zwanzig Jahre alt, kam aus dem Lachen gar nicht mehr heraus, bis … Die beiden Mädchen hatten den Offizier gar nicht bemerkt, der plötzlich neben ihnen stand.

»Gefreiter Dieckmann! In drei Minuten sind Sie startklar und melden sich bei mir!«

»Jawoll, Herr Hauptmann!«, brüllte der Soldat überrascht und salutierte – mit einer Katze in der linken Hand.

Die beiden Mädchen bogen sich vor Lachen. Es hätte eher in den Film von Pat und Patachon gepasst, den die beiden sich kürzlich im Kino angesehen hatten. Der Offizier ging nur kopfschüttelnd wieder nach draußen, ohne ein weiteres Wort über diese tierische Grußvariante zu verlieren.

Der Gefreite setzte schnell die Katze auf den Boden und rannte … Da sah Marijke das Motorrad, das halb verborgen hinter dem großen geöffneten Scheunentorflügel stand, und erkannte den Soldaten wieder, der sich in Windeseile anzog. Es war der Kradmelder, der sie in fürsorglicher Rauheit vom Sandweg gescheucht hatte. Das war ja noch ein großes Kind, das hier den Soldaten geben musste!

Der junge Kerl wuchtete die Maschine vom Ständer und schob sie eilends nach draußen. Der Hauptmann erteilte den Fahrbefehl und drückte ihm einen Papierstoß in die Hand, den der Gefreite in seiner großen Umhängetasche verschwinden ließ.

Als der Kradmelder davongebraust war, trat Marijke zu dem Offizier: »Meneer, ich möchte Sie etwas fragen!«

»Nur zu, junge Dame! Sie sind Holländerin?«

Marijke nickte nur. Diese Bezeichnung ihrer Nationalität war sie von den Deutschen gewohnt. Wer von ihnen wusste schon, dass ihr Heimatland die Vereinten Niederlande waren und Holland, genauer gesagt Nord- und Südholland zwei ihrer Provinzen. Aber das war lediglich eine der Feinheiten, die man nicht unbedingt erörtern musste.

»Meneer, was machen Sie und Ihre Männer hier?«, fragte sie ihn direkt und unverblümt.

Der Hauptmann zögerte für einen Sekundenbruchteil. »Sie wissen, dass Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg erklärt haben …«

»Nachdem deutsche Truppen Polen überfallen haben«, platzte Marijke heraus.

»Das mag Ihre Ansicht sein. Wir sind jedenfalls hier, weil unsere Führung befürchtet, dass die alliierten Truppen die Neutralität Ihres Landes missachten und uns von dieser Seite her angreifen. Es ist eine reine Vorsichtsmaßnahme!«

Marijke sah ihn an und schoss ihre nächste Frage ab: »Ich dachte, das deutsche Militär sei komplett motorisiert. Warum haben Sie so viel Kavallerie?«

Der Offizier setzte zu einer spontanen Antwort an, stockte aber für einen winzigen Moment.

Marijke war dies nicht entgangen. Der wusste mehr, als er zugeben wollte!

»Daran sehen Sie, dass wir nur lautere Absichten haben. Wir nutzen die Pferde für Patrouillenritte im unwegsamen Gelände. Einen Krieg kann man mit ihnen heute nicht mehr führen.«

»Danke, meneer. Einen friedlichen Sommer wünsche ich Ihnen – und uns allen!«

Der Hauptmann nickte freundlich und ging langsam davon. Er sollte sie nicht für dumm halten, dachte die junge Niederländerin. Pferde für Patrouillenritte! Auf den angrenzenden Weiden hatte sie wohl mehr als hundert gesehen. So viele konnte man dafür gar nicht brauchen. Aber bei der Bodenbeschaffenheit vieler niederländischer Gebiete umso besser!

Marijke lief es eiskalt den Rücken herunter.

Sie ahnte nicht, unter welch merkwürdigen Umständen sie diesem deutschen Offizier Jahre später wiederbegegnen sollte.

