Kitabı oku: «Der Stoff, aus dem die Helden sind»

Yazı tipi:

Jürgen Kalwa

DER STOFF, AUS DEM DIE HELDEN SIND

33 Sportreportagen, Essays und Interviews

Arete Verlag Hildesheim

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© 2022 Arete Verlag Christian Becker, Hildesheim

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Umschlagillustration: Peter Cusack

Layout, Satz und Umschlaggestaltung: Composizione Katrin Rampp, Kempten

Druck und Verarbeitung: CPI, Leck

ISBN 978-3-96423-078-2

eISBN 978-3-96423-079-9

Inhalt

VORWORT

KAPITEL 1

WERKSTOFF – DER STOFF, AUS DEM DIE LEGENDEN SIND

THE SPIRIT

Das Koordinatensystem einer Sportwelt, die Helden produziert, weil sie Helden braucht.

DENKMALPFLEGE

Seit hundert Jahren glorifizieren Amerikas Ruhmeshallen den Sport mit Wallfahrtsorten für nostalgiebeseelte Fans. Allen voran: die Baseball Hall of Fame in Cooperstown.

TOTE LEBEN LÄNGER

Erst ein Gericht beendete das Tauziehen um den Jahrhundert-Athleten Jim Thorpe. So blieben seine sterblichen Überreste in der Stadt, die seinen Namen trägt. Ein Ortstermin.

MIRACLE ON ICE

Der Sieg der amerikanischen Eishockey-Amateure bei den Winterspielen von Lake Placid über die sowjetischen Favoriten gilt als der spektakulärste Außenseiter-Sieg aller Zeiten. Buzz Schneider war nicht nur dabei, sondern mittendrin.

ALLES NUR THEATER?

Amerikas berühmtester Football-Trainer war der Verfechter eines erbarmungslosen Körperkults. Ein Typ wie geschaffen für den Broadway.

VORNE WEG

Das Gelbe Trikot der Tour de France ist das berühmteste Stück Stoff im internationalen Sport. Ein knallfarbenes Hemd mit einer scheckigen Geschichte.

KAPITEL 2

FARBSTOFF – DIE DUNKLE SEITE

MIT GEBALLTER FAUST

Einst geächtet, heute geachtet: Tommie Smith und John Carlos waren die Protagonisten der symbolträchtigen Black-Power-Demonstration von Mexico City 1968. Zwei Interviews mit zwei bemerkenswerten Figuren der Sportgeschichte.

BLACKBALLED

Sein Hymnenprotest sollte auf die Brutalität der Polizei gegenüber seinen schwarzen Landsleuten aufmerksam machen. Statt dessen wurde Colin Kaepernick selbst zur Zielscheibe.

RICHARD LÖWENHERZ

Erfolg im Sport hat gewöhnlich viele Väter. In der Tennisfamilie Williams hatte er nur einen – einen kauzigen Selfmade-Man und Medien-Clown, der gleich zwei Töchter nacheinander an die Weltspitze brachte.

EIN MENSCH AUS PUREM GUTEN WILLEN

Die seltsame Verehrung für den stummen und zitternden Muhammed Ali. Versuch einer Erklärung.

KAPITEL 3

REIZSTOFF – FRAUEN-POWER

„THE CHAMP IS A VAMP“

Für Frauen im Sport gibt es mehr Entfaltungsmöglichkeiten denn je. Die werden jedoch von einer Wertewelt bestimmt, in der Optik oft genug mehr zählt als Leistung.

HERAUS AUS DEM WINDSCHATTEN

Eine Zeit lang war die IndyCar-Serie das perfekte Laboratorium für Wettbewerbsformate, in denen Frauen gegen Männer antreten. Dokument einer Spurensuche.

TIEFENRAUSCH

Obwohl eine Ausnahmeerscheinung in der Männerdomäne der Freitaucher hat Tanya Streeter nie vergessen, was beim Härtetest im warmen Meerwasser alles auf dem Spiel steht: Leben und Tod.

KAPITEL 4

TREIBSTOFF – DAS MENTALE SPIEL

EIN ESKIMO KENNT KEINEN SCHMERZ

Die Ureinwohner von Alaska haben eigene Olympischen Spiele. Mit Sportarten, in denen sich das Leben in einer der härtesten Klimazonen unseres Planeten widerspiegelt.

LUST AUF KARACHO

Für die ersten Mountain-Bike-Helden war die Kamikaze-Abfahrt von Mammoth Mountain die ideale Projektionsfläche für ein schwieriges Projekt: sich so konsequent wie möglich von alten Konventionen zu verabschieden.

AUS EINEM ANDEREN HOLZ

Einblicke in die innere Beschaffenheit des Golfprofis Tiger Woods.

ZUNGE AN DER WAAGE

Wie Andre Agassi den Aufschlag von Boris Becker entschlüsselte, gehört zu den faszinierendsten Fallbeispielen psychologischer Kriegsführung im Sport.

GLAUBENSSACHE

Ein Dialog mit Golfprofi Bernhard Langer über Religion, die Bibel und deren Bezug zum Spitzensport von heute.

NACH 83 STUNDEN OHNE SCHLAF FAHREN DIE MARSMÄNNCHEN MIT

Unterwegs mit dem Race Across America, dem härtesten Radrennen der Welt.

KAPITEL 5

SCHMIERSTOFF – GESCHÄFT IST GESCHÄFT

DOLLAR GEHT’S NIMMER

Kein Sportler besitzt ein derart unverstelltes Verhältnis zum Geld, wie der Boxer Floyd Money Mayweather.

DAS TRENDBRETT

Warum sich Snowboarding immer wieder neu erfinden muss, um einer Generation nach der anderen den coolen Lebenstraum von Freiheit und Abenteuer zu verkaufen.

WO NUR NOCH ZAHLEN ZÄHLEN

Der exzessive Umgang mit statistischem Datenmaterial ist zu einem eigenen Sport geworden. Nicht nur Nerds erliegen der Faszination, ein unkalkulierbares Geschehen berechenbar zu machen.

DIE GRÖSSTE PARTY DER WELT

In Amerika gibt es zwei bedeutende säkulare Feiertage: Thanksgiving Day und Super Bowl Sunday.

KAPITEL 6

SCHADSTOFF – KRIMINAL-TANGO

ZUR STRECKE GEBRACHT

Niemand hat einen größeren Anteil am Sturz von Lance Armstrong. Doch deshalb hält niemand Floyd Landis für einen Helden. Am wenigsten er selbst.

„WIE VIELE KLEINE AUTOUNFÄLLE“

Teure Schadenersatzprozesse haben dafür gesorgt, dass die Langzeitrisiken von Kopfverletzungen in Sportarten wie Football, Eishockey und Fußball ernst genommen werden.

JANE DOE VS. DAS ESTABLISHMENT

Der Fall der amerikanischen Turnerinnen demonstriert nachdrücklich, wie schwer der Kampf gegen sexuellen Missbrauch im Sport ist. Verbände und Funktionäre schützen lieber die Täter als die Opfer.

NARZISSTEN UNTER DER ZIRKUSKUPPEL – RATLOS

Wenn große Stars vom Sockel zu stürzen drohen, sehen sie oft nur noch einen Ausweg aus dem Dilemma: Gestehen, um Vergebung bitten, Reue zeigen. Die Flucht nach vorn kommt allerdings oft zu spät.

KAPITEL 7

BITTERSTOFF – MANCHMAL IST DER WEG DAS ZIEL

IM CAMP

Ein Box-Weltmeister braucht gute Reflexe, ein Gefühl für Balance und Tempo sowie eine Vision. Anders ist die Quälerei vor dem Kampf nicht auszuhalten.

DER TRAKTOR-FAKTOR

Dem Basketball-Genie Don Nelson ist in seiner Karriere so mancher Coup gelungen. Darunter: die Verpflichtung von Dirk Nowitzki. Eines war ihm jedoch nie vergönnt – der Gewinn einer Meisterschaft.

MAGIER AUS EINER FERNEN WELT

Einen Sommer lang erfüllte sich Michael Jordan einen Kindheitstraum. Er wurde Baseballprofi.

DAS VERGESSENE GENIE

Er mag der beste Stürmer sein, den das Mutterland des Fußballs hervorgebracht hat. Doch er stand im wichtigsten Spiel seiner Karriere nicht auf dem Platz. So wurde Jimmy Greaves zum Paradebeispiel für die Schattenseiten eines gnadenlosen Heldenkults.

WIE IN EINEM SCHLECHTEN FILM

Es gibt nur einen Augenzeugenbericht vom letzten offiziellen Spiel in der Tenniskarriere von Steffi Graf. Diesen.

EPILOG

BEND IT LIKE HEIDEGGER

Sinnsuche mit Hilfe von Sport. Das geht durchaus. Ein Gespräch mit einem Philosophen, der so tief im Fußball schürft wie nur wenige.

DER AUTOR

VORWORT

Der Tag war grau, fast zu grau. Aus dicken Wolken nieselte feuchter Schnee und verdeckte die hohen Berge hinter einem dichten Schleier. Die Stimmung schien alles in Watte zu packen.

Die Geräusche.

Das Rot der schweren Schlitten neben dem kleinen Starterhäuschen.

Die innere Anspannung.

Aber vielleicht sollte ich zuerst von den Schlitten erzählen, diesen knapp zwei Meter langen Metallgehäusen, die wie große, aufgebogene Cola-Dosen aussahen. Man setzte sich nicht einfach auf sie. Man schlängelte sich hinein und legte sich auf den Rücken. Dann stemmte man die Füße gegen ein schräg gestelltes Brett und verstaute den von einem Helm geschützten Kopf unter einem dünnen Überrollbügel aus Stahl.

Diese Schlitten gehörten auf der Bob- und Rodelbahn von Park City in den Jahren vor den Olympischen Spielen von 2002 zum Inventar. Man hatte ihnen den Namen Ice Rockets gegeben. Das klang werbewirksam und gefährlich, aber es führte in die Irre. Diese Eisraketen konnten nicht fliegen. Die Parallele existierte in einer anderen Dimension: Einmal angeschoben schossen sie steuerlos die spiegelglatte Rinne hinunter.

Die eigentliche Arbeit leistete die Schwerkraft. Sie beschleunigte das Vehikel auf 80 Stundenkilometer. Der Rest fand im Kopf des Reisenden statt und prägte sich dort für immer ein. Das begann, ehe es überhaupt losging, mit einer suggestiven Panik, ausgelöst von der Vorstellung, dass der Schlitten in einer Kurve hart gegen die Wand rempelt und man anschließend bäuchlings den Rest der 1.300 Meter langen Strecke hinabrast.

Am Ende stellte sich das Ganze als bloßes Spiel mit den Nerven heraus. Besonders in den Steilkurven, wo man sich – angeschnallt und eingeklemmt – wie ein hilfloses Bündel vorkam, wenn der Körper mit dem Fünffachen seines Gewichts Richtung Wand gepresst wurde. Ein Gefühl, als ob einem jemand Bleiplatten auf den Bauch legt.

Nach einer Minute war die Fahrt vorbei. Die Angst verwandelte sich in Euphorie. Ein Effekt, der sich in der Andeutung des Chefs des Utah Winter Sports Park verborgen hatte, als er bei der Begrüßung prophezeite: „Das nächste Mal, wenn Sie von der Bahn hören oder sie sehen, dann wissen Sie, was es bedeutet.“

Das nächste Mal ergab sich tatsächlich, Jahre später, als an derselben Stelle die olympischen Entscheidungen im Rodeln, Bob und Skeleton ausgetragen wurden. Ich sah die Bahn zwar nur von weitem – auf dem Fernsehbildschirm. Aber ich erinnerte mich an diesen Satz und beschäftigte mich damals zum ersten Mal mit der Frage, was es denn „bedeutet“, wenn man das Besondere an einer relativ gefährlichen Sportart schon einmal erlebt hat, aber diese Erfahrung in der Berichterstattung nicht widergespiegelt findet. Was fehlt einem als Zuschauer, wenn einem die Fernsehreporter in Park City die Bahn als bloße Kulisse in einer von Sonne und Schnee verwöhnten Winterlandschaft zeigen? Eine Kulisse, in der Sportler wie routinierte Darsteller in einem Medaillentheater wirken, eingehüllt in windschlüpfrige Kleidung und verborgen unter Helmen mit Vollvisier.

Es gehört nicht sehr viel dazu, und man begreift in einem solchen Moment, dass eine derartige Inszenierung den Stoff, aus dem die Helden der Eisrinne sind, überhaupt nicht zu erfassen vermag. Das Resultat: Ein regulärer Zuschauer, der in seinem Leben vermutlich niemals die Möglichkeit erhalten wird, sich eine Rodelbahn hinabzustürzen, wird nie herausfinden, worin die besondere sportliche Leistung eigentlich besteht.

Das Beispiel aus Park City ist übrigens nur eines unter vielen, bei denen die Medien von heute einen erheblichen Teil ihrer beachtlichen Kraft dazu benutzen, die Darstellung der Realität hauptsächlich in eine Richtung zu lenken: Dorthin, wo sich die vorgefundene Welt auf ein paar simple Aspekte reduzieren lässt. Und sei es auf so absurde Zeiteinheiten wie Tausendstelsekunden. Denn selbst das produziert Dramen und Kontroversen. Bei den Winterspielen von Nagano 1998 etwa betrug der Zeitunterschied nach vier Fahrten zwischen Gold- und Silbermedaille und den beiden deutschen Fahrerinnen Silke Kraushaar und Barbara Niedernhuber nur zwei Tausendstelsekunden. Umgerechnet auf die gefahrene Gesamtdistanz von mehr als vier Kilometern: die Länge eines kleinen Fingers. Zum Vergleich: Der Wimpernschlag des menschlichen Auges dauert 300 bis 400 Tausendstelsekunden.

Wie hanebüchen das alles ist, belegte eine technische Untersuchung zur systemimmanenten Fehlerquote der eingesetzten Lichtschrankentechnologie. Ihr Ergebnis: Sie beträgt bei jedem Lauf zwei Tausendstelsekunden. Es könnte also sein, dass die Platzierung und die Vergabe der Medaillen von Nagano gar nicht korrekt waren. Und dass die Erfolgsprämien der Deutschen Sporthilfe (15.000 Euro für die Goldmedaille, 10.000 für Silber) falsch verteilt wurden.

Aber mal abgesehen von einer Welt, in der eine solche surreale Resultatsdifferenzierung ganz reale Konsequenzen hat: Es wäre im Prinzip gar nicht so schwierig, sich stattdessen im Rahmen des journalistischen Alltags aus einer plausibleren Nähe mit den Persönlichkeiten und Phänomenen im Sport zu beschäftigen und für ein umfassenderes, vielfältigeres und vielschichtigeres Bild zu sorgen. Stoff gibt es mehr als genug.

Dazu müssten Journalisten allerdings an den Ort des Geschehens ein wenig mehr mitbringen als bloße Neugier und Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, das Erlebte hinterher nachzuerzählen. Sie müssten sich mit ihrem eigenen Gedächtnis auseinandersetzen. Das Gedächtnis, so hat der Hirnforscher Gerhard Roth mal geschrieben, ist „unser wichtigstes Sinnesorgan“: die Schaltstelle für die fünf anderen Sinne („die Tore des Gehirns zur Welt“1), wo das Erlebte „unter Zuhilfenahme angeborener und erworbener Gestaltungsmuster zusammengefügt“ wird, damit die sinnlich erfahrbare Welt auch tatsächlich Sinn ergibt. „Die aktuellen Sinnesreize sind nur der Anlass für unser Gehirn, bewährte Konstrukte aus dem Gedächtnis abzurufen“ und mit den neuen Informationen abzugleichen.2

Sportjournalisten scheinen theoretisch für das Abgleichen und Zusammenfügen bestens prädestiniert. „Von all den schrägen Vögeln im Zeitungszoo“, schrieb der Schriftsteller Paul Gallico in den dreißiger-Jahren in seinem Buch Farewell to Sport, „ist der Sportjournalist der eigenartigste. Er ist Reporter, Kritiker, Kommentator, Detektiv, PR-Agent, Zyniker und Heldenverehrer, und zwar alles in einem.“3

Für ihn selbst stimmte diese Beschreibung. Gallico betrieb das Metier so intensiv wie kaum ein anderer: beim Schwimmen zusammen mit dem Olympiasieger und späteren Hollywood-Tarzan Johnny Weismuller, beim Golf mit dem Ausnahmespieler Bobby Jones und beim Sparring im Ring mit dem Boxer Jack Dempsey. Das passierte vor einem Kampf, über dessen Vorbereitungen damals alle Zeitungen berichteten. Als Kameras zum ersten Mal ausführlich die Atmosphäre von Trainingslagern einfingen und Material drehten, das später im Stil von Wochenschauen nachvertont wurde. Mit übertrieben klingenden Kommentaren wie diesem: „Firpo knows that Dempsey can throw a punch so fast, you can’t even see it coming.“4

Für diese Einschätzung gab es eine Quelle: Paul Gallico, der wie keiner der angereisten Journalisten so weit gegangen und mit Dempsey in den Ring gestiegen war. Sein Schlagabtausch im August 1923 in Saratoga Springs mit dem damaligen Schwergewichtsweltmeister vor dem Titelkampf gegen den Argentinier Luis Ángel Firpo wurde zu einem eindrucksvollen Selbstversuch. Gallico ging zwar bereits nach einer Minute und 37 Sekunden K.o., aber gab schon eine halbe Stunde später seiner Redaktion, der Daily News in New York, am Telefon einen Erfahrungsbericht durch.5

Der großgewachsene Journalist hatte im Laufe der Jahre viele verschiedene Sportarten ausprobiert, aber vorher noch nie geboxt. Dennoch fühlte er sich in guter körperlicher Verfassung, nachdem er erst kurz zuvor sein Studium an der Columbia University in New York abgeschlossen und dort vier Jahre lang im Achter der Rudermannschaft gesessen hatte. Das sollte sich in der Vorbereitung auf eine Runde mit einem Box-Champion von Format als unzureichend herausstellen. Die Lektion war hart und unmissverständlich, aber ihr Erkenntniswert ließ sich selbst einem unerfahrenen Publikum nahe bringen: „Ich habe herausgefunden“, schrieb Gallico, „dass ein Boxer – so wie ein Soldat im Krieg, der nie die Kugel hört, die ihn umbringt – nicht den Schwinger sieht, der ihn mit einem Mantel aus Dunkelheit bedeckt und für ein Gefühl sorgt, das so wirkt, als würde die Schädeldecke explodieren. Und das einem alle Sinne raubt.“

Sein Experiment, als ungeübter Skifahrer 1936 den olympischen Abfahrtshang am Kreuzeck in Garmisch-Partenkirchen auszuprobieren, war kein minder dramatisches Erlebnis. Als er bei einem Sturz auf halber Strecke auf einer engen Passage direkt neben einer Kante landete, von der der Hang fast senkrecht 600 Meter in die Tiefe abfiel, hatte er „so viel Angst wie noch nie“. Irgendwie schaffte er es „auf wundersame Weise unverletzt“ bis ins Ziel und kam so auch hier zu einer wichtigen Erkenntnis: Bei den Abfahrern handele es sich um „eine großartige Gruppe von Sportlern, die die Bedeutung des Wortes ‚Furcht‘ nicht kannten“.6

Es wäre übertrieben zu verlangen, jeder „schräge Vogel im Zeitungszoo“ (und in den elektronischen Medien von heute) möge sich so unmittelbar wie Gallico mit der jeweiligen Sache auseinandersetzen. Immerhin haben es einige getan und auf diese Weise ihren Lesern das Milieu näher gebracht. So wie der Schriftsteller George Plimpton, als er sich der körperlich herben Erfahrung von Football-Profis auslieferte7. Oder der Journalist Steven Fatsis, der Jahrzehnte später etwas Ähnliches probierte8. Und was mit dem Blick auf die besondere Rolle einer klassischen Figur im Golfsport auch die Herangehensweise von Rick Reilly ausmacht. Er übernahm den Job des Caddies für prominente Spieler wie Jack Nicklaus, David Duval, Tom Lehman und John Daly.9

Er hatte in der Vorbereitung auf das Buch übrigens auch einen Einsatz an der Seite von Donald Trump, ehe der Präsident der Vereinigten Staaten wurde. Das floss in ein späteres Buch ein10, das auch auf Deutsch erschien.

Als wir uns darüber unterhielten, bestätigte er eine alte Weisheit aus dem Golfspiel, wonach es den wahren Charakter von Menschen offenlegt, vor allem den von krankhaften Narzissten und notorischen Lügnern: „Auf der Runde hat er sich bestimmt sieben Mulligans zugestanden. Fehlschläge, die er nicht mitgezählt hat. Er hat vor einem Grün den Ball aufgehoben und behauptet, den Schlag hätte er garantiert eingelocht. Seine Caddies haben extra Holzstifte dabei, sogenannte Tees, mit denen er im tiefen Gras neben dem Fairway den Ball höher legen kann. Und sie legen Bälle an Stellen aus, von denen er viel besser weiterspielen kann.“

Allesamt klare Regelverstöße übrigens.

Gleichzeitig muss es erlaubt sein zu fragen, weshalb es nur sehr selten passiert. Denn den Porträts einer Welt mit Menschen im Zentrum, die im Laufe ihrer Karriere durch ein ganzes Kaleidoskop von Belastungen und Entbehrungen, Verletzungen an Körper und Seele und emotionale Hochs und Tiefs gehen, fehlt ohne einen Zugang zu diesen Erfahrungen etwas Wesentliches. Es mangelt an Augenhöhe.

Die über viele Jahre gesammelte Erfahrung lehrt übrigens, dass dies von den Beteiligten meist gar nicht als Defizit wahrgenommen wird. Eine regelmäßige gründlichere Auseinandersetzung mit sich selbst, das stellt sich bei ausführlicheren Gesprächen heraus, vermissen nur wenige Sportler. Oder sie gehen gleich so weit und verlangen ein Mitspracherecht bei der detaillierten Gestaltung der Berichterstattung.11 Sie versuchen, Journalisten zu Mitwirkenden in ihrem PR- und Propagandatheater zu machen.

Und die Medienmenschen? Viele empfinden Distanz als professionell, Annäherung als schwierig oder sogar kontraproduktiv. Auf eine Ich-Geschichte und die damit verbundene sich selbst zugemessene Rolle des Protagonisten verspüren sie kaum Appetit. Anders als ein Schriftsteller wie Norman Mailer in seinem Buch The Fight12 über den Kampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman im Oktober 1974 in Kinshasa (dem Rumble in the Jungle). Er nutzte den persönlichen Blickwinkel, um das Ereignis über den rein sportlichen Gehalt hinaus in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Als Stilmittel geht er darin so weit, dass er auch über sich selbst spricht, wenn auch in der dritten Person Singular, was gespreizt klingt. Zitat: „Nun, unser weiser Mann besaß ein Laster. Er schrieb über sich selbst. Er beschrieb nicht nur die Ereignisse, die er sah, sondern auch seinen eigenen, kleinen Einfluss auf die Ereignisse.“

Eine solche Vereinahmung des Mythenrservoirs des Boxens, des Kampfs gegen sich selbst mit der Aussicht auf Erfolg und sozialen Aufstieg, die eine Zuneigung zum männlichen Authentizitätskult intellektuell überhöht13, illustriert, wie viele unterschiedliche Ansatzmöglichkeiten es gibt, „die Sozialfigur des Sporthelden in postheroischen Zeiten zu durchleuchten und die im Spitzensport vorfindbare Heroisierungspraxis auf ihre soziale Konstruiertheit hin zu befragen“, wie das der Sportwissenschaftler Professor Dr. Karl-Heinrich Bette in seinem Buch Sporthelden – Spitzensport in postheroischen Zeiten formuliert hat.14

Es ist eine Aufgabe, die ich mir selbst auch immer wieder stelle und die zu einem Leitmotiv für dieses Buch geworden ist, in dem es nicht nur ums Durchleuchten und Befragen geht. Sondern auch darum, sich das Vorgefundene einzuverleiben, wie das der wegen seiner Interviews bewunderte Fernsehmann und Dokumentarist Georg Stefan Troller häufiger genannt hat15. Und der dies unter anderem 1974 in seinem Halbstünder vor dem zweiten von drei Kämpfen zwischen Joe Frazier und Muhammad Ali (Personenbeschreibung: Muhammad Ali – Der lange Weg zurück) auch mit einem Thema aus dem Sport eindrucksvoll demonstriert hat.

Wo das nicht geschieht, so hat der Journalist Bertram Job, Autor einer sehr empfehlenswerten Box-Anthologie16, mal vor einiger Zeit in einem Artikel in der taz geklagt, entsteht eine nicht zu übersehende Lücke: „Es ist immer das gleiche mit den Sportschreibern in diesem Land. Die affirmativ sind, kleben unkritisch an den Helden; die kritisch sind, wollen sich keine Affirmation leisten. Und an der Schnittstelle zwischen beiden liegt – Brachland.“17

Dieses Brachland ließe sich durchaus urbar machen und auf diese Weise gegen den allgemeinen Trend zum Clickbait-, Klatsch- und Kontroverse-Spektakel antreten.18 Denn fraglos bietet selbst der aalglatte, durchgetaktete, kommerzielle Sport von heute mannigfachen und ausgesprochen guten Stoff. Mehr als jene innere Spannung, die einen erfasst, wenn man eine olympische Rodelbahn hinabschlittert, in Kitzbühel auf eigenen Skiern die Hahnenkamm-Abfahrt attackiert, auf einem Polopferd – die eine Hand am Zügel, die andere mit dem Schläger bewaffnet – im Galopp dem kleinen Ball hinterherjagt oder ein paar Minuten vor dem Start eines Automobilrennens in Indianapolis zwischen den dröhnenden Boliden steht und in Richtung erste Kurve schaut. Mehr als die gängigen Denkschablonen und Plattitüden, die sich in der Sprache der Medienarbeiter festgesetzt haben. Mehr als die nervig klappernde Mühle mit ihren Transfergerüchten über irgendwelche Fußballer. Mehr als den Versuch, ein „Schlangennest aus sich bekämpfenden Interessen und Egos“ von Trainern, Agenten, Clubs und Sponsoren abzubilden, was nicht nur der britische Journalist Oliver Franklin-Wallis missbilligt19. Und mehr als die eine oder andere Geschichte, die erzählt, was hinter den Kulissen, beim Training, in den Vertragsverhandlungen, beim Doping-Doktor oder in einem Gerichtssaal passiert, in dem ein ungeimpfter Tennisspieler seine Einreise in ein fremdes Land einzuklagen versucht.

Um dieses Mehr geht es in diesem Buch, das sich dabei überwiegend an Vorbilder aus der amerikanischen Sportpublizistik orientiert, die über die erwähnten Autoren hinaus bemerkenswerte Maßstäbe gesetzt hat. Etwa mit der Sachbuch-Serie The Best American Sports Writing20, einer breitgefächerten und gleichzeitig aufschlussreichen Archäologie des Sports. Angelehnt an etwas, das Paul Gallico in Farewell to Sport bereits skizziert hatte: „Heldenverehrung ist menschlich. Vorausgesetzt der Held ist ebenfalls menschlich.“

Ein hilfreiches Zitat, um an dieser Stelle näher auf den Begriff einzugehen, der sowohl in Gallicos Muttersprache als auch im Deutschen ähnlich stark schillert. Klassischerweise werden nicht nur außergewöhnlich mutige Menschen mit dieser Vokabel belegt. Sie wird auch auf die Hauptgestalten von Romanen angewendet und auf ein ganzes Rollenfach beim Theater (wo es noch andere klischeehafte Figuren gibt wie den jugendlichen Liebhaber oder die Salondame). Die Ausdehnung des Begriffs auf den kommerziellen Sport ist also nachvollziehbar. Denn er liefert dem Geschehen mit seinen heldenhaften, theatralischen Taten im Zentrum einen zusätzlichen Fixpunkt und schwebt als sinnstiftende Vokabel über der Inszenierung von Sport und der Idol-Kultur, die sie fördert.

Oft genug allerdings steht die Vita von prominenten Athleten dem Bedürfnis nach versimpelnder Idolisierung und Heroisierung entgegen. Der damalige Spiegel-Redakteur Nils Minkmar etwa nahm nach dem Unfalltod des Basketballers Kobe Bryant eine Tendenz ins Visier, mit einer aufgeschminkten, selektiven Würdigung die unangenehmen Details seiner Biographie zu vertuschen. Bryant hatte einst wegen Vergewaltigung vor Gericht gestanden und war trotz starker Indizien nur deshalb freigesprochen worden, weil die betreffende Frau vor einer Aussage in einem öffentlichen Prozess zurückgeschreckt war und so das Verfahren zum Platzen gebracht hatte. Und der das Schweigen dieser Frau mit einem hohen Betrag entlohnt hatte.21

Was Minkmar zu der Anmerkung veranlasste: Es möge „besonders schwer auszuhalten“ sein, dass „Helden eine Schwäche haben, dunkle Charakterzüge, seltsame Ansichten oder gar schuldig wurden“. Man könne allerdings deshalb nicht einfach dafür plädieren, dass „auf den glatten Bildschirmen der digitalen Moderne“ immer „alles makellos erscheinen“ soll. Auf diese Weise „verrennt sich die Moral in den Bereich der Ästhetik: Die Schönen sollen gut sein und vice versa.“22

Was Gesellschaftswissenschaftler nicht überrascht. So hat der Freiburger Soziologe Prof. Dr. Ulrich Bröckling 2020 im Deutschlandfunk in einem Interview auf Folgendes hingewiesen23: „Der Sport verbindet etwas, was auch für Heldenfiguren ganz grundsätzlich ist: dieses Moment des Kämpferischen, des Sich-auszeichnen-Wollens, der außerordentlichen Leistung. Das alles bietet der Sport. Er bietet spannende Inszenierungen von Kämpfen, von Wettkämpfen. Und gleichzeitig ist es etwas, was politisch nicht so brisant oder moralisch so verwerflich ist wie militärisches Heldentum.“

Und das funktioniert so, wie Karl-Heinrich Bette in Sporthelden: Spitzensport in postheroischen Zeiten schreibt: „Der Spitzensport ist ein Sozialbereich, der real existierende Figuren der Außeralltäglichkeit“ in einer unterhaltsamen und sozial harmlosen Weise und im Kontrast zu anderen Teilen des Lebens hervorbringt. Dort, in diesen anderen Teilen des Lebens, habe die Marginalisierung traditioneller Heldenfiguren „eine Lücke hinterlassen, in die der Sport mit seiner Personen- und Körperorientierung, seiner Sichtbarkeit und Theatralität, seinen agonalen Konfliktinszenierungen, der Serialität seiner Ereignisse und seinen Stellvertretungsofferten mit Erfolg hineinstoßen konnte.“24

Die Wechselwirkung kommt folgendermaßen zustande: Einerseits existiert, so Bette, eine weltweit gestiegene Nachfrage „nach spannenden, heroischen, affektiv aufgeladenen, gemeinschaftsstiftenden, personen- und körperorientierten Sportleistungen durch ein interessiertes Massenpublikum“. Andererseits gebe es „Kollateralwirkungen des gesellschaftlichen Wandels“. Zu denen gehören seiner Auffassung nach unter anderem solche Entwicklungen wie Körperdistanzierung, Gemeinschaftsverlust, Beschleunigung und „biografische Diskontinuität“. Der Spitzensport bediene damit und mit seinen Heldeninszenierungen „in einer klamm-heimlich-kritischen Weise die ausgeprägte Ambivalenz der Moderne“.

Eine Ambivalenz, die die COVID-Pandemie noch deutlicher herauskristallisiert hat. Mit einem „weniger heroischen, professionellen Typ von Athleten“ wie der amerikanische Sportjournalist und Buchautor Howard Bryant unlängst schrieb. Er meinte prominente Vakzin-Verweigerer wie Novak Djokovic, Aaron Rodgers und Kyrie Irving. Die seien „ganz sich selbst verpflichtet, unbelastet von der Gemeinschaft oder der Verantwortung für andere“ und benutzen die sozialen Medien „um Pseudowissenschaft zu verbreiten und sich selbst zu profilieren und abzusetzen.“ Deren Botschaft an den Rest der Welt: „Sie schulden uns gar nichts, weil sie soviel erschaffen: Einnahmen und Vermächtnis für die Männer in Anzügen. Spaßkultur für die Zuschauer und wirtschaftliche Sicherheit für ihre Familien.“25

Mit Stoff ist in diesem Zusammenhang übrigens keine einzelne Materie gemeint. Und keine fixe Größe. Der Begriff ist nicht minder ambivalent. Er dient vor allem als Inspiration und Gedankenstütze beim Brückenschlag zwischen Hauptkapiteln und innerhalb dieser Kapitel.

Es geht schließlich um unterschiedliche stoffliche Dimensionen: um Rohstoff und Wirkstoff, Farbstoff, Klebstoff und Schadstoff, natürlich auch um Lesestoff und Gesprächsstoff und sicher auch Lehrstoff und Zündstoff. Um unterschiedliche Idiome und Substanzen, in denen viele Fasern, Farben und Facetten aufgehen. Dinge wie Geld und Kommerz, wie Doping, Religion und Politik, wie Vermarktung und Narzissmus, wie Hautfarbe, Missbrauch und Nostalgie. Eigenschaften wie Mut und mentale Stärke, Arbeitsethos und Risikobereitschaft, genetische Vorprägung und Hybris. Empfindungen wie Agonie oder Teamgeist, aber auch so etwas Fundamentales wie pure Begeisterung für die Sache. Etwas, was ich im Laufe der Zeit aus Begegnungen und ausführlichen Gesprächen mit knapp 200 Aktiven, Trainern, Betreuern, aber auch mit Historikern, Wirtschaftswissenschaftlern, Psychologen und Juristen herausdestillieren konnte.

Ein solches Kompendium kann am Ende nicht mehr sein als eine Auswahl, subjektiv und voller Besonderheiten und Eigenheiten. Sie deckt immerhin eine Zeitspanne von knapp dreißig Jahren ab und ist aus nachvollziehbaren Gründen vom geographischen Standort des Autors geprägt. Was im Kontext des internationalen Sports aber keineswegs ein schiefes Bild erzeugt. Denn nach der kreativen Phase im viktorianischen Großbritannien, als die Feudalgesellschaft einer Weltmacht die Kodifizierung und Popularisierung von einer ganzen Reihe von Sportarten vorantrieb, übernahmen die USA im 20. Jahrhundert eine treibende Rolle. Ihre Beimischung, die konsequente Ausrichtung auf Kommerz, Profitmaximierung und eine intensive Mythologisierung, markiert so etwas wie die zweite wichtige Phase eines globalen Ideentransfers im organisierten Sport in alle Teile der Welt.

Man denke nur an die Ruhmeshallen und Sportmuseen. Sie wurden zunächst in den Vereinigten Staaten entwickelt, aber haben mittlerweile auch in anderen Ländern Schule gemacht26. Oder an die wachsende Bedeutung amerikanischer Sportausrüster bei der Inszenierung und Vermarktung von Sport27. An den neuen Statistikwahn.28 An Computerspiele. Oder auch den Kampf gegen Doping, Korruption und sexuellen Missbrauch. Fast überall zeigen amerikanische Akteure seit mehreren Jahren modellhaft auf, wohin die Reise geht. Der Rest der Welt folgt je nach Ressourcen und eigenen Ambitionen irgendwann nach.

Was den Charakter der Texte anbetrifft: Sie nutzen den Formenreichtum, den wir in der alltäglichen journalistischen Arbeit kennen. Es handelt sich hierbei um Reportagen und Stimmungsbilder, um essayistische Betrachtungen sowie um Protokolle von ausführlichen Interviews mit profilierten Gesprächspartnern, die pointiert und substanziell zum jeweiligen Thema Auskunft geben.

Niemanden sollte überraschen, dass man als Journalist im Laufe der Zeit einiges aus dieser Stoff-Sammlung bereits publiziert hat: in meinem Fall in Medien wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, den drei Programmen von Deutschlandradio, den nicht mehr existierenden Zeitschriften Sports und No Sports (nicht verwandt und nicht verschwägert miteinander), dem Sportmagazin der Schweizer Illustrierten sowie mehreren Büchern.

Um der zeitlichen Einordnung Rechnung zu tragen, erschien es angebracht, die Texte mit Angaben zu dem Jahr zu versehen, in dem sie entstanden sind oder in wesentlichen Passagen entwickelt wurden. Was aus den zentralen Figuren in der Zeit danach geworden ist, wird dort, wo es angebracht schien, in einem kurzen Anhang hinzugefügt.

Das Buch enthält daneben aber auch Texte, die bislang nicht erschienen sind. Und solche, die eigens für dieses Buch geschrieben wurden.

Natürlich reist stets eine Hoffnung mit: dass eine solche Anthologie auf mehr neugierig machen könnte. Deshalb an dieser Stelle noch ein Hinweis auf drei Bücher. Aus zweien habe ich für dieses Projekt jeweils eine längere Passage übernommen: Sowohl Tiger Woods. Charisma für Millionen29 als auch Nichts als die Wahrheit. Der Fall Lance Armstrong und die Aufarbeitung eines der größten Betrugsskandale in der Geschichte des Sports30 und Dirk Nowitzki. So weit, so gut – von Würzburg zum Weltstar. Eine etwas andere Biographie“31 möchte ich an dieser Stelle gerne als weiterführende Lektüre empfehlen.

In jedem Fall wünsche ich viel Vergnügen auf dieser Tour d’Horizon, und bedanke mich bei allen Weggefährten, die durch ihre Ermunterung, ihre Aufträge, ihr Wohlwollen und ihre Kritik im Laufe der Jahre mein Schaffen ermöglicht haben.

Jürgen Kalwa West Cornwall, Februar 2022

1 Gerhard Roth: Erkenntnis und Realität – das reale Gehirn und seine Wirklichkeit in: Siegfried J. Schmidt (Herausgeber): Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus, Frankfurt, 1987

2 Das Gehirn weiß wenig von der Wirklichkeit, Interview, Bild der Wissenschaft, Oktober 1998

3 Paul Gallico: Farewell to Sport, New York. Die Anthologie veröffentlichte Gallico, als er aus dem Sportjournalismus ausstieg und sich dem Schreiben anderer Stoffe widmete. So erfand er die Figur des Journalisten Hiram Holliday, der kuriose Abenteuer erlebt, die in den fünfziger-Jahren fürs Fernsehen verfilmt wurden. Viele seiner Romane und Drehbücher wurden zu kommerziellen Erfolgen. Eine seiner Hinterlassenschaften ist der Amateurbox-Wettbewerb Golden Gloves, Durchgangsstation für viele namhafte amerikanische Profis.

4 Turn of the Century Fights, Inc.: Jack Dempsey vs. Luis Firpo for Heavyweight Championship, New York, September 14, 1923, veröffentlicht 1964

5 Der Kampf, der am 14. September 1923 im New Yorker Madison Square Garden stattfand, galt unabhängig von der Vorgeschichte aus dem Trainingslager jahrzehntelang als einer der denkwürdigsten in der Geschichte des Profiboxens. Eine Anspielung auf ihn („I’m telling ya if this guy sat ringside at the Dempsey-Firpo fight, he‘d be tryin‘ to tell us Firpo won!”) in der 1957 veröffentlichten Hollywoodfassung des Fernsehdramas und Theaterstücks Die zwölf Geschworenen demonstrierte seinen besonderen Stellenwert im kulturellen Gedächtnis der USA.

6 Paul Gallico: Farewell to Sport, Seiten 289-290

7 George Plimpton: Paper Lion – Confessions of a Last String Quarterback, New York, 1966. Sein Bericht über seine Zeit im Kader eines NFL-Teams gilt als „das beste Buch, das je über Profi-Football geschrieben wurde” (Saturday Review), weil es den Blickwinkel eines durchschnittlichen Football-Fans repräsentiert. Plimpton führte das gleiche Experiment mehrfach durch und schilderte seine Erfahrungen – darunter im Profi-Eishockey, in der NBA, in Major League Baseball, auf der PGA-Tour der Golfer und im Box-Ring – in insgesamt sieben Büchern. Seine Vorgehensweise nannte er konsequenterweise „participatory journalism“. Aus Teilnahme wird Teilhabe.

8 Steven Fatsis: A Few Seconds of Panic: A Sportswriter Plays in the NFL, New York, 2008

9 Rick Reilly: Who’s Your Caddy? Looping for the Great, Near Great, and Reprobates of Golf, New York, 2004

10 Rick Reilly: Der Mann, der nicht verlieren kann: Warum man Trump erst dann versteht, wenn man mit ihm Golfen geht, Hamburg, 2020

11 Das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung machte im Januar 2020 bekannt, weshalb die Zeitung ein Interview mit dem ehemaligen Fußball-Profi Bastian Schweinsteiger und dem Schriftsteller Martin Suter abgelehnt hatte: Die Gegenseite hatte verlangt – „über die übliche Autorisierung des Wortlauts hinaus“ – sowohl Titel, Vorspann und Bildunterschriften vorab gegenzulesen. (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16. Januar 2022, Seite 39). Eine Anmerkung zum Stichwort: „Autorisierung”. Keines der Interviews in diesem Buch (und nur ein einziges im Laufe meiner journalistischen Karriere) wurde einem solchen Prozess unterzogen. Dieses Entgegenkommen der Medien ist zwar in Deutschland „üblich”, aber nicht im Rest der Welt. Selbst ein so stark beachteter Rechtsstreit wie der zwischen Janet Malcolm vom New Yorker und einem namhaften Psychoanalytiker (David Margolick: Psychoanalyst Loses Libel Suit Against a New Yorker Reporter, New York Times, 3. November 1994) hat an der Praxis nichts geändert. Ebenso wenig mehrere prominente Fälle junger Journalisten, die frei erfundene Artikel veröffentlichen konnten wie Stephen Glass, dessen Aufdeckung im Hollywood-Film Shattered Glass nachgezeichnet wurde. Währenddessen kommt es in Deutschland schon lange auch und gerade im Sportjournalismus zu Konflikten (siehe auch: David Bernreuther: Zwischen Maulkorb und Meinungsfreiheit: Kritische Interviews von Fußballprofis und ihr Medienecho. Eine Inhaltsanalyse Berlin 2012, Seite 45

12 Norman Mailer: The Fight, New York, 1975

13 Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Die Verlagswerbung für die Box-Anthologie von Wolf Wondratschek (Im Dickicht der Fäuste, Berlin 2021) wirft ein Licht darauf, wie weit die Identifikation gehen kann. Die Texte handeln demnach unter anderem „vom Schriftsteller als ‚einzigem Bruder des Boxers, dem Verbündeten seiner Einsamkeit‘”. Der Rezensent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung empfand bei der Bewertung der Erstausgabe des Buchs, das 2005 erschien, solchen Pathos als „dick aufgetragen” und kanzelte die Pose als „Vitalismus” ab.

14 Karl-Heinrich Bette: Sporthelden. Spitzensport in postheroischen Zeiten, Bielefeld 2019, Seite 34

15 Susanne Marschall/Bodo Witzke: „Wir sind alle Menschenfresser“: Georg Stefan Troller und die Liebe zum Dokumentarischen, Norderstedt, 2012)

16 Bertram Job: Schwer gezeichnet. Geschichten vom Boxen. Göttingen, 2006

17 Bertram Job: Der Held rettet die Welt nicht, Taz, 22. November 1996

18 In seinem Artikel Sportjournalismus in der Krise: Lieber irgendwas über Ronaldo (Taz, 10. Dezember 2021) beschreibt der Journalist Martin Krauß die Entwicklung in einem erheblichen Teil der deutschen Medien als dramatisch. Ein Zitat von Tobias Schächter, Sportredakteur der Badischen Neuesten Nachrichten, vermittelt dabei, wie bestimmte Mechanismen wirken: „Immer mehr Redaktionen setzen auf Instrumente wie Readerscan, schauen also ganz genau, was am meisten gelesen, am meisten geklickt wird. Heraus kommt, dass Geschichten über Cristiano Ronaldo im Blatt stehen müssen.“

19 Oliver Franklin-Wallis: Inside the Athletic – the start-up that changed journalism forever, GQ British, Ausgabe März 2020

20 Die jährlich herausgegebenen Anthologien erscheinen seit 1991. Jedes Jahr betreut von einem anderen Gastlektor. Am häufigsten in diese Serie aufgenommen wurden Gary Smith, Wright Thompson, Steve Friedman, S.L. Price, Charles P. Pierce, William Nack, Rick Reilly, Roger Angell, Pat Jordan und Rick Telander. Das Glanzstück dieser Edition ist der 776 Seiten starke Sammelband The Best American Sports Writing of the Century.

21 Steve Henson: Bryant and His Accuser Settle Civil Assault Case. Los Angeles Times, 3. März 2005

22 Nils Minkmar: Idealisierung von Stars – Perfektion ist keine menschliche Kategorie, Spiegel Online, 2. Februar 2020

23 Ulrich Bröckling: Postheroische Helden – Ein Zeitbild, Berlin, 2020. Interviewzitate aus Deutschlandfunk, Büchermarkt, Ulrich Bröckling im Gespräch mit Miriam Zeh, 5. März 2020

24 Karl-Heinrich Bette: Sporthelden. Spitzensport in postheroischen Zeiten, Seite 22ff.

25 Howard Bryant: Novak Djokovic is a profile in selfishness, and sports leaders are failing us all, ESPN.com, 12. Januar 2022

26 Siehe Denkmalpflege auf Seite 40ff.

27 Siehe Das Trendbrett auf Seite 250ff.

28 Siehe Wo nur noch Zahlen zählen auf Seite 263ff.

29 Tiger Woods. Charisma für Millionen, Berlin, 1998

30 Nichts als die Wahrheit. Der Fall Lance Armstrong und die Aufarbeitung eines der größten Betrugsskandale in der Geschichte des Sports, Norderstedt, 2019

31 Dirk Nowitzki – So weit, so gut: Von Würzburg zum Weltstar – eine etwas andere Biographie, Hildesheim, 2019

WERKSTOFF – DER STOFF, AUS DEM DIE LEGENDEN SIND

THE SPIRIT

Das Koordinatensystem einer Sportwelt, die Helden produziert, weil sie Helden braucht

Es gibt Menschen, die jede Zurückhaltung ablegen, wenn sie ihn entdecken. Sie betasten seine Arme und Beine. Reden auf ihn ein. Und versuchen auf eine hypnotische Art, mit ihm zu kommunizieren.

Den Annäherungsversuchen ist er wehrlos ausgeliefert. Denn der Sockel, auf den ihn der Bildhauer gestellt hat, damit er mit ausgestrecktem Arm und einem Ball in der Hand für immer und ewig zu einem imaginären Korb fliegt, ist nur etwas mehr als 1,50 Meter hoch. Michael Jordan in Bronze – ein Denkmal des amerikanischen Sports mit dem Titel The Spirit – hat auf diese Weise sehr menschliche Dimensionen behalten.

Er ist zum Greifen nah.

Der Platz, an dem er aufgestellt wurde, ist gut gewählt. Es ist der Bereich vor Tor 4 des United Center in Chicago, einer der Kathedralen der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Jordan, der in dieser Sporthalle mit den Chicago Bulls manchen Meisterschaftserfolg errungen und einen Klub zurückgelassen hat, der seitdem nie wieder auch nur in die Nähe der alten Erfolge kam, wird auch in Zukunft ihre bedeutendste Ikone bleiben. Die Stimmung des Jahres 1995, als er nach einem Baseball-Intermezzo in Alabama32 nach Chicago zurückkehrte, hat diesen Status gleichsam zementiert. Die Szenen von damals blieben unvergessen. „Es war verrückt“, sagte Bulls-Center Will Perdue. „Es gab Leute, die vor seiner Statue gebetet haben. Sie haben gebetet, dass er zurückkommt.“

Der beste Basketballer der Welt hat in jenen Tagen nicht nur seine Fans in eine ungewöhnliche Begeisterung versetzt. An der New Yorker Börse stiegen die Aktien der Firma Nike, des Herstellers der Air-Jordan-Schuhe.

Gerade weil seine Popularität so enorm war, ist sein Stellenwert nur schwer zu messen. Keine Statistik vermag zu erfassen, was der Mann aus North Carolina auslöste, als er zum Aushängeschild einer Stadt wurde, deren bekanntester Einwohner einst ein Gangster namens Al Capone war. Aber sein Einfluss auf die Umwälzungen in der Beziehung zwischen kommerziellem Sport und der modernen westlichen Gesellschaft lässt sich durchaus beschreiben. Michael Jordan, ein leichtfüßiger Spieler mit fast balletthaften Bewegungen und einem unbändigen Willen zum Sieg, war Symbol und Wegbereiter für eine Entwicklung, in deren Rahmen Athleten immer stärker Einfluss auf das Denken und Handeln von Millionen von Menschen nehmen. Von Menschen, die Sport wie eine Droge inhalieren.

Der Entwicklung haftet etwas Zwangsläufiges an – nicht nur in den USA. Dort zeigen sich manche Phänomene allenfalls deutlicher und ausgeprägter als in anderen Ländern – etwa beim Nachruhm eines Baseballspielers wie Babe Ruth, dessen Leben mehrfach verfilmt wurde. Oder wie im Fall von Joe DiMaggio, dessen Name in dem Pop-Song Mrs. Robinson von Simon & Garfunkel verewigt wurde (Zitat: „Where have you gone, Joe DiMaggio?“). Ihr Symbolcharakter wirkt stärker – bis an den Rand zur Groteske, wie im Fall des Boxers Muhammad Ali, dem einstigen Großmaul, der später krankheitsbedingt nur noch schweigend die Sympathien der Welt genießen konnte. Sie wirken gelegentlich wie morality plays33, etwa dann, wenn jemand wie Mike Tyson, im Ring ein gnadenloser Faustkämpfer, als verurteilter Gewalttäter im Gefängnis landet. Wenn ein Ausnahmegolfer mit einem Vermögen von mehreren hundert Millionen Dollar wie Tiger Woods aufgrund eines Sexskandals beinahe aus der Bahn geworfen wird. Oder wenn Steuerbehörden mit der Macht des Gesetzbuchs etwa in Deutschland Tennisprofis wie Boris Becker und Steffi Graf oder Fußballmanager wie Uli Hoeneß in heikle Situationen bringen.

Sie alle und ihre verschlungenen Biographien gehören zu der Stoffsammlung, die eine neue Art von Identifikationsfiguren geschaffen hat. Spitzensportler von Weltrang, die einerseits zwar durch ihr Können das Unterhaltungsbedürfnis der Massen über kulturelle und Sprachgrenzen hinweg bedienen, die zu unkritisch verehrten Ikonen stilisiert werden, aber nur selten den Anspruch der Gesellschaft erfüllen, die sie gerne allzu naiv zu Vorbildern machen würde.

Mit diesem Spannungsverhältnis hat Michael Jordan schon früh umzugehen versucht. Deshalb präsentierte er sich zwischendurch als angelernter Sportphilosoph und ließ seine Gedankenkrümel über die neurotische Wechselbeziehung zwischen Ehrgeiz, Sport und Öffentlichkeit zwischen die Buchdeckel der Motivationsfibel I Can‘t Accept Not Trying pressen. Das Werk offenbarte, dass Jordans Antriebskräfte offensichtlich einem manischen inneren Monolog entspringen: aus der ständigen Auseinandersetzung mit der Möglichkeit des Scheiterns. „Es ist hart“, beschrieb er das Gefühl, „wenn man jedes Mal auf dem Spielfeld alles bringt, was man hat, und trotzdem verliert.“

Der real existierende Jordan ist das Produkt einer faszinierenden Sportkultur. Einer vielschrötigen Maschinerie ohne Vereinsmeierei und staatliche Lenkung, die mit den Widersprüchen der amerikanischen Gesellschaft lebt und durch sie gedeiht. So ist sie auf der einen Seite bis zum letzten T-Shirt mit aufgedrucktem Club-Emblem konsequent durchkommerzialisiert und verlangt den Profis im Laufe ihrer Karriere alles ab, was sie haben: ihre Gesundheit und eine Söldnermentalität vom Zuschnitt der Angehörigen der französischen Fremdenlegion.

Aber Amerikas Stars kommen nicht aus dem Nichts. Die meisten besuchen Universitäten, die aus Tradition das Fundament und das Rückgrat des organisierten Leistungssports in den USA bilden. Das erklärt, weshalb die große amerikanische Sport-Show von heute in einem philosophischen Rahmen existiert, der in Elite-Universitäten wie Harvard und Yale gegen Ende des 19. Jahrhunderts formuliert wurde: Damals galt Sport als Inbegriff der Charakterschulung für junge Männer, die es zu etwas bringen wollen.

Der Anspruch mag übertrieben klingen. Denn die Idee hat, seitdem die Universitäten selbst das Sportgeschehen kommerziell ausschlachten, ihre naive Unschuld verloren. Dennoch produziert der College-Sport auch heute noch mit Hilfe des Fernsehens ein spezifisch amerikanisches Irresein. Bierselig feuern Ex-Studenten in Sportbars und auf Partys den sportlichen Nachwuchs ihrer Alma Mater an. Ganze Bundesstaaten wie Indiana und Kentucky im Basketball oder Alabama und Texas im Football identifizieren sich mit College-Athleten.

Die unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt von ihren Kollegen in den Profiligen: Amerikas Studenten waren bis vor kurzem echte Amateure.34 Egal ob sie gewannen oder verloren – solange sie die Farben der Hochschule trugen, bekamen sie nichts außer einem Stipendium. Sie wurden streng abgeschirmt von Schuh-Deals, Prämien, Sachgeschenken, Vorverträgen und sogar von Essenseinladungen. Selbst jemand wie Tiger Woods hatte als Student keinen Spielraum. Als er mit seinem namhaften Golferkollegen Arnold Palmer eines Tages ein Restaurant besuchte, bezahlte der zwar die Rechnung. Woods jedoch musste ihm hinterher einen Scheck schicken. Hätte er Palmer nicht seinen Anteil erstattet, hätte er sein Stipendium einbüßen können und wäre gezwungen gewesen, die teuren Studiengebühren der Stanford University selbst zu bezahlen. Und dieses Geld hatte der Mann damals nicht, der später als allererster Sportler die Milliardengrenze an Bruttoeinnahmen überschreiten sollte.

Das vermeintliche Idyll produziert nicht nur Absurditäten. Es fabriziert Risse. Denn der Universitätssport kommt nicht mehr mit seiner selbstgewählten Rolle als Ausbildungslager für den Profibereich zurecht. Die Verzahnung mit den Medien hat an den Hochschulen zu einem Starsystem eigener Prägung geführt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Mythos vom erfolgreichen Amateurathleten und dem unbefleckten Helden- und Leistungskult endgültig seinen Glanz verliert.

Nicht alle Nachwuchstalente drängen in den Profibereich. Es gibt jene, die das, was sie an der Universität und auf dem Spielfeld erreicht haben, in andere Karrieren ummünzen. Einige fühlen sich sogar berufen, in die Politik zu gehen. Wie der Princeton-Absolvent und Basketball-Olympiasieger Bill Bradley, der nach einer Karriere bei den New York Knicks Senator in Washington wurde. Oder wie der Football-Quarterback Jack Kemp, der in den achtziger-Jahren unter den Präsidenten Ronald Reagan und George Bush das Wohnungsbauministerium leitete.

Sport und Politik stehen sich in den USA nicht weltfremd gegenüber. Die Morgenjogger Bill Clinton und George W. Bush waren nicht die letzten Golfer in einer Reihe sportaktiver Präsidenten, die mit Dwight D. Eisenhower begann. Nach dem Golfer (und College-Basketballer) Barack Obama demonstrierte Donald Trump, dass sich so etwas noch steigern lässt. Er spielte fast nur auf Golfplätzen, die ihm selbst gehören und die er penetrant mit seinem Namen plakatiert hat.

Auch amerikanische Intellektuelle und Schriftsteller haben sich mit Sport beschäftigt. Von Scott F. Fitzgerald (Football) und William Faulkner (Kentucky Derby) bis Norman Mailer (Boxen), Stephen King (Baseball) und John Irving (Ringen) spannt sich ein beeindruckender Bogen von literarischen oder essayistischen Annäherungen, die bemerkenswerten Lesestoff hervorgebracht haben. Wie etwa den Roman Der Sportreporter von Richard Ford, der eine vielschichtige, nachdenkliche Kunstfigur aus dem Typenspektrum der gleichnamigen journalistischen Subspezies herausgeschnitzte und in drei weiteren Romanen weiterentwickelte35.

Hollywood spielte mit einer Handvoll guter Filme ebenfalls einen Part. Und das auch, weil Schauspieler wie Robert Redford (The Natural) oder Paul Newman (Slapshot) keine Berührungsängste hatten, obwohl ihnen sicher die Schwierigkeit bewusst war, Sport fürs Kino zu inszenieren. Manche Filme sind so gut, dass sie einem das Milieu auf eine erotische und zugleich humorvolle Weise nahebringen. Unübertroffen: Susan Sarandon und Kevin Costner in dem Südstaaten-Baseball-Film Bull Durham.

Wenn man der Frage, worin die Dynamik der amerikanischen Sportkultur besteht, noch ein wenig weiter nachgeht, stößt man auf zusätzliche Elemente. Eines ist der Kalender mit einer beachtlichen Palette von Sportarten, die das ganze Jahr über für Höhepunkte und Abwechslung sorgen. Ein anderes ist ein spürbarer Eskapismus unter Männern, die mehrere Jahrzehnte nach dem Aufbruch der Frauenbewegung den Sport als Reservat für Männerkult und Sexismus pflegen. Hier können sie sich von der Emanzipationsrealität in eine Vorstellungswelt zurückziehen, die woanders in der Gesellschaft nicht mehr existiert, wie Mariah Burton Nelson schon vor einiger Zeit in ihrem provokativen Buch The Stronger Women Get, the More Men Love Football36 herausgearbeitet hat.

Es passt in die Landschaft, dass sich die USA seit der Bürgerrechtsbewegung und dem Krieg in Vietnam in einer anhaltenden gesellschaftspolitischen Sinnkrise befinden. Mögen Politiker, Professoren und Pastoren so viel reden wie sie wollen, immer weniger Amerikaner hören ihnen zu. Die konsumverwöhnte Mittelklasse hängt lieber den Siegertypen aus den Riesen-Arenen an den Lippen. Neue Helden und geheime Verführer, die mit Hip-Hop-Musik und über Social-Media-Kanäle Schuhe, Kappen, Trikots und Bälle verkaufen. Immer mit dabei: die prickelnde uramerikanische Ideologie des „Gewinnen ist alles“. Den Siegern gehört die Welt.

Viele dieser Sieger sind schwarz – nicht nur im Basketball, wo 80 Prozent der NBA-Profis eine dunkle Hautfarbe haben, oder im Football, wo mehr als 60 Prozent der NFL-Spieler Afro-Amerikaner sind. Eine erstaunliche Entwicklung nur ein halbes Jahrhundert nach der Abschaffung der Rassentrennung im Süden der USA. Schwarze Athleten haben einen Anteil daran, die Phobien von Weißen gegenüber großen und starken dunkelhäutigen Männern zu beschwichtigen. Aber das reicht nur bis zu einem bestimmten Punkt. Sobald afro-amerikanische Athleten Probleme mit der Polizei bekommen oder auf dem Platz ausflippen, hagelt es von Vorurteilen geprägte Kritik.

Mit anderen Worten: Selbst durch den Sport als Erfolgsmenschen ausgewiesene und bestens bezahlte Schwarze müssen im weißen Amerika mit seinen Mikroaggressionen und Herabsetzungen unablässig um Anerkennung und Respekt kämpfen. Dieser Kampf, der ihre Persönlichkeit formt und sich als unverstellte, authentische Erfahrung vermittelt, ist der Hauptgrund dafür, weshalb die erfolgreichen schwarzen Sportler in den USA mehr sind als Sprechpuppen der Sportartikelindustrie.

Wenn man tiefer schaut ins feine Gewebe eines Spieles wie Basketball, sieht man übrigens, wie schwarze Spielkultur die Wechselbeziehung von Mitspielern und Gegnern beim Kampf um Spielfläche und Dribbel-Wege modifiziert hat. Was früher ein Mannschaftsspiel war, in das sich der einzelne einordnet, ist heute ein Varieté von One-Man-Shows, ruppigen Rivalitäten, bei dem das Bedürfnis nach dem Übertrumpfen, nach sogenannter One-upmanship stärker ist als das Gefühl für Kameradschaft.

Obwohl der Bedarf an Stars angesichts der unübersehbaren Medienlandschaft mit ihren Live-Übertragungen, der angeflanschten Bierreklame und den wachsenden Erwartungen der Zuschauer groß ist, produziert die Heldenfabrik keine Fließbandfabrikate. Wer allzu früh hochgelobt wird und zu viel verdient, dem droht, frühzeitig zu scheitern. Schon besser, einer fängt ganz unten an. Erst dann entsteht der Stoff, aus dem der Glamour ist.

Als Michael Jordan 1984 nach dem Studium und nach dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen Profi wurde und zu den Chicago Bulls kam, waren sie eine der schlechtesten Mannschaften in der NBA. Er fand schnell heraus, was das heißt: „In den ersten paar Minuten des ersten Spiels wurde ich umgehauen und landete auf dem Boden.“ Es dauerte dreieinhalb Jahre, in denen er ackerte und artistischer und unberechenbarer wurde, bis die Bulls zum ersten Mal die Playoffs der besten 16 NBA-Mannschaften erreichten. In jener Saison spürte man, dass Jordan vielleicht eines Tages seine Sportart dominieren könnte. Er war bester Defensivspieler, erfolgreichster Korbschütze, Slam-Dunk-Champion und wurde als Most Valuable Player ausgezeichnet.

In den Jahren danach zeigte er, dass man als Sportler noch weiter gehen kann, als Titel und Meisterschaftsringe zu sammeln und Millionen von Dollar aufeinanderzuschichten. Kein anderer Athlet hat die Grenzen zwischen Privatheit und öffentlicher Person derartig subtil aufgelöst und aus der eigenen Person ein Mediengesamtkunstwerk à la Joseph Beuys oder Andy Warhol geschaffen. Nicht mal Muhammad Ali, der nach seinem Übertritt zum Islam den Wehrdienst verweigerte und dafür vom Boxverband gesperrt wurde. Das jüngste Resultat für diesen gesellschaftlichen Prozess: Der im Frühjahr 2021 veröffentlichte zehnteilige Dokumentarfilm, Titel The Last Dance, den der Fernsehsender ESPN produzierte und der den Kunstgriff benutzt, auf Jordans allerletzte Saison in Chicago 1997–98 zurückzublenden, während er gleichzeitig das Panorama der Charakter- und Persönlichkeitsmerkmale des Basketballers und seinen Einfluss auf seine Mitspieler beleuchtet. Die Wirkung ließ sich an den Einschaltquoten ablesen: Die zehn Episoden erreichten im Schnitt live mehr als fünf Millionen Zuschauer und fast 13 Millionen pro Folge, die sie sich die Doku nachträglich on demand anschauten.

Der dramaturgische Faden des Films hat etwas. Besonders wenn man weiß, dass der Erfolg der Mannschaft damals mehr war als ein lockerer, glorreicher Spaziergang. Die Widrigkeiten und Eitelkeiten, die sich im Laufe der Jahre in der Umkleidekabine der Bulls aufgestaut hatten, waren nicht unerheblich und Teil der Geschichte. Regisseur Jason Hehir konnte dafür auf bis dahin nie gezeigte Aufnahmen aus dem Archiv zurückgreifen. Rund 500 Stunden an Rohmaterial, das eine Crew im Auftrag der NBA im Laufe jener Saison gedreht hatte, das aber nie das Licht der Welt erblickt hätte, wenn Jordan, dem die Liga Veto-Recht eingeräumt hatte, seine Zustimmung verweigert hätte.

Auf diese Weise erfährt die interessierte Welt nicht nur zum wiederholten Mal, was für ein genialer, sportlich überragender und extrem ehrgeiziger Typ dieser Michael Jordan war. Sondern sie erhält zusätzlich Einblick in das Sammelsurium aus neurotischen Charakteren, ohne die es die Nummer 23 nie zum ganz großen Erfolg gebracht hätte.

Die meisten von ihnen haben sich mit ihrer Rolle als Nebendarsteller abgefunden. Selbst der damalige Bulls-Center Luc Longley, der wenig später in seine Heimat Australien zurückkehrte und aus der Rückblende fast völlig herausradiert wurde. Angeblich wurde er für das Projekt nicht interviewt, weil die Kosten für eine Reise des Drehteams zu hoch waren und die COVID-Pandemie alles verkomplizierte. Longley war deshalb bereit, sich erstmals vom australischen Fernsehen ausführlich porträtieren zu lassen. Die Produzentin Caitlin Shea von der Australian Broadcasting Corporation (ABC) sagte dem amerikanischen Sender Fox Sports: „Er wollte, dass junge Australier erfahren, dass auch ein Aussie in dieser Mannschaft war.“37

Scottie Pippen ging noch weiter und beschwerte sich hinlänglich in seiner 2021 erschienenen Autobiographie über The Last Dance: Nicht nur war Pippen sauer, dass darin der damalige Kampf des gesamten Teams um den sechsten NBA-Titel zu einer Glorifizierung von Jordan umgedeutet wurde. Was ihn noch mehr genervt hatte, war dessen Einfluss im Hintergrund als Produzent mit Vetorecht über das eingesetzte Bildmaterial. „Michael erhielt 10 Millionen Dollar für seine Rolle in der Doku“, schrieb er. „Meine Mannschaftskollegen und ich erhielten keinen Cent.“38

Abgesehen davon, dass Jordan seine Erfolge auf dem Platz nicht alleine geschafft hat: Was seine Ausstrahlung außerhalb der Arenen betrifft, geht viel auf das Konto einer der kreativsten Werbeagenturen der Welt, Wieden & Kennedy in Portland im Bundesstaat Oregon. Dort entwirft man seit Jahrzehnten jene Nike-Werbespots, mit denen aus profanen Sportlern wahre Aktionskünstler werden. In dem eindrücklichsten Jordan-Clip steht er allein in einer leeren, halbdunklen Turnhalle und spielt den einsamen, nachdenklichen Helden, der so gern von dem Sockel herabsteigen möchte, auf den ihn die amerikanische Öffentlichkeit gestellt hat. „Was wäre, wenn mein Name nicht in Neonbuchstaben geschrieben würde?“, fragt er mit dieser tiefen Stimme aus dem Off, während er einen Ball nach dem anderen in den Korb wirft. „Was, wenn mein Gesicht nicht in jeder zweiten Minute im Fernsehen gezeigt würde?“

Die Kamera hängt weit oben unter der Decke und fängt ihn in ästhetisierenden Schwarzweißkontrasten ein.

„Was, wenn nicht hinter jeder Ecke ein Menschenauflauf entstünde?“

Das Tippen des Balles. Das Geräusch des Netzes.

„Was, wenn ich einfach nur ein Basketballspieler wäre? Kannst du dir das vorstellen?“

Es herrscht sekundenlang Stille. Und jeder darf rätseln, was er dem berühmtesten und reichsten Sportler der Welt auf eine solche Frage antworten würde. Aber bevor wir ihm etwas Gescheites zurufen können, nimmt er uns das Nachdenken ab.

„Ich kann.“

(2021)

Skulpturen von Sportlern wachsen seit den neunziger-Jahren allerorts aus dem Boden. Omri Amrany, der Maler und Bildhauer, der das Jordan-Denkmal, genannt The Spirit gestaltet hat, bekam seither ständig ähnliche Aufträge und entwarf Statuen von Basketballern wie Magic Johnson, Wilt Chamberlain und Jerry West, von Eishockeyspielern wie Gordie Howe und Bobby Hull und den bei einem Militäreinsatz von seinen eigenen Kameraden getöteten, ehemaligen Football-Profi Pat Tillman.

Den Auftrag von 1993 bekam er auf Initiative von Bulls-Eigentümer Jerry Reinsdorf, nachdem der für das Projekt Entwürfe von mehreren Künstlern eingeholt hatte. Die fertige Statue wurde am 1. November 1994 in einer Feierstunde enthüllt.

Im Umgang mit den Skulpturen ist man in Nordamerika durchaus flexibel. Als das NHL-Team der Edmonton Oilers innerhalb der Stadt in eine neue Halle umzog, musste der in Bronze gegossene Wayne Gretzky, der in dieser Darstellung den Stanley Cup in die Luft stemmt, natürlich mit und wurde umgepflanzt. Die Universität Penn State wiederum ließ kurzerhand die Statue des Football-Trainers Joe Paterno entfernen. Die hatte sie nur wenige Jahre zuvor als Würdigung für seine erfolgreiche Arbeit errichtet. Bauarbeiter rückten kurzerhand an und warfen eine blaue Plastikplane über den grinsenden, alten Mann mit der dicken Brille, der ein paar Jahre lang mit erhobenem Zeigefinger vor dem Stadion gestanden hatte. Ein Ruck mit einem Kran – und die 400 Kilogramm schwere Bronze in Lebensgröße war entwurzelt, abtransportiert und verschwunden. Zusammen mit der Inschrift „Joseph Vincent Paterno. Erzieher, Coach, Humanist“.

Der Grund: Während Paternos jahrzehntelangem Regime hatte einer seiner ehemaligen Assistenztrainer in den Umkleidekabinen des Football-Zentrums der Universität immer wieder Jungen sexuell missbrauchen können, unter anderem deshalb, weil Paterno es vermieden hatte, die Polizei einzuschalten.

Es gibt aber auch den Fall, der nur auf einer abgehobenen Ebene etwas mit dem organisierten Sport zu tun hat. Es ist das überlebensgroße Denkmal des fiktiven Boxers Rocky Balboa, gespielt vom Schauspieler Sylvester Stallone. Der hatte diese Figur erfunden und in einer Serie von mittlerweile neun Filmen auf die Leinwand gebracht. Mit ihr wollte er einem besonderen Typ von Athleten aus der Stadt Philadelphia einen Lorbeerkranz winden: dem heroischen Philly Fighter, der bis zum Schluss kämpft, egal ob er gewinnt oder verliert, und der niemals aufgibt.

Die Skulptur, eine bloße Requisite in der dritten Rocky-Folge und künstlerisch alles andere als bemerkenswert, schenkte Stallone nach den Dreharbeiten der Stadt. Die stellte sie zunächst vor einer Sporthalle auf, aber konnte irgendwann den Widerstand von kunstsinnigen Verantwortlichen aus dem Philadelphia Art Museum und der Philadelphia Art Commission überwinden. Und so landete die Figurine mit den hochgerissen Armen am unteren Ende der riesigen Freitreppe des Museums. Ein Ort, der zu den szenisch wichtigen Schauplätzen in den Filmen gehört.

Was dieser Rocky symbolisiert, ist die Fähigkeit vieler Amerikaner, Realität und Fiktion in eine Melange auflösen zu lassen, die neue Realitäten schafft. Wie sagte James Binns, ein ehemaliger Box-Funktionär und Freund von Stallone? „Kunst soll die Menschen inspirieren. Und genau das passiert hier. Rocky war ein Sieger. Und jetzt steht er als Sieger an der passenden Stelle. Neben den Treppenstufen, die er berühmt gemacht hat.“

Beim Phänomen der wachsenden Zahl an Sportlerskulpturen in allen Teilen der Welt kommen nach Ansicht des Darmstädter Sportsoziologen Professor Dr. Karl-Heinrich Bette einige Aspekte zum Vorschein. Er sagte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk im Sommer 2020: „Der erste Punkt ist, dass der Sport im Moment mit Themen wie Doping, Korruption, Überkommerzialisierung, Hooliganismus durchaus kritisch in der öffentlichen Diskussion steht. Der Sport versucht sozusagen, das Negative so durch eine positiv gestimmte Erinnerungskultur und Gedächtnis- und Verehrungsindustrie zu kompensieren. Und der zweite Gesichtspunkt ist: Sportler sind nicht nur für sich selbst erfolgreich, sondern immer auch für ein Milieu, das sie entsendet hat. Das sind Vereine, das sind in Amerika die Universitäten, das sind die Nationalstaaten. Die Athleten sind im Grunde dann Stellvertreterfiguren. Das Aufbauen von Skulpturen, das Aufhängen von Büsten, das gehört mit zur Inszenierung des Sports.“39

Auf der Atlantik-Insel, auf der der Fußballer Cristiano Ronaldo aufwuchs, geht diese Inszenierung inzwischen so weit wie nirgendwo auf der Welt. Die Enthüllung einer Büste auf dem Inselflughafen mit dem offiziellen Namen Madeira Cristiano Ronaldo war nur das erste Ereignis in einer Kette, die demonstriert, welche Ausmaße die Heldenverehrung inzwischen annehmen kann. Denn die kleine Skulptur zeigte ein ziemlich verzerrt grinsendes Gesicht des Kapitäns der portugiesischen Nationalmannschaft und stieß auf großes Missfallen. Nicht zuletzt beim Abgebildeten selbst. Die Arbeit von Emanuel Santos wurde ausgewechselt und mit der Darstellung eines namenlosen spanischen Künstlers ersetzt, die neutraler, aber auch ziemlich ausdruckslos wirkt.

Wen das nicht beeindruckt, der kann alternativ allerdings ein ganzes Museum besichtigen, das sich ausschließlich mit dem Fußballer beschäftigt: das Museu CR7. In ihm steht unter anderen eine Skulptur von ihm in Lebensgröße, die aus Schokolade angefertigt wurde. Vielleicht genügt aber auch bereits ein Blick auf die drei Meter hohe Ronaldo-Bronze draußen vor der Tür. Die zeigt ihn nicht nur in seiner weltberühmten breitbeinigen Pose.

Das kurioseste Element ist das Gemächt, das der Bildhauer aus der Hose herausbeulen lässt. Das Perverse daran ist nicht mal, dass Besucher ganz offensichtlich diese Zone mit Wonne betatschen, weshalb sie besonders stark in der Sonne glänzt. Sie wurde zu einem Kommentar aus dem Leben des Fußball-Stars. Denn seit Jahren läuft ihm die Beschuldigung hinterher, er habe 2009 in Las Vegas eine Frau vergewaltigt. Ronaldo bestreitet die Tat. Die Ermittlungsbehörden sahen keine hinreichenden Belege für eine Anklage. Was allerdings unbestritten ist und aus Gerichtsdokumenten hervorgeht: Ronaldo zahlte 2010 insgesamt 375.000 Dollar an die Amerikanerin, die die Zahlung später als eine Art von Schweigegeld einstufte.

