Kitabı oku: «Mauerstreifen»

Yazı tipi:

Jürgen Jesinghaus

Mauerstreifen

SAGA Egmont

Mauerstreifen

Copyright © 2009, 2018 Jürgen Jesinghaus und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9783905960204

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Prolog

1.

Er war um vier aufgestanden und hatte ohne Frühstück das Haus verlassen. Um sechs wartete er an der Pforte des Ministeriums. Es dauerte noch 20 Minuten, bis der Bus eintraf, der seit der Vereinigung einen Umweg über das Regierungsviertel nahm. Pünktlich 7.30 stiegen die Passagiere am militärischen Teil des Konrad-Adenauer-Flughafens aus und reihten sich in eine Schlange, die zur Abfertigungshalle kroch. Bundeswehrsoldaten, voll teilnahmsloser Würde, hielten Wache an wackeligen Abfertigungstischen, über den gebeugten Köpfen stempelnder Beamter, die beim Überreichen der Bordkarte nur flüchtig aufblickten. Es begann zu nieseln. Die aufgespannten Schirme stießen sich. Die Stimmung war schon um 7.45 gefroren. Brosheim stand eingehüllt im Regen, wie in einem kalten Glaspanzer, und dachte an die vergangene Woche, während er das Gerede der Umstehenden hörte, ohne einen Sinn zu erfassen.

Er hasste den Vorgesetzten, der die Dienstreise angeordnet hatte (vermutlich in dem Glauben, der Flug werde als Belohnung aufgefasst, als incentive, wie es im Neusprech heißt, als Ersatz vielleicht für aufgeschobene Beförderungen). Nein, ‚hassen‘ ist übertrieben, ja, er hätte ihn geohrfeigt, wenn Ohrfeigen im öffentlichen Dienst ein anerkanntes Mittel wären, seinen Unmut auszudrücken. Er ärgerte sich, dass er nie weiter gekommen war, es nicht einmal zum Unterabteilungsleiter gebracht hatte. Wäre er UAL, dürfte er Dienstreisen selbst bestimmen und von höherrangigen Beamten nur formell abzeichnen lassen. Stattdessen die butterweiche Anordnung:

„Sie sollten einmal hinfliegen und nach dem Rechten sehen. Wir müssen die Hand drauflegen, bevor alles in irgendwelchen Kanälen versickert. Stellen Sie möglichst heute noch einen Reiseantrag, sonst kriegen Sie die Donnerstags-Maschine nicht.“

„Alles? Sickert in Kanäle?“

„Naja, das Ganze halt, alles, was der Bundesrepublik zugefallen ist, eben alles, wofür Sie und ich jetzt verantwortlich sind, obwohl wir kein zusätzliches Personal haben.“

„Nicht? Die Leute drüben?“

„Achherrje, bis die Indianer das geschnallt haben! Würden Sie denen über den Weg trauen? Deshalb sollten Sie hin. Ich weiß, Sie haben hier noch was anderes zu tun. Denken Sie daran, sich ein Zimmer zu bestellen.“

Die schiere Unmöglichkeit, nicht einmal für 300 Mark unter den Linden. Die teuersten am Kudamm waren am schnellsten weg, die 500-Mark-Zimmer. Aber den Auftrag in einem Tag zu erfüllen, das sei nicht zu leisten. Dabei wusste er aus alten BRD-Zeiten, dass man morgens bequem mit einem halbleeren Linienbus zum Flughafen fährt, eine viertel Stunde zum Einchecken benötigt, eine knappe Stunde später ist man in Tegel und wird von einem Senatswagen abgeholt. Damals hätte man einen Job gut und gerne am selben Tag erledigen können!

„Erkundigen Sie sich im Haus nach jemandem, mit dem Sie ein Doppelzimmer teilen.“

Genau das hatte er nicht getan, sondern geschwindelt, er habe bereits eine Unterkunft gefunden.

Der Eintritt in das Abfertigungsgebäude der Bundeswehr, die neuerdings über Tupolew, Iljuschin und sogar Migs verfügte, ließ seine Stimmung nicht etwa hochschnellen, weil er endlich den Regen verlassen durfte, sondern verhinderte nur den Absturz in eine Depression oder, was bei seiner Stimmungslage schwer vorauszusagen war, den Ausbruch eines Wutanfalls, der angesichts der Soldatengesichter, an denen Gefühle abprallten, in Frust ersterben würde, in einer seelischen Kreuzigung durch die beiden Nägel Wut und Schwermut. Endlich stand er über dem Scheitel einer Person, die Namen aus Listen suchte und behauptete, er werde in der Primär-Liste nicht geführt. Dann fliege ich eben nicht, mein Gott! In der Sekundär-Liste, die heute früh aus Münster gekommen war, fand man ihn doch verzeichnet, und so durfte er passieren.

Er bewegte sich unter vielen Beamten, die ihre neuen Dienststellen in Ostberlin als Kommissare besuchen würden, beneidet, gehasst, verachtet von den Eingeborenen, die alle Verstecke verraten, alle Schätze abliefern und dann am Ende einer Schamfrist in einem abgelegenen Büro oder arbeitslos in der billigen Platte verschwinden mussten. Aber welch ein klägliches, frierendes Invasionsheer, diese Beamten! Sie sahen aus wie politische Gefangene, die in einem Nebengebäude des Flughafens, einem Unterstand für Feuerwehrautos, unter Arrest gestellt worden waren. In einer Ecke gab es heiße Getränke, natürlich zu überhöhten Preisen. Trotzdem kaufte Brosheim einen Plastikbecher voll Kaffee, weil ihm nach Heißem zumute war. Punkt neun eroberte er sich einen Platz auf einem Klappstühlchen. An Lektüre war nicht zu denken. Er hatte das Buch vergeblich eingesteckt (wie so oft). Er vergaß regelmäßig, dass man in Bussen nicht lesen kann, weil bei der Federung Augen und Buchstaben nicht in Phase schwingen, auch in den Zügen der Bundesbahn nicht, denn das Geschepper aus den Kopfhörern verleidet die Lektüre, und in Flugzeugen sitzt man so eingeklemmt, dass man am besten die Augen zumacht und versucht, an nichts mehr zu denken. Nur in leeren Straßenbahnen lohnt es sich, ein Buch herauszuholen, wenn man lange genug fährt. Er wurde müde. Er war fünf Stunden unterwegs, hatte die ganze Zeit über herumgestanden oder herumgesessen und sich geärgert. Die Tupolew fiel aus. Warum, das interessierte ihn nicht mehr. Es würde heißen, sowjetische Maschinen seien reparaturanfälliger oder älter oder werweißwas, oder die Herren von der fliegenden Truppe könnten noch nicht korrekt mit ihr umgehen. Er sollte das zum Vorwand nehmen, seine Dienstreise für gescheitert zu erklären, aufzustehen und fortzugehen! Er würde eine halbe Stunde verplempern, wenn er zum zivilen Teil marschierte, entnervt ein Taxi besteigen, 50 Mark zahlen, gegen Mittag zu Hause sein, sich für den Rest des Tages krank melden und die ganze Wiedervereinigung gründlich vergessen. Aber er blieb. Eine halbe Stunde Fußmarsch durch den Regen, 50 Mark aus eigener Tasche, der Tadel des Vorgesetzten – keine Perspektive. Er rückte sein Gepäck eng an die Beine, um den Druck zu spüren, dann schloss er die Augen und balancierte seinen Kopf aus.

Als man ihn anstieß, wachte er auf. Seinen Kopf fand er auf der Schulter einer Sekretärin des Innenministeriums, einer ältlichen, offenbar gütigen Dame, bei der er sich umständlich entschuldigte. Brosheim erklärte ihr, dass er seit vier auf den Beinen sei. Dabei sollte er wissen, dass es den meisten nicht anders erging. Er sorgte dafür, dass er von ihr getrennt wurde. Sie fuhr mit dem zweiten Pendelbus zur Maschine, die weit draußen auf dem Rollfeld stand, wie ein Schiff auf der Reede. Er nahm den dritten, stieg als erster ein und als letzter aus. Da im Passagierraum kein Sitz mehr frei war, geleitete ihn eine Stewardess in die Funktionärskabine, wo DDR-Arbeiter einst ein Bett, einen Tisch und zwei Sessel eingebaut hatten, so dass er sich bequem ausstrecken konnte; 11.37 hob das Flugzeug ab.

50 Minuten später. Die Iljuschin befand sich im Landeanflug auf Schönefeld. Er blinzelte und fragte sich stets dasselbe, wenn er knapp über den Wolken dahinflog: Was hätte Hesekiel oder Dante dazu gesagt, wäre ihm in seinen Visionen ein Anblick erschienen wie dieser, für den es nur abgeschmackte Wörter gibt, weil sich die Sprache auf keine Metapher hat vorbereiten können, denn selbst der Vergleich mit dem Polargebiet, einem Schnee- und Eisgewoge, von einem Luftschiff aus gesehen, wäre erst seit 60 Jahren glaubhaft zu nennen. So bleibt der Anblick, den heute jeder Beamte im Berlin-Tourismus zu sehen bekäme, wenn er nicht schliefe oder in den Akten läse, am besten unvergleichbar.

Schönefeld liegt in der ehemaligen DDR. Die Abgrenzung zur Gegenwart durch das Attribut ‚ehemalig‘ diente kurz nach der Fusion einer genauen zeitlichen Einordnung von Ereignissen: „Nachdem ich am 2. Oktober die DDR verlassen hatte, kehrte ich am 3. Oktober in die ehemalige DDR zurück“. Sauber. In fünf Jahren, spätestens in fünfzig, würde man auf das Ehemalige verzichten, denn niemand sprach vom ehemaligen römischen Reich, auch nicht vom ehemaligen Preußen, obwohl es Preußen de jure noch vor 45 Jahren gegeben hatte. Der Zentralflughafen Berlin-Schönefeld lag also in der ehemaligen DDR und hatte darum ärmlicher zu sein als der Konrad-Adenauer-Airport. Brosheim fragte sich, was der Rotarmist hier suche. Er sollte sich mit Russen die Macht über die zugefallenen Provinzen teilen? Noch lebten sie in ihren zur Heimat gewordenen deutschen Kasernen. Die Kosten für eine sowjetische Heimat und die Übersiedlung würde man zweckmäßigerweise in der neuen deutschen Währungseinheit ausdrücken: Milliarden DM, kurz MDM, denn eine Verwechslung mit Millionen DM war von nun an, seit der kurzen Revolution, der sich die SED, ihrer selbst überdrüssig, gerne gebeugt hatte, nicht mehr zu befürchten.

Hier stand er und wartete auf einen Fahrer des ehemaligen DDR-Außenministeriums, der einige ministerielle Außenstellen anfahren sollte (Genscher also auch zuständig für Außenstellen). Brosheim schüttelte für sich den Kopf. Er musste sich auf allerlei Schwierigkeiten gefasst machen. Es begann schon in Schönefeld. Der Fahrer kam, wollte aber nicht eher mit dem Barkas abfahren, als bis die zweite Maschine im Gefolge der Iljuschin gelandet wäre, „weil ich weitere Damen und Herren aus Bonn erwarte“. Brosheim hätte ihm gerne einen Befehl erteilt, aber die Berliner Art, die er aus frühen Kudamm-Zeiten kannte und die auch am Alexanderplatz zu herrschen schien, hielt ihn davon ab, und schließlich auch seine Überzeugung, dass sie gleichberechtigte Menschen seien, die einander nicht zu kommandieren hätten. Er ärgerte sich trotzdem, entfernte sich von ihm und schaute in die Auslagen der Shops, die schon so hießen und vollgestopft waren mit Gütern aus dem Westen: Marlboro, Playboy und Sony. Eine Dreiviertelstunde kam ihm nicht zu lange vor, weil er sich auf einen vergeudeten Tag eingestellt hatte. Der Kleinbus füllte sich. Einige Mitfahrende kannte er vom Sehen, und er sorgte dafür, dass ihn keiner ansprach, weil er sich auf keine Verabredung einlassen wollte, denn ihm stand das Schwierigste noch bevor: Die Suche nach einem Hotelzimmer in der wiedervereinten Stadt, die von Menschen überschwemmt wurde.

Kurz nach zwei erreichten sie die Außenstelle Unter den Linden. Er stellte sein Gepäck beim Pförtner ab, der erst nach gutem Zureden und einem langen Blick auf den Dienstausweis darin einwilligte, immer noch misstrauisch. Brosheim sagte geschäftsmäßig, er habe außerhalb dienstlich zu tun und werde sein Gepäck später abholen. Nur die Hängetasche warf er über die Schulter und ging. Er war so vorsichtig gewesen, einen Kamm und eine Zahnbürste als ständige Utensilien hineinzuwerfen. Es zog ihn nach Westen, möglichst weit weg (aber nicht zu weit, sonst stieße er wiederum an die Grenze zur – ehemaligen – DDR). Dort wollte er eine Pension suchen, wie in den alten Zeiten, als West-Berlin noch die Insel der Seligen war, von Mauern umgeben, geschützt gegen den real existierenden Sozialismus, aber auch gegen das Ladenschlussgesetz der BRD. Es hätte keinen Zweck gehabt, in den Seitenstraßen Unter den Linden vor die Schalter der Hotelrezeptionen zu treten, um nach einem Zimmer zu fragen. Also überließ er alles dem Zufall, in den er viel Vertrauen setzte.

Er ging zur Friedrichstraße und fuhr mit der S-Bahn weit nach Westen, stieg dann in ein Taxi, nur um den Fahrer zu fragen, ob er keinen Geheimtipp wisse. Selbst der wusste keinen.

„Dann fahren Sie mich zu der nächsten seriösen Bar, die bis morgens offen hat.“

„Seriös?“

„Es darf nichts kosten, der Bedienung in den Ausschnitt zu kucken.“

2.

Brosheim war der erste Gast. Die Frau hinter dem Tresen sagte:

„Du kannst bleiben.“

„Ich geh nur kurz um die Ecke und esse was.“

„Niemand hält dich fest, aber wenn es das ist, mach ich dir eine Bohnensuppe.“

„Aus der Büchse?“

„Was denn sonst.“

Sie war eine Rothaarige in einem hochgeschlossenen schwarzen Kleid. Er schätzte sie auf vierzig, mochte sich aber nicht festlegen.

„Willst du jetzt schon oder später?“

Er gefror und schaute sie an, so dass sie mit ihrer Raucherstimme auflachte.

„Wollen Sie jetzt einen Drink oder möchten der Herr warten, bis er gespeist haben?“

„Jetzt ein Guinness.“

„Nee, ich geb dir eine Weiße mit Schuss. Du bist zum ersten Mal hier. Ich kenne jeden, der reinkommt, und wenn nicht, muss ich schnell entscheiden, ob ich ihn rausschmeiße oder nicht.“

„Danke“, sagte er, „hast du schon mal einen rausgeschmissen?“

„Lassen. Ich seh es den Leuten an.“

„Was siehst du ihnen an?“

„Ob sie Stunk machen wollen. Ich seh es auch daran, was sie anhaben. Du zum Beispiel bist auf der Schreibstube.“

„Ich zum Beispiel bin Großmarktvertreter. Das soll ich jedenfalls – auf Rat eines Bekannten hin – behaupten, wenn ich in die Halbwelt abtauche.“

„Also hör mal!“

„Ich bin auf der Schreibstube, du hast recht.“

„Bei Vatern Staat? Geht mich nichts an. Du hast den ganzen Tag gearbeitet, willst was für die Gemütlichkeit tun und trotzdem deiner Frau später in die Augen sehen können, in die Kuckerchen.“

„Ich bin nicht verheiratet.“

Sie stellte ihm die Weiße auf den Tresen, frottierte sich die Hände an einem Tuch und verschwand in einer schwarzen Ecke. Er kam jetzt dazu, sich in der Bar umzusehen. Sie war einem Wohnzimmer vergleichbar, einer Straußenwirtschaft, ihrer Größe nach zu urteilen, ausstaffiert allerdings mit rötlich schimmerndem Mobiliar. Er tippte auf Kirsche oder Mahagoni und beschloss, die Bardame zu fragen (vergaß es aber). Die wenigen Tische standen auf einem Podium, gegeneinander abgegrenzt durch Messing-Geländer. Sehr spät, nachdem er sich an das indirekte Licht gewöhnt hatte, bemerkte er, dass der Boden voller Münzen lag. Er wunderte sich, dass er sie beim Hereinkommen übersehen hatte, und traute sich nicht, vom Hocker zu steigen, um die Währung festzustellen. Er würde es in Gegenwart der Dame tun.

Sie reichte ihm in einer dicken, roten Tasse die Bohnensuppe und drückte ihm eine halbe Schrippe in die Hand.

„Du bist nicht aus dem Osten“, sagte sie.

„Wieso? Hätte jemand aus dem Osten die Nüsse vom Boden geklaut?“

„Blödsinn.“

„Aus Bonn“, sagte er.

„Ah, von ganz von oben! Der Westen wimmelt jetzt von Ossis, aber ich habe hier noch keinen gesehen. Darum frage ich, ob du von drüben bist. Wäre ein Jubiläum.“

„Du hast es vielleicht nur noch nicht gemerkt.“

„Ich merke das, ich rieche es, ich sehe das und höre es auch.“

„Bei mir warst du aber nicht sicher?“

„Dich kann man schwer erraten.“

„Trotzdem hast du mich hereingelassen, ohne einen Knopf zu drücken und deinen Rausschmeißer zu rufen?“

„Instinkt mit Restrisiko.“

„Ist das schmeichelhaft für mich?“

„Das ist doch nicht wichtig für dich“, sagte sie, ließ dabei ihre Stimme rauh durch die Kehle und beugte sich zu ihm:

„Nun iss!“

Die Tür wurde aufgerissen und herein schneite, zu schwungvoll für den kleinen Kellerraum, ein aufgedunsener Mann in eleganter Kleidung.

„Lässt dich auch mal sehen?“ fragte die Frau und erhob sich von ihren Ellbogen.

„Hi“, sagte er, „gib das Telefon rüber. Hast du einen Drink für mich übrig?“

Er schien Brosheim nicht zu beachten. Die Dame erfüllte ohne Gemütsregung die Wünsche des Mannes, der sich den Apparat herangezogen hatte und sich verrenkte, um eine Zigarette anzuzünden. Brosheim war froh, sich mit der Bohnensuppe beschäftigen zu dürfen. Er hatte Angst, von ihm angesprochen und herumkommandiert zu werden. Ihm war nicht nach Schlägerei. Jemand, der seit vier Uhr morgens herumhängt, schlägt sich nicht gerne, darum vermied er alles, was das Interesse des Mannes auf ihn ziehen könnte. Dieser wählte zum wiederholten Mal, dann nahm er die Zigarette aus dem Mund. Brosheim spürte, wie er ihn als Blickfang benutzte, als wäre er ein Plakat an der Wand oder eine Fliege auf dem Tisch. Er spürte die Wut hochkriechen. Jetzt brauchte es nicht viel, und er würde selbst eine Schlägerei beginnen! Der Mann hatte sich wieder abgewandt und telefonierte. Dabei lächelte er die Barfrau an, die hinter dem Tresen zwischen den beiden Männern stand, von jedem gleich weit entfernt. So bekundete sie ihre Neutralität. Obwohl Brosheim nicht zuhören wollte, achtete er doch auf das Gespräch und schaute dabei auf die Barfrau, die wie ein heiliges Opfer die Blickspeere auf sich zog. Der Mann orderte telefonisch eine Pizza in die Wohnung seiner Freundin, soviel war klar. Dann wählte er ein zweites Mal und bestellte weiße Rosen zu derselben Adresse, aber für eine halbe Stunde früher als die Pizza. Bei der Blumenbestellung gab es Schwierigkeiten. Der Mann wurde barsch, er sprach aber leiser. Dann fand er plötzlich zu seiner lauten Höflichkeit zurück und legte zufrieden auf.

„Die Leute wollen nicht immer, wie man will“, rief er zu Brosheim hinüber.

„Kein Wunder bei den Zeiten.“

„Schwere Zeiten, Sie sagen es, wird bestimmt besser, seh ich schon vor mir, die von drüben. Aber das große Geld fehlt noch! Wird schon werden, wenn Vater Staat mit den Piepen rüberkommt.“

Er schwang sich vom Hocker und legte einen Zehner auf den Tresen. „Ciao“ und verschwand in der geschäftigen Eile, wie er gekommen war. Brosheim versöhnte sich mit ihm. Sie hatten wie ordentliche Geschäftsleute miteinander gesprochen.

„Weiße Rosen“, sagte die Bardame, „sind in, rote Rosen sind out.“

Das wusste Brosheim nicht und nahm es deshalb wortlos zur Kenntnis.

„Früher hat mir der Kerl nur Moosröschen mitgebracht.“

„Kennst du ihn?“

„War mein Mann, habe ihn rausgeschmissen wegen Geldgeschichten. Ich bin aus Hamburg. Ich war zu alt für meinen Job und habe mich hier zur Ruhe gesetzt.“

Sie wandte sich ab und hantierte an der Kasse, als wollte sie Brosheim Zeit lassen, alles richtig zu begreifen.

„Ich hätte“, meinte Brosheim, „dir jedenfalls keine Moosröschen mitgebracht, sondern richtige Rosen, nicht so kleine.“

„Ach du großer Gott! Steck ihn wieder in die Hose. Du machst mir doch keine Komplimente?“

„Ich könnte einen Aquavit vertragen.“

„Na also.“

Wie gerufen trat ein Thai herein und bot Rosen zum Verkauf. Die beiden Anwesenden lachten, und der Thai lächelte in seiner geduldigen Güte.

„Du bist zu früh dran“, sagte die Barfrau. Brosheim machte keine Anstalten, einen Rosenstiel zu kaufen (er hatte sich eben albern benommen). Er kam sich vor wie ein Inspizient. Die Kellerbar war eine kleine Bühne. Die Schauspieler traten durch den Vorhang, der die Eingangstür von dem warmen Raum trennte. Sie hatten ihre kleinen Auftritte und verschwanden wieder. Und die Bardame war der Gegenstand des Stückes. Der Aquavit wärmte ihn, er verlor seine Müdigkeit, ein schlechtes Zeichen für den nächsten Tag, den er in einem Büro der neuen Dienststelle dösend würde zubringen müssen. Die Aussichten, von hier aus ein Zimmer zu bestellen, waren fast Null. Vielleicht hätte er den Exgatten der Bardame danach fragen sollen. Der sah ihm so aus, als hätte er sofort eines organisieren können. Er musste es wenigstens noch einmal versuchen.

„Ich komme gleich wieder“, sagte er.

„Geh nur.“

Am Vorhang angekommen, schlug er beide Hände gegen die Jacke.