Beim gemeinsamen Tee im Kreise der Familie Feenders kam unter anderem – nachdem man sich allgemein über die aktuelle Lage sehr besorgt gezeigt hatte – wieder unweigerlich die Sprache darauf, wie Marijke und Lilli sich kennengelernt hatten. Und Melitta Feenders, die Großmutter, bat die beiden, die Geschichte noch einmal zu erzählen. Die alte Dame schmunzelte. »Ihr wisst ja, ich kenn das schon. Aber ich möcht es gerne noch einmal hören. Es ist einfach zu komisch.«

»Ja«, sagte Marijke und lachte allein schon bei dem Gedanken an diese Episode. »Es war auch lustig. Also, das war so …«

Beim Gallimarkt vor etwa anderthalb Jahren, also im Oktober 1938, hatten die beiden Mädchen bei einem der Händler ein Kleid erspäht, und zwar praktisch zur gleichen Zeit. Es hatte ihnen ausnehmend gut gefallen und es gab nur noch eines davon, und da die beiden jungen Damen dieselbe Konfektionsgröße hatten … Nun hätte man meinen können, dass sich daraus ein Streit entwickelt hätte – aber nein, keineswegs. Eine wollte der anderen den Vortritt lassen, das Vorkaufsrecht sozusagen. Das jedoch wollte jeweils die andere aus lauter Höflichkeit nicht zulassen. Geradezu blitzartig war beiderseits der Funke übergesprungen und die beiden Mädchen machten sich einen Spaß daraus, sich gegenseitig das Kleid in den höchsten Tönen anzupreisen. Weitere Besucher wurden auf die Ulkvorstellung der beiden aufmerksam, die sich geradezu bühnenreif entwickelte, worauf die Mädchen sich angespornt fühlten, jeweils noch eins draufzusetzen. Der Verkäufer lachte auch – zunächst jedenfalls, bis – ja, bis die jungen Damen fast wie aus einem Munde lachend erklärten, sie könnten sich einfach nicht einigen und müssten daher leider beide auf das Kleid verzichten. Da lachte der Händler nicht mehr, die Umstehenden dafür umso mehr. Unter großem Applaus hatten die beiden den Ort der Vorstellung verlassen.

»Koffie klaar!«, hatte Marijke zum Ende des fröhlichen Unfugs gesagt und sich die Lachtränen aus dem Gesicht gewischt, von Lilli prustend begleitet. Lachend wie zwei übermütige Hühner waren sie einander untergehakt in das nächste Café gegangen.

Aus dieser Begegnung hatte sich eine feste Freundschaft entwickelt. Eine sah in der anderen so etwas wie eine Schwester, die sie beide leider nicht hatten. Marijkes Mutter konnte nach einer schweren Operation, bei der die Ärzte nur unter Aufbietung aller Kunst ihr Leben retteten, keine Kinder mehr bekommen. Und Lilli, sie hatte noch eine jüngere Schwester gehabt, die bereits im Alter von drei Jahren an einer schrecklichen Lungenentzündung gestorben war. Ihren Bruder Georg liebte sie zwar herzlich, besonders wenn sie wieder eine seiner Verrücktheiten ausbügeln konnte und durfte, aber ein Ersatz für eine Schwester war dieser komische Vogel natürlich nicht.

*

Familie Feenders bewunderte noch ausgiebig das schöne neue Fahrrad – Georg konnte nur mit Mühe von einer Probetour abgehalten werden –, dann brach Marijke zur Heimfahrt auf.

Da fiel ihr wieder deze walgelijke kerel met de machinepistool12 ein. Dem wollte sie nicht wieder begegnen. Andererseits, der war bestimmt schon abgelöst worden. Aber was hatten die da zu verbergen? Dazu dieser massive Aufmarsch an Truppen, der nur eines bedeuten konnte.

