Kitabı oku: «Anschwellendes Geschwätz»
Roth
Anschwellendes
Geschwätz

Essay 10
Jürgen Roth
Anschwellendes Geschwätz
Kleine Chronik
des kommunikativen Krawalls

Jürgen Roth, geboren 1968, lebt als Schriftsteller »auf den Spuren von Karl Kraus« (junge Welt) in Frankfurt am Main. Zuletzt erschienen sind u. a. (zusammen mit Stefan Behr und Wolfgang Hettfleisch) Wichtig ist, wer hinten hält – Fouls und Schwalben in Fußball und Politik (Berlin 2005) und (zusammen mit Michael Sailer) Deep Purple – Die Geschichte einer Band (Höfen 2005).
Titel aus dem Oktober Verlag: Die Tränen der Trainer – Wichtige Fußballbegebenheiten (2001) sowie Die Poesie des Biers (2003).
© 2005 Oktober Verlag, Münster
Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung des
Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster
www.oktoberverlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Satz: Tom van Endert
Titel unter Verwendung eines Photos von Jürgen Roth
ISBN 3-938568-35-4
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
Inhalt
Es war einmal das Adornowahrjahr
Mission Intervention
Mission Moneten
Leise rieselt der Milzbrand
Verschweinskopfung
Kraus und Kant
Der Sportloser des Jahres 2002
Sprachskitch
Supismus
Transzendentale Reform
Nix krank
Krautlese
Wortfeldpost (Linguistischer Bericht)
Prügelstrafe für Sätze
Ein Kind Gottes
Viel Licht
Tausendjähriger Kraus
Das Planf in Kunst und Kultur
Wegwerfliteratur
Kwulst und Kwalst
Langbärtigkeit
Unser Luschigster
Im Gewöhnlichen
Von deutschem Mund zu Mund
Café Kanzler
Reaktionärer Racheengel
Ohne vieles
Toilettenkultur
Der beste Typ der Welt
Sinnquerulant
Höre, nix
Rührung und Radau
Satz für Satz
Meine Henscheid-Lieblingsstelle
Dichter deutscher Lallzunge
Neun Freunde
Rochus
Übernachten
Tante Tantra
Gottes Geld
Die Gesellschaft der Bindestrichgesellschaft
Wirklichkeit oder Wahrheit oder: Das Ende der Rede
Sex
Tortur de force
Great Amerika
Dialogos
Stimmig
OF PC
Komikwörter
Entscheidung oder Scheidung
Die F-Frage
Wie Martin Walser eine klasse Romanmasse stemmte
Gute Literatur (Vorschlag zur gerade schon wieder verwesenden »Walser-Debatte« und zu anderweitig Wichtigem)
Schwierig
Generation Lust
Schweinepidginsang
Quatsch mit Drogen
Rockreliquie
Rock Hard Core
Unglaublich
Poetry Schlamm
Poetologie und Praxis der Büttenrede
Wustmann und Lorio’t
Von Grimm und vom Grimmen
Hock around the clock
Beim Bartleby des Rudi Völler
Sinnschrunden
Meine Lieblingsminute
Purster heißer Eiseneffe
Laberfiasko
Maulwürfe für bärtige Korbmäuler
Bremsen ist die Kunst
Laudatio auf Lauda
O-Thon
Rackerndes Dreamteam
Einwandfrei ethisch
Die lange Welle der Reflexion
Die Seite 100
Erste Sätze
Der Videotextmönch
Flieg, Phoenix, flieg!
Welt im Sack
Koksspreizer
Das Runterziehen beim Lesen
Das Durchsteh’n
Ein starkes Struck Deutschland
Wer den Schlag hat
Zwei extreme Pfeifen
Der große Unterschied
Helle und Koschi
Ausgeglotzt
Intellektuellenindustrie
Was würde Beckenbauer zu Adorno sagen?
Classisches Denken
Doofenverwahrung
Idylle über den Müßiggang
Metasprache
Das süddeutsche Denken in Zeiten schwerer Ungleichzeitigkeit
Above Schmidt
Glamourgammel
Die Tautologiker
Daß kommen Nöte
Rosige Runde
Preistreiben 2003
The Aufschwung
Kritisch
Denker, Lenker und Entscheider
Europa rotzt retour
Hörrohroffen
Metakritik des Medieneis
Die Rolltreppe
Es reicht
Radiohöhepunkt
Die List(e) der Listen
Nichts
Wahrer als Wittgenstein
Antwort auf alles
Schriftsteller werden
Leistungszettels Alptraum
Konfliktkommunion
Das Nichts
Die Schweigespirale
Nachweise
Es war einmal das Adornowahrjahr
Adorno war »ein philosophierender Intellektueller«, schrieb Jürgen Habermas 1963 anläßlich des sechzigsten Geburtstages von Adorno, und Adorno war, so Habermas weiter, »ein Schriftsteller unter Beamten«.
Die Beamten waren die Schulphilosophen, diejenigen, die den systematischen und deduktiven Zwängen der universitär vermittelten Lehren gehorchten und einer Sprache dienten, die weniger an Philosophie – als ein Philosophieren – denn viel-mehr an Verwaltung gemahnte.
Adornos kreisender Stil widersprach der Sprache der bürokratischen Philosophie in der verwalteten Welt vehement. Und so sehr Adorno das Geschäft der Philosophie von innen her zu decouvrieren und dergestalt die Wahrheit der Reflexion auf das Schicksal des Subjekts philosophisch zu retten versuchte, so sehr war ihm oft danach, die »Eiswüste der Abstraktion« zu fliehen und z. B. bergzuwandern.
Das Jahr 2003 war, man mag sich daran vielleicht trotz aller Beschleunigung der Quasselkonjunkturabfolgen noch erinnern, mutmaßlich mehr als alles andere: das Adornojahr, und zur Feier des hundertsten Geburtstages des »interdisziplinären Einzelarbeiters«, wie Rolf Wiggershaus in seiner Studie Die Frankfurter Schule den Soziologen, Aphoristiker, Literaturexegeten, Husserl-Deuter, Musikphilosophen und Komponisten nannte, versuchten Symposien, Festakte, Konzerte, Liederabende, Preisverleihungen, Straßenumbenennungen und Ausstellungen den »ganzen Adorno« vorzustellen, d. h. »Leben und Werk« in Einheit, in der großen Synthese zu zeigen.
Deshalb durfte im Vorfeld auch damit gerechnet werden, auf bis dato unbekannte Aspekte des »Adornoschen« (Wiggershaus) Schaffens, Wirkens und Wandelns aufmerksam gemacht zu werden. Einen frühen Hinweis hatte die Frankfurter Ausgabe der Bild-Zeitung gegeben, in der über den Jubilar zu lesen gewesen war: »In der Welt der Philosophie, der Sozialpolitik und der Musik hat er Frankfurt berühmt gemacht.«
Sozialpolitik – interessant. Adorno: ein engagierter Referent in Sachen Mieterschutz, öffentlicher Wohnungsbau und Kindertagesstättenproblematik? Das klang ehrenwert und stellte jedoch nur ein erstes Steinchen jenes schillernden Mosaiks dar, das anschließend vor unseren Augen zusammengesetzt wurde, um uns den ungeschmälerten, den »wahren Adorno« zu präsentieren.
Adorno nämlich war in seiner Funktion als Leiter und oberster Skatspieler des Instituts für Sozialforschung auch ein bedeutender Blondinenforscher und Champagnerverehrer. Und Adorno war ein antizipatorischer Olympiagegner und unermüdlicher Boulespieler, ein eifriger Sommerhutfan und ausgefuchster Eintracht-Experte, der die prekären finanziellen Verhältnisse des launischen und verluderten Vereins durch mehrere Gutachten und Strategiepapiere nachhaltig zu verbessern trachtete.
Adorno war darüber hinaus, das dokumentiert ein Photo, das jahrelang an der Wand des studentischen Cafés im Philosophischen Institut der Universität Frankfurt hing, ein begeisterter Pappnasenträger, der im kindlichen Übermut seinen alten Kumpel Horkheimer sogar beim Wettlachen ausstach, und zwar deutlich nach Pappnasenpunkten.
Erinnert sei aber auch an ein Wort von Oskar Negt: »Adorno war ein solider Uhrmacher.« Und erinnert sei daran, wie zum Beschluß des ganzen Adornojahrgedackels im Lokalteil der Frankfurter Rundschau vom 30. Dezember 2003 ein Resümee zu all der besinnungslosen »Besinnung auf das Universalgenie Theodor W. Adorno« gezogen wurde: »Eine Streitkultur, wie sie sich an seiner Denke bis heute entzündet, könnte die Stadt unterdessen gut gebrauchen. Eben nicht nur in den hochgeistigen Diskursen, die das Adorno-Jahr gebracht hat.« Sondern, die schauderhafte »Denke« weiterdenkend in Richtung Sozial- und Stadtpolitik: »Mancher hat Vertreter der Stadtpolitik auf den Podien vermißt.« Und Sozialpolitiker, die mit Adornos »Denke« im »Kopf« »eine politische Debatte entzündet« hätten. Denn »Politikern müßte doch daran gelegen sein, daß die Lähmung durch Spar- und Gelddebatten überwunden würde«. Und sei’s durch ein derart versautes Denke- und Debattengeschwafel right out of the »Pig Press« (Eckhard Henscheid).
Zwischen Bild und lokaler Frankfurter Rundschau: nur noch ein gradueller Unterschied. Bild enthält sich – noch – des »Diskurses«, die seriöse Tochter hat dafür die »Streitkultur« in petto, eine Streit- und Stammelkultur, die sie trotz der simultan und sogar auf Seite eins ausgelobten »Verzichtskultur« weder einzudämmen noch abzuwracken gedenkt. Warum auch? Das Blatt befindet sich in einer glanzvollen Gesellschaft aus Zeitungen, Magazinen, Fernsehkanälen und sonstigen Institutionen und Instituten, in der wenig anderes betrieben wird, als unaufhaltsam den von Adorno halb beklagten, halb analytisch entblößten »Schwindel der Kommunikation« zu verbreiten und, so das denn geht, zu verbreitern. Oder einfach bloß wie wild weiterzutreiben. So daß vor lauter sinnfällig anschwellendem Schwindel füglich über einen nahezu mediendichten Schwindel des Geschwätzes gejammert werden darf, der sich, sofern zu allem Überdruß noch die Medien- und die Kommunikationswissenschaften ihr abgestandenes geistiges Scherflein beitragen, im Hybrid- und Metaschwindel des »Geschwätz-Geschwätzes« (Roland Tauber) vervollkommnet.
Man kann darüber lachen, man kann deshalb brechen, man kann im praktisch parallel eröffneten Paralleluniversum des stern und in dessen erster Ausgabe des Post-Adornojahres den im alten Sinne reaktionären Gehalt des Geschwätzes über das Geschwätz der Politik zur Kenntnis nehmen, die herrschsüchtige Gesinnung des immerzu »identisch« (Adorno) faselnden Politfeuilletons, für das zumal und im Erörterungszusammenhang der bestenfalls noch bestens erinnerlichen Bohlen- und Harald-Schmidt-Hysterie der ruchlose Zwischenrufer Hans-Ulrich Jörges zuständig ist. Der wußte nicht nur von einem alles und jeden einbegreifenden »Krisensyndrom« der sog. »verbohlten Republik« zu berichten, sondern sorgte sich zudem »um die Leere und ums Anschwellen«, ums allgemeine und allerörtliche Anschwummsen oder Dickmachen, durch das »ein ganzes Land zum geistigen und politischen Vakuum« werde, ausgenommen jener hohe Ort am Hamburger Baumwall, von dem aus in den »Leerraum Deutschland« hineingejörgelt wird, bis die dicken Eier des Propheten bersten.
Da heißt es natürlich, es prinzipiell besser zu wissen und sich »dialektisch« (Jörges) mit Bohlen wie Schmidt »gegen den Strich« gemein zu machen (»Beide haben einen klaren Blick für die traurigen Umstände«), um, man sagt es halt noch mal, »am Ende des deutschen Vakuum-Jahres 2003« in die vollen zu keifen, auf daß der eingebildete Diskursführer der Journaille erhört werde: »Das Denken pausiert schon länger in Deutschland. Und nicht nur das Denken. Das Land steht. Still, aber geschwätzig. Der Reform-Vodoo am Jahresende ist nicht mehr als ein Erzittern. [...] Grell überschminkte Feigheit. Die Gesetze der Ökonomie diktieren nicht weniger als die Neugründung eines erstarrten Landes – erstarrt durch die Pervertierung der Sozialsysteme ins Unsoziale, die Infizierung der Wirtschaft mit der bürokratischen Sklerose des Staates, die Verirrung der Politik im Gestrüpp des Konsensdschungels. [...] Die Großdenker der Siebziger und Achtziger sind erfüllt vom Ekel der Ökonomie, die Feuilletons beschweigen die Grundsteinlegung für eine andere Republik. Kein Diskurs, nirgends.« Wenn’s denn stimmte, das mit dem Diskurs – es ist ja noch ein Jörges da.
Man darf indes, abseits solcher dialektischen und diskursivkommunikativen Adorno-Bomben, unterm Leit- und Titelbegriff des »anschwellenden Geschwätzes« auch das eigensinnige und ungebändigt krumme Parlieren, das wahrheitsfähige Sprechen, das end- wie regellose Gerede derer verstehen, die selten oder nie über ein mediales Forum verfügen und die den »Diskurs« so eindringlich meiden wie die »Debatte« oder die »Kultur«. Man kann sie daher hie und auch da wenigstens kurz zu Wort kommen lassen. Denn im Anfang war, mit Herder zu reden, das menschliche Wort, die »Besonnenheit«, und so wird es bleiben, selbst wenn das ohrenbetäubende Geschnaube in den Reziprokwelten der Presse, der Politik und der »Kulturszene« (Frankfurter Rundschau, s. o.) davon selten etwas wissen möchte – und dafür um so mehr von den eigenen tosenden Angelegenheiten.
Gewiß, manch einer und manch einem der hier zusammengepferchten Glossen und Aufsätze über die Kommunikationskatastrophen der jüngeren Zeit haftet ein gerüttelt Maß an überholter Aktualität an, vor allem auf Grund der grandios rasanten Umwälzung der neusten Republikverhältnisse durch die vorgezogenen Bundestagswahlen am 18. September 2005. Literatur, und sei’s weitgehend polemisch legierte, vermag mit dem galoppierenden Unsinn längst nicht mehr Schritt zu halten. Trotzdem sollte den in Rede stehenden Texten der Eingang in dieses Buch nicht verwehrt werden – wenn auch bloß aus Motiven der nietzscheanisch-archivarischen Geschichtsfortschreibung und im Sinne einer kleinen kakophonischen Dokumentation des kommunikativen Krawalls. Zumindest unter solchen Aspekten ist der Wiederabdruck derartiger Einlassungen dann womöglich sogar eschatologisch gerechtfertigt. Dafür spricht ein furioser, 2005 in den USA zum Bestseller avancierter Essay des emeritierten Princeton-Philosophieprofessors Harry G. Frankfurt mit dem Titel On Bullshit (frei übersetzt nach Robert Gernhardt: Vom Scheiß der Zeit), dessen Kernthese die taz so zusammenfaßte: Eine »der hervorstechendsten Eigenschaften unserer Kultur« sei: »das Blödsinnquatschen, das Rumpalavern, das Heiße-Luft-Produzieren – oder schlicht ›bullshitting‹, wie man es so schön prägnant im Englischen ausdrückt«.
Mission Intervention
Das war eine gute Nachricht. »Nicht selten wurde der rote Teppich ausgerollt«, berichtete die WELT am 4. Januar 2003 über die kurz zuvor getätigte Reise des Günter Grass in den Jemen – in ein von Stammesfehden heimgesuchtes, »bis an die Zähne bewaffnetes Land«, das sich »finanziell verausgabt« hatte: zum Wohle der zwölfköpfigen Delegation, zum Wohle der jemenitischen Tradition des Lehmbauhandwerks, der Grass als Gegenleistung für die entgegengebrachte Gastfreundschaft mit einer Spende in Höhe von 10.000 Euro das Überleben sichern will, und zum Wohle des Nobelpreisstaatsgastes im besonderen: »Das Reisegepäck gewann von Station zu Station an Gewicht: silberne Krummsäbel, Schmuck für die Gattin, eimerweise Honig und pfundweise Kaffee, Folklore und Kostbarkeiten.«
Von Gewicht waren auch die Worte, die Grass, der »übrigens unerschrocken und mutig« das »wunderschöne Land« durchkreuzte, zwischen islamoradikal-präsidialer Ordensverleihung, Wasserpfeifenrunde und Bankett an arabische Dichterkollegen und, in einem Interview mit dem TV-Sender Al Dschasira, an die Welt richtete. Erst wollte er »unverblümt über Erotik in der Literatur sprechen«, dann äußerte das sonnige Gemüt beim Fernsehen: »Ich bin dafür, daß wir jetzt alle nackt baden gehen.« Das mochten sie zwar nicht, dafür liegt Grass nun eine Einladung in den Irak vor. Die Reise war ein voller Erfolg.
Baden hingegen ging wenig später die Mission des Menschenrechtstrios Günter Wallraff, Rupert Neudeck und Norbert Blüm. Diese drei guten Geister wollten gleichfalls eine Reise tun, nach Tschetschenien und Inguschetien. Es kam jedoch nur zum Anreisen. Die Behörden am Moskauer Flughafen verweigerten der trinitätischen Betroffenheitstruppe ohne Angabe von Gründen die Einreise. »Die Jungs waren ausgesprochen ruppig«, erzählte Blüm als pars pro toto der Menschenrechtsvertreter der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (12. Januar) und erklärte der Heimat das gemeinsame, leider gescheiterte Ansinnen: »Wir wollten Berichten nachgehen, denen zufolge die russische Armee dort die Menschenrechte verletzt.«
Es blieb also bei einem Zeitungsgespräch und einem schmukken Photo mit drei verkniffenen Gesichtern. Aber die Absicht zählt.
Ohne Einladung und somit auf ganze eigene und uneigennützige Initiative war derweil eine elf Frau und Mann starke Gruppe rund um die Tübinger Gesellschaft »Kultur des Friedens« gen Irak aufgebrochen, um nicht zu intervenieren, sondern um sich mal ganz global zu solidarisieren oder vielleicht doch eher zu sondieren, was so los und wie die Lage ist. Die Frankfurter Rundschau zitierte unter der sehr richtigen Überschrift »Kultur & Engagement« das prominenteste Mitglied der höheren diplomatischen Kurzzeitvereinigung, Liederhannes Konstantin Wecker: »Wir möchten den Menschen in Deutschland berichten, was wir dort gesehen haben, und für den Frieden werben.« Außerdem wollte er den Menschen in Bagdads und Basras Kulturhäusern, Kliniken und Universitäten beweisen, »daß es auch westliche Menschen gibt, die keine Waffeninspekteure sind«. Diese Menschen sind freigiebig, weil sie Spielzeug und Gitarren mitbringen und ein Gratiskonzert geben. »Die Mission der Reise«, erweiterte Wecker live aus Bagdad gegenüber der taz (15. Januar) allerdings die Motive seiner Handlungsweise, »war nicht das Konzert. Ich möchte diesen Krieg verhindern.« Für die Zeit danach kündigte er weiteren Einsatz an: »Ich will beispielsweise in Bibliotheken nachfragen, ob sie alte Noten haben, die wir hierher schicken können.«
Während Wecker und die aufrechten zehn ein »Friedenssignal« (Frankfurter Rundschau) setzten, hißten schon im Dezember 2002 dreiunddreißig »Hamburger Künstler« die Kriegsfahne und schalteten im Hamburger Abendblatt eine Annonce, mit der sie sich für einen Baustopp bei der Airbus-Werkserweiterung im Stadtteil Finkenwerder stark machten. Die Philippika, die u. a. der Filmregisseur Hark Bohm unterzeichnet hatte, klagte die Hinterlist der Hamburger Politik an, die im Vorfeld und vollen Wissen Öffentlichkeit und Gerichte über die wahren Absichten des Luftfahrtunternehmens getäuscht habe, über eine dem Planfeststellungsverfahren zuwiderlaufende Verlängerung der Start- und Landebahn z. B. oder die Zuschüttung des Naturschutzgebietes Mühlenberger Loch.
Ausgesprochen angesprochen und angegriffen fühlte sich darob der ehemalige, an der Planung federführend beteiligt gewesene SPD-Wirtschaftssenator Thomas Mirow (gegen ihn wurde Anzeige wegen Betrugs erstattet). Er schlug zurück, veröffentlichte im Abendblatt vom 16. Dezember einen offenen Brief an seinen Freund, den »lieben Hark«, und entkräftete die Vorwürfe betreffs einer angeblichen »Lex Airbus« (erschlichene Gemeinnützigkeit usf.), diverser Mauscheleien im Aufsichtsrat und etwaiger »Katastrophenszenarien«, um zu schließen: »Künstlerinnen und Künstler sind wichtig für unsere Gesellschaft. Mir liegt deshalb an der Möglichkeit zum offenen Gespräch über Tatsachen und Meinungen anstelle von bösen oder gar bösartigen Unterstellungen.«
Das ließ sich Hark nicht zweimal sagen und zeigte, was eine Harke ist. Am 20. Dezember legte er in eigener Mission und einem nicht nur betroffenen, sondern offensichtlichst auch besoffenen offenen Brief via Abendblatt seine Meinungen und Tatsachen dar. »Lieber Thomas«, weinte es da aus dem Armenviertel, dem Elbvorort Großflottbek, wo dem Bohm sein Häuschen prangt, »meine Tochter, die zwei Kilometer weiter elbwärts in der Schule sitzt, wird dreimal kurz hintereinander aus dem Unterricht gerissen. Und mit ihr mindestens 3.000 andere Kinder.« Schuld seien die mit »Vollgas« und voll niedrig über ihn, Hark, und 3.000 andere Kinder hinwegfliegenden Flieger, die viel »Abgas« ausspien und ein immenses »Absturzrisiko« darstellten. Außerdem seien bloß 2.000 statt, wie versprochen, 4.000 Arbeitsplätze geschaffen worden, und die »demokratische Moral« verletze vollends, daß diese Garantie von ihm, dem Thomas, bewußt vorgeschoben worden sei: »Auf eine unverbindliche Zusage hin belastet der Staat Hamburg meine Familie mit Lärm und Dreck [...]. Er verwandelt das schönste Stück englisch-hanseatischer Gartenkultur, den Jenischpark, zu einer ungenießbaren Einflugschneise. Er zerstört den Strom Elbe, der die identitätsstiftende Metapher für meine Heimat Hamburg liefert. Der Staat zerstört die Heimat meiner Familie. Gerade als Sympathisant der Sozialdemokratie fühle ich mich bitter enttäuscht.« Und das, Hand auf die Metapher des Staates der Sozialdemokratie, der ohne Identität Harks Familie zur Ungenießbarkeit des Lebens ausliefert, »treibt uns Künstler auf die Barrikaden«.
Weshalb sich Hark (63, Film) von Thomas und seiner verlogenen Sozialdemokratie (sie »verhöhnt den Rechtsstaat«) ab-, dem Wirtschaftssenator Gunnar Uldall (62, CDU) zuwandte und einen wirtschaftspolitischen Überfliegerkatalog aufstellte, der u. a. konzis forderte, nur klitzekleine und moderat-mittlere Airbusse zu produzieren und dies zu tun: »Rückführung des Mühlenberger Lochs in ein Naturschutzgebiet. Nutzung des ins Mühlenberger Loch geschütteten Sandes für den Bau eines Olympiastadions an anderer Stelle.«
Was lehrt uns all das? Der deutsche Intellektuelle ist auf dem Vormarsch und zur Stelle, regional und global – als organischer Intellektueller, wie ihn Gramsci verstand, als in die Produktion eingreifender und für Gerechtigkeit sorgender Aufmischer, Rumtreiber und Freund des Volkes.
Das ist ein Fortschritt.
Mission Moneten
Es ist ein Kreuz mit der christlichen Kirche. Ihre Vertreter, gleich ob protestantischer oder katholischer Konfession, können mahnen und predigen, wie sie wollen, die Schäfchen laufen weg oder bleiben der allein selig machenden Institution auf Erden von vornherein fern. Seit Jahren steigt die Zahl der Kirchenaustritte, und der Saulus-Paulus-Moment einer Umkehr dieses Trends steht in den Sternen.
Folglich bemüht man sich, neue, handfest diesseitige Möglichkeiten zu erschließen, um Kundschaft zu werben. Kirchentage mögen zwar Versuche sein, die Gemeinde zusammenzuhalten und die Anhängerschaft des Gottesglaubens zu mehren, doch als monumentale Propagandaveranstaltungen dienen sie wohl lediglich dem Zweck, die gesellschaftliche Schrumpfexistenz der Kirche zu verschleiern. Also sind Maßnahmen vonnöten, mit denen jenseits ritueller Versammlungen jene erreicht werden, denen die Lehre Jesu und die Heilige Schrift nicht am Herzen liegen.
Wenn Kirche und Religion keinen festen Sitz mehr im Alltag haben, dann könnten sie ihn im Urlaub (wieder-)finden, mutmaßen einige fortschrittlich gesinnte klerikale Kräfte, und seitens der Tourismusbranche erhalten sie nun Unterstützung. Zumindest wird inzwischen verstärkt über die touristischen Vermarktungspotentiale von Kirchen und Klöstern sinniert, und so war es an der Zeit, daß in der Lutherstadt Wittenberg eine Fachtagung stattfand, die das Deutsche Seminar für Tourismus Berlin (DSFT), die zentrale Weiterbildungseinrichtung der Tourismuswirtschaft, unter dem rhetorischen Titel »Religion, Kirchen und Klöster ›vermarkten‹?« anberaumt hatte.
»Wir wollen Thesen anschlagen!« klopfte DSFT-Seminarleiter Harald Hensel unweit der Schloßkirche, an deren Portal Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine weltumwälzenden 95 Thesen geklebt hatte, die Marschrichtung fest und formulierte diverse ehrenwert hehre Ziele. Der »Dialog zwischen Kirche und Tourismus« solle befruchtet und die Kirche nicht länger »als musealer Raum« betrachtet werden – sondern als ökonomisches, erlebnisideologisches und praktisch-theologisches Feld, das es touristisch zu beackern gelte. Ja, die Frage, »ob und wie sich christlich-religiöse Einrichtungen oder Veranstaltungen zur kulturellen Positionierung sowie zur Vermarktung einer Region eignen und wie die Kooperation von Kirche und Tourismuswirtschaft gefördert werden kann«, das sei »ein spannendes Thema«, ein »Spannungsfeld« tue sich da auf, auf dem »viele Wege denkbar« seien.
Gangbar sind bereits heute etliche Wege, nach Rom und anderswohin. Christen z. B. scheinen kein schlechtes Gewissen beim und keine Scheu vor dem exzessiven Reisen zu hegen. Eine aktuelle DSFT-Erhebung kommt zum dem Ergebnis, daß Ausflüge und Wallfahrten, die Kirchengemeinden absolvieren, einen »Umsatz von zirka 500 Mio. Euro pro Jahr bewirken«. Die modernen Betreisen Richtung Ewiger Stadt, Fatima oder Santiago de Compostela indes genügen nicht. Die Tourismusbranche sucht neue Profitquellen und nennt Gotteshäuser und Klöster schmeichelnd »Highlights im Kultur- und Städtetourismus«, und publicity- und geldhörige Gottesmänner danken es den Fremdenverkehrsgurus, indem sie eine innovative »Angebotsgestaltung« bezüglich ihrer Glaubensstätten und -inhalte forcieren – mal sachte, mal forsch PR-lastig.
Touristen gezielt in sakrale Bauten zu locken könnte zu einem verlockenden, sagenhafte Wachstumsmargen garantierenden Geschäft werden. Wolfgang Isenberg von der Thomas-Morus-Akademie, Bensberg, bekräftigt die immense Bedeutung der »Sakralimmobilien« für »die regionale Wertschöpfung«. Der Zasterzug der Zeit: Früher gewährten Klöster Bettlern und Pilgerreisenden unentgeltlich Speis’ und Unterkunft, noch etwas früher schmiß Jesus die Händler aus dem Tempel, und heute fordern Vermarkter der »Premiummarke Kirche« (Isenberg) und der Papst: »Wir müssen die Menschen zum richtigen Gebrauch der Freizeit anleiten.«
Was könnte das heißen – unter Gesichtspunkten eines regio-und religionsspezifischen Marketings, das laut Marketingprophet P. D. Benett ein »Prozeß« sein müßte, »durch den eine Organisation«, und sei’s die Kirche, »auf kreative, produktive und gewinnbringende Weise eine Beziehung zum Markt herstellt«? Pfarrer Gerhard Köhnlein von der Projektstelle Offene Kirchen, Magdeburg (einer Abteilung des Evangelischen Arbeitskreises Freizeit – Erholung – Tourismus), wünscht eine breit angelegte »Grundausbildung für Kirchenführer/innen«, die z. B. in der mit attraktiven Gottesgebäuden gesegneten Kirchenprovinz Sachsen dem Touristen solche Räume technisch und geistig öffnen, »die einladen zu Besinnung und Gebet«. Zur Seite springt dem doppel- wie hintersinnigen Konzept einer pädagogisch inspirierten, »steinreichen Kirche« (Köhnlein) der konstruktiv marketingkritische Entwurf Matthias Zentners, der im Namen des Luther-Zentrums Wittenberg dafür plädiert, die »Eroberung des Kirchenraumes« voranzutreiben – und dergestalt »einen religiösen Ort durch die Art des Erlebens und Nahebringens spirituell erfahrbar« zu machen.
Wer bloß aus kunstgeschichtlichem Interesse etwa den Lucas-Cranach-Altar in der Wittenberger Stadtkirche besichtigt, dem mangelt es an allegorischer, sinnbergender Interpretation des kulturellen Gutes. »Wenig erlebnisorientiert«, so Zentner, sei ein solcher Zugang, und deshalb ziele »dialogische Vermittlungsarbeit« auf die »Schlüsselqualifikation« der Kirche, die: »Sinnstiftung«. »Wenn es gelingt, die Steine [und Kunstschätze] zum Sprechen zu bringen, gibt es einmalige Erlebnisse, die sich auch für den potentiellen Reiseveranstalter auszahlen«, menetekelt Zentner und betont die »Alleinstellungsmerkmale« des Christentums auf dem hart umkämpften »Markt der anderen Sinnstifter«: das Kreuz als »das weltweit bekannteste Markenzeichen«; die lange Tradition und hohe Kompetenz des kirchlichen Marketings, von der »Directmailing-Aktion« des Apostels Paulus bis zur »Pilgerreise« (oder bis zu den Kreuzzügen); das marktschreierische Glockengeläut, die Gottesdienste, die Kirchenkonzerte als Woodstock round about the Kirchenjahr.
Die verzweifelte Selbstbehauptung der Kirche gegen »zivilreligiöse Erscheinungen wie große Sport- und Musik-Events« und esoterische Trends jedweder Art zwingt zur Aufgabe der »alten Frontstellungen« und zur Hingabe an die herrschende Idee der »Absatzförderung«. Um jedoch der »feindlichen Übernahme unserer Ressourcen« zu wehren, ruft Zentner nach »sinnfälligen Kooperationen« zwischen Religionsausübung und Urlaubsverhalten. »Hier muß sich Kirche vermarkten«, gesteht er ein und folgert: »Im Rahmen der Kirche würde man wohl eher von Mission reden.«
Die Missionsarbeit gerät allerdings – neben den jüngsten Offensiven der EKD-Plakatkampagnen – zur sanften Gesprächsökumene. »Wir brauchen lokale und überregionale Runde Tische«, erklärt Zentner, »an denen Kirchenvertreter, Marketingexperten, Touristiker und Vertreter der Kommunen gemeinsame Konzepte erarbeiten.« Etwas handfester geht den »nachhaltigen Kirchentourismus« bereits die Bischofs-Eurocity Münster an. »Menschen auf der Suche nach Sinn und Orientierung« lotst man während des jährlichen Stadtfestes zwischen Varietégekasper und Monstermusikacts auf der Warsteiner-Bühne am Domplatz in die Klemenskirche, die mit Zustimmung der Oberen zur »Chill-Out-Zone« aufgepeppt wurde, oder sie goutieren »kirchenkulturelle Highlights am laufenden Band«: biblisches Puppentheater, religiösen Pop und Jazzen unterm gotischen Giebel.
Derartige »All-Inclusive-Pakete« inkl. herrlicher »Win-Win-Effekte« bezeichnet der Leiter von Münster Marketing, Hermann Meyersick, als »Idealkooperation«, denn die Kirche habe »heute Interesse, neue Kunden unter normalen Urlaubern zu akquirieren«. Traditionell katholisch sinnenumtost brummt die Synthese aus Sause und Spiritualität weiter südlich – zum einen in den bewährten Bierrauschversuchsanstalten Kloster Andechs und Kloster Aldersbach, zum anderen in den niederbayerischen Gauen, die unter den Fittichen des Kulturreferats und Fremdenverkehrsvereins Regensburg die Symbiose von Meditation, Maibock und musealer Erweckung zu sensationellen Erfolgshöhen führten. Nach sorgfältiger Vorbereitung und der vertraulichen Einbindung der Pfarreien wurde das Asam-Jahr, eine eventlastige Ehrung der barocken Klostermaler und Bildhauer Cosmas Damian und Egid Quirin Asam, zum Kombi-Angebotsschocker schlechthin, u. a. weil die Ware Religion mit der Ware Bier prächtig koalierte. Wie neuerlich anläßlich der Diözesefeiern 2002 priesen damals Hunderttausende Bierdeckel Ausstellungen und Spezialgottesdienste an, ganz im Sinne der Kirche, die »danach schreit, den christlichen Kern mit dem Angebot zu verbinden« (Klemens Unger, Kulturreferent).
Kunden finden und zufriedenstellen, »nicht renditeorientierte Dienstleistungen« (Unger) mit dem Dienst an der Rendite verbinden: So läuft heute produktpartnerschaftlich die Arche Noah des Non-Commercial- und des Commercial-Marketings vom Stapel. »Vieles, was wir uns heute gar nicht vorstellen können«, sei möglich, versicherte Hensel, und einen Vorgeschmack darauf bietet zuletzt und in schärfster Avantgardehaltung die 1999 gegründete Marketingplattform »Klösterreich«, die derzeit zwanzig Klöster, Orden und Stifte aus fünf Bundesländern Österreichs und aus Ungarn zusammenschweißt, auf daß sie der häßlichen Managermode des »Klosters auf Zeit« das Mäntelchen des »qualitativen Kultur- und Gesundheitserlebnisses« umhängt.
Orte der Einkehr und Besinnung sollen Klöster sein, und bei »abnehmenden religiösen, kirchlichen Bindungen« kommen sie jetzt der »zunehmenden Nachfrage nach sinnstiftenden Angeboten« entgegen. Aus der Karl Krausschen Wortspielhölle emporgestiegen, rangiert die kulturtouristische Abteien-Kooperative an der Spitze des neusten Bildungs- und Selbstfindungsgedröhns. Das Ende einer Entwicklung besiegelnd, die vom Sight-Seeing (70er) übers Life-Seeing (80er) und das Life-Styling (90er) zum nunmehrigen Life-Feeling führte, will man die »Orgel im Bauch spüren« (Hensel) und ein »Dach für die Seele« überm Kopf, derweil der Magen »edle Tropfen« aus den Klosterkellern und Heilkräuter aus den Klostergärten verlangt. Wie diese Ausgeburt an teuflischem Beherbergungstinnef als »innerlich bereicherndem Tourismus« und »organisierter Gastfreundschaft« zu promoten ist, erläutert Hermann Paschinger, der Medienoperator für die »Qualitätsvereinigung ›Klösterreich‹«: »Von Gästen bevorzugte Motivbündel wie ›Kultur und Geschichte erleben‹, ›Spiritualität‹ und ›Essen, Trinken, Kaufen‹ können von Stiften & Klöstern besonders gut abgedeckt werden. Das Motto lautet daher: ›Österreichs Stifte & Klöster – Ein Erlebnis für Leib & Seele‹.« Oder reichen wir, über das Kraut der »Themenwege« (»Klangreich – Orgel und Musik« etc.) und rauchende Rüben (»Kloster for Kids als Entdeckungsreise in das Stift Altenburg«) hinweg, dem Würdenträger Abt + Joachim F. Angerer, Stift Geras-Pernegg, die Kerze des Wortes: »Der Mensch also ist es, der zählt, und Menschlichkeit ist unsere Verständigung.«
Gegen diesen bigotten Kirchentourismusturbokapitalismus nimmt sich das Wittenberger Stadtfest »Luthers Hochzeit« wahrlich gottgefällig und fromm aus. Da wurde im »Rom der Protestanten« zum neunten Mal ein Laiendarstellerehepaar durch die Straßen geleitet, Martin L., dem Freund des gehorsamen, gebärfreudigen Weibes, zur Ehr’, und unter den profan-zeremoniellen Klängen der Spielleut’ und Landsknechte begann des Bürgermeisters Herz zu lachen – angesichts der vielen fröhlichen Gesichter und des sich füllenden Gemeindesäckels.
Wie sprach der Herr Zentner vom Luther-Zentrum? »Kirche vermarkten zu wollen ist ein sensibles Geschäft, auf das sich beide Parteien mit viel Leidenschaft einlassen müssen.« Und Herr Hensel echote: »Kirche und Tourismus sind ein schönes Paar.« Ob Gottes Segen auf ihm ruht?
Leise rieselt der Milzbrand
Es ist schon bizarr, ja zuweilen traumhaft dämlich, was die Werbewirtschaft so treibt – ein Gewerbe, das sich gerne selbst den Nimbus der überkreatürlich Kreativen verpaßt und behauptet, die wortgewandtesten, bildmächtigsten, ideenreichsten Kräfte zu beschäftigen. Dieses semimondäne Metier der, beim Lichte der arg außer Kurs geratenen Aufklärung besehen, windigen Trendsetter und -server bringt indes wenig anderes hervor als eine unendliche Menge an poliertem Müll, buckligen Metaphern und elenden Überredungsübungen.
Bereits ein kurzer Blick in ein beliebiges lokales Anzeigenblatt liefert stichhaltige Beweise genug. Der Metzger macht es nicht mehr unter »Superschnupperzuschnapppreisen«, und das Hi-Fi-Geschäft annonciert nicht bloß »Powerpreise«, nein: neuerdings sogar »Pauerpreise«. Was immer das beim Käufer erwirken mag, es wird so hingeschrieben. Ähnlich haltlos handelt etwa die deutsche Bierwirtschaft, wenn sie durch nahezu eine halbe Milliarde Euro jährlich neologistischen Nonsens und Kalauerkram wie »Harzhaft frischer Biergenuß« (Hasseröder Pils) oder »Einst steht fest: Ein Eichbaum« (Eichbaum Biere, Mannheim) alimentiert.
Trotz der offenkundigen Tatsache, daß in der Werbung generell der Flachsinn regiert, umtreibt Markus Voeth, Professor an der Duisburger Gerhard-Mercator-Universität und Inhaber des – doch, das muß es jetzt wirklich geben – »Lehrstuhls für Marketing«, die Sorge, die PR-Maßnahmen verlören deutschland- und weltweit jene Qualität oder Seriosität, die sie nie besaßen. Daher dürfen sich Interessierte und professionelle Werbewächter via Website (www.marketingflops.de) an der von Voeth initiierten Wahl zum »Goldenen Marketingflop« beteiligen. Der Preis wird verstanden als Ergänzung zu den zahllosen Ehrungen, die gelungene Anzeigen und Spots feiern, beispielsweise zur Cannes-Rolle.
Eine Art Ethikrat also, vergleichbar der Jury der Gesellschaft der deutschen Sprache, die das »Unwort des Jahres« auslobt? Zwanzig Kandidaten sind jedenfalls mit Unterstützung der Zeitschrift Absatzwirtschaft auserkoren worden, zwanzig Pappenheimer, die »gegen einfachste Marketingregeln verstoßen« (Voeth) und den armen Konsumenten irregeführt bzw. sich selbst ins Knie geschossen haben.
Den ersten Rang unter den »unfreiwillig amüsanten Mißgriffen« (Spiegel Online) sollten die Verantwortlichen des deutschen Netzbetreibers Quam ergattern. Im November 2001 enterte die Tochter der spanischen Telefonica und der finnischen Sonera den Mobilfunkmarkt, fackelte eine 50 Mio. Euro teure Kampagne ab und hatte es allerdings versäumt, für die Kompatibilität mit D1, D2 vodafone u. a. zu sorgen, so daß die potentiellen Kunden nicht zu erreichen gewesen wären. Konsequenz: Im Dezember verkündete Quam beleidigt, den Weihnachtsverkauf »aus Protest« zu stoppen. Parbleu!
Nicht minder gewitzt und gewieft hatte D2 vodafone noch Mitte Oktober auf ganzseitigen Zeitungsanzeigen herumposaunt: »Ab in die Sonne – telephonieren, was der Sommer hält.« Und: »Der Sommer wird heiß.« Telegate, Verona Feldbuschs Arbeitgeber, andererseits ließ sich nicht lumpen und den Asphalt der Düsseldorfer Neureicheneinkaufsmeile Königsallee durch den Schriftzug »Da werden Sie geholfen« veredeln. Die taufrische Farbe trugen der Kundinnen Stöckelschuhe in die piekfeinen Boutiquen, wo dann Schluß mit Kichern war. Ende des Liedes: eine fette Rechnung der Stadtreinigung.
Zwar nicht den Ort, aber den Zeitpunkt verfehlte ein Bravourstück der Marketingfachleute der französischen Wintersportregion Savoyen, als man im Oktober in Nantes 25.000 Päckchen mit Kunstschneeproben, die dem Buchungswillen auf die Sprünge helfen sollten, per Post unters Volk pfefferte und sofort Milzbrand-Panik auslöste. Ebensowenig gebrannt hatte das wiederum eher deutsche Volk auf ein angekündigtes VW-Modell namens »Phaeton«. Phaeton, Sohn des Helios, fuhr – in der griechischen Mythologie – den Sonnenwagen zu Bruch, stürzte auf die Erde hinunt’ und verkohlte, die Welt loderte. Bezeichnenderweise trug die Volkswagenkarre zugleich den Projektnamen »D1«.
Drollige Vorgänge, gewiß. Die blamable Imageanstrengung Rudolf Scharpings, der der BUNTEN mallorquinische Badeimpressionen mit Gräfin Pilati-Borggreve spendierte, während die Bundeswehr gen Mazedonien ausrückte, geriet genauso zum Komplettreinfall wie RTLs Aktion Anfang Januar 2002, einen Millionär bildschirmwirksam mit einer ihm Unbekannten zu vermählen. Wenige Tage nach der Ausstrahlung flog auf, daß Mogelaspirant Thomas Tepe lediglich seine Freundin in die Sendung gelotst hatte; was die Firma August Gerstner GmbH (Pforzheim) freilich nicht daran hinderte, ihren Twister-Ehering weiter mit Bezug auf die RTL-Braut zu beplärren.
Doch, Werbung darf, einem alten Tucholsky-Wort zufolge, offenbar einfach alles, ob auf Bauernschlauniveau oder auf Global-Player-Konzernstrategieebene. Werbung ist das Ferment des entfesselt freien Marktes – und die omnipräsente Belästigung. Sie kreiert konsumtive Wunschbilder, modelliert erbärmliche Lebensstile, sie manipuliert und lügt per se. »Die Werbung leugnet die Wahrheit beharrlich«, hieß es im Katalog zur Ausstellung »echt und falsch – Die Wahrheit im Medienzeitalter« (2000, Mainz, Gutenbergpavillon), und die Exposition »X für U – Bilder, die lügen« (1998/1999, Haus der Geschichte, Bonn) widmete sich den »kalkulierten Trugbildern« des Marketings direkt neben der faschistischen Medienmobilisierung und den Fernsehmythen des zweiten Golfkriegs.
Womöglich ballert man mit U-Boot-Kanonen auf Spatzen, erinnert man daran, daß Werbung, wie wir sie heute verstehen, aus den Methoden der Nazipropaganda und der US-amerikanischen »Rumor clinics« hervorging. Gezielt Legenden lancieren und Gerüchte streuen, bis sie für wahr gehalten wurden, das war die Politik der Verblendung, und 1946 tat die amerikanische Industrie zufrieden kund: »Die Kunst, die öffentliche Meinung zu steuern, hat ein hohes Maß an Vollkommenheit erreicht.«
Heute bedarf es jenes hohen Maßes an Vollkommenheit scheinbar weniger. Die deutsche Helena Verona Feldbusch, gewissermaßen das geschickte Pendant zum turtelnden Selbstvermarktungsgenie Scharping, preist Spinat und Telephonauskunftskünste gleichermaßen täppisch an, und das schert niemanden. Der Verbraucher hat die Masche längst durchschaut.
So lachhaft läuft’s, wo Dreistigkeit und Dummheit die Geschäftsgrundlage bilden. »Werbung verspricht, was sie nicht halten kann. Auf jeden Fall trägt sie zu dick auf«, erkannte der Kunsthistoriker Beat Wyss einst klingenscharf. Für eine solche Einsicht braucht es keinen Marketingwissenschaftler, der den Zeigefinger hebt (»Viele Unternehmen«, tadelt Voeth, »bauen Mist. Es ist Zeit, ihnen den Spiegel vorzuhalten«), geschweige denn einen Wettbewerb, der besonders dicke Klöpse aus der Welt des Schwindels anprangert. Den Job der Selbstentblödung erledigen die Marketingmanager in Politik, Wirtschaft und Sport immer noch selber am effektivsten.
Verschweinskopfung
4. März 2002, kurz vor 5.45 Uhr. Ein deutscher Journalist schreibt seine »erste Feldpost«. Franz Josef Wagner. Sie erscheint einen Tag später. In der Bild-Zeitung.
»Lieber kämpfender deutscher Soldat«, beginnt die »Post von Wagner«, »es liegt mir am Herzen, Ihnen heute zu schreiben.« Und das rapportiert Wagner: »Bei uns daheim im großen und ganzen alles o. k. Boris hat eine Neue, eine US-Perserin, heißt Patrice Farameh. Würdet ihr auch nicht aus dem Schlafsack stoßen. Die Bayern holen auf, unglaublich, nur noch drei Punkte hinter Leverkusen. Ja, und gestern. Die Zeitungen voll mit Formel 1. Ralf Schumacher krachte beim Start mit Barrichello zusammen und flog siebzig Meter mit seinem BMW durch die Luft ...«
Dann, nach exakt der Hälfte – Peripetie! »Plapper’ ich euch zuviel? Ja, ich plapper’ zuviel, weil ich mich darum drücke, über das Töten zu schreiben. Die pazifistischen Grünen und die verlogenen Friedens-PDSler schreien jetzt auf. Ja, ich wünsche euch, daß ihr den Gegner tötet, bevor er euch tötet.«
Nun ist der Rubikon überschritten. Die Post geht ab, es geht ihm einer ab. Jetzt, noch jenseits der Landser- und der Jünger-Prosa, geht alles. Die Presse wird, dem 5. März sei Dank, nie mehr sein, was sie mal war. Mit Franz Josef Wagners Epistel an die deutschen Sondersoldaten begann eine neue Epoche. Dergestalt:
»Über das US-Verteidigungsministerium, nicht über das deutsche, erfuhren wir, daß ihr, Soldaten der deutschen Elite-Einheit KSK, in den Bergen Afghanistans einen Mann-gegen-Mann-Krieg führt. Wenn es Nacht ist, ist euer Gesicht geschwärzt. Tagsüber ist euer Kampfanzug weiß wie Schnee. Ich stammle euch aus der Heimat: Habt Glück, paßt auf, schießt schneller. Herzlichst – Ihr F. J. Wagner«.
F. J. Straußens Verdikt über die »Schweinepresse« greift zu kurz; gleichfalls das – auf die angebliche Linke gemünzte – Gerhard Stoltenbergsche über die »Kampfpresse«. Mit FJW und seiner vollkommenen Verschweinskopfung, mit jener hochgradigsten Obszönität ist nicht mehr zu Rande zu kommen. Wir sind durchs Ziel.
Wie bekannt, sagte ein tschechischer Ministerpräsident vor nicht allzu langer Zeit: »Journalisten sind Dummköpfe, Dreck und Fäkalien.«
Kraus und Kant
Daß er hundertdreißig Jahre alt wird, das hätte sich Karl Kraus, der heute vor hundertdreißig Jahren geboren wurde, ernsthaft erhofft. Den Einzeltod hielt er zuweilen für eine ähnliche Pest und Zumutung wie die Welt in ihrer niederträchtigen Beschaffenheit, die Welt, die, so ein fast geflügeltes Wort des großen Wieners, nach der Presse erschaffen wurde und seither versinkt im Ozean der »Welthirnjauche«; und die, die Welt, noch jenseits aller Pressefrechheiten und publizistischen Infamien vor allem in Agonie und Raserei liegt, weil die Menschen nicht zur Besinnung gelangen und ihren Planeten unvermindert in einen die Apokalypse hier und heute vor Augen führenden Friedhof verwandeln, auf dem sich die Würdelosigkeit der Gattung nackt und kahl und fürchterlich in stetig wachsenden Leichenbergen zu erkennen gibt.
Daß ihm irgendein dahergelaufener Quackel in irgendeinem nutzlosen Feuilleton einen Geburtstagsgruß darbringt, hätte sich Kraus schneidend verbeten. Seine Verachtung der bürgerlichen Usancen und der bürgerlichen Gesellschaft, die vernebelnd so heißt, damit man über den Kapitalismus und den Krieg nicht reden muß und in der Nabelschau das Bewußtsein verlogen befriedet, war – entgegen aller Häme, die ihm von den Feiglingen entgegengebracht wurde – Ausdruck eines Mutes, der Zeitungsschreibern so fern ist wie der Mars der Erde, und einer Liebe zu den Menschen, die deshalb wahrhaftig war, weil sie auf jede sentimentale, scheinheilig empathische Äußerung verzichtete.
Nur im Haß vermag Humanität noch zu überdauern angesichts einer Welt, die in Gewalt, Leid und Barbarei zugrunde geht – das war wohl ein Credo des Karl Kraus, obschon er eingewendet hätte, daß, wer ein Credo hat, keinen Gedanken hat. Sein Haß galt den Schmöcken, und er galt dem Militär und allen, für die es kein Skandal ist, daß Menschen hingemetzelt werden.
In der Fackel Nr. 474-483, im Mai 1918, stellte er der Rede eines deutschen Mörders, der 1917 dem »Herrn der Heerscharen« gedankt hatte für den »völligen Sieg im Osten« und »die Heldentaten unserer Truppen« »wurzeln« sah »in den sittlichen Kräften, im kategorischen Imperativ« des »großen Weisen von Königsberg«, eine kurze Kant-Passage gegenüber, in der der philosophische Jubilar des Jahres die »Hymnen, die dem Herrn der Heerscharen gesungen werden«, als furchtbares Symptom der Gleichgültigkeit bezeichnet, weil sie »noch eine Freude hineinbringen, recht viel Menschen oder ihr Glück zernichtet zu haben«.
Kraus ließ diese deutsche Soldatenperversion, wie nicht selten, unkommentiert. Wenige Seiten später widmete der Hasser dem ostpreußischen Milden das sechzehnstrophige Gedicht »Zum ewigen Frieden«, seine Verehrung auch dadurch bezeugend, daß er Kants Vermächtnis als Motto vorausschickte: »Bei dem traurigen Anblick [...] der Übel, [...] welche sich die Menschen untereinander anthun, erheitert sich doch das Gemüth durch die Aussicht, es könnte künftig besser werden; und zwar mit uneigennützigem Wohlwollen, wenn wir längst im Grabe sein und die Früchte, die wir zum Teil gesät haben, nicht einernten werden.«
Die Verse, die Kraus, der finstere Aufklärer, darunter schrieb, sind nichts anderes als zart, warm, hell und wahr. »Nie las ein Blick, von Thränen übermannt, / ein Wort wie dieses von Immanuel Kant. // Bei Gott, kein Trost des Himmels übertrifft / die heilige Hoffnung dieser Grabesschrift«, beginnt die Hymne, und sie endet, das Ende aller Zeiten abwehrend: »Sein Wort gebietet über Schwert und Macht / und seine Bürgschaft löst aus Schuld und Nacht. // Und seines Herzens heiliger Morgenröte / Blutschande weicht: daß Mensch den Menschen töte. // Im Weltbrand bleibt das Wort ihr eingebrannt: / Zum ewigen Frieden von Immanuel Kant!«
Der Sportloser des Jahres 2002
»Ohne Boris Becker wär’ ich nix!« bezeugte am 11. Dezember 2002 ihre unverbrüchliche Dankbarkeit gegenüber dem von der Bild-Zeitung nach wie vor als »Tennisheld« gehandelten Leimener Windei die ehemalige Lebensaufschlagsgefährtin des Wimbledon-Berserkers und heutige sog. TV-Moderatorin Patrice Farameh und lieferte uns damit das alles entscheidende Big-Point-Stichwort zur finalen Begutachtung des Sportjahres 2002. Denn ohne Boris Becker wäre das ganze Sportjahr 2002 praktisch ein einziges Null-und-Nichts gewesen, nicht der kürzesten Rede wert wäre es gewesen, ohne Becker, Boris, den ewig jungen Haudrauf und Hauweg.
»Ohne Boris Becker wär’ ich nix!« – ein Satz gleich einem Menetekel, gleich einer monumentalen Mahnung daran, daß wir, die Menschen, die sich nähren von der Presse Arbeit, ohne ihn, den just mit eigener Buchbiographie versehenen Steuerschluri, ziemlich alt aussähen. Ja, ohne Boris wäre nicht nur das Sportjahr 2002 ein endlos fader Brei aus Nebenereignissen und unterklassigen Wettbewerben gewesen, ohne Boris wüßten auch wir, die Kommentatoren und Kritikaster, wenig, wenn nicht nichts zu sagen.
»Ohne Boris Becker wär’ ich nix!« Ach, was ein atemberaubendes Axiom des modernen Lebens! Nicht auszudenken, gäbe es ihn, den Boris, nicht. Nichts wäre los. Nichts wäre zu erzählen. Über nichts wäre zu berichten. Wir alle wären geworfen ins nihilistische Nano-Nichts der neusten Neuzeit, orientierungslos umherirrend im leeren Raum der Zeit.
»Ohne Boris Becker wär’ ich nix!« Welch Leit-, welch Stichwortsatz, welch mentale Stütze in Zeiten des Umbruchs und der allseitigen Ungewißheiten. Descartes ex negativo auf den Begriff gebracht: Boris ergo sum.
Nicht dumm, zog sich Ende November auch der gescheiterte Ex-Davis-Cup-Teamchef Michael Stich am Stichwort- und Leitsatz des Jahres aus dem Existenzsumpf der Belanglosigkeit und zurück ins Licht der Öffentlichkeit. Er und Boris seien jetzt, nach Jahren der erbittertsten Kämpfe um gelbe Bälle und die Aufmerksamkeit der Yellow Press, dioskurische »Kumpels«, hauchte Stich anläßlich einer Showpartie der Tennis-Seniorentour in der Frankfurter Ballsporthalle. Da sei, man halte den Odem an, plötzlich »beinahe Zuneigung« zwischen ihnen, und sie, die beiden weißen Barone, hätten nun, da sie Freunde seien, auch »Lust auf mehr«. Aber bloß Lust auf mehr Tennis.
»Ohne Boris Becker wär’ ich nix!« Ein Spruchband, das einige der wenigen Frankfurter Zuschauer, Mitglieder des Luckenwalder Tennisclubs, an der Tribüne aufgehängt hatten, drehte diesen Wahnsinnssatz ins noch ein bißchen Würdelosere und brachte nolens volens die irrsinnige Irrelevanz des ganzen Sporttreibens auf den dialektischen Begriff der Sinnleere unserer Tage: »Becker & Stich – Ohne euch wären wir heute ›Synchronschwimmer‹!« stand da. Synchronschwimmer in Anführungszeichen gesetzt und mit Ausrufezeichen versehen, wohlgemerkt. Der Ironie wegen. Oh, welch abgründig witzloses Dasein, diese Welt des Tennis und des Boris Becker!
Wäre aber, vorsichtig nachgefragt, ein Anführung Warmduscher Abführung Ausrufezeichen nicht doch noch einen Topspin ausgefeilter und augenzwinkerischer, um nicht zu sagen: linkischer gewesen? Bzw. ein Anführung Weicheier Abführung Ausrufezeichen – Fragezeichen?
Daß wir ohne Boris nix wär’n und daß Boris lieber nix wär’ als ein warmduschendes Weichei, das hat uns das Sport- bzw. Pressejahr 2002 aus- und nachdrücklich reingedrückt, und zwar über alle verfügbaren Kanäle und Printmedien. Live und in voller Laberlänge übertragen wurden u. a. etwaige heikle und harte Handlings mit einem »gierigen Russen-Model« (Bild) und um eine mallorquinische Frickelfinca, parallel angebahnte und wie immer zu bewertende Hautkontakte mit Claudia Schiffer und der USA-Emigrantin Babs Becker sowie der dann heftig aufrückenden »US-Perserin« (Bild) P. Farameh, Boris’ geheime Neigung zu blonden Frauen und die simultane blond strahlende neue Internetkampagne des Unwiderstehlichen; sowie die weiter zunehmenden Glücksminuten des Boris mit seiner Patrice und der Babs mit ihrem Fitneßtrainer als auch deren, Babsens, plötzliche Rückkehr nach Europa; nicht zu vergessen die originären Erkenntnisse des Vaters Becker, man könne sich nicht scheiden lassen und mit Patrice aber auch leider keine Kinder machen, weil das eben nicht gehe, wo doch die Neue Post eine »Tragödie um seinen kleinen Sohn Elias« ertrüffelte und die Münchner Richterin Knöringer so sehr des Beckers Kohle begehre und ihn, den Boris, so der Spiegel, zum »letzten Tie-Break« antreten lasse, der allerdings ohne Knast oder Erschießen endete, weshalb die großartige Gala vermeldete, Boris, das »Mode-As« (BUNTE), sei der von uns allen so heiß ersehnte »Vorreiter der Ich-AG«, sozusagen in Fortsetzung des gnadenlosen Spiegel-Titels aus 2001, auf dem der Unsrige prangte, keusch begleitet nur von einem einzigen, dem ersten Menschen- und dem Gotteswort der Hybris: »Ich«. Weshalb endlich, endlich Boris’ Partner in Pressecrime, Franz Beckenbauer, nicht mehr an sich halten konnte und in die Zeitschrift BUNTE hineinkumpelte: »Boris hat mit seinen 34 Jahren mehr erlebt als alle anderen in seinem Alter. Er befindet sich in einer permanenten Lernphase, aus der er wohl als Sieger herauskommen wird.«
»Ich weiß, daß ich büßen muß«, sprach Boris Becker nach seinem Steuertribunal und fischte erst mal frischfrei die Schauspielerin Mariella Ahrens, die der BamS unterbreitete, er könne »so gut zuhören«. Währenddessen zahlte Tommy Haas per Gerichtsbeschluß Sponsorengelder in Höhe von 516.794 Euro plus Zinsen an die Mäzengemeinschaft TOSA Tennistalentförderung GmbH zurück, und die Slowakei gewann den Fed Cup. Den Fed Cup? Was’n das? Etwa Tennis?
Doch, der Fed Cup hat stattgefunden im Sportjahr 2002. Aber ohne Boris Becker war das einfach nichts. Sagen Sie, mal unter uns: Ist da nicht der Sport, das Tennis, der eigentliche Loser des Jahres? Ich zumindest stecke mir eine Träne ins Knopfloch und breite das weiße Taschentuch des Vergessens über all das, all das beckerhaft Ekelhafte und Tennisalptraumartige.
Sprachskitch
Die Sprache ist etwas Wunderbares. Täglich stehen wir, sofern wir eine gewisse Aufmerksamkeit entwickeln und das »Gerede des Man« (Heidegger), das anschwellende und abflauende Geschwätz und das flachgestochene Spezialgelaber der politischen, ökonomischen und bürokratischen Pressure-groups und Szenen aus der Distanz betrachten, vor dem »Wunder der Sprache« (Walter Porzig), das die Sprache, die »erste Tat der theoretischen Intelligenz« (Hegel), stets aufs neue und auf wunderbare Weise wie von allein zu vollbringen scheint.
Freilich sind solche terminologischen und phraseologischen Kreationen und Emanationen wie »Komplexitätserziehung«, »knusperknackig«, »schokoschmackig«, »Emo-Schiene«, »verschlanken«, »Meat Shop«, »Verwöhnaroma« oder »Maßnahmenkatalog« (allesamt verewigt in Eckhard Henscheids Wörterbuch Dummdeutsch) nicht von der unsichtbaren Hand der Sprache, sondern von Sprachdesignern und Sprachingenieuren im Dienste der Manipulation des Bürgers oder des Marktsubjekts geschaffen worden. Die als keusch und rein vorgestellte, gleichwohl nie homogen gewesene Gemeinsprache ist heute stärker denn je durchdrungen von Soziolekten und Slangs, von fachsprachlichen Wendungen und expertokratischen Wortbildungen, und das hat der Sprache auch gutgetan, zumindest i. S. einer begrüßenswerten Verwilderung, ja Chaotisierung des Universums der Rede.
Wenn man nun aber nach den Werbeklassikern »Arm-Chair-Shopping« oder »Essential Facial Cleaner« und zumal angesichts der Frankfurter Snack-In-Stand-By-Street-Coffee-Bar namens Energy Eatery in einer Anzeige für ein neues Skateboard-Computer-Game lesen muß: »Skitchen Sie an Auto-Stoßstangen, skaten Sie auf beweglichen Objekten und machen Sie Transfers über Spins« – dann befremdet nicht nur die veraltete Höflichkeitsform der Anrede; es enttäuscht der insgesamt leider fehlende Speechschmiß, das mangelnde Sprachskitching, der schwache Bedeutungstransfer. Selbst weitere Hinweise auf irgendwelche »Online-Modi, inklusive Punkte-Challenge und Capture the Flag« retten da nichts mehr.
Unser Verbesserungsvorschlag wäre daher: »Zieh dir das volle Skitchfeeling rein! Browse über die geilsten Schlitten, surfe auf deinem touchy scharfen Moveboard und whirle in Powerspins und Comearounds über die irrsten Spines, Spoons und Spoilerspans!« Oder vielleicht doch eher: »Cool! Kraß! Kaufen!«
| Supismus | Co-Autor: Michael Tetzlaff |
In Wörterbüchern sind u. a. folgende Zustandsbezeichnungen, d. h. Dach- und Bündelungsbegriffe für komplexe Sachverhalte verzeichnet: Sozialismus, Kommunismus, Leninismus, Marxismus, Maoismus und Maoam.
Seit Sonntag, dem 27. April 2003, ist ein – noch nicht lexikalisierter – Neuzugang zu vermelden. Heribert Prantl, einer der letzten denkenden Journalisten hierzulande, mahnte im ARD-Presseclub angesichts des weitverbreiteten Alarmismus seiner Kollegen: »Wir Journalisten neigen ja sehr zum Sofortismus ...«
Soso, Sofortismus. Das war im Grunde ordentlich gesagt, doch was meinte Prantl da im näheren? Die Schnellschußmentalität der Presse? Also deren Schnellismus mit einem guten Schuß Voreiligkeitsmentalismus, der oft nach hinten losgeht?
Ganz zu klären ist es letztlich nicht, aber Prantls »Vorstoß« (Augstein) eröffnet ein weites Feld für dringend gebotene Zustandsbezeichnungsneologismen, die komplizierte Zusammenhänge griffig auf den Punkt bringen. Wir schlagen deshalb – berufsgruppen- und anderweitig differenzierend – vor: Fortismus für Werber, die sagen: »Ich muß los!« und gehen – und zwei Minuten später setzt sich das kroatische Frauenmirakel Miranda F. an den Nebentisch; Veritatismus für Politiker, die dafür sorgen, daß sich Journalisten immer häufiger zu sofortistischen Handlungen hingerissen fühlen; Vollkornismus für Bäcker, die voreilig, d. h. samstags vor halb zehn bereits sämtliche Vollkornbrötchen verkauft haben; Falsismus für Künstler, die so täuschend echt malen, daß niemand mehr ein noch aus weiß; Ausweisismus für Schiedsrichter, die ehrliche Kräfte wie Mario Basler u. a. vom Platz stellen, obwohl sie einen gültigen Spielerpaß besitzen; Satanismus für Rockgitarristen, die immer wie »Carlos« Sa(n)tana klingen; Rockismus für Popmusiker und Frauen; Emotionalismus für Katzen, Hunde und höheres Getier; Taktilismus für flinke Männer(hände); Spagatismus für die, die auf »allen« Hochzeiten tanzen; Aufzugismus für Aufmaschler; Mauschelismus für Maulhelden; und Hinhaltismus für alle. Wär’ supi, odrrrr?
Transzendentale Reform
Gerade hatte die FC Bayern AG mal wieder einen Titel heimgebracht, den des Deutschen Fußballmeisters 2005, da hauchte ihr Vorsitzender Karl-Heinz Rummenigge einem Reporter der Süddeutschen Zeitung voller Zartgespür für die neben dem Fußball wichtigste Nebensache der Welt, das Leben in dieser Gesellschaft nämlich, ins Mikrophon: »Der Fußball gehört reformiert, wie unsere gesamte Gesellschaft reformiert gehört. Wir sind hier ein Land der Gleichmacherei geworden. Das muß aufhören. Der Fußball muß da möglicherweise auch gesellschaftspolitisch eine Vorreiterrolle spielen.«
Mögen uns die höheren Mächte davor bewahren, künftig womöglich von Karl-Heinz Rummenigge und Franz Beckenbauer regiert zu werden, in Anbetracht der demnächst reformierten Berliner Regierung, mithin der gründlich neuformierten Bundeskanzlerinnenreformmannschaft oder aber auch einer großen, gewaltigen Koalition aller Reformkräfte dieses Landes, hat Kalle, der Katechet des knallharten Kapitalismus, doch den Nagel auf den Kopf getroffen.
Denn nie war mehr Reform, nie mehr »Reformbedarf« als heute. Obwohl im Zeitraum des letzten Jahres in einer diffusen Meinungsgemengelage mitunter schon wieder darüber geklagt wurde, das »strapazierte Wort ›Reform‹« (Börsenblatt des deutschen Buchhandels) sei, wie der Politologe Frank Decker eruierte, »bei den Wählern nicht mehr unbedingt positiv besetzt«, und obschon Michael Rutschky einen »Reformstreß« und der Kölner Expreß einen »Reformstau« ausgemacht hatte, feuerten die Medien angesichts der anstehenden resp. bereits eingeleiteten Gesundheits-, Gebiets-, Rechtschreib-, Steuer-, Hochschul-, Arbeitsmarkt- und Sozialreformen unvermindert aus allen Rohren – und verlangten auf Grund der sich angeblich einschleichenden Reformhalbherzigkeit der Schröder-SPD einen schmissigeren »Reformschwung« (stern) für den »Reformkurs« (ebd.) sowie stärkere »Reformmotoren« wegen eines zu erhöhenden »Reformtempos«, was aber wohl ausnahmsweise kaum was mit den allseits beliebten »revolutionären Reformen im Reglement der Formel 1« (ARD-Text) am Hut hatte.
Wie lautet, so gesehen, das Gesetz der Stunde, der Woche, der nächsten Monate und ja Jahre? Reform ist, wenn Reform ist und irgendwie wiederum auch nicht ist. So lautet es. Reform ist, wenn die Reform, die ist, keine Reform ist, die den Namen Reform verdient. Deshalb ist Reform angesagt, die Reform der Reform. Und deshalb hat unser führender Reformquer- und Reformleistungs- und Reformturbotalkshowdenker, der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel, via Fernsehen, das sich übrigens auch bald mal warm an- und einer Vollpowerprogrammreform unterziehen sollte, bereits weg- und richtungsweisend »die Reform der Reformfähigkeit« eingefordert. Ja, genau: die Reform der – Reformfähigkeit. Das Vermögen, zu reformieren, umzugestalten, selbst umzugestalten, das ist die Devise unserer gesegneten Reformzeit, warum und wozu auch immer, Hauptsache, es wird in einem wahrlich kantianischtranszendentalen Doppelreflexionssalto die Reform selber reformiert, bis der Reformator nicht mehr weiß, was er da eigentlich permanent reformatorisch zusammenquakt, endlich niedergestreckt von seiner Wortallzweckwaffe, diesem zähsten aller akuten Kleister- und Nebelwörter, und siech, aber beseelt weiter vor sich hin quasselt, und zwar so: »Was wir brauchen, ist die reformatorisch fundierte Reform des Reformgedankens, damit die notwendigen Reformen im Reformfundus der Gesamtreform des gesamten Gemeinwesens ihre reformierende Kraft als wirkliche Reformen der Reformen entfalten können.«
Nein, es ist im Zuge der unterm Banner der Reform, die im ursprünglichen Sinne eine rationale, planvolle Veränderung oder Besserung der sozialen und anderweitigen Verhältnisse zum Ziel sich setzt, vorangetriebenen Deformation und Demontage des Sozialstaates immer weniger Menschen zum Albern zumute. Die »Agenda 2010« mit ihren brutalen Einschnitten bei der Arbeitslosenhilfe, beim Kündigungsschutz, im Gesundheits- und Rentenwesen ist seit dem 1. Januar 2004 in Kraft und das bis dato umfänglichste Dokument einer götzengleichen Verehrung des Irrationalismus des Marktes. Trotz aller Reformen, die nicht erst seit Schröders Regierungsantritt 1998 wüten, ist nicht ein einziger Arbeitsplatz entstanden, im Gegenteil. Dafür fahren die Konzerne Gewinne ein, daß sich die Geldspeicher biegen. »Wachstum bedeutet nicht weniger Arbeitslose, sondern mehr«, merkt Hermann L. Gremliza zu Recht an, das darf in China genauso wie in den USA oder in Deutschland beobachtet werden, nur daß Verelendung hier »Hartz IV« heißt.
Eine »irrationale Panik vor den Folgen der Globalisierung«, meldete sich DGB-Chef Michael Sommer vor einem Jahr zu Wort, habe »zu der Übereinkunft bei Parteien und Medien geführt, daß alles schlechter werden muß – nur nicht für diejenigen, die schon genug haben«. Daß die Gewerkschaften, die Guido Westerwelle bekanntlich als »Landplage« belobigt hat, den Bann des »Reform-Mantras« (taz) durchbrechen könnten, ist illusorisch. Deshalb meldete Spiegel Online jetzt auch im höheren Sinne des Hans-Olaf Henkel: »Union will Hartz-Reform reformieren«, und die vorgeblich überparteiliche Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, an der sich u. a. Friedrich Merz und Florian Gerster beteiligen, gab die Losungen aus: »Wir wollen, daß die Reformbereitschaft trotz Wahlkampf steigt. Soziale Übertreibungen müssen ein Stück weit zurückgenommen werden. Wir können uns keine Reformferien leisten.«
So bleibt der güldene Satz des FC-Bayern-Managers Uli Hoeneß eisern gültig: »Bei der Reform darf nicht gemauert werden.« Es muß geschossen werden. Wer immer dabei auf der Strecke bleibt. Ganz am Ende vielleicht ja sogar das gnadenlose Fetischwort: Reform.
Nix krank
Früher, wann immer das war, zuweilen scheint es, es sei vor Jahrzehnten gewesen, früher sprach man unter Kollegen und Freunden gelegentlich und ohne schlechtes Gewissen darüber, sich außerplanmäßig mal ein paar Tage Erholung zu gönnen, auszusteigen aus der Mühle der Arbeit, der blinden Mechanik des Weiter-so zu entrinnen – und krankzufeiern. Es durfte dann, so die Wahrnehmung dessen, der ja durch Abwesenheit letztlich der Wiederherstellung seiner körperlichen und psychischen Arbeitskraft diente, der Boß im Dienste der Produktivität, d. h. im Dienste seines Profits, ausnahmsweise ruhig selber mal eine Ecke schärfer buckeln.
Das Krankfeiern war eine Waffe, keine sehr spitze, aber ein Mittel, um diejenigen, die über die Produktionsmittel verfügen, ein wenig zu triezen. Noch früher, vor Jahrhunderten, erfreute sich der Blaue Montag unter Handwerkern so großer Beliebtheit, daß er regelrecht institutionalisiert wurde. Es gab einmal etwas, das man Klassenbewußtsein nannte, und sei es lediglich Ausdruck eines Restes an sozialem Stolz und Würde gewesen.
Heute herrschen die einen wie gewohnt, und die anderen beherrscht die Angst, die Angst, den Job, die materielle Grundlage ihres Lebens, zu verlieren. Wen noch die Gnade irgendeines »Arbeitgebers« ereilt, wer noch für ein paar Euro bei höchst prekären Arbeitsbedingungen ackern und rackern darf, darf froh und dankbar sein, dankbar seinem Ernährer, dem Unternehmer, den der große Demiurg, der Markt, schuf, auf daß der Terror, den sich die Menschen in der bedingungslosen Konkurrenz selbst zufügen, nie ende.
Es sind dies Zeiten, in denen der »objektive Geist« (Hegel) schamloser und rabiater denn je um nichts anderes als um Sekundärtugenden wie Selbstausbeutung und Unterwerfung rotiert, flankiert von sog. Philosophen (Norbert Bolz & Co.), die den Markt zum Heiligtum der Moderne erklären und seine »zivilisierende Funktion« preisen. Der Markt indes schert sich, das war schon immer so, einen feuchten Kehricht um seine Professoren und verwandelt die sog. Zivilgesellschaft vollends in einen Disziplinierungsapparat, angesichts dessen der (angeblich) Unproduktive endgültig nichts mehr zu lachen hat.
Der Berufsstand des Detektivs, der krankgeschriebene Lohnabhängige im Auftrag des Herrn observiert und gegebenenfalls des Betrugs am Betriebsvermögen überführt, ist hoch angesehen, und simultan erreicht die Zahl der Krankmeldungen einen historischen Tiefstand. Die Einschüchterung zeigt Wirkung, und wer ganz sichergehen will, ob er nun wirklich krank ist und dieser Verfehlung Rechnung tragen möchte, befragt den Think tank der Bourgeoisie, die Redaktion der Bild-Zeitung, die Tips erteilt, wann man sich wie krankmelden darf, nach Recht und Gesetz.
Ich für meinen Teil werd’ mal bei meiner Ich-AG anfragen, unter welchen Umständen ich das Recht in Anspruch nehmen darf, mich vor mir selbst krankzumelden. Die Zeit, bis mich eine Auskunft erreicht, bringe ich locker rum – auf dem Sofa liegend und ein altes Lied pfeifend: »Danke für meine Arbeitsstelle ...«
Krautlese
Ausgerechnet Karl Kraus, dem maximal drei von hundert Katachresen und journalistischen Wortschlunzen durch die Lappen gingen und der solche Exempel für gedankliches Gekrautere mit dem Vernunftfuror des hochangestrengt Formbewußten zerpflückte und zerriß, hat sich dagegen verwahrt, Stilblüten »auszujäten«, das zeuge »von einem schlechten Geschmack, von einem, der da wünscht, daß in der Zeitung nur korrekte Phrasen wachsen. Stilblüten sind die glücklichen Ausnahmen, denen wir in der Wüste der Erkenntnis begegnen. Und ist es nicht von einer ergreifenden Symbolik, wenn einer Zeitung der Satz gelingt: ›Sterbend wurde sie ins Spital gebracht, wo sie einem toten Kinde das Leben gab.‹ Geschieht das nicht unser aller gemeinsamen Liebsten, der Kultur? Sterbend wurde sie in die Redaktion gebracht und gebar die Phrase. Ach, wer doch dem toten Kind das Leben gäbe! Er würde die Mutter retten.«
Kraus erblickte wenn nicht bereits in der »Kultur«, dann gewiß in der bekannten »Welthirnjauche« der phrasendrechselnden, darob eben sehr wohl unermüdlich Stilblütenbastarde erzeugenden Journalistik allen Anfang der Barbarei, und ohne garantiert allzuviel vom Wiener zu wissen, gelang dem ohnehin nicht üblen Frankfurter Schriftsteller Jörg Fauser mit seinem gleichgesinnten Verdikt zur allgemeinen »Kulturjauche« ein ähnlich gelagerter epistemischer Punch.
Aber beide sind jetzt widerlegt – zum einen durch die Zeitung der Heilsarmee, die sich Der Kriegsruf nennt, ab ovo für sprachliche Totalkollateraltreffer sonder Zahl geradestehen müßte und gleichwohl: in einer Ausgabe von immerhin zwölf Seiten augenscheinlich weder einen einzigen gravierenden grammatischen noch einen bemerkenswerten metaphorischen Harakirihieb zuwege bringt – und nur aufs schönste und korrekt z. B. von der »Aussendung der Kadetten« berichtet, bei welchem Jubelfest Erhabenes geschieht: »Durch beeindruckende Anbetungstänze wird das Schicksal der Menschheit dargestellt.«
Zum anderen widerspricht das Frankfurter Stadtteilperiodikum Das Blättche – übersetzt heißt »Feuilleton« ja nichts anderes als »Blättchen« – dem Wiener/Frankfurter Duo, und sei’s insbesondere durch seine »köstlichen« Chefinnen- und Kulinarkolumnen, in denen sämtliche Wörter am richtigen Satzplatz und in ordentlichstem Reih- und Satzglied herumstehen, etwa wie folgt: »Die Kollegin, die da immer mittwochs für uns so lieb Brote schmiert, fragte mich, wieviel ich denn wollte. Ich dachte kurz nach und bestellte ›drei Scheiben, mit Käse‹. Nun ging ich davon aus, drei Scheiben Brot belegt zu bekommen, die dann zusammengeklappt insgesamt drei halbe Brote ergäben. Was ich aber bald darauf in einem kleinen Paket in Händen hielt, waren sechs halbe doppelte Brote, die aus insgesamt drei doppelt belegten Brotscheiben, sprich insgesamt sechs Scheiben Brot entstanden waren. Seitdem denke ich darüber nach, daß drei Scheiben Brot eben nicht überall das gleiche sind.«
Kein Wort schießt da, bei aller verwirrenden Relativität der Welt und der Zahlen, ins ungestüme Kraut. Still blüht der Stil, ohne eine einzige blättrige Blüte hervorzutreiben. Um den Journalismus ist es also doch nicht allzu schlecht bestellt. Bzw. offenbar viel zu gut, zumindest in den Gärten seiner regionalen und religiösen Einfalt, sollte die Publizistik hier möglicherweise auch lediglich »Kultur als Käsestulle« (Jörg Fauser) präsentieren oder prolongieren. Oder andererseits und gewissermaßen vice versa wiederum wieder doch nicht?
»Jesus bietet sie an«, die »Pause« als Erholung vom kurrenten »Streß«, weist Der Kriegsruf schließlich doch noch den Weg, die Pause »als echte, kraftspendende, wohltuende Auftankphase mit Abladechancen«. Den Satz hätte sich Karl Kraus dann evtl. auch rausgezupft, und er hätte ihn eingetopft und auf die Werkstattfensterbank gestellt – auf daß er weiterblühe und gedeihe und in einer wohltuenden Arbeits- und Auftankpause in seiner abladend-erlösenden Chance zur Kraft- und Sinnfindung vollends begriffen und demzufolge heftig begossen werde.
Wortfeldpost (Linguistischer Bericht)
Neulich wurde ein lupenrein uneitler Text von mir ins Internet »gestellt«, d. h. »hineingestellt«, hineingestellt in ein Etwas, das Netz heißt und eine Art Raum sein soll, ein Gewebe, ein gigantisches Wortfeld, das – gemäß der schon etwas abgehangenen Wortfeldtheorie eines Jost Trier und eines L. Weisburger con Co. – seinen Elementen Bedeutung verleiht durch die Oppositionsverhältnisse, in denen sich die Elemente (Wörter, Worte, Texte) befinden oder wiederfinden, sofern sie sich wiederfinden lassen im »Wortnetz« (Trier) des Internet oder Internets. Und da sagte ich mir: Man müßte mal nachfragend und tief bohrend was zum Begriff und zur Tätigkeit des internetaktiven und internetinteraktiven Hineinstellens machen, als Pragmaparaphrase auf Heideggers Gestelz vom Gestelltsein des Gestells und unser aller.
Aber das muß man ja eigentlich nicht.
Prügelstrafe für Sätze
Da man liest: »Wenn allerdings das Bild von der sprachlichen Arbeitsteilung zu stark gemalt wird, indem man die Konstitution des ›wahren‹ Objekts zur Expertensache macht, indem insinuiert wird, daß der Gegenstand selbst nur eines von vielen möglichen Modellen sei, entzieht man dem ›Alltags‹-Sprecher jede Möglichkeit zur Bezugnahme, weil dieser eben nicht auf die in einer chemischen (oder sonstigen speziellen) Theorie postulierten Entitäten referiert, sich beziehen will, sondern auf das Ergebnis seiner Interpretationsakte, die sich aus dem Umgang ergeben« – dann liegt der Gedanke nicht allzu fern, in so einen sensationellen Text ein bißchen Ordnung hineinprügeln zu wollen.
Ein Kind Gottes
Man soll nicht allzu unnachgiebig mit sog. Kollegen ins Gericht gehen, die sich ab und an – und meist mißmutig – in ein Fernsehstudio begeben, um ein Buch oder sonst was in die Kamera zu halten. Jedenfalls finde ich, daß auch komische Künstler und Satiriker und ähnlich Gesinnte ihr Brot und ihr Bier verdienen dürfen.
Ob es allerdings nötig war, daß der verdiente und reich und berühmt gewordene Manfred Deix am 27. September 2003 unendlich lange Minuten, mir schien es: mindestens zwei Viertelstunden lang ausgerechnet bei Karl Moik im Musikantenstadl herumhockte und einen furchtbar eitlen Stiefel zusammenstopselte, das möchte ich nicht entscheiden müssen. Und das Traurigste an diesem ungeheuerlichen Vorgang, auf den ich beim Zappen gestoßen war, offenbarte sich, als irgendein gleichfalls anwesender St. Pöltener oder sonstiger Katholenkumpan dem Manfred bischöflich bescheinigte, auch er sei ja »ein Kind Gottes«, jaja.
Der lustigste oder bloß klügste der drei Dösbrummer war übrigens der Moik Karl, der dem Manfred dann irgendwann steckte, man habe ihn nun genug in eigener Sache herumpredigen hören. Der aber, der Deix, war hoffentlich einfach gnadenlos voll. Halten zu Gnaden.
Viel Licht
Erfreulich ist es, wenn man die Methode des Karl Kraus auf ihn selbst anwendet, blind Band 5 der Zweitausendeins-Fackel aufschlägt und auf den Seiten 26 und 27 der Nr. 300 vom 9. April 1910 nebeneinander stehen sieht: »Sie haben die Presse, sie haben die Börse, jetzt haben sie auch das Unterbewußtsein!«; und: »Und wenn die Erde erst ahnte, wie sich der Komet vor der Berührung mit ihr fürchtet!«
Mehr ist über den Weltzustand, der ein Zustand ist, in dem sich die Presse befindet, auch fast sechsundneunzig Jahre später nicht zu sagen.
Tausendjähriger Kraus
Presseerzeugnisse sind unversiegbare Quellen des Stusses. Das wußte keiner besser als Karl Kraus, der nicht nur den geistigen, sondern auch den handwerklichen Mißgriffen nachspürte und Druckfehler unerbittlich, ja saddamartig verfolgte – meist verzweifelt und fluchend, wenn der Setzer die Fackel verhunzte, eher attackierlustig und amüsiert, wenn die Klopsköpfe der Tageszeitungen zuschlugen. Daher sei zum Gedenken an den großen Wiener und seine aufopferungsvolle Arbeit hier ein kleiner Satz niedergelegt, den das stets mit höchstem Aufwand redigierte und korrigierte Komikfachblatt Frankfurter Rundschau am 28. Februar 2003 anläßlich einer Besprechung des Briefwechsels zwischen Kraus und Herwath Walden in Satz gehievt hat; ein Satz, den Autor Yaak Karsunke und die fidele Feuilletonmannschaft gemeinsam verantworten und für den sie deshalb meine heurige Narrengoldmedaille auch gemeinsam entgegennehmen müssen. Nun, auf jetzt! »Dieser geballte editorische Aufwand gilt – zumindest behauptet das der Untertitel – einem ›Briefwechsel‹ zwischen Karl Kraus und Herwath Walden aus den Jahren 1909 bis 1912. Die beiden hatten sich 1090 in Wien kennengelernt, wo der relativ wohlsituierte Kraus (Jahrgang 1974) seit 1899 die Zeitschrift Die Fackel herausgab.«
Ich hätte es der Rundschau nicht zugetraut, aber – sie hat mich zum Lachen gebracht.
Das Planf in Kunst und Kultur
Im Herbst 2003 führte die Frankfurter Rundschau ein wöchentliches, nur in Hessen beiliegendes Veranstaltungsmagazin mit dem Titel plan.F ein – Anlaß genug für ein Gespräch mit Eckhard Henscheid über diesen bedeutenden Schritt für die deutsche Sprache.
Es gab im Deutschen bisher nur vier Wörter mit der Endung »nf«: Senf, Genf, fünf, Hanf. Jetzt gibt es ein fünftes: plan.F bzw. planf, mit oder ohne Punkt. Oder auch als Substantiv: Planf.
Ja, man hat planf erfunden, damit fünf selbstreferentiell wird. Jetzt sind’s fünf Wörter, mit dem Wort fünf. Vorher stimmte das irgendwie nicht. Fünf stand ja für vier Wörter. Was die Reimbarkeit betrifft, sieht’s natürlich furchtbar aus. Es reimt sich bisher eigentlich nur Genf auf Senf – »Genf? / Was soll der Senf?!« –, im Unterschied zu Bern: »Bern? / Aber gern!« Im Stepulat, dem Reimlexikon, kommt die Endung »nf« gar nicht vor.
Die phonetische Einheit »nf« ist nicht reimfähig?
Nein, weder die Silbe »anf« noch die Silbe »enf« kommt vor. Das »nf« ist offenbar eine Quantité négligeable. Das ist schade, denn es ist doch eine sehr charakteristische, eindrucksvolle Schlußwendung. Auch mehrsilbige Wörter würden gut damit fahren. Um so notwendiger ist es deshalb, daß nun planf auf uns gekommen ist.
Du begrüßt also seine Einführung?
Ja, im Gegensatz zu Fraport [für: Frankfurter Flughafen, äh: Frankfurt Airport]. Planf wird sich aber noch besser durchsetzen als Fraport. Die Reime, die sich anbieten, sind natürlich noch nicht gar zu zahlreich. Aber in der Stadt Goethes, der ja auch etwas unrein gereimt hat – Neige auf Schmerzensreiche im Faust –, kann man planf, je nachdem, wie man will, auch gut reimen: »Planf / macht Dampf.« Oder wenn man ein Feind von plan.F ist: »Planf / ist ein Krampf.«
Würdest du der Rundschau den ersten Reim für Werbezwecke zur Verfügung stellen?
Für fünf Euro ist die Rundschau dabei.
Für mich klingt planf ein bißchen morastig, nicht sehr einladend.
Nein, das muß ich ablehnen. Morastig klingt eher Sumpf, so daß also plumf morastig klänge. Planf ist ein außerordentlich einleuchtendes Wort. Im ersten Teil tritt eindeutig der Plan hervor – es geht um einen Wochenplan, es steht zur Sicherheit auch noch drüber –, und mit dem »F« ist ganz offenbar Frankfurt gemeint, davon bin ich überzeugt. Wenn nicht sogar die Frankfurter Rundschau.
Du empfindest planf also nicht als fünftes Wort am Wagen der deutschen Sprache?
Ich lasse es durchgehen, fast ohne Zögern.
Deine Werkausgabe, die letztes Jahr gestartet wurde, ist mit den gerade erschienenen zwei Bänden Erzählungen auf fünf Bände angewachsen.
Das wurde quasi synchronisiert. Im Zuge dieser Synchronisation hat sich jedoch, um aufs Reimproblem zurückzukommen, noch nicht ganz der Gleichklang bzw. fast reine Reim »Henscheid / Menschheit« durchgesetzt. Henscheid ist das einzige Wort, das sich auf Menschheit reimt. Darauf haben mich die Bürger draußen im Lande hingewiesen, die noch weiter denken als ich.
Werden wir die planf-Reime in der Werkausgabe wiederfinden, die ja bei Zweitausendeins erscheint, in einem Haus, das auch etliche Hanfbücher verlegt?
Das kongruiert mit meinen Plänen. Ich hab’ aber noch einen Grund, meine zwei Reime zu verwenden. Der für den nächsten Herbst vorgesehene Band »Lyrik/Drama« kann noch etwas Stoff gebrauchen. Und wenn man das mit der beliebten Publikumsbetrügerei verbindet, daß man mit einem Zweizeiler eine ganze Seite vollmacht, wären mit den zwei Reimen schon zwei Seiten völlig gefüllt. Das tut der Werkausgabe sehr gut.
Das Wort planf hat sich als lyrikfähig erwiesen. Wäre eine Romanfigur vorstellbar, die Planf hieße?
Bei Böll nicht. Der war mehr für einen Namen wie Holzpuke zuständig. Der späte Thomas Mann hat vor keinem Namen zurückgeschreckt, bei dem wär’s drin gewesen. Plan.F ist trotzdem eher ein Beckettscher Name, aber dann vielleicht doch ohne den Punkt. Und zu Ror Wolf würde er gut passen. Ror Wolf schätzt Namen wie Wurbs, Wumpf, Klomm und Klamm. Man sollte ihn darauf aufmerksam machen. Ich trete Planf dann gerne ab.
Meines Wissens kommt das Wort Genf in deinem Werk nur einmal vor, in »Spitzentelefoneur Möllemann«.
Nein, ich war sogar mal in Genf, um den Platz zu studieren, wo Sisi ermordet wurde und später Barschel zugrunde ging. In einem kleinen Text dazu kommt dann Genf tatsächlich vor, also immerhin zum zweitenmal. Der Senf ist allerdings auch noch ein bißchen mager vertreten, was sich vielleicht ändern könnte. Der Dichter Martin Mosebach, den ich ab und zu treffe, nimmt gerne Senf zu seinen Snacks. Das könnte Folgen haben für meine Arbeit. Während ich von der Hanfkultur, trotz verlaglicher Koinzidenzen, nicht so sehr tangiert bin.
Es steht ja fast zu vermuten, daß die Rundschau mit plan.F eine Planfkultur begründen könnte.
Auch dagegen ist nichts zu sagen, wo die Witwe Unseld-Berkéwicz jetzt als neueste Kultur und anstelle der »Suhrkamp-Kultur« die »Unseld-Kultur« ausgerufen hat. Da kann die Planfkultur ruhig auch noch kommen.
Welche Zukunft prophezeist du dem Wort planf?
Eine planvolle Zukunft, aber mit »f« geschrieben. Eine planfolle Zukunft.
Wegwerfliteratur
Vergessen und zum Vergessen ist, betrachtet man die Geschichte der bundesdeutschen Literatur, vieles; viel Modisches, Konjunkturelles, einstmals Wegweisendes oder einfach – ob manifesthaft lanciert oder kulturbetrieblich initiiert – Trendbegründendes, eben Maßstäbe Setzendes und vorgeblich Maßgebliches.
Da beginnt sich z. B., in Abkehr wohl von jener Literatur, die laut Thomas Mann mit »Blut und Schande« befleckt gewesen war, nach 1945 rasch ein wahrer Berg an naturlyrischen Impressionen aufzutürmen, von Elisabeth Langgässer über Peter Huchel bis Karl Krolow, während das epische Fach parallel die bald zur Konfektionsware verkommene »kafkaeske Unterwelt« (Peter J. Brenner: Neue deutsche Literaturgeschichte – Vom »Ackermann« zu Günter Grass, Tübingen 1996) aus dem Fundus zerrt, angeheitert resp. eher angereichert durch allegorischahistorische Symbolsysteme usf. (Hans Erich Nossack und v. a., als noch heute virulenter Oberschmarren: H. Hesse) – bis zirka 1948 oder wann der bekannte Sartre-Existentialismus Einzug hält und endlich auch die Kurzzeittradition des W. Borchertschen Trümmerheimkehrtheaters aus dem Feld schlägt. Und als erste wirklich kulturmächtige Modeerscheinung allzu lange Einfluß auf Denken und Kleiderordnung ausübt – aber heute zum Glück restlos ad acta gelegt ist.
Allein, ein neuer Zug der Zeit fordert quasi simultan die Erfindung und Einrichtung der Gruppe 47 (hervorgehend aus Hans Werner Richters und Alfred Anderschs Zeitschrift Der Ruf), die in der Folge allerhand angesagtes Textgerümpel gebiert oder fördert; etwa, das lehrt uns dann sehr anschaulich der siebenbändige Zweitausendeins-Reprint der Zeitschrift Akzente (Hanser Verlag, Jahrgänge 1954-1973), Wolfgang Weyrauchs »Kahlschlag«-Gesumse, kulminierend in Günter Eichs Simpellyrik, oder Ilse Aichingers »magischen Realismus« (Brenner) und I. Bachmanns närrisches, Langzeitfrüchte tragendes Bramarbasieren. Weshalb auch schon Böll, Grass und, ein wenig zögerlicher, S. Lenz aus den Startlöchern heranrücken und, barock oder knallhart konventionell realistisch erzählend, fürderhin nicht mehr weichen möchten. Was sie für uns hier doppelt uninteressant macht.
Weitgehend vergessen hingegen: das biographisch-geschichtlich aufgeladene, dominante Romantreiben der mittleren fünfziger Jahre (Koeppen, Andersch etc.). Hans Helmut Kirst, den kennt wahrlich niemand mehr, schiebt jedoch die erneute und zyklenbedingte Abkehr vom Kriegsthema an, verkauft seine 08/15-Trilogie erschreckend oft und: darf als Gott sei Dank komplett vergessen gelten.
In der Versenkung und aus den Buchläden verschwunden sind leider weder Martin Walsers süddeutsche Eheschmonzetten noch Rolf Hochhuths neoklassizistische Politkitschkostümfestivals. Beide dienten und dienen den geplagten Schülern noch heute als ragende Beispiele »der Vergangenheitsbewältigung« und der »Vermessung der neuentstehenden bundesrepublikanischen Wohlstandsgesellschaft« (Brenner), welche ihrerseits unweigerlich in die sechziger Jahre hineinwuchs, in denen es langsam, aber sicher immer turbulenter, modisch rasanter, wechselhafter, ja kritischer und demzufolge aufgeregter zuging.
Bevor rund um Hans Magnus Enzensbergers 1965 aus der Taufe gehobenes Kursbuch (Suhrkamp Verlag) eine Novität nach der anderen festgezurrt wird (Heft eins startet noch mit dem Versprechen, keine verbindlichen Meinungen über Bücher u. ä. ausbläken zu wollen: »Kursbücher schreiben keine Richtungen vor. Sie geben Verbindungen an, und sie gelten so lange wie diese Verbindungen«, und man hievt aber rasch den Strukturalismus und z. T. die zeitweise ganz vorne agierende Noveau-Roman-Fraktion der Kölner Schule aufs Papier – liest das noch jemand? Irgendein Paderborner Prof. wenigstens?), darf erst mal die Dokumentarliteratur, d. i. im wesentlichen Peter Weiss und Heinar Kipphardt, ran, gar nicht mal völlig verkehrt – sieht sich jedoch schnellstens übertrumpft durch eigentlich bereits ein bißchen früher die ausgeweitete literarische und allgemeine Öffentlichkeit in Beschlag nehmende Schulen, Innovationen und fashionable Strömungen.
Die Konkrete Poesie machte da mit ihrem Programm der Befreiung der Sprache von der Funktion, außerkünstlerische Sachverhalte zu repräsentieren, eine rühmliche Ausnahme. Die verschiedenen Zirkel, die, rekurrierend auf die De-Stijl-Gruppe und avantgardistische Techniken, Demanipulationsstrategien entwickelten, um durch den »Bruch mit der grammatikalisch-kontinuierlichen Mitteilungsfunktion der Sprache« (Christina Weiss: Konkrete Poesie als Sprachkritik, in: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bd. 10, hrsg. v. Ludwig Fischer, München/Wien 1986) die Semantik, die Syntax und die Lexik der zweckrationalen Zurichtung zu entwinden, besaßen zeitweilig nicht geringes Renommee. Ihre Interventionen blieben allerdings langfristig folgenlos. Der »Sprache nach Auschwitz« (Chr. Weiss) setzte Franz Mon entgegen: »Sprache, diese angefochtene, zermürbte Sprache als ›Material‹ nehmen, wobei auch ihre Erinnerung und die Spuren ihres Geschicks mitzählen, um vielleicht im skeptischen Umgang mit ihr der Möglichkeiten inne zu werden, die noch immer und vielleicht gerade auf Grund ihrer erschreckenden Geschichte bestehen.« Und während Helmut Heissenbüttel u. a. vermöge der funktionellen Organisation des Lautmaterials, isomorpher Wortkonstellationen und graphischer/akustischer Topologien die Konzentration auf die unreglementierte Gegenständlichkeit der Sprache zu richten versuchten und das »Aufbrechen einer Sperre« (Heissenbüttel) im Auge hatten, nämlich »modelle für neue verbale libertinagen« (Oswald Wiener), offene, spielerische Kunstgebilde als »Verweigerungsgeste[n] an die geläufige Kommunikationsmaschinerie« (Chr. Weiss), ja »das Trainingsfeld ›Kunst‹ als mögliche Einübung in den Aufstand« (dies.) begriffen (Mon sprach von Texten, die »sich nicht [...] verwerten lassen«, die »die Möglichkeit des Protestes, des Anders-Seins, der Nichtzwangsläufigkeit« entwarfen) – lärmten im Zuge der Politisierung der Literatur diverse Fraktionen um die Palme des aktuellsten Gockels.
Seit 1961, wie auf Verabredung eines neuen Jahrzehnts, gaben sich die genuinen Torheiten die Türklinken in die Hand. Mit dem Kursbuch 15 (November 1968) sollte zwar nach dem Tripeldiktum der Herren Yaak Karsunke, Karl Markus Michel und Enzensberger der »Tod der Literatur« besiegelt sein und eine neue Epoche gleichwohl für nicht »nutz- und aussichtslose« Gedichte, Erzählungen und Dramen anbrechen, allein, den »Aufruf zur Selbstbesinnung und Selbstbestimmung der Literatur« (Brenner) hatten bereits Jahre zuvor die Dortmunder in sich selbst hallend vernommen oder aus der Gesellschaft herausgelauscht. Als nachholend fortschrittliche Reaktion auf die erste Bitterfelder Konferenz im April 1959 (die eine wahre sozialistische Betriebsliteratur zum DDR-Kulturziel erkor) gründete Fritz Hüser, Leiter der Dortmunder Stadtbüchereien und Verwalter des Archivs »Arbeiterdichtung und soziale Literatur«, den ersten Zirkel jener baldigen Gruppe 61, die bis zu ihrer schismabedingten Auflösung 1972 die »Literaturrevolution« (L. Fischer) vorbereitete – den Weg mithin ebnete für die definitiven Attacken auf die bürgerliche Kunst, den bürgerlichen Literaturmarkt und die »Kunstliteratur« (Fischer) überhaupt.
Heute nimmt die Zeugnisse »einer politisch eingreifenden Arbeiterschreibkultur« (Gundel Mattenklott: Literatur von unten – die andere Kultur, in: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur [...], Bd. 12, hrsg. v. Klaus Briegleb/Sigrid Weigel, München/Wien 1992) niemand mehr zur Kenntnis. Was dort insgesamt und beispielsweise unter der Führung eines Peter Schütt (Sektion Hamburg) und mit tatkräftiger Unterstützung Wallraffs, Erika Runges oder Angelika Mechtels sowie gewerkschaftlich gefördert zusammengeschraubt wurde, rechtfertigt weiß Gott großräumigstes Verdrängen. Zu Beginn tauschten die Werkkreise Literatur der Arbeitswelt Bergmannsgedichte und sonstige soziale Lyrik aus (ein Sammelband hieß Wir tragen ein Licht durch die Nacht, die erste öffentliche Lesung lief am Karfreitag 1961 vom Stapel), dann folgten über den hochproletarischen Luchterhand Verlag Anthologien epischer Art, Gesprächsaufzeichnungen, Protokolle, Betriebstagebücher, Montagen und Flugblätter eingeschlossen, angelehnt an die operative Faktographie Tretjakows. Max von der Grün witterte die Gunst der Stunde und publizierte im Kielwasser der »lebendigen Schreibbewegung« (Mattenklott) das Romandebüt Männer in zweifacher Nacht (1962), und G. Wallraff kam dem Postulat, »die gesellschaftlichen Verhältnisse im Interesse der Arbeitenden zu verändern«, durch die unsterblichen 1966er Reportagen Wir brauchen Dich – Als Arbeiter in deutschen Industriebetrieben nach, gemäß seiner ziselierten Losung: »Wir wollen nicht Literatur als Kunst, sondern Wirklichkeit.«
Eine »parteiliche, realistische Literatur, die ›schön, unterhaltend, spannend, komisch, pointiert, kräftig ausgemalt, zupakkend, einfach, nicht vereinfacht‹ ist« (Werkkreis-Lektorat), klang so: »Wenn ich noch mal zur Welt komme, dann nur als rotes Lämpchen, da weiß jeder, wer ich bin und was ich bedeute.« Das Kapital schrieb sich solche artistischen Widerstandshandlungen gegen Isolation, Krankheit, Entfremdung kaum hinter die Ohren, geschweige denn der Lohnsklave – so daß nach dem zehnjährigen Intermezzo Dieter Süverkrüp lieber die kindliche »Vision eines menschenfreundlichen Schwimmbads« (Mattenklott) ersann, um von der Beatnik-Rezeption (Kerouac, Burroughs, Ginsberg etc.) eingeholt und von Rolf Dieter Brinkmanns Undergroundoffensive (Acid, 1969, zus. mit Ralf Rainer Rygulla) vernichtend ins Abseits verwiesen zu werden.
Nun, die Poprevolte der »Scene« grub abermals eine »veränderte Dimension des Bewußtseins« (Brinkmann) aus, diesmal mehr aus Comic-, Porno-, Werbungs- und LSD-Perspektive bzw. Antrieben »der Anal- und Geschlechtssphäre« (Mattenklott). Trumpf ist jetzt: »das Vorzeigen der Persönlichkeit«, der »versinnlichte Ausdruck«, die hybride, vor Versatzstücken wimmelnde und schillernde »Ästhetik der Oberfläche« (Brinkmann), das Selfmadegebaren des »androgynen Dilettanten« (Mattenklott), der »Wegschmeißliteratur« (Jost Hermand) für den Augenblick des Lebens als Kunstwerk verfertigt.
Daß diese gruppeninszenatorische, fahrige Literatur Nachahmer fand, verwundert nicht. Die »Wachsmatrizenkultur« der Selbstverlegerei griff um sich und schuf Myriaden von Social-Bier-Beat-Poemen und Arnfried Astelschen Epigrammen (zu besichtigen später bei Zweitausendeins). Zugleich sickerte der narzißtische Kult um Herbert Marcuses Außenseiter, Verweigerer und Randexistenzen in anarchistische, esoterische und ökologiebewegte Milieus ein, letzthin konsequent einen Gipfel zu erklimmen, den man kaum benennen möchte: das pazifistisch-lyrische Bekenntnis (Gedichte gegen den Krieg, Zweitausendeins, u. a. m.).
Weil das nicht reichen sollte, stürmte ab 1973 hinwieder ein allgemeines Faible zur »Neuen Subjektivität« heran, welches die Gebrauchstexte in immer neuen Varianten um die gewissermaßen kunstvollere Dimension der genuinen Erzählung, die irgendwelche Studentenrevolutionserfahrungen »verarbeitete«, ergänzte. Zu erwähnen wäre Peter Schneiders Prototyp Lenz (1973) und besser sofort abzuhaken; weshalb das große Sichfreischreiben, angefüttert vom nagenden »Erfahrungshunger« (Michael Rutschky), die Themen Ehe, Haushalt, Homosexualität erschloß, stets in Tuchfühlung zum virulenten Werther-Paradigma der Trennungsgeschichte, des Suizids und freilich der »Utopie der Unbestimmtheit« (Rutschky), die sich aus der »Innenwelt der Außenseiter« (Mattenklott) ergoß. Schreibgruppen stießen die »Verständigungstexte« (so lautete ein großartiger Reihentitel des nimmermodischen Suhrkamp Verlages) an, und bundesweit wurden »Treffen schreibender Frauen« einberufen.
Deren Wirken gedieh bereits auf dem Humus einer »Literatur als Therapie« (erkannte u. a. der Schweizer Adolf Muschg), die neben einer »Literatur der Fremde« und einer gleichfalls allseits präsenten Häftlingsliteratur seit 1971 die Frauenbewegung eskortierte, gehorchend gewissermaßen dem Suhrkamp-Einpeitscher Hans Christoph Buch, dessen radikale Selbstbeschau vom »Hervortreten des Ichs aus den Wörtern« hinein in den Schleim namens Bericht aus dem Inneren der Unruhe (1979) reichte.
Erika Runges Reportagen Frauen – Versuch einer Emanzipation jedenfalls trugen die frühe Fackel und überreichten den Staffelstab, Ingeborg Bachmann beiseite gelassen, an Vera Stefans Häutungen (1975). »Als ›Feministin‹ profilierte sich in diesen Jahren, wer, wie z. B. [Alice] Schwarzer, der Kategorie des ›Geschlechts‹ vor der der ›Klasse‹ den Vorzug gab« (Sigrid Weigel: › Frauenliteratur‹ – Literatur von Frauen, in: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur [...], Bd. 12) und einen »weiblichen Ort« oder, besser, eine »weibliche Subjektivität« als Spezifikation eben des Trends zur Neuen Subjektivität entwarf. Im Zentrum stand vornehmlich die Frage nach der »kulturellen Konstruktion der Geschlechterverhältnisse«, der »Sprachregelungen und Blickinszenierungen« (Weigel). Zunächst dominierten die ungebrochene Introspektion und eine Poesie der »kleinen Sprache« (Ilse Aichinger), ab Mitte der Siebziger tat die Entdeckung des Poststrukturalismus (Lacan, Julia Kristeva, Luce Irigaray) das Ihrige, um den Slogan »Das Private ist politisch« über etwaige »Frauenoffensiven« und Buchreihen (»die neue frau«, Rowohlt Verlag) vom aufklärerischen Impetus meinethalben selbst eines Balges wie Karin Strucks inkommensurablen Romans Klassenliebe (1973) oder Margot Schröders Ich stehe meine Frau (1975) ins sexualpolitische Dekonstruktionsverfahren umzubiegen und die »Arbeit an einer Dezentrierung des Subjektbegriffes« (Klaus Briegleb) voranzutreiben. Neben Elfride Jelineks späterer Klavierspielerin (1983) stach die »topographische Darstellungsweise« in oder aus Gertrud Leuteneggers Roman Vorabend (1975) oder Birgit Pauschs recht vergessenem Buch Die Verweigerung der Johanna Glauflügel (1977) hervor (den sog. »semiotischen Körper« zerpflückten ebenso geflissentlich Anne Dudens Übergang, 1983, und Maria Erlenbergers Hunger nach Wahnsinn, 1977); was nicht verhinderte, daß parallel die »autobiographische Mode« die »Tradition des Bekenntnisdiskurses« fortsetzte und gar eine Luise Rinser mitwursteln konnte und Den Wolf umarmen (1981) in die Runde spendierte. Zehn und ein paar Jahre danach vorläufig enden mußte das alles bei Hera Lind, Gaby Hauptmann und anderen Proseccodamen des Fischer Verlags und des Hauses Reclam Leipzig.
»Nullpunkt-Bewußtsein« (Weigel) und »Einschnitt« (Briegleb): Die im engeren Sinn literarischen Folgen des Jahres und Ereignisses 1968 sind vielgestaltig. Ob das Beharren auf den »subjektiven Faktor« »der neuen Regionalliteratur« (Ralf Schnell: Die Literatur der Bundesrepublik – Autoren, Geschichte, Literaturbetrieb, Stuttgart 1986) Auftrieb gab, den an die sozialen Bewegungen angeschlossenen Geschichtswerkstätten oder alltagsgeschichtlichen Erkundungen (vgl. Inga Buhmann: Ich habe mir eine Geschichte geschrieben, 1977), ob dem Boom der »Väter-Bücher« (Mattenklott) Christoph Meckels, Peter Brückners oder Christa Wolfs oder einer neuen Laienschreibbewegung der »Textberührung«, einer hehren »Schwundstufe von Kunstgewerbe« (Mattenklott): Aus dem Glauben an die »Machbarkeit und Veränderbarkeit der Subjekte und ›Verkehrsformen‹« (Briegleb) resultierte in summa kaum mehr denn die »Vermehrung der Schreibweisen« (Briegleb) unterm Banner des Posthistoire – das Wissen, es sei jetzt schlicht anything machbar.
An einem Patchwork von »Literaturen« (L. Fischer), um die sich jeweils einzelne Feuilletons oder Kritiker hegend und fördernd bemühen, wird seither gestrickt. Zuzeiten stößt irgendein Murks an die Spitze vor und erheischt, Mode zu sein: Erich Frieds umgebrochene Zeitungsheadlines; das schwer profitable Schmocktum Christoph Ransmayrs (1988) und Robert Schneiders (1992); vorher der Bauern-Kroetz als meistgespielter deutscher Dramatiker hinter Brecht; der renaissancegierige »historische Roman« (Brenner); Mitte der Achtziger, in Fortsetzung Fassbinders und/oder Kluges und des Werkes eines F. C. Delius, die RAF- und Deutscher-Herbst-Romankunst; während die ökologische Prosa schon wieder schweigt.
Statt dessen, das führen uns die Almanache der Reihe Deutsche Literatur – Ein Jahresüberblick (Reclam Stuttgart, 1981-1998, hrsg. v. Adolf Fink, Franz Josef Görtz, Volker Hage, Uwe Wittstock u. a.) vor Augen, hebt 1990 und im Sog der Christa-Wolf-Debatte umgehend die Nationallyrik an und schleppt von Kerstin Hensel bis Ulrich Schacht jeden ins Schlachtfeld, der nicht nein brüllt. Flankiert von einer kontrafaktischen und nun besonders (zweck-)freien »Literatur als Literatur« (Günter Kunert), verwesen beide zügig, um 1991 von den allerneusten Weltflüchtern beerbt zu werden, die ein Rennen Richtung »einsame Insel« (Görtz) veranstalten, wahrscheinlich fliehen sie vor der nach wie vor kurrenten Heinermüllerei.
Derweil die epische »Vereinigungsliteratur« (Brenner) zwischen Walser und Hochhuth zäher zu sein scheint und Stasiaktendossiers über Jahre hinweg den Markt fluten, läuft 1994 ungefähr alles glatt, da ist lediglich »die Kritik in der Krise« (Johannes Wilms), weshalb Durs Grünbein seinen Aufstieg einleitet und bereits 1995 »die deutsche Literatur [...] reich an Stoffen und Formen und [...] auf der Höhe der Zeit« (Hubert Winkels) rangiert und bald keine Sau mehr durchblickt.
1996 läutet man freilich ein unabgeschlossenes Th.-Bernhard-Revival plus Kopistenkonjunktur ein, und wahrscheinlich geht es demnächst, nach Antiautoritarismus, 1997 ff.er Popliteratur und in konsequenter Rückwendung via National- und abermalige Vereinigungsliteratur, wieder mit Wald- und Wiesengedichten los; die wohl der zigfach preisbehängte und bisweilen katastrophal en vogue befindliche Durs Grünbein anpacken muß, um den Scheißkreis zu schließen.
Kwulst und Kwalst
»Welch ein Theater um Labels und Personalien heutzutage«, hat Matthias Politycki im Frühjahr 2004 geklagt, den Zustand der Literaturwelt vor Augen. Hochstapelei, Nazipornos, verbotene Bücher und hysterisch diskutierte Verlagswandlungen und -wechsel scheinen die These zu bestätigen, daß der Literaturbetrieb endgültig auf den Hund gekommen ist. Jörg Schröder, der 1969 den März Verlag gründete, die hiesige Verlagslandschaft prägte, durch spektakuläre Publikationen und camouflageartige Aktionen für allerhand Wirbel sorgte und seit 1990 zusammen mit Barbara Kalender viermal jährlich etwa dreihundert Subskribenten mit der Serie Schröder erzählt beglückt, äußert sich zu den zahllosen jüngeren Fällen literarischer und feuilletonistischer Skandalisierung – und zwar auch aus dem Anlaß, daß im area Verlag jetzt die wichtigsten Bücher des März Verlags wiedererschienen sind.
In den aufgeregten Feuilletons ist von einer neuen Zeit der Literaturskandale und einer »neuen Klagelust« (Frankfurter Rundschau) die Rede. Warum dieser Lärm um das ganze Kuddelmuddel von Maxim Biller über die offenbar erfundenen Spionageabenteuergeschichten der Pseudonyma Nima Zamar bis zu Thor Kunkel, um Fragen der Urheberschaft, der Kolportage und Echtheit oder der Verquickung von Authentizität und Dichtung, von realen und fiktiven Figuren? Man könnte doch auch einfach sagen: Na ja, es geht halt mal was in die Hose, und damit hat es sich. Nein, Enzensberger keult gegen die Feuilletonisten, die Feuilletonisten keifen sich untereinander an usf. Oder interessiert dich das alles überhaupt nicht?
Was heißt interessieren? Es interessiert mich in der Weise, wie einen ein Feuilleton immer interessiert. Man liest das sehr intensiv, und wenn man’s weglegt, ist es egal, ob man’s gelesen hat oder nicht. Deswegen heißt das ja Feuilleton. Und jetzt wird halt alles mögliche versucht, weil die Zahlen rot sind und weil sich die Leute in den Feuilletons ihrer Nichtigkeit wenigstens in ökonomischer Hinsicht bewußt werden. Da treibt man eben ein Schwein nach dem anderen durchs Dorf, ob Walser und Reich-Ranicki oder wen und was auch immer. Nun haben sie vor allem die alte Geschichte mit der Würde der Person am Wickel. Zu den Feuilletons gesellen sich dann aber noch die Nachfolgetäter. Wenn es ernstgenommen wird, daß sich die ehemalige Freundin von Biller in dessen Roman wiedererkennt und deshalb die Justiz anruft, kommen sofort zwei, drei andere Figuren angewackelt – die Frau von Alban Nikolai Herbst usw. Die Feuilletons steigen darauf natürlich ein, weil man da nicht viel nachzudenken braucht. Was auf der Boulevardebene Bohlen ist, wird im Feinfeuilleton mit Biller abgehandelt.
Rainer Moritz, der als (Noch-)Verlagsleiter von Hoffmann und Campe durch den frei erfundenen Kriegsreporterbericht von Ulla Ackermann, Mitten in Afrika, selbst betroffen ist, hat die Fälle Biller und Kunkel in einem Atemzug genannt mit dem Theater um Bohlen und davon gesprochen, daß die Literaturkritik mehr oder weniger am Ende sei, weil sie im Grunde jede Seriosität eingebüßt habe und sich mit großem Aufwand der Skandalisierung widme.
Na ja. Die Biller-Geschichte z. B. wird ja vom Verlag, von Kiepenheuer & Witsch, sehr ehrenhaft betrieben. Die lassen sich von den jeweiligen Gerichtsinstanzen dieses und jenes sagen und tun aber nicht, was man von Verlegern erwarten sollte, nämlich ein bißchen listig dafür zu sorgen, daß das Buch irgendwie weiterverbreitet wird. Ich habe in einem solchen Fall – wie z. B. beim Siegfried, der acht Verfahren nach sich gezogen hat – dafür gesorgt, daß das Buch auf irgendeine, natürlich illegitime Weise lieferbar blieb. Es nützt nichts, nur vor Gericht zuzuschlagen. Man muß die Gegner durch Aktivitäten zermürben.
Sind die Verleger heute so unfähig, daß sie noch nicht mal ihr Produkt präsent halten können?
Sie sind feige. In solchen Fällen muß man samisdatartige Strategien entwickeln. Im Konflikt zwischen Kunst und Persönlichkeitsrecht obsiegt ja immer die Würde, die angebliche, über die künstlerische Freiheit. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Du kannst noch so lange zum BGH rennen, es wird immer so entschieden werden wie im Mephisto-Urteil, also in dem alten Käse Klaus Mann vs. Gustav Gründgens. Man darf sich auf die Gerichte gar nicht einlassen – und auf diese Würdediskussion genausowenig. Da hast du es sowieso immer mit einer Blase zu tun.
Einer Blase?
Es geht doch der ehemaligen Freundin von Biller nicht um ihre Würde. Die ist verletzt, weil die Beziehung auseinandergegangen ist und aus Futt und grünen Bohnen, und deshalb macht die sich wichtig. Tatsächlich kräht doch kein Hahn nach dieser Frau. Kein Mensch weiß, wen diese Figur verkörpern soll, außer Billers Ex-Freundin und fünf anderen Leuten, und die wissen viel mehr, als Biller ausgeplaudert haben kann. Die Würdediskussion ist eine Farce für eine winzige Blase von Aufgeblasenen. Ich hab’ mich damals um die Würdedebatte ziemlich rigoros gar nicht gekümmert.
Solche Kläger bewirken doch das Gegenteil dessen, was sie bezwecken wollen.
Sowieso. Und es geht um Rache, darum, es einem Autor heimzuzahlen. Das ist legitim. Dann ist es aber auch legitim, wenn sich der Verleger unterwirft und trotzdem dafür sorgt, daß das Kunstwerk da ist, um den Wettkampf am Laufen zu halten. Ich habe das außerhalb der üblichen Vertriebswege hingekriegt – andernfalls zahlst du natürlich hochnotpeinliche 250.000 Euro Zwangsgeld. Nachdem siebenhundert Exemplare vom Siegfried über den Buchhandel vertrieben waren, wurden die ersten Einstweiligen Verfügungen erlassen. Damit war das Buch in Deutschland offiziell vom Markt. Ich habe dann – da das verjährt ist, kann ich das ruhig erzählen – eine Rechnung fingiert und die gesamte Auflage an einen Schweizer Buchhändler verkauft, und der konnte das Buch jederzeit weitervertreiben.
Woher wußten die Käufer, wo es zu kriegen war?
Das hat sich rumgesprochen. Wenn die Leute was haben wollen, finden sie Mittel und Wege. Heute wäre das übers Internet noch einfacher. Ich halte hier diesen extrem unseriösen Vortrag, um klarzumachen, daß das, was in den Feuilletons steht, eigentlich wurscht ist. Die käuen nur Gerichtsurteile wieder. Verleger müssen flexibel sein. Diese Skandale sind natürlich insgesamt evtl. wenigstens noch interessanter als der Kram, den der Schirrmacher regelmäßig über die Verrentung oder das Genom losleiert.
Schirrmacher hat die gegenwärtige Welle losgetreten anläßlich von Walsers Tod eines Kritikers.
Feuilletonisten sind Konkurrenten. Das ist alles. Sie versuchen sich unentbehrlich zu machen.
Es ist doch recht schön, wie sich die Feuilletons augenblicklich gegenseitig beschimpfen. Die taz beschimpft die Süddeutsche Zeitung, weil die Thor Kunkels Endstufe zerreißt, die Süddeutsche Zeitung beschimpft die Schmalspurfeuilletonisten und Karrieristen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Endlich kommt mal ein bißchen Dampf in den lahmen Haufen.
Glaubst du denn, daß das die Leser wirklich interessiert? Das Feuilleton ist doch lediglich ein geschlossenes Wahnsystem, das längst nicht so einflußreich ist, wie es sich die Feuilletonisten einreden.
Die Frankfurter Rundschau hat ausdrücklich gebilligt, daß sogar die Streichfassung von Billers Esra verboten wurde. Du hast mit dem Siegfried keinen Schlüsselroman geschrieben, sondern Roß und Reiter genannt. Welche Strategie stand dahinter, den Kulturbetrieb aus der Nahperspektive darzustellen?
Das muß man ja nicht begründen. Das ist die einzige Möglichkeit, gegen diesen in sich verschworenen Saustall vorzugehen. Auch wenn es nicht viel gebracht hat, hat es zumindest mir eine große Erleichterung gebracht. Und vielleicht hat es auch für Leute, die zuviel Angst haben aus Gründen der Rücksichtnahme und der Macht in diesem Betrieb, stark entlastend gewirkt, wenn mal jemand blankzieht – was wohl auch für die Folgen von Schröder erzählt gilt. Aber die Debatte über die Wirkung von Literatur ist vollkommen sinnlos. Literatursoziologisch gesehen ist der Siegfried, das ist womöglich entscheidender, eines der ersten Bücher gewesen, das Ich gesagt hat. Mit derartigen Büchern entstehen Tendenzen. Übrigens scheint es heute so zu sein, daß Autoren wieder stärker Ich sagen.
Da würde ich widersprechen. Verglichen mit dem Siegfried-Aufruhr sind die heutigen Auseinandersetzungen um gefälschte Lebensberichte und Urheberschaftsfragen eher läppisch.
Klar. Dieser Kokolores um Fälschungen wie das Zeug von Ulla Ackermann oder Frau Posemuckel ist keine Minute Aufregung wert. Der Prinz-Asfa-Wossen-Asserate-Quatsch ist auch ein komplett belangloser Blödsinn. Autoren arbeiten oft mit Lektoren, selbst Thomas Mann hat das gemacht. Und daß Dieter Wellershoff Heinrich Böll redigiert hat, ist ja bekannt. Ob ein Lektor oder ein Freund an diesem grauenhaften, ekligen, widerlichen Schleim von höchstem Adel mitarbeitet, ist egal. Ich verteidige nicht das Buch, aber die Selbstverständlichkeit der technischen Hilfestellung. Was soll das?
Ich weiß aus sicheren Quellen, daß Martin Mosebach der Autor ist.
Ich bezweifle das. Diese Frankfurter Kreise wissen immer alles ganz genau, nämlich noch genauer. Die waren wahrscheinlich dabei, als Mosebach das Ding geschrieben hat. Ich hab’ das Buch unter Qualen durchgeblättert. Ich kenn’ diesen Typen aus der Zeit, als er aus Äthiopien kam und in Frankfurt unter die Fittiche der Freifrau von Bethmann schlüpfte. Er tauchte bei einem der Jours auf, die ich damals in der Günthersburgallee veranstaltet habe. So fett wie heute war er natürlich noch nicht. Er wollte ein Buch über die Königin von Saba schreiben. Plötzlich hielt da ein RCDS-Bursche dumme Reden, so ein Verschnitt von Christian Kracht, bevor sich der irgendwo in Asien existentiell verbissen hat – der Kracht kann überhaupt nicht schreiben, bei dem wird dir als Lektor angst und bange, aber das merkt ja keiner mehr –, also, diese blonde RCDS-Tolle redete außerordentlich dummes Zeug über Elite usw. zusammen, und das hat den jungen Prinzen ziemlich irritiert. Ich hab’ die Tolle dann rausgeschmissen. Na ja, jedenfalls, der Mosebach kann so einen Mist nicht geschrieben haben, wahrscheinlich hat er halt redigiert. Vielleicht hat auch Hans Magnus noch ’n bißchen mitgequakt. Einige Passagen riechen sehr nach Enzensberger. Aber im Grunde ist die ganze Aufregung um die Wossen-Arie nur Dorfklatsch.
Ernst Herhaus, der Co-Autor des Siegfried, war ein richtiger Hochstapler. Seine Alkoholikerbiographie ist erstunken und erlogen gewesen. Das hat Mosebach, der wohl eine Zeitlang so etwas wie eine Art Sekretär von Herhaus war, mal erzählt.
Herhaus hat mehrere Leben gelebt. Als Co-Autor, der die von mir besprochenen Tonbänder abgeschrieben hat, hat er in meine Erzählung nicht eingegriffen. Das war eine große Leistung. Heute bearbeite ich meine Texte zusammen mit Barbara sehr viel eingehender. Herhaus’ Säufergeschichte, Kapitulation, ist ganz und gar stilisiert. Vieles ist schlicht gelogen. Ich weiß das aus eigener Anschauung sehr genau. Die echte Geschichte des damaligen Herhaus wäre jene gewesen, die mir er und seine Frau Lore über ihre Ehe erzählt haben. Das wäre eins der komischsten Bücher geworden, aber Herhaus hat ein riesiges Gezeter veranstaltet und mit Einstweiligen Verfügungen gedroht, weshalb das Buch nie erschienen ist. Vorher verantwortet er den Siegfried mit – und dann das.
Gerade ist im relativ jungen area Verlag die dreizehnbändige März-Kassette erschienen, auch mit Peter Kupers Hamlet, einem herausragenden Beispiel für die von dir begründete protokollarische Literatur. Hast du die Biographien, die sich so eindrücklich erzählt haben, bzw. das Leben deiner Co-Autoren weiterverfolgt?
Herhaus hat sich in seinem Literatenkopf schließlich zurechtgelegt und herumerzählt, der Siegfried sei sein Buch, seine Erfindung. Das ging mir irgendwann auf den Wecker. Diesen Sabberkopf, bei allem Verdienst, mußte ich mir ja nicht dauernd antun. Inzwischen sitzt er am Bodensee als hochangesehener deutscher Dichter in einem Schweizer Dorf, das sei ihm gegönnt, und macht in regelrecht sektiererischem Christentum. Der ist jetzt eine richtig penetrante Betschwester. Das muß ich ja nicht haben. Was Kuper angeht: Der hat immer gerne gemalt, und in der Frankfurter Halbwelt gibt es etliche Kunden, die seine Bilder sehr schätzen. Auf einem der Bilder stand hinten drauf: »Ich male jetzt im Photorealismus.« Ich möchte das nicht weiter kommentieren. Auf jeden Fall geht es dem Kuper wohl gar nicht schlecht. Neulich hat er mich angerufen und mich mal wieder haltlos beschimpft. Weil das früher auch so war, hab’ ich den Kontakt schon vor längerer Zeit abgebrochen. Der Hamlet bleibt davon selbstverständlich unberührt – ein durch und durch gelungenes, simplicissimushaftes Buch, denn der Kuper ist im besten Sinne ein tumber Tor, der einen besonderen Blick hat und tolle Geschichten erzählt, wenn er nicht gerade am Telephon rumblökt und behauptet, er würde ein neues Buch schreiben. Da vergißt er, daß er gut erzählen, aber gar nicht schreiben und redigieren kann.
Wie ist die Auswahl für die März-Kassette zustande gekommen?
Ich muß vorausschicken, daß der area Verlag sein Geld im Bereich modernes Antiquariat verdient. Man druckt große Auflagen und zahlt ein relativ niedriges Autorenhonorar. Deswegen sind die Bücher so billig. Die März-Kassette umfaßt über 6.000 Seiten und kostet 49,95 Euro. Bruno Hof, der Chef von area, wollte das im Rahmen des sonstigen Kraut-und-Rüben-Programms unbedingt machen. Wir haben aus rund zweihundertachtzig März-Originalausgaben einundzwanzig Titel ausgewählt.
Warum fehlt skandalöserweise Cosmic?
Weil Siegfried drin ist. Da paßt nur ein Schröder-Buch rein.
Cosmic ist unverzichtbar.
Weil es von mir ist, widerspreche ich da nicht. Aber man muß sich bescheiden. Außerdem hatte Bruno Hof auch seine Favoriten. Die verschiedenen März-Abteilungen sollten abgedeckt werden. Von Cohen konnten wir nur eins nehmen, Blumen für Hitler, dann, keine Frage, eins der wichtigsten März-Bücher, Amendts Sexfront, mit dem Buch – Auflage 350.000 im Laufe der Jahre – ist wirklich plötzlich die sexuelle Repression in der erweiterten Bewegung weggedampft, und Craig Kee Stretes Jim-Morrison-Roman sowie der Erotik-Reader usf. – bis hin zu Uve Schmidts und Fee Zschockes Beziehungsbüchern, Joe Brainards total verkifften Literaturcomics und zwei großen Romanen von Upton Sinclair, Der Dschungel und Am Fließband. Und, als Beispiel für die Weltliteratur bei März, Jules Vallès Kommune-Roman, eins der besten Bücher der französischen Literaturgeschichte, ein Vorbild, der Erzählweise wegen, auch für mich.
Der area Verlag vermeldet ein »offizielles März-Revival« und kündigt die Wiederkehr einer Zeit an, »als Bücher noch echte Skandale auslösten«. Das klingt euphorisch.
Das sind Blumen deutscher Werbelyrik. Das interessiert mich überhaupt nicht. Die können erzählen, was sie wollen.
Du glaubst nicht, daß du dich mit der März-Kassette und auch mit der Wiederauflage von ACID, dem einstigen März-Pilotbuch, in den Reigen der Klatsch- und sonstigen Skandale einreihen und vom Getöse profitieren wirst?
Da sind wir mit der Serie Schröder erzählt doch schon viel länger dran und dabei. Nur: Die Skandale, von denen ich erzähle, sollen ja gar nicht diskutiert werden. Nimm den Fall Bertelsmann. Jetzt, da der Mohn kaum mehr Piep sagen kann, erscheint ein Buch über die braune Vorgeschichte des Konzerns und die furchtbare Beziehungskiste zwischen Reinhard und Liz Mohn. Das war in Schröder erzählt bereits vor acht Jahren nachzulesen, in der Folge »Brot und Spiele«, die junge Welt hat’s auch gedruckt. Das ist nur ein Beispiel. Du mußt andererseits nicht denken, daß die vielen Skandale, von denen wir erzählen, ohne daß sie in der großen Öffentlichkeit Beachtung finden, wegen der kleinen Auflage von Schröder erzählt nicht zur Kenntnis genommen werden. Unter den Subskribenten sind eine Menge Multiplikatoren und Medienfritzen, die unsere Sachen z. T. wie Tresorpublikationen lesen. Ich bin ja kein Rutengänger, ich rede von Fakten – du weißt ja auch vieles aus gutunterrichteten Frankfurter Kreisen –, weil ich Insider bin. Im Feuilleton breitet das selbstverständlich niemand aus. Wenn ich noch irgendwas hätte mit Mohn zu tun haben wollen, hätte ich das nie erzählen dürfen. Das kommt bei denen sofort an. Die haben, ob bei Bertelsmann oder Holtzbrinck oder sonstwo, spezielle Abteilungen, die solche Publikationen wie Schröder erzählt genau checken.
Wenn dich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, wie im Vorfeld des Erscheinens der März-Kassette geschehen, auf einer ganzen Seite, übrigens zusammen mit Reich-Ranickis Kolumne und einer Anzeige für Helmut Kohls Autobiographie, u. a. als ehemaligen »Pornokönig Schröder«, wie dich der stern Anfang der siebziger Jahre genannt hat, porträtiert, dann bist du doch wieder im Feuilleton angekommen.
Barbara hat sofort gesagt: Ich muß mich spalten. Als Geschäftsfrau begrüße ich einen solchen Riesenartikel, als Frau dieses widerlichen Typen Schröder, der da, eingerahmt von zwei nackten Weibern, vor seinem Herrenhaus und seinem Jaguar posiert, möchte ich damit nichts zu tun haben. Mir geht es ähnlich. Eigentlich möchte man die Figur nicht sein, über die geschrieben wird: ein großer Verleger und ein Arschloch. Nur Masochisten möchten ein Arschloch sein oder freuen sich darüber, wenn sie ein Arschloch genannt werden.
Besagtes Image hast du ja schon im Siegfried selbstdistanzierend zurechtgerückt. Davon war in der FAS nichts zu lesen. Die stern-Geschichte hast du als »ungeheure Scheiße« bezeichnet.
Das wird nicht zur Kenntnis genommen, weil die von nichts eine Ahnung haben. Als wir z. B. endlich den Prozeß gegen die VG Wort gewonnen hatten – die VG Wort wollte Schröder erzählt nicht als Sachliteratur anerkennen und hat deshalb die Ausschüttung der uns zustehenden Gelder verweigert –, war die Biller-Sache im ersten Durchgang gerade abgeflacht, und es mußte eine neue Sau von der Leine gelassen werden. Was in den Feuilletons über das Urteil zu lesen war, war ausnahmslos vollkommen ahnungsloser Mist. Die können allesamt nicht mehr recherchieren – oder wollen nicht mehr. Die sind halt strukturell dumm.
Ich will versuchen, eine Brücke zu schlagen zwischen deinen früheren, halb emanzipatorischen, halb rein ökonomischen Erwägungen folgenden pornographischen Unternehmungen mit Olympia Press und dem Zirkus, der um die Sachsenwaldfilme und Thor Kunkels Nazipornoroman veranstaltet wird. In der Debatte über Kunkel bricht sich auch, anders als vor dreißig Jahren womöglich, ein ungeheurer biedermeierlicher Stumpfsinn und eine handfest reaktionäre Gesinnung Bahn, oder?
Daß Verleger froh sind, auf ein Thema gestoßen zu sein, das eine Menge Geld einbringt, steht außer Frage. Mir hat die Beschäftigung mit Pornographie aber obendrein Spaß gemacht, und man konnte sie als Instrument gegen den Muff handhaben. Außerdem funktionierte literarische Pornographie – ganz im Sinne des Postmodernepostulats von Leslie Fiedler – als Agitation gegen den Kanon der Moderne. Heute schreit wieder alles nach dem Kanon, obwohl dabei vorrangig ist, welche und wie viele Kanonkassetten man verkaufen kann. Z. B. die März-Kassette. Fiedlers Thesen, Stichwort »Cross the border, close the gap«, trafen sich gut mit einer neuen, offenen Literatur, die man Pop nennen könnte, einer Literatur mit Einsprengseln von Pornographie, Comics, Journalismus, so, wie es Brinkmann und Rygulla in ACID dokumentiert haben. Die Pornographie wurde mir nach zwei Jahren allerdings zu langweilig, weil sie sich viel zu stark kommerzialisierte. Kommerzialisierte Sexualität ist etwas sehr Fades. Mir hat das die Lust am Vögeln verdorben. Das ist die ganze Kohle nicht wert. Und als sog. Pornokönig war ich nur noch ein Mediensubstrat, überall als solches wahrgenommen. Du kannst unter diesem Druck gar keine persönlichen Beziehungen mehr eingehen.
Du warst eine »Rollenhure« geworden. Das ist die Selbsttitulierung im Siegfried.
Ja.
Du hast in dem Zuge die wunderbare Bismarc Media gegründet – als Einrichtung zur Leistungs- und Rollenverweigerung.
Das ist mit zuviel Aplomb gesagt. Bismarc Media war eine Agentur ohne Auftrag und Ziel. Reine Business-Art. Nichts, aber Schein, und das in ausgesuchtester Form. Eine Weile haben wir die Leute richtig verrückt gemacht. Wir haben richtig rumgeschwafelt.
Eine Art Medienguerillakonzept?
Medienkunst. Ich hab’ das eigentlich als die einzig mögliche Form betrachtet, auch gegen den eigenen Blödsinn, den man ständig in seinem Verlag betreibt, Stellung zu beziehen.
Im Siegfried findet sich die bedenkenswerte Formulierung vom »staatlich geförderten Kälbergehorsam« und der Satz: »Jede Gesellschaft war zu jeder Zeit katastrophal.« Dann war sie das auch in den sechziger und siebziger Jahren, und trotz allem Gerede über Befreiung und Emanzipation waren Hörigkeit und Autoritätsfixierung unvermindert vorherrschend.
Natürlich. Rückschauend betrachtet, muten die Katastrophen der 68er jedoch eher paradiesisch an. Wir hätten niemals geglaubt, daß sich der Imperialismus derart massiv potenziert und derart unverfroren präsentiert, wie er das heute tut. Wir haben es nicht ernsthaft für möglich gehalten, daß die apokalyptischen Szenarien über Big Business und Krieg tatsächlich Wirklichkeit und dabei noch weit übertroffen werden.
D. h., wir leben in der Apokalypse?
Ja. Ich will die damaligen Bedrohungen, etwa die Nuklearminengürtel in Europa, nicht herunterspielen. Aber was jetzt läuft, ist wirklich katastrophal.
Zurück von der großen in die kleine Welt der Verlagswandlungen und -verwicklungen. Wir müssen über das hervorragende Interview reden, das Joachim Unseld mit dem stern über seinen Vater, seine Schwiegermutter, die »Verlegerdarstellerin« Ulla Berkéwicz-Unseld, und Martin Walser geführt hat.
Hör mal, wenn Walser den Eindruck hat, er wird bei Suhrkamp nicht mehr gut vertreten, ist es sein gutes Recht zu gehen.
Joachim Unseld sagt: »Walsers Entscheidung ist fürchterlich. [...] Sein Weggang trifft den Verlag in seiner Substanz.« Eine Katastrophe also.
Ganz unrecht hat er da nicht. Im Gegensatz etwa zu Handke ist Walser ein Bestsellerautor, mein lieber Freund.
Davon abgesehen ist das Interview ein grandioser Seelenstrip vom Allerpeinlichsten. Wie er auf die Stiefmutter losgeht und sich in den schillerndsten Paradoxien verstrickt – von solchen Semiskandalen oder Schmarrereien hätte ich gerne mehr.
Aber bitte! Das ist ein postmodernes Interview, inkl. Grimms Märchen, Psychogefasel und Stories über Intrigen. So was möchte man lesen. Diese Hamlet-Pose, in die er sich da begibt – wunderbar! Daß er auch noch denkt, Berkéwicz und Konsorten könnten seinen Alten um die Ecke gebracht haben – phantastisch!
Und diese Widersprüche! Ulla Berkéwicz »hat ihm«, seinem Vater, »eine Liebe produziert, die es nicht gab. Aber dadurch, daß sie diese Liebe jahrelang produziert hat, gab es sie doch.«
Ein erstklassiger Satz. Über diesen Seelenkwulst und -kwalst sollte man trotzdem nicht reden, sonst gerät man in die Nähe eines solchen Boulevardkokolores. Aber daß Siegfried Unseld den Verlag nicht seinem Sohn übermacht hat, war sicher schofel. Der hatte seinen Joachim ja zum Verleger und Nachfolger erzogen und bestimmt. Das hab’ ich mit eigenen Augen gesehen. Mit seinem fünfzehn- oder sechzehnjährigen Sohn ist der auf die Tagung einer evangelischen Akademie marschiert. Da hielt er einen Vortrag, thronte da als Schwabenliteraturkönig, und der Dauphin saß rum und verstand nur Bahnhof. Er sollte aber sowieso bloß hergezeigt und eingeführt werden in die Gesellschaft. Der ist überall hingeschleppt worden. Der wurde regelrecht getrimmt nach schwäbischer Art, nach dem Motto: Ich bin Schuster. Du wirst Schuster! Ende! Feierabend! Später war er bei Suhrkamp ja auch wirklich gut.
War Siegfried Unseld also doch ein höchst zweifelhafter Charakter?
Nein. Mensch, die Berkéwicz hat sich den Laden einfach unter den Nagel gerissen, zum Kuckuck! Was brauchen wir da lange rumzureden! Diese Lamentos überall in den blöden Feuilletons! Berkéwicz hin, Berkéwicz her! Und Verteidigungsreden hin und her! Mein Gott, müssen wir die jetzt auch noch bedauern, weil sie sich den Verlag unter den Nagel gerissen hat, oder was? Es hat doch geklappt! Ist doch normal! Und mir ist das egal. Auch wenn es moralisch inferior sein mag, daß der Alte seinem Sohn nach dreißig Jahren die lange Nase gezeigt hat. Als der Mohn noch tacko war und nicht als alter Schnarchsack in den Fängen dieser Liz hing, da – also, labile, alte Säcke werden natürlich von solchen Hyänen völlig plattgemacht, da hat der Sohn Unseld völlig recht. Ich sage dir, ich habe diese Liz Mohn einmal in der Glotze gesehen, bei B. trifft ..., diese Böttinger hat unglaublich gesülzt, wahrscheinlich, weil der Mohn der Sender gehört, keine Ahnung – der WDR ist das? Na, dann eben nicht –, also, weißt du, was die da gemacht haben? Die haben drei unterschiedlich angezogene Schauspielerinnen hingestellt, und dann tauchte Frau Mohn auf mit ihrem Truthahnhals und sollte entscheiden, welche der drei sie einstellen würde. Und da hat sie ein original BDM-Mädchen ausgewählt und erklärt, daß Frauen heute so auszusehen haben. Das ist die Chefin des zweitgrößten Medienkonzerns der Welt! Und nicht einfach ’ne Pißnelke!
Siegfried Unseld soll sinngemäß zu seinem Sohn gesagt haben: »Jetzt spiele ich deinen Hitler und enttäusche dich! Ich bin dein Vater, ich enttäusche dich! So wie Hitler mein Vater war, der mich enttäuschte. Und ich enttäusche dich.«
Das könnte auch von Ulla Berkéwicz stammen. Solche Sachen schreibt die auch. Kein Verleger ist im übrigen verpflichtet, ein guter Autor zu sein, noch muß er intelligente Interviews geben. Ich glaube dem Joachim, daß sein Alter solche Klöpse gesagt hat. Ob man post mortem derart deutlich äußern muß, daß der alte Unseld so ein Idiot war, ist eine andere Frage. Aber wenn das ein Skandal sein soll, dann muß man zu dem gegenwärtigen Skandalmurks doch noch mal deutlich sagen, daß das Schreckliche an diesen Skandalen ist, daß sie überhaupt keine sind. Wären es welche, würden sie nicht durchgeritten.
Wir haben Thor Kunkel völlig aus den Augen verloren. Sein Roman Endstufe ist ein echter Skandal. Zumindest meint das die Süddeutsche Zeitung. Man könnte da auch an die allgemeine Hitlerei von Guido Knopp bis zu den jährlich dreizehn Führer-Titelblättern des Spiegel denken.
Das ist symptomatisch. Das ist die gedämpfte braune Soße. Angefangen hat das mit Joachim Fests Hitler-Buch, obwohl das nicht schlecht ist. Es war dennoch eine Zäsur und der Startschuß für die Hitlerei. Diese historischen Medienevents sind Weichmacher. Dagegen sind die Glatzen unverhältnismäßig viel harmloser, wirkungsloser als die Pseudoobjektivierungen und -historisierungen. Das sind die Landserhefte unserer Tage.
Im Zusammenhang mit Kunkel macht die Süddeutsche Zeitung einen »neuen revanchistischen Mainstream« aus.
Da dürfte was dran sein. Und der Mann wollte einen Skandal. Du kannst heute ja nur noch mit Skandalen hohe Verkaufszahlen erreichen.
Und da bot sich die Hitlerei an?
Die paßt gut. Es existiert eine breite rechtsextreme Unterströmung. Wenn du hörst, wie halbwegs gebildete Leute heute argumentieren, dann glaube ich, daß mindestens die Hälfte der Bevölkerung sozusagen heimlich braun kontaminiert ist.
Der zähe, weitverbreitete Revanchismus und Antisemitismus, von dem im Siegfried oftmals die Rede ist ...
Und dieser Kunkel hat als Autor mit Nase ein ideales Thema gesucht. Erstens: Sex sells. Dann, zweitens, bemäntelst du das neu mit diesem Sachsenwaldquark. Das ist Pornographie als Ausdruck übelster reaktionärer Lumpengesinnung. Und man muß ja mal sagen, daß das einfach Scheiße ist, was der zusammengebaut hat.
Rowohlt-Chef Alexander Fest hat Kunkel mit einer feinen, deftigen Polemik rausgeschmissen, ihm »ein verschrobenes Geschichtsbild« attestiert, daß er »ein Rasender« und »völlig ahnungslos« sowie »die Wiedergeburt Parzifals als rechter Schläger« sei.
Gute Argumente, aber auch sehr gebildet. Das schmückt diesen Dreck eher noch – der zudem, wie fast jedes Buch heute, offenbar mehr oder weniger ungelesen und ungeprüft ins Programm gehievt worden war, wie bei Ted Honderich. In den Verlagen sitzen überwiegend Leute, die nicht gelernt haben, sorgfältig zu arbeiten, und statt dessen herumschwafeln. Marketing ist alles. Aus diesen schlichten, kühlen Gründen entstehen dann Skandale. Wer sich für die ernsthaft interessiert, hat ein Rad ab.
Lehrreich war im Fall Honderich, welch antisemitisches, verschwörungsparanoides Zeug z. B. im Leserforum der Frankfurter Rundschau verbreitet wurde, nachdem Suhrkamp das Traktat Nach dem Terror zurückgezogen hatte. Eine zionistische Mafia habe Habermas zum Einknicken gezwungen, die jüdische Zensur zugeschlagen usw. usf. – das trifft sich mit deinen Einschätzungen zum Normalbewußtsein hierzulande.
Red mal mit sog. anständigen Leuten aus dem Bekanntenkreis. Du brauchst bloß anzutippen, schon kommt die ganze braune Soße angeschwommen. Es ist ein Gesamtklima da, vor dem kann man sich nur fürchten. Das merken die Feuilletonisten natürlich als letzte, wenn diese Dumpfköpfe außerhalb ihrer Narrenwelt überhaupt was mitkriegen.
Langbärtigkeit
Was ein lächerlicher Quatsch. Was ein törichtes Gebabbel. Was ein faseliges Gespreize.
Dafür, für das am 23. Juni 2005 in der ZEIT zum Abdruck gekommene »Manifest für einen Relevanten Realismus«, reichte und langte, wie es die Tradition der Manifeste scheinbar unverbrüchlich gebietet, mal wieder kein einzelner Kopf. Nein, gleich Stücker vier Schädel mußten diesmal ran und sein, um einen derart verhaspelten Käse auszuspeien und auszuwalzen.
Vier Schriftsteller haben sich und uns da gefragt: »Was soll der Roman?« Folglich haben sie auch zu viert geantwortet: Martin R. Dean, Thomas Hettche, Michael Schindhelm und Matthias Politycki. Geantwortet haben sie als Vertreter der »mittleren Generation« (WELT).
Mit einem – wohl redaktionell verfügten – Ein-Wort-Satz beginnt dieser entsetzliche Stiefel an verquollener Pfeifenhaftigkeit und schwammigem Geschwätz: »Mitte.« Mitte, das ist, wo die vier sind. Oder hinwollen. Sie möchten »eine neue Mitte konstituieren«, und zwar eine neue Mitte für den Roman oder eine neue Stellungsmitte inmitten des Literaturbetriebs, wer weiß das schon genau, und zugleich haben sie, diese vier Romanracker, die besagte Mitte ja bereits selbst besetzt, altersbedingt und anderweitig gesehen. »Der diskrete Charme dieser Gruppe«, schlabbert es aus diesem wahrlich bitterlich ergreifenden Ausbund an Manifestgeprotze, »ist ihre Gelassenheit gegenüber der Macht, ihre Empfindlichkeit gegenüber allem Lauten, ihre hartnäckige Weigerung, die Hand nach dem Ruder des gesellschaftlichen Diskurses auszustrecken. Im Mittelfeld trifft man meist freundliche Menschen, die [...] einen gut begründeten Verdacht gegen politisches Engagement und öffentliche Intervention hegen.« Damit ist es oder soll es nun vorbei sein.
Gereift seien sie in den vergangenen fünfzehn Jahren, vernehmen wir, weshalb jetzt die »Erntearbeiten« beginnen könnten. »Vom Ich zum Wir« müsse es vorwärtsgehen, mit folgenden Maßnahmen: »die Zurückhaltung gegenüber den Machtinstrumenten des Betriebs aufgeben, parteiisch werden, eine inner- und außerbetriebliche Opposition gegenüber Verblödung und Depression aufbauen, die Waffe der Verschwörung nicht verschmähen.« Das legen Kracher vom Schlage eines Hettche oder eines Politycki nieder, die vom Literaturbetrieb bis dato schmählich mißachtet wurden und dessen Machtinstrumente noch keine Sekunde lang in Gebrauch genommen haben. Ist das alles vielleicht auch bloß ein recht miserabler Witz?
»Da ist etwas Langbärtiges [...] am Werk«, machte sich Bertolt Brecht vor bald siebzig Jahren im Zuge der sog. Expressionismus-Debatte über kunstrichterliche Besserwisser lustig. In einem weiteren Beitrag zur Auseinandersetzung zwischen Verfechtern des sog. Formalismus und jenen des sog. Realismus hielt er fest: »Alte Wunden brechen auf, neue werden geschlagen, verjährte Feind- und Freundseligkeiten werden ausgetragen, man schlägt sich und anderen in die Brust. Überzeugt scheint niemand zu werden, außer von seiner eigenen Auffassung.« Und die unserer romanrevolutionären Viererbande ist originell und attraktiv wie siedender Schwefel: oben und unten die Deppen, in der Mitten die Netten. »Vorn, ganz vorn«, steht in diesem Manifest am Anfang, ganz am Anfang geschrieben, »sind immer noch die großmäuligen Alten, die Deutungshoheiten mit und ohne Pfeife. Dicht gefolgt von den einst nicht minder lärmenden Damen und Herren um die sechzig, den Emanzipierten um jeden Preis, die sich in splendider Isolation eingerichtet haben und aus dieser von Zeit zu Zeit mit steiler Geste zu Wort melden. Hinten und deshalb auch wieder ganz vorn, sobald der Betrieb plötzlich kehrtum macht (hat er das nicht schon?), die Dienstleister gestriegelter Populärliteratur und die mehrheitlich TechnikerInnen einer unerschöpflichen Ästhetik der Erschöpfung.«
Der vorherrschenden »nostalgischen Erinnerungsmümmelei« sei mithin aus dem »adulten Mittelfeld« heraus entgegenzutreten, die »Epigonen des Familienromans« seien »auf ihren Platz am Rand« zu verweisen, die »Enkelromane aller Couleur« zu zerreißen usf. – um Platz zu schaffen für unsere vier Gesinnungskrakeeler in nichts als ureigener Sache. Nichts als Geschrei um noch und noch mehr Anerkennung, nichts als eitles Austeilen und Herumkeilen – und dann ein kacheldummes Plädoyer für eine Literatur, die »die zwar unbequeme, aber aufregende Gegenwart zum zentralen Ort des Erzählens« bestimmt und dieselbe zu »transzendieren« beauftragt wird.
Die aufregende Gegenwart wird sich gewiß umgucken, wenn sie spitzkriegt, was ihr da in Bälde blüht – eine Mixtur aus Sartreschem Engagementgewürge und Böll revisited womöglich. Denn das Manifest versichert festen Glaubens, »daß dem Roman heute eine gesellschaftliche Aufgabe zukommt«, und das, was sich an diese Confessio anschließt, muß man notgedrungen ungekürzt und zum Nichtgenießen zitieren: »Er muß die vergessenen und tabuisierten Fragen der Gegenwart zu seiner Sache machen, er muß die Problemfelder, ob in lokalem oder globalem Kontext, in eine verbindliche Darstellung bringen. Die Forderung nach mehr Relevanz leiten wir nicht nur aus unserem Alter ab, sondern auch aus dem Zustand einer ›unheimlich‹ gewordenen Welt. Ihre Bewohnbarkeit beizubehalten und weiter zu erschließen ist die Aufgabe des Romans. Dies setzt voraus, daß der Schreibende eine erkennbare Position bezieht, die moralische Valeurs mit ästhetischen Mitteln beglaubigt. [...] Die Aufgabe ist deshalb, Brücken zu bauen, in diesem Falle nicht nur zwischen Realität und Fiktion, sondern auch zwischen Moral und Ästhetik. Weil wir weder an den Tod des Autors glauben noch einfache Ich-Posen behaupten, sehen wir uns eher als Mittler zwischen Subjekt und Gesellschaft.«
»Ich arbeite nicht dafür, daß diese Gesellschaft sich auf die Füße stelle«, gab Andreas Maier, der auch keinen erträglichen Satz mehr zuwege bringt, in einer umgehend angeforderten Stellungnahme zu Protokoll, und Julie Zeh bekannte stante pede, erfreut zu sein, »daß sich ein paar Schriftstellerkollegen versammeln, um sich und andere am eigenen Zopf aus dem Lamento zu ziehen«. Bei Trost war dagegen Hans-Ulrich Treichel. »Der Roman muß eine bestimmte Länge haben. Mehr muß der Roman nicht«, ließ er sich vernehmen, und während Eckhard Fuhr in der WELT die erspähte »Mischung aus ausgeleiertem Politjargon und Literatur-Funktionärsdeutsch« bemängelte, hielt Iris Radisch die ganze Sache live aus Klagenfurt einfach für einen »ziemlichen Quark«.
Zumal für einen ziemlichen Sprachquark, hätte sie präzisieren können. Denn wie das gehen soll: Problemfelder in eine Darstellung zu bringen, darauf darf man ebenso gespannt sein wie auf den Versuch, die Bewohnbarkeit der Welt im Roman beizubehalten, oder das Unterfangen, zwischen Subjekt und Gesellschaft pädagogisch wertvolle Brücken der Vermittlung zu bauen. Doch davon trüben Auges abgesehen, ist ja immerhin nachvollziehbar, daß das »Erzählen die verkappte Äußerungsform des Moralisten« sei, »ausgeübt mit dem Pathos dessen, der darin nicht etwa nur der Lust zu fabulieren frönt«, sondern dabei auch »das Leben kennen« muß, »um es in den künstlerischen Werken wahrheitsgetreu darstellen zu können, nicht scholastisch, nicht tot« (Andrej Ždanov: »Die Sowjetliteratur, die ideenreichste und fortschrittlichste Literatur der Welt«, 1934), nein, so muß er es in die Darstellung bringen, daß der »weite Blick für neue Gruppierungen und globale Zwischenräume« zu Büchern anregt, »die uns ergreifen« und der »in der x-ten Potenz geschwächten Avantgarde« etwas äußert Wichtiges entgegenstellen: den »Standpunkt von jedem wesentlichen Buch«, vulgo »die ästhetischmoralische Verantwortung eines Schriftstellers, der alles Stoffliche arrangiert, um damit ein erzählerisches Ziel zu erreichen«.
Bricht nun also eine neue Zeit des »Tendenzromans« (Engels), der »Parteiliteratur« (Lenin) an? Mitnichten. Gewagteres scheint zu dräuen: »eine Gratwanderung zwischen dem, was als Erzählen aus der Mitte erlebten Lebens heraus seit je einzig angemessen, und dem, was von der einstigen Avantgarde als Kunstfertigkeit übriggeblieben ist«. »Daß die Wurzel der wirklichen Größe eines Schriftstellers in der Tiefe und im Reichtum seiner Beziehungen zur Wirklichkeit liegt« (Georg Lukács: Wider den mißverstandenen Realismus, Hamburg 1958), das wird endlich wieder anerkannt, und so folgt aus dem stilistischen ein ethischer Imperativ: »die beständige Sichtung unserer untergehenden Welt und das Ringen um neue Utopien«.
Bei diesem Ringen wollen wir jetzt gerade nicht weiter stören. Doch angesichts des kurz nach dem Manifest für einen neuen Relevanzismus durch Wolf Biermann, Klaus Harprecht, Günter Kunert, Hans Christoph Buch (der in den Siebzigern den Rowohlt-Band Parteilichkeit der Literatur oder Parteiliteratur? herausgegeben hatte) und andere lärmende Damen und Herren um die sechzig flugs verantworteten »Aufrufs gegen die neue Linkspartei« möchten wir die Frage »Was soll die Literatur?« noch schnell mal ganz persönlich beantworten: Gern haben soll sie mich mal, die gesamte Literatur, samt ihrem Schöpferpersonal.
Unser Luschigster
Das Milieu der Literaturkritik ist in großen Passagen eine Welt voller Qualligkeit und aufgespreizter Ödnis. Seit zwei Jahren ist es auch eine Welt, wie sie kaum jenem gefällt, der sich gern in die Pose des »derridaiden« (D. Diederichsen) und anderweitig veranlagten Schwadroneurs wirft.
Im Sommer 2002 kürte die Kundschaft des Internetshoppingtempels Amazon Alex Dengler aus der Oberpfalz zu ihrem »Toprezensenten«. Und weil es kein folgenreiches Unheil gibt, das es im worldwide Deppenhausen nicht gibt, stieg der kecke Parsberger Literaturauskenner umgehend zum Chefexeget der BamS in Sachen Buch und Buchstaben auf.
Seither ist es um die Literaturkritik endlich vollständig geschehen. Wir und unser gelobtes Land verfügen nämlich nicht nur über einen Literaturkritiker, der einem Diktum Eckhard Henscheids zufolge »Unser Lautester« ist; nun haben wir da alle miteinander auch einen Mann zu bestaunen, der laut BamS nichts weniger sein soll als »Deutschlands beliebtester Buchkritiker«.
Tatsächlich, als »Deutschlands beliebtester Buchkritiker« wird Alex Dengler allsonntäglich über seine Kolumne »Schon gelesen?« annonciert, und was wir da, in diesem von Deutschlands bestem Dengler zusammengedengelten Literaturbesprechungskästlein, schon alles bei voll ausgelasteten Verstandeskapazitäten haben zusammenlesen dürfen, das rechtfertigt das Urteil allemal, daß Deutschland einfach nicht mehr besser werden kann, Deutschland, das Goethe- und Reich-Ranicky-Country.
Denn Deutschland ist jetzt wirklich on top of the world der Literaturkritik angelangt, und zwar i. S. des Lebens- und Literaturbetrachtungsmottos unseres Luschigsten, des Alex Dengler, der dem Schweizer Tagesanzeiger verriet: »Ich wollte endlich über die Bücher schreiben, die ich gut fand, Romane, Thriller, Krimis, die dem Feuilleton keine Zeile wert sind.«
1.500 Seiten lese er pro Woche, klärt er uns des weiteren auf, und daß das nicht guttut und nicht gutgehen kann, lesen wir dann. Zum Glück braucht Deutschlands beliebtester Buchfex nicht allzu viele Worte, um uns haargenau über die »knackigen Plots«, die er so sehr schätzt, zu informieren, etwa dergestalt: »Nummer 5, ein normales Haus in Belfast. Doch die darin lebenden Personen haben Geschichten zu erzählen, die fesseln.«
Punkt. Das sitzt. Bong. Zuweilen pestet’s aber noch eine Spur fetziger: »1665. Eine große Liebe zu Zeiten der Pest. Ein historisches Highlight!« Mit Sicherheit. Obwohl uns schwanen mag, daß der Mann, der »jede Woche für BamS« liest, da in der Redaktion der BamS offensichtlich keiner mehr lesen kann, das ganze rare Zeug im Grunde gar nicht runter- und wegliest, es sei denn, das Lesen darf auf den Klappentext oder den Verlagsprospekt beschränkt bleiben. Da täte er es immerhin Reich-Ranicki gleich, der Bücher traktiert, ohne einen Blick in sie geworfen zu haben.
Hat nun aber Deutschlands beliebtester Buchkritiker eine Botschaft? Was will uns diese äußerst aufgeweckt dreinschauende »Kulturhummel« (Erwin Michenthaler), dieser »lesende Beckham« (Tagesanzeiger) sagen und verklickern? »Die Essenzen des Romans: Musik und Frauen«, heißt es z. B., was wohl heißt, daß schon auf der essentiellen Inhaltsebene in diesem Buchfall alles mehr oder weniger im Lot ist, eine Einschätzung, die sich andernorts zu einem bestechenden Empfehlungsurteil ausweitet: »Dr. Muo und die komplizierte Welt der Frauen. Bestseller-Autor Dai Sijie legt einen bestechenden zweiten Roman vor.«
Wenn das wahr ist, sollen Romane, verstehen wir Deutschlands beliebtesten Buchkritiker richtig, bestechen. Sie sollen »Beat, Leidenschaft, Charme, Witz« oder »Drive, Nervenkitzel, Gefühl« haben und auslösen, »vor Geheimnissen, Liebe, Abenteuern und Spannung knistern« (woraus folgt: »Der Roman hat Soul & Blues«) oder gleich vier Elemente auf einmal enthalten: »Wissenschaft, Horror, Action, Thriller. Das sind gleich vier Elemente auf einmal!« Darüber hinaus müssen sich »die Geschehnisse entfalten wie ein guter Wein«, damit »ein Roman mit viel Flair« rauskommt. Der Roman an und für sich, so macht es uns angeblich Barbara Wood vor, habe zudem »perfekt recherchiert« zu sein und »die Wucht von zwanzig Segelschiffen« zu besitzen oder abermals zu entfalten, auf daß uns Deutschlands beliebtester Buchkritiker ungetrübt unter die witternde Lesernase reiben kann: »Ein gehobener Kriminalroman mit hervorragenden Charakteren. Er verdient das Prädikat Spitze!«
Vorbei ist’s mit vielen Worten. Deutschlands beliebtester Buchkritiker hat die Literaturkritik in Deutschland revolutioniert. Und er weiß zu preisen – einen »deutschen Psycho-Krimi« etwa, »der internationale Vergleiche nicht zu scheuen braucht«, oder die den deutschen Worten zugehörigen deutschen Werte: »Nach ihrem spannenden ersten Fall [...] ermittelt Rechtsmedizinerin Leonie Simon nun endlich wieder. Sie ist eine deutsche Kay Scarpetta mit allen deutschen Tugenden. Als Ermittlerin geradlinig und ehrlich – ein ausgeprochener Sympathieträger.«
Nein, von Qualligkeit kann hier keine Rede mehr sein. Sondern zu konstatieren ist eine bis dato unerhörte Geradlinigkeit und Schmissigkeit in Sachen Buch und Buchstaben. Und das finden wir, mit einem Wort Alex Denglers, des beliebtesten Buchkritikers in Deutschland, nahezu und ehrlich: »Betörend!«
Im Gewöhnlichen
Unerheblich wie Herrn Außenminister Fischers Frankfurter Vandalenrandalenvergangenheit ist die Frage, welchen Anteil Raymond Carvers früher Lektor Gordon Lish an der mit höchstem – pressenden Überdruß erzeugendem – Feuilletoneinverständnis gepriesenen »Lakonie« des »minimalistischen Avantgardisten« (Frankfurter Rundschau, 18. November 2000) Raymond Carver hat. Oder hatte. Noch überflüssiger und entbehrlicher ist Ingo Schulzes vorwortliche Salbung des erstmals vollständig auf deutsch erschienenen zweiten Erzählungsbandes des »Minimalisten« (Klappentext), Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden (Berlin 2000). Und noch törichter plärrt der hiesige Verlag »die lähmende Ausweglosigkeit und innere Leere der Existenz« an, die Carvers Short stories so, wäre werbetechnisch nicht schlecht »gekommen«, »atemberaubend«, »schockierend« auf »den Leser«, arrrgh, »wirken lassen«.
Carver zählt, unabhängig von einstiger verlagsseitiger Einflußnahme und heutiger Verkaufspropaganda, zu den schon erschütternd zeitlos Lesenswerten. Und entgegen der wahrscheinlich wieder modischen kafkaiden Axtfunktion seiner »Texte« (Klaus N.) vermochte er im Ganzgewöhnlichen eine ruhige Anspannung auszumachen, die den Alltag adelt; zuungunsten des herrschenden Remmidemmis. Deshalb könnten, ohne gleich den Talar überzustreifen, die Exegeten vielleicht ausnahmsweise die Klappe halten. »Ich hab’ so einiges gesehen. Ich wollte zu meiner Mutter und ein paar Nächte bei ihr in der Wohnung bleiben. Aber als ich oben am Treppenabsatz ankam, guckte ich, und sie saß auf dem Sofa und küßte einen Mann. Es war Sommer. Die Tür stand offen. Der Fernseher lief. Das ist eine von den Sachen, die ich gesehen hab’«, beginnt Mr. Coffee und Mr. Fixit. Und darin liegt nicht nur eine Welt, sondern die Poetologie des Genauguckers Carver.
»Ich dachte einen Moment lang an die Welt außerhalb meines Hauses, und dann dachte ich gar nichts mehr, außer daß ich nun wirklich schlafen mußte«, schließt Ich konnte die kleinsten Dinge erkennen. Oder heimelt uns die wohlige Leere, die wohlige Wahrheit einer solchen Passage noch zarter an? »Er fuhr schneller durch die Straßen, als er hätte fahren sollen. Bisher war es ein gutes Leben gewesen. Er hatte Arbeit gehabt, war Vater geworden, hatte eine Familie. Der Mann war glücklich und zufrieden gewesen. Aber jetzt hatte er Angst und wollte ein Bad.«
Von deutschem Mund zu Mund
Daß es zum fünfundsiebzigsten Geburtstag eines nominell großen, nämlich nobelpreisprämierten Schriftstellers wie Günter Grass großspurige Ernstelfeuilletons regnet, ist standesgemäß. Daß aber renommierte Literaturbetrachter wie Wolfgang Thierse, Heinz Rudolf Kunze oder Otto Schily ihre Glückwunschadressen im virtuellen Gästebuch von Spiegel Online hinterlegen, statt dem Jubilar einfach privat zu gratulieren und es damit gut sein zu lassen, ist schon eher zum Lachen; wenn nicht ein erlesener Beleg für die maß- und nahtlose Eitelkeit der hiesigen Hochrepräsentanten, deren salbungsvolle Elogen gar die staatstragenden Episteln des Gepriesenen übertrumpfen, die in nicht abreißender Regelmäßigkeit über des Landes Lage Gericht halten.
Während der noch halbwegs befugte Fritz J. Raddatz eine Grass-spezifisch gedrechselte, mimetische Annäherung schnitzt und den Danziger belobigt für dessen »Schädeldecke«, die »sich öffnete für die Phantasie eines wortmächtigen Gaukelspiels, darin wir uns alle erkennen mochten in bucklichter Verzagtheit wie kühn scheiterndem Lebensentwurf«, hat Egon Bahr geringere Schwierigkeiten mit der gaukelhaften Grammatik und stellt klar: »Alle politischen Beurteilungsunterschiede schrumpfen gegenüber Deinem nachhaltigen Engagement für das Land und die Gesellschaft.«
Wo es keine Unterschiede mehr gibt, nimmt man Partei für eine Partei – Partei für einen, der seit Heinrich Bölls Tod die kulturbetriebliche Planstelle des ideellen deutschen Gesamtbedenkenträgers innehat und – so die völlig bedenkenlos verstreuten Worthülsen der Gratulanten – »streitbar« und »provozierend« zum Besten des Landes gewirkt habe und weiter wirken möge.
Ja, »streitbar«, meint die TV-Politologin Sabine Christiansen, sei Grass stets »geblieben«, trotz aller »Verunglimpfungen«. Grass ist zwar seit langem der weltweit geachtetste und am wenigsten geächtete Gegenwartsdichter, überschüttet mit sämtlichen erhältlichen Akademie-, Industrie- und Politikstiftungspreisen, doch wer dem Mythos vom »Unbequemen«, den Grass womöglich selbst frühzeitig lancierte, aufsitzt, quasselt eben fort, was einem so einfällt, wenn man keinen Einfall hat.
»In kichernder Selbstgewißheit den Sisyphus und seinen herunterrollenden Stein beobachtend, den er uns ins Gewissen polterte«: Das schreibt Raddatz, ohne daß ihn das Grammatikgewissen zwickt, über die standhafte Haltung des Lübeckers, und der Nationalrocker Heinz Rudolf Kunze poltert, Grass grotesk als »selbstverständlichen Verbündeten auf der Seite von Jimi Hendrix, von Bob Dylan, von den Stones« ehrend, der Gustav Mahler oder doch eher Dieter Bohlen der deutschen Literatur sei zudem der zweite – ja, wer oder was? Soll’n wir’s sagen? »Ja, sagen wir es ruhig: Thomas Mann.« Sagt Kunze.
Grass ist, gaukelt uns die Grußkolonne dem F. C. Delius zufolge vor, daneben allerdings ein »Koch« und »Skatspieler«, dessen »nimmermüder Geist«, versichert nun Bundesinnenminister Schily, ihn »den Stein des Sisyphos noch oft nach oben wälzen« läßt – und das, obwohl Grass laut Bundestagspräsident Thierse neben den Berufen des »Lyrikers und Dramatikers, Bildhauers und Malers« noch den fünften des »Literatur-Nobelpreisträgers« ausüben muß. Sabine Christiansens Zählung kommt derweil bloß auf vier Berufe. Der vierte sei, und da stimmt die Richtung wieder, »Ihre Berufung [...] des engagierten Bürgers«, der, um Bernhard Schlink vorlesen und -treten zu lassen, »beeindruckend und verpflichtend dafür steht, daß der Politik ein Gewissen schlagen muß«.
Wem die Geburtstagsstunde schlägt, dem schlagen diejenigen auf die Schulter, die man sich verdient hat – der Hans Geißendörfer z. B., der bekennt, Grass »vorbehaltlos zu lieben«; die PDS-Vorsitzende Gabi Zimmer, die messerscharf schließt: »Ist doch des Schriftstellers Tat vor allem das Wort. So viel festgestellte Wirklichkeit und vorausgesehene Wahrheit gab es selten in Deutschlands Prosa«; oder der Otto Schily, der den deutschen Prosamann Grass tätschelt, weil er »das Schicksal der Vertriebenen neu ins öffentliche Bewußtsein gerückt« und der deutschen Kunst gegen das entsetzlich zersetzende Gekrittel der Kritischen Theorie wieder eine deutsche Stimme gegeben habe: »Sie [brechen] mit dem geschriebenen Wort Verkrustungen der Erinnerung auf. Adornos Verdikt zum Trotz haben Sie nach Krieg und Holocaust eine eigene Sprache für Lyrik, Drama, Epos gewonnen und auch die Mundart in ihr Recht gesetzt.«
Die deutsche Mundart gratuliert zwar nicht, aber sie spricht via Klaus Wagenbach, Walter Kempowski oder Manfred Stolpe in vielerlei Zungen, die immer nur das eine zu belegen vermögen: Dank dem Vaterlandssänger Günter Grass! Dem Bundestagspräsidenten sei daher das parteiübergreifende Jubelschlußwort erteilt: »Ohne Dein unbestechliches kritisches politisches Engagement gerade auch durch Dein künstlerisches Wirken wäre Deutschlands Kulturlandschaft ein ganzes Stück ärmer.« Nämlich eine weite, dürre Steppe, in der durch Grass, Grass und noch mal Grass nichts als phraseologische Sumpfblüten ins Kraut schießen.
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