Kitabı oku: «Introvertiertheit»
Karin Ackermann-Stoletzky
Introvertiertheit
Die leise Stärke

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86506-910-8
© 2016 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: fotolia freshidea
Satz: Brendow Web & Print, Moers
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
www.brendow-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Kapitel 1: Als Introvertierte in einer lauten Welt
Die Vorherrschaft der Extrovertierten
Woher kommt der Begriff „Introvertiertheit“?
Als Introvertierte in einer lauten Welt
Kapitel 2: Zu viele Reize fürs Gehirn?
Biologische Grundlagen der introvertierten Persönlichkeit: Serotonin vs. Dopamin
Introvertiertheit: Angeboren, anerzogen oder selbstgemacht?
Das introvertierte Gehirn
Kapitel 3: Die introvertierte Persönlichkeit
Erkenne dich selbst, oder: Bin ich eigentlich introvertiert?
Reflexion: Merkmale introvertierter Menschen
Übung: Mein Stärkenprofil
Übung: Welche Ihrer Eigenschaften empfinden Sie an sich selbst als anstrengend?
Reflexion: Meine „Rote-Punkte-Menschen“
Das Gespräch mit mir selbst: „Mein inneres Team“
„Intros“ und „Extros“ in mir
Stimmige Kommunikation
Übung: Kommunikation
Kapitel 4: Gestalte dein Leben
Das Leben selbst gestalten
Mehr Verständnis für sich selbst entwickeln
Reflexion: Wie gehe ich mit Ablehnung um?
Abgrenzung nach außen verantwortlich gestalten
Strategien zur Kontaktgestaltung bei innerem Teamdurcheinander
Übung: Meine Quälgeister und meine Ermutiger
Weshalb Introvertierte häufig nicht bekommen, was sie möchten – und wie man das ändert
Reflexion: Wie leicht fällt es Ihnen, Ihre Bedürfnisse zu äußern?
Das 3-Zonen-Modell: Die Entwicklung von neuen Verhaltensweisen
Unsere Komfortzone
Reflexion: Wie sieht Ihre Komfortzone aus?
Wachstumszone und Panikzone
Reflexion: Meine Wachstumszone
Konkrete Ziele setzen und erreichen
Die „richtigen“ Ziele finden
Reflexion: Meine wichtigen Ziele
Langfristige Ziele angehen und umsetzen
Reflexion: Ziele erreichen
Ein wichtiges Ziel: Offen zu Besonderheiten im Zwischenmenschlichen stehen
Reflexion: Was ist im Umgang mit anderen Menschen für mich herausfordernd?
Kapitel 5: Auf Schatzsuche
Auf Schatzsuche: Der ressourcenorientierte Blick auf mich selbst
Reflexion: Was gibt mir Kraft und Energie?
Reflexion: Meine Energieräuber
So schaffen Sie sich Ihre Tankstellen
Tankstelle: Passendes Umfeld – My home is my castle
Übung: Mein Lieblingsplatz
Tankstelle: Ordnung
Tankstelle: Kurze Auszeiten
Übung: Wo finden Sie Ihre Auszeiten?
Tankstelle: Rituale
Reflexion: Haben Sie hilfreiche Rituale, Abläufe, die Sie nutzen, um zur Ruhe zu kommen? Wie sieht Ihr Ritual aus?
Tankstelle: Bewegung
Tankstelle Kommunikation
Übung: Welche Kommunikationssituationen genießen Sie?
Tankstelle: Beruf und Berufung
Reflexion: Da schlägt mein Herz
Tankstelle: Alleinsein
Reflexion: Wie wichtig ist mir das Auftanken im Alleinsein?
Tankstelle: Ruhe und Achtsamkeit
Übung: Den Fluss der Gedanken wahrnehmen
Tankstelle: Glaube und Gebet
Reflexion: Wie erleben Sie Gott?
Übung: Erst mal anhalten
Tankstelle: Gemeinde
Reflexion: Was schätzen Sie an Ihrer Gemeinde?
Nachwort
Anhang
Anmerkungen

Kapitel 1
Die Vorherrschaft der Extrovertierten
In zwei Stunden beginnt die Betriebsweihnachtsfeier. Die Kollegen werden dort sein, der redegewandte und charismatische Chef, ganz unterschiedliche Leute aus den anderen Abteilungen. Das Essen ist immer gut. Frau Müller wird mit ihrem trockenen Humor wahrscheinlich wieder alle zum Lachen bringen, und Kollege Frankmann hat mit Sicherheit ein heiteres Gedicht vorbereitet.
Und Sie? Freuen Sie sich schon auf einen netten Abend unter Menschen? Oder graust es Ihnen davor, weil Sie sich selbst stumm vor Ihrem Teller sitzen sehen, konzentriert kauend und den Blickkontakt mit den anderen vermeidend, während um Sie herum alles lacht und redet? Können Sie sich nur schwer überwinden, überhaupt auf diese Feier zu gehen, weil es immer so anstrengend ist, „Smalltalk“ zu betreiben und Sie ja nun nicht die ganze Zeit nur essen können, damit Sie beschäftigt wirken? Wenn das so ist, dann gehören Sie wahrscheinlich zu den „Stillen im Lande“.
Nun ist es nicht unbedingt ein Nachteil, kein Partyfreund zu sein. Für einen Mönch im Schweigekloster wäre das sogar ein echter Vorteil, aber in unserer Gesellschaft der Kommunikativen haben Sie wahrscheinlich oft das Gefühl, irgendwie „anders“ zu sein. Es scheint, als sei unsere Kultur eine Kultur der Extrovertierten. Wer erfolgreich sein will, muss Kontakte pflegen können. Kommunikationsfähigkeit ist ein wichtiger Schritt zum Erfolg.
Es ist eine gutgesicherte Erkenntnis, dass der lockere Augenkontakt mit anderen Menschen, der Smalltalk auf der Party oder mit Fremden im Aufzug, Schlagfertigkeit sowie schnelle und spontane Reaktionen helfen, erfolgreich zu sein. All das gehört nicht unbedingt zu den Stärken der Introvertierten. 1994 veröffentlichte der Psychologe Howard Giles eine Untersuchung, der zufolge man Menschen, die schnell und laut sprechen, als kompetenter und sympathischer wahrnimmt, als klüger, interessanter, sogar als besser aussehend. Verschiedene Untersuchungen zum Thema Lebensglück behaupten einheitlich, Extrovertierte hätten im Durchschnitt mehr Glück bei der Suche nach Jobs, nach Wohnungen und dem Lebenspartner. Im Flurfunk hören sie von der frei werdenden Wohnung, sind dem Chef eher im Bewusstsein, wenn er darüber nachdenkt, eine Aufgabe neu zu besetzen, und reagieren schnell genug, wenn sich eine Chance zeigt.
Der Idealmensch unserer Zeit ist gesellig, arbeitet gut im Team, ist gern unter Leuten, ist risikobereit und gut vernetzt. In den Pausen checkt er seine Mails, postet auf Facebook oder verschickt schnell mal eine Whats App. O. k., auch das ist jetzt etwas plakativ, passt aber trotzdem ins Bild.
In früheren Zeiten wurde der belesene, ruhige Mensch stärker bewundert als heute. Alleinsein (zu können) galt als ein wichtiger Teil der menschlichen Existenz. Dinge zu durchdenken, in sich zu bewegen war hoch angesehen. Das Denken im Rückzug galt sogar als Ideal. Arthur Schopenhauer schrieb zum Beispiel 1851 in seinen „Kleinen philosophischen Schriften“: „Dem intellektuell hochstehenden Menschen gewährt nämlich die Einsamkeit einen zweifachen Vorteil: erstlich den, mit sich selber zu seyn, und zweitens den, nicht mit Anderen zu seyn.“
Es gibt viele, die das auch heute so sehen. Sie sind gern mit sich allein, sie brauchen keine ständigen Inputs von außen. Sie stehen nicht gern im Vordergrund und fallen meist nicht groß auf. Viele unter ihnen reden leiser, während des Sprechens konzentrieren sie sich stark und vermeiden den Augenkontakt. Wenn sie zuhören, machen sie das mit allen Sinnen. Da sehen sie den anderen ganz genau an, um kein Detail zu verpassen.
Das alles ist anstrengend, denn in der Gegenwart anderer Menschen kann das Gehirn introvertierter Menschen nicht herunterschalten. Alles muss wahrgenommen werden, alles wird durchdacht. Die Worte entstehen (besonders in unbekannten Situationen und in der Gegenwart fremder Menschen) nicht beim Sprechen, sie müssen da sein, bevor sie ausgesprochen werden können. Deshalb brauchen introvertierte Menschen dringend Momente der Stille, um sich selbst zu hören und um sich vom allgegenwärtigen Lärm zu erholen. Für Introvertierte ist Sozialkontakt nur mit vertrauten Menschen und in vertrauter Umgebung ein Vergnügen, ansonsten ist es harte Arbeit, und „Networking“ ist im besten Falle eine Pflicht, aber keine Lust.
Die amerikanische Bloggerin Kate Bartolotta hat das sehr schön beschrieben: „Stellen Sie sich vor, jedem von uns steht ein Glas voll Energie zur Verfügung. Introvertierte Menschen brauchen für nahezu jede soziale Interaktion einen Schluck aus diesem Glas, während bei extrovertierten Menschen das Glas durch solche Kontakte wieder aufgefüllt wird. Den meisten von uns Introvertierten gefällt das. Wir teilen gern, und wir sind gern mit anderen Menschen zusammen. Aber wenn das Glas leer ist, brauchen wir einfach etwas Zeit, um wieder aufzutanken.“1

Ich liebe meinen Beruf, obwohl ich dabei viel mit Menschen zu tun habe. Im Laden ist meine Rolle klar: Da kommt jemand, der eine Brille braucht, ich stelle seine Werte fest, berate ihn, passe die Brille an … Ich weiß, worum es geht, ich bin in meinem Fach gut, ich arbeite genau und mit Sorgfalt, und die Kunden werden möglichst optimal bedient.
Aber jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit gehe, mache ich mir schon auf dem Weg Gedanken, was ich mit meiner Mitarbeiterin reden soll. Es ist verrückt, aber ich lege mir wirklich oft schon vorher irgendeinen Satz zurecht, der über „Guten Morgen“ hinausgeht. Vielleicht mal was über das Wetter, oder „Gut geschlafen bei dem Vollmond?“. Ich bin dann immer froh, im Hinterzimmer verschwinden zu können, denn einfach nur stumm neben ihr zu stehen ist für mich unglaublich schwer, etwas zu sagen aber ebenso. Obwohl ich mich bemühe, bin ich mir sicher, dass sie mich für arrogant hält. Denn „ein Schwätzchen einfach so“, das ist für mich wie die Besteigung des Mount Everest!
N.N.
Nach Heiko Ernst (Psychologie heute, 01/2011) brauchen „Introvertierte etwa zwei Stunden Erholung für jede Stunde ‚Sozialkontakt‘. Dann sind sie wieder fähig und willens, sich der Geselligkeit und dem Smalltalk der Extrovertierten auszusetzen.“
Introvertierte Menschen lieben es, in einer kleinen Gruppe mit vertrauten Menschen über relevante Themen zu reden. In Menschenmassen und oberflächlichen Kontakten fühlen sie sich isoliert.
„Im 21. Jahrhundert haben wir ein neues Kulturzeitalter erreicht, das Historiker als Persönlichkeitskultur bezeichnen“, erklärt die Autorin Susan Cain in ihrem Buch „Still“. „Wir haben uns von einer Agrarwirtschaft zur Geschäftswelt hin entwickelt. Die Menschen ziehen plötzlich aus den Dörfern in die Großstädte und arbeiten nun nicht mehr mit Leuten zusammen, die sie ein Leben lang gekannt haben, sondern müssen sich unter völlig Fremden bewähren.“2
Die vielen Menschen, die laut und in großen Massen auftreten, führen bei Introvertierten schnell zu einer Reizüberflutung und berauben sie auch körperlich ihrer Energie.

Nicht „richtig“?
Als ich neun Jahre alt war, fuhr ich zum ersten Mal ins Ferienlager. Meine Mutter packte mir einen Koffer voller Bücher ein, was mir wie eine ganz normale Sache vorkam. Denn in meiner Familie war die wichtigste Gruppenaktivität das Lesen. Dies mag Ihnen ungesellig vorkommen, aber für uns war das eben eine andere Art des Zusammenseins. Eingenistet in die Wärme der Familie, die einen umgibt, kann man zugleich in dem Abenteuerland im eigenen Kopf umherstreifen. Ich stellte mir vor, dass es im Ferienlager auch so sein würde, nur noch besser. Ich stellte mir zehn Mädchen vor, die in einer Hütte sitzen und in aufeinander abgestimmten Nachthemden Bücher lesen.
Das Ferienlager war eher wie eine Studentenparty ohne Alkohol. Und am ersten Tag ließ unsere Gruppenleiterin uns antreten und lehrte uns unser Motto, das wir nun jeden Tag für den Rest des Sommers vortragen mussten, um den Gemeinschaftssinn zu wecken. Und das ging so: „R-O-W-D-I-E, ja, so schreiben wir, ‚rowdie‘ [‚rauflustig‘]. Rowdie, rowdie, wir sind rowdie“. Tja. Es war mir ein totales Rätsel, wieso wir so rauflustig sein sollten und das Wort auch noch falsch schreiben mussten. Aber ich sang das Motto. Ich sang es mit allen anderen. Ich gab mein Bestes. Und ich wartete einfach darauf, dass ich meine Bücher lesen gehen konnte.
Aber als ich das erste Mal mein Buch aus meinem Koffer nahm, kam das coolste Mädchen im Schlafraum zu mir und fragte mich: „Wieso bist du denn so ruhig?“ – Das war natürlich das genaue Gegenteil von R-O-W-D-I-E. Und als ich es das zweite Mal versuchte, kam die Gruppenleiterin zu mir mit einem ganz besorgten Gesichtsausdruck und wiederholte ihre Aussage über Gemeinschaftsgeist und dass wir alle hart daran arbeiten sollten, kontaktfreudig zu sein.
Also legte ich meine Bücher weg, zurück in ihren Koffer, und packte sie wieder unter mein Bett, wo sie den Rest des Sommers blieben. Ich fühlte mich deswegen etwas schuldig. Ich fühlte, dass die Bücher mich brauchten, sie riefen mich, und ich ließ sie im Stich. Aber ich öffnete den Koffer nicht mehr, bis ich am Ende des Sommers wieder zu Hause bei meiner Familie war.
Jetzt habe ich mich für diese Geschichte entschieden. Ich hätte Ihnen 50 andere genau wie diese erzählen können – bei jeder wurde mir vermittelt, dass mein ruhiges und introvertiertes Wesen irgendwie nicht der richtige Weg war, dass ich doch versuchen sollte, mehr extrovertiert zu sein. Und tief in meinem Innern empfand ich dies immer als falsch, ahnte ich, dass Introvertierte ziemlich großartig waren, so, wie sie waren. Aber ich verleugnete diese Intuition über Jahre hinweg und wurde ausgerechnet Anwältin an der Wall Street anstatt Schriftstellerin, wie ich es mir immer gewünscht hatte – nicht zuletzt, weil ich mir beweisen musste, dass ich auch mutig und bestimmend sein kann. Und ich ging immer in volle Bars, obwohl ich ein schönes Abendessen mit Freunden eigentlich bevorzugt hätte. Und diese selbstverneinenden Entscheidungen traf ich so instinktiv, dass ich mir ihrer nicht einmal bewusst war.
Viele Introvertierte machen dies, sicher ein Verlust für uns, aber auch ein Verlust für unsere Kollegen und unsere Gemeinschaft. Ein Verlust für die Welt, auch wenn das hochtrabend klingen mag. Denn wenn es um Kreativität und Führungsverhalten geht, brauchen wir Introvertierte, die tun, was sie am besten können. Ein Drittel bis zu einer Hälfte der Bevölkerung ist introvertiert – ein Drittel bis zu einer Hälfte. Das ist einer von zwei oder drei Ihrer Bekannten. Auch wenn Sie vielleicht selbst extrovertiert sind, dann spreche ich über Ihre Kollegen, über Ihre Partner, Ihre Kinder und die Person, die jetzt neben Ihnen sitzt – sie alle unterliegen dieser Voreingenommenheit, die tief in unserer Gesellschaft verankert ist. Wir verinnerlichen das schon früh, ohne für das, was wir tun, Worte zu haben. (…)
Wenn wir davon ausgehen, dass stille und laute Menschen in etwa dieselbe Anzahl an guten oder schlechten Ideen haben, dann sollte der Gedanke, dass nur die lauteren und energischeren Menschen sich durchsetzen, uns besorgt aufhorchen lassen. (…)
Sorgfalt, Analyse, Konzentration – das sind die Stärken der Stillen. Warum geben wir ihnen trotzdem immer wieder das Gefühl, nicht gut genug zu sein?3
Die Herausforderung, Kontakt mit anderen Menschen aktiv zu gestalten, beginnt für introvertierte Menschen schon in ihrer Kindheit. Sie sind (zumindest in Gegenwart Fremder) in sich gekehrter als andere, und Eltern machen sich manchmal Sorgen, wenn sie ihr Kind als zurückhaltend und schweigsam erleben. Oft spielen solche Kinder gern allein, und ihr reiches Innenleben zeigt sich in kreativen und phantasievollen Rollenspielen mit sich selbst oder ihren Spielzeugen. Oft lesen sie gern, malen oder machen vielleicht Musik.
„Als introvertiertes Kind und Jugendliche war ich in meinem Kopf gefangen und habe furchtbar gelitten. Auf meine Umwelt wirkte meine versteinerte Miene wohl eher hochnäsig.“
Martina Ziel
Ein in sich gekehrtes Kind, bereits durch etwas Lärm und „Trara“ überfordert, wird, so fürchten die Eltern, im Leben Probleme bekommen.
Woher kommt der Begriff „Introvertiertheit“?
Introvertiert: nach innen, auf das eigene Seelenleben gerichtet. Aus lat. Introvertierter „hinein“ und lat. vertere „wenden“.
Der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung benutzte als einer der Ersten in der Psychologie die Begriffe Introvertiertheit und Extrovertiertheit bei der Typisierung von Menschen.4 Er erklärte die Introvertiertheit als eine Hinwendung der psychischen Energie nach innen, weg von der Außenwelt.