Marijke konnte machen und denken, was sie wollte. Der Gedanke an dieses seltsame Ding auf den Gleisen zog sie geradezu übermächtig an. Fast wie von allein fuhr das fiets mit ihr wieder denselben Weg zurück. Kurz vor Erreichen der Leda schaute sie nach rechts. Weiden, Felder, weit hinten hohes Gestrüpp, eine gewaltige Hecke. Dahinter in einem leichten Geländeeinschnitt musste die Bahnlinie sein, das Nebengleis, das seltsame Ding. Wie sollte sie dort hinkommen? Über Gräben und Zäune? Ihr Blick fiel auf eine alte Feldscheune, halb von den Zweigen der Hecke verdeckt. Ein Weg, fast zugewachsen, führte dorthin. Marijke schob ihr Rad und lehnte es an die Rückwand des halbverfallenen Gebäudes. Ihr schlug das Herz jetzt bis zum Hals. Sie arbeitete sich so leise wie möglich durch den Bewuchs. Blutige Kratzer, egal. Jeden Schritt, jede Bewegung bedachte und plante sie genau. Wahrscheinlich waren da noch mehr solcher Kerle wie der Brückenposten.

Schließlich hatte sie es geschafft. Sie konnte von ihrem Platz aus nur einen Teil dieses seltsamen Dings in Augenschein nehmen. Es war tatsächlich ein Zug. Aber so einen hatte sie noch nie gesehen. Sie befand sich direkt neben der Lokomotive, erkennbar nur an den Speichenrädern, Schornstein und Führerhaus. Dieses Gefährt war komplett mit Panzerplatten versehen. Vorneweg, wenn sie in Richtung der Leda schaute, drei Waggons, ebenfalls gepanzert. Nur schmale Sehschlitze gaben Sicht nach außen. Auf dem ersten Waggon befanden sich zwei flache Kanonentürme, aus den beiden anderen ragten kleinere Waffen. Hinter der Lok – aber das konnte sie wegen des dichten Gestrüpps nicht recht erkennen – befanden sich noch weitere Waggons. Aus dem Führerstand der Lok waren plötzlich Stimmen zu vernehmen. Marijke erschrak. Wenn man sie entdeckte? Nicht auszudenken, was die mit ihr machen würden. Sie hatte in der letzten Zeit schlimme Dinge gehört. Gesehen hatte sie ohnehin genug – das war ein Panzerzug! Dieses Ding sah aus wie ein Schlachtschiff, das an Land gegangen war.

Von der Bahnlinie, die über die Leda in Richtung Papenburg und weiter nach Rheine führte, zweigte wenige Kilometer hinter der Flussbrücke eine eingleisige Strecke ab. Und diese führte über die Emsbrücke bei Weener, die sie auf der Herfahrt genommen hatte, in einem weiten Bogen in die Niederlande, durch Nieuweschans!

Marijke hörte ihren eigenen Herzschlag, es rauschte in ihren Ohren. So rasch und leise wie möglich arbeitete sie sich wieder durch das Gestrüpp und griff ihr Fahrrad. Nicht noch einmal am Ledabrückenkopf vorbei! Daher raste sie, als wäre der Teufel hinter ihr her, ein weites Stück zurück, durch Leer und Richtung Ems nach Leerort. Sie hatte Glück, die Fähre legte gerade an. Der nahe Militärposten nahm kaum Notiz von ihr. Marijke schob ihr Rad auf das Fahrzeugdeck und bezahlte ihren Obolus bei einem der Fährleute.

Dieser schaute sie fast besorgt an. »Mädchen, was ist denn mit dir geschehen? Du siehst ja ganz zerkratzt aus! Hat dich etwa einer …?«

»Nee, nee, alles in Ordnung!« Sie wollte nur weg, nach Hause.

Beim Verlassen der Fähre auf dem westlichen Emsufer versperrte ihr einer der Wachposten den Weg: »Dein Licht!«

Ach herrje, daran hatte sie gar nicht gedacht. Durch ihr Abenteuer und diese halbe Rückfahrt war es viel später geworden, als sie eigentlich geplant hatte. Es wurde schon dunkel.

