Kitabı oku: «John Maynard Keynes»

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Jürgen Kromphardt

Die größten Ökonomen: John Maynard Keynes


utb-Nr. 3794

Umschlagabbildung: © shutterstock

2. Auflage 2020

1. Auflage 2012

© UVK Verlag 2020

– ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

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ISBN 978-3-8252-5279-3 (Print)

ISBN 978-3-8463-5279-3 (ePub)

Inhalt

  Vorwort zur 2. Auflage

  Vorwort zur 1. Auflage

 Ein Quereinsteiger in die ÖkonomieElternhaus und SchulzeitStudium der Mathematik, Philosophie und GeschichteEintritt in den Staatsdienst und Rückkehr an die UniversitätKunstliebhaber, Mäzen, Finanzmanager

 Ein streitbarer Politökonom (Vom 1. Weltkrieg bis zur Weltwirtschaftskrise)Berater und Repräsentant des SchatzamtesDie wirtschaftlichen Folgen des FriedensvertragesKampf für eine preisniveaustabilisierende WährungspolitikUnterstützung der „Liberalen Partei“ bei ihrer programmatischen Erneuerung

 Erster Versuch einer makroökonomischen Fundierung der wirtschaftspolitischen ForderungenKernelemente der „Abhandlung vom Gelde“ (1930/1932)Widersprüche und ungelöste ProblemeDie stillschweigende Annahme der VollbeschäftigungÜbereinstimmung von Sparen und Investieren: Definition oder Gleichgewicht?Wodurch werden die Ersparnisse bestimmt?

  Der Schock der Weltwirtschaftskrise und die Reaktion von Keynes Zum Ausmaß der Weltwirtschaftskrise Keynes’ Kampf für seine wirtschaftspolitischen Überzeugungen Ausbruch aus den Fesseln der herrschenden Theorie

 Die Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des GeldesAnspruch und Ziel der „Allgemeinen Theorie“Das Prinzip der effektiven NachfrageBestimmung der KonsumgüternachfrageBestimmungsgründe der InvestitionenDas kurzfristige Gleichgewicht auf dem GütermarktBestimmungsgründe für das ZinsniveauBestimmung von Einkommen und Zinssatz durch Güter- und GeldmarktFlexibles Lohnniveau und GesamtnachfrageWirtschaftspolitische Forderungen im Anschluss an die „Allgemeine Theorie“

 Frühe Reaktionen auf die „Allgemeine Theorie“Hohe Erwartungen – gegensätzliche ReaktionenDie Unsicherheit der Zukunft„Liquiditätstheorie des Zinses“ versus „Theorie der ausleihbaren Fonds“Zum IS/LM-Modell von Hicks

 Problemlösungen für die Kriegs- und NachkriegszeitKriegsfinanzierung ohne InflationVorfinanzierung kriegswichtiger Importe (Lend Lease)Finanzielle Förderung der KünsteFür eine neue Weltwährungsordnung (Bretton Woods / IMF)Vorschlag einer „International Clearing Union“Die Vereinbarungen von Bretton WoodsÜberlegungen zur Fiskalpolitik und zur Beschäftigungsentwicklung in der NachkriegszeitSorgen um Großbritanniens Zahlungsbilanz nach KriegsendeZähe Verhandlungen um einen Dollarkredit der USA

 Auseinandersetzungen mit der Theorie von Keynes nach 1946Von der Uminterpretation zur AblehnungNeoklassische Vereinnahmung von Keynes’ Theorie (neoklassische Synthese)Monetaristische GegenrevolutionAngebotsökonomie und „Washington Consensus“Die Neue keynesianische Ökonomie (NKE)Die ablehnende Position der OrdoliberalenRückbesinnung der Keynesianer auf KeynesNach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008ff: Weiterer Streit um die Wirtschaftspolitik

  ✷ Biographie

  ✷ Glossarium

  ✷ Übersicht der Kästen

  ✷ Die vier wichtigsten Werke

  ✷ Hilfreiche Links

  ✷ Literatur zur Vertiefung

  ✷ Hinweise zur Zitierweise

  ✷ Zitierte Literatur

  ✷ Stichwörter und Personen

Vorwort zur 2. Auflage

Es freut mich sehr, dass mir die 2. Auflage dieses Bucher über John Maynard Keynes erstens die Möglichkeit gab, an vielen Stellen die Darstellung zu präzisieren und verständlicher zu machen.

Zweitens habe ich in dem Kapitel über die Problemlösung für die Kriegs- und Nachkriegszeit den Abschnitt über den Anti-Inflationsplan von Keynes umgeschrieben, auch um deutlicher hervorzuheben, dass Keynes es vehement ablehnte, gesamtwirtschaftliche Probleme durch Zulassen oder gar Beförderung von Inflation zu lösen.

Drittens habe ich im Kapitel über die Auseinandersetzungen mit der Theorie von Keynes nach 1946 dem in Deutschland stark vertretenen Ordoliberalismus einen eigenen Abschnitt gewidmet.

Viertens ist der letzte Abschnitt dieses Kapitels, der sich mit den Auswirkungen der tiefen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008ff auf die Akzeptanz der Lehren von Keynes befasst, völlig neu gefasst. Schließlich habe ich die Hinweise auf Literatur zur Vertiefung aktualisiert.

Meinem Kollegen Harald Hagemann danke ich für eine kritische Durchsicht des Manuskripts und der Studentin Megana Kodhelaj für die unermüdliche Bewältigung meiner Änderungs- und Ergänzungswünsche.

Berlin, im März 2020

Vorwort zur 1. Auflage

John Maynard Keynes (1883–1946) ist vor oder neben Joseph Schumpeter der bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts. Er veröffentlichte sein Hauptwerk, die „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ im Jahre 1936 unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise 1929–1932. In diesem Werk brach er mit der dominierenden und tief verwurzelten Tradition der Nationalökonomie, sich bei der Analyse des Wirtschaftsystems und seines Wirkens an Modellen von Geldwirtschaften zu orientieren, in denen das Geld nur einen Schleier bildet, der die realen Zusammenhänge umhüllt und verhüllt, ohne sie zu beeinflussen. In derartigen Modellen stellt sich auf Dauer stets Vollbeschäftigung aller verfügbaren Ressourcen an Arbeit und Sachkapital ein.

Keynes war ein außergewöhnlich schneller Leser, Denker und Schreiber und machte von diesen Fähigkeiten ausgiebig Gebrauch. Daher füllen allein seine auf die Ökonomie bezogenen Texte (Veröffentlichungen, Memoranden und Briefe) 30 Bände seiner „Collected Writings“, die seit 1971 von der britischen Royal Economic Society herausgegeben worden sind.

Keynes führte ein sehr aktives und vielseitiges gesellschaftliches und privates Leben. Er verwaltete und vermehrte das Vermögen mehrerer öffentlicher und privater Institutionen und baute sein eigenes auf. In den beiden wichtigsten Biographien (MoggridgeMoggridge, 1992) und SkidelskySkidelsky (1983/1992/2000 – 3 Bände) beanspruchen Leben und Werk 940 bzw. rund 1800 Seiten. Diese beiden Biographien sind die Quellen für alle von mir außerhalb der Ökonomie berichteten Ereignisse.

Wenn man sich auf Wunsch des Herausgebers dieser Reihe darauf einlässt, ein Buch über das Leben und das Werk von John Maynard Keynes mit begrenzter Seitenzahl zu schreiben, sieht man sich der schwierigen Aufgabe gegenüber, aus den umfangreichen Schriften dieses britischen Ökonomen und der Vielseitigkeit seiner wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Aktivitäten das Wichtigste auszuwählen und zu präsentieren.

Deswegen musste ich auf sehr viele Details seines gesellschaftlichen und privaten Lebens sowie seiner Aktivitäten auf den Finanzmärkten verzichten. Auch bei seinen ökonomischen Schriften musste ich auswählen und ausschließen. So habe ich nur gelegentlich Keynes’ Erörterungen über die deutschen Reparationszahlungen nach dem 1. Weltkrieg und über ihr Ende angesprochen, die in den „Collected Writings“ den Band. 18 beanspruchen. Ebenso wenig bin ich auf Keynes’ zahlreiche Memoranden und andere Texte zu Fragen der Strukturpolitik in GroßbritannienGroßbritannien eingegangen, die einen beträchtlichen Teil des Doppelbandes 19 der „Collected Writings“ ausmachen.

Für ihre kritische Lektüre des Manuskripts und ihre konstruktiven Anregungen danke ich Frau Dr. Camille Logeay, Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Außerdem danke ich Frau Yvonne Sivapragasam, Studentin des Studiengangs „Economics“ an der TU Berlin, für ihr unermüdliches und geduldiges Herstellen immer neuer Manuskriptfassungen.

Berlin im Dezember 2012

Jürgen Kromphardt

Ein Quereinsteiger in die Ökonomie
Elternhaus und Schulzeit

Am 5. Juni 1883 wurde John Maynard Keynes in Cambridge (England) als ältester Sohn in ein großbürgerliches Elternhaus geboren. Sein Vater, John Neville KeynesJohn Neville Keynes, war ein bekannter Nationalökonom, der überwiegend in Cambridge Politische Ökonomie und Logik lehrte und später in die Universitätsverwaltung hinüberwechselte (als Leiter des Universitätssekretariats – eventuell dem Kanzler einer deutschen Universität vergleichbar). Seine Mutter engagierte sich für Sozialreformen (insbesondere für die Rechte von Frauen), war auf kommunaler Ebene politisch aktiv und bekleidete verschiedene leitende Positionen in der städtischen Verwaltung von Cambridge.

Keynes´ Eltern führten ein offenes Haus, sodass Keynes schon früh bedeutende Gelehrte aus vielen Fachgebieten kennenlernte. Standesgemäß ging der hochbegabte Schüler John Maynard mit 14 Jahren an die renommierteste aller britischen Schulen, nach EtonEton, wo er besonders in klassischer Literatur, in Mathematik und als Mitglied der schulischen Debattierclubs brillierte. Mit 19 Jahren schloss er die Schule mit großem Erfolg ab.

Hinter dieser Erfolgsstory stand jedoch kein angepasster Streber; vielmehr machte sich sein Vater häufig Sorgen, sein Sohn verzettele sich in zu vielen Aktivitäten, zu denen auch Sport und Theateraufführungen der Schüler gehörten.

Studium der Mathematik, Philosophie und Geschichte

Nach dem Abschluss der Schulzeit in EtonEton begann Keynes 1902 in Cambridge Mathematik, Philosophie und Geschichte sowie etwas Ökonomie (als Teil des Mathematikcurriculums) zu studieren. Aufgrund seines sehr guten Schulabschlusses enthielt er ein Stipendium des King‘s CollegeKing‘s College, dem er sein Leben lang verbunden blieb.

Die Ausbildung in Ökonomie war damals in Cambridge rudimentär. Der einzige Professor für Nationalökonomie war Alfred MarshallMarshall, der unbestritten bedeutendste Ökonom seiner Zeit. Ihm war es nach jahrelangem Kampf gerade erst gelungen, für die Ökonomie eine eigene Abschlussprüfung durchzusetzen. Vorher war Ökonomie ein Teil der Prüfung in Mathematik und in Geschichte. Außer Marshall wurde Ökonomie von einigen Universitäts- oder College-Dozenten gelehrt. Es gab aber noch kein verbindliches Curriculum, kaum Lehrbücher (außer Marshalls „Principles of Economics“) und nur wenige Studenten.

Kasten 1: Auf Umwegen an die Universität und ins Schatzamt


1905 Abschluss des Mathematik-Studiums am King’s College in Cambridge, anschließend vertieftes Studium der Ökonomie bei Marshall und Pigou
1906 Aufnahmeprüfung für den Staatsdienst. Als zweitbester Absolvent kommt Keynes nicht ins Schatzamt, sondern ins „India Office“
1908 Keynes scheidet aus dem India Office aus und wird bezahlter Dozent am King’s College
1911 Marshall bindet Keynes an die Wissenschaft, indem er ihn zum Herausgeber des „Economic Journal“ macht
1915 Im 1. Weltkrieg wird Keynes Berater des Schatzamts
1919 Keynes nimmt als Vertreter des Schatzamtes an den Friedensverhandlungen in Versailles teil

Auch in Cambridge war Keynes Mitglied diverser studentischer Debattierclubs. Der für Keynes wichtigste von ihnen, der von manchen Biographien als Geheimgesellschaft bezeichnet wird, war die elitäre Gesellschaft der „ApostelApostel“, in die er wegen seines rhetorischen Talents aufgenommen wurde. Mehrere Mitglieder der „Apostel“ übten auf Keynes einen prägenden Einfluss aus, so der spätere Kunstkritiker und Biograph Lytton Strachey, der angehende Schriftsteller und Verleger Leonard WoolfWoolf sowie der Philosoph GeorgeGeorge Moore.

Die „ApostelApostel“ lehnten alle Konventionen der prüden viktorianischen Zeit in GroßbritannienGroßbritannien ab. Dies galt auch für die Normen sexuellen Verhaltens. Laut Skidelsky (1983, S. 128) war für die Apostel die Liebe zu jungen Männern eine höhere Form der Liebe. Daran orientierten sich einige der Apostel, darunter auch Keynes, obwohl Homosexualität in Großbritannien unter Strafe stand.

Die Kunstfreunde unter den Aposteln stärkten Keynes Begeisterung für die schönen Künste, deren Förderung ihm Zeit seines Lebens am Herzen lag.

1905 schloss Keynes sein Studium mit der Prüfung in Mathematik ab, und zwar als Zwölftbester seines Jahrgangs.

Eintritt in den Staatsdienst und Rückkehr an die Universität

Keynes beschloss in den Staatsdienst zu gehen. Er bereitete sich an der Universität Cambridge auf die Aufnahmeprüfung vor, die auch Ökonomie und Mathematik umfasste. Am meisten reizte ihn das Finanzministerium (TreasuryTreasury), aber er bekam die einzige dort zu besetzende Stelle nicht, da er die Prüfung „nur“ als Zweitbester von 104 Teilnehmern abschloss. Er musste daher ins „Indian Office“ gehen. In dieser Behörde hatte er – da er ein sehr schneller Denker und Schreiber war – viel Zeit, die er nutzte, um eine Dissertation über WahrscheinlichkeitstheorieWahrscheinlichkeitstheorie zu schreiben, mit der er sich 1907 am King‘s CollegeKing‘s College in Cambridge um eine (durch ein mehrjähriges Stipendium finanzierte) Dozentenstelle (Fellowship) bewerben wollte. Er wurde aber am College nicht genommen, denn die Annahme seiner Dissertation wurde zurückgestellt.

Daraufhin bot ihm MarshallMarshall, der das überragende Talent seines früheren Studenten erkannt hatte, einen von ihm und Keynes’ Vater privat finanzierten Lehrauftrag als „Lecturer“ an, den Keynes annahm. Der junge Dozent (25 Jahre alt) konzentrierte sich auf GeldtheorieGeldtheorie und GeldpolitikGeldpolitik und überarbeitete seine Dissertation, die 1909 angenommen wurde. Daraufhin kündigte er seine Stelle im Indian Office. Seine Dissertation über WahrscheinlichkeitstheorieWahrscheinlichkeitstheorie überarbeitete er weiterhin, musste sie dann wegen seiner Tätigkeit für das Schatzamt Schatzamtwährend des 1. Weltkrieges liegen lassen. Gedruckt erschien sie erst 1921 (Kasten 2).

Kasten 2: Keynes und Wahrscheinlichkeit

In seiner voluminösen Untersuchung zur WahrscheinlichkeitstheorieWahrscheinlichkeitstheorie „Treatise on Probability“ (1921) untersucht Keynes, wie man aus Beobachtungen über die Realität allgemeine Sätze ableiten kann; denn selbst wenn man tausendmal nur schwarze Raben gesehen hat, lässt sich daraus nicht logisch ableiten, alle Raben seien schwarz. Keynes fragt nun: Lässt sich wenigstens eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit treffen, dass alle künftig auftauchenden Raben schwarz sein werden? Keynes argumentiert, diese Wahrscheinlichkeit sei nicht rein subjektiv, sondern sei das Ergebnis einer rational fundierten Überzeugung und daher eine logische Relation, die für alle rationalen Individuen gleich ist.

1926 kritisiert der geniale Mathematiker und Philosoph Frank RamseyRamsey (der schon mit 26 Jahren an den Folgen einer Leberoperation starb) diese Theorie und stellt ihr eine subjektive WahrscheinlichkeitstheorieWahrscheinlichkeitstheorie gegenüber, wonach rationale Individuen unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten vermuten.

In einem biographischen Artikel über RamseyRamsey stimmt Keynes (1931) dieser Kritik zu, meint aber, Ramseys Theorie weise noch Schwächen auf. Donald Gillies, auf dessen Artikel „Keynes and Probability“ (2006) ich mich stütze, verweist auf die Erwartungsbildung in der „General Theory“, wo Keynes individuellen Eigenschaften und gruppendynamischen Prozessen eine gewichtige Rolle zuweist. Am deutlichsten wird dies an einer Stelle in dem wichtigen Artikel von Keynes (1937, S. 214), die Gillies zitiert und die in meiner Übersetzung lautet: „Da wir wissen, dass unsere individuelle Beurteilung wertlos ist, sind wir bestrebt, auf die Beurteilung des Restes der Welt zurückzugreifen, der vielleicht besser informiert ist. Wir bemühen uns also, mit dem Verhalten der Mehrheit oder des Durchschnitts konform zu gehen. Die Psychologie einer Gesellschaft von Individuen, von denen jeder bemüht ist, die anderen zu kopieren, führt zu etwas, das wir strenggenommen als konventionelle Beurteilung bezeichnen können.“

Außerdem schrieb er sein erstes Buch über „Indian Currency and Finance“, in dem er seine Kenntnisse und Erfahrungen aus der Zeit im Indian Office verarbeitete (erschienen 1913). Kurz vorher war Keynes in die „Royal Commission“ berufen worden, die sich mit diesem Thema befasste.

MarshallMarshall band Keynes noch enger an die Nationalökonomie, indem er dafür sorgte, dass Keynes 1911 – nach Ausscheiden des bekannten Ökonomen EdgeworthEdgeworth – Herausgeber der damals führenden ökonomischen Fachzeitschrift, nämlich des „Economic Journal“, wurde. Keynes las, verstand und beurteilte die eingereichten Artikel mit außergewöhnlicher Schnelligkeit und Bestimmtheit.

1913 wurde er zusätzlich Sekretär der „Royal Economic SocietyRoyal Economic Society“ und bestimmte damit weitgehend die Aktivitäten dieser wissenschaftlichen Gesellschaft. Beide Positionen behielt Keynes bis kurz vor seinem Lebensende bei.

Kunstliebhaber, Mäzen, Finanzmanager

Keynes setzte die engen Kontakte zu den Freigeistern, Künstlern und Philosophen, die er in der Studienzeit geknüpft hatte, trotz der beschriebenen Aufgaben weiterhin fort. Er fand genügend selbstbestimmte Zeit, um drei Tage in der Woche in London zu verbringen, wo er viel mit seinen Freunden der „Bloomsbury Group“ (benannt nach dem Londoner Stadtteil) zusammen sein konnte. Zu dieser Gruppe gehörten außer den drei oben genannten „Aposteln“ die Schriftstellerin Virginia WoolfWoolf, der Maler Duncan GrantGrantGrant (mit dem Keynes zwei Jahre lang zusammen lebte), die Malerinnen Vanessa BellBell und Dora CarringtonCarrington, der Philosoph Bertrand RussellRussell und einige andere. Hier konnte Keynes seiner Vorliebe für Philosophie, Literatur und andere schöne Künste nachgehen.

Keynes war zwar kein aktiver Künstler, aber seine Liebe zur Kunst bestimmte sein Leben in mehrfacher Hinsicht: Er kaufte und sammelte Bilder und alte Bücher; er lernte über die Bloomsbury Group die emigrierte Ballerina Lydia LopokovaLopokova kennen, die er 1925 heiratete, und er engagierte sich in der Förderung von Künstlern. So gründete er 1925 zusammen mit einem befreundeten Kunstsammler und Industriellen (Courtauld) die „London Artists Association“, die jüngeren Künstlern als Agentur diente, ihnen ein bescheidenes regelmäßiges Einkommen zahlte und Ausstellungen organisierte.

Nach seiner Hochzeit mit Lydia LopokovaLopokova (1925) pachtete er ein Landhaus in Tilton, wohl auch deswegen, weil die meisten Mitglieder der Bloomsbury Group seine Heirat ablehnten (vermutlich als Verbürgerlichung) und versucht hatten, ihn davon abzuhalten.

Um seinen aufwändigen Lebensstil zu finanzieren und aus Neigung, fing er schon vor dem 1. Weltkrieg an, an der Börse zu spekulieren. Langfristig war er dabei sehr erfolgreich, 1920 aber fast pleite. Auf Grund seiner Bekanntschaft mit verschiedenen Größen der BankenBanken- und Börsenwelt wurde er 1919 Mitglied des „Board“ einer Lebensversicherung (National Mutual Life Insurance CompanyNational Mutual Life Insurance Company), 1921 dessen Vorsitzender. 1924 wird er zusätzlich Vorsitzender des Independent Investment TrustIndependent Investment Trust. Er managte erfolgreich deren Finanzanlagen, wobei er sehr häufig auf kurzfristige Wechselkursänderungen spekulierte. Auf Grund seines Interesse und seines Geschicks beim Finanzmanagement und bei Börsengeschäften wurde ihm bald die Verantwortung für die Finanzen des King‘s CollegeKing‘s College übertragen.

Eine weitere Einnahmequelle waren die vielen Aufsätze, die er in Zeitschriften und (Wochen-)Zeitungen gegen gutes Honorar veröffentlichte (im Jahre 1923 nicht weniger als 51 Aufsätze).

Ein streitbarer Politökonom (Vom 1. Weltkrieg bis zur Weltwirtschaftskrise)
Berater und Repräsentant des Schatzamtes

AWeltwirtschaftskriseuch für Keynes brachte der 1. Weltkrieg einschneidende Änderungen. Seine fundierten Kenntnisse der internationalen Finanz- und Währungsprobleme veranlassten das britische SchatzamtSchatzamt (die „TreasuryTreasury“), ihn als Berater einzustellen; binnen kurzem war er für die Finanzierung der Kriegsausgaben Großbritanniens und seiner Verbündeten zuständig und steuerte die Verhandlungen über DarlehenDarlehen der USAUSA an GroßbritannienGroßbritannien einerseits und von Großbritannien an die mit ihm verbündeten Staaten auf dem Kontinent andererseits. Sein Überblick und sein Argumentations- und Verhandlungsgeschick ließen ihn rasch zu einer einflussreichen Person im Schatzamt werden.

Keynes schrieb zahlreiche Memoranden und persönliche Briefe, die den Band. 16 seiner „Collected Writings“ (1971ff.) füllen, die lange nach seinem Tod von der „Royal Economic SocietyRoyal Economic Society“ herausgegeben wurden (zur Zitierweise siehe S. 181f).

So war es folgerichtig, dass Keynes nach dem Ende des Krieges in der britischen Delegation als Vertreter des Schatzamtes an der Pariser Friedenskonferenz teilnahm und zum offiziellen Repräsentanten des britischen Empires im „Supreme Economic Council“ bestimmt wurde. Er befasste sich nicht nur mit der Frage der Reparationszahlungen Deutschlands und seiner Verbündeten, sondern auch mit dem Problem, wie mit den Forderungen und Verbindlichkeiten umzugehen sei, die durch die KriegsfinanzierungKriegsfinanzierung zwischen den Allierten entstanden waren.

Keynes kämpfte für einen Friedensschluss, in dem die ReparationenReparationen, die insbesondere DeutschlandDeutschland zu zahlen hatte, auf eine Größenordnung beschränkt wurden, die Deutschland zu leisten in der Lage wäre, ohne dass seine Wirtschaft darunter zusammenbricht.

Nachdem er sich nicht durchsetzen konnte, schied er nach fünf Monaten harter Arbeit am 5. Juni 1919 aus der britischen Delegation aus.

Kasten 3: Wichtige Schriften von Keynes bis 1929

 Indian Currency and Finance (1913). CW, Vol. 1

 Treatise on Probability (1921). CW, Vol. 8

 The Economic Consequences of the Peace (1919). CW, Vol.2Deutsch: Die Wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages (1920)

 A Revision of the Treaty (1922). CW, Vol. 3Deutsch: Revision des Friedensvertrages (1924)

 A Tract on Monetary Reform (1923). CW, Vol. 4Deutsch: Ein Traktat über Währungsform (1924)

 Does Employment Need a Drastic Remedy? (1924). CW, Vol. 19,1.

 The Economic Consequences of Mr. ChurchillChurchill (1925). CW, Vol. 9Deutsch: Die wirtschaftlichen Folgen von Mr. Churchill (Keynes, 1956)

 Am I a Liberal? (1925). CW, Vol. 9Deutsch: Bin ich ein liberaler? In: Reuter, Norbert (2007) sowie in: John Maynard Keynes Ausgewählte Abhandlungen (1956)

 Can Lloyd George Do it? (1929). CW, Vol. 9

Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages

Voller Zorn über die Uneinsichtigkeit und teilweise Borniertheit der Siegermächte schrieb Keynes in den vier Monaten nach seinem Ausscheiden das Buch „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags“ (1919/1920).

Keynes verband seine Analyse mit einer ziemlich drastischen Kritik an den führenden Vertretern der damaligen Siegermächte, insbesondere an Georges ClemenceauClemenceau und an dem US-amerikanischen Präsidenten Woodrow WilsonWilson Das Buch hatte einen immensen Erfolg und machte Keynes mit einem Schlag weltweit berühmt. Schon im Laufe des Jahres 1920 wurde es in 10 Sprachen übersetzt (darunter ins Russische und ins Chinesische); bis 1922 wurden insgesamt 140.000 Exemplare verkauft. Keynes machte sich zugleich bei vielen politisch Verantwortlichen sehr unbeliebt, besonders in FrankreichFrankreich und den USAUSA.

Die deutsche Übersetzung ist eine um ca. ein Viertel gekürzte Fassung. Sie erschien 1920 mit dem Titel „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedenvertrags“ im Verlag Duncker & Humblot. 2006 ist sie unter dem Titel „Krieg und Frieden. Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrages von Versailles“ mit einer neuen längeren Einleitung vom Verlag Berenberg (Berlin) erneut veröffentlicht worden.

Die grundsätzliche Einstellung von Keynes zum Friedensvertrag wird aus folgender Passage deutlich: „Durch krankhafte Täuschung und rücksichtsloses Selbstbewußtsein getrieben, stürzte das deutsche Volk die Fundamente, auf denen wir alle lebten und bauten. Aber die Wortführer des französischen und des britischen Volkes haben das Wagnis unternommen, den Umsturz zu vollenden, den DeutschlandDeutschland begann, durch einen Frieden, dessen Verwirklichung das empfindliche, verwickelte, durch den Krieg bereits erschütterte und zerrissene System, auf Grund dessen allein die europäischen Völker arbeiten und leben können, noch weiter zerstören muß, statt es wiederherzustellen.“ (1919/2006, S. 39)

Zur Fundierung seiner Kritik versucht Keynes unter Heranziehung aller Informationen über die Produktion wichtiger Rohstoffe (insbesondere Kohle) und Produkte sowie über den Außenhandel abzuschätzen, welche ReparationsleistungenReparationsleistungen DeutschlandDeutschland maximal erbringen kann. Er unterstreicht, dass Deutschland auf Dauer nur Reparationsleistungen erbringen kann, wenn es entsprechende Überschüsse in der Leistungsbilanz erwirtschaftet, wenn ihm das Ausland mithin genügend hohe Exporte ermöglicht, indem es seine Märkte für deutsche Waren öffnet. Auf solche Überlegungen nimmt der Friedensvertrag von Versailles keine Rücksicht. Stattdessen legten es seine Vorschriften darauf an, Deutschlands Wirtschaft am Boden zu halten – was auch die Prosperität der europäischen Siegermächte beeinträchtigen und die Quelle von Hungersnot und politischer Unruhe sein werde.

Drei Jahre später veröffentlicht Keynes einen Folgeband (Revision of the Treaty, 1922). In diesem Band, von Keynes selbst als Folgeband zu den „Economic Consequences of the Peace“ bezeichnet, konzentriert sich Keynes auf die Entwicklung der Reparationsfrage in den zwei Jahren nach dem Friedensvertrag von Versailles, dessen Bestimmungen er 1919 so heftig kritisiert hatte. Keynes berichtet, dass die ungeklärte Reparationsfrage nach wie vor die politische und ökonomische Situation in Europa belaste, zumal es für DeutschlandDeutschland unmöglich sei, die ursprünglich geforderten Zahlungen zu leisten. Er macht weitreichende Vorschläge, die zu einer drastischen Reduktion der Reparationsforderungen geführt hätten, verbunden mit einem Verzicht der USAUSA und Großbritanniens auf Rückzahlung ihrer im Krieg gewährten Kredite an ihre Verbündeten (USA vor allem an GroßbritannienGroßbritannien, dieses wiederum vor allem an FrankreichFrankreich). Erfolg hatten diese Vorschläge leider nicht.

Daher äußerte sich Keynes weiterhin zur Reparationsfrage und insbesondere zu der Frage, wie und mit welchen Konsequenzen die in deutscher Währung an die Reparationsagenten der Siegermächte geleisteten Zahlungen in Devisen transferiert werden können. Seine Auseinandersetzung mit Bertil Ohlin ist in Band. 11 der Collected Writings nachzulesen und seine sonstigen Artikel, Memoranden und Briefe dazu füllen den Band. 18.

Erst 1931 in der WeltwirtschaftskriseWeltwirtschaftskrise, als es ökonomisch und vor allem politisch zu spät war, wird auf der Konferenz von Lausanne ein Ende der Reparationszahlungen vereinbart.

Keynes nutzte auch in anderen Bereichen sein hohes Renommee, um die öffentliche Meinung und die Entscheidungen der Träger der Wirtschaftspolitik zu beeinflussen. Zu diesem Zweck schrieb er nicht nur zahlreiche Beiträge und Leserbriefe an die führenden Zeitungen, sondern kaufte 1923 zusammen mit Gleichgesinnten die Wochenzeitung „The Nation and AthenaeumNation and Athenäum“, deren Leitung er übernahm und für die er regelmäßig Beiträge schrieb. Zwei Themenkomplexe standen dabei neben der Reparationsfrage im Vordergrund: Zum einen seine Forderung, die Währungspolitik solle zu einem stabilen Preisniveau beitragen; zum anderen die pragmatische Neuausrichtung der liberalen Partei. Diese hatte sich Ende 1918 gespalten, was ihren Niedergang einleitete. Nachdem sie nach den Wahlen 1922 stark geschwächt in die Opposition gehen musste, wurde eine Erneuerung ihres Programms sehr dringlich.

Kampf für eine preisniveaustabilisierende Währungspolitik

Schon in seinem Buch über Indiens Währung und Finanzen hatte die Frage, wie der Außenwert der indischen Rupie im Verhältnis zum PfundPfund und zum GoldGold festgesetzt werden sollte, großen Raum eingenommen. Die entsprechende Frage stellte sich nach dem Kriegsende für das britische Pfund selbst, jetzt im Verhältnis zum Gold und damit zu allen anderen an das Gold gebundene Währungen. GroßbritannienGroßbritannien hatte im 1. Weltkrieg den GoldstandardGoldstandard suspendiert. Viele Politiker strebten dahin zurück, und zwar zur alten Vorkriegsparität, obwohl sich britische Erzeugnisse seitdem stark verteuert hatten.

In seinem „Tract on Monetary Reform“ aus dem Jahre 1923 (in deutsch erschienen als „Ein Traktat über Währungsreform“, München 1924) verabschiedet sich Keynes von der traditionellen Orientierung der Geld- und Währungspolitik am Außenwert der Währung und fordert ihre Ausrichtung am Binnenwert und spricht sich damit für eine Stabilisierung des Preisniveaus aus. Er begründet dies mit den unerwünschten Folgen von InflationInflation und DeflationDeflation:

„Jeder Prozeß, die InflationInflation und die DeflationDeflation in gleicher Weise, hat schwere Schäden angerichtet. Jeder hat eine Wirkung, indem er die Verteilung der Güter auf verschiedene Klassen beeinflußt; und darin ist die Inflation der schlimmere von beiden. Jeder hat auch eine Wirkung, indem er die Erzeugung von Gütern steigert oder hemmt, obschon hier die Deflation die schädlichere ist (1923/1924, S. 4).“

Die InflationInflation schade den Sparern, begünstige die Unternehmen und sei wahrscheinlich vorteilhaft für die Lohnbezieher. Die Ungerechtigkeit gegenüber den Sparern vermindere deren Spartrieb (diesen sieht Keynes damals offenbar noch uneingeschränkt positiv). Die DeflationDeflation dagegen schade vor allem den Unternehmen, die ihre Produktion einschränken, und den Arbeitnehmern, die Arbeitsplätze verlieren.

Im Traktat argumentiert Keynes mit der QuantitätstheorieQuantitätstheorie, derzufolge eine Erhöhung der GeldmengeGeldmenge langfristig zu einem gleich großen Anstieg des Preisniveaus führt: Die mengenmäßige Produktion ist durch die vorhandenen, stets ausgelasteten Ressourcen an Arbeit und Kapital begrenzt, kann also nicht steigen. Auch die von der Bevölkerung und den Unternehmen gewünschte KassenhaltungKassenhaltung in Relation zu ihrem Einkommen ist von der Geldmenge unabhängig. Daher führt eine Verdopplung der Geldmenge auf Dauer zu einer Verdopplung des Preisniveaus (Kasten 4).

Kasten 4: Zur QuantitätstheorieQuantitätstheorie

Diese altehrwürdige Theorie basiert auf einer Definitionsgleichung, die GeldmengeGeldmenge (M), PreisniveauPreisniveau (p), reales Volkseinkommen (X) und Kassenhaltungskoeffizient (k) in Beziehung zueinander setzt:

M = k · p · X

Der Parameter k lässt sich nicht unabhängig ermitteln; er ist als Restgröße definiert, sodass Gleichung (1) immer erfüllt ist.

Im 2. Schritt wird angenommen, k und X seien langfristig gegeben (unabhängig von der GeldmengeGeldmenge). Dann müssen sich M und p proportional entwickeln.

Diese Behauptung wird von dem führenden deutschen Monetaristen Manfred J.M. NeumannNeumann (2012, S. 9) deutlich abgeschwächt: „(Es) wird nicht behauptet, dass es in jedem Fall zu einer InflationInflation kommen müsse, wenn die GeldmengeGeldmenge stärker wächst, oder gar, dass die Entwicklung des Preisniveaus mit der Geldmenge hochgradig korreliert sein müsse. Nur im Verlauf von Hyperinflationen, also Inflationsprozessen mit Zuwachsraten von mehr als 50 Prozent pro Monat, ist das eindeutig beobachtet worden, …“

Im 3. Schritt wird angenommen, die GeldmengeGeldmenge sei exogen, das heißt, sie werde von außen (insbesondere von der Zentralbank) bestimmt. Daher sind Änderungen der Geldmenge die Ursache der Änderungen des Preisniveaus.

Keynes (1923/1924, S. 76) stimmt dieser Aussage als langfristiger Beziehung zu: „Diese Theorie ist grundlegend. Ihre Übereinstimmung mit den Tatsachen ist fraglos“. Er betont aber, dass sie nur langfristig gelte. Kurzfristig könne der Kassenhaltungskoeffizient schwanken, und das müsse bei der politischen Anwendung berücksichtigt werden. Man dürfe sich nicht auf die Langfristbeziehung beschränken. Keynes begründet dies mit seinem berühmtesten Ausspruch (S. 83): „Die lange Sicht ist ein schlechter Führer in bezug auf die laufenden Dinge. Auf lange Sicht sind wir alle tot. Die Volkswirtschaft (-slehre – JK) macht es sich zu leicht und macht ihre Aufgabe zu wertlos, wenn sie in stürmischen Zeiten uns nur sagen kann, daß, nachdem der Sturm lang vorüber ist, der Ozean wieder ruhig sein wird.“

Keynes’ Sorge vor den negativen Folgen einer DeflationDeflation für die Verteilung und für die Beschäftigung führte zu seiner Ablehnung der Pläne, zum GoldstandardGoldstandard und zur Vorkriegsparität des Pfundes gegenüber dem GoldGold zurückzukehren. Dieser Schritt würde nämlich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der britischen Industrie beeinträchtigen. Zwar könne man dies durch eine allgemeine Lohn- und Preissenkung vermeiden. Aber Keynes sah keinen praktischen Weg, eine solche Lohn- und Preissenkung herbeizuführen.

Keynes präsentierte seine Kritik in zahlreichen Aufsätzen und Vorträgen (nachzulesen im Band. 19 seiner „Collected Writings“). Nachdem Winston ChurchillChurchill als britischer Schatzkanzler trotz der Einwände von Keynes Ende April 1925 die Rückkehr zum GoldstandardGoldstandard und zur Vorkriegsparität angekündigt hatte, fasste Keynes seine Position in drei Artikeln im „Evening Standard“ zusammen, die er unverzüglich auch als Streitschrift im Verlag seiner Bloomsbury-Freunde mit dem provokanten Titel „The Economic Consequences of Mr. Churchill“ veröffentlichte.

Keynes stützte sich vor allem auf ein Argument: Soll die Wettbewerbsfähigkeit der britischen Industrie erhalten bleiben, müssen die Preise ihrer Produkte gesenkt werden und als Voraussetzung dafür die Löhne. Dafür gäbe es zwei Wege: Entweder müssen Arbeitgeber und Regierung diese gegen die einzelnen Gewerkschaften durchsetzen, ohne dass es eine Garantie für ein faires Ergebnis gibt, oder die Zentralbank verfolgt eine sehr restriktive GeldpolitikGeldpolitik, welche die InvestitionenInvestitionen abwürgt, die ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit erhöht und dadurch den Widerstand der Gewerkschaften schwächt.

Dabei befasste sich Keynes auch mit dem Problem, dass bestimmte Industriezweige (vor allem die metallverarbeitende Industrie) besonders stark betroffen waren, und er beteiligte sich an Plänen zur Umstrukturierung einzelner Branchen (z.B. der Baumwollindustrie) – siehe dazu im Einzelnen den Band. 19 seiner „Collected Writings“.

Keynes machte ChurchillChurchill nicht persönlich verantwortlich, sondern vermutete, dass seine Berater ihn in die Irre geführt hätten. Und warum? Sie unterschätzten das Ausmaß der erforderlichen Preisanpassung und die Schwierigkeit ihrer Durchsetzung. Vor allem aber glaubten sie an die automatische und schnelle Anpassung des Preisniveaus durch eine „gesunde“ Politik der englischen NotenbankNotenbank, wodurch die Kosten in Form höherer ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit gering blieben.

Keynes’ Sorgen erwiesen sich als berechtigt: Zum einen brach alsbald ein langer Streik der Arbeiter im KohlenbergbauKohlenbergbau gegen Lohnkürzungen aus, und zum anderen blieb die ArbeitslosenquoteArbeitslosenquote in GroßbritannienGroßbritannien bis zur WeltwirtschaftskriseWeltwirtschaftskrise ziemlich unverändert bei rund 10 %. Die hohe ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit erwies sich nicht als eine vorübergehende Fehlentwicklung, wie dies von der herrschenden Theorie behauptet wurde. Keynes erkannte dies, aber es sollte noch viele Jahre dauern, bis er seine eigene Theorie zur Erklärung von Arbeitslosigkeit entwickeln konnte (siehe dazu die drei nachfolgenden Kapitel ab S. 33).

Unterstützung der „Liberalen Partei“ bei ihrer programmatischen Erneuerung

LiberaleDie beharrlich hohe ArbeitslosenquoteArbeitslosenquote und die damit verbundenen sozialen Probleme veranlassten Keynes, der als Liberaler zwischen den Konservativen und der Labour-PartyLabour-Party stand, eine Neuausrichtung der Liberalen ParteiLiberale zu fordern. Diese war umso nötiger, als diese Partei ihre frühere Bedeutung in den Wahlen von 1925 völlig verloren hatte.

In einem in der „Liberal Summer School“ im August 1925 gehaltenen Vortrag „Am I a Liberal?“, den er in demselben Monat in zwei Artikeln in „Nation and AthenaeumNation and Athenäum“ veröffentlichte, präsentierte Keynes (1925/2007) seine Vorstellungen von einer erneuerten liberalen Partei: Die Konservative Partei biete ihm nichts. Sie sollte eine Version des Individualkapitalismus entwickeln, die den veränderten Umständen angepasst ist. Dazu sei sie nicht in der Lage: „Die Schwierigkeit liegt … darin, daß die kapitalistischen Anführer in der Geschäftswelt und im Parlament unfähig sind, neue Maßnahmen zum Schutz des Kapitalismus von dem zu unterscheiden, was sie Bolschewismus nennen“ (1925/2007, S. 106). Daher werden notwendige Anpassungen jedenfalls von ihrem reaktionären Flügel abgelehnt.

Bei der „Labour Party“ sehe es nicht besser aus. Sie werde immer einen starken Flügel haben, der den Kapitalismus stürzen will. In GroßbritannienGroßbritannien sei dieser Flügel zahlenmäßig sehr schwach. Trotzdem durchdringt seiner Ansicht nach ihre Philosophie in einer abgeschwächten Form die Arbeiterpartei (ebda, S. 106/7).

Dazwischen sollte – so Keynes – eine Partei existieren, „die unvoreingenommen zwischen den Klassen stehen und frei sein könnte, die Zukunft sowohl unabhängig vom Einfluss des Reaktionismus als auch von dem der Zusammenbruchsdoktrin zu gestalten, die die Grundlage des jeweils anderen ruinieren wollen“ (S. 107). Welche Positionen sollte eine solche liberale Partei vertreten? Sie müsse sich vom altmodischen Individualismus und von Laissez-FaireLaissez-Faire in strenger Form verabschieden und sich den Fragen zuwenden, die heute von vitalem Interesse und vorrangiger Bedeutung sind (Über „The End of Laissez-Faire“ hatte Keynes schon 1924 einen Vortrag gehalten, den er 1926 in der Hogarth-Presse veröffentlichte).

Im Vordergrund stünden fünf Gruppen von Fragen: 1. Friedensfragen (Keynes spricht sich für Pazifismus aus). 2. Rolle und Ordnung des Staates (Keynes spricht sich für halbautonome Körperschaften aus). 3. Geschlechterfragen. (Keynes fordert die Lockerung rigider Gesetze, z.B. bzgl. der Geburtenregelung) 4. Grenzen des Verbots von Rauschmitteln, insbesondere Alkohol und 5. Wirtschaftliche Fragen. Hier fordert Keynes den „Übergang von wirtschaftlicher Anarchie zu einem Regime, das bewusst auf eine Überwachung und Lenkung der wirtschaftlichen Kräfte im Interesse von sozialer GerechtigkeitGerechtigkeit und gesellschaftlicher Stabilität zielt“ (S. 112). Dies „wird enorme technische wie politische Schwierigkeiten mit sich bringen. Dennoch behaupte ich, daß es die wahre Bestimmung des Neuen Liberalismus ist, hier die Lösung zu suchen“ (S. 113).

Einen Ansatz für eine solche Lösung hatte Keynes (1924) in einem Beitrag in der Zeitschrift „The Nation and AthenaeumNation and Athenäum“ skizziert. Dort forderte er zur Bekämpfung der hohen ArbeitslosenquoteArbeitslosenquote eine Kooperation zwischen Staat und Wirtschaft, um langfristig notwendige InvestitionenInvestitionen zu finanzieren, vor allem in den Bereichen Wohnungsbau, Verkehrsinfrastruktur und Stromversorgung. Auf diese Weise sollen die privaten Finanzmittel, die bislang in den Kauf ausländischer Papiere fließen, in produktive inländische Projekte gelenkt werden, und damit zugleich die Beschäftigung erhöhen.

Die von Keynes angesprochenen Fragen wurden in und außerhalb der liberalen Partei heftig diskutiert. An der Diskussion der wirtschaftlichen Fragen nahm Keynes intensiv teil. Eine Gelegenheit und Notwendigkeit, die von ihm geforderten neuen Maßnahmen und Instrumente zu präzisieren, ergab sich, nachdem Lloyd GeorgeGeorge, der Vorsitzende der Liberalen ParteiLiberale, für die Unterhauswahlen 1929 in seinem Wahlprogramm ein Programm öffentlich finanzierte Maßnahmen vorsah. Dieses sollte jährlich 100 Mio. PfundPfund Sterling kosten und 500.000 Arbeitnehmern eine Beschäftigung verschaffen.

In GroßbritannienGroßbritannien hatte die ArbeitslosenquoteArbeitslosenquote in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg in jedem Jahr (außer 1924) bei oder leicht über 10 % gelegen; im April 1929 entsprach dies 1,14 Mio. Arbeitslosen. Für die Arbeitslosen wurden jährlich Unterstützungen von ca. 50 Mio. PfundPfund Sterling ausgegeben. Angesichts solcher Verschwendung produktiver Ressourcen befürworteten Keynes/HendersonHenderson (1929) unter dem Titel „Can Lloyd GeorgeGeorge do it?“ dieses Programm, und die Autoren wendeten sich gegen die zwei verbreitesten Gegenargumente, nämlich:

 Die vom Staat dafür aufgenommenen Finanzmittel verringern nur das Kapitalangebot für die Privaten.

 Kreditfinanzierte StaatsausgabenKreditfinanzierte Staatsausgaben führen nur zu InflationInflation.

Das erste Argument entspricht dem ominösen „Treasury ViewTreasury View“, den der britische Schatzkanzler in seiner Budgetrede so formulierte: „Es ist die immer mit Festigkeit vertretene Lehre des Schatzamtes, dass durch Staatsverschuldung und StaatsausgabenStaatsausgaben … sehr wenig zusätzliche Beschäftigung und keine dauerhafte Beschäftigung bewirkt werden kann“ (Keynes/HendersonHenderson, 1929/1956, S. 186).

Dieses Argument entbehre jedoch jeder Grundlage. Dafür spreche schon, dass es auch für kreditfinanzierte InvestitionenInvestitionen der privaten Unternehmen gelten müsste. Dann gäbe es jedoch keinen Weg, durch mehr private Investitionen Arbeitslose in Beschäftigung zu bringen, was aber niemand behaupte.

In Wirklichkeit gebe es drei Quellen, um ErsparnisseErsparnisse für neue, beschäftigungssteigernde InvestitionenInvestitionen bereitzustellen:

1 Die Summen, die jetzt für die Arbeitslosenunterstützung ausgegeben werden.

2 ErsparnisseErsparnisse, die nicht den Weg zu InvestitionenInvestitionen finden, weil die BankenBanken keine entsprechenden Investitionskredite vergeben.

3 ErsparnisseErsparnisse, die bislang für Auslandskredite verwendet werden.

In der detaillierten Beweisführung zu (Punkt 2) betonen Keynes/HendersonHenderson den Unterschied zwischen SparenSparen und InvestitionenInvestitionen: „Ein Land wird nicht durch die rein negative Handlung einer Person, nicht alles Einkommen für den laufenden Verbrauch auszugeben, bereichert. Bereichert wird es durch die positive Tat des Gebrauchs dieser Ersparnisse zur Vermehrung der Kapitalausrüstungen des Landes“ (ebenda, S. 191).

Hiermit wenden die Autoren sich gegen die auch damals weit verbreitete Gleichsetzung von SparenSparen und Investieren sowie von Sparern und Investoren, obwohl diese zumeist unterschiedliche Personen sind.

Gegen das zweite Argument, kreditfinanzierte StaatsausgabenKreditfinanzierte Staatsausgaben führten nur zu InflationInflation, erwidern Keynes/HendersonHenderson, dies gelte erst, wenn in einer Phase der Hochkonjunktur VollbeschäftigungVollbeschäftigung fast oder ganz erreicht sei, nicht aber bei UnterbeschäftigungUnterbeschäftigung. Diese für die makroökonomische Analyse zentrale Unterscheidung zwischen der Situation der Vollbeschäftigung und der Unterbeschäftigung findet sich also bereits hier. Die herrschende Theorie ging dagegen seit RicardoRicardo, der laut Keynes (1936/2009, S. 27f) „England so vollständig erobert (hat) wie die Heilige Inquisition Spanien“, stillschweigend von einer Situation der Vollbeschäftigung aus.

Die Unterstützung durch Keynes’ Pamphlet half Lloyd George zu wenig. Die Liberale Partei erhielt zwar 23 % der bei der Parlamentswahl von 1920 abgegebenen Stimmen, doch die Wahlen gewann die Labour Party, die der ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit und vor allem der bald danach (im Herbst 1929) ausbrechenden WeltwirtschaftskriseWeltwirtschaftskrise hilflos gegenüber stand. Premierminister wurde MacDonaldMacDonald, der zwei Jahre später zurücktrat und eine Koalitionsregierung aller drei Parteien bildete, die – wie in DeutschlandDeutschland Reichskanzler BrüningBrüning – mit Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen den Staatshaushalt auszugleichen versuchte, damit aber nur die Krise verschärfte.

Erster Versuch einer makroökonomischen Fundierung der wirtschaftspolitischen Forderungen

Viele der zahlreichen Artikel und Pamphlete, mit denen Keynes wirtschaftspolitische Konzepte und Maßnahmen propagierte, dienten dem Ziel, die Beschäftigung zu erhöhen und die insbesondere in GroßbritannienGroßbritannien auf hohem Niveau stagnierende ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit zu bekämpfen.

Beim Kampf gegen die Rückkehr zum GoldstandardGoldstandard und zur Vorkriegsparität argumentierte Keynes vor allem preistheoretisch und machte das zu hohe PreisniveauPreisniveau in GroßbritannienGroßbritannien für dessen fehlende preisliche Wettbewerbsfähigkeit und die damit verbundene ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit verantwortlich. Dies entsprach dem Vorgehen der herrschenden neoklassischen Theorie, in der die Individuen sich in ihren Entscheidungen an relativen Preisen orientieren, zu denen sie auch den Lohn (als Preis der Arbeitskraft) und den ZinssatzZinssatz (als Preis für die Überlassung von Kaufkraft und damit für den Verzicht auf heutigen Konsum) zählen.

Diese Theorie war rein mikroökonomisch begründet. Sie wurde zu Aussagen für die Gesamtwirtschaft mit Hilfe der Annahme verwendet, was für jeden Einzelnen gelte, müsse auch für ihre Gesamtheit gelten. Keynes’ akademischer Lehrer, Alfred MarshallMarshall, entwickelte dafür die Figur des repräsentativen Privathaushalts oder Unternehmens, nämlich repräsentativ für alle anderen.

Einen gesamtwirtschaftlichen Ansatz verwendete nur die GeldtheorieGeldtheorie, die mit makroökonomischen Größen wie dem PreisniveauPreisniveau, dem ZinssatzZinssatz und der GeldmengeGeldmenge operierte. Neben allen anderen Tätigkeiten begann Keynes daher 1924, eine theoretische Grundlage für seine wirtschaftspolitischen Empfehlungen in Form einer grundlegenden Untersuchung über Geldtheorie und GeldpolitikGeldpolitik auszuarbeiten, die er nach langjährigen Diskussionen und Überarbeitungen endlich 1930 veröffentlichte.

Kernelemente der „Abhandlung vom Gelde“ (1930/1932)

Keynes sah das Ziel der „Abhandlung vom Gelde“ darin, eine theoretische Grundlage für seine geld- und währungspolitischen Ausführungen zu schaffen und zugleich ein Standardwerk der GeldtheorieGeldtheorie und GeldpolitikGeldpolitik zu schreiben. Die Arbeit von diesem Werk, das immer mehr anschwoll und schließlich in zwei Bänden publiziert wurde, erstreckte sich über fast sechs Jahre. Es wurde 1932 in Deutsch unter dem Titel „Vom Gelde“ veröffentlicht.

Im Laufe der Jahre änderte Keynes’ seine Ansichten in vielen Punkten, sodass nicht alle Teile harmonisch zusammenpassen. Dies gibt Keynes in seinem Vorwort freimütig zu (1930/1932, S. V): „Bei der Durchsicht der Korrekturbogen dieses Buches werde ich mir seiner Mängel aufs deutlichste bewußt. Ich habe mich mehrere Jahre damit beschäftigt … Während dieser Zeit haben sich meine Gedanken entwickelt und gewandelt, so daß nicht alle Teile des Buchs völlig miteinander im Einklang sind. Die Anschauungen, mit denen ich die Arbeit beendete, unterscheiden sich stark von denjenigen, die mich zu Anfang beherrschten.“

Unabhängig davon enthält das Buch viele Kapitel, in denen Keynes die GeldtheorieGeldtheorie vertiefte und erweiterte. Außerdem beeindruckt es durch eine detaillierte Analyse der Wirkungsweise der GeldpolitikGeldpolitik vor dem Hintergrund der damaligen institutionellen Gegebenheiten in GroßbritannienGroßbritannien. Beides könnte dazu beigetragen haben, dass SchumpeterSchumpeter, der neben Keynes bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts, davon Abstand nahm, das Manuskript seines Buches über Geldtheorie fertigzustellen und zu veröffentlichen. Dies geschah erst nach seinem Tod (Schumpeter, 1970) in deutscher Sprache.

Die Hauptaufgabe der GeldtheorieGeldtheorie wurde damals darin gesehen, den Wert des Geldes zu erklären, indem man den Einfluss der Geldsphäre auf das PreisniveauPreisniveau und seine Änderungen bestimmt. Einen Meilenstein in ihrer Entwicklung hatte WicksellWicksell (1898) mit seinem Buch „Geldzins und Güterpreise“ gesetzt (Kasten 5).

Kasten 5: Preisniveauerklärung bei WicksellWicksell und RobertsonRobertson

Zentral für Wicksells Analyse ist der Unterschied zwischen dem „natürlichen Zinsnatürlicher Zins“, der auf dem GütermarktGütermarkt zum Ausgleich von Ersparnissen und InvestitionenInvestitionen führt, und dem MarktzinsMarktzins, der von Angebot und Nachfrage nach Geld bzw. Krediten bestimmt wird. Fallen beide Zinssätze zusammen, herrscht gesamtwirtschaftliches GleichgewichtGleichgewicht und das PreisniveauPreisniveau bleibt konstant. Liegt der Marktzinssatz jedoch z.B. unter dem natürlichen ZinsZins, werden zu viele Investitionen rentabel, die Nachfrage übersteigt das Angebot, die Preise steigen und ein kumulativer Prozess setzt ein.

Wicksells Theorie lieferte somit auch einen Ansatz für Erklärungen der Konjunkturschwankungen, deren regelmäßige Wiederkehr auf mehr oder minder systematische Änderungen des Marktzinssatzes oder des „natürlichen“ Zinssatzes zurückgeführt wurden, also auf Abweichungen zwischen InvestitionenInvestitionen und Ersparnissen.

Dennis RobertsonRobertson, Keynes’ Kollege in Cambridge, mit dem er häufig diskutierte, griff 1926 in seinem Buch „Banking Policy and the Price Level“ die Theorie von WicksellWicksell auf und arbeitete vor allem die Bedeutung des Bankensektors während der kumulativen Prozesse heraus. Keynes ist von diesem Autor sehr beeinflusst und bemerkt (1930/32, S. 376) nach einer kurzen Erörterung früherer Autoren: „Aber keiner dieser Schriftsteller erkennt klar die direkten Wirkungen des Ungleichgewichts zwischen Spartätigkeit und Investitionstätigkeit auf die Preise, sowie die Rolle, die die BankenBanken spielen. Das epochemachende Werk auf diesem Gebiet verdanken wir D.H. Robertson.“

RobertsonRobertson interpretierte die aus diesen kumulativen Prozessen resultierende Krise positiv als „Reinigungskrise“, in der schwache Unternehmen aus dem Markt ausscheiden und Platz für neue, kreative und tüchtigere Unternehmen schaffen. Daher hielt er es für falsch, die Krisen zu verhindern.

Keynes folgt WicksellWicksell und RobertsonRobertson darin, dass Preisänderungen durch Diskrepanzen zwischen den zinsabhängigen InvestitionenInvestitionen und Ersparnissen ausgelöst werden. Damit wendet sich Keynes von der früher von ihm noch vertretenen QuantitätstheorieQuantitätstheorie ab. Wie bei Wicksell und Robertson beeinflussen die BankenBanken den MarktzinsMarktzins durch ihre Kreditvergabe. Keynes geht über beide hinaus, indem er auch die Entscheidungen der Geldvermögensbesitzer einbezieht. Diese nehmen durch ihre Wahl zwischen Spareinlagen, Wertpapieren und Käufen von Investitionsgütern Einfluss auf die Höhe der Marktzinsen. Ihre Anlageentscheidungen hängen von unsicheren ErwartungenErwartungen über die Erträge der einzelnen Anlageobjekte ab.

Keynes betont, dass die InvestitionenInvestitionen (damit sind hier immer Investitionen in Sachwerte gemeint) zwar auch vom ZinssatzZinssatz abhängen, aber vor allem von den ErtragserwartungenErtragserwartungen der Unternehmen, die ihrerseits wegen der UnsicherheitUnsicherheit der Zukunft starken Schwankungen unterworfen sind. Daraus folgert er (1930/32, S. 371): „Wenn zwischen der Spartätigkeit und der Investitionstätigkeit ein Ungleichgewicht besteht, so ist dies sehr viel häufiger auf Schwankungen der Investitionstätigkeit zurückzuführen als auf plötzliche Veränderungen der Spartätigkeit, die vielmehr unter normalen Umständen ziemlich stetig verläuft.“

Wie Wicksell und Robertson konzentrierte Keynes seine theoretische Analyse darauf, die Änderungen des Preisniveaus zu erklären, die damals und wegen des Fehlens statistischer Informationen als repräsentativ für die konjunkturellen Schwankungen angesehen wurden. Im GleichgewichtGleichgewicht, wenn MarktzinsMarktzins und natürlicher ZinssatzZinssatz und damit InvestitionenInvestitionen und ErsparnisseErsparnisse übereinstimmen, erzielen die Unternehmen im Durchschnitt nur ihre normalen GewinneGewinne und sehen keinen Anlass, ihre Produktion auszudehnen. Übersteigen dagegen die Investitionen die Ersparnisse, fallen ExtraprofiteExtraprofite (windfall profitswindfall profits) an, welche die Unternehmen veranlassen, ihre Produktion auszudehnen. Da Keynes – wie in der MikroökonomieMikroökonomie üblich – von steigenden GrenzkostenGrenzkosten ausging, hat dies einen preissteigernden Effekt. Sobald die steigenden Preise weitere Investitionen hervorrufen, weil die Unternehmen höhere Erträge aus ihnen erwarten, setzt ein kumulativer Prozess ein.

Keynes konzentriert seine Analyse auf die Erklärung der Preisniveauschwankungen, obwohl er schon bei seinen Stellungnahmen gegen die Rückkehr zum GoldstandardGoldstandard mit dem Problem der zu niedrigen Beschäftigung argumentiert hatte. Auch in seinem Vortrag an der Universität Chicago im Juni 1931, in dem Keynes die Argumentation seiner „Abhandlung vom Gelde“ vorstellte, führt steigende Nachfrage ausschließlich zu steigenden Preisen. Nur am Rande spricht Keynes von den Möglichkeiten eines sinkenden Produktionsvolumens.

Diese einseitige Ausrichtung auf die PreisstabilitätPreisstabilität ist zum einen auf die geldtheoretische und geldpolitische Tradition zurückzuführen, zum anderen auf das Fehlen jeglicher statistischer Informationen über die gesamtwirtschaftlichen Größen wie Gesamtbeschäftigung, Sozialprodukt, Höhe der InvestitionenInvestitionen, des Konsums oder der Ersparnis. Bekannt waren nur – abgesehen von der Preisentwicklung – Indikatoren über die Produktion einiger wichtiger Erzeugnisse, über die ArbeitslosenquoteArbeitslosenquote bei den versicherten Arbeitskräften und (sehr detailliert) über den Außenhandel.

Zur Krise vertrat Keynes eine andere Position als RobertsonRobertson: Er erachtete es als besser, Abweichungen zwischen den beiden Zinssätzen zu verhindern und damit für PreisstabilitätPreisstabilität zu sorgen, statt in der Krise produktive Ressourcen brachliegen zu lassen. Dafür ist eine GeldpolitikGeldpolitik nötig, die den Marktzinssatz so beeinflusst, dass er dem natürlichen ZinssatzZinssatz entspricht und InvestitionenInvestitionen und ErsparnisseErsparnisse einander gleich werden.

Die damalige KonjunkturanalyseKonjunkturanalyse litt nicht nur unter dem Mangel an gesamtwirtschaftlichen Daten, sondern auch und noch mehr an einer fehlenden Theorie zur Erklärung des Beschäftigungsniveaus. Dies führte dazu, dass in theoretischen Diskussionen zu derartigen Fragen stillschweigend von VollbeschäftigungVollbeschäftigung aller Ressourcen, also auch der Arbeitskräfte, ausgegangen wurde. Zwar erwähnt Keynes des Öfteren, dass sich im Laufe der Konjunkturschwankungen die Beschäftigung ändert, aber diese Änderungen haben keine klaren Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftlichen Größen Volkseinkommen, Konsum und Ersparnis.

Widersprüche und ungelöste Probleme

Keynes war schon bei Erscheinen seiner Abhandlung „Vom Gelde“ mit dem Buch unzufrieden, weil die Teile nicht alle harmonisch zusammenpassten. Die Hauptgründe für die von Keynes empfundenen Mängel liegen zum einen in der stillschweigenden (impliziten) Annahme der Vollauslastung aller Ressourcen einschließlich der VollbeschäftigungVollbeschäftigung aller erwerbswilligen Arbeitskräfte, die der herrschenden Ökonomie zugrunde lag, zum anderen in den ungelösten Fragen zum Zusammenhang von SparenSparen und Investieren und zu den Bestimmungsgründen der Ersparnis. In diesem Abschnitt soll die Problematik dargestellt und entwirrt werden.

Die stillschweigende Annahme der VollbeschäftigungVollbeschäftigung

Die Methode, bei der Analyse ökonomischer Probleme von der Vollauslastung aller Produktionsfaktoren (Arbeit und Sachkapital) auszugehen, hat in der Nationalökonomie eine sehr lange Tradition. Schon die Begründer dieser Wissenschaft (Adam SmithSmith, David RicardoRicardo) gingen von einer solchen Situation aus (kurzfristige Abweichungen waren denkbar). Dies lässt sich darauf zurückführen, dass zu ihrer Zeit (d.h. in den vier Jahrzehnten vor und nach 1800) die materiellen Güter zur Deckung elementaren Bedarfs an Nahrung, Bekleidung und Wohnen sehr knapp waren und die Produktionsmöglichkeiten den Umfang der produzierten Menge begrenzten. Die Vorstellung, es könne an Nachfrage nach Gütern zur Deckung der Grundbedürfnisse fehlen, lag in dieser Situation sehr fern.

Außerdem war ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit in der damaligen, von der LandwirtschaftLandwirtschaft dominierten Wirtschaft nicht so offensichtlich erkennbar, wie wir es heute gewohnt sind. Es gab weder statistische Erhebungen noch Arbeitslosenversicherungen, bei denen man die Zahl der Arbeitslosen hätte erfassen können. Erkennbar waren Armuts- und Hungersnöte. Wenn Industriearbeiter arbeitslos wurden, versuchten sie, durch Mithilfe in der Landwirtschaft ihren kargen Lebensunterhalt zu fristen. Sie kamen bei Verwandten auf dem Lande unter, sammelten Brennholz im Wald und versuchten so, über die Runden zu kommen. Oder sie wanderten aus, insbesondere in die USAUSA.

Sicherlich war in den politisch bestimmenden wohlhabenden Kreisen (1832 hatten in GroßbritannienGroßbritannien, dem fortgeschrittensten Lande Europas, nach einer hart erkämpften Wahlrechtsreform nur erst ca. 20 % der Männer das Wahlrecht) das Vorurteil weit verbreitet: Jeder, der arbeiten will, findet einen Arbeitsplatz.

Diesem Vorurteil entsprach die wissenschaftliche Argumentation; denn die Nationalökonomen betrachteten den ArbeitsmarktArbeitsmarkt prinzipiell als einen Markt wie jeden anderen. Werden z.B. auf dem Wochenmarkt mehr Tomaten angeboten als nachgefragt, so sinkt der Preis der Tomaten. Darauf reagieren die Nachfrager, indem sie mehr Tomaten kaufen, und die Anbieter, indem sie am nächsten Markttag weniger Tomaten anbieten. So ergibt sich alsbald ein Preis, bei dem Angebot und Nachfrage übereinstimmen.

Dasselbe gelte, so die herrschende Lehre, auch für den ArbeitsmarktArbeitmarkt: Es gibt immer einen Lohn, bei dem Angebot und Nachfrage zum Ausgleich kommen und jeder, der zu diesem Lohn zu arbeiten bereit ist, eine Arbeitsstelle findet. Es kann dies allerdings ein Hungerlohn sein. Längerfristig möglich ist nur strukturbedingte ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit, wenn die Arbeiter zu wenig mobil und flexibel einsetzbar sind.

Später im 19. Jahrhundert stiegen in der Industrie die Produktion und die Produktivität (Produktionsmenge je Arbeitnehmer) rasch an und damit auch – unterstützt durch die Zulassung von Gewerkschaften – die Realeinkommen vieler Bürger. Es wurde offensichtlich, dass nicht mehr alle Arbeitnehmerhaushalte ihre gesamten Einkommen für Konsumgüter ausgaben und schon gar nicht die Haushalte der Unternehmen und der Vermögensbesitzer.

Der Sorge, eine nicht mit der Gesamtproduktion Schritt haltende Nachfrage nach Konsumgütern könnte zu fehlender Gesamtnachfrage führen, wurde das Say‘sche GesetzSay’sche Gesetz entgegengehalten. Dieses sogenannte Gesetz (es handelt sich eher um eine kühne Hypothese) wurde von J.B. Say bereits 1803 formuliert. Es besagt: Im Zusammenspiel der wirtschaftlichen Akteure schafft sich jedes Angebotsvolumen seine Nachfrage. Das Gesetz wird daraus abgeleitet, dass jeder, der ein Gut oder eine Dienstleistung anbietet, dafür ein anderes Gut oder eine andere Dienstleistung nachfragt.

Leicht begründen lässt sich dieses Gesetz für eine TauschwirtschaftTauschwirtschaft ohne Geld, in der jeder Anbieter eines Gutes notwendigerweise gleichzeitig ein anderes Gut nachfragt. In einer solchen Wirtschaft ist mithin jedes Angebot zugleich Nachfrage. Für eine GeldwirtschaftGeldwirschaft lässt sich das Say‘sche Gesetz nicht so einfach begründen; denn einige Anbieter werden das Geld, das sie im Austausch für ihr Angebot erhalten, nicht sofort wieder zur Nachfrage verwenden. Selbst wenn die betreffenden Personen planen, irgendwann oder zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft mit der Hilfe des erworbenen Geldes Nachfrage zu entfalten, so entsteht doch in der Gegenwart auf direkten Wege keine Nachfrage in der vollen Höhe des Angebotes. Die fehlende Nachfrage kann jedoch auf indirektem Wege ausgeglichen werden, wenn die Ersparnis eine gleich hohe Investition hervorruft. Dafür sorge, so wird argumentiert, der Zinsmechanismus, der stets zum Ausgleich von Angebot an Ersparnissen und Nachfrage nach Geld für Investitionszwecke führe.

Sollten also die ErsparnisseErsparnisse steigen, würde der ZinssatzZinssatz sinken und zusätzliche InvestitionenInvestitionen auslösen, bis ein GleichgewichtGleichgewicht zwischen gesamtwirtschaftlichen Investitionen und Ersparnissen erreicht ist. Ersparnisse hängen nämlich positiv vom Zinssatz ab (bei höherem Zinssatz lohnt es sich mehr zu sparen), die Investitionen dagegen negativ: Je höher der ZinsZins für die Kredite, die der UnternehmerUnternehmer für Investitionszwecke aufnehmen muss, desto weniger Investitionen sind rentabel.

Die neoklassische Theorieneoklassische Theorie, die inzwischen die „klassische“ Theorieklassische Theorie von SmithSmith und RicardoRicardo abgelöst hatte, behauptete daher, gestützt auf Say’sches Gesetz und das oben geschilderte Funktionieren des Arbeitsmarktes, das marktwirtschaftliche System tendiere stets zur VollbeschäftigungVollbeschäftigung. Beschäftigungsschwankungen könne man daher vernachlässigen und von Vollauslastung der Ressourcen Arbeit und Kapital ausgehen. In Kasten 6 wird diese Argumentation graphisch veranschaulicht.

Kasten 6: Die Tendenz zur VollbeschäftigungVollbeschäftigung in der Neoklassik in graphischer Darstellung

Abb. 6.1:

Der neoklassische Arbeitsmarkt

Übersteigt das Arbeitsangebot (AA) die Nachfrage (AN), sinkt bei flexiblem Reallohnniveau der Lohnsatz bis zu seinem Gleichgewichtswert (wGG). Alle Personen, die zum gleichgewichtigen Reallohn zu arbeiten bereit sind, finden einen Arbeitsplatz. Es herrscht also VollbeschäftigungVollbeschäftigung.

Abb. 6.2:

Der neoklassische Zinsmechanismus

Zinsabhängige ErsparnisseErsparnisse bei VollbeschäftigungVollbeschäftigung (SVB) und zinsabhängige InvestitionenInvestitionen (I) finden zum GleichgewichtGleichgewicht bei dem ZinssatzZinssatz iGG.

ArbeitsmarktIm klassisch/neoklassischen Theoriegebäude werden die üblichen partialanalytischen, mikroökonomischen Vorstellungen über den Verlauf von Angebots- und Nachfragekurven auf den gesamtwirtschaftlichen ArbeitsmarktArbeitsmarkt übertragen.

Die ansteigende Kurve des Arbeitsangebotes (AA) gibt die Hypothese wieder, dass die Arbeitskräfte mit steigendem Reallohn ihr ArbeitsangebotArbeitsangebot ausdehnen und bei sinkendem Reallohn verringern. Vernachlässigt wird dabei, dass manche Arbeitskräfte bei sinkendem Reallohn mehr Arbeit anbieten werden, um ihren Lebensstandard aufrechterhalten zu können.

Die fallende Kurve der ArbeitsnachfrageArbeitsnachfrage (AN) wird aus der folgenden mikroökonomischen Überlegung abgeleitet: Wenn ein Unternehmen bei gegebener Ausstattung seiner Firma mit Maschinen und Geräten zusätzliche Arbeitskräfte einstellt, so wird deren zusätzlicher Beitrag zum Output immer kleiner, weil diese sich mit der konstanten Anzahl von Maschinen und Geräten auskommen müssen. Es gelte hier das „Gesetz vom fallenden GrenzertragGrenzertrag bei partieller Faktorvariation“.

In mikroökonomischer Betrachtung lohnt es sich daher für den UnternehmerUnternehmer, mehr Arbeitskräfte einzustellen, wenn der Reallohn, also der NominallohnNominallohn geteilt durch das Güterpreisniveau, fällt. Die Übertragung auf die Gesamtwirtschaft ist jedoch fragwürdig, solange nicht geklärt ist, ob nicht ein sinkender Reallohn zu einer verringerten Nachfrage nach Konsumgütern und damit nach Arbeitskräften für deren Produktion führt. Ist dies der Fall, würde der Versuch, auf der Arbeitsnachfragekurve zu wandern, zu deren Verschiebung nach unten führen. Dieses Problem wird jedoch durch den Verweis auf den Zinsmechanismus gemäß Abb. 2 ausgeschlossen.

In Abbildung 2 gibt die fallende Kurve die Nachfrage nach Geldmitteln für Investitionszwecke an. Der Verlauf resultiert aus folgender Überlegung: Je niedriger der ZinssatzZinssatz, desto mehr Investitionsprojekte werden bei gegebenen Renditeerwartungen rentabel. Die ansteigende Kurve gibt die gesamtwirtschaftliche Ersparnis an. Sie nimmt mit steigendem Zinssatz zu, weil es sich umso mehr lohnt, Teile seines Einkommens zu sparen, je höher der Zinssatz ist.

Besteht nun in der Ausgangssituation VollbeschäftigungVollbeschäftigung, entsteht das dazugehörige Vollbeschäftigungseinkommen und daraus das – auch zinsabhängige – SparenSparen bei Vollbeschäftigung (SVB). Dank zinselastischer InvestitionenInvestitionen stellt sich dann ein ZinssatzZinssatz ein, bei dem I und S und damit das Gesamtangebot und Gesamtnachfrage übereinstimmen. Somit gilt: Das Say‘sche Gesetz setzt die Vollbeschäftigung voraus, die es zu begründen behauptet. Nur wenn die Ersparnisse Ersparnissein einer Volkswirtschaft völlig unabhängig vom Einkommen wären, wäre dies anders.

Übereinstimmung von SparenSparen und Investieren: Definition oder GleichgewichtGleichgewicht?

In der Tradition von WicksellWicksell geht Keynes (1930/1932) noch davon aus, dass der ZinsZins InvestitionenInvestitionen und ErsparnisseErsparnisse zum Ausgleich bringt. Dabei ist Ersparnis definiert als der Teil der Produktion, der nicht konsumiert wird. Da das Einkommen durch die Produktion von Gütern (Waren und Dienstleistungen) entsteht, ist die Ersparnis damit zugleich definiert als der Teil des Einkommens, der nicht für Konsumzwecke verwendet, sondern gespart wird. Was geschieht nun mit den Gütern, die nicht konsumiert werden? Sie werden vor allem von anderen Unternehmen für Investitionszwecke verwendet, die damit ihre Produktionskapazität vergrößern (Anlageinvestitionen IA). Es gibt außerdem selbsterstellte Anlagen, die hier aber außer Betracht bleiben können. Auch möglicherweise ungeplante Ersparnisse werden hier nicht berücksichtigt.

Ein weiterer Teil der nicht konsumierten Güter aber kann unverbraucht beim Produzenten oder ungenutzt bei den anderen Unternehmen im Vorratslager auf Halde liegen. Änderungen dieser Bestände (LagerinvestitionenLagerinvestitionen IL) können auch negativ sein, wenn Lagerbestände abgebaut werden. Beide Arten von InvestitionenInvestitionen zusammen umfassen also alle nicht konsumierten Güter. Daher gilt immer:

(2.1) S = IA + IL

Diese definitorische Gleichheit überdeckt, dass es für den Produzenten einen großen Unterschied macht, ob er die von ihm produzierten Güter verkaufen kann oder ob sie unverwendet im Lager liegen bleiben. Werden hier nämlich alle von ihm produzierten Güter verkauft, hat er keinen Anlass, sein Produktionsvolumen zu verändern. Bleibt dagegen ein Teil im Lager liegen, wird er veranlasst, seine Produktionsmenge zu reduzieren. Gesamtwirtschaftliches GleichgewichtGleichgewicht (definiert als Situation, in der im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt die Unternehmen keinen Anlass haben, ihr Produktionsvolumen zu verändern) kann also nur vorliegen, wenn insgesamt keine Lagerveränderungen erfolgen (IL = 0). Daher gilt im Gleichgewicht und nur dann:

(2.2) S = IA

Keynes (1930) bezeichnet die Lagerbestände als liquides Kapitalliquides Kapital und unterteilt sie zusätzlich in „normale Vorräte, die zur Führung des Geschäfts erforderlich sind“ (1930/32, S. 105) und Überschussvorräte. Verwirrend ist, dass Keynes bei der Produktion von Investitionsgütern die Überschussvorräte mitzählt, bei der Definition von Kapitalgütern dagegen nicht. Außerdem geht Keynes häufig implizit so vor wie die traditionelle Gleichgewichtsanalyse, bei der die LagerinvestitionenLagerinvestitionen gleich Null gesetzt und vernachlässigt werden, mit dem Argument, dass im GleichgewichtGleichgewicht Angebot (Produktion) und Nachfrage nach Gütern in der Gesamtwirtschaft übereinstimmen.

Damit aber dennoch S und IA auseinander fallen können, wählt Keynes (1930/1932) für seine Analyse eine spezielle Definition von Einkommen und Ersparnissen, indem er aus beiden solche GewinneGewinne ausschließt, die über die normalen Profite hinausgehen. Auch dies deutet darauf hin, dass Keynes damals noch dem Denken in einem ständigen GleichgewichtGleichgewicht verhaftet war; denn im Gleichgewicht gibt es keine ungeplanten InvestitionenInvestitionen, sodass sie auch keine Quelle eines Auseinanderfallens von geplanten Investitionen und Ersparnis sein können.

Im Vorwort zur deutschen Übersetzung (Keynes, 1930/1932) bemerkt Keynes: Hätte er die „windfall profitswindfall profits“, die nicht konsumiert, sondern gespart werden, in die ErsparnisseErsparnisse einbezogen, so würden InvestitionenInvestitionen und Ersparnisse definitionsgemäß übereinstimmen und könnten gar nicht voneinander abweichen. Dies bestätigt, dass für Keynes die Investitionen auch ungeplante Vorratsinvestitionen enthalten; denn nur dann umfassen die Investitionen alle Güter, die nicht konsumiert, also gespart worden sind.

Insgesamt werden die Zusammenhänge zwischen InvestitionenInvestitionen und Ersparnissen durch Keynes’ spezielle Definition der ErsparnisseErsparnisse eher verdunkelt als erhellt.

Wodurch werden die Ersparnisse bestimmt?

ErsparnisseDa nach traditioneller Lehre InvestitionenInvestitionen und ErsparnisseErsparnisse durch den ZinssatzZinssatz in Übereinstimmung gebracht werden, bleibt zu klären, ob sich beide Variablen aneinander anpassen oder ob eine der beiden die andere dominiert, sodass sich entweder die Investitionen an die Ersparnisse oder letztere sich an die Investitionen anpassen. Geht man – wie damals üblich – implizit von VollbeschäftigungVollbeschäftigung aus, so sind die Ersparnisse durch den Spareifer der Bevölkerung gegeben, der je nach Höhe des Zinssatzes angeregt oder gedämpft wird. Der Zinsmechanismus sorgt dann dafür, dass Investitionen in Höhe der Ersparnisse vorgenommen werden, sodass die Vollbeschäftigung erhalten bleibt.

In diesem Gedankengebäude bestimmen im Wesentlichen die ErsparnisseErsparnisse die InvestitionenInvestitionen; denn nur Güter, die nicht konsumiert werden, stehen für Investitionszwecke zur Verfügung. Gegen diese Vorstellung wendet sich Keynes und argumentiert, die InvestitionenInvestitionen seien nicht von der Ersparnis abhängig, sondern vom Verhalten des Bank- und Geldwesens (1930 / 1932, S. 416f):

„Die Kraft, welche die UnternehmenstätigkeitUnternehmenstätigkeit treibt, ist nicht die Ersparnis, sondern der Gewinn. Damit nun die Unternehmungstätigkeit lebhaft sei, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein. Es müssen Gewinnchancen vorliegen und es muß den Unternehmern möglich sein, Verfügungsmacht über genügend große Mittel zu erlangen, um ihre Pläne zur Durchführung zu bringen, (weil) ihre Fähigkeit, ihre Projekte zu Bedingungen, die ihnen vorteilhaft erscheinen, zur Durchführung zu bringen, fast ganz von dem Verhalten des Bank- und Geldwesens abhängt.“

Diese Hypothese stimmt mit den Überlegungen von SchumpeterSchumpeter – dem zweiten überragenden Ökonomen des 20. Jahrhunderts – überein. Schumpeter erläutert in seiner „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ (1911, 1926 zweite überarbeitete Auflage), dass – ausgehend von einer vollbeschäftigten Wirtschaft – zusätzliche InvestitionenInvestitionen nur möglich sind, wenn der investierende UnternehmerUnternehmer Ressourcen aus ihrer bisherigen Verwendung abziehen bzw. abwerben kann. Zu diesem Zweck nimmt der typische Unternehmer einen Kredit auf oder gibt Aktien aus und kann mit den so erhaltenen Geldmitteln die benötigten Ressourcen an sich ziehen, indem er einen etwas höheren als den bestehenden Preis bzw. Lohn zahlt. Das GleichgewichtGleichgewicht wird damit gestört, und es beginnt ein expansiver dynamischer Prozess, der bei Schumpeter irgendwann zu einem neuen Gleichgewicht führt.

Was aber geschieht bei Keynes (1930)? Es liegt nahe zu vermuten, dass von den höheren Einkommen, die im Zuge des expansiven Prozesses entstehen, ein Teil gespart wird, sodass die zusätzlichen InvestitionenInvestitionen mit der Zeit durch höhere ErsparnisseErsparnisse ausgeglichen werden. Soweit hatte sich Keynes aber 1930 noch nicht von der impliziten Annahme der VollbeschäftigungVollbeschäftigung und der dadurch vorgegebenen gesamtwirtschaftlichen Ersparnis gelöst.

In welchem Ausmaß der Zusammenhang von Ersparnis und Einkommen von ihm wie von anderen Ökonomen jener Zeit unbeachtet und unverstanden blieb, zeigt Keynes’ BananenparabelBananenparabel, mit der er veranschaulichen wollte, welche Wirkungen eine plötzliche Zunahme der Spartätigkeit hat.

In dieser BananenparabelBananenparabel betrachtet Keynes eine geschlossene Volkswirtschaft, in der nur Bananen konsumiert werden. Die Wirtschaft ist in der Ausgangslage im GleichgewichtGleichgewicht, indem die produzierten Bananen alle konsumiert werden. InvestitionenInvestitionen und ErsparnisseErsparnisse stimmen überein, solange die Ersparnisse (der Nichtkonsum) derjenigen, die Bananen produzieren, verwendet werden, um die Arbeitskräfte zu versorgen, die die Plantagen erweitern oder ertragsreicher machen.

Keynes untersucht nun: Was passiert, wenn die Arbeiter plötzlich auf Grund einer Sparkampagne beschließen, mehr zu sparen, d.h. weniger Bananen zu essen? Daraufhin setze – selbst bei flexiblen Preisen und Löhnen – ein kontraktiver Prozess ein. Dieser nimmt, meint Keynes, erst ein Ende, wenn entweder

1 die Bananenproduktion ganz zum Erliegen kommt und die Bevölkerung verhungert, oder

2 die Sparkampagne abgeblasen wird bzw. wegen der zunehmenden Verarmung im Sande verläuft, oder

3 die InvestitionenInvestitionen irgendwie stimuliert werden.

Während die Lösungen (b) und (c) plausibel sind, gilt für die Lösung (a) das Gegenteil: Sie klingt aus heutiger Sicht absurd. Sie kann nur auftreten, wenn die ErsparnisseErsparnisse unabhängig vom Einkommen sind. Trifft man dagegen – wie es Keynes dann in seiner „Allgemeinen Theorie“ von 1936 tut – die realistische Annahme, dass die Spartätigkeit vor allem vom Einkommen abhängt, kann der Fall (a) gar nicht eintreten, weil mit schrumpfenden Einkommen die Ersparnisse auch zurückgehen. Der Abwärtsprozess kommt daher bereits zum Halt, wenn die ursprüngliche kampagnenbedingte Zunahme der Ersparnisse durch deren einkommensbedingte Abnahme wieder kompensiert wird.

Kasten 7: Die BananenparabelBananenparabel in grafischer Darstellung

Es seien Y das Einkommen, S die ErsparnisseErsparnisse und I die InvestitionenInvestitionen (ohne ungeplante Vorratsinvestitionen)

BananenparabelBananenparabel (Keynes 1930)

Bis zur Sparkampagne stimmen I und S0 überein. Angebot und Nachfrage sind einander gleich. Wenn die Kampagne einsetzt, steigt die Ersparnis auf S1. Es gibt (falls nicht die Lösungen b oder c greifen) kein GleichgewichtGleichgewicht mehr, egal wie tief Y sinkt.


Sparparadox (Keynes 1936)


Der Unterschied zwischen BananenparabelBananenparabel und Keynes’ späterer Analyse wird in Kasten 7 graphisch veranschaulicht.

Angesichts all dieser Widersprüche und Unklarheiten verwundert es nicht, dass Keynes mit seinem Werk unzufrieden war, und kurz darauf begann – unterstützt und angetrieben von einer Gruppe jüngerer Ökonomen – die Argumentation seines Werks kritisch zu hinterfragen und vor allem das Problem der UnterbeschäftigungUnterbeschäftigung in den Mittelpunkt zu rücken, dessen Brisanz durch die 1929 ausbrechende WeltwirtschaftskriseWeltwirtschaftskrise offen zu Tage getreten war.

Bei einkommensabhängiger Ersparnis besteht in der Ausgangssituation gesamtwirtschaftliches GleichgewichtGleichgewicht nur bei Y0. Nach der Sparkampagne spart die Bevölkerung bei jedem Einkommen einen höheren Betrag und schränkt entsprechend ihren Konsum ein; jetzt gilt die Sparkurve S1. Daraufhin sinkt das Einkommen, aber nur solange, bis die Gesamtersparnis wieder auf die Höhe der InvestitionenInvestitionen zurückgeht. Die Situation hat sich also auch in dieser Betrachtung verschlechtert: Die Ersparnis ist nicht höher als zuvor, Einkommen und Produktion aber sind zurückgegangen. Die von den einzelnen Sparern erhoffte Verbesserung ihrer Vermögenslage durch mehr SparenSparen tritt wegen der gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge nicht ein.

Der Schock der Weltwirtschaftskrise und die Reaktion von Keynes

DWeltwirtschaftskriseie WeltwirtschaftskriseWeltwirtschaftskrise stieß von 1929 bis 1933 fast alle Industriestaaten in eine tiefe wirtschaftliche DepressionDepression. Sie hatte auch politisch verheerende Auswirkungen, insbesondere in Deutschland. Bei den Ökonomen waren die Reaktionen unterschiedlich: Die meisten hielten an der herrschenden Vorstellung fest, wonach auch diese Krise durch Selbstheilungskräfte des Marktes zügig überwunden werde. Keynes dagegen kämpfte verstärkt für aktives staatliches Handeln gegen die Krise. Zugleich erkannte er die Notwendigkeit, eine völlig neue theoretische Grundlage für seine wirtschaftspolitischen Empfehlungen zu erarbeiten.

Zum Ausmaß der Weltwirtschaftskrise

WeltwirtschaftskriseNeben und nächst den beiden Weltkriegen bildete die WeltwirtschaftskriseWeltwirtschaftskrise die dritte Katastrophe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie brachte das Ende der kurzen Prosperitätsphase, derer sich die meisten Völker der Welt in den Jahren 1924–1929 erfreuen konnten, nachdem man die schlimmsten Folgen des 1. Weltkriegs (1914–1918) überwunden zu haben glaubte. Ihren Anfang nahm die Weltwirtschaftskrise in den USAUSA.

In den USAUSA war die vorangehende Prosperitätsphase begleitet von steigenden Aktienkursen, die immer mehr Leute veranlasste, mit Aktien zu spekulieren, wofür sie vielfach Kredite aufnahmen. Viele Haushalte fühlten sich durch den ständig steigenden Wert ihrer Aktienbestände reicher und gaben ihr Einkommen sorglos für Konsumgüter aus oder kauften diese auf Kredit. Die damals herrschende euphorische Stimmung ist bei Galbraith (1963) gut nachzulesen.

Diese Phase weitverbreiteter Aufwärtsentwicklung endete abrupt mit dem Platzen der AktienkursblaseAktienkursblase an der New Yorker Börse im Oktober 1929, vor allem am 24. und 29. Oktober (schwarzer Donnerstag und schwarzer Dienstag). Durch die drastisch sinkenden Kurse (um ca. 40 % im Laufe von 30 Tagen) schmolzen die gegebenen Sicherheiten dahin, die BankenBanken forderten die gewährten Kredite zurück, die Aktienbesitzer mussten ihre Aktien verkaufen (da sie andere Sicherheiten nicht bieten konnten). Dadurch sanken die Kurse weiter und die Lage verschärfte sich immer mehr. Da große Teile ihrer Forderungen nicht mehr einzutreiben waren, mussten viele Banken Konkurs anmelden. Eine detaillierte und dramatische Schilderung dieser Ereignisse liefert Kindleberger (1973).

Die FinanzkriseFinanzkrise sprang rasch auf die amerikanische Realwirtschaft über: Die UnternehmerUnternehmer schränkten ihre InvestitionenInvestitionen ein, die privaten Haushalte ihren Konsum. Die Unternehmen drosselten darauf ihre Produktion, entließen Arbeitskräfte, die ihren Konsum einschränken mussten usw. Im Tiefpunkt der DepressionDepression während des Jahres 1932 war jede vierte Erwerbsperson in den USAUSA arbeitslos, es gab kaum Arbeitslosenunterstützung, massenhaft gerieten Haushalte ins Elend.

Schnell wurde auch Europa von der FinanzkriseFinanzkrise erfasst; denn die europäischen BankenBanken und Regierungen waren gegenüber den USAUSA hoch verschuldet. Dies galt insbesondere für DeutschlandDeutschland. In Deutschland hatte die Prosperitätsphase begonnen, nachdem die Hyperinflation durch eine einschneidende Währungsreform am 15. November 1923 beendet worden war. Allerdings verloren durch die Abwertung aller GeldvermögenGeldvermögen im Verhältnis 1:1 Billion viele Bürger ihre ErsparnisseErsparnisse, insbesondere die Mittelschichten. Dies schwächte die Akzeptanz der Weimarer Republik, die schon durch die Unterschrift unter den Versailler VertragVersailler Vertrag beeinträchtigt war. Deutschland musste hohe Reparationszahlungen leisten, und die Regierung deckte den nötigen Devisenbedarf weitgehend durch KreditaufnahmeKreditaufnameim Ausland in den USA. Auch die Banken hatten vielfach in den USA kurzfristige Kredite aufgenommen, um ihre Kreditvergabe im Inland zu finanzieren.

Wegen ihrer Finanzierungsengpässe aufgrund der Finanzkrise sahen sich immer mehr US-amerikanische Banken gezwungen, die nach Deutschland vergebenen Kredite nicht zu verlängern. Um sie zurückzuzahlen, mussten ihrerseits die deutschen Banken Aktiva (z.B. Aktien) verkaufen oder vergebene Kredite ebenfalls kündigen. Damit setzte auch in Deutschland die WeltwirtschaftskriseWeltwirtschaftskrise ein, die sich vier Jahre lang immer weiter vertiefte und zu einer tiefen DepressionDepression führte. In deren Verlauf wurde bis 1932 eine extrem hohe ArbeitslosenquoteArbeitslosenquote erreicht (siehe Tabelle 1). Sie lag deutlich höher als in den USA, auch wenn die Zahlen nur ungefähr vergleichbar sind. Ritschl (2002) macht dafür vor allem die Reparationszahlungen und die Auslandsverschuldung verantwortlich.

Gemäß Tabelle 1 war die ArbeitslosenquoteArbeitslosenquote in DeutschlandDeutschland schon 1929 sehr hoch; die Zahl der Arbeitslosen war schon von 1928 zu 1929 von 1,37 auf 1,90 Millionen gestiegen und erhöhte sich bis 1932 auf 5 Millionen Personen.

Das Elend der arbeitslosen Bevölkerung war groß, da die Leistungen der erst 1918 geschaffenen gesetzlichen ArbeitslosenversicherungArbeitslosenversicherung sehr gering waren. Dies trug erheblich zu den Wahlerfolgen der NSDAP im Jahre 1932 bei, die als einzige große Partei ein massives Programm der ArbeitsbeschaffungArbeitsbeschaffung unter Brechung bzw. Missachtung aller entgegenstehenden vertraglichen Vereinbarungen forderte.

Tabelle 1: Arbeitslosenquoten zu Beginn und im Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise (in Prozent)


Land Jahresdurchschnitt
1929 1932
Deutschland 13,1 30,1
USA 3,2 23,6
Großbritannien 11,0 22,5
Quellen: Deutschland und USA : Zinn (1998), S. 39 Großbritannien : Chick (1983), S. 7

Großbritanniens Wirtschaft entwickelte sich in den 1920er Jahren schleppend, zumal das Land durch die von Keynes vehement bekämpfte Rückkehr zum GoldstandardGoldstandard und zur Vorkriegsparität an preislicher Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt hatte. GroßbritannienGroßbritannien bekam ebenfalls die Finanz- und Wirtschaftskrise der USAUSA heftig zu spüren. Die schon während der 1920er Jahre durchgängig hohe ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit verdoppelte sich bis 1932 auf das Niveau der USA.

In allen drei großen Industriestaaten sanken nicht nur Produktion und Beschäftigung. Vielmehr war deren Einbruch mit einem Rückgang von Preisen und Löhnen verbunden; denn auf den Gütermärkten und den Arbeitsmärkten herrschte ein großer Angebotsüberschuss (siehe Tabelle 2). In den USAUSA brachen am stärksten die Preise der Rohstoffe und landwirtschaftlichen Erzeugnisse ein (mit verheerenden Folgen für die Landwirte). In allen drei Staaten wurde die DeflationDeflation durch die Wirtschaftspolitik verschärft: So schrieben in DeutschlandDeutschland im Jahre 1931 Notverordnungen des Reichskanzlers Brüning vor, dass alle Tariflöhne und alle von Kartellen festgelegten Preise um 10 % gesenkt werden müssen. BrüningBrüning verfolgte damit auch politische Zwecke. Er wollte nachweisen, dass Deutschland die auferlegten ReparationenReparationen nicht leisten könne.

Tabelle 2:

Löhne und Preise in der Weltwirtschaftskrise


Land/Variable Veränderungen in %
1924–1929(a) 1929–1933(b)
Deutschland
Verbraucherpreisindex +8,6 -23,3
Erzeugerpreise Industrie +0,5 -26,6
Stundenverdienste Industrie +36,9 …
Reallöhne +26,1 10,6(c)
Lohnstückkosten +24,5 …
USA
Verbraucherpreisindex ± -23
Nominallöhne -19
Großbritannien
Verbraucherpreisindex -6,3 -14,7
Durchschnittswochenlohn nominal ± -6,3
Durchschnittswochenlohn real 5,1 11,0
(a) Für Deutschland: 1925-1929 (b) Für Deutschland: III/1929-III(1932) (c) Deflationiert mit dem Erzeugerpreisindex Quellen: Verbraucherpreisindex: SVR (1998), Zahlen zum Schaubild 10 Deutschland: Ritschl(2002), Tab 2.8 sowie Anhangtabelle C. 2 USA: Bordo/Evceg/Evans (2000), S. 1448/9 Großbritannien: Chick (1983), S. 7
Quellen: Verbraucherpreisindex: SVR (1998), Zahlen zum Schaubild 10 Übrige Angaben: Deutschland : Ritschl (2012), Tab. 5.1) USA : Bordo/Evceg/Evans (2000), S. 1448/9 Großbritannien: Chick (1983), S. 7

Die Angaben über die NominallöhneNominallöhne und die ReallöhneReallöhne sind mit großer Vorsicht zu betrachten; denn die Datenlage ist dürftig. Sie deuten darauf hin, dass die Nominallöhne etwas weniger rasch gesunken sind als die Preise, sodass die Reallöhne anstiegen. "Insoweit, wie die Arbeitsproduktivität sich erhöht hat, sind die Lohnstückkosten weniger gestiegen als die Reallöhne. In den USAUSA und GroßbritannienGroßbritannien könnten letztere sogar leicht gefallen sein. Ihre Entwicklung kann daher keinen relevanten Einfluss auf die rasante wirtschaftliche Talfahrt ausgeübt haben.

Keynes’ Kampf für seine wirtschaftspolitischen Überzeugungen

Die WeltwirtschaftskriseWeltwirtschaftskrise veranlasste Keynes, noch intensiver als zuvor die Regierung Großbritanniens zum Handeln zu treiben. Parallel zu seinen wirtschaftspolitischen Forderungen arbeitete er an der Entwicklung einer soliden und tragfähigen theoretischen Grundlage.

Um die Regierungen, deren Berater und die Öffentlichkeit von seinen Positionen zu überzeugen, benutzte Keynes alle verfügbaren Wege. Als erstes nutzte er die Gelegenheiten, die sich ihm boten, um in offiziellen Beratungsgremien mit zu arbeiten und dort für seine Ansichten zu kämpfen. Schon einen Monat nach dem Ausbruch der FinanzkriseFinanzkrise im Oktober 1929 setzte die neu gebildete Labour-Regierung unter MacDonaldMacDonald das „Macmillan-CommitteeMacmillan-Committee on Finance and Industry“ ein. Ihm gehörten außer Keynes 13 Mitglieder an; der Vorsitzende Macmillan war ein hochrangiger Jurist aus Schottland.

Außerdem berief sie im Februar 1930 einen ständigen „Economic Advisory CouncilEconomic Advisory Council“, dem Keynes auch angehörte. Dieser wiederum bildete im Juli 1930 einen Unterausschuss von sechs Ökonomen („Committee of EconomistsCommittee of Economists“), der von Keynes geleitet wurde. Dem Unterausschuss wurden drei Monate Zeit gegeben, um die aktuelle ökonomische Situation Großbritanniens darzustellen, die dafür verantwortlichen Ursachen zu untersuchen und die Bedingungen für eine Erholung aufzuzeigen (s. CW, Vol. 13, S. 177).

In dem Unterausschuss arbeiteten unter dem Vorsitz von Keynes die Professoren Arthur PigouPigou und Lionel RobbinsRobbins, außerdem Sir Josua Stamp (Direktor bei der englischen Zentralbank und Vorsitzender mehrerer Eisenbahngesellschaften) sowie Hubert HendersonHenderson, mit dem zusammen Keynes das Pamphlet „Can Lloyd GeorgeGeorge do it?“ geschrieben hatte, der aber immer mehr vor denkbaren inflationären Risiken einer expansiven Politik zurückschreckte.

Kasten 8: Wichtige Beiträge von Keynes 1930–1935

1. Bücher/Buchbeiträge

 A Treatise on Money (1930). CW, Vol. 5 und 6.

 The Means to Prosperity (1933). CW, Vol. 9.

 A Monetary Theory of Production (1933). CW, Vol. 13.

2. Interne Memoranden

 Anlage zum Bericht des Macmillian-Comittees on Finance and Industry (1931). CW, Vol. 13.

 Memorandum für des Committee of EconomistsCommittee of Economists of the Economic Advisory CouncilEconomic Advisory Council (1930). CW, Vol. 13.

3. Zeitungsbeiträge und Leserbriefe

 Brief an den „Manchester Guardian“ (Aug. 1930). CW, Vol. 20.

 Brief an die „Times“ (Okt. 1932), zusammen mit PigouPigou und anderen. CW, Vol. 21.

 A Programme for Unemployment (New Statesman and Nation, Febr. 1933). CW, Vol. 21.

 National Self-Sufficiency ( New Statesman and Nation, Jul. 1933). CW, Vol. 21.

 President RooseveltRoosevelt is Magnificently Right (Daily Mail, Juli, 1933). CW, Vol. 21.

 Open Letter to the President (The Times / New York Times, Dez 1933). CW, Vol. 21.

 Mr. RooseveltRoosevelt´s Experiments (The Times, Jan 1934). CW, Vol. 21.

4. Diverse Vorträge und Interviews im Rundfunk

Eine Auswahl in Deutsch findet man in Hein (2008)

Als Unterlage für die vorbereitenden Diskussionen für diesen Bericht legte Keynes im September 1930 ein ca. 20 Seiten umfassendes Memorandum vor (CW Vol. 13, S. 178–200). Darin steht das Verhältnis des britischen zum ausländischen Lohn- und PreisniveauPreisniveau im Mittelpunkt, das Keynes aufgrund der Rückkehr zum GoldstandardGoldstandard für zu hoch hielt. Keynes scheute sich nicht, als einen der möglichen Auswege vorzuschlagen, den Nachteil des zu hohen Pfundkurses durch einen allgemeinen Importzoll und durch ExportsubsidienExportsubsidien auszugleichen. Damit rüttelte er an dem Dogma des Freihandels, und kaum jemand wollte ihm folgen.

Keynes setzte sich auch deswegen für derartige Maßnahmen ein, weil er es für politisch sehr schwer durchsetzbar und für wirtschaftspolitisch gefährlich hielt, das allgemeine LohnniveauLohnniveau zu senken. Zwar würde dann das PreisniveauPreisniveau sinken und damit die preisliche WettbewerbsfähigeitWettbewerbsfähigeit steigen, aber die Last der Schulden würde sich für alle Schuldner (Unternehmen, private Haushalte, Staat) erhöhen.

Parallel zu den genannten zollpolitischen Maßnahmen sollte man versuchen, die privaten InvestitionenInvestitionen anzuregen und ihre Finanzierung durch niedrigere Zinsen zu verbilligen. Dabei argumentierte Keynes gegen den Einwand, solche expansiven Maßnahmen würden, wenn sie erfolgreich die Beschäftigung erhöhen, inflationär wirken; denn erstens müsste dieser Einwand dann auch gegen zusätzliche private Investitionen erhoben werden. Zweitens ist der Einwand in Zeiten sinkender Lohn- und Preisniveaus nicht stichhaltig.

Obwohl PigouPigou und HendersonHenderson im „Committee“ beharrlich gegen öffentliche Arbeiten zur Bekämpfung der ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit argumentierten, stimmten sie schließlich doch zu, dass in Zeiten sehr hoher Arbeitslosigkeit öffentlich finanzierte Investitionsausgaben des Zentralstaates, der Gemeinden und der öffentlichen Versorgungsunternehmen sinnvoll sind, da hierdurch nicht notwendigerweise Ressourcen von anderer Beschäftigung abgezogen werden (siehe KahnKahn 1984, S. 96/97). RobbinsRobbins unterschrieb den Bericht nicht, weil er stärkere Sorgen als seine Kollegen hatte, diese Maßnahmen könnten die Erholung der Wirtschaft hinauszögern (ebda, S. 97). Robbins hing nämlich der Theorie an, die Rezession sei eine Folge zu hoher InvestitionenInvestitionen während des vorangegangenen Booms.

Das „Macmillan-CommitteeMacmillan-Committee“ selbst lieferte seinen Bericht im Juli 1931 ab. In einer Anlage des Reports konnte Keynes an prominenter Stelle seine Argumente dafür präsentieren, dass zusätzliche öffentliche Ausgaben sinnvoll und notwendig sind, um die ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit zu bekämpfen. Es gelang ihm, dafür die Unterstützung von fünf weiteren Mitgliedern zu gewinnen (darunter Ernest Bevin, prominenter Gewerkschaftsführer, sowie Reginald McKenna, Vorsitzender der Midland Bank). Der zweite Nationalökonom im „Macmillan-Committee“ votierte dagegen.

Auf einer zweiten Schiene kämpfte Keynes mittels Zeitungsartikeln und Leserbriefen für seine wirtschaftspolitischen Ideen. Einige Beispiele müssen hier genügen: In seinem Brief an den „Manchester Guardian“ vom 14. August 1930 (CW, Vol. 20, S. 385 ff), der viele Leser zu Kommentaren veranlasste, rechnete er vor, wie viel es für die Beschäftigung in GroßbritannienGroßbritannien ausmacht, wenn jemand ein britisches statt eines amerikanischen Autos kauft. Er berücksichtigt dabei die importierten Rohstoffe und Teile, die für die Produktion des britischen Autos verwendet werden, ebenso wie die zusätzlichen Konsumausgaben der zusätzlichen (oder länger) Beschäftigten und die Auswirkungen auf die Leistungsbilanz.

Manche Zeitungsartikel nutzte Keynes auch zu direkten Gesprächen mit den wichtigsten Entscheidungsträgern. So schickte er einen Artikel, den er am 10. Mai 1930 in der Zeitschrift „The Nation and AthenaeumNation and Athenäum“ (CW, Vol. 20, S. 345–349) zur Zinspolitik schrieb, an den Gouverneur der britischen Zentralbank. Als dieser nur kurz und recht zurückhaltend reagierte, schickte er ihm einen längeren Brief (CW, Vol. 20, S. 350–356). Dort stellte er die Notwendigkeit in den Mittelpunkt, die InvestitionenInvestitionen einschließlich derer im Ausland zu erhöhen, um weitere ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit zu vermeiden. Seine theoretische Begründung könne er in dieser Kürze nicht darstellen; er sei aber sicher, dass seine Position richtig sei. Er sei bereit, sich den Kopf abschlagen zu lassen, falls sie sich als falsch erweise.

Keynes versuchte dann abzuschätzen, welches Investitionsvolumen bei den verschiedenen Maßnahmen zu erwarten ist. Unbedingt nötig sei es, so folgert er, die heimischen InvestitionenInvestitionen anzukurbeln, indem die Zinssätze unter das hohe Niveau von 5–6 % gesenkt werden. Er schlägt vor, die britische Zentralbank solle den langfristigen ZinssatzZinssatz dadurch nach unten bringen, dass sie die von ihr gehaltenen Staatspapiere umschichtet, indem sie kurzfristige verkauft und dafür langfristige kauft.

Um noch stärker in die Öffentlichkeit hineinzuwirken und diese von der Notwendigkeit aktiven wirtschaftspolitischen Handeln zu überzeugen, nutzte Keynes auch das damals neue Medium des Rundfunks. In den Jahren 1930–1931 diskutierte er zweimal mit dem schon erwähnten Josua Stamp und hielt zwei Vorträge.

Im Vortrag vom Januar 1931 (in der BBC) wendete er sich gegen die auch damals weit verbreitete Theorie, man müsse wegen der Krise mehr sparen („den Gürtel enger schnallen!“). Dies sei jedoch „in der aktuellen Lage völlig falsch. Es ist äußerst schädlich und irrig“ (1931/2008, S. 64). Notwendig sei eine höhere Nachfrage: „Darum, ihr patriotischen Hausfrauen, brecht gleich morgen früh auf und geht zu den wundervollen Ausverkäufen … Ihr tut Euch damit selbst etwas Gutes, denn niemals waren Dinge so billig, so traumhaft billig“ (S. 65). Und „auf nationaler Ebene wünsche ich mir die Planung und Durchführung großartiger Projekte“ (S. 66).

Im April 1931 sprach Keynes im amerikanischen Rundfunknetz CBS und betont vor allem die Notwendigkeit, die Zinsen zu senken, damit mehr InvestitionenInvestitionen rentabel werden.

Entgegen der verbreiteten Erwartung, man habe 1931 die Talsohle dieser tiefen Rezession erreicht, verschlechterte sich auch durch den Zusammenbruch zahlreicher BankenBanken ab Sommer 1931 die Lage drastisch weiter und verschärfte sich zur WeltwirtschaftskriseWeltwirtschaftskrise. Daraufhin verließ GroßbritannienGroßbritannien am 20. September 1931 den GoldstandardGoldstandard – das PfundPfund wertete um ca. 20 % ab. Aber die Finanz- und GeldpolitikGeldpolitik ließen die Wirkungen der Abwertungen verpuffen, da beide kontraktiv waren. Dies kritisiert u.a. SchumpeterSchumpeter (1939, S. 987):

„Die orthodoxen Grundsätze der öffentlichen Finanzierung wurden mit wahrhaft heldenhaften Anstrengungen aufrechterhalten – unter ihnen ein Spargesetz, das vom Unterhaus angenommen wurde –, wodurch es dann auch gelang, das Finanzjahr 1931/1932 mit einem Überschuss von 32,9 Millionen PfundPfund zu beenden. … Diese Politik hatte zunächst die Tendenz, die Anreize, welche die Pfundentwertung hätte auslösen können, zu neutralisieren, depressive Wirkungen (gingen) insbesondere von dem 6 %-igen Diskontsatz aus.“

Infolgedessen verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage in GroßbritannienGroßbritannien ebenso wie in den USAUSA und in DeutschlandDeutschland, weiter. Daraufhin verstärkte Keynes seine Bemühungen, Regierung und Öffentlichkeit zu überzeugen, dass der Staat (und auch die privaten Haushalte und Unternehmen) gegensteuern müssen. So erreichte er es, dass er, PigouPigou und vier Mitstreiter am 17. Oktober 1932 einen Brief an die „Times“ schrieben, in dem sie die positiven Wirkungen zusätzlicher privater und öffentlicher Ausgaben für Produktion und Beschäftigung betonen (Kasten 9). Im Gegensatz zu Zeiten der Voll- oder gar Überbeschäftigung (wie im Kriege) zögen nämlich solche Mehrausgaben keine Ressourcen aus anderen Verwendungen ab, sondern brächten brachliegende Ressourcen (insbesondere Arbeitskräfte) in Beschäftigung. Wenn jemand sich entscheidet, £500 zusätzlich zu sparen, führe dieser Betrag nicht zu mehr InvestitionenInvestitionen. Dieser Weg sei derzeit durch den Mangel an Vertrauen in die Rentabilität von Investionen blockiert. Diese Überlegung gelte auch für die Ausgaben lokaler Gebietskörperschaften. Wenn diese auf den Bau eines Museums, Schwimmbads o.ä. verzichten, handelten sie nicht im nationalen Interesse, sondern schadeten sich und anderen.

Selbst dieser überzeugende Brief stieß auf Widerspruch, auch von Ökonomen wie von HayekHayek und RobbinsRobbins, und löste heftige Debatten aus.

Kasten 9: Auszüge aus dem Letter to The Times, 17.10.1932 (CW, Vol. 21, S. 138/9)

“In the period of the War it was a patriotic duty for private citizens to cut their expenditures on the purchase of consumable goods and services to the limit of their power …At present time, the conditions are entirely different. … When a man economises in consumption, and lets the fruit of his economy pile up in bank balances or even in the purchase of existing securities, the released real resources do not find a new home waiting for them. In present conditions their entry into investment is blocked by lack of confidence. Moreover, private economy intensifies the block. For it further discourages all those forms of investment – factories, machinery, and so on – whose ultimate purpose is to make consumption goods. Consequently, in present conditions, private economy does not transfer from consumption to investment part of an unchanged national real income. On the contrary, it cuts down the national income by nearly as much as it cuts down consumption. Instead of enabling labour-power, machine-power and shipping-power to be turned to a different and more important use, it throws them into idleness.

Moreover, what is true of individuals acting singly is equally true of groups of individuals acting through local authorities. If the citizens of a town wish to build a swimming bath, or a library, or a museum, they will not, by refraining from doing this, promote a wider national interest. They will be ‘martyrs by mistake’, and, in their martyrdom, will be injuring others as well as themselves. Through their misdirected good will the mounting wave of unemployment will be lifted still higher.”

An den starren Prinzipien der orthodoxen „sound finance“ prallten alle diese Appelle ab und die wirtschaftliche Lage blieb verheerend. Zwei Ereignisse ließen 1933 jedoch etwas Hoffnung aufkeimen: Für den Juni 1933 war eine internationale „World Economic ConferenceWorld Economic Conference“ einberufen worden, um Auswege aus der DepressionDepression zu beraten und wenn möglich zu beschließen. Zweitens trat in den USAUSA im April 1933 Franklin D. RooseveltRoosevelt das Amt des Präsidenten an; er hatte den Amerikanern einen „New Deal“ versprochen, mit dem er sie aus der Depression herausführen wolle.

Zur Vorbereitung dieser Weltkonferenz setzte der britische Premierminister bereits im August 1932 erneut ein spezielles „Committee on International Economic Policy“ ein, dem acht Personen angehörten, darunter wie selbstverständlich wieder Keynes. Dieser legte seine Position in einer langen Reihe von Zeitungsartikeln dar. Insbesondere schrieb er vier Artikel für „The Times“ im Frühjahr 1933, die er anschließend unter dem Titel „The Means to Prosperity“ als Streitschrift in England und (etwas erweitert) in den USAUSA herausbrachte. Keynes unterstrich dort die Notwendigkeit, kreditfinanzierte öffentliche Ausgaben zu tätigen. Die Höhe des Gesamteffekts solcher Ausgaben (den MultiplikatorMultiplikator) schätzt er auf 2,0. Mit Blick auf die Weltwirtschaftskonferenz propagiert er ein gemeinsames Vorgehen, damit ein mutig vorangehendes einzelnes Land nicht wegen steigender Importe eine Verschlechterung seiner Leistungsbilanz hinnehmen muss.

Außerdem schlug Keynes vor, die bevorstehende „World Economic ConferenceWorld Economic Conference“ solle – um bei möglichen Zahlungsbilanzproblemen helfen zu können – eine internationale Behörde gründen, die alle beteiligten Staaten mit zusätzlich geschaffener internationaler Liquidität versorgen soll. Dafür sollte sie in GoldGold dominierte und international zur Zahlung verwendbare Noten emittieren, die jedes Land bis zu einem bestimmten Betrag gegen eigene Staatsanleihen erwerben kann, um danach über zusätzliche internationale Zahlungsmittel zu verfügen.

Zu diesem Zweck sollten die Länder ihre Währung an den GoldpreisGoldpreis binden, jedoch mit der Möglichkeit, die Wechselkurse durch gemeinsamen Beschluss zu ändern. Dadurch sollte der Abwertungswettlauf zwischen den Währungen beendet werden (die USAUSA hatten im April 1933 den GoldstandardGoldstandard verlassen). Diese Vorschläge hatten auf der Konferenz (Juni/Juli 1933) keine Chance. Sie fanden erst 1944 – auf der Konferenz von Bretton-Woods – in den Vereinbarungen zum Weltwährungssystem Berücksichtigung (siehe dazu den Abschnitt Problemlösungen für die Kriegs- und Nachkriegszeit bzw. den Abschnitt Für eine neue Währungsordnung).

Noch am Vorabend der Weltwirtschaftskonferenz diskutierte Keynes mit dem renommierten amerikanischen Journalisten Walter Lippmann in der BBC über die Erfolgsaussichten dieser Konferenz. Beide Diskutanten hielten es für am besten, wenn die wichtigsten Staaten, allen voraus die USAUSA und GroßbritannienGroßbritannien, gemeinsames Handeln verabredeten; insbesondere sollten Kredite für Unternehmen preiswert und reichlich zur Verfügung gestellt werden und es sollten Programme für öffentliche Arbeiten aufgelegt werden.

Vor und während der Weltwirtschaftskonferenz verhandelten Vertreter der USAUSA, Großbritanniens und des Europa-Goldblocks (vor allem FrankreichFrankreich und Italien) über eine Vereinbarung, die eine Rückkehr zum GoldstandardGoldstandard vorsah, wobei es aber den einzelnen Staaten freigestellt blieb, wie rasch sie den WechselkursWechselkurs ihrer Währung stabilisierten.

Präsident RooseveltRoosevelt lehnte in einer Botschaft an die Konferenz diese Pläne jedoch brüsk ab. Keynes war einer der wenigen, die ihm applaudierten (Daily Mail (CW, Vol. 21, S. 273/4)). Roosevelt sei „magnificently right“, weil er, statt auf Kompromisse einzugehen, eine Entscheidung zwischen zwei entgegengesetzten Ansätzen erzwinge, nämlich zwischen der Orthodoxie der Goldblockländer mit ihrer Ablehnung staatlichen Handelns und den USAUSA, die diese „unbeschreibliche Verschwendung von guten Gelegenheiten“ ablehnen. Nach Roosevelts „Paukenschlag“ verliefen die Diskussionen der Konferenz im Sande.

Trotz dieses Fehlschlags war der neugewählte amerikanische Präsident für viele Bürger in den USAUSA und für Keynes ein Hoffnungsträger, da er überaus energisch und geschickt handelte und mit einem gewaltigen Bündel von Maßnahmen einen Stimmungswandel in den USA herbeiführte (s. dazu ausführlich Blomert, 2012). RooseveltRoosevelt übernahm im März 1933 sein Amt von Hoover, der die Wahl im November 1932 verloren hatte. Hoover hatte wenig gegen die WeltwirtschaftskriseWeltwirtschaftskrise getan, versuchte sogar trotz der Wirtschaftsmisere den Bundeshaushalt auszugleichen und behauptete im Wahlkampf: „Prosperity is just round the corner“.

Die von RooseveltRoosevelt erhoffte wirtschaftliche Erholung verlief jedoch schleppend. In Absprache mit einem seiner führenden Berater schrieb Keynes daher am Jahresende 1933 einen offenen Brief an Roosevelt, der in der „New York Times“ veröffentlicht wurde (CW, Vol. 21, S. 289–297). Eine leicht veränderte Version erschien als Zeitungsartikel zwei Tage später mit dem Titel „Mr. Roosevelt’s Experiments“ in der „Times“ (CW, Vol. 21, S. 297–304, deutsch auf der Website der Keynes-Gesellschaft in der Rubrik „General Theory“). In beiden Texten lobt Keynes Roosevelt für sein „durchdachtes Experiment“, um das Übel unserer Lage zu heilen, drängt ihn aber, zwischen den Aufgaben „Erholung aus der Krise“ und „Wirtschafts- und Sozialreform“ deutlich zu trennen und die (kurzfristige) erste als dringlicher zu betrachten als die eher langfristige zweite. Keynes bezweifelt, dass hier die Prioritäten richtig gesetzt sind. Er argumentiert, eine wirtschaftliche Erholung könne nur einsetzen, wenn die einzelnen Menschen mehr von ihrem Einkommen ausgeben, die Unternehmen dank erhöhten Zukunftsvertrauens und niedriger Zinsen mehr investieren oder der Staat kreditfinanzierte Ausgaben tätigt. Hier sei zu wenig geschehen.

Dieses Versäumnis könne, meint Keynes, an zwei Trugschlüssen liegen. Erstens sei es zwar richtig, auf steigende Preise hinzuarbeiten (in einer Zeit stark sinkenden Preisniveaus – J.K.), aber nicht durch Angebotsverknappung, die einen Rückgang von Produktion und Beschäftigung bedeute, sondern durch erhöhte Nachfrage! Der zweite Trugschluss resultiere aus einer „primitiven Wirtschaftsdoktrin“, die als QuantitätstheorieQuantitätstheorie des Geldes bekannt ist und eine feste Relation zwischen GeldmengeGeldmenge und Volkseinkommen behauptet. „Manche Menschen“, so Keynes, „scheinen daraus abzuleiten, dass Produktion und Einkommen dadurch erhöht werden können, dass man die Geldmenge ausweitet. Doch dies ist, wie wenn man versucht, dick zu werden, in dem man einen weiteren Gürtel kauft“. Stattdessen sei es entscheidend, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu erhöhen (CW, Vol. 21, S. 301).

Beide Texte belegen, dass Keynes von seinem Erklärungsansatz überzeugt und in seinen theoretischen Überlegungen inzwischen weit genug vorangeschritten war, um die herrschende orthodoxe Lehre mit ihrer impliziten Annahme einer Tendenz zur VollbeschäftigungVollbeschäftigung zu widerlegen und durch eine neue Theorie zu ersetzen. Darüber berichtet der nächste Abschnitt.

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277 s. 13 illüstrasyon
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9783846352793
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