Kitabı oku: «Ausgerechnet Astronaut!»
Juryk Barelhaven
Ausgerechnet Astronaut!
Ratgeber für Hochstapler, die zu hoch hinaus wollen
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel Eins
Kapitel 2
Kapitel drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
EPILOG
Impressum neobooks
Kapitel Eins
-Ausgerechnet Astronaut-
Christine Willing träumte von Heldentaten.
Wie alle Kinder war auch sie als kleines Mädchen fasziniert von ihnen gewesen; doch im Gegensatz zu den Kindern ihrer Straße konnte sie tatsächlich Orte erkunden, an denen Ungeheuer lauern mochten. Statt auf Spielplätzen Räuber und Gendarm zu spielen, hatte sie ihre kindliche Fantasie gegen Deduktion und Handschellen eingetauscht – und das Spiel war rauer geworden. Ihre Heldentaten waren nicht länger auf den Seiten eines Märchenbuchs oder in den digitalen Fantasien der Filmemacher zu Hause: Die Arbeit als Detektive Inspector beim Scotland Yard hatte eine ganze Galaxie voller neuer Möglichkeiten eröffnet. Seit Kindesbeinen glaubte sie an das Gesetz, doch mit dem Alter hatten ihre Träume an Farbenpracht verloren. Die reale Welt hielt oftmals Enttäuschungen bereit.
Punkt fünf Uhr waren sie in einem der Konferenzzimmer im Polizeigebäude versammelt. Der zuständige Beamte im Fall konnte sich nicht erinnern, jemals eine so gedrückte Zusammenkunft erlebt zu haben. Detektive Inspector Willing konnte sehen, dass ihr Kollege, um sich den Anblick zu ersparen, den Stuhl weggedreht hatte. Hinter ihm zeigte eine reiche Sammlung von Berichten, Fotos und Tabellen den Ermittlungsstand von fast zwei Jahren. Und inmitten von Statistiken, anklagenden Zeugenaussagen und Verlusten in Millionenhöhe existierte eine freie Stelle mit einem Fragezeichen. Das rote Fragezeichen aus Pappe wölbte sich leicht und war angegraut.
Zwei Bundespolizisten von Scottland Yard, drei Beamte von SpaceTec und sogar der leitende Ermittler einer weltweitbekannten Versicherungsgesellschaft starrten vor sich hin, während Christine die Versammlung eröffnete.
„Na schön“, sagte sie und versuchte einen Anfang. „Eine kurze Zusammenfassung. Er ist wie ein Geist. Selbst bei dem Geschlecht sind wir uns nicht sicher.“ Sie schaute auf ihre Notizen. „Er verschwand vor exakt vier Tagen“, begann sie. „Noch genauer, vor 98 Stunden. Danach hat ihn, soweit wir wissen, niemand mehr gesehen. Die Kameras der Bankfiliale zeichneten auf, wie er fünf Minuten vor drei seinen Arbeitsplatz verließ und aus der Tür verschwand. Der Bankdirektor meldete erst am nächsten Tag den Betrug. Es fehlen genau dreizehntausend Credits, die in Form von Schecks zeitgleich mit seinem Verschwinden ausgezahlt wurden. Von dieser Frau entgegengenommen.“ Sie tippte einen Befehl ein und sofort zeigte eine Kamera eine blonde Frau, die an einem Schalter Bargeld entgegennahm. Außer der Größe hatte sie rein garnichts mit dem Verdächtigen gemein. „Zwanzig Minuten nach seinem Verschwinden tauchte sie auf. Genau wie in dem Fall davor, und davor und davor…“
„Immer die gleiche Masche, aber die Verkleidungen sind nie identisch. Die Unterschriften lassen keinen Zweifel zu, dass er ein Profi ist“, fügte jemand von New Scotland Yard hinzu. „Er bleibt nie lange an einem Ort. Der Verdächtige meldete sich krank“, warf ihr Kollege und wedelte mit einem in Folie gehülltes Papier herum. „Selbst die Krankmeldung war gefälscht.“
Christine fasste sich an ihre Schläfen und blickte mit einer Mischung aus Verachtung und Langeweile auf den Ermittlungsstand eines Falls, von dem sie glaubte, dass er eins ihrer Sargnagel sein sollte. Insgeheim dachte sie kurz an ihre früheren Geschichten zurück, obwohl sie im Laufe der Jahre herausfinden musste, dass das wahre Leben nie an ihre Träume heranreiche. „Vieles spricht dafür, dass er also nie lange an einem Ort bleibt und diese Nummer wieder und wieder abzieht.“ Sie zog eine Grimasse. „Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass er nach System vorgeht, was seine Opfer angeht. Es lässt sich keine Symmetrie erkennen. Mal in einem Vorort, mal eine Hauptstadt. Und wenn wir alle ungeklärten Fälle der letzten Jahre in Betracht ziehen“, sie nahm einen Schluck Kaffee, bevor sie fortfuhr, „ist er seit über zwanzig Jahren dabei. Geschätzter Betrugswert: vierundvierzig Millionen. Wahrscheinlich mehr.“
„Auch der Computer hat nichts gefunden“, warf ein Kollege ein. „Mal hat er schwarzes Haar, gelockte blonde Haare, Glatze, ist übergewichtig oder, wie hier in Paris benutzte er sogar einen Rollstuhl. Er ist ein Meister der Tarnung. Seine Fingerabdrücke sind nie dieselben. Selbst seine Stimme…“
„Wir haben alles abgesucht.“ Willing legte einen Bericht vor sich und tippte mit dem Finger darauf. „Er kaschiert sogar seinen Geruch. Die Hunde haben nichts gefunden. Seine letzte Wohnung läuft auf den Namen einer Person, die schon vor Jahren verstorben ist. Wir haben alles auf den Kopf gestellt. Sogar die Mülleimer im Hof. Er ist wie ein Geist. Er…“
„Oder sie.“
„Oder sie hinterlässt keine Spuren.“ Willing nickte in die Runde und ließ ihre Hand schwer auf den Tisch fallen. „Das ist entsetzlich“, stellte sie fest. „Mit anderen Worten: wir wissen garnichts. Ich will dort ein Profil sehen, wenigstens eine kleine Spur. Es kann doch nicht sein, dass die klügsten Köpfe im Raum mit genügend Arbeits- und Praxiserfahrung auf der Stelle stehen und nichts wissen!“
„Sollen wir das Ganze der Presse mitteilen?“ fragte jemand. „Das gäbe doch herrliche Schlagzeilen: Wer ist Mister X?“
„Warum nicht?“, meinte jemand anderer. „Wir haben nichts zu verlieren.“
Sie schauten sich betroffen an.
Das rote Fragezeichen schien sie alle zu verhöhnen. Wie der legendäre Flugzeugentführer D.B. Cooper, der 1971 eine Boeing-Maschine entführt und mit dem Lösegeld spurlos verschwunden war, schien auch dieser Verbrecher aus nichts anderem als Vermutungen und haltlosen Spekulationen zu bestehen. Mister X war der Alptraum eines jeden Polizisten: gerissen, vorsichtig und nie zu gierig. Er oder sie konnte jeder sein. Allmählich befürchtete sie, dass dieser Fall sie bis ans Ende ihrer Karriere verfolgen würde. Sie blickte auf und starrte zum hinteren Ende des Raums, wo kurz Bewegung an der Tür auszumachen war.
Willing hatte eine Frage: „Entschuldigung, wer sind Sie?“
Alle Köpfe drehten sich um und starrten den Mann an der Tür an, der mit einem Tablett frischen Tee und Gebäck hereinkommen wollte. Die Uniform wies ihn als einfachen Polizisten aus. „Alderson, Maam. Ich wollte fragen, ob Sie noch etwas brauchen.“
Willing blickte den Mann an und versuchte zu erraten, wo sie ihn schon mal gesehen hatte. Eins achtzig groß und dünn wie eine Bohnenstange. „Sind Sie neu hier?“ wollte sie wissen. „Haben Sie das Schild nicht gesehen? Laufende Ermittlung.“
„Tut mir leid. Ich stelle das hier nur mal ab.“ Der Mann namens Alderson grinste unsicher und ging hinein. „Bin gleich weg. Bitte weitermachen…“
Zwei Köpfe aus der Gruppe schüttelten den Kopf, dann wandten sich alle wieder wichtigeren Dingen zu, als der Polizist den Tee verteilte.
Christine Willing starrte feindselig zu der Pinwand. „Unser Mister X braucht Papiere, Dokumente und so. Wir sollten unsere Kontakte nutzen“, gab sie zu bedenken und nahm sich eine frische Tasse Tee vom Tablett. „Er ist entweder ein hervorragender Fälscher oder er kennt sich bestens aus. Er muss bekannt sein. Irgendjemand weiß etwas. Er nutzt seine Identitäten nicht mehr als einmal – was bedeutet, dass er über genügend Bargeld verfügen muss, um sich ständig etwas Neues zu versorgen.“
„Sowas muss doch auffallen. Und wenn er sich selbst versorgt, müsste er die nötigen Gerätschaften besitzen. Also mobil sein.“
„Ich werde darüber nachdenken“, versprach der Detektive Inspector. „Ich schlage vor, wir rollen nochmal alles auf. Beginnen von vorne. Sprecht mit den Zeugen. Weiß jemand, wie viele Fälscher es in diesem Land gibt?“
Keiner wusste es.
Willing schickte eine Mail an einen ihrer Kollegen. Nach zwei Minuten wusste sie Bescheid. „Ich werde die Sache in die Hand nehmen. Das ist also der einzige Weg.“ Sie wirkte nicht glücklich. „Fassen wir also zusammen: wir haben kein Profil, keine sichtbaren Hinweise aber zumindest eine Ahnung, in welche Richtung wir schauen müssen. Oder hat jemand noch eine Idee?“
Alle starrten sich betroffen an.
Willing begann ungeduldig zu werden. „Gibt es sonst noch etwas?“ fragte sie. „Wenn nicht, so haben wir alle viel zu tun. Morgen früh um acht treffen wir uns wieder.“
Sie hatten gerade ihre Papiere zusammengenommen und waren aufgestanden, als das Telefon klingelte. Willing war schon draußen auf dem Flur, als sie jemand zurückrief. „Wir haben einen pensionierten Fälscher, der schon gesessen hat. Die Fahrt dauert drei Stunden raus.“
Willing nickte zerstreut, nahm ihren Mantel vom Haken und machte sich auf dem Weg. Niemand bemerkte Alderson, der sich lächelnd abwandte.
Larry Meldwin, heute für zwanzig Minuten Jimmy Alderson, war wieder im Spiel und er genoss seinen kleinen Ausflug ins Polizeigebäude, während er die gebrauchten Tassen in die Spülmaschine einräumte. Während seiner Tätigkeit war er wirklich lebendig, und seine Gedanken glitten dahin wie Wellen, und selbst die Luft funkelte. Später würde das Gefühl abflauen, aber derzeit flog er.
Er spürte das alte elektrisierende Gefühl, das man bekam, wenn man direkt vor einem Banker stand, der sorgfältig eine Fälschung prüfte, bei der man sich besonders viel Mühe gegeben hatte. Die Welt hielt den Atem an, und dann lächelte der Banker und sagte: „Scheint alles in Ordnung zu sein. Ich werde das Geld holen lassen.“ Es war die Aufregung, nicht die Jagd, sondern das Stillstehen, des Bemühens, ruhig und gefasst und echt zu sein, gerade lange genug, um die Welt zu täuschen und sie um den Finger zu wickeln. Das waren die Momente, für die er lebte.
Er wandte sich um und starrte zur Wand, die nur einen kleinen Teil seines Berufes ablichtete. Sie hatten zu wenig Anhaltspunkte, denn sonst hätten sie eine zweite und dritte Wand gebraucht. Um ihn herum hundert sinnvolle Aktivitäten einer geordneten Welt, die zusammen einen Zweck erfüllte: Das Verbrechen zu bekämpfen und seine Bürger zu schützen. Larry fühlte sich wie ein Kind beim Versteckspiel, das als einziges über das perfekte Versteck verfügt. Das rote Fragezeichen schien ihm verschwörerisch zuzuwinken. Sie hatten keine Ahnung, und während sie im Dunkel fischten, würde er sich einen kleinen Spaß gönnen und dann schleunigst verschwinden. Im Grunde idiotisch, aber die Aufregung erfüllte ihn mit tiefer Freude, die ihm äußerlich nicht anzusehen war. Dazu war er schon zu lange im Geschäft.
Niemand achtete auf den gewöhnlichen Polizisten Alderson, dessen Identität genauso falsch war wie sein aufgesetztes Lächeln und dessen Existenzberechtigung nur darauf hinauslief, seinen Verfolgern einen kurzen Besuch abzustatten. Niemand würde verletzt werden. Obwohl es Larry aufs Tiefste verabscheute unnötige Risiken einzugehen, musste er sich nach all der Zeit einfach davon überzeugen, was die „andere Seite“ bislang von ihm wusste. Sie fischten also im Trüben. Perfekter Zeitpunkt, um ganz aufzuhören.
Langsam beendete er seine Arbeit, verließ das Gebäude und verschwand hinter einer Mülltonne um sich schnell umzuziehen. Die Perücke, der falsche Schnurrbart und die Uniform landeten in einer Tüte und landeten in einer Mülltonne. Als dunkelhaariger Mann mit Brille und einem Koffer verließ er nur wenige Augenblicke später seine Position und trat auf die Straße, um ein Taxi zu rufen. Mit dem Fragezeichen in der Hand winkte er einem der gelben Autos zu.
Immer schnell sein. Immer gründlich sein.
Larry Meldwin hatte ein Talent. Außerdem hatte er sich gewissen Fähigkeiten angeeignet, dass sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen waren. Er hatte gelernt, sympathisch zu sein aber auf eine Art, die es ihm ermöglichte, dass sich niemand so recht an ihm erinnerte. Anderen Leuten fiel es schwer ihn zu beschreiben. Er war „ungefähr“ zwischen dreißig und vierzig Jahren alt. In Berichten der Polizei überall auf der Welt war er inzwischen ungefähr eins siebzig oder eins achtzig groß und der Mangel an besonderen Merkmalen betraf sein gesamtes Gesicht. Er war Durchschnitt. Menschen erinnerten sich an Brille, Bart oder an Namen und Manieren und davon hatte er eine Menge. Außerdem erinnerten sie sich daran, dass sie vor der Begegnung mit ihm reicher gewesen waren.
Zehn Minuten später befand sich Larry Meldwin bereits ein ganzes Stück außerhalb der Stadt. Er hatte in einem Waldstück einen Van stehen, in dem er seine Apparaturen wie Computer, Drucker, verschiedene Papiersorten und spezielle Farben aufbewahrte. Der Wagen wurde ein ganzes Stück weiter zu einem Altmetallhändler gefahren, der dafür bekannt war, für ein großzügiges Trinkgeld keine Fragen zu stellen und besonders effizient zu sein. Larry war sich sicher, dass sein Van am Abend als Schrottwürfel enden würde. Mittels eines gemieteten Mopeds fuhr er seine vorgegebene Route ab, um in seinen Notfallverstecken seine Barschaft abzuholen. Banken konnten Zahlungen zurückverfolgen oder schlimmer noch, ausgeraubt werden.
Kleinere Päckchen wanderten in seinen Rucksack, von dem sich Larry abends einen Reisekoffer und ein paar Kleider zum Wechseln besorgte. Es war Zeit auszusteigen.
Mit dem Rucksack voller Credits kam er spätabends am vereinbarten Treffpunkt an.
Jason P. Millings war Eigentümer und Präsident der gleichnamigen Kaffeebude am Hauptbahnhof im Südosten der Stadt, wo sich selten Züge und Passagiere einfanden – höchstens, um zu sterben. Die Rezension der letzten Jahre hatten diesen Stadtteil hart getroffen und neben dem heruntergekommenen Bahnhof wirkte die Bretterbude mit dem gammeligen Sortiment und dem nicht besser schmeckenden Kaffee wenig Anreiz, um zu verweilen. Jason. P. Millings interessierte es auch kaum, ob jemand tatsächlich seinen Kaffee kosten wollte. Er bot andere Dienste an. Er war ein Mann mit einem so ernsten Alkoholproblem, dass er sich jeden Tag betrinken musste, um sich vor den möglichen Folgen seiner Sucht zu Tode zu erschrecken.
An diesem Abend döste er, an seiner Bude lehnend, mit dem Kopf an der Kaffeemaschine. Larry kam zu ihm herüber und klopfte an dem Holz. Jasons Augen waren so rot wie Tomaten, sein unrasiertes Gesicht eine verwüstete Landschaft, und sein Atem so abstoßend, dass er sich selbst davor ekelte. Er hob kurz den Kopf, um den Kunden in Augenschein zu nehmen. „Yeah, was gibt es“, ächzte er.
„Sie müssten mir das bitte wechseln.“ Ein sauberer einhundert-Credits-Schein wurde über die Theke geschoben. „In zwei Fünfzigern, bitte.“ Jason zuckte zusammen, als dieser Lärm durch seinen Schädel hämmerte.