„Ich habe nicht bezahlt. Entschuldige! Ich hatte es vergessen. Wie viel macht es?“

„Geh nur, zahl später.“

„Das ist mir peinlich, aber jetzt bezahle ich. Ich muss nur kurz telefonieren.“

„Du gehst raus, nur um zu telefonieren?“

„Ich muss mich um ein Zimmer kümmern.“

„Du gehst raus, nur um zu telefonieren? Geh nur, du kannst hier auch telefonieren, aber geh nur!“

Er schlug sich gegen den Kopf.

„Ich habe doch kaum getrunken, trotzdem bin ich aus der Rille, ich bin einfach zu lang auf den Beinen. Wenn ich bei dir telefonieren dürfte?“

„Du darfst.“ Sie war beleidigt. „Fluchtverhalten“, sagte sie.

„Nein wirklich, du musst mir glauben, ich wollte nicht abhauen, ohne zu bezahlen. Ich bin ja gottseidank selbst drauf gekommen. Gib es zu.“

„Du wolltest einfach raus, weg von hier. Mit dem Bezahlen hat das gar nichts zu tun.“

Sie trocknete Gläser und hielt sie gegen das Licht, um zu prüfen, ob Flusen daran hafteten.

„Ich wäre bestimmt wiedergekommen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, ich sollte mir ein Zimmer besorgen, jetzt sofort, weil ich sonst keines mehr kriege.“

Sie lächelte und sagte nichts.

„Es war blöd von mir. Wichtig ist nur, dass du mir glaubst, ich wollte nicht ohne Bezahlung abhauen.“

Er nahm sein Portemonnaie aus der Jackentasche und warf es ihr zu.

„Behalt es, bis ich bezahlt habe.“

„Nimm das wieder oder ich schmeiß es dir an den Kopf!“

Sie warf es ihm gegen die Brust.

„Wenn du willst, kannst du gehen. Ich halte dich nicht.“

„Ich will ja gar nicht gehen.“

„Du kannst aber. Niemand hält dich.“

„Ich möchte hier bleiben“, sagte er kleinlaut.

„Er möchte hier bleiben, weil er draußen auf der Straße kein Zimmer findet!“

„Willst du, dass ich gehe?“

„Ich denke, du willst telefonieren? Du bist ja nicht der erste, der von hier aus telefoniert!“

Sie stellte ein Glas ab, reichte ihm das Telefon und zog das gelbe Buch hervor. Dann stützte sie sich auf den Tresen und schaute ihn an.

„Hast du Angst vor mir?“

„Nein, Virginia Woolf. Ich bin übermüdet, nur etwas durcheinander.“

„Mit dir ist also heute nicht mehr zu rechnen?“

Er blickte sie an. Die Hitze stieg in seinen Kopf und verteilte sich brennend über die Backen.

„Bestimmte Sachen kann ich immer.“

Sie nickte einige Male.

„Nur telefonieren kannste nich.“

„Ich habe keine Nummer.“

„Draußen auf der Straße hättest du eine gehabt?“

Der Vorhang wurde auseinandergeschlagen. Eine Mischung aus Boxer und Schäferhund zog einen Mann hinter sich her, der Mühe hatte, das Tier festzuhalten.

„Namt. Sauwetter.“

„Hallo. Regnet es?“

„Das nicht.“

„Kalt geworden?“

„Nicht eigentlich.“

„Ungemütlich?“

„Könnte man sagen.“

Er schaute sich um. Brosheim wählte eine Nummer. Absage. Er musste sich anhören, wie man ihn auslachte: Aussichtslos, Sie hätten sich viel früher darum kümmern sollen! Der Neue hakte den Hund von der Leine. Nachdem der Boxer (oder was es sein sollte) an Brosheim geschnüffelt hatte, irrlichterte er durch den Keller und scharrte in den Münzen, dass es klingelte wie auf dem Weihnachtsbasar. Die Dame schien an diesen Vorgang gewöhnt zu sein. Sie protestierte nicht über den umtriebigen Gast, der sich in den Schankraum verdrückte. Hinter der Theke stöberte er einen verpackten Broiler auf, zerriss das Papier, ohne dass jemand versucht hätte, ihn daran zu hindern. Dann floh er unter einen Tisch. Brosheim blätterte lustlos in dem gelben Buch.

„Wo ist die Karlstraße?“

„Kennst du die Karlstraße?“ fragte die Dame den Hundebesitzer, der sich die Hände rieb.

„Die Karlstraße? Ich kenne keine. Der Herr meint die Karlsruher Straße.“

„Die Karlstraße.“

„Sie meinen sicher die Karlsruher oder die Karl-Marx-Straße, wau, nichts für ungut.“

Brosheim ließ die Blätter zwischen Zeigefinger und Daumen hindurchgleiten.

„In Bonn gibt es eine Karl-Max-Straße.“

„Da hat der Kohl das R rausnehmen lassen, politisch korrekt, völlig wau-wau“, entgegnete der Herr.

Brosheim reichte das gelbe Buch zurück. Er tat ihr leid, und daher sagte sie entschuldigend zu dem Hundebesitzer:

„Er kommt nämlich aus Bonn.“

„Wau. Der Karl Marx kommt doch auch aus der Gegend. Was habt Ihr denn mit dem?“

„Gar nichts. Ich brauche ein Zimmer.“

„Versuch es doch mal im Charlottenburger Hof“, warf die Dame beschwichtigend ein, „und dann nochmal hier vorne in Arnulfs Pension.“

„Nein, die heißt anders, liegt aber drei Häuser weiter.“

Brosheim sagte:

„Wenn sie hier vorn ist, schau ich doch selbst nach.“

„Nur ein paar Häuser weiter links.“

„Soll ich nun zahlen?“

„Du zahlst nachher und schaust, dass du rauskommst. Vergiss diesmal den Mantel nicht, es ist ungemütlich draußen.“

Brosheim ging hinaus und schöpfte tief Luft. Er überlegte, ob er rein theoretisch gesehen abhauen könnte, und tastete seinen Mantel und die Jacke ab, ob er nichts dagelassen hätte. Die Hängetasche. Werde nicht vergesslich, alter Junge! Aber selbstverständlich hatte er gar nicht vor abzuhauen. Er blickte in die Straße, nach links, nach rechts. Nichts, was auf ein Hotel oder eine Pension hindeutete. Er fragte eine Frau nach einer Pension Arnulf oder so ähnlich, aber sie schüttelte unwirsch den Kopf, als wollte sie sagen, dass sie auf der Straße nichts kauft. Er schritt fünf Häuser nach links und kehrte dann in die Bar zurück. Nun hatte er seinen eigenen Auftritt auf der kleinen Bühne. Der Hundebesitzer rieb sich noch immer die Hände oder schon wieder. Er ließ Brosheim auf dem Hocker Platz nehmen, bevor er sagte:

„Die Pension ist in der Parallelstraße. Sie müssen, wenn Sie rauskommen, zuerst nach links, dann über die Ampel, dann kommen Sie auf den Holtzendorffplatz, dann halten Sie sich links und da ist dann die Pension Arnold, in der Karlsruher Straße.“

„Es ist kalt“, versetzte Brosheim nur.

„Ja, ungemütlich draußen.“

„Bleib hier“, sagte die Barfrau, „ein Hotel kriegst du sowieso nicht mehr. Du müsstest dir ein Zimmer schon mit zwei anderen teilen. Berlin ist voll bis obenhin.“

Alle drei bestätigten sich gegenseitig, dass Berlin voll sei und dass Berlin eine Veränderung durchgemacht habe, dass die Preise gestiegen und die Hotels trotzdem monatelang im voraus ausgebucht seien. Aber Bros-heim verspürte keine Lust, die Veränderung beim Namen zu nennen. Er fühlte sich müde und wollte die Meinung der anderen über die Wiedervereinigung nicht hören. Den anderen erging es ebenso. Sie waren leer von Politik. Der Mann erzählte, dass Aquavitfässer jahrelang übers Meer gefahren würden, um sie durchzuschütteln, bis der Schnaps aus den Eichenbrettern der Fässer den berühmten Goldstich gesogen hätte. Die Dame ließ sich abwechselnd von beiden zu Likören einladen und berichtete, dass sie, solange sie im Dienst ist, noch nie besoffen war.

„Ab und zu reißt mir der Faden, wenn ich morgens mit einem guten Kunden losziehe, um bei einem Bekannten, außerdienstlich sozusagen, einen Schlaftrunk zu nehmen, nur so zum Vergnügen.“

„Wau!“

Die beiden Männer hörten ihr zu, als berichtete sie über Abenteuer und schreckliche Bräuche in einem fremden Erdteil. Der Hund lag auf den Münzen und schlief. Um Mitternacht kam ein Mann zum Schweigen herein. Er bestellte einen Chablis und versank in Schwermut.

„Der einzige Ort in Berlin, wo man nicht totgetrampelt wird“, sagte der Hundebesitzer zu ihm.

Nach Theaterschluss fanden sich noch vier Gruppen ein, die dafür sorgten, dass sich der Keller füllte und laut wurde. Aus einer Tür hinter dem Tresen trat eine junge Person, eine schöne Frau, die ein hochgeschlossenes schwarzes Kleid anhatte. Die Lippen sahen in ihrem bleichen Gesicht schwarz aus, eine Tochter Juliette Grécos gewissermaßen, die sich am Tresen zu schaffen machte. Die beiden Damen sprachen leise miteinander. Die junge Person beendete das Gespräch mit einem energischen Kopfnicken und blickte die Gäste an, die hinter dem Lichtvorhang, der zwischen Deckenleuchte und Tresen im Zigarettenrauch schwankte, über ihren Gläsern sannen, als warteten sie auf ein Ereignis, das ihr Leben ändern würde. Brosheim spekulierte, dass die junge Person, eine Aushilfe, die auch nach Mitternacht prompt eingesetzt werden konnte, wenn die Nachfrage es erforderte, die ganze Zeit über im Hinterzimmer auf den späten Andrang der Gäste gewartet und sich mit Lesen die Zeit vertrieben hatte. Bonjour Tristesse. Er hielt es für ausgemacht, dass sie die Tochter der Bardame und eine Studentin war.

Die Bardame erschien ihm nun milde und mütterlich. Sie hatte ihre Wachsamkeit an die junge weitergereicht und wirkte alt. Aber plötzlich war es ihm, als machte sie ein Zeichen mit dem Kopf, ihr ins Hinterzimmer zu folgen. Brosheim unternahm mehrere Versuche, sich zu vergewissern. Er hob die Brauen, zeigte mit dem Finger gegen sich. Sie zog schließlich mokant ihre Lippe hoch und trat unter den Lichtvorhang, dass ihr Haar in reinem Kupfer erstrahlte.

„Wenn ich dir sage: komm, musst du kommen.“

Er stand auf und folgte ihr. Vor der Toilettentür hielt sie ihn auf, fasste das Revers seiner Jacke und sah ihn alt an.

„Hör mal zu, Schmusekater, ich gebe dir einen Schlüssel.“

Sie hob mit der anderen Hand kurz zwei Schlüssel vor seine Augen und stopfte sie dann in seine Hosentasche, dabei stieß sie durch das Futter auf etwas wie einen aufgepumpten Schlauch.

„Du machst jetzt Rechnung bei mir, gehst dann in die Dahlmannstraße, die dritte Querstraße rechts, wenn du rauskommst. Kannst du das behalten? Bei der Nummer 319 nimmst du den Schlüssel mit der Delle, hast du verstanden, und schließt die Haustür auf. Nimm nicht den Fahrstuhl, um diese Zeit benutzt du nicht den Fahrstuhl, sondern schleppst dich selber in die vierte Etage, vergiss das nicht, die vierte Etage!

Sie zischte ihn an.

„Du hörst mir nicht zu!“

Brosheim konzentrierte sich auf ihre Augen, die ihn schwarz anschauten.

„Bleib mit deinen Kuckerchen bei mir und rühr sie nicht von der Stelle, damit ich sehe, ob du begreifst, was ich sage. Ihr Männer seid zu dämlich. Du schließt die Etagentür auf.“

„Welche Etagentür?“

„Du denkst mit, Schmusekater, es gibt nur die eine Etagentür, direkt vor deiner Nase, wenn du aus dem Aufzug rauskommst, aber du nimmst den Aufzug nicht, hast du das verstanden? Du schließt sie auf und gehst leise, wie gehst du? ganz leise durch den Flur und machst kein Licht an. Du schleichst dich durch den Flur und stößt mit deinem Döskopp gegen eine Zimmertür, durch die du dich dünn machst. Hast du das kapiert? Du machst die Tür hinter dir zu und kannst meinetwegen Licht anknipsen. An der Wand hängt ein Van Gogh, das ist dein Zimmer für die Nacht. Pipi machst du, wenn du rauskommst erste Tür rechts. Ist das zu viel für dich? Das Zimmer mit den Gladiolen, du musst es auf Anhieb finden, okay? Du hast das alles verstanden?“

Er grinste und bestätigte ihr, dass er alles verstanden hatte.

Brosheim fand alles so vor. Das Zimmer enttäuschte ihn. Es sah zwar besser aus als ein Hotelzimmer, eher wie ein selten und dann ungern aufgesuchtes Wohnzimmer, in dem alles akkurat an seinem Platz stand. Ihr Zimmer war es nicht. Genau genommen hatte er das auch nicht erwartet. Es war nur eine Hoffnung zweiten Grades, die ihn daran denken ließ. Hoffnungen zweiten Grades gehen niemals in Erfüllung oder bestenfalls nur einmal im Leben, und das hier war nur eine Hoffnung übungshalber, denn was erhoffte er sich von einer vierzigjährigen Ex-Nutte? Das Vertrauen, ihn in ihr eigenes Zimmer zu lassen? Er hatte gehofft, dass sie ihm vor allen anderen Gästen vertraut. Frauen geben ihren Schlüssel nicht so schnell aus der Hand, und wenn sie es endlich tun, hat man schon zweimal mit ihnen geschlafen. Brosheim suchte das Bild, das sie extra erwähnt hatte, nach Mustern und Zeichen ab, die etwas bedeuten könnten. Aber der Kunstdruck, aus einem Kalender gerissen und gerahmt, blieb ausdruckslos, reine Oberfläche. Er zog sich aus und legte sich ins Bett, nachdem er eine schwere bestickte Schondecke aufgeschlagen hatte.

Erster Tag

3.

Brosheim wachte kurz vor Mittag auf und hörte Schritte auf dem Flur. Er stieg aus dem Bett und zog sich an. Er hatte einen halben Arbeitstag verschlafen, denn er war einen Tag mit Reisen und Zimmersuche beschäftigt gewesen. Ihm blieb noch dieser Nachmittag, und morgen würde er zurückfliegen. Brosheim trat beherzt aus der Tür und traf auf eine Dame, die dabei war, die Wohnung zu verlassen. Sie drückte die Tür wieder ins Schloss und wünschte guten Morgen.

„Haben Sie gut geschlafen? Ich habe Sie nicht mehr kommen hören.“

Sie ging an ihm vorbei in die Küche und zeigte ihm eine Thermoskanne und wo das Brot zu finden war.

„Aufstrich im Kühlschrank. Übernachtung inklusive Frühstück macht 60 Mark. Legen Sie es dort in die Schublade, ich habe es leider eilig, eine Verabredung, die ich nicht verpassen darf. Die Schlüssel, die Ihnen meine Tochter gegeben hat, legen Sie am besten dazu.“

„Natürlich“, sagte Brosheim, „selbstverständlich. Könnte ich mir, vielleicht heute Abend, eine Quittung abholen und gleich zum Übernachten dableiben?“

Die Frau blieb in der Küchentür stehen und sah ihn belustigt an.

„Wer den Schlüssel hat, der hat das Zimmer. Behalten Sie den Schlüssel, aber ich bin auf jeden Fall zu Hause. Sie können auch morgen zahlen, wenn Sie wollen, macht dann 120.“

Sie war bereits an der Wohnungstür, als sie ihm zurief:

„Ich habe keine Rechnungsvordrucke, ich bin noch nicht dazu gekommen. Wegen der Abrechnung mit der Firma, nicht wahr?“

Die Tür schlug zu und Brosheim blieb, wie er wähnte, allein in einer fremden Wohnung. Er fühlte sich als Einbrecher. Er wollte nicht wahrhaben, dass diese Frau von vorhin ein so großes Vertrauen in ihre Tochter haben sollte, und diese Tochter ein so großes Vertrauen in ihn. Ein Riesenbluff, dachte er. Er machte auf dem Gästeklo Katzenwäsche und putzte sich die Zähne. Dann setzte er sich, nachdem er alles zusammengetragen hatte, was zu einem Frühstück gehört, und saß und kaute in einer stillen Wohnung, in einer Nebenstraße des Westens. Dass Berlin überlaufen sein sollte, mochte er in diesem Augenblick nicht glauben.

Als Brosheim darüber nachdachte, wie er sich aus dieser Lage befreien könnte, ohne eine Spur in diesem seltsamen Gasthaus zu hinterlassen, und als er die nächstliegende Lösung dieses Problems in die Tat umsetzen wollte, nämlich das Geld zu hinterlegen, aus dem Haus zu fliehen und nie wieder zurückzukehren, da bewegte sich die Küchentür, die nur angelehnt war. Jemand stieß sacht die Türe auf, so dass es aussah, als öffnete sie sich von selbst. Herein schlurfte ein Mann, etwa im Alter der Frau, die vor zwanzig Minuten die Wohnung verlassen hatte, aber viel gebrechlicher. Er stützte sich auf einen Stock, dessen Bodenende aus einem wuchtigen Gummipfropfen bestand. Der Mann blickte Brosheim entgeistert an. Brosheim hielt im Kauen inne und riss die Augen auf. Für was musste der Alte ihn halten? Der Mann in Pantoffeln trug eine Weste über einem blaukarierten Hemd. Um seinen Hals schlang sich ein Schal. Alles an dem Mann hing herab, die Haare, die Tränensäcke, die bläulichen Wangen, die Lippen. Die Hosenbeine wurden durch keine Falte gestützt. Sie hingen am Gürtel, der über keinen Bauch zum Umspannen verfügte. Der Mann war mager. Es sah aus, als hätte er sich gerade jetzt, zur Frühstückszeit, dazu entschlossen, sein Krankenlager zu verlassen. Er bewegte sich vorsichtig auf den Küchenschrank zu, wie um Brosheim nicht zu reizen, nicht zum Aufspringen anzustacheln. Er bewegte sich fast seitlich und hielt dabei seinen Kopf gesenkt. Brosheim beschloss, gar nichts zu tun, und vergaß darüber, einen Gruß auszusprechen. Der Alte kannte die Stelle, wo Brot und Aufstrich zu holen waren. Er versorgte sich mit den Restbeständen und schlurfte zum anderen Tischende. Dort ließ er sich auf dem Stuhl nieder. Und wie verwandelt durch die Berührung des Stuhls, der ihm Selbstvertrauen und Kraft verlieh, sagte er auf einmal, ohne Brosheim anzusehen:

„Bring mir eine Tasse und einen Teller.“

Brosheim tat, als hörte er nicht, und kaute auf dem längst zu Ende gekauten Brotbrei in seinem Mund, hoffend, der Mann möge ihn für ein Gespenst halten und in Ruhe lassen. Der Alte seufzte tief und wollte sich erheben, was ihm sichtlich Mühe bereitete, als Brosheim ein Einsehen hatte und möglichst bestimmt wirkend rief:

„Bleiben Sie sitzen, ich hole Ihnen Teller und Tasse.“

Der Alte sah ihn dankbar an.

„Sie sind der Mann?“ fragte er.

„Welcher Mann?“

Der Alte erschrak und überlegte. Fürchtend, er könne als Antwort hören, was ihn enttäuscht, schwieg er und wartete, bis Brosheim alles vor ihn hingestellt hatte. Dann fragte er fast flehend:

„Die Messer?“

Brosheim vergewisserte sich, ob noch mehr fehlte, und brachte ihm das Messer und die Thermoskanne. Er fand sich plötzlich in der Lage eines Pflegers. Er bediente den Alten, und der dankte es ihm durch freundliche Blicke.

„Ich wohne hier“, sagte er auf einmal, „ich habe vergessen, wie ich heiße.“

„Haben Sie denn keinen Ausweis?“

„In meinem Ausweis steht nicht der richtige Name.“

„Wie lautet denn der Name in Ihrem Ausweis?“

Der Alte deutete mit magerem Finger auf die offene Tür und bewegte ihn auf und ab.

„Hol mir die Jacke.“

„Lassen Sie nur, keine Umstände, wenn es doch nicht der richtige Name ist.“

„Hol mir die Jacke!“

„Darf ich zu Ende frühstücken? Dann werden wir weitersehen.“

Der Alte machte wieder seine Anstalten, sich zu erheben und auf die Hilfe seines Pflegers zu verzichten. Brosheim kam ihm abermals zuvor. Im Stehen nahm er noch einen Schluck aus der Tasse. Kauend bequemte er sich in den Flur und brachte die einzige Jacke, die dort hing. Der Alte griff gierig nach ihr und nestelte nach einer Brieftasche. Aber statt eines Ausweises zog er eine Fotografie hervor und reichte sie Brosheim zum Anschauen. Der erkannte die Bardame, die auf dem Bild etwa zwanzig Jahre jünger aussah. Er blickte abwechselnd auf das Bild und den Mann, um eine verwandtschaftliche Ähnlichkeit zu erkennen. Die Lüsternheit in dessen Augen erschreckte Brosheim.

„Sie ist eine Hure“, sagte der Alte, „sie ist verdammt.“

Er nickte bekräftigend und sein Grinsen entzerrte sich zu einem freundlichen Lächeln, das über jeden Zweifel in dieser Frage erhaben war.

„Du bist falsch informiert“, sagte Brosheim, „sie ist natürlich keine Hure. Du bist ein Hurenbock und hast dir beim Wichsen eine Gehirnerweichung geholt.“

Er sprach leise und nachlässig, weil er es nicht darauf anlegte, von dem Alten verstanden zu werden. Brosheim steckte das Bild in seine eigene Jackentasche. Der Alte kicherte.

„Ich hab noch mehr davon.“

Er stand auf, behender als bei seinen vorausgegangenen Versuchen, und lief in kleinen Schritten aus der Küche. Brosheim wollte unter diesen Umständen kein Geld zurücklassen. Daher schrieb er auf einen Zettel, den er aus seiner Tasche geholt hatte, seine Privat-Adresse und die Zusicherung, dass er heute Abend wiederkommen werde. Er legte den Zettel in die vereinbarte Schublade und, obwohl neugierig auf weitere Bilder der Bardame, zog er seinen Mantel an, nahm die Tasche und wollte verschwinden, als der Alte aus einem Zimmer in den Flur zurückkehrte und statt Bilder zu bringen eine rote Plastikpistole auf Brosheim richtete und fragte:

„Hast du bezahlt?“

Brosheim entgegnete:

„Ich zahle morgen, wenn ich abreise. Das ist so üblich.“

„Aha.“

Der Alte senkte das Spielzeug. Er überlegte, dann fiel ihm ein, dass er Bilder hatte holen wollen.

„Sie hat meine Fotos versteckt oder vernichtet. Sie nehmen mir alles ab“, sagte er tonlos. Brosheim holte die Fotografie hervor und gab sie dem Alten zurück.

„Sie ist keine Hure, sie wird in den Himmel kommen.“

Der Mann nahm zögernd das Bild entgegen und bedankte sich, dann bat er Brosheim zum Frühstück in die Küche. Brosheim lehnte vorsichtig ab, in die Küche zu folgen, und verabschiedete sich.

„Sind Sie ein Gast des Hauses?“ fragte er den Alten noch.

„Ein Gast?“

Der Alte dachte nach, er fühlte sich überfordert und antwortete im gereizten Ton:

„Ein Gast bin ich auf jeden Fall, denn ich wohne hier. Ein Gast, das kann man sagen. Ja, ich bin der Gast.“

Der Alte memorierte: ein Gast, der Gast, und ging eilig in die Küche, als müsste er sein neuerworbenes Wissen hinüberretten an einen sicheren Ort der Verwahrung, den er in der hellen Küche zu finden hoffte.

4.

Brosheim fragte sich durch zum S-Bahnhof Charlottenburg. Er ging durch eine Poterne zu der Treppe, die ihn auf den zugigen Bahnsteig brachte, von wo laut Plan ein Zug Richtung Erkner fährt. Ein Bahnhof und zugig. Brosheim erwog die Doppelbedeutung, grinste für sich, schaute sich um und dachte: Wie der Bahnhof einer Mittelstadt, in Niedersachsen beispielsweise. Der Bonner HBF erschien ihm gedrängter. Dieser war auseinander gezogen, auf einer Ebene gut verteilt. Kein Fremder vermutet eine brandende Großstadt im Umkreis einer Autostunde. Brosheim begab sich unter das T-Dach und stolzierte zu einer Bank mit hoher Rückenlehne aus Holz. An Bonner Verhältnisse gewöhnt, richtete er sich auf eine lange Wartezeit ein und packte sein Paperback aus der Umhängetasche, blätterte es auf und begann zu lesen.

Er fühlte etwas auf seine Schulter fallen, leicht wie Pappe. Deshalb drehte er sich zur Seite und fand neben sich den blutverschmierten Verschluss einer Zigarettenschachtel. Er renkte den Hals und bemerkte eine Gestalt, die ihm den Rücken zuwandte und in das Studium eines Fahrplans vertieft war. Er konnte sich nicht entschließen, den Mann, der diese Gestalt war, anzusprechen. Darum rückte er sich zurecht und las weiter.

„Darf ich dich mal was fragen?“

Brosheim setzte sich schräg, um besser zu hören.

„Hast du was dagegen, wenn ich dich duze?“

Blut tropfte herab. Ein Jüngling, der eine Intellektuellenbrille trug, mit runden Gläsern dicht vor den Augen, stützte sich auf die Holzlehne. Er kniete auf einem Sitz der anderen Seite.

„Nichts dagegen“, sagte Brosheim, „es macht aber nur Sinn, wenn wir uns unterhalten möchten. Wollen wir das denn?“

Er merkte, dass der Intellektuelle sich schlecht konzentrieren konnte. Der junge Mann blickte fragend durch ihn hindurch. Brosheim sprach weiter:

„Hast DU die Klappe der Schachtel fallen lassen?“

Plötzlich erinnerte sich der Mann, warum er das Gespräch begonnen hatte.

„Hast du mal Feuer?“ fragte er.

„Leider nein, ich rauche nicht.“

„Darf ich dich mal was fragen? Was liest du für ein Buch?“

Brosheim zögerte mit der Entgegnung, weil er Lektüre für eine intime Sache hielt. Aber er kannte keinen vernünftigen Grund, außer diesem, die Antwort zu verweigern. Bevor er antwortete, schaute er auf die Anzeige, ob ihm die Bahn aus der Verlegenheit hülfe.

„Mailers Monroe-Biografie.“

„Zeig.“

Widerstrebend drehte er das Buch und ließ zu, dass Marilyn Monroe den blutenden Mann anlächelte.

„War dieser Schriftsteller nicht mal Soldat? Gegen die Japse?“

„Gegen die Japaner.“

„Den kenn ich.“

Während der Mann sich in den Anblick des Titelbildes vertiefte, fragte Brosheim (damit die Vertiefung nicht zu penetrant geschähe):

„Was hast du mit der Hand gemacht?“

„Mit was für einer Hand?“

„Der Hand, die meine Lehne vollblutet. Gehört sie dir nicht?“

„Nein. Was soll ich damit? Ich bin arbeitslos.“

„Der Schnitt ist gefährlich.“

Der Mann zog seinen Blick von MM und schaute wild auf Brosheim.

„Ich hab so ein scharfes Ding, daran hab ich mich geschnitten! Mir sind alle Weiber weggelaufen.“

„Du hattest ja so viele!“

„Die zwei, die ich hatte, die hatten mich. Zwei Weiber sind klüger als ein Mann.“

„Das wäre ja mehr als das halbe Zugeständnis an die Gleichberechtigung.“

„Ich war Feminist! Wir lassen das Thema!“

„Der Schnitt ist wirklich gefährlich.“

„Er tut dir nichts.“

„Er ist gefährlich für dich, weil er sich entzünden kann. Die Lehnen sind eine ideale Brutstätte für Bakterien.“

„Meinst du, das wüsste ich nicht? Vier Semester Chemie und Biologie! Der Schnitt ist desinfiziert, ich hab in die Scherben einer Schnapsflasche gepackt.“

„Du solltest zur Bahnhofsmission.“

„Liegt mir nicht. Ich hab das Soziale hinter mir, jetzt kommt der blanke Egoismus. Auf die steh ich.“

Er zeigte auf das Buch, das Brosheim auf seine Schenkel zurückgelegt hatte, bereit, weiterzulesen, wenn der Mann die Bahnhofsmission aufsuchen würde. Aber er machte keine Anstalten, die blutverschmierte Hand von dem Holz zu lösen.

„Ich steh auf ihre Brüste, die tätowierte Rose unter ihrer rechten Brust.“

Brosheim belehrte ihn:

„Frau Monroe hat sich meines Wissens nicht tätowieren lassen.“

„Wie alt bist du?“

„Nicht mehr der Jüngste.“

„Wie jetze.“

„Von uns beiden der Ältere.“

„So redest du auch. Was ist daran schlimm, wenn ich ihre Titten bewundere? Was soll daran schlimm sein? Ich wollte, jemand würde meine Eier bewundern. Es ist eine Menge, was sie uns zeigt. Es ist nicht das Schlechteste, was ein Mensch zu bieten hat!“

Brosheim nickte. Dagegen konnte er nichts einwenden.

„Ja, das ist viel. In den frühen Aufnahmen und in ihrem letzten Film ist sie uns nackt erschienen. Viele können das Wunder bezeugen.“

„Samantha Fox hat auch Wunder vollbracht.“

„Auch Frau Fox hat uns Wunderbares offenbart. Ihr Wandel ist nicht zu verachten. Aber wenn sie James Joyce gelesen haben sollte, dann hat sie es niemandem mitgeteilt. Sie hat auch niemals mit Laurence Olivier gedreht. Denn diesen Film hätte ich bestimmt gesehen!“

„Du bist schon weit in deinem Buch gekommen? Ich kann nicht mehr lesen. Es fällt mir schwer, eine Seite zu lesen. Ich bin darauf angewiesen, mit Leuten zu reden, sonst bin ich verloren. Ich könnte mich eben so gut in einer unbeleuchteten Telefonzelle einschließen, bei der sie den Hörer abgerissen haben. Darf ich dich mal was fragen? Sind Bilder in dem Buch? Bilder versteh ich am besten.“

„Nein.“

Brosheim wollte die Bilder nicht zeigen, nicht einmal einem Monroe-Schwärmer. „Darf ich dich mal was fragen? Es sind keine Bilder in dem Buch?“

„Das Buch besteht aus lauter geschriebenem Text, ein Wort gibt das andere.“

„Willst du mir was Spezielles damit sagen?“

„Außerdem ist es in Englisch geschrieben.“

„Parlez-vous anglais? Lisez-vous des livres anglaises?“

Brosheim sah, wie das Blut auf den Sitz neben ihm tropfte.

„Habe ich dich beim Lesen gestört?“ fuhr der Mann fort, „gehörst du zu denen, die nicht reden wollen?“

„Ich rede doch mit dir – solange bis die Bahn kommt. Frau Monroe ist vor 45 Jahren gestorben, vor ziemlich genau 45 Jahren. Wie alt bist du?“

„Sie war 20 Jahre tot, als ich geboren wurde, eher mehr.“

Dem Enthusiasten zitterten die Lippen, und er strich mit der Hand über die Stirn, als wollte er dort die Träne wegwischen, die er seinen Augen – als Egoist – nicht erlaubte. Mit hochschnellender Hand schleuderte er einen Tropfen Blut auf Brosheims Backe. Der fühlte ihn wie einen Bleitropfen. Vorsichtig, um sich nicht ruckartig bewegen zu müssen, griff er sein Taschentuch und wischte ihn ab, indem er fest aufdrückte, um das Blut restlos in das Tuch zu pressen. Er legte es auf den Sitz neben sich. Die abgetupfte Stelle pochte.

„Darf ich dich mal was fragen? Gibst du mir den Lappen?“

Brosheim reichte ihn langsam hoch. Es gelang dem Enthusiasten, das Taschentuch um die verletzte Hand zu winden, ohne die Hilfe Brosheims zu beanspruchen, der sich innerlich schon zum Samaritertum entschieden hatte. Er beobachtete den Menschen, bereit zu helfen, aber nur im äußersten Notfall, und begriff deshalb zu spät, dass er mit der Bahn, deren Türen klappten, zur Friedrichstraße hätte fahren sollen.

„Verdammt. Ich hab die Bahn verpasst.“

„Für dich ist ihr Tod 45 Jahre her, für mich erst 20“, sagte der Enthusiast und gab Brosheim einen Anlass, über Logik nachzudenken.

„Ich darf also keine Frage stellen?“ hörte er den Mann fragen.

„Doch, bis die nächste Bahn kommt – verdammt nochmal.“

„Die Bahn bestimmt dein Leben, sie ist dein Schicksal. Eine Unterhaltung mit dir ist ziemlich anstrengend. Bist du Professor oder was? Ich hätte dich gern mal was gefragt: Nämlich warum du auf sie stehst.“

Er deutete mit dem Kopf auf das Buch. Brosheim antwortete hinhaltend, während er den Westen nach Bahnen absuchte:

„Sie hat etwas Schwesterliches, lässt viele Projektionen zu.“

„Was?“

„Projektionen!“ Brosheim wedelte mit den Fingern. Er wusste nicht genau, sollte er auf sich projizieren oder auf den gegenüberliegenden Bahnsteig (Frau Monroe stand ja nicht zur Verfügung).

„Du kannst dir bequem aussuchen, als was du sie sehen willst. Kapiert?“

„Ja natürlich, Mann.“

„Sie hatte mindestens so schlechte Karten wie du.“

„Ich habe lauter Luschen, Alter!“

„Auch wer Luschen hat, ist noch im Spiel. Frau Monroe jedenfalls hatte ganz schlechte Karten. Trotzdem hat sie es nach oben geschafft. Die Königin von England empfing sie, der amerikanische Präsident und sein Justizminister schätzten sie, der Papst hätte sie auch gerne kennen gelernt, und sie war die Frau eines berühmten Schriftstellers. Aber …“

„Der Kerl hat sich nichts aus ihr gemacht, das weiß ich zufällig.“

„Blödsinn. Was weißt du! Er hat sie geliebt. Alle haben sie geliebt. Alle! Sie haben es nur nicht richtig rübergebracht. Sie sind ihr vieles schuldig geblieben.“

„Man hat sie gekreuzigt!“ schrie der Enthusiast, der um die Bank gelaufen und vor Brosheim hingetreten war, eine Hand fest auf die verbundene andere Hand drückend. Die Leute auf dem Bahnsteig drehten sich um.

„Es gibt ein Poster, wie sie am Kreuz hängt, in dem gerüschten Kleid. Sie sitzen alle unten herum: Humph Bogart, Cary Grant, Marlon Brando, John Wayne, Clark Gable, Dick und Doof.“

Brosheim hoffte, dass die Bahn bald einträfe.

„Sie würfeln um ihr Kleid, obwohl sie noch gar nicht tot ist. Sie lächelt immer noch. Ich vergebe euch allen. Über den Dächern von Nizza habe ich fünf- oder achtmal gesehen.“

„Grace Kelly ist mit dem Auto verunglückt, sie wurde nicht gekreuzigt.“

„Ich habe tausend Filme gesehen, ehrlich, aber ich hab mir nie merken können, wer in welchem Film spielt. Humph in Casablanca, das weiß jeder. Ich sage, man hat sie gekreuzigt, die verdammten Schweine haben sie gekreuzigt! Darf ich dich mal was fragen?“

Brosheim nickte nur.

„Kannst du mir das Buch geben?“

„Nein.“

„Du willst sie für dich behalten!“

„Bücher, die ich gelesen habe, verschenke ich nur, wenn sie besonders schlecht sind.“

„Das Buch kostet doch bestimmt seine 200 Mark?“

„Jaah – das könnte hinkommen. Hier, ich schenke dir das Bild. Es ist aus dem Leim gegangen. Diese Paperbacks sind alle mit Spucke festgeklebt.“

„O Mann, ich danke dir! Dein Buch hat ja doch Bilder, wusstest du das? Aber danke, Alter. Was trägt sie denn da?“

„Einen Blaumann.“

„Als hätte sie in der Fabrik gearbeitet.“

„Sie hat ihr ganzes Leben in der Fabrik gearbeitet. Hier ist sie gerade in einer Flugzeugfabrik, vor über 60 Jahren.“

„Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll, Alter. Ich hab kein Geld bei mir. Willst du eine Zigarette? Hast du mal Feuer?“

„Nein, ich bin Nichtraucher. Ich habe dir das Bild geschenkt. Verkauf es nicht. Wenn ich höre, dass du es verkauft hast, schneide ich dir die Eier ab. Kapiert?“

„Ja, ich verkauf es nicht. Ehrenwort.“

Der Enthusiast hielt das Bild in beiden Händen und starrte es an. Er überhörte den quäkenden Signalton der S-Bahn, in die Brosheim gestiegen war. Brosheim atmete auf. Wer ist hier der Enthusiast? Help, I feel life coming closer when all I want to do is die. Solche Sätze konnte sie schreiben! In der Bahn vergewisserte er sich, dass er das Buch eingesteckt hatte.

5.

Brosheim fuhr mit der S-Bahn nach Ost-Berlin und ging wahllos durch ein paar Straßen zur Außenstelle seines Ministeriums zurück. In anderen Städten genösse er es, durch alltägliche, geschäftige Straßen zu schlendern, am liebsten unter einem grauen Himmel. In diesen Kästen, den zugedeckten Straßen, fühlte er sich gleichermaßen verloren und geborgen, sie waren ihm der Inbegriff des Zeitlosen, weil die Zeit in den vielen gegenläufigen Bewegungen zerrieben wurde, Bewegung von Autos, Fußgängern, Straßenbahnen, deren Ziel er nicht zu kennen brauchte und die keine bevorzugte Richtung erkennen ließen. Der graue Himmel gefiel ihm nicht deswegen, weil er die Traurigkeit geliebt hätte, sondern weil die Häuser im Sonnenlicht schrumpfen, begrenzt durch ihre eigenen Schatten, so aber gehörte alles zu ihnen, und er ging wie durch Zimmer, ohne erkannt zu werden. Er würde einen Film über unbekannte Straßen drehen, wenn ihm ein Verrückter Geld dafür gäbe. Wie Russ Meyer Titten, nichts als Titten filmte, würde er Straßen, nichts als Straßen filmen, in denen er sich verlöre. Aber heute war es nicht so wie in den Städten seiner Liebe: Dublin, Paris, Florenz. Heute missfiel ihm der Weg durch die Straßen. Sie sahen nicht verwahrloster aus als anderswo in Europa, dennoch, sie waren ausgespäht worden und für ihn deshalb ohne den Reiz des Vergessenen und darum ohne den Reiz des Wiedererkennens. Die Diktatur hatte sie zerstört, nichts als Staub und Blindheit hinterlassen. Es war den Häusern nicht wirklich abzulesen, den Häusern der Jahrhundertwende oder denen des 18. Jahrhunderts, er hatte nur keine Einstellung zu ihnen. Sie erinnerten ihn an nichts, was er jemals gewusst hatte, so wie die Häuser in Dublin bereits voller Erinnerungen steckten, als er sie zum ersten Mal sah. Die Häuser hier schienen ihm erstickt, ausgeweidet. Er hasste diesen Stadtteil. Am liebsten wäre er zurückgefahren, hätte er sein Gepäck nicht in der Außenstelle stehen gelassen und und seiner Stimmung nicht misstraut, denn er lebte hier in keiner anderen Welt als zu Hause auch.

Er ging bewusst einen Umweg, um sich dem Einfluss der Häuser auszusetzen, sich an sie zu gewöhnen. Er fand an der glatten Front eines Gebäudes aus den 1960ern eine Plakette, die es als Eulers Wohnsitz auswies. Er streckte sich und klopfte dagegen, ob sie aus Bronze wäre. „Hier wohnte von 1743 bis 1766 der Mathematiker Leonard Euler … Berlin 1907“. Zum ersten Mal interessierte er sich aus freien Stücken, ohne getrieben zu werden oder einen Zweck zu verfolgen, für eine Straße der ehemaligen (politisch inkorrekt so bezeichneten) Hauptstadt der DDR: die Behrenstraße. Die Parteidiktatur hatte das Andenken eines Menschen bewahren helfen, dem Brosheim das Vergnügen an eingekleideten Aufgaben verdankte, eine Plakette der Kaiserzeit kopiert und auf den sozialistischen Verputz geschraubt. Das prägte er sich ein. Die Behrenstraße wurde ihm die Hauptstraße des neuen Deutschlands. Hier hatte er zum ersten Mal Fuß gefasst.

Es war Mittag, als er durch die gläserne Drehtür in die Eingangshalle trat. Niemand in dieser Verwaltung kannte seine Mission, auch nicht der amtsdeutsch als „last“ bezeichnete Leiter der Außenstelle. Ihn würde er morgen vor dem Rückflug ins Bild setzen und ihm mit irgend etwas Technischem auf die Nerven gehen. Er musste etwas bewegen, sich zeigen lassen, Erklärungen entgegennehmen, abwägen, Zweifel äußern, in einer bescheidenen Art nach Papieren verlangen, die Leute beschäftigen, sich umtun. Er machte gleich hier den Anfang und zeigte dem Pförtner als erstem Zeugen seiner offiziellen Anwesenheit den Dienstausweis. Der Pförtner erhob sich halb und ließ sich resigniert zurückfallen, als Bros-heim, ohne eine formelle Geste der Erlaubnis abzuwarten, die Treppe emporstieg. Dann merkte Brosheim, dass es töricht war, in einem fremden Haus nach Zuständigen zu suchen, die er persönlich nicht kannte. Er kehrte daher um und fragte den Mann, der sich abermals erhob und die Tür seines Verschlages öffnete, wo die Kantine sei und ob er einen gewissen Ehrens kenne, Klaus Ehrens, der schon unter der Modrow-Regierung Leiter des Referats Automatisierte Informationsverarbeitung und statistische Auswertung gewesen sein müsse. Ja gewiss, die Kantine befinde sich geradeaus durch die Flügeltür, rechts die Treppe runter, im Keller dem Pfeil nach, und der Herr Ehrens habe sich seit Tagen nicht mehr blicken lassen, wahrscheinlich gehöre er zu den Leuten, die nicht übernommen werden – oder wollen. Brosheim fragte, wer denn nun für das Referat verantwortlich sei.

„Das gibt es nicht mehr.“

„Dann für den Nachlass des Referates.“

„Da bin ich überfragt. Wenn Sie sich an den last wenden wollen.“

„Wer ist sein Vertreter?“

„Einen richtigen Vertreter gibt es nicht. Aber der Kollege aus Bonn schmeißt hier den Laden. Wenn er nicht hier ist, dann im HdM zum Essen.“

„Sie haben ihn demnach nicht zum Essen gehen sehen?“

Brosheim spielte auf die Funktion und die Ehre eines Pförtners an, zudem eines, der vor dem 3. Oktober hier schon Pförtner gewesen war.

„Die Kollegen gehen oft hinten raus über den Hof, das ist näher zum HdM.“

„In der Kantine hier kann man nicht essen?“

„Doch, doch.“

„Also den Kollegen aus Bonn würde ich dann gerne mal sprechen.“

„Soll ich Sie verbinden?“

„Wäre nett.“

Brosheim verabscheute seine Aufgabe. Er rechnete nicht damit, jemanden zu treffen, der ihm das Nötigste an Informationen würde vermitteln können. Die Aussicht, jedes Zimmer zu besichtigen, informationsverarbeitende Maschinen zu registrieren und auf ihre Verwendungsfähigkeit zu prüfen, deprimierte ihn, und er durchlitt die Augenblicke vor dem Hörer haltenden Pförtner als Folter. Er war nahe daran zu weinen vor aufgestauter Wut, die sich nicht anders entladen könnte. Der Pförtner unterbrach sein Gespräch, legte die Hand auf die Muschel und wollte wissen, in welcher Angelegenheit.

„Sagen Sie einfach, ich käme aus Bonn, Referat Z7.“

„Sie können hochkommen.“ Er beendete den Anruf.

„Wohin hoch?“

Der Mann entschuldigte sich, wählte abermals und fragte nach dem Zimmer, in dem der Herr empfangen werden solle. Der Mann notierte sich etwas auf eine Zeitung, die zur Lektüre auf seinem Tisch lag, und las dann vor, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte: „Zimmer 211, Herr Vogelsang.“

Brosheim hatte eine Perspektive und schon einen zweiten Zeugen seiner Anwesenheit. Er kannte Vogelsang vom Sehen und hatte ihn stets für einen wissenschaftlichen Mitarbeiter gehalten. Jetzt beklagte er seine mangelhafte Menschenkenntnis und dass er in den Jahren seiner Verwaltungstätigkeit noch kein Gefühl für die Zugehörigkeit zu Laufbahngruppen entwickelt hatte. Vogelsang war nur Oberamtsrat und hätte in seinem dezenten, korrekt gekleideten Auftreten, mit seiner goldgeränderten Brille und dem nach hinten gekämmten weißen Haaren wenigstens als Privatdozent gelten können. Dass er, seinem Aussehen nach zu urteilen, überhaupt nichts von informationsverarbeitenden Maschinen verstand, konnte nur von Vorteil sein.

„Wir kennen uns ja schon“, sagte Vogelsang, während er sich erhob. Das Zimmer war so schmal wie ein Badezimmer.

„Die Umstände“, sagte er weiter und breitete die Arme aus, um einen natürlichen Vergleichsmaßstab zu geben. Er drängte Brosheim zum Sitzen. Der schilderte seinen Auftrag und lauschte dann den Ausführungen des Sachbearbeiters. Ihm wurden die Lider schwer. Er hörte zu wie in einem Rauschen. Er hatte längst alles erfahren, was es für ihn zu wissen gab, und trotzdem war er unfähig, den Monolog zu stören. Erst durch ein Klopfen und das Hereintreten einer Dame, die eine an einem Kettchen befestigte Brille trug, wurde der Sachbearbeiter unterbrochen.

Die Dame setzte die Brille mit beiden Händen ab und legte sie auf ihren Busen. Die enttarnte Kurzsichtigkeit elektrisierte Brosheim, der kurzsichtige Frauen erotisch fand (ihrer suchenden, intensiven Blicke wegen). Er stand auf und bot ihr seinen Stuhl an. Sie übersah es. Die Entfernung der Brille, die dadurch verursachte optische Entrückung, half ihr, mutig eine Beschwerde vorzutragen: Ihr fehle es an Jedem und Allem (Brosheim stierte auf die Brille), sie habe keine Farbbänder, keine Disketten und keinen ordentlichen Drucker und müsse darum ihre Tätigkeit als Sekretärin des Abteilungsleiters, Professors Matheus, nur noch symbolisch ausführen.

„Ich will gar nicht erst davon anfangen, dass ich auch für den last schreibe.“

Das sei es eben, warf Vogelsang ein, das Problem sei erkannt und man habe aus Bonn einen Experten geholt, der sich endlich um die Informationsverarbeitung kümmern werde. Sie setzte ihre Brille auf und betrachtete Brosheim.

„Und? Hat er? Haben Sie einen Drucker, haben Sie Disketten?“

„Disketten wären kein Problem“, entgegnete Brosheim. Sie kam auf ihn zu, trat nahe an ihn heran:

„Das sind ganz neue Töne. Das habe ich seit Jahren nicht gehört. Sagten Sie, kein Problem? Dann zaubern Sie mal welche herbei.“

„Sie müssen mir aber helfen, ohne das gehts nicht.“

„Die Tour kommt mir jetzt aber wieder bekannt vor. Wenn Sie welche haben, bringen Sie sie mir.“

Sie drehte sich um und verließ das Zimmer rauschend.

Brosheim nahm sich noch die Zeit, seinen Besuch bei Vogelsang förmlich zu beenden und sich beiläufig, so beiläufig es ging, nach dem Namen der Dame zu erkundigen (wenn sie für den last schreibt, kann sie auch meinen Bericht schreiben).

„Bardeleben.“

„Eine von Bardeleben?“

„Nein (Vogelsang vergewisserte sich noch einmal), ohne von, einfach nur Gisela Bardeleben.“

Er besuchte Gisela Bardeleben.

„Haben Sie?“ fragte sie.

„So gut wie.“

„Kein Verlass.“

„Ich fahre zum Essen in die Stadt, und wenn ich wiederkomme, habe ich sie.“

„Sie fahren in die Stadt? Was glauben Sie, wo Sie sind?“

Sie nahm die Brille ab und legte sie wieder auf die Brust. Die Dame sah abgespannt aus, traurig, wütend, müde, eingesperrt. Brosheim wartete darauf, dass sie sagen würde, was ihr durch den Kopf ging. Sie sagte:

„Am Freitagabend haben die allermeisten erfahren, dass sie gehen müssen, die Hälfte sofort, also am Monatsende, die anderen ein halbes Jahr später.“

„Sie aber bleiben?“

„Weil mein Mann in der Ost-CDU ist. Ich bin nur leicht kontaminiert und darf bleiben.“

Brosheim besah seine Fingernägel und strich mit dem Zeigefinger über einen Hautfetzen des Daumens. Sie fuhr fort:

„Der forsche junge Mann aus der Stadt, aus der Riesenstadt Bonn, nicht wahr, inspiziert die Dorfschule.“

„Okay. Sie haben es mir jetzt gesagt. Ich hatte vor, Sie zum Essen einzuladen und bei der Gelegenheit hätten wir die Disketten gekauft.“

„In der Stadt.“

„Am Kudamm, dort gibt es auch Büroartikel.“

„Ich komme heute noch zurecht. Wenn Sie wollen, gehen Sie mit uns in die Kantine des HdM. Dort bringe ich meine letzten Alu-Chips unter, und Sie füttern wir mit durch, einverstanden? In einer viertel Stunde. Wir sind dann sehr früh dran.“

Brosheim nickte ergeben und zog die Tür hinter sich zu. Und plötzlich in der Angst, die Frau könnte sein Nicken nicht als Zustimmung ihres Vorschlags verstanden haben, riss er die Türe auf.

„In einer viertel Stunde wo?“

„In einer viertel Stunde hier.“

Er stand auf dem dämmerigen Flur. Durch das Fensterrechteck im Treppenhaus fiel das Licht auf eine braun lackierte Holzbank, die unter dem Anprall wie ein Halbedelstein leuchtete. Überall sonst hätte er eine Laune der Physik eher vermutet als hier. Er setzte sich auf die Bank, die aus der Nähe betrachtet abgewetzt aussah und in vielen Brauntönen changierte. Sie stammte wahrscheinlich aus einer kaiserlichen Amtsstube. Vier Generationen Arbeitsloser und Bittsteller hatten ihre Ärsche darauf gedrückt. Brosheim probierte ehrfürchtig die Armlehne aus, die sich in einem Abwärtsschwung zu einer Holzspirale zusammenrollte. Sein Ohr war gegen eine halb angelehnte Tür gerichtet. Er hörte in dem Zimmer dahinter eine Frau reden.

„Seit Wochen. Ich bin fertig mit den Nerven. Das geht seit Wochen so, seitdem der Alte nebenan wohnt. Jeden zweiten Tag, du hörst alles durch die Wand. Es ist schrecklich, man kann die Uhr danach stellen. Das macht uns fertig. Wir sollten der Hausverwaltung schreiben. Aber wer ist jetzt die Hausverwaltung? Wir ziehen jedesmal die Decke über uns, und mein Mann beißt in einen Tennisball, wenn er kommt. Soweit sind wir schon.“

„Ihr seid bekloppt. So schlimm soll das mit dem Mithören sein?“

„Ich rede nicht vom Mithören wie die Kollegen von der Mithör-Fakultät, ich rede davon, dass man gar nicht anders kann als hören. Du hörst alles, ob sich jemand die Zähne putzt und das Glas auf die Ablage knallt, ob die Nachbarin ins Klo strullt. Dafür steht sie jede Nacht zweimal auf. Wenn es ihr gerade passt, macht sie ihren Staubsauger an. Jedesmal, wenn die blöde Kuh Liebeskummer hat, alle viertel Jahre, veranstaltet sie Großreinemachen, mitten in der Nacht.“

„Mit dem Vibrator.“

„Quatsch, mit einem richtigen 500-Marks-Staubsauger. Ich sage dir, du machst was durch. Und dann der Alte. Der Mann ist doch krank. Und wir werden krank. Es wird Zeit, dass wir eine andere Wohnung finden.“

„Da kannste lange suchen.“

„Ich bring meine Nachbarn um und dann mich selbst. Ich habe die Schnauze voll. Für heute Schluss.“

„Ich geh mit.“

Brosheim hörte Papiere rascheln, Taschen klappen, das Schlagen einer Schublade und das Schnappen eines Feuerzeugs. Er rutschte schnell zur Mitte der Bank und packte in seine Rocktasche, Geschäftigkeit vortäuschend, als die beiden Frauen auf den Flur traten. Eine zog die Türe zu und verschloss sie. Als sie ihn bemerkten, nickten sie ihm zu. Im Treppenhaus kicherten sie. Brosheim sah auf die Uhr. Er war fünf Minuten über der Zeit. Er kehrte ins Sekretariat zurück.

Sie war noch nicht fertig. Brosheim wartete, ohne ein Wort an sie zu richten. Sie schrieb auf einer alten Schreibmaschine. Er suchte vergeblich einen Computer, für den die Disketten bestimmt wären. Er setzte sich und sah ihr zu.

„Setzen Sie sich nicht, wir sind sofort fertig.“

Brosheim blieb sitzen und sagte:

„Ich setze mich nicht.“

Sie sah kurz auf und prüfte seinen Ausdruck. Dann riss sie das Blatt aus der Maschine, legte es in eine Schublade ihres Schreibtisches, schloss sie ab und stand auf. Sie schlug auf den Rock, um ihn zu glätten.

„Wir gehn zu Fuß. Es lohnt sich nicht mit dem Fahrdienst.“

Sie raffte ihre Tasche, ein Zigarettenetui und eine Akte. Sie legte alles auf die freie Schreibfläche, vor der Brosheim sich niedergelassen hatte, und holte ihren Mantel aus dem Wandschrank. Er stand auf und half ihr hinein. Sie schien es nicht zur Kenntnis zu nehmen, raffte wieder in einer für sie (wie er fand) typischen Weise ihre Tasche, das Etui und die Akte und verließ den Raum, so dass sich Brosheim beeilte, um nicht eingeschlossen zu werden, denn sie hatte den Schlüssel gezückt wie ein Messer, mit dem sie augenblicklich zustechen würde.

„Haben wir es eilig?“

„Ich will raus hier“, antwortete sie nervös. Er fragte nicht nach dem Grund. Erst auf dem Hof, den sie überquerten, um die Abkürzung durch den Hintereingang in die Otto-Grotewohl-Straße zu nehmen, fing sie von sich an, darüber sie sprechen.

„Ich war nie besonders gern hier. Aber jetzt bin ich es auch nicht. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, und ich weiß nicht, ob Sie verstehen, wovon ich rede.“

„Nein.“

„Ich habe nichts gegen Sie. Vielleicht ist Ihre Anwesenheit wichtig. Können Sie mir jetzt beispielsweise erklären, was Sie hier suchen? Sie haben es gar nicht nötig, nicht wahr! Haben Sie irgend jemandem Ihr Kommen gemeldet, von mir gar nicht zu reden? Sie brauchten es nicht! So geht das fast jeden Tag. Leute fliegen ein, machen einen Wirbel, fragen nach Papier und wollen wissen, ob man ihnen was tippt. Ich sage ja nicht, dass es nicht so sein muss. Können Sie mir einen Gefallen tun?“

In der hölzernen Bau-Laube vor den Baustellen der Grotewohlstraße blieb sie stehen. Ihre Frage hatte sich böse angehört, und Brosheim richtete sich darauf ein, stehen gelassen zu werden.

„Sie können mir die Akte tragen, dann weiß ich bestimmt, dass Sie hier zu was taugen.“

Brosheim nahm die Akte und trug sie vor sich her, als wäre sie ein Juwelenkissen.

„Ich bin ganz der Ihre“, sagte er noch. Aber es klang kläglich, und er setzte hinzu:

„Das HdM stammt aus unserer gemeinsamen Vergangenheit.“

Sie mussten an der Ampel warten. Die Kreuzung vor dem ehemaligen Luftfahrtministerium war bläulich verqualmt.

„So alt sind Sie nicht. Und ich übrigens auch nicht“, sagte sie.

6.

In der Halle stand wie ein Kontrolleur an einem Bahnhofschalter der Polizist, der sich die Ausweise der Passanten zeigen ließ, auch derjenigen, die aus dem Gebäude drängten. Brosheim hielt mit beiden Händen die Akte und behauptete, er könne nicht in seine Innentasche fassen, um den Dienstausweis herauszuziehen. Der Polizist errötete und winkte ihn mit einer schwachen Handbewegung durch. Eine entgegenkommende Dame, die ihren Ausweis inbrünstig vorwies, stieß gegen die Akte auf Brosheims Händen. Aus der Laufmappe, die der Akte das amtliche Aussehen gab, rutschte ein Mode-Journal. Die Frau, die auf das erlösende Nicken des Wachtmeisters gewartet hatte, bückte sich, denn sie gab sich die Schuld an dem Zusammenstoß, und beim Bücken stieß sie mit dem sich ebenfalls niederbeugenden Brosheim zusammen, so dass sich beide auf die Steinfliesen setzten und den Strom der ein- und ausgehenden Besucher stauten. Der Beamte in Uniform (vielleicht doch kein Polizist, sondern einer vom BGS) hob zuerst das Journal auf und drückte es der sitzenden Dame in die vom Staub grau gefärbte Hand. Brosheim, der aufgesprungen war, zog die Frau, die das Journal seiner Begleiterin hielt, wieder auf die Beine, tauchte dann abermals auf den Boden, holte den Ausweis der Gestürzten herauf und zeigte ihn dem Uniformierten, der Kenntnis nehmend nickte. Dann tauschten die Verunglückten ihre Dokumente. Brosheim barg das Journal in der Umlaufmappe, bevor er seiner Begleiterin in einen Flur folgte. Sie wartete an einem Treppenaufgang, rieb sich die Augen, die vom Lachen feucht geworden waren, griff nach der Mappe, schälte die Zeitschrift heraus und warf dann die Laufmappe in den Abgrund des Treppenhauses.

„Es kommt auf eine Akte mehr oder weniger nicht mehr an. Sollen sie raten, was in der Papptasche war. Es hat Ihnen doch nichts ausgemacht?“

Brosheim versuchte, seinem Gesicht ein überlegenes Lächeln einzuprägen, um damit anzudeuten, er habe längst gewusst, was der Umschlag enthielt.

„Ich habe sie einer Freundin versprochen“, erklärte sie.

„Ich weiß“, sagte er.

„Was wissen Sie?“

„Ich weiß, dass ich mit Ihnen lieber chinesisch essen gegangen wäre, als in dieses zweimal verfluchte Haus.“

Sie trat nah an ihn heran, so dass er den Druck ihrer Brüste spürte. Sie hatte ihre Brille noch nicht wieder aufgesetzt.

„Man muss auch mal verlieren können. Und bilden Sie sich nicht ein, ich wollte Ihnen das Büro des Gröfatz oder die Nierentische des Staatsratsvorsitzenden zeigen. Ich bin nur hier, um zu essen. Und warum Sie hier sind, haben Sie mir immer noch nicht verraten.“

„Darf ich meine Bekenntnisse so lange hinausschieben, bis wir in Ihrer Mensa einen Tisch gefunden haben?“

„Es ist nicht meine Mensa, ich habe sie mir nicht gemacht!“

„Sie mussten ja unbedingt hierhin, ich wollte Sie anderswohin einladen.“

„Wenn es Ihnen nicht passt“, sie unterbrach sich, „ach, hören wir damit auf. Sie sind der erste Wessi, mit dem ich essen gehe.“

Sie lächelte, und er bemerkte, dass ihr ein Stück Schneidezahn abgesplittert war, die Bruchstelle schimmerte gelb. Er ließ sich unterhaken und durch die Gänge eines Gebäudes führen, das unbedingt gesprengt werden müsste. Sie führte ihn durch mehrere Gänge und mehrere Stockwerke, mal im Paternoster, mal durch Treppenhäuser – es waren vielleicht nur drei Gänge und zwei Etagen, aber es kam ihm lang und verschachtelt vor. Sie begegneten Menschen, die nicht grüßten, kaum aufsahen, nie standen oder stehenblieben und sich alle bewegten, zu einem Zentrum hin oder von einem Zentrum fort, das Brosheim in der Essenausgabe vermutete. Sie erreichten endlich die Kantine. Nach Bros-heims Schätzung lag sie im vierten Stock. Die Frau regelte alles Nötige für ihn, belehrte ihn, dass man zuerst die Tabletts und den Zubehör holen muss und dann an einen Essensschalter herantritt und mitteilt, welches von drei Gerichten man haben will.

„Wenn alles gut gegangen ist, zahlen Sie dort an dem Lotteriehäuschen und folgen mir in den Gang.“

Brosheim nickte, tat wie ihm geraten, holte Tabletts und Besteck und wartete mit seiner Begleiterin, ohne die er in Panik ausgebrochen wäre und schreiend einen Wagen mit hoch gestapelten Tellern umgeschmissen hätte, um sich Raum zu schaffen, wo er atmen könnte. Er merkte, dass sie das Journal an die Frau reichte, die weißbekittelt hinter dem Schalter stand. Seine Freundin (so nannte er für sich seine Bekannte aus der Außenstelle) plauderte mit der Frau im Kittel. Gisela Bardeleben wirkte jetzt gelöst und befand sich in einer gütigen Grundstimmung. Sie hatte ohne ironische Bemerkung das Journal überreicht. Sie schien ihre demütigende Absicht vergessen oder aufgegeben zu haben und unterhielt sich über ein bedeutendes Thema, bei dem alle Menschen zu Philosophen werden: über die Zeit. Dass sie kommt, dass sie anders wird, aber dass man nichts an ihr ändern kann. Die Zeit vergeht. Brosheim hätte sich nicht gewundert, den Schriftzug „Die Zeit vergeht“ in schwarzen Lettern auf der senffarbenen Wand als Menetekel aufscheinen zu sehen und darunter in kleinen Buchstaben: Marx oder Lenin oder Mao oder Pieck oder Heraklit oder auch Friedrich der Große oder am besten: Gisela von Bardeleben. Er hatte sich das Wort „vergehen“, auf die Zeit angewandt (wo es doch ein Zeitwort ist), noch nie so plastisch vorgestellt wie gerade jetzt, da ihn die Mittagsmüdigkeit beschlich. Die besondere Betonung eines Wortes, das ihm plötzlich ungewohnt, nie gehört vorkam, obwohl er es seit Jugend auf gebraucht hatte, die Loslösung eines Ausdrucks aus einem gewohnten Zusammenhang hatte ihn einige Male beunruhigt, weil er sie für Vorboten einer Geisteskrankheit hielt, und nun schrieb er es seiner Müdigkeit zu, dass er die vergehende Zeit mit einem Würfel Zucker vergleichen musste, das sich in einem Glas Wasser auflöste und nichts von ihm übrig blieb als ein Lichtblitz, der den Ort des Untergangs markierte. Seine Augen brannten. Er litt unter der schrecklichen Zeitlosigkeit in einem Haus, aus dem er alleine nicht herausfinden würde und das man in jedem Fall zu sprengen hätte.

„So viel Zeit ist auch nicht.“

Seine Freundin stieß ihn an und führte seinen Ellenbogen mit allem, was er auf dem Arm trug, zum Essenschalter, damit er entgegennähme, was sie längst für ihn bestellt hatte: Rotkraut mit Salzkartoffeln und einer Bratwurst.

Sie schubste ihn in den hohen dunklen Ess-Saal und setzte sich neben eine quadratische Säule in der Mitte des Saals zu einem jungen Mann, der ihnen verlegen entgegenlächelte. Er begrüßte die Frau, ohne sich zu erheben und ohne Brosheim anzusehen, als gäbe es ihn nicht. Erst als Brosheim laut guten Tag wünschte, ruckte der Mann seinen Kopf zu ihm herüber und tat erstaunt über die Anwesenheit des Unbekannten. Dann stand er auf und streckte Brosheim die Hand entgegen, die dieser nicht zu ergreifen brauchte, weil er das Tablett hielt. Brosheim sah, dass er passabel gekleidet war, aber zu aufdringlich, der blaue Anzug (ein Zweireiher) und eine ins Altrosa spielende Krawatte mit dickem Knoten fielen besonders auf. An beiden Händen trug er Ringe, und Brosheim glaubte zu sehen, wie aus dem Ärmel ein messingfarbenes Kettchen auf die Hand fiel, als der Mann seine ausgestreckte Rechte wieder zurückzog und Brosheim einen Platz anbot, als wäre er der Gastgeber.

„Was hast du uns da mitgebracht?“

Brosheim mochte den Kerl nicht, auch weil er annehmen musste, er sei der Mann aus der Ost-CDU, der seine Freundin gelegentlich kontaminierte. Diese Vorstellung war Brosheim unerträglich.

„Er ist eine Art Kollege von dir“, sagte sie und stellte sie gegenseitig vor. Brosheim konnte sich nun freundlicher geben, denn der Mann war nur ein Bekannter, der im HdM arbeitete oder wenigstens bis vor kurzem dort gearbeitet hatte, nämlich der gesuchte Herr Ehrens. Der Kerl lächelte ironisch.

„Mir soll es egal sein, aber darf ich fragen, ob Sie unsere Maschinen, pardon, die Maschinen im ehemaligen Referat, wie heißt es doch gleich, Sektion für automatisierte Verfahren in der Planung der Volksbildung, ob Sie die Geräte mitzunehmen gedenken?“

„Es kommt darauf an“, antwortete Brosheim provozierend geistlos, und prompt kam die Frage:

„Worauf kommt es an?“

„Nun, auf die Qualität, auf ihren Zustand eben, auch auf den Bedarf vor Ort und so weiter.“

„Und so weiter“, warf die Frau ein, „jedenfalls sage ich erst einmal guten Appetit.“

Der junge Mann blieb davon unbeeindruckt und fuhr fort:

„Sie werden es vielleicht nicht glauben, ich hatte, als ich noch zu dem Laden gehörte, Geräte des West-Standards, wozu ich auch Produkte aus Korea und Taiwan zähle“, Brosheim nickte verstehend, „noch Dezember 89 in Hamburg eingekauft, 386er im Novell-Netz, Peacock-Monitore, beste Qualität, dazu stehen noch einige PC1715, wenn Ihnen das was sagt, und dazu jede Menge Nadeldrucker K6311 in der Sektion.“

„Robotron?“ fragte Brosheim aus gelangweilter Höflichkeit.

„Natürlich Robotron. Thermodrucker gefällig? Plotter? K6303, K6411, können Sie alles haben, sogar einige KC85, 3er und 4er, mit Z80-Prozessoren, Home Computer made in GDR. Ich weiß jemanden, der die Sachen verschleudert, und gegen einen gewissen Aufpreis kann ich sie Ihnen anbieten.“

Er lächelte unverschämt, so dass sich Brosheim zur Antwort genötigt sah:

„Ich möchte darauf hinweisen, dass alle informationstechnischen Geräte des ehemaligen Ministeriums nicht in Privatbesitz übergehen dürfen. Sie gehören der Bundesrepublik Deutschland.“

„Ja aber selbstverständlich, sonst hätte ich das Westzeugs in mein Sortiment übernommen“, der junge Mann grinste, „aber es steht schön brav, wie es sich gehört und wie von Gott erschaffen, an den wir jetzt alle wieder glauben, in Zimmer 1206 und 1208 und wartet auf bessere Zeiten, die ja nun unmittelbar bevorstehen.“

„Wollt Ihr fachsimpeln, dann geht woanders hin“, sagte Brosheims Freundin kauend. Der Mann nahm sein Besteck wieder auf, rollte ein lappiges Salatblatt, das auf seinem Glastellerchen übrig geblieben war, auf seine Gabel und zeigte damit auf Gisela:

„Die hätte ich gern als Sekretärin übernommen, aber sie will lieber bei euch bleiben.“

Er steckte die Gabel in den Mund und stopfte endlich sein Grinsen.

