Kitabı oku: «Begraben in Wuppertal»
Jürgen Kasten
Begraben in Wuppertal
Kriminalroman

Zum Buch
Dem Mythos auf der Spur Chefermittler Fiebig hält nichts vom Hype um das Bernsteinzimmer, das sich angeblich im Höhlensystem unter der Parkanlage Hardt in Wuppertal befinden soll. Wuppertals Oberstadtdirektor Dr. Schaumlöffler genießt hingegen das mediale Interesse an der Schatzsuche. Erst als die Nachforschungen zu lange dauern, untersagt er weitere Aktivitäten. Doch davon lässt sich der Hobby-Historiker Kotthausen nicht abbringen. Als er versucht, nachts in eine Höhle einzubrechen, wird auf ihn geschossen. Am Tatort werden Spuren gefunden, die in Verbindung zu alten, bisher ungelösten Mordfällen stehen. Fiebig, seine Kollegin Elke Fassbender und der Journalist Lars Lombardi versuchen, in Wuppertal und im Bergischen Land, in Dresden, Leipzig und sogar in Tschechien Puzzelsteinchen zusammenzufügen, bis sie den Täter zu kennen glauben. Doch der scheint ein Phantom zu sein. Eine rätselhafte Suche auf den Höhen und in den Tiefen Wuppertals beginnt, die Fiebig zu überfordern scheint.
Jürgen Kasten wurde in Berlin geboren, wuchs im Ruhrgebiet auf und lebt nun bereits viele Jahre in Wuppertal. Während seiner beruflichen Laufbahn bei der Polizei hat er Umwelt- und Korruptionsdelikte bearbeitet, war Leiter von Mordkommissionen und zuletzt Chef des Kommissariats für Tötungs- und andere Gewaltdelikte. Seit 2007 ist er Mitautor des Kulturmagazins musenblaetter.de, veröffentlichte Kurzgeschichten und Kriminalromane. Er ist im Schriftstellerverband Bergisches Land aktiv und Mitglied des »Syndikat«. »Begraben in Wuppertal« ist sein zweiter Kriminalroman im Gmeiner-Verlag.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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2. Auflage 2020
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © hespasoft / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6598-7
Prolog
»Boah, du nervst!«, schrie Sarah ihrer Mutter entgegen. »Ich hau ab!«
Die Mutter rührte sich nicht. Sie lag auf der Couch, das Gesicht mit einem Handtuch abgedeckt. Im Hintergrund dudelte ein Radio.
»Mach doch«, murmelte sie schwach. Sie war nicht in der Lage, ihrer 14-jährigen Tochter mehr entgegenzusetzen. Am liebsten wäre sie gestorben. Wieder einmal. An diesem 28. April 2001 starb stattdessen Evelyn Künneke. Die Nachricht drang zu Sarahs Mutter durch, weil gleich darauf »Hoppe, Hoppe Reiter« angespielt wurde. Das Lied erinnerte sie immer schmerzhaft an ihren geliebten, früh verstorbenen Vater. Evelyn Künneke hatte es 1995 noch einmal als Techno-Version aufgenommen. Tränen schossen ihr in die Augen. Ihre Gedanken hingen fast nur noch in der Vergangenheit. Dass sie eine ausgeprägte Depression hatte, wollte sie nicht wahrhaben. Professionelle Hilfe nahm sie nicht in Anspruch. Lieber griff sie zu Tabletten, die allerdings nicht halfen. Im Laufe der Zeit hatte sich deshalb außerdem eine Medikamentenabhängigkeit eingeschlichen.
*
Sarah fühlte sich alleingelassen. Einen Vater gab es in ihrem Leben schon lange nicht mehr. Die 14-Jährige war nicht in der Lage, den Zustand ihrer Mutter richtig einzuordnen, geschweige denn, ihr zu helfen. Sie hatte ihre eigenen Probleme. Ihre Mutter fand sie nur nervig. Genauso wie den kauzigen Nachbarn Kotthausen, ein Lehrer, der ihr gelegentlich Nachhilfestunden gab. Das half ihr zwar einigermaßen, in der Schule über die Runden zu kommen, ob sie aber die achte Klasse auf der Realschule Berghauser Straße erfolgreich beenden würde, blieb zweifelhaft. Die lange Liste ihrer Fehlstunden könnte das noch verhindern. Daran dachte Sarah aber gar nicht. Ihr war das alles reichlich egal. An diesem Samstag spielte das ohnehin keine Rolle.
Sie haute nicht das erste Mal von zu Hause ab. Meistens griff man sie in Solingen wieder auf. Die Nachbarstadt war ihr liebstes Ziel, lieber als das verschlafene Cronenberg. Dort traf sie Gleichgesinnte, die ähnliche Probleme hatten wie sie. Von denen fühlte sie sich verstanden.
Das Turmzentrum und der Platz vor dem Karstadt hatten es ihr angetan. Dort traf man sich. Entwurzelte Jugendliche, Obdachlose und Fixer. Manchmal blieb sie mehr als einen Tag verschwunden. Ein Schlafplatz fand sich immer irgendwo bei irgendwem.
An diesem 28. April 2001 meinte es das Schicksal nicht so gut mit ihr. Es regnete, ein unangenehmer Wind blies, vergeblich schaute sie sich nach einem bekannten Gesicht um. Überdies war sie auf der Hinfahrt im City-Express kontrolliert worden. Sie besaß keine gültige Fahrkarte und hatte zwei Stationen vor dem Busbahnhof am Turmbau aussteigen müssen.
»Die Anzeige wegen Schwarzfahrens kommt schriftlich«, hatte ihr der knurrige Kontrolleur mit auf den Weg gegeben.
Eine Zeit lang stand sie unschlüssig herum, hatte sich vor dem Regen in den Eingangsbereich des Karstadt zurückgezogen. Niemand in der Nähe, von dem sie eine Zigarette schnorren konnte. Zögernd überquerte sie schließlich die Straße, um in den Fußgängerbereich der City zu wechseln. Neben ihr hielt ein roter Wagen. Die Beifahrertür wurde aufgestoßen und eine bekannte Stimme rief: »Sarah, steig ein, ich fahr dich nach Hause.«
Erschrocken zuckte sie zusammen. Scheiße, sie kannte den Typen. Erst wollte sie ihn ignorieren und wegrennen. Doch ihr fiel ein, dass er sie bestimmt beim Amt anschwärzen würde. Schon beim letzten Mal hatten die gedroht, sie in ein Heim zu stecken. Dann doch lieber nach Hause, zurück zur Psycho.
Sie stieg ein. Er grinste sie an. Wenigstens saß sie nun im Trockenen, aber er sollte ja nicht wieder versuchen, sie zu befummeln. Diesmal wäre sie gewappnet.
Sarah tastete nach ihrer langen spitzen Nagelfeile in der Jackentasche. Mit der anderen Hand wischte sie sich die nassen Haare aus der Stirn.
Mit verkniffenen Lippen lehnte sie sich zurück, schloss die Augen. An einem Gespräch war sie nicht interessiert.
Erst als der Wagen über Schotter hoppelte, blickte sie wieder auf. Sie waren in einen Waldweg eingebogen.
»Beim Bundeskriminalamt sind mehr als 13.000 Vermisste registriert. Täglich kommen 250 bis 300 hinzu. Mindestens 80 Prozent erledigen sich nach kurzer Zeit, weil die Vermissten wiederauftauchen.«
Hinter dem Tresen der Polizeiwache am Rathaus in Cronenberg stand ein mild lächelnder Beamter, der sein Wissen zum Besten gab. Eigentlich meinte er aber, dass es sich nicht lohne, den ganzen Papierkram anzufangen, weil Sarah morgen sowieso zurück sein würde.
»Das hilft uns jetzt auch nicht weiter«, widersprach Kotthausen.
Er hatte Sarahs Mutter mit zur Wache geschleppt, denn die hatte überhaupt noch nicht realisiert, dass ihre Tochter nun schon seit drei Tagen verschwunden war.
»Bisher ist die doch immer nur nach Solingen abgehauen und dort vom Jugendamt aufgegriffen worden«, versuchte der Beamte abzuwiegeln, nachdem er seinen Computer mit Sarahs Namen gefüttert hatte. Er schien wenig Lust zu haben, das Formular umsonst auszufüllen.
»Drei Tage war sie noch nie weg.«
Kotthausen wollte sich nicht abwimmeln lassen.
»Wer sind Sie überhaupt?« Der Beamte schaute ihn fragend an.
Er wirkte gereizt.
»Ich bin ein Nachbar«, sagte Kotthausen, »ich habe Sarahs Mutter nur begleitet.«
Die Frau nickte abwesend.
»Nun gut, ich nehme erst einmal eine vorläufige Vermisstenanzeige auf. Morgen ist Feiertag, 01. Mai. Wenn Sarah dann immer noch nicht zu Hause ist, gehen Sie am Mittwoch direkt ins Präsidium zum zuständigen Kommissariat und nehmen ein Foto von dem Kind mit.«
Seufzend setzte er sich an den Computer und suchte in den Formularvordrucken das richtige heraus.
Kotthausen schaute sich derweil in dem kargen Wachraum um. An einem schwarzen Brett hing ein kleines rot umrandetes Poster.
Vermisst wird seit dem 12. Februar 2001 die 15-jährige Lisa Niewöhler. Auf ihrem Schulweg wurde sie zuletzt in Höhe der Haltestelle Rathaus Cronenberg gesehen. Sie war bekleidet mit …
»Die ging auch in Sarahs Schule.« Kotthausen zeigte in Richtung des Fotos, unter dem der Text stand.
Der Beamte schaute gar nicht hin.
»Die wird wirklich vermisst«, murmelte er, »seit drei Monaten unauffindbar.«
»Gibt es keine Hinweise, wo sie sein könnte?«, fragte Kotthausen.
»Keine Ahnung. Das können Sie die Kollegen von der Vermisstenstelle fragen.«
Kotthausen ging näher an das Foto heran. Das Bild erinnerte ihn an Sarah. Lange blonde Haare, Stupsnase und in ihren Augen spiegelte sich Trotz.
Gibt es keinen anderen Ausweg, als abzuhauen, wenn man zu Hause nicht mehr klarkommt?, fragte sich Kotthausen. Sind die Familien so kaputt, dass sie nicht mehr in der Lage sind, anständig miteinander zu kommunizieren? Gibt es niemanden, der hilft?
Kotthausen half, wo er konnte. Selbst in den Klassen seiner Grundschule gab es Kinder, die auffällig waren. Er versuchte zu ergründen, woran es lag. Er suchte die Eltern zu Hause auf, zwang sie zum Gespräch. Gern gesehen war er selten. Das machte ihm nichts aus. Er fühlte sich verpflichtet, wollte glückliche Kinder um sich haben.
»Du wärst besser Sozialarbeiter geworden«, warf ihm seine Frau oft vor. Sie missbilligte seinen permanenten Einsatz, der einen Großteil seiner Freizeit vereinnahmte. Dass seine Ehe daran zugrunde gehen sollte, ahnte er nicht.
