Kitabı oku: «Generation Lahmsteiger»
GENERATION
LAHMSTEIGER
Die goldene Ära des FC Bayern
JUST IN KRAFT
GENERATION
LAHMSTEIGER
Die goldene Ära des FC Bayern

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Copress Verlag
erschienenen Printausgabe (ISBN 978-3-7679-1238-0).
Cover: Pierre Sick, Copress Verlag
Louis van Gaals 4-Phasen-Modell: Spielverlagerung.de
Alle übrigen Grafiken: Justin Kraft, Miasanrot.de
Lektorat, dtp (Printauflage): Verlags- und Redaktionsbüro München,
www.vrb-muenchen.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet unter http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2019 der deutschen Ausgabe
Copress Verlag in der Stiebner Verlag GmbH, Grünwald
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages.
ISBN 978-3-7679-2079-8
www.copress.de
INHALT
Prolog: Die Nacht von Barcelona (2009)
Kapitel 1: 2009-2012
Louis van Gaals Revolution . Sportliche Stagnation . Heynckes zum Dritten . Zwei große Niederlagen
Kapitel 2: 2012-2013
Umbruch und strategische Korrektur . »Road to Wembley« . Zwei große Siege . Die goldene Generation
Kapitel 3: 2013-2016
Guardiola und die Erwartungen . Jahr 1: Veränderungen und Probleme . Jahr 2: Arbeit am Detail . Jahr 3: Die Vollendung? . Die letzte Patrone . Was bleibt von Guardiola?
Kapitel 4: 2016-2018
Entfesselte Ancelotti-Bayern? . Schneller Niveauverlust . Warum Ancelotti nicht passte . Heynckes zum Vierten
Kapitel 5: Der Übergang
Eine einmalige Dekade . Alles auf Neuanfang? . Start mit Hindernissen . Die Zukunft ist jetzt!
Epilog: Ein Blick in den Münchner Horizont (2018/19)
Danksagung
»Mit Philipp [Lahm] ist das natürlich etwas ganz Besonderes. Er war auf der rechten Seite immer hinter mir, und das war gerade in den letzten Jahren ein blindes Verständnis. Ich habe gewusst, wo er war, was er wollte, und andersherum war das auch so. Das war super, das hat mir sehr viel Spaß gemacht, und es war auch eine große Ehre. Philipp ist ein großer Name, nicht nur bei Bayern, sondern für den deutschen Fußball. Super, dass ich mit ihm zusammenspielen durfte.«
Arjen Robben im Gespräch mit uns für Miasanrot.de
Prolog: Die Nacht von Barcelona (2009)
München, du bist wunderbar«, denke ich. Ich laufe durch die Stadt. Vorbei an den Orten, an denen sich Touristen um die beste Position für Fotos streiten. Im Prinzip bin auch ich hier ein Tourist. Ich lebe in Potsdam und bin in der Nähe von Berlin aufgewachsen. Aber immer, wenn ich an der Isar entlanglaufe, überkommt mich ein diffuses Heimatgefühl.
Es ist ein schöner Tag im November 2018. Die Sonne scheint, keine Wolke ist am Himmel zu sehen. Mich zieht es zum Olympiapark – für mich einer der schönsten Orte in München. Ich genieße diesen Tag in völliger Einsamkeit. Auf einer Erhöhung habe ich einen Platz gefunden, an dem ich alleine sein und gleichzeitig auf das ehrwürdige Olympiastadion blicken kann. Ich erinnere mich an alte Zeiten mit meinem Lieblingsklub. Der FC Bayern hat mein Leben geprägt. Meine erste Erinnerung ist die Nachspielzeit von Barcelona im Jahr 1999. In einem der emotionalsten Momente hat dieser Klub mich gepackt und nie wieder losgelassen. Doch an diesem Novembertag denke ich nicht ganz so weit zurück. Meine Gedanken werden von einer Ära bestimmt, die nun ein Ende zu nehmen scheint. Diese Ära nahm ihren Anfang ebenfalls in Barcelona – allerdings zehn Jahre nach dem Drama im Champions-League-Finale. Ich blicke zurück auf einen Tag, der den FC Bayern nachhaltig verändern sollte. Ein Tag, mit dem die besondere Geschichte, die dieses Buch erzählt und erklärt, begann.
Damals war ich erst 13 Jahre alt. Große Spiele des FC Bayern konnte ich schon damals nicht verfolgen, ohne vorher irgendein negatives Szenario durchzuspielen. Was ist, wenn sie heute verlieren? Wie soll ich das vor meinen Freunden rechtfertigen? In der Schule musste ich, der große Fan, jeden Patzer der Bayern ausbaden. Ich wollte die Hoffnung nicht vorzeitig aufgeben, aber ich hatte gleich kein gutes Gefühl. Vielleicht war das alles wirklich nur meiner fehlenden Erfahrung und einer zu großen Nervosität geschuldet. Hatte der Trainer Jürgen Klinsmann nicht zuvor noch sehr selbstbewusst über das Los gesprochen, das der FC Bayern im Viertelfinale der UEFA Champions League zog? Der Gegner sei »eine Messlatte, die uns alle interessiert, auf die wir brennen«, sagte der Mann, der drei Jahre zuvor mit der Nationalmannschaft ein ganzes Land zu fesseln wusste. Ich glaubte ihm, auch wenn es keine einfache Saison für meinen Lieblingsverein war. Denn mit ihm saß jemand auf der Bank, den ich sehr schätzte.
Doch die Ausgangslage war schwierig. Vor dem Duell mit dem großen FC Barcelona verloren die Bayern mit 1:5 in Wolfsburg – eine Demütigung. Hinzu kamen Ausfälle von van Buyten, Lúcio und Philipp Lahm. Wer sollte diese Spieler nur ersetzen? Immerhin bestand die Viererkette in Barcelona aus Lell, Breno, Oddo und Martín Demichelis.
Damals war ich noch nicht ganz so verrückt wie heute. Heute schaue ich sehr viel Fußball. In den Top-Ligen Europas gibt es kaum eine (gute) Mannschaft, die ich noch nicht gesehen habe. Damals war ich im FC-Bayern-Tunnel. Solange ich jedes Spiel meiner Mannschaft sehen konnte, war ich glücklich. Aber Pep Guardiolas Barcelona hatte ich damals schon ein paar Mal gesehen. Es war beeindruckend, wie seine Mannschaft Fußball spielte. Fast schon beängstigend. Wie Klinsmanns FC Bayern dieses Team schlagen sollte, war mir ein Rätsel. Ohnehin hatte ich damals nicht mehr den Eindruck, dass die Bayern in Europa noch zu den besten Teams zählen. Die Champions League war für mich seit dem großen Triumph 2001 eher eine ernüchternde Veranstaltung. Tiefpunkt war sicherlich das Gruppenaus 2003, als man gegen den AC Mailand, Deportivo La Coruña und den RC Lens nur zwei Pünktchen holte. Vor allem Ancelottis AC Mailand ging mir in dieser Zeit gehörig auf die Nerven. Einerseits hatte ich großen Respekt vor ihren Leistungen, andererseits konnte der FC Bayern zwischen 2002 und 2007 die Italiener insgesamt sechsmal nicht besiegen. 2006 war im Achtelfinale, 2007 im Viertelfinale Endstation, und der Unterschied zwischen diesen beiden Mannschaften war oft allzu deutlich. Selbst im kleineren UEFA-Cup sollte mich 2008 eine große Ernüchterung erwarten, obwohl es zwischenzeitlich zumindest sehr emotional wurde. Doch gegen Sankt Petersburg schied man peinlich aus. Der Klub, in den ich mich zwischen 1999 und 2001 so sehr verliebt hatte, war auf dem Weg ins europäische Niemandsland. Nein, er war dort bereits angekommen.
Versteht mich nicht falsch, auch die nationalen Wettbewerbe gaben mir sehr viel. Ich liebte den FC Bayern gerade während dieser internationalen Durststrecke besonders intensiv. Aber dass man in der Champions League nicht zu den Top-Teams gehörte, hat mich regelrecht genervt.
Akzeptieren wollte das in München offenbar niemand so ganz. Stattdessen »freute« sich nicht nur Klinsmann 2009 auf die Messlatte Barcelona. Auch Karl-Heinz Rummenigge, Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß waren alle optimistisch, dass der große Turnaround gelingen würde. Schließlich habe man in Europa gezeigt, »dass wir mithalten können«, so Klinsmann damals.
Was folgte, war eine Demontage. Der junge Messi, Eto'o und Henry überrannten den FC Bayern innerhalb von nur 45 Minuten, als wäre es eine Trainingseinheit. Aus der Sicht der Katalanen war es ein fußballerisches Kunstwerk. Guardiola hatte einen Spielstil entwickelt, der den Klub in neue Sphären hob. So offenbarten sich am 8. April 2009 zwei Gegensätze, die deutlicher nicht sein könnten:
Auf der einen Seite der FC Barcelona – der Champions-League-Sieger von 2006, der sich nach diesem vermeintlichen Höhepunkt noch weiter steigern konnte, indem er ein klares Konzept verfolgte und es innerhalb weniger Jahre aus dem Schatten der europäischen Spitzenteams heraus auf den Thron geschafft hatte. Die ganze Welt blickte damals auf Guardiolas Mannschaft, die den Titel dann am Ende der Saison erneut gewinnen sollte.
Auf der anderen Seite der FC Bayern, der in nur 45 Minuten vier Tore kassieren musste und dort angelangt war, wo Barcelona hergekommen war: im Schatten. Es gab kein Konzept, keine klare Strategie. Die bittere Niederlage war die Quittung für eine Kette von Fehlentscheidungen, die in München seit 2001 getroffen wurden. Jürgen Klinsmann hätte diese Talfahrt eigentlich beenden sollen. Er stand für Innovationen und neue Wege. Doch seine Veränderungen wirkten nicht. Seine Mannschaft wurde in jener Nacht geradezu vorgeführt. Dass sie am Ende »nur« mit 0:4 verlor, und das Rückspiel 1:1 ausging, lag ausschließlich daran, dass Barcelona lediglich 45 Minuten lang den Bizeps anspannen musste, um das Halbfinale zu erreichen. Trotz aller Ausfälle und der fehlenden Qualität des Kaders war das Auftreten der Mannschaft kaum zu entschuldigen.
Ein Stück weit war ich fassungslos. Aber völlig überrascht war ich nicht. Schließlich war diese Niederlage das Ergebnis jahrelanger Versäumnisse. Die ganz großen Zusammenhänge erkannte ich damals natürlich noch nicht. Erst viel später wurde mir klar, was eigentlich alles passiert war und warum es passierte. Mit meinen 13 Jahren saß ich damals nur vor dem Fernseher und fühlte mich innerlich leer. Den letzten Funken an Hoffnung, den ich zuvor noch hatte – in nur 45 Minuten wurde er brutalst erstickt. Es war keine Mannschaft zu erkennen, keine Idee, nicht mal der Wille. Jeder war auf sich gestellt. So waren die Tore für Barça nur noch eine Formsache.
Für mich war es das erste Mal, dass ich mitansehen musste, wie eine Mannschaft den FC Bayern derart deklassiert. Selbst die hohe Niederlage gegen den VfL Wolfsburg kurz zuvor konnte man damit nicht vergleichen. Auch die Reaktionen im Klub waren deutlich. Klinsmanns Aus war quasi schon entschieden, auch wenn die Reißleine erst einige Zeit später gezogen wurde.
Noch am Abend des Spiels formulierte es Karl-Heinz Rummenigge auf dem traditionellen Bankett sehr drastisch:
»Wir haben ohne Zweifel heute gemeinsam eine sehr bittere Stunde erlebt in Barcelona. Ich möchte da gar nicht um den heißen Brei herumreden, das war ohne Frage eine große Blamage, was wir hier heute Abend erlebt haben, (…) und wir haben eine Lektion bekommen. Eine Lektion, die weh getan hat. (…) Wir haben eine große Verpflichtung, wir sind ein stolzer Club, dieser Stolz ist heute Abend zum Teil – speziell in der ersten Halbzeit – mit Füßen getreten worden.«
Aber es war auch eine Lektion, aus der der FC Bayern seine Lehren gezogen hat. Speziell Barcelona hat dem Verein offenbart, was eine übergeordnete Strategie im modernen Fußball wert sein kann.
Strategie vs. Taktik: Strategie und Taktik sind militärische Begriffe, die heute in vielen verschiedenen Bereichen Anwendung finden. Während Strategie sich auf den großen Plan bezieht, meint Taktik sämtliche kleinen Schritte, die zur Ausführung dieses Plans und zum Erreichen der Ziele notwendig sind. Am Beispiel Barcelona: Die Katalanen hatten das Ziel, dominanten und offensiven Fußball zu spielen. Das war die Strategie. Taktische Mittel dafür waren das Positionsspiel, hohes Angriffspressing, schnelles Kurzpassspiel oder auch das Überladen einiger Spielfeldzonen – um in einem Bereich des Spielfelds eine Überzahl zu schaffen.
Die Strategie des FC Bayern war damals vor allem auf die Transferpolitik begrenzt. Ziel war es, deutsche Stars zu verpflichten und sie um die besten Spieler der Bundesliga sowie der eigenen Jugend zu ergänzen. Der Klub war der »FC Deutschland«. Eine wirkliche Idee davon, wie man Fußball spielen wollte, gab es nicht. Jeder Trainer brachte einen anderen Stil mit, jede Verpflichtung eines Spielers führte zu Veränderungen auf dem Platz. »Irgendwie wird man schon erfolgreich sein, wenn die besten Kicker der Bundesliga zusammen auf dem Platz stehen«, dachte man offenbar. »Früher hat das schließlich auch geklappt.« Aber nach dem Jahr 2001 klappte es eben nicht mehr. Die Stars wurden älter, die Talente rar, und so kam es, dass die Bayern national zwar weiterhin erfolgreich waren, international jedoch nicht mehr mithalten konnten. Der Fußball hatte sich nämlich weiterentwickelt. Im Ausland fokussierten sich Trainer zunehmend auf taktische Überlegungen, an die in Deutschland noch kaum jemand dachte. Deutschland, das Land der Tugenden, in dem Felix Magath Medizinbälle den Hügel hinaufschleppen ließ.
Spätestens im Jahr 2009 wurde dem FC Bayern klar, dass es nicht mehr genügen würde, immer nur im eigenen Dunstkreis zu bleiben. Bei der Trainersuche ging der Blick schon mal über den Tellerrand hinaus. Auch in der Spitze des Vereins sollte sich etwas verändern. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge schmiedeten offenbar langfristige Pläne. Mit Christian Nerlinger kam ein alter Bekannter zurück an die Säbener Straße, um Hoeneß zu unterstützen, ihn eines Tages vielleicht sogar zu beerben. Die Führungsetage erkannte, dass sich der Klub neu aufstellen musste.
Als Trainer sollte ein Querdenker verpflichtet werden. Bereits von Klinsmann hatte man sich erhofft, dass er die nötigen Veränderungen vorantreiben würde. Der Verein hatte ihm eine große Entscheidungsfreiheit gegeben. Es ist kein Geheimnis, dass auch Spieler wie Philipp Lahm schon zur damaligen Zeit – weit vor dem legendären Interview mit der Süddeutschen Zeitung – eine fehlende Philosophie kritisierten. Umso höher muss man dem Klub anrechnen, dass er auch nach dem Scheitern mit Klinsmann weiter auf komplett neue Impulse setzte.
Kandidaten für den Trainerposten gab es genügend. Letztlich hatte man sich zwischen zwei ganz besonderen Typen zu entscheiden: Matthias Sammer und Louis van Gaal. Sammer war als Trainer noch nicht lange aktiv, aber schon sehr erfolgreich. Mit Borussia Dortmund gewann er spektakulär die Meisterschaft, beim VfB Stuttgart holte er im Schnitt sogar noch mehr Punkte als mit dem BVB. 2006 übernahm Sammer dann den Posten des Sportdirektors beim DFB, später arbeitete er dort im Jugendbereich. Er war bekannt als Querdenker – ein Typ mit Ecken und Kanten. Bayern und Sammer sollten aber erst später zusammenfinden. Neuer Trainer wurde zunächst Louis van Gaal.
Für den FC Bayern bedeutete diese Entscheidung eine Zäsur. Sie läutete eine Ära ein, die den im europäischen Niemandsland gestrandeten Klub innerhalb weniger Jahre wieder an Spitze des Kontinents führen sollte. Denn so wie sich der Weg in die europäische Bedeutungslosigkeit schon lange vor der Nacht in Barcelona abgezeichnet hatte, so fiel auch das Triple im Jahr 2013 nicht vom Himmel.
Der FC Bayern wurde nicht zufällig Champions-League-Sieger 2013: Es war das Produkt einer Entwicklung. Die Bayern gingen einen langen Weg. Das Ziel war längst klar definiert: die Champions League zu gewinnen. Doch seit 2009 gab es nun auch eine Wegbeschreibung – einen Plan, der dem Klub helfen sollte, an die alten Tage anzuknüpfen.
Aus heutiger Perspektive darf infrage gestellt werden, wie langfristig dieser Plan wirklich durchdacht war. Doch selbst wenn auf dem Weg auch Zufälle eine große Rolle spielten, so wurden doch auch viele richtige und weitsichtige Entscheidungen getroffen.
Dieses Buch soll diese Geschichte nicht nur erzählen. Es soll auch analysieren und erklären, was der Klub zwischen den Jahren 2009 und 2016 richtig gemacht hat. Dabei beginnen wir in der Nacht von Barcelona: weil da der Grundstein für das gelegt wurde, wovon der FC Bayern München bis heute profitiert. Würde man diese Geschichte dagegen vom Triple ausgehend erzählen, blieben viele Aspekte unberücksichtigt. Denn bis es so weit war, hatte erst noch eine ganze Generation einen beachtlichen Weg zurückzulegen.
Zwei Spieler sind es vor allem, die diese goldene Ära des FC Bayern München so maßgeblich prägten, dass ich mich dazu entschieden habe, ihr den Namen »Generation Lahmsteiger« zu geben. Beide stiegen seit 2009 nach und nach zu Führungsspielern auf, und auch wenn Bastian Schweinsteiger im Jahr 2015 den Klub verließ und Philipp Lahm seine Karriere im Jahr 2017 beendete, so wird diese goldene Ära doch immer mit ihren Namen verbunden bleiben. Denn die Generation Lahmsteiger hat Großes hinterlassen. Heute können die Bayern darauf zurückblicken und Schlüsse für die Zukunft ziehen, um etwas Neues zu beginnen. So wie sie es damals im Jahr 2009 getan haben: In dem Jahr, in dem die tiefe Enttäuschung über eine der schlimmsten Niederlagen in der Champions League den Ausschlag für ein Umdenken gab. Ein Umdenken, das zunächst einmal zu Louis van Gaal führte: jenem Trainer, der die große Revolution einleiten sollte …
Kapitel 1: 2009–2012
Louis van Gaals Revolution
Um zu verstehen, was genau an van Gaals Ideen in München revolutionär war, muss man ein wenig zurückblicken. Geht es um die prägendsten Trainerfiguren zwischen den Jahren 2000 und 2010, so führt kein Weg an Carlo Ancelotti, Vicente del Bosque, Sir Alex Ferguson, Pep Guardiola, Ottmar Hitzfeld, José Mourinho und vielleicht noch Arsène Wenger vorbei. Sie alle haben den Fußball auf ihre Art und Weise geprägt. Louis van Gaal dagegen wird häufig übersehen. Dabei gehört er zu den Persönlichkeiten, die den Fußball in Europa fast kontinuierlich mitgestaltet und verändert haben.
Schon lange vor seiner Karriere an der Seitenlinie zeichnete sich ab, dass er dort einmal stehen würde. Er war zwar auch selbst auf dem Platz als Profi aktiv, doch der große Durchbruch gelang ihm hier nie. Bei Ajax Amsterdam kam er nicht über eine Reservistenrolle hinaus, und so ging es über Antwerpen, Telstar und Sparta Rotterdam zum AZ Alkmaar. Nebenher unterrichtete er als Sportlehrer an einer Berufsschule.
»Von 8.00 Uhr früh bis 2.00 Uhr nachmittags unterrichtete ich, und um 15.30 Uhr begann bei Sparta das Training«, erzählte der Niederländer der taz.
Van Gaal hatte es hier mit Kindern unterschiedlicher Schichten zu tun. Noch heute spricht er davon, dass ihn das für sein späteres Berufsleben geprägt hat. Ein Stück weit erklärt sich daraus auch, warum van Gaal in seiner gesamten Laufbahn am liebsten mit jungen Spielern arbeitete.
1988, nach elf Jahren, gab er seinen Nebenjob auf, weil ihn ein Ruf aus Amsterdam lockte. Sein Ex-Klub bot ihm eine Co-Trainer-Stelle im Jugendbereich an, der er nicht widerstehen konnte. 1991 stieg er zum Cheftrainer der ersten Mannschaft auf. Schnell wurde deutlich, dass van Gaal seinen Job anders als die meisten seiner Kollegen interpretiert. Er leitete nicht nur taktische und personelle Veränderungen bei Ajax ein, sondern arbeitete auch an strukturellen und organisatorischen Dingen, die den ganzen Klub betrafen. In seiner gesamten Karriere brauchte er die größtmögliche Kontrolle über alle Bereiche, um seine Ideen umzusetzen. Das führte immer mal wieder zu Konflikten – auch später bei den Bayern. Aber van Gaal war damit auch sehr erfolgreich. Mit Ajax gewann er drei Meisterschaften, dreimal den niederländischen Supercup und 1993 den niederländischen Pokal. Auf europäischer Ebene gewann er 1992 den UEFA-Pokal, 1995 war er mit Ajax Amsterdam endgültig auf dem europäischen Fußballthron. Mit dem Champions-League-Titel setzte sich van Gaal ein Denkmal in Amsterdam. Komplettiert wird diese einzigartige Zeit durch den UEFA Super Cup und den Gewinn des Weltpokals. Diese Aufzählung ist das Ergebnis einer taktisch-strategischen Meisterleistung, die erklärt, wofür der Niederländer sein Leben lang stand: »Dominant zu spielen bedeutet, mehr Torchancen zu kreieren als die gegnerische Mannschaft. (…) Ich verbinde den Begriff ›dominant‹ mit offensivem Fußball und Pressing in der Hälfte des Gegners.«
So wird der Trainer auf Spielverlagerung.de zitiert. Diese Vorgaben setzte seine Ajax-Mannschaft nahezu perfekt um. Ein Orkan von Kurzpassstafetten und Doppelpässen fegte über Europa hinweg.
Klar hatte Van Gaal auch einen herausragenden Kader zur Verfügung – aber was er damit anstellte, glich einer Revolution.
Das flexible Mittelfeld war der Kern dieser Mannschaft. Es bildete eine Raute und bewegte sich zwischen den zwei Dreierketten sehr variabel. Überall war Ajax in der Lage, Überzahlsituationen herzustellen und sich spielerisch Räume zu erarbeiten. Van Gaal war ihr Lehrer, ihr Meister. So paradiesische Arbeitsbedingungen wie hier würde er nirgendwo anders mehr finden: eine Konstellation aus jungen Spielern, die ihm bedingungslos folgten, und einem Klub, der ihm die Freiheit gab, auch weit über die Trainertätigkeit hinaus Entscheidungen zu beeinflussen.
Louis van Gaal war damals einer der wenigen Trainer, die früh die Zeichen der Zeit erkannten; die verstanden hatten, dass ein Fußball-Klub der Moderne anders funktionieren würde. Die Komplexität der Vereine stieg bereits damals an, und die Bereiche, in denen strukturiert gearbeitet werden musste, nahmen zu. Van Gaal verpasste Ajax wieder eine Identität. Er gab einen Weg vor, den der ganze Klub erfolgreich ging.
In den folgenden Jahren war er nicht mehr ganz so erfolgreich, konnte beim FC Barcelona aber immerhin entscheidenden Einfluss auf Spieler wie Xavi oder Puyol nehmen und die herausragende Arbeit seines Landsmannes Cruyff weiterführen. Damit wurde er zu einem Wegbereiter jener Mannschaft, die 2009 den FC Bayern in der Champions League deklassierte.
»Cruyff baute die Kathedrale. Wir halten sie nur instand«, sagte Guardiola einst. In dieses »wir« schloss er auch van Gaal mit ein, auch wenn der das niemals zugeben würde. Zweifellos steht van Gaal aber in der großartigen Entwicklungslinie derjenigen, die Barcelona zu einer der beeindruckendsten Mannschaften der Fußballgeschichte machten.
Auch beim KNVB (dem niederländischen Fußballverband) konnte van Gaal später einige wichtige Veränderungen durchsetzen: zum Beispiel eine übergeordnete Strategie im Jugendbereich, die infrastrukturelle und taktische Elemente beinhaltete. 2005 übernahm er dann den AZ Alkmaar. Dort bewies er eindrucksvoll, dass auch vermeintlich kleinere Mannschaften vom Ballbesitzspiel profitieren können. Zwar musste er hier den Fokus zwangsweise auch auf die Arbeit gegen den Ball legen, doch bei Alkmaar implementierte er ein spielstarkes Mittelfeld rund um den tiefen Strategen Schaars.

Abb. 1 Louis van Gaals 4-Phasen-Modell (von Spielverlagerung.de)
Zunächst verpasste van Gaal zweimal knapp die Meisterschaft. Im dritten Jahr lief es plötzlich nicht mehr so gut, und er sah sich zum Rücktritt gezwungen. Dass ihn die Spieler letztendlich umstimmten, war nicht nur ein Wendepunkt für den Klub, sondern vielleicht auch für den FC Bayern, der sonst womöglich nie auf van Gaal aufmerksam geworden wäre.
In der Saison 2008/09 wurde der AZ Alkmaar überraschend niederländischer Meister. Das war eine historische Leistung – und zugleich das Ergebnis höchster Souveränität am Spielfeldrand: Van Gaal, häufig als statischer Ballbesitzfanatiker verpönt, setzte hier ganz auf Flexibilität. Die Umschaltmomente spielten eine zentrale Rolle. Seiner Theorie zufolge soll eine Mannschaft in längeren Ballbesitzphasen und in Phasen ohne Ball stets organisiert und sortiert sein (siehe Abb. 1). Gerade die Übergangsphasen, in denen Unordnung herrschte, waren deshalb von Bedeutung. Van Gaals Alkmaar war eine moderne Version seiner Ajax-Mannschaft in den Neunzigerjahren. Nur mit geringerer individueller Qualität und weniger Ballbesitz. Aber mit ebenso großer Dominanz: Die Meisterschaft gewannen sie mit sensationellen 80 Punkten – 11 Zähler vor Twente, 12 vor Ajax.
Diese Geschichte zeigt, warum der FC Bayern sich 2009 für van Gaal entschieden hat – eine Entscheidung, die die nächsten zehn Jahre prägen sollte. Die Münchner wollten einen Querdenker, einen Revolutionär, einen Menschen, der ihnen aufzeigt, was in der Vergangenheit falsch lief. Sie wollten aber auch einen Trainer, der die Spieler fordert und ihnen gegenüber Dominanz ausstrahlt.
Dafür war Louis van Gaal der richtige Mann. Schon in seiner ersten Pressekonferenz sagte er den heute legendären Satz: »Mia san mia, wir sind wir – und ich bin ich.«
In seiner gesamten Karriere hatte sich van Gaal bis dahin für niemanden verbogen, und das hatte er auch beim einst so großen FC Bayern nicht vor. Er war gekommen, um zu verändern und alte Strukturen aufzubrechen. Was der Vorstand von seinen jeweiligen Entscheidungen hielt, war ihm grundsätzlich egal. Die von ihm geforderte Kontrolle bekam er in München zwar nie ganz, aber es reichte aus, um Dinge entscheidend zu verändern.
Van Gaal engagierte einen Experten für die elektronische Datenvermittlung, er stellte einen Psychologen ein und ließ seine Spieler regelmäßig Fragebögen ausfüllen. Ohnehin stand die Kommunikation mit den Spielern über allem. Van Gaal und sein IT-Experte richteten ein E-Mail-System ein, mit dessen Hilfe sich die Spieler regelmäßig auf persönliche Gespräche mit dem Trainer vorbereiten konnten. Darüber hinaus implementierte er nicht nur Kameras am Trainingsplatz, sondern auch Analysetools, die ihm dabei helfen sollten, seine Philosophie schnellstmöglich umzusetzen.
In der Trainingsmethodik setzte van Gaal auf sehr viel Arbeit mit dem Ball. Komplexe, teilweise abstrakte, aber auch einfache Übungen sollten Spielsituationen simulieren, in denen die Spieler unter Druck Entscheidungen treffen mussten. Passschärfe und Passgenauigkeit sind für seine Philosophie essenziell. Auch die Einteilung des Spielfelds in Zonen musste seine Mannschaft erst erlernen. Anders als in Spanien hatte man in Deutschland noch nicht viel vom Positionsspiel gehört. Auch deshalb funktionierte die Umsetzung seiner Ideen nicht sofort. Für den FC Bayern war das alles neu. Sie waren vorher Ottmar Hitzfeld und Jürgen Klinsmann gewohnt, die ihren Teams gerade in der Positionierung mit dem Ball viele Freiheiten ließen. Das Konzept der Bayern war darauf ausgelegt, Ribéry freizuspielen. Mit Arjen Robben kam zu Beginn der Saison 2009/2010 aber noch ein weiterer Niederländer, der diesen Fokus etwas lösen sollte. Van Gaal wusste um die Klasse seiner beiden Flügelspieler, und er versuchte deshalb, sein Positionsspiel auf sie zu fokussieren.
Was ist ein Positionsspiel? Positionsspiel bedeutet, dass das Spielfeld optimal genutzt wird, indem die verschiedenen Positionen regelmäßig besetzt werden – egal von welchem Spieler. Dafür teilt van Gaal das Spielfeld in 18 Zonen ein, in denen sich seine Spieler bewegen sollen. Der Ball wird solange horizontal gespielt, bis sich eine Lücke ergibt, die durch einen Vertikalpass erreicht werden kann. Mit der Zeit versucht die Mannschaft schrittweise nach vorne zu kommen, um den Druck zu erhöhen.
Um sie perfekt einzubinden, zog van Gaal auf Hermann Gerlands Empfehlung ein weiteres Ass aus dem Ärmel: Thomas Müller.
Wir alle erinnern uns: »Müller spielt immer!« Die Begründung dafür war, dass Müller schon früh ein herausragendes Gespür für den Raum zeigte. Er war das perfekte Bindeglied einer offensiven Dreierreihe hinter dem Stürmer. Mit seinen Läufen überlud er regelmäßig die Halbräume, also den Bereich zwischen Zentrum und Flügel, und unterstützte damit die beiden Tempodribbler. Doch er bewegte sich auch in den richtigen Momenten von seinen Mitspielern weg, um Gegenspieler wegzuziehen und auf diese Weise Räume für Robben oder Ribéry zu öffnen.
Müller war schon damals ein Phänomen und der vielleicht wichtigste Spieler der Offensive. Weil er derjenige war, der die einzelnen Mannschaftsteile verbinden konnte. Damals haben das viele noch gar nicht so wahrgenommen. Den wirklichen Hype gab es um »Robbéry«. Vielleicht war das auch besser so für den jungen Müller. Gemeinsam mit Robben löste er nun ein Problem: Ribéry hatte es inzwischen deutlich schwerer, weil der Fokus der gegnerischen Defensive stets auf ihm lag und es sonst kaum kreative Ansätze gab. Mit dem Blitztransfer von Arjen Robben und der Hinzunahme Thomas Müllers sollte sich das ändern.
Bereits bei Robbens Debüt gegen den VfL Wolfsburg zeigte sich das. In der 68. Minute schickte Ribéry den Niederländer mit einem Pass in die Spitze. Robben verwandelte aus spitzem Winkel zum 2:0. Nur wenige Minuten später war es wieder das Duo, das die Arena zum Kochen brachte. Diesmal schickte Robben den Franzosen, und Ribéry legte nach kurzem Dribbling wieder quer für Robben auf: 3:0. Das Besondere an diesen Szenen war, dass sie nicht aus längeren Ballbesitzphasen entstanden, sondern durch das Ausnutzen von Umschaltmomenten. Und zwar in Perfektion! Ein Paradebeispiel dafür, dass van Gaal keinesfalls für stumpfen Ballbesitz und Quergeschiebe stand, sondern auch auf solche Situationen viel Wert legte. Es war zudem die Geburtsstunde des besten Flügelduos seiner Zeit: »Robbéry«. Zwei prägende Spieler, die auch in den kommenden Kapiteln zu den Protagonisten zählen werden.
Trotzdem dauerte es eine ganze Weile, bis die Bayern ihr neues, auf Dominanz ausgelegtes System umsetzen konnten. Van Gaal integrierte nicht nur junge Spieler wie Thomas Müller und Holger Badstuber, er setzte auch plötzlich Philipp Lahm auf der rechten Außenverteidigerposition ein und schob Bastian Schweinsteiger vom Flügel in die Zentrale: alles Entscheidungen, die aus heutiger Perspektive selbstverständlich klingen, damals aber viel Mut erforderten.
Gerade die Schaltzentrale mit dem kreativen Schweinsteiger und dem dynamischen Abräumer Mark van Bommel funktionierte sehr gut. Badstuber war auf der linken Seite kein klassisch offensiver Außenverteidiger; er tat aber das Nötigste, um Ribéry vorne zu unterstützen. Außerdem war sein Passspiel so gut, dass er von dort aus das Spiel eröffnen konnte. Gegen den Ball sorgte er für Stabilität.
Auf der anderen Seite wuchs unterdessen mit Philipp Lahm und Arjen Robben ein Traum-Duo heran. Lahm hinterlief Robben immer und immer wieder, sodass es zu einem »Trademark-Move« wurde. Er war unermüdlich; egal, wieviel Kraft es kostete.
Und dann war da dieser Müller, der irgendwie überall war: kein klassischer Zehner, aber ein Segen für die komplette Mannschaft.
Van Gaal hatte für jeden seiner Spieler eine passende Rolle gefunden, auch wenn der Erfolg noch auf sich warten ließ. Die Art und Weise, wie sich die Mannschaft bewegte, war gänzlich neu: viel harmonischer als früher, viel strukturierter. Die Spieler bildeten fast auf dem ganzen Platz Dreiecke. Nie in Perfektion, aber immer so, dass jeder Spieler häufig zwei oder gar drei Anspielstationen hatte. Van Gaal hatte nicht auf jeder Position den besten Spielertypen für seine Philosophie zur Verfügung, aber er wusste mit dem Vorhandenen zu arbeiten. Er gab ihnen Lauf- und Passwege an die Hand, arbeitete individuell und im Team hart daran, diese umzusetzen.

Abb. 2 Louis van Gaals System: Müller als freies Element, Schweinsteiger als vorstoßender Stratege, die Außenverteidiger asymmetrisch.
Gerade die Fehler, die die Mannschaft am Anfang der Saison noch machte, waren für die Entwicklung wichtig. Van Gaal verstand es, den Druck von der Mannschaft zu nehmen: medial aber auch intern. Damit schützte er Spieler wie Badstuber oder Müller, die vielleicht mental noch nicht für diesen hohen Druck bereit waren. Louis van Gaal ging aber auch hart mit seinen Spielern ins Gericht, wenn er es für nötig hielt. So gab es für Arjen Robben in Bremen mal Ärger in der Halbzeitpause, weil er bei einer eigenen Ecke nicht die Defensive abgesichert hatte. Konsequenz: Der Niederländer sollte nun die Standards selbst ausführen und erzielte in der zweiten Halbzeit ein wunderschönes Freistoßtor. Somit hatte sich der Ärger doch noch gelohnt …
Die Punkte, die der FC Bayern zu Beginn der Saison durch die Umstellung liegen ließ, sollten schnell wieder eingefahren werden. Denn van Gaals Arbeit machte sich relativ schnell bezahlt. Leverkusen wurde zwar Herbstmeister, hatte aber nur zwei Punkte Vorsprung auf die Bayern. In der Rückrunde verlor van Gaals Mannschaft in der Bundesliga nur noch zwei Spiele. Gerade in den wichtigen Direktvergleichen mit Schalke und Leverkusen konnte die Mannschaft vier Punkte holen. Die Spieler hatten sich an van Gaal, seine Ideen und an die Vorgaben gewöhnt.
Doch es gab auch wichtige emotionale Situationen. Beispielsweise in der Gruppenphase der Champions League. Dort hatten die Bayern nach fünf Spieltagen nur sieben Punkte auf dem Konto. Bordeaux zog mit 13 Punkten davon, Juventus hatte acht Zähler. Für Louis van Gaal bedeutete das quasi ein vorgezogenes Finale. Ausgerechnet in Turin. Ausgerechnet gegen Juve: Die Italiener hatten seiner Mannschaft schon im Hinspiel das Leben zur Hölle gemacht.
Hätte Bayern dieses Spiel verloren, wäre vielleicht die gesamte Saison den Bach runtergegangen und van Gaal entlassen worden. In jedem Fall wäre dann die weitere Zukunft ungewiss gewesen. Doch die Bayern haben nicht verloren. Sie zeigten im Gegenteil eine ihrer beeindruckendsten Saisonleistungen. Trotz eines frühen Rückstands gewannen sie in Turin mit 4:1. Ein surreales Ergebnis: Es hätte auch anders laufen können. Hinten stand die Mannschaft gewiss nicht immer sehr gut. Aber der Wille, die Einstellung und die Bereitschaft, van Gaals taktische Vorgaben umzusetzen, brachten letztendlich den entscheidenden Vorteil.
Es lief nicht alles perfekt, doch ab dieser Partie hatte man das Gefühl, dass alles für die Bayern lief. Van Gaal hatte die Spieler endgültig auf seine Seite gebracht, die taktischen Grundlagen waren da, Rückschläge wurden immer besser weggesteckt. Gerade das ständige Wiederaufstehen nach Misserfolgen wurde eine große Qualität.
Im Achtelfinale der Champions League kassierten die Bayern nach einem 2:1-Erfolg im Hinspiel in Florenz drei Gegentore. Lediglich zwei Treffer aus der Distanz brachten ihnen das Ticket für die nächste Runde.
Dort war der FCB gegen Manchester United Außenseiter. Van Bommel wäre vor dem Hinspiel schon mit einem torlosen Unentschieden zufrieden gewesen. Fans und Klub fürchteten sich vor einer Wiederholung der Ereignisse im Vorjahr. Auch das legendäre Finale im Jahr 1999 sorgte für besondere Emotionen. Diesmal wurde aber schon im Hinspiel deutlich, dass sich dieser FC Bayern nicht verstecken musste. Gegen den Finalisten aus dem Vorjahr zeigte van Gaals Mannschaft eine engagierte Leistung. Zwar ging United durch eine Standardsituation früh in Führung, doch die Bayern waren das aktivere Team. Schon bei Ribérys verdientem Ausgleich in der 77. Minute war ganz München in Feierlaune. Ein Gefühl der Ebenbürtigkeit entstand. Erstmals seit längerer Zeit gelang es den Bayern, auf Augenhöhe mit einer großen Mannschaft zu agieren. Die Messlatte mag nicht so hoch gewesen sein wie gegen Barcelona im Jahr zuvor. Aber sie war hoch genug, um daraus Schlüsse zu ziehen. Alle Sorgen, alle Anspannung, alle Zweifel, die auch mich diesmal wieder plagten, verschwanden mit diesem einen Treffer von Ribéry. Denn die Mannschaft hatte sich diesen Ausgleich verdient. Aber es war noch nicht zu Ende. Einen speziellen Moment hatte diese Partie noch übrig.
Als sich schon alle mit dem 1:1 abfinden wollten, setzte Mario Gómez noch einmal zum Dribbling an. Im ersten Moment dachte ich nur: »Mario, was machst du da?« Er tankte sich gegen fünf Spieler durch, verlor dann den Ball. Allerdings schien sich kein Abwehrspieler der Red Devils dafür verantwortlich zu fühlen, und so übernahm Olić die Kugel, die er überlegt an van der Sar vorbeischob. Ekstase. Wie sehr hatte ich es doch vermisst, dass meine Mannschaft in der Champions League wieder eine Rolle spielen konnte!
Eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die die gesamte Saison zu prägen schien. Die Mannschaft steigerte sich von Spiel zu Spiel und war zunehmend in der Lage, mit Drucksituationen umzugehen. Das zeigte sich auch im Rückspiel. Manchester drehte in der Anfangsphase auf und erzielte in wenigen Minuten drei schnelle Tore.
Plötzlich waren die Erinnerungen an das Vorjahr wieder präsent.
War das 2:1 im Hinspiel doch nur eine Illusion?
Nein. Bayern kämpfte sich zurück in die Partie. Kurz vor der Pause erzielte Olić das 3:1, und plötzlich war es nur noch ein Treffer, der zum großen Glück fehlte. Ein Treffer, der nicht nur »fallen« sollte, sondern der wie ein Gemälde entstand: Ecke Ribéry, Volley Robben, Traumtor. Erneute Ekstase.
»Ein unfassbares Tor«, brüllte Wolff-Christoph Fuss in die Mikrofone von Sat1. Bayern schlug Juventus Turin, Bayern schlug Florenz, Bayern schlug nun auch Manchester United, und im Halbfinale war Lyon sogar noch die kleinste Hürde. Dass es letztendlich im Finale nicht zur absoluten Spitze reichte, war trotz aller Lobeshymnen irgendwie absehbar. José Mourinhos Inter Mailand war einfach zu abgebrüht, zu erfahren – und zu gut besetzt. Der gesperrte Franck Ribéry fehlte den Bayern an allen Ecken und Enden. Trotzdem boten die Münchner in diesem Finale keine schlechte Leistung. Es reichte nur einfach noch nicht. Man stand erst am Anfang einer Ära, während Inter Mailand bereits auf dem Zenit war. Das sind Momente, in denen man auch als Fan einfach den Hut vor einer großartigen Mannschaft ziehen und Anerkennung zeigen muss.
Schon am Tag darauf präsentierte sich das gesamte Team auf dem Rathausbalkon am Marienplatz. Es war bereits das zweite Mal nach der Meisterschaftsfeier einige Wochen zuvor. Von Enttäuschung konnte keine Rede sein. Als ich rund ein Jahr zuvor fassungslos vor dem Fernseher saß und Barcelona dabei zusah, wie sie den FC Bayern deklassierten, hätte ich mir in den nächsten fünf Jahren kein einziges Champions-League-Finale mehr erträumen können. Jetzt aber faszinierte die Mannschaft ihre Fans mit attraktivem, strukturiertem Ballbesitzfußball. Die von van Gaal geforderten Umschaltmomente wurden immer besser antizipiert und genutzt. Es entstand eine Mannschaft, die einen Fußball spielte, den es so beim FC Bayern noch nicht zu sehen gab. Louis van Gaal schaffte eine Revolution in München. Er setzte eine Idee davon um, wie moderner Fußball funktioniert. Sein System stand über den Spielern, die er perfekt integrierte.
Es ist nicht so, dass van Gaals Vorgänger keine Ideen mitgebracht hätten. Aber sie passten entweder nicht zur Komplexität des Fußballs oder nicht zum Kader. Der FC Bayern verstand erst um 2008 herum, dass sich die Verhältnisse grundlegend verändert hatten. Mit Klinsmann scheiterte ein Abenteuer, das den gesamten Verein umkrempeln sollte. Er hatte zwar keinen Erfolg, aber die richtige Idee: Der FC Bayern musste sich modernisieren, und van Gaal ging es dann richtig an. Er hatte die nötigen Erfahrungen, um einen derart großen Verein auf allen Ebenen zu modifizieren. Natürlich halfen ihm dabei auch einige Zufälle. Es wäre müßig, darüber zu diskutieren, ob eine weniger erfolgreiche erste Saison zu einem erneuten Umdenken geführt hätte. Denn sie war eben so erfolgreich, wie sie war: Louis van Gaal führte den FC Bayern nach 2001 wieder in ein Champions-League-Finale und schaffte das Double. Wie sehr die Bayern den Erfolg genossen, zeigte sich nicht zuletzt an den vielen Partybildern. Van Gaal avancierte zum »Feierbiest«, und rund 20 000 Bayern-Fans feierten am Marienplatz mit ihm.
In der Nacht von Barcelona wären solche Bilder undenkbar gewesen. Nun stand der FC Bayern wieder in der Sonne – und doch auch erst am Anfang eines Weges, auf dem noch einige Hürden zu bewältigen waren …
Sportliche Stagnation?
Trotz aller Erfolge, und obwohl sich die Mannschaft unter van Gaal aus taktisch-strategischer Perspektive immer weiterentwickelte, blieben im Jahr darauf die entsprechenden Ergebnisse aus. Hinzu kamen menschliche Probleme. Denn Louis van Gaal, das wurde bereits erwähnt, will sich für niemanden verbiegen. Wenn er eine Entscheidung trifft, dann müssen die Argumente der Gegenseite schon sehr gut sein, um ihn davon abzubringen. Das betont er noch heute. In der Öffentlichkeit gilt der Niederländer deshalb als stur und dickköpfig. Er selbst bezeichnet sich als konsequent und anpassungsfähig. Die Wahrheit liegt vermutlich, wie so oft, irgendwo in der Mitte. Allein die Vielzahl an Experten, die van Gaal nach München mitbrachte, um seine Arbeit zu unterstützen, zeigt, dass er sicher nicht beratungsresistent ist. Solange die Diskussion auf Augenhöhe stattfindet und ihn die Argumente der anderen überzeugen, lässt er sich gerne mal umstimmen. Aber gerade mit Uli Hoeneß hatte er seine Probleme. Später berichtete van Gaal, dass der Bayern-Boss ihm ständig in die Aufstellung hineinreden wollte. Seine Entscheidung für Müller wurde ebenso hinterfragt wie der Seitenwechsel Lahms oder die Hereinnahme David Alabas. Zur Frau des Trainers soll Hoeneß mal gesagt haben, dass ihr Mann falsch aufgestellt habe. Diese Differenzen gab es bereits in der ersten Saison. Sie waren lediglich nicht so ein großes Thema, weil auch Hoeneß wusste, dass der Erfolg dem Trainer recht gab.
Auch Mark van Bommel, seinerzeit Kapitän beim FC Bayern, hatte große Probleme mit seinem Landsmann. Ende 2010 eskalierte die Situation. »Ich habe meine Teamkollegen immer verteidigt. Wenn er jemanden ohne Grund attackiert hat, habe ich ihm ganz klar meine Meinung gesagt«, so van Bommel 2017 in der Münchner Abendzeitung. Nach eigener Aussage verließ der Kapitän die Kabine nach einem besonders großen Streit mit Tränen in den Augen. Er habe gewusst, dass seine Zeit bei den Bayern nun vorbei sei. Noch in der Winterpause wechselte er zum AC Mailand. Dass ein Kapitän während der Saison den Verein verlässt, war für den FC Bayern ein absolutes Novum. Für van Gaal bedeutete das, dass er mehr denn je unter Erfolgsdruck stand. Die Rückendeckung im Klub wurde geringer. Einzelne Spieler fingen an, an ihm zu zweifeln. Mark van Bommel war als Mensch und Spieler in der Vorsaison ein absoluter Leistungsträger gewesen. Luiz Gustavo, der als Ersatz für 17 Millionen Euro verpflichtet wurde, mag fußballerisch auf gleicher Ebene gespielt haben, aber van Bommel war eben nicht nur auf dem Platz wichtig für das Spiel gewesen, sondern auch als Kapitän der Mannschaft ein entscheidendes Bindeglied, das den jungen Spielern Halt gab und den Stars zum richtigen Zeitpunkt auch mal in den Hintern treten konnte. Nicht zufällig war Mark van Bommel der erste ausländische Kapitän beim FC Bayern – eine noch unter Jürgen Klinsmann übertragene Ehre, die er sich voll und ganz verdient hatte.
An Louis van Gaal allein lag es aber auch nicht, dass die Situation so war, wie sie war. Gefühlt verbrachte der Klub den Sommer im Freudentaumel und hangelte sich von Party zu Party. Die Bayern genossen den Platz an der Sonne zu sehr und ignorierten dabei, dass der Erfolg im Vorjahr vieles überdeckte. Zwar agierte die Mannschaft immer sicherer mit dem Ball – sie leistete sich aber auch immer noch zu viele leichtfertige Ballverluste. Die Konterabsicherung war nicht perfekt, auf einigen Positionen hätte es eine Neubesetzung gebraucht. Die zu erwartende Formschwäche einiger Nationalspieler nach der Weltmeisterschaft wurde ignoriert. Eine große Baustelle war beispielsweise die linke Abwehrseite. Badstuber bedeutete hier keine dauerhafte Lösung, weshalb er für Martín Demichelis in die Innenverteidigung rückte. Aber auch dort war der Kader ungünstig besetzt. Demichelis verlor deutlich an Niveau, auch van Buyten war nicht mehr so handlungsschnell wie früher. Neben Badstuber gab es dann nur noch Breno, der aus Nürnberg zurückkehrte, sein Talent aber nie wirklich unter Beweis stellen konnte. Links war Diego Contento gesetzt. Eine mutige Entscheidung. Sein Ersatz war Danijel Pranjic, der zwar offensiv für Impulse sorgte, aber defensiv nicht immer sicher stand.
Die erste Elf hatte immer noch die nötige Klasse, doch sobald sich eine Formschwäche oder Verletzungen breitmachten, war von der Qualität der Vorsaison nur noch wenig zu sehen. Denn man hatte den Zeitpunkt verschlafen, um den Kader breiter aufzustellen. Und so kam es, wie es kommen musste. Badstuber fiel mittelfristig aus, Contento verletzte sich zweimal schwerer, Robben verpasste die komplette Hinrunde – auch Ribéry fiel den größten Teil des ersten Halbjahres aus. Auf Olić konnte van Gaal sogar fast die gesamte Saison nicht zurückgreifen. Darüber hinaus wurde David Alaba zur Winterpause nach Hoffenheim verliehen, und Demichelis wechselte nach Málaga.

Abb. 3 Der Kader war speziell in der Rückrunde viel zu dünn besetzt. Gerade in der Abwehr gab es zu wenige Alternativen.
So bekam der FC Bayern weder Konstanz in seine Leistungen, noch war es mit dem vorhandenen Personal möglich, die Ausfälle zu kompensieren. Schweinsteiger lief im Zentrum auch wegen einer langen WM seiner Form hinterher. Van Bommels Wechsel machte das Ganze nicht leichter – zusätzlich belastet wurde die Situation auch noch dadurch, dass die Öffentlichkeit immer etwas über die Differenzen des Trainers mit dem Vorstand erfuhr.
Anfang März stand der FC Bayern auf dem fünften Tabellenplatz der Bundesliga. Auf der europäischen Bühne hatte man auswärts immerhin schon Inter Mailand mit 1:0 besiegt und sich so Chancen auf das Viertelfinale der Champions League ausgerechnet. Insgesamt aber war der Klub bislang weit unter den Erwartungen geblieben. Deshalb beschloss der Vorstand, sich im Sommer von Louis van Gaal zu trennen. Die Begründung für diesen Beschluss – dass man sich über die strategische Ausrichtung nicht einig wäre – passte durchaus ins Bild. Da war van Gaal auf der einen Seite, der die größtmögliche Kontrolle über alle Bereiche haben wollte, und Uli Hoeneß auf der anderen, der Patriarch des FC Bayern, der sich von niemandem die Macht nehmen lässt. Diese Konstellation hatte von Anfang an Eskalationspotenzial. Und doch gab es weiterhin die Hoffnung, dass van Gaal wenigstens die Minimalziele erreichen könnte.
Aber die Probleme waren einfach zu groß. Als die Bayern schließlich gegen Inter Mailand ausschieden, war dies ein Spiel, das die gesamte Saison der Münchner perfekt zusammenfasste: Trotz eines frühen Rückstands ergriff die Mannschaft von Louis van Gaal die Initiative. Dass es zur Halbzeit nur 2:1 für den deutschen Rekordmeister stand, war eigentlich ein Witz. Auch nach der Pause war der FCB klar besser als sein Gegner. Aber wegen kleiner Unkonzentriertheiten und etwas Pech auf der Bayernseite gelang Inter der Ausgleich sowie kurz vor Schluss die Entscheidung. All das Glück, das die Bayern in der vorherigen Saison auf ihrer Seite hatten, verwandelte sich nun in ein absurdes Pech.
In den Medien wurde Louis van Gaal für sein zu statisches und vorhersehbares Spiel kritisiert. Der Kontrast zu den Borussen unter Jürgen Klopp, der die Menschen mit Tempofußball nach Ballgewinnen zu begeistern wusste, war in der Tat riesig. Es ist auch durchaus richtig, dass van Gaals Positionsspiel etwas Statisches hatte. Dadurch kam es zu Ballverlusten, die wiederum nicht gut genug verteidigt wurden. Dem Team fehlte es in beiden Umschaltmomenten an Handlungsschnelligkeit. Das lag zwar nur zum Teil am Trainer, der sich aber zumindest vorwerfen lassen muss, dass er für das vorhandene Personal diesmal nicht die perfekten Rollen fand. Van Gaal passte seine taktischen Mittel zwar immer mal wieder an, fand aber nicht den Schlüssel, um aus der Abwärtsspirale herauszukommen. Und je häufiger die gewünschten Ergebnisse ausblieben, umso mehr zweifelten auch die Spieler an ihrem Trainer. So blieb dem Klub Anfang April keine andere Wahl, als den Niederländer zu entlassen. Hoeneß warf ihm Beratungsresistenz vor, van Gaal konterte: »Niemand ist größer als der Verein, auch Uli Hoeneß nicht.« Das erinnert an jenes »Ich bin ich«, mit dem er schon auf seiner ersten Pressekonferenz deutlich gemacht hatte, was München erwarten würde.
All die Differenzen hatten aber auch etwas Gutes. Hätte van Gaal nicht an seinen Visionen gearbeitet, hätte er sich gar von Uli Hoeneß verbiegen lassen, wäre der Klub heute vielleicht nicht da, wo er ist. Louis van Gaal und der FC Bayern – das war gewiss kein perfektes Match, aber es war eine notwendige Zusammenarbeit. Auf van Gaals Errungenschaften konnte nicht nur sein direkter Nachfolger aufbauen, sondern auch noch Pep Guardiola. Van Gaal richtete den Klub für die Zukunft aus. Heute sagt er, dass der Trainer der Anführer der Mannschaft sei, auch wenn Hoeneß selbiges von sich denken würde. Persönlichkeit, Philosophie und Verhalten des Trainers machen für ihn den Unterschied. Das kann durchaus als Seitenhieb in Richtung Uli Hoeneß gewertet werden, aber auch der Fußballexperte Tobias Escher schrieb in seinem Buch »Die Zeit der Strategen. Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken«, dass der Trainer heute das kleine Rädchen im Zahnradgetriebe Fußball sei, um das sich alle anderen Räder drehen würden. So war es in jedem Fall bei Louis van Gaal. Er war der Mittelpunkt des Erfolgs. Will man die Ursprünge der goldenen Ära des FC Bayern und der Generation Lahmsteiger erforschen, führen alle Wege zu ihm. Das kann ihm heute keiner mehr nehmen. Auch wenn seine Erfolge schnell verflogen und der Disput mit Hoeneß über allem schwebte, so hat er den FC Bayern doch nachhaltig verändert.
Nach van Gaals Entlassung übernahm zunächst dessen Co-Trainer Andries Jonker das Steuerrad, aber schon Ende März war klar, dass im Sommer Jupp Heynckes kommen würde. Die direkte Qualifikation für die Champions League gelang den Münchnern nicht mehr, aber immerhin erreichten sie noch den dritten Platz, der sie in die Qualifikationsrunde der kommenden Saison brachte. Das war deshalb wichtig, weil das Champions-League-Finale im darauffolgenden Jahr in München stattfinden sollte. Dieses Ziel wirkte zunächst noch unfassbar weit weg. Aber dass die Saison 2009/10 keine Ausnahme war, zeigten die Bayern auch im Jahr 2011. Nur nicht konstant genug. Und so ging eine turbulente Spielzeit zu Ende, die in den Erzählungen oft ausgeblendet wird, obwohl die Bayern damals viel daraus lernen konnten.
Heynckes zum Dritten
Eine erfolgreiche Saison des FC Bayern wird von vielen fast ausschließlich über Titel definiert. Eine solche Erwartungshaltung hat sich der Klub in der jüngeren Vergangenheit hart erarbeitet. Das führt aber auch dazu, dass eine Spielzeit ohne Titel Konsequenzen haben muss. Im Fall von Louis van Gaal war das Opfer schnell gefunden. Umso wichtiger war es Uli Hoeneß, nach dem Projekt Klinsmann und dem Fußballlehrer van Gaal wieder jemanden zu holen, der den Klub kennt, der erfahren ist und der die Stimmung im Team und im ganzen Verein umdrehen kann. Jemand, der keine großen Zukunftsvisionen mitbringt, sondern im Jetzt lebt und den Klub nicht auf Links drehen möchte. Eben jemand wie Heynckes, der gerade in der Endphase seiner Trainerkarriere dafür bekannt war, mit dem Vorhandenen zu arbeiten und jede seiner Mannschaften an ihr Limit zu führen. Für Hoeneß war das auch eine Art Wiedergutmachung.
Heynckes übernahm die Bayern im Sommer 2011 zum dritten Mal. 1987 hatte er sich in München erst mal mit einem Witz vorgestellt. Bei Borussia Mönchengladbach hätte er sich nach einem Titelgewinn immer eine Zigarette genehmigt. Dazu war es über acht Jahre lang nicht mehr gekommen – deshalb hoffe er, so Heynckes, dass es beim FC Bayern wieder häufiger die Gelegenheit dazu geben würde.
Allerdings hatte sein neuer Klub gerade dreimal in Folge die Meisterschaft gewonnen. Entsprechend hoch waren die Erwartungen, auch wenn das Gesetz der Wahrscheinlichkeit dagegen sprach: Bislang hatte nämlich noch keine Mannschaft einen vierten Meistertitel in Folge nachlegen können. Auch Heynckes gelang dieser Triumph nicht. In seiner Debüt-Saison wurde sein Team Vizemeister hinter Bremen. 1989 und 1990 holte er die Schale dann zurück nach München. Und bei der Meisterfeier 1990 auf dem Marienplatz machte der Trainer den Fans sogar noch ein großes Versprechen: »Nächstes Jahr holen wir den Europapokal!« Allerdings machte ihm der spätere Sieger des Wettbewerbs, Roter Stern Belgrad, im Halbfinale einen Strich durch die Rechnung. So musste Heynckes am 12. Spieltag der Saison 1991/92 seine Sachen packen. Hoeneß sprach später vom größten Fehler seines Lebens.
2009 kehrte Heynckes zurück an die Säbener Straße. Allerdings nur als Retter für wenige Spieltage. Er war die Lösung zwischen Klinsmann und van Gaal, aber er wusste auf Anhieb zu überzeugen. Eigentlich war er bereits im Ruhestand, doch für seinen guten Freund Uli Hoeneß war ihm kein Dienst zu schade. Dabei kam er offenbar noch einmal auf den Geschmack, denn anschließend nahm er noch einen Job bei Bayer Leverkusen an, ehe er im Sommer 2011 seine dritte Chance bei den Bayern erhielt, um sein großes Versprechen endlich einzulösen. Schnell zeigte sich, dass der FC Bayern mit ihm erneut eine goldrichtige Entscheidung getroffen hatte. Anders als van Gaal, der den direkten Weg mit dem Kopf durch die Wand bevorzugte, wusste Heynckes genau, an welchen Stellschrauben er drehen musste, um seine Ziele zu erreichen.
Für viele in der Öffentlichkeit war klar, dass van Gaals Ballbesitzfußball wieder in die Schublade gehörte. Heynckes stand aber nie für eine spezielle Philosophie, sondern er passte sich gern den Umständen an. Das tat er auch in München. Entgegen vieler Erwartungen und Vermutungen nahm der Ballbesitzwert der Bayern unter ihm sogar noch zu. Im Vergleich zu van Gaal passte der damals 66-Jährige aber das zu statisch gewordene Positionsspiel der Mannschaft an. Heynckes baute eine asymmetrische Rollenverteilung ein und organisierte das Pressing neu.
Was bedeutet Asymmetrie im Fußball? Grundformationen wie das 4-4-2 haben im Fußball meist eine klare Anordnung und Raumverteilung: eine horizontale Viererkette, noch eine horizontale Viererkette und zwei Stürmer vorne. Trainer wie Heynckes lieben es, ihre Formation asymmetrisch auszurichten. So kann beispielsweise der linke Flügelstürmer höher positioniert sein als der rechte. Das sorgt dafür, dass Spieler dort auftauchen, wo sie der Gegner nicht erwartet. Außerdem können so Zonen überladen werden, die der Trainer besonders bespielen möchte, während andere eher abgesichert werden.
Schon früh in der Saison waren die Münchner der Konkurrenz aus Dortmund enteilt. Auch in der Champions League lief es in einer Gruppe mit Manchester City, Neapel und Villareal äußerst gut. Das lag auch an Schweinsteiger, der für die Bayern zunehmend wieder der Spieler wurde, der 2010 so entscheidend für das Erreichen des Champions-League-Finals war. Er verteilte die Bälle, bestimmte den Spielrhythmus und steuerte das Pressing der Bayern. Die Rolle eines Leaders nahm er jetzt endgültig an: zwar nicht als klassischer Effenberg, der sein Team stets mit klaren, lauten Ansprachen antrieb, aber als das Herz eines Spiels, dessen Situationen er schon lesen konnte, bevor sie eintrafen. Später hob Heynckes ihn auf eine Stufe mit Sergio Busquets vom FC Barcelona. Ein größeres Lob gibt es nicht. Vielen war das 2011 und 2012 noch gar nicht so bewusst. Doch als sich Schweinsteiger im November 2011 am Schlüsselbein verletzte, wurde seine Rolle für die Mannschaft überdeutlich. Zu Hause gegen Dortmund (0:1) und in Mainz (2:3) verloren die Bayern vor allem deshalb, weil er fehlte. Auch das Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen den FC Basel ging ohne Schweinsteiger mit 0:1 verloren. Die Mannschaft von Jupp Heynckes wurde immer anfälliger für Konter und konnte ihr dominantes Spiel nicht mehr so durchdrücken wie zu Beginn der Saison. Schweinsteiger wurde in der Folge auch nicht mehr richtig fit. Im Rückspiel in Dortmund ging es bereits um die Meisterschaft. Der BVB hatte den Rückstand längst aufgeholt und die Bayern sogar drei Punkte hinter sich gelassen. Hätte der Münchner Rekordmeister das Spiel gewonnen, wäre der Druck auf die Borussia im darauffolgenden Derby gegen Schalke unendlich groß gewesen.
Doch sie gewannen nicht. Dortmund offenbarte den Bayern große Schwachstellen. Schweinsteiger konnte nur 29 Minuten spielen, in denen sein Einfluss nicht mehr ausreichte. Es war gewissermaßen der Beginn vieler dramatischer Einzelgeschichten. Während Schweinsteiger seiner Mannschaft aufgrund fehlender Fitness nicht helfen konnte, schrieb auch Arjen Robben weiter an seinem persönlichen Drama. In Dortmund vergab er vom Elfmeterpunkt nicht nur den möglichen Ausgleich und die damit verbundene Chance auf den Titelgewinn. Beim Gegentor sorgte er auch noch zusätzlich dafür, dass keine Abseitsposition vorlag. Obwohl die Bayern an diesem Abend ihre Chancen auf die Meisterschaft als Kollektiv verloren, sollte diese besondere Geschichte noch viele Jahre für Aufsehen sorgen und sich in den folgenden Wochen sogar zuspitzen.
Für Heynckes war dieses Spiel nur der Tiefpunkt eines Umschwungs, den er seit November erlebte. Quasi mit dem Ausfall Schweinsteigers war in München die große Krise ausgebrochen. So schrieb der Focus im März 2012: »Es geht dahin mit dem FC Bayern: Trainer Jupp Heynckes hat nur einen Plan A, und selbst der ist nicht durchdacht.« Im Kern geriet den Bayern Anfang 2012 die nachlässige Transferpolitik zum großen Nachteil. Schon nach dem Finale 2010 hatte man es verpasst, den Kader breiter aufzustellen: Das Standing und die Mittel waren vorhanden. Heynckes musste sich trotz der fehlenden Optionen ankreiden lassen, dass er nicht früher reagierte, sich nicht an die Situation anpassen konnte. Allerdings wurde damals auch viel geschrieben und gesagt, was schlicht nicht der Realität entsprach. Dortmund gewann verdient zwei Meisterschaften in Folge. Sie hatten das konstantere und bessere strategische Grundgerüst. Das musste auch in München anerkannt werden. Bayern war unter Heynckes keinesfalls schlecht, nur nicht konstant genug. Ähnlich wie van Gaal hatte auch der neue Trainer damit zu kämpfen, dass ihm die Optionen fehlten, um Rückschläge adäquat zu verkraften. Dennoch erreichten die Bayern das Pokalfinale und das »Finale dahoam« in München.
Auf diesen einen Moment hatte der gesamte Klub seit Monaten und Jahren hingearbeitet. Als Bastian Schweinsteiger dann im Halbfinale der Champions League in Madrid den entscheidenden Elfmeter im gegnerischen Netz versenkte und damit den Traum vom Heimsieg in der Königsklasse aufleben ließ, brachen in München alle Dämme. Im Jahr 2011 fiel es wie 2009 nach der Entlassung van Gaals ebenso schwer zu glauben, dass das Finale in der heimischen Allianz Arena ein realistisches Szenario sein könnte. Doch mittlerweile sprach vieles für einen historischen Erfolg. Im Achtelfinale (Basel) und Viertelfinale (Marseille) hatte man in der schwierigsten Saisonphase etwas Losglück. Pünktlich zum Duell mit Mourinhos Real Madrid war dann die Form zurück. In zwei packenden Duellen lieferten sich die Mannschaften einen offenen Schlagabtausch, bis es ins Elfmeterschießen ging. Der letzte Schütze war Bastian Schweinsteiger. Sein Gang zum Elfmeterpunkt wurde gefühlt immer länger. Alles lag an ihm. Der Druck, den er in diesem Moment spürte, ist nicht in Worte zu fassen. Das Santiago Bernabéu – ein Stadion, das jeden Gegner in Angst und Schrecken versetzen kann – vibrierte förmlich vor Spannung. Schweinsteiger lief an. Schweinsteiger traf. Das Stadion schwieg. Lediglich ein paar tausend angereiste Fans in Rot feierten.
Ihr Held, Bastian Schweinsteiger, der Fußballgott, verwirklichte den ganz großen Traum. Und auch das zweite Halbfinale machte den Bayern Hoffnung. Barcelona unterlag Chelsea, und so war der Finalgegner nicht Guardiolas übermächtig wirkende Mannschaft, sondern ein Team, das eine ähnlich durchwachsene Saison hinter sich hatte wie die Bayern selbst. Das roch sogar nach einer leichten Favoritenrolle für den FCB. Mit nur einem Spiel hatte Heynckes die Chance, sich unsterblich zu machen und ein Versprechen einzulösen, das seit dem Jahr 1991 offen war.
Zwei große Niederlagen
Die Redewendung »es sollte nicht sein« gibt nicht einmal im Ansatz wieder, was dann im Saisonfinale passierte. Ja, die durchwachsenen Leistungen im Frühjahr und die beiden verlorenen Meisterschaften waren nicht nur herbe Rückschläge für die Bayern gewesen, sondern auch eine Machtdemonstration des BVB. Von einem Wechsel an der Spitze des deutschen Fußballs war die Rede. Dortmund gewann nicht nur die direkten Duelle mit dem Rekordmeister, sondern auch die Titel. Psychologisch war das Pokalfinale mit dem Rivalen für die Münchner deshalb aus mehreren Perspektiven eine schwierige Angelegenheit. Da waren nicht nur die Zweifel, ob der BVB überhaupt zu schlagen sei, sondern auch die angesprochenen Einzelschicksale. Robbens verschossener Elfmeter im Bundesliga-Endspurt und andere unglückliche Auftritte hatten Wirkung gezeigt. Der Niederländer war nicht nur einer der wichtigsten Offensivspieler seines Teams, sondern auch ein Antreiber und Führungsspieler mit unfassbarem Ehrgeiz. Trotzdem hatte man das Gefühl, dass ihm und dem FC Bayern das nötige Selbstverständnis fehlte. Nicht zuletzt hatten die Spieler natürlich vor allem das Champions-League-Finale gegen Chelsea im Kopf, das nur eine Woche später stattfand.
Dortmund ritt dagegen gerade auf einer Euphoriewelle, die kaum aufzuhalten schien. Das zeigte sich auch im Finale des DFB-Pokals. Nach dem Spiel wurde Philipp Lahm dafür belächelt, dass er sein Team lange Zeit als dominante Mannschaft wahrgenommen hatte. Ganz unrecht hatte er aber nicht. Die Bayern kamen gut rein, verkrafteten sogar einen frühen Rückstand und kontrollierten das Geschehen über 40 Minuten hinweg. Dass ausgerechnet Arjen Robben den zwischenzeitlichen Ausgleich per Elfmeter erzielte, schien zur Aufarbeitung der letzten Monate dazuzugehören. Doch dann passierte kurz vor der Halbzeit etwas, das den Bayern förmlich das Genick brach. Boateng verursachte erst einen Elfmeter, den Hummels zur Führung einschoss, und ließ wenig später Lewandowski ziehen. Der Pole gab der Heynckes-Elf mit dem 3:1 einen frühen Knockout.
Diese komplett verrückte Partie lässt sich kaum anhand eines Aspektes erklären. Aus taktischer Sicht hatte Heynckes nicht viel falsch gemacht. Im Mittelfeld setzte er mit Schweinsteiger und Kroos auf zwei ballsichere Spieler gegen Dortmunds starkes Pressing (siehe Abb. 4). Gerade in der ersten Halbzeit sorgte das für eine gute Spielkontrolle. Beiden war es durch Gustavo als Absicherung möglich, auch mal in die Offensive zu stoßen. Schweinsteiger liebte die Situationen, in denen er aus der Tiefe das offensive Zentrum überladen konnte. Mit Robben und Ribéry entschied sich der Trainer zudem für Tempo und gegen Thomas Müller. Erst sah es so aus, als würden die Bayern von der Flexibilität ihrer Offensive profitieren. Selten hatten sie sich in so kurzer Zeit so viele Chancen gegen Klopps Dortmunder Elf herausgespielt. Allerdings war das Pokalfinale ein Äquivalent zur gesamten Bayern-Saison. Es fehlte dem Team an Sicherheit, Selbstverständnis und Konstanz. Den Doppelschlag vor der Halbzeit konnten sie nicht mehr verkraften. Dortmund nutzte im Gegenpressing die Unsicherheit und ganz besonders die fehlende Kompaktheit aus. Dabei entpuppte sich die Mischung aus risikoreichem Ballbesitzspiel und fehlendem Nachrücken der Mannschaft bei Ballverlusten als unvorteilhaft. Das Mittelfeldpressing der Bayern war wirkungslos gegen Klopps Umschaltfußball.
Basics des Pressings: Als Pressing wird grundsätzlich das Anlaufen einer Mannschaft ohne Ball bezeichnet. Dabei gibt es drei Grundformen. Das Abwehrpressing ist auch als »Mauerfußball« bekannt. Die Mannschaft steht sehr tief und greift den Gegner spät an. Im Mittelfeldpressing steht die Mannschaft schon deutlich höher. Meist wird dem Gegner der Spielaufbau gewährt, aber sobald der Ball die Mittellinie überschreitet, erfolgt der Zugriff. Das Angriffspressing ist die offensivste Form der Arbeit gegen den Ball. Die Spieler versuchen dabei, den Gegner schon im Aufbauspiel zu stören, und schieben bis weit in die gegnerische Hälfte. Als Gegenpressing wird die Reaktion einer Mannschaft nach Ballverlusten bezeichnet, wenn sie versucht, den Gegner direkt wieder zuzustellen und den Ball innerhalb von wenigen Sekunden zurückzugewinnen.
Die Offensive wurde nicht ausreichend unterstützt, um einfache Ballverluste zu minimieren, und so entstanden Räume, die nicht mehr verteidigt werden konnten. Kein Team offenbarte diese Schwächen im bayerischen Spiel so gnadenlos wie Klopps Borussia Dortmund. Die 5:2-Niederlage war am Ende niederschmetternd und verdient, wenn auch in der Höhe etwas zu deutlich. Sie markierte eine Zäsur auf nationaler Ebene, doch die Bayern hatten nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Stattdessen versuchten sie sich an einer schnellen Analyse. Denn da war ja noch ein weiteres Finale zu spielen.

Abb. 4 Die Spielidee im Pokalfinale 2012 gegen den BVB: ein spielstarkes, aber defensiv abgesichertes Zentrum und flexible Außenstürmer.
Es war ein Finale, neben dem das DFB-Pokalfinale aussah wie Lahm neben van Buyten. Eines, das für alle Bayern-Fans ein emotionaler Höhe- und Tiefpunkt zugleich war – gerade für einen Fan, der wie ich aus der Umgebung Berlins kommt und dem sich in der Kindheit nicht viele Gelegenheiten boten, die Atmosphäre eines derart großen Spiels vor Ort aufzusaugen. Doch diesmal hatte ich diese Chance. Schon nach dem Schweinsteiger-Elfmeter in Madrid machte ich Pläne. Eine Karte für die Allianz Arena wäre ebenso teuer wie unrealistisch für mich gewesen, aber ich wollte um jeden Preis nach München. Zum Glück stand fest, dass im Olympiastadion ein offizielles Public Viewing stattfinden würde. Dafür sicherte ich mir direkt zwei Karten und verabredete mich mit einem Bayern-Fan und guten Freund aus Bremen zum 19. Mai 2012 in München. Ein Berliner und ein Bremer fahren nach München zu ihrem Lieblingsklub – fast schon absurd. Doch das war mir egal. Die Vorfreude aller Bayern-Fans war enorm. Die Zeit bis zum Finale schien überhaupt nicht zu vergehen. In der Nacht davor konnte ich kaum schlafen, doch als ich am frühen Morgen im ICE von Berlin nach München saß, war von Müdigkeit wenig zu spüren. Ich war mir sicher, dass die Bayern an diesem Tag Geschichte schreiben würden.
Gegen Mittag kam ich am Hauptbahnhof in München an. Ich spürte vom ersten Moment an, welche Bedeutung dieses eine Spiel hatte. Das Wetter war herrlich, die Menschen zeigten sich gut gelaunt, die Biergärten und öffentlichen Plätze waren überfüllt. Auf dem Marienplatz skandierten mehrere Hundert Bayern-Fans: »Drogba, Drogba, who the fuck is Drogba?«
Für mich persönlich war das ein bis heute einmaliges Erlebnis. Nie wieder habe ich eine so elektrisierende und packende Stimmung in einer Stadt wahrgenommen. Noch in vielen Jahren werde ich an den Moment zurückdenken, als ich das legendäre Münchner Olympiastadion betrat. Ich blickte von oben auf eine Masse aus Menschen, die sich über die Tribünen und den grünen Rasen erstreckte. Nach einigen Minuten, in denen wir diese ganze Atmosphäre einfach aufsaugten, gingen wir ebenfalls in den Innenraum und warteten auf den Anpfiff.
Als das Spiel dann endlich losging, war die Stimmung herausragend. Vor allem deshalb, weil Chelsea so gut wie keine Chance hatte. Bayern war nicht nur dominant, sondern auch drückend. Lediglich die Chancenverwertung war schlecht. In der zweiten Halbzeit drehte sich die Stimmung etwas. Die Heynckes-Elf war zwar immer noch die klar bessere Mannschaft, doch je mehr Chancen vergeben wurden und je länger es 0:0 stand, umso nervöser wurden auch die Fans. Sie lechzten nach diesem einen Moment. Bei jedem Torschuss, bei jeder Großchance, bei jeder noch so kleinen Möglichkeit spürte ich, wie die Stimmung im Stadion kurz davor war, zu explodieren.
Dann kam die 83. Spielminute. Toni Kroos streichelte den Ball vom linken Strafraumeck mit einer Präzision in den Fünfer, die ein normaler Mensch nicht einmal an der PlayStation nach mehreren Versuchen erreicht hätte. Der Ball hatte genügend Tempo und die perfekte Flugbahn, um Petr Čech trotz der Nähe zu seinem Tor keine Chance zu lassen. Diese Flanke hätte ein Gedicht verdient. In der Mitte lief gleichzeitig Thomas Müller ein – wer sonst? Der bayerische Lausbub, der seit van Gaal fast immer spielte. Ein Spieler aus der eigenen Jugend, der diesen Verein so sehr lebt wie kaum ein anderer. Einer wie Badstuber, Alaba, Lahm und Schweinsteiger. Das Resultat großartiger Jugendarbeit, die in München über Jahre hinweg scharf kritisiert wurde. Einer von uns. Hätte man vor dem Spiel eine Geschichte darüber geschrieben, wie dieses Finale aus Bayern-Sicht perfekt laufen würde, dann hätte sie genau dieses Happy End gehabt. Müller köpfte den Ball wuchtig auf den Boden, von wo er endlich ins Tor sprang. Mit einem lauten Knall entlud sich die Spannung in der Allianz Arena, im Olympiastadion, auf der Theresienwiese und überall sonst in der ganzen Stadt zugleich. Das Gefühl, das in mir hochkam, war und ist bis heute mit nichts zu vergleichen. Tränen, Erleichterung, pure Emotionen – alles, was in der Vergangenheit passiert war, zählte auf einmal nicht mehr. Allein dieser Moment war wichtig. Alle waren sich einig, dass es das Tor zum Champions-League-Sieg war. Zu Hause. In der eigenen Arena. Da gab es keinen Zweifel mehr. Chelsea war zu schwach, um dem noch etwas entgegensetzen zu können.
Doch das Märchen verwandelte sich in ein Drama. Chelsea bekam noch eine letzte Chance: ein geschenkter Eckball. Kurz zuvor wurde Müller wegen Krämpfen ausgewechselt. Für ihn kam Daniel van Buyten, der gegnerische Standards absichern sollte. Jede Aktion, jede Sekunde zog sich ewig. Selbst die Ausführung dieses verdammten Eckballs dauerte gefühlt eine ganze Nacht.
Es war der erste Eckball für Chelsea überhaupt. Die Bayern hatten am Ende 20. Marcel Reif griff diesen Fakt auf und redete den Ausgleich förmlich herbei. Hätte er doch besser geschwiegen.
Die Ecke segelte in den Strafraum, Lampard blockierte Boateng, Drogba setzte sich in einer wirren Zuordnung gegen Lahm durch und köpfte den Ball ins obere Eck, als hätte er ihn mit dem Vollspann seines Fußes perfekt getroffen. Was für eine Rakete. Unfassbar. Ich brach auf dem Rasen des Olympiastadions in mich zusammen und konnte nicht begreifen, was da gerade geschah.
Aber es wurde noch schlimmer. In der Verlängerung waren die Bayern immer noch das klar bessere Team. Sie ließen ungezählte Chancen liegen. Die größte davon hatte Arjen Robben. Natürlich vom Elfmeterpunkt. Natürlich nicht so selbstbewusst wie noch im DFB-Pokalfinale in Berlin, sondern mit zitternden Beinen wie in Dortmund. Bayerns Drama war auch sein persönliches Drama. Die komplette Spielgeschichte wendete sich erneut gegen Jupp Heynckes und seine Mannschaft. Das spürten auch die Fans. Es ging unweigerlich ins Elfmeterschießen. Ich stand Arm in Arm mit völlig fremden Menschen vor der Leinwand. Als wäre ich selbst auf dem Platz. Ich war durchnässt von Schweiß und Tränen, wollte die Hoffnung auf gar keinen Fall aufgeben. Lahm, Gómez und Neuer verwandelten, Mata ließ für Chelsea einen Elfmeter liegen. Dann verschoss Olić, und Cole konnte ausgleichen. Es blieb das Duell zwischen Schweinsteiger und Drogba. Wieder war da dieser unfassbar lange Weg für den Mittelfeldchef. Von der Mittellinie bis zum Elfmeterpunkt hatte er viel Zeit, um nachzudenken.
Vielleicht ging ihm die Kritik einiger Medien durch den Kopf, die es anscheinend auf ihn abgesehen hatten. Er sei kein Führungsspieler und könne die Mannschaft nicht ausreichend tragen. Eine ganze Generation rund um Lahm und Schweinsteiger hätte sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht verewigen können. Vielleicht sei doch nicht alles Gold, was glänzt. Was auch immer er dachte, ein Schuss würde darüber entscheiden, wie sich seine Wahrnehmung verändert. Seine herausragende Leistung in 120 Minuten zuvor wäre bei einem Fehlschuss nichts mehr wert. So absurd ist der Fußball.
Schweinsteiger setzte seinen Schuss an den Pfosten, Drogba traf. Chelsea gewann die Champions League in München. Kein Happy End. Zwischen der puren Ekstase rund um die 83. Minute und diesem Moment lagen Welten.
Rund zwei Stunden nach dem Abpfiff fand ich mich auf dem Boden des Olympiastadions wieder. Leer. Ausgelaugt. Die meisten Leute waren gegangen. Ich sprach in dieser Nacht kein Wort mehr. Wie musste es dann erst Schweinsteiger oder Robben gehen? Die Stadt, die ich tagsüber so froh, emotional und lebendig wie nie zuvor erlebt hatte, versank in tiefer Trauer. Die Stunden, bis mein ICE endlich kam, waren die längsten meines Lebens. Ich hatte die Rückfahrt erst am nächsten Morgen gebucht. Verdammter Optimismus. Der ganze Hauptbahnhof war voll mit Menschen, die anscheinend genauso optimistisch gewesen waren. Alle schwiegen. Jeder war mit sich selbst beschäftigt. Niemand konnte glauben, was passiert war. Wenige Momente verschoben die Wahrnehmung dieses Spiels von einer großartigen Leistung zu einer Debatte um eine ganze Generation, die keine großen Titel gewinnen könne. München lernte in dieser Nacht nicht nur, wer Didier Drogba ist, sondern erreichte einen emotionalen Tiefpunkt, der eine gute Saison bis heute überschattet. Die Reaktionen waren brutal. Robben wurde wenige Tage später bei einem Freundschaftskick gegen die niederländische Nationalmannschaft von einer Minderheit im eigenen Publikum ausgepfiffen. Peinlich. Hoeneß sprach noch in der Nacht der Niederlage indirekt von fehlender Mentalität. Den ersten Fans dämmerte bereits, dass diese Niederlage weitreichende Konsequenzen haben würde.
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