32 Siehe auch Magier aus einer fernen Welt auf Seite 357ff.

33 Wörtlich: Moralitätenspiel. Ein im amerikanischen Sportjournalismus gerne benutzter Begriff, wenn es um Themen aus dem Bereich Recht, Moral und Ethik geht. Dieselbe Vokabel kennt man in Deutschland nur in ihrem ursprünglichen Kontext aus dem Bereich des Theaters, wo vor mehr als hundert Jahren Stücke populär waren, die Moralitäten genannt wurden. Sie kamen mit einer simplen Botschaft daher: Dass die Welt eigentlich in Ordnung ist. Eine Welt, in der am Ende, wenn der Vorhang fällt, die tugendhaften Akteure das Übel jedes Mal besiegt haben.

34 Eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in Washington und ein neues Gesetz in Kalifornien, das College-Sportlern erstmals gestattete, ihren Namen und ihren Ruhm auf eigene Rechnung zu vermarkten, brach im Laufe des Jahres 2021 das alte System komplett auf. Andere Bundesstaaten zogen nach, weil sie befürchteten, dass sie im Wettbewerb mit jungen Talenten den Kürzeren ziehen, wenn sie ihnen nicht ermöglichen, nebenbei Geld zu verdienen. Eine bundeseinheitliche Regelung wird im Kongress in Washington diskutiert, steht allerdings noch aus.

35 Ford verfolgt in der über eine Zeitspanne von mehreren Jahrzehnten ausgelegten Roman-Serie das Leben seines Protagonisten Richard Bascombe und verwebt im zweiten Titel Unabhängigkeitstag (Berlin 1995) den Besuch von gleich zwei Halls of Fame in den Handlungsstrang – die Basketball Hall of Fame in Springfield im Bundesstaat Massachusetts und die Baseball Hall of Fame in Cooperstown im Bundesstaat New York (siehe auch Denkmalpflege ab Seite 40ff.

36 Mariah Burton Nelson: „The Stronger Women Get, the More Men Love Football”, New York, 1994

37 Martin Rogers: The Story behind former Chicago Bulls Center Luc Longley’s Absence in the The Last Dance, 23. August 2021, https://www.foxsports.com/stories/nba/luc-longley-michael-jordan-chicago-bulls-last-dance-documentry-one-giant-leap zuletzt aufgerufen im Dezember 2021

38 Scottie Pippen mit Michael Arkush: Unguarded, New York, 2021

39 Jürgen Kalwa: Ehrung von Spielern – Nummer für die Ewigkeit, Deutschlandfunk, 15. August 2020

DENKMALPFLEGE

Seit hundert Jahren glorifizieren Amerikas Ruhmeshallen den Sport mit Wallfahrtsorten für nostalgiebeseelte Fans. Allen voran: die Baseball Hall of Fame in Cooperstown

Wenn man im Sommer in Amerika in ein Baseball-Stadion geht und sich ein Spiel der obersten Liga anschaut, fällt einem vor allem eines auf: Auf den Rängen herrscht eine unbeschwerte Stimmung.

Die produziert ein ständiges Raunen, durch das hin und wieder das Geräusch des Holzschlägers durchklingt. Und das Geschrei der Hot-Dog-Verkäufer.

In dem Treiben gibt es keine Hooligans. Keine Aggressivität. Keinen tiefsitzenden Hass. Baseball-Fans sind Menschen, die sich beim Spiel eine entspannte Auszeit von ihrem Alltag gönnen wollen.

Wenn dann der Herbst kommt und die Saison langsam zu Ende geht, erfasst sie eine gewisse Melancholie. Ein Gefühl, über das Bartlett Giamatti vor einigen Jahren einen ganzen Essay geschrieben hat: The Green Fields of the Mind40, eine zu einem Klassiker gewordene literarische Arbeit, inspiriert von einer typischen Saison der Boston Red Sox, deren Anhänger zu seinen Lebzeiten in einer nostalgisch verklärten, fatalistischen Enttäuschungsstarre lebten.41

„It breaks your heart. It is designed to break your heart.“

Baseball bricht dein Herz. Es ist entwickelt worden, um dein Herz zu brechen.

„The game begins in the spring, when everything else begins again, and it blossoms in the summer, filling the afternoons and evenings, and then as soon as the chill rains come, it stops and leaves you to face the fall alone.“

Das Spiel fängt im Frühling an, wenn alles andere wieder beginnt. Und es blüht im Sommer, wenn es die Nachmittage und Abende füllt. Und dann, sobald der kalte Regen kommt, hört es auf und lässt dich mit dem Herbst allein.

Giamatti, ein kleiner, korpulenter Mann mit einer kräftigen Stimme, war einer jener zahllosen amerikanischen Intellektuellen, die in dieser eigentlich profanen Sportart etwas mehr sehen als nur ein Mannschaftsspiel mit einem Holzknüppel und einem harten, faustgroßen Lederball.

Seine berufliche Laufbahn begann er als Literaturprofessor und Kenner der Renaissance. Als Präsident der Elite-Universität Yale machte er Karriere. Und schließlich – als Chef der amerikanischen Profi-Baseball-Liga, genannt Major League Baseball – machte er sich einen Namen. Sein Text spiegelt eine ureigene Wahrnehmung von Sport wider: eine Mischung aus Nostalgie und Poesie.

Bartlett Giamatti, genannt Bart, starb 1989 im Alter von nur 51 Jahren. Der Kettenraucher erlitt einen Infarkt.

An einem Ort weit weg von Yale und ebenso weit weg von dem Treiben des Profi-Baseball hat man ihm eine Art von Denkmal gesetzt: in der Baseball Hall of Fame in Cooperstown. Eröffnet in den dreißiger-Jahren und seitdem Inbegriff des Personenkults im Sport. Der Kult geht allerdings längst über das Interesse an den Athleten hinaus. Auch die Hohepriester werden geehrt. Weshalb die Bibliothek seit ein paar Jahren diesen Namen trägt: Giamatti Research Center.

Warum auch nicht? Der Bücher schreibende Akademiker hatte einst in seiner kurzen Zeit als Commissioner den Aufbau dieser Bibliothek besonders gefördert. Auf dem Weg dorthin geht man durch einen hohen, lichtdurchfluteten, eichengetäfelten Raum, der wie das Mittelschiff einer Kirche wirkt. An den Wänden: mehr als 300 Bronzetafeln mit den Gesichtern von Spielern, Managern, Trainern und Schiedsrichtern aus mehr als hundert Jahren Baseballgeschichte, die alle etwas gemeinsam haben. Durch ihre Leistungen auf dem grünen Rasen und ihre Rolle hinter den Kulissen sind sie unvergesslich geworden. Oder wie Pressesprecher Craig Muder bei einem Rundgang sagt: unsterblich.

Er bleibt einen Moment lang vor den Bronzetafeln stehen und erklärt: „Die Ruhmeshalle sind insgesamt drei Einrichtungen unter einem Dach. Es ist auch ein Museum. Wir haben mehr als 38.000 Objekte, Schläger, Bälle, Handschuhe, Schuhe, von denen an in der Ausstellung jeweils nur zehn Prozent sehen kann. Der Rest befindet sich in einem klimatisierten Archiv unter unseren Füßen. Die Geschichte des Spiels: Wir bewahren sie auf.“

Es handelt sich um mehr als nur um bloßes Aufbewahren. Die Einrichtung ist das Gegenstück zu einer religiösen Kultstätte, sagt der New Yorker Journalist Zev Chafets. Er hat das Buch Cooperstown Confidential42 geschrieben, ein kritischer Blick in die Geschichte der Einrichtung.

„Für Amerika ist Baseball etwas Besonderes. Es hat sich zu einer Heldenmaschine entwickelt. Das gibt es sonst nur in Hollywood. Baseballgeschichte und Baseballtradition sind viel populärer als Football oder jede andere Sportart. In die Baseball Hall of Fame aufgenommen zu werden, ist so etwas wie durch den Ritterschlag in den Adelsstand erhoben zu werden. Eine größere Ehre gibt es nicht. Die Baseball Hall of Fame wird von Leuten gerne als Schrein bezeichnet. Die Reise dahin nennen sie eine Wallfahrt. Cooperstown ist eine säkulare religiöse Institution.“

Weshalb einem auf einer Reise nach Cooperstown, in die kleine Stadt vier Stunden von New York, die Worte von Annie Savoy einfallen, der selbstbewussten und sportbegeisterten Hauptfigur in dem feinsinnigen Baseball-Spielfilm Bull Durham: „Ich glaube an die Kirche des Baseball. Ich habe alle großen Religionen ausprobiert und die meisten kleinen. Ich habe Buddha, Allah, Brahma, Vishnu, Shiva, Bäume, Pilze und Isadora Duncan angebetet. Ich ziehe die Metaphysik der Theologie vor. Es gibt keine Schuldgefühle im Baseball. Und es ist nie langweilig. Das ist so wie Sex.“

In Amerika gibt es hunderte von Religionen und Konfessionen, Sekten und Kulte. Und fast ebenso viele Ruhmeshallen des Sports. Manche zeigen bei der Wahl des Standorts einen Sinn für die Wurzeln der Disziplin. So entstand die Basketball Hall of Fame in Springfield/Massachusetts in der Stadt, in der Ende des 19. Jahrhunderts Basketball erfunden wurde. Und die Tennis Hall of Fame wurde in Newport/Rhode Island gegründet, dort, wo die ersten US Open ausgetragen wurden. Aber es gibt auch das Konzept „grüne Wiese“ wie im Fall der World Golf Hall of Fame in St. Augustine/Florida. Oder wie bei der National Soccer Hall of Fame, der Fußballruhmeshalle. Das Haus, nur 35 Kilometer vom Touristenmagneten Cooperstown entfernt, steht allerdings noch für etwas anderes. Das Museum schloss 2010 nach nur zehn Jahren seine Pforten. Die Einrichtung existierte in den Jahren danach nur noch virtuell – im Internet.43 Das alte Projekt war schlichtweg zu ehrgeizig gewesen, wie der einstige Direktor Jack Huckel zugab, als wir uns trafen, um uns über den gescheiterten Versuch einer Ruhmeshalle zu unterhalten.

„Wir haben ein Gebäude errichtet, das wir uns nicht leisten konnten. Man riskiert schon mal bewusst etwas, aber die Rechnung geht nicht immer auf. Wir haben zehn Jahre durchgehalten, aber dann wurde das Geld knapp. Und dann kam die Rezession dazu. Das konnten wir nicht überleben.“

Im Vergleich dazu wirkt der Betrieb in Cooperstown sehr solide. Aber bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass Heldenverehrung in den Dimensionen der Baseball Hall of Fame kein lukratives Geschäftsmodell ist. Wollte die Ruhmeshalle allein vom Verkauf von Eintrittskarten und Souvenirs leben, wäre sie längst pleite. Das Loch füllen großzügige Spender jedes Jahr mit Millionen von Dollar und sichern so die Arbeitsplätze von hundert Angestellten.

Ganz anders sieht es für die ehemaligen Baseballprofis aus, die den Ritterschlag erhalten haben. Ein Hall of Famer hat schlichtweg für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Kein Wunder, dass chancenreiche Aspiranten inzwischen Public-Relations-Experten einschalten, damit sie von den Mitgliedern der Vereinigung der amerikanischen Baseball-Journalisten in die Ruhmeshalle gewählt werden. Die Organisation entscheidet exklusiv über die Aufnahme.

Über diesen säkularen Teil der Vergötterung irdischer Idole wird allerdings meistens nicht gesprochen. Seit der Zeit von Mark Twain, der damals das Spiel zu einem Symbol für die Triebkräfte und den Kampf des „rasenden, zerrenden, dröhnenden 19. Jahrhunderts“ erklärte, wird die Realität mit viel Pathos verhängt. Nicht das Sein, sondern der Schein bestimmt das Bewusstsein.

Baseball allerdings scheint wie geschaffen die ideale Projektionsfläche für eine technologiebesessene Gesellschaft, die in ihren kollektiven Sehnsüchten von einer simpleren Welt träumt. Das Museum in Cooperstown ist das Sammelgefäß dieser romantischen Weltsicht, wie sie der für mehrere Oscars nominierte Hollywood-Film Field of Dreams hat. In diesem Feld der Träume artikuliert der Schauspieler James Earl Jones mit tiefer, sonorer Stimme das, was sich als Grundverständnis rund um die historische Dimension des Spiels durchgesetzt hat: „Baseball war all die Jahre lang die einzige Konstante. Amerika ist wie eine Armee von Dampfwalzen vorbeigerollt. Es wurde abgewischt wie die Kreide auf einer Schiefertafel, wieder aufgebaut und wieder weggewischt. Aber Baseball hat die Zeit markiert. Dieses Feld, dieses Spiel sind Teil unserer Vergangenheit. Es erinnert uns an all das, was einmal gut war und wieder sein könnte.“

Wie dieses Denken funktioniert, hat ein deutscher Emigrant schon vor Jahrzehnten erklärt. Der Rechtshistoriker und Soziologe Eugen Rosenstock-Huessy beschrieb 1958 in einem Interview in der Sendereihe Auszug des Geistes für Radio Bremen den Zusammenhang zwischen Sport und seiner Arbeit als Geisteswissenschaftler an der Universität in Dartmouth folgendermaßen: „Die Welt, die dem amerikanischen Studenten, der zu mir kommt, etwa 20 Jahre alt ist, wirklich lebhaft vertraut ist, ist die Welt des Sports. Da hat er all seine Tugenden, seine Erfahrungen, seine Neigungen und sein Interesse. Ich habe also meine ganze Soziologie um die Erfahrungen, die ein Amerikaner im Sport und im Spiel macht, aufgebaut. Und im Sport sind natürlich viele lyrische, dramatische Elemente. Während man in Europa vielleicht eine Soziologie auf eine Soziologie der Kunst aufbauen könnte, weil die Menschen Erfahrungen haben mit Wagner, Bach und Beethoven, muss man dieselben Erfahrungen transponieren, sozusagen, in das Gebiet des Sportlichen.“44

Die Querverbindungen zwischen Sport und Kultur haben viele Spuren im amerikanischen Kulturalltag hinterlassen. Im Kino. Am Broadway, an dem 1958 das gefeierte (und später verfilmte) Baseball-Musical Damn‘ Yankees mit dem Gassenhauer Heart Premiere hatte. Und in der Literatur. Zum Beispiel in dem viel beachteten Buch Unterwelt von Don DeLillo45, einem voluminösen Epochenroman, der mit einer 70 Seiten langen Beschreibung eines einzigen Baseballspiels aus dem Jahr 1951 beginnt und sie einem anderen Ereignis gegenüberstellt: Der Nachricht, dass die Sowjetunion eine Atombombe gezündet hat. Im Stadion in New York gewannen damals die Außenseiter. Mit einem Home Run im letzten Spielabschnitt, der in den Rang einer absoluten Sensation erhoben wurde. Gefeiert als The shot heard ‚round the world.

Es war – auf seine Art – ein Bombenspiel. Live ausgestrahlt über den Radiosender WMCA-AM, mit dem aufgekratzten Radioreporter Russ Hodges, der die legendär gewordenen Sätze ins Mikrofon brüllte: „There‘s a long drive … it‘s gonna be, I believe … THE GIANTS WIN THE PENNANT!! THE GIANTS WIN THE PENNANT! THE GIANTS WIN THE PENNANT! THE GIANTS WIN THE PENNANT! Bobby Thomson hits into the lower deck of the left-field stands! The Giants win the pennant and they’re goin’ crazy, they’re goin’ crazy! HEEEY-OH!!!“

„Die Giants gewinnen den Titel!“

Solch eine Sportart braucht wohl einen Ort, an dem sich diese Begeisterung und das ferne Echo darauf wie die Parallelen im Unendlichen begegnen. Einen wirklichen Schrein, dessen Besucher sich fühlen, als unternähmen sie eine Pilgerfahrt. Und auch noch daraus lässt sich übrigens lesenswerte Literatur schöpfen. Wie im Fall des Romans Unabhängigkeitstag, in dem der Schriftsteller Richard Ford eine solche Reise zum Hauptstrang der Handlung machte. Als der Ich-Erzähler, ein ehemaliger Sportreporter, mit seinem Sohn im Auto nach einem vorausgegangenen Abstecher zur Basketball Hall of Fame in Springfield in Cooperstown eintrifft, biegt er mit dem Wagen in die Main Street und findet eine Szenerie vor, die noch heute fast exakt so aussieht: „An der Ecke sehe ich unerwartet am Ende der nach rechts abgehenden Straße die Ruhmeshalle des Baseball, ein blassrotes Gebäude im klassizistischen Stil, das nach Postamt aussieht, und ich mache eine schnelle, gefährliche Rechtskurve von der Chestnut Street herunter auf die Straße, die sich als Main Street herausstellt. Die Main Street ist voller Baseball-Touristen und hat die seelenlos gleichmütige, geschäftige Atmosphäre eines Collegestädtchens, wenn die Studenten zum Herbstsemester zurückkommen. Die Läden an beiden Straßenseiten verkaufen alles, was mit Baseball zu tun hat: Trikots, Karten, Poster, Autoaufkleber, zweifellos auch Radkappen und Kondome; und diese Läden teilen sich die Straße mit gewöhnlichen Kleinstadtgeschäften – einer Drogerie, einem Herrenbekleidungsgeschäft, zwei Blumenläden, einer Gaststätte, einer deutschen Bäckerei und verschiedenen Immobilienmaklern.“46

Das ist der Ort mit seinen 2000 Einwohnern, der die Kulisse für die Inszenierung liefert. Deren Höhepunkt besteht jeden Sommer aus dem sogenannten Induction Weekend. Dann strömen tausende Besucher durch Main Street. Und die alte Bäckerei, an der übrigens nichts Deutsch ist außer dem Namen Schneider, arbeitet auf Hochtouren, wie Jennifer Zachow, die Managerin, sagt: „Das ist ihre zweite Anlaufstelle. Zuerst gehen sie zur Hall of Fame, dann kommen sie hierher. Oft wird die Hauptstraße für den Verkehr gesperrt. Spieler sitzen auf dem Bürgersteig und geben Autogramme. Die Leute kommen von überall.“

Der Weg eines Sportlers vom Sieger zu einem ruhmreichen Star und schließlich in den Rang einer unsterblichen Legende ist ein mysteriöser Prozess. Nicht jeder Held aus der Arena taugt dazu, die Vorzeigefigur einer Gesellschaft oder einer ganzen Ära zu werden. Es liegt am Charisma der Sportart und nicht zuletzt am Charisma eines Menschen, ob die Metamorphose gelingt. Es liegt an jenem Millionenpublikum, das sich mit seinen Athleten und ihren Leistungen identifiziert. Und es liegt an den Medien.

Man nehme den Kapitän und Spielmacher der deutschen Fußballnationalmannschaft von 1954: Fritz Walter. In der Pfalz hat man nach ihm immerhin vor ein paar Jahren ein Stadion benannt. Aber ein einziger kitschiger Kinofilm genügte 50 Jahre nach dem WM-Finale, um „Das Wunder von Bern“ umzudeuten: zu einem Triumph des zweifachen Torschützen und Stürmers Helmut Rahn und zu einer Eloge auf die Fußballwelt des Ruhrgebiets. Es war eine Umfälschung. Fünf Weltmeister – fünf der elf, die im Endspiel auf dem Rasen standen – kamen so wie Fritz Walter aus einem einzigen Club, dem 1. FC Kaiserslautern. Aus dem Ruhrgebiet kam nur einer.

Bei der WM 2006 kurbelte derselbe Regisseur weiter am deutschen Fußball-Mythos. Diesmal in der Verklärung eines Turniers im eigenen Land zum sogenannten Sommermärchen. Sönke Wortmann betonte rund um das Projekt, dass er Pathos „wunderbar“ finde. Und Kitsch „nicht so schlimm“.

Manipulationen im Umgang mit der historischen Wahrheit sind auch in Amerika an der Tagesordnung. Schon die Entscheidung für den Bau der Hall of Fame in Cooperstown basierte auf einer Fama. Auf der Behauptung, dass exakt hier in diesem kleinen Ort im Jahr 1839 das Baseball-Spiel erfunden wurde. Von einem Mann namens Abner Doubleday, der später als General im Sezessionskrieg zwischen den Nord- und den Südstaaten kämpfte. So wurde die feierliche Eröffnung der Baseball-Ruhmeshalle bewusst in den Sommer 1939 gelegt. Ein solches Jubiläum wollte gefeiert werden.

Die Mär vom General und seiner Erfindung ist längst widerlegt worden. Aber in den dreißiger-Jahren wurde es von niemanden hinterfragt. Schon gar nicht von jener wohlhabenden Industriellenfamilie namens Clark, die Cooperstown wie eine Aristokratendynastie beherrscht. Die Erben des Singer-Nähmaschinen-Imperiums, die in der Gegend am Lake Otsego, dem Schauplatz der Lederstrumpf-Geschichten von James Fenimore Cooper, ein großes Hotel und sehr viel Land besitzen, hatten sich in die Idee verliebt, mitten in der großen Wirtschaftskrise der dreißiger-Jahre den Tourismus anzukurbeln. Sie schlugen den Bau einer Hall of Fame vor und finanzierten das Projekt. Die Liga gab ihren Segen.

Und so standen sie im Sommer 1939 auf den Stufen vor dem neuen Gebäude: Ty Cobb, Babe Ruth, Honus Wagner und andere Ex-Profis, die in der ersten Blütezeit des Spiels, als das Radio begann, die Begegnungen live zu übertragen, zu überlebensgroßen Figuren geworden waren.

Der Ansager kündigte Wagner als Flying Dutchman und als „the greatest shortstop in the game‘s history“ an. Und der nutzte die Gelegenheit, sich noch einmal in Szene zu setzen: „Ladies and Gentlemen. I was born in 1874. This organization was started in 1876. When I was a kid I said, I hope some day I will play up there in this league. And by chance I did.“

Die Sache mit General Doubleday ist nicht die einzige Ungereimtheit in der Geschichte der Institution. So wurde bis heute einer der besten Baseball-Profis aller Zeiten, Pete Rose von den Cincinnati Reds, nicht in die Ruhmeshalle aufgenommen. Er hatte in den achtziger-Jahren auf den Ausgang von Baseballspielen gewettet, war erwischt worden, hatte gelogen und war deswegen von niemand anderem als jenem Bartlett Giamatti, dem damaligen Commissioner, einem Agnostiker und Moralisten, auf Lebzeiten gesperrt worden. Die Tür zur Hall of Fame ging damit ebenfalls zu.

Was mehr als bizarr wirkt. Unter den über 300 Figuren in der Ruhmeshalle befinden sich jede Menge fragwürdige Charaktere: ein verurteilter Drogenhändler, ein ehemaliger Kokainsüchtiger, der knapp einer lebenslänglichen Baseball-Sperre entgehen konnte, zahllose Alkoholiker, ein Pitcher, der in einem Buch gebeichtet hat, dass er sich seinen Platz in der Hall of Fame auf betrügerische Weise erschlichen hat. Dazu: wenigstens drei ehemalige Ku-Klux-Klan-Mitglieder. Darunter der berühmt-berüchtigte Ty Cobb, der nie den Verdacht ausräumen konnte, dass er einen Mord begangen hatte.

Der Journalist Zev Chafets hat in seinem Buch Cooperstown Confidential auf die doppelte Moral hingewiesen, die im Verwaltungsrat der Hall of Fame herrscht, wo die Kriterien für die Aufnahme von Sportlern festgelegt werden. Es gibt eine besondere Moralklausel, die auf die Singer-Erben zurückgeht. Aber sie wird nicht auf jeden angewendet. Zurzeit etwa gelten Spieler, die sich mit Anabolika gedopt haben, als persona non grata. Doch da es sich dabei um die besten Profis einer ganzen Generation handelt, steht die Hall of Fame vor einem Dilemma. Chafets im Interview: „Die Hall of Fame versucht sicher ehrlich das zu machen, was sie für richtig hält. Aber da Baseball und die Hall of Fame sich so gerne als Musterbeispiel für Menschen mit untadeligem Charakter präsentieren, kann man sie leichter der Heuchelei bezichtigen als etwa das Boxen. Dort gibt man nicht vor, irgendetwas anderes zu tun, als solche Typen vorzuführen, denen man nachts nicht in einer dunklen Gasse begegnen möchte.“

Dass die Kritik an solch einer Heuchelei selten laut wird, liegt nicht zuletzt an der unwiderstehlichen Magie von Biographien wie der des Einwandererkindes Joe DiMaggio, der in den dreißiger-Jahren aus San Francisco zu den New York Yankees kam, dem berühmtesten amerikanischen Sportclub. Dort wurde er zu einem der besten zehn Profis in der Geschichte des Spiels. Seine märchenhafte Aufsteiger- und Erfolgsgeschichte machte ihn zu einem Idol. Als DiMaggio Anfang der fünfziger-Jahre seinen Abschied vom aktiven Sport nahm, gelang ihm mühelos der Übergang zu Teil zwei seines Aufstiegs ins öffentliche Bewusstsein. Als er wenig später in der Fernsehsendung What‘s My Line? auftrat, dem Vorbild für Robert Lembkes Was bin ich?, brauchte das Rateteam trotz der Masken vor den Augen nicht lange, um seine Identität zu ermitteln. Er war schließlich erst kurz zuvor in die Baseball Hall of Fame aufgenommen worden. Er war ein Superstar.

Wenig später wurde der Rest der Welt ebenfalls auf ihn aufmerksam. Der Anlass? Seine Heirat mit der Schauspielerin Marilyn Monroe. Als sie die berühmte Szene mit dem von der vorbeifahrenden U-Bahn aufgewirbelten Rock für den Film Das verflixte 7. Jahr drehte, stand er auf der gegenüberliegenden Seite der Lexington Avenue von Manhattan und schaute zu.

Die Ehe mit Marilyn Monroe ging nach nur neun Monaten auseinander. Joe DiMaggio versilberte seinen Ruhm weiter wie gewohnt – mit Werbespots für einen Kaffeemaschinen-Hersteller und mit Autogrammstunden, für die er viel Geld verlangte. Doch dann – man schrieb das Jahr 1967 – passierte etwas Unerwartetes. Da wurde aus dem Über-Sportler eine Legende der Popkultur. Und alles nur wegen ganzer vier Zeilen in dem anspielungsreichen Lied Mrs. Robinson. Ein Song, der für den Erfolgsfilm Die Reifeprüfung komponiert worden war und der in einer späten Strophe die unschuldige und symbolisch gemeinte Frage stellte: „Where have you gone, Joe DiMaggio?“ – „Wohin bist du gegangen, Joe DiMaggio? Unsere Nation richtet unsere einsamen Augen auf dich. Was meinen Sie, was das heißt, Mrs. Robinson? Joltin‘ Joe47 ist weg und gegangen.“

Da klang Nostalgie nach dem Zuschnitt der sechziger-Jahre durch. Geprägt von Verlustgefühlen. Amerikas Soldaten starben in Vietnam. Studenten revoltierten an den Universitäten. Der Baseball-Profi schien die ideale Figur, um diese Gefühle – konfliktfrei, generationenübergreifend – widerzuspiegeln.

Einer allerdings konnte mit dieser Allegorie überhaupt nichts anfangen: Joe DiMaggio. Als er Song-Texter und Komponist Paul Simon irgendwann in einem Restaurant in New York zufällig begegnete, beschwerte er sich in einer direkten Konfrontation: „Ich bin nirgendwo hingegangen“. Der Sportler selbst hatte den Symbolwert seiner Existenz nie verstanden.

Als DiMaggio 1999 starb, ging er allerdings wirklich. Wohin? An den Ort, an den Bart Giamatti gegangen war und die vielen berühmten Baseball-Profis vor ihm. Brad Horn, der Abteilungsleiter für Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit der Hall of Fame erklärte die Metamorphose bei einem Besuch so: „Er wurde ein Teil von dem, was Cooperstown symbolisiert, dieser mythische, gefeierte ikonenhafte Status. Und ich glaube, das ist es auch, wonach sich die Menschen sehnen, wenn sie die Schnittstelle von Gesellschaft und Sport feiern. Das ist der Grund, weshalb Cooperstown noch immer relevant ist. Man kann hierherkommen und diese Individuen berühren und sagen: ‘Hier sind sie. Ich kann mit meinen Fingern ihre Bronzegesichter betasten und sagen: Ich kenne Joe DiMaggio.‘“

(2010)

Die Entscheidung über die Aufnahme von ehemaligen Spielern, Trainern, Funktionären und Club-Besitzern treffen ausschließlich aktive Mitglieder der Baseball Writers‘ Association of America. Und die müssen sich mindestens zehn Jahre lange mit der Sportart journalistisch auseinandergesetzt haben. Baseballspieler haben eine Reihe von Anforderungen zu erfüllen, ohne die sie gar nicht in die Auswahl kommen. Dazu gehört die Länge der Zeit, die sie in den beiden Major Leagues aktiv waren, und eine Frist von mindestens fünf Jahren, die nach dem Ende der Karriere verstrichen sein muss. Kandidaten werden vor der Abstimmung von einem Komitee bestimmt und müssen bei der jährlichen Wahl 75 % der abgegebenen Stimmen aller wahlberechtigten Mitglieder der Journalisten-Organisation erhalten, um in die Baseball Hall of Fame aufgenommen zu werden.

Wer weniger bekommt, fällt damit nicht automatisch durch den Rost. Solange jemand wenigstens 5 % der Stimmen bekommt, steht sein Name auch auf zukünftigen Wahlzetteln. Erst nach zehn Jahren, in denen ein Spieler die Drei-Viertel-Hürde nicht genommen hat, wird er endgültig gestrichen.

40 The story of ‘Green Fields of the Mind’ – Bart Giamatti’s bittersweet ode to baseball” in Yale Alumni Magazine, New Haven, 2012

41 Die Red Sox pflegten lange die absurdeste fixe Idee in der Geschichte des US-Sports: den Fluch des Bambino. Der entstand, als 1920 das Jahrhunderttalent Babe Ruth – Spitzname The Bambino – an die New York Yankees verkauft wurde, womit in Boston eine Serie der Erfolglosigkeit begann. Abergläubische Fans versuchten beharrlich, den Fluch zu brechen. Wie jener Anhänger, der eine Red-Sox-Kappe auf dem Mount Everest ablegte, nachdem er im Basislager eine Yankees-Mütze verbrannt hatte. Doch womöglich verlor die Verwünschung erst an Kraft, als der Ball 2004 bei einem Home Run einem Zuschauer ins Gesicht flog und ihm zwei Zähne ausschlug. Der wohnte in einem Bostoner Vorort in einem Haus, das einst Babe Ruth gehört hatte. Kurz darauf gewann das Team die World Series. Zum ersten Mal nach 86 Jahren.

42 Zev Chafets: Cooperstown Confidential: Heroes, Rogues, and the Inside Story of the Baseball Hall of Fame New York, 2009

43 Die Einrichtung wurde 2018 in einem Annex zum Stadion des FC Dallas, einem Club in der obersten Profi-Liga namens Major League Soccer, neu installiert und existiert nun wieder wie ein normales Sportmuseum.

44 Zitiert nach der Original-Archivtonaufnahme. Die Textversion des Interviews mit der Literaturredakteurin Irmgard Bach erschien in Bremer Beiträge, Bremen, 1962.

45 Don DeLillo, Unterwelt. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert, Köln, 1998

46 Richard Ford: Unabhängigkeitstag. Aus dem Amerikanischen von Fredeke Arnim. Berlin 1995, Seite 385 ff.

47 Der Spitzname entstand 1941 in Anspielung an den Titel eines Big-Band-Songs Joltin’ Joe DiMaggio, gesungen von Betty Jane Bonney.

TOTE LEBEN LÄNGER

Erst ein Gericht beendete das Tauziehen um den Jahrhundert-Athleten Jim Thorpe. So blieben seine sterblichen Überreste in der Stadt, die seinen Namen trägt. Ein Ortstermin

An der schmalen Ausfallstraße nach Norden, der Route 903, findet sich gleich hinter den letzten Häusern, wo sie nach dem Anstieg aus dem Tal eine Anhöhe erreicht, ein kleiner Park mit kurz geschorenem Rasen und einem großen Sarkophag aus rotem Marmor.

Man kann die Stelle nur schwer übersehen. Eingerahmt wird das Ganze von Fahnenschmuck und zwei Säulen, auf denen ein und derselbe Mann, eingefroren in den ausdrucksstarken Augenblick zweier typischer Bewegungsabläufe aus dem Sport, verewigt worden ist. Auf dem Podest näher zur Stadt hin holt er mit einem Diskus in der Hand elegant und locker zu einer mächtigen Drehung aus. Auf dem Sockel weiter stadtauswärts lehnt er sich im Laufschritt nach vorne, während er in der rechten Hand einen Football direkt an seinen Körper gepresst hat.

Was der Bildhauer Edmond Shumpert in diesen zwei Skulpturen aus dem Leben dieses einen Menschen herausgeformt hat, wirkt bei Licht betrachtet trotzdem nicht gerade üppig. Immerhin handelt es sich bei der fraglichen Person um jemanden, dessen Biographie noch zu Lebzeiten in Hollywood als Überfigur auf die Leinwand gebracht wurde. Inszeniert von niemand anderem als einem gewissen Michael Curtiz, dem Regisseur von Casablanca, gespielt von Burt Lancaster und in der Kinowerbung als „Mann aus Bronze“ und „der größte Sportler aller Zeiten“ verkauft. „An Oklahoma Indian lad“ – ein Indianer-Halblut aus Oklahoma – „whose untamed spirit gave wings to his feet and carried him to immortality.“ Unsterblich. Denn – das war die Lesart damals – bei ihm handelte es sich um den größten Athleten aller Zeiten.

Dieses Werturteil galt lange. Auch noch, als er am 28. März 1953 in Kalifornien an Herzversagen starb und seine sterblichen Überreste in diesem Ort in der bergigen Landschaft am Oberlauf des Lehigh River in dieser mächtigen steinernen Hülle zur letzten Ruhe gebettet wurden.

Sonst hätte die New York Times zum Beispiel damals sicher nicht diesen enormen Nachruf veröffentlicht, der auf der Titelseite begann und im Innenteil weiterging, wo man auf mehr als 300 Zeilen sein ungewöhnliches Leben nachzeichnete. Der Nachruf listete unter anderem seine Bestmarken aus der Leichtathletik auf. Sie unterstrichen, wie vielseitig und versiert er in seinen glorreichen Zeiten gewesen war: Er war handgestoppte 10,0 Sekunden über 100 Yards gelaufen, 21,8 Sekunden über die 220 Yards und 50,8 Sekunden über 440 Yards. Er hatte über 880 Yards eine Bestzeit von unter zwei Minuten aufgestellt sowie 7,16 Meter im Weitsprung, 1,95 Meter im Hochsprung, 2,35 Meter im Stabhochsprung, 14,55 Meter im Kugelstoßen, fast 50 Meter im Speerwerfen und etwas mehr als 40 Meter mit dem Diskus geschafft.

Sein ursprünglicher Name lautete Wa-Tho-Huk, was seiner Herkunft als Angehörigem des Stammes der Sac and Fox entsprang. Allerdings war er der Spross eines wirren Stammbaums, in dem nicht nur einige namhafte Häuptlinge vertreten waren, sondern väterlicherseits auch noch irische und mütterlicherseits französische Verzweigungen.

Da es keine Geburtsurkunde gab, kursierten später widersprüchliche Angaben darüber, an welchem Tag er eigentlich auf die Welt gekommen war. Am 22. Mai 1887, wie es in der Taufbescheinigung steht, die die katholische Kirche Sacred Heart in Konawa Ende desselben Jahres ausstellte? Oder im Mai ein Jahr danach, wie er selbst sechzig Jahre später gegenüber der Lokalzeitung in seiner Heimat verriet? Nur soviel war und blieb unumstritten: sein bürgerlicher Name – Jacobus Franciscus Thorpe.

Der junge Thorpe, bald nur noch Jim genannt, war so etwas wie ein sportliches Wunderkind. Er demonstrierte schon früh besondere grobmotorische sportliche Fähigkeiten, war allerdings am normalen Schulunterricht nicht besonders interessiert und fand erst, als ihn im fernen Pennsylvania die Carlisle Indian Industrial School rekrutierte, eine Bildungseinrichtung, die ihm behagte. Das Internat mit dem pädagogischen Leitbild, junge amerikanische Ureinwohner in die angelsächsische Gesellschaft zu assimilieren, investierte in ihn und seine Altersgenossen damals eine streng-militärisch ausgerichtete Ausbildung, mit dem Ziel einer kompletten kulturellen Umerziehung.

Ihr Motto: „Kill the Indian, save the man“.

Bring den Indianer um, rette den Menschen.

Er war sechzehn, als er an der Ostküste eintraf und sogleich nicht nur zum Star-Leichtathleten, sondern auch zu einem Leistungsträger der Football-Mannschaft wurde, betreut von niemand anderem als dem legendären Trainer Glen Warner, genannt Pop.

Seine Qualitäten sprachen sich rasch herum. Denn er und seine Mitstreiter bezwangen 1911 nicht nur die höher eingestufte Auswahl der Universität Harvard, sondern auch das Team der Kadetten der Militärakademie in West Point, in dem der spätere Oberbefehlshaber der alliierten Truppen im Zweiten Weltkrieg und US-Präsident Dwight D. Eisenhower spielte. Die Begegnung prägte sich zwar nicht in Thorpes Gedächtnis ein, aber in Eisenhowers: Thorpe habe „nie in seinem Leben“ ernsthaft trainiert, mutmaßte der Offiziersschüler. Trotzdem spiele der dieses uramerikanische Spiel „besser als irgendein anderer Footballspieler, den ich jemals gesehen habe“.

Doch diese scheinbar geradlinige Geschichte produzierte wenig später eine tragische Wendung. Nachdem Thorpe 1912 bei den Olympischen Spielen in Stockholm zwei Goldmedaillen gewann – bei den zwei Mehrkampfwettbewerben der Leichtathletik, die es damals gab: den Fünfkampf und den Zehnkampf – und nach der Rückkehr in New York mit einer Konfettiparade begrüßt wurde, wurde er das Opfer des feudalen Zeitgeists im organisierten Sport. Der Mann, den der schwedische König Gustav V. bei der Siegerehrung mit den Worten beglückwünscht hatte, „Sir, Sie sind der großartigste Athlet der Welt“, wurde die Zielscheibe von Rassismus, Klassenarroganz und purem Neid. Beide Medaillen wurden ihm aberkannt, weil Thorpe 1909 und 1910 in einer unteren Liga in North Carolina professionell Baseball gespielt und dafür 60 Dollar pro Monat kassiert hatte. Es handelte sich um einen Verstoß gegen die damaligen Amateurregeln. Seine Verteidigung – „Ich war ein einfacher Indianerjunge und hatte keine Ahnung von diesen Dingen“ – stieß auf taube Ohren.

Erst 1982, als sein Landsmann Avery Brundage endlich in Pension war, den er bei beiden Wettbewerben in Stockholm deutlich geschlagen hatte und der sich während seiner Amtszeit als amerikanischer NOK-Chef und als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees ausdrücklich gegen eine Rücknahme der Entscheidung eingesetzt hatte, wurde Thorpe erneut zum Olympiasieger erklärt.

Die Geschichte seiner sterblichen Überreste ist übrigens nicht weniger spektakulär, allerdings sehr viel abenteuerlicher. Denn Jim Thorpe kann nichts dafür, dass seine Gebeine hier an der Route 903 Richtung Albrightsville und in dieser kleinen Stadt mit der nichtssagenden Postleitzahl 18229 gelandet sind, in die er in seinem ganzen Leben nie auch nur einen Fuß gesetzt hatte.

Und er kann schon gar nichts dafür, wie diese Stadt inzwischen ganz offiziell heißt: Jim Thorpe.

Richtig. Jim Thorpe. Genauso wie er.

Denn er war bereits tot, als die Lokalpolitiker 1954 auf der Suche nach einer neuen Identität auf diesen Handel eingingen und ihr einstmals blühendes Städtchen im Kohlerevier von Pennsylvania, das nach Schließung der Tagwerke in eine schwere wirtschaftliche Depression verfallen war, umtauften. Das Geschäft kam mit Thorpes Witwe zustande. Mit Patricia, der Ehefrau Nummer drei, die für ein kleines Handgeld den beiden Orten Mauch Chunk und East Mauch Chunk die Gebeine ihres Mannes überließ und daran noch eine Bedingung knüpfte: Sie sollten ihm im Gegenzug ein ordentliches Mausoleum errichten. Und sie sollten den Namen der Kommune ändern.

Thorpes Leichnam war ursprünglich per Eisenbahn von Kalifornien nach Oklahoma gebracht worden, wo er nach einer Trauerfeier nach katholischem Ritus auf dem Fairview-Friedhof von Shawnee beigesetzt wurde. Doch wenig später ließ Patricia ohne Einwilligung der anderen Familienangehörigen die sterblichen Überreste exhumieren und nach Pennsylvania überführen.

Seine letzte Ruhe fand Jim Thorpe – der Sportler – deshalb in Jim Thorpe – der Stadt, die seinen Namen trägt – nicht sogleich. Denn vor ein paar Jahren begannen seine Söhne eine Kampagne, um die Gebeine nach Oklahoma zurückzuholen. Dorthin, wo man noch heute über die böse Stiefmutter schimpft.

Die Auseinandersetzung mit der Stadt in Pennsylvania lief selbst noch 2012, als man das hundertjährige Jubiläum der Olympiasiege von Stockholm hätte feiern können. Sie wurde erst im Herbst 2015 in letzter Instanz beendet, als der Oberste Gerichtshof in Washington ablehnte, sich mit der Sache zu beschäftigen, und auf diese Weise die Entscheidung der Berufungsinstanz zu Gunsten der Stadt Jim Thorpe Rechtskraft erlangte.

Die Enttäuschung in Oklahoma war enorm. Nicht nur unter Familienmitgliedern, sondern auch unter einflussreichen Menschen, die sich von der Rückkehr der Knochensammlung ebenfalls eine touristische Aufwertung ihrer Gegend erhofft hatten. Die Kläger hatten sich auf ein Gesetz berufen, das seit 1990 die Gebeine von Indianern und etwaige Grabbeigaben unter besonderen Schutz stellt und verlangt, dass sie den unmittelbaren Verwandten und Stammesorganisationen übergeben werden. Finanziell unterstützt worden war die Initiative vom Stamm der Sac and Fox. Der betreibt ein Casino und hat das Geld, solche teuren Rechtshändel zu finanzieren.

Justin Lenhart, 2012 Direktor des dortigen Jim Thorpe Museums, heute als Kurator in der Oklahoma Sports Hall of Fame in Oklahoma City beschäftigt, schimpfte damals: Patricia Thorpe sei nur aufs Geld aus gewesen. Sie habe alle Memorabilien verkauft, die ihr Mann im Laufe seiner Karriere angehäuft hatte. Noch schlimmer: Sie sei unvermittelt während der indianischen Begräbnis-Zeremonie zusammen mit der Polizei aufgetaucht und hätte die Leiche einfach mitgenommen.

Eine solche Räuberpistole passt irgendwie zu einem Lebenslauf, der von hohen Hochs und tiefen Tiefs geprägt war: Zu dem Nackenschlag nach der Heimkehr aus Schweden (Justin Lenhart: „Thorpe weinte oft ganz ungeniert. Und er sagte: Ich verstehe das nicht, warum sie mir meine Medaillen abgenommen haben. Ich habe bei Olympia kein Geld bekommen. Ich habe Geld fürs Baseballspielen erhalten.“), zu seinen triumphalen Auftritten als Footballprofi in den frühen Tagen der National Football League, zu den wirtschaftlich eher mageren Verhältnissen, in denen er leben musste. Und zu der Behandlung als Darsteller von Indianern in billigen Hollywood-Western.

Geld verdiente er anschließend trotzdem – unter anderem als Football-Profi. Und später noch als Komparse in billigen Hollywood-Western, wo er allerdings nur den tumben Indianer mimen durfte. Eine richtige Schauspielerkarriere war ihm nicht vergönnt. Überdies litt er irgendwann an Alkoholproblemen, erlebte Schiffbruch mit zwei Ehen und galt bei seinem Tod nur noch als tragischer Held. Ein Image, gegen das die dritte Ehefrau anzukämpfen versuchte, als sie mit den Stadtvätern in Pennsylvania den Deal einfädelte, ihre Kommune Jim Thorpe zu nennen.

Die Stadt mit ihren 5000 Einwohnern ist heute aus dem Gröbsten heraus. Man hat die viktorianische Architektur in der Hauptstraße, genannt Broadway, erhalten und herausgeputzt und wurde deshalb 2012 in einer amerikaweiten Umfrage zu einem der fünf hübschesten Orte des ganzen Landes gewählt. Es gibt Institutionen wie die Jim Thorpe National Bank und das Jim Thorpe Film Festival. Und jedes dritte Wochenende im Mai eine Feier aus Anlass des Geburtstags des Namensgebers.

Aber die meisten Besucher, die kommen, so gibt Al Zagofsky in einem Gespräch zu, der jahrelange Herausgeber vom Carbon County Magazine und deshalb in der Region bestens vernetzt, „wissen überhaupt nicht, wer Jim Thorpe war, und haben auch gar kein Interesse, die Gedenkstätte zu besuchen“.

Sicher, ein paar Traditionalisten wie jene, die sich um die Gedenkfeiern zu seinem Geburtstag kümmern, wären enttäuscht gewesen, wenn der Namenspatron wieder verschwunden wäre. Auch deshalb, weil der Erwerb der sterblichen Überreste juristisch betrachtet sehr wohl mit rechten Dingen zugegangen war. Was William Schwab als Anwalt der Stadt jedem gerne erklärte, der ihn während der Auseinandersetzung in seinem Büro besuchte. Zumal der Sportler Thorpe kein Testament besaß und deshalb persönlich rein gar nichts verfügt hatte.

Schwab, typisch Jurist, sah in der ganzen Angelegenheit interessanterweise keine Spur von Ironie. Dass der großartigste Sportler Amerikas, der Zeit seines Lebens oft genug herumgeschubst worden war, auch nach seinem Ableben nicht viel mehr als ein Spielball unterschiedlicher Interessen geblieben war, schien eine Laune der Geschichte.

Mehr nicht.

„Es gibt ungefähr elf Nachkommen, die gegen eine Umbettung sind. Sie haben ihren eigenen Anwalt. Wenn die elf gegen die anderen zwei antreten, werden die vielleicht nachgeben. Jim Thorpe war Zeit seines Lebens praktizierender Katholik. Die Kirche sieht es gar nicht gerne, jemanden zu exhumieren.“

Dazu kam es nicht, als ein Berufungsgericht in Philadelphia den Streit endgültig beerdigte.

Zumindest der Ort Jim Thorpe ist seither mit sich im Frieden.

(2015)

Es hat in der Geschichte der Olympischen Spiele nur wenige Fälle gegeben, in denen Athleten eine Medaille wieder zugesprochen wurde, die ihnen zuvor aberkannt wurde. Aus deutscher Sicht ist sogar nur ein Fall aktenkundig: der des Eiskunstlauf-Paares Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler. Die beiden hatten ihre Amateurlaufbahn nach den Olympischen Winterspielen von Innsbruck 1964 beendet, bei der sie die Silbermedaille gewonnen hatten. Später wurde bekannt, dass sie bereits vor der Veranstaltung einen Vertrag über ihren Auftritt in dem Kinofilm Die große Kür unterschrieben hatten. Dies stufte das Internationale Olympische Komitee als Verstoß gegen die damaligen Amateurregeln ein. Nach einigem Hin und Her erklärten sich Kilius und Bäumler 1966 bereit, die Medaille abzutreten. Nach der offiziellen Aufhebung des Amateurstatuts 1987 bekamen sie eine Neuprägung als Geste der Wiedergutmachung. Allerdings werden sie erst seit 2014 wieder offiziell vom IOC in der Statistik der Innsbrucker Spiele geführt.

Bäumler war nach dem Ende seiner sportlichen Laufbahn als Schlagersänger, Schauspieler und Fernsehmoderator erfolgreich. Marika Kilius nahm ebenfalls Schallplatten auf und landete zweimal auf Platz zwei der deutschen Schlager-Hitparade. Als Unternehmerin entwarf sie Acrylmöbel, baute einen Merchandising-Betrieb auf, führte ein Restaurant und entwickelte eine eigene Kosmetik-Linie.

MIRACLE ON ICE

Der Sieg der amerikanischen Eishockey-Amateure bei den Winterspielen von Lake Placid über die sowjetischen Favoriten gilt als der spektakulärste Außenseiter-Sieg aller Zeiten. Buzz Schneider war nicht nur dabei, sondern mittendrin.

22. Februar 1980. Ein Freitagabend in Lake Placid, einem kleinen Wintersportort auf halber Strecke zwischen New York und der kanadischen Grenze.

Das erste Eishockey-Spiel des Tages im ausverkauften Olympic Field House ist gerade zu Ende gegangen. Und die 8000 Zuschauer strömen aus der ausverkauften Halle in die Straßen des Dorfs.

Viele schreien begeistert, stakkatohaft immer nur dieselben drei Buchstaben: „USA! USA! USA!“.

In vorbeifahrenden Autos liegen die Fahrer auf der Hupe. Und von irgendwo schießt außerplanmäßig ein Feuerwerk in den Himmel, in dem dicke Wolken einen Tanz aus kleinen Schneeflocken entfacht haben.

Was macht man mit einem angebrochenen Abend wie diesem?

Buzz Schneider, Ken Morrow und Bobby Suter haben eine Idee: Sie wollen die ausgelassene Stimmung so intensiv wie möglich einatmen. Eine Atmosphäre, die kurz davor ist, eine ganze Nation zu elektrisieren.

Sie entscheiden sich für das Holiday Inn, aber drehen vorher ihre Trainingsjacken um, damit man sie nicht als Nationalspieler erkennt, und tauchen ein in die Menge im Hotel, die das Match, das soeben zu Ende gegangen ist, nun im Fernsehen sehen will.

