Kitabı oku: «Verblöden unsere Kinder?»

Yazı tipi:

Jürgen Holtkamp

Verblöden unsere Kinder?

Jürgen Holtkamp

Verblöden unsere Kinder?

Neue Medien als Herausforderung für Eltern

Butzon & Bercker

für Jana, Lea und Miriam


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.


Das Gesamtprogramm von Butzon & Bercker finden Sie im Internet unter www.bube.de

ISBN 978-3-7666-1286-1

E-BOOK ISBN 978-3-7666-4103-8

EPUB ISBN 978-3-7666-4104-5

© 2009 Butzon & Bercker GmbH, 47623 Kevelaer, Deutschland, www.bube.de

www.religioeses-sachbuch.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagfoto: © Nicole Effinger – Fotolia.com

Umschlaggestaltung: Christoph Kemkes, Geldern

Satz: Schröder Media GbR, Dernbach

Inhalt

Einleitung

1. Kinder und Jugendliche in der Mediengesellschaft

„Medienkids“

Aufwachsen in der Mediengesellschaft

So nutzen unsere Kinder Medien

Jugendliche sind multimedial vernetzt

2. Wenn „Sex und Crime“ den Alltag beherrschen

Die Suche nach den Medienwirkungen

Wie unser Gehirn Medienbilder verarbeitet

Macht Fernsehen dumm und dick?

3. Wie Handys unser Leben verändern

„Nichts geht ohne mein Handy“

Mobbing, Gewalt und Pornografie – die andere Seite der Handynutzung

Brauchen Kinder und Jugendliche eine Handykompetenz?

4. Im Sog der Computerspiele

Wenn das Blut in Strömen fließt – Ego-Shooter

Spielplatz Internet

Wie gefährlich sind Computerspiele?

5. Das neue Internet (Web 2.0)

Communities erobern das Netz – SchülerVZ, StudiVZ und Co.

Elektronische Briefe und ICQ

Die Tophits aus dem Netz

„Mein Tagebuch im Internet“ – die Blogger

„Mein zweites Leben“ – Second Life

Vom Konsumenten zum Produzenten – Foto, Video und Audio

„Findest du mich nett?“ – Chatten

Schnäppchen oder Falle? – Kaufen im Internet

Werbeplattform Internet

6. Die hässliche Seite des Internets

Vorsicht: Datenklau und Spionage

Falsche Freunde – Cybermobbing

Hetze und Pornografie

Gewalt – nicht nur Quotenjäger im Fernsehen

Diagnose: Computersüchtig!

7. Leben in der Mediengesellschaft

Gibt es die „heile“ Kinderwelt?

„Lesen kommt vor Zocken“

Das „Wissen der Welt“

Schlau durch Computer und Internet?

Damit Eltern den Anschluss an die Mediengesellschaft nicht verlieren

Medienerziehung ist notwendiger denn je

Werteorientierung im Mediendschungel

8. Die Trauer bleibt! – Zum Amoklauf in Winnenden

Anhang

Eigene Mediennutzung

Fragebogen Kindersendungen

Persönliche Medienvorlieben

10 Tipps zum Umgang mit dem Fernsehen

Kommentierte Links

Fernsehen

Computerspiele

Handy

Medienkompetenz

Medienforschung

Schule

Internetportale für Kinder

Jugend

Jugendschutz

Beratung

Glossar

Ausgewählte Literatur

„Ach, da kommt der Meister! Herr, die Not ist groß.

Die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los.

In die Ecke, Besen! Besen! Seid’ s gewesen.

Denn als Geister

Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,

Erst hervor der alte Meister.“

Der Zauberlehrling von Johann Wolfgang von Goethe

Einleitung

Noch vor 25 Jahren, wenn – was selten der Fall war – im Unterricht ein Lehrfilm gezeigt wurde, war das für die meisten Schüler aufregend. Gemeinsam gingen sie in einen speziellen Vorführraum, in dem ein großer Filmprojektor stand, und unter der Anleitung des Lehrers durfte der Auserwählte den Film „einfädeln“. Wie von Geisterhand zog der Projektor die Filmrolle automatisch über mehrere Spulen durch, bis die Filmrolle am anderen Ende des Projektors herauskam und vom Schüler in die leere Filmspule eingelegt werden konnte. Dann wurde das Licht ausgeschaltet, der Projektor lief los, der Ton war zwar meistens nicht so gut und doch war die „Kinoatmosphäre“ spürbar.

Für die Medienkinder von heute gehören Filmrollen und Projektoren längst der Filmgeschichte an, sie kennen vielleicht noch die VHS-Kassette, auf jeden Fall DVD. Filme werden heute mit modernster Technik hoch auflösend und digital gedreht. Große TFT-Bildschirme und Beamer sind die neuen Fernseher. Das „Heimkino“ ist in die deutschen Wohnzimmer eingezogen.

Der Buchtitel „Verblöden unsere Kinder?“ fordert Sie, liebe Leserinnen und Leser (nur um des besseren Leseflusses verwende ich im Folgenden nur die männliche Form), zu einer Antwort auf. Vielleicht revidieren diejenigen, die die Frage mit „Ja“ beantworten, ihre Meinung am Ende dieses Buches. Diejenigen, die spontan mit „Nein“ antworten, werden – so hoffe ich – zögerlicher.

Unsere Kinder mögen in technischer Hinsicht die neuen Medien „beherrschen“ und damit der Elterngeneration überlegen sein, doch genügt dies keineswegs; was sie benötigen, sind ethische und moralische Maßstäbe. Sie benötigen ein Wertesystem, das ihnen hilft, Gutes von Schlechtem und Nützliches von Schädlichem zu unterscheiden, und sie sind auf Menschen angewiesen, die ihnen Kompetenzen und Strategien vermitteln, wie sie sich in der Mediengesellschaft kompetent zurechtfinden.

Täuscht etwa der Eindruck, dass die „Mediengeister“ analog zu denen, die der Zauberlehrling (in Goethes Ballade) rief und nicht mehr bändigen konnte, sich heute selbstständig gemacht haben? Kennen wir überhaupt die notwendigen Zaubersprüche? Bei Goethe gibt es einen Zaubermeister (Hexenmeister), der die Geister in die Schranken weist. Doch: Wer ist der Zaubermeister im 21. Jahrhundert? Sind es die Eltern oder vielleicht die Lehrer? Angesichts der technischen Kompetenzen heutiger Jugendlicher könnten dabei durchaus Zweifel angebracht sein. Oder zähmen etwa unsere Kinder schneller und effektiver die „Mediengeister“?

Wenn dem so ist, dann gibt es eine Umkehrung der Verhältnisse zwischen den Generationen. Die „Jungen“ sind die Experten und die „Alten“ die Lehrlinge! Ganz so abwegig ist der Gedanke nicht, immerhin können viele Kinder und Jugendliche schneller und effektiver mit dem Handy umgehen als ihre Eltern, kennen viel mehr Tricks am Computer und sind wahre Cracks im Internet.

Fragt sich nur, ob sie die Mediengeister, die – einmal gerufen – sich nun immer rascher verselbstständigen, in die Schranken weisen können. Zweifel sind angebracht, denn unsere Mediengesellschaft ist nicht nur viel komplexer, um mit einem Zauberspruch alles wieder ins Lot bringen zu können, sondern Kinder wie Jugendliche stehen oftmals hilflos vor den Mediengeistern.

Oder zähmen etwa Kindergarten, Schule und Politik die Mediengeister? Zu klären wäre, ob diese Institutionen über den notwendigen Überblick, die Kompetenzen, das Know-how und die richtigen „Zaubersprüche“ verfügen, um alles wieder geradebiegen zu können. Denkbar wäre ebenfalls, dass es gar keinen „Zaubermeister“ gibt. Diese Vorstellung wäre nicht nur ausgesprochen pessimistisch, sondern würde uns vor Augen halten, was in unzähligen Science-Fiction-Filmen gezeigt wurde: Medien regieren die Welt, Roboter beherrschen die Menschheit, Technik macht uns zu Sklaven.

So wie der Zauberlehrling fühlen sich viele: Grundschullehrerinnen, die am Montagmorgen die Horrorfilme von ihren Viertklässlern erzählt bekommen, die diese am Wochenende (im Fernsehen) gesehen haben. Eltern, die keine Zeit für ihre Kinder haben und ihre Kinder stundenlang vor dem Babysitter „Fernsehen“ parken. Jugendliche, die nach immer neuen Gewaltexzessen in Onlinespielen suchen und nur noch in der virtuellen Welt leben. Junge Frauen und Männer, die sich Tag und Nacht in Onlineforen verlieren, um ihre Sehnsüchte und Ängste erzählen zu können, nur: Eine Besserung ist nicht in Sicht. Nicht zu vergessen, extremistische Organisationen, die im Zeitalter des Internets mit aller Macht ihre rassistischen und ideologischen Pamphlete veröffentlichen und junge Menschen anlocken.

Es gibt sie, die hässliche Seite der Medien, in der das Individuum nichts und die Quote alles ist, in der „Deutschland sucht den Superstar“ zum Inbegriff der Fernsehkultur wird, in der die Grenze zur Pornografie immer weiter ausgedehnt wird und sich kaum jemand wundert, wenn zur Primetime um 20.15 Uhr mehrere Krimis, Liebes- und Actionfilme auf den Kanälen gleichzeitig zu sehen sind, Gewalt und nackte Haut inklusive.

Vor diesem Hintergrund sind die Stimmen, die sagen, „Medien schaden der abendländischen Kultur mehr, als dass sie ihr nützen“, ernst zu nehmen. Anscheinend bewertet jedoch nur ein (kleiner) Teil der Gesellschaft diese Phänomene als Problem: Viele Zeitgenossen nehmen die Medien als gegeben, zappen sich unreflektiert durch die Fernsehprogramme oder surfen ohne Sinn und Verstand im Internet. Eine kritische Medienrezeption sieht anders aus! Vielleicht sind deshalb die Erwartungen an die Pädagogik (respektive Medienpädagogik) von Politikern, Eltern, Wissenschaftlern und den Kirchen hoch. Müsste die Pädagogik diese Fragen nicht aufnehmen, analysieren, Konzepte entwickeln und Perspektiven für den verantwortungsvollen Umgang mit Medien aufzeigen? Meistens werden Pädagogen oder Psychologen jedoch erst dann gehört, wenn das „Kind“ sprichwörtlich in den Brunnen gefallen ist.

Wenn ein Jugendlicher ein Attentat – wie jüngst in Winnenden – in einer Schule verübt hat oder durch Bombendrohungen im Internet aufgefallen ist, wird gefragt: Wie konnte so etwas passieren? Warum hat niemand im Vorfeld etwas bemerkt? Wer hat versagt? Wo ist der Zaubermeister?

Aber gibt es nicht auch die andere Seite? Wenn ein Fünftel der Weltbevölkerung das Internet nutzen, geschätzte 1,3 Milliarden Menschen, mehr als 42 Millionen davon in Deutschland, dann ist die Globalisierung der Kommunikation in vollem Gange. Ist es da nicht fast folgerichtig, wenn Computerkenntnisse neben Lesen, Schreiben und Rechnen als vierte Kulturtechnik gesehen werden? Immerhin spielt der Computer eine bedeutende Rolle im Leben der Menschen, wirkt in fast alle Bereiche des sozialen Daseins, die Arbeitswelt, den Konsum, das Familienleben und die Kindererziehung hinein. Manche beklagen, ständig online und rund um die Uhr erreichbar zu sein, entfremde den Menschen von sich. Allerdings bietet das Internet Wirtschaftswachstum und Karrierechancen, dient als kommunikative Drehscheibe, auf der es alles gibt und die alles bietet, die besten Kochrezepte und Reiseangebote, den aktuellen Blockbuster, den preisgünstigen Fernseher, die neuesten Informationen und gigantische Zugriffsmöglichkeiten auf Wissensbestände, nicht zu vergessen die vielen Kontaktmöglichkeiten. All das klingt verlockend und fasziniert nicht nur Kinder und Jugendliche. Im Grunde geht es um folgende Fragen: Sind Fernsehen, Computer, Internet und Handy wirklich zum Vorteil des Menschen (der Kinder) und welchen Preis haben wir dafür zu zahlen? Wie verändern Medien unsere Kultur, die Gesellschaft und die Familien? Und: Wie gelingt es uns, die „Mediengeister“ unter Kontrolle zu halten?

Der amerikanische Medienwissenschaftler und Medienkritiker Neil Postman mahnte bereits in den 80er-Jahren an, dass wir Menschen uns für neue (technische) Möglichkeiten entscheiden und nicht daran denken, welche psychischen und kulturellen Verluste in der Zukunft damit einhergehen.

Die einen sehen einen Gewinn an Freiheit, während die andern den Verfall von Kultur befürchten bzw. diesen schon eingetreten sehen.

Was wir feststellen können: Die digitalen Medien sind „Miterzieher“! Neben Familie, Freundeskreis, Kindergarten und Schule beeinflussen sie die Wertvorstellungen und Verhaltensweisen der Heranwachsenden. Kindheit und Medien sind eng miteinander verwoben.

Die Frage, wer instrumentalisiert eigentlich wen?, bedarf daher einer dringenden Klärung.

Für nicht wenige Eltern sind Fernsehen, Handy und Internet die „Bösen“, denen ihre Kinder schutzlos ausgeliefert sind. Nun sind die Eltern aber keine in sich homogene Masse, auch sie nutzen Medien sehr verschieden und leben in unterschiedlichen Medienwelten. So wenig wie es „die Medien“ gibt, genauso wenig gibt es „die Kinder“ und „die Eltern“. Und was für die einen passend und gut ist, ist für die anderen zu viel und schädlich.

Wie Kinder und Jugendliche aufwachsen, wie sie mit Medien umgehen, welche sie bevorzugen, wie ihre Medienausstattung ist, versuche ich im ersten Teil zu klären.

Wenn Kinder und Jugendliche täglich mit Medien umgehen, wie steht es dann mit den Medienwirkungen und wie verarbeiten Kinder die Bilder eigentlich? Diese Fragen werden im zweiten Teil diskutiert.

Telefonieren, kurze Nachrichten schreiben oder Videos aufnehmen, Handys sind Multimediawerkzeuge mit vielen verschiedenen Funktionen und Anwendungen. Doch auch die schöne Welt der Handys bekommt zunehmend Risse, wenn von Menschen Videos aufgenommen werden, die sie in peinlichen Situationen zeigen und diese ohne deren Zustimmung ins Internet gestellt werden. Das sind einige der Themen, die im dritten Teil besprochen werden.

Computer können zum Spielen oder Arbeiten eingesetzt werden. Während viele Eltern zumindest die Nutzung des Computers als Arbeitsinstrument einigermaßen überschauen können, herrscht im Bereich der Spiele und des Internets häufig große Ratlosigkeit und Unkenntnis, fehlt nicht nur den Eltern, sondern auch Lehrern und Pädagogen das notwendige Know-how. Dies ist Thema des vierten Teils.

Welche Auswirkungen haben die Anwendungen des Webs 2.0 auf unsere Kinder? Ist das alles nur eine Marketingstrategie, die mehr verspricht, als sie hält, oder sieht so die glorreiche Zukunft des Internets aus? Inwieweit die neuen Kommunikationsangebote, die uns das Web 2.0 bietet, mehr Schein als Sein sind und wie wir diese sinnvoll nutzen können, werde ich im fünften Teil darstellen.

Bei Jugendlichen sind Computerspiele und Musikdownloads besonders beliebt. Was einerseits viel Spaß bereitet, wird zum Problem, wenn Musik illegal heruntergeladen und das Urheberrecht verletzt wird. Häufig gehen Kinder und Jugendliche zu sorglos mit dem Medium Internet um, geben persönliche Daten – etwa beim Chatten oder in Foren – preis. Im Internet gibt es viele Seiten mit rassistischen oder pornografischen sowie gewaltverherrlichenden Inhalten. Kindern und Jugendlichen fehlt nicht selten der „kritische Blick“. Die „hässliche“ Seite des Internets thematisiere ich im sechsten Teil.

Ich gehöre nicht zu den Kulturpessimisten, die in der Mediennutzung primär die negativen Gefahren sehen. Verbote und Filtersoftware sind für mich nicht die Instrumente für eine erfolgreiche Medienerziehung von Kindern und Jugendlichen. Vielmehr plädiere ich für einen offenen und aufgeklärten Umgang mit den Neuen Medien. Kinder und Jugendliche müssen über die bestehenden Gefahren aufgeklärt werden, ihre berechtigen Fragen müssen beantwortet werden und sie sollten zu einem sicherheitsbewussten Verhalten motiviert werden. Diese medienpädagogischen Herausforderungen stelle ich im siebten Teil dar.

Ich möchte an dieser Stelle einigen Personen herzlich danken. Robert Henn, meinem Studienkollegen und lieben Freund, danke ich für Durchsicht, Korrektur und wichtige inhaltliche Hinweise. Meine Tochter Jana Holtkamp hat mich auf manche Ungereimtheiten hingewiesen. Meinen Töchtern Lea und Miriam habe ich – ohne dass sie es immer wahrgenommen haben – über die „Schulter“ geschaut und damit einiges über praktische Mediennutzung erfahren. Monika Holtkamp hat mir nicht nur den notwendigen zeitlichen Freiraum gewährt, der für ein solches Projekt zwingend notwendig ist, sondern das Manuskript korrigiert und mir in vielen Gesprächen Impulse und Anregungen gegeben. Dem Verlag Butzon und Bercker danke ich für die freundliche Unterstützung und Realisierung.

Jürgen Holtkamp

1. Kinder und Jugendliche in der Mediengesellschaft

Es waren Kinder und Jugendliche, die dafür sorgten, dass die Computer in die Privathaushalte kamen. Ende der 1970er-Jahre kamen die ersten Spielkonsolen auf den Markt, mit denen am Fernseher gespielt werden konnte. Weil die Spiele einfach aufgebaut, leicht zu bedienen und zu steuern waren, fanden sie reißenden Absatz. Ein Grund, diese Konsolen zu kaufen war, dass man erstmals nicht mehr passiv vor dem Fernseher saß, sondern aktiv in das Spielgeschehen eingreifen konnte. Die Spiele selbst waren kinderleicht, auch der Anschluss an den Fernseher einfach, und weil dieser bereits Bestandteil der „Wohnzimmerkultur“ war, konnten Kinder und Jugendliche dieses neue Medium intensiv ausprobieren.

Es war daher folgerichtig, dass die ersten Spielcomputer für ein jugendliches Publikum entwickelt wurden. Mehr als 20 Jahre sind seitdem vergangen und die Medienentwicklung hat viele neue Gerätetypen hervorgebracht, die den Familienalltag beeinflussen. Kinder wachsen mit verschiedenen Medien auf, ihre Biografie ist geprägt durch vielseitige Medienerfahrungen, angefangen vom Bilderbuch im Kindergarten, den Kindersendungen im Fernsehen bis zu Computer, Internet und Handy. Die Medien sind Massenprodukte, zu denen immer mehr Kinder Zugang haben. Kinder sind neugierig, erleben, wie ihre Eltern spannende Fernsehsendungen sehen, am Computer arbeiten, und weil ihre Eltern die ersten Vorbilder sind, möchten sie ihnen nacheifern.

„Medienkids“

Wie unterschiedlich Kinder im 21. Jahrhundert aufwachsen und wie verschieden sie Medien nutzen, zeigen die beiden folgenden fiktiven Medienbiografien.

Anna ist 14 Jahre alt und geht in die 8. Klasse. Sie besitzt einen eigenen Computer mit Internetanschluss, hört ihre Lieblingsmusik vom MP3-Player, der ihr täglicher Begleiter ist. Kommt Anna von der Schule, schaltet sie den Computer an und fährt ihn erst kurz vor dem Schlafen wieder herunter. Wie viele ihrer Freundinnen ist sie dauerhaft online, zu ihren Lieblingsseiten im Internet gehört „SchülerVZ“. Vokabeln lernt sie mit Hilfe eines Lernprogramms, im Internet recherchiert sie mit Hilfe von Google, ihre Hausaufgaben in Deutsch oder Geschichte schreibt sie mit einer Textverarbeitungs-Software. Für Erdkunde bedient sie sich des Programms „Google-Earth“. Die regelmäßig besuchten Lieblingswebseiten hat Anna als Favoriten in ihrem Browser gespeichert. Unterwegs ist Anna über das eigene Handy nicht nur ständig erreichbar, sie verschickt auch viele SMS an ihre Freunde. Gibt es technische Probleme mit dem Computer, fragt sie entweder ihre Schulkameraden oder die Eltern. Anna spielt gerne Simulationen am Computer, schaut amerikanische Serien im Fernsehen, angefangen bei „Desperate Housewives“ über „Gilmore Girls“ bis zu „Navy CIS“, aber auch Arztserien wie „Dr. House“ findet sie klasse.

Die Eltern verfügen über eine akademische Ausbildung und unterstützen die Tochter, wo sie können. Die Einstellung der Eltern zu den Medien ist grundsätzlich positiv, sie achten allerdings auch darauf, dass der Medienkonsum nicht zu Lasten der schulischen Leistungen geht. Die Familie unternimmt gemeinsame Ausflüge und Urlaube, in denen Kultur und Bildung wichtig sind.

Die regelmäßige Lektüre von Zeitung und Büchern gehört nicht nur zum Alltag der Eltern, auch Anna liest viel und gern. Regelmäßig geht sie zur Bücherei, um sich neuen Lesestoff und andere Medien, wie Hörbücher oder DVDs, auszuleihen.

Anna nutzt Medien aktiv, lässt sich von ihnen inspirieren, sie lebt in einem sozialen Klima, in dem Bildung und Wissenserwerb wichtig sind und irgendwie zum täglichen Leben dazugehören. Auch wenn der Computer ihr täglicher Wegbegleiter ist, sind ihr Freunde und soziale Kontakte wichtiger als jedes Computerspiel. Daher lässt sie es sich in ihrem straffen Schulalltag nicht nehmen, AGs in der Schule zu besuchen und der Jugendgruppe der Gemeinde anzugehören. Auch die wöchentliche Klavierstunde bringt sie in ihrer Woche unter.

Der Alltag von Thomas sieht sehr anders aus. Er geht ebenfalls in die 8. Klasse und lebt mit Mutter und Schwester in einer kleinen Wohnung. Die Mutter arbeitet ganztags, die finanziellen Verhältnisse, in denen Thomas aufwächst, sind schwierig. Wenn Thomas von der Schule nach Hause kommt, schaltet er den Fernseher ein und zappt sich durch die Programme, seine Hausaufgaben macht er vor dem „Flimmerkasten“ nebenbei. Er schaut gerne Actionserien, die auf den privaten Sendern laufen. Der Fernseher ist ständiger Begleiter in seinem Alltag. Gerne spielt er Playstation. Wenn die Mutter abends von der Arbeit zurück ist, muss sie den Haushalt organisieren und ist danach erschöpft von ihrem anstrengenden Arbeitstag.

Thomas hat einen Computer, auf dem er am liebsten Actionspiele mit seinem Freund spielt. Er hat auch schon diverse „verbotene“ Spiele ausprobiert. Bücher liest er nicht und den Gang in die Bücherei spart er sich ebenfalls, da es dort die Computerspiele, die ihn faszinieren, nicht gibt. Die Schule mag Thomas nicht, es fällt ihm schwer, die Inhalte zu verstehen, und da seine Mutter ihm in vielen Fällen auch nicht weiterhelfen kann, sind die Noten gerade so ausreichend.

Die Beispiele „Anna und Thomas“ zeigen: Die Medienwelten, in denen beide groß werden, sind ziemlich unterschiedlich und die Bildungschancen der beiden Kinder ungleich.

Dazu, wie Menschen leben, wie sie ihre Freizeit gestalten, welche Wertmaßstäbe sie ihren Handlungen zugrunde legen, gibt es eine Reihe von Untersuchungen. Zu den bekanntesten gehört das Modell der Sinus-Milieus (www.sinus-sociovision.de), das zehn Milieus benennt. Darin werden Menschen zusammengefasst, die sich in Lebensauffassung und Lebensweise ähneln. Es sind Gruppen von „Gleichgesinnten“ in der Grundorientierung. In einem Raster lassen sich die Milieus nach der sozialen Lage (Einkommen, Bildung und Beruf) und nach der Grundorientierung von traditionell bis postmodern einteilen. Die Grundorientierung wird in drei Bereiche unterteilt, den traditionellen Werten, der Modernisierung und der Neuorientierung. Zum besseren Verständnis stelle ich die Milieus kurz dar.

Konservative: Etwa 5 Prozent der Bevölkerung gehören zu diesem Milieu, das dem deutschen Bildungsbürgertum zugeordnet wird, und Dreiviertel der Milieuangehörigen sind über 50 Jahre alt. Humanistische Bildung, Pflichterfüllung und das Pflegen der Traditionen sind die Merkmale der Konservativen. Sie kritisieren den Verfall von Sitte und Anstand und legen großen Wert auf die Familie. Sie sind bzw. waren beruflich erfolgreich, verfügen teilweise über ein großes Vermögen, schätzen die Oper, das Theater und genießen ihre Freizeit bzw. den Lebensabend.

Traditionsverwurzelte: Mit 14 Prozent die zweitgrößte Gruppe. Sie zählen zur Kriegs- bzw. Nachkriegsgeneration, in der Pflichterfüllung, Disziplin und Bescheidenheit wichtige Werte der Gesellschaft sind. Ein Großteil dieser Personen sind Rentner (Altersdurchschnitt 70 Jahre), die aus einer „kleinbürgerlichen Welt“ (Arbeiter, kleine Angestellte, Bauern) stammen. Nachbarschaftspflege und Traditionen sind ihnen sehr wichtig. Sie haben immer gespart, sind für sich selbst anspruchslos, unterstützen ihre Kinder und Enkelkinder aber sehr.

DDR-Nostalgische: Sie sind resigniert, gehören zu den Verlieren der deutsch-deutschen Vereinigung, halten an preußischen Tugenden fest und an altsozialistischen Vorstellungen, die alte DDR-Zeit wird von ihnen verklärt. Zu Zeiten des SED-Staates waren sie in den Führungskadern. Heute sind sie entweder arbeitslos oder üben einfache Berufe aus. Sie sind sparsam und kritisieren den westlichen Kapitalismus.

Etablierte: Sie haben hohe Ansprüche an das Leben, sehen sich als gesellschaftliche Elite, sind überaus selbstbewusst, gebildet und grenzen sich von anderen Milieus bewusst ab. Sie machen Karriere, übernehmen Führungsverantwortung.

Sie mögen Kunst und Kultur, exklusive Reisen und sind überaus aufgeschlossen gegenüber technischen Innovationen. Das Einkommen ist entsprechend ihrer Ausbildung teilweise sehr hoch.

Bürgerliche Mitte: Mit 15 Prozent stellt die bürgerliche Mitte das größte Milieu dar. Der Name ist Programm: Personen dieses Milieus leben den „Mainstream“, möchten sich beruflich und sozial etablieren und verfügen über einen ausgeprägten Hang zu harmonischen Verhältnissen. Neu hinzugekommen ist in diesem Milieu die Abstiegsangst, den erreichten finanziellen und sozialen Status nicht halten zu können. Sie möchten ein angenehmes und komfortables Leben führen. Sport, Vereine und Beschäftigung mit den Kindern sind ihre Merkmale. Sie haben mittlere Bildungsabschlüsse und ein durchschnittliches Einkommen.

Konsummaterialisten: Es handelt sich dabei um die konsumorientierte Unterschicht. Die finanziellen Mittel sind sehr beschränkt, viele Angehörige dieses Milieus leben fast ausschließlich gegenwartsorientiert. Sie fühlen sich als benachteiligte Gruppe und ihre Wünsche stehen in einem eklatanten Gegensatz zu ihren finanziellen Möglichkeiten. Fehlende Schul- und Ausbildungsabschlüsse sowie ein hoher Anteil von Arbeitslosen kennzeichnen die soziale Lage dieses Milieus. Fernsehen, Unterhaltung und Spaß gehören zu den wichtigsten Freizeitinteressen.

Postmaterielle: Sie sind sehr gut gebildet, ihre Grundhaltung ist tolerant und liberal.

Dieses Milieu denkt in globalen Zusammenhängen, setzt sich kritisch mit der Globalisierung auseinander, engagiert sich für erneuerbare Energien und ist politisch. Sie sind erfolgreich im Beruf, legen Wert auf individuelle Freiräume. Weiterbildung sehen sie als lebensbegleitende Herausforderung. An Kunst und Kultur sind sie sehr interessiert. Auf Grund ihrer hohen Bildungsabschlüsse verfügen sie über ein hohes Einkommen, kaufen selektiv und umweltbewusst.

Moderne Performer: Sie sind eine junge Elite, die ein intensives Leben mit vielen Optionen führt, mit dem Ziel, ihre eigenen Leistungsgrenzen zu erfahren. Multimedia ist ihre Lebensphilosophie. Sie sind selbstständig und wollen materiellen Erfolg. Kommunikationstechnologien sind integraler Teil ihres Lebens. Ihr Konsumverhalten ist multikulturell, sie legen Wert auf das „Besondere“. Der Altersdurchschnitt liegt unter 30 Jahre, verbunden mit einem sehr hohen Bildungsniveau.

Experimentalisten: Der Name ist Programm; sie experimentieren mit Lebensstilen, Szenen und Kulturen, der Altersdurchschnitt ist unter 30 Jahre. Zwänge lehnen sie ab und werden daher auch als „Lifestyle-Avantgarde“ bezeichnet. Ihnen sind beruflicher Erfolg und sozialer Status weniger wichtig. Sie nutzen Multimedia intensiv, spielen Video- und Computerspiele, engagieren sich aber auch sozial. Kommunikation und Unterhaltung sind ihre Triebfedern, sie sind ständig unterwegs, um etwas Interessantes zu entdecken. Sie haben gehobene Bildungsabschlüsse, ein durchschnittliches Einkommen und geben das Geld für Ungewöhnliches (z. B. Extremsportarten) aus.

Hedonisten: Sie sind die junge spaßorientierte Unterschicht. Fun und Action sind die treibenden Kräfte dieses Milieus. Auffallend ist, dass ihre Alltagsrealität in krassem Widerspruch zu ihrem Lebensstil steht, sie sind nicht selten aggressiv. Für Fernsehen, Computerspiele, Fußball sowie Kneipenbesuche interessieren sie sich besonders. Weil sie gerne und viel konsumieren, steht bei ihnen die Multimedia-Ausstattung ganz weit oben auf der Einkaufsliste. Sie verfügen über einfache bis mittlere Bildungsabschlüsse, nicht selten sind sie ohne abgeschlossene Berufsausbildung.

Die Sinus-Milieus sind ein Erklärungsansatz für gesellschaftliche Entwicklungen und stellen eine Momentaufnahme der Gesellschaft dar, ohne den Anspruch zu erheben, wie die Gesellschaft sein sollte. Damit können gesellschaftliche Veränderungen besser eingeordnet und gedeutet werden. Sie zeigen, in welchen finanziellen Verhältnissen die Menschen leben, an welchen Werten sich die Menschen orientieren und welche Medien sie nutzen.

Anna und Thomas wachsen in verschiedenen Milieus auf. Anna dürfte in einem postmateriellen Milieu oder der bürgerlichen Mitte groß werden, während Thomas in einem konsumorientierten Milieu lebt. Anna nutzt Medien aktiv für die eigene Bildung, wie sie es von ihren Eltern vorgelebt bekommt, derweil hinkt Thomas fast hoffnungslos hinterher, nutzt Computer und Fernsehen fast nur zum Spielen.

Aufwachsen in der Mediengesellschaft

Globalisierung, Mobilität, Arbeitslosigkeit, gesellschaftlicher Wandel oder Enttraditionalisierung und Individualisierung sind Ausprägungen hoch entwickelter Gesellschaften, die massiv in die Familien hineinwirken und diese unter einen enormen Anpassungsdruck setzen. Familienleben ist heute völlig anders, offener gegenüber der Umwelt, die Familienbande werden lockerer und die Familie verliert ihre Exklusivität. Die Medien- und Erlebnisgesellschaft hat die Familien erreicht. Auch in ländlichen Regionen sind durch Satellitenschüsseln Fernsehserien wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ ebenso bekannt wie in städtischen Gebieten. Die ehemalige Unterscheidung zwischen Stadt und Land lässt sich so nicht mehr aufrechterhalten.

Ist es da verwunderlich, wenn der Einfluss der Medien auf die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen zunimmt? Gleichsam stellt sich nicht nur bei den Eltern ein beklemmendes Gefühl ein, wenn Medien (zu) intensiv genutzt werden.

Führen die vielen Gewaltdarstellungen, denen Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind, nicht zu einer Desensibilisierung? Gibt es nicht doch einen Zusammenhang zwischen den Gewaltsendungen in Film, Fernsehen und Internet und den täglichen Gewaltdelikten auf Deutschlands Schulhöfen? Täuscht etwa der Eindruck, dass Computerspielen und Internet ein hohes Suchtpotential innewohnt? Die Liste der offenen Fragen angesichts einer Medienwirklichkeit, die alle Kinder und Jugendlichen erreicht, und zwar überall in Deutschland, ist noch längst nicht beendet und zeigt, wie nah Segen und Fluch der Medien in der Kindererziehung beieinanderliegen können.

Es gibt Eltern, die deshalb versuchen, ihre Kinder in einer „medienfreien Zone“ aufwachsen zu lassen, weil sie den Einfluss der Medien auf ihre Kinder als schädlich ansehen. Das Problem dabei ist, dass dies in der Mediengesellschaft schlichtweg unmöglich ist. Selbst wenn Eltern Radio, Fernsehen, Computer und Handy aus dem privaten Umfeld verbannen, so sind diese in anderen Bezügen, bei Freunden, Nachbarn und in der Schule, vorhanden, werden gehört, gesehen und benutzt.

Für Professor Bernd Schorb müssen Medien als ein „Faktor im Sozialisationsprozess“ angesehen werden. Damit meint er, dass durch die „Interaktion“ mit Medien Werte, Normen und das Verhalten von Kindern verändert werden können. Kinder erfahren etwas über die Welt, ohne je an diesem Ort gewesen zu sein. Dokumentationen über das Leben in der Sahara, das Abschmelzen des ewigen Eises oder die Artenvielfalt des Amazonas führen dazu, dass Menschen etwas über ferne Welten und Orte erfahren. Das „Gesehene und Gehörte“ muss verarbeitet, in einen Zusammenhang zum eigenen Leben gebracht und „kontextualisiert“ werden. Allerdings sollte dabei nicht vergessen werden, dass die „Prägekraft“ für die Erfahrung längst nicht so hoch ist wie eine Lebenswelt, die mit allen Sinnen erfahren werden kann. Wir können weder die Kälte des Eises noch die Hitze der Sahara fühlen und die verschiedenen Pflanzen nicht anfassen oder riechen. Mediale Erfahrungen können nie „primäre“ Erfahrungen werden, was Eltern und Pädagogen dazu verleitet, mediale Erfahrungen als „minderwertig“ zu bezeichnen. Natürlich haben diese medialen Erfahrungen auch ihre Vorteile, denn nicht jeder möchte die Hitze der Sahara oder die Kälte des ewigen Eises spüren. Und die meisten schauen sich Krokodile, Schlangen und Spinnen lieber im Fernsehen als in der Natur an.

Mediale Erfahrungen sind immer selektiv, weil sie von Menschen erzeugt werden. So sind Fernsehbilder Momentaufnahmen. Redakteure schneiden Bilder, Musik und Töne nach eigenen Kriterien, betonen bestimmte Inhalte, erzeugen Stimmungen und ziehen eigene Schlussfolgerungen, um bei den Fernsehzuschauern beispielsweise Betroffenheit auszulösen oder zu Aktionen aufzurufen. Objektive Fernsehberichterstattung gibt es im eigentlichen Sinne nicht, auch wenn Journalisten immer danach streben sollten, so objektiv wie möglich zu berichten und eigene Bewertungen eindeutig zu kennzeichnen.

Die Amokläufe von Robert S. am 26. April 2002 in Erfurt, von Sebastian B. am 20. November 2006 in Emsdetten und von Tim K. im März 2009 führten zu einer Diskussion über die Wirkung der neuen Medien auf Kinder und Jugendliche. Immer war der „Schuldige“ schnell gefunden: Es waren die Computerspiele, die Jugendliche zum Töten animierten.

Die Argumentation ist einfach und daher populär und weit verbreitet, zudem klingt sie in den meisten Ohren schlüssig. Dass eine solche Argumentation es sich zu leicht macht und der wissenschaftlichen Diskussion nicht entspricht, ist dann nicht mehr wichtig, denn das Problem ist doch – zumindest auf den ersten Blick – gelöst: Schuldig an zunehmender Gewaltbereitschaft von Jugendlichen seien Computerspiele, die Actionfilme, das Internet – die Medien. Auch Pädagogen verschließen sich nicht dieser Argumentation. Ist es nicht so, dass bei dieser Art von Computerspielen doch was hängen bleiben muss? Wer solche Spiele konsumiert, bei dem muss doch etwas nicht in Ordnung sein ...

Das stimmt übrigens, bei den Tätern war in der Tat etwas nicht in Ordnung. Der ausschließliche Verweis auf die Computerspiele ist aber falsch und geht weit hinter den Stand der Verhaltensforschung zurück.

„Welches sind die Motive der Täter?“ und „Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen?“ sind Fragen, die geklärt werden müssen. Notwendig ist die genaue Betrachtung des einzelnen Falles. Gespräche mit Eltern, Verwandten, Lehrern und Mitschülern sowie Internetbekanntschaften ergeben annähernd ein Profil vom Charakter der Person, ihren Sorgen, Nöten, Problemen und Ängsten. Das aber ist in der schnelllebigen Mediengesellschaft und dem „Bildzeitungsjournalismus“ uninteressant. Da ist die Bildüberschrift „Am Computer übten sie das Töten“ (http://www.bildblog.de/tag/Computerspiele) doch mediengerechter.

„Was macht Sozialisation aus?“ und „Wie vollzieht sich Sozialisation?“ sind Fragen, die für das Verständnis des Aufwachsens von Kindern in einer durch Medien geprägten Welt maßgeblich sind. Sind unsere Kinder der Medien-Sozialisation nun hilflos ausgeliefert? Und wenn nicht, wie und welche „Selbstheilungskräfte“ verbergen sich in den Kindern?

Dass es einen sozialen Wandel in den vergangenen 40 Jahren gab, der einschneidend alle Lebensbereiche erfasst und verändert hat, ist offensichtlich. Ulrich Beck hat diesen Wandel in seinem Buch „Risikogesellschaft“ mit Individualisierung und Enttraditionalisierung beschrieben. Er meint damit, dass die traditionellen Formen von Orientierung und Bindung nachlassen, Normen und Werte sich verändern und auf die Sozialisationsinstanzen Familie, Schule, Nachbarschaft auswirken. Auf der einen Seite, so Beck, eröffnen sich für das Individuum neue Möglichkeiten und Perspektiven, es kann selbst (individuell) entscheiden, was und wann es etwas macht, wo es sich engagiert, wie es sein Leben führen möchte. Andererseits hat diese „neue Freiheit“ auch ihren Preis, weil es den geschützten Raum der Familie verlässt, Sicherheiten verliert, sich entscheiden und wählen muss, wie es das Leben gestaltet.

Der Begriff der „Selbstsozialisation“ bringt es auf den Punkt, allerdings zeigt sich auch, dass nicht alle Heranwachsenden in gleicher Weise über diese Form der Selbstsozialisation verfügen, nicht alle sich selbst steuern können und z. T. die neu gewonnene Freiheit ihnen mehr Probleme bereitet als Vorteile bietet. Sie sind überfordert und es gelingt ihnen nicht, mit der gewonnenen Freiheit verantwortungsvoll umzugehen. Für Kinder der Mediengesellschaft hat dies gravierende Folgen: Die Kindheit ist kein geschützter Raum, wie manche glauben, und die Anpassungsfähigkeit von Kindern wird nicht selten überstrapaziert.

Die Wohnsituation vieler Heranwachsender ist beengt, es gibt zu wenig geeignete Spielplätze, sie haben zu wenig Bewegung und ihre Ernährung ist nicht ausgewogen. Aufgrund der Berufstätigkeit der Eltern und die fehlende Betreuung sind sie nicht selten bis abends sich selbst überlassen, eine mögliche Betreuung durch die Großeltern ist durch weite räumliche Entfernungen nicht möglich. Das alles sind Faktoren, die sich negativ auf die Sozialisation der Kinder auswirken können.

Gleichzeitig verfügen Kinder und Jugendliche über hohe materielle Ressourcen, sind längst im Blickpunkt der Werbung als wichtige Zielgruppe erkannt, werden mit Kaufanreizen auf allen Sendern, im Radio und Internet überschüttet. Die Shell-Studie beschreibt die heutige Jugend als „Generation unter Druck“ (vgl. Shell-Studie, 2006). Die eigene Identität muss individuell ausgestaltet, der Alltag nicht gelebt, sondern „inszeniert“ werden, selbst der Geburtstag wird hier zum „Event“. Die Normalbiografie wird zur Bastelbiografie als quasi lebenslanger Prozess.

Eine Lebensplanung mit Ausbildung/Studium, sicherem Arbeitsplatz und der Familiengründung wird unter diesen Vorzeichen immer unwahrscheinlicher, die Realität sind mehrere Berufswechsel und Umzüge, die Karriere verläuft in Wellen, Arbeitslosigkeit trifft auch Hochqualifizierte und die Familienphase beginnt – wenn überhaupt – nach dem dreißigsten Lebensjahr.

Der „flexible Mensch“ stellt das neue Leitbild dar, so der amerikanische Soziologe Richard Sennet. Im flexiblen Kapitalismus sind nur anpassungsfähige und reaktionsschnelle Menschen erfolgreich. Diese Form des neo-liberalen Kapitalismus bringt massive Nachteile für alle, die sich nicht so schnell wandeln können, und verstärkt die bereits bestehenden Ungleichheiten in der Gesellschaft.

Schon heute sind die Folgen für die Gesellschaft nicht nur für alle Menschen sichtbar, sondern führen bei den Heranwachsenden zu Verunsicherungen. Sie stehen unter Druck, den ständig wechselnden Bildungsanforderungen gerecht werden zu müssen, die von Staat und Wirtschaft gesetzt werden und sich bereits in den Sozialisationsinstanzen Kindergarten und Schule massiv auswirken. Die Einführung einer Fremdsprache in der Grundschule, die Verkürzung der Gymnasialzeit auf 8 Jahre und die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor/Master-Abschlüsse sind mehr als nur Indizien für die Veränderungen. Dass dabei den Medien, vor allem dem Internet, eine besondere Rolle zugedacht wird, zeigen die Entwicklungen von Lernumgebungen im Internet.

Zusammenhänge schnell erfassen, Ideen formulieren, Methoden entwickeln, um Probleme zu lösen, und das in einer kurzen Zeit und als Teamleistung, sind einige der Kompetenzen, die unter Einbeziehung von PC und das Internet gefördert werden sollen.

Die Übergänge von der Kindheit zur Jugendzeit und zum Erwachsenensein sind fließend. Weil diese Grenzen heute nicht eindeutig definiert werden können, wird es zunehmend schwieriger, den genauen Übergang von der Kindheit in das Jugendalter festzusetzen. In diesem Sinne hat Neil Postman durchaus Recht, wenn er vom „Verschwinden der Kindheit“ spricht. Hinzu kommt, dass die Kinder durch die Medien mit Themen konfrontiert werden, die typisch für das Erwachsenensein (z. B. Sexualität) sind. Es wird damit für die Eltern immer schwieriger, ihre Kinder langsam auf diese Themen vorzubereiten.

Kinder wachsen in einer Mediengesellschaft auf. Was so lapidar klingt, vermittelt eine harte Botschaft, sich mehr oder weniger bedingungslos den Anforderungen der Leistungsgesellschaft stellen zu müssen. Die Familie wird in diesem Sinne zum „Erfüllungsgehilfen“ der technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Zu ihrem Nachteil gereicht es, dass sie die Rahmenbedingungen nicht steuern, sondern höchstens die Folgen abmildern kann.

So nutzen unsere Kinder Medien

Die heutige Elterngeneration erzieht ihre Kinder mehrheitlich in einem toleranten und freiheitlichen Klima, entsprechend groß sind die Freiheitsräume der Kinder. Das honorieren die Kinder und würden ihre eigenen Kinder später ähnlich erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Insgesamt lässt sich das Verhältnis der beiden Generationen zueinander als harmonisch bezeichnen.

Die gewonnenen Freiheitsgrade kommen den Kindern auch bei der Mediennutzung zugute. Während die heutige Kinder- und Jugendgeneration multimedial aufwächst, steigt die mediale Kluft zu den eigenen Eltern. Letztere sind nicht mit Internet, Handy und Co. aufgewachsen, lernten den Umgang mit dem Computer oft im Zuge ihrer Erwerbstätigkeit und kennen vielfach die neuen Medienentwicklungen nicht so gut wie ihre Kinder. Entsprechend schwierig ist es für sie abzuschätzen, welche Folgen die Medien für ihre Kinder haben könnten, und sie wissen nicht, mit welchen medialen Inhalten sich ihre Kinder auseinandersetzen. Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, stelle ich in Auszügen die Ergebnisse der KIM-Studie 2006 (Kinder und Medien-Basisstudie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest, die regelmäßig seit 1999 den Stellenwert der Medien im Alltag der sechs- bis 13-Jährigen erhebt), dar.

Um das familiäre Umfeld berücksichtigen zu können, wurden die Kinder mündlich befragt und die Mütter mit einem Fragebogen einbezogen.

Die Kinder wachsen in einem multimedialen familiären Umfeld auf. In den Haushalten gibt es fast flächendeckend Fernseher, Telefon, Handy und Radio. 89 Prozent der Familien in Deutschland besitzen einen Computer, 81 Prozent einen Internetanschluss. Kassettenrekorder, Spielkonsole, Digitalkamera, Plattenspieler, MP3-Player gibt es in weit mehr als der Hälfte der Familien in Deutschland (vgl. KIM-Studie, 2006, S. 7).

Was die Medienausstattung anbelangt, verfügen Familien mit einem Nettoeinkommen von unter 1.500 Euro über deutlich weniger Geräte als Familien mit einem Nettoeinkommen von 2.500 Euro monatlich, ausgenommen ist hierbei der Fernseher (vgl. KIM-Studie, 2006, S. 8).

CD-Player, Kassettenrekorder und Radio sind die Geräte, die in den Kinderzimmern stehen, ebenso wie eine tragbare Spielkonsole, über die die Hälfte der Kinder verfügen kann. 44 Prozent der Kinder sind im Besitz eines eigenen Fernsehers, 36 Prozent können ein Handy ihr Eigen nennen und auch der MP3-Player ist zwar bei den Jungen etwas häufiger anzutreffen, gehört aber quasi zum Standardinventar.

Nicht ganz so weit verbreitet sind Computer und Internet, doch das wird sich in den nächsten Jahren sicher ändern.

Bereits 14 Prozent der Mädchen und 21 Prozent der Jungen besitzen einen eigenen Computer und 8 Prozent können im Kinderzimmer das Internet über den eigenen Internetanschluss entdecken.

Das Fernsehen steht mit 97 Prozent an erster Stelle der Freizeitaktivitäten, gefolgt von Freunde treffen (96 Prozent) und Hausaufgaben machen (95 Prozent). Hoch in der Gunst stehen aber auch „draußen und drinnen spielen“ sowie „etwas mit den Eltern oder der Familie unternehmen“.

Bei den Freizeitaktivitäten gibt es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Erstere sitzen häufiger am Computer und spielen öfter Videospiele und sind zudem sportlich aktiver, demgegenüber mögen die Mädchen kreative Tätigkeiten, musizieren, lesen deutlich mehr Bücher und sind tierverliebter.

Die Idole der Kinder kommen aus Film und Fernsehen (z. B. Harry Potter), Sport (z. B. Michael Ballack) und dem Musikgeschäft (z. B. Robbie Williams).

Im Zuge der kindlichen Entwicklung verliert das Fernsehen etwas an Bedeutung (zu Gunsten des Computers), bleibt jedoch das wichtigste Medium.

Die Kinder haben ihre eigenen Vorlieben beim Fernsehen: Gerne sehen sie „Sponge Bob“, „GZSZ“ oder „Verliebt in Berlin“. Bei den Fernsehprogrammen sind Super RTL und KIKA die Lieblingssender, wodurch sich das Fernsehverhalten der Kinder von denen der Jugendlichen unterscheidet.

Der Kinderkanal ist bei Sechs- bis Siebenjährigen der Spitzenreiter, bei Acht- bis Neunjährigen ist es Super RTL und bei 10- bis 11-Jährigen liegen Super RTL und RTL gleichauf.

Neben dem Fernsehen hat das Musikhören in dieser Altersgruppe eine große Bedeutung. Bereits ein Drittel aller Kinder kann auf digitale Musikdateien zurückgreifen. Schon Sechs- bis Siebenjährige hören regelmäßig Radio, nach Einschätzung des „Haupterziehers“ ca. 41 Minuten täglich (vgl. KIM-Studie, 2006, S. 23).

Über Erfahrungen mit dem Computer verfügen knapp über 80 Prozent der Kinder und schon die Jüngeren (Sechs- bis Siebenjährigen) zählen zu den Computernutzern (57 Prozent). Anders als bei den Jugendlichen dominiert der Computer noch nicht den Tagesablauf der Sechs- bis 13-Jährigen, primär wird der Computer zu Hause genutzt, mit zunehmendem Alter auch in der Schule oder bei Freunden (vgl. KIM-Studie, 2006, S. 30). Gerade in dieser Altersgruppe sind die Eltern die Vorbilder ihrer Kinder, daher ist es nicht überraschend, wenn die Kinder in der Regel ihre Kenntnisse im Umgang mit dem Computer primär von ihren Vätern erhalten haben. Genutzt wird der Computer am Nachmittag, wobei es Regeln gibt, die die Kinder einhalten müssen, wenn sie ihn allein nutzen. Mit zunehmendem Alter nehmen die Restriktionen ab.

Zu den Lieblingsbeschäftigungen am Computer gehört das Spielen, 63 Prozent spielen allein, 52 Prozent mit Freunden zusammen. Beliebt sind auch Lernprogramme (43 Prozent) und Surfen im Internet (41 Prozent).

Bei der Nutzung des Computers gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede: Mädchen nutzen den Computer öfter zum Lernen und für die Schule, sie schreiben häufiger Texte oder malen am Computer. Jungen spielen dafür mehr und intensiver Computerspiele.

Den Eltern ist nicht egal, was ihre Kinder am Computer machen, 72 Prozent fragen nach und wollen wissen, welchen Tätigkeiten ihre Kinder nachgegangen sind (vgl. KIM-Studie, 2006, S. 33). Den „Konfliktfall Computer“ gibt es: Wenn Kinder ihn zu lange nutzen, wird seitens der Eltern Kritik laut.

Mit zunehmendem Alter wird das Internet für die Kinder interessanter und wichtiger. Nur eine kleine Gruppe von 14 Prozent ist jeden oder fast jeden Tag im Internet unterwegs, zum festen Bestandteil des Tagesablaufs ist das Internet bei der großen Mehrheit der Kinder noch nicht geworden.

Zwar wird immer wieder auf die Gefährdungen im Internet hingewiesen, dennoch ist ein Drittel der Sechs- bis 13-Jährigen allein im Netz unterwegs, bei 42 Prozent gibt es die gemeinsame Nutzung mit den Eltern (vgl. KIM-Studie, 2006, S. 43).

Was tun Kinder im Internet? Sie suchen in erster Linie nach Informationen, und zwar vorwiegend für die Schule und die sie interessierenden Themen. 40 Prozent aller Kinder spielen allein Onlinespiele, etwa 25 Prozent spielen gemeinsam mit anderen. Sie interessieren sich aber auch für speziell für sie entwickelte Onlineangebote, ein Drittel kann E-Mails empfangen und verschicken.

Die geschlechtsspezifischen Unterschiede treten deutlich hervor: Mädchen suchen öfter als Jungen nach Informationen für die Schule, sind kommunikativer (Chatten, Instant Messanger). Jungen spielen mehr im Internet und laden häufiger Dateien aus dem Internet herunter.

Das Fernsehen nimmt in dieser Altersgruppe einen bedeutenden Stellenwert ein, vorwiegend, um die Langeweile zu vertreiben. Wenn Kinder über Alternativen verfügen (z. B. mit Freunden treffen), ziehen sie dies der Mediennutzung vor (vgl. KIM-Studie, 2006, S. 56).

Die Eltern als Vorbilder der Kinder verfügen über einen beträchtlichen Einfluss auf ihre Kinder, was sich eben auch auf die Mediennutzung auswirkt. Die höchsten Medienwerte bezüglich der Nutzungszeiten bei den Erwachsenen erhalten Radio (126 Minuten) und Fernsehen (150 Minuten).

Welche Medien und wie lange diese genutzt werden, korrespondiert mit dem Bildungsstand der Eltern. So sehen Personen mit Hauptschulabschluss mehr als eine Stunde pro Tag länger fern als solche mit Abitur, während Letztere deutlich länger lesen und den Computer intensiver nutzen (vgl. KIM-Studie, 2006, S. 57).

In der KIM-Studie 2006 wurde ebenfalls gefragt, auf welches Medium die „Haupterzieher“ am wenigsten verzichten können. 58 Prozent nannten den Fernseher, und nur 10 Prozent gaben Bücher oder Zeitschriften an. Eltern wie Kinder entscheiden sich für den Fernseher als „Leitmedium“. An zweiter Stelle kommt bei den Eltern das Buch, bei Kindern ist es der Computer.

Vor dem Hintergrund einer Vorbildfunktion der Eltern wäre es interessant zu erfahren, ob es einen Zusammenhang zwischen den Medienpräferenzen der Eltern und denen der Kinder gibt. Solche Zusammenhänge konnten nachgewiesen werden: Bei Eltern, die eine enge Bindung an den Fernseher haben, ist dies überdurchschnittlich auch bei den Kindern zu beobachten. Dieser Zusammenhang gilt nicht nur für das Fernsehen, sondern auch für den Computer (vgl. KIM-Studie, 2006, S. 60).

Drei Viertel der Eltern meinen, Kinder sollten nur mit einem Filterprogramm im Internet unterwegs sein. Dass die Internetnutzung der Kinder eine Erziehungsaufgabe der Eltern ist, sieht dagegen nur eine Minderheit (14 Prozent), vielmehr wird diese Aufgabe in die Verantwortung der Schule gelegt (vgl. KIM-Studie, 2006, S. 64).

Die KIM-Studie belegt: Am liebsten treffen sich Kinder mit Freunden und spielen draußen. Erst auf den dritten Platz kommt das Medium Fernsehen. Die Studie zeigt auch: Die Dauer der Beschäftigung mit dem Computer steigt mit zunehmendem Alter.

Die Ausstattung der Haushalte mit Medien ist teilweise flächendeckend, die Medien werden von den Kindern genutzt, auch wenn nicht alle Medien in ihrem Zimmer vorhanden sind. Das Leitmedium der Kinder stellt das Fernsehen dar, wobei der Computer vor allen bei den Jungen zusehends beliebter wird.

Jugendliche sind multimedial vernetzt

Ein Bundesdeutscher ab 14 Jahren verbringt täglich etwa 600 Minuten mit Medien, das sind fast 10 Stunden, wobei Medien (z. B. Radio und Computer) parallel genutzt werden.

Die Medien werden über den Tag unterschiedlich intensiv gehört, gesehen oder genutzt. Der Hörfunk hat seinen Höhepunkt am frühen Morgen bis zum Nachmittag, das Fernsehen, obwohl die Programme ganztäglich gesendet werden, seinen Spitzenwert am Abend in der „Primetime“ (zur besten Sendezeit).

Kinder, die nach 1980 geboren sind, werden als „Digital Natives“ bezeichnet. Diese Generation wächst ganz anders mit Medien auf als ihre Eltern. Sie nutzen mehrere Medien gleichzeitig, sind die „Daumenkinder“, die in wenigen Sekunden Textnachrichten (SMS) versenden können, die auf dem einen Ohr den neuesten Song als MP3 hören und mit dem anderen Ohr übers Handy telefonieren. Auf diese Jugendlichen ist die (Medien-)Gesellschaft so nicht eingestellt, weil sie die erste Generation bilden, die in dieser Weise durch Medien sozialisiert ist. Das hängt auch damit zusammen, dass sich das Internet schneller als alle vorangegangenen Medien entwickelte und in der Gesellschaft durchsetzte: Brauchte das Radio etwa 40 Jahre, bis es 50 Millionen Nutzer erreichte, benötigte das Fernsehen dafür etwa 13 Jahre, der Computer immerhin noch 16 Jahre, erreichte das Internet in nur fünf Jahren die Grenze von 50 Millionen.

Das Internet wird nicht nur von der großen Mehrheit der Bevölkerung genutzt, es gibt auch keine repräsentativen Bevölkerungsschichten in Deutschland, die internetfern sind. Ganz praktisch bedeutet dies für die Forschung, dass ein Vergleich zwischen internetnahen und internetfernen Gruppen nicht mehr möglich ist, wenn z. B. Studien durchgeführt werden sollten, die den Einfluss des Internets auf die sprachliche Ausdrucksfähigkeit untersuchen.

Brauchte die Schriftkultur Jahrhunderte, um sich zu entwickeln, und hatte der Geist des Menschen genügend Zeit, sich daran anzupassen, war das Internet so schnell in der Entwicklung, dass nicht nur Linguisten darauf hinweisen, dass die Sprachkompetenz sich verändert – manche sagen nachlässt –, die elektronische Post die Briefkultur ablöst, die Schrift allgemein schludriger wird und offen ist, wie sich unserer Schriftkultur weiterentwickelt.

Und nicht nur Kulturpessimisten weisen darauf hin, dass das Führen eines Internettagebuches (Weblog) noch keine schriftstellerische Leistung darstellt. Viele Internetseiten sind gespickt mit grammatikalischen und sprachlichen Fehlern, trotz oder gerade weil es eine automatische Rechtschreibung gibt. Es zeigt sich ganz deutlich, dass der Computer und das Internet die Schriftkultur entscheidend verändern, aber nicht automatisch zum Besseren.

Zwischen 1980 und 2005 hat sich der Medienkonsum der Deutschen beinahe verdoppelt, von ursprünglich sechs auf mittlerweile zehn Stunden pro Tag.

Die durchschnittliche Lesezeit von 38 Minuten ist in den 80er-Jahren auf 28 Minuten zurückgegangen, seit etwa 15 Jahren jedoch relativ stabil geblieben. Die Tageszeitungen haben ein besonderes Problem: Sie werden in der Mehrzahl von älteren Personen gelesen, junge Menschen lesen Zeitungen wenig oder fast gar nicht. Die durchschnittliche Lesezeit wird nur dadurch stabil gehalten, weil die älteren Bevölkerungsteile die Zeitung länger lesen.

Ganz anders sehen die Zahlen beim Internet aus: Wie kein anderes Medium hat sich das Internet in den vergangenen 15 Jahren flächendeckend verbreitet, übrigens viel stärker als das Fernsehen. Etwa 61 Prozent der Deutschen über 14 Jahren sind bereits Internetnutzer, 42 Prozent surfen täglich (vgl. www.agof.de). Bei den Zielgruppen unter 30 Jahren werden sogar zwischen 90 und 97 Prozent Internetnutzer gezählt.

Die JIM-Studie von 2007 (Jugend, Information, [Multi-]Media) des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Süd-West (www.mpfs.de) belegt, dass Jugendliche den Computer höher einstufen und ihnen dieser wichtiger ist als Fernseher und Printmedien.

Die seit 1998 vom Forschungsverbund durchgeführte JIM-Studie untersucht den Medienalltag von Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren und gibt nicht nur Auskunft über die Geräteausstattung oder zum Freizeitverhalten, sondern fragt auch nach den Medieninteressen der Jugendlichen. In der Studie von 2007 wurde, wie in den Vorjahren, eine repräsentative Stichprobe von 1024 Jugendlichen telefonisch befragt.

Wenn Jugendliche sich nicht mit Medien beschäftigten, dann sind sie am liebsten (86 Prozent) mit Freunden zusammen (vgl. JIM, 2007, S. 6) und betreiben gerne Sport, wobei Jungen aktiver als Mädchen sind. Während Jungen häufiger feiern gehen und öfter selber Musik machen, sind die Mädchen kreativer und gehen auch gerne einkaufen. Nur eine kleine Minderheit (3 Prozent) geht in Bibliotheken oder schreibt Briefe.

Die Medienausstattung der Jugendlichen ist umfassend und umfangreich. Fernseher, Handy, Computer (Laptop) oder CD-Player gibt es in allen Haushalten. Auch Digitalkameras sind flächendeckend im Einsatz, Videorekorder werden zunehmend durch den DVD-Rekorder abgelöst. Damit einher geht eine zunehmende Verbreitung von Flachbildschirmen, die mittlerweile in fast jedem dritten Haushalt zu finden sind (vgl. JIM, 2007, S. 8).

Nicht nur beim Fernsehen gibt es einen Trend vom Zweit- zum Drittgerät, mehrfach gibt es in den Haushalten Mobiltelefone, Computer und MP3-Player.

Die Studie gibt ferner Auskunft darüber, welche Medien den Jugendlichen gehören, die sie frei nutzen können. 94 Prozent der Jugendlichen besitzen ein eigenes Handy, insofern kann man heute von einer Vollversorgung bei den Jugendlichen sprechen, gefolgt vom MP3-Player mit 85 Prozent. Bereits 67 Prozent aller Jugendlichen können sich über einen eigenen Fernseher oder einen Computer freuen. Auch online haben die Jugendlichen in den vergangenen Jahren kräftig aufgeholt, 45 Prozent aller Jugendlichen besitzen einen eigenen Internetanschluss in ihrem Zimmer (vgl. JIM, 2007, S. 10).

In der Geräteausstattung gibt es noch Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Jungen haben öfter einen Fernseher, einen Computer, einen Internetzugang und Spielkonsolen, dafür verfügen Mädchen häufiger über Handy, MP3-Player oder Digitalkamera.

Wer über welche Medien verfügt, entscheidet sich nach dem Bildungsgrad. Fast drei Viertel der Hauptschüler verfügen über einen eigenen Fernseher im Zimmer im Gegensatz zu Gymnasiasten (60 Prozent). Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei den Spielkonsolen (vgl. JIM, 2007, S. 11).

Jugendliche nutzen am häufigsten den Fernseher (92 Prozent) mehrmals in der Woche, knapp dahinter folgt die Computernutzung (84 Prozent) und Handy sowie MP3-Player (82 Prozent). Mehr als drei Viertel aller Jugendlichen sind regelmäßig im Internet unterwegs. Aber auch Radio hören (74 Prozent) und Kassetten/Musik-CDs (75 Prozent) sind beliebte Beschäftigungen der Jugendlichen. Bücher (37 Prozent), Zeitschriften (31 Prozent), digitale Fotos (23 Prozent) rangieren deutlich dahinter.

Mit zunehmendem Alter verändert sich die Mediennutzung. Bücher und Comics, Hörspiele und Spielkonsolen werden von älteren Jugendlichen weniger genutzt, dafür lesen sie mehr Zeitung und nutzen Computer, Handy und Internet intensiver.

Beim Bücherlesen werden die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Mediennutzung besonders deutlich: 48 Prozent der Mädchen lesen regelmäßig in der Freizeit ein Buch, bei den Jungen sind es nur 28 Prozent (vgl. JIM, 2007, S. 13).

Mädchen interessieren sich für Liebe und Freundschaft, Mode, Handy, Schule und Gesundheitsthemen. Ebenso können sich Mädchen stärker für die Themen Umweltschutz und Kultur begeistern. Jungen begeistern sich mehr für Sport, generell für alles rund um den Computer und interessieren sich mehr für Politik und Wirtschaftsthemen (vgl. JIM, 2007, S. 15).

Was wäre, wenn Jugendliche auf ein Medium verzichten müssten? Hier zeigen sich im Vergleich zu den Kindern deutliche Unterschiede, für die das Fernsehen das wichtigste Medium ist. Bei den Zwölf- bis 19-Jährigen landet das Fernsehen in seiner Bedeutung nur auf Platz vier hinter dem Spitzenreiter Computer, Internet und MP3-Player (JIM 2007, S. 16). Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Jungen entscheiden sich eindeutig für den Computer, Mädchen setzen an die erste Stelle das Internet.

Mit Blick auf die vorangegangene Studie aus dem Jahr 2006 verliert das Fernsehen überproportional.

Der Computer ist also fest im Alltag der Jugendlichen integriert und mehr als die Hälfte der Jugendlichen (53 Prozent) nutzt den Computer für die Schule, dann erst folgen die Computerspiele mit 34 Prozent (vgl. JIM, 2007, S. 33).

Mädchen schreiben mehr und häufiger am Computer für die Schule als Jungen. Computerspiele sind eine Domäne der Jungen, die Hälfte spielt sie mehrmals pro Woche. Mit zunehmendem Alter der Jugendlichen geht das Interesse an den Computerspielen leicht zurück.

Das Bedürfnis nach Kommunikation ist sehr groß, wobei es Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gibt: Ersteren ist die Kommunikation etwas wichtiger.

An erster Stelle stehen bei ihnen die Instant Messanger (72 Prozent), danach folgen E-Mail (60 Prozent) und Chat (30 Prozent). Weniger verbreitet sind bisher die typischen Web 2.0 Anwendungen wie Weblog und Foto- sowie Videoplattformen.

Die Internetnutzung wird auch hier durch den Bildungshintergrund beeinflusst. Gymnasiasten bedienen sich häufiger als Real- oder Hauptschüler des Internets als Recherchewerkzeug (vgl. JIM, 2007, S. 40).

Die weitaus meisten Jugendlichen wissen, was im Internet erlaubt und was verboten ist, ein Fünftel verfügt jedoch über keine eindeutigen Kenntnisse (vgl. JIM, 2007, S. 47).

Die Studie fragte auch nach der Glaubwürdigkeit der Inhalte des Internets. Sieben Prozent der Jugendlichen sind der Meinung, dass die Inhalte im Internet auf ihre Richtigkeit überprüft wurden, und 19 Prozent stimmen dem weitgehend zu. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass ein Viertel der Jugendlichen den Inhalten glaubt und eher unkritisch damit umgeht. Bei den Zwölf- bis 13-Jährigen ist die Zahl deutlich höher, hier meinen 40 Prozent, dass die Inhalte voll und ganz bzw. weitgehend geprüft wurden. Selbst ältere Jugendliche (18 bis 19 Jahre) haben ein großes Vertrauen in die Inhalte des Internets (15 Prozent). Werden diese Zahlen mit den Bildungsgruppen in Beziehung gesetzt, zeigt sich, dass 35 Prozent der Hauptschüler und 30 Prozent der Realschüler von der Richtigkeit der Inhalte überzeugt sind. Bei den Gymnasiasten sind es zwar weniger, mit 20 Prozent aber noch viele (JIM, 2007, S. 48). Bedenklich sind diese Zahlen, weil doch ein recht hoher Anteil sehr unkritisch mit den Inhalten im Internet umgeht.

Computer, Internet und Handy spielen für die Jugendlichen eine wichtige Rolle in ihrem Sozialisationsprozess. Gründe für ihre intensive Nutzung sind Bedürfnisse nach Kommunikation und Beziehung. Aber auch Langeweile und Einsamkeit helfen die Medien zu vermeiden. 36 Prozent der Jugendlichen nutzen das Internet, wenn ihnen langweilig ist, den Fernseher zu 27 Prozent, Bücher werden weder von Jungen (6 Prozent) noch von Mädchen (10 Prozent) als geeignete Mittel gegen Langeweile empfunden (vgl. JIM, 2007, S. 62). Bei Frust und Ärger hört ein Viertel der Jugendlichen Musik. Die Verhaltensweisen von Jungen und Mädchen sind in diesem Fall kaum verschieden, Jungen wenden sich wohl verstärkt dem Internet zu, während Mädchen doppelt so oft wie Jungen ihren Ärger am Telefon oder Handy besprechen (vgl. JIM, 2007, S. 62).

Ganz offensichtlich steht das Internet bei den Jungen im Alter von 12 bis 19 Jahren im Mittelpunkt der Medienaktivitäten. Die Medienwelt der Jugendlichen unterscheidet sich signifikant von denen der Kinder. Das Bedürfnis, sich auszutauschen und zu vernetzen, ist in dieser Altersgruppe besonders stark ausgeprägt. Zwar spielt das Fernsehen im Medienalltag eine sehr wichtige Rolle. Computer und Internet haben aber bereits die Dominanz des Fernsehens in einigen Bereichen gebrochen. Als positiv kann bewertet werden, dass der Computer zusehends als Lernmedium entdeckt und genutzt wird und er immer häufiger für schulische Belange eingesetzt wird. Allerdings zeigt sich auch, wie wichtig die Vermittlung von Medienkompetenz bei Zwölf- bis 19-Jährigen ist.

Die vorgestellten Daten zeigen, wie wichtig eine medienpädagogische Erziehung ist, die hiermit nicht nur angeregt, sondern angemahnt wird, denn dass die „Bilderwelten“ nicht ohne Folgen für Kinder und Jugendliche sind, sollte auch den größten Medienoptimisten nicht verborgen geblieben sein.

2. Wenn „Sex und Crime“ den Alltag beherrschen

Kaum ein Elternabend oder eine Medienfortbildung, bei der nicht nach den negativen Auswirkungen der Medien gefragt wird. „Mein Kind schaut gerne ,Alarm für Cobra 11‘“, „mein Sohn spielt dauernd ,Indiana Jones‘“, „meine Tochter chattet laufend“. „Welche Auswirkungen hat das für meinen Sohn oder meine Tochter?“ Und die selbst gegebene Antwort der Eltern lautet prompt: „Das kann doch nicht gut für mein Kind sein, oder?“

Nicht erst mit der Einführung von Radio, Fernsehen und Internet wird Kritik an den Medien laut. Die Medienkritik durchzieht die gesamte Kultur- und Sozialgeschichte Europas, warnt vor der Übermacht der Technik gegenüber dem Menschen oder sorgt sich um die negativen Einflüsse der Medien auf ethisch-moralische Wertvorstellungen der Gesellschaft (Kulturpessimismus).

Ganz aus der Luft gegriffen sind diese Sorgen sicher nicht. Um zu einer Annäherung zu kommen, ob die Medienkritik Recht hat, hilft die Frage, wie Medien auf Kinder wirken.

Sicher ist: Medien wirken nicht wie Arzneimittel, schnell und direkt, denn anders als beim Arzneimittel werden Medien durch den kognitiven und sozial-moralischen Entwicklungsstand gefiltert. Kognitiv meint, ob die Medienangebote überhaupt genutzt, verstanden und verarbeitet werden können. Eine Grundvoraussetzung, um das Internet nutzen zu können, ist die Lese- und Schreibfähigkeit. Kinder bis zur Mitte der Grundschulzeit können das Internet in der Regel daher aktiv nicht nutzen, weil ihnen diese Fähigkeit fehlt.

Märchen finden jüngere Kinder deshalb spannend und interessant, weil in ihnen die Welt in einem einfachen Schema von Gut und Böse aufgeteilt wird und dieses dem Entwicklungsalter dieser Altersgruppe entspricht. Älteren Kindern ist dieses Schema zu eindimensional, sie bevorzugen komplexere Handlungsstränge, vielschichtige Charaktere und stellen Handlungen infrage.

Die Wirkung von Medieneinflüssen ist nicht nur abhängig vom Alter und dem Entwicklungsstand, sondern auch vom Geschlecht und dem sozialen Umfeld, in dem Kinder aufwachsen. Daily Soaps sind bei Mädchen in der Pubertät deshalb sehr beliebt, weil in ihnen Beziehungsthemen zur Sprache kommen, ein Thema, das für Mädchen in diesem Alter entwicklungspsychologisch von besonderer Bedeutung ist.

Ein wesentliches Kennzeichnen der Pubertät ist die Ablösung vom Elternhaus, die Suche der Heranwachsenden nach ihrem Platz in der Gesellschaft. Sie suchen nach Orientierung, nach ihrer eigenen Identität. Vorbilder, die sie in Musikgruppen, Schauspielern oder Sportlern finden, sind in diesem Alter eine wichtige Einflussgröße auf dem Weg zur eigenen Persönlichkeit. Als weitere Einflussgröße sind die Medien hinzugekommen, die „Stars“ und „Prominente“ hervorbringen und den Kindern Vorbilder anbieten.

Im Verlauf der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen ändern sich Medienvorlieben und Medienthemen erheblich. So kristallisieren sich beispielsweise beim Filmverständnis Vorlieben für bestimmte Genres (z. B. Horrorfilme, Komödien ...) oder Themen (z. B. Liebe, Freundschaft, Karriere ...) heraus, während andere vermieden werden, weil sie entweder angstbesetzt sind oder kein mediales Vergnügen bereiten.

Bei der Klärung der Frage nach den Medienwirkungen auf Kinder und Jugendliche ist dieser „Kontext“ mitzuberücksichtigen. Dies macht es auch für die wissenschaftliche Forschung schwierig, allgemeingültige Aussagen zu formulieren.

Die Suche nach den Medienwirkungen

Schon der Philosoph Platon (geboren 427 v. Chr.) übte Kritik an den Medien, genauer genommen an der Schrift im Griechenland des 4. Jahrhunderts. Er kritisierte, dass durch die Schrift die Fähigkeit verloren gehe, das Niedergeschriebene kritisch zu reflektieren und zu hinterfragen. Diese Kritik setzte sich durch die gesamte Kulturgeschichte hinweg fort: Nach der Erfindung der Buchdruckkunst im 15. Jahrhundert war es nicht die Schrift, sondern Bücher, die in den Fokus der Kritik gerieten. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Kinos öffneten, war das Echo zwar groß, die Kritik ließ jedoch auch hier nicht lange auf sich warten. Aussagen wie „Filme sind Schund“ oder „Sitte und Moral sind gefährdet“ gehörten noch zu den harmloseren Beschimpfungen. Aufzuhalten war die technische Entwicklung indes nicht. Schnell faszinierten die Massenmedien Kino und Radio. Das machte die Medien für die politische Propaganda interessant. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Medien im Dritten Reich „gleichgeschaltet“ und für die nationalsozialistische Propaganda missbraucht.

Studien, die in den Vereinigten Staaten in den 40er-Jahren durchgeführt wurden, meinten nachweisen zu können, dass das Kino vor allem einen negativen Einfluss auf junge Männer ausübe. Diese Untersuchungen sind aus heutiger Sicht zwar nicht haltbar, verfehlten in ihrer Zeit jedoch nicht ihre Wirkung.

Als Beleg für die Medienwirkungen wird immer wieder gerne auf das Hörspiel „Der Krieg der Welten“ von Orson Welles zurückgegriffen, das 1938 in Amerika ausgestrahlt wurde. Die Berichterstattung machte Orson Welles berühmt, die Medien berichteten von einer Massenpanik, als angeblich Außerirdische auf der Erde landeten. Bis heute hält sich diese Legende überaus hartnäckig, obwohl es nachweislich nie eine solche Panik gegeben hat.

Zunächst glaubte man, die Inhalte der Massenmedien würden ungefiltert auf den Rezipienten treffen, wodurch eine direkte Wirkung ausgelöst werden würde. Dahinter steht die Idee eines sehr einfachen Reiz-Reaktionsmodells, wodurch den Massenmedien (Radio und Fernsehen) eine enorme Macht zuerkannt wird, sie Gesellschaften gleichsam steuern könnten. Und obwohl schon relativ früh empirische Untersuchungen belegten, dass dem nicht so ist, hält sich dieses Gedankengut bis heute.

Bereits in den 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts untersuchte der Soziologe Paul Lazarsfeld die Wirkung des Propagandafilms „The Battle of Britain“, um festzustellen, wie der Film auf Soldaten, die in den Krieg ziehen sollten, wirkte.

Der Forscher war enttäuscht. Er war von großen Medienwirkungen durch die Massenmedien ausgegangen: Durch den Film konnten zwar Meinungen und Wissen in gewisser Weise beeinflusst werden, Einstellungen und Motivationen wurden dagegen kaum nachweisbar durch den Film verändert. Durch viele weitere Untersuchungen konnte er diese Erkenntnisse weiter stützen und kam zu dem Ergebnis, dass die Massenmedien bestehende Einstellungen von Menschen lediglich verstärken könnten.

Mit Blick auf den Rezipienten bedeutet dies nun, dass dieser nicht der passive Konsument ist, der eine Fernsehsendung anschaut, einen Radiosender hört und von diesem „gesteuert“ wird, sondern selber aktiv ist, selektiv aus dem umfangreichen Medienangebot auswählt.

Die Ausgangsfrage war nun nicht mehr: Was machen die Medien mit den Menschen? Sondern: Was machen die Menschen mit den Medien? Dieser erste „Nutzenansatz“ stellt den bewusst handelnden Rezipienten in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Der Rezipient entscheidet nach seinen Interessen, nach seinen Vorlieben und Bedürfnissen, wie und wann er die verschiedenen Medienformate nutzt. Während der Nutzung entscheidet er, ob ihm das Medienangebot zusagt und ob er das Angebot ein weiteres Mal nutzen wird.

Dieser Paradigmenwechsel führt zu einem anderen Verständnis von Medienwirkungen. Medien können danach abhängig von den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen verschiedene Funktionen übernehmen. Das bedeutet ferner: Jedes Medium hat seine Besonderheit, die Wirkungen sind verschieden, jedes Medium wird für sich situativ genutzt.

Nun können Medien auch indirekt wirken, wenn sie Themen in den Vordergrund stellen und Kampagnen auf verschiedenen Medienkanälen fahren. Wenn im Fernsehen, Internet, Kino und in den Zeitungen für den neuesten „James Bond“ geworben oder das Privatleben der Prominenten ausgiebig diskutiert und kommentiert wird, wirft das die Frage auf, ob die Medien durch diese bewussten Inszenierungen nicht den Zuschauer, den Zuhörer oder den Internetnutzer gezielt steuern können. Jede Form der Werbung zielt doch genau darauf ab, den „Kunden“ auf ein bestimmtes Thema aufmerksam zu machen. Ein gutes Beispiel ist hier übrigens der letzte Präsidentschaftswahlkampf in den USA. Noch wenige Tage vor der Wahl ließ der Präsidentschaftskandidat Barack Obama zur besten Sendezeit, zur Prime Time um 20 Uhr, auf mehreren Kanälen parallel einen 30-minütigen (!) Werbespot (der zwischen 3,5 und 5 Millionen Dollar kostete) für seine Politik ausstrahlen, um die noch unentschlossenen Wähler für sich und seine Politik zu gewinnen. Könnte es nicht sein, dass im Hintergrund mächtige Medien stehen, die entscheiden, womit sich das Publikum auseinandersetzen soll, und die Medien die „Agenda“, sprich die Tagesordnung der politischen, sozialen und kulturellen Themen bestimmen?

Man kann dem entgegengehalten, dass die Medien ein Spiegelbild unserer Gesellschaft sind und damit das gesellschaftliche Meinungsbild wiedergeben. Bis heute wird diese Frage kontrovers diskutiert.

Bei der Frage nach den Wirkungen müssen wir ebenfalls berücksichtigen, dass die Massenmedien Radio, Fernsehen und Internet zwar grundsätzlich alle Bevölkerungsgruppen ansprechen wollen, faktisch aber unterschiedliche ansprechen. Seit der Entertainer Harald Schmidt 2005 öffentlich vom „Unterschichtenfernsehen“ (vgl. http://www.zeit.de/2005/11/Titel_2fUnterschicht_11.) sprach, geistert eine neue Vokabel durch die Medien; die zugegeben negative Konnotation bringt es auf den Punkt: Gibt es nicht einen deutlichen Niveauunterschied in den Medien? Wen sprechen Medienformate vom Schlage „Deutschland sucht den Superstar“ und „Big Brother“ an?

Sind nicht Teile der Bevölkerung stärker gefährdet als andere, wenn sie bestimmte Medienformate sehen, und setzt sich dieser Trend womöglich im Internet fort? Könnte es nicht sein, dass die Medien zu einer „digitalen Spaltung“, zu einer „Wissenskluft“ in der Bevölkerung beitragen? Ganz nach dem Prinzip: Kinder mit einem höheren sozioökonomischen Status, einem bildungsnahen Hintergrund, nutzen neue Medien intensiver und effektiver für die eigene Fort- und Weiterbildung als Kinder aus bildungsfernen Schichten. Dann hätten Menschen, die einen höheren Schulabschluss, also formal gebildeter wären, bessere Möglichkeiten, ihr Wissen zu erweitern als weniger Gebildete. Ganz abwegig ist der von Harald Schmidt pointiert formulierte Titel „Unterschichtenfernsehen“ nicht, gibt es nicht auch ein „Unterschichteninternet“?

Die dahinterstehende These, die Medien würden die Gesellschaft in informationsreiche und informationsarme Schichten spalten, ist als „Wissensklufthypothese“ 1970 in die Geschichte der Medienwirkungsforschung eingegangen. Demnach würden bildungsaffine Bevölkerungsteile die neuen Medien aktiver für ihre Weiterbildung nutzen als bildungsferne Schichten. Der sozioökonomische Status spielt nach der Wissensklufthypothese eine wichtige Rolle bei der erfolgreichen Informationsaneignung.

Kritisch anzumerken ist, dass die Hypothese der Wissenskluft nicht nur vom Bildungsstatus oder dem Einkommen abhängig gemacht werden kann. Daher hat sie in den folgenden Jahren mehrere Modifikationen erfahren, in dem unter anderem Wissensklüfte nicht nur durch die Art des Themas entstehen, sondern eben auch durch die eigene Motivation, sich inhaltlich mit dem Wissen auseinanderzusetzen. Heute spricht man weniger von der Wissensklufthypothese, sondern eher von der „digitalen Bildungskluft“. Wirtschaftlich besser gestellte Bevölkerungsschichten mit höheren Bildungsabschlüssen nehmen die Informationen aus den Massenmedien nicht nur besser als Bevölkerungsteile mit niedrigen Abschlüssen auf, sondern können diese auch effektiver verarbeiten. Diese digitale Kluft wird durch die Verbreitung der digitalen Medien weiter forciert, zumal der Zugang zu Hard- und Software und Internetverbindungen international unterschiedlich ist. Je nach Bildungsniveau, Geschlecht, Alter und Sozialisation gibt es Unterschiede bei der Entwicklung von Nutzungskompetenzen, und das wird als eines der größten strukturellen Probleme in der Mediengesellschaft angesehen.

Damit kommen wir zu einer weiteren Frage: Wie verarbeitet unser Gehirn die medialen Bilder und Eindrücke? Und welche kurz-, mittel- und langfristigen Folgen hat dies mit Blick auf die sozialen und psychischen Auswirkungen für unsere Kinder?

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Yaş sınırı:
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Hacim:
230 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783766641045
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Bookwire
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