„Er ist nämlich Unternehmer“, sagte sie, „er hat ein Büro in Westberlin und handelt mit was, womit handelst du?“

Er zuckte die Schultern.

„Mit was du willst, z.B. mit Computern.“

„Nicht schon wieder!“

„Mit Textilien. Ich kann dir noch was besorgen, wenn du willst.“

Brosheim sah, wie Gisela rot anlief.

„Ich melde mich schon, wenn ich was brauche.“

Und Brosheim:

„Ach ja, mit was haben Sie denn Ihr Geschäft finanziert?“

„Bankkredite“, und aufstehend, „darf ich den Herrschaften Kaffee bringen?“

Sie nickte, und Ehrens verschwand mit großen Schritten. Er hatte seinen zurückgeworfenen Stuhl nicht aufgehoben. Ein Herr sah missbilligend zu Brosheim hinüber und forderte ihn mit Blicken auf, die Ordnung wieder herzustellen. Brosheim betrachtete den Stuhl als Kunstexponat, das absichtlich mitten in dem tristen Alltag einer Behörde dort angebracht worden war, und ihm kam der Herr vor wie ein Kunstkritiker und dessen Missbilligung wie die Fortsetzung der Kunst. Brosheim fragte Gisela:

„Ehrens musste gehen?“

„Wie viele andere auch.“

„Habe ich noch mit ihm zu tun?“

„Wenn Sie der große Computerfachmann sind, wie ich vermute, ich bin bei Ihnen ja nur auf Vermutungen angewiesen, dann war er wohl Ihr Vorgänger im Amt. Er hat in Dresden Elektrotechnik studiert.“

„Man kann es hören.“

„Vor vier Jahren ist er hier aufgetaucht.“

„Sie wissen viel von ihm, nicht wahr?“

Sie sah ihn einen Augenblick länger an als gewöhnlich und schüttelte für sich den Kopf.

Brosheim: „Habe ich was Falsches gesagt?“

„Ich kenne ihn nicht besser als jeden anderen Kollegen, und ich habe in meinem ganzen Leben keine Akte, weder über ihn noch über einen anderen, jemals auch nur zu Gesicht bekommen.“

„Das habe ich nicht gemeint, Entschuldigung.“

Der junge Mann setzte das Tablett, auf dem die Kaffeebecher standen, vor Brosheim ab und mischte sich ein.

„Entschuldigung? So förmlich?“

„Er hat mich gefragt, ob ich von der Stasi bin.“

„Natürlich“, sagte der Mann trocken, „jeder war dabei.“

Brosheim wollte sich beschweren, als ihm ihr starrer Blick begegnete, und dann wusste er, dass ihn der Wortwechsel nichts anging.

„Meine Ex-Kollegin hat über mich gesprochen?“

„Man spricht immer über Abwesende, das ist eine alte Erfahrung.“

Ehrens sah von einem zum anderen.

„Und selten Gutes, das ist auch eine alte Erfahrung. Mir ist es ganz egal, was die Leute sagen. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich auch, auch in der Partei gewesen bin. Da gibt es noch eine Menge andere, die darin waren und heute wieder in der Partei sind, in der richtigen, versteht sich.“

„Wir haben über Sie gesprochen, ja, über Ihre alte Funktion, und dass ich mich an Sie halten sollte, um hier weiterzukommen, weil Sie Bescheid wüssten.“

„Nicht mit mir! Der Staat hat auf meine Mithilfe verzichtet, und nicht einmal dankend. Nein danke! Im übrigen bin ich Ingenieur.“

Es hörte sich an wie: ein Ingenieur ist immer Opfer. Er stierte auf Brosheim, so dass dieser peinlich berührt seinen Kopf gegen die Fensterfront drehte und überlegte, warum der Mensch heute Mittag hierher gekommen war, wo er doch angeblich in Westberlin ein Geschäft zu laufen hatte.

„Sie sind hier im Haus also nicht mehr beschäftigt?“

„Und trotzdem sitze ich hier. Alte Gewohnheit. Ich wollte in mein ehemaliges Büro, um noch einige persönliche Sachen abzuholen, und damit Sie nicht glauben, ich würde irgend etwas mitgehen lassen, habe ich nichts dagegen, wenn Sie mich begleiten, ich meine, wenn Sie gestatten, dass ich mich Ihnen anschließe.

„Ich möchte, dass Gisela mitkommt. Ohne sie bin ich in diesem Haus verloren.“

„Wenn Sie es befehlen, gehen wir eben zu dritt in mein Büro, pardon, in Ihr Büro.“

„Ich muss leider noch schaffen, Sie müssen ohne mich zurechtkommen“, sagte Gisela ohne einen Blick für Brosheim.

„Sie muss leider noch schaffen“, wiederholte Ehrens. Sie nahm ihr Tablett auf.

„Denken Sie an die Disketten?“

Gisela sah Brosheim ausdruckslos an und verließ den Speisesaal.

„Okay.“

„Okay was?“ fragte Ehrens.

„Okay, wir können gehen.“

„Okay, gehen wir durch die Gartentür über den Hof hinüber zu der Vier über dem Eingang. Sie stammt noch aus Adolfs Zeiten.“

Brosheim hasste die Formulierung, die scheußlich familiär klang.

„Es hatte sich wohl nicht allzuviel geändert“, schnarrte er.

„Glauben Sie? Wer bei den Nazis so auf die Straße gegangen wäre, wie wir in Leipzig, was hätten die mit uns wohl gemacht?“

Sie gingen deutlich von einander getrennt, den gesamten Weg in seiner Breite nutzend.

„Waren Sie denn in Leipzig?“

„Waren Sie?“

„Ohne Ihre Mauer wäre ich wahrscheinlich auch dort gewesen.“

„Es war nicht meine Mauer!“

Der Mann blieb stehen und fasste Brosheim am Ärmel.

„Es war nicht meine Mauer“, wiederholte er und ließ den Ärmel los, „von meinem Fenster, jetzt Ihrem Fenster, sah ich sie täglich, aber es war nicht meine Mauer, und ich kenne niemanden persönlich, dessen Mauer es die ganze Zeit über gewesen wäre. Beantworten Sie mir mal eine Frage: Was haben Sie 1968 gemacht? Sie haben Ihre Zeit in Lesesälen und Institutsräumen verträumt!“

Brosheim dachte, dass der Vergleich 1968 mit Leipzig falsch war und dass es zu viel Worte gekostet hätte, den Unterschied zugunsten Leipzigs klarzustellen, darum schwieg er. Oder meinte er gar nicht Dutschke, sondern Dubcek und den Prager Frühling? Das hätte einen Vergleich ausgehalten (man durfte es nur nicht am Erfolg messen). Ehrens zog die Tür zum Gebäudeteil IV auf und hielt sie für Brosheim offen, der als erster in das menschenleere Treppenhaus trat und einen Augenblick daran dachte, wie einfach es für einen entschlossenen Menschen wäre, ihn von hinten niederzuschlagen. Das Gefühl der Bedrohung schrieb er seiner Aversion gegen den Mann und das Gebäude zu. Er stand hier in einer verdammt deutschen Ecke. Ehrens überholte Brosheim auf dem Treppenhaus und führte ihn durch ruhige Gänge, als gehörten sie einer anderen, auch heute noch geheimen Abteilung an, in einem Seitenarm des Gebäudekomplexes, der in Dunkelheit dalag.

7.

Das Klappern von Damenschuhen drang bis hierher. Das Schlagen einer Tür klang wie eine Explosion. Das Schnarren eines Schlüssels, der umgedreht wurde, ließ Brosheim glauben, in ein Gefängnis gelockt zu werden. Ehrens fragte, ob Brosheim einen Schlüssel besitze, er habe seinen vergessen, obwohl er ihn heute unbedingt hatte abgeben wollen. Als Brosheim verneinte, forderte ihn Ehrens auf zu warten. Seine Schritte hallten lange in Fluren und Treppenhäusern. Brosheim schätzte danach die ungefähre Position des Mannes, dann wurde er abgelenkt von dem Rauschen der Heizung, das je länger er darauf achtete, desto mehr in seinen Ohren zu einem Dröhnen anschwoll. Er tastete nach einem Lichtschalter, weil er hoffte, dass im aufflammenden Licht das furchtbare Geräusch zusammenbrechen würde. Er fand keinen Schalter. In der hilflosen Wut eines verlassenen Kindes trat er zweimal gegen die Tür, vor der er abgestellt worden war, gezielt gegen das Schlüsselloch. Das Rahmenholz splitterte. Das vibrierende Blatt drehte sich langsam nach innen. Das herausgebrochene Rahmenstück stand schräg ab wie ein Schwert. Er betrat den Raum und drückte das Holzschwert vorsichtig nach unten. Es zerbrach unter dem Druck und fiel auf das Laminat. Brosheim beschwichtigte sich: Er war kommissarisch verantwortlich für diesen Teil und schuldete, wenn überhaupt jemandem, nur seinem Bonner Vorgesetzten Rechenschaft. Brosheim vergewisserte sich, dass der Raum nicht versiegelt war. Danach inspizierte er die Einrichtungen. Auf Tischen, in der Mitte des Raumes zusammengeschoben, fand er mehrere Bildschirme vor, deren Strippen in einem gemeinsamen Knäuel endeten. Die Rollschränke an den Wänden standen offen und waren nahezu leer. In einem Fach lagen eine Platine und zwei Exemplare eines Taschenbuchs über den zweckmäßigen Einsatz automatisierter Datenverarbeitungsanlagen, verfasst von einem Elektroingenieur namens Ehrens. Brosheim schob die Rollverschlüsse nach oben. Die weißen Stellen im Holz der Regale, negative Schatten, deuteten darauf hin, dass man den Inhalt kürzlich ausgeräumt hatte. Er ging zum Fenster. Aus den Ritzen der Fensterbank wuchsen Pflänzchen, in den Ecken bildeten sich Moospolster. Dort lag auch ein abgebrochener Fenstergriff, an dem Kalkspuren vergangener Renovierungen hafteten. Wahrscheinlich war in vielen Jahren nur das Oberlicht gelüftet worden. Brosheim untersuchte das Fenster, konnte jedoch keine Möglichkeit entdecken, es zu öffnen. Durch die fleckigen Scheiben schaute er auf das Gelände, wo bis vor kurzem die Mauer gestanden hatte. Es sah aus wie eine kiesige Baustelle ohne Baumaschinen, als wäre ein Messegelände oder eine mehrspurige Autobahn projektiert worden, und als wollte man gerade mit dem Bau beginnen.

Einen Augenblick, in dem einer, der unbeobachtet in einem aufgebrochenen Zimmer stand und nach Belieben Schränke aufrollen konnte, ohne dass auch nur eine Sekretärin auf dem Weg zu den Sicherheitsbeamten wäre, um ihn abführen und verhören zu lassen, einen solchen Augenblick hatte es seit dem Bestehen des Gebäudes nicht gegeben und er würde sich auch nie wieder einstellen. Brosheim räsonierte: Bald ist die Berliner Mitte vollgestopft mit Baumaschinen, für mindestens zehn Jahre. Die Mauerschneise wächst zu, und dieses Monstrum von einem Nazi- und SED-Ministerium wird leider nicht gesprengt. Nach dem Auszug der alten Behörden, die sich schnell einen neuen Namen haben geben lassen, zieht vollends die Treuhand ein, später vielleicht das Innenministerium. Und dieser Raum am Ende eines abgelegenen Flügels wird das Vorzimmer eines Abteilungsleiters oder Staatssekretärs.

Brosheim bückte sich nach einem Metallkästchen, das hinter dem Röhrenbein eines der zusammengeschobenen Tische lag, griff es und las das Klebe-Etikett. Er wusste auch so, dass er einen Transceiver in der Hand hielt. Er wog ihn. Dann rutschte das Kästchen aus seiner Hand und kurvte auf einer Bahn, die ihr Entstehen zwei Kräften verdankte, einer Wut-Kraft nach vorn gegen die Fensterscheibe und einer Scham-Kraft nach hinten, die aber nicht ausreichte, das Gleichgewicht herzustellen. Die Scheibe zerbarst, aber das Kästchen fiel nach innen zurück. Das angsteinflößende Geräusch zerbrechenden Glases musste man weit hören. Brosheim ging abermals zum Fenster, stieß mit dem Fuß den Metallkasten beiseite und steckte seinen Kopf durch das gesternte Loch. Er wollte sich, wie vermutlich andere auch, die das Geräusch gehört hatten, suchend hinauslehnen. Er sah in zweihundert Metern einen Trupp Bauarbeiter, die zur Baustelle Leipziger Straße gehörten. Sie schauten die Fassade entlang. Er winkte ihnen zu, aber sie drehten sich ab, als wäre es ihnen peinlich, aus dem Haus beobachtet zu werden. Brosheim lachte und trat zurück. Er horchte in den Flur und vernahm das Trappeln von Frauenbeinen und das Fallen eines Brettes, das einen schmatzenden Ton verursachte. Danach ein Lachen. Brosheim überlegte, ob er fliehen sollte. Aber er zog einen Stuhl heran und setzte sich. Die Schritte verklangen. Dann erwuchsen im Treppenhaus aus anfänglichem Kratzen wie von den Krallen eines Hundes auf Fliesen die Schritte eines Mannes.

Als Ehrens vor ihm stehen blieb, sagte Brosheim:

„Den Schlüssel hätten Sie sich sparen können.“

„Aber wieso denn, die Tür war abgeschlossen, vorhin.“

„Habe ich sie vielleicht eingetreten?“

„Natürlich nicht!“

„Ich brauchte sie nur anzutippen. Als Sie nicht wiederkamen, habe ich es probiert. Und voila! Sie haben nichts davon gewusst?“

„Ich schwöre es Ihnen!“

Ehrens machte hastige Schritte ins Zimmer und fummelte an Strippen, neigte seinen Kopf hinter Monitore. Dann streckte er sich und schüttelte den Kopf.

„Mir soll es ja egal sein, aber hier ist eingebrochen worden.“

„Vermissen Sie nichts? Keine Papiere?“

„Hier waren keine Papiere. Was für Papiere, denken Sie, waren hier? Ich habe Statistiken gemacht. Wie viel Elektroingenieure, wie viel Architekten, wie viel Mediziner, Lehrer undsoweiter. Die Zahlen haben wir sogar veröffentlicht.“

Brosheim saß auf dem Stuhl und dirigierte Ehrens mit dem Kopf. Er wollte wissen, was für ein Gerät neben dem Schrank lag, was in dem Schrank war, welcher PC die Rolle des Servers übernommen hatte, was sich auf dem Boden unter dem Tisch herumtrieb. Ehrens hob das metallische Kästchen auf.

„Ein Transceiver“, sagte er und legte den Gegenstand vorsichtig auf den Tisch, „ich komme nicht darüber weg, geklaut worden ist offenbar nichts.“

„Sie haben doch nicht allein in diesem Zimmer gearbeitet.“

„Nein, mit einem Kollegen, dessen Vertrag in einem viertel Jahr ausläuft. Er feiert drei Flure weiter mit den Leuten, die Ihr rausgeschmissen habt, Dr. Obert, ein Fachmann für Ökonomie.“

„Für was?“

„Ö-ko-no-mie.“

Brosheim stand auf.

„Ich werde alle Geräte so schnell wie möglich hier wegbringen lassen. Um sie weiterverwenden zu können, hätte ich gerne noch die Beschaffungsunterlagen.“

Ehrens verfärbte sich.

„Sie sehen ja selbst, wie es hier aussieht, alles leer, und ich habe sie nicht in meiner Hosentasche.“

„Sie wollten sich doch etwas holen?“

Ehrens ging zum Schrank, sah in den fast leeren Regalen nach und griff zu dem Taschenbuch. Er lachte bitter.

„Können Sie haben.“

Er warf es Brosheim zu.

„Ihr Werk?“

„Ich bin einer von drei Autoren.“

„Das war aber nicht, was sie gesucht haben?“

„Na, ich seh schon, hier ist es nicht mehr. Ich dachte, es wäre noch hier.“

„Was denn?“

„Privatsachen. Fotos.“

Er ging zum anderen Schrank hinüber, bückte sich und zog eine schwankende Schublade heraus.

„Schrott.“

Unter Drähten und zerbrochenen Platinen zerrte er Broschüren hervor und warf sie neben sich auf den Boden. Brosheim machte keine Anstalten, einen Blick darauf zu werfen. Er sagte:

„Also, ich habe jetzt alles gesehen. Wie komme ich hier wieder weg?“

Ehrens stieß die Lade zurück und erhob sich. Er händigte Brosheim den Zimmerschlüssel aus.

„Ich habe Obert schon gesagt, dass er den Schlüssel nie wieder sieht. Er gehört jetzt Ihnen.“

Ehrens nickte in die Richtung eines Computers.

„Um den tut es mir leid. Passen Sie gut auf ihn auf. Das Ganze hier ist seine Hunderttausend Mark wert, DM. Ich habe es Ende 89 für einen Vorzugspreis erstanden, darum gibt es auch nicht allzu viele Papiere.“

„Ein Papier genügt mir, der Kaufvertrag.“

„Von mir aus können wir jetzt.“

Statt zur Tür ging Ehrens noch einmal zum Fenster.

„Ohne Mauer sieht es auch nicht besser aus. Aber wird noch. Die Arbeiter haben die Scheibe kaputtgeschmissen.“

„Nein“, versetzte Brosheim, „wo wäre denn der Stein?“

„Mit Rache muss man jetzt rechnen. Es gibt eine Menge Leute hier, die nicht wissen, wie sie über die Runden kommen.“

„Wenn es nach mir ginge“, sagte Brosheim, „dürften sie das ganze Haus einreißen.“

Er steckte das geschenkte Buch in seine Tasche und verließ das Zimmer. Ehrens folgte ihm und fragte:

„Was haben Sie vor? Wollen Sie irgend jemanden anzeigen?“

„Ach was, ich bin einfach nur schlecht drauf. Ich habe mich um diese Dienstreise nicht gerissen und außerdem viel zu kurz geschlafen. Hinzu kommt, wie soll ich es ausdrücken, meine Aversion, wie soll ich sagen. Es hat mit Ihnen nichts zu tun.“

Brosheim war stehen geblieben.

„Sie sind ein prima Kerl, möglicherweise. Ich kann es nicht beurteilen. Es interessiert mich auch nicht. Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen.“

„Offengestanden …“

„Ich kann es auch nicht erklären, jedenfalls nicht so, dass Sie oder ein anderer es direkt verstehen könnten.“

„Es ist wahrscheinlich zu hoch für uns im Osten.“

„Quatsch. Sie verstehen das falsch.“

„Das sage ich doch.“

„Es geht um nichts, was man im Osten weniger verstehen könnte als anderswo. Es ist mein Problem. Was man sagt, ist falsch. Ich bin mit dem Denken nicht nachgekommen. Die Welt ist rund, überall gibt es Arschlöcher. Wir stehen auf derselben Kugel. Was fangen Sie damit an?“

„Nichts. Es stimmt, aber kein vernünftiger Mensch kann etwas damit anfangen.“

„Eben.“

Brosheim legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. Und Ehrens:

„Sie tun so, als wäre ich vom Mond und spräche eine Sprache, die Sie grundsätzlich nicht verstehen. Wenn ich MS-DOS sage, wissen Sie doch, wovon ich rede, obwohl ich bei Robotron gearbeitet habe und Sie bei IBM, nehme ich an. Zugegeben, ich hatte die Erlaubnis, an die Giftschränke zu gehen, ich hatte, um es für Sie verständlich auszudrücken, Zugang zur westlichen Literatur, wollen Sie mir daraus einen Vorwurf machen?“

„Ich unterschätze überhaupt nicht, dass wir uns über Technik unterhalten können.“

„Wollen Sie sich mit mir vielleicht auch noch über Marxismus-Leninismus unterhalten, über ML? Interessiert mich nicht. Abgehakt. Die Kommunisten waren nicht die Schweine, wie Ihr denkt. Aber bitte. Weg mit Schaden. Der Genosse Erich hat mir persönlich nichts getan, anderen ja, weiß ich, also weg damit. Ich weine ihm keine Träne nach. Ich war nicht in der Sakristei, Kirche hat mir nicht gelegen, ich war auch nicht mit Kerzen auf der Straße, ich war kein Held, aber blöde bin ich auch nicht. Dass der Laden so nicht weiterlaufen konnte, wussten alle hier. Ich habe oft mit den Leuten, auch aus der SED, darüber gesprochen. Und was haben die getan? Genickt haben sie, ganz bedächtig und dabei in die Ferne geglotzt, weil ihnen nichts mehr einfiel. Bin ich nach Bautzen deswegen gegangen?“

„Andere sind.“

„Die SED hatte sich selber zum Erbrechen satt.“

„Ich sollte mich eigentlich freuen, dass alles so glatt ging. Zu schön, um wahr zu sein. Eine Diktatur weniger auf der Welt. Alle sind happy.“

„Alle happy? Im vorigen November waren sie es noch. Jetzt fragen Sie mal ein paar Ihrer Leute Unter den Linden, aber passen Sie auf, dass Sie genügend Abstand wahren. Ich habe mit euch keine Probleme. Wie Ihr Geschäfte macht und Projekte durchzieht, das liegt mir, das kommt mir entgegen, das macht mir gar nichts. Das habe ich vor der Wende auch machen können, mit kleinen Einschränkungen natürlich. In dem Raum, wo wir eben waren, hatten wir auch Pläne gemacht, hatten denen gesagt, wie man es machen könnte. Mal gab es eine Belobigung, mal den väterlichen Rat, nichts zu überstürzen. Jetzt haben sie die Büchse aufgemacht und die Flöhe schwirren durch die Gäjend. Wir Jüngeren haben keine Probleme mit euch, und ich wette, mein Einkommen ist jetzt schon höher als Ihres.“

„Wette gewonnen. Ich frage mich, ob Sie der neue Ostdeutsche sind oder nur eine Ausnahme.“

„Wie viele Ostdeutsche kennen Sie?“

Brosheim entfaltete seine Finger:

„Den Pförtner, Gisela und Sie.“

„Und? Welches Gen ist anders? Ich sage Ihnen: gen Gen, null Gen für DäDäÄrr. Ihre drei Ostdeutschen sind trotz ML völlig verschiedene Typen.“

Brosheim ärgerte sich, dass der junge Mann ihm erklärte, was er für seine eigene Philosophie ansah. Außerdem fühlte er sich elend. Ihn bedrückte die vandalistische Tat an der Tür und seine Unfähigkeit, in diesem Augenblick präzise erklären zu können, was prinzipielle Gleichheit bei individuellen Unterschieden bedeutet. Denn er hätte gerne diesen einen Grundsatz seiner Philosophie ins Gespräch gebracht. Stattdessen sagte er:

„Der Pförtner ist ein Pförtner wie überall auf der Welt, soweit ich die Welt von ihrer Pförtnerseite her kenne. Als Kind bei meinem Onkel in der Fabrik und als Werkstudent: Pförtnerbegegnungen. Also zugegeben, ML hat keine neuen Pförtner hervorgebracht. Und Gisela ist sehr patent.“

„Das haben Sie schnell mitgekriegt, Sie Oberschiedsrichter.“

„Und Sie sind mir genauso unsympathisch wie eine Reihe von Kollegen in Bonn. Also alles in bester Ordnung. Wenn ich Sie zu einem Bier einladen dürfte?“

Der junge Mann schwankte. Dann schnellte er seine Hand vor und sah auf die Armbanduhr.

„Ein andermal, würde ich sagen.“

Sie waren auf dem Treppenabsatz in der Eingangshalle stehen geblieben.

„Erklären Sie mir schnell die Aversion, von der Sie geredet haben.“

„Erklären Sie mir schnell, wo die Rechnungen sind, die Sie mir vorenthalten haben.“

„Ein andermal, würde ich sagen.“

Er reichte Brosheim die Hand. Brosheim nahm sie widerwillig. Er litt keine Deutschen (Männer weniger als Frauen). Darin war er schlimmer als ein amerikanischer Jude. Eine nur teilweise erklärliche Inländerfeindlichkeit, die er bei sich spürte, hier stärker als zu Hause, machte er für seinen Missmut verantwortlich, obwohl die kollektive Antipathie gegen Deutsche doch auch typisch deutsch war und gegen den eigenen philosophischen Grundsatz verstieß. Er hätte ebenso gut eine Abneigung gegen Aborigines fassen können, denn er glaubte nicht, dass sie besser seien als Deutsche, aber sie trugen wenigstens nicht diese Uniformen und hatten nicht diese Kartoffelgesichter. Die Kartoffelgesichter, die er für typisch hielt, die ihm besonders bei Beamten und Rentnern auffielen, verglich er mit den Gesichtern der Duse und des Prinzen de Broglie, deren Portraits ihm vorschwebten. Er verließ die Halle, ohne den Ausweis vorzuzeigen. „Hallo“, rief der Uniformierte. Brosheim machte Front gegen ihn. Dann fiel ihm rechtzeitig ein, dass er noch einmal hierher müsse, und er sagte einfach: „Rufen Sie im Ministerium an.“ Dann ging er und ließ den Wächter in großer Verblüffung zurück. Brosheim dachte: Heisenberg hatte auch ein Kartoffelgesicht. Diese Kartoffelgesicht-Philosophie taugt nichts. Es liegt nicht an den Gesichtern. Es liegt an den Konzentrationslagern. Daran war die DDR nicht schuldiger als die BRD. Also bitte etwas freundlicher.

Auf dem Weg durch die Otto-Grotewohl-Straße, die ehemalige Wilhelmstraße (die sicherlich bald wieder so heißen würde), fand er zu sich selbst und zu seiner Rede, die er gerne vor Ehrens gehalten hätte, um ihm auf eine philosophische oder philosophisch erscheinende Weise zu erklären, dass er von dem Wessi-Ossi-Dualismus nichts hielt. Wie oft hatte er sich geärgert, wenn es hieß, dass die eine Hälfte der Welt die andere nicht verstehen könne, dass trotzdem die „westliche Wertegemeinschaft“ dem Rest der Welt ihre Grundwerte aufzwingen wolle, und dass dieses Unterfangen vergeblich sei, weil die vielen Menschen jenseits von NATO und EWG völlig andere, nämlich prinzipiell verschiedene Grundwerte besäßen, die man nur tolerieren müsse und nicht zu verstehen brauche. Dieses Argument erschien verführerisch, weil es scheinbar tolerant daherkam. Tatsächlich war es rassistisch, denn es leugnete die Fähigkeit zur Verständigung und postulierte verschiedene, quasi genetisch fixierte „Mentalitäten“, die eine Teilhabe an gemeinsamen Grundwerten vereiteln.

Wenn ich schon die Verschiedenheit zur Grundlage meines Denkens mache (so Brosheim zu sich und dem imaginierten Ehrens an seiner Seite), dann stelle ich als erstes fest, dass ich nicht einmal meine westdeutschen Nachbarn verstehe. Sie kommen mir manchmal vor, als gehörten sie nicht nur einer fernen irdischen Kultur an (wenn überhaupt einer Kultur), sondern einer extraterrestrischen. Ich verstehe sie nicht, oft nicht, obwohl wir dieselbe Sprache sprechen, denselben Gesetzen gehorchen müssen und von denselben öffentlichen Einrichtungen profitieren. Trotzdem, es lohnt sich nachzuforschen, worin alle Menschen oder wenigstens die meisten übereinstimmen. Und da habe ich die wunderbare, paradox anmutende Entdeckung gemacht, dass mir Menschen entfernter Kulturen in vergangenen Zeiten sehr nahe sein können, und dass ich sie manchmal besser verstehe, als ich meine Verwandten je verstanden habe. Es gibt anrührende altägyptische und alttestamentarische Texte, zu denen ich einen sofortigen Zugang finde (natürlich nicht nur ich). Aber viel einsichtiger als die übersetzten Zeichen-Texte, die uns räumlich und zeitlich so weit entfernt erscheinen, sind die Gebärden-Texte, die jeder Mensch vom anderen abliest. Dabei brauche ich mir nichts darauf einzubilden, dass ich einem Aborigine oder einem Jemeniten nachempfinden könnte, wenn er glücklich, wütend oder traurig ist (wie viele Aborigines kennst du?), nein, darin verstehe ich auch meine westdeutschen Nachbarn, mögen sie mir sonst so fremd vorkommen wie Seekühe. Denn ihre Grundbedürfnisse sind meine. Wenn ich sie in Rechnung setze, dann weiß ich viel mehr über meine Nachbarn, über alle Menschen, als wenn sie mir ihre Welt durch künstliche Zeichen erklären würden, also durch Worte oder Briefe. Selbst da, wo sie wütend auf mich sind, erkenne ich doch dreierlei: dass sie respektiert werden möchten, dass sie nicht fremd bestimmt sein wollen und dass sie hilfebedürftig sind. Das trifft auf meine Nachbarn (selbst die, die ich nicht leiden kann und die mich nicht leiden können) ebenso zu, wie auf Afghanen, Eskimos, Mecklenburger, Chinesen und Franzosen (um nur sie zu nennen). Das heißt aber doch: Die Menschenrechte, die Freiheitsrechte, die Menschenliebe sind Werte, die nicht nur der „westlichen Wertegemeinschaft“ zugehören, sondern allen. Die großen Drei der französischen Revolution, Liberté, Egalité, Fraternité, drücken Menschheitswünsche aus. Dass es sich so verhält, beweist außer der Empathie auch die Tatsache, dass in Ländern jenseits der „westlichen Wertegemeinschaft“ Geheimpolizisten und Folterknechte existieren. Sie sind der treffende Beweis dafür, dass meine Ideale auch in jenen Ländern vorherrschen. Sonst gäbe es die Unterdrücker nicht! Dort sind Menschen, die sehen und verstehen wie ich. Wir sind nicht abgeschnitten, wir haben noch die Rückzugswege zueinander. In dem Verstehen, das ich bei anderen entdecke, liegt der Glaube an die Erkennbarkeit und die Objektivität der Welt begründet. Ohne ihn versänken wir im Solipsismus.

Brosheim war zufrieden mit sich. Aber diese Zufriedenheit, die nicht lange dauerte, machte ihn auch wieder misstrauisch: Hatte er nicht übertrieben? Das Gefasel von Aborigines und Chinesen? War der Zugang zu Ossis nur möglich über gemeinsame Menschheitswerte? Waren Ossis nicht Deutsche und daher für ihn, einen Deutschen, besser zugänglich als Pharaonen, Propheten und Franzosen? Er konnte sich nicht entscheiden.

8.

Es war erst halb zwei. Brosheim machte den kleinen Umweg zum Brandenburger Tor. Eine Bretterwand umgab es. Die Passanten konnten durch rechteckige Löcher Blicke ins Innere werfen. Brosheim spähte durch eines und sah vier gelbe Baumaschinen, die ungenutzt wie auf einer Ausstellung in einer Reihe standen. Ein Holzzaun versperrte das Mitteltor. Aus der rechten Hälfte war eine Tür herausgeschnitten worden, die halb offen stand. Kopfschüttelnd verließ Brosheim das Beobachtungsloch. Er passierte eine Reihe von Holztischen, auf denen Uniformen, Mützen, Litzen und Koppel der Roten Armee auslagen, darunter auch die Uniform eines Majors, für deren Echtheit ein Zertifikat bürgte, das in kyrillischen und lateinischen Buchstaben den Rang und die Herkunft ihres Trägers bezeichnete. Eine Gruppe Frauen wühlte an einem Tapeziertisch in Fahnentüchern, die dort auslagen, zogen gelegentlich eine Fahne heraus und hielten sie hoch gegen die Sonnenscheibe hinter der verschlissenen Wolkendecke. Sie prüften die Textur und die Maße. Brosheim beobachtete die Matronen und malte sich aus, wie die schwarz-rot-goldene Flagge sie kleiden würde, wenn sie ihre Köpfe durch das Loch steckten, wo sich einst Hammer und Sichel befunden hatten. Er entdeckte einen Karton ausgefranster Embleme, die jemand einzeln zum Preis von 5 Mark anbot. Diejenigen, die im heiligen Zorn die Fahnen von ihren Stangen gerissen und ihrer Sinnbilder beraubt hatten, sie hätten die Stoffreste nicht verbrannt und in den Müll geworfen? Um die Revolution zu verkaufen? Symbole wie ausgeweidetes Wild auf der Fleischerbank, geschlachtete Wappentiere. An einem anderen Tisch wurden Fahnen angeboten, die noch Hammer und Sichel im Ährenkranz zeigten, aber zu einem niedrigeren Preis als die gelöcherten. Bros-heim trat an den Tisch heran und suchte nach einem Anzeichen dafür, dass sie zu keinem anderen Zweck als der öffentlichen Demütigung gewebt oder gedruckt worden waren. Auf den übrigen Tischen und Stühlen, auf Zeltplanen und Brettern am Boden lagen Betonbrocken, die als Überreste der Mauer galten. Ein ziegelsteingroßes Exemplar, das durch die Enden abgesägter Moniereisen wie aufgespießt wirkte, farbenreich besprüht, kostete einen Hunderter, so dass Brosheim einen Augenblick an die Echtheit glaubte. Nach dem Zertifikat, das einem Eisen anhing, stammte der Mauerrest aus der Nähe des Übergangs Kochstraße. Verwaschene rote Farbkleckse wurden als Blut eines Maueropfers gedeutet. Neben diesem Exemplar existierten viele unansehnliche, die allein durch ihre Normalität als Bauschutt echt aussahen. Aber auch bunte Betonsplitterchen, mit der schriftlichen Empfehlung, sie zu fassen und als Schmuck um den Hals zu hängen, lagen aus zum Verkauf.

Nach dem Rundgang um das Tor, das zwecklos auf dem unbebauten Gelände die Stellung hielt, auf verlorenem Posten, von Bauholz umzingelt, blieb Brosheim an einer Getränkebude stehen, die auf dem Pariser Platz errichtet worden war, und kaufte eine Dose Mineralwasser. Er hatte auf nichts Appetit, brauchte aber einen Anlass stehenzubleiben und auf den Himmel zu schauen, der sich malerisch verändert hatte. Das Wasser schmeckte nach nichts. Es diente dazu, eventuellen Beobachtern in tieffliegenden Raumschiffen zu erklären, warum er, Brosheim, um den sich sonst keiner scherte, noch einmal innehielt, mitten auf dem Pariser Platz, wo es nichts zu sehen und zu hören gab, außer für Romantiker wie ihn und außer für versponnene, ihren Erinnerungen nachhängende Greise, die den Bombenkrieg überstanden hatten und den Aufmärschen hinterherhorchten, um ihre späte Genugtuung daraus zu ziehen, dass sie noch lebten, dass ihre Latschen den Platz berührten, wo jene Knobelbecher längst verhallt waren. Das schwarzweiße, das braune, das rote Preußen existierte nicht mehr, aber Dänemark lebte und Polen war noch nicht verloren.

Der Himmel stimmte ihn versöhnlich, erinnerte ihn an die Ägäis und ihre blauweißen Postkarten. Die frischen Ziegel der Großbaustelle Otto-Grotewohl-Straße leuchteten auf in der Sonne, die eben jetzt die letzten Dunstschleier abgeworfen hatte. Das Pittoreske der Ziegel unter dem Himmel voller weißer Ballen und taubenblauer Wände, das war Canaletto. Wie man es fertig bringt, Venedig und Dresden mit denselben Augen zu sehen! Das kann kein Politiker und kein Bomberpilot, das kann aber die Kunst. Brosheim näherte sich Berlin, der Mitte, dem eigentlichen Berlin, auf Umwegen: über die Ägäis, Venedig, Dresden (die Unschuld des Opfers). Heute morgen hatte Euler ihn umgestimmt, und jetzt versöhnte ihn der Himmel, zwar der reinen Anschauung noch nicht vollends zugänglich, nur begreifbar über griechische Postkarten und die weißblauen Anteile der Flaggen freier Nationen, auch der russischen Trikolore, die schon über einem Militärfahrzeug wehte, oberhalb der roten Sowjetfahne.

Weiß-Blau-Rot, der Berliner Himmel und die Ziegel der Grotewohlstraße halfen ihm, Begriffe auszugraben, die in seinem atlantischen Gedächtnis verschüttet lagen: Alexander, Tilsit, Baltikum, Döblin, Mendelssohn, Schlüter, Polen, Kosciuszko. Chodowiecki auf der Jannowitzbrücke, das Bild hatte er kürzlich beim Friseur in einer Illustrierten gesehen (Gisela nach der Jannowitzbrücke fragen). Und ob es nun der Menzel gemalt hat oder nicht: Menzel ist auch so ein Berliner Begriff. Brosheim wusste, wie man Chodowiecki korrekt ausspricht. Wer Fußball gespielt und noch die Oberliga West erlebt hatte, der war firm, die polnischen Namen der Kicker aus dem Ruhrgebiet richtig zu artikulieren: Szepan, Szimaniak, Abramczik. Der konnte auch Kubicki richtig aussprechen (dazu war nicht einmal der Bildungsminister, obwohl FDP-Mitglied und Schalke-Fan, in der Lage). Brosheim musste sich Berlin gewaltsam ins Gedächtnis zurückrufen. Dann würde ihm vieles wieder einfallen, was er von Jugend auf kannte, was aber vernachlässigt, vergessen in ihm schlief.

Wir haben nie an Berlin gedacht, obwohl es immer gegenwärtig war, allein durch die Sondermarke, die Mauer und durch Willy. Wir dachten in den Kategorien von Bill Haley, Elvis, den Beatles und Marilyn Monroe, in den Kategorien des Spiegels und der Sun (Samantha Fox, Gail McKenna). Trotzdem war ihm noch vieles Preußen-Deutsche dunkel erinnerlich, ohne es beleuchtet zu haben und darum ohne erleuchtet zu sein: Helmholtz, die Humboldts. Der Mathematiker Eisenstein, jung gestorben, der kommt doch auch aus Berlin (Eisensteinsches Irreduzibilitätskriterium, es hat dir eine Klausur gerettet). Wenn er erst einmal mit den Mathematikern anfinge!

Oder der verkannte Tüftler Zuse, der in zehn, in zwanzig, vielleicht auch erst in hundert Jahren zu den IT-Größen gezählt wird, und als Kuno See seine dilettantischen Ölgemälde in den Labors der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung ausstellen durfte, in einem Dorf am Rhein. Zuse und Schreyer, die Computer-Genies aus Berlin, schneller als die Amis und durch die Nazis um den Ruhm gebracht. Röhren und Glimmlampen, der Rundfunk und die Elektrotechnik. Wenn er erst einmal mit der Technik anfinge und sich ein Hobby daraus machte, zu untersuchen, was alles in Berlin zusammengelaufen war, um zu tüfteln und zu produzieren!

Leberecht Hühnchen hatte Brosheim als Junge gelesen, eine Berliner Geschichte, ihr Autor Seidel war Ingenieur wie er. Ein anderes Jugendbuch fiel ihm ein, nicht für „Knaben“, aber herzzerreißend auch für ihn: Königin Luise von Marie von Felseneck. Der Tod der jungen Königin hatte ihm ans Herz gegriffen wie dem armen Johannes der Tod des Vaters in Andersens Märchen. Wie gut man die zufälligen Namen der Kindheit behält! Das erste Erwachsenenbuch: Theodor Pliviers Stalingrad, ein Buchgeschenk zur Konfirmation. Und Hans Fallada: Wer einmal aus dem Blechnapf frisst, vom Lehrer zur gefälligen Lektüre in die Hand gedrückt, vom Lehrer Kramer, der dreierlei damit auszudrücken wünschte: den Tadel über den Diebstahl einer 33er Platte (Rock around the clock), das Lob über die schnelle Schülerantwort, die ihm selbst, Kramer, eine neue Erkenntnis bereitete (e hoch Pi ist größer als Pi hoch e) und drittens den Wunsch, wenn schon Flegel, dann belesene Flegel zu unterrichten (ein Lehrer alter Schule). Kam Kramer nicht aus Berlin? Und Brecht, seine belehrenden Stücke, gut für kritiklose Verehrung! Aber an die Schüleraufführung der Mutter Courage erinnerte sich Brosheim gern. Ein Mädchen aus seiner Klasse (Susanne) hatte die Courage gespielt, und keiner hatte gefeixt (denn sie stand unter seinem Schutz, weil er einmal mit ihr Eis essen gegangen war). Wenn er erst einmal mit den Schriftstellern anfinge! Da würde einiges zusammenkommen, ohne auf die Nennung Fontanes angewiesen zu sein.

Wir dachten in den Kategorien des Adenauer-Deutschlands, die so berlin-fern waren (obwohl doch Adenauer auch eine Berliner Karriere hinter sich hatte). Sieh dir das katholisch-altkatholische Bonn an mit seinen hausdorff-j üdischen und bultmann-protestantischen Einsprengseln. Ist Berlin, außer im Straßennamen, der die Erinnerung an die deutsche Einheit wachhalten sollte, an die niemand von ihnen geglaubt hatte (nicht einmal nach dem Mauerfall), ist Berlin nicht unaufdringlich auch immer in Bonn gegenwärtig gewesen? Die alte Anatomie am Ende des Hofgartens stammt von Schinkel. Im Vorhof des Restaurants Kaisergarten steht in Marmor Wilhelm I., allerdings nur zu Fuß, etwas despektierlich, rheinisch eben. Für uns war es der Kartätschenprinz, der Reaktionär, der Gipfel des preußischen Junkertums – und nicht (das wusstest du nicht) der Sohn Luises, der gütigen, schönen Mecklenburgerin. Eher verächtlich als ängstlich haben wir darauf verzichtet, ihn mit Farbbeuteln zu bewerfen, und ihn stattdessen im Schatten der Kastanien ostentativ unbeachtet gelassen. Seine Geschichte war nicht unsere. Denn unsere begann mit General Eisenhower und Carlo Schmidt. Die Ausstellungen, die wir besuchten, hießen Westkunst, Pop Art, Guggenheim Collection, Informel. Aber Schadow und die Prinzessinnen? (Frau Bardeleben fragen, ob sie weiß, wo die Figurengruppe steht, und ob sie vielleicht mitkommt). Hardenberg und vom Stein: Das roch nach den geölten Gängen und dem strengen Putzmittel alter Schulen. Mendelssohn-Bartholdy und die Italienische – Erinnerungen an die Musikstunden des „Huhnes“, so hieß bei den Schülern der Musiklehrer, der sein Ohr gegen den Weltraum neigte, der Verteidiger des Klassischen gegen Rock. Die Reformer, Künstler – Schatten der Unterwelt, nicht ernst genommen, verdrängt. Die Mauer hat auch uns deformiert, uns um die Hälfte des Erbes gebracht (um die „größere Hälfte“ hätte Fontane gesagt) – die Mauer, ja, aber in erster Linie die Nazis und der Krieg.

Jetzt stand Brosheim in dem scharfen Wind unter diesem Himmel (wie beschrieben), goss den letzten Schluck kalten Wassers in sich hinein. Fühlte er sich wohl? Wie ein Passagier auf dem Weg zur Arktis sich wohlfühlt, auf der Dünung bei sommerlicher Fahrt nach Spitzbergen, Frösteln gemischt mit Neugier. Aufbruch in Berlin-Mitte. Er würde aufpassen müssen: Die alten Erinnerungen und die neuen Eindrücke nahmen Brosheim in die Zange, waren getrennt marschiert, würden vereint schlagen (Moltke, auch so ein Verdrängter). Da wird einiges über mich zusammenbrechen, mich herumschleudern! Wenn es eine Volksabstimmung darüber gäbe, ob Berlin wieder Hauptstadt werden soll, würde ich für Berlin stimmen? Mal schauen, was Frau Bardeleben rät.

Brosheim zerdrückte die Weißblechbüchse und warf sie in einen aufgespannten Plastikbeutel. Während er zurückging unter die Linden, überlegte er, ob er bei dem aufgeklarten Wetter nicht weitergehen sollte, über die Friedrichstraße hinaus, Richtung Insel und Berliner Dom, um sich die Reste Berlins anzusehen, die Berlin an Paris erinnern, anders als die Ödnis des Pariser Platzes, auf dem sich die Touristen verliefen und nur in der Nähe des nutzlosen Tores Trauben bildeten. Aber Brosheim bog dann doch, aus Bequemlichkeit oder Pflichterfüllung, das wusste er selbst nicht, zu der unscheinbaren Eingangstür seiner Dienststelle und erkundigte sich bei dem Pförtner, den er schon kannte, nach dem Leiter der Fahrdienstbereitschaft. Der Pförtner beschrieb ihm den Weg zur Kantine und empfahl ihm, den nächsten, der ihm begegnete, nach dem Aufenthaltsraum der Fahrer zu fragen. In der Kantine saßen zwei Frauen und ein Mann, die keine Gelegenheit boten, sich ansprechen zu lassen. Sie nahmen Brosheim nicht wahr. Sie bemerkten ihn, aber sahen nicht zu ihm hin. Hätte er sie angesprochen, wären sie womöglich aufgestanden und davongelaufen. Jede dieser Personen hielt eine Dose Bier in Händen. Er war sich nicht sicher, ob sie würfen, wenn er sich durch Akzent und Ortsunkenntnis als Wessi zu erkennen gäbe, oder ob er sich alles nur einbildete.

9.

Brosheim ging durch die Kantine in einen dunklen Flur, die einzige Öffnung, die nicht zurück und nicht zur Toilette führte. Er folgte dem dumpfen Gemurmel, das aus den halboffenen Türen zweier Büroräume drang. Er schob mit dem Finger die Tür des linken Zimmers auf und drehte vorsichtig seinen Kopf um das Türblatt, das wie ein Schild seinen Körper deckte. Zwei Damen um die vierzig und zwei junge Männer unterhielten sich so laut, dass er, den Schutz der Tür verlassend und einen Schritt in das Zimmer wagend, durch ein deutliches Guten Tag auf sich aufmerksam machen musste. Der Raum war bis zur Schulterhöhe gelb gestrichen. Darüber klebte eine kleingeblümte Tapete, auf der sich zwei helle Rechtecke abzeichneten, ein großes im Querformat und darüber ein kleines im Längsformat. Brosheim studierte die Rechtecke und ihre gegenseitige Lage.

„Wat kiekste“, fragte eine Dame, „da oben kommt der Kohl zu hängen, darunter det Abendmahl.“

Er sagte so freundlich wie möglich (besonders freundlich konnte er nicht):

„Mein Name ist Brosheim, ich suche den Leiter der Fahrbereitschaft.“

„Ich bin die Leiterin“, antwortete die andere Dame, betont freundlich, um den ungünstigen Eindruck ihrer Kollegin wettzumachen, „kann ich was für Sie tun?“

„Ich brauche jemanden, der mir die technischen Geräte aus dem HdM herüberholt.“

„Darf ich fragen, wer Sie denn sind?“

Brosheim bemühte sich um eine bescheidene Antwort und erklärte, welchen Auftrag zu erledigen er angereist sei und auf welche Veranlassung hin.

„Da werden Sie nicht viel Glück haben, fürchte ich.“

„Sie sind doch die Fahrdienstleiterin, oder waren Sie es?“

„Ich bin es bis zum 31. März nächsten Jahres. Trotzdem kann ich nicht hexen, obwohl ich manchmal möchte.“

Einer der Männer flüsterte ihr etwas zu. Er senkte dabei den Kopf, als sollte man nicht merken, dass er zu der noch amtierenden Fahrdienstleiterin sprach. Anschließend machte er sich hinter dem Schreibtisch zu schaffen, der die Hälfte des Zimmers einnahm und dessen Vorderseite den Damen dazu diente, sich gelegentlich aufzustützen, um die Beine übereinanderzuschlagen.

„Gehn Sie mal nebenan und fragen nach Herrn Debus. Der wird übernommen. Kann aber sein, dass er nicht da ist.“

„Herr Debus“, wiederholte Brosheim, „er würde doch tun, was Sie ihm auftragen? Warum teilen Sie ihm die Fahrt nicht zu? Ich kann ihm schließlich nicht sagen, was er machen soll.“

„Machen Sie mal. Der hört auf Sie. Der will noch was werden.“

Brosheim verließ den Raum und zog die Tür ins Schloss, nachdem er sich verabschiedet hatte.

Als er das Lachen durch die verschlossene Tür hörte und auf sich bezog, betrat er ohne anzuklopfen wieder den Raum. Die beiden Frauen wandten ihm ihre roten Gesichter zu. Die Fahrdienstleiterin wischte sich über die Augen.

„Nichts für ungut“, sagte sie, „kann ich Ihnen weiterhelfen?“

„Ich bräuchte einen Kombi oder kleinen Lastwagen. Es ist nicht damit getan, dass Herr Debus einen PKW fährt. Es würde dann zu lange dauern.“

„Ich bräuchte jetzt einen Kumpeltod“, sagte die Frau, „wir haben nicht über Sie gelacht. Wir würden über einen, der aus Bonn kommt, nicht lachen. Wir haben jedenfalls nicht direkt über Sie gelacht, nicht über Sie persönlich. Sie haben mich nur an jemanden erinnert. Sie müssen sich nichts daraus machen. Hier geht im Augenblick alles drunter und drüber. Wir lachen, obwohl den wenigsten der Sinn danach steht. Wir lachen gewissermaßen trotzdem. Wenn Debus da ist, dann auch der Barkas. Er ist der einzige, der ihn fährt. Ob er heute noch dazu kommt, wo die Fahrer ihren Rausschmiss feiern, das kann ich Ihnen nicht versprechen.“

„Ich würde wahrscheinlich den Witz nicht verstehen, über den Sie gelacht haben?“

Die beiden Männer drückten sich an Brosheim vorbei. Sie sahen ihn nicht an. Er hörte, wie sie durch den Flur davongingen. Die beiden Frauen wurden ernst.

„Herr …“

„Brosheim.“

„Herr Brosheim, wären Sie mindestens fünf Jahre in diesem Laden, beim Genossen Erich und seiner feisten Margot, ich glaube, Sie hätten alles sofort verstanden.“

„Habe ich Ähnlichkeit mit Ihrem Genossen?“ fragte er, irritiert, ja empört, dass sein Erscheinen eine Assoziation zu vergangenen DDR-Verhältnissen wachgerufen haben sollte. Die Damen lachten wieder. Die Fahrdienstleiterin kam auf ihn zu. Sie war eine kompakte Frau mit breitem Hintern, ausgeprägten Brüsten, von denen die offene Jacke herabhing, so dass zwischen Jacke und Rock eine Handbreit Abstand klaffte. Sie stampfte ihm entgegen in einer Wolke unbestimmbaren Parfüms. Ihre Backen waren übersät mit rötlichem Gerinsel. Die Augen zwinkerten, ohne etwas zu meinen.

„Sie haben keinerlei Ähnlichkeit mit dem Genossen Erich. Seien Sie froh und kommen Sie jetzt.“

Sie packte ihn am Arm.

„Der helle Fleck, was hat da gehangen?“ fragte Brosheim, „das würde mich interessieren.“

„Würde, wenn was? Interessiert es Sie nu oder nich? Das Würde des Menschen ist unantastbar! Ein Poster hat da gehangen, ein Gruppenfoto der Nationalelf nach dem Sieg über die BRD in Hamburg.“

„Aber das war doch nicht nötig, es abzuhängen!“

„Selbstverständlich nicht“, sagte sie verdrießlich, „es gehört jemandem, den Ihr rausgeworfen habt. Er hat es mit in seine Datsche genommen.“

Sie traten auf den Flur hinaus. Das Lachen hatte sich erschöpft. Brosheim wusste nicht, ob er auf den Arm genommen wurde, und schnaufte zweimal, was als Lachen oder Missfallen gedeutet werden konnte. Die Fahrdienstleiterin achtete nicht mehr darauf. Sie rief in das gegenüberliegende Zimmer:

„Der Debus! Sein Typ wird verlangt.“

Jemand quäkte durch den Raum:

„Der Debus, der kann uns mal.“

„Und Ihr könnt mich mal“, rief die Frau in den Raum zurück.

„Komm rein, Henriette, wenn du keine Schneiderin bist. Wat willste denn wieder vom Debus? Der bringt es dir nicht, du Nymphomanin.“

Das folgende Gelächter klang freudlos und einstudiert.

„Ick schau später nochmal vorbei“, rief sie und schob Brosheim in den Raum, „behandelt ihn gut. Er ist einer von drüben.“

„Buuh, der erste, der sich hier runtertraut!“

Vier Personen saßen an einem Tisch. Auf ihm standen Gläser und Flaschen in Pfützen von Schnaps. Brosheim wurde mit einer freundlichen, alles verzeihenden Neugier empfangen. Aber niemand bot ihm einen Stuhl an.

„Sie wollen unsere Dienste in Anspruch nehmen?“

„Die Mithilfe von Herrn Debus.“

„Der ist mal weg, beim Chef, beim neuen. Der ist auch nicht besser als der alte, gelinde gesagt.“

„Haltet den Mund“, sagte der 1. Fahrer.

Der 2.: „Den Mund habe ich lange genug gehalten, und was hat es mir gebracht?“

Der 3.: „Hättest ihn vielleicht früher mal aufmachen sollen.“

Der 2.: „Ich habe meinen Mund gehalten, im Gegensatz zu einigen, die für meinen Geschmack zu viel geredet haben.“

Der 1.: „Mensch, halt den Mund!“

Der 2.: „Verweigert hab ich mich der Partei.“

Der 3.: „Gefragt worden biste nich.“

Der 2.: „Die haben jeden gefragt!“

Der 3.: „Und was haben sie dich gefragt? Ob dir das Spionieren bei uns Spaß macht?“

Der 2.: „Nu mal langsam, ganz langsam.“

Der 1.: „Ihr tut so, als könntest Ihr euch die Streitereien erlauben.“

Der 2.: „Nu man sachteken. Du auch. Deinen Ratschlag brauchen wir nicht, früher nicht und heute auch nicht. Der neue Herr wundert sich schon über uns. Rausgeschmissen haben sie die meisten hier, müssen Sie wissen.“

Brosheim sah sich um.

Der 3.: „Als ob den das interessierte.“

Der 1.: „Hört doch auf, der kann nüscht dafür.“

Der 2.: „Herr, mich haben sie gefragt, ob ich der Partei angehören will, wo ich eine Heimat fände. Nein, hab ich gesagt, Parteiarbeit liegt mir nicht. Ich kann nicht reden, und Politik geht nicht in meinen Kopp. Was hab ich nu davon? Ich bin alt und durfte seit elf Jahren immer dasselbe tun. Was hat es mir gebracht? Ich steh auf der Straße, und die roten Säue sind wieder da, wo sie waren, wo sie nie wegzugehen brauchten. Sind einfach sitzen geblieben auf ihren Pavianärschen. Und warum? Weil sie der BRD-Kommission, Ihrer Kommission, vorgeflunkert haben, alle hätten gemusst, und es wär nur darauf angekommen, anständig zu bleiben. Ich bin auch anständig geblieben, aber unsereins kriegt den Tritt in den Arsch. Elf Jahre umsonst. Erst werden wir von denen getreten und betrogen, dann von den neuen. Ich habe immer meinen Dienst getan. Ich war nie in der Partei. Ich habe sogar mal Schwierigkeiten gehabt. Damals Schwierigkeiten, heute rausgeschmissen. So is det!“

Der 1.: „Ich kenn einen Fall, bei dem stand im Zeugnis: hat Probleme, sich ins Kollektiv einzuordnen. Man sollte meinen, der wird von euch Wessis mit Kusshand übernommen. Wat war? Hintenrum hab ich gehört, dass man ihn abgelehnt hatte wegen offiziell was anderem. Aber inoffiziell hat es geheißen: Wer sich nicht einordnen kann, wird auch bei uns Schwierigkeiten machen, also bei den neuen Herrschaften. Den haben sie erstmal in die Warteschleife gesetzt. Von da fliegt er dann in die Arbeitslosigkeit.“

Der 2.: „Elf Jahre umsonst. Das ist der Dank dafür. Sie können mir das auch nicht erklären, nehme ich an.“

„Mein Versuch, etwas zu erklären“, versetzte Brosheim, „wäre für Sie kein Trost. Ich glaube nicht, dass Sie aus politischen Gründen entlassen worden sind. Das hat gar nichts damit zu tun, ob Sie in der Partei waren oder nicht, oder dass Sie damalige Minister gefahren haben.“

„Warum dann?“

„Es hat etwas damit zu tun, dass jetzt nicht mehr so viele Fahrer gebraucht werden. Nehme ich an.“

Der 2.: „Sagen Sie es doch ruhig. Weil ich zu alt bin. 53 Jahre und zu alt. Ich kriege ihn noch freihändig hoch, aber ich bin zu alt. Nach elf Jahren bin ich zu alt. Ich war noch nie arbeitslos, nicht einmal bei den roten Säuen. Jetzt heißt es: Nicht zu gebrauchen. Da war es früher besser als heute. Das sage ich ganz offen. Es sind alles Schweine. Und die roten Schweine von damals werden übernommen. Die sind fein raus.“

Der 3.: „Nenn doch mal einige.“

Der 2.: „Könnt ick, könnt ick! Was ich weiß, schreibe ich mal an die Zeitung. Die Kommission hatte ja keine Ahnung. Die hat sich um die Finger wickeln lassen. Wer am besten geredet hat, den haben sie genommen. Ich könnte Ihnen noch einiges über die sagen. Aber es geht mich nichts mehr an. Aus, vorbei. Interessiert mich nicht. Ich wähle keine Partei mehr. Wir sind die Verlierer sowieso immer. Für die Einheit bezahl ich – und die meisten hier von uns. Aber kassieren tun die anderen.“

Nach einem Augenblick des Grübelns sagte er mit verzogenen Lippen, die das Weinen ankündigten:

„Die muss auch gehen.“

Er fing an zu schluchzen, aus Mitleid mit sich selbst, weil er sich gering achtete und meinte, an ihm dürfe man das Unrecht vollstrecken, weil er nichts mehr tauge, weil er schon zu alt und für die neue Gesellschaft unnütz sei, aber an jener, der Mittdreißigerin, der aus dem Sekretariat, mit der alle gerne was gehabt hätten, an der habe man das Unrecht, das ihm widerfahren war, nicht auch vollstrecken dürfen. Brosheim sah sie an, dem Augenzeig des Sprechers folgend, und traf unerwartet auf den entfalteten Blick der Gepriesenen, eines Opfers der ungerechten und unfähigen Kommission. Er war peinlich berührt von dem zur Schau gestellten Blick dieser Frau, die sehr schön war. Er dachte an die gespannte Ruhe einer Gastgeberin, die einen Plan verfolgt, wenn sie den Bademantel langsam ausbreitet und den Beobachter selber suchen lässt nach einem Mal, einer Wunde, einem Biss. Ecce homo. Was für eine Klasse-Frau. Sieh diesen Schmerz.

„Sie müssen auch gehen?“ fragte er kloßig.

Sie nickte.

„Warum?“

„Warum!“

„Sie stellen Fragen!“ sagte jemand.

„Lass ihn doch, er kümmert sich wenigstens, der erste nach den Kündigungsbriefen. Glauben Sie bloß nicht, dass nach der feierlichen Ansprache, mit der sie uns den Tritt gegeben haben, jemand von den Bonzen bei uns hier unten gewesen wäre! Die roten Säue katzbuckeln schon wieder. Wenn Sie was wollen, müssen Sie zu denen gehen, die lesen Ihnen jeden Wunsch von den Hühneraugen, nachdem sie Ihre Füße geküsst haben.“

„Also, Sie alle müssen gehen?“

„Deutlicher kann man es nicht sagen.“

„Es tut mir leid“, flüsterte er.

Sie nahm ihren Blick zurück und lächelte. Was wissen Sie schon. Was können Sie schon tun. Wer sind Sie denn. Auch wenn Sie aus dem Westen kommen. Ein unbedeutender Handlanger. Sonst säßen Sie nicht hier. Brosheim spürte, dass sie ihm nichts zutraute. Er war ihresgleichen. Ein Kumpel. Sie hatte ihn richtig eingeschätzt. Er würde keine Verhältnisse ändern.

„Die roten Säue“, schluchzte der 2. Fahrer, der den Mittelpunkt bildete, das Haupt der Verschwörung. Brosheim dämmerte es, was er mit den roten Säuen sagen wollte: Sie haben uns verraten. Sie haben unseren kleinen Staat kaputtgemacht und die Reste verkauft, für eine sichere Stellung bei den neuen Machthabern.

„Aber wie uns die Neuen behandeln!“

Der Mann senkte seinen Kopf. Brosheim sog den Schweiß der Frau ein. Die schöne Mittdreißigerin hatte sich erhoben. Sie griff an ihm vorbei zu einer Flasche Schnaps und hielt sie mit beiden Händen über die Gläser wie einen Schlauch. Sie vergoss so viel, dass Brosheim der scharfe Geruch in die Nase stach. Ein Rinnsal Schnaps hing wie ein Faden von der Tischkante und nässte die Hose des Fahrers, der sein Schicksal beweinte.

„Hör auf zu flennen!“

Sie stieß dem Fahrer die Flasche gegen die Hand, die als Kopfstütze ausgedient hatte und griffbereit durch die Luft irrte. Die Frau hielt Bros-heim ein tropfendes Glas vors Gesicht.

„Prost“, sagte sie, „du bist der erste von drüben, der sich hier blicken lässt, nachdem die blauen Briefe ausgeteilt wurden.“

Er griff das Glas, hob es, bevor er trank, und wartete, dass andere mit ihm trinken würden, aber die Korona sah ihn nur an. Er kam sich vor wie jemand, dem man Gift gereicht hatte.

„Ich würde gerne helfen“, sagte er laut und kippte den Schnaps in sich, „aber ich kann es nicht.“

Alle lachten.

Der 1.: „Lass mal, du bist der einzige, der sich hier blicken lässt. Lass gut sein. Uns kann keiner helfen. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Prost. Tu noch einen rein. Heute wird nicht mehr gefahren. Wenn Sie mich fragen, ick fahr heut nich mehr.“

Der 3.: „Wenn Henriette sagt, du fährst, dann fährste bis ans Ende der Welt.“

Der 1.: „Bis zum Arsch der Welt.“

Der 2.: „Fahr zur Hölle, ick fahr heut ooch nich mehr.“

Er versuchte aufzustehen und wedelte mit der freien Hand gegen Debus, der in diesem Augenblick das Zimmer betrat.

„Der Junge ist in Ordnung, auch wenn er von euch übernommen wird.“

Der Sprecher ließ sich auf den Stuhl zurückfallen.

„Er soll mitfeiern, obwohl er übernommen wird. Darf ich vorstellen, Ihr neuer Kollege, der Genosse Debus.“

Er lachte bräsig, stolz auf seinen Oppositionsmut, der in dem Wort Genosse lag.

„Ich soll jemanden fahren“, bemerkte Debus misstrauisch.

„Hat Henriette gesagt, dass du einen fahren sollst?“

„Einen fahren lassen sollste!“

Der 2. Fahrer, der Flenner, kreischte und stieß seinen Atem durch den aufgeklappten Mund. Er neigte sich vornüber, weil die Luft, die seinen Körper stützte, aus ihm wich – in Brosheims Gesicht, der sich angewidert abwandte.

„Also, was ist?“ fragte Debus verlegen und blickte auf Brosheim.

„Ich bitte Sie, mit mir zusammen ein paar Büromaschinen, Computer und so, aus dem HdM hierher zu transportieren, vielleicht auch zur Dependance im Außenministerium. Ich weiß noch nicht genau.“

Die Männer und die Frau schwiegen erwartungsvoll. Debus zuckte mit den Schultern.

„Ja, gut.“

Der Flenner brüllte:

„Hab ich es nicht gesagt: Henriette! Sie hat nämlich ein mütterliches Verhältnis zu ihm. Sie weiß, was gut für ihn ist. Wenn es unbedingt sein muss, fährste den Herrn, hat sie zu ihm gesagt. Hat sie das gesagt? Muss es sein, Henriette, hat er dann gefragt, weil er sich nämlich kein Bein ausreißt und immer im Hintergrund darauf wartet, dass die Arbeit zufällig auch mal bei ihm vorbeischaut. Und Henriette hat ihn dann herumgekriegt.“

„Für Henriette tu ich alles“, entgegnete der junge Mann trotzig.

„Kipp dir vorher einen hinter die Binde.“

„Ich bin im Dienst.“

Der Flenner winkte versöhnlich ab.

„Er ist ein guter Junge, hat sein Leben noch vor sich. Prost.“

Brosheim beugte sich über den Tisch, füllte sein Glas aus einer Flasche, kippte es und legte der schönen Frau die Hand auf die Schulter.

„Wir fahren dann. Ich spreche auf jeden Fall mit dem Personalrat.“

Diesmal lachte keiner. Sie waren zu erschöpft. Jemand sagte sogar Aufwiedersehen.

Debus ging einen Schritt vor Brosheim, der ihn von hinten ansprach:

„Sie haben einen Vertrag?“

„Noch nicht.“

„Aber Sie kriegen einen?“

„Ich denke mal.“

„Wie lange arbeiten Sie schon hier?“

Debus schaute auf die Uhr und Brosheim musste darüber lachen. Als sie auf den Hof hinausgingen, wurde der junge Mann freundlicher. Der Anblick seines Autos gab ihm Selbstvertrauen.

„Dieser Kombi ist gar nicht schlecht, ein Barkas B-1000. Da kriegen Sie eine Menge rein und können immer noch Spitze, na, 120 fahren.“

Brosheim stieg ein, nachdem Debus von innen die Tür geöffnet hatte. Sie unterhielten sich eine Weile über technische Einzelheiten. Was das 1000 bedeutet. Nunja, es bedeutet sich selbst, 1000 Kubikzentimeter Hubraum, anders gesagt: Eine 1-Liter-Maschine, 3-Zylinder-2-Takt-Frontantrieb. Wie viel PS? An die 50 dürften es sein, und knapp 50 Liter gehen in den Tank. Ob auch Viertakter davon existierten? Viertakter waren immer im Gespräch, wären gar kein Problem für DDR-Ingenieure gewesen, aber ohne die da oben gings nicht. Dann voriges Jahr auf der Leipziger Messe: der B-1000-1 mit Viertaktmotor. Den hätte sich Debus gerne beschaffen lassen. Ob sie die Barkas auch exportiert hätten? Na klar doch, nach Ägypten, aber auch woanders hin.

Als sie in die Behrenstraße einfädelten, stieß Brosheims Blick auf den Lenin-Kopf an dem Klinkerbau schräg gegenüber (der ihm heute morgen schon aufgefallen war). Er feixte:

„Lenin ist politisch doch gar nicht mehr korrekt. Ihr habt vergessen, ihn abzuschrauben. Der muss weg.“

„Herr, wollen Sie den dritten Weltkrieg anfangen? Der Genosse Lenin gehört den Russen mitsamt dem Haus dran. Der Bau da lässt sich nicht wiedervereinigen. Er gehört zur sowjetischen Botschaft. Hinter den Klinkern baden die Botschaftsrussen, ihre Familien und Gäste und die Wache und wer sonst noch alles. Das ist so eine Sorte Kulturhaus mit Hallenbad und Kantine. Die Feist, also die Honecker, soll mal angefragt haben, ob wir auch deren Kantine benutzen dürfen. Die Antwort war ja von vornherein klar. Darf ich Ihnen mal was Unverblümtes sagen, ja? Bevor Sie beim Großreinemachen was wegschmeißen oder abschrauben, sollten Sie sich zweimal überlegen, ob Sie es vielleicht nicht doch noch gebrauchen können, und ob es Ihnen überhaupt gehört. Schnallen Sie sich an!“

Während Brosheim den Gurt umlegte, kribbelte es in ihm. Der Fahrer Debus hatte ihm eins übergebraten, und er, Abgesandter der Rechtgläubigen, musste stillhalten. Der Mann kannte sich besser aus. Es war sein Terrain.

„Haben Sie das der Kommission auch gesagt?“

Sie bogen in die Otto-Grotewohl-Straße. Ein Tieflader vor ihnen zwang sie zur langsamen Fahrt. Debus drehte das Seitenfenster herunter und stützte seinen Ellenbogen auf den Türrahmen.

„Wenn Sie einen Trabi haben wollen?“ Er deutete auf den Bürgersteig der gegenüberliegenden Seite. „Die werden nämlich hier massenweise abgestellt, kann sich jeder mitnehmen, wer will. Manche fahren sogar noch. Die Leute schmeißen jetzt Sachen weg, die man noch gut gebrauchen könnte. Aus drei solchen Autos mach ich ein neues, das fährt. Jetzt ist es zu spät, nur für Kinder und Andenkenjäger.“

„In zehn Jahren gibt es Oldtimer-Märkte, auf denen Trabis hoch gehandelt werden. Haben Sie einen großen Hof, einen Garten, ein Feld? Wenn ja, lassen Sie die Autos dorthin schleppen. Ich sage Ihnen, Sie sind ein gemachter Mann, wenn Sie die Dinger zum Laufen bringen. Amis und Japaner kaufen Ihnen die Plaste ab.“

Dann standen sie, weil ein Betonmischer an einer Baustelle einrangierte. Brosheim bemerkte:

„Hier in der Wilhelmstraße, pardon, Grotewohlstraße hat mal der Adenauer gewohnt.“

„Werfen Sie da nicht was durcheinander? Der Adenauer als Gründer-Vater auch der DDR, wa?“

„Zuviel der Ehre.“

„Wie jetze, für Adenauer oder die DDR?“

„Es hat ein Leben vor der DDR und der BRD gegeben. Adenauer war so etwas wie der Präsident eines Staatsrates in den 20er Jahren.“

„So einer wie der Krenz oder der Gerlach? Sie werfen da bestimmt was durcheinander.“

Sie schoben sich weiter vor.

„Der Thälmannplatz steht voller Wessi-Autos. Die neuen Herrschaften besichtigen gerade das Propagandaministerium.“

„Den Zietenplatz habt Ihr aber nicht umbenannt.“

„Nee, ich habe überhaupt keine Plätze umbenannt.“

„Auf dem Gelände der neuen Reichskanzlei baut Ihr jetzt Wohnungen.“

„Könnten Sie was Besseres mit dem Gelände anfangen?“

„Nein.“

„Und überhaupt, dieses IHR.“

„Pardon: wir bauen Wohnungen. Wir bauen Wohnungen auf den Grundstücken der alten und der neuen Reichskanzlei. Wir nehmen euren Schwung mit, wir gewinnen die Wiedervereinigung aus der Bewegung heraus, würde der olle Marschall Schukow sagen. Haben wir eigentlich einen Schukow-Platz oder eine Schukow-Straße?“

„Wir haben eine Bersarin-Straße und einen Bersarin-Platz. Sie und ich. Bersarin war Kommandeur der 5. Stoßarmee und der spätere Stadtkommandant von Berlin, übrigens auch im Westen. Die Russen haben Berlin erobert, nicht eure Amis.“

„Was Ihr alles wisst!“

„Wir wissen, was Ihr nicht wisst, und Ihr wisst, was wir nicht wissen.“

„Wir wissen, dass wir nicht wissen. Darauf läuft es doch hinaus.“

„Diese Philosophiererei.“

Debus grinste zu Brosheim herüber. Sie schoben sich an die Kreuzung Grotewohl / Leipziger heran, immer noch in der Dunstschleppe des Tiefladers. Dann ein Spurt über die Kreuzung und scharf gebremst. Debus fuhr rechts auf den kleinen Platz des HdM, im Schritt-Tempo an dem Mosaik vorbei, das an der Wand des Säulengangs klebt und das Brosheim für ein Nazi-Relikt hielt, aber von Max Lingner entworfen und aus Meissener Porzellan gefertigt worden war, wie Debus wusste, der in der Schule aufgepasst hatte (außerdem, Herr Brosheim, war Lingner Antifaschist, von wegen Nazi-Mosaik). Sie tauchten langsam in die Unterführung. Dort zog Debus den Schlüssel. Brosheim sah, wie sich Debus auf Warten vorbereitete, wie gewissermaßen seine Temperatur sank, wie er sich auf den Winterschlaf vorzubereiten schien. Brosheim bildete sich ein, dass Debus fahl wurde.

„Was ist?“ fragte er. Debus verstand ihn nicht, seine Augen fragten zurück, und Brosheim:

„Ist irgendwas? Ich meine, wir stehen hier.“

Debus nickte gegen die Ampel, die auf Rot stand. Hinter den Scheiben eines Schalters bemerkte Brosheim durch die Lichtreflexe einen Polizisten in grüner Uniform, der untätig herausschaute, ihm ins Gesicht.

„Fahren Sie“, befahl Brosheim.

„Wir müssen solange warten.“

„Fahren Sie endlich“, rief Brosheim ärgerlich, „fahren Sie schon!“

Debus zündete den Motor und ließ die Maschine in der Durchfahrt aufheulen. Sie füllte sich mit blauem Dunst. Brosheim sah im Rückspiegel, wie sich der Polizist mit Daumen und kleinem Finger einen Nasenflügel befühlte.

„Sie werden schon nicht hinter uns her schießen“, sagte Brosheim zu Debus. Der Fahrer grinste.

10.

Er stellte den Motor ab. Alle Parkplätze im Innenhof waren leer. Außer dem Rauschen des Verkehrs hinter den Mauern des HdM nur das Summen später Insekten, das Schwirren einiger Spatzen, die aus den Sträuchern des Innenhofs aufflogen oder auf dem Teerboden zur Landung ansetzten. Der Reflex eines gedrehten Fensters streifte Brosheim. Er sah an der Fensterfront entlang.

„Wir sind nicht die einzigen.“

„So ein Haus ist nie ganz leer, nie, zu keiner Tages- und Nachtzeit, niemals, glaube ich.“

Brosheim spürte, dass Debus etwas Ähnliches fühlte wie er: Die nie wiederkehrende Gelegenheit, in diesem Komplex zu tun und zu lassen, was man will, bei nur kleiner Gefahr des Auffallens.

„Was passiert, wenn ich ein Fenster einwerfe?“

Debus zuckte die Achseln und bot Brosheim eine Zigarette an, die er aus der Schachtel halb herausgezogen hatte.

„Wahrscheinlich Null. Kein Arsch kümmert sich darum, wenn es nicht zufällig sein eigenes Fenster ist. Das Große und Ganze hat ausgedient.“

Brosheim griff zur Zigarette.

„Ich habe eine Ewigkeit nicht mehr geraucht, die Pumpe.“

Debus reichte ihm das Feuerzeug. Die beiden Männer lehnten sich an den Kombi. Brosheim fragte sich, wer von ihnen die Stimmung mehr genoss.

„Waren Sie früher schon mal hier?“

„Einmal. Da und da“, er zeigte wo, „standen Schützenpanzer, zwischendurch rannten die Leute. Alle wussten genau, wohin sie wollten. Ich suchte mir ein Ziel aus und ging schnell zu dieser Tür da“, er zeigte auf die angelehnte Tür, „damals war sie verschlossen. Ich prallte davon ab wie ein Ball und direkt in die Arme der Polizei. Kann ich Ihnen weiterhelfen, fragte sie, und ich hatte doch glatt vergessen, zu wem ich musste. Ich habe ihr alles Mögliche erklärt von Paketen und Abteilungen. Ich musste mit zur Wache, die in einem Raum am Haupteingang untergebracht war. Henriette hat mich rausgehauen, und ich durfte dann die Pakete tatsächlich abliefern.

„Für Henriette haben Sie eine Menge übrig?“

„Ja. Ich habe sie sogar einmal geküsst.“

Brosheim lachte. Debus lachte und schielte zu ihm hinüber und drückte die Zigarette aus.

„Ich glaube nicht, dass wir jemanden finden, der uns beim Anpacken hilft. Wir sollten uns beeilen.“

Brosheim hatte seine Zigarette halb geraucht in ein Abflussloch geworfen und folgte Debus durch die Tür in ein Treppenhaus. Es war dunkel und still. Eine Trennwand stand im Gang. An ihr hingen ein paar Zeitungsausrisse, Aktfotos aus einer Soldatenpostille, ein Kalender, auf dem in Rot der Schichtdienst von Pförtnern eingetragen war. Debus stieß die Tür auf, bis sie gegen die Wand des Treppenhauses prallte, und schob einen Pappendeckel unter das Blatt, um die Tür zu arretieren.

„Hier heraus ist es am besten. Wenn die Sachen alle hier unten stehen, fahr ich den Barkas vor.“

Die Sonne schnitt in die Dämmerung des Flurs. Der Handlauf aus Messing leuchtete bis zum ersten Knauf, der wie ein Planet halb in Schatten, halb in Licht getaucht war.

Sie arbeiteten anderthalb Stunden. Sie sprachen nur das Nötigste, rollten Strippen auf, senkten Monitore in Pappkartons, verpackten Tastaturen, soweit das übrig gebliebene Verpackungsmaterial es zuließ, und transportierten die Pakete etappenweise von einem Treppenabsatz zum anderen, bis alles vor der Stellwand am Eingang aufgebaut war. Niemand hatte sich sehen lassen. Gelegentlich waren Schritte zu hören, eine Tür war zugeschlagen worden, einmal hatte ein Telefon geklingelt hinter einer versiegelten Tür. Das Haus war still, die Geräusche nur ein Bestick der Stille. Das Rutschen der Kartons über die Kunststeinböden und das Kratzen über die im Vergleich zur Flurbreite schmalen Teppiche drangen nicht weit durch die verwinkelten Flure, wo sich ein Ortsunkundiger leicht verlaufen konnte, wenn er den einmal gebahnten Weg in der Bürowildnis verlassen musste auf der Suche nach einem Abtritt hinter nicht versiegelten Türen. Die Stille war mit der Luft eine psychochemische Verbindung eingegangen, die Brosheim als Verdickung wahrnahm. Sie quoll aus allen Röhren und Öffnungen des Innenhauses und drohte ihn zu ersticken. Er fühlte sich leichter, als sie den letzten Karton in den Kombi stießen.

„Ein historischer Augenblick“, sagte Debus spöttisch, und für einen Kerl, der sich von Henriette sagen lässt, was er machen muss, ungewöhnlich scharf, „und wir können sagen, dass wir dabei gewesen sind.“

Brosheim setzte sich quer auf den Beifahrersitz, krümmte seinen Rücken nach vorn und ließ die Beine nach außen baumeln, dann ergänzte er:

„… und nichts dazu getan haben. Wir passen in eine historische Lücke. Einen Nachmittag wie diesen gibt es nicht zweimal in der ganzen deutschen Geschichte, vom ersten Deutschen angefangen bis zum letzten im ganzen verdammten deutschen Vaterland. Wir sind im Auge des Orkans, im akustischen Schatten, im Meer der Stille, auf der Insel der Seligen, am Arsch der Welt. Wir könnten das ändern. Wir brauchten nur benzingetränkte Zeitungen in diesen Häuserkrebs zu legen und anzustecken, aber was würde Henriette dazu sagen? Sie würde sagen, das Haus anzuzünden wäre nicht halb so seltsam wie diese greifbare Stille.“

„Ende des historischen Augenblicks, ich habe Feierabend“, sagte Debus.

„Wieso hat man Sie übernommen?“ fragte Brosheim.

„Wieso hat man Sie von Bonn hierher geschickt?“

Beide lachten.

„Sie sind sich darüber im klaren, dass wir das Zeug noch auspacken müssen? Das würde Henriette auch sagen.“

„Henriette hat nichts zu sagen. Nicht mehr. Jetzt will ihr jeder reinreden, den Ihr uns schickt. Kann es sein, dass Ihr uns manchmal Leute auf den Hals hetzt, die Ihr drüben los sein wollt?“

„Könnte es sein?“ echote Brosheim.

Die Ampel stand wieder (oder noch immer) auf Rot, aber das Schemen hinter dem Glas des Wachhäuschens war verschwunden. Sie fuhren unbehelligt durch die Torhalle über die blaue, dunstverhangene Kreuzung in die Grotewohlstraße. Keiner sprach. Sie hatten ausgeredet. Brosheim rutschte in eine schlechte Stimmung. Ihn drückte seine Müdigkeit, die er den ganzen Tag mit sich herumschleppte, und dachte an das bevorstehende Auspacken. Er durfte es Debus nicht alleine machen lassen. Er könnte allerdings vorgeben, mit dem last verabredet zu sein.

„Wie viel Uhr hats?“

„Nach halb vier.“

Wenn ich sage, ich hätte um vier einen Termin mit dem last, dachte Brosheim, dann sagt dir Debus: um vier fahre ich den last nach Schöneberg oder etwas ähnliches. Außerdem ist es unfair, ihn alleine machen zu lassen, obwohl ich zwanzig Jahre älter bin als er. Brosheim presste sein Kreuz gegen die Rückenlehne und streckte seinen Kopf weit nach hinten.

„Wir müssen es schnell hinter uns bringen“, sagte er zu dem Fahrer, die Stellung beibehaltend. Debus nickte nur und war gänzlich mit Chauffieren beschäftigt. Bei der Einfahrt in den Hof berührte der Wagen einen Prellstein. Das Blech knirschte. Debus schien es nicht zu bemerken, und Brosheim wollte es nicht hören (er kann, wenn ich nicht drinsitze, seinen Barkas samt Inhalt zerschreddern und sich in die Pfeife stopfen). Sie luden gemeinsam die Pakete in den Lastenaufzug und beschlossen, eine Pause einzulegen.

Brosheim war verschwitzt und klebte. Er ging trotzdem zu seiner Freundin ins Sekretariat. Sie kratzte sich die Nägel mit einer Feile, als Brosheim zur Tür hereinkam. Gisela sah ihn kurzsichtig an. Es wirkte intensiv und freundlich, deshalb fühlte er sich ermutigt, sie zu fragen, ob er einen Kaffee haben dürfe. Sie legte die Feile fort und stand auf, ohne ihn aus den Augen zu lassen:

„Heim hinkt der Held zum Herd der Hausfrau. Instant-Kaffee gibts. Sie dürfen sich dort hinstrecken, aber erst die Tassen aus dem Schrank holen. Ich setze das Wasser auf.“

11.

Gisela Bardeleben war dabei, die Tassen zu füllen, die Brosheim aus dem Aktenschrank geholt hatte, als die Tür zum Flur aufgerissen wurde. Der last stand im Rahmen, ein kleiner Mann, dunkelblau gekleidet, in Weste, mit einer Krawatte, die an Birkenrinde denken ließ, sein Haar kurz und silbrig. Der eckige Kopf wie geschaffen zum Türe-Einrammen. Auf der Nase, die Brosheim in der Hast nicht charakterisieren konnte, saß eine eckige Brille, goldgefasst. Silber, Gold und Blau strahlten von ihm aus, und wäre er größer gewesen, hätte man sagen müssen: ein stattlicher Mann, eine königliche, nein, eine schwer beschreibbare Autorität.

„Verlassen Sie sofort den Raum!“

Die Angesprochenen sahen sich gegenseitig an, als der last, so schnell gegangen wie gekommen, die Türe zugeschlagen hatte.

„Haben Sie den Witz verstanden?“ fragte Brosheim. Gisela winkte ab.

„Der hat selbst eine Freundin.“

Brosheim spürte seinen Stolz im Magen pulsieren, weil sie ihn adoptiert und sich indirekt als seine Freundin bezeichnet hatte. Bevor er sich dem pulsierenden Gefühl hingeben konnte, riss der last die Türe abermals auf. Er behielt die Klinke in der Hand und wiederholte seinen Befehl wörtlich, so dass Brosheim heftig die Beine übereinander warf, um seine sitzende Haltung und dadurch seine Bereitschaft zur Befehlsverweigerung deutlich sichtbar zu machen. Diesen Augenblick nutzte Gisela, um der erwarteten Eruption empörter Ausrufe zuvorzukommen.

„Ist was besonderes vorgefallen, Herr d‘ Hon?“

Der Befehlshaber schwankte, besann sich auf die Grundsätze ziviler Führung und ließ sich dann herbei, seinen Befehl zu erläutern.

„Bombenalarm. Verlassen Sie bitte beide das Haus.“

Diesmal wartete er, bis Gisela und Brosheim sich an ihm vorbei auf den Flur gedrängt hatten, dann zog er die Tür zu und blieb im Flur stehen.

„Gehen Sie bitte auf die Straße für alle Fälle“, rief er ihnen nach. Bros-heim ahnte, dass d‘ Hon als letzter das Haus verlassen würde. Er grinste zu Gisela hinüber, als sie langsam nach unten stiegen.

„Er übertreibt doch auf unsere Kosten?“

„Wer weiß. Wir wissen ja nichts Genaues.“

„Ich finde, er übertreibt.“

„Besser, er übertreibt, als dass jemand umkommt.“

„Gegen dieses Argument bin ich machtlos“, sagte Brosheim pikiert. Sie sah ihn gütig an.

„Deshalb gebrauche ich es ja.“

Brosheim fühlte seinen Magen pulsieren. Er dachte: a) hält sie mich für Argumenten zugänglich und b) ist sie wahrscheinlich so etwas wie meine Freundin. Seine Müdigkeit war verflogen.

Die Drohung, die niemand ernst nahm und dem last die Gelegenheit bot, seine Kapitänschaft hervorzukehren, seine Bereitschaft zur Pflichterfüllung und zum Mut zu zeigen, verbreitete ein angenehmes Prickeln bei den Leuten, die sich auf der Straße versammelten und gesprächsbereiter waren als gewöhnlich. Sie gaben sich freundlich, wandten sich einander zu, sahen sich in die Augen. Man solle erst gar nicht die Polizei bemühen, es lohne sich ja doch nicht. Man dürfe Verrückten nicht soviel Aufmerksamkeit schenken, es sei schon falsch, die gesamte Belegschaft auf die Straße zu schicken, wo dem Bekloppten, wenn es überhaupt einen gibt, das Durcheinander beobachte, bis ihm einer abgeht.

Die aufregende Abwechslung brachte Leute zusammen, die sich sonst aus dem Wege gehen oder sich nichts bedeuten, und brachte Paare auseinander, die sich gegen die normale Gleichgültigkeit verbündet hatten. So sah sich Brosheim auf einmal im Gespräch mit drei Personen, die Mutmaßungen über Bombendrohungen anstellten und ihre Beruhigung aus der Weisheit gewannen, dass wahre Bombenleger keine Drohungen ausstoßen, dass bellende Hunde nicht beißen, dass Italiener mit Bombendrohungen besser leben als Deutsche, weil der Terrorismus in Italien zum Alltag gehöre. Woher der last die Bombendrohung kennt? Jemand hat ihn angerufen und behauptet, das Haus fliegt in die Luft. Hat er das gesagt? Wer? Der last? Der last doch nicht. Hat er gesagt, dass er angerufen wurde? Nein. Wie will man es wissen? Wie schon, durch einen Brief. Nachmittags ist keine Zustellung. Man soll eben den Pförtner fragen. Hat ihn jemand gesehen? Wen? Den Pförtner. Das Ganze kann doch nur ein Scherz sein. Von wem? Möglicherweise sogar vom last? Von dem? Mein Gott! Er hat eine Übung anberaumt. Der hat vielleicht Humor. Halten Sie das schon für Humor? Also ich danke. Mit sowas scherzt man nicht. Mit ganz anderen Dingen wird gescherzt! Mein Feierabend ist mir heilig, da hört sich der Scherz auf. Jeder hat einen anderen Begriff von Humor, und Humor ist seine Stärke nicht. Von wem? Das kann er ohne den Personalrat nicht machen. Gibt es nicht einen Sicherheitsbeauftragten? Wir haben doch für Alles und Jedes einen Beauftragten! Es müsste doch auch einen für Bombendrohungen geben. Achwas. Der last verlässt als Letzter das sinkende Schiff. Der spielt uns den Macher, den Mann für alle Fälle. Da wär er bei mir aber an der ganz falschen Adresse! Der last hat gut den Helden spielen, wo gar keine Gefahr droht. Und warum sind Sie dann nicht in Ihrem Zimmer geblieben? Anweisung von oben. Bei Anweisungen hört der Spaß auf, was? Neuer Chef, alte Gewohnheiten. Oder glauben Sie an eine geistig-moralische Erneuerung? Es müsste jetzt eigentlich was passieren. Ich will nach Hause, und meine Sachen sind noch im Zimmer.

Brosheim streunte zwischen den Gruppen. Er sah Gisela mit Beschlag belegt und in Diskussionen verwickelt. Die Straße ist nicht einmal abgesperrt, dachte er. Er bog um die Ecke in die Grotewohlstraße, um von dort über die Behrenstraße zurück in die Dienststelle zu gelangen. Im Hof stand eine kleine Gruppe. Unter den misstrauischen, auch verächtlichen Blicken der Leute ging er schnell ins Haus, ohne sich um sie zu kümmern. Sollte ihn jemand fragen, er würde nur seinen Mantel und seine Schultertasche holen. Brosheim hörte beim Treppensteigen, wie jemand am Lastenaufzug hantierte. Schleifgeräusche.

„Haben Sie Ihre Pause beendet“, fragte Debus in einer Weise, die

Brosheim nicht gefiel.

„Sie sind ein ganz Mutiger, Debus, und ich will Ihnen darin nicht nachstehen, deswegen leiste ich Ihnen Gesellschaft.“

„Sie nehmen den Quatsch doch nicht ernst?“ fragte Debus, dem nichts wichtiger schien als die Räumung des Lastenaufzugs.

„Eine Bombendrohung ist eine ernste Sache.“ Brosheim musste immer widersprechen.

„Hier nicht.“

Debus schob die Pakete aus dem Aufzug in den Flur.

„Wohin wollen Sie sie haben?“

„Wir stellen sie da in die Ecke. Hat es sowas schon mal gegeben?“

„Was?“

„Wovon reden wir denn?“

„Hier ist eine Bombenstimmung, schon seit Freitag letzter Woche. Wundert es Sie, wenn jemand zum Telefon greift und irgendeinen Stuss erzählt?“

„Glauben Sie, es ist jemand aus dem Haus?“

Debus antwortete nicht.

„Ist es einer aus dem Haus?!“

Achselzucken.

„Woher soll ich das wissen. Heutzutage sind viele Leute verrückt. Vielleicht ist es einer aus dem Haus, ja, na und? Vielleicht aber auch nur ein Schüler, der seinen Finger ins Telefonbuch gesteckt hat und die erstbeste Nummer wählt. Nehmen Sie es nicht ernst.“

„Ich hätte große Lust zu glauben, dass Sie angerufen haben.“

Debus lachte.

„Ich habe überhaupt kein Motiv, aber ein Alibi. Denken Sie nach. Sie sind mein Alibi. In der kurzen Zeit ohne Sie kann ich doch keine Bombe gelegt haben.“

„Sie verteidigen sich ja so, als hätte ich es ernst gemeint“, sagte Brosheim und setzte sich auf einen Karton, als Debus das letzte Paket herauszog und nach einer Zigarette griff.

„Danach geh ich nach Hause. Und für mich ist der Spuk vorbei. In der Tagesschau sehe ich ja, was von der Bombendrohung zu halten ist.“

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺553,25

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
05 mayıs 2025
Hacim:
410 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783905960204
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar