Kitabı oku: «Die Begabten»

Yazı tipi:

Juryk Barelhaven

Die Begabten

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das hässliche Entlein

Ork und Elb

Die Frau mit dem Dutt

Hexentanz

Echter Fortschritt

Schöne, grässliche Stadt

Süße Verlockungen

Die Wende

Herr des Nichts

Alle losen Enden

Impressum neobooks

Das hässliche Entlein

STEPHAN LASSER

Windelsbleicher Straße 253

33659 Bielefeld

015161712386

Lasser74@web.de

Für die einzige Hexe in Mooswald mangelte es nie an Verbänden, die gewechselt werden mussten, oder werdenden Müttern die einen Rat benötigten. Hexen leisteten Geburtshilfe, und wenn die Hexe mit ihrem spitzen Hut und ihrem Korb eintraf, kamen plötzlich rein zufällig andere Leute zu Besuch und bestaunten aus sicherer Entfernung die Arbeit der Frau. Jeder gab, soviel er konnte: ein frisch gebackenes Laib Brot, ein Gurkenglas, ein selbstgestrickter Schal vielleicht… das war die Währung, die Hexen bevorzugte. Nur drei Frauen in der Stadt waren so arm, dass sie wirklich nichts geben konnten, aber das hinderten Hexen nicht zu helfen. Hexen nahmen ihren Beruf sehr ernst.

An den meisten Tagen standen Besuche bei den Alten im Dorf an, dort wo die ausgemergelten Körper nach alten Kartoffeln rochen, die Haut papierdünn und gelblich war und die Kraft eines jungen Menschen wie seltener Wein hochgeschätzt wurde. Bei den Alten fühlte sich die Hexe wohl: beim Waschen, Essenreichen und Rasieren tauschte man Tratsch aus und erfuhr so alles Wissenswerte.

Von der Seite kam ein junges Mädchen daher, passte sie ab und erkundigte sich, warum Hexen Alten und Bedürftigen die Haare schneiden und eine warme Mahlzeit gaben.

„Wir tun, was getan werden muss. Wer sollte es sonst tun?“

„Könntest du ihnen nicht mit Magie helfen?“, fragte das dürre Mädchen.

„Ich benutze Kräuter aus dem Wald. Es ist Magie, wenn man über Dinge Bescheid weiß, die andere Menschen nicht kennen“, sagte die Hexe und schickte sich an, weiterzugehen.

„Der alte Schuster kann nicht mehr ohne seinen Stock gehen und hat drei Söhne. Sie könnten sich kümmern. Ist das fair?“

Die alte Weise hatte kurz innegehalten und sich das Mädchen genauer angeschaut: eine viel zu lange Nase und den Anzeichen eines Buckels, der später gewiss gewaltig werden dürfte, schätzte die Hexe. Dann strähnige, pechschwarze Haare, die schief über das rechte Gesicht hingen als könnte sie problemlos mit nur einem Auge schauen. Schmale Schultern, zerschlissenes Kleid und rote Striemen auf den Handrücken. „Du bist die Tochter des Wirts, oder? Du bist Sonia“, schlussfolgerte sie und versuchte nicht zu sehr auf die Striemen zu starren. „Ich habe den „Grauen Frosch“ nie gemocht. Zuwenig Fleisch in der Suppe. Das Bier ist schal.“ Eine freundliche Untertreibung. Jedermann kannte die Taverne am Stadtrand vom Mooswald. Nicht nur das Bier war dort schlecht. „Er ist dein Onkel, oder? Soll ich mal mit ihm reden?“

Das Mädchen verkrampfte sich sofort und schüttelte den Kopf. „Nein, das kommt vom Spielen.“ Sie mied den Blick.

„Ja, ich hatte heute auch einen Holzfäller bei mir, der sich beim Spielen im Wald verletzt hatte“, bemerkte sie lakonisch.

„Das ist nicht nötig, es war meine Schuld, das geht schon, keine Sorge…“

„Wenn du meinst.“ Die Hexe spürte wie ihre Laune sich verfinsterte. Das arme Ding hatte etwas Besseres verdient. „Sag, kannst du nicht woanders leben?“

Sofort leuchteten die Augen auf: „Ich… ich hatte gehofft, verehrte Madame, ich könnte als Hexe…“ Sie sprach nicht weiter und errötete leicht. „Ich kann gut aufräumen. Ach, lesen kann ich auch. Und Rechnen.“ In ihren Sätzen schwang so viel Hoffnung mit, dass es der Frau leidtat, dieser Bitte nicht zu entsprechen.

„Ich selbst bilde nicht aus, Kind.“ Sie kniete sich hin, missachtete den kurzen Stich in ihrer Hüfte und versuchte mitfühlend zu klingen. „Zum Herbst im Monat des Dachses könntest du die Oberhexe im Buckelwald um einen Platz bitten. Das verstehst du doch, oder?“

Hoch im nördlichen Osten lag das einzige Dorf der Hexen; eines der ersten unabhängigen Völker, das dem Menschenreich beigetreten war. Tatsächlich war die Kultur der Hexen aber viel älter. Weit entfernt von neugierigen Augen und gierigen Händen lehrten die weisesten Hexen die jungen Frauen in den Künsten der Kräuterkunde und der Pflege von Alten und Schwachen. Wohl dem, der sich ihrer Gunst erfreut und hier lernen durfte! In einer hierarchischen Gesellschaftsordnung, die auf der mit Studien verbrachten Zeit und dem persönlichen Fortschritt auf dem Weg zur ultimativen Meisterschaft begründet war.

Die kleinen Schultern sackten noch mehr in sich zusammen. Man musste kein Prophet sein, um zu erahnen, was das für die Kleine bedeutete. Ein Jahr für sie war kein Jahr wie für Erwachsene – es war ein ganzer Sommer und ein ganzer Winter als Kind in der Taverne ihres Onkels. Schlimme Kunde brachten Tränen.

Die Alte nahm sie sanft in den Arm und wünschte sich, sie könne helfen. Ausnahmen wurden selten erteilt und auch nicht gerne von den Hexen gesehen. Wo sollte sie schlafen? Wer wollte schon sein Essen mit ihr teilen? Hexen waren nicht knauserig, aber reich waren sie auch nicht. Eine ungerechte Welt war das. Sie nahm eins ihrer bunten Taschentücher und wischte damit über ihre Augen. „Na, so ein nettes kleines Mädchen muss doch tapfer bleiben, oder?“ Nett gemeinte Worte, die nicht viel halfen. „Ich könnte einen Boten zur Oberhexe schicken und sie um Rat fragen. Du hast mein Wort.“

Sonia wischte sich mit dem Ärmel über die Nase und trat einen Schritt zurück. Lächelte traurig und nickte. Enttäuschung schien sie gewohnt. Dann drehte sie sich um und trottete davon. „Danke“, hauchte sie leise und schniefte dabei, dass es einem das Herz erweichen konnte. Hinkend schlurfte das kleine Elend von dannen und war bald verschwunden, während die Hexe ihr mit bitteren Gedanken nachsah.

Sobald war sie ihrer Arbeit nachgegangen. Als junge Hexe, so erinnerte sie sich, hatte sie anfangs davon geträumt mit Zauberstab und reichlich Magie jeden Tag Wunder zu wirken, und hatte schnell einsehen müssen, dass die Tätigkeit von Hexen große Ähnlichkeit mit harter Arbeit hatte. Sie benutzte immer seltener ihren Besen und hatte nach einer langen Einarbeitungszeit festgestellt, dass auch ohne Magie ihre Speisekammer gut gefüllt war und die Leute zufrieden waren.

Nach ihrem Besuch bei den Alten schaute sie kurz beim Blechschmied vorbei, dessen Baby an einem Hautausschlag litt und gab der Mutter einen Topf mit Salbe. Dann zum Besenbinder, dessen Frau ihr elftes Kind geboren hatte und danach zum Dorfschulzen, der über schlechte Zähne jammerte. Es gab immer viel zu tun, und manchmal hatte sie das Gefühl, dass ihre Arbeit niemals endete. Schließlich machte sie am späten Nachmittag Rast unter einer Ulme und aß eine Kleinigkeit. So ging es mit ihrem Tagesablauf weiter, bis es Abend war. Als sie zuhause auf dem Buckelhügel war, hatte sie das kleine Mädchen bereits vergessen.

Sonia mühte sich mit einem Eimer voller Kohlenstücke über den Weg zurück nach Hause. Gerne hätte sie mit den anderen Kindern in Mooswald gespielt, doch Kinder können grausam sein: wegen ihrer Verwandtschaft, ihrem bemitleidenswerten Aussehen und etlichen anderen Gründen wollte keins der Kinder mit ihr spielen. Also beließ sie es bei einfachen Tagträumen und nutzte die Zeit, um in ihrer Fantasie alles zu tun, was man eben tun konnte. Leider reichte die Zeit kaum aus, und ihr zuhause war kein Ort für Familien.

Die Taverne „Grauer Frosch“ lag an einer Kurve der aufgeweichten Straße zu Mooswald, an einem Berghang gedrückt und zum Buchenwald hin offen. Es war ein ausgedehntes, baufälliges Gebäude, über dessen Hof zwei Brüstungen verliefen. Das strohgedeckte Dach hing schimmelnd und faulig durch. Rohes Gebrüll und Gelächter drangen aus der Gaststube im ersten Stock. Tische fielen krachend um. Fiedeln und Dudelsäcke gaben eine schiefe Melodie von sich. Unten im Stall stampften die angebundenen Maulesel und Pferde und zitterten in der Kälte.

Sonia überlief auch ein Zittern. Das war ein Nest voller Halsabschneider und Räubergesindel, kein Ort für tugendhafte Menschen – schon gar nicht für Kinder. Aber sie benötigte ein Dach unter dem Kopf und Nahrung. Ihr Onkel und ihre Tante trugen die Verantwortung für sie.

Sonia nahm einen tiefen Atemzug und stapfte mit dem schweren Kohleneimer auf das Gasthaus zu. Sie ging durch den Schlamm im Hof, die Treppe hinauf in die große Gaststube hinein. Drinnen war es heiß, laut und unglaublich stickig. Kerzenstummel flackerten in rohen Haltern. Schwankende Flegel und Trunkenbolde stießen klirrend mit ihren Krügen an, maßen sich im Armdrücken und tanzten auf den Tischen. Bewaffnete Männer und Frauen, die misstrauisch nach allen Seiten schauend ihr grobes Brot kauten und aus irdenen Bechern Bier tranken. Sonia drückte sich an die Wand, hielt sich in den Schatten und steuert auf die Küche zu. Sie versuchte, sich so unauffällig wie möglich zu bewegen, aber sie war noch nicht weit gekommen, als sie ein betrunkener Halsabschneider erspähte.

„Was ist denn das? Ein Troll, bei den Göttern! Ein Wicht!“

Ein anderer stieß ein rohes Gelächter aus und trommelte mit der Gabel auf den Tisch. „Gerade im richtigen Augenblick! Wir brauchen Fleisch!“

„Spießt sie auf!“, brüllte ein anderer und warf mit dem Dolch auf Sonia. „Schmeißt sie auf die Kohlen!“

Sonia duckte sich und huschte zwischen den Beinen und unter den Tischen und Stühlen hindurch. Die drei ließen sie unter Gelächter laufen und stürzten ihr Bier hinunter. Sie spürte, wie sie wieder anfing zu weinen und versuchte ihr eigenes pochendes Herz zu beruhigen. Ein Stiefel traf sie und sie landete in einer Ecke. Der Eimer mit den Kohlen fiel um.

„Steh auf!“, drang die Stimme ihres Onkels in ihr Ohr. „Du bist spät. Feg die Kohlen auf, und ab in die Küche!“

Llug wog seine wuchtigen Schultern und strafte sie mit Missachtung. Schwarzes Haar hing ihm über Augen und Ohren. Ein dichter Bart streifte seine Schürze, die vor Fett und Schmutz stand. Er knurrte noch einmal und stapfte wieder zurück an den Tresen, um weiter Bier auszuschenken.

Sonia hielt sich die schmerzende Stelle und tat, wie ihr geheißen wurde. Als sie fertig war, schob sie den Kohleneimer neben dem Kamin, in dem ein prasselndes Feuer brannte und knackte. Sie genoss einen Moment die Hitze auf ihrer Haut, spürte ihre Tränen trocknen und lächelte langsam, als sich etwas Weiches und Flauschiges an ihrem Bein reibte.

Bei der Katze handelte es sich um einen Straßenkater, einen geschmeidigen Veteranen zahlreicher Raufereien und Revierkämpfe. Ihm fehlten ein Ohr, ein Auge, der Schwanz und zwei Krallen der rechten Vorderpfote. Er starrte Sonia mit dem gesunden Auge an und schnurrte leicht, als das Mädchen ihn sanft zu kraulen anfing.

„Du solltest gehen“, hauchte sie leise zu ihm. „Du bist frei – nicht so wie ich.“ Das war die Wahrheit, und der Kater schien zu verstehen. Er blickte sie aufmerksam an, drehte sich plötzlich um und verschwand in der Menge. Als jemand die Tür kurz aufmachte, bemerkte sie einen gelben Fleck. Der Kater hatte richtig entschieden und wusste, was gut für ihn war.

Wehmütig blickte sie ihm nach und erinnerte sich sogleich an ihre Pflichten. Sonia schob sich in den Lärm und Trubel an den Leuten vorbei und begab sich in den hinteren Teil der Taverne. Im Kerzenlicht der Wirtsstube erkannte sie Männer- und Frauenkleider, die an den Haken an der Wand hingen. Neben einem alten Bett mit einer noch älteren, fleckigen Matratze aus Stroh kleideten sich zwei Gestalten in aller Eile an.

„Da steht ein Kind. Kaum größer als ein Floh!“, rief eine von ihnen und deutete auf Sonia. Die Stimme klang merkwürdig rau.

„Mach dir ihretwegen keine Sorgen“, sagte die andere Person. „Beeil dich lieber. Llug kommt gleich. Wenn Sonia weiß, was gut für sie ist, hält sie ihre kleine Schnauze.“ Die Frau schlüpfte hastig in Rock und Bluse, und versuchte gleichzeitig ihr verstrubbeltes Haar zu glätten. Olg war eine hochgewachsene Frau mit üppigen Brüsten und war vor langen Jahren einmal schön gewesen. Sie war Serviererin und Köchin in einer Person und nichts davon konnte sie gut. Blonde, hochtoupierte Haare, verschmierter Lippenstift und dunkle Augenringe – ganz zu schweigen von ihrem verlebten Körper. Zuviel Makeup, höchstens Eins sechzig groß und zwanzig Pfund Übergewicht. Dass das meiste davon vorne war, war der Grund, warum viele Männer auf sie standen. Einst hatte sie recht nett ausgesehen. Sie hatte in ihrem Dorf immer Verabredungen mit Jungen. Doch niemand hatte sie für besonders schlau gehalten. Da sie nicht mit genügend Grips gesegnet war, um die beständigen Niederschläge trivialer alltäglicher Enttäuschungen zu begreifen, war ihre natürliche Heiterkeit von einer bitteren Erkenntnis zerfressen worden, dass das Leben nicht besser werden würde, als es immer gewesen war – d.h. ziemlich enttäuschend. Über die Jahre hatte sie sich mit Männern eingelassen, die ihr schnelles Geld und Glück auf Erden versprochen hatten. Das Resultat ging einher mit ihrer aufkommenden Reizbarkeit, dem Dahinschmelzen ihres angenehmen Äußeren und dem Weichen des fröhlichen Lächelns zu einem Mund, der nun hart und brutal wirkte.

Der Mann neben ihr schnaufte und grapschte nach ihren Brüsten. Er grinste schief und Geifer lief ihm über das Gesicht. „Dein Mann ist ein Narr. Er glaubt, er gehört zu uns aber unser Hauptmann braucht nur die Taverne.“

„Ich gehöre zu euch, oder“, gurrte Olg und schenkte ihm einen Kuss.

„Wird sich zeigen“, mahnte der Mann und schenkte Sonia keine Beachtung, als er an ihr vorüberstapfte. Stolz wie ein Gockel, der seinem Tagwerk nachging.

Olg wandte sich nun Sonia zu. „So, hast dir aber ganz schön Zeit gelassen. Warst wieder träumen, wie? Oh, du kannst wirklich dankbar sein, dass wir dich aufgenommen haben.“

„Ich habe Kohlen mitgebracht.“

„Natürlich. Ich hatte es ja befohlen.“ Olg wankte noch leicht benebelt vom Liebesakt an ihr vorbei und verströmte dabei den Gestank der Paarung. „So, jetzt geh in die Küche und spül das Geschirr. Die Humpen spülen sich nicht von selbst.“

So verlief Sonias Tagwerk. Sie kletterte in der Küche auf einen Schemmel, schüttete Wasser aus einem Trog, der ihr viel zu schwer war, und wusch mit routinierter Bewegung das Geschirr, das kein Ende nehmen wollte. Humpen um Humpen, Löffel an denen noch Essenreste hingen, Teller die zum Teil zerbrochen waren und an denen man sich leicht schneiden konnte. Einmal, zum Abend hin, glitschte ihr ein Teller aus der Hand und zerschellte auf dem plattgetretenen Boden. Sie fuhr erschrocken auf und versuchte schnell das Missgeschick zu beseitigen.

Die Tür flog auf. Llug kam hereingestürmt und schob sein Kinn nach vorne. Seine geröteten Augen starrten Sonia an, als hätte sie einen unflätigen Spruch auf eine Tempelwand geschmiert. „Was zum Teufel geht hier vor!“ tobte der Wirt.

„Ich… war unachtsam“, flüsterte sie leise und duckte sich aus Reflex.

„Kann man wohl sagen, hässliche Kröte“, erwiderte ihr Onkel und war mit drei weiten Schritten bei ihr. Grob packte er sie am Arm und holte weit aus – als er plötzlich innehielt und nach vorne zum Eingang starrte.

Sonia hatte aus Angst aufgeschrien, die Tracht Prügel fürchtend, als sie eine Veränderung bemerkte und zu Llug schaute. Der Wirt blickte angestrengt nach vorne und ließ langsam von ihr ab. Etwas in seinem Gesicht wirkte hochkonzentriert, als müsse er komplizierte Gedankenspiele lösen. Dabei ließ er sie los und rauschte schnell an ihr vorbei nach vorne.

Sonia verstand nicht und vergaß das Malheur mit dem Teller, kletterte vom Schemmel und folgte ihm. Ihr Herz pochte noch vor Furcht, aber auf das was sie jetzt sah, war sie nicht vorbereitet.

Gäste waren angekommen.

Finster und groß standen zwei Soldaten mit verhärmten Gesichtern an dem Eingang und der Geruch von Schweiß und nassem Pferd wehte mit herein. Sie trugen Rüstungen aus rohem Leder, und das unverkennbare Zeichen von Mord und Krieg: geronnenes Blut an den Stiefeln und tiefe Scharten in der Rüstung. An der Seite baumelten lange Schwerter in rostige Scheiden, die rechte Hand ruhte locker auf dem Knauf. Doch das Schlimmste waren die Augen: tiefes Schwarz, stechend der Blick als wäre der Richter Ragnarök angekommen, um sein Urteil zu sprechen. Es waren raue, brutale Gesichter die anscheinend nie Freude empfunden hatten. Von den vielen Narben ganz zu schweigen. Sie waren nur zu zweit, aber jedem musste klar geworden sein, dass diese Männer den gedungenen Schurken bei Weitem überlegen waren.

Über dem Gasthaus hatte sich Schweigen gesenkt. Kein betrunkenes Geschrei und Gelächter mehr, kein lärmender Tumult. Nur schwere Stiefelschritte und die klare, harte Stimme einer der Fremden. „Stroh und Wasser für die Pferde. Ein Nachtlager und Wein, wenn ihr habt.“

Olg schob einen verdutzt dreinschauenden Llug zur Seite und riss weit die Augen auf. „Was wollt ihr hier?“ Sie presste den Handrücken an den Mund. „Wir sind ehrliche Leute!“

Normalerweise hätten die Schurken siegessicher dabei gelacht, sie kannten ihre eigene Schlechtigkeit besser als jeder Richter. Es lachte niemand. Die meisten starrten zu Boden und wirkten wie verändert. Sonia kletterte neugierig auf einen Stuhl neben dem Tresen, um etwas zu sehen. Was war da los?

Nach den Soldaten trat ein fürstlich gekleideter Mann ein. Er war ein sehr alter Mann – wahrscheinlich der älteste Mann, den Sonia je gesehen hatte – mit dichtem, weißem Haar, das ihm vorn ins Gesicht hing und Bartstoppeln, die nur an einigen Stellen aus seinem Gesicht ragten, sodass es aussah wie ein Flickenteppich. Ein feiner, mit Goldfäden durchwirkter Nerzmantel und die reichverzierten Ringe an seinen Fingern zeugten von Reichtum – von der prall gefüllten Geldbörse an seinem Gürtel ganz zu schweigen.

Llug trat vor und maß dem Fremden mit offensichtlicher Verachtung. Seine Rede war kühl und leidenschaftslos. „Wir haben nichts für Bittsteller. Nur zahlende Münzen. Keine Almosen.“

Der reiche Kaufmann maß ihn mit einem Blick, der aus den eisigen Flächen im Norden zu stammen schien. „Seh ich aus, als würde ich knausern“, hauchte er leise und seine Hand fischte einige Münzen aus seiner Manteltasche. „Gutes Essen und Bier für meine Wachen und für mich.“

Llug legte den Kopf schief. Langsam schien er zu verstehen, das zahlende Kundschaft gekommen war.

Stille.

Einer der Soldaten kam zwei Schritte nach vorne und maß Llug mit unverhohlener Abscheu, als wisse er um die Schlechtigkeit des gemeinen Banditen. „Gib mir ein Zimmer oder gib mir einen Grund“, grollte er tief und niemand bestritt, dass er es ernst meinte.

Die Tür hinter ihm knarrte leise in der Stille, als der Wind Anstalten machte sie ins Schloss fallen zu lassen. Einer nach dem anderen nahmen die Gelegenheit wahr und schlich wie ein geschlagener Hund nach draußen – in Sicherheit. Erst zwei, dann vier… dann versuchte jeder an den Fremden vorbeizukommen und alle wurden Erster.

Drei Banditen drängten Llug, der nicht aufhören konnte, den Fremden mit Blicken zu verschlingen, nach hinten. Zu viert verschwanden sie in der Wirtsstube und Sonia blickte hinterher. Einem drängenden Gefühl nach wandte sie sich um und eilte ihnen nach.

Der Hauptmann der Gauner, ein glatzköpfiger Mann mit Stiernacken und reichlich Narben nahm Llug ins Gespräch: „Das ist ein bekannter Kaufmann. Sehr vermögend, aber mit allen Wassern gewaschen. Rauh und zäh wie Katzenleder, sag ich. Gib ihm ein Zimmer“, raunte er und tippte mit seinem Finger auf Llugs Brust. „Gib ihm Mahl und Trank. Betäube seine Wache mit Rotfarnkraut.“

„Mit Rotfarnkraut?“ Llug hatte Mühe zu verstehen.

„Mit Rotfarnkraut. Es wächst im Wald, du Idiot. Sobald sie schlafen, gibst du uns ein Zeichen. Wir werden sie im Schlaf erdolchen. Saubere Messerarbeit, sage ich. Keine Risiken, sage ich.“

Llug hatte verstanden und grinste böse. Sonia zog erschrocken die Luft ein und wandte sich schnell ab, als einer der Männer in ihre Richtung schaute.

Gemeine Absichten gepaart mit Feigheit. Sonia konnte es nicht fassen, aber eigentlich war sie auch nicht überrascht. Ihr Onkel und ihre Tante buhlten schon lange um die Gunst des Hauptmanns.

Mittlerweile war die Taverne beinahe leer und der Kaufmann nebst Gefolge stand noch immer im Eingang und wartete. Llug stapfte schnell nach vorne und verbeugte sich umständlich. „Gut, wir haben ein Zimmer. Lammkeule, Erbsensuppe und Brot. Wein, so lieblich als wäre er von der Sonne selbst gekeltert.“ Er grinste unterwürfig und führte ihn zum nächsten Tisch. „Wir wollen keinen Ärger.“

Zu dritt bereiteten sie in aller Eile Essen zu, während der Gast wartete. Die Stimmung hatte sich verändert, fand Sonia. Llug hatte Olg kurz beiseite genommen und von dem Plan berichtet – aber auch von der Gefährlichkeit seiner Männer. Jetzt eilten beide schnell und fahrig hin und her, als ginge es um ihr Leben.

Sonia blickte zu Boden und eilte herbei, nur um am Ohr gezogen zu werden. Olg hatte eine Überraschung für sie. „Höre, Nichtsnutz“, grollte sie leise und zog das Kind schmerzhaft hinter sich her bis sie sicher war, nicht belauscht zu werden. „du gehst jetzt in den Wald und holst Rotfarnkraut. Eile dich, sonst setzt es Prügel.“

Sonia setzte kurz das Herz aus.

Den Buchenwald?

Niemand ging nachts raus in den Buchenwald. Sie verstand sofort, was die beiden vorhatten, aber ihr eigenes Schicksal wog in dieser Stunde schwerer.

Llug stapfte herbei und drückte ihr eine Laterne in die Hand. „Du bist noch immer hier? Hol es, ein ganzes Büschel, sage ich. Und wage nicht, ohne davon nach Hause zu kommen!“

„Wa..?“ Sie sah sich bedrängt von den bedrohlichen Verwandten, blickte wirr um sich, als wäre das ein schlechter Scherz. Ein übler Streich, um sie zu bestrafen. Selbst Banditen wussten besseres mit ihrem Leben anzufangen. „Es ist kalt und dunkel.“

„Scherrt mich nicht“, knurrte Llug ungehalten und holte aus, aber diesmal wurde er von Olg zurückgehalten. „Lass sie. Sie muss noch Laufen können.“

Als Sonia mit ihrer Laterne vor dem Buchenwald stand wurden ihr die Knie weich. Der Weg entfernte sich von der Taverne und verlief jetzt durch den dichten Wald. Entwurzelte Bäume und auf dem Weg verstreute Felsbrocken behinderten sie, oftmals musste das Kind darum lange, ermüdende Umwege in Kauf nehmen. Es war ein verhältnismäßig kleiner Wald, für geübte Förster und Waldläufer überschaubar doch wie jeder Wald hatte er tief unter seiner Buchenborke Geheimnisse, und diese deckte man nicht des Nachts auf.

Doch war das Gebiet, in das sie vordrang, entsetzlich. Ein toter Reiter und sein Pferd lehnten gemeinsam an einem Baum und ihre Knochen wurden von Schlingpflanzen gehalten. Sonia hielt sich die Hand vor dem Mund, um nicht laut loszuschreien und eilte schnell vorüber. Die Dunkelheit breitete ihren Mantel über den Wald aus und bald fühlte sich das Kind nicht nur allein, sondern auch verlassen und schutzlos.

Sämtliche Pflanzen waren durch Krankheiten verkrüppelt. Der Wald wuchs in seiner gewohnten Vielfalt und Fülle, erreichte aber nur einen Bruchteil der normalen Höhe. Buchen, die eigentlich viele Meter hoch sein sollten, waren nur um ein weniges größer als sie. Es gab keinen einladenden Unterschlupf in diesem Landstrich. Verderbnis und Tod vermischten sich so greifbar wie Rauch in diesem abscheulichen Teil und nach einer Weile war sie froh ihn verlassen zu können.

Ein Trupp berittener Barbaren war vor ihr um die Kurve gebogen. Sonia wusste, die Augen weit aufgerissen, zum ersten Mal, was es hieß, vor Schreck gelähmt zu sein. Sie wäre nicht einmal an die Steigbügel dieser schwarzen Pferde herangekommen. Ein einziger Hufschlag hätte sie zerschmettert, und ohne weiteres hätte sie von einem der Eisenhörner, die aus den Stirnplatten der Tiere hervorragten, aufgespießt werden können.

Sofort duckte sie sich, löschte die Flamme ihrer Lampe und kroch ins tiefe Gestrüpp. Zu allen Göttern betend, hoffte sie nicht entdeckt zu werden.

Doch der Trupp trappte nur langsam vorüber und schienen sie in dem Zwielicht des Tages nicht gemerkt zu haben. Gut für sie.

Viel schrecklicher als die Rösser waren die Barbaren in ihrer geschlossenen Formation. Gewaltige, muskelbepackte Kerle in klirrenden Rüstungen, mit wilden Frisuren und weiten Umhängen, die sich aufbauschten wie Fledermausflügel. Tätowierte Riesen mit Keulen und Streitäxten. Netze und Dornenketten schaukelten an ihren Sattel. Der größte von ihnen, dessen Gesicht von einem riesigen Skelettkopf als Helm bedeckt war, bedeutete zu halten. Als der Trupp direkt neben Sonia zum Stehen kam, drückte sie ihr Gesicht krampfhaft in die Erde.

„Wir haben dich schon gesucht!“

Sonias Herz pochte wie ein Schmiedehammer, kalter Schweiß breitete sich auf ihrem Rücken aus und jede Sekunde rechnete sie damit von groben Händen hochgezogen und gefangengenommen zu werden. Was würde man mit ihr anstellen? Flucht war sinnlos.

„Ich verfolge ein Kind mit einer Lampe“, rief jemand aus dem Wald und Äste knackten und brachen ein Dutzend Meter den Weg lang, von dem sie gekommen war. Sonia riss erstaunt die Augen auf und hob langsam den Kopf. Mucksmäuschenstill beobachtete sie einen kleinen Barbaren mit tätowiertem Gesicht, der mit Pfeil und Bogen aus dem Geäst des Weges kam. Sie hatte nicht bemerkt, dass sie verfolgt worden war.

„Habt ihr sie gesehen“, fragte der Mann kehlig und Sonia sah mit Befriedigung, dass alle Männer den Kopf schüttelten. „Ein kleines Kind mit einer Laterne?“

Der Anführer gebot seinem Pferd nach vorne zu reiten und hielt neben dem Fährtenleser an. „Vergiss das Kind“, grollte er. „Sag. Lohnt sich ein Zug nach Mooswald?“

Sie wollen die Stadt überfallen, durchfuhr es sie siedend heiß. Wie schrecklich.

Der Späher drehte sich um und grinste schelmisch. „Faule Bürger mit vollen Taschen. Ihnen scheint langweilig zu sein. Die Wachen sind ein Witz. Es führen drei Straßen durch den Ort.“

„Wäre das erste Mal, dass wir auf nennenswerten Widerstand stoßen“, bestätigte der Anführer und lachte leise. „Wir wollen den Bürgern Unterhaltung bieten. Wir schwärmen über die Ebene aus und halten weiter die Augen auf. Du musst der Horde Bericht erstatten. Wir könnten im Morgengrauen zuschlagen.“

Leise fluchend klopfte sich der Barbar den Dreck von der Rüstung und setzte sich auf sein Pferd. Gemeinsam ritten sie von dannen.

Die Straße war wieder verlassen und leer.

Ich sollte umkehren, dachte Sonia zitternd und wartete noch lange bis sie es wagte aufzustehen. Den offenen Weg würde sie meiden müssen und die Laterne leuchten zu lassen, wagte sie jetzt nicht mehr – jeden Fackelschein sah man im Zwielicht meilenweit. Es gab keinen anderen Weg: Barbaren krochen im Buchenwald herum. Wer wusste schon, was noch auf sie lauerte? Schnell zurück zur Taverne… und von Olg und Llug verprügelt zu werden. Nein, da nahm sie es lieber mit dem Wald und seinen Schrecken auf!

Die Sonne war gerade untergegangen. Das Abendrot wurde von den niedrigen Wolken zurückgeworfen und färbte den ganzen Wald blutrot. Aus der Nähe betrachtet war er noch schrecklicher als aus der Entfernung. Im tiefen Dickicht des Waldes wuchsen alle Pflanzen wild und ohne Plan, und es war eine Tortur sich durch das Gestrüpp zu kämpfen. Sonia hatte Mühe mit dem wenig Licht nach dem passenden Pflanzen Ausschau zu halten. Wenn sie das Rotfarnkraut nicht fand, war sie verloren. Wenn sie es fand, mussten drei Menschen wegen ihr sterben. Und wenn der Wald mit seinen wilden Tieren sie nicht zugrunde richtete, ihre Verwandten würden es schon schaffen – man musste ihnen nur Zeit lassen.

Nach einer Weile gab sie es auf, setzte sich auf den Boden und weinte Tränen. Es hatte keinen Sinn. Es war hoffnungslos. Ihre zierlichen Schultern hoben und senkten sich bei jedem Beben ihres kleinen Körpers.

„Mutter. Vater.“ Die Welt war böse und gemein. Niemand würde ihr helfen, sie würde niemals eine Hexe werden, geschweige denn, ein normales Leben führen können. Es war kalt, und die Disteln in ihrem Kleid, die sich im Laufe ihrer Wanderung verfangen hatten, stachen wie Nadelstiche. Würde ein Bär jetzt aus dem Unterholz auf sie zugestürmt kommen, …

Mit einem Mal fiel es ihr auf.

Ein Feuer.

Sie atmete ein und aus, beruhigte ihre zarte Lunge und schniefte leise. Ein Lagerfeuer.

Sollten es die Barbaren sein, würde sie leise wieder zurückgehen, und wenn sie sie schnappten…

Die Neugier überwog schließlich, doch mit Vorsicht ging sie langsam weiter und versuchte keinen allzu großen Lärm zu machen. Während sie näherkam, wurde das Feuer größer und im Schein erkannte sie einen großen Karren mit Anhänger und zwei Pferden, die interessiert in ihre Richtung schauten.

Auf dem Feuer schmurggelten in einer Pfanne kleine Würstchen, neben dem Feuer stand ein Tablett mit Brot, Butter und einer Flasche. Nein, es waren dutzende zum Teil leer ausgetrunkene Flaschen die wahllos herumlagen.

Der Geruch der leckeren Würstchen wehte in ihre Richtung. Das Knurren ihres Magens erinnerte sie daran, dass sie seit Ewigkeiten nichts mehr gegessen hatte. Sonia war so erschöpft und so sehr darauf bedacht, eiligst ans Feuer zu kommen, dass sie es nicht merkte, wie sie unter die tiefhängenden Äste der Buche geriet, in der ein Eisenkäfig schaukelte. Sie merkte es nicht, als sie unter den ersten Blätter und Zweigen hindurchlief. Sie hatte nur den plötzlichen Segen des schmackhaften Essens vor sich – Würstchen, Brot und etwas Butter, das ihren kleinen Bauch füllen würde. Sie merkte es auch nicht, als sie unter dem Eisenkäfig hindurchschritt, dem Käfig, in dem ein grinsendes Etwas hockte und sie aus wachen Augen beobachtete. Sie merkte es auch nicht, dass sie sich zu nahe an dem großen Wagen herangewagt hatte, bis plötzlich etwas Großes gegen die Hintertür krachte und rostiges Eisen quietschte.

Da merkte sie es.

Vielleicht hätte sie sich flach auf den Boden werfen und wie eine Schlange davonwinden können. Doch sie war nicht im Mindesten darauf vorbereitet, als die Tür aufflog und der größte Mann, den sie je gesehen hatte, stolpernd und torkelnd ihr entgegenwankte. Mit einem Stöhnen und Keuchen und einem entsetzlichen, heiseren gurgelnden Laut war der Riese bei ihr, an ihr vorbei und ließ die Hose runter.

Sonia schnürte es die Kehle zu.

Der gewaltige Mann war groß wie breit, trug eine buntgescheckte Weste und hatte den wohl längsten Bart, den sie je gesehen hatte. Während sie sich eiligst von ihm wegbewegte, floss ein Urinstrahl in die Dunkelheit, während der Riese mit der anderen Hand eine Flasche an den Mund führte. Vergessen war das leckere Essen oder die Aussicht auf Wärme und Behaglichkeit! Das war zu viel für sie! Sie stolperte, wankte und fiel schmerzhaft auf den Boden während der Riese abschüttelte, die Hose zuknöpfte und zu jemanden sprach, den sie nicht sehen konnte. „Du hast unrecht!“, dröhnte die Stimme, die wie ein ungeöltes Scharnier knarrte. „Du bist doch bescheuert, wenn du meinst, dass die Asen an allem schuld sind. Ich sage, dass das die Hexen waren und die Elfen. Oder alle zusammen. Gib nichts auf die Zwerge! Verdammtes Magierpack, das sind sie! Kann doch jeder sehen, das! Verdienen nicht die Luft zum Atmen. Verdammte Brut! Werde mich nicht mit einem Vogel herumschlagen, der nicht mal einen Becher halten kann.“ Er furzte laut und grinste dümmlich.

Zur Sonias Überraschung tönte es aus der Dunkelheit: „Wenn du mich beleidigen willst…“

Der betrunkene Tölpel schlug gegen den Eisenkäfig und etwas zappelte darin aufgebracht, was Sonia nicht in den richtigen Kontext brachte. Mit wem unterhielt sich der Riese? Wankend wandte sich der riesige Mann ihr zu aber schien sie nicht zu bemerken, sondern griff nach eine der Flaschen, entkorkte sie mit den Zähnen und sog die Flüssigkeit gierig in sich hinein.

Und wieder die Stimme aus dem Dunkel. „Langsam, Großer. Nach vier Flaschen wirst du schläfrig. Schon vergessen?“

Der Riese torkelte umher und geriet immer mehr in Raserei, während er versuchte die richtigen Worte in seinen Sätzen zu formulieren. Dabei trat er zweimal beinahe auf Sonia, die mit anhaltendem Atem versuchte nicht zertreten zu werden. „Du Scheißvogel bist nur am Reden“, ächzte der Kerl und eine üble Fahne strich Sonia entgegen, als er an ihr vorbeiwankte. Jetzt war der ganze Wald sein Publikum und der würde keine Widerworte geben. „Morgens, mittags und abends. Wenn ich mal etwas sagen will, dann redest du nur und verbesserst mich. Schau Lukas, da fehlt ein Komma! Schau Lukas, eine Bachstelze! Kennst du den Unterschied zwischen einer Bachstelze und einem Habicht? Was ist der Unterschied zwischen einem Sekretär und einer Krähe? Ich sage dir, was der Unterschied ist: der eine ist aus Holz und der andere bald tot. Das ist der Unterschied. Ich pisse auf deine Weisheiten, du undankbarer Vogel.“ Er rülpste, holte aus und schlug mit Wucht gegen einen ausgetrockneten Baum, dass die Äste anfingen zu wackeln. Er schnappte sich noch eine Flasche, entkorkte sie und wandte sich um… und verharrte.

Glotzte unsicher Sonia an, die sich versuchte noch kleiner zu machen. Alles in ihr drängte sie darauf, fortzulaufen, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Doch diesmal kam ihr der Mann zuvor, indem er folgendes sagte: „Heh, du bist voll hässlich, Kind.“

Sprach es, verdrehte die Augen und fiel rücklings um.

Die Erde erbebte, und kurze Zeit später hörte sie ihn schnarchen als würden Männer aus Mooswald ein Wäldchen mit ihren Sägen abholzen.

„Ich glaube, der steht nicht mehr auf“, sagte jemand leise und mit einem Glucksen.

Sonia blickte aus großen Augen auf den umgefallenen Mann und verharrte neben einer Kiste. Alkohol brachte Leute dazu, ungehobelte Barbaren zu werden. Das hatte sie schon oft gesehen. Zittrig und etwas außer Atem richtete sie sich auf und trat langsam näher heran. Dort lag der Mann: mit dümmlichen Grinsen im Gesicht schien er tief zu schlafen. Sonia hatte nicht vor ihn aufzuwecken.

Und wieder die Stimme: „Du kannst jetzt sein Essen haben, aber zuvor wäre ich dir unendlich dankbar, wenn du mich aus dem Käfig befreien würdest. Würdest du das tun?“

Sonia traute ihren Augen kaum. Da war nichts. Nichts neben dem Wagen, nichts im Wald und nichts neben ihr…

„Im Käfig.“

Langsam hob sie den Blick. Es war ein kleiner Käfig. Hockte dort etwa ein Gnom? Nein, es war eine Krähe. Eine schwerfällige Krähe mit dichtem Gefieder und langem Schnabel. Kluge schwarze Knopfaugen blickten ihr entgegen, als sie mit offenem Mund entgegentrat. „Du darfst jetzt nicht schreien…“

Sonia schrie und sprang zurück.

Die Krähe legte den Kopf zur Seite. Sie öffnete nicht den Schnabel beim Sprechen. Die Stimme kam woanders her. „Und du schreist doch. Hör mal, wir können das alles abkürzen und zum Wesentlichen kommen. Ich bin ein verzauberter Mensch. Zufrieden? Kein Dämon. Kein Geist.“

„Teufelswerk“, hauchte Sonia fassungslos und bekreuzigte sich, wie es ihr mal ein Templer gezeigt hatte. „Ich beschwöre dich, Geist, fahre zurück in deine Sphäre…“

„Würde ich ja gerne. Würdest du mir den Käfig aufmachen?“

„Ich helfe keinem Dämonen.“

„Ich bin kein Dämon. Pass auf“, sie räusperte sich kurz und putzte sich das Gefieder. „wir machen das so: du scheinst Hunger zu haben. Mein Freund Lukas steht heute nicht mehr auf. Warum isst du nichts von seinem Essen? Er ist eh zu fett und jetzt viel zu betrunken. Während du isst, erzähle ich dir eine Geschichte. Mit vollem Bauch kannst du dann immer noch entscheiden, ob du mich freilässt.“

„Eine Geschichte“, krächzte das Mädchen leise und starrte zu den Würstchen in der Pfanne, die einen betörenden Duft verströmten. Der Magen knurrte zur Antwort.

Langsam hielt sie es nicht mehr aus, schnappte sich Brot, Butter und Messer und machte sich daran, zu essen. Die Würstchen waren von erlesener Qualität, das Brot frisch und die geröstete Schicht rauchig und lecker. Sie mampfte, schluckte und nahm sich kaum Zeit zu kauen.

Ein Hochgefühl.

Die Krähe starrte zufrieden zu ihr herunter. „Versuch die Würstchen. Von einem Händler aus Mooswald. Der Schlachter garantierte uns, dass das Fleisch so frisch sei, dass man das Entsetzen des Schweins noch schmecken kann.“

Sonia runzelte die Stirn und starrte zu ihm herüber. „Das ist eklig. Das arme Tier.“

„Ich rede gerne. Du musst entschuldigen.“ Die Krähe schien die Schultern zucken zu wollen, was aber anhand der fehlenden Anatomie schwerfiel. Sonia schnappte sich eines der Würstchen und hätte sich fast verbrannt. Das heiße Öl brannte in ihrer Kehle, aber der Geschmack war unbeschreiblich. „Da ist ein Krug mit Wasser“, hörte sie sie sagen. „Lass dir Zeit. Wir haben viel Geld verdient. Die Leute bezahlen viel für Kamile, die sprechende Krähe und Lukas, den stärksten Riesen. Aber ich fürchte, unsere Partnerschaft endet wegen verschiedener Differenzen. Anfangs hatten wir viel Spaß… jetzt gehen wir uns nur noch auf die Nerven.“

„Aha.“ Sie kaute auf dem Brot und fühlte sich neben dem Feuer sicher und bald gesättigt. Es konnte nicht schaden, sich unterhalten zu lassen. „Wer bist du?“

Der Krähe starrte sie prüfend an.

„Lukas, der Riese“, meinte die Krähe lakonisch und krächzte heiser. „Mein Name ist Kamile, früher hieß ich Prinzessin Lfayette aus dem Hause Aldigisl. Ich kenne jeden einzelnen Winkel in dieser Welt, kenne jeden Vertrag, der zwischen Göttern und Menschen geschlossen wurde und bin bewandert in allen Geheimnissen der Alchemie, Astrologie und der Magie. Ich blicke auf vierhundert Jahre Forschung und Wissenschaft zurück und gelte als das klügste Geschöpf in dieser Welt. Ich kenne die Antwort auf all deine Fragen.“

Ein weiblicher Krähe, dachte Sonia. Eine Prinzessin..?

Sonia behielt sie im Auge und mampfte weiter. „Warum bist du…so?“

Die Krähe breitete ihre Flügel aus. „Früher war ich eine Gelehrte, die im Auftrag der Götter Botschaften überbrachte. Die uralten Erinnerungen werden mit jedem Augenblick, der verstreicht, klarer. Wir folgen demselben Pfad, den die legendären Helden beschritten haben. Ich diente Anequinnius, dem Sendboten. Danach Salan-Hirin, der Weise der Sonne und Khassandra, die Liebende. Wir hatten uns lieb, es war eine Eintracht zwischen uns die du dir nicht vorstellen kannst. Diese Göttin war so bezaubernd schön und so rein, dass mir noch immer die Tränen kommen. Sie verbündete sich mit der Ewigkeit und nahm ihren Platz im Götterhimmel ein. Man brauchte keinen Menschen mehr. Also… habe ich mich in eine Krähe verwandelt.“

„Warum?“

„Nun“, die Krähe krächzte leise und scharrte mit dem Schnabel am Gatter. „ich war verliebt in Khassandra und dank meines Intellekts und meines Wissen erforschte ich die Geheimnisse der Alchemie so weit, dass ich einen Trank braute, um mich zu verwandeln und ihr nachzufliegen. Ich wollte ins Tal der Götter reisen und sie ein letztes Mal sehen. Oh, schaumgeborene Tochter des Schicksals, du süße… naja, hat geklappt. Wie du siehst.“

„Und dann?“

„Bin ich zurückgeflogen.“

„Und dann?“

Die Krähe antwortete nicht sofort. Sie druckste herum, bis sie es nicht mehr aushielt: „Gut, na schön, ich habe einen Fehler gemacht, ja?“ Aufgeregt wedelte die Krähe mit ihren Flügeln herum, dass der ganze Käfig wackelte. „Ich hatte das Gegenmittel als Lösung zubereitet. Aber die Sonne schien darauf und die Flasche war nicht zugestöpselt… kann doch passieren… du lachst… warum lachst du!?“

Sonia kicherte vergnügt und wischte sich Krümel aus dem Mund. „Du bist lustig!“

Die Krähe sah sie prüfend an. „Heute Abend haben die Götter einen Wirbel des Zufalls erzeugt. Du bist nicht ohne Grund hier, wie ich feststelle. Wie ist dein Name, Kind?“

„Sonia, Tochter von Annegret und Raphael Stolzenheim.“

„Sag, Sonia, warten nicht deine Eltern auf dich zuhause?“ Die Krähe beugte sich vor und maß sie mit einem fragenden Blick. „Sie werden sich wundern, wo du bist. Buchenwald ist nicht so sicher, wie es scheint.“

Sie straffte sich und beugte den Kopf. „Sie… starben vor einem Winter bei einem Brand. Seitdem bin ich bei meinem Onkel und meiner Tante. Ich soll für sie Rotfarnkraut suchen.“ Sie erzählte den Rest der ganzen Geschichte und beantwortete alle Fragen des Krähen.

„Das tut mir leid, Sonia. Wenn es dich erheitert, erzähle ich dir eine Geschichte. Magst du Geschichten?“

„Ja, sehr.“

„Ich erzähle sie dir, wenn du mich rauslässt. Das ist versprochen. Willst du mir helfen?“ Sie beugte sich vor und schwarze Knopfaugen starrten sie erwartungsvoll aus den Gittergefängnis an.

Sonia sah keinen Grund, ihr zu misstrauen. Schnell war der Käfig geöffnet und der Vogel flog eine kleine Runde und setzte sich dann auf eine Kiste nahe des Feuers. „Ich kann dich gut leiden, Sonia. Bereit für deine Geschichte?“

Das Feuer prasselte laut, als sie noch einen Scheit nachlegte. Ab und zu knurrte und stöhnte Jakob, der Riese im Hintergrund, aber niemand achtete auf ihn.

Und die Krähe erzählte…

Die Legenden berichten, dass das Land Haven frei und jedermann zugänglich war. Man erzählt sich, dass früher alle freien Menschen in großer Eintracht unter dem guten König und seiner Königin lebten und dass es überall auf den Straßen im Land nichts zu befürchten gab. Sicher, von Zeit zu Zeit schwärmten ein paar hungrige Trolle durch die Gegenden und man war gut daran getan, wenn man ein scharfes Schwert bei sich trug, doch solche Zwischenfälle waren eher sehr selten. In jenen Tagen boten viele Kaufleute ihre Waren vom Pferderücken aus an und die Reichsstraße führte durch alle Länder dieser Welt, so dass die Menschen ihre Kulturen und ihr Wissen miteinander austauschen konnten. Wanderschauspieler, Spielleute und Akrobaten zogen zu den zahlreichen Märkten und Volksfesten, Abenteurer traten auf dieser Straße ihre Reise in fremde Länder an und in jenen Tagen war die Erde wild und gut. Damals waren die Tiere und Pflanzen auf eine Art miteinander verbunden, wie sie kein Sterblicher je begreifen kann. Die Elfen –jenes fast vergessene Volk, das dieses Land einst besiedelte – lebten in Eintracht mit den Orks und den Menschen. Über Generationen hinweg hatten die Könige der Menschen den Frieden gesichert, und dieser König und seine Königin bildeten keine Ausnahme. Nicht durch Erlasse, sondern durch weises Lenken der Menschen, so dass Streitigkeiten schnell geschlichtet wurden. Alle, die im Reich ankamen, wurden bestärkt, ihre Gewohnheiten und Bräuche beizubehalten. So wurde Haven ein wundersamer Schmelztiegel der Unterschiede. Moormenschen vermischten sich mit Hochländern, Seefahrer mit den wilden Lycanthen, Waldbewohner mit Bergbewohner. Kinder, die damals in jener Zeit aufwuchsen, waren umgeben von einem bunten Farbengemisch. Die unendlich vielen verschiedenen Speisen, Gewürze, Fertigkeiten in Handwerk und Kunst kannst du dir gar nicht vorstellen! Das alles wuchs zur Stärke des Reiches bei! Der junge König war schön und gut und ein würdiger Gefährte. Er war der Prinz aus dem nördlichen Kaiserreich und der zweite in der Thronfolge. Er vereinigte in sich alle Tugenden des königlichen Hauses – Mut, Güte, Großzügigkeit, Geduld. Er sah gut aus mit seiner königlichen Haltung und dem breiten offenen Gesicht. Die Königin war groß und stolz, besaß eine ungewöhnliche Ausstrahlung und Schönheit, so rein wie ein stiller Teich. Ihre Tugenden standen den seinen in nichts nach, sie glich ihm an Erhabenheit und sie war die einzige Tochter des einzigen Königs der Menschen. Stell sie dir vor, wie sie beide bei Festlichkeiten auf ihren weißen Rössern durch die Menge ritten, absaßen, um zu Fuß weiter zu schlendern und mit den Leuten zu feiern, ihre Speisen zu segnen und bei Spielen und Wettkämpfen mit ihnen zu lachen! Es war eine perfekte Verbindung und schnell wurde jedem klar, dass aus ihrer Liaison eine fruchtbare Herrschaft hervorgehen würde – eine weise und gute Regentschaft. Als ihre Verlobung bekanntgegeben wurde, welche Feste wurden überall gefeiert. Das nördliche Königreich der Orks freute sich ebenso wie das östliche Königreich der Elfen, denn alle Herrscher waren zu der Zeit gleichgestellt und sie alle zeichneten sich dadurch aus, dass sie die Ruhe in ihren Landen durch weises Lenken sicherten. Natürlich starben damals schon Menschen, aber zu jener Zeit war uns klarer, dass alles wiedergeboren wurde. Ihr Schloss wurde über und über mit Fahnen und Blumen geschmückt. Die breite Straße war mit Blüten übersäht. Aus allen Teilen der Reiche kamen Menschen herbeigeströmt, um Segenswünsche und Geschenke darzubringen. Die Ehe war glücklich, ihre Tochter war liebreizend, bei bester Gesundheit und bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr eine Freude für alle…

Aber es sollte nicht sollen sein.

Alle Zauberer der Menschen, alle Elfen und sogar die Orks spürten eine Veränderung aufziehen. Die Reiche veränderten sich nicht; sicher, es gab mal Krieg mit den Trollen im nördlichen Kaiserreich und auch im Osten gab es Landplagen wie die blutsaugenden Nachtgierer, aber es gab viele Helden, die sich darum kümmerten. Und die Orks, die nichts mehr so verehren wie einen guten Kampf gegen ein Monster! Alle Zauberer aller Schattierungen aus allen Teilen dieser Welt spürten, was geschah. Sie spürten die Bestürzung und Hilflosigkeit und die schlimmen Ahnungen unter ihresgleichen.

Der König der Menschen hieß Buri und er war, wie eben berichtet, die Sanftmut und Erhabenheit in Person. Aber man unterwies seinen Enkel Boltek früh in das Große Mysterium, das ewig und voller Geheimnisse ist und jeder, der sich darin bewegt, muss genau erkennen, was gut und was böse ist. Bolteks Weg führte ihn tief an die Grenzen des Großen Mysteriums und anfangs waren ihm Grenzen durch das Gewissen gesetzt, an die er sich strickt hielt. Aber eines Tages fing er an sich zu fragen, ob ewig Frieden herrschen würde, und wenn nicht, ob er sein Land beschützen konnte. Die Bande zwischen den Neun Ländern waren stabil, aber was, wenn…

Boltek schloss sich lange in sein Studierzimmer ein und studierte immer länger die alten Schriften. Er spielte mit seinen Söhnen, er regierte mit seiner Frau und er kam seinen Pflichten nach, aber immer mehr ließ ihn der Gedanke nicht los, dass etwas nicht stimmte. Er wurde still und verstand es lange seine Ziele vor den Seinen zu verbergen, bis es zu spät war, bis er die Grenzen der Kontrolle überschritten hatte. Es gibt Magier, die die Selbstbeherrschung abschütteln; sie gieren nach Macht wie ein Verdurstender in der Wüste nach Wasser und werden eine Gefahr für andere. Schon oft hörte man von Dunklen Magiern, die von Helden in ihrem Treiben gestellt und zur Rechenschaft gezogen wurden. Boltek sah sich selbst nicht als böse an und verschleierte seine Pläne gut – bis alles zu spät war. Boltek vernachlässigte nach und nach alles und selbst seine Familie wurde ihm eines Tages nur noch eine Last. Wo einst Fröhlichkeit und Lachen geherrscht hatten, gab es jetzt nur noch Düsternis und Trauer. Sobald Buri und sein Vater Bor gestorben waren, ging die Krone an ihn über und Bolteks größte Furcht war die Schwächung seines Reiches. Boltek war sich sicher, dass die anderen Völker von Haven die Menschen eines Tages angreifen würden – also scharrte er eine Armee um sich und führte Kampagnen gegen die Reiche durch. Die Menschen führten Krieg gegen alle Völker, und er verbreitete Angst und Schrecken… bis heute!

Eine Scharr Unzufriedener, die vor allem nach Macht streben und Zugang zur Dunkler Magie haben, können viel bewirken, … wenn sie im Geheimen arbeiten. Weit ab vor den Augen der Rechtschaffenden und fern von Licht und Harmonie beschworen sie uralte Kräfte und handelten Verträge aus… tief im Geheimen an einem Ort, der auf keiner Karte verzeichnet war, denn Licht und die Aufmerksamkeit der Bevölkerung waren hier nicht willkommen. Alle Türen waren mit schweren strohgefüllten Säcken gepolstert. Nicht einmal Geräusche sollten nach draußen geraten…“

„Moment. Warst du dort?“, unterbrach Sonia sie mit glühenden Wangen.

„Nein.“

„Du erzählst so anders…“

„Es ist meine Geschichte. Ich erzähle sie so, wie ich es meine. Also lass mich.“

„Verzeihung.“

„Schon gut.“ Kamile räusperte sich leise. „Der Boden, auf dem die Verschwörer Böses planten und durchführten, war dunkel und klebrig. Boltek selbst sehnte sich nach grenzenloser Macht, aber noch mehr fürchtet er Verrat und Tod. Er schloss düstere Pakte mit Kräften, die man am besten meiden sollte. Es folgte die Nacht der Blitze! Der Krieg der Kriege. Orks gegen Elben, Elben gegen Menschen und Menschen gegen Orks. Und das war erst der Anfang!“

„Wie schrecklich“, hauchte Sonia leise und schlang ihre Arme fester um ihren Körper.

„Fürwahr“, bestätigte der Vogel und nickte. „Er streifte jegliche Verstellung ab und entfaltete seine verderbliche Macht. Kinder wurden krank. Tiere verendeten. Das Getreide welkte und ging ein. Die Gefolgsleute litten Qualen. Bizarre und abstoßende Wesen krochen aus den Höhlen und überfielen Höfe. Sie waren Wesen, wie sie nur ein vollkommen verderbter Wille ins Leben rufen kann. Die Banditen der ganzen Welt, die bislang in den anderen Reichen die Strafen der Justiz fürchten mussten, verstanden schnell dass die Reiche schwer erschüttert waren, und sobald trieben sie ihr unseliges Treiben. Horden von Halsabschneidern, Schmuggler, Dieben und Mördern machten die Straßen unsicher, denn die Armee sucht bis heute nach Feinden, die ihrem König schaden könnten.

Nach zehn Jahren Krieg, keine Seite hatte etwas Gutes bewirkt, war die Nacht der Blitze schließlich vorbei. Die Orks begaben sich in den Norden zurück und die Elben verschwanden im Osten, um die Menschen und die Orks gleichermaßen zu meiden. Seitdem herrscht Friede, aber der Feind kann jederzeit wieder erstarken und diesmal wird es endgültig sein“, raunte der Krähe und putzte sich kurz das Gefieder, bevor er fortfuhr: „Wir können sagen, dass Boltek schließlich verstarb, ohne Erben und ohne Thronfolge. Die Menschen im Süden begannen einen Krieg, der nur für Chaos und Leid gesorgt hat– das Land, das herrscherlos von Banditen und Monstern bevölkert ist. Wir sind verloren, Sonia. Und allein.“

Sonia schluckte.

Ein milder Regen setzte ein. Warme Tropfen aus einer Wolkenfront, die aus dem Osten gekommen war, benetzten den schlafenden Jakob, den Wagen und trommelten leise auf den Blättern der Bäume. Er hielt die ganze Nacht über an, befeuchtete in leiser Verschwörung die frisch bestellten Felder und flüsterte Verheißungen in die Ohren der beiden so unterschiedlichen Geschöpfe.

Das Feuer knackte leise, die Flamme wurde kleiner. Der Krähe flog zu einer Kiste und tippte mit dem Schnabel darauf. „Hier ist eine flauschige Decke, Sonia. Du solltest schlafen.“

Siedend heiß fielen ihr Llug und Olg ein. Sie zitterte bei dem Gedanken an Strafe. „Ich kann nicht. Ich muss das Kraut suchen. Sonst bekomme ich großen Ärger.“

Die Krähe war nicht zufrieden. „Das sind ja schöne Verwandte! Schicken ein kleines Mädchen in den dunklen Wald. Du solltest fliehen, Sonia. Weg von denen!“

„Sie würden mich finden“, hauchte sie tonlos und zog die Knie noch näher an ihren Körper.

„Ich weiß, wo das Kraut ist. Ist nicht schwer zu finden“, sagte Kamile und flog einen Bogen um Sonia herum. „Ich denke, ich kann noch etwas bei dir bleiben. Wenn es dir so wichtig ist, dann zeige ich dir den Weg.“

Sie nickte dankbar und stand auf. Noch immer schnarchte der gewaltige Jakob und würde wohl noch bis zum Morgengrauen weiter schlafen. „Was machen wir mit ihm?“

„Er ist ein Riese. Die sind unverwüstlich. Lass ihn einfach. Hier trennen sich meine und seine Wege.“ Die Krähe flog auf Sonias Schulter und versuchte bei ihrer Landung nicht herunterzufallen. „Ich hätte mich gerne nochmal von ihm verabschiedet, aber er war es auch, der mich in den Käfig sperrte. Egal, siehst du den umgestürzten Baum dort hinten? Gehe weiter und dann bis zur Lichtung.“

Es war eine ideale Nacht. Wolken verdeckten den abnehmenden Mond, und mit Kamiles Hilfe kamen sie schnell und sicher voran. Das Rotfarnkraut war schnell gefunden und Sonia sammelte so viel, wie sie tragen konnte. Damit war ihr Auftrag erfüllt. Auf dem Heimweg flog der Krähe voraus und hielt nach möglichen Gefahren Ausschau. Einmal trottete ein riesiger Oger stampfend über ihren Weg, aber Kamile warnte sie rechtzeitig, so dass sie durch eine hinter Büschen verborgene Spalte zwischen den Felsen kriechen und unbemerkt vorbeischleichen konnte. Der Oger war grünhäutig, voller Schlamm und verfaulenden Ästen und labte sich an dem Kadaver einer Kuh. Nicht auszudenken, wenn er sie bemerkt hätte.

„Ich würde gern ein Wörtchen mit deinem Onkel wechseln“, zischte Kamile aufgebracht, als sie sich weiter entfernt hatten. „Ist er zugänglich für Kritik?“

„Lass es lieber. Ich glaube nicht.“

„Wir werden sehen. Da ist schon die Taverne. Oh, welch angenehmes Amüsement. Und das Ambiente… ein Hort der Freiheit und des Verweilens, wenn man nach getaner Arbeit die Füße hochstrecken will. Die Speisekarte ist bestimmt reich an Genüssen, die dem Gaumen schmeicheln. Und rieche ich da Dung? Menschendung? Fürwahr, das nennt man … weiß ich auch nicht. Mir fehlen die Worte.“ Die Krähe schüttelte aufgebracht ihr Gefieder.

Sonia beeilte sich zur Küchentür zu kommen, wurde aber von Kamile aufgehalten. „Höre Sonia. Das ist falsch, sage ich. Wir sollten uns Gedanken um deine Zukunft machen. Überall ist es besser als hier. Du hast Besseres verdient. Dort draußen wartet eine Welt voller Abenteuer und Gelegenheiten. Ich weise dir den Weg zu den reichsten Tafeln der Königshäuser, ich kenne Magier und Gelehrte, die dir das Tor zur Erkenntnis aufstoßen und wenn ich erstmal von der Schönheit der Frauen anfange…“ Sie unterbrach sich. „Nein, das interessiert dich nicht.“

„Was ist das für einen Lärm“, brüllte jemand von drinnen und sofort wurde eine Tür aufgestoßen. Es war ihr Onkel Llug und er wirkte nicht glücklich. Sonia zuckte zusammen aber hielt das Kraut in ihren Händen tapfer. Llug nickte stumm und gebot ihr einzutreten. „Mit wem hast du geredet? Da ist niemand.“

„Mit niemanden, Onkel.“ Unsanft wurde sie nach vorne gestoßen.

„Dummes Kind“, grummelte er leise. „Redet mit sich selbst! Aber das Kraut hast du wenigstens.“

Olg kam zur Stelle und wirkte aufgebracht. „Die Männer sind da, mein Liebster. Sie warten … du weißt schon, worauf.“ Zu Sonia gewandt: „Du! Zerstoße das Kraut, bis es ein feiner Brei ist. Dann mische es mit der Ziegenmilch. Du bringst unseren Gästen die Becher.“

Sonia machte große Augen. Machten sie sie etwa zur Mittäterin?

Aber Reden machten jetzt keinen Sinn mehr. Auf ihrem Schemel in der Küche zerrieb sie das Kraut und mischte es in die Milch. Wenn man diese trank, würde man stundenlang in einen Schlaf fallen. Was sollte sie tun? Wo war Kamile, wenn man sie brauchte?

Sie schaute in die Haupthalle, wo alle Männer und Frauen sich waffenstarrend still verhielten. Niemand trank ein Bier oder scherzte. Von der Heiterkeit am vor Stunden war jetzt nichts mehr zu spüren. Dunkle Absichten glommen in den finsteren Augen der niederträchtigen Scharr, und sie würden sich nicht mit weniger zufriedengeben. Es war also so weit. Sobald der Trank wirkte, würden sie die drei Männer ihm Schlaf erdolchen da sie einen Kampf mit ihm scheuten. Und nachdem, was Sonia über ihn bis jetzt erfahren hatte, konnte man davon ausgehen, dass jede Vorsicht gerechtfertigt war. Ihr kam eine Idee…

Mit dem Becher Ziegenmilch auf dem Tablett stieg sie die Stufen nach oben, vorbei an bewaffnete Unholde, die ihr misstrauisch entgegenstarrten. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, sie war wieder allein in ihrer eigenen, kleinen Welt gefangen mit Menschen, die sie insgeheim verachteten. Olg schritt hinter ihr her, und als Sonia die Hand zum Türknauf erhob, packte ihre Tante sie grob am Kopf, während sie mit der anderen Hand das Tablett festhielt. „Ein Wort von dir“, raunte sie leise. In ihrem Blick lag ein tödliches Versprechen.

Die Drohung kam an. Sonia hätte fast geweint, denn sie verstand auch was das Bedeutete: Ihr wurde klar, dass sie tun konnte, was sie wollte… selbst, wenn sie die Wachen und den Kaufmann eigenhändig töten würde, würden ihr Onkel und ihre Tante sie nicht in Frieden leben lassen. Da half auch keine Puppe mehr.

Dieser Gedanke kam mit so einer Klarheit, dass sie beinahe das Tablett fallengelassen hätte.

Sie öffnete die Tür zum besten Zimmer, das sie hatten – und da saßen sie. Sie wirkten wie Statuen und beäugten das Mädchen misstrauisch.

Sie schloss die Tür hinter sich und balancierte das Tablett auf einem Arm. In ihrem Inneren vibrierte es voller Anspannung. Jetzt war sie Teil von etwas Großem, das sie nicht wollte. Kein Mensch sollte vor so einer Wahl gestellt werden.

Der Kaufmann öffnete seine Augen und lächelte. „Das kleine Mädchen. Sieh an. Ich freue mich, dich zu sehen.“

„Ja, Herr.“ Er beobachtete Sonia, während sie die Becher auf den einzig freien Tisch abstellte. Dabei zitterten ihre Hände. Ihm entging diese Veränderung nicht. Die Wachen warfen sich vielsagende Blicke zu.

Sie atmete schwer aus dem Mund, die Schultern bebten und alles in ihr drängte danach, sich zu ergeben, ins Freie zu stürmen und irgendwohin zu rennen. Ihre Eltern fehlten ihr so sehr. Sie hatte gelernt, lautlos zu weinen. Sie war nur ein Kind, keine Soldatin oder eine Gelehrte: die Tränen rannen ihr über die Wangen und mit bebendem Kinn starrte sie ihn nur an.

Er beugte sich vor, blickte ruhig und entschlossen, ergriff sie am Arm und zog sie an sich. Er roch nach Pulverdampf, Öl und Schweiß, aber das störte sie nicht. Mit zittrigen Fingern umarmte sie ihn und ließ sich fallen. Hielt ihn fest und zitterte, bibberte als wären die Teufel hinter ihr her. Sie raunte ihm leise ins Ohr.

„Du bist tapfer, kleine Sonia“, murmelte er leise und hielt sie weiter fest. Sie ließ es zu, während er ihr sanft den Rücken streichelte. „Meine Schwester hatte oft Angst vor Gewitter. Sie kam zu mir und suchte Schutz. Sie ist mir genommen worden.“ Er ließ los und blickte sie ernst an. „Du musst tun, wozu du bestimmt bist.“

Sie verließ das Zimmer und wurde sogleich von einem der Banditen an den Schultern gepackt, noch bevor die Tür zugefallen war. Grob wurde ihr das Tablett aus der Hand gerissen, jemand versetzte ihr einen harten Schlag gegen die Lippe während schwielige, dreckige Hände ihr den Mund zuhielten. Sie waren so viele; ungebremste Männer ohne Moral und ohne Anstand, die das Kind in ihrer Mitte schlugen, traten und nach unten in die Küche schleiften. Dabei achteten sie sehr darauf, dass alles still verlief.

Llug war außer sich vor Zorn und packte Sonia am Hals, schüttelte sie wie ein Handschuh. „Haben sie getrunken?“, presste er zischend hervor. „Haben sie verdammt nochmal getrunken?“ Um sie herum standen lauernd die Ganoven mit Messern, Schwertern, Keulen und finsteren Mienen. Was konnte sie jetzt noch sagen? Sie war nur ein Kind. Eine der Klingen berührte ihren Hals und sie wagte nicht zu atmen. Alle stanken nach Gewalt und Alkohol. Ihr wurde schlecht. Beinahe wäre sie in Ohnmacht gefallen.

„Das würde ich an Ihrer Stelle nicht tun!“

Alle verharrten und blickten sich um. Wer hatte da gesprochen?

Alle drehten sich um sahen zur Treppe. Der Kaufmann und seine Wachen standen drohend wie ein Racheengel und wirkten zornig, ihre Schwerter gezogen. Prüfend starrten sie die Gemeinschaft an. „Wir werden gehen. Hier ist es nicht sicher“, grollte der Alte und zog einen Dolch hervor. „Und das Mädchen kommt mit!“

Niemand rief zu Mord. Alle wichen mit angestrengter Miene ein Stück zurück. Einige funkelten ihn entschlossen an; mutige Narren, die nicht verstanden, dass das Ende gekommen war. Der Rest wirkte, als wäre er lieber woanders.

Der Anführer der Truppe unternahm einen letzten Versuch: „Leg dein Schwert nieder. Dann wird es schnell gehen.“

Und dann sah Sonia, was echte Krieger waren. Die Männer lachten dem Anführer ins Gesicht, während sie wie ein Blitz von der obersten Stufe heruntersprangen, um sich ihren Feinden zu stellen. Einer rollte auf dem Boden ab, beschrieb mit der Klinge einen Halbmond und drei Männer hielten sich die Bäuche. Bei dem folgenden Handgemenge stieß jemand eine Pechlaterne um, die ihren Inhalt über einen Lumpensack ergoss. Das Feuer fand Nahrung, doch alle Augen waren zu sehr gebannt von den Kampf. Bevor ein Dreizack einer der Wachen aufspießen konnte, hatte er sich über einen Tisch abgerollt und kam auf der anderen Seite wieder auf die Füße. Seine Klinge funkelte im Kerzenschein, verfehlte den Hals eines Mannes aber traf dafür seinen Helm mit solcher Wucht, dass dieser getroffen zu Boden sank. Die Klinge blitzte und surrte, sie trennte einem Mann den Arm ab, einem weiteren das Bein und einmal trieb er die Klinge bis zum Heft in zwei Schurken, die das Pech hatten, sich nicht schnell genug in Sicherheit zu bringen.

Olg hielt krampfhaft die zappelnde Sonia in ihren Armen, während Llug mit einer Pfanne sich bereit machte. Sie wirkten gehetzt und ängstlich, während sich zu allem Unglück das Feuer ausbreitete. Langsam bekamen es alle Beteiligten mit der Panik zu tun, Sonia wurde von Olg zur Seite gestoßen und beizender Rauch füllte schnell den Raum. Vier Männer kletterten aus dem Fenster, ohne sich nochmal umzudrehen. Der Rest hechtete nach draußen.

Es war ein herrliches Feuer.

Prasselnd knisterte das faulige Strohdach, gierige Flammenzungen legten über Holzbohlen und verzehrten in ihrem unersättlichen Hunger alles, was in der Taverne war. Holzbänke, Stühle, Garderobenständer, Näpfe, Krüge, Löffel und all den Rest. Alles, was nicht aus Holz war, würde entweder eingeschmolzen, in Rauch aufgehen oder zu Schlacke verarbeitet. Trotz des leichten Regens brannte das Feuer lichterloh und konnte bestimmt bis Mooswald gesehen werden.

Kamile landete auf einem Zaunpfahl und starrte zu den drei Männern und Sonia, die sich an der Seite des Kaufmann ausweinte. Der Schock über die Gräueltaten waren zu groß. Und damit war nicht das Massaker gemeint. Der Mann ließ sie gewähren und streichelte ihr Haar, während sie zu dritt langsam in die Nacht verschwanden. Von Llug und Olg fehlte jede Spur.

So begann Sonias lange Reise, eine Reise, die noch merkwürdiger enden sollte, als sie begonnen hatte.

Stunden später, als der Mond fast seinen höchsten Punkt erreicht hatte, rollte der Wagen mit zwei Pferden im Gespann auf einer alten Straße gen Westen. Es war erstaunlich, dass Sonia trotz der holprigen Fahrt schlafen konnte. Nach einer Weile kamen sie an einer Kreuzung an und der Wagen hielt. Der Kaufmann war nicht mit leeren Händen gegangen: er hatte einen Schlafsack ergattert, den er zusammengerollt mit einem Seil um seine Hüfte gegürtet hatte. Darin eingewickelt holte er eine Flasche Wein hervor, etwas Brot, Käse und eine leichte Decke, die er Sonia um die Schultern warf.

„Bleibst du bei uns?“

„Wir werden sehen“, murmelte er leise und ließ die Krähe bei ihr zurück, während er sich aufmachte, um Brennholz zu suchen. Kurze Zeit später war er wieder da und machte sich an die Arbeit.

„Wir sollten kein Feuer machen“, meinte Kamile. „Wer weiß, was hier in den Schatten lauert.“

Der Alte zuckte nur mit den Schultern und deutete in die Ferne. „Keine große Gefahr. Hier sind Feuer nichts Außergewöhnliches. Viele Leute schlagen für die Nacht ein Lager auf. Schaut, dort im Osten brennt eins. Und dort weiter nördlich ist ein besonders Großes. Eine Händlerkarawane, vermute ich. Die Ebene ist offen, die Nacht ist ruhig. Niemand kümmert sich um vier Menschen, glaube mir. Und sie braucht Ruhe und Wärme.“

Nach einer Weile brannte ein großes Feuer, das Mahl wurde geteilt und zum ersten Mal stellte sich der Mann vor: „Mein Name ist John Fahrenztein. Ich bin dir zu Dank verpflichtet, Kind.“ Er schaute ernst zu dem Krähen. „Ich habe schon sprechende Vögel im Süden gesehen, aber du bist wahrlich ein Wunder der Natur. Ich nehme an, du bist kein böser Geist.“

„Nein, Herr. Kamile, so ist mein Name.“

„Kamile, soso.“ Der alte Mann neigte den Kopf leicht, und sein Blick schweifte von Sonia zu Kamile und wieder zurück. „Heimatlos, wie?“

„Ja.“

„Wie ist dein Name, Kind?“

„Ich bin Sonia, Tochter von Annegret und Raphael Stolzenheim.“

Der alte Mann sah zu seinen Wachen, die immer noch starr wie Statuen die Gegend um sich herum zu beobachten schienen. Selbst nach dem siegreichen Kampf schien sich niemand der Sorglosigkeit hinzugeben. „Ich bin auf dem Weg nach Bückelstielz, meiner Heimat. Hier trennen sich unsere Wege. Esst in Ruhe auf, dann breche ich auf.“

Sonia und Kamile blickten sich betreten an.

„Du kannst nicht gehen. Sonia ist allein auf der Welt. Du solltest dich verantwortlich fühlen“, presste Kamile hervor und in ihrer Stimme schwang eine gewisse Dringlichkeit mit. „Ich habe vor, sie nach Quelsbach zu bringen. Einem ruhigen Städtchen mit einem Kloster. Dort wird sie es guthaben, aber das ist drei Tage entfernt!“

„Ein Kloster? Wie nett.“

„Hast du etwas Besseres im Sinn? Das Kloster ist berühmt. Die Stadt liegt am Fluss Freen, es gibt viele Gelehrte und jedes Jahr wird in der Stadt ein Frühlingsfest gefeiert. Mit den anderen Mädchen dort wäre sie unter ihresgleichen. Gebete und Meditation. Der Dienst im Tempel ist eine ehrenvolle Aufgabe.“ Sie nickte weise zu Bestätigung, als hätte sie sich das Ganze schon durchdacht.

Einer der Wachen drehte sich um und grinste abfällig. „Verweichlichtes Gewäsch! Sie sollte für sich selbst sorgen können und nicht auf die Mildtätigkeit der Leute angewiesen sein! In meiner Familie ist es Brauch, die Kinder mit kaltem Wasser, langen Märschen und Zweigenruten zu disziplinieren. Sie braucht Training und eine Welt der Ordnung. Außerdem“, fügte er hinzu. „ist ihr Schwertarm bestimmt lausig. In ihrem Alter habe ich schon Jagd auf Wölfe gemacht.“

„Die Welt braucht mehr Gewalt? Das wusste ich nicht“, stieß Kamile verächtlich hervor und flatterte aufgeregt mit ihren Flügeln. „Du willst ein Kind schutzlos in der Wildnis allein lassen und gibst mir noch Erziehungsratschläge!? Ein feiner Herr Soldat, sage ich.“

„Pah!“ Der Mann schnaubte Kamile verächtlich an und wandte sich danach von ihr ab, als hätte er beschlossen, dass der Krähe seine Zeit nicht wert war. Stattdessen sagte er zu Sonia: „Ich wünsche euch viel Glück. Sonne auf die Klinge, Sonia. Du wirst es brauchen! Dort draußen leben Monster und Banditen, Skorpione und Trolle… Einige dieser Wesen waren schon alt, als die Welt noch jung war. Sie haben das Recht, sich in den Schatten zu verstecken und auf unvorsichtige Reisende wie Euch zu stürzen“, bei diesen Worten pikste er Sonia mit einem seiner starken Fingern gegen die Brust, „die nicht wachsam genug sind. Du solltest kämpfen lernen, sag ich. Eine feine Schildmaid würdest du abgeben. Wenn du den rechten Weg nimmst, kommst du in Quelsbach an, wo eine Brigade stationiert ist. Das ist ein guter Weg.“

Sonia schüttelte den Kopf. „Nein. Ich möchte eine Hexe werden.“

Der Soldat lachte schallend auf.

Doch der alte Mann gebot ihm zu schweigen. Der Kaufmann sah aus, als wäre er sich nicht sicher, ob Sonias Antwort sarkastisch gemeint war oder nicht. Als er schließlich zu der Auffassung gelangte, dass Letzteres der Fall war, bedeutete er ihr, doch näher zu kommen. Sonia kam der Aufforderung nach.

„Buchsenstübl“, knurrte der alte Mann.

„Wie bitte?“

„Ihr müsst nach Buchsenstübl gehen.“

„Muss sie das?“ Kamile sah Sonia an, doch die zuckte nur mit den Schultern. „Ich habe noch nie von diesem Ort gehört.“

„Genau das will Buchsenstübl ja auch.“ John Fahrenztein deutete auf eine Bergkette in der Ferne. „Diese Berge dort hinten sind die äußerste Grenze unseres Reiches. Es ist ein kleiner verschlafener Ort, fern von Krieg und Monsterangriffen. Nur zwanzig Familien groß, aber friedlich und sicher. Bleibt einfach auf diesem Weg, passiert Quelsbach und folgt dem verschlungenen Pfad, bis ihr dort angekommen seid. Auf zwei Beinen seid ihr morgen Abend dort. In Buchsenstübl traf ich einst eine Frau. Wunderschön. Schwarzes Haar und zwei pralle…“ Er verstummte, hüstelte kurz. „Na, das ist eben Buchsenstübl.“

„Und was ist in Buchsenstübl, dass diese ganze Mühe wert ist?“

„Die Hexe.“

„Welche Hexe?“

„Nun, eben eine Hexe“, sagte der Alte mit säuerlichen Blick und schien offenbar verärgert darüber, dass Kamile noch einmal nachgefragt hatte. „Hatte mir damals wegen meinen Rückenschmerzen geholfen. Die einzige Hexe, die ich sonst noch kenne, ist in Mooswald, und von dort kommen wir ja gerade, nicht wahr?“

„Das könnte bloße Zeitverschwendung sein“, murmelte Kamile leise und putzte sich ihr Gefieder.

Der Kaufmann bedachte sie mit einem verächtlichen Blick, spuckte aus und stand schwerfällig auf. „Mit euch habe ich nicht gesprochen. So, es wird Zeit. Gehabt euch wohl. Auf mich wartet meine Familie und mein Geschäft. Ich habe schon genug Zeit verschwendet.“

„Es ist mitten in der Nacht“, warf Kamile kopfschüttelnd ein.

„Klöster werden in der Regel als Erstes überfallen. Es gibt kaum Wachen, aber Frauen und Kostbarkeiten. Denkt nur an den Raub der Heiligen Insignien von vor vier Monaten im Kloster der Stadt Ghravendulf. Die Schwachen fallen zuerst im Krieg. Das ist doch keine Lösung. Wenn ich mich auf meiner Reise mit einem Winselwelpen und einem vorlauten Krähen abgebe, wird mich das nur behindern. Es war ein Fehler, das Mädchen von Mooswald wegzuführen, Krähe.“, warf er knapp ein und packte seine Sache zusammen, als hätte er plötzlich eilig. „Wenn die besorgten Bürger sich auf die Suche machen, werden sie nicht lange Fragen stellen, wenn sie einen Fremdländer mit dem Kind entdecken. Ich suche keinen Streit mit Stadtwachen. Mein Entschluss steht fest. Ich wünsche euch beiden alles Gute.“ Kurz hielt er inne, griff an seinen Gürtel und warf ihr einen kleinen Lederbeutel zu. Ein paar klingende Münzen. „Damit solltest du dir ein paar gute Kleider kaufen können. Gehabt euch wohl, und danke nochmal.“

Ohne ein weiteres Wort schwang er sich wieder auf den Kutschbock und seine Wachen folgten ihm. Zurück blieb ein Lagerfeuer, die Decke um Sonias Schultern und zwei einsame Gestalten in der Tiefe der Nacht. In der Ferne hörten sie noch das Rumpeln der Räder – dann war er verschwunden.

Kamile seufzte leise. „Er… er ist weitergezogen.“

„Wieso?“ Sie war den Tränen nahe.

„Er will uns loswerden“, sagte Kamile und bedauerte sofort ihre Worte.

Sonia schüttelte den Kopf und blickte zu Boden. „Es… es ist wegen mir, oder? Weil ich hässlich bin.“

In Kamile gefror alles. Sofort eilte sie zu ihr und legte eine ihrer Flügel um die Schultern des kleinen Mädchens. „Nein, Sonia. Das ist es nicht. Du bist ein hübsches Mädchen, wirklich. Der Alte will zurück nach Hause um seine Familie wiederzusehen.“

Sonia war nicht zu beruhigen. Sie schniefte leise und wandte sich ihr zu. „Im Dorf nannten mich alle die Hässliche. Ich hatte einen Spiegel zuhause. Meine Mutter meinte, die wahre Schönheit komme von innen. Wie meinte sie das? Wirst du mich auch verlassen?“

Sie ist wirklich keine Schönheit, dachte Kamile bekümmert, aber lieber wäre sie einem Koch freiwillig in den Kochtopf gesprungen als ihr das zu sagen. Der Buckel, die lange Nase und die gekrümmte Haltung. Sicher hatte sie wenig Freunde gehabt, schlussfolgerte Kamile. Sie blickte sie ernst und feierlich an: „Lieber lasse ich mich in Paniermehl drehen und in einen Kuchen einbacken, als dass ich dich allein lasse. Versprochen, Sonia. Du weißt, dass man Versprechen halten muss?“

Sie nickte und wischte sich über die Nase.

„Du willst wirklich eine Hexe werden?“ fragte Kamile zweifelnd.

„Ja.“

„Sollen wir es mit Buchsenstübl versuchen?“

„Bitte.“

Die Krähe krächzte leise und nickte langsam. „Worauf warten wir dann?“

Ork und Elb

Sechs Jahre später:

In der Marsch im Norden regnete es pausenlos. Die Tropfen fielen hier nie gerade vom Himmel, sondern krumm und schief wie die Wesen, die das karge Land von Haven bestellten. Die Orks lebten auf dem schwarzen Schiefer- und Lavagestein und waren breitschultrige, grimmige Wesen mit grünlich-grauer Haut und einem Gemüt, das vom Land unter ihnen geprägt war.

Der Burggraben von Bohlstagh stank abscheulich, giftige Vulkangase stiegen daraus auf, und es wimmelte von den Überbleibseln von düsterer Zauberei. Die Luft war erfüllt von einem beizenden Gestank nach Schwefel, Verwesung und Exkrementen. Nichts konnte in diesem Sud überleben. Gelegentlich machten sich die gelangweilten Wachen einen Spaß daraus, lebende Geschöpfe hineinzuwerfen, um die Schreie zu hören, wenn sich ihr Fleisch auflöste.

Ein einzelner Reiter ritt leicht und ohne Rüstung auf die Burg zu. Die Gestalt brauchte keine warme wetterfeste Kleidung wie die Elben oder Menschen, denn sie war ein Ork. Stolz reckte sie ihr grünes Angesicht in die kalte Tropfenflut, die sich wie kleine Nadelstiche auf der Haut anfühlten. Das rötliche Haar hinten zu einem langen Zopf gebunden, oben die Seiten mit einem scharfen Stein abrasiert, flatterte die Pracht ungestüm im Fahrtwind. Die kleinen, aber deutlich ausmachenden Hauer, die aus ihrem Mund ragten, zeugten von einer gründlichen Pflege des Gebisses. Die gelblichen Augen spähten finster über das Tal in die dichter werdenden Schatten. Dort lag es, abweisend und von Rauch umwoben. Speere ragten aus seinen Zinnen hervor. Auf der Brustwehr und in Bohlstaghs Turm verbreiteten eiserne Feuerschalen ein flackerndes Licht auf die geschwärzten Felsen, aus denen die massive Burg zu bestehen schien. Die Orkfrau grunzte leise und trieb ihr Pferd an. Kurz vor dem Graben brüllte sie den Wachen den Befehl zu, die Zugbrücke herunterzulassen. Darauf wuchteten sie eine Eisenholzwinde herum, und die dunkle Brücke, von der Schleimfäden herunterbaumelten, senkte sich langsam in die Tiefe.

Stolz und hochmütig galoppierten Pferd und Reiter in den Hof.

Beim Anblick der Ork stieß der Fürst der Burg ein kehliges Lachen aus. „Da kommt sie, ihr Narren! Meine zukünftige Braut!“

Fürst Kael von Bohlstagh war selbst nach den Maßstäben der Orks kein schöner Anblick: die Hauer waren ungepflegt, das wilde Haar lag zottig und wild auf seinem ansonsten kahlen Schädel und er mühte sich beim Gehen mit einem schlechten Fuß ab, das durch Gicht geschwollen war. Ehemals starke und drahtige Arme waren durch übermäßigen Genuss von Fleisch und Wein fett geworden und sein Atem stank bestialisch. Mit zuversichtiger Miene deutete er auf die Frau vor ihm, als könne er selbst nicht glauben, dass er es gut angetroffen hatte. „Seht! Dort kommt Nilo, der bezaubernde Diamant!“

Nilo schwang sich vom Rücken ihres Pferdes und ließ es von einem Sklaven abführen. Die Zugbrücke schloss sich mit lautem Klirren.

Beim Anblick der Ork stießen einige Orks einen Seufzer aus. Nilo war klein für eine Orkfrau, aber drahtig und üppig gebaut, wie die Takelage eines Schiffs. Nur mit einem kurzen Lederrock und einer Fellschärpe bekleidet erlaubte sie gierigen Blicken viel: ein satter Grünton wies ihre Haut auf, noch dazu viele Narben von so manchen Kämpfen – ein deutlicher Hingucker, wenn man bedenkt, dass sich viele junge Orks auch gerne selbst Narben beibrachten, um begehrlicher zu wirken. Doch gerade für die Wachen von Bohlstagh schien die Rechnung nicht aufzugehen: Nilo, der Diamant … und ihr Herr!? So mancher Ork kratzte sich verwirrt am Kopf.

Kael humpelte herbei und hob sie hoch, während er mit schriller Stimme verkündete: „Schürt das Feuer! Holt den guten Würzwein!“

„Mein Geliebter“, seufzte sie tonlos und zog ihn hart zu sich heran, um ihm einen langen, feuchten Kuss zu geben. „Endlich!“

Der Fürst gurrte und kicherte leise, als sie ihm in den Schritt fasste. „Nicht hier, mein zartes Kätzchen…“

„Führ mich wieder herum, Kael“, warf sie atemlos ein. „Und dann lass uns dein Geschenk aufmachen.“

„Geschenk? O ja, natürlich“, grinste er wild und wurde rot. „Kichihihihi,… ich habe Geburtstag.“

Die großen schimmernden Augen der Ork lösten sich von dem Ork, und sie sah sich um. Prägte sich alles ein, und nickte gelegentlich, während ihr Gegenüber ihr Zärtlichkeiten zuraunte.

Sie ließ sich tief in die Feste führen.

Und die Wachen wunderten sich weiter. Offensichtlich war die Welt Havens noch eine Spur ungerechter und seltsamer für sie geworden.

In dem Speisezimmer des Turms hatte ein besonderes Ritual begonnen. Sobald die Hofbediensteten gesehen hatten, wie die zukünftige Braut stolz in den Hof geritten kam, hatten die drei Orkfrauen begonnen die Vorbereitungen zu treffen. Sie riefen Wachsoldaten herbei, um die Trolle aus dem Raum zu entfernen, die wütend protestieren und geifernd fluchten, während sie die Treppen heruntergeschleift wurden. Dann ließen sie die Feuerschalen neu entfachen und wischten mit vor Schmutz triefenden Lappen die kalte Steinplatte, auf dem das Mahl gereicht werden würde. Die Schädel und die Knochen, die von anderen Gelagen zeugten, warfen sie in einen Gebeinkorb im Alkoven, damit nicht irgendwelche hartnäckigen Gerüche die Stimmung trübte. Sie gossen aus einem bronzenen Krug, unter Einhaltung aller notwendigen Zeremonien, süffigen Gewürzwein in Schalen und spießten ein Wildschwein auf, das schon seit Tagen in der Speisekammer auf den Verzehr gewartet hatte. Die grünliche Färbung des Schimmels störte dabei nicht – der Magen eines Orks schätzten eine leichte Magenverstimmung während des Essens wie die Menschen einen kühlen Schnaps danach. Als sich das brutzelnde Schwein in den Angeln über ein herrliches Feuer drehte und alle Teller aufgestellt waren, kamen auch schon der Herr und seine Geliebte an.

Als alles bereit war, ließen sie die Wachen benachrichtigen. Mit hoffnungsvollen Mienen verriegelten sie die Tür. Das Brautpaar würde erst bei Anbruch des Tages wieder sich unter die Leute mischen.

„Eure Majestät…“ Der älteste und erfahrenste Wächter zögerte einen Augenblick lang. „Sollen wir euch wirklich mit ihr…?“ Ihm war die Sache immer noch nicht ganz geheuer, denn die Frau war keine Unbekannte.

„Schweig! Entferne dich!“

Die Tür ward verschlossen und das Festmahl begann.

Orkfrau und Orkmann starrten sich über die Steinplatte an und fraßen sich satt – von Essen kann keine Rede sein, denn nach dem Brauch der altehrwürdigen Ahnen war Schmatzen, Rülpsen und Furzen ein gutes Beispiel für angenehme Etikette. Dabei ließen sie sich nicht aus den Augen und stopften sich den Wamst voll.

Nilo lächelte und riss ein großes Stück aus der Lende. „Ich hoffe, dein Aufenthalt bei dem Khan war erfolgreich…“

Kael rülpste leise und grinste mit Fleischfetzen zwischen den Zähnen. „Er ist von mir beeindruckt.“

„Du hattes Erfolg?“

Kael schloss die Augen, krampfte kurz und entließ hinter sich einen übelriechenden Wind. „Drei meiner besten Männer haben sie erwischt. Hat mich viel Gold gekostet, aber es ist die Mühe wert.“

Ein kalter Wind fegte durch den Raum. Nilo grinste. „Du hast sie?“

„Natürlich. Ich bin Fürst Kael.“

„Natürlich hast du es geschafft. Du bist ein Mann“, gurrte sie hocherfreut und warf den halbabgenagten Knochen hinter sich. „Und ich nur eine schwache Frau.“

Das Lob wirkte. Kael sonnte sich im Glanz und wischte sich mit fettigen Fingern über seine Halbglatze. „Ein Mann muss tun, was er tun muss.“

„Ist sie hier?“

„Willst du sie sehen?“ Er starrte sie an und erbebte. Seine fleischigen Lippen zuckten. „Oh, das gefällt mir. Während wir es tun, starrt sie uns an!“ Am Hals traten seine Sehnen hervor. Quietschend schob er seinen Stuhl zurück und humpelte los.

Er bemerkte nicht, wie sich ihr Gesicht kurz zu einer abstoßenden Grimasse verzog als er auch schon die Schlüssel an seinem Gürtel hervorholte.

Die Zeremonie für ein derlei delikates Detail zu unterbrechen war ungewöhnlich, aber nicht störend. Die Wachen gehorchten und holten die Gefangene.

Die Elbin war eine große Frau, trug ihre blonden Haaren zu feinen Zöpfen und strömte eine Ruhe und Gelassenheit aus, die dem Umstand ihres Daseins Hohn spottete. Die Hände in Ketten, aber königlich wie eine Herrscherin. Jung und attraktiv.

Die Wachen schoben die Gefangene in den Raum und schlossen schnell wieder die Tür hinter sich zu.

Sie war so schön, dass Nilo der Atem stockte. In ihrer Vorstellung waren Elben stets alte verhutzelte Weiber mit scharfen Nasen gewesen. In den Geschichten, die ihr ihre Amme erzählt hatten, waren sie aufdringliche Plagegeister, die den anderen Lebewesen das Leben schwermachten, wo sie nur konnten, die sie bestahlen und ihr Getreide und Vieh verhexten.

Aber diese Elbin war jung und so groß wie sie. Ihr bloßer Körper war anmutig und vollkommen geformt, und ihre Ausstrahlung ging nicht nur von ihr und von ihrem flachsblondem Haar, sondern von ihrem sanften Lächeln aus. Neben ihr stand triumphierend Kael mit den Schlüsseln in der Hand und lachte. Dabei wirkte er wie eine Weinbergschnecke neben einem Pfau. „Das ist Victoria. Gefeierter Stern am Himmel des Musikerhimmels. Für euch, Mylady, werden sich die feinen Hochgeborenen noch dumm und dämlich bezahlen.“ Er konnte sehen, dass Nilo sie mit Bewunderung anstarrte. „Schön ist sie, nicht wahr? Schön und hochmütig wie alle Elben! Als wärd ihr aus Sonnenstrahlen selbst geboren. Eure Art kotzt mich an!“ Fast schien es als wolle er sie schlagen, doch er hielt sich zurück und trat vorsichtshalber zur Seite. „Nein, kein Haar habe ich ihr gekrümmt. Mein Khan würde mich häuten, wenn ihr etwas zustieße. Sie wird unser Faustpfand im bevorstehenden Krieg sein.“

„Der Krieg?“ Nilo runzelte die Stirn. „Also können wir bald wieder los?“

„Ja, und ich werde neben ihm herreiten.“ Stolz schlug er sich auf die Brust. „Fürst Kael, dein baldiger Ehemann, wird noch in den Geschichtsbüchern stehen.“ Er grinste wild und kam mit ausgestreckten Armen auf sie zu. „Dann lass uns unsere Pflicht tun…“

Die Lippen gespitzt.

Nilo lächelte kokett. „Kael, mein Liebster, jede Frau wäre hocherfreut…“ Geschwind war sie bei ihm, stieß ihn gegen die Wand und …

… schlug hart zu.

Die Elbin und Kael waren gleichermaßen überrascht.

Nilo vollführte drei schnelle Hiebe mit ihren Fäusten. Wie ein professioneller Gossenschläger hatte sie sich blitzschnell bereitgemacht und ihn unvorbereitet getroffen. Bewusstlos sackte Kael zu Boden und blieb liegen. Lächelnd wischte sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. „… aber ich muss ablehnen.“

Die Elbin blickte sie stirnrunzelnd an. „Seid Ihr nicht glücklich mit ihm?“

„Wir passen nicht zueinander. Das spürte ich schon bei unserem ersten Treffen“, bemerkte sie trocken. „Es hat mich viel Überwindung gekostet, bis hierher zu gelangen. Seht nur sein schlaffes Kinn und seine große Ohren! Es brauchte nur ein paar Kontakte, ein wenig Süßholzgeraspel… und schon bin ich bei euch!“ Die Ork ahmte lächelnd eine Verbeugung nach. „Victoria, nehme ich an. Wir haben gemeinsame Freunde.“

„Den Göttern sei Dank!“ sagte Victoria und hielt ihr die Fesseln hin. „Doch wir sind, so scheint es, noch nicht ganz aus dem Schneider. Wie gedenkt Ihr, zu flüchten? Oder seid Ihr jetzt die Herrin der Burg und könnt frei über mich verfügen? Bei euch Orks bin ich mir nicht so sicher…“

Die Fesseln fielen klirrend zu Boden.

„Wenn ich Zeit hätte, verehrteste Hochelbin und gepriesenes Wunderkind“, bemerkte Nilo, „so würde ich alles lang und breit erklären, wir würden lachen und in weniger als einer Minute würden die Wachen hier hereinkommen. Mich würde man aufschlitzen, aber Ihr würdet grob zurück ins Loch geworfen werden, bis Ihr euren Zweck erfüllt habt. Ich schlage eine Alternative vor.“

„Die wäre?“

„Ihr seid nicht das einzige Wunderkind hier.“

Jede Burg hat ihre Gucklöcher. Ob Mensch, Ork oder Elb: auch, wenn sich niemand dazu äußern würde, so gab es immer wieder welche, die gerne spannten.

Eine besonders neugierige Wache hatte es sich hinter der Tür gemütlich gemacht und schielte durch einen kaum wahrnehmbaren Schlitz in die breite Kammer, wo sich hinter einem Vorhang in der Düsternis die Decke bewegte.

Der Ork grinste schmierig und versuchte so viel wie möglich zu erhaschen – als plötzlich die Tür aufging und eine schwielige Hand ihn packte. „Schnell!“

„Was? Ich-“ Der Ork ließ vor Schreck seinen Speer fallen, als er die Ork und die Hochelbin nackt vor sich stehen sah. Mit allem hatte er gerechnet, aber bestimmt nicht damit. „Oh.“

„Eurem Herrn gelüstet es nach mehr.“

Der Ork verstand. Er verstand sogar sehr gut.

Noch während er an seiner Hose nestelte, schloss Victoria die Tür hinter ihm. Und Nilo schlug zu.

„Ich hätte einen kühn durchdachten Plan wirklich begrüßt“, bemerkte Victoria säuerlich und zog sich wieder an. „Etwas mit Finesse, ein galantes Bubenstück einem Chevarelt de Voltiq gebührend. Das hier war doch rein profan. Ein Bauernstück gleich.“

Nilo wischte sich über die schweißnasse Stirn und starrte auf die bewusstlosen Orks unter sich. „Das waren alle vier Wachen und der leichte Teil, Verehrteste. Das war die Wache im oberen Stockwerk.“

„Gute Güte! Ich werde mich erkälten“, sagte sie mit einer Stimme wie Kristallwind. „Es könnte bis zum Morgengrauen dauern, bis wir bei den Pferden sind!“

Nilo reichte ihr die Hand. „Sollen wir gehen?“

„Sollte… ich mich nicht verkleiden?“

„Nur diejenigen, die etwas zu verbergen haben, verkleiden sich. Wir Orks mögen stumpfe Ungeheuer sein, die weder Stock noch Stein in eine Reihe bringen können, aber das durchschauen wir. Aber die zukünftige Fürstin der Burg, die mit ihrer Hochelbin-Sklavin durch die Gänge schreitet, das wirkt akzeptabel. Wachen suchen nach dem Besonderen.“

„Ich stimme zu.“

Spitz nahm Victoria ihre Hand entgegen, nickte aber dankbar.

Bevor Nilo noch antworten konnte, dröhnte ein Gong vom Hof. „Mittagessen“, bemerkte Nilo und führte sie aus der Kammer. „Ich habe folgendes beobachtet: die Hälfte aller Wachen gehen beim Gong los, um sich und ihren Kameraden etwas zu holen. Wir können los. Mmh, heute gibt es Hasengulasch.“

Nicht schnell, aber bestimmt gingen beide durch die engen Gänge. „Wollt Ihr euch vielleicht eine Portion holen?“

„Dasselbe wollte ich euch fragen, Hochelb. Ihr seht aus, als hättet ihr seit Tagen nichts gegessen.“

„Meine Mutter schickt einen Ork“, bemerkte sie spitz. „Sieht ihr gar nicht ähnlich.“

„Ich komme nicht im Auftrag Eurer Mutter.“

„Wer schickte Euch dann? Und, bitte, tretet mir nicht zu nahe.“

Nila wandte sich um. „Bin ich Euch nicht sauber genug? Ihr mögt keine Orks, was? Tja, Süße, Pech gehabt. Und zu Eurem Glück richte ich mich nur nach dem Preis sonst würdet Ihr noch lange hier festsitzen.“

Victoria wollte etwas erwidern, überlegte es sich aber anders. Stattdessen betrachtete sie die Gestalt vor sich als würde sie etwas Bizarres betrachten dürfen. „Ich wusste sofort, dass Ihr fähig seid, „sagte sie, fast flirtend, „ihr habt die Augen einer Kriegerin.“

Nilo gefiel ihr sofort. „Und die Ohren eines Schindelläufers“, erwiderte sie. „verfügt über den Rest.“

Nilo erwartete eine kleine Verlegenheit. Stattdessen lachte die Elbin herzhaft. Es klang leicht und sympathisch, voller Leben, und einen Moment lang glaubte sie, sie lache sie aus. Doch in dem Blick der Frau mischte sich Anerkennung mit Bewunderung. Nilo hätte ihren letzten Spruch gerne wiederholt, nur um sie weiter Lachen zu hören. „Sieht so aus, als seien das schon die besten Teile gewesen“, erwiderte sie.

Nilo kam nicht umhin ihre Schlagfertigkeit zu bewundern.

Sie passierten eine Reihe müde daher schlurfender Orkwachen, die ihnen nur gemäßigt Interesse zeigten. Der Magen verlangte sein Recht – für überstürzte Theorien war da kein Platz.

„Ich habe seit Tagen nichts gegessen.“

„Wollen wir verweilen?“

„Verzichte. Wir Elben ernähren uns vom Tau und vom Honig der Bienen.“

„Gut, wir haben nämlich keine Zeit.“

Nilo zog sie in die Küche und schob einen verdutzten Koch beiseite. „Euer Herr hat sich den Magen verstimmt. Seine Geliebten wollen sehen, mit was für Blutegel und Rattenplagen er es in seiner Speisekammer zu tun hat!“

Die Küche war ein fensterloses Loch mit Tischen und Regalen, die auch in einen Folterkeller gepasst hätten: blutige Messer und rostige Äxte lagen zwischen ausgeweideten Tieren und Töpfen mit verschiedenen Gewürzen, hier und dort ein angenagter Knochen zwischen Eingeweiden, die schon seit Tagen liegen mussten. Eine normale Küche – für einen Ork.

Der Koch wurde bleich vor Zorn. „Nur die besten Blutegel und Ratten! Ich schwöre es beim Khan…“

„Zeigt sie mir! Sofort!“ Nilo ging vorneweg, als würde ihr alles schon gehören. Sie betrachtete mit arrogantem Blick die Regale voller Tassen und Teller, die zum Teil noch mit Essenresten vom Vortag aufwarten konnten.

Victoria beeilte sich möglichst nicht in Kontakt mit dem schmierigen Wänden und Töpfen zu kommen, an denen Reste der Kochkunst zu sehen war. Mit spitzen Fingern schob sie sich an dem wütenden Ork beiseite, ihre Miene voller Ekel, doch aus dem Augenwinkel bemerkte sie wie Nilo etwas aus einer Rocktasche holte und in den großen, blubbernden Topf warf. So schnell, dass es auch eine Täuschung hätte sein können. Niemand sonst nahm davon Notiz.

Nilo hatte genug gesehen. „Nun, alles sieht normal aus.“

Der Koch entspannte sich, doch eine Spur Argwohn waren noch zu vernehmen: „Ihr sagt, der Herr… ihm ginge es nicht gut?“

Zu Victorias Überraschung griff Nilo hart an ihren Nacken und drückte sie ohne Vorwarnung nach unten. Sie hob die Stimme und schrie: „Bestimmt wieder so ein elender Elbenfluch! Von den Spitzohren kommt nur Schlechtes! Nichts als Heimlichkeit und Lüge! Vergiften, bah! So dankst du uns unsere Gastfreundlichkeit?“

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