Jung war ein guter Beobachter. So war ihm bei seinem täglichen Umgang mit Patienten schnell klar, dass diese nicht nur „Träger eines bestimmten Krankheitsbildes“ waren, sondern als Menschen, die unterschiedlich fühlen, denken und wahrnehmen, auch ihre Erkrankung unterschiedlich erleben – und entsprechend unterschiedlich behandelt werden müssen. Er verstand sich hier als eine Art „Übersetzer“, versuchte, dem Einzelnen zu helfen, sich selbst zu verstehen, und zwischen Menschen, die Dinge unterschiedlich wahrnehmen, zu vermitteln, indem er etwa Ehepartner immer wieder auf die unterschiedliche Natur des anderen hinwies. Um diese Problematik erklären zu können, entwickelte er eine Persönlichkeitslehre, in der er zunächst zwischen aktiven und passiven, dann zwischen bedenkenden und unbedenklichen Naturen unterschied. Der wesentliche Unterschied zwischen diesen Menschentypen zeigt sich seiner Beobachtung nach in der Form ihrer inneren Reaktion auf Außenreize: Die einen reagieren mit Rückzug, scheinen innerlich zunächst einmal „nein“ zu sagen, während die anderen sich schnell und offen einlassen können. Für diese beiden Einstellungen benutzte er die Begriffe introvertiert und Extrovertiert.
„Begeisterung besitzen beide Typen“, aber … „fließt dem Extrovertierten der Mund über, wessen ihm das Herz voll ist“, so schließt „die Begeisterung dem Introvertierten den Mund“.5
Als Introvertierte in einer lauten Welt
Man könnte den Eindruck gewinnen, als seien die Extrovertierten in der Überzahl. Aber ob es nun wirklich mehr Extrovertierte als Introvertierte gibt, ist nicht so ganz klar. Einige Experten schätzen das Verhältnis extrovertiert zu introvertiert in der Bevölkerung auf 70 % zu 30 %, andere gehen davon aus, dass das Verhältnis halbwegs ausgeglichen ist, die Introvertierten aber nicht so auffallen. Außerdem haben viele introvertierte Menschen sich den Erwartungen ihrer Umwelt angepasst und sind nicht sofort als introvertiert erkennbar.
In Politik und Wirtschaft scheinen mehr Extrovertierte an der Spitze zu stehen – die deutsche Kanzlerin Angela Merkel aber gehört wohl eher zu den Introvertierten, genauso wie ihre Vorgänger Willi Brandt und wahrscheinlich auch Helmut Schmidt, der von sich gesagt haben soll: „Ich muss mich nicht selbst reden hören. Ich rede nur über Dinge, über die ich auch Bescheid weiß. Gut, manchmal rede ich über die vielleicht etwas zu ausführlich, aber ich werde ja auch immer gefragt.“
Einer, den man eigentlich eher für extrovertiert halten würde, beschreibt sich selbst als „einen umgeschulten Introvertierten“: Barack Obama. Der US-Präsident ist nicht nur ein leiser Mensch, sondern gleichzeitig auch cool, witzig und charismatisch. Machtbewusstsein, eine öffentliche Rolle und Introvertiertheit schließen sich also nicht aus.
Im IT-Bereich findet man Introvertierte häufig an der Spitze: Bill Gates zum Beispiel ist so ein stiller Mensch. Mit Reden tut er sich schwer, trotzdem hat er eine einzigartige Karriere hingelegt, ebenso wie Google-Chef Larry Page und Facebook-Gründer Zuckerberg. Julian Assange, der Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, enthüllt über sich selbst so wenig wie möglich und gilt als scheu und zurückhaltend.
Interessanterweise gibt es unter Künstlern wahrscheinlich überdurchschnittlich viele Introvertierte. In den bildenden Künsten sind sie vielleicht sogar in der Überzahl, denn die Möglichkeit, sich durch ein Kunstwerk auszudrücken, ohne sich dabei der Wirkung einer Gruppe aussetzen zu müssen, liegt Introvertierten sehr. Aber auch im Bereich Schauspiel und Regie sind mehr Introvertierte aktiv, als man denken könnte. Woody Allen ist ein berühmtes Beispiel, der durch seine Art, zu fühlen und zu denken, faszinierende Filme gemacht hat. Steven Spielberg ist ebenfalls introvertiert. Die verstorbenen Künstler Alfred Hitchcock, Robin Williams und Michael Jackson gehörten dazu, Clint Eastwood, Richard Gere, Loriot, Günther Jauch, Bruno Ganz, Corinna Harfouch, Götz George, Matthias Brandt und viele mehr.
Dabei entwickeln die Introvertierten auf der Bühne eine ganz besondere Präsenz. In einem Spiegel-Artikel (34/2012) wurde Matthias Brandt von der Autorin Kerstin Kullmann so beschrieben:

Wenn der Schauspieler Matthias Brandt vor die Kamera tritt, kann er alles: lachen, lieben, toben und hassen. Er kann charmieren, flirten und um den Finger wickeln. Verlässt er jedoch die Aufnahmesituation, fällt ihm das schwer. Und das liegt daran, dass er gar nicht so extrovertiert ist, wie alle meinen. (…)
Der Schauspieler Matthias Brandt kann in einer Rolle aus sich herausgehen. Er überwindet sein Temperament, um zu spielen. Außerhalb des geschützten Raums der Kunst ist er wieder ein zurückhaltender, leiser Mensch. Er sagt: „Aus mir bricht es nicht heraus. Bei anderen tut es das. Bei mir eben nicht.“ (…)
„Ich glaube“, sagt Brandt, „dass es künstlerisch ein sehr interessanter Vorgang ist, wenn man Widerstände überwindet.“ Jedes Mal, wenn er auf die Bühne trete, gebe es einen Moment der Konzentration, bevor er den Mut fasse, aufzutreten.
„Ich gehe dann von innen nach außen“, erzählt der Schauspieler. „Das ist ein ganz wesentlicher Bestandteil der Energie, die dann in meiner Arbeit steckt.“ Ein zurückhaltender Mensch, der sich selbst zum Schauspielern überredet – und so herausragende Leistungen vollbringt.
Ob ich introvertiert oder extrovertiert bin, ist nicht grundsätzlich entscheidend dafür, ob ich ein erfolgreiches Leben führe oder nicht. Allerdings ist es für Introvertierte mit anderen Herausforderungen verbunden, wahrgenommen zu werden – und vor allem sich selbst wahr- und ernst zu nehmen. 6

Jede Persönlichkeit hat viele verschiedene Facetten und Anteile. Ich selbst zum Beispiel bin ein zurückhaltender und introvertierter Mensch. Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, mich mitzuteilen, es macht mir nichts aus, vor vielen Menschen zu reden. Im Gegenteil: je mehr, umso leichter. Ich rede lieber vor 500 als vor 10 Menschen, denn 500 sind eine Masse, 10 haben ein Gesicht. In Vorträgen bin ich lebendig, kreativ und offen – im Einzelkontakt bin ich eher zurückhaltend. Selbst in der Gegenwart vertrauter Menschen höre ich mehr zu, als selbst zu reden (und daraus habe ich sogar einen Beruf gemacht). Die Aufforderung „Jetzt erzähl doch mal was von dir!“ setzt mich unter Stress, ebenso wie die Frage: „Was war denn so los in der letzten Zeit?“ Meine Antworten darauf sind meist kurz, und ich sorge durch eine Gegenfrage dafür, dass mein Gegenüber redet. Das ist auch meine Smalltalk-Methode: Ich erzähle nicht, ich lächle und frage.
Als Kind spielte ich am liebsten allein in meinem Zimmer, las, hörte Musik, sang. Ich war ein unauffälliges Kind. Nach und nach fand ich einen Weg aus meinem Schneckenhaus, und zwar dadurch, dass mich die Leiterin der christlichen Jungschargruppe wahrnahm, mich behutsam förderte und mir nach und nach immer mehr Aufgaben in der Gruppe übergab: Zuerst bat sie mich, den Gesang mit ihr zusammen mit der Gitarre zu begleiten, später gab sie mir Geschichten zum Vorlesen, brachte mir bei, wie man eine Andacht gestaltet, und ermutigte mich ausdauernd, das auch mal vor den anderen Jungscharkindern auszuprobieren … und nach einigen Jahren konnte ich das alles ohne sie.
Irgendwann stellte ich erstaunt fest, dass sich meine Rolle auch außerhalb der Jungschar verändert hatte: Nachdem ich mit 16 Jahren auf eine weiterführende Schule wechselte, war ich, für mich vollkommen unerwartet, Klassensprecherin. Auf die anderen Schüler im Einzelkontakt zuzugehen fiel mir immer noch schwer, und ich war auch niemals einer der „Klassenstars“, aber mein Redetraining hatte sich ausgewirkt – ich konnte mich äußern und wurde als Ratgeberin in vielen Bereichen geschätzt. Heute leite ich als Supervisorin Gruppen, bilde Coaches aus, leite Seminare im Bereich der Sozialpsychiatrie oder in Seniorenheimen. Ich bekomme sehr oft die Rückmeldung, meine Seminare seien unterhaltsam und meine entspannte Art der Gruppenleitung wohltuend und ermutigend. Aus dem Wissen und der Erfahrung heraus, die ich in mehr als 30 Jahren sozialer Arbeit gesammelt habe, kann ich in der Gruppe schnell und angemessen reagieren: Ich weiß ja, das sind meine Aufgabe und meine Rolle, ich bin also darauf vorbereitet. Aber in einer Gruppe fremder Menschen, unter denen ich keine Aufgabe habe, fühle ich mich immer noch nicht wohl. Hier bin ich meist zurückgenommen, reagiere auch viel langsamer und muss länger nach Worten suchen, wenn ich sie brauche.
Ich bin viel unter Menschen, und ich brauche es bis heute jeden Tag, mich zurückzuziehen, denn Erholung finde ich überwiegend im Alleinsein. Ich gehe zum Beispiel während Tagesseminaren nicht zum Essen, sondern mache lieber einen Spaziergang. Ich verbringe während mehrtägiger Seminare die freien Abende nicht mit der Gruppe, sondern allein. Das ist akzeptiert und kein Problem – Kontakt zur Gruppe habe ich trotzdem, denn wenn ich mit ihr arbeite, bin ich ganz präsent und für die Teilnehmer da.
Ich bin verheiratet, und auch hier brauche ich Zeit für mich allein. Spaziergänge tun mir gut, auch das Lesen ist eine Möglichkeit des Rückzugs und der Erholung. Darüber hinaus sind Gebet und Meditation für mich die wichtigsten Orte des Auftankens, in denen ich allein und trotzdem im Kontakt bin und meine Seele zur Ruhe kommt.
Karin Ackermann-Stoletzky

Kapitel 2
Biologische Grundlagen der introvertierten Persönlichkeit: Serotonin vs. Dopamin
Psychologen sind in den vergangenen Jahrzehnten übereingekommen, die Persönlichkeit anhand fünf übergeordneter Eigenschaftsskalen zu beschreiben: den „Big Five“. Auf diesen beruhen die meisten anerkannten Persönlichkeitstests. Demnach unterscheiden sich Menschen vor allem darin, wie extrovertiert oder introvertiert (nach außen oder innen gerichtet), wie neurotisch oder emotional ausgeglichen (unausgeglichen oder ausgeglichen), wie verträglich, wie gewissenhaft und wie offen für Neues sie sind.
In letzter Zeit hat man angefangen, noch zwei wichtige Züge hinzuzufügen: Stabilität und Plastizität. Was ist damit gemeint?
Bei „Stabilität“ geht es um das Ausmaß, in dem wir dazu neigen, uns im Vertrauten zu arrangieren und potenziellen Gefahren aus dem Weg zu gehen. Stabilität vereint die Big-Five-Züge emotionale Ausgeglichenheit, Verträglichkeit, Introversion und Gewissenhaftigkeit in sich. „Plastizität“ betrifft den Grad der Bereitschaft eines Menschen, ungewohnte Wege zu beschreiten und dabei auch Risiken einzugehen. Sie vereint die Big-Five-Züge Extraversion und Offenheit für Neues miteinander.
Man kann sagen: Introvertierte Menschen sind stärker dem Bereich Stabilität zuzuordnen, Extrovertierte dagegen dem der Plastizität.
Diese beiden Grunddimensionen unserer Persönlichkeit werden von Hirnforschern mit zwei grundlegenden „Schaltkreisen des Gehirns“ in Verbindung gebracht. Unser Gehirn arbeitet mit chemischer Hilfe: Informationen werden durch sogenannte Botenstoffe weitergegeben. Jeder Botenstoff ist dabei für bestimmte Funktionen zuständig und steuert unser Gefühl, unser Erleben, unser Denken und unser Verhalten.
Das Merkmal „Stabilität“ ist dabei Ausdruck einer hohen Betriebsamkeit des „Serotoninsystems“ unseres Gehirns. Der Botenstoff Serotonin hebt die Stimmung, wirkt aber auch allgemein im Stoffwechsel, steuert die Darmtätigkeit mit – er ist also ein vielbeschäftigter Botenstoff und wirkt „systemisch“. Dieses System zielt darauf, unser Innenleben stabil zu erhalten. Es erzeugt eine ausgeglichene, entspannte Stimmung, indem es Wut und andere negative Emotionen eindämmt und gleichzeitig dafür sorgt, dass wir nicht zu spontan handeln. Man spricht hier von einer Hemmung des „Reiz-Reaktionssystems“: Ein Reiz trifft mein Gehirn (z. B. mein Gegenüber beleidigt mich) und setzt Ärger in Bewegung. Reagiert mein „Reiz-Reaktionssystem“ ungehemmt, gebe ich dem Impuls nach, den dieses Empfinden auslöst: Ich schreie zurück. Das Serotoninsystem nun steht für Selbst- und Impulskontrolle. Es hilft mir, kurz innezuhalten und eine Entscheidung zu treffen. Es steht auch für Freundlichkeit und Kompromissbereitschaft, für Ordnung und die Sicherheit des Vertrauten.
Das Merkmal „Plastizität“ steht für die Aktivität des „Dopaminsystems“. Man nennt es auch „Belohnungssystem“, und es belohnt alles Neue. Es sorgt dafür, dass der Mensch in seiner Umgebung nach Anregungen Ausschau hält, nach Musik und Kunst, interessanten Gesprächen und Vorträgen, aber auch nach Aufregung, feiern, Sex – dem nächsten „Kick“. Das Belohnungssystem motiviert den Bungeejumper und belohnt ihn mit einem „High“ bis hin zur Euphorie. Das alte Raumschiff-Enterprise-Motto, „dorthin zu gehen, wo noch nie ein Mensch zuvor war“, passt ebenfalls gut dazu. Es geht um das Bedürfnis, die bisherigen Erfahrungen durch neue Erkenntnisse und Anstöße von außen zu erweitern. Es macht das Denken breiter und kreativer – aber nicht unbedingt sorgfältiger. Untersuchungen (zum Beispiel der Universität Liverpool im Jahr 2004) behaupten, bei eher Introvertierten sei dieses Belohnungssystem nicht so aktiv wie bei Extrovertierten, sodass sie auch seltener euphorisch reagierten.
„Keine Aufregung, keine Auswüchse, keine Experimente!“
Konrad Adenauer
Bis vor kurzem war die Theorie, dass zwei grundlegende Motivationssysteme des Gehirns sich auf diese Weise in der Persönlichkeit spiegeln, noch relativ spekulativ. Erhärtet wird sie nun aber von einer Studie eines Teams von Persönlichkeitsforschern der Universitäten von Toronto und Minnesota. Ihnen gelang es zu beweisen, dass sich „Plastizität“ und „Stabilität“ tatsächlich im Verhalten niederschlagen.
Die Forscher Jacob Hirsch, Colin De Young und Jordan Peterson befragten 186 Frauen und 121 Männer aller Alters- und Bildungsschichten. Zunächst machte jede/r einen Persönlichkeitstest, in dem auch die Eigenschaften Plastizität und Stabilität festgestellt wurden. Dazu wurde den Teilnehmern eine lange Liste mit 400 Verhaltensweisen vorgelegt, zum Beispiel „Fütterte einen streunenden Hund“ oder „Stellte bei einem Vortrag Fragen“. Die Versuchspersonen mussten jeweils angeben, wie häufig oder selten sie sich im letzten Jahr so verhalten hatten. Um auch die Außenwahrnehmung miteinzubeziehen, wurden zusätzlich jeweils drei den Teilnehmern nahestehende Personen befragt.
Wie sich herausstellte, hing das Merkmal Plastizität erkennbar mit dem Ausführen und das Merkmal Stabilität mit dem Vermeiden bestimmter Verhaltensweisen zusammen.
Menschen mit hohen Werten auf der Grundachse „Plastizität“ zeigten sich als Menschen voller Tatendrang, Begeisterungsfähigkeit und mit einem hohen Kommunikationsbedürfnis. Sie liebten es, eine Party vorzubereiten, erzählten gerne Witze und Geschichten, hatten eine große Anzahl von Freunden und Bekannten, schrieben gerne Liebesbriefe, besuchten oft Veranstaltungen, gingen gerne aus, fühlten sich häufig positiv gestimmt und zeigten das auch – konnten aber genauso Stunden mit Tagträumereien verbringen. Ein großer Teil von ihnen zeigte Wärme und Humor, sie blickten auf viele Dates, Reisen und Vergnügungen zurück. Die Anzahl der Sexualpartner war deutlich höher als bei ihren „Stabilitätskollegen“. Sie hatten aber auch mehr Alkoholsorgen und machten häufiger Diäten.
Menschen mit einer hohen Ausprägung des Persönlichkeitsmerkmals „Stabilität“ fielen weniger durch ein bestimmtes Verhalten als durch Vermeidung auf. Ganz oben auf der Vermeidungsliste standen Kontrollverlust und ganz allgemein Risiken. Sie verloren selten die Fassung, machten keine Schulden, waren vorsichtig im Umgang mit Suchtmitteln wie z. B. Alkohol, schafften sich kein Motorrad oder andere potenziell gefährliche Geräte an, bei einem Streit flippten sie nicht aus und knallten nicht vor Wut mit Türen. Sie vermieden aber auch angenehme Überschwänglichkeit wie eine Partynacht, eine ausgedehnte Shoppingtour oder auch nur ein Frühstück im Bett. Für ihre Abgeklärtheit wurden sie mit einem ruhigeren Schlaf und seltenen Albträumen belohnt. Menschen von hoher Stabilität erleben weniger Ärger, weniger Nervosität und Gereiztheit, weniger Übergewicht, aber auch: weniger Sex, weniger Heiterkeit und weniger angenehmen Überschwang.
Übrigens sind Stabilität und Plastizität keine Gegensätze, sondern voneinander unabhängige Systeme. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass eine lebhafte Person, die ihre Zeit gerne mit anderen verbringt und Anregungen sucht, gleichzeitig ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit und Behaglichkeit hat. Das kann sich hervorragend ergänzen (dann spricht man von „Stimmigkeit“ – beides passt zu der Person und widerspricht sich nicht). Es kann aber auch zu einem Widerstreit der Bedürfnisse kommen, der dann Stress und innere Konflikte heraufbeschwört.
Dass Stabilität und Plastizität wichtige Teile der Persönlichkeit sind, ist unter Persönlichkeitsforschern inzwischen eine anerkannte Tatsache. Allerdings erklärt jedes Modell nur einen Bruchteil der bunten Vielfalt der Persönlichkeiten. Denn: Jeder Mensch ist einzigartig. Kein Raster wird all den vielen Facetten und Widersprüchen seines Wesens gerecht.7
Introvertiertheit: Angeboren, anerzogen oder selbstgemacht?
Unsere Persönlichkeit wird durch drei Bereiche geformt und beeinflusst:

„Introvertiert: Ruhe ausstrahlen – Zeit für mich und andere nehmen – sich auf das Wesentliche fokussieren – achtsamer mit sich sein – einfach über den Dingen stehen.“
Helga Rohra, Demenzaktivistin
Biologie, Prägung und Selbststeuerung formen meine Persönlichkeit. In der Grafik oben sind alle Bereiche gleich aufgeteilt – das ist in der Realität nicht so. In Wirklichkeit ist der Einfluss der drei Kräfte von Mensch zu Mensch unterschiedlich und verschiebt sich im Laufe des Lebens immer wieder. Der Anteil Schöpfung allerdings ist nachgewiesen stark und bleibt im Laufe unseres Lebens eine stabile Größe: Was mir in die Wiege gelegt wurde, das ist eben da. Ich kann lernen, damit umzugehen, es zu nutzen und zu akzeptieren, aber ich kann in diesem Bereich kein anderer Mensch werden. Ein introvertierter Mensch zu sein ist also weniger eine Sache der Lebensgeschichte, sondern vor allem eine Sache der Biologie (des Geschaffenseins) und, im Laufe unseres Lebens, unserer eigenen Entscheidungen.
Introversion prägt uns also, aber sie legt uns nicht fest.
Ein in seiner Veranlagung eher extrovertierter Mensch kann trotzdem durch Erfahrungen, Prägungen und Entscheidungen dahin kommen, sich introvertiert zu verhalten – und umgekehrt. Dazu ist zum Beispiel die Kultur, in der ich aufwachse, mitentscheidend. Ein in China aufwachsender „Extro“ wird sich wahrscheinlich anders entwickeln als einer in den USA. „Da sich unser Gehirn nach der Geburt noch stark weiterentwickelt, haben auch die Umgebung und die Kultur einen großen Einfluss auf die Ausprägung der Introvertiertheit“, sagt Dr. Sylvia Löhken, die eins der ersten deutschen Bücher zum Thema geschrieben hat.8
Im Laufe eines Lebens gibt es aber nicht nur Prägungseinflüsse und Genetik, auf die ich ja eigentlich nur reagieren kann. Ich selbst nehme ebenfalls Einfluss auf mich: durch meine Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen, durch die Sicht auf mich selbst, durch die Wünsche und Ziele, die ich anstrebe. Ich präge mich selbst.
„Der freie Wille gibt uns den Spielraum, die genetisch geprägte und kulturell gefärbte Persönlichkeit zu variieren, wenn ein Thema uns besonders am Herzen liegt“, schreibt Dr. Sylvia Löhken. Das bedeutet: Es ist möglich, als eher extrovertiert geschaffener Mensch durch die Reaktion auf die eigene Geschichte (das wäre dann Prägung), aber auch durch Entscheidungen und Training die introvertierten Anteile der Persönlichkeit zu stärken (das wäre Selbststeuerung). Genauso kann ein Introvertierter lernen, sich wie ein Extrovertierter zu verhalten. Trotzdem bleibt in beiden Fällen mein „Geschaffensein“ stabil. Und in der Regel werde ich für diese erlernten Verhaltensweisen mehr Energie aufwenden müssen als sonst.
Heute ist sehr gut nachgewiesen, dass Intro- bzw. Extrovertiertheit als Charakterzug einen sehr hohen biologischen Anteil hat. Man könnte sogar sagen: Introvertiertheit ist eine uns angeborene und über die Lebensspanne recht stabile Eigenschaft, die nicht nur mit Charakter, sondern unter anderem mit einer typischen Reizverarbeitung im Gehirn einhergeht.
„Das Maß an Stimulation, das Extrovertierte als anregend empfinden, kann für Introvertierte überwältigend oder störend sein.“
Colin De Young, Psychologin
In verschiedenen Studien wurde bei introvertierten Personen eine höhere Hirnaktivität festgestellt – unabhängig davon, ob sie arbeiteten oder sich ausruhten. Möglicherweise dient diesen Menschen die Wendung nach innen als eine Art Schutzwall gegen zu viele Reize.
Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau, aber meine ehemalige Jungscharleiterin erzählt folgende Geschichte:

Da wurde ein junges Mädchen mit in die Gruppe gebracht. Eine andere Gruppenteilnehmerin hatte sie eingeladen, und so saß die etwas übergewichtige, dunkelhaarige Teilnehmerin jetzt in der Gruppe und tat keinen Mucks. Bei der Begrüßung sah sie nicht auf und nuschelte nur sehr leise ihren Namen (Monika?) in Richtung des Fußbodens. Sie sang nicht mit, aber die Andacht schien sie aufmerksam zu verfolgen, ihr Blick hing regelrecht am Mund der Jungscharleiterin. Ansonsten schien sie gut darin, sich fast unsichtbar zu machen. Selbst ihre Bewegungen wirkten zurückgenommen. Sie zog die Schultern hoch, als erwarte sie einen Schlag. Aber das störte keinen, und im Schlepptau ihrer energischen Freundin kam sie ab da regelmäßig zur Gruppe.
In der 5. Stunde wirkte sie schon etwas lockerer, sang leise mit, und man konnte erahnen, dass sie eine schöne Stimme hatte. Sie lächelte sogar zurück, als die Jungscharleiterin sie anlächelte, und nickte, als sie gefragt wurde, ob sie sich wohlfühle.
Aber vielleicht hätte man sie in dieser Gruppe trotzdem noch jahrelang Monika genannt, wenn ihre Freundin sie nicht in der 5. oder 6. Stunde energisch in die Seite geknufft und gesagt hätte: „Verflixt, Karin, nun sag endlich, dass du gar nicht Monika heißt! Wenn du auch immer so flüsterst, da versteht dich ja kein Mensch. Jetzt bist du hier doch schon zu Hause!“ Und ich, denn ich war dieses Kind, soll (wieder mal sehr leise) geantwortet haben: „Ist doch egal, wie man mich nennt. Ich weiß ja, dass ich gemeint bin“.
Das war vor 40 Jahren. Inzwischen sehe ich die Menschen an, wenn ich mit ihnen spreche. Ich rede zwar immer noch relativ leise, aber meine Sprache ist lebendig und farbig. Ich rede im Gegensatz zu früher bewegt und manchmal sogar zu schnell. Das habe ich beim Erzählen unzähliger Geschichten in Kinderstunden und Jungscharen gelernt, in denen ich irgendwann mitzuarbeiten begann. Dabei kam mir meine Liebe zu Büchern sehr zugute, und die Bestätigung durch meine ZuhörerInnen ermutigte mich, dass ich es wert bin, gehört zu werden.
Ich habe Kommunikation später sogar zu meinem Beruf gemacht. Aber in mir gibt es auch immer noch das Mädchen von damals, das kommt mit in jede neue Situation. Heute wird es von einer Erwachsenen begleitet, die es liebevoll und mit Verständnis an die Hand nimmt (und das bin auch wieder ich selbst). Schizophren? Nein, normal.
Karin Ackermann-Stoletzky
Das introvertierte Gehirn
Wir alle haben viele unterschiedliche Stimmen in uns, Gefühle, Erfahrungen, Charakterzüge. Ist das nun Produkt unserer Erziehung, oder ist uns unsere Art in die Wiege gelegt? Die Antwortet lautet: Ja, beides.
Unterschiede zwischen introvertierten und extrovertierten Menschen zeigen sich nicht nur in unterschiedlichen Verhaltensweisen und Vorlieben, sie sind bis in Hirnfunktionen hinein nachweisbar, wie ich schon im vorhergehenden Kapitel beschrieben habe.
In einer Testreihe wurden Menschen zuerst einem Persönlichkeitstest unterzogen, danach wurden ihre Hirnströme untersucht. Im Gehirn vieler im Test als introvertiert eingestufter Teilnehmer wurde dabei entdeckt, dass ihre Gehirne, egal, ob sie arbeiteten oder ruhten, eine höhere elektrische Aktivität aufwiesen als die der anderen Probanden.
Das Gehirn eines introvertierten Menschen ist also anscheinend auch dann stärker stimuliert, wenn es keine Reize von außen bekommt. Wegen dieser von Natur aus höheren Gehirnaktivität haben die Stillen offenbar ein stärkeres Bedürfnis, sich gegen Reizüberflutung abzuschirmen. Deshalb gelten introvertierte Menschen auch als besonders sensibel. Zu viele Reize sind für Introvertierte also schlechter zu verkraften als für Extrovertierte, und das gilt nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Tatsächlich lässt sich belegen, dass auch das Immunsystem von Introvertierten sensibler auf Stressbelastung und Reizüberflutung reagiert als das von Extrovertierten. Das macht sie, wie AIDS-Forscher 2003 herausfanden, anfälliger für Infektionskrankheiten aller Art und lässt chronische Erkrankungen bei ihnen heftiger verlaufen.
Die Erforschung dieser Zusammenhänge der Reizverarbeitung im Gehirn geht vor allem auf Erkenntnisse des Psychologen Jerome Kagan zurück, der an der Harvard-Universität Experimente zu diesem Thema an rund 500 Säuglingen im Alter von vier Monaten durchführte. Er konfrontierte die Babys mit ganz unterschiedlichen Reizen: mit sich schwingenden, bunten Mobiles (Bewegungsreiz), zerplatzenden Luftballons (Geräuschereiz) oder mit starken Geruchseindrücken, zum Beispiel mit Alkohol betupften Wattestäbchen.
20 Prozent der Säuglinge reagierten besonders stark auf die für sie neuen, ungewohnten Situationen. Sie bewegten sich und strampelten stark, weinten, drückten angespannt den Rücken durch, ballten die Händchen zu Fäusten. 40 Prozent reagierten gelassen, der Rest der Babys bewegte sich zwischen diesen beiden Extremen.
Nach vielen Jahren wurden alle inzwischen herangewachsenen Kinder wieder ins Labor gebeten. Bei den durchgeführten Tests machte Kagan eine auffällige Entdeckung: Wer als Kind heftig auf Reize reagiert hatte, war als Erwachsener ein eher introvertierter Charakter (diese Langzeitstudie wird übrigens bis heute fortgesetzt, um zu erforschen, wie sich Reizverarbeitung und Charakterbildung im Laufe eines Lebens entwickeln und verändern). Es ist also gerade nicht so, dass ein introvertierter Mensch phlegmatisch und stoisch in sich ruht, im Gegenteil: Er zieht sich zurück, um sich nicht zu sehr mit Außenreizen zu überfordern.
Um sich wohlzufühlen, um optimal zu funktionieren, braucht das introvertierte Gehirn Ruhe.
Bei Extrovertierten ist es genau umgekehrt: Damit das Gehirn in seinen „Wohlfühlzustand“ kommt und optimal funktioniert, braucht es Anregungen von außen: Musik, Gespräche, Bewegung.
Der Psychologieprofessor Colin De Young von der Universität von Minnesota führte ausführliche Experimente an Studenten durch. Sein Ergebnis: „Das Ausmaß an Reizen, die Extrovertierte als angenehm empfinden, kann Introvertierte überwältigen.“ Seinen Forschungen zufolge lernen Introvertierte deshalb am besten in ruhiger Umgebung (maximal 65 Dezibel); Extrovertierte konnten sich besser konzentrieren, wenn es lauter war (um die 85 Dezibel).
Eine Studie der Universität North Carolina belegt, dass Introvertierte im Vergleich zu Extrovertierten ein deutlich erhöhtes Depressionsrisiko aufweisen. Ganz vorne auf der Skala fanden sich dabei übrigens die „männlichen sensiblen Macher“. Eine andere Studie derselben Universität stellte fest, dass im Falle einer Depression bei Introvertierten auch ein höheres Suizidrisiko besteht als bei Extrovertierten, wahrscheinlich, weil sie sich in schwierigen Situationen eher zurückziehen. Wenn man bedenkt, dass sie ihre Batterien im Alleinsein aufladen, ist das ganz nachvollziehbar. Wenn es aber nicht gelingt, eine Lösung zu finden, und durch den Rückzug Hilfe von außen verhindert wird, ergibt sich eine Abwärtsspirale, die irgendwann kaum noch aufzuhalten ist. Unter Umständen kann sich daraus eine – gefühlte oder tatsächliche – totale Isolation ergeben, in der Gefühle von Niedergeschlagenheit und Ausweglosigkeit ins Unendliche wachsen. Das Suizidrisiko betrifft anscheinend besonders introvertiert-spontane Persönlichkeitstypen, die ihre inneren Blockaden manchmal durch plötzliche Handlungen durchbrechen.
Dass introvertierte Menschen ein höheres Depressionsrisiko haben, scheint nachvollziehbar: Wer eher nach innen als nach außen gerichtet ist, wer Dingen auf den Grund zu gehen versucht und immer bereit ist, alles in seinem Leben zu hinterfragen, der ruft eben nicht nur Endorphine (die Glücksbotenstoffe des Körpers) auf. Etwas plakativ ausgedrückt: Eine Depression entwickelt man vermutlich eher, wenn man allein über den Sinn des Lebens nachgrübelt, als wenn man mit anderen unterwegs ist. Letzteres lenkt einen von den großen Fragen des Lebens (und den häufig darauf fehlenden Antworten) sowie den negativen Seiten der Welt eher ab, während Ersteres die Gedanken auf all das richtet, was das Leben schwierig und unwägbar macht.
Sind Introvertierte schüchtern?
Nein. Schüchternheit hat mit Angst zu tun: Angst vor der Beurteilung anderer, Angst aufgrund negativer Erfahrungen, Angst durch fehlende Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen. Solche Ängste kann jeder Mensch entwickeln, egal, ob er eher ex- oder eher introvertiert ist. Es gibt also sehr viele, auch in Sozialkontakten selbstbewusste Introvertierte, die einfach nur gern für sich sind, sich anderen zuwenden und allein sein können, für die Reden kein Selbstzweck und „etwas erleben“ genauso gut ein schöner Nachmittag mit einem Buch sein kann wie für andere Menschen ein Ausflug mit Freunden.
Sind Introvertierte hypersensibel?
Wie schon beschrieben wurde, haben introvertierte Menschen ein Gehirn, das sensibel auf Reize reagiert, weil es auch im Ruhezustand schon aktiv ist und deshalb von zu vielen zusätzlichen Außenreizen überflutet wird. Das ist auch bei hypersensiblen Menschen so. Laut der Psychologin Elaine Aron sind ca. 70 % hochsensible Persönlichkeiten auch introvertiert und 30 % eher extrovertiert.9

Kapitel 3
Erkenne dich selbst, oder: Bin ich eigentlich introvertiert?
Ein stiller Mensch zu sein ist keine Behinderung, sondern eine Kraft.
Diese Kraft muss aber gepflegt werden, und dabei helfen drei Dinge:
1. Ich lerne, wohlwollend und achtungsvoll mit mir selbst umzugehen. Ich lerne mich selbst kennen – und zu erkennen, was ich brauche und wie ich meiner Art entsprechend leben will.
2. Ich übe, auch nach außen dazu zu stehen, wie ich eben „ticke“.
3. Ich lerne, mit meiner Energie achtsam umzugehen und meine inneren Batterien regelmäßig aufzuladen, um dann im richtigen Augenblick meine Stärken einsetzen zu können.
Der erste Schritt besteht also darin, sich selbst zu (er)kennen.
Wo würden Sie sich spontan und intuitiv auf der Skala zwischen „introvertiert“ und „extrovertiert“ einordnen?
| Introvertiert | Extrovertiert |
Es gibt viele Eigenschaften, die dem Bereich der Introvertiertheit zuzuordnen sind. Viele davon gehören in den Stärkenbereich, einige sind eher herausfordernd.
Kein Mensch besitzt alle Eigenschaften, und auch ein extrovertierter Mensch hat Anteile, die in den Gegenbereich einzuordnen sind – eben nur weniger und in anderer Kombination.
Neben Intro- und Extroversion gibt es außerdem weitere Persönlichkeitsmerkmale, die das Verhalten eines Menschen bestimmen. Ob ich zum Beispiel ein kreativer und eher etwas „wuseliger“ oder ein sehr strukturierter, geordneter Introvertierter bin, macht einen sehr großen Unterschied.
Im Folgenden habe ich verschiedene Merkmale introvertierter Menschen gesammelt. Wo finden Sie sich wieder? Welche würden Sie noch ergänzen?

REFLEXION:
Merkmale introvertierter Menschen
Auf den folgenden Seiten sind viele Merkmale aufgeführt, die bei introvertierten Menschen häufiger zu finden sind. Nehmen Sie einen Stift zur Hand, und kreuzen Sie alles an, worin Sie sich wiederfinden. Niemand wird alles ankreuzen, einige Aussagen passen sicher auch gar nicht zu Ihnen. Die Liste dient einfach nur zur Selbstreflexion, sie ist kein Test und schon gar keine Festlegung, nur eine Reflexionshilfe.
◆ Für Introvertierte ist Reden kein Wert an sich. Sie denken nach, bevor sie sprechen. Deshalb sind ihre Beiträge seltener, aber oft auch substanzieller als die der Extrovertierten.
◆ Oft haben introvertierte Menschen in der Gegenwart anderer Probleme, das Gegenüber und sich selbst gleichzeitig richtig wahrzunehmen. Manchmal sind sie mit den Eindrücken, die sie vom anderen aufnehmen, so beschäftigt, dass sie zu ihren eigenen Eindrücke und Gefühlen den Kontakt verlieren.
◆ Manchmal sind Introvertierte so sehr mit ihren Gedanken darüber, was der andere denkt, fühlt, will oder erwartet, beschäftigt, dass sie ihr Gegenüber nur noch durch die Brille ihrer Befürchtungen betrachten.
◆ In einer Ruhesituation ist ein introvertierter Mensch ein besonders guter Zuhörer, der mit hoher Aufmerksamkeit und Interesse ein Gespräch verfolgt.
◆ Man kann die Introvertierten in Gesprächen manchmal daran erkennen, dass sie während des Sprechens den Augenkontakt vermeiden. Sie sehen dann sozusagen „nach innen“, konzentrieren sich stark auf ihre Worte.
◆ Beim Zuhören jedoch fixieren sie ihr Gegenüber intensiv, um ja kein Detail zu verpassen.
◆ Die Außenwirkung introvertierter Menschen kann sehr unterschiedlich sein. Durch die hohe Aufmerksamkeit, die sie beim Zuhören entwickeln, werden viele als warm und zugewandt wahrgenommen.
◆ Genauso viele Introvertierte haben aber auch die genau gegensätzliche Ausstrahlung: Andere erleben sie nicht nur als zurückhaltend, sondern sogar als abweisend oder arrogant.
◆ Um die Begabungen eines Introvertierten sichtbar werden zu lassen, braucht es oft einen entsprechenden Rahmen und eine von außen akzeptierte Rolle. Einer meiner früheren Chefs beschrieb das einmal so: „Sie haben mehr im Lager als im Schaufenster. Selbstdarstellung ist nicht Ihre größte Stärke! Wenn man Ihre Fähigkeiten richtig einschätzen will, muss man ganz genau hinsehen, dann ist man erstaunt, was Sie auf die Beine stellen!“
◆ Brainstorming, offenes Gruppengespräch? Das sind nur dann Methoden für Introvertierte, wenn sie ein sehr hohes Interesse am Thema und einen klaren Beteiligungsauftrag haben.
◆ Bei Themen, in denen sie sich sehr gut auskennen, reden auch Introvertierte viel und können sogar ins Dozieren geraten.
◆ Introvertierte sind gute Beobachter. Sie bemerken oft Vorgänge oder Stimmungen, die anderen entgehen.
◆ Introvertierte entdecken eher Fehler als andere Menschen. Und weil ein introvertierter Mensch nur spricht, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hat (und die Mitteilung „Das sehe ich auch so“ nicht als wichtig gewertet wird), wird er manchmal als „Nörgler“ wahrgenommen.
◆ Viele Introvertierte strahlen Ruhe aus. In turbulenten Zeiten werden sie weniger hektisch und treffen weiterhin bedachte Entscheidungen.
◆ Manche Introvertierte wirken scheu.
◆ Manche Introvertierte wirken arrogant.
◆ Introvertierte wenden sich eher ihrem Innenleben zu als externen Dingen. Daher sind ihnen Statussymbole weniger wichtig.
◆ Introvertierte können auch in Krisensituationen nicht aus sich heraus. Das kann auf andere beruhigend, aber auch unbeteiligt oder gleichgültig wirken.
◆ Introvertierte gibt es mit und ohne hohe „Ordnungsanteile“ in ihrer Persönlichkeit. Die Ordnungstypen unter ihnen sind sehr gewissenhaft und verantwortungsbewusst. Ihnen ist es wichtig, eine Aufgabe korrekt zu erledigen und Fehler zu vermeiden.
◆ Introvertierte mit hohem Kreativanteil reagieren mehr aus dem Bauch heraus, verarbeiten Informationen intuitiv und können gut improvisieren.
◆ Introvertierte bringen andere Menschen nicht in unangenehme Situationen. Wenn es sich doch nicht vermeiden lässt, leiden sie unter Schuldgefühlen.
◆ Viele Introvertierte verbringen viel Zeit mit Büchern, denn Lesen ist für sie eine gute Möglichkeit, um Energie zu tanken und ihren Geist zu beschäftigen.
◆ Die meisten Introvertierten wissen wenigstens über einige Bereiche ungewöhnlich gut Bescheid. Die meisten verfügen über ein gutes Allgemeinwissen. Wenn sie sich für ein Thema interessieren, beschäftigen sie sich stark damit und sammeln Wissen.
◆ Introvertierte reflektieren gern, sie denken über neue Erlebnisse und neues Wissen intensiv nach, um es zu verarbeiten.
◆ Introvertierte antworten mit Bedacht und fundiert, wenn man sie fragt und ihnen Zeit gibt.
◆ Introvertierte nehmen die Dinge nicht einfach so hin. Anstatt Informationen einfach abzuspeichern, hinterfragen sie die Bedeutung. Das trifft auch auf ganz einfache Alltagssituationen zu.
◆ Introvertierte nehmen viele Stimmungen um sich herum auf und sind mitfühlend. Die Stimmung anderer Leute kann sie berühren und in der eigenen Stimmungslage beeinflussen.
◆ Introvertierte sind oft verständnisvoll. Aus der Beobachterrolle ihres Lebens heraus nehmen sie die Beweggründe der Menschen um sich herum gut wahr und werten wenig.
◆ Introvertierte werden häufig um Rat gefragt. Wenn es ihnen auch nicht liegt, auf andere Menschen zuzugehen, werden sie durch ihr bedachtes Auftreten und ihr tiefes Wissen oft von anderen Menschen konsultiert. Introvertierte sind besonders häufig in beratenden Berufen tätig.
◆ Introvertierte stehen nicht gern im Mittelpunkt und neigen somit auch nicht zu Übertreibungen.
◆ Introvertierte haben sehr oft eine reiche Phantasie und sind kreativ. Unter Beobachtung können sie diese Stärke nicht ausspielen, aber wenn sie allein sind mit ihren Gedanken, ist das anders. Viele Künstler sind introvertiert.
◆ Introvertierte erkennen schon frühzeitig mögliche Probleme. Dadurch wirken sie manchmal pessimistisch.
◆ Introvertierte versuchen, vorauszuschauen und zu viele Überraschungen in ihrem Leben zu vermeiden. Das funktioniert am besten mit viel Planung.
◆ Introvertierte sind gut vorbereitet, wenn sie sich präsentieren müssen. Informationen werden sehr gut verinnerlicht, bevor sie weitergegeben werden, Vorträge sind akribisch vorbereitet, um Überraschungen möglichst zu vermeiden.
◆ Viele Introvertierte funktionieren besser, wenn ihr Umfeld überschaubar bleibt. Also nicht zu viel Chaos, bitte.
◆ Introvertierte wollen sich weiterentwickeln. Sie sehen oft, was sie alles nicht wissen, und weniger, wie viel sie schon wissen und können. Diese Weiterentwicklung erreichen sie vor allem durch Lesen (heutzutage auch durch Internetrecherche) und Reflexion – aber auch durch neue Erlebnisse in einem für sie erträglichen Umfang. So befinden sich viele introvertierte Menschen in kontinuierlicher Weiterbildung.
◆ Introvertierte gehen eher davon aus, dass andere Menschen gute Absichten verfolgen.
◆ Introvertierte sind als Führungskräfte gut geeignet. Sie können Teams sogar besser führen als viele andere, weil es nicht ihr Ziel ist, selbst im Mittelpunkt zu stehen, und weil sie gewohnt sind, durch langfristige Zielentwicklung und vorausschauende Planung Entwicklungen zu steuern.
◆ Introvertierte sind selten gelangweilt. Auch wenn es so aussieht, als würden sie nichts tun, sind sie mit ihren eigenen Gedanken gut beschäftigt.
◆ Introvertierte sind geduldig und ausdauernd. Sie widmen sich Problemstellungen deutlich länger als ihre Mitmenschen und kommen so oft zu überraschenden Lösungen.
◆ Introvertierte gehen weniger Risiken ein, die sie nicht einschätzen können.
◆ Introvertierte sind ungern von anderen Menschen abhängig.
◆ Introvertierte sind offen für Ideen. Sie hören bei Vorschlägen ihrer Mitmenschen besser zu und beschäftigen sich mit neuen Ideen und Lösungsvorschlägen anderer.
◆ Introvertierte können sich tief konzentrieren. Wenn sie an einer Problemstellung arbeiten, können sie sich in diese vertiefen.
◆ Introvertierte möchten das bestmögliche Ergebnis abliefern. Sie neigen zum Perfektionismus.
◆ Introvertierte sind nachdenklich. Sie denken über neue Einflüsse von außen intensiv nach – „verheddern“ sich aber hin und wieder in ihren Gedanken und neigen dann zum Grübeln.
◆ Introvertierte haben keinen riesigen Freundeskreis, aber sie legen großen Wert auf enge Freundschaften. Sie sind treu. Qualität geht vor Quantität.
◆ Introvertierte nehmen das Leben oft nicht so leicht wie Extrovertierte, sondern versuchen, den Sinn zu ergründen und zu interpretieren.
◆ Introvertierte können durch zu viele Außenreize überwältigt werden. Dann reagieren sie manchmal mit starkem Rückzug, sie können aber auch gereizt und abweisend reagieren.
◆ Viele Introvertierte sind analytische Denker. Durch die größere Distanz, die sie zu ihrer Umwelt herstellen, können sie die Dinge mit Abstand analysieren und beurteilen.
◆ Wenn Introvertierte das Gefühl haben, einem anderen Menschen Umstände zu bereiten oder ihn falsch behandelt zu haben, leiden sie schnell unter einem schlechten Gewissen und beschäftigen sich lange damit.
◆ Introvertierte sind gern allein. Sie sind auch gern unter wenigen Menschen.
◆ Viele Introvertierte finden in der Natur Ruhe.
◆ Introvertierte arbeiten gerne konzentriert und ohne Unterbrechung.
◆ Introvertierte versuchen oft, der Aufmerksamkeit durch andere auszuweichen. Im Mittelpunkt zu stehen wird als unangenehm erlebt.
◆ Viele Introvertierte beschäftigen sich mit Kunst und Musik.
◆ Da sie sich ihrem Umfeld nur wenig mitteilen, wirken viele Introvertierte auf andere Menschen „geheimnisvoll“.
◆ Viele Introvertierte sind gehemmt. Besonders, wenn Öffnung gefordert wird, sind sie wie blockiert.
◆ Introvertierte können schnell überstimuliert werden. In einer rasanten Welt sind Introvertierte erschöpft und überfordert, wenn sie gegen ihre Natur leben.
◆ Introvertierte brauchen bei viel Kontakt mit anderen mehr Pausen.
◆ Viele Introvertierte reden langsamer, manchmal mit Denkpausen.
◆ Introvertierte drücken sich lieber schriftlich aus als mündlich. Besonders das Telefonieren empfinden viele als anstrengend. Dafür schätzen sie E-Mails umso mehr.
◆ Introvertierte mögen keinen Smalltalk und sind darin auch nicht besonders gut.
◆ Introvertierte fallen anderen Menschen nicht ins Wort.
◆ Introvertierte brauchen für Entscheidungen oft sehr lange, weil sie immer wieder alle Möglichkeiten abwägen und Angst haben, eine falsche Entscheidung zu treffen.
◆ Introvertierte sind nicht besonders spontan. Sie beobachten lieber erst andere, bevor sie selbst aktiv werden.
◆ Mimik und Gestik Introvertierter sind für andere Menschen oft sehr schwer zu lesen. Ihre zurückhaltende Mimik wird oft als abweisend oder sogar arrogant interpretiert.
◆ Introvertierte lächeln weniger. Sie sind nach innen gerichtet und laden die Außenwelt daher mit ihrem Gesichtsausdruck nicht zu Reaktionen ein. Das geschieht unbewusst und heißt nicht, dass sie weniger glücklich sind.
◆ Introvertierte gehen nicht aus sich heraus, weil sie in einigen Situationen gehemmt sind.
◆ Introvertierte verbrauchen in Kontakten Energie. Sie leeren in Sozialkontakten ihre „Akkus“ und müssen sie erst wieder aufladen, bevor sie sich erneut auf andere einlassen können. Dann sind sie wieder fähig und willens, sich der Geselligkeit und dem Smalltalk der Extrovertierten auszusetzen.
◆ Introvertierte Menschen lernen und arbeiten besser in einer akustisch und optisch ruhigen Umgebung.
Und wo finden Sie sich wieder und wo nicht? Würden Sie nach der Lektüre der Liste Ihr Kreuz auf der „Intro-Extro-Skala“ wieder an der gleichen Stelle machen wie vorher, oder hat sich etwas verändert?
| Introvertiert | Extrovertiert |
Also: Sie sind überwiegend introvertiert? Wunderbar! Sie haben viele Stärken und Begabungen, Sie haben Ihre ganz eigene Art, die Welt und die Menschen zu sehen. Sie dürfen so leben, wie es zu Ihnen und Ihrer Art passt, damit Sie Ihren Platz in der Welt selbstbewusst einnehmen können.

ÜBUNG:
Mein Stärkenprofil
Bitte schreiben Sie spontan 7 Eigenschaften auf, die zu Ihren Stärken gehören:
1. _________________________________
2. _________________________________
3. _________________________________
4. _________________________________
5. _________________________________
6. _________________________________
7. _________________________________
(Bitten Sie auch einen Ihnen nahestehenden Menschen, 7 Ihrer Stärken aufzuschreiben, und vergleichen Sie die Liste. Haben Sie die gleichen Attribute genannt?)
Welche Situationen fallen Ihnen ein, in denen diese Stärken Ihnen geholfen haben?
1. _________________________________
2. _________________________________
3. _________________________________
Wenn Sie sich Ihre Liste ansehen: Was davon betrachten Sie als Ihre drei größten Stärken, und warum? In welchen Situationen können Sie Ihre Stärken besonders gut nutzen?
Z.B.: Meine Stärke ist die Fähigkeit, sehr intensiv und zugewandt zuzuhören.
Begründung: Das wird mir oft zurückgemeldet, und ich merke auch, dass ich das Bedürfnis habe zu verstehen. Ich kann mich gut in andere Menschen hineinversetzen und höre nicht nur mit den Ohren, sondern mit allen Sinnen zu.
Situation / Wann kann ich diese Stärke besonders gut nutzen? Wenn ich mich selbst nicht unter Druck setze, etwas sagen zu müssen. In einer ruhigen und entspannten Atmosphäre.
Die Top-3-Liste meiner Stärken:
Nr. 1 _________________________________
Begründung: _________________________________
Situation: _________________________________
Nr. 2 _________________________________
Begründung: _________________________________
Situation: _________________________________
Nr. 3 _________________________________
Begründung: _________________________________
Situation:_________________________________
Eine Geschichte erzählt von einem Missionar, der schon viele Jahre in einem fernen Land lebte und arbeitete. Jetzt war er an einem Punkt seines Lebens angelangt, der ihn fast zerriss: Er kämpfte mit Schwächen und inneren Problemen, die ihn zu ersticken drohten. Endlich, schon sehr erschöpft, vertraute er sich einem alten Mitglied seiner Gemeinde an. „Was soll ich tun? Hast du einen Rat für mich?“, fragte er verzweifelt. Der alte Mann sah ihn lange an, dann nahm er seine Hand, blickte ihm in die Augen und sagte: „Im Herzen jedes Menschen kämpfen gegensätzliche Kräfte miteinander, so wie ein weißer und ein schwarzer Hund gehen sie aufeinander los, und wir haben das Gefühl, diesen Kampf hilflos zu beobachten.“ „Ja, so fühle ich mich“, nickte der Missionar. „Aber sag mir, was kann ich tun?“
Unser Stärkenbereich ist der Bereich unseres Lebens, in dem wir uns leicht und mit geringerem Kraftaufwand bewegen können. Es ist wichtiger, diesen Bereich zu kennen und zu nutzen, als immer nur mit den eigenen Schwächen zu kämpfen!
„Die Frage ist nicht, wie du den schwarzen Hund besiegst“, sagte der alte Mann, „die Frage ist, welchen Hund du fütterst.“

ÜBUNG:
Welche Ihrer Eigenschaften empfinden Sie an sich selbst als anstrengend?
1. _________________________________
2. _________________________________
3. _________________________________
Warum? Hängt das zum Beispiel mit Ihrem eigenen Empfinden zusammen, oder strengt Sie eher die Reaktion Ihrer Umwelt an?
_________________________________
Denken Sie an eine Situation, in der Sie mit Ihrer „anstrengenden Eigenschaft“ gut umgehen konnten. Was hat dazu beigetragen? Was haben Sie getan oder auch nicht getan?
_________________________________
Wie könnten Sie beim nächsten Mal „den weißen Hund füttern“, Ihre Stärken nutzen?
_________________________________
In welchen Situationen/unter welchen Umständen ist das Problem kein Problem, sondern sogar etwas Positives? Wann ist es sogar hilfreich, zu sein, wie Sie sind?
_________________________________
Was wäre, wenn viele dieser für Sie „anstrengenden“ Eigenschaften einfach nur „normal“ sind? Es eben Ihre Art zu denken, zu fühlen, zu handeln ist, die Sie nicht verändern, sondern verstehen lernen müssen? Vielleicht sogar „lieben“ lernen müssen?
„Liebe mich, wenn ich es nicht verdiene, denn dann brauche ich es am meisten.“
Verfasser unbekannt
Manch introvertierter Mensch hat im Laufe seines Lebens den Eindruck gewonnen, irgendwie „nicht richtig“ zu sein, vielleicht sogar weniger liebenswert als andere Menschen, denen es so viel leichter gelingt, dass man sie mag. Wie gut, wenn sie Menschen um sich haben, die sie „brutto“ lieben und die ihre Art zu kommunizieren sogar schätzen.
Sie sagt nicht viel
Sie soll, so sagt man, wortkarg sein.
Das hat mich nie gekränkt;
denn wenn sie redet, sagt sie,
was sie wirklich denkt.
Auf manchen Festen kommt es vor,
dass sie kein Wort verliert
und all die vielen Schwätzer
dadurch irritiert.
Sie wirkt nach außen so verschlossen.
Manch einer hält sie für verdrossen,
doch ich weiß, sie ist vergnügt:
Der erste Eindruck trügt.
Sie soll, so sagt man, wortkarg sein.
Das hat mich nie gekränkt:
Denn wenn sie redet, sagt sie,
was sie wirklich denkt.
Und dass sie gern schweigt,
heißt nicht, dass sie still ist.
Sie spricht eine Sprache,
die ich allein versteh‘.
Wie viel sagt ihr Lächeln,
ihr Blick spricht oft Bände,
das Spiel ihrer Hände
ersetzt das ABC.
Herman van Veen (1979)
Deutscher Text: Thomas Woitkewitsch

REFLEXION:
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.