„Sehe ich aus wie eine Wechselstube!?“
Larry beugte sich verschwörerisch vor. „Ich muss noch den Zug nach London erwischen.“
Er nickte verstehend und blickte kurz zu seinem Handgelenk. „Ist noch früh. Den kriegen Sie noch.“
„Ich muss noch heute Abend zu meiner Tante. Sie hat Geburtstag…“
Jason bedeutete ihm, still zu sein. „Überspringen wir doch den ganzen Teil. Ich weiß, dass du es bist, Larry.“
Larry runzelte die Stirn, weil ihn dies überraschte. „Lassen wir diesen Spionagekram?“
„Wir lassen ihn.“
„Gut. Ich checke aus.“ Larry nahm seinen Rucksack und stellte ihn an der einzigen Öffnung der Bretterbude. „Es sind genau fünfundzwanzigtausend.“
Jason nickte knapp, überprüfte den Inhalt des Rucksacks und schob einen braunen Umschlag langsam über die Theke. „Das, was du wolltest. First-class nach Eden-6 und meine Glückwünsche“, erklärte er. „Du bist jetzt Adrian Purvis, Astronaut im Ruhestand. Mit frischer ID und einem Bungalow in NewTokyo.“
Larry wirkte erschrocken. „Astronaut? Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?“
Jason grinste, obschon es ihm nicht gutging. „Der arme Purvis ist vorgestern verstorben. Mein Kontakt hat das Ticket einfach mitgehen lassen. Scheint mir ein Wink des Schicksals zu sein.“
Larry checkte den Chip: vierzig Millionen Credits genau. Tatsächlich hatte er in Raten seit Jahren an Jason Beträge überwiesen, der das Geld waschen und anlegen würde. Die zwanzig Prozent Bearbeitungsgebühr gehörten dazu und konnte Larry verschmerzen. Er überflog die Papiere. Die Daten waren leicht einprägsam, aber am Gesicht musste er etwas verändern. Eine andere Identität anzunehmen war ein Leichtes. Er zuckte die Schultern. „Na schön. Wird schon gehen.“ Er nickte Jason zu. „Dann mach es mal gut, Jason.“
Er nickte zurück. „Da geht mein bester Kunde. Schreibst du mir?“
Larry schüttelte den Kopf. „Ich ziehe einen Schlussstrich. Einmal Hyperschlaf, dann zum Bungalow und dann ist Ende. Leb denn wohl, Jason.“
„Name?“ fragte die Stewardess und blickte auf ihre Liste.
„Purvis“, antwortete Larry mechanisch. „Adrian. ID-Code vierzehndreizehn.“ Er reichte ihr seinen Computerchip.
Sie steckte ihn in ihr Handgerät und las die Informationen, die auf dem Bildschirm erschienen. Dann nickte sie und lächelte ihn freundlich an. „Alles klar. Willkommen an Bord, Mr. Purvis.“
Der schlanke untersetzte Mann lächelte ebenfalls. Mr. Purvis. Das gefiel ihm. Die Companie aeriana pries sich als die Fluggesellschaft Nummer eins, und bislang schien es, als würden sie ihrem Anspruch gerecht werden. Die Stewardess winkte ihn ins Schiff hinein, um die Personalien der hinter ihm wartenden Frau zu überprüfen. Er folgte den Zeichen zu den Hyperschlafeinheiten. Das Schiff war klein und wurde nur für den Personentransport benutzt. Sobald es ihm Orbit war, würde es wie ein Dutzend anderer Schiffe an dem großen Transportschiff andocken – ähnlich wie Blütenpollen an den Hinterbeinen einer Biene. Sobald alle Schiffe angedockt waren, würde das Personal in den Hyperschlaf gehen, nachdem sie auf Kurs waren und das Sonnensystem verlassen hatten.
Jason hatte Wort gehalten – wie üblich. Es war die First-Class, und alles um ihn herum zeugte von protzigem Prunk, der Larry sehr entgegenkam. Die Hyperschlafkammer war mit einem elfenbeinfarbenen Gehäuse versehen, der Teppich war aus echtem Leopardenfell und er hatte ein großes Zimmer allein für sich. Wie es sich für einen pensionierten Astronauten gehörte. Zwei Monate Schlaf, und er war da. Nach fast dreißig Jahren in seinem Geschäft gelüstete es ihm jetzt die Lorbeeren seiner harten Arbeit zu genießen. Er musste nicht beweisen, dass er ein Astronaut war – sobald er auf Eden-6 war, würde er sich einfach eine neue und diesmal endgültige ID ausdenken.
Über das Leben, das er hier auf der Erde hinter sich ließ, wollte er nicht mehr nachdenken. Das ewige Versteckspiel war ihm langsam lästig geworden und Eden-6 versprach einen Neuanfang. Er würde neue Dinge sehen, neue Erfahrungen machen. Vielleicht würde er sich sogar einen Hund anschaffen und mit ihm an den kilometerweißen Stränden des paradiesischen Planeten spazieren gehen. Er war noch jung genug. Die Bedingungen auf diesem gerade frisch kolonisierten Planeten sollten mit die besten sein – wenn man vermögend war. Er legte das rote Fragezeichen und seine Brieftasche mit einem Credits-chip von vierzig Millionen auf den Tisch neben sich.
Mit diesen hoffnungsvollen Gedanken stieg er in die Hyperschlafröhre. Ein höflicher Steward ging an seiner waagerecht gelagerten Schlafbox vorbei und überprüfte alles, die Leitungen, die Dosierung der Narkotika, die Computereinstellungen. Gewissenhaft und gründlich, das gefiel Larry.
Der Steward nickte ihm in respektvollen Abstand zu. „Es ist uns eine Ehre, Sir, einen wahrhaftigen Astronauten mit Ihrem Format begrüßen zu dürfen.“
Larry nickte begütigend zurück, machte es sich zwischen den gemütlichen Kissen bequem und schloss die Augen. Sanfte Musik plätscherte aus Lautsprechern, um ihn zu entspannen, während eine freundliche Frauenstimme ihm von den Dingen erzählte, die ihn auf Eden-6 erwarteten. Larry lächelte, schloss die Augen und wartete darauf, dass die Kühle des Hyperschlafs über ihn kam.
Ein neues Leben. Eine neue Chance.
Er lächelte befriedigend und schlief ein.
Die Maschine erledigte ihren Job. Das große Hauptschiff wartete geduldig im Orbit, während die kleineren Schiffe andockten, behutsam ihre wertvolle Fracht dabei niemals aus den Augen lassend. Die insgesamt vierhundert Seelen träumten und ruhten in regelmäßigen Intervallen. Sie hielten sich an ihren vorprogrammierten Kurs und ließen sich von der besten Technologie verwöhnen, derer die Zivilisation fähig war. Die Maschine hielt die Träumenden am Leben, kontrollierte jedes wichtige Teil – von der einfachsten Steckdose bis zur hochkomplexen KI, die die Sprünge berechnete – und reparierte kleine Aussetzer in ihrem System. Über Jahrzehnte hatte sich die Technologie als weitaus verlässlicher erwiesen als die Menschen, die sie konstruiert haben. Die Maschine kennt keine negativen Gefühle und befolgt stur ihre Befehle. Die Urteile, die sie fällt, basieren ausschließlich auf Wahrnehmung und Analyse. Die Maschine handelt fehlerfrei.
Hochempfindliche Sensoren beobachteten jeden kleinsten Arbeitsschritt an Bord, beobachteten die Arbeit der Crew, die sich einer nach dem anderen in den Hyperschlaf brachte, und beobachteten mit der gleichen Intensität den luftleeren Raum um sich herum. Das All war feindlich. Schon ein Druckabfall in einer der Lagerhallen konnte eine Kettenreaktion hervorrufen, ein bisschen Weltraumschrott konnte der empfindlichen Hülle schaden und freigesetztes Feuer in der Schwerelosigkeit konnte gewaltigen Schaden anrichten. Die Maschine war geduldig, effizient und äußerst gründlich. Wie ein namenloser Gott herrschte sie über das eigene Reich mit der gleichen gleichgültigen Kälte, wie sie in den Fluren herrschte.
Manchmal … kommt es anders.
Im Lagerraum bewegte sich etwas, das kein Teil des Schiffes war, aber auch dieses etwas wurde von einer Art Gesetz vorwärts getrieben, die der des Schiffes sehr nahe kam. Durch die ständige Vibration wackelte ein Kaffeebecher vor und zurück, vor und zurück, ohne nachzudenken. Durch eine seltsame Laune des Schicksals von einem übermüdeten Arbeiter vergessen, gab der Becher schließlich den unwiderstehlichen Kräften nach und kippte um. An einer anderen Stelle, vielleicht, hätte das Ereignis keine großen Folgen nach sich gezogen doch das Gemisch schwappte um und wäre fast auf dem Boden gelandet, wenn nicht in dem Moment die Schwerelosigkeit eingesetzt hätte. Von der irdischen Geisel der Schwerkraft befreit formte sich eine dunkle, kleine Kugel im Raum. Es war keine Säure. Nur Kaffee.
Die Götter würfelten.
