Kitabı oku: «Blutgrätsche»
Jürgen Neff
Blutgrätsche
Fußball-Krimi

Zum Buch
Mord in der Kurve Nie wieder wollte Nina Schätzle ein Stadion betreten. Doch nach einem Pokal-Derby gegen den Erzrivalen wurde Cat Benzeler ermordet – eine wichtige Figur der Heidenheim-Ultras – und Schätzle und ihr neuer Partner sind mit dem Fall betraut. Schätzle hat einen speziellen Bezug zum 1. FCH und den weiblichen Ultras, den Societas: Sie stand selbst jahrelang als Ultra jeden Sonntag im Stadion, die Gemeinschaft bedeutete für sie Familie und Heimat. Alles endete damit, dass sie als junge Polizistin zwischen zwei Fan-Gruppen geriet und dabei ein schweres Trauma erlitt. Damals schloss sie mit ihrem alten Leben ab, muss nun jedoch unfreiwillig zurückkehren: Denn die Tote ist ihre frühere beste Freundin. Unter den Rivalen aus Aalen gibt es zahlreiche Tatverdächtige, und auch in den eigenen Reihen standen dem Opfer nicht alle positiv gegenüber. Im Laufe der Ermittlungen ergeben sich zudem Verdachtsmomente in den Reihen der Polizei.
Jürgen Neff studierte Literaturwissenschaft und Philosophie, arbeitete an deutschen Theatern und fuhr auf Kreuzfahrtschiffen zur See. Heute coacht er Seefahrer, Piloten und Ärzte in Resilienz, Kommunikation und Konfliktmanagement. Seit seinem Studium beschäftigt er sich mit Emotionen, verarbeitet dies in Theaterstücken wie „ANGST!“ oder „Freier Wille?“, das bei den Essener Autorentagen 2016 den Publikumspreis erhielt. Für seinen ersten Kriminalroman im Gmeiner-Verlag hat er sich mit einem emotional geladenen Massenphänomen beschäftigt: dem Fußball und der Faszination Fankurve.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Katja Ernst
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © redcus / photocase.de
ISBN 978-3-8392-6700-4
Widmung
Für meine Familie,
insbesondere meinen Vater, den alten Kicker.
*
Wem du anhängst, ist,
was dich ausmacht.
Ole, ole
Dichter Dunst. Feuerdurchbrochen. Schiefe Schreie von beiden Flanken. Trommelschläge jagen übers Feld, und es riecht nach Rauchfleisch. Der Nebel lichtet sich, und man erahnt die Massen wieder. Freund? Feind? Wer weiß. Nur Farben und Parolen unterscheiden die zwei Menschenrudel. Der Blitz einer weiteren Granate macht nochmals alle blind. Noch blinder, als sie es schon sind – vor Hass.
Orientierungslos. Was für ein Scheiß.
Dann bricht der Sturm los. Heiß. Das Dreckspack schlägt jetzt zu. Gnadenlos. Wut um die Münder, Entschlossenheit im Blick, so prallen sie aufeinander. Schmerz-, Kampf-, Angstgeschrei vermischen sich mit den Trompeten. Knochen bersten, oder sind es Hölzer?
Und wir? Wir warten ab, lassen die sich auspowern. Sehen zu.
Die einen gewinnen an Boden, drängen den Gegner zurück in seine Hälfte. Und der verschiebt sich, teilt sich in der Mitte. Es war nur eine Finte. Abseitsfalle. Dahinter rollt schon eine zweite Welle an. Eingekesselt hat der Gegner keine Chance gegen diesen schnellen Konter.
Dann kommt der Befehl: Angriff! Und wir brechen von der Flanke ein. Adrenalin schießt ins Blut, die Muskeln spannen sich, verkrampfen fast. Der Mob hört uns kommen und erkennt die Uniformen. Und er weiß, unsere Ausrüstung ist besser, unsere Ausbildung auch. Und plötzlich formieren sie sich, rotten sich zusammen. Weil es einen neuen Gegner gibt, einen gemeinsamen.
Kurz darauf wirft mich etwas zu Boden. Blutgrätsche.
Stiefel, die auf mir herumtrampeln. Ole, ole.
Der Helm, der durch die Massen über mir verrutscht. Ole, ole.
Schuhe, die mir gegen Schläfe und das Brustbein treten. Ole, ole.
Eisen auf der Zunge. Blut, das mir durch die Zähne rinnt. Ole, ole.
Ole, ole.
Anpfiff –
daran gewöhnt man sich nie
Ich mag Sonntagsleichen.
Aber nur, wenn der Anruf auch sonntags kommt! Muss ich mich wenigstens nicht den ganzen Tag langweilen, kackbanale Chats führen und mich mit dem Nachbarn streiten. Nur weil der sich wieder aufregt, dass ich auf dem Balkon eine rauche.
Aber Montagfrüh! Alter, das geht gar nicht.
»Sie liegt dort drüben im Gebüsch«, informiert uns der junge Streifenpolizist, der gerade das Absperrband befestigt. Wandernde Schneemänner im Grün. Die weißen Overalls wirken deplatziert in diesem frühlingshaften Stück Wald. Das Albstadion ist nur 200 Meter entfernt und doch kaum zu sehen. Mein Kaffee-to-go in der linken Hand ist das einzig Warme. 6 Uhr, der feuchte Aprilnebel sieht aus wie unordentlich über das Feld geworfen.
Ist es wirklich schon sieben Jahre her, seit ich hier oben war? Damals. Und das nur, um innerlich damit abzuschließen. Einen Schlussstrich zu ziehen. Weil der Polizeipsychologe es für wichtig hielt. Dieser Arsch. Als ob das irgendwas geändert hätte. Auf dem »Berg der Ehre«. Dem Schlossberg.
Ja. Ich war 35 damals.
Das Erste, was ich von ihr sehe, sind nackte Beine; Laubblätter kleben daran. Sie hat nur einen Schuh an. Knallroter Nagellack. Abgeplatzt. Warum trägt sie keine Socken in Turnschuhen? Ein Schneemann der Spurensicherung schießt Fotos von allen Seiten. Sie liegt auf dem Rücken, die Hände auf dem Bauch. Als würde sie schlafen. Kurze Jeanshosen, sehr kurz. Blut, viel Blut an den Beinen. Dann sehe ich das zerfetzte rot-blaue Shirt, noch mehr Blut, Tattoos, bekannte Motive, den Seidenschal, die blutverklebte blonde Mähne und dann … Scheiße.
Es wirft mich unmittelbar zurück. In eine verlorene Zeit. Kurz bin ich ganz woanders, ringe nach Luft. Der Weißkittel macht noch immer Fotos, und ich möchte es ihm am liebsten verbieten. Nein. Eigentlich will ich ihm seine Scheißkamera aus den Händen reißen und sie ihm in die Fresse hauen. Mein Psychoonkel wird sich freuen, wenn ich ihm das nächste Mal davon erzähle.
»Identität?«, fragt Schröter und holt mich wieder in die Gegenwart.
»Katrin. Katrin Benzeler«, sage ich und Schröter starrt mich an. »32 Jahre alt.«
»Du kennst sie?«
»Ich kannte sie.«
»Schon klar, Nina«, meint Schröter, der sich ebenso krampfhaft an seinem Kaffeebecher festhält wie ich. Mein ultrakorrektes Arztsöhnchen aus Norddeutschland ist kein Morgenmuffel. Aber diese Zeit scheint selbst für meinen neuen Partner Frederick Schröter zu früh.
»Nein. Ich meine: Es ist schon Jahre her, dass wir uns kannten. Damals war ich noch jeden Sonntag auf dem Platz. Hier oben in der Voith-Arena oder beim Auswärtsspiel.«
»Verstehe.«
In meinem Kopf türmen sich Bilder, matt, wie hinter schmutzigem Glas. Brüllende Menschen in bunten Trikots, brennende Leidenschaft und bengalische Schlachtrufe. Mein Gott. Ferne Zeiten völlig nah.
»Sie gehört zu den Societas. Den weiblichen Ultras. Wir haben sie Cat genannt.«
»Ultras«, wiederholt Schröter, der, das weiß ich schon, von Fußball so viel Ahnung hat wie ich vom Wäschewaschen.
»Daran gewöhnt man sich nie, oder?«, meint der weiße Tatort-Paparazzo, der näher zu uns getreten ist und sich hinkniet, um ein Foto von Cats rechtem Fuß zu schießen. Fällt mir schwer, sie bei ihrem Spitznamen zu nennen. Ich möchte sie zudecken, ihr Schutz geben. Ein bisschen Abstand schenken von fremden Leuten. Cat … Katrin wenigstens das bisschen Würde schenken, welches sie verdient hätte, das doch jedem Menschen zustehen sollte, wenn er seinen letzten Weg angetreten hat. Stattdessen lichtet der Paparazzo ihren zerschundenen Leichnam ab. Zentimeter für Zentimeter. Hochauflösend. Das Stück menschliches Fleisch, in dem meine Cat einmal drinsteckte. Und ich spüre, wie Wut in mir aufsteigt. »Brutalstfoul«, meint er. Das macht es nicht besser. Jetzt möchte ich ihm tatsächlich die Fresse polieren. Scheiße, Katrin!
»Guten Morgen, Frau Schätzle«, sagt in diesem Moment eine bekannte Stimme hinter mir.
»Du sollst mich nicht so nennen, Berti«, erwidere ich Robert Heinzel. Er ist der Leiter der Spurensicherung. Der Ton verrutscht mir. Bei normalen Leichenfunden geht mir das Herz auf, wenn ich Berti sehe. Mein SpuSi, wie ich ihn für mich gerne nenne. Jetzt aber … Berti blickt auf Katrin hinab, lange, dann sieht er zu mir auf. »Haben sie entsetzlich zugerichtet, unsere Cat.«
Ich weiche seinem Blick aus. Warum spricht er im Plural?
Ihr Gesicht hat kräftige Blessuren, der Körper ein paar blaue Flecken. Aber ich benötige keinen Fachmann, um die Todesursache zu erkennen. Es wurde mehrfach auf sie eingestochen. Ich spiele mit meinem Fingerstummel. Mir fehlt an der linken Hand das letzte Glied des kleinen Fingers. Wenn die Leute fragen, sage ich immer, es war ein Unfall. War es ja auch irgendwie. Ist eine längere Geschichte. Jedenfalls knete ich oft auf ihm herum, wenn ich ins Grübeln komme. Als »stummeln« bezeichne ich es gern.
»War das Staging genau so?«
»Wie bitte, was?«, kommt mir Berti zuvor.
»Wurde sie genau so gefunden?«, korrigiert sich Schröter, und ich bin dankbar dafür, dass mein junger Kollege die Führung übernimmt. Auch wenn es eindeutig noch zu früh ist für die geschwollene Ausdrucksweise meines norddeutschen Partners. Ich muss das erst mal verarbeiten.
»Nicht ganz«, erklärt mein SpuSi. »Der Schal war ausgebreitet über ihr Gesicht gelegt.«
Schröter nickt nachdenklich, bekommt diesen Blick, den ich schon von ihm kenne. Sein Tatortscanner beginnt zu arbeiten. Versuch dich zu konzentrieren, Nina!
»Also gut, Schröter. Beeindruck mich mit deiner Weisheit«, taste ich mich ungelenk an einen normalen Tonfall heran. Er reagiert nicht. In ihm läuft bereits sein Programm. Er ist gerade mal 35, noch nicht lange bei der Kripo, und ich weiß nicht, woher er das hat, aber er ist extrem gut im Lesen eines Tatorts. Nur wirft er dann immer mit solchen Fremdwörtern wie »Staging« um sich, was irgendwann anstrengend wird. Besonders um diese Uhrzeit. Ganz besonders bei dieser Toten.
»Frage dich, wie der Täter den Leichnam ansah«, doziert er grübelnd. Das meine ich: Er gibt schlaue Sprüche von sich, die fast philosophisch klingen. Kämen sie aus dem Mund eines alten Mannes mit weißem Bart, würde ich jedes Mal zu Boden sinken vor Demut. Aber sie stammen eben von Schröter.
»Und?«
»Jedenfalls wurde die Szene nachträglich verändert. Er hat das Gesicht des Opfers verdeckt. Das könnte darauf hindeuten, dass er es kannte. Könnte eine Art emotionale Wiedergutmachung sein. Er will es ungeschehen machen. Darauf deutet auch die schlafende Haltung hin. So lag sie sicher nicht unmittelbar nach der Tat da.«
»Klingt einleuchtend.«
»Wurde sie vergewaltigt?«
Ein Stich fährt mir durch den Hinterkopf.
»Bisher deutet nichts darauf hin«, antwortet Berti in bitterem Ton. Vermutlich schmerzt sein Kopf ebenso wie meiner.
Schröter glotzt wie eine Kuh auf dem Felde, brütet über der Szene wie Günter Netzer über der Spielanalyse. »Sieht das für euch nach einem geplanten Verbrechen aus?«
Wir blicken uns an, keiner sagt etwas. Ich bin noch nicht da. Definitiv.
»Ich glaube eher, es ist aus einer emotionalen Notlage heraus entstanden und wurde danach so für uns arrangiert.«
Emotionale Notlage. Ist es das nicht immer? »Vermutlich hast du recht«, antworte ich dem Tatortphilosophen trotzdem. »Mehrere Messerstiche. Er war wütend und ist danach selbst über seine Tat erschrocken. Dann hat er das Gesicht der Leiche verdeckt, um ihr nicht mehr in die Augen sehen zu müssen.«
Schröter nickt. »Könnte aber auch eine Anonymisierung sein. Vielleicht ging es gar nicht um sie als Person, sondern darum, eine beliebige Frau zu töten oder einen zufälligen Fan.«
»Du meinst eine symbolische Tat: einen Heidenheim-Fan.«
»Genau. War gestern ein Spiel hier?«, fragt Schröter, und ich und Berti glotzen ihn ungläubig an.
»Ist nicht dein Ernst, oder?«, schnarre ich. »Gestern war DFB-Pokal, gegen Aalen.«
Schröter sieht mich an, als hätte ich Nostradamus zitiert. »Und?«
Ich wende mich flehend an Berti, und er springt für mich ein. »Wir haben die Aalener 4:1 verdroschen.«
Danke. Aber Schröter kapiert noch immer nicht.
»Die Aalener und Heidenheimer sind sich spinnefeind. Zwischen denen gibt es von jeher böses Blut. Und wenn die hier 4:1 untergehen, dann kochen die Emotionen hoch.«
Jetzt lichtet sich der Nebel bei Schröter. »Ach so. Okay.«
»Na endlich«, rutscht es mir heraus, und Schröters Gesicht verzieht sich.
»Benimm dich, Nina«, meint Berti mit einer Tüte in der Hand. »Ihr Handy. Zertrümmert.«
»Todeszeitpunkt?«, frage ich ihn.
»Muss kurz nach dem Spiel gewesen sein.«
Wäre kaum drauf gekommen. Manchmal kann ich mich einfach nicht beherrschen.
»Moment mal«, sagt Berti und kniet sich neben Katrin. »Da steckt etwas.« Er beugt sich über ihr Gesicht, nimmt seine Pinzette und zieht ein Stück festen Stoff aus ihrem halb geöffneten Mund. »Ein Heidekopf-Emblem.«
Wieder der Gedanke: so viel Nähe zu einem toten Menschen, der geliebt wurde. Das ist einfach nicht richtig. Wenngleich es sich bei Berti anders verhält. Er kannte Cat und mochte sie sehr. Das macht es ein wenig besser.
Er lässt das Emblem in eine Plastiktüte fallen. »Vermutlich von ihrer Kleidung abgerissen.«
»Das klingt fast wie eine symbolische Degradierung«, brütet Schröter. »Auch wenn in dem Abreißen irgendwie Wut steckt.«
Ich mustere ihn. »Du siehst echt zu viele amerikanische Serien, Schröter.« Er antwortet mir nicht, und ich frage in die Runde: »Wer war gestern hier?« Drei Streifenpolizisten heben den Arm. »Wer nicht dienstlich, sondern im Block?« Alle drei lassen ihre Arme wieder sinken.
»Ich«, erklärt in diesem Moment Berti.
»War eigentlich klar. Ist irgendetwas vorgefallen in der Kurve?«
»Was denkst du, bei diesem Ergebnis? Die Fanatico Boys haben natürlich aufgedreht. Die Fans der anderen auch. Schätze, es waren 300 bis 400 Ultras auf beiden Seiten.«
»Aalener Crew Eleven.«
Berti nickt.
»Schweinskopf-Parolen?«
»Klar. Die skandierten die Aalener schon vor dem Stadion, beim 0:1 gegen uns auch, später, als es 3:1 für uns stand, noch viel lauter und verbissener. Und auf dem Rückweg zum Bahnhof.«
»Wie viele von uns waren im Einsatz?«
»Zwei Hundertschaften«, informiert mich einer der Kollegen von der Seite.
Klar. »Hochrisiko-Spiel.« Allen ist im Voraus bewusst, wie es dabei zugeht.
»Wir hatten die Lage im Griff«, erklärt der Kollege weiter. »Die Blöcke waren gut separiert. Nach dem Spiel gab es einige Ausbruchsversuche, die Sonderkräfte konnten dies aber unterbinden. Außer der üblichen Randale im Zug und einiger unkontrollierter Bengalos am Bahnhof ist nichts weiter vorgefallen.«
»Bis auf die drei Schwarzen, die sich in die Ost geschlichen hatten«, wirft Berti ein und ich sehe ihn an. Die Schwarze Elite der Aalener.
»Die Ost?«, fragt Schröter.
»Mensch, Schröter. Die Osttribüne, wo die heimischen Ultras stehen.«
»Die drei Aalener haben sich hinübergemogelt«, erklärt Berti, »und einen Schweinskopf an die Wand gesprayt. Das warf aber keine Wellen mehr, weil der Ausgleich fiel. Und beim 2:1 inszenierte Katrin ihren großen Auftritt.«
»Was meinst du?«
Bertis Augen funkeln. »Hättest du sehen müssen: Es steht 1:1, und wir bekommen in der 71. Minute einen Elfmeter. Schnatti, der Kapitän, schießt, trifft den Ball nicht richtig, und der Aalener Torwart, der Italiener Brunelli, ist gut, kommt ran. Aber der Ball kullert trotzdem langsam hinter die Linie. 2:1, mit viel Dusel. Und Katrin springt auf die Balustrade, entreißt dem Capo der Fanaticos das Megafon. In dem Moment hält die Stadionkamera auf sie, und sie realisiert, dass sie auf der Großleinwand zu sehen ist. Sie reißt ihr T-Shirt hoch und auf ihren nackten Brüsten ist ein Stinkefinger gemalt, und darunter steht: ›Fuck you, Aalen!‹ Dann brüllt sie durchs Megafon: ›Fuck you, Aalen! Fuck you, Aalen!‹ Und die Menge tobt und brüllt mit.«
»Scheiße.« Die Katrin. Oh Mann.
»Nina. Keine Kontamination bitte«, weist mich Berti zurecht.
Erst jetzt bemerke ich, dass ich meine Kippenschachtel und das Feuerzeug in den Händen halte. »Sorry.«
Ich sehe auf das Emblem in der Plastiktüte, dann auf Cat hinab; Schröter und Berti auch. Der Philosoph spricht das aus, was wir alle denken: »Hat ihr jemand das Maul gestopft?«
Und an das noch viel weniger
»Mensch, Nina. Das ist ja der Wahnsinn!«, freut sich Vater Benzeler überschwänglich. »Schön, dich zu sehen. Komm rein!«
Genau davor hatte ich Angst. Brauchte eine halbe Stunde, um mit Schröter aus dem Auto auszusteigen, und nochmals zehn Minuten, um endlich an dem Reihenhäuschen in der Albstraße zu klingeln, einer Allee, die einem das »Alles in Ordnung« entgegenbrüllt wie ein Bobbycar im Sandkasten: Birken rechts und links, säuberlich getünchte Familiennestchen, Geranientöpfe, ein Engel im Vorgarten – wenigstens kein Gartenzwerg, der hätte mir den Rest gegeben.
Schröter gefällt es bestimmt. Bin mir sicher, bei ihm zu Hause sieht es nicht viel anders aus. Heim, Herd, Frau, zwei Kinder. Und ganz bestimmt auch Kugelgrill und Bobbycar.
Wir gehen ins Wohnzimmer. Vor meinem inneren Auge eine Stadionuhr, die heruntertickt. Mit jeder Sekunde, in der ich nicht mit der Nachricht rausrücke, sie ihnen vor die Füße werfe, wird es schwerer. Nichts ist so fatal wie das Verschweigen eines Erdrutsches. Jede Sekunde zählt!
»Du siehst gut aus, Frau Kriminalinspektorin«, bezirzt mich Katrins Erzeuger.
»Danke, Alfred.« Kriminaloberkommissarin eigentlich.
»Wollt ihr was trinken? Kaffee, Tee? Herr Schröter?«, fragt Anne.
Schnaps! Mein Blick schreit Schröter an, stumm.
Es hat sich nichts verändert in den letzten sieben Jahren. Gar nichts. Noch dasselbe Sofa mit den schrecklich großen Blumen auf dem Bezug. An der Wand das Foto der Fußballbrüder Heidenheim, ein Wimpel in Vereinsfarben. Vater Benzeler hat in der ersten Mannschaft gespielt. Zusammen mit meinem Vater. Vor Jahrzehnten. Daneben eins von Katrin. Dem einzigen Kind. Vor ihrem Motorrad, mit FCH-Schal. Freudestrahlend, als ende das Leben niemals.
Er bemerkt, wie ich auf das Bild starre.
»Ist nicht mehr das, was es einmal war, Nina. Du hast es rechtzeitig kapiert.«
Ich sehe ihn an, und mein Inneres schreit. Meine Seele zerfließt zu Brei. Katrins Mutter mustert mich. Frauen. Diese scheißempathischen Wesen! Ich will heulen. Ich will, dass Anne mich in den Arm nimmt und ich einfach heulen darf wie eine Achtjährige. Umgekehrt wäre es wohl angebrachter. Aber ich fühle mich so hilflos. So leer. Alter, ich weiß nicht, wie ich die nächsten paar Minuten überstehen soll.
Mein Gott. Das wird ein entsetzliches Treffen, das nächste Mal mit meinem Psychodoc. Ganz furchtbar!
Die Stadionuhr tickt unerbittlich weiter.
»Ich sag’s unserer Katrin immer wieder«, freut sich Vater Benzeler weiter. »Weißt du, Fußball okay. Klar, ist wichtig. War er uns damals auch. Aber es war nur ein Hobby. Doch das, was die heute daraus machen, mit ihrem vergrößerten Stadion und den Fans und dem Geld, das verdirbt alles. Und meine Kleine mittendrin.«
Die Mutter sieht mich weiter nur an. Ich brauche einen Schnaps!
»Ist auch nichts für ’ne Frau. Echt nicht.« Er nimmt seine Anne in den Arm. »Du weißt schon, wie ich es meine, nicht? Emanzipation und so, alles okay. Find’s schön, dass die Frauen mitkommen. Hat meine Anne auch gemacht.«
Tick, tack. Tick, tack.
Er küsst ihre Wange, aber seine Frau bleibt stoisch, taxiert mich. »Alfred. Lass die Nina doch mal zu Wort kommen.«
Doch Vater Benzeler ist so aufgeregt, er kann nicht stillhalten. »So ein hoher Besuch. Mensch. Ich freu mich so. Nun setz dich doch endlich.«
»Danke, Alfred.« Ich kann mich nicht auf das Sofa setzen! Darauf habe ich zusammen mit Katrin gesessen. Und mit meinem damaligen Mann. Da saßen wir, genau da, haben Schnaps getrunken und uns ein Logo für die Societas ausgedacht. Auch wenn Alfred und Anne nicht begeistert waren. Ich habe die beiden geliebt, und sie haben mir beigestanden bei der Beerdigung meines Vaters und danach. Auch nach meiner Scheidung.
»Wollt ihr wirklich nichts trinken?« Ich sag’s nicht noch mal!
Schröter sieht mich an: Kann nicht einschätzen, was er denkt. Wahrscheinlich schwankt er zwischen den Optionen, das Gespräch an sich zu reißen, auch wenn es anders verabredet ist, und davonzulaufen. Und ich? Ich möchte vom Boden verschluckt werden.
Tick, tack. Warum glaubte ich nur, dass ich das hinkriege?
»Ich … Alfred … Anne.« Meine Stimme krächzt, die Seele schlägt Blasen.
Wenig später ist es irgendwie passiert. Keine Ahnung, was ich tatsächlich gesagt habe. Totalamnesie. Es wäre denkbar, dass ich ihnen einfach nur ein Foto der Leiche gezeigt oder die schreckliche Nachricht auf ein Blatt Papier gekritzelt habe. Ich weiß es beim besten Willen nicht mehr. Muss Schröter nachher fragen, ob es einigermaßen okay war und mein Autopilot funktionierte.
Der Raum versinkt unter dem Erdrutsch. Das ganze Haus wird verschluckt von Nichts und Endgültigkeit. Schwarz, alles nur noch schwarz. Auch die bunten Blumen des Sofabezugs. Katrins Vater sitzt bibbernd in der Ecke und heult. Aufgelöst, kann nicht mehr. Schock, Ungläubigkeit, Verzweiflung. Kopfschütteln und Zerfließen.
Anne gelingt es noch zu sprechen.
»Wann habt ihr sie das letzte Mal gesprochen?«, frage ich sie.
»Gestern, vor dem Spiel. Die sind auf dem Schlossberg aufmarschiert, wie immer: Treffen in der Clubhalle des Fanprojekts unten in der Stadt und geschlossen hoch vors Stadion. Und dann kam sie rüber, und wir haben ein bisschen geredet. Sie war gut drauf. Und der Vater kritisierte sie wieder, weil sie so ausstaffiert war.«
»Ich wollt doch nur, dass sie sich was Ordentliches anzieht«, wimmert Vater Benzeler. »Muss doch bei der Kälte nicht in kurzen Hosen rumlaufen.«
»Das geht uns nichts mehr an, Alfred.«
»Ich sagte ihr immer, Ultra sein ist doch nichts für ’ne Frau. Die Nina hat das hingekriegt. Haben wir ihr immer gesagt.«
Ich muss innerlich lachen. Das hat sie sicher richtig gern gehört. Die fahnenflüchtige Verräterin als Vorbild.
»Und die Kerle. Hast du gesehen, wie die Kerle sie angrinsten?«, jammert er weiter.
»Die grinsen nicht, weil sie Ultra ist, sondern weil sie scharf auf sie sind«, fährt Anne ihn an, und Alfred fällt wieder winselnd in sich zusammen.
»Anne, weißt du, ob sie in irgendwelchen Schwierigkeiten steckte?«
Katrins Mutter schüttelt den Kopf. »Wir wussten wenig in letzter Zeit. ›Warst seit Wochen nicht mehr da‹, hab ich ihr gestern noch vorgeworfen.« Sie heult, leise, unauffällig, in sich hinein. »Wann hast du sie denn zuletzt gesehen?«
»Vor einem Dreivierteljahr sind wir einmal in der Stadt beinahe zusammengestoßen. Sie war auf dem Weg zur Arbeit, und ich meinte, ich käme die Tage einmal in ihrem Copy-Shop vorbei. Aber dann kam etwas dazwischen und …« Scheiße.
»Sie hat immer von dir geschwärmt, Nina«, sagt Anne. »Hat jeden Artikel über dich ausgeschnitten. Das Bild von dir bei der Polizeiprüfung und dann, als du im Heidenheimer Blatt warst als Kripobeamtin.«
Ich nicke. Was soll ich auch sonst tun?
»Hatte sie einen Freund? Von Johannes hat sie sich ja getrennt.« Weiß gar nicht, woher mir das bekannt ist.
Anne schüttelt den Kopf. »Nicht sie hat sich getrennt, er.«
»Ach. Okay.«
Ihre Schultern fallen noch tiefer hinab. »Guck doch mal, dass du endlich ’nen gescheiten Mann kriegst, Nina.«
»Wie bitte?«, frage ich.
»Das war das Letzte, was ich meiner Katrin gesagt hab.« Sie sieht mich an, die Tränen rinnen ihr über das Gesicht, und sie wiederholt es. »›Guck doch mal, dass du endlich ’nen gescheiten Mann kriegst.‹ Sie lachte nur und meinte: ›Och Mama. Ich bin doch noch jung.‹ Dabei wird sie bald 33.«
Pause. Lange Pause; und noch immer kein Schnaps. Realisiere, dass ich schon wieder an meinem Fingerstummel spiele.
»Und mit der Bande war alles gut, den Societas? Gab es da Probleme? Machtkämpfe?«
Katrins Mutter schüttelt den Kopf. »Sie hat darüber nicht viel erzählt. Weil sie wusste, der Vater mag es nicht hören. Erfuhren immer mehr von den Nachbarn oder so. Aber soweit ich weiß, waren die in letzter Zeit richtig angesehen bei den Fans. Integriert in alles. Es lief ja gut. Bei der Mannschaft und bei den Fans.«
»Weißt du, warum Johannes sich von ihr trennte?«
»Weil er sie aufgegeben hat!«, brüllt Vater Benzeler, fällt aber sofort wieder zurück in Lethargie.
Anne schüttelt den Kopf. »Er hat ihr vor zwei Jahren einen Antrag gemacht. Aber Katrin hat ihn abgelehnt.«
»Echt?« Ich kann es kaum glauben: Der einst wichtigste Spieler der Mannschaft macht ihr einen Antrag, und sie lässt ihn abblitzen. Aua.
»Hab ich ihr auch gesagt: Der Johannes hat eine Zukunft. Aber sie konnte sich nie gut entscheiden. War immer ihr Problem. Wollte sich nicht festlegen.«
»Es gab aber keinen anderen?«
Mutter Benzeler blickt mich an, ihre Augen sind rot und ertrinken. »Nina. Sie hat dich immer vermisst, weißt du.«
Ich starre sie an. Ich kann nicht wegsehen.
»Das hat sie oft zu mir gesagt: Es sei einfach nicht mehr dasselbe ohne dich.«
Dann stehen wir irgendwann draußen. Rauchend glotze ich die Alles-in-Ordnung-Allee hinab. »Ich sollte hierbleiben. Sollte ihnen …« Aber ich kann nicht, spiele mit meinem Therapie-Gummiband am Handgelenk, will meine Atmung beruhigen. Und mein Hirn.
Schröter versucht zu retten, was zu retten ist. »Den Schnaps hättest du rein nach Vorschrift nicht trinken dürfen.«
Habe ich?! Anscheinend. Ich weiß echt nichts mehr. »Ich brauch ein Bier.«
»Wir müssen in ihre Wohnung.«
»Ich habe keinen Bock!«
Er zieht die Augenbrauen nach oben wie mein Religionslehrer damals.
Ich bin hier die Vorgesetzte, verdammt! Auf Professionalität darf nur ich mich berufen.
»Verstehe, wer das Opfer war, und du erkennst, wie dein Täter ist.«
»Wo du immer diesen Mist hernimmst, Schröter.«
Kontrolliertes Chaos
Einsam liegt ein einziger Füßling auf dem Teppich in der Mitte des Wohnzimmers. Wie Katrins Leiche oben auf dem Schlossberg.
Kleine Wohnung, 60 Quadratmeter, schätze ich. Eckcouch, ein bisschen zerschlissen. Fernseher. Esstisch für vier Personen. Klamotten hier und Schuhe da, alles ziemlich chaotisch. Als sei sie gestern noch hier gewesen. War sie ja auch. Aber unter der Schlamperei – bei mir sieht’s um einiges schlimmer aus – alles auch irgendwie adrett, um nicht zu sagen spießig. Und in jedem Zimmer mindestens fünf Kätzchenabbildungen oder süße Katzenfigürchen. Frage mich, warum sie sich keine angeschafft hat. An der Wand ein Bild der aktuellen FCH-Mannschaft, bestimmt zwei auf einen Meter.
»Wären die vielen Miezen nicht, könnte es die Wohnung eines Junggesellen sein«, meint Schröter.
»Und der da.« Ich zeige mit der Nasenspitze auf das Söckchen.
Intimschnüffelei. So gar nicht mein Ding. Ich fühle mich immer schlecht, wenn wir in Wohnungen fremder Leute herumschleichen, mit Gummihandschuhen Gegenstände befummeln, zu denen die Eigentümer eine ganz persönliche Beziehung hatten, die nur sie kannten. Für uns sind es einfach Dinge, für die Personen Geschichten. Reliquien ihres Lebens.
Es ist wie mit den Leichen auch: Sie sind Arbeitsmaterial. Wie für den Tatort-Paparazzo heute Morgen. Zurückhaltung ist da fehl am Platz. Es geht darum, Beweise zu sichern, und nicht darum, dem Opfer gegenüber Abstand und Anstand zu wahren. Oder bei einem Verdächtigen. Oder Angehörigen. Wir schnüffeln in alle Winkel und Ritzen eines Lebens hinein, graben die liebevoll gehegten Geheimnisse einer Person ebenso aus wie die hässlichen, zerren sie ans Tageslicht. Das ist unser Job. Pietätlosigkeit mit Lupe und hochauflösender Kamera.
Arbeitszimmer mit Stapeln von Akten. Kleiner Schreibtisch, Notebook. »Das nehmen wir mit«, bestimme ich.
»Sollen wir die Spurensicherung reinschicken?«, fragt Schröter, und ich zucke mit den Schultern.
Schlafzimmer. Zerknülltes Laken. Hübsche Farbe. Handschellen mit Plüschbezug am Gitterrost.
Dann entdecke ich das Bild an der Wand: Cat, Arm in Arm mit ihrem Ex Johannes und einer Frau, die aussieht wie ich, nur jünger, und mit meinem Leo. Meinem Ex-Leo. Alle in den Farben der Osttribüne, der Heimat der FCH-Ultras, lachend. Bier in der Hand. Das Opfer und eine Person, die ich nicht mehr bin. Das ist fast zehn Jahre her, ich hatte weniger Falten und definitiv viel, viel weniger Ringe unter den Augen. War ich wirklich einmal so? Was für ein Weg führt von dieser Frau da zu der Person, die ich heute bin?
Schröters Handy klingelt im Nebenraum, und er geht ran. Klingt nach der Forensik.
Ich komme nicht los von dem Bild. Warum habe ich den Kontakt nicht gehalten? Warum sie nicht ab und zu angerufen? Wäre nichts dabei gewesen. Ich ertappe mich beim Stummeln, reiße mich los von dem Bild und schnüffle weiter herum. Finde nichts Spezielles. Da liegt noch ein Bild. Ein Foto. Auf dem Nachttisch. Ein junger Kerl, sehr attraktiv. Dunkler Teint, schwarze Locken. Irgendwoher kenne ich den.
»Das war die Gerichtsmedizin«, holt mich Schröter zurück, der im Türrahmen steht. »Wie vermutet. Todesursache die drei Stiche direkt ins Herz.« Mir wird schlecht. Wut steigt in mir auf. Zu wem hast du hochgeblickt, Katrin? Welches Dreckschwein hast du als Letztes angesehen in deinem kurzen Leben?
Schröter scheint zu ahnen, was ich denke. Er sieht mich wieder mit seinem Religionslehrerblick an, und ich werde noch wütender. »Was?!«
Er schüttelt den Kopf. »Nichts.« Es brodelt.
»Wurde sie vergewaltigt?«, fahre ich ihn an.
»Wissen sie noch nicht genau. Erster schneller Befund: vermutlich nicht.« Schröter zieht Augenbrauen und Schultern nach oben.
Irgendwann halte ich seinen Blick nicht mehr aus. Ich betrachte erneut das Foto von Cat und mir und bin froh, dass er nicht näherkommt. Ich will nicht, dass er mich so sieht. Dann nehme ich den Rahmen von der Wand. Scheiße. Fröhlicher. Viel, viel fröhlicher. Die Nina Schätzle von damals. Was ist passiert? Wo habe ich das gelassen, verdammter Mist?
Im Moment bin ich froh über den kleinen Dachschaden, den ich habe. Der macht, glaube ich, vieles leichter.
»Ruf Berti an. Er soll hier alles auseinandernehmen. Alles!«
»Ich dachte …«
»Ist mir egal, was du dachtest!«
Wann bin ich eigentlich in diese beschissene Abseitsfalle geraten? Wenn ich dieses Schwein erwische.
Tinder oder die Götterkomödie
Tinder-Date am vorigen Sonntag.
Ich denke mir, was soll’s, muss auch mal abschalten, und sage zu.
Und da sitze ich nun. 09:30 Uhr. Eigentlich eine unmögliche Zeit für so ein Treffen. War sein Vorschlag. Aber ich wollte eh mittags noch einmal die aktuellen Fälle durchgehen und dann einen kleinen Spaziergang über den Hochberg machen. Das hilft mir, mich zu ordnen.
09:40 Uhr kommt er endlich. Ich musste schon zweimal den Kellner vertrösten und bin bereits genervt. In der Realität sieht er weniger gut aus als auf den Fotos. So ist es ja immer.
Jetzt kommt der Kellner natürlich nicht mehr. Klar. Ich würde es genauso machen. Der Typ grinst über beide Ohren, und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Zunächst bin ich froh, dass er mich nicht erkennt. Ich war die letzten Jahre häufig in der Presse, das macht das Privatleben nicht leichter. Und haben die Jungs erst einmal mitgekriegt, dass ich ein Bulle bin, dann klemmt ihr Schwanz in der Regel schon so eng zwischen den Schenkeln, dass man nicht weiß, ob man sich noch mit einem Kerl unterhält oder mit einer Pussy.
Wir bestellen. »Einen großen Kaffee, bitte, schwarz.«
»Eine Halbe Bier.«
Wie bitte? Sein breites Grinsen verrät nicht: War das ein Scherz, oder meint er es so? Die lange Pause dagegen offenbart die Gedanken des Kellners, der darauf wartet, dass die Aussage revidiert wird. Wird sie aber nicht.
Der Kellner mustert den Typ, dann blickt er mitleidig zu mir, notiert die zwei Dinge, als ob er sich die nicht merken könnte, vor allem das zweite, blickt erneut zu mir auf und ich sehe genau, dass er sich hinter seinem professionellen Gesichtsausdruck totlacht. Der kriegt sich nicht mehr ein. Dreht sich um und geht. Schnell. Wahrscheinlich kämpft er darum, nicht lauthals loszulachen.
Ich blicke zu meinem Date und frage mich, warum ich meinen Kaffee nicht gleich storniert habe. Aber irgendwie kriegte ich es in diesem Moment nicht hin. Und jetzt? Jetzt sehe ich meinen ersten freien Sonntagvormittag seit sechs Wochen durch die Bierlatrine rinnen, schaffe es aber nicht, einfach aufzustehen und zu gehen.
Erneutes Aufblitzen seiner Zähne. Na gut. Dann nehme ich es als Übung für Sozialkompetenz. Vielleicht stellt sich im Gespräch heraus, er hat im Lotto gewonnen und möchte feiern oder ihm wurden gestern die Scheidungspapiere zugestellt, er hat seinen Führerschein zurückerhalten oder ist Vater geworden.
Nein. Nichts dergleichen. Er findet es schlicht normal. Und hat definitiv nur wenig Kerzen im Kronleuchter. »Du weißt, dass zu viel Kaffee ungesund ist.«, »Alter. Das Gequatsche über Emanzipation macht mich fertig. Haben echt andere Probleme.«, »Was ist mit deinem kleinen Finger passiert?« Und so fort.
Der Typ hatte im Chat in geraden Sätzen geschrieben. Jetzt aber redet er nur gequirlte Kacke. Und: Er verbessert mich ständig. Schüttelt bei jedem zweiten Satz von mir den Kopf, heftig, störrisch, wie meine Mutter als ich 15 war, mich für Umweltpolitik begeisterte und ihr so manchen jugendlich-verblendeten Vortrag gehalten habe.
»Ne, das ist nicht richtig«, erwidert er ständig. »Das ist nicht richtig«, eigentlich bei jedem Thema. Er geht bei allem in Opposition. Lenke ich nicht ein, fabuliert er immer heftiger, seine flache Hand tätschelt dabei die Tischplatte. Eine ziemliche Herausforderung für meine eh viel zu kurze Zündschnur. Aber gutes Antiaggressionstraining für meinen Dachschaden.
»Fußball? Fußball ist doch was für Deppen. Die haben nichts in der Birne. Nicht die Kicker und die Fans noch viel weniger. Das ist doch gar kein richtiger Sport.«
»Und was ist ein richtiger Sport?« … »Kickboxen? Aha. Okay.« Ich sehe ihn an. Sage lieber nichts. Irgendwann dann doch.
»Das ist nicht richtig. Mädel. Du hast doch keine Ahnung. Das hat etwas mit dem Chi zu tun. Mit geistiger Klarheit, innerer Reinheit in einer Kampfsituation. Sich in den andern hineinversetzen, weißte, was er als Nächstes vorhat und so. Verstehste? Und Umleitung von Energie, die auf mich zukommt.«
Chi? Ne, verstehe ich nicht. Und innere Reinheit noch viel weniger. Die dreschen doch nur aufeinander ein.
»Kampf- und Geisteskunst in einem ist das. Ich meditiere vor jedem Fight eine halbe Stunde.«
Mein Blick scheint ihn ebenso zu nerven wie das, was ich sage oder eben nicht. Er redet sich immer mehr in Rage und wird dabei zunehmend lauter und bissiger im Ton. Was will der von mir, frag ich mich die ganze Zeit. Soll ich jetzt ernsthaft in den Staub fallen, weil er wochenends nach Stuttgart oder Ulm fährt, sich dort in einer kleinen, schweißmiefenden Turnhalle aufs Linoleum setzt, ein paar Chi spricht und dann auf irgendeinen Typen eindrischt?
Ich zucke zusammen, als er wieder auf die Tischplatte schlägt. Die Leute sehen schon her, will ich sagen.
Und so geht’s weiter.
Sozialkompetenz, Nina. Gewaltfreie Kommunikation. »Ich nehme da eine gewisse Aggression wahr … Das macht mich irgendwie … Es wäre mir lieber, wenn wir das Thema …«
Kommt nicht an bei ihm.
Irgendwann nehme ich es als Menschenstudie, blicke von oben auf die skurrile Szene hinab, fasse nicht, was der armen Frau Oberkommissarin da gerade widerfährt. Das Leben ist ein einziger Witz; aus der Götterperspektive betrachtet. Warum gibt es eigentlich so wenige Abbildungen von schmutzig und schallend lachenden Göttern? Die machen sich doch einen Spaß daraus, ausgerechnet mich mit meiner speziellen Behinderung in eine solche Lage zu bringen.
Währenddessen schütte ich den Kaffee in mich hinein. Warum habe ich nur einen großen bestellt?! Wahrscheinlich, weil mein Schmutzengel es mir im Auftrag der Götter ins Ohr gesäuselt hat. Damit sie noch länger was zu lachen haben.
»Ein Kollege in der Nachtschicht«, brüllt er nun fast, »der ist bei den Ultras vom FCH. Uwe Boltz. Was für ein Typ. Selbst total unsportlich, aber jeden Sonntag aufm Platz. Und immer schlaue Sprüche, als sei er die rechte Hand des Trainers. Lässt sich aber von so Mädels im Block auf der Nase rumtanzen.«
Der sitzt. Aber ich habe mich im Griff. Ommm.
Wider alle Vernunft, auch trotz der Wut, die immer mehr in mir hochkocht, starte ich einen letzten Versuch, das Gespräch zu lenken. Führt nur dazu, die Aufmerksamkeit weiterer Leute zu erregen. Als die Tasse endlich leer ist, eröffne ich ihm höflich, ich hätte heute noch einiges zu erledigen und … Er glotzt mich an wie eine frisch geklopfte Frikadelle. »Nee. Wir sind doch verabredet, wir zwei.«
»Ja. Es war auch nett.« Ich sag’s ja: Götterkomödie.
»Nett? War? Aber wir verbringen den Sonntag miteinander.«
»Wie jetzt?«
»Na, wir sind verabredet, also verbringen wir den Sonntag zusammen. Ich hab heute nichts mehr vor.«
»Ich schon.«
Ungläubiges Glotzen.
»Du, wie gesagt: Ich muss noch arbeiten. Wir haben uns einen ersten Eindruck verschafft, und das lassen wir beide nun sacken und schreiben uns wieder.«
»Was bist du denn für eine?« Sein Blick wird richtig fies. Fehlt nur noch, dass er wieder auf den Tisch haut.
»Dein Ton gefällt mir nicht.« Jetzt tut er’s. Und ich zucke zusammen. Langsam stehe ich auf. Dass das halbe Café mittlerweile zusieht, ist mir egal. »Ich geh dann mal.«
Und nun fängt er an zu brüllen. »So eine bist du also!« Alle Gäste und das gesamte Personal starren erschrocken zu uns herüber, und ich spüre, wie ich rot werde. Hinten in der Ecke der grinsende Kellner, der sich kaum einkriegt vor Schadenfreude.
»So eine bist du! So gehst du mit Menschen um!« Mit jedem Wort wird er noch lauter.
»Das ist wohl nicht die richtige Form, um mich zum Bleiben oder zu einem zweiten Date zu bewegen.« Formechte gewaltfreie Kommunikation. Zwei Seminare hatte ich dazu.
»Ein Luder bist du! Ein dreckiges Luder«, krächzt er, und die Bierspucke rinnt ihm aus den Mundwinkeln und am Kinn hinab.
»Hör mal. Ich war echt höflich, aber wenn du nicht …«
»Drecksfotze. So springt man nicht mit Menschen um!«
Ich gehe in Habachtstellung, bevor der mich noch anfällt. Aber meine Körperhaltung provoziert ihn wahrscheinlich zusätzlich. Zugegeben: Das lernt man anders im Deeskalationsseminar. Er ist außer sich, und ich weiche vorsichtig zurück, ihn immer im Blick behaltend. Und kein Kellner eilt der Dame endlich zu Hilfe. Was ist das hier für eine verfluchte, abgekartete Komödie?
»Also, mein Lieber. Ich wünsche dir jedenfalls einen schönen Sonntag, eine traumhafte Woche und weiterhin ein bewegtes Leben.« Ich drehe mich in genügend Entfernung um und will gehen. Dann springt er doch auf mich los. Na ja. Eigentlich packt er mich nur unsanft von hinten an der Schulter. »Du kannst mich nicht einfach stehen lassen, ich …« Weiter kommt er nicht. Ihn zu überwältigen ist einfach. Obwohl er eineinhalb Köpfe größer ist als ich. Er erwartet keine Nahkampf-Ausbildung, unser Kickboxer. Und ich weiß wieder, warum ich meinen Beruf nicht preisgebe bei Tinder-Dates. Schon liegt er mit der Fresse auf dem Boden, einen Arm verdreht in die Höhe und meinen Schuh im Nacken. Und winselt wie ein Welpe.
Zugegeben: Definitiv keine gewaltfreie Kommunikation mehr.
Und endlich setzt sich auch der Grinsekellner in Bewegung, macht große Augen und fragt, ob er die Polizei rufen soll. »Ne, die ist schon da.« Den Satz wollte ich schon immer einmal sagen. Ich zeige ihm meinen Ausweis, beuge mich langsam zu dem Hündchen hinab und flüstere ihm ins Ohr: »Ich sehe von einer Anzeige ab. Aber ganz ehrlich: Du solltest an deiner Flirttechnik arbeiten.« Mit diesen Worten lasse ich ihn liegen.
Ich sag’s ja: eine einzige Götterkomödie.
Die Musik der Kurve: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
Schröter lacht noch immer über die Geschichte mit meinem Tinder-Date. Mit Abstand und genügend Alkohol ist sie ja auch durchaus witzig.
»Scheiße, war der Tag bitter.« Ich bin müde und angeschlagen.
Wir sitzen im König Wilhelm. Die einzige Kneipe, die nahezu alles hat, was meine Seele für ein bisschen Entspannung benötigt: abgewetztes Mobiliar, aufrechte Drinks ohne Hipster-Schnickschnack, Raucherlaubnis. Mein persönliches Feng-Shui; zerschundene Umgebung für eine wunde Seele. Und heute ist sie besonders wund.
Das erste Bier habe ich beinahe in einem Zug geleert. Ich habe mich wieder einigermaßen im Griff. Auch deshalb, weil ich gedanklich ein wenig weg war von unserem »Fall«. Ich will Cats Tod eigentlich nicht so nennen.
»Du warst also mal FCH-Fan.«
»Bin. Nur nicht mehr aktiv.«
»Aha.«
Schröter nippt an seinem Bier. Ja, er nippt. Sonst ist er in Ordnung. Aber saufen kann man nicht mit ihm. Und von Fußball hat er keinen blassen Schimmer.
»Warum verbringst du deine Sonntage dann nicht mehr im Stadion, sondern zu Hause auf der Couch und chattest mit fremden Männern?«
»Was ich mit fremden Typen tue, geht dich gar nichts an, Schröter. Du hattest deine Chance in der vierten Arbeitswoche. Und ins Stadion gehe ich nicht mehr, weil ich mit dem Thema durch bin.«
»Aha.«
»Weil ich es nicht mehr will.«
»Aha.«
Der geht mir auf die Nerven! »Herrgott. Ist ’ne längere Geschichte.«
Er nippt wieder. Meine Güte!
»Ich war in jungen Jahren bei den Societas.«
»Du warst mal jung?«
»Haha. Vorderste Front. Unser Banner hängt am Zaun auf der Ost direkt neben dem der Fanatico Boys.«
»Das ist vermutlich das männliche Pendant der Ultras.«
»Genau. Pendant. Du bist ein Kombinationsgenie, Alter. Wirst es noch weit bringen bei der Kripo.« Ich trinke mit einem kräftigen Zug mein Bier aus und bestelle zwei neue. Auch wenn Schröters noch nicht einmal halb leer ist. Die nächste Kippe.
Ja, gut. Ich habe Schröter in seiner vierten Arbeitswoche angegraben. Ich finde ihn durchaus attraktiv. Und im großen Ganzen ist er auch so weit okay. Und wer kann schon wirklich wissen, wie es bei den Leuten zu Hause gerade läuft.
»Und was tut man da so? Als Ultra?«
»Was Fans eben so tun. Sich treffen, gemeinsam zum Spiel gehen, anfeuern, zu Auswärtsspielen fahren, die Mannschaft unterstützen, eskalieren. Die spielten damals noch in der dritten Liga; aber schon richtig gut. Und wir haben sie angepeitscht und gebrüllt, bis das Rachenzäpfchen wund war.«
»Was ist das Fanprojekt, von dem die Mutter des Opfers sprach?«
»So etwas gibt es in mehreren Städten, fast überall, wo große Vereine sind. Fanprojekte funktionieren als Netzwerke unter den Anhängern, vermitteln zwischen Vereinen und Fangruppen. Das Ganze wird unabhängig von den Clubs unterstützt: vom DFB, vom Land und von sozialen Einrichtungen. Hier in Heidenheim sind zwei Sozialpädagogen beim Fanprojekt angestellt. Damals gab es solche Einrichtungen noch nicht. Vielleicht sollten wir uns mal mit denen unterhalten. Die fahren bei den Spielen mit, nehmen sogar an den Sicherheitsbesprechungen davor teil, weil sie nah an den Fans dran sind und einschätzen können, wie die Stimmungslage ist.«
»Okay.«
»Seit die Fans da eine Plattform und ein Forum finden, trifft sich die Szene dort vor dem Spiel, und dann geht es geschlossen hoch zum Albstadion. Nach dem Spiel ist dort meistens noch Halligalli.«
»Diesen Rummel kann ich ja nicht nachvollziehen.«
Ist mir klar.
»Die Emotionen. Warum diese Aufregung wegen eines Spiels?«
»Da geht’s nicht um ein Spiel, Schröter. Da geht’s um Identität. Die Bande, die Societas, das war wie eine Familie. Die ganze Fantribüne. Du hast doch Kinder. Wenn die in der Schule gut sind oder im Sport irgendwas reißen, macht dich das stolz. Weil sie zu dir gehören.«
»Natürlich bin ich dann stolz.«
»Mein Vater war aus der Wunder-von-Bern-Generation. Einer derjenigen, die das Glück hatten, zu jung zu sein für den Nazikrieg. Zu Hause mit Muttern, nichts zu futtern. Und danach Besatzung, wieder nix zu fressen. Und dazu die Scham des Verlierers, die wachsende Erkenntnis der Deutschen, dass sie nicht einfach Opfer dieses kleinen Ösis waren, der ein unschuldiges Volk verführte, sondern dass sie das wirklich alles mit durchgezogen, dabei Europa verwüstet und Millionen Menschen den Tod gebracht haben. Als Kind nimmst du es nur unbewusst wahr, aber du kriegst es mit, und du kannst es noch viel weniger einordnen oder von dir fernhalten. Die Schuld, die Offenlegung der Grausamkeiten, all diese Scheiße.« Interessiertes Nippen. Solche Gespräche mag der Schröter. »Aufgewachsen in dem Bewusstsein, die größte Schuld der Welt auf seinen Schultern zu tragen. Ein Wunder, dass man da überhaupt wächst. Und dann kam diese Fußball-Weltmeisterschaft. Bei der Deutschland ein absoluter Außenseiter war, ein Verlierer, der Dreck unter den Fingernägeln der Welt. Und gewinnt überraschend, wird Weltmeister. Das war eine Offenbarung für das Land, für die Menschen. Ob sie das nun verdient hatten oder nicht.«
»Schon klar. Die Deutschen waren wieder wer. Aber die Welt tickt heute anders.«
»Tatsächlich? – Ich weiß noch genau, wie meine Schwester und ich an seinem Totenbett saßen und er uns vorschwärmte, wie der Teil der Familie, der den Krieg überlebt hatte, damals gebannt vor dem Radio hing und die letzten Momente des Endspiels mitzitterte. ›Tooor! Tooor! Deutschland ist Weltmeister!‹ Genauso wie sie zehn Jahre zuvor bei den Propaganda-Sendungen der Nazis saßen und dann bei den Berichterstattungen über die Prozesse. Und mit einem Mal hat das Land das Gefühl, wieder irgendwas Positives getan zu haben. Etwas Gutes geleistet. Wenigstens ein weißer Fleck auf dem kriegbeschmierten Hemd. Wie er immer von den Helden von Bern schwärmte, von Fritz Walter, von Kaiserslautern. Die halbe Nationalmannschaft bestand damals aus Spielern vom Betze. Wie heute von Bayern München.«
Ich muss lachen. Ich glaube, es wäre schwierig für meinen Vater geworden, hätte er den Aufstieg der Heidenheimer in die zweite Liga noch erlebt und der FCH wäre gegen die Lauterer auf dem Betzenberg angetreten. Na ja. Nicht wirklich. Aber ein wenig schizophren. Er fand die Heidenheimer klasse, aber Kaiserslautern war für ihn der Olymp. Das Unantastbare.
»Woran ist er gestorben?«
»Leukämie. Ernährte sich sein Leben lang supergesund, rauchte nie, trieb Sport. Spielte damals mit Benzeler zusammen in der ersten Mannschaft des FCH-Vorgängers VFL Heidenheim, später war er Jugendtrainer. Und mit 50, als das nicht mehr so ging, begann er damit, Marathon zu laufen. Und dann rafft ihn der Blutkrebs innerhalb eines halben Jahres weg. Der Benzeler hat’s nicht glauben wollen, mein Vater auch nicht. Ich weiß noch, wie ich nach der zweiten Chemo mit Papa beim Arzt sitze und nicht anders kann, als zu fragen: ›Von wie lange sprechen wir? Reden Sie mal Tacheles.‹ Und der sagt: ›Fünf, sechs Monate.‹ Ich glaube, Papa wollte das gar nicht wissen. Und was antwortet er? ›Pffff. Ich schaffe mehr.‹«
Schröter sieht mich lange an. »Also gut. Ich habe es verstanden: Es geht ums Wir-Gefühl.«
Ganz genau. Die Musik der Kurve. Mir ist bewusst, für einen Außenstehenden, für jemanden, der nicht damit groß wurde, ist das nicht leicht nachvollziehbar. Und für so einen Piefke wie Schröter noch viel weniger. Man kann es nicht erklären, man muss es fühlen. Erleben. So wie ich nicht nachvollziehen kann, wie es sein muss, in einem Villenviertel irgendwo in Norddeutschland aufzuwachsen, als Sohn eines Arztes. Sicher hat Schröter deshalb auch noch nie angesetzt, um mir mehr über sich zu erzählen. Es ist völlig anders, etwas mit Worten zu beschreiben oder es wirklich zu erfahren. Musik. Das Gefühl, das sich einstellt, wenn du in der Fankurve stehst, seit 80 Minuten dein Team anfeuerst und die endlich den Treffer erzielen, die Osttribüne völlig austickt, sich Fremde in die Arme fallen – das kannst du niemand mit Worten vermitteln. Man kann es eigentlich gar nicht erklären. So, wie wenn man frisch verliebt ist, das lässt sich auch nicht treffend beschreiben. Es ist Musik in der Seele, ein Gleichklang der Herzen. Etwas, das dich mit deinem ganzen Sein ergreift, mit allem, was du bist, verschluckt und die Welt um dich herum völlig verändert.
»Die Societas«, erkläre ich Schröter weiter, »waren anfangs nicht sehr beliebt. Eine eigene Frauen-Ultra-Gruppe. Das war nicht leicht, sage ich dir. Die mochten uns nicht, haben uns geschnitten. Aber wir wollten es so. Wir waren begeistert von der Mannschaft, die Welt der Ultras jedoch bestand aus Kerlen. Der Vorsänger, der Vorstand der Fanclubs, die ganze Struktur auf der Ost, alles eine reine Männerclique. Viele der Frauen kamen anfangs lediglich mit, weil ihre Typen so begeistert waren und sie wenigstens dabei sein wollten. Erst nach und nach steckten sie sich selbst mit dem Virus an.«
»Die Männer hatten trotzdem das Sagen in der Kurve, nehme ich an.«
»Exakt. Und wir? Die Societas waren strange, für die Männer wie für die nur mitlaufenden Frauen. War ein echter Kampf.«
Schröter nickt und nippt.
»Irgendwann kam die Akzeptanz. Weiß nicht genau, warum: Ob mit der Zeit oder weil sich insgesamt etwas geändert hat. In der Gesellschaft, meine ich. Weil es plötzlich in Ordnung war, wenn Frauen in diese Männerdomäne einbrachen. So wie es weibliche Ministranten gab und so was. Wir gehörten plötzlich dazu, zur Fangemeinde und aktiven Szene.« Ich lache. »Nur eines wird wohl niemals passieren: eine Frau als Vorsängerin im Fanblock.«
»Hast du selbst denn einmal Fußball gespielt?«
Ich verstehe die Frage nicht.
»Auf den Platz gehen, gegen einen Ball treten.«
»Bist du bekloppt? Frauenfußball ist doch langweiliger Scheiß. Ich fuhr eine Weile im Rallye-Sport. Und mit Katrin war ich mal beim Boxtraining. Aber Frauenfußball? Ne. Geht gar nicht.«
»Und wie ist das dann? Wie bei Rockstars? Du weißt schon.« Schröter grinst. »Na, die Bandmitglieder schnappen sich angeblich immer irgendwelche Groupies.«
Ich pfeife durch die Zähne. »Das geht dich gar nix an. Aber ich weiß zufällig, dass die Schwestern bei der Aufstiegsfeier in die zweite Liga mit den Spielern und den Fanaticos in der Dusche standen und Schampus soffen. Wäre zu gern dabei gewesen.«
»Das Mordopfer war früher mit einem der Spieler zusammen?«, fragt Schröter.
Ich ziehe mein Handy heraus und öffne das Foto, das ich heute bei Katrin von dem Bilderrahmen geschossen habe. »Johannes Lederer. Der Mittelstürmer damals. Cooler Typ. Wir vier, Johannes, mein Ex Leo, Cat und ich, waren ein Herz und eine Seele. Leonhard hat heute eine gute Position im Verein.«
Ich halte es schwer aus, dass Schröter Katrin als »das Mordopfer« bezeichnet. War man einmal einem Menschen so nahe, dass man das Gefühl hat, ihn ganz und gar zu kennen, zu wissen, wie er denkt und fühlt, wie er riecht, wie soll man den Gedanken daran ertragen, dass diese Person einfach nicht mehr da ist? Ich habe es beim Tod meines Vaters schon so erlebt. Unmittelbar ist da, wo zuvor eine ganz besondere Verbindung war, nichts mehr, sie erlischt in diesem Moment für immer. Vermutlich werden wir das niemals begreifen können. Weil es mit dem Verstand überhaupt nicht zu erfassen ist. Das absolut Undenkbare.
Ich muss an meinen Exmann denken. Letztlich ist es mit einer Trennung auch nichts anderes. Eine unglaubliche Nähe erlischt plötzlich und wird ersetzt durch unüberbrückbare Distanz. Auch wenn die Erinnerung an die ehemalige Verbindung bei beiden erhalten bleibt. Die Spannung zwischen dieser Nähe und der Distanz spüre ich jedes Mal, wenn ich ihn treffe.
Johannes hat Cat in der Tat einen Antrag gemacht. Verdammt, Katrin. Warum hast du ihn nicht festgenagelt? Ich frage mich, wer wohl ihre Brautjungfer gewesen wäre, und nehme einen weiteren Schluck Bier. Schröter auch. Wenn man das so nennen kann.
»Also noch mal Fußballkunde für Dummies. Erstens: Das Runde muss ins Eckige. Foul ist, wenn der Schiri pfeift; zumindest bei einem Foul an einem unserer Spieler. Drittens: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Es gibt keine Spielpausen, Fußballferien oder so ein Zeug. Ist man echter Ultra, dann lebt man für den Fußball und für den Verein. Wie jede Liebe, Tag und Nacht, 24/7, die ganze Scheißarbeitswoche durch. Egal, ob es darum geht, mal bei einem Training zuzusehen, in der Kicker-App neue Nachrichten über die Verletzung eines Spielers nachzulesen oder sich mit der Bande in der Sportbar zu treffen, um die Choreografie für den Sonntag zu besprechen oder eine neue zu entwickeln.«
»Choreografie«, wiederholt Schröter ironisch.
»Schnauze, Schröter. Warst du überhaupt schon mal im Stadion?«
Schröter grinst. »Du wärst überrascht.«
»Wieso?«
»Na gut, ein einziges Mal nur, mit fünf. Mein Vater hat mich mitgenommen. WM-Endspiel 1990.«
Ich verschlucke mich an meinem neuen Bier. »Echt jetzt?« Die wievielte Flasche ist das eigentlich? »Scheiße. Du warst im Stadion in Rom?! 8. Juli 1990. 1:0 gegen Argentinien. Littbarski, Klinsmann, Brehme – und Diego Maradona! Das fass ich jetzt nicht.«
Schröter ist sichtlich stolz, und ich denke mir nur: Mein langweiliger Kollege war beim WM-Finale. Der ist offensichtlich völlig ahnungslos, was das bedeutet. Er stammt doch aus einer ganz anderen Welt. Schröter trägt Hemd und Krawatte, immer. Zugegeben, es steht ihm. Aber die Grundsätzlichkeit stört mich. Ich könnte ihn zu einem Grillabend einladen, und er käme mit Krawatte. Sollte ich gelegentlich austesten. Und seine spießige Grundhaltung, zu der so altbackene Regeln gehören wie »Don’t fuck in the Factory« oder »Appetit holen okay, gegessen wird zu Hause«, geht auch gar nicht. Das passt doch überhaupt nicht mehr in unsere gefräßige und oberflächliche McDonald’s- und Tinder-Kultur.
»Mein Vater ist wie ich kein Fußball-Interessierter. Aber WM, klar. Wenn das ganze Land mitfiebert …«
»… dann wird auch aus dem Chefarzt und Anzug-Golfer ein Fachmann.«
»So ungefähr. Wir verfolgten die Spiele der Deutschen zu Hause, und als es im Raum stand, dass wir ins Finale einziehen, konnte er das über seine Beziehungen organisieren.«
Ich weiß nicht, ob er ahnt, wie neidisch ich bin. In Italien, Endspiel gegen Argentinien. Ich würde meine letzten zehn One-Night-Stands dafür geben. Okay, nicht den einen vor zwei Jahren. Ich brauche noch ein Bier.
»Also. Choreografie.«
Genau das meine ich mit Spießigkeit. Nun möchte ich mal was Persönliches erfahren, und mein Piefke kehrt sofort wieder zurück zu den Fakten. Mann! »Die Performances in der Fankurve, bei den echten Fans, nicht beim Klatschpublikum, sind genau durchchoreografiert. Man erfindet immer neue, feilt daran. Und Katrin war darin superkreativ, entschied mit, wie wir uns präsentieren. Stimmte sich ab mit den Fanatico Boys.«
»Und du glaubst, das könnte uns weiterbringen?«
»Weiß nicht. In unsere Überlegungen zu einem Motiv sollten wir ihre Stellung bei den Societas und in der Kurve jedenfalls einbeziehen. Sie war zu 110 Prozent bei der Sache. Eine Fanatikerin. Ist oft angeeckt. Bei den Gegnern, natürlich in Aalen, Ulm, Sandhausen, manchmal bei den eigenen Leuten. Oder beim Vorstand. Weil sie sich nichts vorschreiben ließ. Gar nichts. Auch nicht von einer ein wenig älteren Societas-Schwester.«
»Du bist älter als sie?«
»Aufpassen, Schröter.«
Sex mit dem Ex
Keiner kommt hier lebend raus. So ist das mit der großen Stadionuhr. Das Spiel läuft bis zum Abpfiff. Für jeden von uns. Auch wenn du nicht weißt, wann es für dich zu Ende geht. Ob du vielleicht schon vor dem Schlusspfiff rausgenommen wirst oder vom Platz getragen. Deshalb gilt es, jede Sekunde zu nutzen. Eine vergebene Torchance ist für immer verloren. Wir sollten jeden Augenblick genießen, das Leben auskosten, wo es nur geht. Lieben, hassen, emotional sein, uns begeistern. Musik machen. Das ist so einfach gesagt. Aber die Uhr tickt und jeder weiß es.
Es ist noch früh am Morgen, zu früh. Ich sitze in einem Café mit meinem Exmann, Leonhard, dem Frühaufsteher. Wir waren fünf Jahre verheiratet. Acht zusammen. Gute Zeit. Meistens jedenfalls. Wann ist eine Zeit gut? Wenn sie schnell vergeht. Aber dann kriegt man es eben auch gar nicht so mit. Trotzdem.
»Wie läuft es mit der Neuen?«
»Gut. Julia ist großartig.«
»Gut? Das ist gut. Julia. Großartig.«
Er sieht mich an. Noch immer sind wir gut darin, wir zwei, gemeinsam Zeit vergehen zu lassen. Es fühlt sich nicht komisch an wie mit manch anderen.
»Hör damit auf, Nina.«
»Was?«
»Das bringt doch nichts.«
Vielleicht doch nicht so gut. Ich weiß, dass es nichts bringt. Und wenn schon! Wir haben längst getrennte Leben geführt, als wir noch zusammenlebten. Zum Schluss. Heute hängt sein Wohlbefinden von einer anderen ab. Von Julia. Na und? Meins hängt ausschließlich von mir ab.
»Was gibt es denn?«
»Nichts.«
Er lehnt sich zurück und zieht die Augenbrauen hoch. »Du wolltest mich sehen.«
»Ja.«
»Und?«
Konnte ihm noch nie etwas vormachen.
»Sonst bin ich es, der um ein Treffen bittet.«
»Wir haben einen Leichenfund auf dem Schlossberg.«
Jetzt guckt er blöd. Kann ihn noch immer steuern.
»Einen Leichenfund?«
»Es ist Cat.«
»Scheiße. Wirklich?!« Es macht ihn echt betroffen. Offensichtlich. Leo mochte Katrin sehr. Damals. Als er noch nicht alles scheiße fand, was mit mir zu tun hat.
»Mord?«
Ich nicke.
»Das tut mir so leid, Schätzchen.« Wie bei Benzelers zu Hause. Mord. So eine Nachricht über einen Menschen, den man gut kannte, besitzt ziemliche Durchschlagskraft. Da steckt Wucht dahinter. Und es entwickelt sich sofort eine Eigendynamik.
»Bist du mit der Untersuchung beauftragt?«
»Sonst würde ich dich kaum deswegen treffen.«
»Ist bestimmt schwer für dich.«
Muss er das jetzt noch extra herausstellen?
Ja. Wir vier – Katrin, ihr Freund Jo Lederer, Leo und ich –, zusammen mit einigen weiteren von den Ultras, wir waren fanatische Fans und Anhänger. Verschworen. Er zwar weniger, gemäßigter, schon allein deshalb, weil er kein Fußballer ist, sondern Leichtathlet. Aber auch, weil er ein anderer Typ Mensch ist. Er ist immer so, wie soll ich sagen, edel. So weise, so gemäßigt eben. Maßvoll, sagt man wohl. Immer hat er ein Gefühl dafür, wann etwas genug ist. Wann man nicht übertreiben sollte. Das Mittelmaß in Person eben. Wie in unserer Beziehung auch. Er wusste immer, wann ich es übertreibe, ich über das Ziel hinausschieße. Und musste es dann auch sagen. Auch im Streit. Das war so ätzend. Man kann überhaupt nicht provozieren, weil es gleich als unfair entlarvt wird. Und was hat ein Streit überhaupt für einen Sinn, wenn man es nicht übertreiben darf? Das macht einen Streit doch überhaupt erst aus. Wie wenn auf dem Spielfeld einer umgemäht wird und seine Kameraden auf den Foulspieler einstürmen. Es gibt eine Rangelei, der Schiedsrichter geht dazwischen, wird weggeschubst, verliert kurz die Kontrolle, verteilt wenig später gelbe Karten oder gar rote. Das ist doch das Salz in der Suppe. Das pralle Leben. Im Fanblock genauso. Wenn es wild zugeht, die Emotionen lodern. Ein wenig Eskalation und Kontrollverlust machen das Leben erst richtig spürbar.
Aber Leo, Leo wusste immer genau, wann es genug war. Auch als er sich von mir trennte. Als er mir sagte, dass er sich scheiden lässt. Wie ich es hasse. Vernünftig zu sein, immer alles im Griff zu haben. Auch sich selbst. Zum Kotzen.
»Und was willst du jetzt von mir?«
»Wir tappen noch im Dunkeln. Klar, wir arbeiten erst seit gestern daran. Die erste Frage ist natürlich, was könnte es für Motive geben.«
Er nickt. In seiner sachlichen Art. Und hat sich schon wieder im Griff. Ich komme niemals dorthin, wo er sich nach wenigen Minuten bereits befindet: auf dieser Insel von Gelassenheit, auch bei überraschenden Nachrichten oder gar schlechten, wenn’s einmal richtig mies läuft. Deshalb war er früher auch so leistungsfähig bei Wettkämpfen. »Oh, da ist jemand ziemlich gut. Der kann mir gefährlich werden. Da muss ich mir was einfallen lassen.« So macht er das. Mit einer unmenschlichen Coolness nimmt er alles, wie es kommt. Sieht sich die Situation in Ruhe an, analysiert sie, und dann findet er einen Kniff. Und dabei ist er kein Zahlen-, Daten- und Faktenmensch. Eher im Gegenteil, verdammt einfühlsam. Das habe ich geliebt an ihm. Und noch mehr gehasst. Er spürt immer genau, was Sache ist. Auch bei sich. Hat die Situation im Griff – und sich selbst. Leo hat sich verdammt noch mal immer unter Kontrolle.
»Und ich soll dir nun ein Motiv liefern? Oder mit dir überlegen, wer es getan haben könnte?«
»Nachdenken kann ich selbst, Leo. Du bist doch als Beiratsmitglied des Gesamtvereins darüber informiert, wie das Verhältnis zu den Ultras aktuell ist. Gibt es irgendwelche Querelen, schlechte Stimmung oder so?«
Sein Unterkiefer verschiebt sich. Manche Gesichtsausdrücke kommen einem selbst nach Jahren so bekannt vor. So vertraut. »Nicht, dass ich wüsste. Glaubst du nicht eher an Rivalitäten unter den Ultras? Es ging ziemlich zur Sache beim letzten Spiel.«
Eigentlich glaube ich bisher an gar nichts. Ich stochere im Trüben. Zu Beginn einer Ermittlung steckt immer ein gewisser Widerspruch in der Zeitwahrnehmung unserer Arbeit. Die ersten 48 Stunden nach einer Tat sind enorm wichtig, weil die Beweise frisch sind, der Täter seine Deckung noch nicht geordnet hat, womöglich besonders nervös ist. Auf der anderen Seite muss man selbst zuerst ein Gefühl entwickeln für einen Fall. Man kann nicht gedankenlos drauflosstürmen, sondern muss zuerst das Spielfeld abstecken, sondieren und sehen, wie der Gegner aufgestellt ist. Abtasten, langsam ins Spiel finden.
»Die Aalener Fans waren natürlich alle wütend am Sonntag nach dem Spiel«, sage ich zu Leo. »Stehen oben auf meiner Agenda. Aber ein privates Motiv ist ebenso denkbar.«
»Privat?«
Ich sehe ihm lange in seine hübschen grünen Augen. Bemerke irgendwann, dass es zu lange war. »Das mit Hannes war ja schon länger vorbei«, sage ich.
Er nickt. »Ja, sie hat ihm eine böse Abfuhr erteilt. Es gab ein paar, die ihn dafür aufgezogen haben im Verein. Eine Zeit lang hat er darauf ziemlich wütend reagiert. Aber irgendwann war das Thema durch. Auch für die anderen.«
Das Thema war durch. Ist es das je? Meine Berufserfahrung sagt mir etwas anderes. Wenn ich überlege, wie manche Morde zustande kommen, welche Motive in Menschen schlummern und erst nach Jahren urplötzlich herausbrechen wie eine Naturgewalt, die nur darauf wartete, dass es einen kleinen Riss in der Oberfläche gibt. Einen Anlass. Ich sehe meinen Exmann an. Nein, durch ist man mit dem Thema nie. »Weißt du, woran genau es gescheitert ist?«
»Ja, nein. Das mit ihren kleinen Affären und so, das war es nicht. Aber sie hat seinen Antrag abgelehnt. Und sie hat ihm klipp und klar gesagt, dass sie sich keine Kinder wünscht. Er wollte aber welche, und dann entschied er sich irgendwann dazu, einen Schlussstrich zu ziehen.«
Klipp und klar. Einen Schlussstrich ziehen. So ist das im Leben. Manchmal dreht man sich um und geht. Die Frage ist immer, was man dabei mitnimmt.
»Weißt du, ob sie einen neuen festen Freund hatte?«, erkundige ich mich.
»Was verstehst du unter festem Freund?«
Ich weiß. Cat war ein flatterhaftes Ding. Blöder Ausdruck. Könnte von meiner Großmutter stammen. »Wir haben uns schon lange nicht mehr richtig gesehen«, erklärt mir Leo. »Cat und ich. Trafen uns im Stadion ab und zu, umarmten uns, tauschten ein paar Sätze aus.«
»Verstehe.« Immerhin mehr als bei Cat und mir. So ist das. Manchmal zieht man nicht bewusst einen Schlussstrich, sondern verliert sich aus den Augen. »Und unter den Ultras, im Block? Gab es Machtkämpfe?«
Wieder ein Kiefermalmen. »Nicht, dass ich wüsste. Der Capo ist noch recht frisch, seit es Bruno nicht mehr macht. Aber da musst du vor allem die Sozialpädagogen des Fanprojekts fragen.«
»Hm. In Ordnung. Hältst du die Augen und Ohren offen?«
Leo sieht mich an, traurig, und nickt.
Wir sollten jetzt aufstehen. Gezahlt ist bereits. Aber irgendwie tut es keiner von uns beiden.
»Ich war vorgestern bei deinem Vater auf dem Friedhof.«
Ich nicke. »Lass uns in Kontakt bleiben. Und hör dich bitte mal um. Wenn du was mitkriegst, sag mir Bescheid.« Habe ich das nicht gerade schon gesagt?
»Klar.«
Er starrt auf meinen beschädigten kleinen Finger, sieht langsam zu mir auf. Mitleid liegt in seinem Blick. Diesen Gesichtsausdruck habe ich immer an ihm gehasst. Nach meinem Unfall hat er mich eigentlich nur noch so angesehen. Ich kann nicht aufstehen. Warum nicht, verdammt? Irgendwas hält mich zurück.
»Was ist noch?«, frage ich ihn.
»Nina«, er blickt mich todesgütig an, wie Paule, das FCH-Maskottchen. Dann kommt es: »Julia ist schwanger.«
Bääämmm. Das saß.
Blutgrätsche.
Verdammte Kacke. Das musste irgendwann ja kommen. Ich lasse mir nichts anmerken. Leichtathletische Gelassenheit. »Schön. Das freut mich für dich.«
»Nina, ich weiß, das ist merkwürdig, aber…«
»Was? Nein. War ja klar. Hab mir schon gedacht, dass ihr in drei Jahren vielleicht auch mal Beischlaf haben könntet.«
»Nina.«
»Alles gut. Oder ich weiß es nicht, ob es so gut ist wie unser Sex. Aber tun werdet ihr es natürlich. Und das kommt dann dabei raus, wenn man’s richtig macht, oder?«
Sex mit meinem Ex. Bilder in meinem Kopf. Wie das damals war, als wir zwei uns noch miteinander ausbrannten. Körpervollkontakt, so läuft das Spiel. Ohne Schutz und Schienbeinschoner. Wir haben eine nicht unerhebliche Zeit miteinander geteilt, Heim und Herd, Schweiß und Tränen, das Bett auch. Und Lebenslinien. Gemeinsam Vergangenheit und Erinnerungen angesammelt und dann gingen die Linien wieder auseinander. Aber bis zu dem Punkt haben wir viel Gemeinsames im Rucksack. Und gerade blicke ich in meinen hinein, und da liegt noch ziemlich viel Leo oben auf. Bei ihm vermutlich weniger. Weil dort nun so viel Neues drinsteckt. Mit Julia.
»Ja. Wir sind jetzt an einem Punkt in unserer Beziehung, wo …«
»Wann heiratet ihr?«, frage ich – nicht weil ich es wissen will, sondern weil ich nicht die Scheiße darüber hören will, wie toll sein Leben ohne mich ist.
»Haben wir noch nicht darüber geredet.«
Ich krampfe mir ein Lächeln heraus.
Die wird sicher weniger Schmerzen dabei empfinden, das Balg herauszupressen, als es mir wehtut, diesen dämlichen Gesichtsausdruck zu produzieren. So ein Mist!
Dann stehe ich auf, ein bisschen zu schnell. »Alles klar. Leo. Also. Wir sehen uns.« Unverbindlichkeit. Professionalität bitte, Nina.
»Wenn du etwas brauchst …«
»Bis dann, Leo. Wir bleiben in Kontakt«, sage ich, zeige tatsächlich mit dem Finger auf ihn und zwinkere ihm dabei zu wie einem Kollegen. »Wegen der Sache, meine ich.« Er will noch etwas sagen, aber ich bin schon weg.
Weit weg.
Scheiße, Scheiße, Scheiße. Endgültigkeit!
Ich hasse Endgültigkeit.
Es gibt Tage, da denkt man: Das Leben könnte so einfach sein, wenn man tot wäre. Aber das wäre ja auch wieder endgültig.
Theorien kloppen
»Wie war’s mit deinem Exmann?«
»Gut.«
»Gut?«, fragt Berti, grinst. Schröter auch.
Sag mal: Wollen die mich alle verarschen?
Mir ist übel von gestern Abend. Aber den Besprechungsraum fand ich schon immer ätzend. Weil er in der Regel bedeutet, dass der Fatzke auftaucht. Flöhnrieser. Doktor Flöhnrieser. Wie kann man nur so heißen? Ich weiß gar nicht, woher der Name ursprünglich stammt. Spielt auch keine Rolle. Fatzke ist Fatzke, das reicht.
Es klopft, förmlich. Mit dieser falschen Höflichkeit, wie es nur Staatsanwälten möglich ist. Und schon schneit er herein, der Fatzke. Jung und dynamisch, strahlend wie Jürgen Klopp.
»Komme ich zu spät?« Fatzke sieht auf die Uhr. Er weiß genau, dass er auf die Minute pünktlich ist! Lächelt sein Lächeln und mir wird noch übler, dann stellt er sein Aktentäschchen auf den Konferenztisch und reicht jedem voller Elan die Hand. Mir hängt noch der Morgenkaffee mit Leo nach. Ich kann das jetzt nicht. Aber der Doktor kennt keine Gnade. Er ist der Jüngste im Raum. Warum darf der das eigentlich?
»Und, meine Herren und Damen? Was haben wir? Triebmord, Vergewaltigung? Eifersucht? Oder hat’s etwas mit Fußball zu tun?«
Die Art, wie der Fatzke das Wort »Fußball« betont, ist derart herablassend, dass ich ihm am liebsten seine hässliche Krawatte in den Rachen stopfen möchte. Aber Fatzke nimmt das nicht wahr. Ist auch besser so.
»Herr Heinzel, was hat die KTU ergeben?«, fragt er Berti. Ich kann seinen Tonfall schlecht ertragen. Sein extraförmliches Anwaltsgesülze.
»Leider nichts Konkretes«, erklärt Berti. »Keine Mordwaffe. Ihr Handy ist schwer beschädigt. Die Technik arbeitet daran, die Daten zu rekonstruieren.«
»Was sagt die Gerichtsmedizin?«, erkundigt Doktor Föhnbeißer sich weiter und glotzt in die Runde. Das Einzige, was mich oft rettet in solchen Gesprächen, ist das Erfinden von Spitznamen für ihn.
Schröter antwortet ihm: »Todesursache: drei Stiche ins Herz. Ein Fan-Emblem wurde ihr vermutlich post mortem in den Mund gesteckt. Die Male am Körper entstanden wahrscheinlich als Nebeneffekt. Keine Vergewaltigung.«
Berti sieht mich an. »Keine Spermaspuren. Aber Fremd-DNA an der Kleidung. Männliche DNA.«
Das erfahre ich erst in diesem Moment.
»Für mich ist der Fall eindeutig: ein wütender Fan-Rivale aus Aalen«, lege ich mich fest. »Zumindest ist das die naheliegende Schlussfolgerung.«
»Nach Cats Provokation während des Spiels am wahrscheinlichsten«, stimmt mir mein SpuSi Berti zu. »Die waren extrem angefressen, weil sie verloren haben. Und Cat hat sie zusätzlich gedemütigt.«
»Und das Emblem in ihrem Mund passt für mich dazu: Die wollten ihr oft genug das Maul stopfen«, ergänze ich für das Staatsanwaltsjungchen, sehe dann zu Schröter, um zu überprüfen, ob mein Tatortphilosoph mir beipflichtet. Tut er nicht.
»Die Leiche wurde in eine quasi schlafende Position gebracht, nachträglich«, wendet er ein. »Und das Gesicht abgedeckt. Mit jemandem, den ich hasse, mache ich mir diese Mühe nicht. Den will ich erniedrigen und möchte, dass ihn, in diesem Fall sie, alle so sehen.« Ich schüttle sofort den Kopf, aber er redet weiter: »Ich glaube an Eifersucht. Jemand mochte sie, wurde enttäuscht und ist wütend geworden. Und danach wurde ihm bewusst, dass er das eigentlich nicht wollte, und hat sie symbolisch zur Ruhe gebettet, sozusagen.«
»Dazu passt das Emblem im Mund nicht«, widerspricht ihm Berti, und ich sehe es genauso.
Schröter zieht die Schultern hoch. »Oder es war jemand aus den eigenen Reihen, der sich Hoffnungen machte und enttäuscht wurde. Sie war eine attraktive Frau.«
Berti und ich schütteln nun beide den Kopf. »Von den eigenen Fans?«, frage ich. »Weißt du, was für eine eingeschworene Clique die sind? Mach dich nicht lächerlich.«
»Klar«, antwortet Schröter. »Die Rivalen sind der erste Gedanke. Und das Emblem im Mund deutet darauf hin. Aber das ist mir ein viel zu respektvoller Umgang mit jemandem, der sie so runtergeputzt hat.«
Das versteht er nicht. »Nein, Schröter. Die Ultras sehen das anders. Für die stellen die Provokationen im Stadion keine persönliche Angelegenheit dar. Das ist ein Wettstreit darum, wer das Duell der Kurven gewinnt. Provokationen gehören dazu. Und wenn es eine gute ist, dann respektiert man das.«
Schröter sieht mich skeptisch an. »Eine gute Provokation?«
»Ja, Schröter. Eine kreative.« Mein Partner scheint nicht überzeugt. Ich lege nach: »Für mich ist das ein völlig homogener Gedanke: Du bist wütend, es kommt zum Streit, die Emotionen kochen hoch, und dann geschieht es. Aber aus Respekt vor dem, was Cat als Heldin der Osttribüne und als Ultra geleistet, wie engagiert sie ihren Verein supportet hat, legst du sie hin wie schlafend. So hast du es doch ausgedrückt.«
Ich blicke zu Berti, und der sieht es offensichtlich genauso.
»Versteh ich nicht«, meint Schröter. »Für mich wäre das nur so denkbar: Katrin Benzeler behandelt die gegnerischen Fans respektlos und erhält dafür die Quittung. Dann wirfst du den Leichnam aber in den Dreck und bist mit ihr fertig.«
Wir starren uns alle an. Ach ja. Ich liebe meinen Job.
Aber mein Philosoph ist nicht durch damit. Ich sehe schon, gleich kommt noch was. Na. Wann? Jetzt.
»Wage es, hinter das Offensichtliche zu blicken«, meint er. Da haben wir’s ja. »Vielleicht ist das Emblem im Mund auch nur eine Finte. Inszeniert für uns, um von dem persönlichen Motiv abzulenken. Jemand mochte sie dafür, was sie war, aber hasste es dagegen, wie sie war. Dann wäre es jedoch ebenfalls ein Beziehungsdelikt.«
Gut. Auch nicht unplausibel.
»Okay. Das sind alles schöne Theorien«, meint der Fatzke nun. »Aber halten wir uns an die Fakten. Wie wollen Sie vorgehen?«
»Zunächst das nähere Umfeld abstecken. Rausfinden, ob sie aktuell mit jemandem zusammen war. Damit haben wir bereits begonnen.« Ich sehe zu Schröter. »Eine Beziehungstat ausschließen. Parallel dazu die Fans aus Aalen ins Visier nehmen.«
»Das Emblem, post mortem in den Mund gesteckt. Haben wir einen Psychopathen?«, fragt sich Flöhnrieser laut. »Müssen wir die vom Sexualdelikt dazuholen?«
Bevor ich aufspringen und abwehren kann, klingelt Schröters Handy. »Die Gerichtsmedizin.« Er geht ran. »Aha. Okay. Wirklich!?«
Schröters Augen werden größer. Was ist?
»Verdammt.«
Was?
»Übersehen?«
Was denn? Was ist los?
»Danke.« Schröter blickt betroffen in die Runde. »Katrin Benzeler war schwanger.«
Menopause
»Das werde ich den Benzelers nie und nimmer sagen!«, blaffe ich und lasse den Motor aufheulen. Im Leben nicht! Kann machen, wer will. Ich nicht!
»Verändert die Sachlage nochmals«, bemerkt Schröter auf dem Beifahrersitz.
Als ob ich das nicht selbst wüsste. Schwanger verändert einfach alles!
Der Kopf dreht sich. Too much information. Meine Welt wankt. Nicht, dass ich das nicht kenne. Sie geriet die letzten Jahre bei der Kripo des Öfteren aus dem Gleichgewicht, aber nicht so grundsätzlich. Diesmal schwankt mehr, viel mehr. Mein komplettes, eh schon fragiles Seelengefängnis wird in Gänze durchgeschüttelt.
»Zumindest macht es meine Theorie wahrscheinlicher«, meint mein Partner.
»Ja, ja. Eine Beziehungstat. Geschenkt.« Bin trotzdem nicht davon überzeugt.
Wir sind auf dem Weg in die Ulmer Hauptzentrale, um dort zwei SKB-Beamte zu treffen. »Szenekundige Zivil-Beamte«, die verdeckt im Fußballbereich agieren. Der Fatzke bestand darauf, dass wir mit ihnen sprechen. Ob das Erkenntnisse bringt, kann ich nicht einschätzen. Als ich noch bei den Schwestern war, gab es die ebenso wenig wie das Fanprojekt oder die Sozialpädagogen. Aber ich muss dem Fatzke beipflichten: Die Beamten könnten zumindest eine Ahnung davon haben, was abläuft. Vermutlich schmeckt es mir nur nicht, weil es von ihm kommt und eine dienstliche Anordnung war.
»Schnittig.«
»Was?«
»Du hast einen schnittigen Fahrstil heute.«
»Passt dir was nicht?«
»Ich sag’s nur.«
»So fahr ich immer.«
»Nina. Manchmal bist du echt anstrengend.«
Absurd. Es macht mich wütend, dass ich immer so wütend werde. Bin. Eigentlich bin ich es, permanent. Zumindest fühlt es sich so an. Und das macht mich dann oft zusätzlich wütend, wenn ich mir das klarmache.
»Sie war also schwanger.«
»Warum hör ich nur überall schwanger?«, frage ich und verschalte mich. »Weil ich so zielstrebig auf die Menopause zudrifte?« Ich haue den Gang mit Gewalt rein. Schröter verzieht das Gesicht und lacht. »Manchmal denke ich: Ich stecke schon mittendrin.«
»Ich auch.«
»Schröter. Du bist ein Kerl und 35.«
»Ich meine: Ich denke manchmal auch, dass du schon mittendrin steckst.«
»Alter! Vorsichtig!«
Diese Scheiße hat also nicht nur ein Leben gekostet, sondern zwei. Cat trug einen kleinen Menschen in sich. Ob der Mörder das wusste? Wie hat er sie dann angesehen, danach? Mir wird übel.
»Hat die Analyse ihres Notebooks eigentlich etwas ergeben?«
Schröter schüttelt den Kopf. Bisher keine Auffälligkeiten, erklärt er mir. »Ihrem Unternehmen ging es nicht besonders gut.«
»Was heißt: nicht besonders gut?«, blaffe ich ihn an.
»Schulden. 60.000.«
»Pffff.«
»Da ging ein relativ hoher Betrag vom Konto ab. Bar abgehoben. Immer am 15. des Monats. Nicht ersichtlich, was sie damit machte.«
»Und?«
»Es gab vor einigen Jahren Ermittlungen wegen Schutzgeldforderungen von Rockerbanden.«
Ich blicke ungläubig zu ihm. »Bei Copy-Shops?«
»Egal was für Läden. Sieh auf die Straße, Nina!«
Ich halte das wirklich für äußert unwahrscheinlich. Außerdem kann ich gerade eh keinen klaren Gedanken fassen. Zu präsent und hässlich ist das alles.
Wütend haue ich den Gang ins Getriebe. Der Motor heult auf. Schröter auch, aber nur innerlich. Mehr getraut er sich nicht. Zumutung. Das Ganze ist eine einzige Zumutung. Katrin, das Stadion, ihre Eltern. Alles!
Und was geschieht? Ich schlage um mich. Wie ich es eigentlich immer tue. Auch ich bin eine Zumutung. Behindert. Ich bin einfach behindert. Seit damals.
»Nachher fahre ich«, meint Schröter.
»Vergiss es.«
Böser Tonfall. Nina! Der Psycho-Onkel sagt, ich sei verletzt. Meine Seele sei »verletzt«. Und deshalb sei ich oft so verletzend. Das tröstet natürlich keinen einzigen meiner Mitmenschen.
»Warum hast du eigentlich keine Kinder?«
»Schnauze, Schröter.«
Manche haben es aber auch nicht anders verdient.
Szenekundig
Der Kaffee ist kalt. Geschmeckt hat er von Anfang an nicht.
»Wie lange wollen die uns hier noch schmoren lassen?« Wir sitzen bestimmt seit 30 Minuten in dem Besprechungsraum der Ulmer Hauptzentrale. Er ist noch schlimmer als der unsere. Kalt und kahl. Tisch, Stühle, das war’s. Eigentlich ist das gesamte Gebäude so. Kein Wunder, dass ich mich hier immer frage, ob ich im richtigen Job gelandet bin.
»Kennen die Fans eigentlich die SKBs?«
Ich grinse Schröter an. »Den Stallgeruch kriegst du nicht weg.« Die szenekundigen Beamten agieren zwar in Zivil, man braucht aber nur darauf zu achten, wer im Block bei einem Tor der Heimmannschaft nicht aufspringt.
Endlich geht die Tür auf, und die zwei Beamten kommen rein. Der erste in Uniform. Ich dachte, ihr seid in Zivil unterwegs? Der zweite nicht.
»Morgen, Kollegen. Thomas Scharf, SKB.« Der Uniformierte schüttelt Kaugummi kauend meine Hand, kräftig, dann die von Schröter.
»Guten Morgen. Frank Neupert«, stellt sich der andere vor. Sein Händedruck ist weicher. Sein Tonfall auch.
»Ich sehe, Sie haben sich bedient«, meint Scharf und grinst kauend.
Ja, danke, wir sind bedient.
»Katrin Benzeler war selbstverständlich auf unserem Radar. Kategorie B.« Scharf schüttet die schwarze Plörre in sich hinein als sei es Bier und kaut munter dabei weiter.
»Warum B?«, frage ich. »Sie war doch keine Randaliererin?« Unsere Fußball-Beobachter teilen die Fans intern in die Kategorien A, B und C ein. A ist der »Normalo« oder der brave Kuttenfan, der einfach nur für seine Mannschaft schwärmt, aber friedlich ist. Kategorie B der Fan, der sich in bestimmten Situationen gewaltbereit zeigt, und C ein Hooligan: Ihm geht es nicht um den Sport, sondern ums Prügeln. »Gewaltsuchend«. Nach der offiziellen Einteilung umspannen die Ultras alle drei Kategorien. Ansichtssache.
»Benzeler neigte zu Provokationen«, meint Scharf. »Gegen die gegnerischen Fans wie gegen die Einsatzkräfte. Die Kleine war kaum zu bändigen.«
Ein Gefühl durchfährt mich, das ich nicht einordnen kann. Ich muss innerlich schmunzeln.
»Sie hat sich oft genug auch mit der BFE angelegt.«
»Mit den Schwarzen Gespenstern?«
»Ja.«
Schwarze Gespenster sind Leute der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten, kurz BFE, also spezialisierte Kräfte der Landespolizei, die die örtliche Polizei beim Vorgehen gegen gewalttätige Störer unterstützen. Die Dienstvorschrift spricht von »beweissichernden Festnahmen an Brennpunkten unfriedlichen Geschehens«, Großveranstaltungen also, bei denen Auseinandersetzungen zu erwarten sind; Unruhen, Demonstrationen oder Fußballspiele.
»Sich mit der BFE anzulegen ist keine gute Idee«, meint Schröter.
Gespenster nennen wir sie vor allem deshalb, weil die in ihrer ganz eigenen Dimension leben. Zumindest hat man manchmal das Gefühl, dass sie in ihren Kasernen wenig von der realen Welt hier draußen mitkriegen. Und werden sie dann einmal zum Einsatz rausgelassen, dann tragen sie meist noch eine schwarze Sturmhaube unterm Helm. Gesichtslose Geister.
»Da bist du schnell weg vom Fenster«, stimme ich ihm zu.
Mir jedenfalls ist keiner bekannt, der privaten Kontakt zu einem Gespenst hat. Keine Ahnung, wie die eigentlich ticken. Ich weiß nur: Die Gespenster sind besonders ausgebildet, gut ausgestattet und gelten in Polizeikreisen als extrem leistungsfähig. Was auch immer das heißt. Bei Kundgebungen besteht ihre Strategie neben der massiven Präsenz in voller Montur zumeist darin, gezielt einzelne Straftäter und Aufwiegler aus Versammlungen heraus festzunehmen.
»Schwanger?«, wiederholt Neupert ein wenig später mit großen Augen. »Das ist hart.«
Scharf pfeift nur durch die Zähne.
»Und in welche Richtungen gehen Ihre Überlegungen bislang?« fragt sein Kollege weiter.
Schröter und ich sehen uns an.
»Der Zustand der Leiche lässt viele Motive zu«, erklärt ihm mein junges Nordlicht. »Mord aus Leidenschaft, sei es wegen des Spiels, einer Provokation oder was auch immer. Auch eine Sexualstraftat haben wir noch nicht völlig ausgeschlossen. Wir warten auf den abschließenden Bericht der Gerichtsmedizin.«
»Ein heißer Käfer war sie ja«, meint Scharf. Da haben wir sie wieder, die professionelle Pietätlosigkeit. Und damit kann ich aktuell gar nicht umgehen. Wäre es irgendein Opfer, könnte ich mich davon distanzieren. Es ist aber Katrin … und ich bin dünnhäutig wie sonst was.
»Und von uns möchten Sie nun Näheres über die Szene erfahren?«, fängt mich Neupert zum Glück aber ein. Er scheint cleverer zu sein als sein Vorgesetzter.
»Ganz genau«, übernimmt Schröter, und es ist mir mehr als recht. »Wie schätzen Sie Benzelers Position ein?«
Neupert erzählt: Cat sei angesehen gewesen in der Kurve, beliebt und geschätzt von nahezu allen im eigenen Stall, gehasst oder gar gefürchtet von anderen Lagern. Stand auch unter spezieller Beobachtung der SKBs. »Gerade weil sie so schwer einzuschätzen war, sich immer Neues einfallen ließ.«
»Und weil der blonde Giftzwerg immer Ärger machte«, meint sein kauender Kollege Scharf. »Sie hat mehrmals versucht, Kollegen der BFE anzuschwärzen. Ich glaube, es laufen noch zwei ihrer Anzeigen, eine wegen Nötigung und eine sogar wegen sexuellen Übergriffs.«
»Mit Uwe Boltz allerdings, dem Capo der Fanatico Boys, hatte sie ihre Schwierigkeiten«, fällt Neupert Scharf ins Wort.
»Wohl eher er mit ihr. Die Bohnenstange. Die hat dem Jungen ordentlich eingeheizt.«
Ich spüre ein Kribbeln in den Beinen. »Was meinen Sie damit?«
»Sie hat ihn öfter kritisiert.«
»Ich meine die Bohnenstange.«
Scharf lacht. »Ach so. Bolz ist eben lang und ziemlich dürr.«
»Wie war das Verhältnis zu den Aalener Fans in letzter Zeit?«, frage ich.
Neupert rümpft die Nase. »Die haben eine lange Geschichte miteinander. Freunde werden die sicher nie.« Davon bin ich überzeugt. »Haben sich getriezt, wo immer es ging.«
»Gab es in jüngerer Vergangenheit spezielle Vorfälle im Block?«, erkundigt sich Schröter.
»Außer dem Busenblitzer am Sonntag?«, lacht Scharf. »Konnte es nur aus der Entfernung sehen. Aber ich kann sagen: Einen BH brauchte die wirklich nicht.«
»Es gab genügend Vorfälle, aber nichts Herausstechendes«, meint Neupert. »Im Prinzip war Benzeler harmlos.«
Scharf schüttelt entschieden den Kopf. »Also, Kollegen, jetzt mal Klartext: Neupert gehört leider ein wenig zur Weichspüler-Fraktion und nimmt gewisse Tendenzen auf die leichte Schulter. Katrin Benzeler war definitiv ein subversives Element, das Gesetz und Ordnung für einen Witz hielt.« Neupert will etwas äußern, kommt aber nicht dazu. »Diese sogenannten Fans sehen das Stadion als ihre Spielwiese an, auf der sie sich austoben und am Wochenende Dampf ablassen können. Und am liebsten treiben sie schon auf dem Weg dorthin ihre Spielchen mit der Polizei.«
Ich sehe zu Neupert; er kommentiert die Aussage nicht. »Als Szenekundiger kennen Sie aber auch die Methoden der Gespenster«, sage ich, »und wissen, dass die diese Spielchen oft genug provozieren.«
»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, antwortet Scharf schmatzend. Neuperts Gesichtszüge scheinen harscher zu werden.
Dann muss ich deutlicher werden. »Eskortieren der Fans in der Bahn, Empfänge von Fangruppen am Bahnhof in voller Ausrüstung, alles am besten noch mit Videoüberwachung. Leibesvisitationen friedfertiger Leute, willkürliches Herausziehen einzelner Personen, kollektives Einkesseln.«
»Mir kommen die Tränen. Sie werden den Einsatzleitern hoffentlich nicht verbieten, dass sie aus Fürsorge für ihre Mitarbeiter das Aufsetzen von Helmen anordnen. Dass die Ultras das in ihrer bierschwangeren Stimmung nicht nachvollziehen können, ist ja nicht deren Schuld. Jedenfalls haben sich Katrin Benzeler und der Boltz bei solchen Gelegenheiten oft genug mokiert und die Menge aufgewiegelt. Ist doch klar, dass man die als Erstes rauszieht.«
»Klingt aber nicht so, als ob man auf Dialog setzt«, meint Schröter.
Scharf kommt in Fahrt. »Kommunikation ist immer unser erstes Mittel. Aber mit denen ist doch nicht zu reden.« Er wendet sich an mich. »Und was die Einzelkontrollen angeht: Wenn Sie mir sagen, wie wir sonst das Hineinschmuggeln von Pyrotechnik oder Wurfgeschossen verhindern sollen, dann nur zu.«
Neupert wird unruhig auf seinem Platz. Mir geht es nicht anders. »Wollen wir uns nicht lieber auf das Opfer konzentrieren?«, wendet er ein, und Schröter und ich nicken.
»Das ist so eine Sache mit Opfern, die oft genug Täter waren«, muss Scharf noch nachsetzen.
»Jedenfalls gab es zwischen dem relativ neuen Capo und der Toten Querelen«, ignoriert Neupert seinen Vorgesetzten. »Das werden ihnen die Jungs des Fanprojekts sicher bestätigen. Es geht ja darum, wer das Sagen hat, die Macht im Fanblock. Und wenn ich das richtig deute, glänzte Benzeler nicht nur mit den besseren Ideen für Choreos, sondern war Boltz auch in den meisten anderen Dingen überlegen, zum Beispiel intellektuell.«
Ich blicke zu Scharf, kein Kommentar.
»Andererseits hat Uwe Boltz das bewusst genutzt: Benzeler schaffte es nicht nur immer wieder, uns auszutricksen, sondern war die kreative Ideenlieferantin, wenn es darum ging, den gegnerischen Fans eins auszuwischen. Die haben sich, wie wir, ab und an auf die Gruppe um den Capo konzentriert, und Cat konnte unterhalb des Radars agieren.«
Scharf schüttelt den Kopf. »Manchmal habe ich den Eindruck, du findest das witzig.« Er spuckt sich begleitet von einem ekelhaften Geräusch den Kaugummi in die Hand und wirft ihn in seine Kaffeetasse. »Wir konnten es ihr nicht nachweisen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es war, die sich letzte Saison in Sandhausen mit zwei weiteren Frauen von den Societas mitten in den gegnerischen Fanblock schlich, um dort rot-blaue Rauchtöpfe zu zünden. Fragen Sie mich nicht, wie.«
»Das hat denen sicher nicht besonders gefallen«, schmunzle ich. Scharf drückt sich ein neues Kaustück aus der Packung. Nikotinkaugummi.
Neupert erzählt uns noch weitere Beispiele, die zeigen, dass Cat in den letzten Jahren aufgerüstet hatte, nicht nur die SKBs und die Polizei mit kreativen Mitteln erfolgreich foppte, sondern auch die gegnerischen Fans. Dass sie sich damit einen Namen erwarb unter den heimischen Ultras wie in der Szene, ist verständlich, ebenso dass der Capo sich diese Ressource sicherte und ihre Beliebtheit für sich nutzte. Während Neuperts Schilderungen bleibt Scharf still, wenn auch nicht ruhig. Ich sehe genau, dass er innerlich kocht bei der ein oder anderen Geschichte. Überhaupt scheint er recht wenig Spaß zu verstehen.
Als wir uns für die Informationen und den delikaten Kaffee bedanken und den beiden Männern die Hände schütteln, zieht Scharf mich nochmals zu sich heran. »Wissen Sie, Frau Schätzle, ich bin auch Fußballfan. SSV Ulm.« Die mochten wir nie besonders. »Deshalb finde ich es so nervig, dass diese jungen Chaoten den Fußball kaputt machen. Ich würde am Wochenende viel lieber im Stadion sitzen und meine Mannschaft anfeuern. Stattdessen rauben uns die Ultras unsere wertvolle Freizeit.«
»Wenigstens sind Sie mit Ihrem Job trotzdem in einem Stadion.«
Er lächelt, meint es aber nicht so. »Man ist nicht Teil des Ereignisses.«
Kann ich mir vorstellen.
»Wissen Sie, was mir am meisten auf die Nerven geht an diesen sogenannten Fans? Dass die einfach keinen Anstand besitzen. Die wissen nicht, was sich gehört. Sie kommen mit Bus und Bahn schon betrunken in der Stadt an, halten auf dem Weg ins Stadion den ganzen Verkehr auf und binden dabei Einsatzkräfte, die eigentlich woanders gebraucht werden, pissen überall hin und stören normale Leute bei dem Genuss eines Fußballspiels.«
Ich frage ihn nicht, was genau er unter »normalen Leuten« versteht.
»Diese verzogenen Kids haben einfach keine Kinderstube. Weiß nicht, was die Eltern gemacht haben. Vermutlich gar nichts. Die sehen das Spielwochenende als Legitimation an, gegen alle gesellschaftlichen Regeln zu verstoßen, und sind dann erstaunt, dass nicht jeder Stadionbesucher ihre Ansicht teilt. Und wir Ordnungshüter eben auch nicht.«
Ich blicke zu Neupert, aber Scharf ist noch immer nicht fertig. »Katrin Benzeler zählte definitiv zu denen. Sie mochte es immer bunt und schrill. Ich hatte selbst einmal eine Auseinandersetzung mit ihr, vor einem halben Jahr vielleicht. Als sie ein Kollege der BFE angeblich zu hart anfasste. Dabei ist doch klar: Jeder Polizeibeamte ist gesetzlich dazu verpflichtet, Gefahren von Personen abzuwehren. Einen Spielraum gibt es da nicht.« Er sieht mich durchdringend an.
»Inwiefern zu hart angefasst, Herr Scharf?«
Ein kurzes Lachen schüttelt ihn. »Die haben uns bei ihrer Anreise nach Ulm an der Nase herumgeführt, sich anders als sonst auf mehrere Züge verteilt. Wir aber durchschauten es rechtzeitig, und eine Einheit der BFE konnte sie am letzten Bahnhof vor Ulm abfangen, ein paar bekannte Gesichter herausziehen. Und das Kätzchen haben sie im Einsatzwagen festgesetzt und schmoren lassen. Da hatte das Spiel schon längst begonnen. Als ich dazukam, saß sie nur in Höschen und T-Shirt bekleidet im Bus, sagte, sie müsse dringend mal pinkeln und die Kolleginnen hätten es ihr nur unter der Bedingung erlaubt, dass die sie rechts und links dabei sichern. Angeblich hätte sie so nicht gekonnt.« Er zieht die Achseln hoch, grinst frech.
»Ich hoffe, Sie haben das Ihren Vorgesetzten gemeldet«, antworte ich, und er lässt endlich meine feuchte Hand los.
Ockhams Rasiermesser oder der Kampf ums Faktische
»Hat sich bei ziemlich vielen unbeliebt gemacht, deine Freundin.«
Schröter und ich stehen mit verschränkten Armen an unsere Schreibtische gelehnt, glotzen zum Fenster hinaus, hinab auf die Schnaitheimer Straße. »L & L«. Lungern und Lauern. Die zwei großen Ls der Polizeiarbeit sind kriminalpolizeiliche Grundhaltungen. Wir lungern vor Haustüren, im Büro oder vor Gericht, lauern im Besprechungsraum, vor Akten, Fotos, Computern. Wir lungern und lauern vor dem Fall als Ganzem, belungern und belauern ihn und die Verdächtigen so lange, bis einer nachgibt.
»Scharf und Neupert sind bei jedem Spiel dabei, oder?«
Ich bin gedanklich woanders. Bei Cat, bei den Schwarzen Gespenstern und dabei, wie die mit uns umsprangen damals. Kann mir denken, dass das heute noch krasser ist. Schließlich wird nahezu alles immer krasser.
Ich muss an einen Tag denken, als Cat und ich zusammen mit unseren damaligen Kerlen im Fanbus nach Stuttgart saßen. Schon vor der Stadt wurden wir von einem Motorradpolizisten abgefangen und auf einen Parkplatz gelotst. Dort lauerten 40, 50 Polizisten der BFE auf uns. Als der Busfahrer die Türen öffnete, stürmte etwa ein Dutzend Polizisten mit Schlagstöcken herein, befahl den Stehenden, sich auf ihre Plätze zu setzen und sicherte den Gang. »Willkommen in Stuttgart«, brüllte einer. »Hände auf den Vordersitz! Wir führen eine Personenkontrolle durch und untersuchen diesen Bus auf Waffen und Pyrotechnik.« Jeder von uns wurde einzeln aus dem Bus geführt, musste seinen Namen in eine Kamera sprechen und den Personalausweis abgeben. Taschen ausleeren, Jacke ausziehen, Schuhe und Socken, sich an eine Mauer stellen, dann Leibesvisitation, bei um die null Grad. Bei Frauen wurde auch der BH kontrolliert. Danach ging es in einen Container, der vielleicht zehn mal zehn Meter groß war und sich nach und nach füllte mit bereits durchsuchten Fußballfans. Immer mehr baten darum, austreten zu dürfen, erhielten aber keine Erlaubnis. Die Kerle nutzten eine Ecke dafür. Und wir weiblichen Fans bettelten darum, auf die Bustoilette gehen zu dürfen. Durften wir nicht. Als die Gespenster uns endlich wieder aus dem Container herausließen, lagen in einer Plastikschale neben dem Eingang zum Bus zwei Chinaböller und ein wenig Rauchpulver. Und ich hatte mir in die Hosen gepisst.
»Da habt ihr einen richtig dicken Fang gemacht«, meinte Cat zu dem Beamten, der vorhin die lautstarke Rede gehalten hatte.
Als wir alle wieder auf unseren Plätzen saßen und der Bus losfuhr, zog Cat auf dem Sitz vor mir die Plastikstangen unseres neuen Societas-Banners an sich, schraubte an der unteren Seite den Pfropf der hohlen Stange ab und ließ schmunzelnd ein paar Pyros in ihre Hand gleiten. »Wie gut, dass unsere Ordnungshüter so wenig Fantasie besitzen.«
Johannes umarmte sie lachend. »Dir mache ich mal drei wunderhübsche Babys.«
Und Cat antwortete: »Wer sagt dir, dass ich drei Bälger will?«
»Also. Die rivalisierenden Ultras«, holt mich Schröter zurück ins Heute. »Sie feinden sich an.«
»Die putzen sich gegenseitig ein bisschen runter. Aber das sind Scheingefechte. Meistens.«
»Sie provozieren sich.«
»Ja. Sie werden fies. Klar. Eigentlich finden zwei Spiele statt im Stadion. Das auf dem Platz zwischen den Mannschaften und das am Spielfeldrand zwischen den Fanblocks. Manchmal verlierst du auf dem Platz, aber erzielst in der Kurve einen Achtungssieg.«
»Und wenn es eskaliert, gibt’s Dresche.«
Wenn man etwas nicht kennt, sieht man oft nur schwarz-weiß. Aber ja. Manchmal gerät es ein wenig aus dem Ruder.
»Es ist ein Spiel. Mehr nicht«, sage ich. »Auch in der Kurve. Man stichelt ein wenig gegen den Gegner oder übt Druck aus. Versucht, ihn zu provozieren und aus der Reserve zu locken. Macht ihn verbal runter.« Schröter sieht mich skeptisch an. »Auf dem Platz geschieht auch nichts anderes. Das ist Teil der Taktik. Psychologische Kriegsführung. Der Verteidiger steckt dem Stürmer gleich in den ersten Minuten, dass er ihm heute keinen Zentimeter gönnen wird. Tritt ihm zur Bekräftigung einmal ordentlich auf die Zehen oder gegen das Schienbein, zieht unauffällig an seinem Trikot, sodass der Schiri es nicht mitkriegt. Und sagt ihm dann, dass seine Mutter eine Hure ist.«
Schröter nickt. »Um ihn zu entmutigen.«
»Ganz genau. Den Schneid abkaufen.«
»Das ist nicht ernst gemeint. Auch nicht persönlich. Es geht nur darum, ihn nervös zu machen.«
Schröter mahlt mit seinem Unterkiefer. »Aber manchmal wird aus einem Spiel dann Ernst.«
»Jemand überspannt den Bogen, und plötzlich wird’s hässlich. Egal, ob auf dem Platz oder außerhalb.«
Schröter lässt das sacken. »Was war das für eine Geschichte mit den Schweinsköpfen und Aalen?«
Ich muss lachen. »Ach, gar nichts. Vor dem Derby zwischen Aalen und Heidenheim 2014 hatte nachts jemand vor den Heidenheimer Schlossarkaden einen abgetrennten Schweinekopf abgelegt, mitsamt einem blutigen Holzkreuz und einem Schild, auf dem stand: ›Dieses Schwein gründete den FCH‹.«
Schröters angeekeltem Gesicht nach zu urteilen findet er das nicht witzig.
»Man muss die Vorgeschichte kennen: Als es dem VFR Aalen finanziell ziemlich schlecht ging, war angeblich ein Anhänger des FC Heidenheim 1846 nach Aalen gefahren und hatte 18 Euro und 46 Cent in die Vereinskasse gespendet, mit dem Vermerk: ›Bitte sinnvoll verwenden für eure Vereinsauflösung.‹«
Jetzt muss Schröter doch lachen. »Ich verstehe. Provokation und Gegenprovokation. Irgendwie nur ein Spiel. Aber manchmal eskaliert es.«
»Ja. Gegebenenfalls erst in der dritten Halbzeit.«
Ich spiele an meinem Denkstummel. So ist das doch im Leben auch. Oder etwa nicht? Zunächst sind es freundschaftliche Kabbeleien, ein scherzhaftes Stupsen, Spielchen. Schattenboxen, verbal oder körperlich. Wie bei Kindern. Fällt dann eine Bemerkung zu bissig aus oder ein Tritt zu fest, eskaliert das Ganze. Menschliche Emotionen. Ob positiv, ob negativ, gut oder böse. Aus kleinen Dingen werden große. Die ersten Fouls sind noch harmlos. Erhöhen sich der Druck und der Adrenalinspiegel der Spieler, werden die Bandagen härter und die gegenseitigen Fouls auch. Die ersten Blutgrätschen folgen. Dann muss der Schiedsrichter aufpassen. Das Spiel wird härter. Gerät eine Mannschaft nun in Rückstand und damit zunehmend unter Druck, hagelt es die ersten gelben Karten. Nach einem richtig bösen Foul gehen einige Spieler sich gegenseitig an und eh man sich versieht, gibt’s auch mal eine auf die Fresse. Unsportliches Verhalten. Rote Karte.
So ist es auf dem Platz. Und in der Liebe eigentlich auch: Zwei Menschen schleichen umeinander herum, spielen mit mehr oder weniger großem Körpereinsatz. Doch dann wird’s plötzlich ernst, weil Emotionen ins Spiel kommen. Und später wird auch das wieder hässlich.
Spiel und Leben kann man nicht wirklich trennen. Nur schade, dass es im richtigen Leben keinen Schiedsrichter gibt.
»Dann erklär mir jetzt mal, wie du die Einschätzungen der Szenekundigen einordnest«, sagt Schröter.
»Also die von Scharf kannst du vergessen. Der Spießer checkt gar nichts.«
Schröter nickt.
»Du kriegst die Ultraszene nicht mit Draufhauen in den Griff. Die wollen Respekt, sonst mucken sie auf.«
»Respekt wofür?«
»Für das, was sie für den Verein leisten«, sage ich etwas zu scharf und zu laut. »Sie sind es, die die Stimmung im Stadion erzeugen, die Fußball als Stadionerlebnis erst attraktiv machen. Ohne sie wäre jedes Spiel ein Geisterspiel, weil da nur so Typen sitzen würden wie der Scharf. Stinklangweilig. Das wissen die Vereine ganz genau. Nur müssen die den Spagat hinkriegen zwischen dem Sitzpublikum und den Sponsoren auf der einen und den Ultras auf der anderen Seite.«
»Und was ist das für eine Geschichte mit der BFE?«
Ich rümpfe meine Nase. Die Gespenster sind ein Reizwort für mich, auch nach so langer Zeit. »Diese Einheiten sollen eigentlich die Fans trennen, deeskalieren und die aggressiven unter ihnen sichern.«
Schröter sieht mich eine Weile an. »Klingt doch sinnvoll.«
Ich muss lachen. »Wenn’s so einfach wäre. Nur arbeiten auch die Gespenster mit dem Prinzip Entmutigung. Das heißt, die marschieren auf, geben sich so martialisch, wie’s nur geht. Schüchtern ein. Zumindest fühlt es sich so an für manche Fans. Und nehmen alles von vorneweg bierernst.«
»Verstehe. Und Cat hat ein paar dieser Gestalten angezeigt.«
»Vermutlich, weil die sie zu hart angegangen sind.« Ich muss an meine vollgepisste Hose denken. Mein Gott, es gibt Schlimmeres. Aber angefressen war ich trotzdem damals. Und zwar nicht zu knapp. Manchmal denke ich, ich bin genau deshalb zur Polizei gegangen. Weil ich es anders machen wollte.
Schröter ist gedanklich bereits einen Schritt weiter. »Cat hatte einen eigenen Copy-Shop, sagst du«, fängt er mich wieder ein. Zu viele Assoziationen, zu viel Vergangenheit.
»Ja. Mit ein oder zwei Angestellten. Copy Cat. Ganz ehrlich: Ich fand, sie hätte viel mehr gekonnt. Nach dem Abi jobbte sie eine Zeit lang bei einem Logistikunternehmen, lieferte Pakete aus. Die haben ihr nach Kurzem schon einen Job als Teamleiterin angeboten. Aber sie lehnte ab. Mir erzählte sie, sie wolle Pilotin werden. Hat dann aber andere Sachen ausprobiert, immer wieder was Neues.«
Meine Cat. Sie hatte Pläne. Frage mich, ob sie die zuletzt noch immer hatte. Oder ob das eine oder andere Vorhaben auf der Strecke geblieben war wie bei den meisten. Das Leben schreitet voran, irgendwann realisierst du: Nun ist es zu spät. Geht mir ja auch nicht anders mit meinen 42 Jahren.
»Wird Johannes nicht gefallen haben, wenn er es wusste«, meine ich zu meinem Partner.
»Was? Wer?«, fragt Schröter.
»Schwanger.« Ich zeige zum Whiteboard, an dem Bilder von Cats Leiche kleben und auf dem wir vorhin mögliche Motive notiert haben. »Johannes Lederer. Ihr ehemaliger Freund.«
Schröter nickt.
»Cat war ein leichtsinniges Ding«, erkläre ich ihm. »Ließ nie was anbrennen. Das wusste Johannes damals schon. Aber er war sich ihrer sicher. Auch wenn sie ihn ein paarmal betrogen hat. Er sagte mir immer, das kümmere ihn nicht. Im Grunde ihres Herzens liebe sie ihn, und deshalb sei ihm das egal.«
»Sehr liberal.«
»Aber was ihre Mutter sagte, stimmt schon. Sie konnte sich nie entscheiden. Hat hundertmal ihre Arbeitsstelle gewechselt, bis sie sich irgendwann mit dem Copy-Shop selbstständig machte. Auch privat brauchte sie einfach immer was Neues. Den Kick.«
»Rastlos.«
»Ja. Und klar: Wenn Johannes ihr einen Antrag gemacht und sie ihn abgelehnt hat, dann führte das sicher zu Spannungen und irgendwann vermutlich zum Bruch. Er wollte sicher nicht ewig warten. Wünschte sich Kinder …«
»Er hat eine neue Beziehung, sagt Berti. Ist verlobt.«
Ich nicke. »Habe ich auch gehört. Aber das mit dem Kind … Könnte schon sein, dass ihn das mitnehmen würde. Wenn er es denn erfahren hätte.«
Das kotzt mich an in unserem Job: Die halbe Zeit reden wir im Konjunktiv. Das macht sonst niemand. Philosophen allenfalls. Oder theoretische Physiker.
Lauern eben. Man stelle sich mal vor, ein Koch oder Maurer oder Zahnarzt würde so reden: Also, da könnte ein Loch drin sein. Wenn ich da jetzt aufbohren würde, dann … Nein. Ergibt keinen Sinn. Nur bei uns. Verfluchte Potenzialität. Ein einziges Hirngewichse.
»Könnte sein, dass er es weiß.«
Ich blicke auf. Schröter nimmt ein Blatt mit einer Liste von seinem Tisch, in der Namen mehrmals markiert sind. »Die Technik konnte einen Teil der Handydaten analysieren. Sie hat in letzter Zeit öfter mit Lederer telefoniert und gechattet.«
»Bedeutet das, er könnte …?«
Schröter zuckt mit den Schultern. »Das, was wir haben, an Chats, gibt darüber keine Auskunft. Sie haben sich ein paarmal verabredet. Aber die WhatsApp-Nachrichten waren immer sehr knapp.«
Genau das ist die Scheiße. Dass wir am Anfang einer Ermittlung noch nicht ahnen, wo die Reise wirklich hingeht. Angenommen, Cat war von dem Falschen schwanger, das wäre eventuell ein Motiv: für den Vater, für den Ex, für einen neuen Lover. … Vielleicht hat sie sich aber auch mit einem gegnerischen Ultra angelegt, das sollten wir rausfinden … Oder diese Anzeigen gegen die Schwarzen Gespenster haben zu einer Eskalation geführt.
Man könnte unsere Arbeit als einen Kampf gegen die Masse des Denkbaren bezeichnen. Vielleicht sind wir umgekehrte Philosophen: Wir ringen gegen das Mögliche und um das Tatsächliche. Kämpfen um die Fakten. Ockhams Rasiermesser, habe ich einmal irgendwo gelesen. Reduktion des Potenziellen, solange, bis nur noch das Faktische übrig bleibt: die Wahrheit. Was für ein Wort. Aber die Philosophen benutzen es doch auch die ganze Zeit. Manchmal wünsche ich mir so sehr, ein Maurer zu sein. Da baut man eine Wand und die steht dann da. Wir dagegen? Wir sind nur Lügeneinreißer.
Schröter zuckt zusammen, als ich meine Ferse gegen den Bürotisch haue. »Abgerissener Heidekopf im Mund, arrangiert wie eine Schlafende. Das ist doch kein Zufall. Ich glaube nicht an ein persönliches Motiv. Das ist alles symbolisch, eine Inszenierung. Das tust du nicht, wenn du eifersüchtig bist, jemanden magst oder gemocht hast und ihn deshalb jetzt umso mehr hasst, gerade weil du ihn einmal gemocht hast.«
Schröter starrt mich an. »Aber es steckt ziemlich viel Wut dahinter. Drei Stiche. Und ihr wurde buchstäblich das Maul gestopft.«
»Und genau deshalb denke ich, dass es eher damit zu tun hat, dass Cat ein fanatischer FCH-Fan war.«
Mein Kollege starrt noch immer, hat aber schon wieder eine Weisheit auf der Zunge: »Sei entschlossen darin, deinen ersten Gedanken nötigenfalls zu verwerfen. Das sagte mein Ausbilder immer zu mir.« Das kann mein Hirn gerade nicht verarbeiten.
»Da ist noch etwas anderes«, meint Schröter. Er sieht wieder auf sein Papier mit den Markierungen. »Die Kollegen konnten keine dazu passenden Telefonate oder Chats rekonstruieren. Aber laut Bewegungsdaten war sie das letzte halbe Jahr öfters auf dem Siechenberg. Auch über Nacht.«
»Ach? Wo die alte Voith-Villa stand. Noble Gegend. Wo genau?«
»Wildstraße 46.«
»Und da wohnt wer?«
»Der Vizevorstand des FCH.«
»Werner Schneet?«
»Sieht so aus, als hätten sie eine Beziehung oder Affäre gehabt.«
Kann ich mir nicht vorstellen, aber … Ich gehe zu unserem Whiteboard, schreibe »Schneet« neben »Johannes Lederer« und »die Gespenster (BFE)«. »Hm. Wir sollten uns zuerst mit ihm unterhalten. Lederer steht direkt danach auf der Agenda.«
Johannes, noch so ein Gespräch mit der Vergangenheit. Mir wird schlecht bei dem Gedanken. Warum zieht mich eigentlich niemand ab von dem Fall? Ich bin verdammt noch mal gefangen! Ich meine befangen.
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