Es ist keine Wiederholung. Zu den wunderlichen Dingen rund um diesen Abend zwei Tage vor dem Ende der dreizehnten Olympischen Winterspiele gehört, dass dieses Spiel in den Vereinigten Staaten nicht live, sondern zeitversetzt mit sage und schreibe drei Stunden Verspätung übertragen wird.

„Wir haben ein Bier getrunken und mitgejubelt. So wie jeder andere auch“, erinnert sich Schneider 40 Jahre später. Er hat im ersten Drittel das Tor zum 1:1-Ausgleich geschossen und kann nun diesen Augenblick quasi live noch einmal nacherleben. Die Entwicklung. Seinen Sturmlauf auf der linken Seite entlang der Bande. Die kurze, schnelle Ausholbewegung mit dem linken Arm. Und den gewaltigen Schuss aus fast 20 Metern in die linke, obere Ecke des sowjetischen Tores.

So atemlos klang das damals im amerikanischen Fernsehen: „Pavelich holt sich den Puck für die USA. Pavelich. Vorne ist Schneider. Schlagschuss. Er geht rein. Buzz Schneider. Die Vereinigten Staaten gleichen das Spiel nach 14 Minuten und drei Sekunden aus. Buzz Schneider, der einzige von ihnen, der ‚76 in Innsbruck dabei war. Was für ein Turnier für ihn. Das ist Buzz‘ fünftes Tor.“

Seitdem hat er die Szene zigmal gesehen. Aber für denjenigen, der sie nicht kennt, ruft er sie gern noch mal aus dem Gedächtnis ab: „Das hat mein Center Mark Pavelich eingefädelt. Er hatte den Puck und stürmte los, aber hat dabei alle nach rechts gezogen. Und dann hat er die Scheibe nach links gepasst.“

Schneider braucht nach so vielen Jahren für die Nacherzählung deutlich länger als die vier Sekunden, die damals zwischen dem Beginn des Angriffs und seinem wuchtigen Schuss vergehen. In seiner Rückbesinnung spielen auch Kleinigkeiten eine Rolle. Zum Beispiel, wie er Wladislaw Tretjak bezwang, den 1,85 Meter großen Major der Roten Armee, damals der beste Torwart der Welt.

„Ich war auf dem linken Flügel und habe ziemlich schnell abgezogen. Das hat Tretjak überrascht, der sich von einer Seite auf die andere bewegte. Ich wusste, dass ich den Puck gut getroffen hatte. Ich habe bewusst auf den oberen Teil des Tores gezielt. In die Ecke. Und so habe ich ihn kalt erwischt.“

Die drei Spieler bleiben allerdings nicht bis zum Schluss der Übertragung. Sie wissen, was passieren wird, sobald die Menge im Hotel nicht mehr gebannt auf den Fernsehschirm starrt, sondern auf sie. „Keiner von uns wollte, dass man herausfindet, wer wir sind.“

Es gibt für die drei keinen Grund, sich von der Stimmung mitreißen und womöglich einlullen zu lassen. Amerikas Eishockeynationalmannschaft hat zwar an diesem Abend Großartiges vollbracht, aber eigentlich noch nichts gewonnen. Erst zwei Tage später gegen Finnland geht es um den großen Preis: die Goldmedaille. Herb Brooks hämmert ihnen dies einen Tag nach dem Triumph noch einmal ein, wie Buzz Schneider sich erinnert.

„Nachdem wir die Russen geschlagen hatten, trafen am nächsten Tag Telegramme von überall her ein, und es wurden in der Umkleidekabine Schläger unterschrieben. Herb kam herein und fegte die Schläger vom Tisch. Er sagte: ‚Ihr Jungs habt noch nichts gewonnen.‘ Dann sind wir rausgegangen und haben trainiert. Wir hatten – einen Tag vor dem Spiel um die Goldmedaille – eine der härtesten Trainingseinheiten des Jahres. Er hat dafür gesorgt, dass unsere Köpfe nicht zu sehr anschwellen. Dafür, dass wir bei der Sache waren.“

Die Begegnung und die Goldmedaille gewinnen sie. Und das vor allem deshalb, weil sie einmal mehr, wenn auch relativ spät im Match, ihre überragende Kondition ausspielen und so den 4:2-Sieg sicherstellen.

Dass man vorher in mehreren Spielen immer wieder am Rand zu einer Niederlage steht, ist eine der nachdrücklichen Erfahrungen des Teams während des ganzen Turniers. Zum Beispiel zwei Tage vorher in der letzten Partie der Vorrunde unmittelbar vor der Auseinandersetzung mit den haushohen Favoriten aus der UdSSR. Gegen einen ziemlich eckigen Gegner namens West Germany liegt man nach dem ersten Drittel mit 0:2 zurück, weil Torwart Jim Craig gleich bei zwei Distanzschüssen zu spät reagiert. Derselbe Craig, der gegen die Sowjetunion wie eine Wand so gut wie alles abwehrt, was auf ihn zukommt. Was bitternötig ist. Denn die Angreifer der UdSSR dominieren. In der Statistik der Torschüsse sieht die Übermacht geradezu überwältigend aus: Die Sowjetunion verbucht 39. Die USA gerade mal 16.

Die Amerikaner kontern jedoch in den beiden restlichen Dritteln gegen die Bundesrepublik und gewinnen mit 4:2. Nicht genug für manche US-Experten, die auf einen höheren Erfolg gesetzt haben, mit dem sich das Team in der Vorrundentabelle vor die Schweden geschoben hätte und einen sofortigen Showdown mit den Sowjets vermieden.

Die amerikanischen Spieler finden solche Überlegungen unsinnig. „Worin besteht denn da der Unterschied?“ sagt Torwart Craig. „Wir müssen doch so oder so gegen sie spielen.“

Warum müssen sie das? Der internationale Eishockeyverband hat die Regeln über die Medaillenvergabe nach dem kuriosen Ausgang der Spiele von Innsbruck vier Jahre vorher verändert, bei denen die Bundesrepublik den USA die Bronzemedaille aufgrund der Berechnung eines ominösen Torquotienten weggeschnappt hat. So gibt es diesmal für die besten vier eine neuerliche Punkte-Runde mit zwei Spielen gegen die beiden Top-Teams der anderen Vorrundengruppe. Die Resultate aus den Vergleichen in der eigenen Gruppe – das Unentschieden zwischen den USA und Schweden und die 2:4-Niederlage der Finnen gegen die UdSSR – werden übernommen.

Aber zurück zu dem triumphalen Abend, bei dem das Fernsehen dem Spiel gleich auf zweierlei Weise einen besonderen Stellenwert verleiht. Es gehört zu dessen eigenwilligen Begleitumständen, wie der amerikanische Fernsehsender ABC mit dem Ereignis umgeht, dessen Kommentator Al Michaels das Spiel nach der Schlusssirene spontan zu einem Wunder hochstilisiert. Zum Miracle on Ice. Die Programmverantwortlichen haben vor dem Spiel den internationalen Eishockeyverband gedrängt, das Match in die zuschauerträchtigere Prime Time zu verschieben, aber sind auf taube Ohren gestoßen. So entscheiden sie sich kurzfristig für den Verzicht auf eine Live-Übertragung und verlegen die Ausstrahlung einfach nach hinten.

In anderen Ländern würde es als Affront eingestuft, einer ganzen Nation eine derartige künstliche Spannung aufzubürden. Doch im Kampf um Einschaltquoten scheint jedes Mittel recht. Chef-Ansager Jim McKay tut vor Beginn der Übertragung so, als sei es das Normalste von der Welt, dass der Sender den Menschen im Austragungsland der Olympischen Spiele eine solche Partie vorenthalten hat.

Es ist die Geburtsstunde dessen, was das amerikanische Sportfernsehen Jahre später im Rahmen der Berichterstattung von Olympischen Spielen immer wieder praktiziert und wird mit dem Begriff plausibly live belegt.48 „Die Ereignisse, die Sie heute Abend sehen werden, sind bereits vorbei. Möglicherweise kennen bereits mehrere Millionen das Resultat. Aber wir wollen es nicht verraten.“

Das Resultat ist das eine. Etwas ganz anderes ist die Art und Weise, wie es zustande kommt, als eine ziemlich unerfahrene Truppe mit jungen Collegespielern und lupenreinen Amateuren eine der besten Eishockeymannschaften aller Zeiten mit ihren eingespielten Berufsoffizieren bezwingt. Der Endstand: 4:3, ein knapper Sieg. Aber niemand wird nachher bestreiten, dass die Amerikaner verdient gewonnen haben. Nicht mal die Verlierer, die die Schmach, ihren Zorn und ihre Verwirrung herunterschlucken, als sie aus der Halle hinaus in die Winternacht treten.

Das Prickeln von damals ist verflogen. Dafür ist die Wertschätzung für die Akteure mit jedem Jahr ein Stückchen mehr gewachsen. Dieses eine Spiel gilt noch heute als Miracle on Ice, eine Bezeichnung, die auf den denkwürdigen Satz zurückgeht, den der Fernsehkommentator Al Michaels kurz vor der Schlusssirene in den Äther brüllt:

„Do you believe in miracles? Yes.“

„Glaubt ihr an Wunder? Ja.“

Michaels erinnert sich Jahre später in einem Video-Interview an diesen Moment, in dem er das Außerordentliche am Sieg der amerikanischen Außenseiter in einen Gedanken gießt, der das Spiel auf ewig im öffentlichen Bewusstsein verankert: „Die Zeile ‚Glaubst du an Wunder? Ja‘, ist einfach Teil meines Kommentars während der Übertragung. Ich habe deshalb Glück gehabt, dass die Leute bis heute darüber reden. Als der Film mit dem Titel Miracle gedreht wurde, haben mir die Leute gesagt, die ihn produziert haben: ‚Hey, wenn du nicht das sagst, was du damals gesagt hast, dann haben wir wahrscheinlich gar keinen Film.‘“

Diese auf den wenigen spontanen Worten eines Fernsehreporters basierende Wahrnehmung entspricht dem Platz, den das Ereignis seitdem im kollektiven Gedächtnis der Vereinigten Staaten einnimmt: Dies war nicht irgendein Eishockeyspiel. Es war das Äquivalent zu einer Schlacht in einem Krieg in einer Zeit des ständigen Säbelrasselns der beiden Atommächte. Wenn auch mit stumpfen Waffen auf einem ideologisch geprägtem Fundament. Eine Schlacht mit Eishockeyschlägern und Hartgummischeiben.

Von den beiden Gegnern hatte der eine – die Sowjetunion – kurz zuvor mit dem Einmarsch in Afghanistan gezeigt, wie man gegebenenfalls mit der Armee in einem Nachbarland einmarschiert. Während der andere – die Vereinigten Staaten – moralisch angeschlagen von einer anhaltenden Wirtschaftskrise, dem langen Echo auf das Fiasko des Vietnam-Kriegs und von der langen Geiselnahme amerikanischer Diplomaten im Iran dringend ein Anti-Depressivum mit durchschlagender Wirkung braucht.

Das Spiel wird so zum Symbol eines Wettstreits voller nationalistischer Gefühle, das die Menschen in Amerika dazu inspiriert, die jüngste Eishockey-Auswahl, die das Land je zu Olympischen Spielen geschickt hat, mit ungeheurer Ekstase und Schwärmerei aufzuladen. Ein Phänomen, das die Lake Placid News Jahre später so beschreibt: „Wir können gar nicht deutlich genug unterstreichen, wie dieses Miracle on Ice die Stimmung in Amerika veränderte. Das Wunder gab uns Hoffnung für die Zukunft. Es sorgte dafür, dass wir uns wieder besser fühlen – nach einem politisch und wirtschaftlich tristen Jahrzehnt.“

Nach dem Turnier lädt Präsident Jimmy Carter die Mannschaft nach Washington ein. Bis dahin hat keiner von ihnen eine Vorstellung davon, welche Bedeutung dieser Sieg für ihre Landsleute hat. Aber als sie im Bus auf der Fahrt vom Flughafen ins Weiße Haus erleben, wie die Menschen an den Straßen Spalier stehen und ihre Namen brüllen, sickert es allmählich ein.

„Ja“, sagt Buzz, damals einer der Leistungsträger und mit 25 der älteste im Kader. „Man hat uns immer wieder gesagt, was für ein positives Gefühl das für die Menschen war.“ Er macht eine Pause und fügt hinzu: „Aber wir haben das ebenfalls sehr genossen.“

Verständlich: Es ist ja zu allererst auch ihr ganz persönlicher Triumph. Zum Beispiel für David Christian, dessen Vater Bill und dessen Onkel Roger bei den Spielen 1960 in Squaw Valley ebenso überraschend die Goldmedaille gewonnen hatten und der 1980 seinen Teil zu einer erstaunlichen Eishockey-Dynastie beiträgt: insgesamt acht Assists verteilt über das gesamte Turnier von Lake Placid.

Ihr Trainer hatte den Erfolg von 1960 übrigens nur knapp verpasst. Er war als Stürmer Teil des Kaders. Bis er einen Tag vor dem Turnier als letzter aus dem Team gestrichen wurde. Erst bei Olympia in Innsbruck 1964 und in Grenoble 1968 kommt er zum Einsatz. In einem Dokumentarfilm des Fernsehsenders ESPN erinnert er sich später: „Als wir gewonnen hatten, schaute mein Vater rüber und sagte: ‚Sieht so aus, als hätte Coach Riley den richtigen Mann ausgewählt, oder?‘ Wahre Geschichte. Das hat mich genau zwischen den Augen getroffen.“ Die Medaille, die ihm so entgeht, sichert er sich 20 Jahre später auf eine andere Weise: in dem er die nächste Generation junger Spieler dazu bringt, ihr Bestes zu geben. Er ist genau der richtige Mann für diesen Job, den ihm der Eishockeyverband anvertraut.

Allerdings für den Rest des Landes bedeutet der Erfolg dann doch noch etwas mehr: Es ist „der großartigste Augenblick in der Geschichte des Sports des zwanzigsten Jahrhunderts“ – wie die amerikanische Zeitschrift Sports Illustrated ihn später nennt.

*

Ortstermin in St. Paul, der Hauptstadt von Minnesota, im Herbst 2019. William Conrad Schneider, Spitzname Buzz, ist zum Interview gekommen und hat nicht nur ein paar alte Trikots und die Goldmedaille von Lake Placid mitgebracht, sondern auch seinen Sohn Billy. Der Senior, inzwischen 65 und im Rentenalter, stammt aus der Gegend und wurde nach dem Ende seiner Laufbahn Immobilienmakler. Billy, mittlerweile Ende 30, arbeitet für eine Biervertriebsfirma und ist ebenfalls in Minnesota geblieben, dem eishockeyverrücktesten Bundesstaat in den Vereinigten Staaten.

Dass sie beide erschienen sind, hat einen Grund: Sie verbindet nämlich mehr als nur eine klassische Ereigniskette aus der Biologie. Der Junior wollte einst sportlich in die Fußstapfen seines Vaters treten und hatte „den Traum, für die amerikanische Olympia-Auswahl zu spielen und eine Goldmedaille zu gewinnen“.

Daraus wurde nichts, weil er irgendwann verletzungsbedingt die Karriere beenden musste. Dafür gelang ihm etwas, was nur wenige Söhne hinbekommen: Billy Schneider schlüpfte vor etwas mehr als 15 Jahren in das Trikot seines Vaters mit der Nummer 25 und spielte in einem teuren Hollywood-Film, der den Triumph noch einmal leinwandgerecht und schön melodramatisch nacherzählt, niemand anderen als ihn.

Es gab auch eine deutsche Fassung, Miracle – Das Wunder von Lake Placid, die mit einem Trailer in die Kinos kam, der vor keinem Superlativ zurückschreckte: „Wenn man Unmögliches wagt, können Wunder geschehen.“

„Das war großartig. Es war wild“, sagt Billy, der diese Rolle erst am Ende eines langwierigen Casting-Verfahrens zugesprochen bekam. „Ich hatte viel Text, war oft zu sehen. Mein Vater hat bei den Olympischen Spielen viele Tore geschossen. Also musste ich auch viele Tore schießen.“

Klassische Schauspieler kamen für die Rolle der Aktiven nicht in Frage. Um glaubwürdig rüber zu kommen, werden gute Eishockey-Spieler benötigt, wie Billy sagt, der den Regisseur überzeugen konnte. Und zwar ganz ohne Einfluss seines Vaters: „Ja, es gab sogar Hockey-Probetraining. Dreimal. Ganz so, als ob man sich für eine reguläre Mannschaft bewerben würde. Und dann haben sie die Besten ausgewählt. Am Anfang ging es also einfach nur darum, ob du spielen kannst. Wer spielen kann und gut genug ist, der wird akzeptiert.“49

Für Buzz ist an dieser Geschichte noch heute eines besonders bemerkenswert: „Dass etwas, was wir 1980 getan haben, einen Einfluss darauf hatte, dass mein Sohn in einem Film viele Jahre später mitspielt. Ich konnte gar nicht glauben, dass etwas, an dem ich beteiligt war, ihm in seinem Leben geholfen hat.“

Im Reisepass von Billy findet sich übrigens eine weitere Kuriosität. Denn Buzz Schneider wurde nach den Olympischen Spielen Profi-Eishockeyspieler, unterschrieb beim SC Bern in der Schweiz und zog zusammen mit seiner Frau Gail nach Europa. Und so erblickte Billy im Dezember 1980 auf neutralem helvetischen Boden das Licht der Welt.

Die Schneiders waren nicht die einzigen, die damals nach Europa umzogen. Auch Mark Pavelich, Nebenmann im Sturm von Lake Placid, landete in einer neuen Umgebung. Er unterschrieb beim HC Lugano, aber schaffte es nach nur einem Jahr zurück in die USA, wo er in der National Hockey League unter anderem bei den New York Rangers und den Minnesota North Stars spielt.50

Schneider, der damals vom deutschen Meistertrainer Xaver Unsinn in die Schweiz geholt wird, hat seine Zeit in Bern sehr genossen und erinnert sich noch heute gern daran. Vor allem auch an Mitspieler, die hier zu neuen wichtigen Bezugspersonen wurden. Wie zum Beispiel Roland Dellsperger, sein bester Freund im Team, mit dem er sich unterwegs die Hotelzimmer teilte. Die beiden halten bis zum frühen Tod des Eidgenossen 2013 ständig Kontakt. Auch die Freundschaft zu Renzo Holzer reißt nie ab. Nicht mal nachdem Schneider 1983 mit 28 Jahren in seine Heimat zurückkehrte und das Eishockeyspiel aufgibt. Der Mann, der mit seinen Schlagschüssen ganze Spiele entscheiden konnte, leidet an den Folgen eines irreparablen Bandscheibenvorfalls.

Auch das hervorragende Verhältnis zu den anderen Teamgefährten von Lake Placid bleibt erhalten. Die Gruppe trifft sich immer wieder zu medienwirksamen Ereignissen, mit deren Hilfe die Erinnerung an das Wunder weiter gepflegt wird. So wie im Februar 2015, als man in Lake Placid mal wieder zusammenkommt.

Immer dabei: Fernsehreporter Al Michaels: „Sie haben mich bei ihren Zusammenkünften immer wieder eingeladen und niemand sonst von außen. Die Erinnerung an dieses Ereignis hätte allerdings auch so überlebt, egal, was ich am Ende gesagt habe. Es wäre eindeutig eines der Ereignisse gewesen, an die sich Menschen für den Rest ihres Lebens erinnern. Aber die Spieler sind so dankbar, dass ich in der Lage war, das in Worte zu fassen. Und ich bin nicht nur dankbar dafür, dass ich das tun konnte, sondern auch für sie. Denn dies war ein so einzigartiges Ereignis. Etwas, was es noch nie zuvor gegeben hatte.“

Einer, der in solchen Momenten schmerzlich vermisst wird, ist der Mann, dem man vor der Eishockeyhalle in St. Paul ein Bronzedenkmal in Lebensgröße errichtet hat: Trainer Herb Brooks. Der war in den 1970er-Jahren Coach der Collegemannschaft der University of Minnesota und mit ihnen dreimal US-Meister geworden. Er hatte für die Olympischen Spiele eine Phalanx aus Repräsentanten seiner Heimatregion zusammengestellt: zwölf der 20 Spieler im Kader kamen so wie Buzz Schneider aus Minnesota. Sowie fast alle Mitglieder im Betreuerstab.

Ein Jahr nach dem Sieg von Lake Placid macht er ebenfalls einen Abstecher in die Schweiz, als er beim HC Davos einen Vertrag bekommt. Später arbeitet er in der National Hockey League und betreut die New York Rangers, dann die Minnesota North Stars, die New Jersey Devils und schließlich die Pittsburgh Penguins. Seine Rückkehr an die Bande bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City ist der Grundstein für eine Silbermedaille der amerikanischen Mannschaft. Brooks verliert am 11. August 2003 bei einer Fahrt außerhalb von Minneapolis die Kontrolle über seinen Wagen, wird herausgeschleudert und stirbt an Ort und Stelle.

„Er war der richtige Mann, der uns zur richtigen Zeit trainiert hat“, hat Ken Morrow mal gesagt, der später mit den New York Islanders viermal den Stanley Cup gewann. „Ich glaube mit jemand anderem hätten wir nicht gewonnen.“

Ein Trainer mit vielen taktischen Einfällen. Buzz Schneider: „Herb Brooks selbst hat an Olympischen Spielen teilgenommen und oft in der Nationalmannschaft gespielt. Ich weiß nicht mehr genau wie oft. Er wusste, wie die Russen und die Tschechen spielen, wie sie den Puck kontrollieren und flexibel sind, wenn es um die Positionen geht. Er hat sie lange studiert. Ich weiß, dass er einige dieser Lektionen an der Universität von Minnesota in den 70er-Jahren angewandt hat. Puckkontrolle und Positionswechsel – das war nicht das alte, traditionelle nordamerikanische Eishockey, bei dem die Flügel hoch und runter an der Bande entlang unterwegs sind. Er glaubte nicht an dump and chase. Wir wussten also, dass wir einen Vorteil hatten. Wir hatten 20 Spieler, die alle schnell waren und mit dem Puck umgehen konnten. Wir waren in sehr guter körperlicher Verfassung. Und wir konnte andere Teams mürbe machen.“

Aber Brooks ist jemand, der mit seinen eigenen Spielern sehr distanziert umgeht. „Ich glaube, er wäre sicher gerne Teil unserer Gruppe gewesen, aber irgendwie konnte er das nicht“, weiß Mike Eruzione, der Kapitän der Goldjungs von Lake Placid. Dafür befeuert er sie mit seinen Sprüchen, die die Spieler antreiben sollen. Und die Eruzione und zwei Mannschaftschaftskollegen in einem Booklet sammeln, das sie Brooksisms nennen. Es enthält jene Sätze, die nach seinem Tod im Miracle-Film genutzt werden, um seinen Umgang mit den Spielern zu illustrieren:

„Gentlemen, ihr besitzt nicht genug Talent, um ausschließlich auf der Basis von Talent gewinnen zu können.“

„Lasst uns idealistisch sein, aber gleichzeitig auch praktisch.“

„Ihr könnt nicht normal sein. Denn der normale Mensch schafft es nirgendwo hin. Ihr müsst unkonventionell sein.“

Vor dem Spiel, im engen Umkleideraum Nummer 5 vom Olympic Field House, gibt er ihnen diese Botschaft mit auf den Weg, die dem Projekt eine messianische Note gibt: „Ihr seid als Sieger geboren worden. Ihr wart dazu bestimmt, hier zu sein. Das ist euer Augenblick.“

„Ich habe mit Herb nie ein Problem gehabt“, sagt Buzz Schneider. „Er war ein Mann, der zu seinem Wort stand. Solche Leute gibt es heute gar nicht mehr.“

*

Übrigens wird in der Erinnerung an die Leistung der amerikanischen Spieler und an ihren emotionalen Erfolg meistens gerne unterschlagen, was aus dem Gegner wurde, der an diesem Freitag 1980 zur eigenen Verblüffung die vermutlich härteste Niederlage in der stolzen Geschichte des sowjetischen Eishockeys erleidet.

Es dauert Jahre, ehe man sich in Amerika dafür interessiert, das Schicksal der Geschlagenen filmisch aufzuarbeiten. Gabe Polsky, Sohn russischer Einwanderer und ein ehemaliger College-Eishockeyspieler, dreht die Dokumentation Red Army und bringt sie 2015 in die Kinos. Im selben Jahr wird die Fernsehproduktion Of Miracles and Men ausgestrahlt. Beide zeigen eindrücklich die andere Seite der Medaille: die nachhaltige Enttäuschung.

Was war damals in den zwei Stunden im Olympic Field House von Lake Placid passiert? Wie konnte eine derart glanzvolle Truppe in einem solchen Moment versagen?

Für die Spieler ist die Sache heute klar: Trainer Wiktor Tichonow, ein erfolgsverwöhnter Autokrat und genialer Kopf, hatte nach dem ersten Drittel unmittelbar nach dem Ausgleich der Amerikaner zum 2:2 völlig überraschend seinen legendären Torwart Wladislaw Tretjak vom Eis geholt und den Ersatzmann Wladimir Myschkin rausgeschickt. „Keiner im Team war glücklich über die Entscheidung“, verrät Sergej Makarow Jahre danach. „Tichonow war in Panik geraten. Er hatte sich nicht mehr im Griff.“

Zwar gehen die Sowjets danach im zweiten Drittel mit 3:2 erneut in Führung und fühlen sich zunächst scheinbar sicher. Doch die Amerikaner geben sich nicht geschlagen.

Tichonow gibt hinterher seinen Spielern die Schuld. Sie hätten sich selbst über- und den Gegner unterschätzt, giftet er seine Stars an: „Das ist eure Niederlage. Das ist eure Niederlage.“

Dass die Mannschaft beim Turnier immerhin Silber gewinnt, ist für die Verlierer kein Trost. „Ich habe meine Medaille nicht mehr“, gibt Makarow Jahre danach gegenüber dem amerikanischen Sportjournalisten Wayne Coffey während der Recherchen zu dessen Buch The Boys of Winter zu.51 „Ich glaube, sie ist in einem Mülleimer in Lake Placid gelandet.“

Anders ergeht es der Goldmedaille, die Buzz Schneider mit nach Hause bringt. Er holt sie in den vier Jahrzehnten danach ziemlich oft aus der Vitrine. Und so geht das Verbindungsstück zur Schleife kaputt, mit dem man sich die Memorabilie um den Hals hängen kann.

Kein Problem. Das Wunder ist ja vollbracht. Und das Echo darauf scheint nie wieder abzuebben.

(2021)

48 Ein Begriff, der, wie die New York Times herausfand, bei NBC Sports 1992 während der Sommerspiele von Barcelona von Chefproduzent Terry O’Neil geprägt wurde, um die Praxis zu beschönigen, aufgezeichnete Übertragungen kosmetisch so aufzuwerten und sie so zu präsentieren, als würden sie in dem Augenblick stattfinden.

49 Es war nicht die erste Verfilmung des Jahrhundert-Triumphs. Bereits ein Jahr nach dem Erfolg kam ein Dokudrama mit dem Titel Miracle on Ice ins amerikanische Fernsehen. In der Hauptrolle: der damals bereits 69 Jahre alte Hollywood-Schauspieler Karl Malden (Endstation Sehnsucht, Die Straßen von San Francisco). Ein deutlicher Kontrast zum echten Herb Brooks, der in Lake Placid gerade mal 42 gewesen war. Er wurde in der Neuauflage 2004 fürs Kino von Kurt Russell (Elvis, Die Klapperschlange), der bei den Dreharbeiten im selben Alter war wie Brooks in Lake Placid, sehr viel plausibler als komplexer Charakter auf die Leinwand gebracht. Weshalb die Produktion (Drehbuch: Eric Guggenheim und Mike Rich, Regie: Gavin O’Connor) als einer der 50 besten amerikanischen Sportfilme gilt. Das Werk von 1981 hingegen hinterließ keinen bleibenden Eindruck. Unter anderem auch deshalb nicht, weil er nach Meinung von Kritikern nicht verstanden hatte, die Essenz der Sportart Eishockey einzufangen und die zentralen Figuren erstaunlich hilflos in Karikaturen ihrer selbst verwandelt hatte.

50 In der letzten Phase seines Lebens sorgte Mark Pavelich für neue Schlagzeilen, die so gar nicht in das Image des Eishockey-Helden passten. Im Sommer 2019 wurde er verhaftet, weil er einen Nachbarn körperlich angegriffen hatte, mit dem er auf einem gemeinsamen Angelausflug gewesen war. Er wurde jedoch für nicht verhandlungsfähig erklärt und in eine geschlossene Therapieeinrichtung überstellt. Familienangehörige äußerten die Vermutung, dass er schon länger unter der Gehirnerkrankung Chronische Traumatische Enzephalopathie (CTE) litt, die zu Verhaltensveränderungen führen kann. Er nahm sich im März 2021 das Leben (siehe auch Wie viele kleine Autounfälle über die in den letzten Jahren gereiften Erkenntnisse über die Langzeitrisiken von Sportarten wie Fußball, Football und Eishockey auf Seite 297ff.

51 Wayne Coffey: The Boys of Winter – The Untold Story of a Coach, a Dream, and the 1980 U.S. Olympic Hockey Team, New York, 2005

ALLES NUR THEATER?

Amerikas berühmtester Football-Trainer war der Verfechter eines erbarmungslosen Körperkults. Ein Typ wie geschaffen für den Broadway

Rund eine Stunde ehe im fernen Dallas die Begegnung des Jahres angepfiffen wird, beginnt im Circle in the Square Theatre am New Yorker Broadway ein Rennen gegen die Uhr.

„Viele von ihnen sind Packers-Fans geworden“, sagte der Produzent der Broadway-Produktion neulich über die Schauspieler, die in ihrem neuesten Stück mit dem schlichten Titel Lombardi die Erfolgsgeschichte des berühmtesten Football-Trainers Amerikas erzählen und sie zu einem Publikumserfolg gemacht haben.

Also werden die Mitglieder des Ensembles nach dem letzten Vorhang der Nachmittagsvorstellung wie schon vor zwei Wochen vor dem Spiel um die Conference Championship von der Bühne hasten und sich abschminken, um rechtzeitig in einer der Kneipen in der Gegend einen Platz zu erhaschen und das Ganze im Fernsehen verfolgen zu können. Für sie hat das Spiel nämlich eine besondere Bedeutung: In diesem Jahr haben die Green Bay Packers, zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren den Super Bowl erreicht und greifen mal wieder nach dem schweren Goldpokal, eine Auszeichnung, die man zu Ehren des alten Packers-Trainers Vince Lombardi Trophy nennt52. Also jenes Mannes, den die Schauspieler in Manhattan aus dem altvertrauten Milieu herausgezogen und auf die Bühne gebracht haben.

Halb Amerika steht beim Finale der National Football League still. Mehr als 100 Millionen Amerikaner verfolgen das Spiel live am Bildschirm. So mancher von denen wird in solchen Momenten nostalgisch, nicht nur die Schauspieler am Broadway, die sich dieser Tage beruflich mit der Geschichte des legendären Coachs auseinandersetzen, der vor einem halben Jahrhundert den Profi-Football mit einfachen Spielzügen und schlichten, einpeitschenden Slogans geprägt hatte. Zu seinen Hinterlassenschaften gehören wahre Aphorismen-Klassiker, die heute jedes Kind in den USA kennt. Wie etwa dieser: „Gewinnen ist nicht alles, es ist ein und alles.“

Lombardis Sprüche, mit denen er seine Spieler im Stil eines aufgeblasenen Feldwebels anherrschte, klangen kaltschnäuzig und zynisch zugleich: „Niemand hat jemals wirklich Schmerzen“, sagte der autoritäre Patriarch, dessen kurzkrempiger Hut und dessen dickrandige Brille zum Markenzeichen wurden, seinen verletzten Spielern. „Schmerzen hat man nur im Kopf.“

Die knochenkrachende Sportart konnte nun mal keine Weichlinge gebrauchen. Schon gar nicht in einer Zeit, als in den USA dank Rassenunruhen, Flower Power und dem Krieg in Vietnam die gesellschaftliche Orientierung aus dem Ruder lief. „Ich denke, es gibt nur einen Weg, um Spieler in diesem Geschäft zu trainieren“, sagte Lombardi, der einst unter anderem an der Militärakademie in West Point als Assistenztrainer gearbeitet hatte. „Du musst so hart sein wie das Geschäft.“

Dass die gute alte Zeit romantisiert und ihre erfolgreichsten Repräsentanten zu Überfiguren stilisiert werden, wirkt verstörend und nachvollziehbar zugleich. Schließlich hatte Lombardi, der Sohn italienischer Einwanderer aus Brooklyn, die Packers vom schlechtesten Team der Liga zum unschlagbaren Abonnementssieger gemacht und Green Bay, die kleinste Stadt im Universum der NFL, wo man im Winter während der Saison bei Temperaturen bis zu minus 25 Grad vor ausverkauften Rängen Football spielt, zur Title Town.

Das Theaterstück am Broadway, das auf der 1999 erschienenen Biographie When Pride Still Mattered: A Life of Vince Lombardi von David Maraniss beruht, ist nur ein Teil der Kanonisierung des Mannes, der 1970 im Alter von 57 Jahren an Krebs starb.

Lombardis Vita verlief keinesfalls geradlinig. Er war ein abgebrochener Jurastudent, der mit 26 als Lehrer an einer High-School gelandet war. Dort unterrichtete er Latein, Chemie und Physik. Erst mit 41 fand er seine wahre Berufung. Da übernahm Vince Lombardi eine Position als Assistenztrainer eines New Yorker Profi-Football-Clubs.

Dies war das Sprungbrett für den großen Karriereschritt vier Jahre danach zum Cheftrainer der Green Bay Packers. In dieser Position wurde er wenig später so etwas wie der Chefideologe einer schlichten Weltsicht. Die eines autoritären Denkens – als Teamgeist verbrämt –, wie es im Volkssport American Football verankert ist.

Das Anforderungsprofil, das seine Spieler erfüllen mussten, so sagte er mal in einem Interview, bestehe aus nur drei Dingen: Familiensinn, Religiosität und Einsatzbereitschaft:

„There is three things as far as I am concerned. One is the man’s family and two is religion and number three must be the Packer football team.“

Football ist ein Spiel voller Gewalt und militärtaktischer Disziplin. Seine wichtigsten Figuren sind nicht die Gladiatoren auf dem Platz, sondern die Trainer am Rand. Feldherrn und Marionettenspieler. Mystiker und Poeten eines erbarmungslosen Körperkults.

In dieser Rolle brillierte Vince Lombardi wie kein anderer. Denn seine Packers gewannen und bestätigten auf diese Weise seine Aura, durch die er für ein paar Jahre so etwas wie der Pädagoge der Nation wurde.

Ein harter Mann in einem harten Geschäft, dessen Organisatoren sich auf eine einfache Weise bei ihm bedankten. Sie gaben dem Pokal, den die siegreiche Mannschaft beim Super Bowl erhält, seinen Namen.

Um eine solche Figur auf die Bühne zu bringen, brauchte der stämmige Hauptdarsteller Dan Lauria kaum Requisiten. Nur eine Brille, eine mit schwarzer Farbe vorgetäuschte Zahnlücke und diesen deftigen New Yorker Akzent: „We’re only here because we wanna win and when we lose we’re gone. Therefore we have to win.“

„Wir sind nur hier, weil wir gewinnen wollen. Wenn wir verlieren, sind wir weg vom Fenster. Also müssen wir gewinnen.“

Gewinnen – das war von Anfang an natürlich auch das Ziel von Eric Simonson, dem Autor des Stückes, der vor fünf Jahren einen Oskar für den Dokumentarfilm A Note of Triumph erhielt. Die Rechnung scheint aufgegangen. Die Produktion ist ein Publikumserfolg.

Ein Docudrama, wie die Zeitung USA Today nach der Premiere im Oktober schrieb – „vorhersehbar und verdaulich“. Leider beschäftigt sich das Schauspiel nur wenig mit den inneren Befindlichkeiten des Menschen Lombardi, in dem ein Vulkan gebrodelt haben muss. Stattdessen geht es einmal mehr um sein Rollenspiel als Trainer, Stratege und Phrasendrescher. Mit anderen Worten: Eine vertane Chance. So besteht die eigentliche Leistung des Bühnenwerks vor allem darin, die proletarisch geprägte Footballkundschaft an den Broadway zu locken.

Das Timing für die Produktion hätte übrigens nicht besser sein können. Denn die Packers von heute genügen zum ersten Mal seit langem wieder Lombardis Ansprüchen. Sie sind erfolgreich und haben beste Chancen, den Super Bowl gegen die Pittsburgh Steelers zu gewinnen.

In den Übertragungen vom Super Bowl erfährt man nur wenig darüber, auf welch vielfältige Weise sich in den USA immer wieder Sport und der klassische Kulturbetrieb begegnen. Dabei waren und sind dies höchst anregende und unterhaltsame Experimente. Selbst dann, wenn sie gar nicht erst versuchen, die sperrige kultische Dimension von Sport einer gebührenden kritischen Aufarbeitung zu unterziehen, sondern eher die Legendenbildung vorantreiben. Kinofilme über das Leben und Leiden von Baseball-Profis wie Babe Ruth oder Lou Gehrig oder ironische Komödien voller Sympathien für ihre Charaktere wie Bull Durham oder Slap Shot wollen ihre Zuschauer vor allem unterhalten. Die Anregung zum Nachdenken verstehen sie nicht als ihre Aufgabe.

Trotzdem nimmt immer mal wieder jemand die Folie des Sports und arbeitet sie konsequent in ein Stück Literatur ein – so wie etwa Don DeLillo in seinem Roman Unterwelt von 1997, in dem ein historischer Homerun als Zeitachse für das große Ganze dient – von den Katakomben des Kalten Krieges bis zu den Müllhalden der Zivilisation.

Zu den gelungenen Ergebnissen, Sportalltag und künstlerische Ambitionen zu verflechten, gehört übrigens ebenfalls eine Broadway-Produktion: das Baseball-Musical Damn Yankees von 1955 von Richard Adler und Jerry Ross, eine moderne Form des klassischen Faust-Stoffs. Es wurde auch in der Film-Version 1958 ein Erfolg. Ein Hollywood-Remake ist im Gespräch.

Ein Film über das Leben des Footballtrainers Vince Lombardiist seitdem ebenfalls geplant. Niemand anderer als Robert De Niro soll ihn spielen.

(2011)

Verglichen mit der Popularität des amerikanischen Sports sind Versuche, seine Themenwelt auf die Bühne zu bringen, eher dünn gesät. Immerhin: Es gibt und gab eine Reihe von Musicals wie Damn Yankees oder Good News, das ein bedeutendes Football-Spiel als Aufhänger nutzt und in den zwanziger-Jahren entstand. Es fand zu jener Zeit durchaus sein Publikum. Ebenso wie Golden Boy, ein Stoff aus dem Boxer-Milieu der dreißiger-Jahren, das in der Fassung mit Sammy Davis Jr. in der Hauptrolle 1964 Premiere hatte. Der erfolgreiche Musical-Komponist Andrew Lloyd Webber (Cats, Jesus Christ Superstar, The Phantom of the Opera) nahm 2000 mit The Beautiful Game Fußball ins Visier.

Dramen ohne musikalische Elemente gab es häufiger. Beispielsweise The Changing Room von David Storey (1973), das als Schauplatz eine englische Rugby-Umkleidekabine nutzt. Howard Sackler schrieb in den Sechziger-Jahren ein Drama vor dem Hintergrund der Rassenproblematik im Boxen: The Great White Hope. Experimente gab es auch, wie 2012 die Produktion Magic/Bird über die besondere Beziehung der Basketball-Rivalen Magic Johnson and Larry Bird, an dem Kritiker des New Yorker vor allem die eingespielten Archivvideo-Elemente gefielen. Die Inszenierung selbst wirkte in ihrem Versuch, diese beiden Sportler mit gesellschaftlich relevanten Aspekten ihrer Biographien zu verknüpfen, allerdings eher „gestelzt“.

Manchmal sind scheinbar griffige Titel eher irreführend. In Federer Versus Murray zum Beispiel spielt Tennis nur eine Nebenrolle (im Hintergrund läuft die Fernsehübertragung eines Spiels der beiden).

52 Die Green Bay Packers gewannen in diesem Jahr (2011) tatsächlich den Super Bowl – zum vierten und vorerst letzten Mal. Die Mannschaft bezwang die Pittsburgh Steelers mit 31:25.

VORNE WEG

Das Gelbe Trikot der Tour de France ist das berühmteste Stück Stoff im internationalen Sport. Ein knallfarbenes Hemd mit einer scheckigen Geschichte

Die Szene zeigt einen Mann, der sich barfuß, in T-Shirt und in kurzen Hosen betont entspannt auf seinem Sofa ausgestreckt hat. Über ihm an der Wand – ordentlich gerahmt und aufgereiht und von einzelnen Lichtkegeln angestrahlt: sieben Trikots unter Glas.

Alle gelb.

Alle mit ausgebreiteten Ärmeln.

Alle aufgeladen mit ganz viel Symbolwert und Assoziationsmöglichkeiten.

Wer den Schnappschuss aufgenommen hat, ist nicht bekannt. Klar wurde allerdings anhand des Textes, den der Mann auf dem Sofa zusammen mit der Aufnahme im November 2012 auf Twitter hochlud, was mit diesem Bild ausgedrückt werden sollte. Es sollte dem Rest der Welt, darunter den knapp vier Millionen Menschen, die ihm damals auf dem Kurznachrichtendienst folgten, eine selbstbewusste Botschaft vermitteln: Dass er, Lance Armstrong, sich in seinem eigenen Reich noch immer wie der erfolgreichste Teilnehmer in der Geschichte der Tour de France fühlte, obwohl ihn die amerikanische Anti-Doping-Agentur auf Lebenszeit gesperrt hatte. Eigentlich war in dieser Welt nichts Weltbewegendes passiert. „Ich bin wieder zurück in Austin“, hatte er geschrieben „und liege einfach nur rum.“

Was konnte es Besseres geben, um diesen Gefühlszustand mit jenen sieben Trikots zu dokumentieren, die er auf den letzten Etappen jener sieben Rundfahrten getragen hatte, die er zwischen 1999 und 2005 als Erster beendet hatte? Nichts eignete sich besser, als den Mythos eines gelben Stücks Stoffs zu instrumentalisieren, um sich auf diese Weise ein letztes Mal als Held der Landstraße zu feiern. Weshalb noch heute, in seiner Twitter-Bio die Anmerkung zu finden ist: „7 MJ’s“. Eine Anspielung an die französische Vokabel für die berühmteste Textilien im Sport: maillot jaune.

Gelb ist eine warme, aktive, männliche Farbe, sagen die Psychologen. Sie ist so hell wie keine andere Schattierung in der Palette der Natur. Sie wirkt freundlich, heiter, strahlend und regt den Geist an53. Im Fall des Gelben Trikots der Tour de France besteht ihre Ausstrahlung für noch etwas mehr. Sie ist so etwas wie der Leuchtstoff, der seit hundert Jahren den professionellen Radsport im öffentlichen Bewusstsein mit einem irisierenden Prestigeereignis verbindet. Ein Effekt, der weit über das hinausgeht, was sich die Organisatoren der Tour ausgemalt hatten, als sie auf die Idee kamen, dem Spitzenreiter des Rennens Trikot zu verpassen, dass sich farblich deutlich von den anderen absetzt.

Kaum jemand in der Geschichte der Frankreich-Rundfahrt hat diesen Werbeeffekt stärker für sich genutzt als Lance Armstrong. Der sah in diesem Hemd mehr als eine bloße Textilie. Für ihn war es das signalstarke Belegstück für seine Fähigkeit, den Radsport zu dominieren.

Wer heute in den gängigen Statistiken über die Tour nachblättert, wird feststellen, dass der Name Lance Armstrong in ihnen gar nicht auftaucht. Auch nicht in der Rangliste mit den Namen der Träger des Gelben Trikots. Dabei fand sich der, bis seine Resultate getilgt wurden, auf dem zweiten Platz der ewigen Tabelle, gleich hinter dem Belgier Eddy Merckx, dem fünffachen Tour-Sieger, der bei insgesamt 96 Etappen als Spitzenreiter ins Rennen ging. Der Texaner war insgesamt 83 Tage in Gelb unterwegs gewesen. Was besser ist als die Bilanz des Franzosen Bernard Hinault (75) und des Spaniers Miguel Indurain (60). Die Liste umfasst insgesamt die Namen von knapp 300 Radprofis und kommt nicht völlig ohne Ironie daher. Ganz hinten – mit einem einzigen Renntag als Spitzenreiter: der Belgier Johan Bruyneel, der ominöse Sportdirektor in Armstrongs Karriereabschnitt nach der Rückkehr von der Krebserkrankung und einer der Mitverantwortlichen für die Doping-Karriere des Texaners.

Wer sich mit der Geschichte des Gelben Trikots beschäftigt, kommt aber ohnehin an verqueren Sachverhalten nicht vorbei. Genauso wenig wie an der Anekdote über die Versteigerung eines signierten Armstrong-Trikots im Auktionshaus Sotheby’s in London im Sommer 2004. Das erzielte, obwohl er damals noch als unbescholtener Radfahrer zu gelten hatte, mal gerade die bescheidene Summe von 150 britischen Pfund.

Authentische Trikots von Tour-Siegern wie dem Franzosen Louison Bobet oder dem Belgier Eddy Merckx kommen auf dem Sammlermarkt hingegen auf Preise von mehr als 5.000 Euro. Das älteste erhaltene maillot jaune ist das, das der Luxemburger Nicolas Frantz (37 Tage in Gelb, Tour-Gewinner 1927 und 1928) in den Zwanziger-Jahren trug. Dessen Wert dürfte denn auch ein Vielfaches der genannten Summe betragen.

Um einige der Trikots von einst ranken sich faszinierende Episoden, angefangen mit der Geschichte, wie dieses Kleidungsstück 1919 zum ersten Mal bei der Tour eingesetzt wurde und anfänglich wie alle Trikots auch aus Wolle bestand. Bereits vor sechs Jahrzehnten begann damit, es nur noch aus Kunstfasern herzustellen. Die „Kombination aus hochtechnischem Material sowie der anatomische Schnitt gewährleisten eine ausgezeichnete Belüftung und eine gute Körperanhaftung des Trikots während der gesamten Renndauer“, sagen die Veranstalter, die gerne den Sitz und die Passform anpreisen: „Die Ärmel aus einem weichen und nahtlosen Elasthangemisch tragen ebenfalls zum Komfort der Radrennfahrer bei.“

Es handelt sich schließlich nicht um irgendein Leibchen, sondern um eine der bedeutendsten Trophäen aus der Welt des Sports. Allenfalls vergleichbar mit dem Green Jacket, das der Sieger des berühmten Masters-Golfturniers in Augusta erhält. Aber anders als bei diesem Sakko kopierten irgendwann zahllose andere Sportarten die Idee – sei es im Segeln oder in den nordischen Skiwettbewerben, ob bei den Profis oder Amateuren.

Die neuen Fasern aus Chemie waren übrigens dafür mitverantwortlich, dass die Gelben Trikots mit vielen bunten Werbeaufschriften versehen werden konnten. Die Synthetik gestattet anders als Wolle, den Stoff im großen Stil und mit allen möglichen Farben zu bedrucken und zu beflocken. Als Christopher Froome 2013 als Spitzenreiter des Jubiläums-Rennens wie geplant zum Sonnenuntergang auf den Champs-Élysées ankam, ging man noch einen Schritt weiter und verpasste ihm eine mit durchscheinenden Pailletten besetzte Variante, die im Licht der Straßenlaternen von Paris für einen besonderen Glanz sorgen sollte.

Wie alles anfing, ist eine oft erzählte Geschichte, die kurioserweise jahrelang auf widersprüchlichen Quellen basierte. Soviel war immerhin schon immer klar: Bei der ersten Frankreich-Rundfahrt im Jahr 1903 gab es das Trikot noch nicht. Der Organisator Henri Desgrange, ein ambitionierter Radfahrer, Chefredakteur des Magazins L’Auto und Mitbesitzer des Velodroms am Prinzenpark, war schon froh, dass seine Idee von einem Langstecken-Radrennen die ersten Jahre heil überstand. Nur fünfzehn Fahrer nahmen an der Premiere teil. Ein Feld, das ziemlich übersichtlich war.

Unterscheidungsmerkmale wurden erst wichtig, als Desgrange mit Hilfe eines attraktiven Prämiensystems eine wachsende Zahl von Velo-Abenteurern anlocken konnte. Und so entstand die Idee, den Spitzenreiter optisch deutlich aus dem Feld der Fahrer herauszuheben. Inspiriert hatte ihn die gelbe Papierfarbe seiner Zeitung. Der Tour-Sieger von 1913, der Belgier Philippe Thys, erzählte Jahre später, dass er der erste gewesen sei, der dieses neue Trikot tragen durfte. Falsch, sagt Serge Laget, einer der profiliertesten Kenner der Geschichte der Rundfahrt und Autor des 2018 in Frankreich erschienenen Buchs 100 ans de maillot jaune 1919-2019. Thys muss in seinen Erinnerungen etwas verwechselt haben. „Tatsächlich trug der belgische Meister das gelbe und blaue Peugeot-Trikot.“

Legat ist sicher: Der allererste war der sehr viel weniger bekannte Franzose Eugène Christophe, dem man wegen seiner 34 Jahre den Spitznamen „alter Gallier“ angehängt hatte. Er erhielt das Hemd am 19. Juli, kurz vor Beginn der elften Etappe. „Sie tragen erstmals das gelbe Trikot“, sagte man ihm. „Hoffentlich werden Sie es bis zum Ende tragen“.

Wir wissen, wie die Sache ausging: Christophe verlor nach der vorletzten Etappe in Dünkirchen die Führung an den späteren Sieger, der Belgier Firmin Lambot, abgeben. Dass ihm Christophe auch noch sein eigenes Trikot schenkt, war für Serge Laget eine bemerkenswerte „Geste außergewöhnlicher Ritterlichkeit“. Ein Moment, der das im Grunde sehr schlichte Hemd schon früh mit einer gewissen Emotionalität hätte aufladen können.

Aber dafür brauchte es Zeit. Bei seinem ersten Einsatz galt das Trikot nämlich noch als schlichte Petitesse. L’Auto erwähnte es nur dreimal, wie Claude Droussent für sein Buch Das gelbe Trikot nachzählte.

Lambot gehört übrigens zu einer kuriosen Liste von Fahrern, die es schafften, die Gesamtwertung für sich zu entscheiden, ohne auch nur eine Etappe zu gewinnen. Er war der erste und brachte dieses Kunststück 1922 fertig. Etwas, was danach insgesamt sechs weitere Radprofis wiederholten. Zuletzt Christopher Froome 2017, der in jenem Sommer deshalb nur einmal zum Fototermin in Gelb antrat: bei der Siegerehrung in Paris.

Im Kontrast dazu gab es mehrere Fahrer, denen das maillot jaune zwar zugestanden hätte, die aber ablehnten, es zu tragen. Die Gründe waren unterschiedlich, aber eingefärbt von einem leichten Pathos. Der Schweizer Ferdi Kübler in den fünfziger-Jahren zum Beispiel wollte lieber in den Landesfarben seiner Heimat in die Pedale treten – dem weißen Kreuz auf rotem Grund. Eddy Merckx verzichtete 1971 darauf, in Gelb zu fahren, nachdem der bis dahin führende Luis Ocaña aus Spanien auf der 14. Etappe gestürzt, vom hinterherfahrenden Holländer Joop Zoetemelk angefahren worden war und mit einer Schulterverletzung aufgeben musste.

Zwischendurch musste eine Lösung für ein weiteres Problem gefunden werden: Was macht man, wenn zwei Fahrer mit exakt derselben Zeit an der Spitze liegen? Das passierte 1929 zum ersten Mal und dann erneut 1931. Damals entschied man sich für eine faire Lösung: Alle Spitzenreiter, egal wie viele, fahren in Gelb. Je genauer die Uhren maßen, desto pingeliger wurden die Veranstalter. Heute geht das Trikot in einer solchen Situation an den Fahrer, der bis zu diesem Zeitpunkt im Rennen die besseren Etappenplatzierungen errungen hat.

Zwei deutsche Fahrer haben sich übrigens in Frankreich aufgrund ihrer Leistungen bei Liebhabern der Tour de France ebenfalls einen Namen gemacht. Das sind Rudi Altig, der als Rheingold bezeichnet wurde und 1962, 1964, 1966 und 1969 insgesamt siebzehnmal in Gelb unterwegs war. Und Dietrich Thurau, genannt Didi. „Rudi“, sagt Serge Legat, demonstrierte „Schauspiel, Freude, Mut und Anstrengung“. Didi brachte „Jugend und Frische“ mit.

Hingegen ruft die Armstrong-Episode im Historiker der Tour de France noch immer ein Gefühl „großer Traurigkeit“. wach. Der Amerikaner habe „die Organisatoren, den Weltverband und alle Liebhaber der Tour und das Gelbe Trikot“ verspottet und die Hemden selbst „entheiligt“, nachdem er laut verkündet hatte, er würde ihren Symbolwert respektieren. Leider habe niemand den Mut gehabt, ihn aufzufordern, die Trikots zurückzugeben, klagt Legat. „Da haben die Instanzen versagt“ und so „ein großes schwarzes Loch in der Saga rund um das Gelbe Trikot“ produziert. „Schlimmer als die Unterbrechungen aufgrund des Zweiten Weltkrieges“.

Weshalb es nur recht und billig wäre, wenn die Veranstalter die ausgegebenen Trikots wieder einzufordern. Eine Idee, die nach seinem Ausschluss vom Sport 2012 gelegentlich öffentlich erörtert wurde. Doch wer so etwas umsetzen will, muss sehr viel mehr tun, als nur darüber zu reden. Der Internationale Radsportverband hatte so etwas 2007 bereits versucht, als Bjarne Riis zugab, dass er in seinen besten Zeiten, darunter bei seinem Tour-Sieg 1996, den Blut-Booster EPO genommen hatte. Als er erfuhr, dass die Organisation Ansprüche auf die Memorabilie erhebt, ließ er sie wissen: „Das Hemd liegt bei mir zu Hause in einer Pappschachtel. Das können sie sich gerne abholen.“

Das scheint das letzte Wort in der Angelegenheit gewesen zu sein.

(2019)

53 Im Kontrast dazu wird in Deutschland Gelb seit Jahrhunderten auch als Farbe der Missgunst betrachtet („gelb vor Neid”).

FARBSTOFF – DIE DUNKLE SEITE

MIT GEBALLTER FAUST

Einst geächtet, heute geachtet: Tommie Smith und John Carlos waren die Protagonisten der symbolträchtigen Black-Power-Demonstration von Mexico City 1968. Zwei Interviews mit zwei bemerkenswerten Figuren der Sportgeschichte

Das Bild

Es gibt andere Aufnahmen aus der Geschichte des Sports, die sich konturenscharf ins Gedächtnis eingeprägt haben. Aber kein Motiv ist so wie das, das am 16. Oktober 1968 entstand. Der Endlauf hatte tagsüber stattgefunden. Kurze Zeit nach einem starken Regenschauer. Inzwischen war es Abend geworden, und die Siegerehrung für die 200 Meter unter dem nachtdunklen Himmel des Estadio Olímpico Universitario von Mexiko-City war nur ein Programmpunkt unter vielen.

Der New Yorker Fotograf John Dominis drückte damals eher routiniert und pflichtbewusst auf den Auslöser, als die Hymne erklang und die Medaillengewinner sich den Flaggenmasten zuwandten. Denn das war sein Job. „Ich habe nicht gedacht, dass es ein Ereignis werden würde, das Schlagzeilen produziert“, sagte er Jahre danach. Er hatte allerdings „beim Fotografieren kaum mitbekommen, was passiert“.

Schon gar nicht die einprägsame Signifikanz des Augenblicks: Dass die beiden Amerikaner, die den ersten und dritten Platz belegt hatten, in schwarzen Socken auf dem Podest standen, den Kopf gesenkt und eine Hand im Handschuh zum Black-Power-Gruß erhoben.

Dominis, der in seiner Laufbahn im Vietnam-Krieg im Einsatz und später beim Woodstock-Festival gewesen war und der als sehr guter Reportage-Fotograf galt, bewertete die eigene Schwarz-Weiß-Aufnahme „als kein besonderes Foto“.

So kann man sich irren. Denn wenn man nur die Gestaltungsästhetik der Abbildung bewertet, mag diese Einschätzung angebracht sein. Die New York Times berichtete damals, die Protestaktion habe vor Ort im ausverkauften Olympia-Stadion „keine große Beachtung“ gefunden.

Trotzdem wirkt die von ihm eingefrorene Szene aus einer Reihe von Gründen nachhaltig. Einer dieser Gründe: Sie enthält einen Aspekt, der den Protest der beiden Hauptakteure auf subtile Weise verstärkt. Der dritte Mann im Bild, der Australier Peter Norman auf dem vorderen Podestplatz des Zweiten, kann nämlich nicht sehen, was die beiden Sportler hinter ihm tun. Er wirkt unbeteiligt, ahnungslos und noch wichtiger: Norman ist weiß.

Einen Tag nach der Siegerehrung wurde vielen die Symbolik klar. Allen voran den schlagzeilenversessenen, angereisten Journalisten, die mit ihrem Echo mit einiger Verzögerung auf den stummen Protest ein lautes Crescendo einleiteten und das Bild nutzten, um die Menschen in den Vereinigten Staaten aufzustacheln.

„Glauben Sie, dass die Olympischen Spiele der richtige Ort sind, um so etwas zu machen? Um die Weltbühne zu nutzen?“, fragte ein BBC-Reporter die beiden Amerikaner Tommie Smith, der das Rennen in der Höhe von über 2000 Meter über dem Meer in neuer Weltrekordzeit für sich entschieden, und John Carlos, der die Bronzemedaille gewonnen hatte. Sein Kollege vom amerikanischen Fernsehsender ABC spitzte das Ganze zu einer platten Provokation zu: „Sind Sie stolz darauf, Amerikaner zu sein?“

Ihr symbolischer Akt hatte die Rassenpolitik der USA bloßgestellt. So etwas jedoch durfte nicht sein, konnte nicht sein, erzwang eine harsche Reaktion der Verantwortlichen. Und also wurden beide Sportler zwei Tage nach der Siegerehrung vom nationalen amerikanischen Olympischen Komitee geächtet und nach Hause geschickt.

Zu den wenigen Sympathisanten der beiden Athleten gehörte der amerikanische Fernsehreporter Howard Cosell, der die Verantwortlichen des NOK im Sender ABC scharf kritisierte. Bei ihnen handele es sich „im Wesentlichen um eine Gruppe aufgeblasener, arroganter, mittelalterlich gesinnter Männer, die die Spiele als eine private soziale Einrichtung für ihre kleine Clique betrachten. Sie betrachten die Teilnahme an den Spielen als ein Privileg, nicht als ein Recht, das man sich im Wettbewerb verdient hat. Sie sagen, die Spiele seien Sport, nicht Politik, etwas, das von den Realitäten des Lebens getrennt und getrennt ist. Der schwarze Sportler sagt, er führe eine Revolution in Amerika an, eine Revolution, die dem schwarzen Mann Würde geben soll, und dass er ein Mensch sei, bevor er ein Sportler sei. Er sagt, dass sein Leben in Amerika voller Ungerechtigkeit ist und dass er überall Gleichheit will, nicht nur in der Arena. Er sagt, dass er sich nicht alle vier Jahre im Namen einer Gruppe instrumentalisieren lassen will, die ignoriert, was ihm jeden Tag in all den Jahren widerfährt. Er sagt, dass er sich die Teilnahme verdient hat, dass er fair gewinnt und dass er seine in der Arena erworbene Prominenz nutzen wird, um seine Lage außerhalb der Arena zu verbessern…Und so sind die Olympischen Spiele für die Vereinigten Staaten von Amerika zu einer Art Mikrokosmos geworden, ein zerrissenes Land.“

Die politische Dimension

Man kann die Geschichte dieses einen Moments übrigens nicht erzählen, ohne zu erwähnen, was ein Jahr davor in den Vereinigten Staaten passiert war. Im Juni 1967 waren Unruhen sowohl in Atlanta, Boston und Cincinnati als auch in Buffalo und Tampa ausgebrochen. Einen Monat später waren Aufstände in Birmingham und Chicago aufgeflackert und nach New York City, Milwaukee und Minneapolis übergesprungen. Doch das war nichts gegen die aufgestaute Wut der Menschen, die sich in Newark und Detroit entzündete. Es handelte sich um einen gewalttätigen Protest, bei dem ganze Straßenzüge in Flammen aufgingen und es zu Plünderungen kam. Mehr als 7000 Menschen wurden festgenommen. 43 Menschen starben, als tausende von Soldaten eingesetzt wurden, um die Revolte niederzuschlagen. In amerikanischen Geschichtsbüchern wurde diese Phase später der „long, hot summer of 1967“ genannt.54

Der Aufstand der unterdrückten schwarzen Minderheit in den Vereinigten Staaten hatte eine alltägliche Erfahrung bloßgelegt: das Gefühl von Ohnmacht angesichts von alltäglichem offenen Rassismus und von Diskriminierung, Armut und Massenarbeitslosigkeit.

Eine Situation, die die Weltklasse-Leichtathleten, die im Herbst 1967 an der Universität San Jose State die Bekanntschaft eines jungen Soziologie-Professors namens Harry Edwards machten, aus eigener Erfahrung kannten. Mit einem Unterschied zu vielen anderen ihrer schwarzen Landsleute: Sie besaßen als Studenten ein stärker entwickeltes Politikverständnis. Weshalb sie das Olympic Project for Human Rights gründeten und eine Idee vorantrieben: den Boykott der Olympischen Spiele in Mexiko-City. Es kam dann allerdings anders.

DIE INTERVIEWS
1. JOHN CARLOS

Vierzig Jahre nach der Protestaktion ergab sich im Sommer 2008 in Palm Springs, dem damaligen Wohnsitz von John Carlos, die Gelegenheit zu einem ausführlichen Gespräch. Die Fragen drehten sich nicht nur um die Hintergründe und die Folgen der Aktion, sondern auch um ein Ereignis, das nur wenige Wochen danach stattfinden würde: die Olympischen Spiele in Peking, die wegen der Menschenrechtssituation in China eine ähnliche Dimension hatten wie die von 1968. Auch von Boykott war in jenen Tagen gelegentlich die Rede. Carlos war damals 63 Jahre alt und noch immer ein energiegeladener, selbstbewusster Gesprächspartner.

Wie war die Stimmung Ende der sechziger-Jahren unter den schwarzen Sportlern in den Vereinigten Staaten?

Das waren sehr provokative Zeiten. Wir waren mit dem Vietnam-Krieg konfrontiert. Wir haben gesehen, wie Menschen wie Robert Kennedy und Dr. Martin Luther King ihr Leben verloren haben. Es war die Ära, in der es um Menschenrechte ging. Die Athleten mussten erkennen, dass sie das sehr wohl auch betraf.

Um was ging es Ihnen damals konkret?

Wir waren alarmiert wegen des Vietnam-Kriegs, wegen der Behandlung von Muhammad Ali, dem sie am grünen Tisch den Weltmeister-Titel abgenommen hatten, weil er den Kriegsdienst verweigert hatte. Wir hatten Forderungen bezogen auf die Gleichbehandlung von Schwarzen und Menschen anderer Hautfarbe im Bildungswesen, beim Zugang zu Wohnmöglichkeiten und in der Arbeitswelt.

Wie sah es für die schwarzen Leichtathleten in der Nationalmannschaft aus? Noch 1956 hatten die Vereinigten Staaten bei den Olympischen Spielen die Rassentrennung praktiziert. Fühlten Sie sich gleichwertig?

Es war alles auf den weißen Athleten ausgerichtet. Zum Beispiel die Produkte, die sie uns im Kulturbeutel gaben. Ich habe gesagt: „Warum geben Sie uns das?“ Ich brauche keine Sonnenschutz-Lotion. Was ich brauche ist vielleicht ein Afro-Kamm oder ein Afro-Gel für die Haare. Etwas, das dafür sorgt, dass ich mich wohl fühle, wenn ich die Vereinigten Staaten repräsentiere. Als die erste Bahn mit Synthetikbelag in San Jose gebaut wurde, war klar, weshalb sie uns die gegeben haben. Wir waren die besten Sprinter im Land, auf der Welt, wenn man es genau nimmt. Aber als es um die Werbung ging, wollten sie nur Weiße vor die Kamera stellen. Wir haben gesagt: „Was ist das Problem? Wir brechen die Weltrekorde.“ Sie haben uns gesagt: „Ihr seid Amateure, ihr könnt nicht einfach Geld nehmen.“ Ich habe erwidert: „Nun, meine Frau war kein Amateur, nimm meine Frau für die Werbespots. Nimm meinen Bruder, meine Schwester, nimm irgendeinen Farbigen.“ Wir haben uns schlecht gefühlt, dass wir Druck machen mussten. Wir sind für Amerika gelaufen, weil wir Amerika lieben. Aber Amerika hat uns auf vielerlei Weise gezeigt, dass es nicht die gleiche Liebe für uns empfand.

Es kam vor den Spielen 1968 zu einer Diskussion unter den schwarzen Athleten darüber, ob es besser sei, geschlossen nicht nach Mexico City zu fahren. Was war der Tenor der Diskussionen?

Wir hatten einige heiße Debatten. Das fing schon damit an, dass nicht jeder den gleichen Wissensstand besaß. Es gab welche, die gesagt haben: „Warum wollt ihr die Spiele boykottieren? Für mich ist alles in Ordnung.“ Also mussten wir erst einmal diesen Leuten erklären: „Wisst ihr eigentlich, was Rassismus ist? Wisst ihr, wie das ist, wenn man in aller Öffentlichkeit boy oder nigger genannt wird? Denkt ihr, wenn ihr das oft genug erlebt habt, das sei ganz normal?“ Wir mussten einigen erst begreiflich machen, dass man diese Beschimpfungen nicht einfach akzeptieren durfte.

Wie gingen die Debatten zu Ende?

Wir hatten eine regelrechte Abstimmung. Aber zu dem Zeitpunkt haben viele gesagt, dass sie ihren Eltern, ihrer Kirche, ihren Freunden versprochen hatten, an den Start zu gehen. Wir konnten diesen Leuten nicht sagen, sie hätten gefälligst ihren Traum wegzuwerfen. Alles was wir tun konnten, war die Karten auf den Tisch zu legen und die Notwendigkeit eines Boykotts zu erklären.

Sie waren für den Boykott?

Ja, ja.

Weshalb?

Wenn man sich anschaut, wie viele schwarze Amerikaner in wie vielen Kriegen für die Vereinigten Staaten gekämpft haben, fragt man sich: Wenn wir gegen Krieg sind, wo wäre Amerika eigentlich, wenn wir nicht mitmachen und wenn wir nicht unsere Kinder schicken? Das gleiche gilt für die Olympischen Spiele. Wenn wir sagen: Nein, wir machen nicht mit. Wir erlauben unseren Kindern nicht, an den Qualifikationen teilzunehmen. Wo wären die Vereinigten Staaten dann? Wir sind ein bedeutender Teil dieses Landes. Aber dann von der Front zurückzukehren, ob aus dem Krieg oder von den Spielen, und zu Hause nicht einfach jedes Restaurant betreten zu können und nicht zu jedem Vermieter ins Büro gehen zu können, weil du schwarz bist – das war ein Thema. Das wollten wir kommunizieren, auf eine friedliche Weise. Wenn du etwas boykottierst, dann bombardierst du niemanden und du schießt auf niemanden.

Was hätten Sie durch einen Boykott gewonnen?

Anders herum gefragt: Was gab es zu verlieren? Wollen wir doch mal realistisch sein: Die Medaille, das war eine Mohrrübe. Diese 15 Minuten in der Sonne.

Aber viele ihrer Mannschaftskollegen sahen das anders.

Ja, im Rückblick würde ich keinen Boykott mehr billigen. Aber aus einem anderen Grund. Das 68er Team wurde mit einem so negativen Image belegt, nur weil wir ernsthaft die Möglichkeit eines Boykotts diskutiert haben. So viele Sportler haben darunter gelitten. Das möchte ich nicht noch einmal erleben. Also, wenn man etwas tun muss, dann auf eine andere Art und Weise.

So blieb Ihnen nur eine persönliche Protestaktion.

Ja, tief in mir wusste ich: Es brauchte eine Demonstration. Ich wollte etwas tun, was außergewöhnlich wirkt und das – noch viel wichtiger – gewaltfrei ist. Ich habe Tommie Smith angesprochen. Und der Rest ist Geschichte.

Waren Sie auf die Gegenreaktionen und die persönliche Diskriminierung nachher vorbereitet?

Ich wusste, dass es stürmisch wird. Was ich nicht kommen sah, war die Ächtung, die meiner Familie widerfuhr. Die hatte einen größeren Einfluss auf mich als die Schläge, die ich abbekommen habe. Ich persönlich hatte Schwierigkeiten, gute Jobs zu finden oder sie zu behalten. Denn wenn sich nach ein paar Wochen oder Monaten herumsprach, wer ich war, wurde ich entlassen. Ich musste sehr lange in mich gehen, um das alles zu verstehen. Das bringt dich zum Glauben. Gott wird dich nicht verlassen. Glauben und Familie, das wurden meine Schutzschilde, wenn man das so nennen will.

Worin bestand eigentlich konkret der Vorwurf an Ihre Adresse?

Meine Schuld bestand darin, dass ich schwarz bin. Ich hatte nichts Falsches getan. Als David Wottle 1972 in München auf dem Siegespodest stand und seine Mütze aufbehielt und sich abwandte, hat man das entschuldigt. Er hatte nichts falsch gemacht, außer der amerikanischen Flagge den Respekt zu verweigern. Das wurde akzeptiert. Als Weißer hätte ich nicht annähernd soviel Aufregung verursacht. Ein Schwarzer aber hat in Amerika gefälligst nicht zu demonstrieren.

Auf dem berühmten Bild sieht man: Sie tragen einen Handschuh und Sie halten Ihre Schuhe in der Hand.

Okay. Lassen Sie uns darüber reden. Warum der Handschuh? Diese Spiele wurden zum ersten Mal in Farbe im Fernsehen übertragen. Wir wollten keinen Zweifel daran lassen, wen wir repräsentieren: den schwarzen Mann. Also haben wir schwarze Handschuhe angezogen. Ich habe eine Halskette getragen, um zwei Dinge zu zeigen: meine Liebe zur Gesellschaft und zugleich, dass Schwarze im Süden der Vereinigten Staaten gelyncht worden waren. Warum schwarze Socken und keine Schuhe? Wir wollten die schwarze Armut illustrieren. Die Puma-Schuhe: Ich habe als Junge in New York beim amerikanischen Puma-Vertrieb gearbeitet. Die Puma-Leute haben Schuhe kostenlos an Kinder verteilt, die sich keine leisten konnten. Sie haben vielleicht gedacht: „Wir helfen ihnen und irgendwann helfen sie uns.“ Meine Vergangenheit mit Puma hat mir das Gefühl gegeben, wir sollten deren Schuhe auf dem Podest dabei haben. Und dann hatten wir den Button angesteckt vom Olympic Project for Human Rights, weil wir klar machen wollten, dass es nicht nur um schwarz und weiß geht. Sondern um die gesamte Menschheit. Aber die Presse hat eine Art, die Dinge schief darzustellen, um Leute das glauben zu machen, was sie selbst glaubt.

Es war eine spontane Aktion?

Die Idee entstand erst nach dem Semifinale. Da habe ich Tommie Smith gesagt, was ich vorhabe. Die Demonstration war mir wichtiger als das Rennen selbst. Aber ich wusste auch, dass Herr Smith nicht mitmacht, wenn ich das Rennen gewinne. Und das wäre nicht halb so wirkungsvoll gewesen.

Aber Sie mussten mindestens Dritter werden, um überhaupt aufs Podest zu kommen. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie in den Startblöcken saßen?

Während meiner Laufbahn hatte ich viele Partner überall im Land, die auf meine Rennen gewettet haben. Ich habe mir ihretwegen Sorgen gemacht und viele angerufen und sie gewarnt: „Hey, wettet nicht. Ich weiß nicht, was ich machen werde.“ Was ich vorhatte, war, bis zum Ende der Kurve volles Tempo gehen, um allen zu zeigen, dass ich gewinnen kann, und dann zu drosseln. Die Überraschung war Tommie. Der hatte sich angeblich vorher einen Oberschenkel gezerrt, aber zuckte nicht mal mit der Wimper. Er schoss an mir vorbei. Die letzten zehn Meter habe ich über Peter Norman nachgedacht. Aber ich habe nicht geahnt, dass ich Dritter würde. Nach dem Zieleinlauf habe ich mich trotzdem für ihn gefreut. Ein weißer Junge, der exakt 20 Sekunden gelaufen war. Ich mochte Peter. Er war ein draufgängerischer Typ, selbstbewusst und ein verdammt guter Läufer. Als ich sah, dass ich ebenfalls exakt 20 Sekunden gelaufen war, war ich noch stärker beeindruckt. Ich wusste, ich hatte an diesem Tag 19,3 Sekunden drin – und zwar leicht – und hatte nicht durchgezogen.

Der Mann mit der bis dahin schnellsten Zeit über 200 Meter hatte sein Rennen verschenkt.

Richtig. Es war meine Entscheidung. Ich laufe nicht für die Mohrrübe. Ich bin nicht der Typ, der sagt: Leichtathletik ist mein Leben. Es ist einfach nur gut, dass ich dabei war und dass ich ein Vermächtnis hinterlassen habe. Als ich zum Siegespodest ging, sah ich, wie Peter und Tommie die Reißverschlüsse ihrer Trainingsjacken zugemacht haben. Ich habe meine Jacke absichtlich offen gelassen. Ich wollte Arbeiter wie meinen Vater, einen Schuhmacher, repräsentieren. Das waren die Menschen, die ich kannte: den Eisverkäufer, den Elektriker, den Straßenarbeiter, den Mann, der im Park das Laub zusammenharkte. Die ganz gewöhnlichen Arbeiter, die dafür sorgen, dass sich die Erde dreht, die aber nie eine Anerkennung dafür erhalten. Sie haben Familien. Sie haben Ideale. Und die meisten von ihnen sind Angehörige von ethnischen Minderheiten.

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
461 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783964230799
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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