Kapitel 1
Viele Jahre später konnte Heinz-Günther Kotthausen trotz der tragischen Ereignisse von damals auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Wenn er durch seine alten Fotoalben blätterte, sah er eine glückliche Kindheit und Jugend in Cronenberg, dem abgelegenen Stadtteil Wuppertals, das an die Nachbarstädte Remscheid und Solingen grenzte. Dort oben auf dem Hügel, umgeben von Wäldern, lebte ein kriegerisches Bergvolk. So spotteten etliche Elberfelder, die sich und ihren Stadtteil als die Metropole Wuppertals betrachteten. Dass die Barmer im Osten des Tals für sich das Gleiche einforderten, scherte sie wenig. Die Cronenberger jedoch fühlten sich erhaben über alle. Dort wuchs Kotthausen auf, dort ging er in den Kindergarten, in die Schule, machte eine Lehre als Maschinenschlosser in einer der zahlreichen kleinen Werkzeugfabriken. Jetzt war er Pensionär, denn er hatte im Abendstudium das Abitur nachgeholt und danach auf Lehramt studiert.
Ein Mann von Welt sah anders aus. Mit seiner abgewetzten Cordhose, der zerknitterten Jacke und den stumpfen Lederschuhen gab er den Anschein einer schludrigen Person. Die bunten Flecken auf seinem Pullunder vervollständigten diesen Eindruck. Sie verrieten seine letzte Mahlzeit: irgendetwas mit Tomatensoße. Die zu langen grauen Haare hingen ihm in die Stirn, die Brille saß schief auf seiner großen Nase. In früheren Jahren war er Bartträger gewesen. Das machte ihn alt, entschied er irgendwann und rasierte ihn ab. Seine jetzige Erscheinung ähnelte dem Klischee eines zerstreuten Professors, würde so mancher sagen und läge damit ja nicht ganz falsch.
In Wahrheit war seine korrekte Berufsbezeichnung: Grundschullehrer. Als solcher blieb er in Cronenberg haften, lernte dort seine Frau kennen und verlor sie später in Elberfeld vor dem Amtsgericht im Rahmen eines Scheidungsprozesses. Er hatte immer geglaubt, dass sie eine glückliche Ehe führten. Seine Frau war offensichtlich anderer Ansicht. Nach fast 30 Jahren verließ sie ihn – und stieß ihn damit vor den Kopf.
Im weiteren Leben war es das Arbeiten, das ihm Halt und Zufriedenheit bot, wie zuvor auch schon. Das war es ja, was seine Frau ihm vorgeworfen hatte. Seine Arbeit.
Dabei endete seine Tätigkeit als Lehrer bereits am frühen Nachmittag. Er übte sie mit Leib und Seele aus. Doch das war ihm nicht genug. Mindestens an drei Nachmittagen der Woche kümmerte er sich auch noch um das Seelenheil der Nachbarn, die vom Leben überfordert zu sein schienen. Und um deren vernachlässigte Kinder, damit die wenigstens einigermaßen den schulischen Anforderungen genügten. Eigene Kinder hatte er nicht.
Seine Frau kam erst an zweiter oder dritter Stelle, denn er brauchte ja auch noch Zeit für sein Hobby: verschwundenen historischen Schätzen auf die Spur zu kommen – bisher ohne nennenswerten Erfolg.
Was an dieser Leidenschaft, diesem Eifer verkehrt sein sollte, verstand er nicht und seine Frau verstand ihn nicht.
Jetzt war sie weg, lange schon.
Ohne Wehmut richtete Kotthausen sich auf ein Leben ohne Frau ein, was ihm nur anfangs schwerfiel. Seine Wäsche hatte er nun allein zu waschen. Kochen musste er lernen. Er beschränkte sich auf Eintöpfe. Als ihm sein Speiseplan zu eintönig wurde, bediente er sich bei »Essen auf Rädern«.
Auch das gehörte nun der Vergangenheit an. Direkt nach seiner Pensionierung kehrte er Cronenberg den Rücken. Zurück blieben verblasste Erinnerungen und seine betagte Schwester, die allein das Haus ihrer verstorbenen Eltern bewohnte.
Mitte der 2000er-Jahre war Kotthausen dem Ruf einer Werbekampagne gefolgt, die sich findige Leipziger Stadtväter ausgedacht hatten. Sie warben um neue Einwohner und lockten mit billigen altengerechten Wohnungen. Nun also wohnte Kotthausen in Leipzig, hatte sich in ein generationsübergreifendes Wohnprojekt eingekauft und frönte dort seinem Hobby. Auf den Visitenkarten, die er sich drucken ließ, stand »Historiker«. Als solcher besuchte er bereits vor einigen Jahren seine alte Heimatstadt Wuppertal. Damals blieb sein Suchen ergebnislos. Nun aber glaubte er, neue Beweise zu haben.
Das legendäre, seit dem Kriegsende aus Königsberg verschwundene Bernsteinzimmer zog ihn zurück in das Tal der Wupper. Mehr denn je war er davon überzeugt, dass es sich irgendwo in der Stadt verbergen musste. Bisher war die Suche nicht von Erfolg gekrönt. Doch vielleicht hatte er hier, im letzten noch nicht durchsuchten Tunnel Glück. Die Hardt-Kaverne und das weitverzweigte Höhlenlabyrinth schienen ihm der richtige Ort zu sein.
*
Die schweißnass auf der Stirn klebenden Haare schob er zum wiederholten Mal beiseite. Ratlos schaute er auf den vor ihm liegenden Tunneleingang.
Sah nur wie eine leichte Metalltür aus. Doch wo auch immer er den Hebel ansetzte, es bewegte sich nichts. Handwerkliches Geschick war ihm trotz seiner früheren Ausbildung nicht gegeben. Wütend trat er gegen das störrische Eisending.
Vielleicht könnte er die Hebelwirkung erhöhen, wenn er sich auf das Stemmeisen stellte? Immerhin brachte er knapp 100 Kilo auf die Waage. Er bückte sich, um das Eisen an der unteren Türkante anzusetzen. Ein trockener Knall ließ ihn überrascht aufschauen. Bewegte sich die Tür schon?
Nee, keinen Millimeter rührte sie sich.
Ein Motorrad schoss unten auf der Straße vorbei. War wohl eine Fehlzündung gewesen, die er gehört hatte.
Schnaufend richtete er sich wieder auf, stützte sich mit einer Hand an der Tür ab, wischte mit der anderen noch einmal Schweiß von der Stirn. Hilfesuchend blickte er zum Vollmond hinauf. Der ihn umgebende Nebel verlieh der gelben Scheibe das Aussehen eines in der Luft hängenden Spiegeleis. Hilfe konnte er von dort nicht erwarten. Dafür bemerkte er ein wackeliges Licht, das sich langsam näherte. Ein nächtlicher Radfahrer schlingerte das Hardtufer entlang, kam auf ihn zu. Er verdrückte sich in den Schatten eines Ginsterbusches.
Das Sirren des Stahlgerüstes über der Wupper kündigte eine Bahn an. Sie verließ gerade die Station am Landgericht. Mit wenigen Nachtschwärmern an Bord rollte sie vorbei. Kurz wanderten Lichtvierecke durch die Dunkelheit. Das leise Rattern verklang.
Kotthausen sah sich um. Er war wieder allein. Nervös schaute er auf die Uhr. Bis wann fährt die verdammte Schwebebahn eigentlich? Er hatte doch sowieso nur noch die halbe Nacht vor sich. Nicht einmal das. Spätestens gegen sechs würde es langsam hell werden. Bis dahin wollte er fertig sein.
Leise schimpfte er vor sich hin, verfluchte die uneinsichtigen Amtsböcke, die seinen Argumenten nicht folgen wollten. Wieso verstanden sie nicht, dass es für ihre Stadt eine Touristenattraktion wäre, wenn er hier endlich fündig würde. Aber nein, die Stadtoberen standen nicht mehr hinter ihm. »Ihre Aktionen werden ab sofort nicht weiter unterstützt«, hatte ihm der Oberstadtdirektor kategorisch mitgeteilt. Auf eine Diskussion hatte er sich nicht eingelassen. Stattdessen hatte er Kotthausen mit einem laschen Händedruck und einem schiefen Lächeln verabschiedet. Das war’s dann.
So schnell werdet ihr mich nicht los! Kotthausen wollte sich nicht unterkriegen lassen und hatte sich zu dieser nächtlichen Aktion entschlossen.
Noch einmal bückte er sich hinunter, kramte in seinem Rucksack. Vielleicht könnte er mit der Akkumaschine das Schloss dieser verdammten Tür aufbohren.
Erschrocken zuckte er zusammen. Sein Handy meldete sich.
Er nestelte es aus der Seitentasche seiner Jacke. Da flutschte es ihm aus der Hand. Als er danach griff, streifte er eine Brennnessel. Verdammter Mist. Die Haut brannte wie Feuer. Er spuckte darauf und verschmierte den kühlenden Schleim. Das leuchtende Display zeigte eine SMS an. Ungläubig las er den kurzen Text:
Verpiss dich aus unserer Stadt, sonst …
Der Absender war unterdrückt.
Langsam richtete er sich auf, schaute vorsichtig umher. Die Straße lag ruhig und leer unter ihm. In dieser lauen Frühlingsnacht hatten die Menschen anderes zu tun, als ihre Autos durch die Gegend zu schaukeln. Lediglich von der B 7 klangen Motorengeräusche herüber.
Ansonsten vernahm er nur das leise Plätschern der Wupper.
Beruhigt wandte er sich wieder seinem Vorhaben zu.
Er spannte einen Metallbohrer in die Maschine und setzte den Akkuschrauber an. Kreischend traf Metall auf Metall. Ein dumpfes »Knack«, der Bohrer brach ab.
»Verfluchter Mist!«
Er bückte sich, um nach einem anderen Aufsatz in seinem Rucksack zu suchen und schreckte im nächsten Augenblick herum. Diesmal hatte ihn der Glockenschlag der Pauluskirche zusammenzucken lassen. Um seinen heftigen Atem zu beruhigen, zählte er laut mit.
Dabei schaute er zum Turm hinüber und wartete auf den elften Schlag. Der bisher harmonische Gong klang verunglückt, fast wie ein Knall. Ein kurzes Blitzen zuckte am Turmfenster auf. Fast gleichzeitig ließ ihn ein hartes metallenes Geräusch hinter ihm an der Tür erstarren, ein Kreischen, dicht an seinem Kopf.
Er schrie vor Schmerz auf, hörte plötzlich nichts mehr.
Tot, dachte er, ich bin tot. Mit zitternden Knien sank er ins bodendeckende Grün, saß inmitten der Brennnesseln. Die spürte er nicht. Nur das heiße Nass, das ihm am Hals hinunterlief.
Seine Hand tastete zum Ohr. Matsch. Er fühlte warme, nasse Matsche. Ihm wurde schlecht, schwindelig. Heftiger Atem ließ seinen Brustkorb pumpen. Auf allen vieren rappelte er sich hoch, wankte zu seinem Auto, das unten an der Straße stand. Rucksack und Werkzeug blieben zurück. Mit zitternden Fingern startete er und fuhr schlingernd los.
Kapitel 2
Lars Lombardi hing noch immer bei der Lokalzeitung fest. Seine Bewerbungen bei der »Zeit«, der »Süddeutschen« und anderen großen Zeitungen waren bisher erfolglos geblieben. Es war nicht einfach, aus der Masse der schreibenden Zunft herauszustechen und sich mit außergewöhnlichen Reportagen zu empfehlen. Darauf nämlich hatte er sich spezialisiert. Reportagen zu bewegenden Themen, die auch überregional beachtet würden. Hier in Wuppertal passierte allerdings kaum etwas, was die übrige Welt interessierte. Eine Ausnahme stellte vielleicht die letzte Woche dar. Seine Berichte über diesen hoffnungsvollen Schatzsucher aus Sachsen, der hier das verschollene Bernsteinzimmer finden wollte, wurden sogar von anderen Zeitungen übernommen.
Anfangs hatten sich auch die Stadtoberen begeistert gezeigt. Sie erlaubten dem Mann, Tunnel und Bunker zu durchsuchen, ließen sich mit ihm zusammen für die Zeitung ablichten. Sie waren stolz, dass Wuppertal mal wieder in den überregionalen Medien mit so einem aufregenden Thema auftauchte.
»Das legendäre Bernsteinzimmer in Wuppertal wiedergefunden«, was für eine Schlagzeile. Dumm nur, dass sie auch nach tagelangem Suchen nicht wahr wurde. Langsam dämmerte den Stadtfürsten, dass sie sich lächerlich machten. Der Verwaltungschef gab schließlich die Devise aus: »Stoppt diesen Unsinn! Keinerlei Hilfe mehr für den ominösen Schatzsucher.«
Obwohl der eindringlich schilderte, warum er unter der Hardt fündig werden könnte. Man glaubte ihm nicht mehr und blieb bei dem Entschluss, seine Aktionen zu beenden.
Lars Lombardi hatte Heinz-Günther Kotthausen auf seiner Suche begleitet und insgeheim gehofft, dass sie Erfolg haben würden. Sein Verstand und seine Internetrecherche sagten ihm aber anderes, denn seit Jahrzehnten jagten unzählige Forscher und solche, die sich dafür hielten, dem verschollenen Bernsteinzimmer hinterher. Lars wollte diese Geschichte nicht weiterverfolgen. Er suchte gerade eine andere in der Notaufnahme des Klinikums. Viel war dort nicht los. Im Wartebereich für Patienten saß er mit der Krankenschwester Carola allein. Er flirtete sie an und die junge Frau ging darauf ein. Der Journalist war ihr sympathisch. Sie meinten es ja beide nicht ernst. Lars hatte sich für diese Nacht mehr versprochen. Nichts Amouröses, vielmehr spektakuläre Verletzungen, Dramen, Schicksale, über die er berichten wollte. Bisher war allerdings nur ein Pizzabäcker aufgetaucht, der sich die Hand verbrannt hatte. Ein junger Mann erschien mit gebrochenem Arm. Hatte er sich beim Badmintonspiel zugezogen. Wollte nicht weiter darüber reden. Die Polizei brachte eine Frau vorbei, deren geschwollenes Gesicht von einem häuslichen Drama erzählte. Sie selbst blieb stumm. In dieser Hinsicht war es bisher ein langweiliger Abend gewesen, der keine Geschichte zuließ, die sein Journalistenherz höherschlagen ließ.
Es war kurz vor Mitternacht, als Lars seinen x-ten Kaffee austrank und beschloss, nach Hause zu fahren. Er wollte sich gerade auf den Weg machen, da stürmte ein Mann herein. Blutverschmiert, das eine Ohr seltsam verformt ließ er sich ächzend auf einen Stuhl fallen. Doch nicht nur sein Anblick ließ Lars erschaudern. Er kannte den Mann.
Schließlich hatte er ihn, Kotthausen, in den letzten Tagen mehrfach interviewt und auf seinen Exkursionen begleitet. Bevor er sich aus seiner Erstarrung lösen konnte, hatte Schwester Carola schon den Arzt gerufen, einen Rollstuhl herangezogen und den Verletzten in den Behandlungsraum geschoben. Lars wollte hinterher, doch die Schwester verwehrte ihm den Zutritt. Der Mann winkte ab.
»Lassen Sie ihn mitkommen«, murmelte er, bevor seine Augäpfel nach oben kippten und er in die Bewusstlosigkeit abzudriften drohte.
»Na, na, ist doch gar nicht so dramatisch. Fehlt nur ein Stück vom Ohr. War das ein Hund, oder was? Ne … sieht nicht so aus …«
Während er an seinem Patienten herumwerkelte, redete der Arzt ununterbrochen, ohne eine Antwort hören zu wollen. »Wenn Sie das fehlende Stück mitgebracht hätten, könnte ich es wieder annähen.«
Unter der Wirkung einer Beruhigungsspritze, der örtlichen Betäubung und Schwester Carolas Hand, die sanft seinen Kopf streichelte, kam Kotthausen langsam zurück ins Bewusstsein.
»So, die Blutung ist gestoppt und die Wunde vernäht. Jetzt legt die nette Schwester Ihnen noch einen Verband an und dann kann Ihr Sohn Sie nach Hause fahren.«
Dabei schaute der Arzt Lars an. Der berichtigte ihn nicht.
Er half Kotthausen in die Senkrechte und stützte ihn beim Rausgehen.
»Ich vermute, das war ein Metallsplitter, der das halbe Ohr abgerissen hat. Das macht Sie zwar nicht attraktiver, aber Ihr Gehör ist noch intakt. Sie sollten das als Arbeitsunfall melden«, gab der Arzt ihnen noch mit auf den Weg.
Lars platzte vor Neugier. Er hielt sich aber zurück und bugsierte Kotthausen in seinen Wagen und fuhr ihn zu seinem Hotel. Bei seiner Schwester hatte der Verletzte nicht mehr wohnen wollen. Sie löchre ihn den ganzen Tag mit Fragen und rede ihm auch sonst zu viel.
Lars setzte den noch leicht benebelten Mann im Foyer in einen Sessel, schwatzte dem Nachtportier zwei Flaschen Bier ab und hoffte, damit Kotthausens Zunge zu lockern.
»Was ist Ihnen passiert?«
»Ich glaube, es hat jemand auf mich geschossen.«
»Quatsch.«
»Kein Quatsch. Ich wollte in die Hardt-Kaverne einbrechen. Dann hab ich so ein Blitzen gesehen. Plötzlich knallte es und mein Ohr war weg.«
»Wieso Hardt-Kaverne? Die ist doch erst in den 60er-Jahren gebaut worden. Da kann doch nicht Ihr Bernsteinzimmer versteckt sein. Wussten Sie das nicht?«
Der Mann seufzte, nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche.
»Weiß ich doch«, sagte er. »Beim Sprengen des Felstunnels wurde aber eine weitere Höhle entdeckt und die ist möglicherweise mit dem bereits bekannten Höhlenlabyrinth weiter oben im Berg verbunden.«
»Und da wollten Sie suchen?«
»Es muss doch einen Grund geben, warum man mich da nicht reinlassen wollte.«
»Und jetzt sogar mit Waffengewalt daran hindert«, lachte Lars. Wer wusste schon, wobei der Mann sich das halbe Ohr abgerissen hatte.
»Ich erzähle keinen Unsinn. Das war ein Schuss.«
»Ja, gut«, erwiderte Lars. Er glaubte ihm nicht. »Warum sollte denn jemand auf Sie schießen?«
Der Mann antwortete nicht. Er setzte die Flasche an und trank sie in einem Zug aus. Seine Hand wanderte tastend zu seinem bandagierten Ohr. Der halbe Kopf war mit dem Mull umwickelt.
Sieht aus wie DJ Ötzi mit seinem weißen Käppi, schmunzelte Lars in sich hinein, behielt den Kommentar aber lieber für sich. Er musste wegschauen, sonst hätte er nicht an sich halten können.
»Ich hab die Schnauze voll«, murmelte Kotthausen. »Ich pack meine Sachen und fahre nach Hause.«
»Und das Bernsteinzimmer?«
»Ist mir im Augenblick egal. Ich hau erst mal ab.«
»Sollen wir nicht lieber die Polizei informieren?«
Lars griff schon nach seinem Handy.
Ein scharfes »Nein!« ließ ihn stoppen.
»Mit der Polizei will ich nichts zu tun haben.«
Kotthausen schaute Lars direkt an.
»Lassen Sie mich einfach in Ruhe. Ich verschwinde aus eurem ungastlichen Wuppertal und damit ist die Sache erledigt. Vorläufig«, murmelte er noch vor sich hin.
Unschlüssig stand Lars auf.
»Wenn Sie meinen. Ich wünsche Ihnen jedenfalls alles Gute.«
Eine merkwürdige Geschichte, dachte er, als er in seinem Wagen saß. Die letzten Stunden in der Notaufnahme hatten nicht viel Stoff für eine Geschichte ergeben. Vielleicht würde aus der ergebnislosen Schatzsuche doch noch eine?
Lars startete und fuhr zum Hardtufer. Der Tunneleingang war leicht zu finden. Nur wenige Meter von der Straße entfernt blinkte eine helle Metalltür im Mondlicht. Sie war zwar mit diversen Graffiti beschmiert, sah aber relativ neu aus.
Lars parkte den Wagen. Weit und breit war niemand zu sehen. Aus dem Handschuhfach kramte er seine Taschenlampe hervor und ging hinüber.
Ein Rucksack und eine Akkubohrmaschine lagen im Gestrüpp vor dem Eingang. Nachdem er sich die Tür genau angesehen hatte, glaubte er dem Mann aus Leipzig: zwei Dellen, die ganz nach Einschüssen aussahen. Mit seinem Smartphone fotografierte er alles und packte die zurückgelassenen Sachen ein.
Im Rucksack fand er eine Art Tagebuch. Eine interessante Lektüre. Seine Neugier war größer als der Respekt vor den fremden Gegenständen. Er verstand nun, warum Kotthausen von dem Gedanken beseelt war, das Bernsteinzimmer in Wuppertal zu finden.
Anscheinend hatte der NS-Scherge Erich Koch noch Verwandte in Wuppertal. Koch war Gauleiter in Ostpreußen und der Ukraine gewesen. Anfang 1945, die russischen Truppen stießen immer weiter vor, setzte er sich Richtung Westen ab und tauchte unter. Erst 1950 spürte man ihn auf, lieferte ihn an Polen aus. Dort saß er bis 1986 im Gefängnis, wo er verstarb.
Kotthausens Aufzeichnungen waren lückenhaft. Unzureichend recherchiert, mehr spekulativ als mit Tatsachen unterlegt. In seinen Tagebuchseiten fand Lars eine aus der Zeitung ausgeschnittene Todesanzeige einer Elisabeth Koch, verstorben 2015. Ihre letzte Wohnanschrift lag ganz in der Nähe von Kotthausens eigener ehemaliger Wohnung in Cronenberg. Eine schlichte Anzeige, ohne Spruch, ohne der Abbildung eines trauernden Engels oder einer anderen Trauersymbolik. Nur der Name, die Anschrift und das Sterbedatum waren verzeichnet, darunter der kurze Satz »Ich vermisse Dich, Klaus-Jürgen«, ohne Nachname.
Aus einer Notiz ging hervor, dass Kotthausen vermutete, dass dieser Klaus-Jürgen der Sohn Elisabeths war und damit ebenfalls mit Nachnamen Koch heißen müsste. Faktensicher nachvollzogen hatte er das nicht. Er hatte lediglich festgestellt, dass kein Klaus-Jürgen Koch unter der Adresse seiner Mutter gemeldet gewesen war.
Als Tatsache anzusehen war nur, dass sich das Bernsteinzimmer im Königsberger Schloss befand, bevor das von den Engländern bombardiert wurde. Das Schloss wurde weitgehend zerstört, das Bernsteinzimmer war verschollen.
Bevor Koch aus Königsberg verschwand, raffte er seine geraubten Kunstschätze zusammen. 64 Kisten mit Gemälden und 27 Kisten, in denen sich das demontierte Bernsteinzimmer befand, wurden auf die Bahn verladen und gen Westen transportiert. Koch kannte sich mit der Eisenbahn aus, hatte noch viele Verbindungen aus früherer Zeit. Er war geborener Wuppertaler, damals noch Elberfeld, hatte lange dort gewohnt und war bei der Eisenbahn angestellt gewesen, bevor er später als Nazi Karriere machte. Kotthausen folgerte daraus, dass Koch sich in seiner Heimatstadt Wuppertal, in der er sich auskannte, ein geeignetes Versteck für das Bernsteinzimmer suchte, auf das er nach einem beendeten Krieg zugreifen könnte. Weit über hundert Tunnel und Bunker boten sich dafür an.
Seine weiteren Ausführungen folgten:
Jahre vor Beginn des Krieges lebte Göbbels in Wuppertal.
1924 arbeitete er dort als Redakteur des Gaukampfblattes »Völkische Freiheit«.
Schon früh war er glühender Anhänger der NSDAP gewesen und großer Bewunderer Hitlers. Er holte ihn mehrmals in die Stadt und ließ ihn hier bejubelte Auftritte absolvieren.
1926 notierte er in seinem Tagebuch: »Hitler seit zwei Tagen hier. Ein grauenvolles Warten auf ihn. Mit Jubel empfangen. Unter Begeisterung vorgestern in Elberfeld.«
In den folgenden Jahren baute Göbbels Elberfeld, das erst 1929 mit anderen Gemeinden zur Stadt Wuppertal vereint wurde, zu einer Hochburg der NSDAP aus. Bevorzugter Treffpunkt war damals das Evangelische Vereinshaus an der Kasinostraße. Heute hat dort ein Altenheim seinen Sitz. Prominente Nazi-Größen fanden sich im Vereinshaus als Redner ein, unter ihnen auch Erich Koch, der spätere Gauleiter Ostpreußens.
Das alles ließ Kotthausen zu dem Schluss kommen, dass der aus Wuppertal stammende Koch das Bernsteinzimmer geraubt hatte, um es hier für eine glorreiche Nachkriegszeit zu verstecken. Gesinnungsgenossen, die ihm dabei geholfen haben könnten, habe es in der Stadt zur Genüge gegeben.
Aber warum vermutet er es dann ausgerechnet in der Hardt-Kaverne, die doch erst 1960/61 gebaut wurde?, fragte Lars sich. Insgesamt empfand er Kotthausens Aufzeichnungen als sehr dürftig, nicht gut recherchiert und nicht an entscheidenden Stellen nachgehakt. Was war zum Beispiel mit diesem ominösen Klaus-Jürgen? War der tatsächlich ein Enkel des NS-Mannes Koch, vorausgesetzt die verstorbene Elisabeth wäre Kochs Tochter gewesen? Könnte der es gewesen sein, der auf Kotthausen geschossen hatte? Und wenn ja, warum?
Lars klappte das Tagebuch zu.
Man müsste tiefer graben, dachte er, vielleicht wird doch noch eine großartige Geschichte daraus. Zunächst galt es, in die Kaverne zu gelangen, um zu sehen, was dort wirklich zu finden war.
Mit der Überlegung, wer ihm dabei behilflich sein könnte, ging er zu Bett.
Kapitel 3
Mit noch schlafverklebten Augen schlurfte Fiebig Richtung Badezimmer. In der Küche gluckerte schon leise die Kaffeemaschine. Die würde er auch blind finden. Das Radio hatte sich von allein eingeschaltet, es war programmiert. Heute sei Freitag, der 26. April 2019, ein warmer Frühlingstag stehe bevor, flötete ein aufgeräumter Moderator durch den Äther. Die folgenden Nachrichten schwappten an Fiebig vorbei. Am liebsten ginge er sowieso mit geschlossenen Augen und Ohren durch die Welt. In letzter Zeit noch mehr als sonst. Für ihn bestand die Stadt aus Schmutz, Elend und Dreck. Werbung nicht zu vergessen, die vor allen Dingen. Die Plakatwände waren mit verhunzten Wortgebilden bestückt, die seiner Sprache nicht ähnelten. Sie erreichten ihn nicht. Im Übrigen fand er die meisten hirnrissig. Sinnentleerte Slogans sollten junge Menschen ansprechen, für ihn waren sie nicht gedacht.
Geschlossene Augen gingen aber nicht, schon gar nicht, wenn man vor dem Spiegel stand und sich rasieren wollte, nass, mit scharfer Klinge.
Fiebig musste hineinsehen. Mühsam hob er die müden Augenlider. »Bäh!«, entfuhr es ihm beim Anblick seines zerknautschten Gesichtes.
Seine geröteten Augen konnte er noch dem gestrigen Alkoholkonsum zuschreiben. Die schweißnasse Glatze der unruhig verbrachten Nacht. Seine fahle, schlaffe Haut und die Tränensäcke unter den Augen auf sein Alter zu schieben, das allerdings erschien selbst ihm nicht ehrlich.
Schuld war sein ungesunder Lebenswandel. Seine Schwester hielt es ihm ohne Unterlass vor. Fast neun Jahre jünger als er war sie, seine kleine Schwester. Eine lebensbejahende Witwe. Im Gegensatz zu ihm strotzte sie vor Energie und konnte es nicht lassen, ihn zu bevormunden und zu gängeln.
Wenn er nächste Woche seinen 59. Geburtstag erleiden würde, würde er sie wie immer nicht daran hindern können, ihm eine Feier auszurichten. Und wie jedes Jahr würde sie eine ihrer zahlreichen Freundinnen mitbringen. Elfie, Claudia, Hanne, oder wie sie alle hießen. In einem stillen Winkel der Küche würde sie ihm zuraunen: »Sei nett und nicht so grantig zu Elfie. Die wäre doch was für dich.«
»Ihr geht mir alle auf den Sack, auch du!«, blaffte er sein Spiegelbild an. Er brauchte keine Frau, musste sich erst einmal wieder in Form bringen.
Missmutig setzte er den Rasierer an, wissend, dass er die Klinge nicht unfallfrei über seine faltige Haut ziehen könnte.
Seine Hand zitterte, trotzdem kam er mit nur einer Schramme davon. Er klebte ein winziges Pflaster darüber, öffnete das Badezimmerfenster, um den Dampf der heißen Dusche abziehen zu lassen, die er zuvor genossen hatte, und sah draußen einen strahlenden Frühlingstag aufziehen.
Vor seinem Kleiderschrank entschied er sich für eine leichte Sommerhose und sein helles Leinenjackett. Der harte Duschstrahl hatte ihm ins Leben zurückgeholfen.
Nachher würde er sich mit Lars Lombardi im Biergarten auf dem Laurentiusplatz treffen. Im Präsidium musste nicht jeder mitkriegen, dass er Umgang mit der Presse pflegte, wo doch alle wussten, dass Presseleute für ihn lästige Schmierfinken waren.
Leider hatte er im Alkoholrausch mit eben einem dieser Zunft Brüderschaft getrunken. Und wenn er ehrlich war, musste er sich eingestehen, dass dieser Lars Lombardi ein sympathischer Junge war, sonst würde er sich ja auch nicht mit ihm treffen.
Was ihm an Lars nicht gefiel, war seine Manie, diese eine unglaubliche Geschichte zu finden, die ihn in die Riege der angesagtesten Journalisten katapultieren würde.
Fiebig war gespannt, für was er ihn heute wieder einspannen wollte.
Im Treppenhaus roch es nach angebranntem Toast. Fiebigs Nase kräuselte sich angewidert. Er frühstückte nie zu Hause. Der Lift stand auf seiner Etage, der siebten und letzten. Fiebig war dort Besitzer einer Eigentumswohnung: einem Penthouse mit Blick über die Stadt. Er zog die Fahrstuhltür auf. Warmer Mief schlug ihm entgegen. In der engen Kabine setzte sich der Duft seines Rasierwassers durch. Es war das Weihnachtsgeschenk seiner Schwester gewesen. Heute hatte er es zum ersten Mal aufgetragen. Im vierten Stock stieg die Rothaarige ein. Auf Mitte 40 schätzte er sie. Sie schnupperte überrascht und schaute Fiebig interessiert an.
Das irritierte ihn.
Normalerweise beachtete sie ihn nicht – er hingegen schaute ihr gern hinterher. Dabei kamen ihm Gedanken, die er besser für sich behielt. Eine Frau an seiner Seite hatte er schon zu lange entbehrt.
Nicht ganz freiwillig. Er hatte sich gehen lassen, war kein angenehmer Anblick für seine Mitmenschen.
»Ein Geschenk meiner Schwester.« Er grinste unbeholfen.
Die Frau musterte ihn kritisch, schien ihm das nicht ganz abzunehmen. Aber sie nickte nur, lächelte dabei.
Schweigend glitten sie in die Tiefgarage hinab.
»Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag«, sagte sie und stolzierte auf ihren hohen Stöckelschuhen zu ihrem Wagen.
»Danke, wünsche ich auch«, antwortete Fiebig viel zu spät. Sie war schon eingestiegen.
»Trottel«, sagte er zu sich selbst und wandte sich seinem alten Benz zu, der direkt neben der Ausfahrt stand.
Seinen Führerschein hatte er seit Kurzem zurück, das Trinken hatte er trotzdem nicht eingestellt. Die drei Monate ohne eigenes Auto waren ihm schwergefallen. Sich zu Fuß durch die Gegend zu bewegen, war nicht sein Ding. Einer der Gründe für sein schlaffes Aussehen. Es gab noch andere. Fiebig wollte sie sich nicht eingestehen. Jedenfalls hatte er das Autofahren nicht verlernt.
Beschwingt vom Anblick der Rothaarigen, von der er nicht einmal den Namen wusste, obwohl sie mindestens so lange wie er hier wohnte, beschloss er, einen kleinen Umweg zu fahren.
Er drehte die Scheibe hinunter, ließ die laue Frühlingsluft seine Glatze umspielen und fuhr hinauf zum Lichtscheid. Die dortige Tanke war meist einige Cent billiger als die Markentankstellen. Auch an der kleinen Kirche in der Nähe fuhr er noch vorbei. Die Seitenfassade zierte immer ein großes Plakat mit einem aufbauenden Spruch, meistens einem Bibelzitat. Fiebig war nicht religiös. Seit Jahren hatte er keine Kirche mehr von innen gesehen, aber diese Plakatwand sprach ihn an. In vierteljährlichen Abständen wurde sie von lokalen Künstlern gestaltet. Die rote Ampel neben der Kirche ließ ihn einen Augenblick verweilen und den Anblick des aktuellen Plakates genießen.
Er erinnerte sich noch an den letzten Spruch, in dem es um die Beziehung von Jenseits und Diesseits ging. Fiebig hatte nichts dagegen, dass man das Zitat inzwischen ausgetauscht hatte, schließlich musste er den Übergang zum Jenseits fast täglich aus der Nähe betrachten. Nach 40 Dienstjahren war das mehr als genug. Seine Seele zeigte Narben, und obwohl er den Beruf des Kriminalisten gerne ausübte, sehnte er seine Pensionierung herbei.
Noch war es nicht so weit. Wütendes Hupen hinter ihm riss ihn aus seinen Gedanken. Entschuldigend hob er die Hand und fuhr an. Die Ampel sprang gerade von Gelb erneut auf Rot.
Fiebig bog nach links ab und fuhr zur Stadt hinunter.
Er passierte den Sportplatz an der Oberbergischen Straße und neidisch sah er, wie sich Jugendliche für den Schulsport warm machten – so agil wäre er auch gerne noch.
Im Tal musste er erneut einen Umweg fahren, denn die direkte Zufahrt zum Polizeipräsidium war wegen der Dauerbaustelle an der Bahnunterführung noch immer gesperrt. Das brachte ihn in den Genuss eines weiteren Bibelspruches an einer Hausfassade: »Bereite Dich darauf vor, Deinem Gott zu begegnen (Amos 4,12)«, las er.
»Ich habe keinen eigenen Gott«, knurrte er vor sich hin. »Wenn ich aber mal irgendeinem begegnen sollte, würde ich ihn fragen, ob es ihm eigentlich Spaß macht, die Welt in den Abgrund zu stürzen.«
Die Vorstellung einer solchen Begegnung ließ ihn schmunzeln. Er beschloss, den heutigen Tag locker angehen zu lassen und ausnahmsweise nicht mit seiner Umwelt zu hadern.
Beschwingt betrat er sein Büro im zweiten Stock des Präsidiums und fand seine Mannschaft vollständig versammelt vor. Als Chef des KK 11 besaß er natürlich das größte Zimmer, das gleichzeitig als Besprechungsraum diente.
Alle hatten sich zwischenzeitlich mit Kaffee versorgt. Dass Fiebig als Letzter kam, war ungewöhnlich. Die Gespräche verstummten. Elke schob ihm den Stapel neuer Vorgänge zu, die in der Nacht angefallen waren und die von der Kriminalwache im ersten Angriff bearbeitet worden waren. Ein anderer füllte Fiebigs Kaffeetasse auf. Alle warteten auf eine Erklärung für sein Zuspätkommen.
Fiebig grinste nur. Ohne sich zuvor die neuen Anzeigen anzuschauen, schmiss er sie quer über den Tisch einem nach dem anderen zu. »An die Arbeit«, verkündete er und klatschte dabei in die Hände.
Verwundert verließen die Kollegen sein Büro.
Elke blieb sitzen.
»Was ist los?«, fragte sie. So guter Laune erlebte sie ihren Chef selten. Sein Verhalten hatte fast etwas Kindliches.
»Es muss sich etwas ändern«, erklärte Fiebig.
»Ach ja? Dass du hier nicht mehr Chef sein willst, oder was?«
»Nein, ganz allgemein. Ich muss meine Mitte wiederfinden.«
Elke Fassbender war die Einzige im Kommissariat, mit der Fiebig überhaupt Privates besprach. Er hatte sie als seine Stellvertreterin auserkoren. Offiziell war die Stelle vakant. Sie musste noch ausgeschrieben werden und dann erst konnte Elke sich bewerben. Beide hofften natürlich, dass sie auch den Zuschlag bekäme.
»War was Wichtiges bei den Eingängen dabei?«, wechselte er das Thema. Natürlich wusste er, dass Elke alles gesichtet hatte. Wenn er etwas hätte wissen sollen, hätte sie es gesagt.
Sie schüttelte nur den Kopf.
»Gut«, sagte Fiebig, »dann übergebe ich dir die Amtsgeschäfte für ein oder zwei Stunden. Ich muss zu einer Verabredung.«
Kapitel 4
Zweimal kurvte Fiebig durch das Einbahnstraßengewirr des Luisenviertels, bis er endlich einen Parkplatz gefunden hatte. In ein Halteverbot wollte er sich nicht mehr stellen, schon gar nicht mit dem Dienstwagen, mit dem er nun unterwegs war. Seit er lautstark mit einer Politesse aneinandergeraten war, waren die städtischen Ordnungshüter nicht gut auf ihn zu sprechen. Fiebig hatte behauptet, er befände sich in einem dringenden Einsatz, was die Dame nicht geglaubt hatte. Sie ließ das überprüfen und Fiebig stand danach als Lügner da. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, nachzutreten und sich beim Leiter des Ordnungsamtes über die Politesse zu beschweren.
Dass er mit seinen verbalen Attacken die Anzahl der Menschen, die ihm wohlgesonnen waren, noch mehr reduzierte, war ihm egal.
»Irgendwann werden dich alle hassen«, hatte Lars ihm prophezeit und Fiebig hatte das nur mit einem »na und« kommentiert.
Es schien ihm wirklich egal zu sein. Ihm genügte sein Team im Kommissariat, das zu ihm stand, obwohl er es mit harter Hand führte. Er war kompromisslos, unhöflich und rechthaberisch. Er hatte so gut wie keine Freunde. Umso erstaunlicher, dass er sich mit dem Journalisten Lars Lombardi verstand, der doch ein halbes Leben jünger war als er selbst und überdies einer Zunft angehörte, die Fiebig als seine natürlichen Feinde betrachtete. Lombardi war das genaue Gegenteil seines väterlichen Freundes. Gut aussehend, stets freundlich, kommunikativ, mit einer positiven Lebenseinstellung. Machte sich jemand über die Konstellation der beiden Männer lustig, quittierte Fiebig das meist mit einem verschämten Grinsen. Er konnte selbst nicht sagen, was ihn an diesem Jungen faszinierte. Wahrscheinlich war es dessen unbekümmerte Jugendlichkeit, die Fiebig völlig abging.
Laura Conte, Staatsanwältin und Lars’ Freundin, hatte die beiden zusammengebracht. In der Pizzeria ihrer Eltern in Cronenberg hatten sie gesessen, Fiebig hatte mal wieder zu tief ins Glas geschaut und im Rausch des Alkohols Lars das Du angeboten. Seitdem bestand diese seltsame Freundschaft, die Fiebig nicht so nennen wollte.
Es war fast Ende April, sagte der Kalender. Die Temperaturen taten aber so, als ob es bereits Sommer wäre. Lang und heiß würde er werden. Und das kommende Geschehen verdiente die gleichen Attribute. Davon ahnte allerdings noch niemand etwas.
Auf dem Laurentiusplatz dominierte die große Kirche mit ihren zwei Türmen, deren ockerfarbene Fassade im Sonnenlicht erstrahlte. Alle Restaurants rund um den Platz hatten bereits ihre Außengastronomie eröffnet. Lars saß unter einem Sonnenschirm neben dem Glascafé und flirtete mit der Bedienung. Fiebig klopfte ihm zur Begrüßung auf die Schulter und bestellte sich ein Frühstück. Kaffee, Rührei und ein Käsebaguette. »Aber ohne Gedöns«, fügte er an.
»Ohne Salat, Gurke und Tomate, nur Butter und Käse«, übersetzte Lars.
Zu welcher Jahreszeit auch immer, Lars trug stets das gleiche Outfit: Jeans, schwarzes T-Shirt, schwarze, kurze Lederjacke. Die hing jetzt über der Stuhllehne. Groß, schlank, sportliche Figur, einen sympathischen Gesichtsausdruck, seine langen schwarzen Haare, die er zu einem Zopf gebunden hatte – das war es, was ihn so anziehend wirken ließ.
»Läuft es nicht mehr so gut mit Laura?«, fragte Fiebig und zeigte auf die abziehende Bedienung. Sein Blick verfolgte ihren wiegenden Gang. Ein wehmütiger Zug umspielte seine Lippen. Kurz schüttelte er den Kopf, als wollte er seinem Gehirn verbieten, die aufkommenden Gedanken weiterzuspinnen, dann wandte er sich wieder Lars zu.
»Unser Verhältnis ist gerade etwas unterkühlt.« Er grinste schief. Glücklich sah das nicht aus. Bewusst flapsig sprach er weiter: »Fiebig, alter Mann, setz dich. Du bist so frühlingshaft gekleidet. Ist was passiert?«
Den alten Mann nahm Fiebig gelassen hin. Die Anrede nur mit seinem Nachnamen genauso. Das war normal. Schon als Jugendlicher hatte er beschlossen, nicht mehr Franz Fiebig zu heißen, sondern nur noch Fiebig. Franz erschien ihm zu altbacken. Überdies hatten ihn seine Eltern nach seinem Großvater benannt, den er gar nicht mehr erlebt hatte. Menschen, die ihn weniger gut kannten, nannten ihn Herr Fiebig. Und wurde er irgendwo vorgestellt, etwa, wenn er vor fremden Kollegen ein Referat hielt, dann führte man ihn als »Erster Kriminalhauptkommissar Fiebig« ein, kurz EKHK Fiebig.
»Es muss sich etwas ändern«, beantwortete er Lars’ Frage.
»Das ist doch seit Langem meine Rede. Du solltest Sport treiben, deinen Bauch abtrainieren, dein miesepetriges Gesicht mit etwas Kosmetik auffrischen und dir vielleicht einen Dreitagebart zulegen. Würde gut zu deiner Glatze kontrastieren. Und deine Schuhe. Die gehen gar nicht.«
Fiebig schaute konsterniert auf seine ausgelatschten schwarzen Treter hinunter.
»Was stimmt damit nicht?«
»Das sind Altherrenschuhe. Zu der Kleidung«, er zeigte auf Fiebigs lässiges Jackett, »solltest du Sneaker anziehen. Blaue oder rote. Meinetwegen auch welche in Beige«, fügte er an, als Fiebig skeptisch schaute.
Der starrte Lars ins Gesicht. Schnell nahm der seine Sonnenbrille ab und legte sie auf den Tisch. Er hatte vergessen, dass Fiebig es gar nicht mochte, wenn jemand seine Augen vor ihm verbarg.
Jetzt war es Fiebig, der grinste. Heute Morgen war er wirklich gut drauf.
»Was machen deine Geschichten?«, fragte er leutselig. »Bist du immer noch an dem Schatzsucher dran?«
»Bis gestern dachte ich noch, die Geschichte sei nun ausgelutscht«, begann Lars vorsichtig. »Tagelang habe ich Kotthausen auf seiner Suche begleitet. Wir waren in fast allen Höhlen und Bunkern der Stadt, die ihm zugänglich gemacht wurden. Gefunden haben wir nichts.«
»Das war doch klar.« Fiebig wusste es natürlich schon vorher besser. »Wie kommt der denn überhaupt darauf, das Bernsteinzimmer in Wuppertal zu suchen?«
»Die Geschichte des Zimmers kennst du?«
Fiebig zuckte mit den Schultern. Ob das hieß »ja«, »in etwa« oder »keine Ahnung«, ließ er nicht durchblicken. Wahrscheinlich hieß es: »Interessiert mich nicht.«
Wenn es um Kunst ging, zeigte Fiebig sich uninformiert.
Lars half ihm auf die Sprünge und referierte kurz die wichtigsten Fakten.
»An unzähligen Orten wurde das verschollene Zimmer schon vermutet; aber bisher nie gefunden«, schloss er seinen kleinen Vortrag.
»Ja, und warum jetzt in Wuppertal?«, wollte Fiebig wissen.
»Kotthausen war gestern Nacht an der Hardt-Kaverne. Weil man ihn offiziell da drin nicht mehr suchen lassen wollte, versuchte er die Eingangstür aufzubrechen, musste aber unverrichteter Dinge abziehen. Jedenfalls blieb sein Rucksack liegen und darin befanden sich Unterlagen, aus denen hervorgeht, dass er irgendwelche alten Verbindungen des NS-Mannes Koch zu Cronenberg gefunden hat. Unter anderem eine Todesanzeige für eine Elisabeth Koch, wer auch immer das gewesen ist. Jedenfalls wäre es interessant zu wissen, was da tatsächlich im Tunnel zu finden ist.«
»Wahrscheinlich haben die den gesperrt, weil da Höhlenforscher drin arbeiten, habe ich in eurer Zeitung gelesen.«
»Soso, du weißt also doch, um was es geht. Jedenfalls wäre das kein Grund, auf ihn zu schießen. Sein halbes Ohr ist weg.«
Jetzt war es heraus.
»Aha, das ist es, was du mir eigentlich sagen wolltest. Lieber Lars, das kann nur Bullshit sein.« Deutliche Ironie schwang bei Fiebig mit.
Bevor er das genüsslich ausbreiten konnte, fuhr Lars ihm dazwischen: »Gestern Nacht hab ich den Typen in der Notaufnahme getroffen. Ein Stück vom Ohr fehlte. Er sei angeschossen worden, behauptete er.«
Fiebig lachte.
»Habe ich auch erst nicht geglaubt«, sagte Lars. »Er hat mir erzählt, dass er kurz vor Mitternacht in die Hardt-Kaverne einbrechen wollte. Plötzlich habe es einen Knall gegeben und sein Ohr war weg. Ich habe mir den Eingang zum Tunnel angeschaut. Da waren tatsächlich Dellen in der Eisentür, die von Projektilen stammen könnten.«
»Das ist mehr als Bullshit«, knurrte Fiebig, ganz der alte Kripofuchs, der glaubte, Lars wolle ihm damit einen Ermittlungsvorgang aufdrängen, nur um ein weiteres Märchen zu veröffentlichen.
Lars versuchte es noch einmal:
»Sämtliche unterirdischen Räume hat die Stadt dem Mann zugänglich gemacht und den letzten und größten, den Hardttunnel, haben sie ihm verweigert. Und als er heimlich, nicht ganz legal, da rein wollte, wurde auf ihn geschossen. Das ist doch komisch, oder?«
»Ja, das ist komisch. Habe lange keine so lustige Geschichte mehr gehört.«
Fiebig lachte jetzt aus vollem Hals. Lars nicht.
»Du weißt, dass ich dich schätze«, begann Fiebig ernst. »Aber auf der Jagd nach ungewöhnlichen Geschichten bist du zu leichtgläubig. Das ist hanebüchen, was der Schatzsucher dir da erzählt hat. Wäre da was dran, hätte ich eine entsprechende Anzeige auf dem Tisch liegen und der Mann wäre nicht so sang- und klanglos aus unserer schönen Stadt verschwunden. Vergiss es also. Im Übrigen kann ich durchaus verstehen, warum man ihm dort den Zugang verweigert hat. Unsere Stadtoberen haben inzwischen begriffen, dass sie einem Fantasten auf den Leim gegangen sind. Sie wollten sich wohl nicht weiter lächerlich machen.«
Lars konterte nicht, aber er sah enttäuscht aus. Stumm schlürfte er seinen Cappuccino.
Für Fiebig war das Thema abgeschlossen. Er hatte gerade ein anderes Problem.
»Wie machst du das eigentlich, mit jeder Frau sofort ins Gespräch zu kommen?«, fragte er beiläufig.
Lars schaute überrascht auf.
Er verkniff sich ein Grinsen.
»Kommunikation nennt man das, oder auch Small Talk. Mit einiger Übung kann man es erlernen. Und nun, alter Mann, muss ich zur Arbeit.«
Er klemmte einen 20-Euro-Schein unter seine Kaffeetasse. »Ich lade dich ein«, sagte er dazu und ging mit einem kurzen Gruß davon.
»Beleidigte Leberwurst«, knurrte Fiebig ihm hinterher.
Kapitel 5
Lars hatte vermutlich nicht wirklich damit gerechnet, Fiebig für seine Geschichte interessieren zu können. Dafür kannte er ihn inzwischen zu gut. Fiebig war ein brillanter Kriminalist, für Ideen, Vorschläge und Ratschläge anderer aber meistens unempfänglich. Irgendwie passte das nicht zusammen. Trotzdem hatte sein Kommissariat eine beeindruckende Aufklärungsquote vorzuweisen. Man konnte Fiebig ja vieles vorwerfen, aber in einem war er wirklich gut: Er nahm nur Kriminalisten in seinem Kommissariat auf, die Sachverstand und starke Persönlichkeit vereinten. Letztendlich verdankte er deshalb seinem Team viele seiner Erfolge. Allen voran Elke Fassbender, seiner inoffiziellen Stellvertreterin. Sie glich seine ruppige Art aus, vermittelte, glättete Streitigkeiten und war die Einzige, die Fiebig widersprechen durfte. Alles in allem: Das KK 11 arbeitete überaus erfolgreich und Fiebig avancierte damit zum Lieblingsdienstellenleiter seines Polizeipräsidenten.
Lars würde die Sache mit Kotthausen nicht auf sich beruhen lassen, da war Fiebig sicher. Doch der Journalist konnte nicht ahnen, dass er selbst beschlossen hatte, Nachforschungen anzustellen.
Nachdem Lars sich verabschiedet hatte, griff Fiebig zu seinem Handy und rief die KTU an.
»Fahrt mal zum Hardttunnel«, gab er ihnen auf. »Die Eingangstür ist nicht zu übersehen. Sie befindet sich einige Meter oberhalb des Hardtufers, etwa in Höhe der Schulen auf der anderen Wupperseite. In der Tür sollen sich angeblich Dellen von Einschüssen befinden. Wenn das so ist, dann sucht davor nach Projektilresten. Ich komme vielleicht später dazu.«
In Ruhe aß er den Rest seines Baguettes auf, rief nach der Bedienung und überreichte ihr großzügig die 20 Euro, die Lars zurückgelassen hatte. Damit war ein fettes Trinkgeld abgegolten, das die junge Frau mit einem bezauberten Lächeln quittierte. Fiebig lächelte, so gut er konnte, zurück und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen.
Kaum saß er im Fond, rief ihn ein Funkspruch dringend ins Büro zurück.
Der Präsident persönlich erwartete ihn.
Die Müllabfuhr habe einen abgeschnittenen Kopf in einer Tonne entdeckt. Bevor das an die große Glocke gehängt und die Presse ihn wieder mit Fragen bedrängen würde, solle Fiebig sich das sofort einmal selbst anschauen, befahl der Polizeipräsident mit rotem Kopf. Mit seinem Blutdruck stand es nicht zum Besten.
Fiebig informierte Laura Conte, die zuständige Staatsanwältin. Er stellte ihr frei, zum Tatort zu kommen.
»Warum sollte ich nicht kommen?«, fragte sie schnippisch.
»Na ja«, murmelte Fiebig, »ich dachte, weil Sie ja …«
Er spielte auf zurückliegende Fälle an, an deren Tatorten sie keine Hilfe gewesen war.
»Fiebig, mach dir keine Sorgen. Ich halte das aus.«
Bevor er Einwände erheben konnte, hatte sie schon den Hörer aufgelegt.
Vor nicht allzu langer Zeit hatte Laura als noch unerfahrene Berufseinsteigerin einige Wochen in Fiebigs Kommissariat hospitiert. Wie es seine taktlose Art war, hatte er sie wie einen Lehrling behandelt, geduzt und verspottet. Irgendwann eskalierte das in grobe Beleidigungen ihrerseits. Seitdem siezte Fiebig sie demonstrativ, während sie ihn stattdessen duzte.
Es hatte sich zu einer spielerischen Kabbelei entwickelt, die nicht ganz ernst zu nehmen war. Jedenfalls kamen die beiden inzwischen ganz gut miteinander aus.
»Na denn«, sagte Fiebig mehr zu sich selbst, wählte die Nummer der KTU und orderte weitere Kriminaltechniker.
»Unser Personal ist begrenzt. Du legst das gesamte Kommissariat lahm«, murrte der Leiter.
»Dafür seid ihr doch schließlich da«, knurrte Fiebig zurück und legte auf.
»Na denn …«, wiederholte er sich, als mit Manni, einem alten Hasen der Technik, auch die junge Corinna, die für Fotos und Videoaufnahmen zuständig war, in seinem Büro erschien. Skeptisch schaute er sie an. Es war kein Geheimnis, dass der grantige Chef des KK 11 auch sie als Lehrling betrachtete.
Entschuldigend zuckte sie mit den Schultern. »Ich hab Bereitschaft.«
»Gut, Leute, auf geht’s. Ich erkläre euch unterwegs den Sachverhalt.«
Kaum hatte Fiebig das Präsidium verlassen, tauchte Lars dort auf. Dass Fiebig schon wieder unterwegs war, wusste er nicht. Vorsichtig schaute er im zweiten Stock des Ostflügels um die Ecke, ob die Luft rein war. Niemand zu sehen. Mit schnellen, leisen Schritten durchquerte er den Flur und verschwand in Elke Fassbenders Büro.
Elke schreckte herum, als die Tür gegen das Handwaschbecken schrammte. Sie stand am Fenster und goss gerade ihre Blumen. Nicht jeder konnte sich eines so großen Büros erfreuen, wie Fiebig es sein Eigen nannte. Ihres war so klein, dass Schreibtisch, Schrank, Ablage und Regal fast die gesamte Fläche einnahmen. Das Waschbecken klemmte zwischen Wand und Türrahmen. Schwang jemand die Tür zu heftig auf, knallte sie unweigerlich gegen das Porzellan.
