Kitabı oku: «Wrong turn»

Yazı tipi:

Juryk Barelhaven

Wrong turn

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Epilog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5.Kapitel

6. Kapitel

Prolog

Prolog

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Prolog

Impressum neobooks

Epilog

Wrong turn

Langsam fuhr Brown am Einkaufszentrum vorbei, als er den kleinen Jungen bemerkte. Er kam aus dem Haupteingang, schien vielleicht drei oder fünf Jahre alt zu sein und sein Gesicht zu einer Grimasse verzogen, die Brown bestens kannte. Er wollte nicht weinen, würde aber gleich losheulen. Brown hielt kurz an und betrachtete eingehend die Kulisse: eine gut besuchte Einkaufsmeile zwischen der Altstadt und dem Hauptbahnhof von Croydon. Jeden Samstagmorgen unternahmen gestresste Eltern mit ihren Zöglingen einen Einkaufsbummel durch die überfüllten Passagen, kämpften sich durch die allgemeine Hektik der Weihnachtsfeiertage und hofften inständig, dass die greinenden und nach Geschenken gierenden Kinder bis zum Abend sich wieder beruhigt hatten. Manchmal entschwand ein Kind und tauchte ab im Trubel, um noch ein bisschen länger zu glotzen und zu träumen.

Brown hielt seinen Wagen an und spürte die vertraute Anwandlung von Ekel. Doch je öfter er ein Kind aufgriff, umso schwächer wurde das Gefühl. Irgendwann würde es ganz verschwunden sein, aber die Frage blieb, was der Händler mit ihnen anstellte. Beim ersten Mal hatte Brown den schmierigen Händler gefragt und als Antwort bekommen, dass sie sicher und geborgen ein neues Zuhause bekommen würden. Dabei hatte er ihn ausdruckslos angestarrt, und Brown hatte in der Pause folgende Botschaft verstanden: Und wenn du schlau bist, fragst du nicht weiter. Die Spielschulden waren hoch, und wenn er binnen zwanzig Stunden dem Händler nicht die Ware brachte, würde er mehr als nur Unannehmlichkeiten erdulden müssen.

Brown litt unter Schlaflosigkeit, machte sich Gedanken über die kleinen Engel und wünschte sich insgeheim, er hätte nie damit angefangen in kleinen verrauchten Bars Karten zu spielen. Aber seine Leidenschaft gehörte den Karten und jedes Spiel war ihm recht, solange man dabei gewinnen konnte.

Aufmerksam betrachtete Brown den Jungen. Er wollte, dass ihm jemand half, dass ihm jemand die richtige Frage stellte: Hast du deine Eltern verloren? Sollen wir sie suchen gehen?

Doch es wäre nicht klug gewesen, sofort auszusteigen und sich dem Jungen zu nähern. Brown suchte nie an denselben Orten zweimal und achtete stehts auf aufmerksame Wachmänner und Kameras. Das Timing war wichtig. Zweimal waren sogar die Eltern rechtzeitig aufgetaucht und einmal hatte ein besonders aufmerksamer Wachmann ihn bis zu seinem Wagen verfolgt. Noch drei Fahrten. War das zu viel verlangt? Er atmete tief durch, hängte seine Invalidenplakette an den Rückspiegel und steuerte den Lieferwagen in eine Parkbucht speziell für Invaliden, denn sie lagen immer günstig und nach seiner Erfahrung würde niemand Fragen stellen.

Er stellte den Motor ab und holte seine Tasche hervor, in der das Chloroform, einen Lappen und Klebeband aufbewahrte. Das Kind konnte ihm aus seiner misslichen Lage heraushelfen, doch einmal erwischt würde es das Ende für ihn bedeuten. Unangenehme Fragen, eine Ermittlung und Knast drohten – und einen nicht amüsierten Händler, der am Ende seiner Haftzeit auf Michel Brown warten würde. Und sicher würde er Mittel und Wege finden, Brown die Ernsthaftigkeit der Lage klarzumachen.

Brown stieg aus, zog die Kappe über seinen Kopf und näherte sich vorsichtig dem Jungen, der sich immer ängstlicher umschaute. Jawohl, dachte er, der Kleine musste um die fünf Jahre alt sein, vielleicht sogar sechs. Er wirkte zart und trug keine Secondhand-Ware, sondern teure Kinderkleidung. Brown hatte mittlerweile einen Blick für Kinder reiche Vorstädter bekommen und seltsamerweise machte ihm diese Erkenntnis seine Arbeit etwas erträglicher: die Reichen würden sich mit ihrem Verlust schon irgendwie arrangieren, vielleicht adoptierten sie wieder ein Kind oder bezahlten einen teuren Psychologen dafür, den Schmerz weg zu therapieren. Ein hässlicher Gedanke.

Langsam fing der Junge an zu weinen. Wenn er laut werden würde, würde jemand auf ihn aufmerksam werden. Das konnte Brown nicht gebrauchen.

Brown beschloss seine Chance zu nutzen. Die Brust des Jungen zuckte, und die Zeit wurde knapp. Er ging zu dem Kind, ein junger Mann im Khaki-Hemd und einem Gesicht voller Sorgen. Die Hände auf die Schenkel gestutzt, beugte er sich über den Jungen, der ihm sein verstörtes, zartes Gesicht zuwandte. Himmelblaue Augen starrten ihm entgegen, wobei die Farbe durch die Tränen intensiviert wurde.

„Hast du deinen Daddy verloren, mein Sohn?“ fragte Michel Brown und lächelte freundlich.

1. Kapitel

Weit draußen im All schwebte eine blass glänzende Kugel, ein Klasse M-Planet mit der leicht irreführenden Bezeichnung Oasis, die sicherlich nicht zum Verweilen und zur Stärkung von müden Gliedern einlud. Früher einst ein dichtbesiedelter, frisch kolonisierter Planet der Gesellschaft, bis unerwartete Meteoriteneinschläge das geordnete Leben praktisch unmöglich machte und aufgegeben werden musste. Doch die Gesellschaft schmiss nichts weg – Oasis hatte nun eine neue Bestimmung gefunden. Nach der Aufgabe Oasis und der Errichtung eines Freiluftgefängnisses sorgten die Satelliten von SpaceTec dafür, dass nichts den Planeten verließ. Irgendwo weit oben im Orbit kreisten Dutzende von schwerbewaffneten Satelliten herum und schirmten alles ab. Funkverkehr hingegen war vielleicht nicht erlaubt, wurde aber auch nicht unterbunden. Man hatte im Laufe der letzten Jahre die Erkenntnis gewonnen, dass es einfach niemanden interessierte, was nach Oasis kam. Was dort landete, würde auch dort sterben.

Zahlreiche Satelliten, Drohnen, versteckte Kameras und letztendlich die eingepflanzten ID-Chips der Gefangenen vermittelten eine nie endende Soap-Opera, in Live und in Farbe. Dagegen konnte das Bezahl-Fernsehen nicht anstinken, fanden viel der Angestellten von SpaceTec und betrachteten die endlos wuselnde Welt der Generierten und Verlorenen.

Für die Menschen auf Oasis war es die Hölle.

Captain Max Snow durcheilte mit energischen Schritten den Flur, der zu seiner Kommandobasis führte. Seine Sekretärin hatte ihn mitten beim Frühstück zu einer unerwarteten Besprechung gebeten, und die zwanzig Minuten, die er dadurch verloren hatte, wirkten sich nun äußerst unangenehm auf den Zeitplan des Sicherheitschefs des privaten Sicherheitsunternehmens SpaceTec aus, die für die sichere Verwahrung des größten Freiluft- Gefängnisses der Galaxie verantwortlich war. Zum Glück konnte sich Snow auf seinen Mitarbeiterstab verlassen. Sie kamen pünktlich, starteten die morgendlichen Programme, überprüften die Ergebnisse der Nachtschicht und konnten ihn über den gegenwärtigen Stand unterrichten.

Der schlanke Mitte Dreißiger besaß einen trainierten Körper, der mal jung und attraktiv gewesen war – jetzt fielen ihm andere Adjektive ein. Kleine wie große Narben zeugten von einem entbehrungsreichen, disziplinierten Leben auf Militärbasen und Schießständen. Er näherte sich den Türen zu seinem Arbeitsplatz mit seinem üblichen schnellen Schritt. Die beiden Wachen, die dort mit voller Bewaffnung standen, registrierte er kaum. Sie waren fast unsichtbar für ihn, ein Teil der Einrichtung wie die Nieten an den Drucklufttüren. Alle vier Stunden wurden sie ausgetauscht, doch kamen sie ihm alle identisch vor, mit ihrem starren Blick, dem ausdruckslosen Gesicht, der weißen Panzerung, und der schweren Waffen. Schwarz, weiß, braun, Frauen, Männer, für Max sahen sie alle gleich aus. Sie waren auserlesene Wachen, hochbezahlt und im Ernstfall fähig, entsprechend zu agieren. Genau wie sie waren auch alle Techniker, Mechaniker, IT-Spezialisten und selbst die Lagerarbeiter im Dock handverlesen und mehrfach geprüft worden. SpaceTec geizte nicht mit fürstlichen Löhnen, aber dafür wollten sie auch Resultate sehen.

Die Türen öffneten sich lautlos und gaben ihm den Weg in sein Allerheiligstes frei. Wie zu erwarten war sein Team bereits vollzählig versammelt, emsig bei der Arbeit, im Dienste der Firma. Und diese Kommandozentrale war dafür der perfekte Ort. Hier gab es nur das Beste von allem, die besten Apparate, die besten Programme und die besten Mitarbeiter. Die Resultate würden das beweisen. Nachdem er herumgegangen war und sich davon überzeugt hatte, dass alles genau so war, wie er es haben wollte – fast zu schön, um wahr zu sein -, wandte er sich endlich dem Hauptbildschirm zu.

Preston Smith, sein junger, dunkelhaariger, ehrgeiziger Assistent, wartete bereits auf ihn. Er sah so angespannt aus, dass Max befürchtete, er würde gleich von einem Bein auf das andere hüpfen. Aber er konnte es seinem Schützling nicht verdenken. Nach allem, was sie in den letzten vier Jahren beobachtet hatten, entwickelte sich Oasis … abenteuerlich.

„Was gibt es Neues auf der Spielwiese“, sagte Max zu seinem Assistenten. „Und nur die wichtigsten Punkte, bitte.“

Smith nickte. „Die H-66 wollen einen Deal mit den PureNations, aber ihr Anführer ist krank geworden, was seine Generäle dazu veranlasst, um über seine Nachfolge zu streiten. Im Osten von Extraktion Vier hat sich ein Clan an einem Wasserloch breitgemacht. Da ihre Anführer sich laut ID mit Kolonisierung auskennen, könnte es der Beginn von einer ruhigen, friedlicheren Kolonie werden. Überwiegend Frauen“, bemerkte er mit einem anzüglichen Grinsen.

Max unterdrückte ein Stirnrunzeln. Es gefiel ihm nicht, dass Smith dazu neigte, sich zu sehr für die Leben der Gefangenen zu interessieren; es kam ihm nicht besonders professionell vor. Aber Smith war ein derart guter Analyst und darüber hinaus so fleißig und loyal, dass Max versuchte, über solche Spleens hinwegzusehen. „Wollen wir hoffen, dass die anderen Banden ihnen Zeit lassen, sich eine gut geschützte Basis aufzubauen. Sie mögen Kriminelle sein, aber auch sie verdienen Ruhe und Frieden. Was noch?“

„In den letzten vier Stunden vierzehn Ausfälle“, bemerkte Smith trocken und zeigte auf sein Tablett mit den dazugehörigen IDs und vollständigen Namen und Hintergrundgeschichten. Max überflog die Zeilen. „Und Sie haben Besuch“, endete Smith und deutete auf einen Konferenzraum hinter den Monitoren, hinter dessen Verglasung zwei Menschen standen und auf die Computerwelt unter sich starrten. „Der Haupteigner von SpaceTec möchte Sie sehen. Er kam mit der letzten Fähre. Inkognito.“

Max wandte sich um, öffnete den Mund, sagte aber nichts und nickte nur. „Weitermachen“, bemerkte er leise und neugierig geworden machte er sich auf dem Weg.

Derrick Waldmann war ein Philanthrop, ein Macher und einer der reichsten Männer der Welt. Der fünfundvierzigjährige Mann mit dem breiten Kreuz und seinem Südstaatenakzent investierte klug in allen möglichen Bereichen und war als erfolgreicher Inhaber eines Mischkonzerns schon zweimal auf dem Titelblatt der Times zu sehen gewesen. Von Derrick Waldmann hieß es, er habe als junger Mann durch sein bloßes Erscheinen eine in vollem Gange befindliche Party schlagartig verstummen lassen. Ein sprudelnder Quell voller Tatendrang und Unternehmergeist – doch als Max die Tür öffnete, traf er einen gebeugten Mann vor, der bleich und schwach in einem Sessel vor sich hinstarrte. „Derrick!“

Der Milliardär sah sich um und erspähte Max. „Max! Gut siehst du aus.“

Max trat auf ihn zu und reichte seinem Freund die Hand und stutzte, als dieser aufstand und ihn umarmte. Derrick wirkte, als fände er aus fernen Welten zurück in die bittere Realität und hätte viele Stunden Schlaf nötig.

Die meisten Menschen sahen einander in die Augen, um Aufmerksamkeit und Interesse zu bekunden. Es geschah eher nebenbei, man nahm den anderen als ganze Person wahr. Was von Pupille zu Pupille geschah, folgte vornehmlich einer Funktion, nämlich Kommunikation zu ermöglichen und zu vertiefen. Max hielt seinen Freund fest, länger als für gewöhnlich und fühlte sich wie eine Boje im Meer, an die sich ein Ertrinkender festklammerte. Natürlich kannte er den Grund. „Derrick, es tut mir leid“, hauchte er seinem Freund in die Schulter und tätschelte ihm den Rücken. „Das sollte keinem Kind geschehen.“

Der schwerreiche, aber nun sehr arme Mann ließ schließlich ab und starrte ihn aus Augen an, die nur Kummer und Verzweiflung kannten. Max fühlte sich überrumpelt. Fast hasste er sich dafür, dass er seinem Freund nicht beigestanden hatte, als er die Nachricht vernommen hatte. Man konnte sich nicht davor schützen, denn alle Medien berichteten davon: Kevin war endlich gefunden worden.

„Ich hätte dich ja besucht, aber ich komme hier schlecht weg“, stammelte Max zu ihm. „Wie geht es Martha?“

Derricks Augen ließen Halbheiten nicht zu. Sie suchten keinen Kontakt, sie erzählten eine Geschichte.

Er schüttelte langsam den Kopf und ließ sich schließlich langsam wieder in den Sessel zurückfallen. Max war schockiert über diese Schwäche, denn Derrick war als harter Finanzhai bekannt, der skrupellos Firmen splittete. Jetzt wirkte er, als hätte man ihm alles genommen. Im Grunde stimmte das auch. Kein Geld der Welt konnte ihm helfen. „Martha geht es gut.“ Es war ein Stöhnen, fast mehr ein Raunen und beide wussten, dass es eine Lüge war. Max besaß Taktgefühl um nicht weiter nachzubohren. Hinter Derrick bemerkte er den zweiten Gast.

Max runzelte die Stirn und starrte den dünnen Mann im schwarzen Sakko an, der mit seinem glattrasierten Schädel und einem teuren, dunklen Zweireiher wie ein Pinguin wirkte.

Max sah ihn an, offenbar verwirrt, seine Aufmerksamkeit plötzlich zwischen sich und Derrick dreiteilen zu müssen.

Der Mann trat einen Schritt vor und reichte ihm die Hand. „Hansen. Spiro Hansen.“

„Sehr erfreut“, sagte er lahm und schüttelte die schwielige, feste Hand auf dessen Handrücken das Tattoo eines Skorpions zu sehen war. Definitiv kein Anwalt. „Möchtet ihr etwas zu essen? Wir können uns etwas aus der Mensa holen lassen“, half Max aus und fühlte sich wie eine schlechter Gastgeber.

„Ein andermal.“ Derrick setzte sich schweratmend zurück, als würde ihm jede Bewegung zusätzliche Energie kosten. „Ein Kaffee, wenn du hast.“

„Natürlich.“ Max gab die Bestellung weiter und wenige Momente später wurde ein tablett serviert. Jeder nahm sich eine Tasse. Derrick lächelte sanft und klopfte Max freundschaftlich auf die Schultern. „Von deiner Tochter hört man nur Gutes. Sie hat ihre eigene Kanzlei aufgemacht. Washington D.C soll zu dieser Jahreszeit schön sein. Du kannst stolz sein.“

„Ja, das bin ich auch.“

„Ich möchte sie mehr einbinden. Wir suchen noch gute Kräfte, die unsere Interessen vertreten.“ Er lächelte Max väterlich an. „Ein paar Empfehlungen hier und dort, und sie sitzt bald im festen Sattel. Gute Anwälte gibt es wie Sand am Meer, aber gute Geschäftspartner machen das Leben erst erträglich.“

„Sie würde sich freuen, Derrick. Das ist sehr nett von dir.“ Er lächelte dankbar. „Willkommen bei SpaceTec.“

Derrick legte den Kopf zur Seite. Dann streckte er langsam die Hand aus. Max ergriff sie. Seine Finger umschlossen die seinen mit einem kaum wahrnehmbaren Druck. „Mir gehören neununddreißig Prozent von SpaceTec, Max, und ich hätte eine Bitte. Wir sind Freunde und ich weiß deine Anteilnahme zu schätzen. Deine Schwester hat sich gut um Martha gekümmert. Darum bin ich persönlich hier, um dich um einen persönlichen Gefallen zu bitten.“ Er warf Hansen einen kurzen Blick zu, als wolle er sich vergewissern, dass er noch da ist. „Das ist eine vertrauliche Angelegenheit. Spiro ist ein freier Mitarbeiter, übrigens. Ich möchte deine Dienste in Anspruch nehmen.“

„Natürlich, Derrick.“

„Du sollst einen Mann ausfindig machen.“

„Wenn er auf Oasis ist, ist er schon so gut wie gefunden.“

„Ich plane meine Anteile etwas zu verlagern. Die fünf Prozent an SpaceTec werde ich verdreifachen, sobald der Markt am Samstag wieder aufmacht. SpaceTec und wir“, damit meinte er die Liga der Aktionäre, die Milliarden in das Projekt steckten, „stehen deinen Aktivitäten wohlwollend gegenüber. Bis zum Monatsende sorge ich dafür, dass du nie wieder um einen Cent betteln musst.“

Max schluckte zaghaft und nickte freudig. Wo war der Haken?

Derrick und Hansen lehnten sich zurück und schienen zu warten.

„Als Chef der Finanzen plädiere ich natürlich für ein Ja“, bemerkte Max, als habe er seine Gedanken erraten. „Erstmals hätten wir den seltenen und bemerkenswerten Fall, dass wir unserem Haupteigner einen Gefallen tun dürfen. Wenn wir die Person herausholen, gäbe es noch zu besprechen, welche ID sie bekommen muss. Natürlich kann sie nicht zurück in ihr Heimatland gehen. Auch Europa würde ich für unklug halten. Aber es gibt schöne Ecken in Asien. Vietnam ist beliebt, wenn man mit ein paar Kübeln Regen leben kann. Ein ruhiges, beschauliches Leben erwartet sie dort und das Essen ist ganz wunderbar.“

„Ich will ihn haben“, antwortete Derrick.

„Ein alter Freund aus Kindheitstagen?“

„Du machst es möglich.“

„Wir können diesen Dienst anbieten, weil bislang kein Staatsanwalt davon Wind bekommen hat. Sollte sich jemand unvorsichtigerweise verplappern oder einer der Verurteilten wieder in sein altes Jagdrevier aufmachen und die Behörden ihn entlarven, sind wir dran, Derrick. Ich würde mich ungern schmerzhaften Fragen aussetzen, die ich nicht beantworten kann.“

„Mach dir keine Sorgen.“

„Na schön“, bemerkte Max nach einer Weile. „Ich sage dir das, was ich allen Kunden sage: wenn es sich bei der Zielperson um einen Drogenkartellboss oder einen psychisch labilen Serienmörder handelt, werden wir nicht aktiv. Das ist mein Ernst, Derrick. SpaceTec würde mir die Haut abziehen, wenn ich einen Ed Gein oder Ted Bundy wieder auf die Menschheit loslasse. Das kannst du sicherlich verstehen.“

„Mach dir keine Sorgen.“

„Um wen handelt es sich?“

„Michel Brown“, antwortete diesmal Hansen und zog einen USB-Stick aus einer Tasche, den er vor sich auf den Glastisch legte. Sein Gesichtsausdruck blieb gelassen, aber Max bemerkte, wie Derrick kurz die Augen schloss. Die Art, als würde er einen altbekannten Schmerz versuchen auszuweichen. Maxs Radar begann zu summen.

„Ist es etwas persönliches?“

„Nein“, sagte Derrick gedehnt und starrte an die Decke, als müsste er sich die Worte zurechtlegen. „Er ist der Sohn einer meiner Sekretärinnen und hatte hier und da ein bisschen Pech. Wollte Chemie studieren, aber hat sich Schulden angehäuft. Hat mit Drogengeld sein Studium aufgebessert und wurde erwischt. Hatte eben Pech“, meinte Derrick achselzuckend. „Das bin ich ihr schuldig.“

Die Lüge war schnell zu durchschauen, und es ärgerte Max, dass sich sein Freund wenig Mühe dabei gab. Und dass er überhaupt log, natürlich.

„Deine Sekretärin, sagst du“, stellte Max klar und tippte den Namen in seinen Laptop. „Mmh, mal sehen. Verurteilt wegen Drogenbesitzes und Herstellung von synthetischen Drogen. Kam vor zehn Monaten an.“ Er rief auf seinem Tablet eine Zusatzdatei auf und ließ den Rechner nach der ID fahnden. Ja, der war hier. „Er lebt in einer Extraktion, die überwiegend friedlich ist“, sagte er und wusste gleich, dass Derrick etwas vorhatte. Aus dem beigefügten Datensatz hatten Ermittler der Polizei Michel Brown mit einem Kinderhändlerring in London in Verbindung gebracht.

Derrick, was hast du vor?

Er starrte seinen Freund durchdringend an und entschloss sich Klartext zu sprechen. „Ich betone, dass ich die Verantwortung allein für jeden Einsatz trage.“

„Ja, Max.“

„Du denkst, dass er etwas mit Kevins Verschwinden zu tun hat.“

Derrick zögerte, dann änderte er plötzlich die Taktik. „Ja, Max.“

Beide starrten sich an.

„Nein, Derrick.“ Was Derrick mit Michel Brown vorhatte, war weder vernünftig noch gesund. Es war kriminell. Das hier war groß. Zu groß, um es schriftlich in eine Akte von SpaceTec zu verewigen und zu düster, um es später bei einem Bier in einer gemütlichen Kneipe zum Besten zu geben. „Bist du dir mit ihm… wirklich im Klaren, Derrick?“ fragte er zaghaft und faltete die Hände zum Gebet. „Das wird dir keinen Frieden bringen…“

Derrick Waldmann starrte seinen Freund ausdruckslos an und schüttete Zucker in seinen Kaffee. Fast mechanisch und so konzentriert langsam, als wolle er jedem einzelnen Zuckerkristall persönlich Lebewohl sagen. Max machte sich Sorgen, und zwar erheblich.

Als das letzte Krümelchen Zucker verbraucht war, wandte sich Derrick langsam Max zu. „Wusstest du, dass ich vierzigmal fremd gegangen bin?“

Maxs Miene veränderte sich vor Überraschung. Fast schien es, als habe er ein Lächeln gesehen, aber schon war es wieder verschwunden. „Nein, Derrick, das wusste ich nicht.“

„Martha und ich hatten ein Abkommen. Sie machte mit diesen Tennislehrer weiter und ich konnte mich ausleben. Win-Win, sozusagen. Wir dachten nie an Familie, wir wollten einfach nur leben. Saskia war rothaarig und eine Reporterin, Natasha war blond und eine Tänzerin“, er hielt kurz inne, und wischte sich über die Augen. „War eine geile Zeit, und wir hatten alle unseren Spaß.“

Max schwieg und fragte sich, wohin die Geschichte führen sollte.

„Nun, dann wurde Martha schwanger. Wir wussten beide, dass es der Tennislehrer war. Also kaufte ich Blumen und schenkte sie ihr. Ich fragte sie, ob sie abtreiben wollte. Nein, sie wollte es behalten. Ich machte mir keine Sorgen. Offengestanden, haben wir uns nie geliebt. Ein ständiges Kommen und Gehen zuhause.“ Seine Miene veränderte sich. Die Augen wurden größer, als würde er in der Ferne etwas Aufregendes sehen. „Monate später kam ich als Letzter im Krankenhaus an. Ich war nur mäßig interessiert an den Bastard. Von mir aus hätte es ewig so weiter gehen können, und dann… kam ich näher ans Bett und der kleine Kerl umfasste meinen Finger mit seiner ganzen Faust. Hielt sie fest. Hielt sie einfach fest.“ Eine einzelne Träne rann aus seinem Auge und er wischte sie fort. „Manchmal sagte ich Konzerntreffen ab, um früher zuhause zu sein. Ich lag nächtelang am Bett, um seinen Atem zu hören. Meinen Frauen zahlte ich eine Abfindung und verdonnerte sie zum Schweigen. Kevin war zu einem Bindeglied geworden. Zwischen mir und Martha. Sie hatte es auch gespürt. Wir hätten für ihn töten können. Der Tennislehrer verschwand, und wir wollten jetzt diesen kleinen Kerl ganz für uns haben, verstehst du das?“ Er hustete kurz und nahm probeweise einen Schluck von seinem viel zu süßen Kaffee. „Und dann habe ich ihn in Croydon aus den Augen verloren. Ich erspare dir die Details, Max, aber wenn du diese eine Sache für mich tust, macht dir der Vorstand keinen Ärger mehr. Es ist alles vorbereitet. Ich will das Schwein in meinem Keller haben.“

Hansen setzte sich direkt neben Max. Er hatte kein Interesse daran, ihm Freiraum zu lassen. Im Gegenteil, es schien, als bedränge er ihn absichtlich, als wolle er ihn provozieren, um zu sehen, ob er sich noch einmal über ihn erheben würde. Max gefiel es nicht, aber er konnte nichts dagegen tun. Derrick hörte anscheinend ja doch nicht auf ihn. Zumindest sah er jetzt klarer: Derrick wollte diesen Michel Brown ganz für sich haben. Und sein eigenes Hostel-Filmchen drehen…

So kenne ich dich nicht, Derrick. Du lockst mit Geld und Karriere und schüttest mir dein Herz aus und dann erzählst du mir, was du vorhast!?

„Ich bitte dich um diese eine Sache, Max. Er ist eine Schmeißfliege, ein Nichts. Ich werde großzügig sein“, sagte der Inhaber eines Mischkonzerns tonlos und schob die Tasse mit spitzen Fingern langsam von sich. „Tu es und ich halte mein Wort. Tu es nicht und…“

„Sonst was?“

Derrick tat gar nicht erst, als habe er seine Frage missverstanden. „Du besitzt Fantasie, Max.“

„Derrick, bitte. Du solltest verstehen, dass ein falscher Schritt nicht nur den Tod bedeuten kann, sondern auch das Aus für uns alle. Für eine ganze Abteilung. Deshalb bitte ich dich, ...“

Derrick stand auf, schob sich wortlos an ihm vorbei und hielt auf die nächste Tür zu. Im Vorbeigehen bemerkte Max an seinem Blick, das Frieden keine Option war. Es war, als rausche ein Hai an ihm vorbei. Zum ersten Mal wurde ihm kalt bei dem Gedanken, Derrick als Freund zu verlieren.

Oh, shit.

„Was soll ich dem Vorstand sagen? Ich muss alle Aktionen mit ihnen abstimmen. Sie werden niemals zustimmen, Derrick!“

„Dann sorg dafür, dass sie nichts mitbekommen.“ Er warf seinem Freund einen Blick aus Augen zu, aus denen Kälte strahlte.

Und Max verstand, dass er verloren hatte. Derrick war krank und brauchte Hilfe. In seiner Gemütsverfassung konnte er alles Mögliche tun. Er schluckte schwer und nickte verstehend.

Und Derrick verschwand durch die Tür, als wäre alles gesagt.

Max Snow und Spiro Hansen starrten sich an.

Hansen wirkte, als hätte er alle Zeit der Welt. Süffisant grinste er bloß.

„Also dann“, sagte Spiro Hansen unvermittelt und stand auf. „Sollen wir beginnen?“

Max wandte den Kopf ihm zu und runzelte die Stirn. „Wollen Sie nicht ihrem Chef nach?“

„Ich bleibe hier, Mister Snow, und werde auch bei der Übernahme dabei sein.“

„Bitte?“

„Ich gehe runter. Also auf die Oberfläche von Oasis und Sie zeigen mir, wo er ist. Ganz einfach.“

„Ganz einfach, soso“, bemerkte Max und wandte sich ihm jetzt zu. „Das ist Ihr Ernst, was?“

„Todernst.“ Er nickte zur Tür, durch die Derrick Waldmann verschwunden war. „Das entspricht auch seinem Wunsch. Das versichere ich Ihnen.“

Max maß dem Fremden mit einem Blick, der nicht besonders freundlich war. Langsam nahm er sein Tablet zur Hilfe und lockte sich in die Datenerfassungssoftware ein. „Spiro Hansen. Da habe ich Sie ja.“ Nachdem er fertig gelesen hatte, lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme. „Spiro Hansen. Sie waren drei Jahre bei der Fremdenlegion und dann… vier lange Jahre von der Bildfläche verschwunden.“ So liest sich der Lebenslauf eines Auftragkillers, dachte Max. „Wie sind Sie an die Stelle gekommen? Ist ja nicht so als würden für sowas Flyer im Supermarkt aushängen…“

„Fragen Sie nicht.“

„Oh, doch, das tue ich.“ Max setzte sich langsam auf. „Dort unten bin ich für die Sicherheit verantwortlich. Meine Teams agieren ohne Rückendeckung auf einem Planeten voller Monster. Wenn es nur wegen des Thrills ist, schlage ich Medikamente vor. Falls Sie Ihren Lebenslauf aufhübschen wollen, könnte ich Ihnen entgegenkommen. Eine Vollzeitstelle als Lagerist hier oben … zwei Jahre befristet. Na, wie wäre es?“

„Verzichte. Lassen Sie uns sachlich bleiben“, hörte er Hansen antworten und zuckte zusammen.

Max nahm sich die Zeit und schaute genauer hin: nur eine schwielige Hand, manikürte Fingernägel und saubere Klamotten. Wenig Fett, aber auch keine trainierten Muskeln. Saitenspieler besaßen Hornhaut an den Fingern und selbst Programmierer konnte Max identifizieren: dieser Mann war nichts davon. Wie ein aus dem frisch gepelltes Ei aus einem Modekatalog konnte er zwar beeindrucken, aber den langen Weg eines Soldaten hatte er nicht bestritten. Max Snows Fazit: ungeeignet. „Sachlich. Na schön.“ Er stand nun auf und bedeutete ihm zu folgen. Kurz hinter der Tür zeigte er auf den großen Hauptbildschirm, der noch immer Oasis von seiner schönsten – und einzigen schönen Seite zeigte. „Wissen Sie, wo ich Sie eher hinstecke?“ Er tippte ein paar Befehle in sein Tablet ein und sofort wechselten kurze Videosequenzen über den Hauptbildschirm: fliehende Menschen, brennende Autos, umgestürzte Bauten und Kriminelle, die wild mit Messern und Äxten um sich schlugen. Es waren Bilder, die niemals zur besten Sendezeit auf der Erde über die Bildschirme gezeigt werden würden – die ungeschönte raue Seite eines Planeten, der voller Kriminelle war.

Smith am anderen Ende des Raumes trank einen Kaffee und prostete unbeeindruckt seinem Vorgesetzten zu, während andere Mitarbeiter geflissentlich wegsahen. Sie kannten das unfreundliche Klima und die kleinen Geschichten rund um Oasis.

Max deutete auf eine Gruppe von Schlägern, die auf einen Mann am Boden einprügelten. „Dort unten sind die H-66, die Wölfe von Durow, RedMedussa, die PureSkys und 911Hellboys. 22 Clans teilen den gesamte Planeten unter sich auf. Ihr Geschäftsmodell: Drogenhandel, Glücksspiel und Prostitution. Wir haben auch Biker-Gangs, die sich hervorragend auf Menschenhandel verstehen. Es sind ehemalige Mitglieder der Triaden, von der Mara Salvatrucha, Arische Bruderschaft bis zu den Crips. Das dort unten ist ihr Platz.“ Er lächelte humorlos und zeigte ein Video von Männern, die eine Frau vergewaltigten. Zu seinem Vergnügen zuckte Hansen zusammen. „Wir haben auch Perverse, Serienmörder und leider auch einige Unschuldige, die da einfach nichts zu suchen haben. Wir sind wie das Allsehende Auge Gottes. Darum glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass Sie dort unten nicht sein wollen.“

„Warum…beobachten sie sie?“ fragte Hansen leise und ganz und gar berührt.

„Weil kein von Menschen gemachtes System perfekt ist“, antwortete Max voller Überzeugung. „Weil sich sogar Unschuldige im Knast einfinden. Darum machen wir das hier.“

„Nicht wegen dem lukrativen Nebenverdienst? Ich hörte, dass ihr euch die Gerechtigkeit extra bezahlen lasst“, bemerkte der Söldner säuerlich und starrte Max herausfordernd an. „Schade, dass nicht jede Familie eines Unschuldigen sich diesen Luxus leisten kann…“

Max nickte verstehend und beendete mit einem Knopfdruck das kleine Schauspiel. Einige Mitarbeiter hatten sich fragend umgedreht und starrten zu ihm auf. Er ging weiter voraus und öffnete die nächste Tür. „Ich lasse nur die Besten der Besten auf die Oberfläche.“

„Sie wissen garnichts über mich.“

„Das ist ja das Problem.“

Sie gingen weiter in einen Aufenthaltsraum, in dem eine Küche, ein Fernseher, eine breite Sitzreihe und ein Flipperautomat standen. Zwei Männer und Frauen lasen Bücher oder unterhielten sich, während Max und Hansen eintraten. Als die kleine Gruppe Max bemerkte, nahmen alle sofort Haltung an.

„Stillgestanden.“ Max lächelte und marschierte langsam mit verschränkten Armen hinter dem Rücken vor den Soldaten, die hart und mitleidlos wirkten. Er deutete auf die ersten beiden Personen, deren Körper eine einfache Geschichte aus Drill und Training erzählten. „Das sind meine Diamond dogs, Sie Held. Ich habe zwei Teams. Team Eins besteht aus Ivan und Marlene Smirnow, Bachelor in Ökonomie, CCNY Master in Strategic Studies, Naval War College. 56.000 Flugstunden, 112 bestätigte Tötungen, kein Kollateralschaden. Das sind Geschwister, Spiro, die sich ihr Leben lang gegenseitig unterstützen. 99% Disziplin.“ Die Geschwister wirkten hart und gestatteten sich ein Lächeln.

Max nickte freundlich und schlenderte gelassen zur zweiten Gruppe hin. „Team Zwei besteht aus Carsten Frost, ehemaliger GSG9- Kommandant und Seher Betham, einer paramilitärischen Offizierin aus der Türkei. Würde ich den IQ von beiden zusammenzählen, würde das jeden Universitätsprofessor blass aussehen lassen. Ruhig und analytisch, sprechen zusammen zwölf Sprachen und waren schon an Orten im Einsatz, von denen Sie nicht mal etwas gehört haben. 99% Erfolg.“ Der blonde Hüne in der Ecke beäugte Hansen, als könne er nicht einschätzen, was der Fremde bei ihnen zu suchen hatte. Die braungebrannte Soldatin mit dem keltischen Seitenscheitel zeigte sich unbeeindruckt, nickte aber lächelnd ihrem Captain zu.

Die Show war vorbei. Der Captain drehte sich triumphierend um. „Was wissen Sie über mich?“ fragte Max interessiert und wirkte dabei wie der Anführer einer Schulclique, der den Neuen abschätzend beäugte.

„Kommunikationsspezialist bei der Nationalgarde, zwanzig Jahre Felderfahrung. Sicherheitschef mit fünf Jahren Erfahrung“ gab Hansen, jetzt etwas leiser geworden, wieder.

„Wenn Sie den Anforderungen gerecht werden, die diese Profis ausmacht, dann entscheide ich, ob es Ihnen erlaubt ist, auch nur einen Fuß auf die Oberfläche zu setzen. Diese Teams sind wie Geister, ihr Vorteil liegt in der Heimlichkeit, denn wenn sie rumballern, erwacht ein ganzer Planet zum Leben. Und das wollen Sie nicht erleben.“

In seinem Büro rief Max eine Akte hervor und ließ die angehefteten Videos laufen.

„Das sind Nicole und Rene´ Andersen aus Los Angeles, er ist neunzehn und sie zwanzig Jahre alt, Geschwister. Verurteilt wegen mehrfachen Autodiebstahls und illegalen Wagenrennen. Beide wurden bislang von ihrer Familie protegiert, nun, beim dritten Verstoß halfen auch Daddys Kontakte nicht mehr aus.“ Er wies unnötigerweise auf die beiden Fotos, die zwei Jugendliche zeigten. „Der Richter hat beiden eine Freikarte spendiert. Waren zwei Wochen unten im Planquadrat vierzehn-Beta-drei-drei, und das ist… PureSky-Gebiet. Team Eins startete nachts um 0100. Landung und Ankunft Minus zwanzig. Vierzig Minuten zum Ort, ständiger Funkkontakt zur Basis.“ Das Video zeigte die russischen Geschwister, wie sie in Tarnkleidung sich an einem Hang hocharbeiteten. Die Wärmebildkameras zeigten zwei leuchtende Flecken, wie sie einen verlassenen Supermarkt umkreisten. Hansen starrte zu dem Aufbau der PowerPoint und beobachtete die Zeitleiste in der oberen Ecke. Vierzig Minuten. Die beiden bewegten sich langsam und akribisch auf das Gelände zu und kreisten es ein. Langsam, schleichend… Er unterdrückte mit Mühe ein Gähnen.

Max bemerkte es und versteifte sich. „Verstehen Sie etwas von taktischen Positionieren in Feindgebiet?“

„Nein.“

„Dann sollten Sie zusehen und lernen. Das ist kein James Bond-Film, Spiro, das ist tödlicher Ernst. Ich sehe, ich langweile sie, also … tun Sie gefälligst so, als wollten Sie etwas lernen!“ Die letzten Worte kamen gepresst, aber ihre Schärfe war unverkennbar.

Der andere zog eine Grimasse.

Max schluckte hart und spulte vor. „Gut, die Mission war nur teilweise ein Erfolg. Rene´ war schwer dehydriert und war gefoltert worden. Das junge Mädchen schaffte es gerade so. Fragen Sie nicht nach Einzelheiten.“ Er warf ihm einen vielsagenden Blick zu. „Die Operation verlief strikt nach Zeitplan.“

„Beeindruckend.“

„Na, sehen Sie.“

„Ich wäre reingegangen und hätte sie mit einer Walther PPK und einem Schalldämpfer fertig gemacht. Raum für Raum. Fünf Minuten“, bemerkte er trocken. „Zehn, wenn ich unausgeschlafen bin.“

Max sah seinen Gegenüber an. „Sind Sie sicher, dass Sie das wollen?“

„Sonst wäre ich kaum hier, oder?“

„Ich wollte Sie nicht vor den anderen sprechen lassen, damit sie nicht merken, was für ein loses Maul Sie haben. Es ist mir schleierhaft, warum mein Freund auf diese Sache besteht, aber Sie sollten wissen, dass ihre Familien darauf hoffen, dass ihre Angehörige an einem Stück zuhause ankommen. Na, was sagen Sie?“

„Ich bin dabei.“

„So ein Dickkopf.“ Er fuhr sich über die Stirn. „Also schön. Wir haben pro Woche mindestens eine Mission. Die meisten laufen so ab: hochkonzentriert nach Lehrplan, keine Verluste. Meine Leute schießen nicht wie verrückt herum, sondern gehen behutsam vor. Sie sind wie Batman, Spiro. Mögen Sie Batman? Ich habe sechs Bruce Waynes hier, und jetzt kommen Sie. Sie sind mein Harvey.“

„Wer ist Harvey?“

„Spielt keine Rolle. Verständigen wir uns auf zweierlei: wir beide gehen gemeinsam da raus. Ich bin Ihr Captain und Sie sagen nichts anderes als Ja, Sir und Nein, Sir. Sie tun, was ich Ihnen sage, und wenn ich es sage. Wenn Sie schön artig sind, verabschiede ich Sie mit einem Händedruck. Na, wie klingt das?“

Hansen zog eine Grimasse. „Wer ist dieser Harvey?“

Max blinzelte verstört und zählte innerlich bis drei, bevor er fortfuhr: „Bei dieser Michel-Brown-Sache schicke ich Sie ganz bestimmt nicht mit meinem Team da raus, denn meine Leute will ich nicht unnötig in Gefahr bringen. Die da draußen, und ich rede von neunundachtzigtausend Sträflingen, kann ich mittlerweile ganz gut einschätzen – aber nicht Sie, Spiro. Sie wirken auf mich wie ein knallhartes Gangmitglied. Also wenn wir beide da runter gehen, dann sind wir auf uns gestellt. Zumindest ist die Location ganz nach Ihrem Geschmack, möchte ich meinen.“

Hansen rollte mit den Augen. „Wie ist das zu verstehen?“

Wie aufs Stichwort klingelte es. Max gebot seinem Adjutanten einzutreten. „Das ist Smith. Smith, das ist Hansen.“

„Ich habe das Videomaterial analysiert“, sagte er voller Eifer und ging an Hansen vorbei, als wäre er Luft. „Dieser Brown steckt seit vier Monaten ganz tief bei den PureSky mit drin und mischt Drogen und so.“

Hansen stand auf. „Woher wissen Sie das?“

„Wir beobachten jeden. Sagte ich bereits“, gab Max knapp zurück und ließ sich die Daten zeigen. „Mmh, das ist nicht gut. Sehen Sie die EEG und die EKG-Spitzen? Stoßen fast bis in die Decke. Fühlt sich pudelwohl dort. Das heißt, wir müssen rein, ihn betäuben und ihn raustragen.“

„Wieso?“

Smith projizierte die Daten an die Wand und ließ ein Wärmebild dazu laufen. Zwei Punkte bewegten sich rhythmisch auf und ab und ihre Körperwärme nahm stetig zu. Selbst ein Kind hätte verstanden, was Brown dort durchleben musste. Durfte.

Beide Männer blickten Hansen fragend an. „Nur zu. Fragen Sie.“

„Er mischt Drogen und… wird mit Sex bezahlt?“

„PureSky sind bekannt dafür, dass sie Sklaven halten, die sie auf ihren Farmen für sich arbeiten lassen. Erinnern Sie sich an die Konföderierten im Amerikanischen Bürgerkrieg? Nun, das sind sie. Sechshundert Rednecks, die die gute alte Zeit aufleben lassen. Zumindest ist nicht alles schlecht, was die da treiben“, bemerkte Max trocken und bewegte sich langsam zur Tür.

„Was soll an weißen Rechtsradikalen gut sein?“

„Sie geben verdammt gute Partys. Und zu so einer nehme ich Sie mit.“

Durch eine Tür mit dem Schild Materialausgabe betraten sie einen Raum, der in der grauen Farbe eines Schlachtschiffes angestrichen war. Über seine ganze Breite verlief eine Art Theke, hinter der sich ein Drahtkäfig befand, der vom Boden bis zur Decke reichte. In diesem Käfig sah Hansen ordentlich übereinandergereihte Regale mit Ausrüstungsgegenständen, die sich weit nach hinten ins Dunkle zogen.

Max betätigte einen Schalter neben der Tür, worauf nacheinander eine Reihe von Neonröhren aufflackerten und den Lagerraum erhellten. Ein breitschultriger Wachmann tauchte die Hand in seine Tasche und brachte einen Schlüsselbund zum Vorschein. Dann ging er um die Theke herum und begann, einen Schlüssel nach dem anderen an dem Käfigschloss zu probieren. Er steckte einen hinein, rüttelte an dem Schloss, bis der ganze Käfig wackelte, fluchte leise und versuchte es dann mit dem nächsten.

„Ich habe schon eine ganze Weile nichts mehr zwischen die Zähne bekommen“, bemerkte Hansen.

„Seit wann?“ fragte Max und fuhr, zu dem Wachmann gewandt, fort: „Wie hat Real Madrid gespielt, Stefan?“

„Lagen in der ersten Halbzeit noch hinten und gewannen anschließend mit zwei Toren gegen FC Liverpool.“

„Mist, ich hätte wetten sollen“, grübelte Max und tippte ihn ungeduldig an. „Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit. Pronto.“

„Diese verfluchten Dinger sind nicht markiert“, verteidigte sich der Wachmann mit einer Stimme, in der eine Spur Resignation mitschwang.

„Immer mit der Ruhe.“

„Seit gestern“, meldete sich Hansen.

„Blöde Technik. Alles veraltet“, murmelte der Wachmann böse.

„Sie machen mir aber nicht den Eindruck, als würden Sie vom Fleisch fallen“, gab Max zurück.

„Das ist ihr Bier“, zuckte Hasen die Achseln. „Ich meine nur, wenn ich Sie wäre, würde ich jedenfalls kein Risiko eingehen. Bestimmt würde ein halb verhungerter Mann…“

„Okay, der Punkt geht an Sie“, unterbrach ihn Max und holte sein Tablet hervor. „Zwei belegte Brötchen und eine Pepsi.“

„Keinen Käse. Keine Pepsi.“

Max tat, als hätt er nichts gehört. Als der Wachmann endlich aufgeschlossen hatte, legte Max das Tablet auf den Tisch und begann sich langsam auszuziehen. Sprachlos sah ihn Hansen an. „Was wird das?“

Max hielt inne und stopfte seine Hose in einen Karton. Nur im Slipper stand er da und sah sich um, als wäre ihm gerade eingefallen, wo er war. „Bedenken Sie, dass die Kriminellen etwas verdutzt wären, wenn wir im Konfirmandenanzug und Zylinder erscheinen. Im Ernst, Spiro, die tragen seit Jahren die gleichen Klamotten. Die würden sich für ein sauberes Paar Socken gegenseitig die Augen auskratzen, und dann kommen Sie mit ihren manikürten Fingern, ihrem schicken Anzug und strahlen eine Sauberkeit zur Show, als würden Sie für Persil Werbung machen…“

„Schon gut.“

„Wir tragen Jeans und billige Hemden. Bloß kein Aftershave. Kein Deo. Das ist mein Ernst. Sie sehen einfach zu gut aus.“

Hansen stutzte und überlegte kurz, ob er sich weiter ausziehen wollte. „Keine Anmache.“

Max verdrehte die Augen. „Käme mir nie in den Sinn. Ach, und keinen Schmuck.“

„Jaja.“

„Das hätten wir“, ließ sich der Wachmann vernehmen, der gerade hinter dem Käfig stand und seine Waren präsentierte. „M1911A1, gebrauchte Militärwaffe. Kennen Sie sich damit aus?“

Hansen nahm eine probeweise in die Hand und strich fast wehmütig über die Maserung. „Das ist eine Kaliber .45 ACP mit acht Patronen. Sehr gewöhnlich, sogar. Haben Sie nichts Besseres?“

„Hätten wir schon“, seufzte Max leise „Aber was habe ich gesagt? Nicht auffallen.“

„Stimmt, da war ja was“, grummelte er leise und zog die Hose aus.

Und da sah Max es.

Kleine Narben am ganzen Körper, und zwar den rituellen Skarifizierungen der Ureinwohner Papua-Neuguineas nachempfunden, der sogenannten „Krokodil-Skarifizierung“, die zum Initiationsritus junger Männer gehört und ihnen Ähnlichkeit mit dem Krokodil – und somit symbolisch deren Kraft – verleihen soll. Er schluckte schwer, sagte aber nichts dazu. „Ziehen Sie den Ganzkörperanzug an. Besteht aus Kevlar. Atmungsaktiv. Wasserdicht.“ Er wies auf einen Kleiderständer in der Ecke. Dort hingen schwarze Kevlar Anzüge in drei verschiedenen Größen. Hansen verzog das Gesicht, sagte aber nichts und tat, wie ihm geheißen.

„Es heißt übrigens Sir“, verbesserte der Wachmann und sah Hansen nach. „Ist der neu?“

„So neu, dass du ihn gleich wieder vergessen kannst“, bemerkte Max leise.

„Ah, Tourist.“

„Das habe ich gehört.“

„Das war auch so gedacht, Spiro. Und jetzt ziehen sie die Jeans und das Hemd darüber. Wir mischen uns unters Volk.“

„Ich will einen Schalldämpfer“, sagte er zum Wachmann gedehnt und probierte eine weite zerlöcherte Jeans an. „Dazu noch drei Reservemagazine, zwei Messer und eine MP5A4 – Feuerstoßautomatik mit drei Reservemagazinen.“

Max schüttelte den Kopf und zog ein schmutziges Hawaiihemd über. „Wir wollen kein Land besetzen, Spiro. Gib mir noch die Kiste mit dem Sedativum, die Umhängetasche und das Erste-Hilfe-Set. Zwei Flaschen Wasser, sechs Riegel Müsslikonzentrat und zehn Bitcoins.“ Er wandte sich an Hansen. „Bevor Sie fragen, ja, die haben sogar eine eigene Währung. Sie haben Treibhäuser und in manchen Bezirken funktioniert sogar der Strom. Zweiundzwanzig Clans und dazu noch kleinere Splittergruppen unterteilt in Mexikaner, Schwarze, Inder, Orientalen, Europäer, nur Frauen, nur Männer, religiöse und sogar Kinder.“ Er unterdrückte ein Schaudern. „Beten Sie, das wir niemals den Kindern begegnen.“

„Oh, ja, die sind wirklich schlimm“, bekräftigte der Wachmann und machte ein sorgenvolles Gesicht. „Wie bei den Kinderkreuzzügen. Nur böse. Bestimmt nicht auf der Suche nach Jerusalem.“

Hansen sah beide an und suchte nach einer verräterischen Spur von Galgenhumor. „Wollt ihr mich auf den Arm nehmen?“

Das Innere des Hangars war von dieser Neonkrankheit erhellt, die sich Licht schimpfte. Das Raumschiff stand allein mitten in dem gewaltigen Hangar. Max und Hansen schritten über den Zementfussboden, und jeder Schritt hallte laut wider. Unter der Maschine hockten zwei Mechaniker, die damit beschäftigt waren, mit hochsensiblen Messgeräten nach feinen Rissen alles abzusuchen. Als Max neben dem Raumschiff stand, spürte er, wie eine Welle der Erregung durch sein Inneres raste. Es weckte alte Erinnerungen in ihm. Die Gulfire war schlank und geschmeidig. In ihrem lackschwarzen Anstrich spiegelten sich das Neonlicht, das ihre Konturen als Schattenumriss auf den Boden abzeichnete. Die Pilotenkanzel war schwarz und undurchsichtig und erlaubte keine Sicht nach draußen. Max war erstaunt, dass ihn die Aussicht, wieder in den Krieg zu ziehen, so erregte. Er hatte immer gedacht, damit wäre es aus und vorbei. Aber alte Soldaten sterben nie…

„Fünf Minuten, bitte, Sir“, ertönte eine Stimme von irgendwo unter dem Raumschiff.

„Keine Sorge, Jungs, lasst euch Zeit“, erwiderte er und strich sanft über den Anstrich. „Ein Dreisitzer“, erläuterte er leise. „Fliegt automatisch und gleitet wie ein Segelflug dahin. Ganz geräuschlos. Dann steigen wir aus und die Gulfire fliegt zurück.“

„Und wenn uns jemand bei der Landung beobachtet?“

„Wir sehen sie zuerst. Die da oben suchen schon einen Platz, wo es keine Gaffer gibt. Hier“, sagte er und reichte ihm eine große blaue Pille, die er aus einem Schutzumschlag holte. „Ein starkes Antitoxin“, klärte ihn Max auf. „Das Mittel stoppt für sechs Tage Bakterien und Infektionen.“

„Und wenn ich es nicht nehme?“

„Hansen“, begann Max gedehnt und spürte langsam, wie seine Laune sich von Minute zu Minute verschlechterte. „Zusammen mit den Investoren sind auch vor Jahren die Hygiene und sauberes Trinkwasser von diesem Planeten geflüchtet. Meinetwegen nehmen Sie es nicht, aber dann beschweren Sie sich nicht, wenn Sie zuhause wie ein Obdachloser aus dem Mittelalter aussehen.“

„Schon gut, schon gut.“

Preston Smith winkte seinem Chef kurz zu und wartete geduldig, bis Max schlendernd näherkam. „Sir, ich vermute, Sie wollen unserem Gast nur den Hangar zeigen…“

„Nein, wir werden in zwei Stunden wieder hier sein.“

„Sir, das verstößt gegen ein Dutzend Paragraphen.“

„Ich weiß, was ich tue, Preston.“

„Wenn der Vorstand …“

„Wird er nicht“, unterbrach er ihn schroff. „Und Sie halten auch dicht. Wenn Anrufe reinkommen…“

„…denke ich mir etwas aus. Schon klar“, zischte Preston leise als würden sie beide versuchen ein Geheimnis zu bewahren. „Ist es das wert?“

„Ja, muss sein.“

„Bitte, Sir.“

„Jetzt gehen Sie schon. Ich mache das. Kontrollieren sie die Locks und schwärzen Sie die Zahlen ein bisschen. Ich halte den Deckel drauf. Was soll schon schiefgehen?“

Preston sah nicht glücklich aus, nickte aber und verschwand so schnell wie er gekommen war.

Die Minuten zogen sich hin. Endlich waren sie bereit und die Gulfire erwachte zum Leben, während sich beide anschnallten. Die Haube glitt über ihre Köpfe und verriegelte sich selbst. Einen Moment lang herrschte völlige Dunkelheit um ihn herum, bis die Kontrolllampen und die Meßanzeigen aufleuchteten. Um sie herum leuchteten Panoramaschirme auf und erfüllten das Cockpit mit einem unheimlich blauen Schein. Zu Hansens Überraschung gab es nur wenige Knöpfe – untypisch für ein hochkomplexes technisches Wunderwerk der Menschheit, das die Gravitation und die tödliche Kälte des Alls übertrumpft hatte. Max drückte auf einen Schalter. „Startfreigabe. System online, Kurs zwei-sieben, Manöver Beta Vierzehn, Eins-neun auf acht-sieben. Spruch des Tages: Wenn du einen Hammer hälst, sieht bald alles für dich wie ein Nagel aus.“

Hansen wandte sich fragend an Max. Der zuckte nur belustigt mit den Schultern. „Ein kleiner Scherz von unseren Technikern. Lässt sich nicht mehr löschen, aber ich finde es ganz gut…“

„Sehr tiefsinnig. Tatsache ist, dass ich lieber der Hammer als der Nagel bin“, sagte Hansen. „Ich agiere lieber, statt zu reagieren.“

„Freiheit. Eine Illusion. Je mehr sie sich sträuben, desto mehr verstricken sie sich. Sie müssen essen, trinken, aufs Klo gehen, das Gefühl haben geliebt zu werden und zu lieben, das Gefühl gebraucht zu werden und etwas zu verändern. Sonst hätten Sie es wohl nicht aus Ihrem Ghetto rausgeschafft, meinen Sie nicht? In unseren Innersten wollen wir alle nochmal auf den Arm unserer Mutter und glückselige Zufriedenheit erfahren… und auch dort versteckt sich Abhängigkeit. Was ich sagen will, ist, dass das Ihre letzte Chance ist, Hansen. Sobald ich den Knopf vor mir drücke, endet Ihre Freiheit. Sobald Sie auf Oasis sind…“

Für einen kurzen Moment zögerte Hansen. Der Moment zog sich, und je mehr Sekunden verstrichen, desto breiter wurde Maxs Grinsen. „Hansen?“

„Los jetzt.“

„Wollte nur sichergehen.“ Max drückte einen Knopf an der Konsole. Langsam rollte die Gulfire los. Sie hatten die Startbahn erreicht, als auf einem Monitor Zahlen und Daten auftauchten. Luftdruck, Air-Condition, Energieversorgung, Kühlmittel… Max las die Richtwerte und nickte zufrieden. Es bedeutete, dass seine Profis an einem Strang zogen. Fast geräuschlos beschleunigte die Gulfire, während sich hinter ihnen das Tor schloss. Jetzt zog die Gulfire durch einen länglichen Schacht und beschleunigte langsam auf dem Weg zum Schott, hinter dem das eisige Vakuum lauerte. Mit der Öffnung des Schotts entstand ein Sog, der die Maschine auf die gewünschte Geschwindigkeit von 740 km/h beschleunigte, mit einer Schubkraft von 8,6 Tonnen. Wie ein Papierkügelchen in einem Strohhalm katapultierte das Gefährt raus ins All, wo es durch den natürlichen Antrieb und den vier General Electric F266-GE-Triebwerken in die richtige Position für den Eintritt in die erdähnliche Atmosphäre von Oasis kam.

Schweiß rann über Hansens Gesicht. Max bemerkte es mit einem schadenfrohen Grinsen.

Sanft und langsam bekam die Gravitation des Planeten das kreisende Objekt in seiner Gewalt. Die Flügelkanten schoben sich aus dem Schiff. Es hatte keine Eile. Das S-förmige Inlett der Gulfire mutete wie ein Boomerang an, der aber weder kreiselnd noch stürzend zur Oberfläche fand, sondern sanft und ohne große Reibung wie eine Feder ihrem Bestimmungsort anstrebte.

Selbst wenn auf der sonnenzugewandten Seite jemand zufällig den kleinen schwarzen Punkt am Himmel gesehen hätte, war es bedeutungslos, denn die Gulfire sank kontrolliert weiter zur dunklen Seite des Planeten und landete mit der graziösen Sicherheit eines Schmetterlings auf einen Kamm.

Tausendmal probiert. Tausendmal Erfolg. Auf die Technik war Verlass.

Max wusste es nicht, aber das war das Einzige, das mit Sicherheit funktionierte…

2. Kapitel

Im blauschwarzen Himmel stand ein Halbmond. Wie Weihnachtszierrat hing er am höchsten Geäst der Wacholdergruppe. Dreihundert Meter unterhalb und südöstlich davon bahnte sich ein Fluss seinen zerfurchten Weg durch den Fels – Fels, der eine Vielzahl an unterschiedlichen Leben Platz bot und über ein erstaunliches Ökosystem verfügte.

Der Regen hatte sich in jenen feinen Nieselregen verwandelt, den man erst fühlt, wenn man sich mit den Händen durchs Haar fährt und merkt, dass sie feucht sind. Es war kühl, herbstlich kühl, aber der Regen war noch warm von den letzten Wehen eines sehr heißen Sommers.

Max trat von der Gulfire weg und nickte zufrieden. „Ein kleiner Spaziergang bis zur der Anhöhe, dann dreihundert Meter durch eine Schlucht. Können Sie es schon hören?“

Hansen hatte aufgehört, sich zu übergeben und begann sich den Mund abzuwischen. Er horchte in der Ferne. „Stampfen?“

„Kommen Sie?“ fragte Max und ging mit der Umhängetasche einfach los. „Das Ganze erinnert mich an Utah und Arizona. Die Landschaft, meine ich. Das Terraforming hat wirklich ganze Arbeit geleistet. Doch hier und da gibt es Mutationen. Fliegenlarven gehen ein oder bilden sich neu. Pflanzensamen folgen einem chaotischen Code. Sehr komplexes Thema“, fuhr er fort und begann rasch in seiner schnellen Gangart zu gehen. „Aber regelmäßig bekommen wir auch Anfragen von Umweltämtern, ob Forschungen möglich wären. Nur zu gern würde ich sie lassen, aber wenn Banden auf sie aufmerksam werden würden, wäre es vorbei. Schade eigentlich.“

„Müssen Sie die ganze Zeit reden?“ ätzte Hansen schwer und schien Mühe Schritt zu halten. Dann hielt er plötzlich inne. „Moment! Mutationen!? Wovon reden Sie?“

„Wir haben uns den Planet mit Gewalt geholt, Spiro“, erklärte Max und zeigte auf das ausladende Areal vor sich. „Terraforming ist nicht unumstritten. Stellen Sie sich vor, jemand anderes verwandelt sie in einen Elefanten oder in einen Nachttisch. Die Umstrukturierung dauert Jahre, kostet Ressourcen und Geld, aber letztendlich ist es eine Vergewaltigung. Dasselbe haben wir mit dem Mond gemacht, aber dort lebt eh nichts mehr. Den Gesteinsbrocken ist es egal. Ein voller Erfolg – aber hier stemmt sich ein ganzes Ökosystem gegen die aufgezwungene Natur. Es wird dauern, aber die Welt wird Kompromisse eingehen. Daher Mutationen. Und wenn wir nicht aufpassen, werden die Menschen sich hier auch verändern…“

„… oder zur Seite geschoben.“

„Ich sehe, Sie begreifen schnell.“ Er lächelte sanft und atmete tief durch. „Genießen Sie das hier. Irgendwann machen wir den Laden dicht. Das ist unvermeidlich. Sobald wir hinter der Anhöhe sind, werden wir langsam und gemächlich in eine Welt eintauchen, die Sie so noch nie erlebt haben. Zentrale, hören Sie mich?“ Max legte zwei Finger unter sein rechtes Ohr. Ein implantiertes Modul, mit Bioenergie versorgt, meldete sich in der Ohrmuschel mit einem Knacken. „Hier Zentrale, alles gut bei ihnen?“

Hansen sah sprachlos zu, wie Max scheinbar mit sich selbst sprach. „Haltet weiter Kontakt und folgt uns. Wir gehen langsam vor. Geben Sie uns die Zielkoordinaten.“ Er sah Hansen fragenden Blick und deutete gen Himmel. „Die da oben werden uns lotsen. Weichen Sie mir nicht von der Seite, Hansen.“

In seiner Ohrmuschel knackte es erneut. „Roger, Captain. Zielperson lokalisiert. Wetterbedingungen klar und deutlich. Aufkommende Präsenz feindlich, aber abgelenkt. Wünschen viel Erfolg.“

„Roger, Ende und Aus.“

„Wieso habe ich so etwas nicht?“

„Warum sollten Sie?“ fragte Max zurück. „Das Implantat hätte unnötig Zeit und Schmerzen gekostet. Für einen einmaligen Gebrauch? Ich hielt es für unnötig.“ Er ging voraus und kam als Erster an der Schlucht an. „Nun zum Problem: Michel Brown ist umgeben von PureSky-Mitgliedern, die gerade am Feiern sind. Wir stoßen vor, trinken ein Bier, tanzen zum Takt und gehen langsam ins Innere des Baus. Hansen, Sie werden keine Max MacLaine-Nummer abziehen, einverstanden? Wenn wir ihren besten Chemiker entführen, werden sie nicht tatenlos zusehen. Haben wir uns verstanden?“

„Jaja.“

Es dauerte vierzig Minuten, bis die beiden vor sich eine stillgelegte Fabrik erblickten. Atemlos starrten sie zu dem Bau, der durch wenige Lampen und einer Menge Fackeln erhellt war. Vor dem Eingang standen eine Vielzahl von Autos, Motorrädern und Busen zwischen denen einzelne Gestalten im Zwielicht auftauchten. Die Nacht wandelte sich zum Tag, und die Partie war im vollen Gang. Hansen überprüfte seine Waffe zum wiederholten Male und steckte sie sich mit dem Schalldämpfer hinten hinter dem Gürtel, während er den Kopf schräg legte. „Techno, Heavy Metal…Dubstep? Können die sich mal entscheiden?“

Max kicherte leise und ging einen schmalen Pfad voraus ins Tal.

Der Bass wummerte hart. Getränke wurden gereicht und reichlich geraucht und getanzt. Kaum war das Team an dem Zaun zum Eingang angekommen, rochen sie Fäulnis, Schweiß, kochendes Essen, brennenden Holz und den unverwechselbaren Geruch von Marihuana. An einigen verrosteten, halbverfallenen Autos gelangten sie zum Haupteingang.

Drei Männer saßen mit gekreuzten Beinen um ein kleines Lagerfeuer herum und brieten eine Katze, die sie auf einen Schirmstock aufgespießt hatten. Sie waren bis zur Taille nackt, und Brust und Gesicht waren mit etwas beschmiert, das die Farbe von Rost hatte. Das hüftlange Haar wurde von Haarbändern zurückgehalten. Einer von ihnen hatte sich grüne und gelbe Papageienfedern in sein band gesteckt und sah wie ein Indianer mit traurigem Kopfschmuck aus. Ihre Waffen lagen griffbereit neben ihnen, lange, im Schein des Feuers glänzende Messer, handgefertigte Bogen und Köcher mit Pfeilen, die aus Angelruten geschnitzt und deren Spitzen mit langen Nägeln bewehrt waren. An dem Zaun lehnte eine lange Stange. Zuerst hielt Max die Dinger, die von ihr herabbaumelten, für Tierfelle. Dann erkannte er, was sie wirklich waren – menschliche Skalps.

Er bedeutete Hansen sich ruhig zu verhalten und schlenderte gemächlich zu der Gruppe. „Nabend.“

Der Ältere blickte kaum auf. „Hast du dich verlaufen, Fremder?“ Die anderen beiden sahen Max mit gemäßigten Interesse zu, wie er umständlich nach seinen Bitcoins kramte. „Wollen mal sehen, wie die Party steigt. Können wir rein?“

„Von welchem Stamm?“

Lauernde Blicke maßen ihn. Jemand nahm sein Messer zur Hand und schien zu warten.

„Von den Ewoids unten um Fluss. Haben den ganzen Tag Bäume gefällt, sag ich.“ Max rotzte gekonnt in eine Ecke und kratzte sich ungeniert am Sack. Er war plötzlich ein ganz anderer. „Die Sache mit Roy hat uns mitgenommen, Mann. Konnte ihn gut leiden. Spencer, richtig?“

„Er ist Spencer. Ich bin Trevor“, half der Ältere aus und nickte knapp. „Roy hätte besser aufpassen sollen. Verdammte Schande, sage ich.“ Er maß ihm mit einem nicht unfreundlichen Blick. „Die Ewoids sind in Ordnung. Sag Pjotr, dass er mir noch zehn Bitcoins schuldet.“

Max tat genervt. „Himmel, wie oft muss ich das noch hören!? Ständig leiht er sich Geld.“

Alle drei nickten sich zu. Ja, das war Pjotr.

Schließlich nickte der Ältere und wies auf den Eingang. „Na, geht schon rein.“

Eine breite Neonlichtreklame strahlte in kreischend hellen Farben das Wort Lagoony in den Himmel.

„Passender Name. Werden Sie gleich sehen.“

Hansen folgte Max über einen schmalen Weg, der zur Haupthalle führte. Schon jetzt fiel es ihnen schwer sich bei dem Lärm zu verstehen. „Infos, Hansen. Die Hälfte des Erfolgs.“

Die Fabrik war sehr alt. Sie hatte angefangen, alt und überholt zu sein, als die ersten Schiffe den Planeten verließen und war jetzt eine riesige, zugige Halle, die in Aufbau und Aussehen des einfachen Philosophen der Technokraten des neunzehnten Jahrhunderts wiederspiegelten. Auf den gut zehn Meter hohen Pressstanzen hatten sich Schaulustige und Unterhaltungssüchtige versammelt, deren Ränder nur notdürftig mit Paketband abgesperrt waren. Zahllose Discokugel drehten sich synchron und warfen glänzenden Schein an die Wände und an die Gesichter von rund sechshundert Personen, die tanzten, grölten, tranken oder sich prügelten. Je nach Laune. Max atmete tief den Gestank der Dekadenz und des ungezügelten Lotterlebens ein und grinste Hansen zu.

Vorne auf einer Schwebebühne sorgten Boxen für Lärm, während drei Gitarristen sich anstrengten, der Party den passenden Sound zu liefern. Vor ihnen eine nackte Frau, die ungezügelt mit einem Mikrofon Strophen sang, als hinge ihr Leben davon ab. Was wohl stimmte. Der Menge gefiel es.

Nach nicht mal zehn Sekunden hatte Max begriffen, worum es den PureSkys in erster Linie ging: Lärm, Sex und reichlich Bier.

Er setzte sich an die Bar und legte einen Bitcoin hin. Der Wirt, ein Riese mit zwei gelben Augen, die wie Urinlöcher im Schnee anmuteten, reichte zwei Dosen und putzte weiter seine Gläser.

Max, kahlköpfig, weiß und mit breitem Bizeps wurde schnell akzeptiert. Verhärmte Gesichter maßen ihn mit freundlichen Blick. Ohne zu fragen stellte der Wirt eine zusätzliche Schale Erdnüsse vor ihnen hin.

Hansen hingegen entsprach nicht ganz dem Credo dieses Vereins. Nach dem dritten Anrempeln von der Seite hatte er genug, und stellte sich den Leuten, die ihn offensichtlich nicht hier haben wollten. Ein lautes Wortgefecht, kurzes Geschrei und ein demonstratives Zeigen seiner Waffe – schon hatte er seine Ruhe. Erstmals.

Max hatte dafür keinen Blick.

Neben ihm kam es zum Streit: zwei betrunkene Kerle schlugen und traten auf sich ein und gaben sich Schimpfworte - bis der Erste ein Messer zog.

Plötzlich ging das Licht aus.

Murren von allen Seiten, jemand schrie etwas, bis ein Lichtkegel die Bühne aufleuchten ließ. Die Band war verschwunden. Jetzt stand dort eine Frau.

Es wurde still.

In einem roten Bademantel bekleidet blickte die dralle Schönheit mit dem feuerrotem Haar zu den Massen und hob das Mikrofon an ihre Lippen. Max runzelte die Stirn und beugte sich vor.

„Willkommen im Lagoony“, gurrte sie kokett und begann mit der anderen Hand an dem Kabel zu spielen. „Wir möchten kurz innehalten und uns daran erinnern, was unsere Gründerväter mit auf dem Weg gegeben haben. Ich sehe in jedes einzelne Gesicht und erkenne Güte, Stärke und… Reinheit. Auf euch, meine Freunde.“ Sie stolzierte los und von der Seite schoben kräftige Männerhände ein Klavier auf die Bühne, an dem sich schnell ein Pianist setzte. Das Klavier war nicht gestimmt, aber das spielte keine Rolle: die Frau traf jeden Ton perfekt und ihre hohe Falsettstimme sang tönend und voll.

The snow glows white on the mountain tonight

Not a footprint to be seen

A kingdom of isolation

And it looks like I'm the queen

The wind is howling like this swirling storm inside

Couldn't keep it in, heaven knows I've tried

Don't let them in, don't let them see

Be the good girl you always have to be

Conceal, don't feel, don't let them know

Well, now they know

Mit allem hatte Max gerechnet – nur nicht damit. Langsam ließ er sein Bier sinken und starrte wie getroffen zu der Frau, die sich schamlos aus einem bekannten Musical bediente. Den anderen Männern und Frauen schienen es ähnlich zu gehen: gaffende Blicke, schmachtend und voller Ehrfurcht, starrten sie alle gebahnt zu der reizenden Schönheit, die sich langsam auszuziehen begann.

Eine Peepshow.

Max Snow schluckte schwer und spürte, wie er rot wurde. Vergessen war der Auftrag, die ganze Vorsicht und seine militärische Laufbahn. Jetzt gab es nur sie und ihre Stimme.

Neben ihm steckte der Kerl sein Messer wieder ein und vergaß anscheinend seinen Kontrahenten, der sich mit einem Ärmel die Nase putzte.

Mitten im Song verlagerte sich das Stück vier Ganztonschritte höher, und ihr Gesang wechselte ohne Mühe vom Englischen ins Russische, dann ins Japanische und ins Französische. Die Meute seufzte nickend und ergeben. Max konnte es ihnen nicht verdenken. „Hey“, stupste er den Wirt an. „Wer ist das?“

„Culdoras“, sagte der Riese und zwinkerte ihm kurz zu. „Roxanne. Vergiss es, Alterchen. Die ist für niemanden zu haben.“

„Machen wir jetzt weiter, oder was!“ herrschte Hansen ungerührt und zog ihn zur Seite. „Was ist jetzt!?“

„Jaja“, murmelte Max, setzte sich aber wieder. „Keine Eile.“

Die Fabrik zitterte vor ekstatischem Applaudieren, als Roxanne Culdoras endete. Culdoras, dachte Max versonnen, das bedeutet Hintertür. Wie backdoor. Wenn das kein Zeichen ist…

Er lächelte entspannt, als die Sängerin gleich mit dem nächsten Lied begann.

Sie sang von Sternen, die noch in aller Ewigkeit schienen, von Liebenden die sich niemals entfremdeten und von der Sehnsucht, die manch altes Herz ergriff. Max glaubte ihr jedes Wort.

Es war der Moment, an dem er sich noch später gern erinnerte: selbst die Kriminellen um ihn herum lauschten den Worten der Sirene, die sie alle in den Untergang führen würde. Er begriff aus einzelnen Gesprächsfetzen, dass sie die Menge führte und den Ton angab – sprichwörtlich. In einen Untergang, in den sich auch selbst Captain Max Snow bald wiederfinden würde.

Als er sich nach dem dritten Lied kurz umdrehte, war Hansen verschwunden.

Spiro Hansen näherte sich vorsichtig dem Keller der Fabrik, bereit loszuschlagen. Er umrundete geschickt die erste Wache, die sich zu einer Bedienung vorbeugte, um sich ihre Nummer geben zu lassen und tauchte in die Dunkelheit ab. Langsam verzog er sich in die Schatten, passierte einen Kontrollpunkt, indem er vorgab einen Kasten Bier für den Wirt zu suchen und stand schließlich vor der Tür des Drogenlabors. Dass es die besagte Tür war, wusste er, weil jemand freundlicherweise mit krakeliger Handschrift es draufgeschrieben hatte. Aus dem Inneren drangen dumpfe Geräusche, die sich wie ein Gespräch anhörten.

Schnell huschte er hinein und stand bald in einem Wald aus Zylindern, Bechergläsern, Reaktionsgefäßen, Erlenmeyerkolben, Pulvertrichtern und Laborwaagen. An den Wänden stapelten sich Kisten und Kästen, große Bottiche und ein Kühlschrank, vor dem, dem Rücken ihm zugewandt, ein Mann hockte. Als hätte er das Brennen von Hansens Blick in seinen Nacken gespürt, drehte er sich plötzlich um.

Er hatte ein großes, breitflächiges Gesicht und kaum Haare. Offensichtlich lebte er in besseren Verhältnissen als die anderen, denn er war nicht halb so abgezehrt und schmutzig wie sie. Mit einem halboffenen Laborkittel bekleidet, unter dem man fleckige Unterwäsche und Badeschlappen erkennen konnte, wirkte der unrasierte Mann wie die Karikatur eines Laboranten. „Kumpel, mach doch bitte die Tür zu, ja?“ Er schnappte sich ein Bier und schien in Geberlaune zu sein. Mit einem Lächeln reichte er Hansen eins.

Michel Brown.

Hansen grinste zurück, griff nach dem Bier und wollte gerade auf ihn zugehen, als ihn ein harter Schlag traf und ein heftiger Schmerz durch seine Schulter jagte.

Der Hieb ließ ihn in die Knie gehen, aber brach nicht zusammen. So hart war er nun doch nicht gewesen. Langsam und mit verzehrten Gesicht drehte er sich herum.