Die Maschine beobachtete alles und jeden, aber sie erkannte nicht die Gefahr als die unförmige Kugel, nicht größer als eine Kinderfaust, quälend langsam seinen Weg suchte und auf die Seite eines Zylinders ansteuerte. Wie eine kleine Blume zerstieb der Ball und kleinere Tropfen eilten den Gesetzen nach zu allen Seiten hin, während einige Tropfen die hauchdünne Naht zwischen der durchsichtigen Kuppel und dem metallenen Unterbau zusteuerte. Im Innern der hochkomplexen Maschine fand, vor feinen Sensoren verborgen, ein seltsames Wettrennen statt, als der Tropfen schließlich eine schlecht geschützte Stelle fand, die niemals eine Verbindung finden sollte.
Ein Funke.
Der Kurzschluss ereignete sich in dem Moment, als das große Schiff den Sprung wagte. Die Maschine ließ sich nicht ablenken, doch es gab gewisse Arbeitsprozesse, die selbst von einer KI mit über dreitausend Gigaspeicher absolute Konzentration erforderte. Es versagte in dem Moment, als ein wichtige Maschine im Lagerraum zur Regulierung der künstlichen Schwerkraft plötzlich wieder auf On schaltete und gewaltige Kisten und Maschinen unter der Last ächzten. Ein Behälter mit Säure zersplitterte unter dem ungewohnten Druck und ungehindert strömte die Säure aus. Sie fraß sich durch die Abdeckung ihres Zylinders und schließlich durch den Boden. Von unten stieg Rauch auf und erfüllte den Raum.
Sofort erwachten hier wie auch im ganzen Schiff Warnzeichen zum Leben, Alarmsignale leuchteten auf und Sirenen heulten. Die Menschen konnten sie nicht hören, aber das änderte nichts an der Reaktion der Maschine. Sie tat ihre Arbeit, während sie den Sprung fortsetzte – so wie es ihre Programmierung vorgesehen hatte. Immer noch stieg Rauch aus der ausgefransten Öffnung im Fußboden auf.
Versenkbare Ventilatoren begannen in der Decke zu summen und saugten das umherwirbelnde, sich verdickende Gas ab. Der Säure war es einerlei.
Unterhalb des Fußbodens explodierte etwas. Helles, strahlenförmiges Licht blitzte auf, dann schoss eine gelbe Stichflamme empor und fand Nahrung. Dunkler Rauch begann sich mit den dünneren Gasen zu vermischen, die nun durch den Raum waberten. Die Deckenleuchten flackerten nervös.
Ventilatoren schalteten sich ab. Ein Rohr schraubte sich durch die Decke, um die eigene Achse rotierend, wie eine Miniaturkanone, die sich ein Ziel sucht. Schließlich stoppte es und zielte auf die Flammen und das Gas aus dem Loch auf dem Boden.
Was jetzt passierte, passierte sehr schnell.
Plötzlich schlugen Funken aus dem Unterteil des Rohres. Der kräftige Strahl versiegte, und nur ein paar Spritzer tropften noch wirkungslos aus der Öffnung. Die Feuerlöschsysteme waren inaktiv geworden, genauso unbrauchbar wie das Ventilationssystem. Und Feuer und explosive Gase gaben sich ein High Five.
Das war der Moment, in dem das Schiff sich schon im Sprung befand.
„Guten Morgen, Adrian Purvis.“
Schon wieder ein Traum. Man hatte kein Zeitgefühl im Traum, keine Ausdehnung der Zeit. Die Leute sehen alles Mögliche in ihren Träumen, zugleich äußerst realistisch und völlig irreal.
Im Hyperschlaf dehnte sich die Zeit – so auch die Träume, die je nach Reisedauer ein oder zwei Jahre dauern konnten. Wissenschaftler hatten noch nicht erforscht, wie man Träume und ihre dunklen Brüder, die Alpträume unterdrückt. So wurden mit der Atmung und der Blutzirkulation auch diese unbewussten Gedanken in die Länge gezogen, verlangsamt und ausgedehnt. Und Larry Meldwin hatte einen besonders scheußlichen Alptraum gehabt.
Mit dem Begriff „Seele“ hatte er schon seit der Highschool nichts mehr anfangen können, als er ein braver Kirchgänger war. An der Fakultät für Angewandte Wissenschaften war dieser Begriff dann einen profanen empirischen Verständnis gewichen. In seinem Alptraum hatte er sich seinem Vater stellen müssen…
Eine männliche Stimme, ruhig und mit dem Ernst der Künstlichkeit, drang Larry Meldwin ins Ohr. Er öffnete die Augen.
„Passagier A324, ID-Code vierzehndreizehn“, begann die Mitteilung. „Sie waren dreiundzwanzig Tage im Hyperschlaf und werden sich etwas schwindelig fühlen. Durst und leichtes Unbehagen, gefolgt von Desorientierung sind normal und sollten sie nicht weiter verunsichern. Warten Sie bitte ab, bis das zuständige Personal auftaucht und sie abholt.“
Leere Worte. Larry brauchte Sekunden, vielleicht Minuten um sich zu orientieren.
Die Krankenstation war relativ klein und völlig leer. Er lag neben einer weitaus größeren Einrichtung, die Dutzende von Patienten pro Tag hätte aufnehmen können. Ihm war schwindelig, die Zunge lag trocken wie ein Stück Kohle in seinem Mund und dankbar nahm er den Strohhalm entgegen, die ihm die Maschine reichte. Ein metallischer Greifarm ragte aus einem der Maschinen.
Langsam wanderte sein Blick durch den Raum. Es war kühl und ihm fror. Er war allein. Wo war das Personal?
Larry schluckte das kühle Nass und spürte, wie er langsam an Kraft gewann.
„Passagier A324, bitte begeben Sie sich in aufrechte Position. Es besteht kein Grund zur Sorge.“
Langsam erinnerte sich wieder. Er war Adrian Purvis, jetzt und hier, und er hatte es geschafft. Er lächelte schwach bei dem Gedanken, dass man so freundlich war ihn als Ersten zu wecken. Gepriesen sei die First class!
Er lächelte.
Weniger schön war jedoch, dass niemand vom medizinischen Personal anwesend war. Sei es drum! Er würde auf Instagramm bestimmt kein Dislike geben. Er wollte nur noch runter von diesem Schiff, raus auf Eden-6 und die herrliche Sonne spüren. Je schneller, desto besser.
„Die Companie aeriana bedauert Ihnen mitzuteilen, dass wir uns in einer Notlage befinden. Wünschen Sie nähere Erläuterungen?“
„Mmh?“
Der Mann versuchte etwas zu sagen. Seine Lippen bewegten sich, und er bäumte sich auf, doch die Maschine konnte nicht sagen, ob er sich gegen etwas stemmte oder vor etwas zurückwich. Die KI triangulierte ihre Sensoren genau auf den Raum. Gurgelnde Geräusche drangen zu ihr, wie Luftblasen, die aus der Tiefe an der Oberfläche gelangen.
Die Maschine war ein äußerst effektives Stück Metall. Die KI hatte Zugriff auf geographische, seismographische, astrophysische und kosmologische Daten und kannte wie ein behandelnder Arzt seinen eigenen Körper, sprich Raumschiff. Sie war nicht ungeduldig, sondern rief sich die notwendigen Daten ins Gedächtnis, was es mit dem Menschen auf sich hatte. Medizinische Daten flackerten kurz auf, und sie verstand. Die KI wählte eine vorsichtige, visuelle Herangehensweise.
Vor Larrys Augen flammte ein Hologramm auf.
Eine schwach leuchtende Version der Erde, der Flugbahn und Eden-6. Der Vektor wies eine Krümmung auf und fast in der Mitte flammte ein rotes Ausrufezeichen auf, als würde es etwas sagen wollen.
Die KI arbeitete mit der Geduld einer treusorgenden Henne. Sie sprach mit Pausen.
„Fanghus 227. Äußerer Gürtel, Erzraffinerie, Einrichtung seit zehn Jahren aufgegeben. Wir befinden uns nicht auf der vorgeschriebenen Route. Wir brauchen Ihre Hilfe.“
„Was...?“ Unverständnis schwang in der Stimme mit, die die KI mühelos empfangen konnte. Hätte die KI mit einer Sonde korrespondiert, hätte sie nichts anderes erwartet, als das der Teil von ihr prompt und ohne Verzögerung funktioniert hätte. Menschen hingegen… brauchten Zeit.
Schrecklich ineffektiv.
Die KI versuchte es anders.
„Durch die Erschütterung eines Notfalls an Bord des Schiffes sind empfindliche Instrumente beschädigt worden.“ Pause. Sensoren musterten den Menschen eingehend, bevor sie fortfuhr. „Es wurde versucht die Schäden zu lokalisieren, zu minimieren und zu beheben. In Folge einiger Ausfälle sind empfindliche Instrumente beschädigt worden. Die genaue Zustandsbeschreibung ist nicht zu hundert Prozent aussagekräftig. Es bedarf eines menschlichen Faktors, um die Weiterfahrt zu garantieren.“
„Was, zum Teufel...?“
„Wir befinden uns weit ab von den ausgetretenen Photonenpfaden. Meine Hauptaufgabe ist es, das menschliche Leben an Bord zu schützen und für eine Weiterfahrt zu garantieren. Dieser Kurs wurde gewählt und eingegeben. Sind Sie bereit Ihren Dienst anzutreten?“
„Scheiße.“ Der Mann stöhnte leise, er drehte den Kopf unruhig hin und her. Die KI fragte sich, ob das eine bloße physische Reaktion war oder ob die Medikamente, die er in sein System eingeschleust hatte, Nebenwirkungen zeigten. Sie hatte getreu den Vorlagen des medizinischen Protokolls gehandelt.
Desorientierung.
Langsames Begreifen.
Unwohlsein.
Schock.
Die KI stimmte den Lichtregler ab, verwandelte die klinische Atmosphäre, vom kühlen Licht der einfachen Brennstäbe, in ein warmes Ambiente. Musik von Bach ertönte dezent im Hintergrund. Der Wasserspender füllte den Becher neu.
„Wo…, zum Teufel, … ist die Crew?“
Die KI analysierte die Frage nach Gewichtigkeit und reagierte entsprechend: „Die gesamte Mannschaft wurde sofort zu den Rettungsfahrzeugen als Evakuierungsmaßnahme laut Anordnung SpaceTec nach Paragraph dreiunddreißig Absatz 3 gebracht. Ihre Hyperschlafzylinder wurden als Erste zu den Schleusen gebracht, doch der Anteil der entweichenden Gase kamen mit dem Feuer in Berührung. Als die ersten zehn schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden, sah ich es als notwendig an, mich von der Anordnung selbst zu befreien. Es befinden sich zurzeit dreihundertneunundachtzig Personen im Hyperschlaf. Eine Person ist im Wachzustand.“
„Wer?“
„Sie.“
Larrys Augen klappten so plötzlich auf, als hätte er seine Benommenheit nur vorgetäuscht. Die KI war von der Reaktion beeindruckt.
„Wo ist … der Kapitän?“, fragte er geschockt. Die Infos in seinem Gehirn schienen falsch, nicht richtig gedeutet, unpassend zugeordnet. Er analysierte die Situation auf seine Weise. Als professioneller Hochstapler und Dieb klingelten seine Alarmglocken im Kopf stehts mit einer fast sanften Beständigkeit – jetzt schrillten sie um die Wette, und alle wurden Erster.
Die KI erkannte nicht seinen inneren Konflikt – wie sollte sie auch? Die Antwort kam mechanisch: „An Bord des ersten Rettungsfahrzeugs. Der Kapitän verstarb zusammen mit seinem Ersten Offizier.“
„Ich… bin hier!? Wieso?“
„Logische Schlussfolgerung. Wir brauchen einen Astronauten.“
„Mich?“
„Sie sind Adrian Purvis, Passagier A324, ID-Code vierzehndreizehn.“
„Warum!?“
„Sie sind Astronaut.“
„Oh“, sagte er. Jetzt wurde ihm plötzlich alles klar. Es wurden neue Regeln aufgestellt.
Die KI kontrollierte die Arminfusion und stellte fest, dass sie fast schon leer war. Offensichtlich machte sein Körper guten Gebrauch von der Aufbaulösung. Als sie seine Lebensfunktionen scannte, blieben die Anzeigen im grünen Bereich. Doch der Stresslevel war erhöht. Die KI nahm sich vor, ihn nicht aus den Augen zu lassen. Aber zum Arbeiten taugte der Mensch.
Mit großen Augen starrte Larry die Projektion an. „Wie weit …sind wir von der Erde entfernt?“
„Sechzehn Lichtjahre. Als wir starteten, legten wir erst einen kleinen Teil der Reise zurück. Der Drift katapultierte das Schiff außerhalb der Route und…“
„Wie weit sind wir von Eden-6 entfernt?“ fragte Larry panisch.
„0,3 Lichtjahre. In diesem Abschnitt des Weltraums ist der Mensch alles andere als allgegenwärtig, seine Außenposten liegen weit voneinander verstreut.“ Die KI rief eine genaue Karte auf und materialisierte sie vor dem Menschen. Das schien dem Menschen zu beruhigen.
„Das klingt nicht so schlimm. Dann ruf nach Hilfe.“ Larrys Blick klebte immer noch an der Projektion.
Hätte die KI blinzeln können, hätte sie es getan. „Hilfe?“ Die Frage schien unnötig. Die Zahlen sprachen für sich. Tief im Inneren ihrer Gigabytes betrachtete sie in Sekundenbruchteilen die Frage neu und wieder neu. Nein, das Ergebnis war nicht zu beschönigen.
„Ja, kennst du doch. Dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz“, setzte Larry hastig nach.
„Sie beziehen sich auf das Morsealphabet. Mir fehlen nötige Informationen.“
„Kumpel, du machst mich fertig!“ Leichte Ungeduld schwang in seiner Stimme mit. „Was bist du überhaupt!? Du musst dich irren...!“
„Supercomputer der Superlative erreichen eine Rechenleistung im Tera- bzw. sogar im Petaflops-Bereich. Zur Veranschaulichung sind das auf Letzteres bezogen 1015 Fließpunktoperationen pro Sekunde. Die Rechenleistung wird, standardisiert per Linpack (Linear System Package) -Benchmark gemessen: dieses Modell der Marke Simeon Corta schafft 678,67 Pflops. Das bedeutet…“
„Schon gut, schon gut“, unterbrach ihn Larry schroff. „Ich nenne dich Simon. Einfach Simon.“
„Simon“, wiederholte die KI und machte sich eine Notiz. „Inwiefern hilft uns das? Mir fehlen nötige Informationen.“
„Wie nennt man das doch gleich? Ähm… Simon, sag: Hast du einen Funkspruch abgegeben? Ähm, … gesendet, meine ich?“
„Seit zwei Stunden wird in regelmäßigen Abständen gesendet.“
„Na, bitte. Reicht doch. Befinden wir uns in unmittelbarer Gefahr?“
Die KI reagiert, als würde sie von einem Blatt ablesen. „Ausfälle auf Ebene drei bis sieben sowie Lagereinheit 12-34. In der Hyperschlafsektion Beta 12 sammeln sich explosive Gase. Sofortige Evakuierung ist vonnöten. Mehrere Systemausfälle. Der Sendebetrieb ist stark eingeschränkt.“ Passend zu den Worten flammte ein neues Hologramm auf. Das riesige Schiff in seiner ganzen Breite und Effizienz. Viele Ausrufezeichen, die bedrohlich rot leuchteten, schufen in Larry ein Gefühl für eine neue Panikwelle. „Ich rate zur manueller Überbrückung durch einen Reparaturdienst“, wiederholte die mechanische Stimme, die klang wie etwas, das nichts zu verlieren hatte.
Stille.
Larry Meldwin fühlte sich wie jemand, der gerade von einem Preisboxer einen satten Schlag in den Unterleib bekommen hatte. Er keuchte, grunzte leise, sah die Farben verschwommen und taumelte. Eden-6 schien jetzt so weit weg wie eine angenehme Erinnerung aus früheren Tagen. Selbst die Erde mit all ihren Problemen erschien ihm verlockender als das metallische Gefängnis, auf das er sich befand. Im All. Weit draußen.
„Ich fühle mich nicht gut“, keuchte er leise, humpelte zum Mülleimer und ließ der Natur seinen Lauf. Saurer Mageninhalt kam ihm hoch. Die Welt schien ihn zu verhöhnen. Das war ein Witz, ein schlechter Scherz – und zwar auf seine Kosten. Ein neuer Gedanke brach sich Bahn: „Warten wir doch auf den Rettungsdienst…“ hustete er leise.
„Rettungsdienst? Mir fehlen nötige Informationen.“ Die KI betrachtete den Menschen sorgenvoll. Untypische Muster für einen Astronauten. Nun, jeder Mensch war anders, aber dennoch. Sie handelte gemäß ihres Protokolls. „Passagier A324, ID-Code vierzehndreizehn, …“
„Nenn mich Adrian.“
„Adrian, der Rettungsdienst wird nicht kommen. Aus offensichtlichen Gründen.“
„Was? Wir brauchen Hilfe! Fast vierhundert Menschen sind an Bord. Das sollte den Anzugträgern doch eine Rakete wert sein! Wozu bezahle ich Steuern!“ giftete er laut über die Schulter, während er noch immer den Mülleimer mit seinem Erbrochenem hielt.
„Adrian, wir sind zu weit draußen.“ Die KI scannte erneut. Der Stresspegel war weiter angestiegen. Sie war intelligent genug, um zu verstehen, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Alle Gleichungen führten zu demselben Ergebnis. Warum stimmte dann das Ergebnis nicht? Die Problemlösungssoftware arbeitete bei voller Leistung. Die Daten logen nicht. „Sie sind doch Passagier A324, ID-Code vierzehndreizehn, Adrian Purvis.“ Manuelle Abstimmung schien ratsam. Vielleicht wusste der Mensch Rat? „Purvis ist ein dänischer Astronaut und Geophysiker, der in der Zeit des Dritten Kalten Krieges als Kind der Generation Z zur Welt kam und mehrmals die Erde umkreiste. Er ist Vater von vier Kindern und hat viele wissenschaftliche Dissertationen über das Reisen im All verfasst.“ Die KI war sich sicher: „Sie sind Adrian Purvis.“
„Oh, scheiße.“
„Keine Scheiße. Notwendiges Prozedere. Bitte begeben Sie sich zur Ebene Drei.“
Larry Meldwin blickte weder vor noch zurück. Die Welt hatte sich als feindlich herausgestellt. Sein letzter Bluff war ein Rohrkrepierer. Ein absolutes Desaster. Liebend gerne hätte er die Zeit zurückdrehen wollen – selbst die Festnahme und Verurteilung durch die Justiz der Erde erschien ihm jetzt als verlockende Alternative.
Und das war das Problem.
Es gab keine Alternative. Er musste jetzt ein Astronaut sein. Ein Astronaut!
„Nee, lass mal.“ Er stand auf, wankte kurz und machte sich auf den Weg.
„Passagier A324, ID-Code vierzehndreizehn.“ Mit Sorge beobachtete die KI den vorgeschriebenen Weg zu dem Tatsächlichen. Der Mensch bewegte sich fort. „Adrian.“ Die KI schaltete andere Lautsprecher an, um ihn zu erreichen. Der Mensch verließ den Bereich und steuerte auf den Flur zu. „Sie gefährden das Leben der Menschen und die Erfüllung der Mission. Nennen Sie Gründe.“
„Ich fühle mich… nicht gut. Ich lege mich hin.“ Er winkte mürrisch ab. „Hör mal, Kumpel, warum weckst du nicht jemand anderen? Ich bin im Ruhestand!“
„Sie sind Astronaut im Ruhestand, nicht tot. Nach ihrer letzten Untersuchung zufolge können Sie den Dienst antreten“, echote die Stimme durch das Schiff.
Kurz vor dem Fahrstuhl blieb der Mensch stehen. Die KI versuchte es anders und materialisierte die genaue Passagierliste auf einem der Bildschirme, so dass er sie sehen konnte. Dabei hefteten sich die Augen auf die Bilder von Personen, die ausdruckslos vom Videoschirm auf ihn herunterstarrten. „An Bord sind zweihundertzehn Touristen, vierzig Feuchtfarmer, dreizehn Diplomaten, zwei Friseure, zwei Polizisten, einen IT-Spezialisten, einen Regisseur, eine Biologin, eine Mechatroniker, eine…“
Frauen.
Männer.
Kinder.
Sie alle hatten Namen, eine Geschichte und ein Ziel. Und ihr Schicksal lag noch immer in der Schwebe. Es waren so viele.
„Nimm eine von denen“, zischte er ungehalten. Seine Geduld war am Ende. „Mir egal! Ich bin raus!“
„Adrian, es bleiben nur Sie.“ Ein erneuter Versuch. „Begeben Sie sich zur Ebene drei.“
Das war der Punkt, an dem Larry anfing zu rennen.
Larry Meldwin legte die Finger aneinander und runzelte die Stirn. Seine Miene war so grau wie sein Jogginganzug. Kurzerhand schob er die Glasfront des Geschäfts auf und huschte ins dunkle Innere. Mit einem Einkaufswagen bewaffnet ging er durch die Regalreihen.
Thunfischkonservendosen, Toilettenpapier, Brot in Dosen, Aufschnitt, Süßigkeiten, Limonadendosen und Wasserflaschen. Sehr viele Wasserflaschen. Er brauchte einen zweiten Wagen. Die KI beobachtete ihn genau.
„Adrian, das Einkaufen im Beauty Free-Shop außerhalb der festgeschrieben Zeiten ist ohne die Anwesenheit des zuständigen Personals nicht gestattet.“
„Dann schau halt weg. Mach mir einen RF bereit. Soll gleich Richtung Eden-6 fliegen.“ Er hielt kurz inne, um eine besondere Flasche zu begutachten. „Chateau Lafitte-Rothschild. Vanille- und leichte Tabaknote. Das ist mein Lieblingswein.“
Magazine. Sehr viele Magazine. Haus und Boot, Garten und Haus, Video und Games, und einige anzügliche Zeitschriften mit nackten Tatsachen.
„Sie beabsichtigen das Schiff zu verlassen. Das kann ich nicht gut heißen.“ Die ruhige Stimme war emotionslos, aber voller Ausdruck bürokratischer Missbilligung. Gegen jene kühle und sachliche Logik kam Larry nicht an, und er versuchte es nicht einmal. Wozu auch?
„Mir doch egal…“ Er versuchte es mit Trotz. Wie ein kleines Kind, das nicht verstand, dass die Eltern einfach nicht die finanziellen Möglichkeiten hatten, den Weihnachtsmann zu kaufen. Nicht nur, weil auch andere Kinder ein Anrecht auf den Geschenkebringer besaßen…
Mittlerweile starrte er auf zwei vollgestopfte Einkaufswagen mit einem Gesamtwert von über eintausend Credits und fragte sich, was er hier eigentlich machte. Zuviel, um es zu tragen. Und zu wenig, um zu existieren.
Langsam leerte sich sein Inventar an haltbaren Plänen.
„Sie verstoßen gegen Paragraph…“
„Jetzt hör mal zu, du Taschenrechner. Ich sollte eigentlich jetzt auf Eden-6 sein und die Sonne auf meiner Veranda genießen. Stattdessen bin ich hier! Mit dir!“ fauchte er ungehalten und suchte die nächste Kamera an der Decke, die er anfunkeln konnte. „Wie lange braucht man mit einem RF?“
„Nach Eden-6 wären es zehn Monate, vierzehn Tage, drei Stunden.“ Die KI betrachtete das Stirnrunzeln im Gesicht des Mannes und fügte schnell hinzu: „Ohne Hyperschlafkammer.“
Larry nahm die Zahlen, analysierte sie und betrachtete sie von allen Seiten. Wie konnte er die KI überzeugen? Gar nicht. Die Maschine war daran gewöhnt sich mit der Realität zu befassen. Larry hingegen lebte von den Träumen anderer Menschen. „Dann steck mich wieder in eine Kammer ein und schick mich mit der Rohrpost dorthin“, murmelte er leise. Er starrte in die ausdruckslose Kamera über sich. Das war keine intellektuelle Runde, es war ein Leichenschmaus. Die KI war nicht hier, um Larry Hoffnung zu machen, sondern sie erwartete eine Sache von ihm. Diskutieren brachte ihm nichts ein.
„Adrian, Sie benehmen sich nicht konform. Ich brauche Ihre Hilfe.“
„Du kannst mich mal!“ Sein Wutausbruch war nicht gespielt. Das Verlangte war zu absurd, die Anforderungen zu hoch. Sicher, mit einer Woche Vorbereitung konnte er jeden beliebigen Typen an einer Witwen-und-Waisen-Veranstaltung für einige Stunden korrekt darstellen. Er hatte es schon mal getan, allerdings war er damals ein reicher Ölmagnat aus Texas gewesen um eine Milliardärin um den Finger zu wickeln. Aber richtig als Astronaut aktiv sein? Wie lange dauerte eine Ausbildung? Was mussten Astronauten können?
„Musst du nicht tun, was ich dir sage?“ schnappte er über.
„Muss ich das, Passagier A324, ID-Code vierzehndreizehn? Nur der Befehlshabende…“
„Wecke jemand anderen auf!“ begann er von Neuem und diesmal bettelte er: „Hör zu, sei eine liebe gute KI und verschaff mir ein RF mit einer Hyperschlafkammer. Programmiere sie und schicke sie mit mir los. Mehr will ich gar nicht. Und dann wecke zwei oder drei Leute auf, die sich liebend gerne für die anderen umbringen lassen.“
„Das geht nicht.“
„Ich weiß, laut Paragraph…“
„Der Sauerstoffanteil.“
„Wie bitte...?“
„Sauerstoff. Das Konzept der Versorgung unterliegt gewissen Parametern. Es kann niemand mehr aufgeweckt werden.“
Larry sackte in sich zusammen. Er blickte auf eine verspiegelte Fläche und sah einen grauen, kleinen Mann mit tiefen Augen, dem Tod geweiht. „Oh.“
„Ich brauche ihre Hilfe, Adrian Purvis.“
Larry erkannte die Hoffnung. Mit ihr hatte er seinen Lebensunterhalt verdient. Man wusste, dass der Mann mit den drei Karten gewinnen würde, man wusste, dass Leute in Not kein Auto oder Grundstück im Bruchteil seines Wertes verkauften, man wusste, dass man im Leben meistens nur eine Ahnung von Glück und Reichtum erhaschen konnte und man wusste, dass bei Millionen von Lottospielern nicht derjenige sein konnte, der bei einem Spiel auf Anhieb den Hauptgewinn zog. Das war unmöglich.
Und doch… vielleicht irrte man sich. Dieses eine Mal. Vielleicht passierte es doch.
Und dies war das größte Geschenk: die Hoffnung. Sie bewirkte, dass man blieb und Larry zuhörte, wie er vom baldigen Reichtum schwärmte und ihm etwas überschrieb. Man wurde reicher durch Hoffnung…und eine Enttäuschung.
Larry hatte stets auf dieses Konzept gebaut. Jetzt war er selbst dran.
„Gut. Ebene drei, sagst du?“
Im Inneren des Schiffes war es dunkel und still wie in einem Grab. Dieser Teil des Schiffes war nicht dazu gedacht, dass Passagiere durch die Flure auf der Suche nach Zerstreuung waren, also verzichteten die Erbauer auf teures, helles Design. Larry wischte probeweise mit dem Finger über eine Kante. „Putzt hier niemand?“
Die KI würdigte dieser Frage keine Antwort. Auf der anderen Seite des Ganges leuchtete eine Lampe über einen Spint auf. „Tragen Sie den Anzug.“
„Was ist das?“ Larry tat, wie ihm geheißen und hob einen grauen Overall von einer Stange.
„Ein gasdichter Schutzanzug mit Helmmikrofon.“
„Warum?“
Die KI betrachtete die Frage von allen Seiten, als wäre sie ein jahrhundertealtes Rätsel. Nach einer Weile antwortete sie gemäß Protokoll: „Ab einer Höhe von 12.000 Meter reicht die Atmung von reinem Sauerstoff nicht mehr aus, um den für die Sauerstoffsättigung des Blutes benötigten Sauerstoff-Partialdruck zu erreichen. Sie brauchen den Anzug, in deren Inneren ein Überdruck herrscht. Dieser Überdruck ermöglicht es dem Träger, Sauerstoff in ausreichender Menge zu atmen. Dieser Anzug ist Standard, Purvis.“
Schweigend zog er den schweren Anzug an. In der letzten Bemerkung der KI schwank eine Art Verdacht mit, die Larry aufhorchen ließ. Er musste sich zusammenreißen, um keinen Verdacht zu erwecken. War es möglich, dass die KI ihm schaden konnte, sobald sie erfuhr, dass Larry nicht Purvis war? Was geschah mit blinden Passagieren hier?
„Die Anzugsdioden übertragen Lebensfunktion. Ich registriere beunruhigende Werte.“
„Tatsächlich?“
„Ja. Ich erkenne das Problem, Passagier A324, ID-Code vierzehndreizehn“, verkündete die KI.
Larry hielt kurz den Atem an. Sie sind nicht Adrian Purvis. Sie sind kein Astronaut.
„Der Hyperschlaf kann in 21,5% aller Fälle zu einer kurzzeitigen Desorientierung führen. Es wäre ratsam, Ihnen eine Woche Erholungspause zu verordnen.“ Die KI schien enttäuscht. „Unter diesen Umständen wäre es fahrlässig, Sie um Ihre Mitarbeit zu bitten.“
Larry hätte am liebsten breit gegrinst. Gott sei Dank war es vorbei.
„Ich kann Sie nicht zwingen. Leider fehlt uns die Zeit. Fahren wir also fort…“
Larry stöhnte leise auf.
„Ich bräuchte aber eine helfende Hand, Simon. Du solltest mir dabei helfen.“ Er tippte an sein Ohr. „Einfach nur als Souffleuse.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Keine große Sache.“
„Verstanden. Setzen Sie die Helmkamera auf. Wir beginnen.“
Ein Schiff besteht nicht nur aus dem glänzenden, sauberen Bereich der Touristenklasse.
Larry wanderte durch die dunklen Eingeweide des Schiffes, wo es laut und weniger schön war: tiefe, dumpfe Schläge, hallendes Knirschen, das Zischen der Luft, die durch Ventilatoren und Lüftungsklappen geleitet wurde, das gelegentliche Knarren des gewaltigen Schiffskörpers. Hin und wieder glaubte er schwere, schleppende Schritte zu hören, bis er verstand, dass es das Echo seiner eigenen waren. Das Mutterschiff war so riesig, dass er eine halbe Stunde brauchte, um von der Krankenstation zu seinem Ziel zu gelangen. Larry hatte sich noch nie für Technik oder Ingenieurskunst interessiert – und heute würde er bestimmt nicht damit anfangen. Für ihn war das alles hier nur ein dunkler Gang mit ziemlich vielen Rohren.
Der Plan war einfach. Die KI hatte berechnet, dass das Schiff in dem jetzigen Zustand nicht weiterreisen konnte, also mussten die dringlichsten Probleme von Hand gelöst werden: um ein Notsignal zu senden, brauchte es zusätzlichen Strom. Um den Strom herzustellen, musste man die manuellen Komponenten von Hand in den KJS Generator einsetzen. Im Security Checkpoint würden die Wartungsroboter sich um die Schäden kümmern, zumindest notdürftig. Dazwischen galt es die Reparaturroboter im Spire anzuschalten, einen kleinen Spaziergang im Weltall zu absolvieren, etwas Müll aus den Schächten entsorgen, Türen aufschweißen und möglichst nicht draufgehen – wie Simon explizit darauf einging, bedurfte es einen wahren Experten, um diese Tortour gefahrlos zu überstehen. Einen wahren Astronauten.
So wie Adrian Purvis.
Larry Meldwin wurde schlecht bei diesen Aussichten. Er berührte einen Schalter. Ein Schutzschild schob sich zur Seite und legte drei darunter verborgene Knöpfe frei, die er in der richtigen Reihenfolge drückte. Ein Pfeifen ertönte, und die Türe schob sich zur Seite. An den Wänden hingen sechs Vakuumanzüge. Sie waren unförmig und schwerfällig, aber für diesen Ausflug absolut notwendig. Auf Ebene Drei war die Außenwand beschädigt worden, was bedeutete, es gab weder Sauerstoff noch Schwerkraft oder eine wohltemperierte Umgebung. Das All hatte nichts übrig für Kohlenstoffeinheiten. Larry setzte den Helm auf und wartete, bis der Innendruck hergestellt wurde.
„Und wegen des Signals sind wir uns sicher?“
„Alle Kanäle sind tot“, antwortete Simon sachlich. „Seit Eintritt des Ereignisses habe ich ein Standardprüfsignal gesendet und tue es immer noch, während wir reden. Ich empfange nicht einmal eine Trägerwelle im Hintergrund.“
„Tja, das ist eben Kacke.“ Vor ihm erstreckte sich ein langer Gang, in Dunkelheit gehüllt, und hinter einer massiven Tür würde sich Ebene Drei befinden. Wie ein Körper bei kaltem Wetter hatte die KI-Energie von seinen Extremitäten zurückgezogen, um etwas ganz Wichtiges tief im Innern zu schützen. Im schweren Anzug machte sich Larry schließlich auf dem Weg. Nach fünf Minuten begann er schon zu keuchen.
Probeweise rüttelte er an der Tür. Hinter dem Sichtfenster hatten sich Eiskristalle an dem Plexiglas gebildet und dahinter wartete luftleerer Raum auf ihn. Larry trat beiseite und zeigte auf die Tür. „Versperrt.“
„Das Sensormodul ist ausgefallen“, kommentierte die KI leise. „Verschaffen Sie sich Zugang.“
„Und wie, bitte schön?“
„Benutzen Sie den Schneidbrenner an Ihrem Gürtel.“
Larry blickte nach unten und erkannte eine Miniaturausgabe eines Schneidbrenners. Probeweise nahm er sie mit seinen klobigen Händen in die Hand und drückte den Auslöser, als er damit auf das Schloss zielte. Eine bläuliche Flamme schoss hervor. Er machte kurzen Prozess.
Zischend entwich die Restluft um ihn herum und zog ihn auf das Loch zu, während der Innendruck des Ganges sich nach draußen verabschiedete. Der Sog ließ ihn stürzen, war aber zum Glück schnell vorbei. Taumelnd und stolpernd trat er ins Dunkle vor.
Ebene Drei war das Hauptlager im unteren Rumpf des Schiffes und einzig und allein für den Tech Workshop bestimmt. Es gab keine Innenbeleuchtung, kein Lebenszeichen, sondern nur einige wenige Wrackteile, die in der Schwerelosigkeit vor sich hin taumelten. Larry fühlte die Kälte in den Anzug greifend und der Temperaturregler hatte alle Hände voll zu tun, um den menschlichen Wirt nicht gefrieren zu lassen. Da der Raumanzug einige Nummern zu groß für ihn war, spürte er in seinem Nacken die Heizstellen, wie sie fast seine Nackenhaare versengten, während seine Beine merklich kühler wurden. Er wich vor dem dunklen Fußboden zurück. Weit in der Ferne sah er einige Lichter und hielt automatisch darauf zu – keuchend, schwitzend und frierend zugleich.
Das Loch im Schiffsrumpf war nicht groß, aber es zeigte die ungastliche Welt rund um das Schiff: das kalte Vakuum einer schwerelosen Welt, die kein Leben duldete. Schwärze. Wenige Sterne. Sonst nichts. Die Unendlichkeit.
Hier waren Sonnen nichts weiter als Sandkörner und ein weißer Zwerg nicht mal eine Beachtung wert. Selbst ein riesiges Schiff war fast zu winzig, um in der riesigen Leere existieren zu können. Es schwebte durch die Leere wie ein freies Elektron, das aus seiner atomaren Laufbahn ausgebrochen war. Und ein einzelner Mensch wie Larry Meldwin starrte wie gebahnt aus diesem Elektron…
Wenn er zu lange darüber nachdachte, hatte er Angst zu explodieren – Zelle für Zelle, Molekül für Molekül auseinandergerissen und im Kosmos, aus dem er einst gekommen war, verteilt zu werden.
Larry schluckte trocken und wandte sich schließlich ab. Diesmal würde es keine Diskussionen geben, kein höfliches Geben und Nehmen. Er würde hier sterben, wenn er nicht richtig arbeitete, darüber war er sich im Klaren.
Keuchend wandte er sich der anderen Dunkelheit im Schiffsinneren zu. Wenn er sich jedoch anstrengte, hatte er vielleicht eine Chance, konnte es schaffen, trotz allem, was so schrecklich danebengegangen war. Er konnte sich zurück auf die Erde schleichen, sich von unangenehmen Fragen entfernen und auf Umwegen nach Eden-6 gelangen. Wenn man ihn ließ…
„Jason“, keuchte er leise, „wenn ich dich nochmal treffen sollte, dann verpass ich dir einen Arschtritt, den du nie vergessen wirst!“ Wahrscheinlich saß der kleine Krämer gerade in seiner Bude und trank gemütlich einen Kaffee. Möge sich der Fettwanst an jedem einzelnen Schluck verschlucken!
„Um die Stromversorgung herzustellen“, begann Simon wie aus weiter Ferne zu Reden an, „müssen Sie die erforderlichen Komponente einsetzen. Die befinden sich im Büro des Sicherheitschefs.“
Dunkelheit um ihn herum. Nur die wenigen Sterne, die wie Nadelstiche im Mantel der Nacht leuchteten.
„Kumpel, ich sehe nichts“, maulte Larry.
„Gehen Sie weiter. Zehn Meter entfernt, weiter nach rechts…“
Die Tür war nicht zu übersehen. Um ihn herum bewegten sich Schrotteile wie in einem unsichtbaren Tanz um sich selbst, losgelöst von der Schwerkraft. Seine Finger griffen nach dem Türriegel und erstarrten, ohne das Metall zu berühren. Was würde er dort vorfinden?
Schließlich drehte sich der Riegel ohne Probleme. Fast gelähmt vor Angst stolperte er vorwärts.
Das Büro war nicht mal zwanzig Quadratmeter groß. Mehrere Schränke mit Schlössern versehen, dazu ein Schreibtisch mit Computer und einer Hyperschlafkammer.
„Ich schalte Ihre Helmleuchte an“, kommentierte Simon leise. „Sie brauchen Licht…“
„Hättest du das nicht eher machen können?“ zischte Larry ungehalten.
„Der Knopf befindet sich an Ihrer Armbedienung rechts.“, verteidigte sich die KI sachlich. „Das sollten Sie eigentlich wissen als…“
„…als Astronaut, schon klar“, ätzte Larry und ballte zornig die Fäuste, während sich mit einem leisen Geräusch die leistungsstarken Lampen im Helm anstrengten, das Dunkel um ihn zu vertreiben. „Weißt du, es ginge merklich schneller…Aaargh!“
Gelähmt vor Schreck stolperte er rückwärts, als das Licht die Hyperschlafkammer erreichte. Das Glas war zersplittert und in einem tödlichen Krampf für die Ewigkeit eingefroren, starrten ihn die kalte Augen eines Menschen an. Die Sehnen am Hals waren angespannt, um den Mund hatten sich Blutkristalle gebildet und die Finger griffen wie unheilvolle Klauen ins Nichts. Der Sicherheitschef hatte keine Chance gehabt.
Larry war zutiefst schockiert und starrte auf die erste Leiche seines Lebens. „Oh, Mann. Er ist tot, Simon!“
„Wir sollten uns beeilen“, bemerkte die KI ungeduldig. „Der Sauerstoff reicht für zehn Minuten aus, Adrian Purvis.“
„Halt die Klappe.“ Es war nicht Furcht, die in Larrys Stimme mitklang… um ihn herum gab es nichts zu fürchten … aber doch so etwas wie Besorgnis. „Da…da liegt ein Toter!“
„Ein toter Mensch“, verbesserte die KI und mit fast kindlicher Neugier fragte sie: „Wie lautet die ID?“
„Scheiße.“
„Warum fluchen Sie ständig“, fragte die KI. „Haben Sie Schmerzen oder leiden Sie große Not? Sollen wir abbrechen?“
„Wenn du wüsstest, Kumpel“, zischte er leise und beugte sich vor. „Ich lese seine ID auf seinem Arbeitsanzug. Boss, F. Zweiundzwanzigeins.“
„Der zuständige Sicherheitschef Franklin Boss“, meinte die KI seelenruhig. „Er wäre meine erste Wahl gewesen. Seine Kammer ist beschädigt, nehme ich an? Bitte bestätigen Sie.“
„Bestätige zurück“, ächzte Larry und schaute sich langsam im Büro um. „Sollen wir ihn hier liegen lassen? Soll ich etwas mit der Leiche machen?“
„Bitte?“
„Er ist tot, gottverdammt! Zeig mal etwas Anteilnahme“, herrschte Larry die KI an. Die Situation machte ihn fertig. Der Tod hatte den armen Mann im Schlaf ereilt. Egal, wie gesund er sich vorher vielleicht verhalten hatte – gegen einen plötzlichen Druckabfall hatte er nichts ausrichten können.
Die KI erkannte, dass sie es vorzog, wenn sein einzig aktiver Gast still war. „Purvis, dieser Mensch ist tot. Ich kann weder sehen noch erkennen, wo Sie sind. Die Kameras sind in diesem Teil des Schiffs ausgefallen. Ich schlussfolgere, dass dieser Mann Opfer eines bedauerlichen Unfalls geworden ist. Konzentrieren Sie sich.“
Larry seufzte ergeben. Es ließ sich nicht ändern. „Gut, wo sind jetzt die Komponenten?“
Er musste nicht lange suchen. Hinter einem stabil wirkenden Schrank warteten die Komponente – laut Aufdruck des Schrankes, das mit einem Sicherheitsschloss versehen war. Und mit einem Passwort entriegelt werden konnte.
„Gut, wir brauchen also ein Passwort. Simon, wie lautet das Passwort?“ Larry verschränkte die Arme, und es gelang ihm, einen Mann darzustellen, der es überhaupt nicht eilig hatte. „Nenne das Passwort!“
„Syntax Error. Daten nicht vorhanden.“
„Bitte?“
„Keinerlei Aufzeichnungen.“
„Das ist ja ganz prima.“ Missmutig warf Larry die Arme in die Höhe – eine sinnlose Geste, die seine Hilflosigkeit zum Ausdruck brachte. „Und was soll ich jetzt tun? Ihn danach fragen fällt wohl weg.“
Die KI hätte wohl die Brauen gerunzelt, wenn sie welche gehabt hätte. „Natürlich nicht. Er ist tot, sagten Sie.“
„Ich weiß, dass er tot ist. Ich bin in einem Raum mit einer gefrorenen Leiche.“
„Ich weiß, dass Sie dort sind“, meinte die KI sachlich. „Schauen Sie nach Aufzeichnungen.“
Missmutig schaute sich Larry das Bedienfeld genau an. Angetrieben von einer externen Batterie war das Schloss autark und daher nicht vom Stromausfall betroffen – was ein Glück war. Larry brauchte keinen Schweißerschein, um festzustellen, dass er das Problem niemals mit seinem kleinen Schweißgerät lösen konnte. Seine Hände wischten die Eiskristalle vom Display.
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