»Entschuldigung«, sagte Lars mit seinem Lächeln, das jede Frau entzückte.
Elke winkte die Entschuldigung ab. Sie lächelte auch, weil sie eine durch und durch freundliche Person war, nicht weil ein gut aussehender Mann ihr Büro betrat. Nur Frauen brachten sie aus der Ruhe.
»Kaffee?«, fragte sie, ohne nach dem Grund seines Besuchs zu fragen.
Lars nickte und kam dann sofort zu seinem Anliegen.
Kurz erzählte er Elke die gleiche Geschichte, die er schon Fiebig vorgetragen hatte.
»Der alte Griesgram stellte sich leider mal wieder taub. Er glaubt, ich wolle ihn für eine Geschichte missbrauchen, mit der ich mich endlich auf die erste Seite unserer Zeitung schreiben könnte.«
»Willst du doch auch.« Elke lachte.
Lars blieb ernst. »Das wäre ein schöner Nebeneffekt. Ich glaube allerdings, dass wirklich auf Kotthausen geschossen wurde. Um das zu klären, wäre es toll, wenn du einen kompetenten Blick auf die angeschossene Tür werfen würdest.«
Er kramte ein Zeitungsfoto hervor und legte es Elke hin.
»Schau mal, dieser Heinz-Günther Kotthausen ist ein alter freundlicher Mann. Warum schießt jemand auf den?«
Elke warf einen Blick auf das Foto und musste schon wieder lachen.
»Wenn man sich seine zotteligen grauen Haare wegdenkt, sieht der fast aus wie unser Chef. Nur das Freundliche würde nicht passen.«
Sie schaute auf die Uhr.
»Ist gerade nicht viel los und Fiebig ist nach irgendwohin unterwegs. Hat nichts weiter gesagt. Komm, wir fahren mal schnell zur Hardt.«
Der hügelige Park war nicht weit vom Präsidium entfernt. Eigentlich schräg gegenüber. Nur eine Häuserzeile und die Wupper trennten sie von der Friedrich-Engels-Allee, an der das Präsidium stand. Das berüchtigte Einbahnstraßengewirr Wuppertals machte es allerdings notwendig, einige Umwege zu fahren. Sie benötigten trotzdem nur ein paar Minuten und staunten nicht schlecht, als zeitgleich ein Wagen der KTU eintraf.
»Was sucht ihr denn hier?«, fragte Elke.
»Wahrscheinlich das Gleiche wie ihr«, antwortete Reinhardt, der stämmigere der beiden Techniker. »Fiebig hat uns herbestellt. Wir sollen in der Tür des Tunnels nach Einschusslöchern suchen.«
Bevor die Techniker ihre Gerätschaften ausgepackt hatten, standen Elke und Lars schon vor der Tür.
»Die könnten tatsächlich von abgeprallten Projektilen stammen«, stellte Elke mit Kennerblick fest und wurde kurz darauf von den Technikern bestätigt.
Sie blickte sich suchend um. »Aber von wo ist geschossen worden?«
»Das habe ich mich auch schon gefragt«, sagte Lars. »Auf dem Schwebebahngerüst hat bestimmt niemand gestanden. Das ist zu gefährlich.«
»Das ist auch zu nah«, entgegnete Elke. »Der Aufprallwinkel wäre dann steiler.«
»Vom Dach der Uni dahinter?«, mutmaßte Lars.
»Uni? Welche Uni?«
»Der Neubau für die Architekturstudenten da drüben.«
»Ach so, nee.« Elke schüttelte den Kopf. »Da stehen zu viele Bäume im Weg. Außerdem ist das da drüben ein Berufskolleg. Der Uni-Neubau steht hinten an der B 7, neben der Pauluskirche. Von dort oben könnte geschossen worden sein.«
Skeptisch schaute Lars zur Kirche hinüber. Ihr Turm ragte hoch hinauf. Unterhalb der Spitze war ein Erkerfenster zu erkennen. Vom Tunneleingang bis dorthin war die Sicht frei.
»Das sind bestimmt 200 Meter«, schätzte Lars.
»Mit einem Gewehr wäre das kein Problem«, sagte Elke bestimmt. »Wir fahren mal rüber.«
»Wir kommen später dazu. Müssen erst mal schauen, ob sich hier Projektile finden lassen.«
Reinhardt rief es zur Straße hinunter. Die beiden standen schon an ihrem Wagen. Elke winkte bestätigend und stieg ein.
Die Kirche lag auf der anderen Wupperseite. Wieder mussten sie eine große Schleife fahren und hielten dann direkt vor dem Portal.
Die Kirchentüren standen offen. Mehrere Leute schleppten Kisten mit Büchern durch den Saal, in dem keine Stühle oder Bänke standen, sondern lange Tischreihen.
»Kann ich Ihnen helfen?«, sprach sie ein älterer Herr an, der sich als Hans Meister vorstellte.
Er wies mit dem Arm in das Kirchenschiff und erklärte, dass hier gerade die Vorbereitungen für den Büchermarkt liefen. »Einmal im Monat findet der traditionell in der Pauluskirche statt und zieht jedes Mal Hunderte Besucher an.«
»Elke Fassbender, KK 11. Ist die Kirche durchgehend geöffnet?«
»Nur an Veranstaltungstagen«, antwortete Meister, der Organisator und Schlüsselinhaber. »Gestern Abend fand hier beispielsweise ein Konzert statt. Warum fragen Sie?«
»Möglicherweise wurden vom Turm aus Schüsse abgegeben.«
»Was?«
Hans Meister lachte dröhnend. Sein Bass füllte satt den Kirchensaal.
»Die Akustik ist jedenfalls grandios«, bemerkte Elke bewundernd. »Im Ernst, es kann sein, dass jemand vom Turm aus geschossen hat. Das muss gegen Mitternacht gewesen sein.«
Der Mann verstummte erschrocken.
»Das wäre ja schrecklich. Nach dem Konzert haben wir hier noch aufgeräumt und anschließend habe ich alle Türen verschlossen.«
Er überlegte kurz und fügte dann hinzu: »Allerdings waren hier eine Menge Leute und innerhalb der Kirche sind die Türen unverschlossen. Es ist möglich, dass sich jemand unbemerkt auf den Turm geschlichen hat. Schauen Sie sich um. Ich zeige Ihnen den Aufgang zum Turm.«
Der Treppenaufgang befand sich links neben dem Eingangstor. Zunächst führten Steinstufen hinauf, nach einem Podest dann ein Holztreppe und zum Schluss mussten sie eine Leiter erklimmen bis zu den Glocken hinauf. Etwas oberhalb des dortigen Podestes befanden sich schmale Fenster. Das nach Norden gerichtete stand offen. Davor hatte jemand Ziegelsteine und große Holzklötze zu einem weiteren Podest aufgestapelt.
»Das liegt hier normalerweise verstreut herum«, wunderte Hans Meister sich. Und das Fenster sollte auch nicht geöffnet sein.«
»Halt mal meine Taschenlampe.« Elke drückte sie Lars in die Hand. »Jetzt leuchte mal den Boden ab.«
Der Lichtkegel zitterte über grobe Holzbohlen, blieb dann an zwei im Licht blitzenden Hülsen hängen.
»Oha, tatsächlich.« Elke bückte sich, fasste aber nichts an. »Sieht nach Patronenhülsen eines Gewehres aus. Ich habe nicht wirklich Ahnung davon. Wir warten, bis die KTU kommt. Reinhardt ist auch unser Waffenexperte, der kennt sich aus.«
Zehn Minuten später hörten sie ein angestrengtes Keuchen im Turm. Reinhardt schleppte sich die Stiegen hinauf. Elke begrüßte ihn mitleidig.
»Du solltest ab und zu Sport treiben«, grinste sie.
Reinhardt zog sich schnaufend Latexhandschuhe über. Für eine Erwiderung hatte er keine Luft. Wortlos hob er eine Hülse auf und betrachtete sie von allen Seiten. Dann nahm er eine Lupe zur Hilfe und wiederholte das Prozedere.
»Das sieht verdammt nach ’ner 7,92iger aus«, keuchte er, noch immer atemlos.
»Wieso verdammt?«, fragte Elke.
»Wenn mich nicht alles täuscht, dann ist das ein Kaliber 7,92 x 57 für ein Infanterie-Spitzgeschoss.«
Fragende Blicke trafen ihn.
Nun gehörte Reinhardt nicht gerade zu den Gesprächigsten. Wenn es aber um sein Spezialgebiet ging, war der Kriminaltechniker nicht mehr zu bremsen.
»Könnte von dem K98 stammen. Ein Karabiner, der 1898 entwickelt wurde. Ich glaube aber eher, dass es ein 98K ist. Die hat einen verkürzten Lauf. Das war die Standardwaffe im Zweiten Weltkrieg. Zwölf Millionen Stück wurden davon bis 1945 produziert. Und sie wurde zusammen mit einem Zeiss Zielfernrohr als Scharfschützengewehr verwendet. Fünf Patronen konnte man in einen Ladestreifen einsetzen. Da es aber ein Repetiergewehr war, musste man nach jedem Schuss den Verschluss betätigen, damit eine neue Patrone in den Lauf eingeführt werden konnte. Die verschossene flog dabei heraus. Zwei dieser verschossenen Hülsen sehen wir hier. Könnten zu den Projektilen passen, die wir im Gras gefunden haben.«
»Und diese alten Dinger sind noch im Umlauf?«, fragte Lars.
»Ja klar. Die werden heute noch als Jagdwaffe benutzt. Zu meiner Anfangszeit bei der Polizei hatten wir die sogar als Übungswaffe im Bestand.«
»Das heißt, von diesem Gewehrtyp gibt es noch immer eine Menge?«, fragte Elke.
»Keine Ahnung. Soviel ich weiß, sind die polizeilichen Gewehre damals alle nach Afrika verkauft worden. Die brauchten ja dort solche Waffen, um sich gegenseitig zu massakrieren.«
Elke war neu, dass zu Reinhardts Charakterzügen auch Sarkasmus gehörte.
»Wenn ich die Hülsen eindeutig identifiziert habe, lasse ich sie durch unsere Datei laufen. Ob das mit den verdötschten Projektilen auch klappt, weiß ich noch nicht. Vielleicht wissen wir dann, ob die Waffe mit einem anderen Verbrechen in Verbindung gebracht werden kann.«
Mit diesen Worten packte Reinhardt die Fundstücke in eine Plastiktüte und verabschiedete sich.
»Was heißt das jetzt für uns?«, wandte Lars sich an Elke.
»Alles und nichts«, fasste Elke Reinhardts Ausführungen zusammen: »Entweder hat hier jemand mit einem Präzisionsgewehr gestanden und absichtlich danebengeschossen – wobei sich die Frage stellt: warum? Als Warnung? – Oder wir haben es mit einem Laien zu tun. Vielleicht war es ein alter Mann, der noch so einen Karabiner aus Kriegszeiten besitzt, aber selbst zu zittrig war, um ihn ruhig zu halten. Oder … Ich weiß es nicht …«
»Und welches Motiv steckt dahinter?« Lars stellte damit die nächste Frage in den Raum.
Hans Meister stand die ganze Zeit daneben und schüttelte fassungslos den Kopf.
Sie ließen ihn mit der Ermahnung zurück, hier nichts weiter anzufassen und niemanden auf den Turm zu lassen.
»Möglicherweise müssen unsere Techniker hier noch einmal nach Spuren suchen.«
Damit komplementierte Elke alle hinaus und versiegelte unten die Tür.
Kapitel 6
Als Fiebig von dem Kopf in der Mülltonne berichtete, wünschte Corinna sich, es würde ihr erspart bleiben. Sie war keine Kriminalbeamtin. Sie arbeitete als Fotografin bei der Kriminaltechnik. Das war allemal spannender als bei der Presse, hatte sie sich gedacht. War es auch. Dass sie neuerdings zum Tatortdienst eingeteilt wurde, war nur der Personalmisere zu verdanken. Es erfüllte sie mit Stolz, nun richtig bei den Technikern integriert zu sein. Bisher hatte sie sich Leichen meistens nur in ihrem Fotolabor auf Papierabzügen angesehen. Leibhaftige verursachten ihr noch immer Unbehagen. Und nun ein abgeschnittener Kopf. Es schüttelte sie bei dem Gedanken an das Kommende.
Fiebig bemerkte es amüsiert. Er konnte es nicht lassen, ihr detailliert zu schildern, was sie zu sehen bekäme.
»Jetzt ist gut«, knurrte Manni böse. Er wollte offenbar verhindern, dass Fiebig seine junge Kollegin in Angst versetzte.
»Scheiße«, murmelte Fiebig.
Er hielt in der Brunnenstraße direkt hinter dem Müllwagen. Sein Ärger galt nicht Manni, sondern dem Szenario, das sich ihm bot.
Ein Streifenwagen stand quer zur Fahrbahn und blockierte die Durchfahrt für andere Fahrzeuge. Das eingeschaltete Blaulicht hatte eine Menge Neugieriger angelockt und die Presse war natürlich auch schon da.
Fiebig wuchtete seine imposante Gestalt mit einer Geschwindigkeit aus dem Wagen, die man ihm nicht zugetraut hätte.
»Schafft mir die Leute hier weg!«, schnauzte er einen Streifenbeamten an. Zwei Pressefotografen ließen sich nicht des Platzes verweisen.
»Wenn ich ein Foto von mir oder der Leiche in eurer Zeitung sehe, reiß ich euch den Arsch auf.«
Die Fotografen kannten Fiebigs drastische Ansagen. Vorsichtshalber zogen sie sich ein paar Schritte zurück und lauerten dort weiterhin auf den richtigen Moment für ein Foto. Dafür wurden sie schließlich bezahlt. Ob Fiebig das passte oder nicht.
Drei Müllmänner saßen leichenblass auf dem Bordstein und starrten vor sich hin. Ein zweiter Schutzpolizist stand lässig rauchend an eine Mülltonne gelehnt. Eine Hand hatte er auf dem Deckel liegen.
»Meldung!«, raunzte Fiebig ihn an.
Die Hand des Polizisten klopfte auf den Deckel. »Der Kopf liegt da drin. Der Rest im Keller.«
»Weiter«, forderte Fiebig ungeduldig.
»Der Tatort ist wahrscheinlich die Parterrewohnung rechts.«
»Wahrscheinlich?«
»Das sehen Sie dann schon.« Der Beamte ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er hatte in seinem Dienstleben zu viel gesehen und erlebt, als dass ihn ein ungewöhnlicher Tatort beeindrucken könnte.
»Die mutmaßliche Täterin habe ich schon zum Präsidium bringen lassen.« Er spuckte seinen Zigarettenstummel vor Fiebigs Füße, trat ihn seelenruhig aus und entfernte sich ohne Gruß.
Fiebig wusste, dass sich nicht viele Freunde unter seinen Kollegen befanden. Also kommentierte er das Verhalten des Polizisten nur mit einem Achselzucken und öffnete ungerührt den Mülleimer. Er warf einen Blick hinein.
»Verdammt, das ist ja ein Kumpel von Kralle«, rief er überrascht aus. Kralle war ein Obdachloser, den Fiebig seit Jahren kannte und kontaktierte, wenn er Auskünfte aus der Szene benötigte.
»Wie heißt der noch mal?«, fragte er Manni, der ihm über die Schulter geblickt hatte.
»Keine Ahnung, aber fass nichts mehr an. Ich lass den Eimer komplett ins Labor bringen.«
»Gut, dann gehen wir jetzt ins Haus.«
Die Nordstadt Elberfelds – im Volksmund »Ölberg« genannt, weil es das letzte Stadtviertel gewesen war, das elektrisiert wurde – hatte sich schon lange zu einem beliebten Wohngebiet gemausert. Jahrzehnte vorher waren Öllampen dort die bevorzugte Lichtquelle gewesen. Nun zeigte sich das Viertel mit überwiegend durchsanierten Häusern im Gründerstil als eine der kulturellen Hochburgen der Stadt mit Cafés, Restaurants, Ateliers und Veranstaltungsräumen. Zugewanderte, Alternative und Alteingesessene teilten sich den Berg. Das Haus, auf das Fiebig nun zuging, hatte den Wandel verschlafen. Es gehörte der Stadt. Sozial Schwache wurden dort einquartiert.
Noch bevor Fiebig mit Manni und Corinna im Schlepptau die Haustür erreichte, ließ ihn ein lautes Hupen verharren. Er schaute sich um. Mit ihrem Mini-Cabrio kam Staatsanwältin Laura Conte die Straße hochgefegt. Vor dem quergestellten Streifenwagen stoppte sie. Leichtfüßig sprang sie aus dem Wagen und eilte den dreien entgegen. Die langen schwarzen Haare windzerzaust. Sie war mit geöffnetem Dach gefahren.
»Hallo«, hauchte sie etwas außer Atem.
Corinna und Manni erwiderten den Gruß, während Fiebig sie nur ernst anschaute. Sein stummer Blick sollte wohl sagen: »Fall mir ja nicht wieder in Ohnmacht.«
Das auszusprechen, wäre allerdings übertrieben gewesen. Ja, Laura hatte sich anfangs beim Anblick der Leichen schwergetan. Das aber hatte sie lange überwunden. Inzwischen konnte sie die nötige Distanz wahren und ohne Emotionen das Ganze professionell betrachten.
Sie betraten den Hausflur. Eine blutige Schleifspur zog sich von der Wohnungstür Richtung Kellertreppe.
Manni verteilte Plastiküberzieher für ihre Schuhe. Vorsichtig gingen sie weiter.
An der Türschwelle blieben sie abrupt stehen.
»Sieht aus, als ob hier jemand abgeschlachtet wurde.«
Laura sagte es mit einem Sarkasmus, der Fiebig einen überraschten Blick entlockte. So cool kannte er sie gar nicht. In ihren Gesichtszügen forschte er nach ihrem wahren Befinden. Dabei entging ihm Corinnas Würgen. Manni zog sie zu spät zurück. Ihr Mageninhalt ergoss sich über Fiebigs Frühlingsoutfit.
Wütend brüllte er los. Corinna brach in Tränen aus. Manni schob sie zurück auf die Straße, nahm ihr den Fotoapparat ab und reichte ihn Laura.
»Ich brauche fürs Erste nur ein paar Übersichtsaufnahmen«, schnaufte Fiebig noch immer erregt. »Alles Weitere übernimmt nachher die Technik.« Gemurmelte Flüche untermalten seinen Versuch, sich mit Tempotüchern zu reinigen.
Laura stakste vorsichtig zwei Schritte in den Blutsee hinein, der das Zimmer wie eine schäbige Hinterhofmetzgerei aussehen ließ. Sie fotografierte aus verschiedenen Winkeln das Schlachtfeld. Umgestürzte Möbel, Dreck und Müll in allen Ecken, direkt neben der Tür ein alter Holzofen, vor dem ein blutiges Handbeil lag.
Fiebig begleitete ihre Aktivität mit einem zustimmenden Brummen.
»Das reicht«, unterbrach er sie. »Schauen wir uns noch den Rest an.«
Sie brauchten nur der Blutspur im Treppenhaus zu folgen, gingen in den Keller hinunter und standen dann vor einem Torso ohne Kopf. Aus der rissigen Wunde, die einmal ein Hals gewesen war, sickerte noch etwas Blut. Laura drehte sich als Erste weg. Sie ging zurück auf die Straße und zündete sich eine Zigarette an. Zuvor hatte sie Fiebig den Fotoapparat wortlos in die Hand gedrückt. Der reichte ihn an Manni weiter.
»Okay, ich mach das schon«, sagte Manni und schob Fiebig Richtung Ausgang.
Draußen sog Fiebig erleichtert die laue Frühlingsluft ein, kramte seinen Tabakbeutel hervor und stopfte sich eine Pfeife. In seinem langen Berufsleben hatte er sich so manche Grausamkeit ansehen müssen. Er hatte gelernt, damit umzugehen. Einfacher machte es das nicht. Seinen Mitarbeitern gegenüber zeigte er keine Emotionen, spielte vielmehr den knochenharten Burschen. So langsam reichte es ihm aber.
»Mannomann«, murmelte er vor sich hin, nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife und schaute sich um.
Laura stand rauchend an ihrem Wagen. Die Müllmänner saßen noch immer auf dem Bordstein.
»Geht nach Hause«, sagte Fiebig zu ihnen. »Ich besorge Ersatz für euch.«
Er ließ sich die Telefonnummer von ihrem Chef geben. Der unterbrach Fiebigs Gesprächsansatz: »Wann können meine Leute endlich weiterfahren? Die ganze Tour kommt in Verzug.«
»Ich hab sie nach Hause geschickt«, bellte Fiebig zurück. Er ließ sich nicht gerne unterbrechen. »Schaffen Sie eine Ersatzmannschaft hierher, sonst lass ich Ihre Müllkutsche abschleppen. Die blockiert die Straße.«
»Was?!«, dröhnte es durch die Leitung.
»Ende der Durchsage«, knurrte Fiebig und drückte das Gespräch weg.
Laura kam auf ihn zu. Sie sah blasser aus als vorhin.
»Weiß man schon, was das für ein Irrer war?«, fragte sie.
»Soll ’ne Frau gewesen sein.« Dabei grinste Fiebig, und als Laura schluckte, fügte er noch an: »Wer auch sonst.«
Laura starrte ihn böse an, verkniff sich aber einen Kommentar.
Sie drehte sich ihrem Wagen zu. Im Weggehen sagte sie über die Schulter hinweg: »Ich will bei der Vernehmung dabei sein.«
»Von mir aus«, rief Fiebig ihr hinterher. »Sie sind die Staatsanwältin.«
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