»Ik heb mijn aansteker vergeten!«

Der Soldat stutzte für einen Moment: »Ach so, du hast dein Feuerzeug vergessen! Kein Problem!« Er zog eines aus der Tasche, öffnete die Karbidlampe an Marijkes Rad und entzündete den Brenner.

»Bedankt!« Marijke schenkte ihm ihr freundlichstes Lächeln, das der Posten erwiderte. Dann hatte sie freie Fahrt.

Es war schon völlig dunkel, als sie, ein letztes Mal von Deutschen kontrolliert, den Ortseingang von Nieuweschans erreichte.

»Stop, bliejf staan!« Ein Soldat mit dem Gewehr in Anschlag kam auf sie zu. Ein weiterer leuchtete ihr mit seiner Lampe ins Gesicht. War denn die ganze Welt verrückt geworden?

»Oh, Marijke! Zo laat?«, sagte der Posten überrascht. »Je kunt doorgaan!«

»Ik moet met een officier spreken – onmiddellijk!« Sie war von ihrem eigenen Tonfall überrascht. Der Soldat grinste und salutierte: »Ja, mevrouw generaal!«

Marijke machte ihm unmissverständlich klar, dass dies keineswegs ein Witz, sondern sehr wichtig sei.

»Unser Kapitein ist in der Baracke«, antwortete der Soldat und hob die Handlampe.

In seiner Begleitung trat sie in das kleine Holzgebäude. Der Offizier schaute erstaunt auf.

»Kapitein, ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu berichten!«

Der Gesichtsausdruck des niederländischen Offiziers wurde sehr ernst.

»Von dem vielen Militär wissen wir. Aber ein Panzerzug bei den Deutschen? Und Sie versichern mir auf Ehre und Gewissen, dass dies stimmt?«

»Ja, was glauben Sie, weshalb ich unbedingt mit einem Offizier sprechen wollte und warum ich so aussehe?« Sie wies auf ihre Schrammen im Gesicht und an den Händen.

Der Offizier griff zum Telefon und ließ sich mehrfach durchstellen: »Ja, Colonel Weemstra, snell!« Endlich hatte er den Gesuchten erreicht und gab den Bericht des Mädchens einschließlich ihres Namens weiter. Gleich darauf drückte er der überraschten Marijke den Hörer in die Hand.

»Colonel Weemstra, Koninklijke Landmacht … Marijke Dijkstra ut Nieuweschans?«

Das Mädchen bejahte. Der Offizier wollte auch die letzten Details wissen, ob die Lokomotive unter Dampf gestanden habe … und … und … und.

Marijke versuchte, alle Fragen so gut wie möglich zu beantworten.

»Sei vielmals bedankt. Das war sehr wichtig für uns!«

Das Mädchen war regelrecht erschöpft, endlich lag der Telefonhörer wieder auf der Gabel.

Schließlich traf sie zu Hause ein.

»Marijke, endlich, da bist du ja wieder. Wir waren so besorgt!«

*

Unter dem Eindruck der furchtbaren Ereignisse im Deutschen Reich am 9. November 1938 verfasste der niederländische Dichter Eduard Hoornik (1910–1970) wenige Tage später das Gedicht »Pogrom«.

Er, der Deutschland, und vor allem Berlin, gut kannte, thematisierte darin die antisemitischen Ausschreitungen und die brennenden Synagogen. Dem Leser, der sich zunächst in Berlin wähnt, wird in ebenso erschreckender wie hellsichtiger Art und Weise das Schicksal vor Augen geführt, welches den niederländischen Juden droht, denn …

… Amsterdam liegt nur zehn Zugstunden von Berlin entfernt!

8 Sie hatte sich das nagelneue Fahrrad ihrer Eltern ausleihen dürfen.

9 Ein sehr hübsches Mädchen.

10 Königliche Landstreitkräfte.

11 Wenn du mich nicht beißt, beiß ich dich auch nicht!

12 Dieser widerliche Kerl mit der Maschinenpistole.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺666,14

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
385 s. 9 illüstrasyon
ISBN:
9783839267387
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar