Kitabı oku: «Das perfekte Wirtshaus»
Roth
Das perfekte Wirtshaus

Jürgen Roth
Das perfekte Wirtshaus

Jürgen Roth, geboren 1968, lebt als Schriftsteller in Frankfurt am Main. Zuletzt sind von ihm im Verlag Antje Kunstmann drei Hörspiel-CDs erschienen (Stoibers Vermächtnis, Der Untergang des Bayernlandes und Mit Verlaub, Herr Präsident … , die ersten beiden zusammen mit Hans Well von der Biermösl Blosn) sowie bei Zweitausendeins der Band Schrumpft die Bundesrepublik! (zusammen mit Michael Rudolf und F. W. Bernstein). Im Oktober Verlag liegen von ihm diverse Titel vor, darunter Anschwellendes Geschwätz, Fußball! (Buch und CD), Rettet das Rauchen! und die zweite, überarbeitete und stark erweiterte Auflage von Die Poesie des Biers.
© 2009 Oktober Verlag, Münster
Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung des
Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster
www.oktoberverlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Satz: Claudia Rüthschilling
Umschlag: Linna Grage unter Verwendung einer Zeichnung von Greser & Lenz
Herstellung: Monsenstein und Vannerdat
ISBN 978-3-938568-89-7
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
Für V.
Bislang hat der Mensch sich nichts ausgedacht, das so viel
Freude verbreiten könnte wie eine schöne Taverne oder ein
Schankhaus.
Samuel Johnson
Im Wirtshaus allzu subaltern der Gast, im Gasthaus der Wirt;
folglich immer geradewegs in eine Gastwirtschaft.
Thomas Kapielski
Ich trank Bier in gewaltigen Bierhäusern. Eines bestand aus
einer ganzen Flucht von Sälen, und drei Orchester spielten
gleichzeitig. Um elf Uhr morgens waren alle Tische besetzt.
Simone de Beauvoir
Wenn du früher im Wirtshaus schlecht behandelt wurdest, bist
du wenigstens privat schlecht behandelt worden.
Hans Well
Also, wenn das nicht meine Stammkneipe wär’, ich würd’ hier
nicht hingeh’n.
Tresenhocker in der Frankfurter Gastwirtschaft Mampf
Wo ist denn hier die Wirklichkeit?
Tresenhocker in der Frankfurter Gastwirtschaft Kyklamino
Toren bereisen in fremden Ländern die Museen. Weise gehen
in die Tavernen.
Erich Kästner
Inhalt
Vorwort
Unruinierte Universalglückskomponenten
Wege zur Wonne
Wenn Tresen Trauer tragen oder: Zampano der Zunge
Goldener Grüner Baum
Das ideale Wirtshaus
Hinter den Steinen
Gottesgegenbeweise
Kein Ruhetag, keine Ferien
132 Dreier
Blond und blau
Terrassiertes Terrain
Faßbrause und Kühlungsbräu
Krug und Kruzifix
Frikadellengrünfrüchteensemble
Musik
Mühle marsch!
Berwersdorff hat unrecht
Diffuses Wartegebaren
Vergorene Gegenwart
Dialektischer Durst
Beckettistisches Bier
Dänemark verstehen
Trier – Eifel, mehrfach
Wellness contra Wirtshaus?
Wer den Vogel hat
Auffi!
Der Wille zum Bier
Notwendige Zwischenbemerkungen über einige Städte, in denen mitunter auch Wirtshäuser zu finden sind
Dezidierte Gedanken über den Deckel
Die Bestimmung des Containers
Viel Wind
Fürth, Türkei, Washington – Eine Trilogie des Tresens
Die Meister der Zäune
Wasserhäuschenwasserstandsmeldung
Der König von Zimmern
Ausgehorchte Ausländer
Blue Bock Blues
Entbierung schreitet voran!
Der Nil
Der Streit der Religionen
Komische Speisekarte
Ins Dasein geblickt
Wo bleibt Berry?
Im schäbigen Meer
Zum Volkswohl
Geringes Glück
Karpfenbier
In Idiotenland
Anständiges Australien?
Gastronomiegulag Gallus
Normalkneipe
Städtische Strandpromenade
Gemeine Gemeinden – Heute: Stublang
Öd? Ach was!
Das große österreichische Weizenbierschisma
Das Erleben von Lissabon
Andechs oder Bamberg?
Leipziger Nüchternheit
Kneipeneschatologie
Der Zeit die Zunge zeigen
No go
Winzige Wehmut
Der Segen des Elendstrinkens
Das Lexikon der Interjektionen
Beckett und Steinbeck
Der Frankfurter Adi
Das Caio-Evangelium
Rohe Bärte
Die ungeheure Vielfalt der Grüntöne
Habermasianische Kommunikationsinsel
Dunkles Weizen
Franken in Frankfurt
Die Louisa-Fragmente
Nachweise
Vorwort
Dieses Buch ist kein Wirtshausführer. Es ist eine Sammlung von Reisereportagen, von literarischen Feuilletons, von Anekdoten, Geschichten, Glossen, Essays. Allen Texten gemeinsam ist ein Thema oder Motiv: die Beschreibung der Eigentümlichkeiten unterschiedlicher öffentlicher Trinkorte.
Um den möglichen Einwand vorab zu entkräften, es handele sich bei diesem Buch um eine bloße und darob eventuell ja wohlfeile Kompilation bereits erschienener Texte: Zum einen kann es sich ein freier Autor, der nicht über Erbschaftsmillionen oder granatengeile Börsenpakete verfügt, heutzutage bei den lächerlichen Vorschüssen, die Buchverlage zu zahlen bereit oder in der Lage sind, schon aus Gründen der simplen Reproduktion nicht erlauben, ohne Aufträge von Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten um die Welt zu reisen und durch die Gegend zu latschen; zum zweiten sind nahezu alle hier zusammengestellten (Auftrags-)Arbeiten aus den vergangenen sechs Jahren vor dem Hintergrund entstanden, sich zu einem Buch zusammenzufügen. Daß ich sie noch einmal sorgfältig durchgesehen und hie und da leicht retuschiert habe, darf ich anmerken.
Den endgültigen Anstoß, sich über einen längeren Zeitraum mit Fragen und Phänomenen der Wirtshauskultur und ihres Niedergangs zu beschäftigen, gab 2004 Tanja Kokoska. Sie ist Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau und war damals verantwortlich für das neue wöchentliche Regionalsupplement plan.F. Angeregt durch ein Interview, das ich mit Achim Greser und Heribert Lenz geführt hatte (siehe Seite 27), sagte Tanja: »Du hockst doch dauernd in Kneipen und Wirtshäusern rum. Schreib doch bitte für mich eine Serie über das perfekte oder ideale Wirtshaus.«
Ich hocke zwar nicht dauernd in Wirtshäusern und Kneipen herum, aber schon recht häufig und gerne. »Gut«, sagte ich, »gehen wir’s an. Titel: ›Das perfekte Wirtshaus‹.« – »Sehr schön.«
Tanja ist freundlich, kundig und – hartnäckig. Bereits nach der zweiten oder dritten Folge forderte der damalige Chefredakteur der Rundschau, Wolfgang Storz, lauthals die sofortige Einstellung der Serie. Das wiederholte sich praktisch jedesmal, wenn neuerlich eine ganze Seite des Serviceblattes mit einer eher verspielt-verwinkelten Abhandlung über das Wirtshauswesen gefüllt worden war.
Tanja ließ sich nicht beirren und nicht einschüchtern, und so hatten wir es schließlich immerhin auf dreizehn Folgen gebracht. Daß kurz nach Erscheinen des letzten Textes plan.F eingestampft wurde, finden wir noch heute fast ungeheuer okay.
Tanja, merci!
Nach dem Ende der Serie wurde sie informell in multipler Aufsplitterung in anderen Zeitungen fortgesetzt. Ich danke vor allem Jörg Hahn, Freddy Langer und Jakob Strobel y Serra von der FAZ, Michael Ringel von der taz und Christof Meueler von der jungen Welt. Sie haben Texte in Auftrag und/oder in Druck gegeben, die ich im Hinblick auf die Fertigstellung des Perfekten Wirtshauses zusammengehauen habe.
Gut möglich, daß das eine oder andere Etablissement, das auf den folgenden Seiten Erwähnung findet, mittlerweile nicht mehr existiert. Das wäre ein weiteres Indiz für das unaufhaltsame Verschwinden der letzten wahren, schönen, guten Wirtshäuser und Trinklokalitäten.
Gut möglich obendrein, daß dem Leser gewisse regionale Einseitigkeiten ins Auge fallen und er im Gegenzug lobenswerte Kneipen etwa im Ruhrgebiet oder im hohen Norden vermißt. Erstens: Ich kann nicht überall sein. Zweitens: Neigung und Gewohnheit spielen in Sachen Gasthausbesuch natürlich keine unbedeutende Rolle. Drittens: Die Auswahl unterliegt auch dem Zufall; wo mich eine Redaktion hinschickt oder wo ich eine Rast einlege, das entscheide nicht ich und plane ich nicht. Viertens: Es geht hier letztlich um das Typische von Orten, an denen es sich lohnt, zu verweilen und – vornehmlich – Bier zu trinken.
Sicher, zur Münsteraner Brauerei Pinkus Müller, in deren Ausschank ich mit Michael Rudolf mal einen hervorragenden Nachmittag verbaselt habe, zu einem ausgezeichneten Lärmladen in der Dresdner Südstadt, dessen Name mir entfallen ist, zum Augustiner-Keller und zum Jennerwein in München (ich bin im Besitz des Jennerwein-Raucherklubausweises Nummer 5.000), zur Gaststätte der Erdinger Weißbräu und zum Raucherclub Möller’s in Hamburg hätte ich durchaus ein paar Worte verlieren können. Aber manchmal habe ich keine Lust, mir Notizen zu machen und zu schreiben. Ich bitte um Nachsicht.
Unruinierte Universalglückskomponenten
Wer durch die Praxis galvanisierte Mitteilungen machen möchte über die letzten wahren Wirtshäuser, über Gaststätten und Lokale, die sich gegenüber dem Perfektibilitätsgedanken der Aufklärung zumindest noch als aufgeschlossen erweisen, der wird zunächst kaum im engeren oder weiteren hessischen Großraum verweilen, sondern voller Verve und maßstabsuchend ins angrenzende Bayern ausreiten und dort aber sofort in eines der gesegneten Segmente der Erdschrunde preschen: in die Fränkische Schweiz.
Der Mensch ist anthropologisch maßgeblich bestimmt durch zweierlei – durch die Sprache und, so legt es der radikale französische Republikaner Claude Tillier in seinem mit Rinderzungen zu preisenden großhumoristischen Roman Mein Onkel Benjamin (1843) überzeugend dar, durch die Fähigkeit, sich zu betrinken. Der Mensch ist im Sinne auch Schillers nur dort voll entwickelt und des weiteren in irgendeiner Weise und Richtung entwicklungsfähig, wo er ohne Arg noch List und ohne störende Umstände herumhocken kann (also beispielsweise in einem Gerhard Poltschen »erdbebensicheren Gebiet« als vornehmlich Biergartengebiet), wo er dann in einem gewissermaßen traulichen Ambiente herumschwatzen darf und zudem eines jederzeit in unerschöpflicher Menge und extraordinärer Qualität vorrätigen Getränks habhaft zu werden vermag, eines Getränks, das sich reziprokproduktiv zur hellen, lichten Sprachlichkeit des Menschen verhält. Es handelt sich hierbei um das Bier.
Alle drei Universalglückskomponenten sind in Heckenhof im Zentrum der Fränkischen Schweiz aufs edel-irdischste miteinander verbunden. Das liegt zum einen an einer waldbuckeligen, von Hohlwegen und Feldgehölzen durchzogenen und tektonisch krisenfreien Landschaft, zum anderen an der Wirtschaft Kathi-Bräu. Der Frankfurter muß lediglich etwa zweihundertdreißig Zug- oder Pkw-Kilometer überwinden, um das im 15. Jahrhundert gegründete Brau- und Schankhaus zu erreichen. Das ist fürs Paradies kein schlechter Wert.
Am besten schlägt man sich östlich von Bamberg via Heiligenstadt nach Aufseß durch und erklimmt anschließend eine kleine Anhöhe über den neuerdings zum »Wellness-Wanderweg« beförderten Treckerpfad. Hinter einer generös arrangierten Baumgruppe eröffnet sich dem himmelblauen Blick zunächst ein gar nicht hinterfotzig genug zu verfluchender Parkplatz für jene Biker, die Kathi-Bräu zum »Szenetreff« erkoren haben und wochenends als »Wheelies« das »hopfige Naß« (www.bikeandmedia.de) in die Lederkörper importieren, um hinterher folgende Bike-and-Beer-Poetry ins virtuelle worldwide Hohlhausen zu pflanzen: »Ich geh nach Heckenhof seitdem ich 10 bin, da bin ich noch mit meinem Vater gefahren. Mittlerweile fahre ich selber und ich werde auch noch mit 60 Jahren dahin fahren, da ist es einfach super und die Kathi Bräu in Heckenhof ist im Sommer schon so ne Art Familie.«
Ist sie, Gott sei es gedankt, unter der Woche nicht – sondern vielmehr ein anarcholibertäres Gemütlichkeitsterrain at its best. Da rasten unter elysischer Laubüberdachung und in archäologisch wertvoller Ruhe um halb elf Uhr morgens junge Müßiggänger, Spazierleut’, Handwerker, festgeschraubte Krugstemmer und gemischte Rentnermannschaften, die frohvollst das malzmuntere, nach »Geheimrezept« der 1993 verstorbenen Braumeisterin Kathi Meyer verfertigte braune Lagerbier einsaugen, das zwischen Plackenschwarz und Lakritzbraun changiert und durch seine kompottartigen Nuancen zuweilen an Schwarzbier oder sonst was erinnert. Eine Katze sieht das ebenfalls für geraten an, sofern sie nicht im wilden Garten neben dem durch und durch unruinierten, weil unrenovierten Gasthaus inklusive finsterem Schankraum, schwankendem Steinboden, Rinnenpissoir und Eistruhe herumtapst oder -fläzt.
Draußen darf es zwar auch eine Brotzeit sein respektive ein Käsekuchen; doch wer »auf den Keller geht«, wie es heißt, wenn man in Oberfranken in den Biergarten marschiert, der hält a) keine »Benzinreden« (s. o.) und bleibt b) »den ganzen Tag sitzen, verdammt!« (K. Sokolowsky), nämlich beim Bier (und höchstens bei einem Zusatzteller Sauerkraut). Er weiß dann, daß auf der hiesigen »Agora reborn« nicht bloß die »unheimliche Macht von Hademar Bankhofer« angemessen erörtert und eine fürwahr fortschrittliche Debatte über Biker geführt werden kann, über Stahlroßdompteure, die im Münchner Englischen Garten den Bärlauchsammler Prof. Sailer in den Wahnsinn treiben. Er erfährt obendrein, daß am Tisch der Wissenden ab Seidla Nummer fünf (0,5 l, 1,60 €) noch weit über Luthers Tischredenidiotien hinaus der diverseste Quark und versierteste Schrott in die Dialogspirale flutscht; so daß er zuletzt volle Kartusche »am Baum der Erkenntnis genascht hat«
(E. Stoiber, 14. März 2003) und es ihm mithin nachgerade vernünftig dünkt, ergänzende drei bis sechs Runden lang den Arsch nicht mehr hochzukriegen.
Oder er schaut klappehaltend einer fingernagelgroßen grünen Raupe zu, die sich über Stunden hinweg stillvergnügt und lässig leuchtend in der Bierpfütze auf dem Holztisch wälzt.
Wege zur Wonne
Wer mit dem Wort »Bierstraße« nicht bloß eine Gasse in Osnabrück oder Chemnitz meint, die genau so heißt, und wer des weiteren unter »Bierstraße« nicht allein die sogenannte mallorquinische Sauf- und Raufmeile Calle de Miquel Pellisa in S’Arenal versteht und dabei verzückt an das degoutante Gebaren in Vorhöllen wie dem Deutschen Eck und dem Almrausch denken muß, der weiß, daß es im Bierwunderland Franken nicht nur Hunderte von kleinen und feinen Brauereien, sondern auch Bierstraßen gibt, die zum Teil sogar ins Niederbayerische und nach Thüringen ausgreifen.
Im Oberfränkischen zentriert bleibt zunächst die Fränkische Bierstraße, eine Fremdenverkehrsinitiative, die mit Brauerei- und Kirchweihbesuchen, Bierwochen und anderen Festivitäten für die Region wirbt. Der Verein Fränkische Bierstraße bietet jedoch darüber hinaus Touren an, die auch Nürnberg, das südliche Mittelfranken oder den Steigerwald einbegreifen.
Eine der Rundreisen startet in Bayreuth, wo sich neben dem Festspielhaus vor allem das Museum der Maisel’s-Brauerei und der Herzogkeller für eine Visite anbieten. Auf der B 85 Richtung Kulmbach erreichen wir dann Altdrossenfeld. Dort hält die Brauerei Schnupp ein gängiges Edelpilsener bereit, das unter beinahe allen Umständen runtergeht. Einige nordöstliche Kilometer entfernt wirft allerdings der Bierbetrieb Haberstumpf in Trebgast das dunkle Kupferkrönla in die Gaumenschale.
Von Trebgast rauschen wir östlich an Bayreuth vorbei Richtung Pegnitz, wo zweimal Bier gefaßt werden kann, um über die B 470 gestärkt in die gesegnete innere Fränkische Schweiz zu gelangen, nach Pottenstein. Ob da mehr die drei Brauereien locken oder eher der Burgberg interessiert, mag Veranlagungssache sein. Entlang des sich gen Westen hinstreckenden Wiesenttals sind im Anschluß End- und Ruhepunkte sonder Zahl anpeilbar – zumal auf dem rechter Hand gelegenen Plateau, auf dem neun hochgradig empfehlenswerte Privatbrauereien logieren.
Während sich die Aischgründer Bierstraße auf den Steigerwald konzentriert und zwischen Bad Windsheim und Uehlfeld auf zirka fünfzig Kilometern mit sieben Familienbrauereien aufwartet, die im näheren Umfeld der B 470 zu finden sind und im Rahmen von 1- bis 3-Tages-Trips inklusive Bierseminar, Brennereiexkursion und Anzapfkurs geprüft werden können, geht die Bier- und Burgenstraße, 1977 in Kulmbach als Arbeitsgemeinschaft gegründet, bei einer Gesamtlänge von 500 Kilometern in die vollen. Hier braucht es nicht nur mehrere Fahrer, hier sind obendrein diverse Rast- und Rekreationsphasen angebracht.
In Passau beginnend, schlängelt man sich auf der B 85 nordwärts und macht beispielsweise in Amberg und Sulzbach-Rosenberg Station. Ein Stopp bei Sperber-Bräu im Zentrum Sulzbach-Rosenbergs (Rosenberger Straße 14) kann nicht schaden. Die Weisheiten der Schafkopfrunden sind unerschütterlich, wie Eckhard Henscheid mehrfach überlieferte. Vorher allerdings zieht bereits das Amberger Rathaus in Bann, ein gotisches Schmuckstück, das einen drei- bis vierfachen Toast mit der legendären Falk-Weiße verdient, einem Hefeweizen, das heute und nicht minder cremig durch die örtliche Brauerei Bruckmüller hergestellt wird.
Die Route führt weiter über Pegnitz, Bayreuth und Kulmbach, dessen unterdessen monopolistischer Großbraubetrieb zugunsten der Plassenburg zu ignorieren wäre, und touchiert Gampert-Bräu in Weißenbrunn und Jahn-Bräu in Ludwigsstadt, beides akzeptable Orte der Erfrischung. Hinter der thüringischen Landesgrenze böte sich ein bierologisches Intermezzo im Bürgerlichen Brauhaus zu Saalfeld an (Pößnecker Straße 55), gleichwohl wir, das Schloß Heidecksburg und das Blankenhainer Schloß grüßend, bei Weimar einen Abstecher nach Apolda favorisieren würden. In der hiesigen Vereinsbrauerei (Am Töpfermarkt 1) darf man sich ein Gambrinus Pils oder den Glockengießer Urtyp gefallen lassen, um die Kraft der zwei Herzen fürs Finale der Bier- und Burgenstraße zu tanken: für das Kyffhäuser-Denkmal bei Bad Frankenhausen. Das Barbarossa Pilsner der Privatbrauerei Artern gibt einem dann den Rest.
Bierstraßen sollen Orientierungsangebote in einer vielfältigen Kulturlandschaft sein und die Erkundung der Bierwelt mit anderweitigen touristischen Zielen, mit Baudenkmälern, Ruinen und Naturparks, verbinden. Da herrscht der Marketinggedanke notgedrungen vor. So empfiehlt es sich, falls einem an der Entdeckung wahrer Kleinode der Braukunst und der Wirtsstubenbehaglichkeit gelegen ist, immer der Nase nach und mit der Fränkischen Brauereikarte von Stefan Mack in der Hand durch Frankens Lande zu stiefeln.
In den östlichen Haßbergen zum Beispiel, etwa zwanzig Kilometer nördlich von Bamberg, sollte der Neugierige im exquisiten Bierstützpunkt der Baunacher Brauerei Sippel, geführt von Baptist Fößel, ein paar Seidel des dunklen, streng rezenten und experimentell gehopften Vollbiers stürzen, während der Stammtisch seine Knollnasen mit Bierschnaps pflegt. Anschließend marschiert man zwei Kilometer weiter in westlicher Richtung, durch ein weiches Tal. Am Ortseingang von Appendorf steht die Brauerei Fößel-Batz, in der nicht bloß eine bittersüße Feinheit kredenzt wird, die in solcher Vollkommenheit selten aufzuspüren ist, sondern Freitag abends ein unglaubliches Tanz- und Musikspektakel stattfindet, an dem Hobbyinstrumentalisten und Walzerwütige aus der ganzen Region teilnehmen, um im schönsten Gewoge die Vermählung von Rausch und hochmodernem Entertainment zu zelebrieren.
Hat man das Remmidemmi halbwegs unbeschadet überstanden, steht am nächsten Tag einer weiteren Tour über die (noch) unbenannte Bierstraße entlang der B 4 nichts im Wege. An demselben werben mit der Brauerei Zum Goldenen Adler in Höfen, der Brauerei Fischer in Freudeneck und der Brauerei Sonnenbräu in Mürsbach kurz hintereinander drei vorbildliche Bierinstitute um die Gästegunst – Pilgerstätten, die durch die dargebotenen glitzernden Getränke nicht weniger für sich einnehmen als durch ihre seraphischen Namen.
Wenn Tresen Trauer tragen oder: Zampano der Zunge
Unlängst ließ der Präsident des Deutschen Brauer-Bundes, Richard Weber, verbreiten, daß auf Grund des in der »Cola-Generation« manifest gewordenen Trends zum »süßen Geschmack« Bier »in Zukunft« wahrscheinlich kein bißchen besser, aber »süßer« werde. »Bier wird in Zukunft süßer und weniger hopfig«, sagte Weber, und man lasse sich das gesagt sein und auf der Zunge zergehen.
Mitte der siebziger Jahre oder etwas später, man wird sich des fraglichen Jahrhunderts noch blaß durch den letzten gauloisesschwarzen Filmriß hindurch erinnern, löste das als »herb« bezeichnete Pilsener das damals marktführende Export als Marktführer auf dem Biermarkt ab. An diesen epochalen Einschnitt müssen wir denken, wenn Weber heute sagt: »Das Schicksal von Export droht nun dem Pils, das sich vor drei Jahrzehnten zur beliebtesten Biersorte in Deutschland aufschwang.« – »Abgelöst«, so Weber weiter, »wird Pils vom Spitzenplatz voraussichtlich von Biermischgetränken oder Biersorten, die weniger herb schmecken.«
»Ein herber Schlag«, raunt es an Deutschlands Tresen vermutlich, ja, »ein harter Schlag, der uns da bevorsteht.« So tragen die Tresen Trauer. Doch so sehr es einem auch die Sprache verschlägt, so sehr wären klare Köpfe zu wünschen, um Einsicht in die Wahrheit der Wirklichkeit zu gewinnen.
Schuld an diesem epochal-ordinären Umwälzungsvorgang ist weder die »Cola-Generation« noch die Generation der »puren Lust am Leben ohne Pils« (Gesundheitszeitschrift Jolie), sondern ein unauffällig am Pestalozziplatz in Frankfurt-Bornheim lebender Mann, seines Zeichens promovierter Schopenhauerianer.
»Ich hab’s doch gesagt, ich hab’s doch schon immer gesagt, ich hab’ doch den Trend erkannt, ja vorausgedacht!« schreit der zwischen Zeitungshaufen, Weinflaschenhalden und Schallplattenstapeln hockende ehemalige Zehnkämpfer und »ausgebildete Humanist«, wie er betont, und justiert die Dieter-Hildebrandt-Brille.
Dr. Heinrich Prömm ist kein Mann des unklaren Wortes. Er liebt die Wahrheit und die Unumwundbarkeit und köpft eine Champagnerflasche Jg. 1943 Südwest-Nigeria per Handkantenschlag. »Ich fackel’ nicht lange, das müssen Sie wissen!« brüllt er wie von sich selbst begeistert, und ein Strahl des goldgelben Saftes ergießt sich fontänengleich in den weit geöffneten Schlund, in dem es gefährlich brodelt.
»Das war doch abzusehen«, Prömm gluckst kurz, »das hab’ ich doch gesagt, tausendmal, ich hab’ doch den Trend schon vor Jahren gesehen!« Prömms Opernbaß schwillt grummelnd an, der bärige Mann greift rasch zu einem Burgunder und rückt den grünen Wodka zurecht. »Seit Jahren hab’ ich im Spitzen Eck, da vorne«, seine rechte Pranke zeigt Richtung Norden, »die Wende propagiert, ja eingeleitet!«
Was er damit meine, fragen wir in einer Atempause. »Das Pils wird abgeschafft! Das Pils wird abgeschafft, weil das Pils ein Scheißgetränk ist! Das ist doch klar!« Was sei klar? »Daß Männer, echte Männer, Export trinken! Männer brauchen Nahrung, Kraft, Prozente! Seit Jahren sage ich das! Und seit Jahr und Tag beweise ich im Spitzen Eck, daß das Pils weg muß!«
Dr. Heinrich Prömm habe im Dienste der Abschaffung des Pilsbiers etliche tausend Hektoliter Export der Brauerei Binding getrunken, beteuert er. Nun sieht er sich bestätigt. Das Pils breche endlich elendig ein, die Süße komme zurück. »Kinder wollen Süßes, weil sie Kopfnahrung brauchen, weil sie denken wollen«, erläutert Dr. Prömm grölend, er wirft die Arme in die Höhe, sein Bauch bebt, »und das bestätigt sich jetzt auf höherem Menschheitsniveau, auf Männerniveau!«
Der Zampano der Zunge kratzt mit dem kleinen Finger den letzten Tropfen Burgunder aus der Flasche. »Wahrscheinlich greifen jetzt die Frauen, schwach, wie sie sind, zum Pils. Zum ›schlanken‹ Pils. Aus Solidarität. Aber ich trinke weiter. Im Auftrag der Welt, wie ich sie mir vorstelle. Die Zeit und das Volk sind auf meiner Seite!«
Der Volkserzieher vom Pestalozziplatz lächelt. »Alles für andere, für sich nichts, oder? Ich bin froh, daß ich jetzt die Früchte meiner Überzeugungsarbeit ernte. Süß wird die Zukunft sein. Ich würde fast von einer Generation Prömm sprechen wollen. Ja, ich spreche von einer Generation Prömm! Komme es, wie ich’s wollte!«
Wir gehen, durstig und sprachlos.
Goldener Grüner Baum
Wenn man es satt hat – und man hat es oft genug satt –: dieses ubiquitäre neumoderne Interieur samt aprikosenfarbenem Feinputz, diese betonte Kühle und genormte pseudomondäne Sachlichkeit und Eleganz, dieses so offenkundig angestrengt Durchdachte und doch nur Abgekupferte all dieser sogenannten Bars und Restaurants und Chill-out-Lokalitäten – dann muß man weg, weg, raus aus der törichten Stadt, raus aufs Land, aufs Kaff, unter Leute, die sich nicht scheuen, anders zu reden, als es ihnen das Fernsehen und das Feuilleton vorplappern. Und dann findet man in der Regel doch nur wieder verhobelte Läden, stilistisch nochmals unbedarftere Adaptionen dieses gähnend öden Kollektivstils, und in denen hocken Leute, die genauso reden, wie es ihnen das Fernsehen und der Sportteil vorschreiben.
Es gibt keine Wirtshäuser mehr, zumindest an den Peripherien der größeren Städte nicht. Wer etwa rund um Stuttgart oder Frankfurt ein normales, einfaches, einladendes Wirtshaus sucht, ist verloren und verratzt. Es ist verflucht, es ist eine Blamage, und insbesondere rund um Frankfurt ist es eine einzige Katastrophe. Im Taunus und im Vordertaunus ein halbwegs anständiges Wirtshaus zu finden ist unmöglich. Der Taunus ist verloren, ein für allemal.
Fast. Oder noch nicht ganz. Denn in Bad Soden-Altenhain steht unweit der Kirche ein Fachwerkhaus, das Gasthaus Zum Grünen Baum. Der Grüne Baum verdient, im Rahmen der immer dringlicher gebotenen hessischen Initiative zur Rettung des Wirtshauses als leuchtendes Beispiel auserkoren zu werden – als zeitloses Vorbild des einladenden, einfachen, normalen Wirtshauses ohne deutsch-romantische Verkleisterung, Verklärung und Verkitschung.
Ein langgezogener Raum; lobenswert lieblose Wanddekorationen, Kinderzeichnungen und Eisenlampen; Resopaltische mit Deckchen; keine Lichteffekte, keine Musik, keine Special Drinks oder Happy Hours. Am Schanktresen lagern die Stammgäste in unsortierten Hosen und kosten mit dem Wirt den neusten Brand. Die Bierbedienung ist zauberhaft zügig, die Beratung bei der Speisenwahl unaufdringlich. Der Grüne Baum ist nichts weiter als: ein Gast-, ein Wirtshaus, und das macht ihn nahezu einzigartig.
Selten zuvor wurden aber auch Steaks gesichtet so groß, daß man mit ihnen Gäule erschlagen könnte – zu Preisen, bei denen der städtische Hip-, Hü- und Hottwirt hysterische Anfälle erlitte. »Das Steak ist Weltklasse«, strahlt der Frankfurter Koch Hans-Dieter K., »das ist eine Sünde wert. Und die Bratkartoffeln sind schon jetzt legendär.«
Der Äppler rinnt aus der eigenen Kälterei, und Rippchen, Markklößchensuppe, Metzelsuppe, Dosenwurst und eine Schinkensülze aus eigener Schlachtung, die, versichert die fränkische Co-Verkosterin, durch ihre säuerlich-fleischkräftige Balance freudentränentreibend wirkt, werden um täglich wechselnde Spezialitäten wie frischgekochte Leiterchen oder Haspeln ergänzt.
Weil jetzt schon alles paßt, spendiert der Wirt einen Calvados oben drauf. Ich spendiere dem Grünen Baum die Goldmedaille der Inkognitovereinigung zur Förderung des Wirtshauswesens und der Gastronomie ohne Gewese.
Das ideale Wirtshaus
Das Zeichnerduo Achim Greser und Heribert Lenz, u. a. tätig für die FAZ, die Titanic und den stern, mietete 1996 in Aschaffenburg das erste gemeinsame Atelier an. Seither verkehren beide mehr oder weniger regelmäßig in der zentral gelegenen Gaststätte Schlappeseppel, die 1631 auf Geheiß von Gustav Adolf von Schweden errichtet wurde und bis heute ein Juwel geblieben ist. Greser & Lenz recherchieren hier und trinken das eine oder andere Bier. Und sie schätzen das Lokal so sehr, daß sie mehrere Schlappeseppel-Bierdeckelserien gezeichnet haben.
Mit der Wirtshauskultur geht es bundesweit bergab, oder?
Achim Greser: Das ist eine Behauptung. Ist die gesichert durch die erfahrenen Hintergrundrecherchen, die wir dir zutrauen, oder ist das nur mal eine provokative Behauptung, um uns herauszufordern?
Es werden ja immer mehr Lokale zu Bistros umgebaut.
Heribert Lenz: Die Leute haben schon vor zwanzig Jahren aus ihren wunderschönen Gasthäusern Bistros gemacht.
Greser: Und ich glaub’ auch nicht, daß man selbst als sentimentaler Anhänger einer uralten Kneipenkultur heute noch zufrieden wär’ mit einem Ausstattungszustand, der einen übern Hof aufs Plumpsklo zwingt. Von daher ist Erneuerung sicher auch notwendig.
Du plädierst für eine Erneuerung in bezug auf die Klos?
Greser: Ja.
Die Kneipenräume selbst haben sich aber auch sehr verändert.
Lenz: Richtig. Es gibt immer weniger Großkneipen – so wie den Schlappeseppel. Statt dessen gibt es immer mehr Eßgaststätten, in denen man zu bestimmten Zeiten nicht mehr Karten klopfen darf.
Greser: Das ist auch ein Phänomen des Regionalkonglomerats Rhein-Main, das sich gerne als dynamisches, international konkurrenzfähiges Wirtschaftszentrum ausweist. Wenn man Geschäfte mit dem Chineserer machen will und dem wie vor hundert Jahren Handkäs’ und sauren Äppler vorführt, ist das vielleicht nicht unbedingt förderlich. Also, man muß es zulassen, daß der Chineserer ein Lokal kriegt, das nach seiner Façon zugeschnitten ist.
Lenz: Der will halt auch hier seinen Schweinsbraten.
Greser: Und das heißt, die Globalisierung schlägt auch hier zurück.
Ist der Schlappeseppel eine Nische?
Lenz: Nee. Das ist einfach ein Gasthaus, das seit Jahrzehnten vernünftig geführt wird, und es marschieren immer noch genug Leute rein.
Greser: Die Wucht der Tradition ist hier natürlich auch gewaltig. Und Gott sei Dank ist das Potential dieses Lokals stark genug, um Kräfte zu mobilisieren gegen diejenigen, die den Schlappeseppel in ein zeitgeistgeprägtes Jugendlokal verwandeln könnten. Es ist ein gutes Zeichen, daß man sich hier nicht vom stringenten Erwerbsgedanken leiten läßt.
Lenz: Die Gästeschar ist so groß und zäh, daß ein Wirtswechsel oder eine Umwandlung nie zur Diskussion stand. Wie wär’ denn das, ein Bistro Schlapp zum Beispiel?
Es gibt einen starken Beharrungswillen …
Greser: Die Menschen sind darauf trainiert, auch schon am Nachmittag in das Lokal reinzuschreiten und die ersten Biere zu trinken. Das Beeindruckende ist tatsächlich, daß bereits am Mittag keine kahle Wirtshausödnis herrscht und dieser wunderbare Rumor aus Gebabbel, exaltierten Kartenspielreaktionssignalen, verfrühtem Suff und Extremäußerungen entsteht.
Lenz: Man sitzt einfach generationenübergreifend zusammen, der eine ist Straßenkehrer, der andere Jurist, und man kann über jedes Thema reden und sich gegenseitig beschimpfen. Vor ein paar Jahren hat übrigens Warsteiner eine Werbung mit weißgekleideten Menschen auf einem Gutshof gemacht – da hat’s angefangen, daß die Bierkultur auf den Hund kam und die alten Lokale verschwanden.
Im Schlappeseppel gibt es keinen Dresscode …
Greser: Hier sind alle gleich. Hier gelten andere Wettbewerbskriterien als draußen.
Welche?
Lenz: Du mußt über jedes Thema reden können.
Greser: Und die Verträglichkeit von Bier muß hoch sein. Die entscheidet über glaubwürdig und unglaubwürdig.
Würdet ihr den Schlappeseppel als das ideale Wirtshaus bezeichnen?
Lenz: Ja.
Greser: Ja. Das beste Wirtshaus im Umkreis von hundert Kilometern. Der Schlappeseppel strahlt eine so einnehmend sympathische Atmosphäre aus, daß man sich ihr nicht widersetzen kann. Und will. Man wär’ ja blöd.
Lenz: Denn es ist einigermaßen schlicht eingerichtet. Wenn man mal ein Vorurteil gegenüber Frauen vorbringen darf: Es ist immer problematisch, wenn eine Wirtsfrau gestalterisch tätig wird – wenn dann Hexen in den Fenstern stehen oder Getreidegarben an der Wand pappen oder das mit den Deckchen anfängt. Das ist der Tod.
Greser: Dieser Keramikkrempel und kunsthandwerkliche Schrott, dieses Überdeckungsgewese … Die Wucht der Patina ist wichtig. Die Bänke müssen alt sein. Das ist ein Wohlfühlfaktor, den man spürt. Außerdem darf keine Musik laufen, genauso, wie in einer guten Kneipe die Möbelhausfarbkombination Pink und Türkis nicht vorkommt.
Lenz: Hut ab, Achim! Hervorragende Beobachtung! Darüber hinaus muß es mittags losgehen, es muß sich langsam steigern. Wenn man eine Kneipe erst um siebzehn Uhr aufmacht, ist alles zu spät.
Greser: Kneipen, die zwischen halb drei und halb sechs schließen, sind Kneipen, die außerhalb der Kategorie des Wohlfühlfaktors liegen.
Der Schlappeseppel ist auch eine lichte Kneipe, keine Kaschemme.
Greser: Weil, wie es sich gehört, beim Bau am richtigen Ort der Sonnenverlauf mitbedacht wurde. Es ist ja auch ein Merkmal des Verschwindens der Kneipenkultur, daß man meint, Kneipe könnte überall sein. Man kann zum Beispiel in die Garage Bierbänke stellen. Aber das ist viel zu kurz gedacht. Das is’ nix. Das ist dumm. Das ist Bezirksliga. Das hier ist Champions League.
Lenz: Wenn das Licht wie hier auf mein Bier fällt, dann geht mir das Herz auf.
Greser: Das ist der theologische Aspekt der Kneipe – einen Platz zu finden, an dem man mit sich völlig im reinen ist und seinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Das ist noch Abendland!
Lenz: Ich bin dem Herrgott dankbar, daß ich nicht im Islam aufgewachsen bin und in Teestuben rumhocken muß.
Hinter den Steinen
Es ist nicht leicht in Miltenberg am Main. Wo soll man hin? Die kleine, alte Stadt, für deren wie aus einem Baukasten für überzeitliche Fachwerkharmonie zusammengefügten Marktplatz mit dem berühmten Steinbogendurchgang hinauf zur Burg, dem Schnatterloch, sogar Adorno ein paar lobende Worte übrig hatte, dieses im Fremdenverkehrsjargon zur »Perle« ernannte Städtlein hält einen auf Trab, trotz der allerkürzesten Wege im überwiegend beschatteten Altstadtbereich.
Wo soll man hin? In den Riesen? Jene ehemalige Fürstenherberge, die als ältestes Wirtshaus Deutschlands firmiert und in deren hoher Schwemmenhalle man auf der dunklen, umlaufenden Holzbank das geschätzte Faust-Bier trinkt? Oder in westlicher Richtung die Hauptstraße, die Achsengasse, hinunter, um in der unerbittlich gemütlichen Créperie des politischen Universaldenkers Karl-Heinz Jalufka Seit’ an Seit’ mit den Herren Ramazan, Neubert und Scherer-Wolfgang zu Pfannkuchen mit hausgemachtem Zwetschgenmus das eine oder andere Faust- oder Kalt-Loch-Bräu umzuochsen? Oder vorher erst rasch noch in den wunderbar anheimelnden Hof des Museums am besagten und besungenen Marktplatz, wo die »Stadt aus Holz« Gebäudlichkeiten aus dem 14. Jahrhundert, das grandiose Weinhaus am Markt inklusive polygonem Erker und eine höchst geheimnisvoll erbaute Sandsteinkirche herzeigt? Oder, vierzig Meter retour, doch gleich und den ganzen Tag lang in die Brauerei Kalt-Loch, das Traumpendant zum Jalufkaschen Hammeretablissement?
Ohne irgend jemandem Unrecht zu tun – das darf wohl vorderhand am nachdrücklichsten angeraten sein. Drei bis vier fränkische Mahlzeiten wären da, startend, sagen wir, um 11.37 Uhr, im ein wenig zu putzig benamsten Bräustüble mit der nötigen, heutzutage so verachteten Langsamkeit zu verräumen. Zum Auftakt böte sich der Spessarträuberspieß an, gegen 15 Uhr käme die Schweinshaxe mit Semmelknödeln dran, und um den frühen Abend herum würden die mit Bergkäse überbackenen Lendchen aufgefahren, im Herbst wahlweise mehrere Gänse. Für den Nachtisch, gebongt, alright, d’accord, steht Nachbar Jalufka gerade.
Daß »der Tourismus die Gaststätten versaut«, weiß Kalt-Loch-Brauer Axel Schohe nur zu genau. Die Braustube ist von den Umbauunheiltendenzen der letzten Jahre verschont geblieben. Die Decke zieren Sandsteinbögen, die Tische sind Tische, die Tische sind: groß, schmucklos, blank.
Vernunft heute bemißt sich bisweilen daran, den grunddummen Geist der Zeit einfach nicht mal zu ignorieren. Dieselbe Ratio prägt die hier verfertigten Biere. Die Sudpfanne wird noch mit Holz befeuert, es wird offen vergoren, und die intermahlzeitliche Getränkezufuhrerörterung schwankt alsdann inflammiert zwischen dem Hopfengeniestreich Schloß-Pils, dem zierlich gemalzten und perfekt komponierten, vereinzelt bis in den Frankfurter Raum vorgedrungenen dunklen Landbier oder dem ganzjährig in die Runde spendierten Doppelbock. Hinter diesen Steinen können sie brauen, im emphatischen Sinn – leider lediglich 4.000 hl pro Jahr.
Hinter den Innenhofmauern des verschachtelten Kalt-Loch-Gebäudes verbirgt sich auch die älteste, um 1290, keine sechzig Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung der Stadt entstandene Synagoge Deutschlands. Im Zentrum der damaligen »Judenstadt«, des heutigen Schwarzviertels, gelegen, diente sie bis 1429, bis zur ersten Vertreibung der Juden aus Miltenberg, als religiöses und soziales Zentrum. Zu besichtigen sind noch das Deckenrippengewölbe und die Spitzfenster. 1877 kaufte die seit 1580 bestehende Brauerei das Gebäude, man zog eine Zwischendecke ein und lagerte hier fortan Hopfen und Malz, während die Kultusgemeinde eine neue Synagoge hinter dem Riesen errichtete. Der dritte Synagogenbau wurde 1938 geschändet und zerstört, 1942 wurden die letzten beiden jüdischen Mitbürgerinnen nach Theresienstadt deportiert.
Hier und jetzt wandeln die Miltenberger übers Kopfsteinpflaster der Hauptstraße. »Sonne in dieser Straße, und wir sind in Italien«, murmelt ein Mann, und das wäre wirklich zu schön, um wirklich und wahr zu sein.
Gottesgegenbeweise
Co-Autor: Michael Tetzlaff
Ein Gott, der zuläßt, daß Männer so sitzen, daß man die hinter ihnen sitzenden blonden, brünetten und schwatten Frauen nicht sieht; der zuläßt, daß dann, wenn die Männer aufstehen, die Frauen, die man nicht hatte sehen können, nicht mehr dasitzen, weil sie inzwischen gegangen sind, und statt dessen dort nur noch Männer, andere, sitzen; ein Gott, der zuläßt, daß der Tisch, der Marmortisch, an dem man sitzt, so dunkelbraun, rot und ocker gemustert ist, daß man glaubt, man sitze an einer Platte Blutwurst, Preßsack und gekochten Schinkens; ein Gott, der zuläßt, daß man anstelle von »Frische Muscheln« »Falsche Muscheln« liest, diese bestellt und dann auch noch falsche Muscheln bekommt; ein Gott, der zuläßt, daß ein Kalender, auf dem die göttlichste Helena aller Zeitalter abgebildet ist, dreißig Euro kostet, man sich ihn beziehungsweise sie daher nicht leisten kann und deshalb nichts mehr hofft, als daß der Preis des Kalenders reduziert werde; der zuläßt, daß ebendieser höllische Kalender nach Monaten dann plötzlich elf Euro kostet und man aber jetzt komplett pleite ist und sich Helena noch weniger leisten kann als je zuvor; ein Gott, der dies und das alles zuläßt, kann nicht sein, darf nicht sein und hat vor allem so oder so von seinem blödesten Geschöpf keine Ahnung.
Denn so glaubt doch kein Mensch.
Kein Ruhetag, keine Ferien
Auf dem Staffelberg, dem heiligen Berg der Franken, zu stehen und hinab ins Maintal zu schauen, auf Lichtenfels und Staffelstein, auf das Kloster Banz auf der anderen Flußseite und, in nordöstlicher Richtung, auf die Basilika Vierzehnheiligen – das stimmt heiter. Noch beflügelter fühlt man sich nach einer kurzen Wanderung hinüber nach Vierzehnheiligen, wo nicht nur ein enervierender touristischer Auftrieb rund um einen kirmesartigen Wallfahrtsnippeshandel herrscht, sondern in der Schankstube der Alten Klosterbrauerei ein segensreicher Rettich und der glorios malzige Nothelfer Trunk serviert werden.
Den Weg dorthin und zu anderen Kleinoden der Kultur und Natur zwischen Fichtelgebirge und Altmühltal weist Helmut Herrmanns Buch Biergartenwanderungen in Franken (Bamberg 2003). Herrmann beschreibt detailliert zwanzig Routen mit Gehzeiten von drei bis fünf Stunden. Jeder Abzweig ist verzeichnet, und erfreulicherweise umschifft Herrmann geschmackssicher dräuende Tücken wie Schäffbräu in Treuchtlingen oder die Nürnberg-Fürther Tucher-Dynastie.
Herrmann macht aus seiner Begeisterung für die stillen, baumbeschatteten Biergärten genausowenig einen Hehl wie aus seinem Abscheu vor »Allerweltsküche und Großbrauereibier«. »Als ideal anzusehen ist es, wenn der Wirt selbst schlachtet und wurstet, braut, Brot bäckt, Schnaps brennt und Butter sowie Frischkäse herstellt«, hängt er die Ansprüche zu Recht hoch, denn es gibt solche vorbildlichen Wirte tatsächlich noch, zumal in Oberfranken, etwa in der einzigartigen Bierkellergegend zwischen Buttenheim und Hirschaid, rund um den Kreuzberg im Aischgrund nahe Forchheim oder auch in dem verlockenden mittelfränkischen Örtchen Suffersheim im Schambachtal, wo man im Gasthaus Zur Sonne »die ganze Palette an Schweinernem« reicht, zu Landbier der Brauerei Wurm.
»Vegetarier werden hier kaum glücklich werden«, weiß der weise Bier- und Landschaftskundschafter, und er weiß obendrein: »Für den Wanderer mit Auto ergeben sich schnell Promilleprobleme.« Deshalb bleibt er, wandern hin, wandern her, vielleicht doch besser und lieber in einem jener Wirtshäuser hocken, über die Herrmann die herrliche Information preisgibt: »Täglich von früh bis abends geöffnet. Kein Ruhetag, keine Ferien.«
132 Dreier
Breiter könnte das Grinsen kaum sein, das M. A. Numminen, hinter einem Billardtisch stehend, zur Schau trägt. Ehrlicher könnte es auch nicht sein. Der »Helge Schneider von Finnland« (SWR), studierter Philosoph und Soziologe, Musiker, Entertainer und Autor, ist, davon durfte ich mich mal einen ganzen Tag lang persönlich überzeugen, ein grundsympathischer, sanftmütiger und an praktisch allen Dingen der Menschenwelt interessierter Komiker. Jede Bosheit, jeder Anflug von Misanthropie scheint ihm fern.
Hier, auf dem Umschlagphoto des endlich auf deutsch erschienenen Buches Der Kneipenmann (Frankfurt/Main 2003), sehen wir jenen Schelm, der nicht nur in Finnland durch eine gnadenlos virtuose Wittgenstein-Suite (jetzt unter dem Titel Numminen sings Wittgenstein ebenfalls bei Zweitausendeins erhältlich) oder den Roman Tango ist meine Leidenschaft zu Ruhm gelangte. Und wir sehen ihn dort, wo er sich offenbar am liebsten rumtreibt: in einer typischen finnischen Bierbar, in der seit 1969, anders als in Norwegen und Schweden, das sogenannte Dreierbier ausgeschenkt werden darf.
Das Dreier hat einen Alkoholgehalt von 4,5%, und es wird von all jenen verschmäht, die meinen, etwas Besseres zu sein, und daher Wein und Starkbier saufen. Numminen hingegen schätzt die kleinen Leute, die Arbeiter, Arbeitslosen und Rentner, die die Dreierbars bevölkern. Deshalb unternahm er eine 20.000 Kilometer lange Exkursion durchs ganze Land und machte sämtlichen 350 finnischen Bierschenken seine Aufwartung.
132 von ihnen widmet sich sein von zärtlicher Anteilnahme und humanem Wohlgefühl durchwehter Bericht. So knapp die Texte gehalten sind, so erwärmend wahrhaftig wirken die Protokolle der teils konfusen, teils anheimelnden Gespräche zwischen Menschen, die in Tankstellenbars und Lokalitäten von fürchterlichem finnischen Aussehen und mit Namen wie Jungrentierbulle oder Himmel-Wald-Einöde einfach schön trinken und sich etwas erzählen.
Numminens soziologische Aufmerksamkeit und sein unermüdlicher Drang auf der Jagd nach der »eisernen Reserve« – Kaffee, Krapfen und Bier – lassen ihn hier nicht so sehr als »anarcho-dadaistisches Gesamtkunstwerk« (Berliner Zeitung) auflaufen, sondern als Parteigänger der staatsfernen Schwadroneure, Kommunisten und Gescheiterten. Und obschon es zu slapstickartigen Situationen kommt (Numminen hobelt trotz schier berstender Blase zunächst ein weiteres Dreier runter, weil er die Schwemmentoilette nicht aufsuchen will, ohne dem Wirt vorher einen anständigen Obolus entrichtet zu haben), enden viele der Geschichten ohne falschen Pointenhackerhabitus, nämlich zum Beispiel vorbildlich so: »Numminen trinkt seinen Krug aus und schiebt eine Pastille hinterher.« Respektive »ein paar Flaschen Dreierbier als Sedativ«. Denn »Numminen trinkt Bier und überläßt sich seinen Gedanken.«
Das genügt.
Blond und blau
Wenn die Schönheit nach der aristotelischen Einheitslehre eine Handlung, einen Ort und eine Zeit braucht, um als solche wirklich zu werden und wahrlich eine wahre Schönheit zu sein, die unser Gemüt läutert und gegebenenfalls, was noch besser wäre, aufreizt und anheizt – dann muß sie, die Schönheit, sich eigentlich nur in den Odenwald begeben oder, das stimmt vielleicht eher, ebenda gewissermaßen ereignen.
Ein ordentlicher, plausibler sommerlicher Landregen näßt Wiesen, Buschgruppen und Laubwälder, und dort, wo der Odenwald am einleuchtendsten ist, mittendrin und rund um den in seiner bayerischen Variante abscheulichen, hier aber durchaus begrüßenswerten Ort Fürth, dehnt sich danach auch der Himmel besonders weich und wolkenverspielt und läßt sein gelbes Licht gutmütig über die Gräser streichen.
Eine Zeit hätten wir also, den Frühsommer mit seinen angenehm frotzeligen Wetterverhältnissen. Wie halten wir es mit dem Ort im engeren »Sinn« (G. Schröder)? Da greifen wir nicht ganz zufällig das Gasthaus Eselsmühle am Ortseingang von Fürth-Ellenbach heraus. Die Wiese hinter der 1998 eröffneten Gaststätte weitet sich schon unglaubhaft herrlich in den Odenwälder Naturraum hinein, der Schlierbach mit quasi direktem Meeranschluß via Rhein und sonstige Gewässer gluckert durch die Gegend, und auf der Terrasse imponiert eine synästhetisch hochkorrekte Ansammlung wasserblauer Stühle und Sonnenschirme (inklusive Regenabweiserfunktion).
Wer handelt nun da – und wie? Es sind dies Gine und Hajo Becke, die die ehemalige Ölmühle, die vor geraumer Zeit durch einen seitens des Müllers inständig und ganztägig praktizierten Verzehr alkoholischer Waren »die Bachgass’ runtergegangen« war, zum makroregionalen In- und Outdoor-Place und Meeting-Point Nummer eins um- und ausgebaut haben. Der Zappa-Plattenhorter und -hörer bäckt selber Sauerteigbrot, und zusammen mit seiner Frau verantwortet er einen mörderischen Kochkäse (den man übers Schnitzel gieße!) sowie eine schwerlich überschaubare Palette zum Teil balinesisch veredelter HiFi-Gerichte, etwa eine Hühnerbrust in »Kokosnußcurryzitronengrascurcumatamarindensauce«. Im übrigen, Hajo Becke besteht darauf, das kurz zu erwähnen, führe man auch »eine Tasse Kaffee« – nebst, ergänzen wir gern, über hundert Single Malts, einem pfälzischen Vizeweltmeisterwein halbtrocken, Grappas von Nonine und Ludwigshafener Mayer-Bier, das der alte Esel Dr. Kohl weder in seiner behämmerten Geburts- und Wohnstadt noch, Gott sei gepriesen, im indonesisch-modern eingerichteten Gastraum der Eselsmühle verdrückt.
Draußen quaken und hantieren rund um eine gravitätische Linde diverse Senioren- und Familientrupps, gemischte Zusammenkünftler und anderweitige Einzelgestalten herum; und eine blonde Bedienung, die unzweifelhaft schönste Frau im Odenwälder Verzahnungsgebiet Bayern/Baden-Württemberg/Hessen.
»Hier ist es immer so ekelhaft entspannt«, meint ein Stammgast. »Blau, blau, blau ist der Sonnenschirm«, rumpelt derweil das unter Zugabe eines Haselnußgeistes oder eines Zitronenbirnenbrandes gentil wegrutschende Hirn, ja, »blau, blau, blau blüht die Bierblume, holdiglich hell, olé!«
Terrassiertes Terrain
Für den automobil Herumreisenden in Sachen Wirtshauswesen dürfte es sich prinzipiell schicken, südwestlich von Würzburg über die Siegfriedstraße einen neuerlichen und hartnäckigen, ja verbohrt erfolgsverliebten Auffindungsversuch zu unternehmen, einen weniger strategisch angelegten als eher der sommerlichen Free-Mind-Gesinnung und also Aleatorik gehorchenden Erkundungsversuch, der zwar nicht Großrinderfeld oder Tauberbischofsheim, aber dann bereits Königheim, Schweinberg oder – in harter Annäherung an den Odenwald vom Bayerischen her, das hier mit seinen weiten Weizen- und Gerstenfeldern fast ein bißchen amerikanisch anmutet – schließlich das einstige Limes-Städtchen Walldürn zum Ziel hat; respektive Schneeberg vor Amorbach, der bloßen namensmagischen Erfrischungsversprechen in jederlei Beziehung wegen.
Und weil die Sätze, insbesondere nach langer Fahrt, auch mal kürzer sein können, kommt jetzt ein ziemlich kurzer: Realiter fündig wird man wirtshausspezifisch in Boxbrunn. Erst. Das mag an der Abschottung der in Bayern gewöhnlich von Umgehungsstraßen großzügig umgürtelten Landortschaften liegen, was dem Fremden das Vordringen in Gasträume welcher Art auch immer nicht unbedingt erleichtert, beziehungsweise und folglich daran, daß der Bayerische Hof in Boxbrunn direkt an der B 47, der Nibelungenstraße, herumsteht, im Grenzgebiet des Bayerischen Odenwaldes, vermutlich sogar exakt zwischen Amorbach und Michelstadt, aber das müssen andere ausmessen.
Da liegt er halt, der Bayerische Hof. Man bremst, man parkt vor dem Haus, und man sitzt im Biergarten, allein, in einem Straßengarten an einem Samstagspätnachmittag, auf einem schlicht terrassierten Terrain. Sechs Tische, Gartenstühle, Sonnenschirme. Feierabend. Das reicht. Mehr braucht der Mensch »eigentlich« (K. Rehse) nicht.
Das Landstraßenlokal ist eine unterschätzte Variante des Wirtshauswesens. Früher diente es allen möglichen Hand- und Fuhrwerkern, die dahergewalzt kamen, heute dient es, wie im Bayerischen Hof, ein paar Mittagstischgästen, den Wanderern, den sonstwie motivierten Umherziehenden und Genossen unserer Sorte, die eine durch und durch altmodische Rast einlegen wollen.
Ich schätze diesen unterschätzten Typus des Gasthauses sehr. Das Landstraßenlokal entfaltet als Mischkonzept für eine Gesinnung zwischen Modernität, vulgo Mobilität, und Ausharrungsvermögen, als Mixtur aus Komplettruhe und intermediärem Zivilisationsstraßensound, als Agora der vita contemplativa und vita activa vital pur eine eigensinnig spröde Idyllik. Oft genügt da ein eher schäbiger Verschlag im Hunsrück oder ein Snackpoint in der Eifel.
Ideal getroffen hat man es allerdings im Bayerischen Hof, der seit 1880 von der Familie Hilbert geführt wird und neben dem – leider nicht bekiesten – Biergarten ein Gästehaus, eine souveräne Küche, einen grandiosen alten Wirtssaal und personalseits eine geradezu fundamentale Freundlichkeit in die Gunstschale wirft. Meine Zeugen sind, das Gästebuch verrät es, u. a. Rudolf Schock, Marie-Luise Marjan, Piet Krüger (zweimal), Miss Germany Anke S. und eine Abordnung der World Disco Queen Corporation.
Unterdessen rutscht die Sonne wieder durch Faser- und gestreifte Lappenwolken. Apfel-, Birn- und Nußbäume säumen die Wiesen. Am Horizont steht der Wald. Meine Bachstelze, eben noch durch einen kecken Hüpfer vor dem nahen Unfalltod bewahrt, wippt nun interessiert über den Mittelstreifen der kerzengeraden Straße. Im Kopf macht sich längst ein angenehm sachter Schwurbel und Schwabbel breit. Aha, ein Auto! denkt man, und schon fliegt die Fliege in die Fränkische Grünkernsuppe.
Es grillt, es zirpt. Ein tastender Wind haucht über die Anhöhe, ungezwungen zeigt sich das nächste Getränk, gelb wie der Geruch des Sommers. Nach Mockmühl will ich aber auch mal.
Faßbrause und Kühlungsbräu
Daß peu à peu immer mehr Bierführer erscheinen, ist das schlechteste nicht. Die Erweiterung des Gesichtskreises und der Abbau von Ignoranz können gerade den zu unsinniger Treue zum Supermarktbier neigenden Biertrinkern nicht schaden. Gose, Schwarzes, Kombinate – Die Biere des Ostens (Hamburg 2004) erschließt dem Neugierigen jenes Terrain, das nach 1990 von diversen westdeutschen Bierriesen zwangsflurbereinigt worden war und auf dem seit einigen Jahren eine stetig wachsende Zahl wiederbelebter oder neugegründeter Kleinbrauereien den geschmacklichen Verheerungen der Premiumbierseuche zu wehren versucht.
Exakt hundert Brauereien stellt das – und hier deutet sich das Unheil aber leider schon wieder an – vom Deutschen Brauer-Bund gesponserte Buch vor. Zwei ungenießbare Lobbyistenvorworte überschütten einen sogleich mit Phrasen aus dem Reich der Schönfärberei. Die Anfahrtsbeschreibungen jedoch sind übersichtlich, das Register ist brauchbar, die Karte auf den Innenklappen bietet einen guten Überblick, auch wenn man das brandenburgische Warnitz, wo im Gasthof Deutsche Eiche eigenständig gebraut wird, vergeblich sucht. Die Schilderungen umliegender Sehenswürdigkeiten laden zu bierunabhängigen Exkursionen ein, obschon die »Straße der Romantik« eher die »Straße der Romanik« ist, wie der auf den Osten spezialisierte Bierkundler Stefan Rehse zu Recht anmerkt. Zudem darf man sich fragen, weshalb die Ausflugstips in einem eklatanten Mißverhältnis zu den Biercharakterisierungen stehen.
Für viele der im Osten beheimateten Biere, darunter die weizenbierähnliche Gose und die traditionellen Schwarzbiere, fehlen schlicht die Worte. Man erfährt nichts über sie. Im Gegenzug wird der Leser seitenlang mit einer Brauerlyrik eingeseift, in der sich die »urige Gaststube« auf den »rustikalen Biergarten« reimt, garniert mit einem Werbeslang, der eine »Eventlocation« anzupreisen weiß, obwohl es sich um die Stralsunder Brauerei handelt.
Mögen auch die Ausführungen zur Geschichte der Brauhäuser durch ihre Genauigkeit überzeugen, sobald es doch mal um den Geschmack der Produkte geht, ergreifen Hopfen und Malz die Flucht. Da ist dann zuverlässig nichtssagend von »herb-spritzig«, »süffig-herzhaft«, »kräftig-würzig« oder »vollmundig-aromatisch« die Rede, und reicht es gelegentlich zu mehr als zum lästigen PR-Deutsch des Brauer-Bundes, dreht es einem spätestens bei der »Faßbrause« oder beim »leckeren Kühlungsbräu«, was immer das sein soll, die Zunge um – respektive bei einem solchen Satz: »Der cremige Schaum ist genau das Richtige für liebliche Zungen.«
Daß sich die zweifelhaften Biermixer der Klosterbrauerei Neuzelle eines vom Geschäftsführer verfaßten Gastbeitrages über sein ureigenes »Anti-Aging-Bier« erfreuen dürfen, erklärt der Werbeeinsatz des Hauses auf der Rückseite des Buches. Stefan Rehse gesteht anläßlich dieses unschätzbaren Elaborats: »Ich hätte mich entleiben können.« Zum Glück hat er’s nicht getan und kann deshalb darauf hinweisen, daß in Die Biere des Ostens diverse Brauereien schmerzlich vermißt werden: das Altstadtbrauhaus zu Bautzen zum Beispiel, der Stadtkrug in Schwerin, die Hausbrauerei Am Anger und Schwanenbräu in Erfurt oder die Demmert Brauerei aus Neuendorf bei Klötze, der pferdefreundlichsten Stadt Deutschlands.
Allein, der Kardinalfehler ist die klägliche Erwähnung der Museumsbrauerei Schmitt in Singen. Wer deren sagenhaftes Export nicht feiert, darf nicht mitreden. Im übrigen schreibt er gewissermaßen selbstentlarvend ins Vorwort hinein, es gebe »auch Brauereien, die nicht in dieser Form an die Öffentlichkeit treten wollten«. Verstehen kann man das. Gewünscht hätte man es sich vor allem im Fall der Berliner Bruchbuden und der Hasseröder Brauerei. Zu denen sollte niemand hinwollen, es sei denn, er ist suizidentschlossen.
Krug und Kruzifix
So geht das. Mit der Karre hochbrettern. Im BMW, 353 PS. Und einen Fahrer haben. Der dann ein Cola trinkt. Vielleicht. Und jetzt aber erst mal die Mannschaft hochbringt. Damit sie bloß nicht laufen muß. Auf den Kreuzberg in der Bayerischen Rhön, nicht weit von Fulda (Dyba sel.), östlich von Wildflecken.
928 Meter hoch. Das packt ohne Pkw (BMW) keiner. Es sei denn, er ist Wanderer. Am Tisch wird das bestätigt. Man fährt. Der Hochrhönbus fährt, und irgendein Fred fährt auch. Ein Fred, der einen hochbringt, zum Bier bringt und wieder wegbringt. »So wird das gemacht, das ist schön«, sagt die Dame und hebt die Maß.
Der Kreuzberg, zusammen mit der ebenso hohen Dammersfeldkuppe (ein Name, den man sich unbedingt merken sollte) der zweithöchste Berg der Rhön, liegt auf der Rhein-Weser-Wasserscheide. Deshalb regnet es hier immer. Meistens. Manchmal. Zumindest, wenn die Mannschaft kommt. Die Mannschaft: Herr L., Herr T. und Herr R. Herr L. ist der Fahrer – L. wie Loser.
Spätsommer und Dauerregen, das ist Deutschland. Das ist der Kreuzberg. Unbeeindruckt walzen Millionen den Berg hinauf. Fluten die Parkplätze, überschwemmen den Vorplatz, drängen zur Würstlbude, entern den Klosterhof, belagern nasse Bierbänke, umstellt von grauschwarzen, groben Basaltmauern. Feucht pappen die Kleider. Das Bier fließt. Ein Geschrei findet statt. Kalt ist der Arsch.
Die Wallfahrts- und Klosterkirche, hoch droben über Buchenwäldern, Basaltkuppen, Mooren und Bergmatten thront sie treulich, beherbergt seit dem 17. Jahrhundert Mönche des Bettelordens der Franziskaner. Seit 1731 betreiben sie eine eigene, gerühmte Brauerei. Das ist ein Argument. »Ein endloser Zug« nach dem anderen, so Kardinal Faulhaber (1901), schiebt sich vorwärts und hinzu zur Tränke, zum Ausschank, dem heiligen, hin »zum Krug« (Faulhaber), o Kruzifix.
Vier, fünf, sieben Wirtsräume. Alle brechend voll. Im Zentrum der reihum angeordneten Stuben die Schank. Stimmung in den Gängen wie im Stehimbiß um halb neun. Tonkrüge, tonales Mischmasch, Rucksäcke, manch ein Sackgesicht. Blechern tönt durch Lautsprecher: »Eine Damenuhr wurde gefunden. Sie kann an der Pforte abgeholt werden.«
Es gibt eine Nichtraucherstube. Im »Fürstensaal«, einem Raucherparadies ohne geöffnetes Fenster, findet die Mannschaft endlich Platz. Direkt am Eingang. Denn am Nebentisch will man nicht, daß geraucht wird. Also darf man nicht Platz nehmen. Man darf aber drei Nichtraucherstühle mitnehmen und sich in den Durchzug setzen. Das ist erlaubt. Seitens der Nichtraucher.
Sekündlich geht die Tür. Auf und zu. »Was hier weggesoffen wird«, sagt Herr L. und verlacht sein Cola. Tabletts fliegen durch die Luft, Tabletts aus der Kantine, in der ein höllisches Geschiebe herrscht, als gäbe es was umsonst. Außer dem Glauben.
»Wenn der Islamist hier tätig würde, er würde den Nerv des Abendlandes treffen«, sinniert Herr L. Herr R. betreibt Studien über die Möglichkeiten, verschiedene Arten von Durchzug zu beschreiben. Herr T. hat seine dunkle Maßpremiere. Die Brezeln sind kroß und gut wie nirgendwo sonst. Bald wird jemand von einem Tablett erschlagen. Schnaps und mitgebrachte Speisen sind verboten.
Dicke Frauen, mitteldicke Männer, dünne Damen, Schweinsbratenbäuche, Fräuleinwunder. Die Räume sind karg, die Tischdecken gemustert, die Pegel steigend. Draußen versinkt die Welt im Nebel, es ist Ende August.
Herr T. kommt sich vor »wie in einem Hörspiel von Eugen Egner«. Herr L. erzählt, zurückgekehrt von draußen, die Pilger seien da. Am Bus spiele man Kirchenlieder. Mit der Blaskapelle. Zutritt zum Antonius-Bau »nur für Pilger«. Eine Nonne trinkt unter den Weltlichen. Durchsage: »Sehr verehrte Wallfahrer, um 21.15 Uhr findet in der Kapelle ein Couplet statt.« Das hört man doch gern.
Um 20 Uhr soll Schluß sein, Pfandrückgabe (3 €) ist bis 21 Uhr möglich. Um 22 Uhr sind alle voll. »Singen und Gegröle«, per Anschlag untersagt, »da wir kein Festzelt oder eine derartige Einrichtung sind«, hie und da und überall. So langsam, so sicher sitzt man jetzt endlich im nahezu perfekten Wirtshaus. So geht das. Im Grunde. Vielleicht. O doch. Wir denken weiter drüber nach.
Frikadellengrünfrüchteensemble
Weil einem in der bahnhofsnahen Frankfurter Totallokalität Gleis 25, die jedem Reisenden eingeschränkt empfohlen sei, auf die Frage nach etwas Eßbarem Bescheid gestoßen wird: »Das hier ist eine Absturzkneipe, klar?! Nix zu mampfen!«, fahre ich gerne mal ein paar Ecken weiter, nämlich ziemlich präzise zweihundertvierunddreißig Kilometer über den namenlos schönen Hunsrück und scharf an den Rand der Schneifel, nach Prüm.
Sollte ich mir eine Gaststätte zur sogenannten Kultkneipe erwählen, es wäre die ebendort am Hahnplatz gelegene Stiftsklause. Ach, welch wundersam klirrender, betörend tönender Name! Ende August etwa, wenn flaumige Winde durch die Wipfel des samtgrünen Eifeltanns streichen, fallen wir, eine Bagage von Autosportnarren auf Pilgertour gen Spa-Francorchamps, hier ein, in einem der anmutig-gemütlichsten Etablissements der stark westlichen Republik.
Freilich und annäherungsweise gewißlich, manchem Leser mag die Stiftsklause bekannt sein als Stammbölkbude des Prümer Motorradclubs »Wäffuh«, auch als Refektorium, in dem der Kreisbauernverband Bitburg-Prüm seine Sprechstunden runterleiert. Aber wer jemals auf der gut achtzig Durstigen Rast und Speisung gewährenden Terrasse einen Nachmittag unter saftig gelben oder weiß-unschuldigen Bitbiersonnenschirmen verdöselt hat, der versteht, was ich meine, da ich anbetend jauchze: Stiftsklause, du Oase des Labsals und Prümer Hanswurstes (i. e. Kartoffelpuffer plus Grillhacksteak)! Beziehungsweise des Spätsommersalats als gemischtes Grünfruchtensemble mit Frikadellenstücken und Früchten zu 6,90 €.
Nebenan, im selben weiß-rosa getünchten Schmuckbau, im seit 1803 betriebenen Hotel zum Goldenen Stern, residierten der Trierer Bischof Wehr, Erich Ollenhauer, Kanzler Kohl a. D., Georg »Prost!« Leber und mein alter Talkshowkonkurrent Roberto Blanco. Ob diese schwerwürdigen Vollkräfte die edle Eifeler Kartoffelsuppe und anderweitig stärkende, »bierbezogene Gerichte« der Stiftsklause inklusive der die belgische Lebensaura löblich zitierenden Sauce Bernaise verdrückten, weiß ich nicht. Ist ja wurscht. Denn das rasant kellnernde Stiftsklausen-Damenteam legt ohnehin preis- und preisenswert das »Hauptaugenmerk auf den Bierausschank«, und da summe ich jedesmal wieder feierlich gestimmt mit: wenn einer der fabelhaften Profanhumpen daherrumpelt, blitzend, funkelnd, gralsgülden, und gehoben sein möcht’ im Antlitz der rostbraunen Basilika und der glückselig glucksenden Spa-Wanderer, die bei Parkscheinpflicht eine gebührenfreie Stunde lang womöglich wegen frühherbstlicher Wolkenwallungen auch schon mal am aus Messingplatten, Gußeisenwirbeln und unsortierten Sperrholzphantasien gezwirbelten Rundtresen vor Postkartenwänden und angesichts einer hochgradigen Digitaluhr irgendwelche Plastikpokale anstieren, aus Lautsprechern vernehmen, das RTL-Radio sei »Urlaub für die Ohren« und die Uhren, und dabei die Krankengeschichte einer vierundsiebzigjährigen Kettenraucherin belauschen – oder die tiefzufriedenen, mützenbeschirmten Feierabendleergespräche der Aufzwei-Biergäste.
Erwähnt sei notabene und nebenbei, daß der Himmel gerade aufreißt, daß es in der Stiftsklause kein Weizenbier gibt, daß »Wahrheit und Wirklichkeit in Prüm« laut Ror Wolf eventuell derart »stark und so allgemein« seien, »daß man sofort mit dem Schlimmsten zu rechnen« habe oder nicht, und daß um die Ecke die Buchhandlung Hildesheim zu finden ist. Was kaum was zur Sache tut. Weshalb trotz aller »Keilkräfte des Kruges« (Achim Wrba) »das muntere Gurgeln der Bierbrause im Ranzen« weiterhin »die Fulminanz des Lebens« »fulminierend« auf Vordermann bringt. Hier und nunc und rundherum.
Musik
In der architektonisch, allgemeinmenschlich und infrastrukturell sowie strukturell lückenlos verfehlten und verlorenen Stadt München gibt es nur einen Weg, der sich zu gehen lohnt: zum Hofbräuhaus am Platzl.
Wen es als Kind einmal dorthin verschlug, dem offenbart sich eines Tages die innere Mission, im Alter zunehmender Bewußtheit an den Ort seiner frühesten Erfahrungen mit dem Gaststättenwesen zurückkehren zu müssen.
Nichts anderes tat neulich eine Gruppe äußerst hoffnungsvoller, durch den vormaligen Verzehr einiger, um nicht zu sagen etlicher Einbecker Biere nach den kantischen Prinzipien vernünftig präparierter Lehrlinge denn auch. Den legendären Keller erreichten sie zwar nicht, und auch täglich ab 19 Uhr live in der »Trinkstube« dargebotener »Unterhaltungsmusik« wurden sie weder ansichtig noch anhörig; doch fand man Platz in der ebenerdigen »Schwemme«, in der nebst regulären Frühschoppenkonzerten allerdings bereits Schlag 17.30 Uhr »HB-Blasmusik« zur Aufführung kommt – zum Leben nimmermüd’ erweckt durch die »hauseigene Blaskapelle«, die für original »bayerische Abende« bürgt, »a bisserl zünftig – a bisserl modern«.
Das von Peter Mohyla gelenkte Ensemble aus der mitunter eingeflogenen Jodlerin Tilli, aus Glockenspielern und Schuhplattlern sowie Goaßlschnalzern, Alphornbläsern und Stubimusikanten erzeugt »viel bayerische Atmösphäre«, ganz klar, das fetzt dermaßen, daß der Hund der Katze keinen Faden abbeißt.
Unsere juvenile Reisegruppe ist folglich begeistert. Sie sitzt neben dem Stammtisch und hat wie dieser das mittig gelegene Krawallpodium voll im Blick. Sollte da mal einer der sich durch Abgabe von etwa vierhundert Mark fürs Dirigat eines Songs qualifizierenden Touristen aus Übersee oder der niederrheinischen Kartoffelbörde danebenschlagen und die Combo somit aus dem Takt werfen, schmeißt der Drummer die Brocken respektive seine Knüppel hin, wirft den Gamshut in die jubilierende Trinkergemeinde und haut dem blöden Deppen von einem dahergelaufenen Geldjapaner gezielt und nachdrücklich eine vor die dumme Omme. Jauks!
So tolerant sind die Menschen hierzuland’. Und mit dieser ja gerade heute wieder geradezu wertvollen und wertsatten patriotisch-ethischen Textleitrichtlinie wollen wir diese aufregende Expedition dann auch schon wieder beenden.
Mühle marsch!
Der Kölner Karneval hat einiges zu bieten. Mich rief mal ein Freund, ein Redakteur beim WDR, an und berichtete live von einem Fenster des Funkhauses in der Nähe des Doms: »Und jetzt poppen sie da unten auf der Gasse!« Und nach solch schöner Tat gehen sie in die Kölschkneipe, sofern sie nicht vorher dem Über-Ich-Impuls gehorcht und diversen Schnäpsen in derartigen Mengen die konsumistische Absolution erteilt haben, daß sie mit dem Segen des gnädigen heiligen Spiritus in der Gosse versumpfen oder im Rhein versinken.
Wer es nach dem Koitus noch zum Locus amoenus einer Kölschkneipe schafft, kauft am Eingang eine klopapierrollendicke Getränkemarkenreserve und überläßt sich bevorzugt den erregenden Unmittelbarkeits- und Folgewirkungen des lendenweichen Mühlen Kölsch, das, »frisch aus der Malzmühle« geflossen, als würziger Appetizer, der den bald greifenden Fastengeboten schon vorauseilend nicht im mindesten zuwiderläuft, das einzige seines Faches ist, das den altknorkigen Sortencharakter nicht leugnet und, vollharmonisch auf die Kölsch-Konvention geeicht, nicht im Pils-Simulations-Orkus umherirrt.
»Köbes, gib Bier auf die Mühlen!« rufen die Jockel, Gockel und Jecken, und falls die Flasche nicht poppt, so ploppt sie doch. Es ist noch auf etwas Verlaß in dieser Welt und in diesen Tagen.
Berwersdorff hat unrecht
Der Kollege und Freund Michael Tetzlaff schrieb ein Buch, obwohl er nie Lust gehabt hatte, eins zu schreiben, und war, um nicht jeden Abend mit Freunden oder mit mir in irgendwelchen Frankfurter Kneipen herumzuhängen, anstatt an seinem Buch zu schreiben, für zwei Wochen an die Ostsee gefahren.
Die Ostsee sei ohnehin die einzige Gegend auf der Welt, in der man es aushalten oder die man erreichen könne, ohne fliegen zu müssen, hatte Herr Tetzlaff vor der Abreise gesagt. Ich erkundigte mich dann täglich telephonisch über den Fortgang der Arbeit und darüber, wie es an der Ostsee im großen und ganzen bestellt sei, und Herr Tetzlaff sagte, es habe an der Ostsee eine Menge Wasser, das kalt sei, er fürchte zu sterben, springe er ins Wasser, des weiteren habe es diverse Kliniken, ein FDJ-Heim, das zum Superbumshotel oder zu was auch immer umgebaut worden sei, und das Bier sei ja auch nicht mal das schlimmste, Rostocker Bier, das könne man trinken.
»Hast du noch genug Zigaretten? Soll ich dir zehn Stangen vorbeibringen?« fragte ich Herrn Tetzlaff, aber die Verbindung brach ab.
Am nächsten Morgen kaufte ich zehn Stangen Zigaretten und setzte mich neun Stunden lang in den Zug.
Graal-Müritz ist nicht groß. Ich traf Herrn Tetzlaff in der ersten der beiden Kneipen. Er rauchte Caro-Zigaretten, trank Rostocker Bier, er begrüßte mich, ich begrüßte ihn, anschließend tat ich es ihm gleich.
Zwei oder drei Tage lang taten wir das (ohne die Begrüßungsgeschichte, die gewöhnten wir uns schnell ab). Während eines Spaziergangs schmiß ich die mitgebrachten Zigaretten in den Vorgarten einer der Kliniken. Herr Tetzlaff merkte das nicht, wahrscheinlich schrieb er im Geiste weiter an seinem Buch.
Gewöhnlich liefen wir zehn oder zwanzig Minuten am Strand entlang, guckten auf die zähe, zufrieden schwappende Ostsee, fanden das okay und gingen in ein Promenadenrestaurant. Dort spielten wir Mühle bis zum Zapfenstreich und tranken Rostocker Bier.
Ich kann von mir wirklich behaupten, alles getan zu haben, um die Fertigstellung des Buches zu verhindern. Es ist fertig geworden, Ostblöckchen, dieses zu einem Gutteil ohne meine Kontrolle und trotz meines aufmunternden Kollegenarbeitsbesuches an der Ostsee entstandene Wunder von Buch, ein Geniestreich auf dem Feld der Hochkomik.
So verdankt die Welt der Ostsee das Ostblöckchen, in großen Passagen zumindest. Ich verdanke der Ostsee außer dem Ostblöckchen, dem wiederentdeckten Feingenuß des Caro-Rauchens an der Meeresluft und der freundschaftlichsten Zusammenkunft beim Bier zudem eine, und dann sind wir bald auch schon wieder durch mit diesem Text, nützliche Belehrung oder Einsicht.
Denn die Bild-Zeitung darf und kann, wie am 24. Mai 2004 geschehen, schreiben, was sie will; sie darf mitteilen, im Sternbild des Großen Bären sei »die Hölle los«, da sei die Galaxie M82 zugange, brodele »wie ein Hexenkessel« und jage »unvorstellbar große Gaswolken mit 1,5 Millionen Stundenkilometern pro Stunde durch den intergalaktischen Raum«, und sie, die Bild-Zeitung, darf diesen gut recherchierten Bericht (von Hans Berwersdorff) auch mit der genialen Überschrift schmücken: »Achtung, irre Kamikaze-Galaxie!« – aber im oder am Himmel über der Ostsee ist dergleichen nicht zu sehen. Im Himmel über der Ostsee ist alles im Lot, Berwersdorff lügt.
Am Abend vor der gemeinsamen Abreise gingen wir noch mal an den Strand. Wir wanderten von einem Gasthaus, in dem wir Caro-Zigaretten geraucht und Rostocker Bier getrunken hatten, durch den Kiefernwald am Rande der Ostsee und nahmen einen der mit alten Betonplatten ausgelegten Zugänge zum Wasser.
Herr Tetzlaff sagte: »Hier muß mal saubergemacht werden.« Er wollte den halb versandeten Weg fegen, das war sicher eine gute Idee. Wir setzten uns aber bloß in den Sand. Der fühlte sich angenehm an, noch ein wenig erwärmt, und die nur angedeuteten Wellen wechselten sich sehr freundlich, ja irgendwie kommunistisch gesonnen ab in ihrem zwanglosen Herzu-und-Hinweg-Getue.
Es war eine klare Nacht, und irgendwann schaute ich in den Himmel, keine Ahnung, warum. Da standen unglaublich viele »schöne, helle, goldne Sterne« (Heinrich Heine). Das gefiel mir, ein wohliges Gefühl stellte sich ein. Da oben ihr, hier unten wir. Ätsch.
Es war, als hätte ich nie zuvor einen Sternenhimmel gesehen. Das ist natürlich Unfug. Aber hier, an der Ostsee, an einem Meer, das nichts von mir und, so glaube ich, für den Freund und Kollegen Tetzlaff sagen zu dürfen, nichts von uns wollte, an einem Meer, das sich nicht erhaben aufwarf und nicht schäumte und spuckte, hier leuchtete mir zum erstenmal ein, was der Königsberger Kant ans Ende seiner Kritik der praktischen Vernunft eigens fürs geflügelte Lexikon der Humanität hingeschrieben hatte: »Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.« Befriedung, Vernunft, Glück. Mag der Kosmos blöd sein, die Ostsee ist um so klüger.
Herr Tetzlaff erklärte mir dann die ganzen Sternbilder in ihrem sauber inszenierten »Schlummerleuchten« (Theodor Storm), den Großen Bären und den Großen Wagen, den Kleinen Wagen, den Polarstern und die Seeschlange. Das einzige, was zu diesen »Sternen wie Sand am Meer« (Barbara Häusler) und zu diesem Kant-Gedanken noch fehlte, war ein Rostocker Bier. Das haben wir aber auch noch gekriegt.
Diffuses Wartegebaren
Das Plätschern, nein, das Gurgeln und Schnorcheln, das Sprotzeln oder eher Schwörlen des Wolgawassers bei nächtlicher Fahrt über den Spiegel des Wassers der Wolga ist schon – sehr schön. Auch schön ist der Brauch, in Samara am Mittellauf der Wolga Taxis dergestalt zu rufen und zu nutzen, daß man einen beliebigen Daumen raushält, daß umgehend ein Privat-Pkw stoppt, daß man das Fahrziel mit mehr als einem Daumen zu umschreiben versucht, daß man dem Fahrziel im Idealfall im Umkreis von fünf Kilometern nahekommt, daß man einen frei erfundenen Beförderungstarif entrichtet (Rückgeld gibt es nicht) und daß man dann läuft. Immer grob Richtung Wolga. Bis man, nur wenige Gehminuten vom Flußhafen entfernt, auf die Gastwirtschaft Auf dem Grund stößt.
Nichts schöner, als hier auf Grund zu gehen. Als hier abzutauchen, in aller russischen Ruhe vollzulaufen und schließlich abzusaufen. Dazu bediene man sich eines Getränks, das zu seligen Sowjetzeiten als der Inbegriff dessen galt, was man »Bier« nannte. Das hier verfertigte Schigulevskoje war eine Metonymie, eine mutmaßlich methylalkoholgeschwängerte.
Bereits unter Breschnew war das Bier als Volksernährungsmittel angepriesen worden, um dem Wodkawahnsinn ein moderates Narkotisierungsprogramm entgegenzusetzen, allerdings mit nicht unerheblichen geschmacklichen Fehlschlägen und Querschlägern. Gleichwohl, der Bedarf nach Bier = Schigulevskoje wuchs rasch, und die Schlangen vor den Kiosken nahmen die bei Vladimir Sorokin beschriebenen Ausmaße an. Da stand man, faltete aus Zeitungen trinkgefäßähnliche Auffangvorrichtungen, schüttete nach Aushändigung des Schigulevskojes das Schigulevskoje in sich hinein und stellte sich als armer Tropf mit tropfendem, aufgeweichtem Bierpapierbecher wieder hinten an. Wozu Zeitungen gut sein können!
Pivnaja hießen diese Ausschänke, und noch heute gibt es so eine Tränke neben dem roten Backsteingebäude der Schigulevskoje-Brauerei aus dem 19. Jahrhundert. Man lasse mithin die Brauereibar, die über den Haupteingang am Wolschki-Prospekt erreichbar und dem neureichen Geschwörl vorbehalten ist, scharf links liegen, schreite links um die Ecke und wohne dem Hausschanktreiben vor Auf dem Grund bei – dem Lungerleben mit Wolga- und komplementärem Wodkablick, dem Gewusel am Stockfischstand, dem diffusen Wartegebaren der Plastiksackträger, deren Einwegflaschen und Einmachgläser der Befüllung harren, und den sonstwie herumparkierenden Mannschaften, von denen vornehmlich jene überzeugen, die ihre Weibsbilder zum Putzen der Fensterscheiben verdonnern, während sie im Wageninneren ihre Schigulevskoje-Wodka-Tinkturen umnageln.
Im Auf dem Grund, in jener Lokalität, die in Gorkis Nachtasyl, das auf russisch nicht umsonst Auf dem Lebensgrund betitelt war, in ihrer früheren Topographie abgeschildert wird, kaut man zum betörend blonden Schigulevskoje von Wokano den prophylaktisch extrafetten Stockfisch, getrockneten, geräucherten und geflochtenen Käse sowie durstfördernd gesalzene, geröstete Brotwürfel Marke Kirijlschki oder Souchariki. Minderste Westradiomusik konkurriert mit der vorletzten Putin-TV-Rede, der Linoleumboden erwartet den ersten Erbruch, acht Bistrotische tragen allerhand Lasten, und eine Decke mit goldbeschlagaffiner Verzierung hält den Laden zusammen.
Zufrieden dreinschauende Mafiabosse der mittleren Ebene killen monströse Bierpokale, ein blau getäfelter Durchgang führt zum einzigen Gemeinschaftsklo oder in die Erdhölle. Und derweil einem beim Zermalmen der Brotwürfel die Backenknochen um die Ohren fliegen, ordert der Dicke nächst zur Toilettentür vier Weizen auf einen Schwung. Keine Minute später ist der Bestand halbiert – wie die Servietten, die Insignien der neuen Ökonomie.
Die »Strömung der Wolga«, sann Gorki, mache, »daß mein Denken lebhafter, schärfer wird«. Ein Bier im Abgrund Auf dem Grund tut’s aber auch.
Vergorene Gegenwart
Gegen Mitternacht zieht ein milder Nebel über die behaglich faule, durch allerlei in den fünfziger Jahren angelegte Stauseen zu derart artigem Müßiggang verführte Wolga. Auf dem Sonnen- respektive jetzigen Mondscheindeck blinken die erhobenen Gläser, und eine erschöpfte Bierflasche fällt um und rollt auf die Reling zu, als wolle sie dem drunten am Pier ertönenden frohgemuten Klimperspiel des Flaschengutes antworten.
Drunten, also gewissermaßen am Fuß des zirka dreihundert Passagiere fassenden und nach Georgij Shukow, dem Marschall der Sowjetunion, Heerführer der Roten Armee und späteren Verteidigungsminister benannten Flußkreuzfahrtschiffes, das unsereinen im Verbund mit einer dem Alter nach reifen Reisegemeinde von Kasan bis hinunter nach Astrachan am Kaspischen Meer schippert, immer zuverlässig brav tuckernd und ohne jede Andeutung von abenteuerlichen Überraschungen oder dräuenden Havarien – drunten also, wo uns die hölzerne Bordbrücke an Land und dort durch ein Spalier von schweigenden Menschen führt, die Stoffe, Bestecke, Batterien oder Kassetten verkaufen, da brummt und rappelt es richtig, bis in den Oktober hinein und dann spätestens ab Mai aufs neue.
Droben, wo die Reisegesellschaft mehr rechtschaffen schlapp denn aufgekratzt-fidel verweilt, zerschmilzt die Sonne am Horizont – wie eine Pfirsicheiskugel, die in ein aquarelliertes, glühend gelbes und aquamarinblaues Band zerfließt, als würden ihr die Prospekte der Tourismusbranche das vorschreiben. »Die Natur ist nie Kitsch«, bewundert manch einer zu Recht eine solche Anmutung, und doch zieht es einen nach unten. Abermals runter vom Schiff möcht’ man springen und hetzen hinein ins Gewusel und Gequirle.
Droben ist Natur, droben ist Tourismus, zu einem aparten Paar vereinen sie sich höchstens bei Einbruch der Dämmerung. Drunten ist, sobald unser Dampfer als das von der halben Stadt inklusive Brot, Bürgermeister, Salz und Trachtentruppe erwartete und jeden anderen im Hafen herumlungernden Rest- und Rostkahn zufriedenstellend überragende Symbol des Aufschwungs andockt, das Leben.
Beim buddhistischen Dahintreiben auf dem Fluß neigt sich die Wahrnehmung nach innen, sofern man das ewige, breite Fließen für ein Bild stiller Erhabenheit erachtet, das mythische Konnotationen transportiert. Es genügt indes genauso, einfach nur das sanfte, einnickende Ufer dahingleiten zu sehen und die Bezeichnung »Dampfer« als Euphemismus dingfest zu machen. Dampfen, brausen, rauschen tut’s wenige Schritte vom Pier entfernt.
Der Fluß und das Leben, der »heilige Strom« (Gorbatschow) und die säkularen Menschen: In der Welt ist in Rußland, wer sich, kaum hat er hundert Schritte getan, im erstbesten Bierzelt einfindet, unter einem der zahllosen, aus Plastikplanen gefügten und von einer der expandierenden heimischen Großbrauereien gesponserten knallbunten Baldachine, unter denen das Glas- und Plastikflaschenbierangebot Ausmaße annimmt wie die Kartoffelchipsabteilung im amerikanischen Supermarkt. Und obwohl diverse der den Markt überschwemmenden Sortimente an Turbovergärung und Fuseltuning gemahnen – weshalb man sich zuzeiten als Bierzurückgehlasser oder immerhin Bierstehenlasser betätigt –, schiebt die auf Vergnügen und Eros geeichte Jugend, als gebiete ihr das ein ehernes Gesetz der Tradition, eine Fuhre nach der anderen in sich hinein, geschlechtlich paritätisch verteilt.
Der von der Staatsduma unternommene Versuch, ab 1. April 2005 das Biertrinken aus der Öffentlichkeit per Gesetz zu verbannen, ist am Veto des Föderationsrates gescheitert. Die blühende Bierbranche atmet auf, die Mehrheit der Russen atmet durch. Das Bier aus der Flasche – im Gehen oder im Zelt, auf der Parkbank oder auf den Stufen der imposanten, von marmornen Propyläen und Kandelabern gesäumten Granittreppe des Wolgograder Flußhafens genossen – befördert eine erdnahe Beschwingtheit in unmittelbarer Nähe zur nassen Lebensader des Landes, eine sukzessive befeuerte Freude, die jene Melancholie verscheucht, die man hier allenthalben auch zu gewärtigen meint.
Gewiß, in Uljanowsk, wo der Hafen zerbröselt wie die Kulisse der Breschnew-Plattenbauten oben am Berg, erfüllt das Bierzelt vornehmlich elendstrinkerische Funktionen, und in Kasan stapeln sich im ferrariroten Bierunterschlupf rund ums markenstrotzende Bierdepot pro forma ein Sixpack Wasser, indifferente Säfte, Eisweintinkturen, Fischdosen, Kaugummischachteln und anderweitiger »magenfüllender Unfug« (E. Henscheid). Doch ob im hafennahen Park von Saratow – der »Stadt des Kühlschranks« –, wo sich die schönsten Frauen der Welt, begleitet vom unvermeidlichen Dröhnpop, zum Bier vor den ihnen zugewiesenen Zelten versammeln, oder an der Bierflaniermeile Wolgograds mit ihren schlicht bis diskopeppig orientierten Zeltbauten: Überall verdampfen das Elend der Ökonomie und der Terror der Geschichte in der emphatischen Gegenwart der vergorenen Gerste, und sei’s für ein paar illusorische Augenblicke.
Wenn das Licht der Stadt am abkühlenden Horizont im Tintenschwarz des Himmels versickert, ist man wieder unterwegs – und zurückgeworfen in die Tristesse des touristischen Teilzeitdaseins. Trost spendet allein Gottfried Benn: »Wen Bier hindert, der trinkt es falsch.« Oder doch Dostojewski? »Der betrunkene Russe ist vielleicht gemeiner als der betrunkene Deutsche, doch ist dieser zweifellos dümmer und komischer als der Russe.«
Oder umgekehrt? Wir denken bei einem Baltika Export 7 noch mal verschärft versonnen darüber nach.
Dialektischer Durst
Es gibt ja bundesweit, ob auf dem Land oder in der Stadt, nahezu keine Wirtschaft mehr, in der man, egal, ob man sie zur durstlöschendsten Zeit um 14.23 Uhr, zwecks Frühschoppenaufmunterung oder zum hirnkrampflösenden Abendbierausklang betritt, nicht berieselt, belästigt, akustisch besabbert wird. Denn es gehört zur akuten modernen Conditio humana wie der Reformstau und die flächendeckende neoreligiöse Demenz die scheinbar durch nichts mehr einzudämmende Verlärmung der Existenz selbst dort, wo der gebeutelte einzelne durchaus mal zu sich kommen, einem Gedanken nachhängen und darob den Rand halten könnte.
Da der moderne Mensch seinerseits offenbar alles vermag, außer die Klappe zu halten, die er mitunter allein sachte zu öffnen sich anschicken sollte, wenn er einen Schluck Wein, einen Nipper Wasser, einen Hieb Wodka oder einen Schwall Bier durch jene in sich hineintransportieren möchte, vermag er es nicht mehr, einfach für sich zu sein, wo allein und still und vergnügt oder traurig zu sein nach Karl Kraus einzig wirklich möglich ist: in der dezenten Öffentlichkeit eines Gasthauses.
Doch, so dialektisch diffizil ist die Lage. Je unbarmherziger dem einzelnen vor Augen geführt wird, daß er nutzlos ist wie eine Gerstenspelze, alleingelassen, verworfen, weggeworfen, desto mehr verlangt es ihn nach simulierter Geselligkeit, und deshalb nimmt er es, mitten ins allgemeine Kuddelmuddel des dummen spätkapitalistischen Lebens geworfen, unwidersprochen oder sogar insgeheim dankbar hin, selbst dann, wenn er endlich für sich sein könnte, in der am besten angenehm leeren Wirtschaft, mit Technojazz und Tahiti-HipHop zugespachtelt zu werden, ohne Unterlaß und von Jahr zu Jahr in stramm anschwellender Lautstärke. Die Welt, die einem nichts mehr sagt und in der man nichts mehr zu sagen hat, sie töne.
Daß es kein richtiges Leben im falschen gebe, besagt ein allzu bekanntes Bonmot von Theodor Wiesengrund Adorno, ein, näher betrachtet, nicht gerade einleuchtendes zumal übers, genauer, Wohnen im Spätkapitalismus. Adorno war kein großer Kneipengänger, seinen Wein- und Champagnerdurst befriedigte er eher privat. Lediglich den morgendlichen Cognacbrand bekämpfte er zusammen mit seinen Spionen aus den Reihen des SDS im Frankfurter Café Laumer. Getarnt waren diese Flüssigkeitszufuhren als »Frühstück«.
Mehr als dreißig Jahre später kann einem in einem Odenwälder Dörfchen mit dem schönen Namen Winkel allerdings aufgehen, daß Durst und Dialektik, dieser manchmal selbst vom Odenwald- und speziell Amorbach-Fan Adorno geringfügig überstrapazierte Denkmodus oder -habitus, durchaus verschwistert sein mögen – nicht weil zuweilen mit Abnahme des Pegelstandes etwa im Bierglas das Bedürfnis nach einem weiteren und womöglich noch großzügiger bemessenen Bierpokal seltsamerweise wächst, sondern weil in Winkel, jenem an einem der malerischsten Berghänge Zentraleuropas gelegenen Ort, eine altmodische Ausflugsrestauration schlicht und herzergreifend Zum Wiesengrund heißt. Und in der hocken am Freitagabend drei bis acht vorsichtig plaudernde Gestalten unbestimmter Herkunft herum, und während sie weder grölen noch Parolen schmettern, tröpfeln aus unsichtbaren Lautsprecherboxen ganz behutsam doofe Treuherzschlager, die Begleitgesänge deutschen Tums und deutscher Barbarei.
Im Vergleich zu der alltäglichen Erfahrung, die man macht, wenn man seinem Durstgefühl folgt, ist das nahezu plausibel, nein: gefällt das regelrecht. Man bleibt sitzen und bestellt ein viertes Glas, eines schon beinahe über den Durst. Das ist gewiß ein gewissermaßen dialektischer, ein verzwickter Vorgang, eine annäherungsweise adornitisch komplexe, gleichwohl prima praktische Erkenntnis, hab’ ich den Eindruck. So weit hat uns die Welt mittlerweile gebracht. Oder eben mich. O Wirrnis!
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