Kitabı oku: «BERLIN ZOMBIE CITY»
Berlin Zombie City
Kalle Max Hofmann
Impressum
Deutsche Erstausgabe
Copyright Gesamtausgabe © 2019 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Cover: Michael Schubert
Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2019) lektoriert.
ISBN E-Book: 978-3-95835-443-2
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhaltsverzeichnis
Berlin Zombie City
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Epilog
Kalle Max Hofmann
Kapitel 1
BRANDENBURG
15:30 Uhr
Kein Lebenszeichen. Absolute Totenstille. Erneut formte Ben einen Trichter mit seinen Händen.
»Hallo! Hallo?«
Nichts. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Vielleicht war der Typ gerade im Gebüsch, pinkeln. Hoffentlich friert ihm der Schniedel ab, dachte Ben, als eine kalte Windböe durch seinen Kapuzenpulli drang. Er hasste es, zu warten, aber im Moment konnte er wirklich nichts tun. Die letzten Tage hatten ihm sowieso mal wieder deutlich gezeigt, dass ein bisschen Ruhe nie schaden kann. Also setzte er sich auf das Kabinendach seines Bootes und atmete erst einmal tief durch.
Trotz seiner guten Vorsätze wanderte sein Blick sofort wieder von der Wasserkante an den moderigen Wänden der Schleuse hinauf zu dem kleinen Wärterhäuschen. Ben musste unwillkürlich lächeln, als ihm klar wurde, wie ausgeprägt und tief verwurzelt seine Ungeduld war. Tanja hatte wahrscheinlich recht, da könnte er mal dran arbeiten.
Er hob eine Pobacke an, griff in seine Gesäßtasche und zog das Foto hervor. Ihre tiefblauen Augen leuchteten wie immer, doch ansonsten sah das Bild inzwischen ziemlich mitgenommen aus. Kopfschüttelnd drehte Ben es um und betrachtete die Leukoplast-Streifen auf der Rückseite, die das Ganze zusammen hielten. Warum war er nur so verdammt impulsiv? Sich einfach alleine auf das Boot zu verpissen … und der viele Alkohol. Der hatte seine Wut nur noch mehr angestachelt und dadurch einige Opfer gefordert. Abgesehen von diversen Schürfwunden und blauen Flecken war als Erstes sein Handy über Bord gegangen.
Aber zumindest das ging teilweise auch auf Tanjas Konto. Sie hätte ja nicht andauernd so penetrant anrufen müssen. Okay, man kann ein Telefon auch abstellen. Aber nicht, wenn man Benjamin Jovanovic heißt und der beste Kumpel Jack Daniels. Eigentlich ein falscher Freund, wie Ben dann festgestellt hatte, nachdem er das Bild von Tanja zerrissen hatte. Und auch Old Jack sollte seinen Zorn spüren, die verdammte Flasche bekam von ihm Flugstunden erteilt. Natürlich hatte er nicht mit Absicht auf die Steuerkonsole gezielt und auch nicht damit gerechnet, dass die fiese Spirituose einen dicken Kurzschluss in der Bordelektronik auslösen würde. Doch nun saß er hier.
Der gellende Aufschrei einer Krähe ließ Ben aus seinen Erinnerungen hochschrecken. Seine Nackenhaare stellten sich auf, es musste an der Kälte liegen. Wo war dieser Vogel? Nirgends zu sehen. Ben kam sich vor wie lebendig eingemauert. Und wo war dieser beknackte Schleusenwart? Wenn jeder seinen Job so machen würde, dann gute Nacht.
Außer ein paar Büschen und Baumwipfeln konnte Ben nicht viel sehen. Es war bestimmt schön da oben, die tief stehende Sonne tauchte die schon ziemlich kahlen Bäume in ein goldenes Licht. Das sah wirklich warm aus, und er musste hier unten frieren, in seinem Betonsarg. Ätzend.
Ben versuchte, die Kapuze noch enger zu machen, aber die Kälte war ihm längst in die Knochen gefahren. Jetzt überkam ihn wieder eine dieser typischen Wellen von Aktionsdrang; er sprang wie von der Tarantel gestochen auf und machte ein paar unkontrollierte, zappelnde Bewegungen.
»HALLOOOOOO?!?«, schrie er aus voller Kehle, wobei er sich über das unerwartet starke Echo fast ein bisschen erschrak. Das dämpfte seinen Ausbruch, aber seine Geduld war eindeutig zu Ende. Der ganze Trip war eine Schnapsidee gewesen. Ihm war inzwischen klar, dass Tanja das nicht mit Absicht getan hatte. Oder etwa doch? Sofort begann es in Ben wieder zu kochen. Hitze schoss in sein Gesicht. Es war eine verdammt beschissene Situation, aber er musste das jetzt regeln. Genau wie die Sache mit der Schleuse.
Ben schnappte sich den Bootshaken, stemmte ihn an die gegenüberliegende Wand und lehnte sich mit aller Kraft hinein. Während er aggressiv aufstöhnte, bewegte sich das Boot widerwillig und lautlos auf die Metallleiter zu, die einen Ausweg aus dieser Sackgasse versprach. Von der Anstrengung war Ben schon regelrecht heiß, er riss sich die Kapuze vom Kopf und ließ den Bootshaken genervt aufs Deck fallen. Für irgendwelche Sicherungsmaßnahmen hatte er jetzt keine Geduld mehr; es war Zeit für Piraten-Action. Nach einem angewiderten Blick auf die angerostete und verdreckte Leiter streckte er sich und packte eine Sprosse. So zog er das Boot das letzte Stück in Position und wackelte noch einmal kräftig an der Leiter, um sicherzugehen, dass sie ordentlich befestigt war. Das Personal hier schien ja nicht gerade übermotiviert zu sein.
Mit einem beherzten Satz verließ Ben sein schwimmendes Zuhause der letzten Wochen und erklomm die Leiter. Die unteren Sprossen waren noch nass und schlüpfrig, oben wurden sie trocken. Das machte die Kälte aber fast noch unangenehmer, und der Rost bröselte unter seinem Griff. Er konnte förmlich spüren, wie kleinste Partikel keimigen Altmetalls in seine Haut drangen.
Oben angekommen krabbelte er alles andere als elegant aufs Festland. Ben sah sich kurz um. Wollte er wissen, ob jemand seine ungelenke Einlage beobachtet hatte? Oder ging es ihm nur darum, den Schleusenwart zu finden? Er wusste es selbst nicht genau, doch Letzteres war eindeutig wichtiger. So oder so war jedenfalls kein Mensch weit und breit zu sehen. Ben überblickte kurz das flache Land, das ihn umgab. Trotz des anbrechenden Winters waren die Wiesen noch einigermaßen grün, bis auf vereinzelte Baumreihen und einige Zäune gab es sonst kaum etwas zu sehen.
Also widmete Ben seine volle Aufmerksamkeit dem Wärterhäuschen. Zu seiner Verwunderung stellte er fest, dass die Tür weit offen stand. Ungewöhnlich. Vielleicht hatte es einen Notfall in der Nähe gegeben. Oder dem Typen ist wirklich der Schniedel abgefroren?, dachte Ben und schüttelte schmunzelnd den Kopf.
Moment. Hatte sich da nicht etwas bewegt, im Gebüsch?
»Hallo?«, fragte Ben gefühlt zum zwanzigsten Mal. Es raschelte. Unsicher machte er einen Schritt auf einen dunklen Schatten im Unterholz zu. »Ist da jemand?«
Keine Antwort. Zögernd schaute Ben sich um, durch die geöffnete Tür des Häuschens fiel sein Blick nun auf einen großen, roten, mit Gummi ummantelten Knopf.
»Scheiß doch drauf«, murmelte Ben, machte zwei lange Schritte zur Tür, beugte sich vor und betätigte mit dem Handballen den Kontakt. Sofort jaulte ein schwerer, hydraulischer Apparat auf und zwei Krähen stiegen meckernd in den Himmel. Ben schaute ihnen kurz hinterher, dann vergewisserte er sich, dass der Wasserspiegel auch wirklich anstieg. Er quälte sich wieder die Leiter hinunter und wagte nach einem kleinen Stoßgebet den Sprung auf das Deck. Er landete halbwegs sicher und war zufrieden mit sich. Selbst ist der Mann – jedenfalls, wenn er nicht so ein beschissener Schleusenwart ist, den schon die Aufgabe überfordert, ein paar mal am Tag auf einen Buzzer zu hauen. Das waren Bens Gedanken, als sich das Schleusentor vor ihm öffnete, und er hinunterging, um den Motor zu starten. Das Blut, das schon etwas zäh von der Schleusenmauer tropfte, sah er nicht.
Kapitel 2
TEMPELHOFER HAFEN
16:48 Uhr
Als die letzten Sonnenstrahlen gerade um die höchsten Dächer tanzten, wurde Ben endgültig klar, dass in der Stadt etwas nicht stimmte. Auf dem Weg nach Berlin hatte er sich bereits über den quasi nicht-existenten Bootsverkehr gewundert. Aber nun erreichte er den Tempelhofer Hafen, eine alte Anlage, die um 1908 fertiggestellt wurde und lange als Umschlagplatz für Lebensmittel und Stückgut genutzt wurde. Heute wurden hier Liegeplätze für Sportboote vermietet und auf der gegenüberliegenden Uferseite thronte das Ullsteinhaus – ein gigantischer, alter Backsteinbau, der im Licht der untergehenden Sonne blutrot aufleuchtete. Ben war von diesem Anblick einen Moment lang regelrecht eingeschüchtert, dann wanderte sein Blick zu den Anlegestellen auf der Hafenseite und dem modernen Einkaufszentrum dahinter. Dort, wo normalerweise zum Feierabend hin geschäftiges Treiben herrscht, war in diesem Moment nichts los. Überhaupt nichts, rein gar nichts.
Ben rieb sich die Augen, langsam machte sich Nervosität in ihm breit. Ein lautes Geräusch ließ ihn zusammenzucken und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf den Kanal. Direkt in seiner Fahrtrichtung lagen zwei riesige Lastkähne schräg im Wasser, offensichtlich trieben sie nebeneinander her, wobei sie immer wieder kollidierten. Das kreischende Reiben von Metall auf Metall durchschnitt jäh die kühle Abendluft.
Ben traute seinen Augen kaum. Es war definitiv zu gefährlich, sich den Schiffen weiter zu nähern, also drehte er kurz entschlossen ab. Er würde nach dem Anlegen den Sicherheitsdienst des Shoppingcenters bitten, die Wasserschutzpolizei zu verständigen. Jemand musste dieses Schlamassel aufräumen, bevor ernsthafter Schaden entstand!
Als das Boot amtlich vertäut war und Ben bereit war, von Bord zu gehen, hatte der Himmel eine irreal wirkende, tiefblaue Färbung angenommen. Die kalte Herbstluft wirkte besonders intensiv – nicht nur durch ihre Kühle; irgendetwas anderes schwang noch mit. Es herrschte eine besondere Atmosphäre, eine Aufladung, die alle Sinne zu schärfen schien. Ben hielt kurz inne, um diese Empfindung auf sich wirken zu lassen. Klar, das war es: die Stille. Ungläubig schaute Ben auf seine dicke Pilotenuhr und klopfte auf das Glas. Aber sie lief ganz normal, es war 16:53 Uhr. Bei der Datumsanzeige war er sich aber nicht ganz sicher – war er wirklich fast drei Wochen unterwegs gewesen? Das kam ihm einerseits unwahrscheinlich vor, andererseits hatte sein übermäßiger Alkoholkonsum auch noch ganz andere Dinge möglich gemacht.
Wenigstens habe ich die Uhr nicht geschrottet, dachte sich Ben. Er atmete noch einmal tief durch, um das Gefühl des Heimkehrens nach einer so abenteuerlichen Reise ein wenig auszukosten. Den Kampf Mensch gegen Natur hatte er wieder einmal gewonnen.
Dieser sinnliche Moment verlor jedoch seine Qualität, als Ben plötzlich von einem Reizhusten geschüttelt wurde. Er hatte einen merkwürdigen Geruch in seine Lungen gezogen, den er nicht einordnen konnte. Eine leicht süßliche Note … eigentlich gar nicht so unangenehm, doch sein Körper reagierte heftig darauf. Vielleicht eine Allergie? Wie aus Reflex griff Ben sich an die Nase – dieser Mechanismus diente gar nicht in erster Linie der Kontrolle oder gar Reinigung, sondern war bei ihm ein Ausdruck von Nervosität. Wahrscheinlich war es besser, er würde die Kajüte sichern, bevor er von Bord ging. Diese Gegend hatte schließlich schon bessere Zeiten gesehen.
Ben stieg also die zwei Stufen hinunter und machte Licht. In dem kleinen Raum sah es wirklich abenteuerlich aus. Überall aufgerissene Packungen irgendwelcher haltbarer Lebensmittel, palettenweise leere Bierdosen und anderer Müll. Nach einigem Wühlen hatte Ben seinen Rucksack geortet und überzeugte sich, dass alle Wertsachen darin verstaut waren. Das Portemonnaie steckte er in die Hosentasche, vielleicht würde er sich noch einen Snack in der Mall gönnen. Den Fotoapparat hatte er gar nicht benutzt und der Rest der Sachen schien aus dreckiger Unterwäsche zu bestehen. Das brachte Ben auf die Idee, bei der Bordtoilette vorbeizuschauen, um noch mal schnell zu pinkeln, bevor der Ernst des Lebens wieder anfing.
Kaum hatte er die Tür geöffnet, schlug ihm ein fieser Geruch entgegen. Die Toilette war einfach hoffnungslos überfüllt; der Schmutzwassertank musste dringend geleert werden. Vielleicht war das der Grund für den Hustenreiz gewesen. Egal, einmal spülen musste noch drin sein. Der Boden klebte sowieso schon – kein Wunder, wenn man bei jedem Seegang im Stehen pisst. Also setzte Ben noch einen drauf, dann drehte er sich um und beugte sich hinunter zum Waschbecken – wobei sein Blick in den kleinen Spiegel fiel. Unweigerlich musste er innehalten, durch seinen wilden Bartwuchs sah er fast aus wie ein Seeräuber. Oder sogar ein Terrorist. So wollte er eigentlich nicht unter Leute gehen, und schon gar nicht, wenn er irgendwelche Sicherheitsbeamten um Hilfe bitten musste. Wegen seines leicht südeuropäischen Teints war er von gescheiterten Kaufhauscops schon oft blöd angemacht worden, und das konnte er jetzt gar nicht brauchen. Und wer wusste es schon so genau, vielleicht wartete dort ja auch eine attraktive Dame in Uniform auf ihn? Genug Gründe, um zum ersten Mal auf dieser Reise den elektrischen Rasierer auszupacken und seinen Wildwuchs wenigstens zum Dreitagebart zu stutzen. Zufrieden fuhr Ben sich anschließend über die Wangen, er war halt schon echt 'ne coole Sau. Das einzige Foto, das er von seinem leiblichen Vater kannte, hatte ihn immer an Cary Grant erinnert. Und Ben trat ganz in seine Fußstapfen, vor allem in einem lässigen Anzug sah er einfach unwiderstehlich aus – genau wie sein Vater damals. Für den Moment musste es aber seine dunkelbraune Lederjacke tun, ein edles Teil im Stil von Motorradbekleidung der 60er Jahre.
Ben fand sie in einer dunklen Ecke der Kajüte. Als er sie über den grauen Pullover streifte und sorgfältig die Kapuze wieder herauszog, fiel sein Blick auf die demolierte Bordelektronik. Die Navigation war zwar heil geblieben, aber das Funkgerät zu ersetzen würde ihn mindestens 500 Euro kosten. Im Prinzip war das aber auch egal. Er hatte bisher in der Firma einfach alles richtig gemacht und die Anrufe der Headhunter wurden von Mal zu Mal interessanter. Bald würde er ein richtig erfolgreicher Broker sein, dann wäre die Reparatur quasi mit einem Stundenlohn abgehakt. Um genau zu sein, müsste er das Radio wahrscheinlich gar nicht reparieren lassen – er könnte sich gleich ein neues Boot gönnen! Mit einem Lächeln auf den Lippen schloss Ben die Kabine ab, ließ den Schlüssel in seine Hosentasche gleiten und ging von Bord.
Schwungvoll sprang Ben auf den Pier. Da es inzwischen praktisch dunkel war und der Himmel nur noch in schwärzlichem blau glomm, war der Steg in Flutlicht getaucht. Als Ben sich in Bewegung setzte, blendeten ihn die Strahler regelrecht und ließen das Skelett des alten Verladekrans wie eine drohende Silhouette wirken. Ben kniff die Augen zusammen, um mehr von dem Einkaufszentrum erkennen zu können. Ja, es war beleuchtet, aber belebt wirkte es beim besten Willen nicht. Wirklich merkwürdig, denn Ladenschluss war noch längst nicht. Überhaupt war es so ruhig, dass seine Schritte auf dem knarrenden Steg extrem laut wirkten – so laut, dass ihm die dadurch entstehende Aufmerksamkeit fast unangenehm war.
Plötzlich hielt er abrupt inne. War da nicht eben ein anderes Geräusch gewesen? Ben horchte in die Stille und selbst sein Atem war ihm nun schon fast zu laut. Er nahm all seine Konzentration zusammen und spähte in die Dunkelheit zwischen den grellen Lichtern … bis es einen lauten Knall gab, der Ben zusammenzucken ließ wie ein kleines Kind, dem gerade sein geliebter Luftballon geplatzt war. In Wahrheit war es einer der Fluter gewesen, bei dem es wohl einen Kurzschluss gegeben hatte. Ein Funkenregen ergoss sich aus dem Scheinwerfer; das sah fast aus wie ein kleines Feuerwerk. Die anderen Lichter der Hafenanlage erstarben mit einem kurzen zeitlichen Versatz ebenfalls, aber wenigstens taten sie das leise.
Ben hatte inzwischen wieder Haltung angenommen, doch ein »Scheiße« zischte ihm trotzdem durch die Zähne. Was für ein verdammter Schreck, und dabei war es nur ein Kurzschluss! Nun stand er aber in absoluter Dunkelheit, das war unangenehm. Viel mehr störte ihn aber die aufsteigende Angst – er war doch ein gestandener Mann, zumindest in seiner Selbstwahrnehmung. Ben schüttelte den Kopf und zwang sich, mit forschen Schritten voranzugehen. Die Treppe hinauf zum Einkaufscenter musste doch irgendwo vor ihm sein, gar kein Problem. Noch ein paar Meter durch die Dunkelheit, dann würde das schwache Licht aus den Schaufenstern schon reichen, um sich genauer zu orientieren.
Doch nach ein paar Schritten hörte er es wieder – das Geräusch. Und es klang wie ein Wimmern. Ein unheimliches, jammerndes Stöhnen. Das war nun wirklich zu viel des Guten, Ben griff an seinen Anglergürtel und zog eine kleine LED-Taschenlampe heraus. Er schaltete sie an und leuchtet sich zum Test in die eigene Handfläche – sie funktionierte. Nun war er für alle Eventualitäten gewappnet.
»Wer ist da?«, rief er in die Dunkelheit, wobei seine Stimme nicht ganz so fest klang, wie er es gerne gehabt hätte. Trotzdem leuchtete er offensiv in die Richtung, aus der er das Geräusch zuletzt gehört hatte. Kauerte da eine Gestalt am Fuße des Verladekrans? Ein Mensch?
»Was machen Sie da?«, fragte Ben extra laut, damit vielleicht in der Nähe befindliche Passanten auf die Situation aufmerksam würden.
»Hallo?«, kam ein schwaches Stimmchen zurück, so brüchig, dass Ben es kaum verstehen konnte. Sein Angstgefühl verflog jedoch sofort und er näherte sich der offensichtlich weiblichen Person mit langen Schritten. Als er sie gerade fast erreicht hatte, peitschte wieder ein Zischen durch die ausgestorben wirkende Hafenanlage. Hinter Ben sprangen die Fluter wieder an und machten aus dem dunklen Schattenriss eine junge Frau. Bens erster Gedanke war, dass sie auf der Straße leben musste. Sie mochte vielleicht sechzehn Jahre alt sein, optisch fast noch ein Kind, aber sie schien schon eine Menge durchgemacht haben. Selbst ihre Klamotten waren eher Girlie-mäßig, als dass sie punkig oder alternativ wirkten. Aber sie war zerzaust und dreckig und hatte sich garantiert seit Tagen nicht gewaschen. Sie schaute angestrengt in Bens Richtung, ihren zusammengekniffenen Augen nach zu urteilen konnte sie ihn aber nicht wirklich gut erkennen. Als sie mit einer zitternden Hand ihre Augen abschattete, begriff Ben, dass er total im Gegenlicht der Scheinwerfer stand, die sie blendeten. Auf einmal hatte er das Gefühl, in einen intimen Moment gestolpert zu sein, zumindest hatte das Mädchen offensichtlich vor irgendetwas Angst. In so einer Situation die Initiative zu ergreifen und Höflichkeit zu beweisen war eigentlich genau Bens Ding, und so begann er in bemüht lockerem Tonfall zu sprechen: »Oh, hey. Ich bin Ben. Du musst keine Angst haben!«
Obwohl Ben es gewohnt war, eine positive Wirkung auf Menschen zu haben, war er nun überrascht. Die Augen der jungen Frau weiteten sich und ein Ausdruck extremer Erleichterung, ja sogar Freude huschte über ihr eben noch verkrampftes Gesicht.
»Ich bin … Abby. Bist … bist du mein Engel?«
Sie gab sich Mühe, so flüssig wie möglich zu sprechen, aber es wirkte so, als hätte sie dabei Schmerzen. Was Ben wiederum verstehen konnte, denn das, was sie sagte, bereitete ihm schon beim Zuhören Schmerzen.
»Bist du auf Drogen?«, entfuhr es ihm. Auf so ein Jesus-Gespräch hatte er jetzt gar keine Lust. Abby war von seiner Gegenfrage jedoch mehr als geschockt.
»NEIN! Ich war doch immer … ein anständiges Mädchen! Du … du kannst mich ruhig mitnehmen, in den Himmel.«
»Du willst mich verarschen, oder?«, antwortete Ben abgeklärt. Doch Abby meinte es offensichtlich ernst.
»Ich will, dass du mich mitnimmst … auf die andere Seite … einfach weg von hier.«
»Geh' mal lieber nach Hause, du erkältest dich noch«, lautete Bens nüchterner Rat. So eine durchgeknallte Lifestyle-Pennerin konnte er jetzt echt nicht brauchen. Er wollte nur dem Sicherheitsdienst Bescheid sagen und dann so schnell wie möglich weiter. Als er sich wegdrehte und einen Schritt in die Dunkelheit machte, wurde Abby lauter.
»Bitte! Sag mir wenigstens eins …«, flehte sie ihn an. Ben schüttelte im Weggehen den Kopf, doch im Augenwinkel sah er etwas glitzern. Die Bewegung des Mädchens setzte irgendetwas frei, etwas, das ihm ganz und gar nicht behagte. Unwillkürlich musste er sich zu ihr hindrehen, als sie mit der rechten Hand ihre Jacke öffnete und ihren Satz beendete: »Im Himmel … da bin ich doch wieder ganz, oder?«
Sie hob nun auch den anderen Arm, der vorher in der Jacke gesteckt hatte und schaute Ben fragend an. Seine Pupillen weiteten sich bei dem Anblick und er spürte einen Schwindel, einen Vertigo-Effekt, als würden seine Augen zu Abbys Bauch gezogen. Ihre Bluse war zerrissen, alles war voller Blut.
Wie in Trance hob Ben seine Taschenlampe und leuchtete auf ihre Körpermitte … da war eine klaffende, offene Wunde, aus der feucht glitzerndes, schleimiges Fleisch quoll … es musste ihr Magen oder Darm sein! Ben spürte einen Würgereiz, seine Knie gaben nach. Ungewollt stürzte er auf Abby zu, nur in letzter Sekunde gelang es ihm, seinen Körper wieder unter Kontrolle zu bringen und halbwegs geordnet vor ihr auf die Knie zu gehen, statt direkt auf sie zu fallen.
Dabei durchzuckte ihn der Impuls, die hellrosafarbene Masse wieder in die Bauchhöhle zurückzudrücken, doch er wagte es nicht, die Wunde zu berühren. Panisch ratterte es in seinem Kopf, den letzten Erste-Hilfe-Kurs hatte er vor über zehn Jahren absolviert. Und da kamen keine gottverdammten zerfetzten Gedärme vor! Es musste also jemand anders helfen, und zwar schnell.
»Du musst sofort zum Arzt!«, brach es hektisch aus ihm hervor. Instinktiv griff er an seine Jackentasche, wobei ihm wieder einfiel, dass sein Handy auf dem Grund des Meeres schlummerte. Abby hielt sowieso nicht viel von der Idee; leise sagte sie: »Es gibt doch keinen Arzt mehr.«
Ben ignorierte sie, seine Panik war unbeschreiblich. Er hätte das arme Mädchen am liebsten geschüttelt, konnte sie aber nicht einmal anfassen.
»Ich hab mein Handy weggeworfen! Gib mir deins!«, sagte er drängelnd.
»Es gibt auch kein Netz mehr«, antwortete Abby schwach und sackte daraufhin in sich zusammen. Erschrocken fuhr Ben sie unpassend laut an.
»Hör zu, du musst mir schon helfen, okay!«
Er tastete vorsichtig ihre Jacke ab und fischte ein altes, pinkfarbenes Klapphandy im Hello-Kitty-Design aus einer der Taschen. Die Tastenfolge »112« hatte er schon gedrückt, bevor ihm der Schriftzug »KEIN NETZ« auf dem Display aufgefallen war. Das Gerät quittierte seinen Wählversuch mit nervigem Piepsen.
»Scheiße, was mach ich denn jetzt?«
Zu seiner Überraschung antwortete Abby auf die Frage; er hätte er schwören können, die Worte nur gedacht zu haben.
»Sag mir doch einfach, dass alles gut ist«, bat sie ihn mit schwacher Stimme. Ben unterbrach seine Versuche, dem Handy ein weiteres Lebenszeichen abzutrotzen, und hielt verwirrt inne.
»W…was?«
Ein Stoß durchzuckte Abbys Körper, sie riss die Augen weit auf und packte Bens Lederjacke mit ihren blutigen Händen.
»Sag mir einfach, dass du mein Engel bist! Dass alles gut wird!«
Im Affekt stieß Ben sie weg und sprang erschrocken auf.
»Mann, was soll diese freakige Scheiße! Hör auf mit diesem Engelszeug! Du musst zum Arzt!«
Hilflos streckte Abby ihre Arme nach ihm aus, wie ein kleines Kind, das auf den Arm genommen werden möchte.
»Sag mir, dass du mein Engel bist«, wiederholte sie immer wieder, »Sag mir doch bitte einfach nur, dass du mein Engel bist. Dass du mich auf die andere Seite bringst! Bitte … bitte sag mir … «
Nachdem Ben sie mit eindringlicher werdenden Gesten zum Schweigen aufgefordert hatte, riss ihm nun der Geduldsfaden. Er schrie sie an.
»MANN, RUHE! HÖR AUF DAMIT! DU MUSST ZUM ARZT!!!«
Abby erschrak, aber vielleicht nicht unbedingt vor ihm. »Nicht so laut … sonst … sonst lockst du sie noch an …«, stammelte sie.
Ben fauchte sie an: »WAS?!?«
Abbys Augen wurden jetzt noch größer, aber sie schien ihn gar nicht mehr anzugucken. »Ich will doch nicht … dass sie mich …«
Ihr Kopf fiel in den Nacken und eine Welle von Krämpfen durchzuckte ihren Körper, wobei sie kaum hörbar ihren Satz beendete: »… dass sie mich … fressen.«
Dann erschlaffte sie abrupt und ihr Kopf schlug zurück an die Stahlwand des Verladekrans. Ihre weit offenen Augen starrten in den Himmel, aber Ben wusste, dass sie nichts mehr sah. Und schlagartig dämmerte ihm, was dieser komische Geruch war, der ihn schon die ganze Zeit begleitete: Der Tod.
Ben hatte ein Gefühl, als müsse er sich in die Hose scheißen. Sein Schließmuskel vibrierte und er musste mit aller Kraft dagegen arbeiten, dass sich sein Darm entleerte. Er atmete angestrengt ein und aus, schließlich beruhigte er sich etwas. Den Blick des Mädchens konnte er jedoch nicht ertragen. Er fühlte sich schuldig. Was war hier gerade passiert? Er hatte bisher erst einmal in seinem Leben eine Leiche gesehen, und jetzt … Bilder der Beerdigung seiner Mutter durchzuckten sein Hirn. Wie sie damals aufgebahrt in ihrem Sarg lag … so jung und wunderschön … und er noch ein kleines Kind. Aber ihre Augen waren geschlossen.
Langsam, ganz langsam steckte Ben den Arm aus, seine Hand näherte sich Abbys Gesicht. Der Geruch wurde wieder stärker, viel stärker. Leichte Windstöße trugen ihn in Bens Richtung, er ließ die Hand sinken und schloss für einen Moment die Augen – wodurch er den Kampf gegen seine Tränen endgültig verlor.
Doch seine Nase holte ihn wieder in die Gegenwart zurück, der Geruch war inzwischen ein Gestank, da konnte etwas nicht stimmen. Plötzlich ließ ihn ein unglaubliches Getöse einen Satz nach hinten machen und er fiel auf seinen Hintern – ein Stapel leerer Farbeimer, der an der nächstgelegenen Gebäudeecke gestanden hatten, ging zu Boden, als ein groß gewachsener Mann auf Ben zu gestolpert kam. Sein Gesicht war mit getrocknetem Blut verkrustet, seine Augen strahlten blanken Wahnsinn aus. Wütend und irritiert blickte er auf die klappernden Plastikteile. Ben krabbelte derweil wie auf Autopilot langsam auf allen vieren rückwärts.
Als der Mann ihn registrierte, streckte er die Arme nach ihm aus und ließ einen markerschütternden Schrei fahren, der von allen Wänden des Hafens widerhallte. Ben mochte sich täuschen, bestimmt war es nur das Echo, aber ihm war so, als hörte er aus allen Richtungen Antworten auf diesen Schrei. Als der Mann auf ihn zu stolperte, gewann Ben endlich wieder die volle Kontrolle über seinen Körper und schnellte nach oben – fast erleichtert wollte er sich gerade von dem unheimlichen Fremden wegdrehen, als dieser Abby bemerkte – und sich zu Bens Entsetzen auf sie stürzte! Er beugte sich über sie, es sah aus, als würde er ihren Hals ablecken, gleichzeitig riss er unkoordiniert an ihrer Jacke … Ben konnte nur an eines denken: An ein Raubtier beim Fressen, wie er es aus Naturdokumentationen kannte. Inzwischen traten weitere Gestalten aus den Schatten und stürzten sich förmlich auf den Mann und Abby. Aber auch sie waren nicht gekommen, um diese Leichenschändung zu beenden … In Bens Kopf formte sich nun endlich ein klarer Gedanke: Flucht.
Abzuhauen war das Einzige, was er jetzt tun konnte. Er drehte sich in Richtung seines Bootes, doch auch auf dem Pier schlurften inzwischen die schattigen Gestalten herum. Eine von ihnen stolperte gerade mit dem Kopf zuerst über die niedrige Reling und schlug mit einem lauten Krachen auf dem Deck auf.
Ben schaute sich hektisch um, der einzige Fluchtweg führte zu einer kleinen, eisernen Wendeltreppe, die an der Seite der Kanalbrücke nach oben auf den Fahrdamm führte. Kurzentschlossen rannte Ben darauf zu, und auch die Absperrung davor interessierte ihn herzlich wenig – er schwang sich über das kleine Metalltor und stampfte dann die Treppe hinauf, die unter seinem Gewicht verdächtig knarrte. Das machte Ben zusätzlich nervös, und als er oben angekommen einer weiteren Absperrung gegenüberstand, rutschte er zu allem Überfluss auf etwas Nassem aus. Nach vorne fallend griff er nach dem Metalltor und nutzte seinen Schwung, um darüber zu rutschen. Da sein Versuch, sich auf der anderen Seite elegant abzurollen, kläglich scheiterte, grüßte ihn stattdessen der kalte Asphalt.
Die schnelle Drehung und der harte Aufprall benebelten zusätzlich seine Sinne, die sowieso schon von Panik getrübt waren. Hektisch und unkoordiniert rappelte er sich auf und schaute ruckartig in alle Richtungen, um sicherzugehen, dass keine der Gestalten in seiner Nähe waren. Die Lage schien fürs Erste in Ordnung, und so kam Ben langsam wieder zu Atem. Er richtete sich vollends auf und blickte aus der erhöhten Position der Brücke in Richtung Innenstadt. Es dauerte einen Moment, bis Ben realisierte, was er dort sah.
Berlin brannte.
Kapitel 3
TEMPELHOFER DAMM
17:37 Uhr
Das Panorama wirkte wie der Blick auf einen Kriegsschauplatz. Autos standen kreuz und quer auf dem Fahrdamm und sogar auf den Gehwegen, die Schaufenster der normalerweise belebten Geschäftsstraße waren zum großen Teil eingeschlagen. Überall loderten kleinere Brände, mittendrin verstreut lagen leblose Körper. Gegen den dunklen Himmel hoben sich zahlreiche Rauchsäulen ab. Ben konnte das, was er sah, einfach nicht verarbeiten, und in seinem Kopf legte sich ein Schalter um. So sehr er sich auch wünschte, dass dies nur ein Traum sei, schrie ihm jede Faser seines Körpers etwas zu: Sein Leben war in Gefahr. In sehr großer, sehr ernst zu nehmender und vor allem sehr realer Gefahr.
Ohne weiter über das Warum und Weshalb nachzudenken, handelte Ben. Er registrierte Geräusche von der Metalltreppe her, also machte er zwei große Schritte auf das Brückengeländer zu und schaute nach unten. Die Angreifer hatten bereits eine Traube um die Treppe gebildet und versuchten, nach oben zu kommen, doch zu seiner Erleichterung waren sie dafür zu unkoordiniert. Ein besonders kräftiger Mann in einem zerrissenen Jackett starrte zu Ben hinauf, legte den Kopf in den Nacken und schüttelte die Fäuste. Dann ließ er einen anhaltenden, kehligen Schrei der Frustration los. Dieser skurrile Anblick ließ ein verwundertes Lächeln über Bens Gesicht huschen, doch es entglitt ihm sogleich, als der Schrei aus einer anderen Richtung erwidert wurde. Bens Blick schnellte die Straße hinunter, irgendwo bei den geparkten Autos am Ullsteinhaus kam Leben in die Schatten. Und wieder ertönte ein ähnlicher Schrei, diesmal von dem U-Bahn-Eingang dort gegenüber. Bevor Ben vollends realisiert hatte, was das wohl zu bedeuten hatte, rannten seine Beine auch schon los.
Seine Schritte waren die eines gehetzten Tieres, das Herz schlug ihm bis zum Hals. Die kalte Herbstluft brannte in seinen Lungen und seine Muskeln verkrampften sich immer mehr. Er hatte kaum den Fuß der Brücke erreicht, als ihn schon schweres Seitenstechen durchzuckte.
Obwohl oder gerade weil ihn die Angst voranpeitschte, bekam er seinen Körper einfach nicht unter Kontrolle. Unter diesen Schmerzen würde er nicht lange weitermachen können. An der nächsten Kreuzung rannte er auf den Eingang eines Wohnhauses zu und drückte panisch alle Klingeln – doch niemand reagierte. Ben schaute nach oben, mit dem Kopf weit im Nacken drehte er sich ungläubig um die eigene Achse wie ein Schlafwandler: Die meisten Fenster in der Straße waren dunkel. Als sein Blick wieder das Straßenniveau erreichte, fiel er auf eine Frau, die in einer dunklen Hofeinfahrt stand. Ben versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und rief einfach »Hey!«
Doch sie reagierte nicht. Als Ben auf sie zu stolperte, fiel ihm auf, dass sie ihr Gesicht zur Wand gedreht hatte – es wirkte, als würde sie den Putz inspizieren. Ben ignorierte diese merkwürdige Pose.
»Wohnen Sie hier? Haben Sie einen Schlüssel dabei?«
Keine Reaktion.
»Wir müssen von der Straße runter! Wir … wir müssen Hilfe holen!«
Nichts. Ein kalter Schauer lief Ben den Rücken hinunter, er bekam Gänsehaut an den Armen. Sein Körper hatte ihm etwas voraus, das sein Geist noch nicht begriff – es war, als würde ein Urinstinkt die Kontrolle übernehmen wollen. Alle Sinne klingelten, und als Ben kurz das Gefühl hatte, der Boden würde ihm unter den Füßen weggezogen, wurde seine Aufmerksamkeit zu einhundert Prozent in die gegenwärtige Situation katapultiert, er befindet sich nun im Hier und Jetzt …
Als Ben die Frau fast erreicht hat, betritt er den Messbereich eines Bewegungsmelders, der eine Lampe über dem Eingang anschaltet. Ben blinzelt kurz, denn er wird geblendet, während das Gesicht der Frau immer noch vom Schatten der Einfahrt verdunkelt wird.
»Haben Sie ein Telefon?«, fragt Ben, als er die regungslose Frau an der Schulter packt. Langsam dreht sie sich um und Bens Ohren registrieren ein tiefes Knurren, das er nicht einordnen kann. In den dunklen Schatten im Gesicht der Frau registriert er ein feuchtes Glitzern und er macht unwillkürlich einen Schritt zurück. Genau in diesem Moment stolpert sie auf ihn zu, ihre Zähne schlagen dabei laut klackend aufeinander – hat sie etwa nach ihm geschnappt? Bevor Ben sich diese Frage beantworten kann, gleitet der Kopf der Frau in den Schein der Türbeleuchtung.
Ihr Gesicht ist komplett blutüberströmt und von langen Schnittwunden durchzogen. Ihre Augen sind weit aufgerissen, doch die Iriden wirken stumpf und grau. Als sie ihren Mund wieder weit öffnet, ähnlich einem Fisch, der auf dem Trockenen liegt, stellt Ben mit Grausen fest, dass Teile ihrer Lippen fehlen. Die Frau brüllt ihn aus vollem Hals an und Ben taumelt rückwärts. Der Schrei hallt durch die Straßenschlucht und überall stimmen weitere kranke Stimmen mit ein.
Ben rennt los.
Kapitel 4
FRIEDRICH-KARL-STRASSE
17:52 Uhr
Instinktiv hat Ben die Richtung weg von den Stimmen gewählt und rennt nun die Friedrich-Karl-Straße hinauf. Es geht leicht bergauf, und wegen der zusätzlichen Anstrengung verflucht ein Teil seines Hirns diese Idee. Doch ein kurzer Schulterblick verrät ihm, dass er nicht nachlassen darf: Ihm ist ein regelrechter Mob auf den Fersen, der immer mehr an Tempo aufnimmt. Zwar wirken viele der Silhouetten träge und unkontrolliert, doch die immer wieder aufbellenden Schreie sorgen an jeder Ecke für neue Verfolger. Im Rennen mustert Ben jeden Schatten vor sich voller Angst und ein Schauer krabbelt ihm von den Haarwurzeln den Nacken hinunter, folgt der Wirbelsäule und erreicht sein Steißbein. Sein Schließmuskel zuckt wieder. Bodenlose Panik überkommt ihn.
»Hilfe! HILFE!!!«, ruft er.
Das Schreien kostet ihn noch mehr Energie, aber er weiß sich einfach nicht anders zu helfen. Die Seitenstiche kommen wieder, doch der drohende Zusammenbruch lässt seine Gedanken etwas klarer werden: Er wird kämpfen müssen. Kann er irgendetwas als Waffe verwenden? Seine Augen blicken hektisch umher. Nichts zu sehen. Ben trottet mit letzter Kraft vorwärts und blickt in düsterer Erwartung zurück. Tatsächlich, die Gestalten haben ihn fast erreicht.
»HILFE!!!«, schreit Ben noch einmal. Seine eigene Stimme hallt zwischen den Hauswänden hin und her und er ist selbst erschrocken darüber, wie hoch und angsterfüllt sie klingt. Doch plötzlich ist da ein Geräusch von schräg vorne – etwa hundert Meter vor ihm öffnet sich eine Balkontür und eine Frau tritt ins Freie. Auf den zweiten Blick wirkt sie aus dieser Entfernung fast wie ein junger Mann – sie ist relativ klein und trägt burschikose Klamotten, eine Mischung aus Jeans-, Leder- und Army-Materialien sowie einen asymmetrischen Kurzhaarschnitt. Sie führt ein Fernglas zu den Augen, fokussiert auf Ben und dreht sich dann blitzschnell in Richtung der offenen Tür: »Hey, kommt mal her! Da lebt noch einer!«
Ben ist so überrascht von dem Anblick, dass er kurz vergisst, weiter zu laufen – doch dann besinnt er sich und rafft seine allerletzten Kraftreserven zusammen. Olympiareif setzt er zu einem Spurt auf das Haus an. Dort kommt inzwischen ein älterer, kräftiger Mann in einer Outdoorjacke auf den Balkon. Er begafft mit offenem Mund die Horde, die hinter Ben her ist. Das Mädel drückt sich an ihm vorbei, greift ihm dabei blitzschnell an die Hose und zieht etwas heraus. Der Mann versucht, sie am Arm zu packen, doch sie ist bereits wieder im Dunkel der Wohnung verschwunden.
»Paula, du kleine Schlampe! Bleib stehen!«
Sein Ruf verhallt ohne jegliche Reaktion und er macht kurz einen Ansatz, ihr zu folgen, gibt dann aber sofort auf. Stattdessen wendet er sich Ben zu: »Verpiss dich!«, schreit er vom Balkon.
Doch Ben ignoriert ihn und rennt weiter, so schnell er kann. Zu seinem Entsetzen sieht er aber, dass der Mann sich bückt und dann drohend eine Schrotflinte in die Höhe hält!
Obwohl Ben kurz ins Straucheln kommt, reduziert sich seine Geschwindigkeit kaum. Der Mann legt auf ihn an und schreit: »Keinen Schritt weiter, oder ich schieße!«
Diese Warnung klingt für Ben sehr überzeugend, er stoppt abrupt ab und hebt fast automatisch die Hände auf Schulterhöhe. Nach Atem ringend blickt er zurück auf den Mob, zu dem er immerhin einen gewissen Abstand gewonnen hat.
Eine Stimme bringt seine Aufmerksamkeit zurück nach vorne: Es ist Paula, die junge Frau, die ihm nun an einer vergitterten Hofeinfahrt gegenübersteht. Auf diese Entfernung kann Ben einige Piercings in ihrem Gesicht erkennen.
»Hier, komm her!«, ruft sie. Hinter ihr kommen ein hagerer Mann mit einer dicken Brille und eine ebenfalls intellektuell oder lehrermäßig wirkende Frau im roten Strickpulli aus dem Treppenhaus. Beide sind vielleicht um die vierzig Jahre alt und wirken extrem nervös. Die Frau spricht Paula zögerlich an, während die mit einem dicken Schlüsselbund hantiert.
»Jetzt … jetzt warte doch mal …« Paula ignoriert sie und auch Ben machte einen weiteren Schritt nach vorne, was den Alten mit dem Gewehr zu einer weiteren Drohung veranlasst: »Ich meine es ernst! Ich knall' dich ab!«, schreit er vom Balkon. Ben hält wieder so abrupt an, dass er ins Wanken kommt, doch Paula gestikuliert wild in seine Richtung.
»Komm her! Die Knarre ist aus Plastik!«, ruft sie. Ben schaut nach oben zu dem Mann, der wutentbrannt das Gewehr sinken lässt und mit bösem Blick zu Paula herunter schaut. Ben fackelt nicht lange und setzt zu einem Sprint auf das Tor an, während der Mann oben loskrakeelt:
»Paula, spinnst du? Kennst du den?«
»Fick dich!«, schreit Paula ohne mit der Wimper zu zucken oder auch nur ihren Blick von dem Schlüsselbund abzuwenden. Endlich hat sie sich einen ausgesucht und führt ihn zum Schloss. Der Mann mit der Brille kann sich auch endlich dazu durchringen, seine Lauerstellung aufzugeben, und macht einen Schritt auf Paula zu.
»Wo … wo hast du denn den Schlüssel her?«, stottert er. Auf dem Balkon fliegt derweil die vermeintliche Schrotflinte auf den Boden und Ben beobachtet, wie der tobende Frührentner in der Wohnung verschwindet. Paula dreht derweil den Schlüssel um, was wiederum die Lehrerin zu einer Wortmeldung veranlasst: »Jetzt warte doch erst mal …«
Doch Ben hat inzwischen das Tor erreicht.
»Bitte … Hilfe …«, stammelt er atemlos. Doch in dem Moment, wo das Schloss das erste mal klackt, weil sich der Riegel um eine halbe Länge zurückzieht, kommt der ältere Mann aus der Tür geschossen und rammt Paula aus vollem Sprint in die Seite. Mit der Luft, die dabei aus seinen Lungen gepresst wird, formt er ein Wort, das wie »Bissubescheuert« klingt.
Paula geht unter der Masse des fülligen Mannes zu Boden. »Mann Wolfgang, du Wichser«, zischt sie unter Schmerzen, die sie offensichtlich als einziges daran hindern, sofort wieder aufzuspringen. Stattdessen zieht sie sich langsam an den Eisenstreben des Tores hoch, während Wolfgang sich des Schlüssels bemächtigt und ihn wieder zurückdreht. Ohne Ben in die Augen zu schauen presst er an ihn gerichtet hervor: »Hau ab! Hier ist kein Platz für dich!«
Ben schaut ihn flehend an. »Bitte! Ich kann nicht mehr!«
Paula versucht, sich den Schlüssel zu greifen, den Wolfgang nun fest in das Schloss drückt. Seine wulstigen, vom Schweiß glitschigen und starken Finger sind zu mächtig für Paulas kleine Hände. Er schaut sie triumphierend an, als Reaktion macht sie fassungslos einen halben Schritt zurück und gestikuliert in Richtung Ben.
»Ey, willst du den da verrecken lassen?«
Diese Worte stechen Bens direkt ins Herz, er blickt über seine Schulter und sieht, dass der tobende Mob nicht mal mehr 50 Meter entfernt ist. Seine Pupillen verengen sich und springen zwischen einzelnen Gesichtern, die er im Schein der Straßenlaternen kristallklar erkennen kann, hin und her. Es sind von Muskelspasmen verzerrte und von verkrusteten Wunden gezeichnete Fratzen, die jegliche Anmutung von Menschlichkeit vermissen lassen. Geräusche vom Balkon lassen Bens Blick wieder nach oben schnellen, dort postieren sich zwei durchtrainierte Männer, vielleicht Anfang dreißig, mit klappernden Umzugskartons und schauen nach unten. »Wolfgang? Günter? Was ist los?«
Günter, der Brillenmann, geht mit ausgestrecktem Arm auf Paula zu und bedeutet ihr, zurückzubleiben.
»Überleg doch mal! Das könnte eine Falle sein!«
»Ja, vielleicht hat der Komplizen und die wollen uns ausrauben«, stimmt seine mutmaßliche Kollegin hektisch mit ein.
»Ist mir so oder so scheißegal«, brüllt Wolfgang und deutet mit dem Kopf in Richtung der näher kommenden Meute.
»Schaut mal, wen der mitgebracht hat! Die Tür bleibt zu!«
Einer der Männer vom Balkon ruft herunter. »Was ist jetzt?«
»Die Tür bleibt ZU!!!«, wiederholt Wolfgang laut, den Blick dabei wütend auf den Boden gerichtet. Paula stößt sich nun von der gegenüberliegenden Wand ab und versucht, Wolfgang beiseite zu schubsen, während Ben panisch an der Tür rüttelt, als könne er dadurch den Schlüssel bewegen. Aus dem Hausflur taucht inzwischen ein weiteres Paar auf, vielleicht noch etwas jünger als die beiden Männer auf dem Balkon. Der Mann ist offensichtlich südländischer Herkunft, die Frau ist sehr zierlich und ihr hervorstehender Bauch deutet auf eine Schwangerschaft hin. Beide blicken mit sorgenvollen Blicken zwischen allen Beteiligten hin und her. Bens Blick fällt auf die hervortretenden, weißen Knöchel seiner Hände, die sich um das kalte Metall klammern, und eine unangenehme Wahrnehmung bricht in sein Bewusstsein. Da ist er wieder, dieser Geruch. Der Tod. Er kommt näher, und Ben kann ihn riechen. Die schnaufenden Gestalten haben ihn fast erreicht.
Wolfgang verpasst Paula nun mit der rechten Hand eine Backpfeife, während seine linke den Schlüssel fest umklammert hält.
»Papa …« setzt die Schwangere an, als Paula zurücktaumelt, doch Wolfgang schreit mit inzwischen hochrotem Kopf einfach nur: »Schnauze, Melanie!«
Paula versucht kraftlos, ihm einen Tritt zu verpassen, doch schon im Ansatz der Bewegung bricht ihre Körperspannung zusammen, sie wirkt plötzlich richtiggehend verzweifelt. Ihre glitzernden Augen gucken an Wolfgang vorbei und suchen die Blicke der anderen Anwesenden.
»Mann, checkt ihr's nicht?«, fragt sie in die Runde. »Guckt mal, die da vorne, die mit der gelben Jacke! Und der Typ mit dem Schal!« Sie gestikuliert in Richtung einiger humpelnder Körper auf der anderen Seite des Tores. »Das sind alles welche, die wir weggeschickt haben! Und jetzt sind das welche von denen!«
Paulas Stimme überschlägt sich fast, und während sie schreit, sprüht ein feiner Nebel aus Feuchtigkeit aus ihrem Gesicht. Sie holt tief Luft, wobei ihre Augen auch kurz nach oben gehen, als wolle sie sicher gehen, dass die Männer auf dem Balkon sie auch hören können.
»Mann, wir haben die auf dem Gewissen! Wollt ihr das?«
Wolfgang und die Anderen starren sie fragend an. Ihre Blicke wandern zwischen Paula und den Kreaturen hin und her – und fallen auch auf Ben, der vor Angst wie erstarrt wirkt. Die schwangere Melanie fasst Wolfgang an die Schulter.
»Papa, das stimmt. Das Mädchen da«, sagt sie, und deutet auf eine junge Frau, deren halbes Gesicht unter frischem Blut verdeckt ist. Ihr Kopf und der rechte Fuß sind unnatürlich zur Seite geknickt. Mit abgehackten Bewegungen kommt sie auf das Tor zu.
Eine Welle der Erkenntnis geht durch die Anwesenden.
»Ich seh' die jeden Tag! Bei jeder Wache!«, schreit Paula.
»Die kommen immer wieder her – noch so einen ertrage ich nicht!«
Wolfgang starrt sie mit offenem Mund an. Nervös trippelt er von einem Fuß auf den anderen, seine Aggression scheint für den Moment verflogen. Paula nickt ihm knapp zu und greift den Schlüssel, sie entriegelt die Tür so schnell sie kann. Ben kann sich immer noch nicht bewegen, er weiß, dass es zu spät ist. Er kann den Atem der Angreifer bereits spüren.
Wolfgang schaut ihm jetzt zum ersten Mal in die Augen, nach einer Schrecksekunde ruft er nach oben: »Matze!«
Die beiden Männer auf dem Balkon fangen auf dieses Kommando hin an, Pflastersteine aus den Kartons zu nehmen, und bewerfen damit die vordersten Gestalten. Einige werden getroffen und stolpern, Nachfolgende fallen daraufhin über sie herüber. Das verschafft Paula genug Zeit, die Tür zu öffnen, doch es bleibt knapp. Verdammt knapp. Ben schafft es nicht mal richtig, die Tür loszulassen - er wird nach vorne gerissen und stürzt förmlich nach innen, wo er zu Boden geht.
Melanie und die Lehrerin springen auf ihn zu, um ihm aufzuhelfen, während der jüngere Mann mit den schwarzen Locken dem Brillenträger einen Besenstiel zuwirft, und seinen eigenen direkt durch die Gitterstäbe der Tür rammt. Als der Andere es ihm nach kurzem Zögern gleich tut, bemerkt Ben, dass die Enden angespitzt sind. Die Männer rammen sie in die Oberkörper der Angreifer, um sie am Näherkommen zu hindern. Doch die Gestalten lassen sich regelrecht gegen das Gitter fallen, ihre Arme schlagen wild hin und her, sie versuchen unkoordiniert, irgendjemanden zu erwischen. Der Druck gegen die immer noch offene Tür ist immens; Paula kann sie nicht mehr schließen, ohne sich in Gefahr zu bringen. Der Mann mit der Brille kreischt wie ein kleines Mädchen.
Einer der Steineschmeißer auf dem Balkon erkennt die Schwere der Lage und presst ein »Fuck!« zwischen den Zähnen hervor. Er wirft noch einen der beiden Brocken, die er in der Hand hat, und flitzt dann nach unten.
»Matthias!«, ruft ihm sein Kompagnon hinterher, doch nach einer kurzen Atempause greift er wieder in den Karton und setzt das Bombardement fort.
Ben versucht inzwischen, sich aufzurappeln, aber er steht kurz vor einem Kreislaufkollaps. Die beiden Männer halten mit ihren Besenstielen so gut es geht die wilde Meute ab, ohne sich in den Wirkungsradius ihrer Hände und Zähne zu begeben. Doch es sieht schlecht aus, einer der Angreifer ist kurz davor, sich durch den Türspalt zu quetschen. Als er sich gerade auf Paula stürzen will, trifft ihn ein Pflasterstein mit einem ungesunden Krachen am Kopf. Matthias kommt auf das Tor zu gerannt und schreit aus voller Kehle »Verpisst euch!« in die Meute. Er schubst den jetzt nur noch unkontrolliert Zuckenden und schwer am Kopf Blutenden zurück in die Mauer aus menschlichen Körpern und wirft sich ungeachtet der Gefahr gegen die Tür, sodass Paula endlich den Schlüssel umdrehen kann. Einen Sekundenbruchteil später ist Matthias auch schon wieder zurückgesprungen und zieht Paula weg, bevor eine der blutigen Krallen sie erwischen kann. Melanie und die andere Frau, die Ben immer noch stützen, überzeugen sich gerade mit hektischen Blicken davon, dass alle okay sind – da drehen sich Bens Augäpfel nach oben und er bricht zusammen. Seine 80 Kilo sind zu viel für die beiden erschrockenen Frauen, sie können ihn nicht halten und sein Kopf schlägt auf den Steinboden. Um ihn herum wird alles schwarz.
Kapitel 5
WILLKOMMEN
18:25 Uhr
Bens Blick wanderte über die vielen Diplome an der Wand. Was für eine Zeitverschwendung, für ihn zählte nur eine Art von Scheinen, und die war deutlich bunter als das, was man an einer Uni kriegen konnte. Das Fenster daneben war leicht geöffnet, es war ein herrlicher Sommertag. Diese Frische in der Luft roch für ihn nach Zukunft. Stolz prüfte er den Sitz seiner neuen Manschettenknöpfe. Gold. Schön oldschoolig, edel – das war eine Investition, die sich gelohnt hatte. Warum war er nicht schon viel früher auf die Idee gekommen, einfach schon vorher das ganze Geld auszugeben, das er bald verdienen würde?
Herr Preuß räusperte sich leicht, anscheinend war er fertig mit den Unterlagen und wollte nicht, dass Ben den Moment verpasste, wo er feierlich unterschrieb.
»So, jetzt sind Sie dran«, sagte er und schob die Dokumente über den schweren Mahagoni-Schreibtisch. Ben grinste ihn breit an, er konnte einfach nicht anders, dann schnappte er sich den edlen Federhalter und lieferte lässig sein Autogramm ab: Benjamin Jovan – ohne das -ovic hinten klang sein Nachname doch gleich viel internationaler. Und dass er die ungewohnte Schreibung gestern Abend noch geübt hatte wie eine nervöse Braut vor der Trauung, das musste ja niemand wissen. Schon gar nicht Herr Preuß, dessen Lippen nun ebenfalls ein leichtes Schmunzeln umspielte.
»Wissen Sie, warum ich Ihnen den Job gegeben habe?«, fragte er nun, und es klang ein wenig herausfordernd.
»Klar«, antwortete Ben lässig, »weil Sie genau wissen, dass ich Ihren Job haben will!«
Die beiden Männer lachten nun verschwörerisch, dabei rasselte etwas in ihren Lungen, es klang fast wie eine alte Registerkasse. Nein, es war ein Klang aus der Vergangenheit; der Türsummer aus der ersten Vorrunde der Stelleninterviews. Ben erinnerte sich genau an den Moment: Die Tür ging auf, und Unruhe kam in die wartenden Bewerber. Frau Leier, die Assistentin von Preuß, zeigte sich, um den nächsten Kandidaten aufzurufen. Doch Ben, der kaum zwei Meter entfernt stand, machte einen Satz auf sie zu, streckte seinen Kopf durch die Tür und rief grinsend: »Sekunde mal, Herr Preuß – Sie können eigentlich alle anderen gleich nach Hause schicken!«
Damals hatte Preuß verdattert den Kopf gehoben und nachdem er Ben einen Moment streng gemustert hatte, ebenfalls dieses anerkennende Schmunzeln aufgesetzt.
In seiner Erinnerung drehte sich Ben noch einmal siegessicher zu seinen Konkurrenten um, die ihn mit einer Mischung aus Verachtung, Angst und Neid angeschaut hatten.
Doch diesmal waren sie verändert. Ihre Gesichter waren geschunden und grau, die Augen weit aufgerissen, blutunterlaufen, und aus ihren Mündern lief unkontrolliert der Speichel.
Schockiert wich Ben zurück, doch sein Fuß trat ins Leere, er verlor das Gleichgewicht, versuchte, sich am Türrahmen festzuhalten – doch auch der war nicht mehr da. Hilflos stürzte er in die Tiefe, ins Bodenlose, dann schlug er hart auf.
***
»Hallo? Hörst du mich?« Aus der Dunkelheit drang eine Stimme an sein Ohr. »Scheiße, ich glaube, der ist richtig K.O.!«
Ben spürte etwas Feuchtes an seiner Stirn. Langsam öffnete er die Augen und sah ein Gesicht vor sich. Tanja? Nein, es war eine junge Frau mit dunkelblondem Haar. Mitteleuropäisch-Asch, um genau zu sein. Nicht gerade die spannendste Haarfarbe, die man haben kann, echote ein weiterer Gedanke aus einer fernen Vergangenheit durch Bens Schädel. Die Frau befeuchtete ihre Finger in einem breiten Glas voller Wasser und strich über seine Wangen. Als sie sich zu ihm vorbeugte, sah er ihren schwangeren Bauch, und langsam realisierte er, was passiert war. Schwindel überkam ihn wieder, er war auf den Knien, er musste sich abstützen! Doch seine Hände gehorchten ihm nicht – sie wurden festgehalten!
Ben blinzelte und drehte langsam den Kopf. Das schmerzte, und dazu knirschte es in seinem Schädel, als hätte er Sand in der Halswirbelsäule. Zu seiner Rechten sah er einen starken Arm, der ihn packte, zu seiner Linken eine etwas schmächtigere Version davon. Die Frau sprach ihn jetzt mit sanfter Stimme an: »Bist du okay? Trink' erst mal was!«
Sie hielt ihm das Wasserglas hin, Ben wollte etwas sagen, doch er konnte nur trocken schlucken. Missmutig riss er an seinen Armen, der Mann an seiner Linken gab schließlich die Hand frei und er nahm das Glas. Den Schwung nutzend wollte er aufstehen, doch seine Muskeln versagten – er ließ stattdessen seinen Hintern auf die Fersen herab und stürzte das Wasser hinunter wie ein Verdurstender. Jetzt musste er husten, wobei ihm kurz schwarz vor Augen wurde.
»Vorsicht, vielleicht ist er gebissen worden«, hörte er eine dünne Frauenstimme sagen. Er riss die Augen wieder auf, und nun war sein Blick umso klarer. Sein Bewusstsein war wieder voll da, und er warf der komischen Lehrerfrau im roten Strickpulli, die zuletzt gesprochen hatte, einen hasserfüllten Blick zu. Die machte ängstlich einen halben Schritt zurück, und Bens Aufmerksamkeit fiel auf die drei Männer, die sich in bedrohlicher Pose vor ihm aufgebaut hatten und nun noch einen Schritt auf ihn zu machten. Der fette Alte im langen Unterhemd war doch der Schlüsselmeister, der Vater der Schwangeren – Wolfgang. Er hatte jetzt eine Art Feuerhaken in der Hand, flankiert wurde er von einem Unbekannten und dem komischen Akademikertypen, beide hielten lange Küchenmesser in den Händen, was auf Ben etwas albern wirkte. Als an seinem rechten Arm gerüttelt wurde, warf Ben einen mürrischen Blick auf den muskulösen jungen Mann an seiner Seite, Matthias hatten sie ihn gerufen.
»Steh auf, Mann! Was ist los mit dir?«, herrschte der ihn an, und bei Ben knallte irgendwo eine Sicherung durch. Er sprang auf, wobei die Lehrerin und die Schwangere instinktiv zurückwichen. Er schrie aus vollem Hals: »Was los ist? Was mit mir los ist?!?«
Ben holte unnatürlich tief Luft, wobei ein komisches, pfeifendes Geräusch entstand, wie bei einem kaputten Ventil.
»Was ist mit EUCH los? WAS IST HIER LOS?!?«
Das eben noch kühlende Nass auf seinem Gesicht schien Ben nun kochend heiß zu sein, sein Kopf war knallrot. Ben merkte, dass sein Kreislauf immer noch nicht optimal funktionierte; schwarze Flecken tanzten durch sein Sichtfeld und er rang nach Luft. Als das Hämmern in seinem Schädel zurückwich, bemerkte er die Totenstille, die auf einmal herrschte. Er schaute in die Runde; alle starrten ihn mit offenen Mündern an. Der Alte fand als erster die Sprache wieder, seine Worte klangen, als wäre ihm eine unglaubliche Erkenntnis gekommen: »Du hast überhaupt keine Ahnung, oder?«
Die Lehrertante protestierte entrüstet: »Das kann doch aber nicht sein!«
Ben kannte noch nicht mal ihren Namen und hasste sie schon von ganzem Herzen. Ihr Boyfriend mit dem peinlichen Küchenmesser sprang ihr zur Seite.
»Vielleicht ist das doch ein Trick?«, mutmaßte er, wobei er versuchte, besonders schlau und kein bisschen ängstlich zu klingen. Zu seinem Erstaunen merkte Ben, dass die anderen seine Worte aufzunehmen schienen. Dabei hatte er selbst überhaupt keine Ahnung, wovon sie redeten, und was für einen Trick er angeblich in Planung haben könnte. Stattdessen wurde ihm mit dem Abfallen seines Adrenalinpegels nur wieder bewusst, was geschehen war. Sein Herz rutschte in die Hose und eine völlig ungekannte Form der Verzweiflung überkam ihn.
»Hey, ich bin gerade eben erst angekommen, okay?«
Nachdem diese Worte seinen Mund verlassen hatten, merkte er sofort, dass die Anderen plötzlich an seinen Lippen hingen.
»Im Hafen«, fuhr er fort. Seine Zuhörer machten große Augen.
»Hier in Tempelhof?«, fragte jemand aus der Ecke hinter ihm.
»Genau, ich hatte mich mit meiner Freundin gestritten und bin abgehauen … drei Wochen auf meinem Boot … ohne Handy, ohne Radio …«
Ben rang nach Worten, denn während er sprach, überkamen ihn merkwürdige Erinnerungen seiner Reise. Die anderen waren anscheinend sprachlos. Matthias erwachte als erster aus seiner Starre.
»Ich muss dich kurz kontrollieren«, sagte er, zog an Bens Kragen, schob seinen Pullover hoch und betrachtete flüchtig Bauch und Hüfte, dann tastete er noch schnell die Beine ab und richtete sich dann wieder vor Ben auf.
»Na dann; Willkommen zurück«, sagte er und wandte sich dann dem Alten zu: »Er scheint okay zu sein.«
»Wärste mal lieber weggeblieben«, knurrte der Angesprochene mürrisch.
»Warte mal«, sagte eine Stimme hinter Ben. Er drehte sich um und sah das punkige Mädchen, das allerdings gar nicht ihn angesprochen hatte, sondern den Alten.
»Wenn er mit 'nem Boot bis hierher gekommen ist, dann müsste man doch …«
Der Mann schnitt ihr direkt das Wort ab. »Das haben wir oft genug durchgekaut. Wir bleiben hier und warten! Alles andere ist Selbstmord!« Grollend schaute er in die Runde, die anderen Anwesenden schwiegen pikiert, einige nickten pflichtbewusst. Dann richtete der Alte wieder das Wort an die burschikose junge Frau: »Paula, der ist jetzt dein Problem. Und wenn's draußen wieder ruhig ist, muss er abzischen!«
Sie nickte frustriert und drehte sich weg, während Ben schwer schluckte. Obwohl er immer noch gar nichts verstand, wusste er, dass dies der schlimmste Tag seines Lebens war. Und dass es wahrscheinlich noch viel schlimmer werden würde.
Kapitel 6
WASSER UND BROT
18:49 Uhr
Nachdem sie den immer noch zitternden Ben an einen alten, schweren Esstisch gesetzt hatten, ließen sie ihm erst einmal einen Moment zum Durchatmen, in dem er versuchte, sich einen Reim auf das Gesehene zu machen. Sein Glas stand auch vor ihm, momentan halbvoll, und als Nächstes landete eine trockene Scheibe Toastbrot vor ihm. Paula setzte sich ihm gegenüber an den Tisch.
»Das Brot geht auf mich«, sagte sie, »Wie heißt du eigentlich?«
»Ben« antwortete der Angesprochene, und Paula hob die Augenbrauen – so als würde sie das nicht für seinen richtigen Namen halten – und Ben fühlte sich irgendwie ertappt.
»Okay, Ben … ich bin Paula. Die meisten nennen mich Paule«, grinste sie.
Jetzt fiel etwas Anspannung von Ben ab. Herzlichen Glückwunsch, dachte er, und musste sich auf die Unterlippe beißen, um nicht zu lachen. Ein Jungenname für so eine Punklesbe, das passte doch wie die Faust aufs Auge. Er nahm sie genauer unter die Lupe. Ihre kurzen Haare wirkten fettig und hatten viele Kanten, als wären sie vor kurzem selbst geschnitten worden. Könnte aber schlimmer sein. Eigentlich hatte sie schon ein mädchenhaftes, nicht unattraktives Gesicht mit einer sehr feinen Nase, wenig Kinn und fast schon asiatisch angeschrägten Augen. Die wirkten in diesem funzeligen Licht tiefschwarz, und als sie sie auf einmal weit aufschlug und Bens Blick voll erwiderte, fühlte er sich schon wieder ertappt. Eigentlich schade, dass sie ihren offenen Ausdruck mit diesen Piercings so verschandelte. Sie hatte einen kleinen silbernen Ring in der Unterlippe und einen in der rechten Augenbraue, nach Bens Geschmack die beiden absolut unattraktivsten Stellen für Gesichtsschmuck. Trotzdem starrte er sie immer noch an, und sie hob schon wieder so herausfordernd die Brauen. Zum Glück trat jetzt die Schwangere an den Tisch, füllte wortlos sein Glas auf und stellte eine brennende, dicke Kerze auf den Tisch. Ben fragte sich, ob sie im Gastro-Bereich arbeitete, so flüssig wie ihre Bewegungen waren. Er schaute ihr mit großen Augen hinterher und bedankte sich artig.
»Das ist Melanie«, erklärte Paula, »die Tochter vom Wolfgang. Das ist der mit dem Plastikgewehr. Sozusagen unser Chef.« Sie rollte kurz mit den Augen. »Na ja, ist halt auch seine Wohnung hier.« Dann beugte sie sich ein wenig vor und fügte flüsternd hinzu: »Er nimmt das mit dem Patriarchat trotzdem ein bisschen zu ernst.«
Ben nickte fast automatisch. Paulas Lockerheit und ihr beiläufiger Ton irritierten ihn irgendwie, wollten sie doch einfach gar nicht dazu passen, dass hier ganz offensichtlich schreckliche Dinge im Gange waren. Doch jede Faser von Bens Verstand sträubte sich dagegen, sich mit diesen Gedanken zu beschäftigen, und so war er erleichtert, als Paula fortfuhr und in den Raum gestikulierte.
»Der Tarun da drüben, das ist Melanies Mann … Andrea und Günter haben im Hinterhaus gewohnt, genau wie ich.« Das waren die beiden komischen Intellektuellen, die nicht gerade Bens Favoriten in dieser zusammengewürfelten Truppe waren. »Da gab es dann aber ein Feuer, ist alles total verrußt jetzt«, sagte Paula, als wäre es das Normalste der Welt. »Und Matze und Pille, das sind Studienkollegen von Melanie und Tarun. Die waren hier, um beim Umzug zu helfen …« Sie suchte kurz nach Worten und schloss dann mit »… an dem Tag.«
Ben hob die Augenbrauen. Jetzt wurde es wohl interessant. »An dem Tag?«
»Ich nenne ihn den Tag X«, erklärte Paula, nun wieder im sachlichen Modus. »Der Freitag vor drei Wochen war das. Angefangen hatte es eigentlich noch zwei Wochen früher, mit dieser komischen Krankheitswelle. Erst hieß es was von Tollwut …«
Paula lehnte sich kurz seitlich über den Tisch und fischte eine abgegriffene Zeitungsseite aus einem Stapel mit Papieren hervor, der sich am Kopfende des Tisches befand. Sie schob Ben das Blatt zu, die Schlagzeile lautete »EPIDEMIE«.
»Das hab ich auch noch mitgekriegt … aber …« Ben driftete in Erinnerungen an seinen letzten Landgang ab. Das hatten ihm die Einheimischen also damals sagen wollen. Aber Ben hatte keine Lust gehabt, sich mit ihrem Radebrechen und der Konversation über Hand und Fuß zu beschäftigen. Er hatte einfach seine Vorräte gekauft, während der Tank befüllt worden war, und hatte innerlich den Kopf über die vermeintlich Bekloppten geschüttelt. In diesen Hafenstädten hatte er schon viel Seemannsgarn gehört, und auf seinem Boot fühlte er sich sowieso unverwundbar. Paula beugte sich zu ihm vor und senkte ihre Stimme, was ihr sofort wieder Bens volle Aufmerksamkeit sicherte.
»Die Infizierten sind dann voll ausgerastet. Wie Tiere. Die fallen alles an, was sich bewegt, und beißen … und dann kriegt man das auch. Das hat sich immer schneller ausgebreitet, und irgendwann war dann Sense. Tag X. Notstand, Kriegsrecht, alles zu spät.«
Ben hatte Mühe, ihre Worte für bare Münze zu nehmen, aber er konnte förmlich spüren, wie auch Paula um Fassung rang. Sie hatte das alles hautnah erlebt, daran hatte er keine Zweifel. Und sie hörte nicht auf zu reden, ganz so, als würde sie sich dadurch selbst beruhigen. »Kein Fernsehen mehr, kein Radio … die Handynetze sind auch zusammengebrochen. Aber Strom und Wasser gehen noch. Im Moment. Ist wohl alles automatisch.«
Ben dachte an die unbemannten Schleusen, die er auf dem Weg zurück in die Stadt passiert hatte, und die wenigen Schleusenwärter, die rückblickend betrachtet auch nervös schienen oder ihm sogar Dinge zugerufen hatten, die für ihn keinen Sinn ergaben.
Paula wirkte, als hätte sie den Faden verloren, ihr Redefluss kam ins Stocken. Melanie trat an den Tisch und legte ihr zärtlich die Hand auf die Schulter.
»Wir haben aber schon angefangen, Wasser zu sammeln. Sicherheitshalber«, sagte sie. In Bens Kopf formte sich langsam ein Gedanke, es war, als würde etwas anschwellen, das seinen Kopf zum Platzen zu bringen drohte. Er merkte, dass er sich auf etwas anderes konzentrieren musste, dass er mehr erfahren musste. Er zwang sich, zu sprechen, und dabei möglichst cool zu klingen: »Ähm … hast du gerade Kriegsrecht gesagt?«
Paula nahm den Ansatz dankbar an; sie atmete einmal durch und fuhr fort. »Ja, die Freaks gehen auf alles los, was sich bewegt. Nur gegenseitig lassen die sich in Ruhe. Deswegen herrscht der absolute Notstand.«
Jetzt war es so weit, in Bens Kopf knallte irgendwo eine Sicherung durch. Er sprang ansatzlos auf und gestikulierte in den Raum hinein.
»Und ihr sitzt hier alle einfach rum?«, rief er. »Wir müssen doch … irgendwohin, wo es sicher ist … 'ne Polizeistation oder so … wo die uns schützen können!«
Alle Anwesenden hielten inne und schauten Ben für einen Augenblick verwundert an, dann musterten sie sich gegenseitig, bis Wolfgang schließlich demonstrativ langsam aufstand. Er wandte sich an die Gruppe und sagte laut: »Ich hab doch gesagt, der muss weg! So einen können wir hier nicht brauchen!«
Ben war irritiert, er wollte eigentlich noch etwas sagen, doch sofort merkte er, dass damit für die anderen schon alles gesagt war – sie kümmerten sich wieder um ihre Angelegenheiten; jedoch nicht ohne das eine oder andere Augenverdrehen oder Kopfschütteln. Nachdem sein kurzlebiger Adrenalinschub wieder wegbrach, sackte Ben hilflos in sich zusammen. In diesem Moment kam Mathias auf ihn zu und schob ihn wieder auf den Stuhl.
»Nimm es uns nicht übel, aber Wolle hat recht«, begann er. »Wir treten uns hier schon gegenseitig auf die Füße. Und die Vorräte halten auch nicht ewig.«
Ben schaute ihn immer noch begriffsstutzig an, und Paula übernahm das Erklären.
»In Polizeiwachen und Krankenhäusern gab es die größten Massaker. Da wollten die meisten Leute hin. Aber wo viele Leute sind, gibt's für die Freaks das meiste Fressen, verstehst du? Und deswegen sind da jetzt auch die meisten Infizierten. So etwas wie Sicherheitskräfte gibt's nicht mehr. Die sind alle gebissen worden. Und der Konsens hier –«, an dieser Stelle machte sie eine Kunstpause und seufzte, »– ist, dass wir die Sache aussitzen sollten. Bloß nicht nach draußen gehen.«
Sie schaute Matthias konspirativ an. »Vor allem seit vorgestern, da ist Wolfgang fast von denen erwischt worden. Weil er nicht auf mich gehört hat.«
Matthias stieg nicht auf ihre Vorlage ein. »Er hat doch aber recht. Wir können nichts machen, außer warten, dass die Armee kommt … und aufräumt.«
Bens Schädel pochte immer noch, sein kleiner Ausbruch hatte ihn völlig fertiggemacht, vor allem aber fühlte er sich so benommen, dass er eigentlich nur nachplappern konnte. Die Informationen wollten einfach nicht in sein Bewusstsein dringen.
»Wie, aufräumen … was meinst du?«
Mathias zuckte nur mit den Schultern und sagte lakonisch: »Die müssen alle Infizierten abknallen.«
Ben atmete tief durch. Das war alles sehr starker Tobak. Einfach absolut irreal. Doch der Druck in seinem Schädel nahm langsam ab und er atmete tief durch. Dabei fiel sein Blick auf einen großen Anstecker, der an Paulas Jacke befestigt war. Auf schwarzem Grund prangten dort ein weißer Totenschädel und die rote Aufschrift: Soldaten sind Mörder. Wie die Zeiten sich ändern konnten. Ein gewisser Groll stieg in Ben auf.
»Hey sorry, ich weiß, ich komme aus dem Mustopf und so«, sagte er, »Aber das kann doch einfach nicht wahr sein! Ihr sitzt alle nur hier rum, als wäre nichts gewesen! Wir müssen doch irgendwas machen!« Damit traf er anscheinend bei Matthias einen wunden Punkt, denn der ging ihn sofort mit wütender Miene an.
»Pass' mal auf«, drohte er, wobei er Ben den Zeigefinger in die Brust bohrte, »Ohne uns wärst du tot, Freundchen!«
Paula atmete tief durch und hielt Matthias ihre aufgestellten Handflächen entgegen; ein Zeichen, dass er sich beruhigen solle.
»Lass' mal gut sein, Matze«, sagte sie beschwichtigend. Dann wandte sie sich Ben zu: »Du hast echt keine Ahnung, was wir durchgemacht haben. Wahrscheinlich sind wir einfach schon abgestumpft. Uns ist das alles andere als egal, aber es fühlt sich an, als wäre man in Watte gepackt …«
»Ja, so ist es vielleicht am Tag«, fiel ihr Matthias ins Wort, »Aber wenn man schläft … das ist die reinste Folter.«
Bei diesen Worten meinte Ben, einen Funken von Wahnsinn in Matthias' Augen aufblitzen zu sehen, sein Blick fokussierte plötzlich einen Punkt außerhalb dieser Welt. Paula hingegen schien das ganz anders wahrzunehmen, denn sie brach auf einmal in ein glucksendes Lachen aus und boxte Ben auf die Schulter.
»Hey, ich hab mir neulich im Schlaf ein Stückchen Zunge abgebissen«, erklärte sie. »Dann bin ich mit ’ner blutigen Fresse aufgewacht, und Matze hätte mir fast den Kopf abgehackt.«
»Was verpasst du mir auch so 'nen Schock«, stimmte Matze in das Gelächter mit ein. Das für Ben absolut absurde Geräusch echote durch seinen Schädel, es erinnerte ihn an etwas … an jemanden. Urplötzlich klang das Gelächter wie unter Wasser, eine Erkenntnis traf ihn wie der Blitz und jagte einen langanhaltenden Piepton durch Bens Gehirn. Er hatte wieder das Gefühl, der Boden würde unter ihm weggezogen – seines Gleichgewichtes beraubt, kippte er ein Stück nach vorne und musste sich am Tisch abstützen.
»Alles okay?«, fragte Paula besorgt, als sie seinen ungesunden Gesichtsausdruck registrierte.
Matthias schaute Ben ebenfalls forschend an, wobei er die Stirn in Falten legte, da sprang Ben unvermittelt auf und murmelte: »Ich muss los.«
»Was?«, fragte Paula erstaunt, während Matthias bereits zögerlich aufstand und Ben argwöhnisch im Auge behielt.
Bens Gedanken rasten, mit einer unnatürlich langen Verzögerung sagte er abwesend: »Ich muss zu meiner Freundin.« Er versuchte, sich abrupt wegzudrehen, doch Matthias hielt ihn am Arm fest, worauf Ben erst ihn, dann Paula fragend anstarrte.
»Ey, wir wollen dich ja loswerden, aber nicht jetzt sofort«, sagte Paula kopfschüttelnd. »Da draußen ist jetzt alles voll mit den Freaks«, gab Matthias zu bedenken. Doch der völlig weggetretene Ausdruck wich nicht aus Bens Gesicht.
»Ich muss sofort zu meiner Freundin«, sagte er jetzt lauter und mit einem sehr eindringlichen Tonfall.
»Hey, bitte nimm's mir nicht übel«, setzte Paula an, »aber die Chance, dass sie noch lebt …«
Während sie nach einer möglichst schonenden Formulierung suchte, fummelte Ben geistesabwesend das Foto aus seiner Hosentasche. »Nein, ihr versteht das nicht …«, begann er, während er das geschundene Bild nervös glatt strich. »Meine Freundin …«, fuhr er fort, wobei seine Augen hektisch zwischen seinen beiden Gesprächspartnern hin und her sprangen, »sie … sie ist schwanger!«
Ben schleuderte Paula und Matthias dieses Wort mit solcher Inbrunst entgegen, dass sie unwillkürlich zusammenzuckten. Auch Ben selbst wirkte erschrocken, es zu hören. Sein entschlossener Gesichtsausdruck fiel zusammen und zurück blieb nur Verzweiflung. Das machte seine Aussage umso eindrucksvoller, und Ben nutzte in seinem plötzlichen Drang zum Rückzug die Überraschung seiner Zuhörer, um sich loszureißen und auf den Balkon zu stürmen. Die übrigen WG-Mitglieder schauten ihm fragend hinterher, während Paula Matthias einen besorgten Blick zuwarf. Der zuckte bloß mit den Schultern, folgte Paula allerdings sogleich in Richtung Balkontür.
Ben stand zitternd am Geländer und starrte auf die flache Berliner Skyline. Er nahm gar nicht wahr, dass Paula und Matthias im Türrahmen erschienen. Nachdem sie ihn eine Weile beobachtet hatten, stieß Matthias ihr den Ellenbogen in die Seite und sie räusperte sich.
»Wie gesagt … du musst vielleicht den Gedanken in Betracht ziehen, dass sie …« Sie suchte wieder nach rücksichtsvollen Worten, aber Matthias war weitaus weniger geduldig.
»Mindestens zwei Drittel der Menschen im Stadtkern sind tot«, platzte er dazwischen, »Und fast der gesamte Rest infiziert. Vielleicht fünf Prozent haben es geschafft, so wie wir.«
Paula war zunächst wenig begeistert von seinem gnadenlosen Vorstoß, wusste aber auch, dass er die Wahrheit sagte und im Prinzip das Beste für den Neuankömmling wollte – auf eine etwas unbeholfene Art. Während seiner Rede trat sie auf den Balkon hinaus und beobachtete Ben aufmerksam von der Seite. Der regte sich jedoch kein bisschen und schaute einfach nur hinunter auf den Fahrdamm, wo die Infizierten sich langsam verstreuten. Sie torkelten stöhnend und ziellos vor sich hin. Paula versuchte es noch einmal auf die sanfte Art: »Am besten, du bleibst erst mal bis zum Sonnenaufgang hier …«
Mathias dachte scheinbar immer noch ausschließlich in Parametern technischer Machbarkeit und dozierte weiter.
»Auch wenn viele von denen nicht gerade beweglich wirken … die haben ein super gutes Gehör und einen ebenso scharfen Geruchssinn. Da ziehst du im Dunklen auf jeden Fall den Kürzeren!«
Das schien nun doch Bens Interesse zu wecken, er richtete sich leicht auf, also stieg Paula mit ein. »Das stimmt. Jede dunkle Ecke, jeder Schatten kann 'ne tödliche Falle sein.«
Ben atmete tief durch, anscheinend beruhigte er sich langsam wieder. »Ich muss aber zu ihr. Ich muss doch wissen, was mit ihr ist …«
Paula nickte verständig. »Versuch doch mal, sie anzurufen. Auf dem Festnetz, meine ich, das geht noch. Wir haben ein Telefon hier.«
Doch Ben antwortete: »Sie hat nur noch ein Handy.« Paula und Mathias schauten sich kurz an, als Ben zerknirscht hinzufügte: »Ich habe ihr gesagt, sie soll das Festnetz kündigen. Wozu der Scheiß Telekom das Geld in den Rachen werfen …«
»Wo wohnt sie denn?«, fragte Paula schnell, um Ben von dem Thema abzubringen.
»In Mitte. In der Nähe vom Hackeschen Markt.«
Bei dieser Ortsangabe machte Mathias große Augen, anscheinend fiel er aus allen Wolken. »Ey, das kannste vergessen!«, ereiferte er sich, doch Paula gebot ihm mit einer Geste, nicht weiter zu sprechen. Stattdessen übernahm sie die weitere Erklärung: »Wie gesagt, da wo die meisten Leute waren, sind jetzt die meisten Freaks. Und du müsstest zu Fuß durch die halbe Stadt …«
Ben schaute sie fragend an und echote: »Zu Fuß?«
Wieder schaltete Paula in einen sachlichen Erklärmodus. »Die Straßen sind total verstopft. Jeder, der ein Auto hatte, hat versucht, abzuhauen, aber das funktioniert einfach nicht, wenn alle auf einmal losfahren.«
»Noch dazu sind die Tankstellen ausgeplündert«, ergänzte Mathias, »und Autos machen 'nen Höllenkrach. Das lockt die Freaks an wie nix.«
»Deswegen nehme ich zum Vorräte suchen immer mein Fahrrad«, erklärte Paula. Nun war es Ben, der große Augen bekam, es sah fast so aus, als würde er gleich über Paula herfallen. Wie aus der Pistole geschossen, sagte er: »Dein Fahrrad? Das kaufe ich dir ab!«, doch sie hob nur verwundert die Augenbrauen.
»Wie soll das gehen?« Sie erwiderte Matthias' peinlich berührten Blick, als Ben nach seinem Portemonnaie kramte.
»Ich hab jede Menge Geld dabei. Müssten noch gute 500 Euro sein«, murmelte er gedankenverloren. Paula grinste ihn mitleidig an.
»Lass mich raten … du bist Banker? Manager? Broker?« Ben hielt inne.
»Wie hast du das denn erraten?«, fragte er überrascht.
Paula tat es anscheinend fast leid, dass sie recht hatte. »Das merkt man doch an deiner ganzen Art«, sagte sie mit abfälliger Körpersprache. »Du spielst gleich den Chef, hast 'n Boot, wedelst mit Geld … wie so ein Yuppie halt.«
Ben erkannte an der Galle in ihrer Stimme, dass hier zwei sehr konträre Lebenseinstellungen aufeinanderprallten. »Gut kombiniert«, giftete er zurück. »Du bist auch zufällig die erste Punk-Lesbe, die ich nett finde!«
Paulas Augen verengten sich, ganz offensichtlich verstand Ben wirklich sehr wenig von Menschen. Doch bevor sie einen gepfefferten Konter geben konnte, wiegelte Matthias ab.
»Hör’ nicht auf sie. Es ist echt was anderes, wenn man große Pläne hatte. Ich zum Beispiel wollte 'nen Fahrradladen aufmachen.«
Paula verdrehte die Augen. Diese Geschichte konnte sie schon fast mitbeten, doch Matthias ließ sich von ihrem offen zur Schau gestellten Missfallen nicht abhalten.
»Ich habe mir den Arsch wundgearbeitet und hatte fast alle Puzzleteile beisammen. So kurz davor, Mann, ich konnte an gar nichts anderes mehr denken. Und jetzt diese Scheiße. Kein Mensch weiß, wie das alles ausgehen wird.«
»Fahrräder werden danach auf jeden Fall erst mal groß in Mode sein«, schloss Paula zynisch.
»Okay, alles ist scheiße, das habe ich verstanden«, ging Ben dazwischen. »Aber ich muss jetzt zu meiner Freundin, die ist schwanger, versteht ihr das nicht?« Beim Sprechen bebte seine Unterlippe, die komplette Muskulatur stand unter Hochspannung.
Paula versuchte es weiter mit Räson. »Du kannst ihr oder deinem Kind aber auch nicht helfen, wenn du tot bist! Glaub uns doch einfach, wir sitzen alle im selben Boot. Jetzt gerade, in diesem Moment, gibt es nichts, was du tun kannst!«
Ben schüttelte verächtlich den Kopf und versuchte, sich an Matthias vorbei in die Wohnung zu drücken, doch der stellte sich ihm demonstrativ in den Weg.
»Ey, du kannst da jetzt nicht rausgehen!«
Aus Bens Augen schoss pures Feuer. »Ihr wolltet mich doch unbedingt wieder loswerden. Und jetzt darf ich nicht gehen?«
»Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun«, sagte Mathias eindringlich. »Wir haben unser Leben für dich riskiert, Mann! Checkst du das nicht? Wir könnten alle tot sein! Das willst du jetzt einfach wegwerfen?«
Ben atmete tief durch. Die Situation war wirklich extrem heikel gewesen. »Dafür bin ich euch auch dankbar«, sagte er gepresst, »Wirklich sehr, sehr dankbar. Aber ich muss jetzt gehen.« Er drückte ein wenig in Matthias' Richtung, doch der schubste ihn auf einmal relativ unsanft zurück.
»Bist du taub?«, herrschte er Ben an. Sein Tonfall schien Paula zu alarmieren, denn sie ging sofort entschieden dazwischen.
»Mann Matze, krieg’ dich mal wieder ein!«, sagte sie energisch, doch Matthias war kaum noch zu bremsen.
»Mann, fick dich doch«, herrschte er sie an. »Ich will nur das Beste für die Gruppe, und ihr habt alle verdammt noch mal keinen Plan!«
Wutschnaubend zog er sich in die Wohnung zurück, und Ben wusste inzwischen nicht mehr, wie er die Situation einordnen sollte. Paula versuchte, es mit Humor zu erklären.
»Früher hättet ihr euch bestimmt super verstanden. Er will wahrscheinlich, dass du hierbleibst, um mit anzupacken. Für sein Befinden sind die meisten hier einfach zu lasch drauf.«
»Außer dir«, schätzte Ben.
»Richtig, ich bin ihm nämlich zu radikal«, grinste sie, »Weil ich eigentlich lieber hier abhauen würde.«
Sie sah ihn kurz nachdenklich an und fuhr dann fort.
»Also … wie ist das mit deinem Boot? Passen wir da alle drauf?«
»Würde wahrscheinlich knapp werden«, überlegte Ben, dann sagte er: »Von der Anzahl der Leute her könnte es gerade so passen, aber dann könnte man sonst nichts mitnehmen.«
»Könntest du denn auch ein größeres Boot steuern?«, fragte sie gespannt.
»Klar, ich habe schon als Teenie kleine Ausflugsdampfer gesteuert.«
»Wie kommt man denn an so was ran?«, wollte Paula verwundert wissen, doch Bens Miene verfinstert sich plötzlich.
»Meine Familie … ganz schlechtes Thema«, knurrte er.
Paula legte die Stirn in Falten. »Die meisten von uns wissen nicht, was mit ihren Leuten ist … ich hab' auch keine Ahnung, ob meine Eltern noch leben …« Sie machte eine nachdenkliche Pause. »Ist mir ehrlich gesagt aber auch egal. Leider.«
»Meine Familie ist mir auch scheißegal«, erklärte Ben aufbrausend. Sein Blick driftete in die Ferne ab und wurde noch düsterer, was Paula mit einem Lächeln aufzufangen versuchte.
»Siehste, dann haben wir doch was gemeinsam«, sagte sie, aber Ben schien sie gar nicht zu hören.
»Gegen meinen Stiefvater, den alten Sack, ist sowieso kein Kraut gewachsen«, murmelte er, »nicht mal die Katastrophe da unten.«
»Unterschätze das mal nicht«, mahnte Paula, »Wir waren am Anfang noch ein paar Leute mehr. Jeder Schritt da draußen ist gefährlich. Entweder deine Freundin ist jetzt in guten Händen, oder es ist sowieso zu spät.«
»Was soll ich machen?«, fragte Ben, »Euer Sheriff will mich doch loswerden. Da kann es euch doch herzlich egal sein, ob ich nach Mitte gehe oder sonst wohin.«
»Wie gesagt, das grenzt an Selbstmord. Du könntest dir einfach hier eine Wohnung in der Straße suchen, das meiste steht ja eh leer. Nach ein, zwei Wochen würde Wolle dann schon einsehen, dass du ’ne Hilfe sein kannst. Und wenn dann immer noch keine Armee da ist … wer weiß, dann könnten wir vielleicht alle zusammen abhauen.«
Für einen kurzen Moment horchte Ben in sich hinein, dann zuckte er kraftlos mit den Schultern. »Es ist wirklich nett von euch. Aber ich muss wissen, was mit ihr ist.«
Ben zog das Foto aus seiner Hosentasche und hielt es Paula demonstrativ hin. »Ich kann einfach nicht anders. Ich hab' es total verbockt.«
Beim Anblick des geflickten Porträts legte Paula die Stirn in Falten. »Ihr habt euch gestritten und du bist abgehauen? Ey, wenn ihr nicht mal richtig zusammen passt, dann musst du dir das zweimal überlegen. Es klingt fies, aber es geht jetzt nur noch um's Überleben.« Bens strafender Blick ließ sie kurz stutzen, aber sie glaubte an das, was sie sagte.
»Wir sind doch hier auch nur 'ne Bande, die das Schicksal zusammengewürfelt hat«, fuhr sie fort, »Aber nichts anderes zählt im Moment. Wir müssen jetzt zusammenhalten. Wir müssen füreinander da sein.«
Diesen Standpunkt konnte Ben natürlich nachvollziehen, er schloss die Augen und nickte, überlegte kurz und wirkte danach deutlich klarer.
»Ich habe sie im falschen Moment im Stich gelassen«, erklärte er, »wenn ihr etwas passiert ist, habe ich das zu verantworten. Und deswegen habe ich keine Wahl. Ich könnte es mir sonst niemals verzeihen.«
Nun war Paula an der Reihe damit, zu verstehen, und sie sah ihn einfach nur mit großen Augen an. »Außerdem, vielleicht gibt es dann gleich zwei Überlebende mehr«, schloss Ben hoffnungsvoll.
Paula schaute zu Boden, in ihrem Kopf arbeitete es, und Ben wartete regungslos auf ihre Antwort.
»Okay, ich hab 'ne Idee«, sagte sie schließlich. »Lauf' doch erst mal zum Südkreuz. Dann kannst du über die Schienen weiter, direkt bis nach Mitte. Dann ist schon mal die Hälfte der Strecke relativ gefahrlos.«
Ben nickte verständig. »Wo keine Leute waren, sind auch keine Infizierten«, fasste er das inzwischen Gelernte zusammen. Das schien Paula zu gefallen.
»Ansonsten halte dich an die großen Straßen …«, setzte sie an, und Ben ergänzte: »… weil mein Vorteil ist, ich bin schneller als die, und so habe ich mehr Platz zum Ausweichen.«
Paula musterte ihn für einen Moment mit einer Mischung aus Anerkennung und Sorge.
»Okay, ich würde sagen, mehr kann ich dir wohl nicht mit auf den Weg geben.« Sie warf einen prüfenden Blick auf die Straße, dann schaute sie Ben fest an. »Pass auf dich auf. Du weißt ja: Zusammenhalten. Überleben.«
Ben nickte stumm und Paula bemerkte, dass sie eine gewisse Ergriffenheit fühlte. Früher hätte sie einen Typen wie den einfach zum Kotzen gefunden; einen blöden Yuppie, der sich wichtig macht. Oder um es mit den Worten der etwas verkrampfteren Leute in ihrer Clique zu sagen: ein Klassenfeind. Aber jetzt war es irgendwie egal. Er machte sich Sorgen um seine bessere Hälfte und war sogar bereit, sein Leben für sie aufs Spiel zu setzen. Das konnte man wohl kaum unsympathisch finden.
Kapitel 7
TEMPELHOFER DAMM II
19:34 Uhr
Die kalte Luft half Ben, seine Gedanken zu sortieren. Wie er sich von seinen Rettern verabschiedet und das Haus verlassen hatte, war ihm schon gar nicht mehr bewusst, so wild ging es in seinem Kopf zu. Anscheinend reagierte sein Hirn mit einer ungeordneten Flut von Denkprozessen auf die völlig ungewohnten Überlebensinstinkte, die jede Zelle seines Körpers in Alarmbereitschaft versetzten. Es musste eine archetypische, genetische Programmierung sein, die das Kommando über all seine Sinne und Bewegungen übernehmen wollte, doch sein Verstand stemmte sich mit aller Macht dagegen. Das Ergebnis war allerdings jämmerlich. Mit jedem Schritt zuckten Ansätze, eine Erklärung für das alles zu finden, durch seine Synapsen, doch die Situation war einfach unbegreiflich. Bens gesamte Wahrnehmung tat deswegen ihr Bestes, sich auf das Hier und Jetzt zu fokussieren, und die eisige Herbstluft war ein willkommener Verstärker. Noch nie hatte Ben die vielen Facetten wahrgenommen, wie Luft riechen konnte, wie sie schmeckte, wie die Kälte seine Schleimhäute reizte. Wie miniaturisierte Nadelkissen fühlte sich das an, Ben konnte jede Zelle spüren, die hintersten Winkel seiner Lungengeflechte, in die er den Sauerstoff bewusst hineinpresste.
Mit jedem Ein- und Ausatmen machte er vier Schritte – indem er mitzählte, konnte er die unbändigen Gedanken zumindest aus der obersten Schicht seines Bewusstseins verbannen. Es war ein Kniff, den ihm damals sein Sportlehrer für Langstreckenläufe empfohlen hatte – wenn die Kraft nachließ oder die Atmung Probleme machte, sollte er sich die Zahlen von eins bis vier mit jedem Schritt riesig groß vor seinem geistigen Auge erscheinen lassen.
Das klappte gut, aber Ben musste feststellen, dass sein Gehirn wirklich zu Multitasking im Stande war, und in den tieferen Schichten rotierten weiterhin alle möglichen Fragen und wenig hilfreiche Feststellungen.
Sein Leben wirkte auf einmal so hyper-real, dass er es kaum einordnen konnte. War das, weil es im Moment unmittelbar bedroht war, und er es erst jetzt wirklich wahrzunehmen wusste? Oder war es der Kontrast zwischen der momentanen Situation und den Wochen auf dem Boot, wo er fast durchgängig betrunken oder verkatert gewesen war, und dem darauffolgenden Schock seiner Ankunft, der auch eine Form von Betäubung mit sich gebracht hatte? Oder war es einfach die Tatsache, dass er das, was hier passierte, gestern noch als pure Fiktion abgetan hätte, die sich aber nun als schreckliche Realität erwies? Diese Theorie fühlte sich intuitiv richtig an, zumal er schon in dem Gespräch mit den anderen Überlebenden auf einmal eine Ahnung davon bekommen hatte, dass sein voriges Leben in Wahrheit das irreale, künstliche war.
All diese Überlegungen halfen ihm jetzt aber nicht weiter, überhaupt nicht. In ihm bekämpften sich drei Kräfte: Seine Instinkte, sein Ego und eine überbordende Angst. Er musste mindestens einen dieser Faktoren unter Kontrolle bekommen, sonst hatte er keine Chance. Er brauchte eine Waffe, um sich sicherer zu fühlen, und zwar sofort.
Nachdem er das Haus verlassen hatte, war er auf schnellstem Wege auf den Tempelhofer Damm zurückgekehrt, der breitesten Straße in der Gegend, die nach Norden führte. Sie war in jede Richtung zweispurig und wurde in der Mitte von einem hüfthohen Metallgitter geteilt. Auch der Bürgersteig war angenehm breit, sodass Ben nicht in Verlegenheit kam, sich durch die überall verkeilt stehenden Autos zu schlängeln.
Stattdessen konzentrierte er sich auf sein aktuelles Ziel; er brauchte irgendetwas, mit dem er schlagen, oder noch besser, stechen konnte. Eine Stange, einen Stab, es musste sich doch etwas zweckentfremden lassen. Doch alles, was in Frage kam, war zu unhandlich. An einem Mülleimer sah er dann eine leere Bierflasche stehen – gemäß der Berliner Tradition, Pfandflaschen nicht wegzuwerfen, sondern sie für mittellose Sammler gut sichtbar zu hinterlassen. Ben griff den Hals wie den Stiel eines Hammers, es war eine Halbliter-Flasche, und sie lag gut in der Hand. Für einen kurzen Moment dachte Ben daran, wie albern es eigentlich war, sich mit einer Glasflasche zu bewaffnen. Aber ihm war es egal, denn es beruhigte ihn sofort. Die nächsten Schritte machte er viel selbstbewusster, und in seiner direkten Umgebung schien alles keine Gefahr zu lauern. Aus weiter Ferne drangen zwar Schreie an sein Ohr und etwas, das sich wie Schüsse anhörte, aber er musste sich auf die Strecke konzentrieren, die vor ihm lag.
Die nächsten Blocks kam Ben gut voran. Die Straße war sehr gleichförmig, die Gebäude hatten überwiegend nur drei Obergeschosse, was für Berliner Verhältnisse schon fast dörflich wirkte. Ben versuchte jedoch, solche nutzlosen Gedanken aus seinem Bewusstsein fernzuhalten. Stattdessen konzentrierte er sich nun wieder auf seine Schritte. Es war interessant, wenn er die Füße ganz bewusst aufsetzte, konnte er wirklich fast lautlos gehen, und das bei relativ hoher Geschwindigkeit. Außerdem hatte er das Gefühl, das wirklich aufmerksame Setzen seiner Schritte hielt seinen Verstand in Schach – dadurch konnte er sich besser auf seine Sinne konzentrieren, die auf Hochtouren arbeiteten.
So nahm er schon früh ein merkwürdiges Geräusch wahr. Erst war es eine Art rhythmisches Ploppen, das weit entfernt zu sein schien. Doch es wurde lauter, sodass Ben bald sicher war, ihm näher zu kommen, und es entwickelte einen metallischen Beiklang. Zunächst hatte Ben aber ein anderes Problem: Er erreichte eine Art Massenkarambolage, die komplette Fahrbahn war mit ineinander verkeilten Fahrzeugen versperrt. Auf den Bürgersteig auszuweichen schien ihm keine besonders gute Idee, denn der lag komplett im Schatten der Straßenlaternen und das Geräusch, dem er sich näherte, machte ihn nervös.
Er ging zu einem der Fahrzeuge, einem alten, mintgrünen Opel, der entgegen der Fahrtrichtung stand. Ben schaute hinein und prüfte auch die umstehenden Fahrzeuge, sie waren alle leer. Dann legte er eine Hand auf die Motorhaube und verlagerte sein Gewicht darauf – sofort gab das Blech nach und machte ein unangenehm lautes Geräusch. Über diese Autos hinweg zu klettern schien keine gute Idee zu sein, wenn er keinen riesigen Krach machen wollte. Also ging er doch auf den schmalen Bürgersteig zu, der teilweise von einem weißen, stark verbeulten Renault-Lieferwagen blockiert war. Wahrscheinlich ein geparktes Fahrzeug, das durch den Unfall beiseitegeschoben worden war. Jedenfalls war die Lücke zwischen der Hauswand und diesem Wagen nicht einmal zwei Meter breit. Das gefiel Ben gar nicht, zumal sich kurz davor ein schattiger Hauseingang befand. Dahinter türmten sich irgendwelche Sachen auf, es sah aus wie Koffer und Taschen. Er schlich sich langsam heran, den ganzen Körper unter Spannung und die Flasche fest umklammert. Im Hintergrund immer noch dieses rhythmische Klappern.
Als Ben endlich den Hauseingang einsehen konnte, atmete er auf – dort war nur eine verschlossene Tür, niemand zu sehen. Doch dann erkannte er etwas in der Spiegelung des Sicherheitsglases und zuckte zusammen: Die Sachen, die am Ende des Lieferwagens ausgebreitet lagen, waren nicht nur Koffer und Taschen – zwischen ihnen lagen mehrere Körper! Ben hielt den Atem an und ging langsam auf sie zu – ihm war klar, dass es der einzige Weg war, wenn er nicht über die Autos turnen wollte. Er musste sich zwingen, weiter zu atmen, was gar nicht so einfach war, denn der Leichengestank war bestialisch. Schließlich kam er bei einer Gruppe von fünf, sechs leblosen Körpern an, Männer und Frauen, die inmitten von ihrem Gepäck lagen.
Was war hier passiert? Waren sie beim Unfall verletzt worden? Hatten sie gekämpft? Waren sie womöglich gebissen worden? Wieder rang Ben um die Kontrolle über seine Gedanken; er brauchte das nicht zu wissen. Er wollte auch gar nicht nach irgendwelchen Wunden oder Ähnlichem gucken, noch war er stolz darüber, die Totenruhe brechen zu müssen – wenn es so etwas überhaupt noch gab – aber er musste hier durch. Das klappernde Geräusch wurde wieder lauter. Was zum Henker war das? Es war maximal noch 50 Meter entfernt, und es war garantiert kein gutes Omen.
Langsam näherte sich Ben der ersten Leiche, sie lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Gehweg, die Arme umklammerten einen schweren Aktenkoffer. Beim Näherkommen zeigte sich, dass der Körper in schlechtem Zustand war, er lag dort wohl schon eine ganze Weile. Der Leichengeruch wurde etwas intensiver, war aber bei weitem nicht so schlimm, wie Ben gefürchtet hatte. Ein Glück, dass es schon so kalt war, und kaum noch Insekten unterwegs waren.
Ben dachte an Fliegen, die Eier in die Körper von Toten legten, und ihm wurde direkt schlecht.
Er konnte immer noch nicht glauben, dass er heute dabei gewesen war, als jemand starb. Es war furchtbar, und nun stand er vor einem regelrechten Körperhaufen, der sich mit Rucksäcken, Taschen, verstreuten Kleidungsstücken und vollgestopften Plastiktüten mischte, als wären diese Menschen Abfall. Jetzt musste Ben aber an sein Weiterkommen denken. Mit angehaltenem Atem trat er ganz dicht an ersten Leichnam heran und stieß leicht mit der Fußspitze gegen den Oberarm des Verblichenen. Nur um ganz sicher zu gehen – er wollte schließlich keine unliebsame Überraschung erleben. Doch es passierte erwartungsgemäß nichts. Nach einem weiteren, beherzteren Kontrolltritt holte Ben einmal tief Luft und stieg mit einem großen, ungelenken Schritt über den Körper. War doch ganz einfach.
Der nächste Tote lag leider auf dem Rücken, und der Blick in seine verzerrte Fratze machte Ben das Vorankommen nicht leichter. Es waren schon deutliche Verwesungserscheinungen sichtbar, vor allem an den Augen, die eigentlich kaum noch als solche zu erkennen waren. Da erübrigte sich ein Test, der war mausetot. Außerdem konnte sich Ben ganz nah an der Hauswand entlang pressen und kam der Leiche so nicht einmal in die Quere. Nun wurde es aber noch schwieriger: Ein Haufen Gepäck lag vor ihm, es war fast schon ein kleiner Hügel, und er grenzte direkt an den Lieferwagen an; es war die engste Stelle dieses morbiden Hindernisses. Als er sich ein bisschen streckte, erkannte Ben zu seinem Leidwesen, dass der Haufen auch noch mit einem weiteren Körper abschloss. Es würde schwierig werden, diese Hürde komplett in einem Satz zu überwinden, aber was blieb ihm anderes übrig?
Also klemmte er die Bierflasche in seine Gesäßtasche, hauchte kurz in seine kalten Hände und rieb diese gegeneinander. Dann nutze er den gesamten halben Meter Platz, den er hatte, für den Anlauf, und versuchte einen langen Sprung. Aber er schaffte es nicht. Und als er merkte, dass er in Richtung des leblosen Körpers stürzte, öffnete dieser ein Auge und starrte Ben genau an. Er wusste genau, dass er keine Möglichkeit der Welt hatte, seine Flugbahn jetzt noch zu ändern, und dieser Augenblick schien sich plötzlich wie in Zeitlupe hinzuziehen. Todesangst durchflutete Ben, und wieder schalteten seine Sinne auf Alarmstufe Rot und ließen ihn jeden einzelnen Moment so präsent spüren wie selten zuvor …
Ben landet mit der Ferse auf dem Unterarm der Leiche, die sich daraufhin wie vom Blitz getroffen aufbäumt und anfängt, herumzuzappeln, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Durch die unsaubere Landung ist Ben bereits aus dem Gleichgewicht geraten, und der Schock, der ihn durchzuckt, als die Arme der vermeintlichen Leiche in seine Richtung schwingen, haut ihn endgültig von den Füßen. Er knallt vornüber in den Lieferwagen, prallt ab und landet halb auf dem Rücken, wobei die Bierflasche einen stechenden Schmerz durch seinen Hintern jagt. Zum Glück ist sie aber nicht zerborsten.
Der Angreifer scheint zwar nicht aufstehen zu können, aber eine fahrige Hand packt Ben am Fußknöchel. Er ignoriert die Schmerzen und versucht, sich loszureißen, sich umzudrehen, aber er ist so ungünstig gelandet, dass ihm das zunächst einfach nicht gelingen will. Wie ein Käfer windet sich Ben auf dem Rücken, die Worte von Paula hallen dabei ununterbrochen durch seinen Schädel: »Wenn du gebissen wirst, kriegst du es auch.«
Als sich eine zweite Hand um Bens Fessel schließt, gelingt es ihm endlich, sich nach vorne zu wuchten, doch der Griff um seinen Knöchel ist fest wie ein Schraubstock. Mit seinem Schwung zieht er den fremden Körper einen guten Meter nach vorne, doch an ein Loskommen ist nicht zu denken. Ben renkt sich fast den Arm aus, als er seinen Oberkörper so weit es geht zur Seite rollt und die in seiner Tasche klemmende Bierflasche mit Gewalt herausreißt.
Mit einem Gemisch aus Erleichterung und Panik schwingt er nun nach vorne und schlägt mit aller Macht auf den Oberarm des Angreifers. Die dazugehörige Hand lockert sich kurz etwas, doch bis Ben die Flasche erneut erhoben hat, ist der Griff schon wieder fest.
Ein Gefühl von rasender Wut durchströmt Bens Körper, sein Gesicht wird ganz heiß und er prügelt nun einfach so fest er kann auf das von langen Haaren bedeckte Gesicht seines Widersachers ein. Wieder und wieder, bis der Druck um seinen Knöchel und damit auch sein Adrenalinpegel abrupt nachlässt. Jetzt sieht Ben, dass seine Hand voller Blut ist – die Flasche ist längst zersplittert, er muss sich selbst geschnitten haben.
Schockiert dreht Ben sich wieder auf den Hintern und rutscht einen guten Meter zurück, bis er an die Hauswand stößt. Doch es gelingt ihm nicht mal, seine Wunde genauer zu betrachten, denn sein Blick bleibt an dem blutüberströmten Gesicht der Frau hängen. Ja, es war eine Frau, die Ben am Bein gepackt hatte. Sie will etwas sagen; versucht mehrmals zu schlucken, aber ihr Mund ist viel zu trocken. Bens Blick verbohrt sich in ihrem, ihm bleibt die Luft weg. Ihre Augen sind klar, nicht so gräulich verschleiert wie die der Irren, die ihn vor ein paar Stunden noch verfolgt hatten.
Ein schrecklicher Gedanke keimt in Ben auf, als die Frau einen kurzen, kehligen Laut ausstößt. Es ist kaum mehr als ein Ausatmen, dann verdreht sie die Augen und ihr Gesicht klatscht auf den Bürgersteig. Ben bleibt die Luft weg, er ringt nach Atem. Schließlich wird ihm schwarz vor Augen.
***
Von unglaublicher Panik erfasst rannte Ben, er wollte einfach nur weg. Der schwarze Anzug, in den sie ihn gesteckt hatten, war viel zu groß und die notdürftig improvisierte Fliege kratzte entsetzlich am Hals. Überall standen die Erwachsenen in seinem Weg, den Männern reichte er nur bis zu den Oberschenkeln. Immer, wenn er die strumpfhosenbewehrten Beine einer Frau sah, umklammerte er sie schluchzend, bis sie sich zu ihm hinunterbeugte. Und immer wieder die gleiche entsetzliche Enttäuschung: Es war eine Fremde.
»Ich will zu meiner Mama! Wo ist meine Mama?«, hörte er sich immer wieder selbst sagen. Die Frauen schluckten dann, stotterten, manchen liefen gleich die Tränen herunter, niemand antwortete ihm. Was war das für ein grausames Spiel?
»Ich will meine Mama!«, schrie er aus voller Kehle, bis ihn eine behaarte Hand an der Schulter packte. Ein Mann beugte sich zu ihm herunter; es war Ilian, sein Stiefvater.
»Benjamin, mein Kind. Ich habe es dir doch schon erklärt«, sagte er mit belegter Stimme, »Deine Mama ist nicht mehr da.«
»Aber wann kommt sie denn wieder?«, fragte Ben mit großen Augen. Wieder konnte er regelrecht spüren, wie den Umstehenden der Atem stockte.
»Sie ist leider gestorben, mein Junge«, antwortete Ilian sanft.
»Aber wann kommt sie denn dann wieder?!?«, echote Ben in böser Vorahnung, seine Stimme überschlug sich fast. Irgendwo musst ein Licht ausgegangen sein, der Raum fühlte sich auf einmal dunkler an.
»Nie mehr. Sie kommt nie mehr wieder. So ist das, wenn man tot ist.« Bens Kopf drohte auf einmal zu explodieren, er fühlte sich wie von tausend Nadeln durchstochen.
»Warum kannst du dann nicht lieber tot sein?«, schrie er mit unnatürlich hoher Stimme. Für einen Moment herrschte Totenstille und Ilian schaute ihn an, als hätte ihm jemand das Herz herausgerissen. Dann rutschte ihm die Hand aus. Die Backpfeife war so heftig, dass Bens Kopf zur Seite geschleudert wurde.
***
Abrupt war Ben hellwach, er musste aus seiner sitzenden Position weggerutscht sein und konnte sich gerade noch abstützen, bevor sein Kopf auf die Pflastersteine traf. Sein Blick fiel auf seine blutende Hand und die Erinnerung überkam ihn. Wie von der Tarantel gestochen sprang er auf die Füße und rannte los – vollkommen konfus – bis er die Massenkarambolage ein Stück hinter sich gelassen hatte, dann plagten ihn auch schon wieder die Seitenstiche. Und sobald er seinen Schritt verlangsamt hatte und sich zu einer ruhigeren, gleichmäßigen Atmung zwang, hörte er auch wieder dieses Geräusch. Verdammt, das Rennen war möglicherweise zu laut gewesen. Der Schall reiste viel weiter als sonst in dieser totenstillen Stadt, und auch das merkwürdige Klappern konnte er jetzt ganz deutlich hören. Es musste maximal zehn, zwanzig Meter vor ihm entstehen und klang irgendwie metallisch. Ben musste an Kochtöpfe und eine Küche denken, und begutachtete aufmerksam die Ladenzeile vor sich. Ja, das war es: eine Dönerbude mit offenem Verkaufsfenster. Unwillkürlich nahm Ben eine gebückte Haltung an und schlich langsam weiter. Er presste sich an die Hauswand, um bloß nicht in das Sichtfeld des Krachmachers zu geraten. Das Geräusch war ziemlich regelmäßig, aber auch nicht komplett rhythmisch. Aus dieser Nähe klang es tatsächlich wie Metallgeschirr, das aufeinander geschlagen wurde.
Ben war fast an der Durchreiche angekommen und ging langsam, an die Hauswand gelehnt und tief gebückt, vorwärts. Das Geräusch kam ihm nun fast ohrenbetäubend laut vor. Er hätte einfach vorbeiziehen können, doch eine unnatürliche Neugier überkam ihn. Zudem dachte er bei dem Geruch des uralten Bratfetts sofort an die riesigen Messer, die in den eher klassisch orientierten Kebabläden noch benutzt wurden, um das Fleisch zu schneiden. Das wäre eine imposante Waffe, die schon ein gewisses Risiko wert war.
In Zeitlupentempo richtete Ben sich auf, bis seine Augen sich auf Höhe des silbernen Tresens befanden. Das Geräusch war jetzt ganz nah, es kam eindeutig aus dem Küchenbereich direkt vor ihm, doch er konnte noch nichts erkennen. Es musste sich unterhalb seiner Kopfhöhe befinden, also richtete er sich widerwillig immer weiter auf. Je mehr er seinen Kopf hob, umso mehr fragte er sich, ob das eine gute Idee war. Schließlich sah er die Quelle des unangenehmen Schepperns und wich vor Schreck wieder einen halben Meter zurück: Auf dem Boden lag ein Mann, das Gesicht nach unten, im Rücken hatte er eine Art Küchenbeil. Von Kleidung und Hautfarbe her sah er nicht so aus, als hätte er hier gearbeitet – aber vielleicht war sein Rückenmark durchtrennt oder was auch immer, jedenfalls konnte er sich ganz offensichtlich nicht mehr normal bewegen. Seine Arme schlugen unkontrolliert hin und her wie bei einem epileptischen Anfall, immer wieder stieß er gegen eine Ansammlung aus Töpfen, Backblechen, Kellen und Besteck, die um ihn herum lagen.
Ben lehnte sich auf den Tresen und sah sich in dem Laden um. Große Messer waren nirgends zu sehen. Wahrscheinlich hatten sie schon einen neuen Besitzer gefunden, und das in dem Rücken steckende Küchenbeil war für ihn tabu, es war das Risiko nicht wert. Nach dem letzten Erlebnis wollte er nur noch weg und ging langsam ein paar Schritte rückwärts. Doch auch diese Bewegung aktivierte sofort wieder seinen Überlebensinstinkt, der ihm sagte, dass das eine verdammt schlechte Idee war. Er fuhr herum, doch weit und breit war keine Bewegung auszumachen. Eigentlich auch kein Wunder, denn dieser Krach musste im Umkreis einiger hundert Meter alles anlocken, was kreuchte und fleuchte. Dementsprechend konnte er eigentlich relativ sicher sein, dass hier niemand außer ihm und dem nicht sehr beneidenswerten Küchenbewohner war. Musste er diese Kreatur von ihrem Leid erlösen? Er hätte nicht gewusst, wie. Allein schon der Gedanke ließ ihm einen Schauer über den Rücken laufen, und er konzentrierte sich wieder darauf, lange aber möglichst geräuschlose Schritte zu machen und Richtung Norden zu kommen.
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Als Nächstes erreichte er das Tempelhofer Rathaus. Wie viele Berliner Bezirksrathäuser war es ein eckiger, schmuckloser, aber dennoch kraftvoll wirkender Bau, der garantiert aus den Dreißigerjahren stammte, um es vorsichtig auszudrücken. Deutlich wichtiger als die düsteren Kapitel der deutschen Geschichte war Ben in diesem Moment jedoch der düstere Park, der dem Rathaus gegenüberlag. Er konnte es nicht einordnen, aber die meisten Parks in Berlin waren ihm schon immer irgendwie unheimlich oder unangenehm gewesen, teilweise sogar am Tage. Und dieses Exemplar in dieser Situation führte ab sofort seine Top Ten der fiesen Parks an. Gut, dass vor dem Rathaus ein geräumiger und momentan ziemlicher leerer Parkplatz war, sodass er auf dem Bürgersteig laufen konnte. Dadurch hatte er die maximale Entfernung zu dem bedrohlichen, dunklen Gestrüpp, ohne den Überblick seiner unmittelbaren Umgebung einzuschränken. Ein Fuß vor den anderen, so machte er Boden gut.
Wenige Minuten später näherte er sich einem weiteren Etappenziel seiner internen Routenplanung: der großen Kreuzung zur Straße Alt-Tempelhof. Bevor er seine Aufmerksamkeit der unübersichtlichen Ansammlung von Fahrzeugen widmete, die verkeilt zwischen Imbissbuden und Baumreihen standen, fiel ihm etwas ins Auge. An einem Balkon hingen zwei weiße Bettlaken nebeneinander, auf die jemand mit roter Lackfarbe etwas geschrieben hatte:
ÜBERLEBENDE – KOMMT ZUM
MARIENDORFER DAMM 135
Ben musterte dieses improvisierte Banner eine Weile. Eine interessante Möglichkeit der Kommunikation in dieser Situation. Wahrscheinlich hatten sich einige Menschen organisiert und sich etwas weiter in den Süden der Stadt zurückgezogen. Er fragte sich, ob seine neuen Bekannten aus der unfreiwilligen Wohngemeinschaft davon wussten. Das war schon eine komische Bande, dachte er und seine Gedanken schweiften ab.
»Wir müssen zusammen halten« hatte Paula gesagt, und zum ersten Mal an diesem schrecklichen Abend dachte Ben weiter in die Zukunft.
Was, wenn er Tanja erreicht hatte?
Was sollten sie dann tun?
Auf das Eingreifen der Armee warten?
Wie lange würde das dauern?
Woher würden sie etwas zu Essen und zu Trinken bekommen?
Ben spürte wieder diese bodenlose Panik in sich aufkeimen und drängte den Gedanken mit aller Macht zurück. Er musste jetzt praktisch denken; Handeln war gefragt. Also zog er einen Stift aus der Innentasche und schrieb sich die Adresse auf einen alten Kassenbon, den er in seiner Hosentasche fand. Dann ging er langsam auf die Kreuzung zu.
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