Vor ihm stand ein großer Kerl mit einem Kopf wie eine Billardkugel, der direkt auf dem Rumpf zu sitzen schien und von einer schwarzen Matte bedeckt war. In seinen Augen lag ein stumpfsinniger Ausdruck, und seine dicken Lippen zuckten ununterbrochen. Er hielt eine große Metallstange in der Hand, mit der er herausfordernd in seine andere Hand klatschte. Platsch. Platsch.

„Wie bist du hereingekommen?“ fragte der Riese.

Brown schien nicht zufrieden. „Mensch, Charlie, kein Wunder, das ich keine Freunde habe. Lass den Mann doch in Ruhe.“

Hansen bewegte seine Schulter und versuchte, den Schmerz zu ignorieren. „Durch die Tür“, antwortete er gehorsam.

Der große Mann wandte sich an Michel Brown, wobei er seinen ganzen Körper herumdrehte, als wäre es ihm aufgrund des fehlenden Nackens unmöglich, allein den Kopf zu bewegen. „Was zum Teufel macht der Kerl hier, Michel?“

Brown gab sich unbeeindruckt. „Muss wohl reingeschlüpft sein.“

Der Mann mit der Stange schüttelte den Kopf, worauf sein ganzer Körper zu wackeln begann. „Roxanne will nicht, dass du den Raum verlässt. Das schließt Besuch mit ein, hörst du?“

„Jetzt gib dich nicht so wichtig, Charlie. Ich brauche auch mal Luft zum Atmen. Hier“, er griff zu einem Becher, zog eine gerollte Zigarette hervor und steckte sie dem Riesen in den Mund. „Geht aufs Haus, Mann. Und jetzt lass ihn in Ruhe!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, schnappte er sich Hansens Arm und führte ihn weg, rund um den Labortisch zu seinem fleckigen Sofa auf dem eine nackte Frau schlief. „Wolltest mal ein bisschen checken, was wir so machen, was?“ fragte er nicht unfreundlich und hielt ihm ein Feuerzeug hin. „Kann ich verstehen, Mann. Sind doch alle gleich. Ist kein Geheimnis. Jeder will ein bisschen Glück. Ich sitze schon seit Monaten hier unten. Scheint die Sonne? Ist gerade Vollmond? Ich weiß es nicht“, stöhnte er leise und setzte sich neben ihm. „Bin VIP-Gast. Drauf geschissen, sag ich. Ständig nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. Urlaub wäre schön.“

Hansen starrte benommen auf sein Bier und seinen Joint und legte sie beide zur Seite. „Aber es gab auch mal andere Zeiten, was?“

„Kannste laut sagen“, grunzte Brown und zündete sich seinen Joint an, den er sich von irgendwoher geschnappt hatte. Erst jetzt bemerkte Hansen überall Teller, Kästen und Wannen in denen Dosen, Pakete und kleinere Tütchen offen herumlagen.

Hansen war kein Fachmann, aber er erkannte ein Drogenlabor wen er eins sah. Designerdrogen sind synthetisch hergestellte Rauschmittel, deren Molekülstruktur auf der Basis von Leitstrukturen entworfen wurde, mit der Absicht, ein Rauschmittel herzustellen. Und in dem Keller lagerten Millionen von Credits, mit denen man auf der Erde eine Großstadtszene versorgen konnte. Doch wegen einer kleinen Traumreise ins Lala-Land war er nicht hier.

„Möchte gerne wissen, wie es früher war.“

Brown stieß einen perfekten Rauchkringel aus. „War früher ein verdammt guter Laborant. Die steilen Miezen an der Uni haben mich geliebt. Ich bekam Preise. Verdammt gute Noten“, säuselte er bereits in andere Sphären und deutete mit einem obszönen Zeichen in Richtung des Riesen, der sich immer noch nicht wegbewegt hatte. „Charlie sehe ich jeden Tag. Kanns ihm nicht verübeln, dass er neidisch ist. Der ist doch zu blöd, um einen Erlenmeyerkolben von einer Tischlampe zu unterscheiden.“ Er kicherte leise.

Der Riese funkelte ihn böse an und ließ erneut seine Keule in die Hand klatschen. „Herumlungern gibt es hier nicht! Was ist mit den Aufträgen...?“

Brown zeigte auf verschiedene Ecken des Raums: „Die Samstaglieferung steht dort, die Montagslieferung steht dort und dort hinten ist die Toilette, die du saubermachen kannst.“

„Michel, ich warne dich!“

„Nein, ich warne dich, mein Freund“, bellte Brown und stieß sich selbst den Finger auf die Brust. „Wenn du weg bist, sucht Roxanne einfach einen anderen Abiturabrecher, der Muskeln statt Hirn hat. Davon gibt es hier reichlich. Aber wenn ich weg bin… tja, dann sieht es zappenduster aus, mein Freund.“ Hässlich lachte er den Riesen aus, bis es Charlie zu dumm war und lieber wieder verschwand.

„Den sind wir los!“ Er nahm einen großzügigen Schluck und prostete Hansen zu. „Sag mal, was geht den draußen ab?“

„Gute Party“, meinte Hansen leise. „Du kommst aus London, wie?“

Brown hob eine Braue. „Hört man das immer noch heraus? Ich dachte, ich wär ihn los.“

„Du stammst aus Croydon.“

Brown zögerte beim Trinken und blinzelte.

Hansen sah ihn äußerlich ruhig an.

„Was wird das hier?“ fragte er lauernd.

„Das stimmt doch, oder?“

„Wer bist du?“

„Du bist Michel Brown.“

„Wer bist du?“

Hansen schluckte hart und verengte die Augen zu Schlitzen. „Donnerstag, den 26. Mai 2067. Na, klingelt es da?“

Die Fackel der Erkenntnis glomm schwach in Browns Gehirn, der Weg war versperrt durch Selbsttäuschung, Verleumdung und dem Missbrauch von Drogen.

Hansen wartete geduldig ab.

Dann …

Brown schluckte und rollte wild mit den Augen und suchte verzweifelt nach einer Erklärung. „Bin ich nicht gewesen.“

Die Hand schoss vor und umpackte Browns Genick.

„Lass mich!“ Schützend hielt Brown die Arme vors Gesicht und rollte sich gleichzeitig flink vom Sofa. Die umgestoßene Dose Bier lief über den Boden, während Hansen sich über den Laboranten aufbaute.

Die Tür ging auf. „Marsch, zurück auf deinen Platz“, brüllte der Riese, während Brown auf allen Vieren unter dem Labortisch kroch. Hansen war schneller.

Der Revolver bewegte sich wie von selbst in Spiros Hand, während er seitlich stehend anlegte und in einer einzigen fließenden Bewegung einen Schuss abgab. Mochte Charlie Muskeln und den Drang zum Verletzen haben – eine Kugel im Kopf änderte daran alles.

Nur ein sanftes Plopp war zu vernehmen gewesen.

Der massige Körper stürzte nach hinten und riss dabei ein ganzes Regal mit Gläsern und Kolben nach unten. Vom Lärm wurde die Frau auf dem Sofa wach.

Und schrie.

Von dem Moment ging alles schief.

Max war nervös.

Sein instinktives Unbehagen steigerte sich ins Bodenlose; so hatte er sich zuletzt bei der Theoretischen Prüfung gefüllt und die lag Jahre zurück. Das hier war eine Nummer schmerzhafter, gruseliger, denn tief in seinem Inneren wusste er, wenn er scheiterte, würde er die Sonne nie mehr so sehen wie bislang. Sie würde nur ein Gasplanet sein.

Das ist doch verrückt, dachte er genervt und blickte zerknirscht zu Boden. Du bist ein hochdekorierter Mann mit tadellosen Lebenslauf. Er konnte einen Hubschrauber fliegen, seine Steuererklärung selbst machen und hatte sogar einmal bei einer Geburt ausgeholfen.

Das ist alles falsch.

Die Hände zitterten.

Wie betäubt klopfte er an die Tür.

„Herein.“

Die Abstellkammer war nicht der Rede wert, aber wegen den Räumlichkeiten war er auch nicht gekommen. Vor dem einzigen Spiegel stand sie – hochaufgerichtet und stolz, während sie mit einem Lippenstift die Lippen nachzog. Fragend blickte sie ihn an.

Er stockte kurz. Was sollte er sagen?

„Was macht ein schöner Ort an einer Frau wie diesen?“

Nein.

Er blinzelte, lächelte dümmlich und grinste dann schief.

Sie blickte ihn vom dem Spiegel aus an und zog eine einzelne Braue nach oben. „Versuch es nochmal, Casanova. Oder besser: raus aus meinem Zimmer!“

„Ähm… ich wollte nicht unhöflich sein…“

„Wo ist Charlie?“

„Kenn ich nicht.“ Er räusperte sich kurz. „Ich muss mich entschuldigen…“

„Musst du?“ Fragend drehte sie sich um und maß ihn aufmerksam. „Was denn? Keine Blumen!? Der Typ vor dir hat mir seine Maxe geschenkt.“

„Du singst toll.“

„Weiß ich selbst.“ Sie bedachte ihn mit einem spöttelnden Blick und machte eine leichte Wegwerfbewegung, als wäre sie es müde mit Typen wie ihn zu reden. Es traf ihn.

Also…

…setzte er alles auf eine Karte:

„Ich bin niemand, der gerne flirtet. Mir fallen keine schönen Redewendungen ein, noch bin ich auf ein kurzes Abenteuer aus. Eine schöne Frau kennenzulernen ist eine Sache, aber ich glaube nicht an eine kurze Romanze oder an die wahre Liebe. Ich bin ein Mann der Zahlen, der Fakten. Bezaubert hat mich deine Stimme, deine Art zu singen… nicht dein äußeres Erscheinen. Ich bin kein Narr.“ Er hielt ihren konzentrierten Blick nicht länger aus und blickte zu seinen Stiefeln. „Aber ich weiß, wer so singt, der kann kein schlechter Mensch sein.“

Stille.

Langsam senkte sie den Lippenstift, beobachtete ihn aufmerksam. „Du sagst, du glaubst nicht an die Liebe. Wie sollte eine Partnerschaft sonst aussehen?“

„Sie wird zementiert durch Freundschaft. Nicht durch ein Gefühl.“

„Ich glaube nicht an Freundschaften zwischen Männern und Frauen.“

„Das tut mir leid. Ich wünsche dir daher neue Erfahrungen.“ Er kratzte sich umständlich am Kopf. „Wir könnten kaum unterschiedlicher sein, aber eine Gewissheit teilen wir: nämlich, dass wir unterschiedliche Wege gehen müssen.“

Sie machte ein sonderbares Gesicht, als wäre sie sich nicht sicher, was er eigentlich wollte.

„Bitte?“

„Ich sage nicht auf Wiedersehen, denn das wäre gelogen. Goodbye.“

Sie starrte ihn an, während seine Hand krampfhaft versuchte den Türknauf zu drehen. Wieso ging sie nicht schnell auf und entließ ihn aus diesem Drama?

Er rüttelte fester.

Doch zu spät…

… langsam kam sie näher.

„Willst du mir nicht deinen Namen sagen?“

„Hab ich… das nicht...?“

„Für gewöhnlich tut man das“, berichtigte sie ihn und stand auf. Groß, größer als er. Das merkte er erst jetzt.

„Ähm…. Ja, Max. Max heiße ich.“

„Also Max. Schön, Max. Ich heiße Roxanne.“

Und hielt ihm die Hand hin.

Wie betäubt griff er danach.

„Nur die Ruhe, Max.“ Endlich lächelte sie, halb amüsiert über seine Versuche und spielte kokett mit eine ihrer Locken. „Mir scheint, du bist keiner dieser erbärmlichen Kriminellen. Oder etwa doch?“

„Ganz erbärmlich, sogar.“

Grüne Augen.

Fasziniert sah er sie an: rote Haare, grüne Augen… und der Rest war auch weit über den Durchschnitt.

„Wirklich.“ Ihr Lächeln wuchs in die Breite. „Du bist keiner von meinen Leuten, oder? Nein, so jemand wäre mir vorher aufgefallen. Lass dich mal anschauen.“ Ihre manikürten Finger fuhren über seinen Adamsapfel. „Seltsam“, bemerkte sie leise, „dass du sauber bist.“

„Ich mache mich immer frisch, wenn ich ausgehe“, sagte er lächelnd.

„Wie recht du hast. So sollte es sein.“ Sie schnupperte, und kam näher.

Kurz vor seinem Hals verharrte sie. „Gut riechst du, Max. So gepflegt und erholt.“ Sie blickte ihn von der Seite aus an. „Wo kommst du wirklich her?“

Max spürte, dass es eng wurde. Gut, genug der Romantik. Langsam ging er auf Distanz.

„Du, ich muss dann los…“

Plötzlich war da die Waffe. Ihr Lauf zielte auf seinen Hals. Zu nahe, viel zu nahe.

Langsam verkrampfte er sich.

Das gefiel ihr.

„Magst du es grob, Max?“ Ihre Stimme wurde um eine Oktave tiefer. Ein seltsamer Glanz ging von ihren Augen aus, als hätte sie einen Schalter umgelegt. Das war nicht mehr die verführerische Sängerin vor ihm. „Ob Mann oder Frau – ich mache es so, wie es mir gefällt.“

Er lächelte hart. „Ist es schräg, dass ich dich noch besser kennenlernen will?“

Sie lachte und ließ plötzlich ab. Maß ihn mit einem amüsierten Blick. „Witzig.“

Jetzt roch er sie auch. Süß. Schwerer Duft.

Schließlich nickte sie und deutete zur Tür. „Nun geh. Ich habe noch zu tun“, befahl sie.

An ihrem Blick erkannte er, dass sie keinen Widerspruch duldete.

Kaum war die Tür hinter ihm zu, musste er verschnaufen.

Captain Max Snow, weit über vierzig Jahre alt und Leiter einer streng geheimen Abteilung eines privaten Sicherheitsunternehmens, hatte sich wie ein pubertierender Trottel vor seinem ersten Tanz aufgeführt. Erbärmlich.

Zwei HellsAngels kamen vorbei und zählten eins und eins zusammen – und grinsten wissend.

Max kam sich dämlich vor.

„Mach dir nichts draus“, höhnte einer von ihnen, „La Muerte lässt jeden abblitzen.“

Er nickte verstehend und wandte sich um. Natürlich hatten sie recht. Hoffentlich bekam das niemand in der Kommandobasis mit – den drohenden Tratsch hinter seinem Rücken würde er nicht ertragen können.

La Muerte.

Langsam machte es Klick in seinem Verstand.

Sofort suchte er einen stillen Ort auf und drückte an seinem rechten Ohr, um Kontakt herzustellen. „Smith?“

„Boss?“ Preston Smiths Stimme klang besorgt. „Was geht da unten vor?“ wollte er wissen.

Max schluckte hart. „Was… meinst du?“

„Wir haben schon sieben Ausfälle. Genau unter dir. Das ist Hansen, was?“ Sieben. „Er hat jetzt Michel Brown. Du solltest schleunigst verschwinden!“

Sieben Leben.

„Wie meinst du das…Oh, verdammt!“ Max wartete nicht lange, sondern schob sich durch die Menge und versucht bloß nicht aufzufallen. Wummernde Techno-Musik begleiteten seine dunkelsten Gedanken, während er sich seinen Weg bahnte. Zügig umrundete er die den Tanzplatz und war schon halb draußen, als ein Alarmsignal ertönte. Sofort endete die Musik und Rufe wurden laut. Dringende, sehr bedrohliche Rufe.

Sofort änderte er die Richtung und huschte in einen Gang, dessen Treppe zum Dach des Gebäudes führte. Abstand gewinnen. Überblick verschaffen. Das war jetzt wichtig. Während er die Treppe nahm, rannten unter ihm die Menschen.

Er verspürte keine Lust sich erklären zu müssen.

Hanson, dachte er bitter. Du hast dir wirklich einen Arschtritt verdient!

Oben angekommen, bemerkte er eine Wache auf dem Dach, die aber gottlob am anderen Ende des Daches stand und angestrengt in die Ferne blickte. Hinter einem Schornstein kauerte er sich in dem Schatten und nahm Kontakt auf: „Was ist passiert? Die Kurzfassung!“ Seine Stimme klang gepresst.

Smith sprach deutlich und langsam, als wolle er den Zorn seines Chefs teilen: „Der Mistkerl hat wie wild um sich geschossen und ist mit Brown in die nähere Siedlung. Beide fliehen in nordwestlicher Richtung. Ich sehe auf dem Wärmebild, dass man sie schon entdeckt hat. Drei Fahrzeuge nähern sich schnell. Sollen wir abbrechen?“

Max schloss kurz die Augen. Fassungslos. „Dieser Arsch! Nein“, entgegnete er schroff. „Halt eine Gulfire bereit. Er rennt in die falsche Richtung! Gott, das wird ihm noch leidtun.“ Ich hätte ihm seine Waffe abnehmen sollen, dachte er verbittert. Doch dafür war es zu spät.

Ein Schuss knallte hinter ihm. Max unterbrach das Gespräch und wandte sich vorsichtig um. Die Wache hatte jetzt auch die Flüchtenden entdeckt und eröffnete mit einem Jagdgewehr das Feuer.

Geduckt schlich er über das Dach und kurz vor dem Mann nahm er Anlauf.

Die Wache schien ihn zu spüren, drehte sich herum und legte an, als Max schon bei ihm war und mit einer schnellen Rechts-Links-Kombination ihn außer Gefecht setzte.

Getroffen sank der Mann zu Boden.

Er betrachtete seinen Fund: ein Matchgewehr Modell 54 mit Zweibein und einem Zielfernrohr. Kurz wunderte er sich über den guten Fund, als er schon aus den Augenwinkeln die drei Jeeps auftauchen sah. Hansen würde keine Chance haben.

Sofort nahm er eine bequeme Position ein, wickelte sich den Gurt des Gewehrs einmal um den rechten Arm und zielte sorgfältig. Atmete tief aus. Drückte ab.

Der erste Jeep verlor die Kontrolle als seine Kugel eins der Vorderräder traf. Der schlingernde Wagen krachte gegen den zweiten, der sofort stehenblieb. Männer stiegen aus und besahen sich den Schaden.

Bleibt nur noch Nummer drei.

Wieder zielte er, hochkonzentriert. Schoss. Die Kugel verfehlte das Ziel um einen Meter. Schnell lud er nach, maß Strömungswinkel per wilder Schätzung und zielte diesmal weit nach vorne. Der Fahrer schien über einen sechsten Sinn zu verfügen, denn im richtigen Moment machte der Jeep einen Satz nach rechts und wieder verfehlte Max ihn.

„Verdammt“, hauchte er verzweifelt und legte wieder an.

Zielte, hielt kurz den Atem an und schoss.

Diesmal traf er.

Der Jeep wurde langsamer und blieb schließlich stehen, während das andauernde Hupen Maxs dumpfe Befürchtungen nur bestätigten. Den Reifen hatte er nicht getroffen…

Er biss sich auf die Unterlippe und zischte einen Fluch.

Hansen war erstmal in Sicherheit, aber Max rechnete den achten Toten auf sein Konto.

Warte, bis ich dich erwische!

Kurze Rufe wurden laut. Mittlerweile hatten die Autofahrer begriffen, woher die Schüsse kamen. Schnell ließ er das Gewehr liegen und rannte zur Nordseite, wo er eine Feuertreppe entdeckte. Hastig kletterte er nach unten, sprang auf einen Müllcontainer und kam am Boden auf. Jetzt hieß es unbemerkt verschwinden, und gleichzeitig schnell zu Hansen aufschließen.

Max hatte alle Mühe, diese beiden Gegensätze im Tumult zu vereinen. Indem er sich einer Suchtruppe anschloss und ein braves Gangmitglied spielte, kam er so nahe wie möglich heran – schließlich trennte er sich von der Gruppe und lief geduckt in eine Gasse zwischen einfachen Zweckbauten, die wie alles auf Oasis verfallen und ausgemustert wirkten.

Schon nahm er wieder Kontakt auf: „Smith, wo ist Hansen?“

„Oh, dir geht es gut. Soll ich Teams Eins und Drei runterschicken, Boss? Sind gerade bereit. Dauert keine zwanzig Minuten.“

„Nein.“

„Aber Boss…“

„Ich will keinen Krieg, Smith. Selbst wenn es unseren Tod bedeutet.“

Pause. Smith schien zu überlegen. „Das schaffst du nicht alleine, Boss. Die wollen ihn wiederhaben – und den Penner tot sehen. Die werden alles auf den Kopf stellen. Sind in Dreier-Teams unterwegs zu dir. Lass dich nicht erwischen.“

Max schluckte. Ein Worst-Case-Szenario, vor dem er sich schon immer gefürchtet hatte. Seine anfängliche Wut über Hansen brandete auf in einer Wolke aus Magma, das ihm fast schlecht wurde. „Wo steckt er?“

„In einem Parkhaus. Klug ist er nicht“, bemerkte Smith und schien sich zu wundern. „Wenn sie ihn entdecken, sitzt er in der Falle. Oberstes Deck, genau vierhundert Meter in südlicher Richtung. Ist leider nicht zu verfehlen.“

„Was weißt du über La Muerte?“

„Wir haben allein sechszehn Einträge…“

„Roxanne.“

Pause.

„Schlimm.“

Max erstarrte bei dem Wort. „Wie schlimm?“

„Roxanne Culdoras. Brucha. La Muerte.“ Er schien Momente zu brauchen, um die Informationen zu verarbeiten. „Boss, das ist eine sehr gefährliche Frau. Sängerin, Tänzerin und Exfrau von Diego Chonce Palvias, Erster Khan des Drogenkartells von Spanien. Hat von ihm gelernt, und ihn selbst erschossen. Kann mehrere Sprachen und vollstreckt selbst die Urteile. Erst der russische Geheimdienst hat sie schließlich erwischt. Ist seit drei Wochen hier. Die müssen wir im Auge behalten.“

Max stöhnte leise und schloss die Augen. Er verlor allen Mut – und einen nicht geringen Teil seines Verstands dazu. Er war sich nicht mal bewusst, dass er zu lange an einem Ort verweilte, bis er von Weitem Schüsse hörte. Bad Woman.

Böses Blut.

Eine rothaarige, grünäugige Spanierin.

Als Hexe und der Allerheiligste Tod verehrt.

Er prüfte seine Gefühle und konnte nicht verstehen, was gerade mit ihm los war. Seltsamerweise… wollte er sie jetzt mehr als je zuvor.

„Schätze, ich brauche eine Therapie“, seufzte er leise, zog seine Waffe und machte sich schnell auf dem Weg.

Der erste Trupp hatte Hansen und Brown erspäht und tat etwas, was für einen gebildeten Soldaten undenkbar war: sie griffen an und warteten nicht auf Verstärkung.

Max hechtete über den ersten Wagen, den jemand quer an der Einfahrt zum Parkhaus gestellt hatte. Die erste Leiche war ein junger Mann mit einem Schrotgewehr, an dem Max kurz anhielt. Schnell tastete er seine Taschen ab und fand ein Klapphandy, mit denen sie sich wohl untereinander verständigten. Das war gut. Weniger gut war, dass gerade ein Kampf über ihn stattfand. Die zweite Leiche ließ nicht lange auf sich warten. Schnell hastete er nach oben und konnte gerade noch so miterleben, wie Hansen in bester Wildwestmanier den Letzten der drei tötete.

Etwas außer Atmen kam er auf dem obersten Deck an und bedeutete Hansen nicht zu schießen, der mit einem völlig aufgelösten Michel Brown neben einem Bus standen und erbärmlich aussahen: Michel Brown hatte eine schlimme Platzwunde am Kopf und jammerte leise, was der ganze Mist denn sollte während Hansen mit einem blutverschmierten Hemd und einem gefährlichen Flackern in den Augen der ganzen Welt von Oasis gerade den Kampf angesagt hatte.

Zum Glück für Max erkannte er ihn rechtzeitig und ließ seine Waffe sinken.

„Gott sei Dank, da sind Sie ja!“ schnaufte Hansen erleichtert und wurde im nächsten Augenblick wieder anmaßend: „Das haben Sie allein mir zu verdanken, dass…“

Der Schlag riss ihn von seinen Füßen, dass er fast im Flug eine hundertachtzig Grad-Drehung um die Achse machte und hart auf den Beton prallte. Krümmend hielt er sich die Nase, aus der das Blut nur so strömte. Max war noch nicht fertig mit ihm. Doch zuerst wandte er sich an Brown, der seinen Retter in Max mutmaßte. „Himmel, Sie kommen genau rechtzeitig! Der ist verrückt!“

„Ach, wirklich?“ Er reichte Hansen die Hand, während er mit der anderen hinter seinem Rücken den Sezierer aus der Umhängetasche holte. „Sind Sie Michel Brown?“

Brown verstand die Geste falsch und ergriff lächelnd den Arm. „Ja, das bin ich. Hat Roxanne sie geschickt? Guter Mann, sie können sich alles wünschen…“

Max griff zu, riss ihn nach vorne und drückte den Injektionsstift in seinen Hals. Brown verstand die Welt nicht mehr, fasste sich an den Hals und starrte Max aus glasigen Augen an. „Warum…?“

Dann sackte er zusammen und war für eine lange Zeit nicht mehr ansprechbar.

Währenddessen war Hansen mit hochrotem Kopf aufgestanden. „Sind Sie verrückt geworden!?“

Max packte zu und schüttelte den Killer. „Elf Männer sind tot! Hast du den verdammten Verstand verloren!?“

„Ganz ruhig. Das sind doch alles Krim-“

Wieder ein Schlag. Max war so aufgeregt, dass er beim Sprechen schon spuckte: „Das war Mord, du Bastard! Kaltblütiger Mord von einem Wahnsinnigen. Gleich elf Mal. Ich lasse dich mit deinen Händen die Namen der Toten in Stein meißeln, und zwar ohne Meißel und Hammer und dann entscheide ich, ob ich dich kleine Ratte nicht einfach hierlasse.“

Hansen zuckte erschrocken zusammen. „Das wird Waldmann…“

„Scheiß auf ihn! Und scheiß auf dich!“ Max packte sein Kinn und drückte so fest zu, als wolle er Saft daraus pressen. „Das sind Menschen, Spiro. Sie wurden schon bestraft, indem sie hierherkamen. Nichts wird etwas daran ändern.“ Er holte aus und versetzte ihm einen Schwinger, dass Hansen wie ein Schweizer Taschenmesser zusammenklappte. „Du hast einen Krieg angefangen, Junge.“ Er atmete schwer und sah sich zur Auffahrt um. „Die werden uns jagen. Und sie werden Hilfe Snown. PureSky ist die einzige Konstante im diesen Chaos. Sie haben über Jahre Verträge geschlossen und werden ihre Bündnispartner auf den Plan rufen. Die Gregs, die Army of Brothers, die H-66… jeden, den sie mit Drogen beliefert haben, wird hier auftauchen.“ Er holte tief Luft, und kurz flackerten Szenarien der schrecklichsten Art vor sein geistiges Auge. Ihn durchlief ein Schaudern. „Fast neunzigtausend Verbrecher. Deine Taten können nicht gerechtfertigt sein…“

Zu seiner Überraschung war Hansen schnell wieder auf den Beinen und konterte mit einem flinken Haken, den Max kaum etwas entgegenzusetzen hatte. Getroffen wankte er gegen ein Auto.

Hansen wirkte, als würde er sich gleich auf Max stürzen wollen: die Augen kalt, die Schultern nach vorne und die Arme wie ein Preisboxer haltend. Doch bevor es richtig losgehen konnte, ließ Hansen die Deckung fallen und lächelte. „Vierzehn.“

„Was?“

„Vierzehn Millionen für diesen Dreck, Snow.“

„Natürlich Geld…“

„Was sonst, Snow? Während Sie weiter in der Station Akten sortieren, sitze ich in drei Wochen auf den Bermudas und schlürfe ich Drinks in der Sonne.“

Max schüttelte den Kopf. „Derrick und du habt den Verstand verloren. Meinetwegen ist es die Hölle, wenn einem Vater so etwas passiert. Ja, das sehe ich ein. Aber das rechtfertigt keinen Mord! Gott, bin ich der einzige hier, der das so sieht!?“ Er stampfte wütend auf.

Hansen zeigte auf den schlummernden Brown. „Er sieht es bestimmt so wie du!“ Wankend kam er auf die Füße und zeigte gen Himmel. „Dann hol doch deine ach so tollen Teams her…“

„Warum?“ wollte Max wissen.

„Um zu kämpfen?“

Max sah ihn an, als hätte er mehrere Klassen ausgelassen. „Wie bitte!? Sechs Söldner gegen neunzigtausend? Nie im Leben. Das ist doch keine griechische Tragödie!“

„Dann hol schon dein Raumschiff her“, zischte Hansen. „Und lass uns endlich verschwinden.“

„Dafür ist es zu spät.“ Er starrte den sprachlosen Hansen an und verspürte keine Lust mehr mit ihm zu streiten. „Alles ist zu spät. Die Gulfire ist fort. Und in dem Tumult kommt sie erst gar nicht auf den Boden. Wir müssen warten.“

„Wie lange denn?“

„Sehr, sehr lange.“

In dem Moment ertönte eine Autohupe.

Ein weißes Taschentuch schwenkend bewegte sich Max auf die Brüstung des Daches zu. Von hier hatte man einen herrlichen Blick auf die Straße. Und die Straße war voll.

Ein Dutzend Jeeps mit Männern und Frauen, die böse nach oben starrten. Max kam sich wie auf einem Präsentierteller vor und schwenkte mit mehr Nachdruck sein weißes Tuch. Niemand rührte sich. Dann bemerkte er den Grund.

Sie war noch nicht da.

Langsam fuhr eine Limousine vor. Ein Prunkstück, dessen Lack so festlich glänzte, als hätten alle Kriminelle von Oasis jedes Stäubchen Glitter gesammelt, um es im Lack zu verewigen. Schrecklich unpraktisch, fand Max, aber Stil hatte es.

Roxanne- Brucha und la Muerte in einer Person- hatte ihre Gruppe in Griff. Niemand sagte ein Ton oder rührte sich von der Stelle, bis sie endlich ausgestiegen war und sich neben einem Jeep lehnend positioniert hatte. Mit einer Fuchsstola und einem schwarzen Kleid sah sie wie eine wahrhaftige Königin aus. Was sie wohl auch wahr.

Max konnte sein Pech kaum fassen: konnte es nicht eine Pilotin sein? Oder die nette Sekretärin im Hauptlabor? Oder sonst irgendwer. Als hätte Preston Smith nicht schon mit wenigen Worten das Unheil in groben Zügen beschrieben, konnte er sich jetzt vor Ort überzeugen, dass mit Roxanne nicht gut Kirschen essen war. Er konnte förmlich riechen, wie sie Ärger zum Frühstück verspeiste und mittags eine doppelte Portion verlangte… nur, um dann am Abend die Welt in Brand zu stecken.

Sie spuckte ein Kaugummi aus und blickte interessiert nach oben, als wäre ihr bei einem Spaziergang eine interessante Kleinigkeit am Wegesrand aufgefallen. Erstaunt zog sie die Luft ein. „Ich hätte nicht gedacht, dich unter diesen Umständen wiederzusehen.“

Max spürte, wie sich seine Mundwinkel automatisch nach oben zogen.

Sie erinnert sich an mich.

Der Rationale Teil in ihm wollte fliehen. Runter vom Planeten und wieder ins gemütliche Büro im Vakuum, wo Akten gesichtet und vom Schreibtisch Einsätze geplant wurden. Das Aufregendste hier war eine Abmahnung gewesen, die aber nach einem persönlichen Gespräch wieder zurückgenommen wurde.

Der Romantische Teil jedoch bewunderte ihren Stil. Den hatte sie. Trotz der verwahrlosten und verhärmten Gruppe um sie herum wirkte sie wie eine typische Unternehmerin in einem der besseren Viertel von Beverly Hills.

Außerdem hatte er einen Wahnsinnsausblick in ihren Ausschnitt…

Er schluckte trocken und leckte sich über die Lippen. „Ja, tut mir leid.“

Alle Blicke richteten sich nach oben und schienen eins zu vermitteln: Was geht uns das an, wie du dich dabei fühlst? Gleich bist du tot. Du weißt es nur noch nicht.

„War nicht so geplant…“

„War es geplant, dass du dich mit meinem Laboranten verdrückst? Max, richtig? Ich will ihn wiederhaben.“

Er überlegte fieberhaft, was er sagen sollte. Er musste sich ihr erklären. Also die Wahrheit: „Michel Brown hat eine Vorgeschichte. Es gibt Leute, die sich dafür interessieren.“

„Tja, das ist Mist.“ Sie zuckte mit den Schultern und schien sich ihren Teil dabei zu denken. „Ich will es kurz machen, Max: ich sehe eine Treppe zum Dach und habe zwanzig Gewehrläufe. Am besten, ihr kommt runter.“

„Ich habe nur eine Frage…“

„Was?“

„Was ist deine Lieblingsmusik?“

Stille.

Einer ihrer Männer zischte etwas, und die anderen lachten leise. Auch Roxanne lächelte kopfschüttelnd. „Nimmst du das hier nicht ernst, Max?“

„Ich liebe Cant´t help falling in love von Elvis Presley.“

Hansen hinter ihm starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren.

Roxanne lachte über einen Witz, den jemand in ihrer Nähe riss. „Du lockerst die Situation ziemlich auf. Aber ja, gutes Stück. Das gebe ich zu.“

„Kannst du es für mich singen?“

Einige Männer und Frauen legten den Kopf schief oder warfen sich verwirrte Blicke zu.

Sie starrte hoch und wurde schlagartig ernst. „Ein andermal. Jetzt wird es brutal.“ Sie nahm die Sonnenbrille herunter. „Bei drei seid ihr unten, oder…“

Selbst aus der Entfernung konnte er ihren eiskalten Blick spüren. Sie würde nicht zögern, die bewaffnete Meute ihnen auf den Hals zu schicken.

So kalt.

So tödlich.

Eine Wahnsinnfrau.

„Mir gefällt Try von Pink auch sehr gut“, krächzte er leise und wusste, dass er bald jeglichen Respekt vor sich selbst verlieren würde.

Sie blinzelte verstört, richtete ihren scharfen Blick zur Seite.

Jetzt lachte niemand mehr. Das scharfe Durchladen von Waffen wurde laut. Ein Gewitter mit viel Blei kündigte sich an, und niemand würde daneben schießen.

„Du hast elf Männer getötet, Max. Das kann ich nicht durchgehen lassen.“ Sie nickte ihren Leuten zu. „Holt mir ihre Skalps“, dröhnte sie tief. Sie wandte sich ab und schnippte mit den Fingern. Wie auf Kommando stürmten die ersten vor und rannten nach oben.

„Und Brown?“ fragte jemand neben ihr.

Roxanne begriff die Frage nicht. „Was? Nein, lebend natürlich. Los, geh schon.“ Sie blickte ihnen nach und schüttelte den Kopf, setzte sich hin und zündete eine Zigarette an.

Als sie die Kippe austrat, kamen ihre Männer langsam wieder herunter. „Das haben sie da gelassen.“

Roxanne starrte auf das einfache Klapphandy und den beigefügten Zettel, auf dem jemand in ungelenker Schrift geschrieben hatte: Ruf mich an.

„Ist das ein Smiley daneben?“ wollte einer der Männer wissen und beugte sich vor.

Roxanne war nicht dumm, aber diese Art von Dreistigkeit erstaunte sie.

„Nein, das ist das Gesicht eines ziemlich großen Idioten.“

Was stimmte mit dem Kerl nicht?

3. Kapitel

Der Dauerlauf über die Dächer mit einem bewusstlosen Brown war eine nervenaufreibende, sehr schweißtreibende Angelegenheit. Wieder und wieder liefen die beiden über rutschige Pfannen, sich vorsehend, dass sie nicht das Gleichgewicht verloren und aufpassend, dass sie nicht entdeckt wurden. Endlich entdeckten sie eine Leiter, an der sie umständlich hangelnd den Bewusstlosen runterließen, als wäre er das Wichtigste in ihrem Leben. Mehr ums andere Mal musste Max mit dem zusätzlichen Gewicht auf seinen Schultern verschnaufen und fluchte leise vor sich hin.

Irrsinn.

Kompletter Blödsinn.

Immer wieder tauchten sie in den Schatten ab, um von vorbeieilenden Gruppen nicht entdeckt zu werden. Dabei nutzte Max sein implantiertes Headset und wurde vom eifrigen Assistenten durch die engen Häuserschluchten geleitet. Nach mehreren Stunden kam sich Max wie die berühmte Spielfigur PacMan vor, wie sie durch ein Labyrinth bloß nicht den Geistern begegnen durfte. Zum Glück hatte Hansens Schießwut einen Dämpfer bekommen. Jetzt verhielt er sich still und nachdenklich, wofür Max im Stillen Gott dankte.

Ausgehungert, frierend und völlig am Ende fanden sie in einer aufgegebenen Werkstatt eine Unterkunft. Zum ersten Mal lächelte Fortuna ihnen zu: ein heruntergekommener Streifenwagen parkte unter einer Folie. Nach mehreren Aussetzern sprang der Motor an.

Der Streifenwagen raste mit abgeschalteten Scheinwerfern über ein verlassenes Stück des mondbeschienen Highways, ein Geisterauto in einer Welt, die für die Verfluchten und Sterbenden gedacht war.

Luft wirbelte durch das eingeschlagene Fenster, während Max am unterbrochenen Mittelstreifen entlangschoss.

„Kannst du überhaupt etwas sehen?“

Max würdigte Hansen keine Antwort. Trotz der schmerzenden Gelenke und seinem Verlangen nach Nahrung brodelte ein Quell nie gekannter Zorn in ihm, den er erstmal verdauen musste. Sonst würde es heute noch mindestens einen Toten mehr geben. Er musste dem Vorstand von SpaceTec berichten, und wenn es ihm seinen Job kostete… dann sollte es so sein. Irgendwie würde Max schon zurechtkommen.

Und er dachte an Roxanne.

Warum diese Besessenheit?

Max kam zu dem Schluss, dass er schon viel zu lange einsam gewesen worden war. Seine Mutter hatte sich nie viel Zeit für ihn genommen. Es hatte viele Probleme gegeben. Die Militärakademie hatte ihn dem nötigen Abstand von seinem schwierigen Elternhaus gebracht, aber im Gegenzug mit harter Arbeit belohnt, die keine Zeit für Beziehungen ließ. So kletterte Max Snow die Karriereleiter hoch, trank Bier mit Freunden oder ging in die Stadien, um seinem Hobby Fußball zu frönen – doch außer gelegentlichen, viel zu unbedeutenden Kuschelsex hatte es nie gefunkt. Nie funken können, denn Max sehnte sich nach einer speziellen Art von Frau. Ihm wurde rot bei dem Gedanken, als er selbst Seelenstriptease betrieb und wusste, dass er -jetzt oder nie -ehrlich sein musste. Oder er würde falsche Entscheidungen treffen. Mutterkomplex?

Gott, werde ich jetzt verrückt, dachte er mit Schaudern und wollte alles am liebsten verdrängen.

„Wo fahren wir hin?“

Max drückte den Lenker so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Schließlich gab er nach: „Wir werden eine unserer Gulfire treffen. Wir sind jetzt außerhalb der Revier, auf einer der Highways. Dann fliegen wir nach Hause.“

„Und dann?“

„Dann dusche ich, esse ein Steak mit Fritten und schlafe vor dem Fernseher ein.“

„Und dann?“

„Wenn ich dann noch Kraft habe, komme ich in ihre Zelle und drücke Ihnen ein Kissen aufs Gesicht.“

„Können Sie mal ernst bleiben?“

Scharf trat Max auf die Bremse, dass Hansens Kopf nach vorne schlug. Noch bevor er protestieren konnte, hatte Max seine Waffe schon gezogen und hielt sie ihm schmerzhaft gegen den Schädel.

Eine Zeitlang passiert nichts.

Das Spannen des Hahns durchbrach wie ein Final Countdown die Stille.

„Niemand würde mich verdächtigen“, murmelte Max gepresst. „ Du krankes Schwein hast heute getötet, als wäre das alles ein verdammtes Spiel.“ Max hatte nun einen Grund, finster dreinzuschauen. „Du hast mich jetzt so weit, Spiro Hansen. Ich habe heute keine einzige Kugel abgefeuert, wusstest du das? Weil das nicht unser Stil ist. Typen wie du machen mich krank!“ Er spuckte angeekelt aus. „Los, Tür auf!“

Hansens Gesicht wurde aschfahl. „Wollen Sie mich...?“

Etwas anderes übernahm jetzt von Max Besitz – und er ließ es zu. „Raus.“

„Aber-“

„Raus!“ Langsam ließ er sich Hansens Waffe geben und folgte ihm langsam.

Sie gingen ein Stück tiefer in die Wüste. Max wusste aus Berichten, dass hier seltene und äußerst tödliche Skorpionarten prächtig gediehen. Es war ihm nur gerade völlig egal.

Dass musste jetzt sein.

Breitbeinig stellte er sich vor ihm hin und zielte auf die Schienbeine. „Na los“, sagte er gedehnt und erinnerte sich an einen alten Ganovenfilm, in der gedungene Schurken einen Verräter auf die gleiche Weise entledigten. Denn das war Hansen. Eine Ratte.

„Sie können mich nicht hierlassen“, ereiferte sich Hansen und starrte nach oben zu den Sternen. „Die können mich sehen, richtig? Sie sollen mich sehen. HIER! HELFT MIR!“

Dabei schrie und winkte er wie verrückt.

Stille. Nur der nachtschwarze Himmel.

Und die Wüste.

„Müssen wohl gerade alle Kaffeepause machen“, entgegnete Max gedehnt und spuckte wieder aus.

„Das dürf-“

„Jetzt will ich dir mal etwas sagen, mein Freund: Die Gefangenen kommen mit einem Raumschiff hierher und werden über den ganzen Planeten verteilt. In einem Knast gibt es Regeln, feste Mahlzeiten und Strukturen. Das alles bietet Oasis nicht. Und das wissen sie. Es sind Menschen wie du ich. Naja, mehr wie ich“, setzte er hinzu und fing sich einen bitterbösen Blick von Hansen ein. „Sie müssen akzeptieren, dass sie nie wieder nach Hause kommen und sie müssen für sich selbst sorgen. Es ist ein hartes und raues Klima hier und die Netten und wirklich Guten werden gefressen. Keine Sekunde lang würde ich meinem schlimmsten Feind diese Hölle wünschen. Begreifen Sie bitte eines, Hansen“, er holte tief Luft und brüllte drauflos: „Diese Menschen werden nie wieder ihre Heimat sehen. Sie werden nie wieder die Spaghetti ihrer Mama kosten und nie wieder ein Kino oder ein Museum von innen sehen. Begreifst du den Ernst der Lage, du kranker Wichser!?“ Max wartete keine Antwort ab und fuhr fort: „Du hast bestimmt nicht das Recht, wie ein selbstgerechter Henker über Leben und Tod zu entscheiden. Diese Menschen sind am Ende und seit zwanzig Jahren schaue ich zu ihnen herunter und wünsche mir, ich könnte helfen. Auch wir bei SpaceTec sind nicht aus Stein – im Gegenteil: würde nur einer von uns abfällige Bemerkungen machen, fliegt er raus.“ Er atmete erschöpft aus. „So, und jetzt mach doch was du willst.“ Er winkte müde ab und ließ die Waffe sinken.

Plötzlich sprang der Motor an und für eine Millisekunde starrten beide entsetzt zum Streifenwagen, bis Michel Brown die passende Schaltung fand und Vollgas gab. Röhrend und knarrend beschleunigte der Wagen in der Dunkelheit und Sekunden später war von ihm nichts zu sehen.

Verdattert starrten beide dem Nichts entgegen, das den Wagen verschluckt hatte.

Michel Brown hatte sich soeben empfohlen.

Max blickte zur Stelle und versuchte zu verstehen, was jetzt einfach passieren musste: sie würden nicht rechtzeitig zur Gulfire kommen, was zweierlei zu Folge hatte. Erstens würde die Automatisierung dafür sorgen, dass das Raumschiff wieder verschwand. Zweitens würden sie festsitzen.

„Was machen wir denn jetzt?“ fragte Hansen panisch.

Leise stöhnend wandte sich Max ab und drückte an sein Ohr. Schnell stellte er den Kontakt zu Smith her. „Smith?“

„Curley, Sir. Smith musste sich mal hinlegen.“

Er kannte natürlich Curley. Ein ebenso tüchtige Frau aber sehr bestrebt ganz nach oben zu kommen. Curley war ein wandelndes Vorschriftenverzeichnung – was nicht passte, durfte nicht passieren. Das könnte ein Problem werden. Smith hingegen war einer der Kollegen, der sich liebend gerne an die Haken seines Vorgesetzten hängte und viel flexibler war. Aber auch ein überstrapazierter Verstand wie der von Max Snow verstand, dass selbst ein Preston Smith Schlaf brauchte. „Curley, sehen Sie meine Position?“

„Ja, Sir.“

„Uns wurde der Wagen gestohlen. Schicken Sie ein Team, um mich abzuSnown.“ Innerlich zählte er von zehn an rückwärts. Wartete. Als er bei zwei angekommen war, war die Botschaft natürlich: „Nein, Sir, das ist ganz schlecht.“

„Weil die Vorschriften besagen, dass…“

„…, dass nach mehrmaligen Gebrauch der Gulfire intensive Wartungsarbeiten vorgeschrieben sind.“

Max nickte. Er kannte das Regelwerk auswendig. Er begann in einem Singsang zu proklamieren: „Und die intensiven Wartungsarbeiten…“

„…könnten bis zu zehn Stunden dauern. Ja, Sir. Da können wir nichts machen.“ Er holte tief Luft. Blieb nur noch das Team, das mit einem Shuttle unterwegs war. Ein Shuttleflug sollte doch drin sein. Schließlich saß er auf Oasis fest und nicht in Wisconsin an einer Bushaltestelle. „Und das Shuttle? Schicken Sie ein Team runter. Kümmern Sie sich bitte darum, Curley. Ich hatte eine anstrengenden Tag.“

Wieder zählte er von zehn an rückwärts. Und wieder antwortete Curley: „Nein, Sir, das ist ganz schlecht.“

Schrecklich, wie berechenbar manche Dinge waren. Das nahm einen den ganzen Reiz am Leben.

Er atmete laut ein. „Lassen Sie mich raten: auch eine intensive Wartungsarbeit.“

Curley klang, als würde sie gleich weinen. „Ja, Sir. Tut mir leid.“

Fick dich doch! Du mit deiner geheuchelten Anteilnahme, du blöde Kuh! Ich werde hier entweder gefressen, getötet oder vergewaltigt. Alles auf einmal oder schön in umgekehrter Reihenfolge! Ich bin dein Chef! Wenn ich zuhause bin, lasse ich dich alle Büroklammern zählen und archivieren!

Er schluckte trocken und besann sich eines Besseren. „Das ist nicht Ihre schuld, Curley. Machen Sie Feierabend. Ich halte schon durch.“

Sie schnäuzte sich in ein Taschentuch. „Da wäre noch etwas, Sir.“

„Reden Sie schon, Mann!“ sagte er flapsig. Er spürte, wie sich ein Magengeschwür bildete. Der Krampf war noch auszuhalten- geradeso.

„Nein, Sir, die Firmenleitung hat sich gemeldet. Schon viermal in den letzten zwei Stunden. Sie wollen Sie morgen unbedingt sprechen.“

Natürlich, dachte Max böse. Mein Vorgesetzter hat gespürt, dass die Welt sich über mich erleichtert und will auch dabei sein und sein Häufchen setzen. Besten Dank, Gott! Gibt es dich überhaupt?

Max war Profi, aber nicht so. Langsam kämpften Panik und Frustration über die Kontrolle über sein Nervensystem und beide wurden Erste. „Morgen passt mir gut. Ich denke, so gegen zehn Uhr bin ich tot. Legen Sie den Termin auf elf. Danke und Gute Nacht.“

Er legte auf und starrte an sich herunter.

Und das Beste?

Es begann zu regnen…

Ein sanfter Herbstregen setzte ein, und zwar einer, der das tiefe Bestreben besaß lange und andauernd zu sein und sich vorher an einer kalten Wetterfront gekuschelt hatte. Aber das war noch nicht alles. Ein irres Grinsen zeichnete sich auf Maxs Gesicht gefährlich ab und auch hier zählte er innerlich von zehn runter und zeigte mit seinem Arm Richtung Hansen.

„Was machen wir denn jetzt?“ fragte Hansen panisch.

Danke, Universum. Auf dich ist Verlass.

Und das Universum antwortete auf seine Art.

Nach einer halben Stunde waren sie völlig durchnässt und froren bitterlich.

Zehn Stunden. In zehn Stunden würden Snow und Hansen eine geeignete Stelle für die Gulfire finden, die, wenn sie dort ankamen, leer und dunkel auf sie warten würde. Das war nicht das Problem; das Problem waren die zehn Stunden.

Zum einen: irgendwo dort draußen organisierte eine ziemlich gefährliche Frau die wohl größte Menschenjagd, die Oasis je gesehen hatte. Sie war zu dem Schluss gekommen, dass Snow, ganz gleich, wer er war, irgendetwas mit ihrem Laboranten vorhatte. Browns Kenntnisse garantierten ihnen einen ausgezeichneten Drogenhandel und seine bloße Abwesenheit würde alles kompliziert machen – versteht sich. Ebenso war zu erwarten, dass die Gang einfach erwartete, dass man hart mit den beiden Entführern umging. Was würden sie also vermutlich tun? Jeden Stein im Umkreis von mehreren Meilen umdrehen und erst dann die Suche zu beenden, wenn Brown lebend und Snow und Hansen aufs Schärfste bestraft worden waren. Was wäre das Vernünftigste? Jetzt, wo Brown entkommen war, würde er wahrscheinlich zurückfahren und seiner Gang mitteilen, wo er Snow und Hansen zuletzt gesehen hatte. War es klug einfach zu flüchten? Wäre es nicht besser sich ein tiefes, tiefes Loch zu suchen und darauf zu hoffen, dass die Menschenjäger sie vor Ablauf der zehn Stunden nicht finden würden? Oder sich nach den Sternen zu orientieren und zu laufen, bis die Füße Blasen warfen…

Zum zweiten: SpaceTec würde die lange Abwesenheit ihres Sicherheitschefs bemerken, und falls Snow die ganze Geschichte wie durch ein Wunder überleben würde, wartete gewiss ein ernstes Gespräch mit der Leitung auf ihn, wo er sich lange und ausführlich rechtfertigen müsste, warum er einen nicht registrierten Killer wie Hansen auf eine kleine „Spritztour“ auf einen Gefängnisplaneten genommen hatte. Die „Ausfälle“, die Hansen zu verantworten hatte, waren in keinster Weise zu rechtfertigen. Diesmal würde es nicht bei einer einfachen mündlichen Abmahnung bleiben, auch wenn Snow diesen Punkt ganz nach hinten schob. Viel mehr Sorgen machte ihm der Planet…

Zum dritten: irgendwo dort draußen existierten mutierte Wüstenhunde, stark radioaktive Sandflöhe, giftige Echsen und seltene Naturphänomene, die jeden unachtsamen Spaziergänger krank oder schlimmstenfalls töten konnte.

Warum habe ich nicht als Erstes dem Vorstand von Waldmanns Forderungen erzählt? Dann wäre ich nicht in dieser schrecklichen Situation!

Im Nachhinein betrachtet war es die logische Wahl, doch Max ahnte, warum er sich dabei lieber auf sein Glück verlassen hatte.

Max hielt mitten im Gehen inne und betrachtete die Straße vor sich mit gerunzelter Stirn. Nach einer Weile sah Hansen ihn verwundert an und sagte: „Was ist?“

Snow nickte in Richtung Horizont. „Ich wollte Derrick helfen, weil ich mich schuldig fühlte. Darum habe ich mich darauf eingelassen. Ich wollte etwas wieder gutmachen.“

„Das müssen Sie erklären.“

„Ich war nicht für ihn da, als es passierte.“

„Verstehe.“ Hansen machte ein Gesicht, als hätte er noch nie so etwas Dämliches gehört. „Was hätten Sie schon tun können? Man kann kein Kind immerzu beschützen.“

„Wenigstens ein Anruf. Oder ein Besuch. Tröstende Worte.“

„Sie hätten alles stehen und liegengelassen und wären durch das All gereist, um ihrem Freund beizustehen? Möchte ich bezweifeln.“

„Warum? Was hätten Sie getan?“

„Ich hätte angerufen und gefragt, ob er etwas braucht. So macht man das doch. Und wenn man zufällig in der Nähe ist, dann kommt man zu Besuch.“

„Das… hätte ich auch machen können. Aber“, Max holte tief Luft und stöhnte laut auf. „das war mir alles zu anstrengend. Vor drei Jahren war ich zu dem Zeitpunkt sogar noch auf der Erde…“

„Dann sind Sie ein mieser Freund.“

„Ich bin nicht stolz darauf“, stimmte Snow ihm zu. „Ich hätte da sein sollen. Nun, das ist der Grund, warum ich ohne ein Team allein mit Ihnen losgezogen bin.“ Er hustete kurz und lehnte sich zurück, um im Gehen die Sterne zu bewundern. „Nun, das spielt jetzt alles keine große Rolle mehr. Wir haben weniger als zehn Stunden Zeit, bis man uns abholt. Die Einzelheiten können wir jetzt gleich, beim Gehen, besprechen. Für den Fall, dass wir auf Gefahren stoßen.“

„Gut, machen wir.“

„Wir müssen uns nur noch heute vorsehen“, sagte Snow, „und dann haben wir es hinter uns.“

Mit einem überraschten Lachen sagte Hansen: „Stimmt! Nur noch heute. Die Sache ist beinahe gelaufen. Kriege ich meine Waffe wieder?“

„Wie? Na gut“, murmelte Snow und reichte sie ihm. „Für einen Tag waren das genug Dummheiten. Ab jetzt gelten folgende Regeln: wir flüchten Richtung Nordnordwesten und bleiben von der Straße fern.“

„Nichts dagegen.“

„Erstens sollten Sie sich von der Fantasie verabschieden, dass Sie es allein mit ihnen aufnehmen können. Sie kennen sich nicht aus, sie sind kein Verbrecher und Sie kennen nicht das Land. Ob Sie bloß die Straßenseite wechseln oder einfach in eine Richtung laufen: sobald Sie sich irgendwohin bewegen, wissen die, wo Sie sind. Sie können nicht verschwinden, weil Sie die Regeln nicht kennen. Anstatt die Typen zu sein, die schießend ihre letzten Kugeln verballern und dann von dem Rest gejagt und gefoltert werden, wollen wir die Typen sein, die nicht den Kampf suchen, und bewegen uns dort, wo die anderen nicht sind. So müssen Sie es machen. Wir sind wie zwei Schatten, die von diesem Planeten verschwinden, während die anderen nach Ablauf der Frist noch nach uns suchen. Während wir beide also bei SpaceTec uns eine warme Dusche gönnen, durchsuchen die anderen noch jede Hütte.“

„Das ist…“ Hansen schüttelte den Kopf und machte mit einer Hand unbestimmte Gebärden, als wollte er einem Menschen, der noch nie einen Elefanten gesehen hatte, einen beschreiben. „Also schön. Wir machen es auf Ihre Art, Snow, aber wenn man auf mich schießt, ballere ich zurück. Ich verstecke mich nicht wie eine Ratte in einem Gully.“

„Sie wollen drei Dinge“, sagte Snow. „Oder jedenfalls habe ich den Eindruck, dass Sie Ihre vierzehn Millionen wollen, dann noch ein bisschen die Sau rauslassen und möglichst ohne Einschusslöcher wieder nach Hause kommen.“

„Tja“, sagte Hansen, und nun schien er etwas verlegen, etwas unbeholfen. „Ich nehme an, dass ich diesen Brown nicht mehr erwischen werde.“

„Das, und die Tatsache, dass Sie kein Actionheld aus dem Fernsehen sind. Das sind keine unbeholfenen Straßengangster, Hansen, das sind richtig harte Killer, die nichts mehr zu verlieren haben. Es gibt zu viel, was Sie nicht wissen, zu viele Fehler, die Sie machen können. Sie können hierbei draufgehen, und Sie können mit mir verschwinden. Wenn wir es klug anstellen, sind sie in zehn Stunden wieder auf sicherem Terrain und kontaktieren Waldmann. Sagen Sie ihm, dass sie versagt haben und dass er sich jemand anderen suchen soll. Dann werden Sie wieder zur Erde fliegen und sich einen Drink in irgendeiner Bar gönnen und die ganze Sache vergessen. Wollen Sie jetzt den Drink in einer Bar oder den äußerst schmerzhaften Tod?“

Hansen schwieg lange. Snow ging weiter voran und wartete auf eine Reaktion. Sie liefen über eine asphaltierte Straße, die durch eine hügelige Landschaft führte, die so dunkel und unbewohnt schien wie damals, als der Planet noch weitgehend unbewohnt gewesen war.

Schließlich seufzte Hansen tief und sagte: „Ich glaube, ich wähle den Drink.“

„Das glaube ich auch.“

„Es ist, als würde man auf die Jagd gehen. Das Wichtigste dabei ist die Geduld. Wenn man Geduld hat, kriegt man, was man will.“

„Stimmt.“ Snow nickte ihm aufmunternd zu, froh darüber, dass er den sicheren Weg wählte. „Wir haben zwei Gefahrenquellen, nämlich die wilden Tiere und die Menschenjäger. Eigentlich sind es drei, denn die Zeit arbeitet gegen uns. Wir müssen die Zeit durchhalten, und wir müssen mit unseren Kräften aushalten.“

„Was haben wir noch zu essen?“

Snow langte zu seiner Umhängetasche und verteilte die Müsliriegel und zwei Wasserflaschen gerecht. „Trinken Sie nicht alles auf einmal aus…“

„Ich bin kein Idiot.“

„Michel Brown ist mit unserem Auto fort – wenn er zügig die gleiche Strecke zurückgefahren ist, hat er ungefähr jetzt die erste Patrouille erreicht und ihnen mitgeteilt, wo wir sind. Im besten Fall hat er sich verfahren, aber davon würde ich nicht ausgehen.“

„Klingt logisch.“

„Die Banden haben Handys und wissen spätestens jetzt, wo wir sind. Mit ihnen allen können wir es nicht aufnehmen, also schlage ich vor, dass wir uns in die Büsche schlagen und zu Fuß durch das Dickicht versuchen weiterzukommen.“

„Haben die Bluthunde?“

„Ich glaube nicht. Aber Fährtenleser“, antwortete Snow ehrlich. „Was immer die vorhaben – die machen es erst, wenn sie wissen, wo wir sind.“

„Gehen wir also vom Schlimmsten aus.“

„So ist es. Ach, und noch etwas, Hansen.“

„Was denn?“

„Wenn wir das überleben wollen, müssen wir zusammenarbeiten.“ Unvermittelt bog Max ab, hüpfte über einen Graben und nahm die Route durch hüfthohes Gras auf einen kleinen Wald zuhaltend. Ohne Widerspruch folgte Hansen ihm und nach wenigen Minuten waren sie von der Straße aus nicht mehr zu sehen.

Die Vorhut stob durch die kleine Gasse, in wilden Schlangenlinien auf ihren Crossmaschinen. Das tiefe Dröhnen der aufgemotzten Maschinen, das Prasseln von Sand und Steinen unter breiten Rädern war eine Zumutung für jeden, der sich in Reichweite der stillgelegte Fabrik befand doch den Fahrern war dieses Imponiergehabe wichtiger als die eigene Gesundheit. Auf jeder freien Fläche des Fabrikgeländes hockten Männer und Frauen, die Visiere der Motorradhelme geschlossen, darauf die Fratzen von Monstern gesprayt. Je mehr Farben, desto höher der Rang. Vierzehn Motive. Also vierzehn Banden.

Roxanne Culdoras – Brucha, La Muerte- trat mit ihrem Gefolge auf den Platz. Am Tag wirkte das Lagoony alt und zerfallen, keine fröhliche Musik und keine ausgelassene Stimmung waren zu vernehmen. Lässige Jeans und eine einfache Lederjacke tragend schnappte sich die Queen von PureSky ein Mikrofon und sprach langsam und deutlich: „Wir suchen zwei Männer, die unseren Laboranten entführt haben. Ihr sucht sie, ihr findet sie und den Laboranten will ich lebendig. Er heißt Brown. Krümmt ihm ein Haar, und ihr bekommt es mit mir zu tun. Wenn ihr sie findet, will ich einen Beweis. Sonst noch Fragen?“ Roxanne nickte einem Mann zu, der sich eilte Steckbriefe der beiden Frevler zu verteilen, reichte das Mikro weiter und wandte sich mit gelangweilter Miene ab, als hätte sie gerade den Wetterbericht im Schulfunk vorgelesen.

„Wie kommst du dazu, erst deinen Besitz zu verlieren und dann uns zu sagen, was wir zu tun haben?“

Roxanne blieb stehen, wandte sich langsam um und hob die Augenbrauen fragend.

„Du hast schon verstanden, Süße.“

Die Gestalt mit dem buntesten Helm nahm ihn ab und warf ihn zu einer Sklavin, die mit ihren abgemagerten Armen Schwierigkeiten hatte ihn zu fangen. Neben dem ausgedörrten Mädchen wirkte die grobe Breitschultrige wie eine feste Dominanz. Sie riss dem Vasallen ein Steckbrief aus der Hand, sah es skeptisch an und thronte auf ihrem Pick-up wie eine Königin. Die Boss stand da mit ihren zwei Metern und ihrem zusammengestückelten Pelzmantel und warf ihren keltischen Seitenscheitel lässig zur Seite, während Roxanne keinen einzigen Muskel zuckte und ausdruckslos wartete, dass die Frau zu ihr herübergeschlendert kam. „Ich sagte, du lässt dich bestehlen und glaubst, du könntest über uns bestimmen?“ Die Sprecherin wies ein kantiges, von Narben durchgezogenes Gesicht auf und trug eine Peitsche lässig über die Schulter.

Scheinbar gelangweilt wanderte Roxannes Blick von ihren Schuhen bis zu ihren Haaren und stemmte langsam die Hände in die Hüften. „Tja, das kann ich“, sagte sie ohne eine Spur von Angst und hielt dem fiebrigen Blick stand.

Beide taxierten einander.

„Tja. Wird Zeit, dass dir jemand mal zeigt, wie das geht, Süße“, sagte die Hünin und spuckte aus. „Ich und meine Jungs denken, dass du nicht das Zeug hast. Das wir einfach deinen Laden übernehmen. Und wenn wir diesen Brown finden, behalten wir ihn. Problem damit?“

Zustimmendes Raunen hinter ihr.

Ein Muskel zuckte in Roxannes Gesicht.

„Aber auch ich kann großzügig sein. Habe heute Morgen beim Schiffen gerochen, dass ich auf jemanden Besonderen treffen würde“, sagte die Bikerin. „Wenn du brav bist, darfst du meine Schuhe putzen…“ Sie grinste schmierig und hob die Hand, um ihr übers Gesicht zu fahren…

Eine Kugel fliegt mit fast vierfacher Schallgeschwindigkeit und ein guter Schütze trifft auf ein unbewegliches Ziel genau die Mitte. Der Zufall wollte es, dass Roxannes Schütze auf dem Dach in dem Moment genau ihre Hand traf: das Ergebnis war spektakulär und ließ alle aufseufzen.

Noch während der Schuss verhallte, langte Roxanne mit einem Messer zu und hörte erst auf, als die Bikerfrau sich nicht mehr rührte. Mit unbewegter Miene stand sie aufrecht da und starrte zu dem Rest. „Ich bin ganz und gar gewöhnlich“, raunte sie leise und wischte sich übers Gesicht. „Hat hier sonst noch jemand ein ziemlich blöde Idee?“

Als die Letzten losgefahren waren, trat Tec zu ihr. „Sie werden immer aufmüpfiger. Wir sollten ein Zeichen setzen.“ Tec war Roxannes Rechte Hand, ein ehemaliger Schmuggler von der Erde, der stets darauf achtete, mit ihr behutsam und respektvoll umzugehen. In seinen Augen war die Queen ein besonderer Mensch, sogar er begriff das, und er hatte wenig Ahnung von Menschen sondern war ein Mann der Logistik, der lieber analytisch mit Inventuren umzugehen verstand. Sie wusste so genau, was sie wollte und welcher Weg sie dorthin bringen würde, es war bewundernswert. Ohne ihre PureSky wäre sie keine Queen, aber ohne ihre Queen wären die PureSky nichts.

„Ich dachte, das hätte ich gerade.“

„Wenn sie sich zusammentun…“, fragte Tec mit gesenkten Blick. Er sah seiner Queen nicht gerne in die Augen, sie hatte so eine Art eindringlich zu starren.

Nicht alle Verurteilten auf Oasis waren „kleine Fische“, die wegen Autodiebstahl oder Steuerbetrug auf der Erde geschnappt und weit draußen ins All geschickt wurden. Einige wenige liebten ungezügelte Geilheit, sadistische Neigungen, die Sehnsucht nach Raub und Mord oder waren einfach nur fehlgeleitet in ihrer übersteigerten Form der Kinderliebe. Einige verstanden sich als Geschäftsleute, andere reklamierten ihr legitimes Recht, pervers zu sein. Erst vor Gericht bemühten sie sich darum, selbst als Opfer anerkannt zu werden, die Heilung und Verständnis bedurften. Kaum waren sie auf dem Gefängnisplaneten, kehrten sie allzu gerne auf den Spielplatz ihrer verklebten Fantasie zurück und schufen sich ihre eigenen kleinen Reiche. Wer geschickt war, konnte hier sein Paradies finden. Doch was selbst SpaceTec nicht wusste: der Grund, warum nicht alles von den Stärksten rücksichtslos geraubt wurde und alles ins Chaos abdriftete, war simpel und für jemanden wie Roxanne schon lange klar geworden. „Nein, du verstehst nicht. Alle Gangs sind Autosuffs, sie versorgen sich selbst. Wenn sie Mumm hätten, würden sie sich einfach nehmen, was sie bräuchten“, erklärte Roxanne geduldig. „Sie kommen zu uns und handeln, weil sie uns brauchen. Weil wir ihnen gesteckt haben, dass wir Handel mit anderen Gangs haben und wir uns gegenseitig helfen.“

„Stimmt das denn?“

„Nein, aber kann man nie wissen, was?“

„Du meinst, sie gehen eher davon aus, dass ihre Feinde zu uns gehören und wollen stattdessen auch ein Teil vom großen Ganzen sein? Um bloß nicht einen Nachteil zu haben?“

„Eine kleine Gang ist schnell ausradiert. Aber bei zwanzig kleinen Gangs sieht die Sache schon anders aus. Sie haben mehr davon, uns zu dulden und mit uns zu handeln.“ Roxanne lächelte bei dem Gedanken, dass diese Gangs vereint eine regelrechte Armee darstellten und es selbst nicht mal wussten oder ahnten. „Alle Menschen sehnen sich nach Ordnung, nach Hierarchie.“

„Und einer Königin? Fehlt da nicht noch eine Krone?“

„Man ist erst eine Königin, wenn die Herrschaft legitimiert ist. Und ich habe keine Lust Babyköpfe zu küssen und in einem stinkenden Pelzmantel stundenlang auf einem Thron zu sitzen.“ Sie schaute zur Leiche zurück und zog eine Miene, als müsste sie angestrengt nachdenken. „Doch du könntest Recht haben. Das war schon der Zweite in diesem Monat, der mich herausforderte. Wir setzen alle Partys aus, bis die beiden Idioten gefasst wurden! Was wollen die denn jetzt?“ fragte Roxanne und starrte zur Autobahnauffahrt in der Ferne, wo sich etwas anbahnte.

Tec drehte sich um und holte sein Fernglas hervor.

Er erkannte eine Front aus etwa zwei Dutzend schweren Jeeps, die eine Menge Staub aufwirbelten, während sie sich der Fabrik näherten. Das Symbol des schwarzen Pike-Ass, was auch sonst. BlackOrder. Tec erkannte auch eine Reihe aus Motorrädern, auf denen paarweise BlackOrder-Soldaten saßen, die weit abgeschlagen den Jeeps folgten und sich in großer Entfernung positionierten. Tec zweifelte nicht daran, dass sich auch einige Scharfschützen gerade bereithielten.

BlackOrder.

Schon immer gab es Verbrecherorganisationen, die von ihren Mitgliedern unbedingte Treue und ein Höchstmaß an kriminelle Energie erwarteten, doch bei dem Gründer von BlackOrder galten Mordlust und Zerstörungswut als Tugenden. Der Mann namens King Mike war der Waffenmeister von Oasis, der ungekrönte König des Dunklen Landes und der Kanzler der Verstoßenen. Aus den Resten der „BlackSkins“, der „Dragonheads“ und den „47.Swam“ formte King Mike ein Verbrechen an der Gesellschaft. Nur die härtesten und gefährlichsten Männer und Frauen – mitleidlos und aggressiv – durften nur für einen Zweck existieren: das Reich auszuweiten und die Macht des Anführers zu nähren. Freie Gesellschaften wurden ausgemacht, überfallen und ihre schwächsten Mitglieder gefangengenommen oder getötet. Diejenigen, die in den Zellen unter dem Hauptquartier in Dunkelheit ausharren mussten, dienten BlackOrder auf mancherlei Arten: Sklaverei, Prostitution oder als Fleischlieferant. Und sie waren weit im Westen zuhause – was also taten sie hier?

„Sie sehen aus, als kämen sie, um eins aufs Maul zu kriegen“, seufzte Roxanne. „Das sollte nicht sein, Tec. Wir haben keinen Krieg. Das geht so nicht.“

„Was, wenn King Mike von unserem Missgeschick gehört hat und uns seine Hilfe anbietet?“ Er spürte, dass sie ihn anstarrte und schüttelte schnell den Kopf.

„King Mike ist ein Arsch. Kümmere dich darum, Tec. Mach das Empfangskomitee und sag allen, dass sie ihre Waffen bereithalten sollen. Ich will diese Typen nicht auf meinem Land haben.“

Wenige Minuten später stand Tec, umgeben von einigen Trupps zu Fuß, auf Bikes und auf Jeeps – also knapp fünfzig Mann – vor den heranrollenden Wagen. Keinesfalls zu früh. Mit einem Ruck kam der zentrale Wagen, der den anderen ein wenig vorausfuhr, zwischen dem Steppengewächs zum Stehen. Die Türen platzten auf und spuckten einen Trupp Soldaten aus. Natürlich verurteilte Verbrecher, aber wer sich bei der BlackOrder einreihen wollte, musste sich dem Drill und den Regeln beugen, die jeder Kadettenschule zur Ehre gereicht hätte. BlackOrder-Soldaten trugen die Haare kurz, bewegten sich wie erfahrene Feldkämpfer und salutierten in ihrem Einheitslook (schwarze Stiefel, weite Hosen und kurze Hemden) wie ein Bataillon aus GreenBerets.

Und dann kam er.

Gehüllt in schwarzes Leder und einer Strumpfmaske aus schwarzem Samt stolzierte King Mike wie ein General; eher wie ein Schurke aus Star Wars und maß aus tiefen schwarzwirkenden Augen Tec an. Er hatte eine herablassende Art an sich, die schon fast an Gefühlskälte heranreichte. Er war groß, hager und hatte stechende olivgrüne Augen, die alles durchscheinen konnten. Seine Nase war im Laufe der letzten Monate mehrfach gebrochen worden und wirkte wie ein Fehlgriff der Natur. Seine Strumpfmaske nahm er nur selten ab.

„Ihr müsst King Mike sein“, begrüßte Tec den Mann vor sich und deutete eine Verbeugung an. Äußerlich ruhig zitterte er innerlich vor Ärger, aber auch vor Angst. Wozu gab es Regeln für so etwas? Ob aufgeschrieben oder nicht war nebensächlich – jede Person auf Oasis sollte wissen, wie das hier zu laufen hatte, wie ein Deal zu laufen hatte, den man mit Queen Roxanne traf, verdammt! Und die letzte Regel lautete: BlackOrder bleibt im Westen – PureSky bleibt im Osten! Wenn ihr etwas wollt, dann schickt einen Boten. Punkt.

Tec wusste genau, was Roxanne von ihm erwartete. Seine Queen wusste, wann man Stärke und Überlegenheit zeigen musste. Nämlich immer.

Er bemühte sich ruhig zu sprechen. „Was ist Euer Begehr?“

King Mike war kein muskulöser Mann, eher schmächtig als athletisch, aber seine kühlen Augen strahlten eine Kälte aus, die jedem Eisbrecher schockiert hätte. Doch auch seine Augen erzählten eine Geschichte: sie kommunizierten ähnlich wie ein Habicht, der aufmerksam nach Beute Ausschau hielt. Die Art, wie er sich umsah, verriet, dass er zu aufrecht, zu kontrolliert vorging, um sich nur über Menschenleben sich den Kopf zu zerbrechen. Unter seinem Blick fühlte sich Tec wie unter Röntgenstrahlen durchdrungen. Jeder Makel, mit dem man bis zu diesem Moment gut hatte leben können, würde aufgebläht und ins Unerträgliche potenziert werden. Dieser Mann war ein Killer.

Tec sah sich im Scheinwerferlicht eines sehr mächtigen, kaltherzigen Mannes, dem man allerhand nachsagte. Und gerade im Moment wägte der Waffenmeister von Oasis Tecs Nutzen für sich ab.

„Ich löse euer Problem und dafür will ich den Fluss und das Sägewerk, dazu noch den Wald“, knurrte er, mehr zu sich selbst, aber es kam grollend und knackend unter seiner Maske wie das Murmeln eines schlafenden Riesen.

Tec starrte ihn verständnislos an, und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Da fiel ihm die Bewaffnung der Leute auf: geölte und sicherlich einwandfreie Maschinenpistolen saßen locker in den Holstern. Gute Werkzeuge, gut erhalten. Natürlich hatten die PureSkys auch Waffen: Speere, Messer, Gewehre und das eine oder andere Maschinengewehr. PureSky hatten vielleicht doppelt so viele Mitglieder, aber durchweg männlich aussehende BlackOrder-Soldaten waren zum Kampf gedrillt und würden auf Befehl ohne zu Fragen losstürmen. Tec würfelte in Gedanken seine Chancen aus, lebend bei einer Konfrontation aus der Sache herauszukommen und fand das Ergebnis niederschmetternd.

Zeit, das hier zu beenden. „Ich werde der Queen Euer Angebot überbringen.“

Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte sich King Mike um und schlurfte langsam wieder zurück. Erst auf einen Wink bewegte sich der ganze Trupp und sofort waren alle in Aufbruchstimmung. Es dauerte keine zwei Minuten und BlackOrder war wieder verschwunden.

Dann senkte sich Grabesstille über die von den Rädern zerfurchten Ebene. Eine große Staubwolke im Westen zeugte von ihrer Anwesenheit.

PureSky brauchten einen Moment, um sich zu fangen, um zu begreifen, dass sie Zeuge eines Vorboten waren – den Vorboten eines drohenden Krieges. Manche von ihnen sahen ungläubig an sich herab, als konnten sie nicht fassen, dass sie gerade noch so mit dem Leben davongekommen waren.

Tec wandte sich um, als er schnelle Schritte vernahm und kurz vor ihm tauchte auch schon das strenge Gesicht seiner Queen auf. „Sie sind bloß zu zweit mit einer Geisel im Gepäck. Wie schwer kann das schon sein?“ In diesem Satz steckten viele Infos, die Tec genau verstand. Er verstand sogar sehr gut.

BlackOrder durfte sie nicht finden. Auf keinen Fall.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺193,52

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
400 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783754185032
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar