Kitabı oku: «Die Kraft der Kontemplation», sayfa 3
Wenn ich „ja“ sage, dann sollte es sich stimmig anfühlen
Mit dieser Vorstellung beginnt es schwierig zu werden, wenn man erfährt, dass das „Ja“ nicht stimmig ist und sich innerlich etwas dagegen spreizt. Gleichzeitig will man kein „Nein“ sagen, sei es, weil man dies als ein „Nein“ gegenüber Gott interpretiert oder ein „Ja“ als Kriterium ansieht, um auf dem meditativen Weg weiter voranzuschreiten. Tatsächlich ist es jedoch nicht ausschlaggebend, ob man das „Ja“ als stimmig erfährt. Man kann den meditativen Weg und seinen Weg zu Gott ebenso mit einem „Nein“ fortsetzen, wenn ein „Nein“ mit meiner augenblicklichen Realität eher übereinstimmt. In diesem Fall spricht man das „Nein“ in der gleichen achtsamen Weise in die Hände wie das „Ja“. Franz Jalics ermutigt in diesem Fall mit einem anschaulichen Bild dazu, ein „Nein“ zu sagen: Man solle sich vorstellen, eine Straßenbahn sei voller „Neins“. Nun kommt das „Ja“ und will in die Straßenbahn einsteigen. Aufgrund der vielen „Neins“ gelingt es dem „Ja“ aber nicht. Das „Ja“ muss zuerst warten, bis alle „Neins“ ausgestiegen sind. Dann kann es ungehindert einsteigen.11 In den Meditationskursen habe ich immer wieder erfahren, als wie befreiend es erlebt wird, sich, wenn als innerer Impuls ein „Nein“ aufsteigt, zu erlauben, dieses „Nein“ in die Hände zu sagen, ohne darüber zu urteilen bzw. beurteilt zu werden. In der Regel konnten die Teilnehmenden mit dem Bedürfnis, ein „Nein“ zu sagen, einen Zusammenhang mit Situationen aus ihrem Leben sehen.
4.Der Name Mariens 12
Bei den Einführungskursen in die Meditation beginnt man zunächst mit dem „Ja“ zu meditieren. Erst nachdem der Meditierende einige Erfahrungen mit dem „Ja“ in Verbindung mit der Wahrnehmung der Hände gesammelt hat, leitet man dazu an, mit dem Namen Mariens bzw. dem Namen Jesu zu meditieren. Für alle, die mit der Meditation beginnen, ist es zu empfehlen, diese schrittweise Hinführung zum Namen beizubehalten.
In Maria, der Mutter Jesu, sind die kontemplativen Grundhaltungen lebendig. Sie spiegeln sich wider in jeder Situation, in der im Neuen Testament von ihr die Rede ist. Bereits die erste Begebenheit, in der wir etwas von Maria erfahren, lässt erkennen, wie sehr ihr Wesen von diesen Grundhaltungen geprägt ist (Lk 1,26–38). Bei dem Gespräch mit dem Engel gibt sie ihre Zustimmung zu dem, was der Engel sagt, ohne dies mit ihrem Verstand erfassen zu können. Sie gibt ihr „Ja“ ohne eine Bedingung zu stellen, und ermöglicht durch ihre Einwilligung, dass Gott Mensch wird. Mit ihrer Antwort „Mir geschehe“ weist sie den Weg für alle, die den kontemplativen Weg gehen möchten. Sie lebt diese Haltung, selbst als sie ohnmächtig den eigenen Sohn leiden und sterben sieht. Sie weicht diesem Schmerz nicht aus. Sie geht nicht weg, sondern bleibt ihrem Sohn zugewandt.
Im Laufe der Geschichte hat sich um die Person Mariens eine ganze Theologie gebildet. Diese kann den Zugang zu Maria erschweren. Wir alle kennen den Unterschied: Man kann sich sehr viele Gedanken machen über eine Person, was man an ihr gut findet und was nicht, was man ablehnt und was man befürwortet. Man kann im regen Austausch mit anderen darüber sein. Es ist jedoch ein großer Unterschied, ob ich bei diesen Ansichten und Überlegungen bleibe oder ob ich mich dieser Person direkt zuwende. Der Weg der christlichen Meditation ist es, nicht über Maria nachzudenken, auch nicht zu überlegen, in welcher Beziehung man zu ihr steht, sondern sich unmittelbar ihrem Namen und damit ihrer Person zuzuwenden.
Mit Maria wendet man sich dem mütterlichen Aspekt Gottes zu. Gott ist nicht nur Vater, sondern auch Mutter. Dies wird besonders im Alten Testament hervorgehoben (Jes 49,15; 66,13, Ps 131,2). Manchen Menschen eröffnet sich der Zugang zu Gott leichter über die mütterliche Seite Gottes. Dies ist wie im zwischenmenschlichen Bereich. Die erste Beziehung, die ein Mensch hat, entsteht während der neun Monate Schwangerschaft im Bauch seiner Mutter. Die Mutter ist seine erste Bezugsperson. Die Mütterlichkeit Gottes offenbart sich in jeder Mutter und sie offenbart sich in jeder Frau. Sie offenbart sich auf außerordentliche Weise in der Mutter Jesu.
Man spricht den Namen Mariens nach Möglichkeit mit Ehrfurcht aus, da er für ihre Person steht. Wenn ich ein Kind bei seinem Vornamen rufe, wie z. B. „Michaela“, so meine ich dieses Kind persönlich. Dies ist mehr als irgendein Name für einen Gegenstand, wie z. B. Teppich, Fenster oder Kugelschreiber. Mit dem Namen „Maria“ in der Meditation wende ich mich also an ihre Person. Die Ehrfurcht, die Maria gebührt, kann man jedoch nicht per Knopfdruck in sich auslösen. Wenn man keine Ehrfurcht empfindet, so sagt man ihren Namen in der Weise, wie man kann.
Wie bei dem Wort „Ja“ spricht man „Maria“ mit dem Ausatmen lauschend in die Hände. Mit einer stillen inneren Aufmerksamkeit achtet man auf den Klang des Namens und ist in dieser Weise ihrer Person zugewandt.
Es ist aber ebenso möglich, in der Meditation bei dem Wort „Ja“ zu bleiben.
4.1Mögliche Missverständnisse
Ich muss eine Beziehung zu Maria haben, um mich ihrem Namen zuzuwenden
Die Hinwendung zu ihrem Namen ist tatsächlich unabhängig davon, ob man Maria kennt und sie erfahren hat oder nicht. Die Beziehungsaufnahme geschieht in der Hinwendung. Es genügen die Bereitschaft und die Offenheit, sich auf ihren Namen und damit auf ihre Person einzulassen.
Ich habe eine Ablehnung gegenüber Maria und kann deshalb ihren Namen nicht sagen
Es ist in der Tat schwer, den Namen Mariens zu sagen, wenn man eine Ablehnung gegen sie empfindet. Die Gründe, die von Meditierenden genannt werden, sind unterschiedlich: Man braucht Maria nicht, man kann sich direkt an Gott wenden; man lehnt die Marienverehrung überhaupt ab, findet vieles kitschig und übertrieben; man hat keinen Bezug zu Maria. In diesem Fall kann man natürlich stets ganz schlicht bei den Händen und beim „Ja“ bleiben oder – und dies ist sehr zu empfehlen – man sagt anstatt „Maria“ den Namen der eigenen Mutter bzw. wie man sie anspricht oder angesprochen hat: Mama, Mutti, Mutter … Dieses Wort spreche ich nun lauschend in die Hände. Die Bereitschaft, sich auf den Namen Mariens einzulassen oder nicht, ist oftmals von der Beziehung abhängig, die man zur eigenen Mutter hat, bzw. von der Mütterlichkeit und Fürsorglichkeit, die man in seinem Leben erfahren bzw. nicht erfahren hat. Ich erinnere mich an eine Teilnehmerin, die es abgelehnt hat, mit dem Namen „Maria“ zu meditieren. Sie war auch nicht damit einverstanden, den Namen Jesu zu sagen, da sie auch zu Jesus keine Beziehung habe. Sie war jedoch einverstanden, den Namen ihrer Mutter zu sagen. In der Stille sprach sie sanft und lauschend „Mama“ in die Hände. Im gleichen Moment kamen ihr Tränen in die Augen. Es war der Beginn eines schmerzhaften Heilungswegs. Mit der Ablehnung gegenüber Maria hielt sie gleichzeitig den Schmerz der vermissten Fürsorge und Mütterlichkeit von sich fern. Über den Versöhnungsweg mit ihrer leiblichen Mutter öffnete sich für sie der Zugang zu Maria.
5.Der Name Jesu Christi 13
Im Hebräischen steht der Name für die Person und für ihr Wesen. Wenn man sich demnach dem Namen „Jesus Christus“ zuwendet, wendet man sich seiner Person und seinem Wesen zu. Sein Wesen zeichnet sich aus durch eine tiefe Verbundenheit zu Gott, seinem Vater, die so tief und innig ist, dass Jesus sagen kann: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Sein Wesen drückt sich auch durch eine große Liebe zu den Menschen aus und hier besonders zu den Armen und Ausgegrenzten. Mit der Wiederholung seines Namens wendet man sich seinem Wesen zu und damit der erlösenden Kraft, die in seinem Namen ist und die neues Leben ermöglicht (Apg 4,12). Man verzichtet dabei darauf, den Namen mit schönen Gedanken, Gefühlen, Bildern oder Erinnerungen zu schmücken. Die Aufmerksamkeit ist in einer schlichten Weise seinem Namen zugewandt.
Die Hände bleiben auch beim Aussprechen des Namens Jesu wesentlich. Mit der Wahrnehmung der Hände spricht man mit dem Ausatmen „Jesus“ und mit dem Einatmen „Christus“ in die Hände. Es ist jedoch vielmehr ein Hören auf den Namen und auf seinen Klang als ein Sprechen des Namens. Diese Gebetsanweisung hat eine tiefe Bedeutung: „Jesus“ in Verbindung mit dem Ausatmen möchte zum Ausdruck bringen, dass Jesus nicht daran festgehalten hat, wie Gott zu sein, sondern er ist vom Himmel hinabgestiegen und ist ganz Mensch geworden (Phil 2,6–8). Er hat die Hingabe bis zur letzten Konsequenz gelebt. „Christus“ in Verbindung mit dem Einatmen wendet sich an den Auferstandenen, der den Menschen aufrichtet. Das lauschende Aussprechen des Namens kann sich ganz natürlich dem Rhythmus des Atems anpassen. Der Name, der Atem und die Wahrnehmung der Hände kommen allmählich in Einklang. Zu Beginn mag es schwierig erscheinen, beide Namen mit dem Ein- und Ausatmen zu verbinden, gleichzeitig die Hände wahrzunehmen und auf den Klang des Namens zu achten. Es ist jedoch nicht notwendig, mit jedem Atemzug den Namen zu sprechen. Es ist auch möglich, nur den Namen „Jesus“ zu sagen und allmählich, wenn es stimmig ist, „Christus“ hinzuzunehmen. Der eigene Rhythmus, auch wenn er unregelmäßig ist, wird sich zu seiner Zeit einfinden. Auf dem meditativen Weg muss man nichts beschleunigen.
5.1Mögliche Missverständnisse
Missverständnisse, die bereits beim Namen Mariens auftreten, können ebenso den Namen Jesu betreffen. Auf weitere solcher Missverständnisse gehe ich nachfolgend ein.
Ich muss zuerst klären, wie ich zu Jesus Christus stehe
Wenn die Beziehung zu Jesus Christus unklar ist, besteht natürlich das Bedürfnis nach Klärung. Man setzt sich dann üblicherweise gedanklich mit Jesus Christus auseinander. Die Meditation lädt dazu ein, die Klärung nicht auf der mentalen Ebene zu suchen, sondern sich unmittelbar seinem Namen zuzuwenden. In dieser Hinwendung vollzieht sich ein Geschehen, das der Verstand nicht zu fassen vermag.
Ich muss ehrfürchtige Gefühle haben, wenn ich den Namen „Jesus Christus“ ausspreche
Ein weiteres Missverständnis ist es, zu meinen, man müsse ganz besondere Gefühle haben beim Aussprechen des Namens „Jesus Christus“. Mit diesem Anspruch setzt man sich selbst subtil unter Druck. Man versucht, entweder selbst ehrfürchtige, religiöse Gefühle zu erzeugen, und bleibt damit in einer Haltung des Machens, oder man spricht den Namen Jesu nicht mehr aus und manches Mal lässt man enttäuscht die Meditation ganz sein. Es ist ein nachvollziehbarer Wunsch, mit ehrfürchtigen Gefühlen den Namen aussprechen zu wollen. Doch Gott ist es, der alles, was der Ehrfurcht entgegensteht, zu wandeln vermag. Bis dahin kann ich mich Gott so zuwenden, wie es im Augenblick tatsächlich meiner inneren Realität entspricht. Ich spreche also den Namen in der Weise aus, wie es mir im Augenblick möglich ist.
Ich sollte keine negativen Gefühle haben
Der Zugang zum Namen Jesu wird auch erschwert durch negative, unverarbeitete Erfahrungen aus der Vergangenheit, die im Zusammenhang mit seinem Namen gemacht wurden. Wenn im Namen Jesu Christi z. B. moralischer Druck ausgeübt wurde, wird der Name mit negativen Gefühlen verbunden sein. Die Hinwendung zu seinem Namen bringt diese Erlebnisse aus der Vergangenheit erneut ins Bewusstsein. Sie kommen ans Licht, weil sie der Heilung und Wandlung bedürfen. Wichtig ist es, sich von diesen Gefühlen nicht irritieren zu lassen, unabhängig davon wie negativ sie auch sein mögen, und unabhängig davon, ob sie sich vielleicht sogar gegen Jesus Christus selbst richten. Bildhaft gesprochen, lässt man diese Gefühle und alle Gedanken, die damit verbunden sind, von sich ziehen, so wie Rauch, der durch einen Schornstein zieht. Man verzichtet dabei auf jegliche Beurteilung seiner Gefühle und Gedanken. In der Hinwendung zu Gott lasse ich gewähren, was in mir aufsteigt. Würde ich jedoch diese negativen Gefühle zurückhalten, begänne es in mir über kurz oder lang zu „qualmen“. Das Feuer seiner heilbringenden Gegenwart könnte nicht brennen.
Die in diesem Kapitel beschriebene praktische Anleitung zur Meditation würde sich auf eine Meditationstechnik reduzieren, kämen nicht die kontemplativen Haltungen dazu, für die sich der Meditierende öffnet. Es handelt sich in der Meditation nämlich nicht um eine Technik, die man erlernt und nach einer gewissen Übung „kann“, sondern um ein Beziehungsgeschehen, das in jeder Meditation stets aufs Neue gelebt werden möchte. Die kontemplativen Haltungen, die ich nachfolgend erläutere, geben dem Meditierenden eine innere Orientierung und zeigen auf, in welcher Weise er sich dem inneren Beziehungsgeschehen öffnet und wie er die konkrete Meditationspraxis leben kann.
III. Kontemplative Haltungen und ihre heilenden Auswirkungen
1.Achtsame Haltung: Aufmerksam sein für das, was ist
Das Wesen des Gebets besteht in der Aufmerksamkeit.
(Simone Weil)
Wir leben in einer Zeit zunehmender Beschleunigung, in der Multitasking, Effizienz, durchgetaktete Terminpläne und Stress den Alltag bestimmen. Aufmerksamkeit und Achtsamkeit bleiben dabei oftmals auf der Strecke und mit ihnen das Wohlbefinden und die Gesundheit des Menschen. Dies hat Folgen: Jeder Zweite klagt über steigenden Stress. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Stress als eine der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts ausgemacht. Achtsamkeit erscheint hier wie ein Zauberwort, das einen Ausweg aus den vielfältigen Belastungen unseres Alltags zu geben scheint. Innerhalb neuer Entwicklungen in der Psychotherapie, der Verhaltensmedizin und den Neurowissenschaften wird das Prinzip der Achtsamkeit als eine hochwirksame Methode beschrieben, um die Lebensqualität zu erhöhen, Stress zu reduzieren und die Gesundheit zu bessern. Federführend ist hier Jon Kabat-Zinn zu nennen, der für den medizinisch-therapeutischen Bereich ein spezielles Achtsamkeitstraining (mindfulness-based stress reduction = MBSR) entwickelt hat, das Menschen helfen soll, besser mit Stress, Schmerzen und Krankheiten umzugehen. Vielfältige Studien belegen die positiven Auswirkungen gelebter Achtsamkeit.
Früher verstand man unter Achtsamkeit vor allem eine Haltung, in der man achtsam mit jemand bzw. mit etwas umging. Heute hat sich der Begriff geweitet und umfasst ausdrücklich auch die Achtsamkeit auf die eigene Person. Die Aufmerksamkeit kann sowohl nach außen als auch nach innen gerichtet sein. Der heute schmerzhaft erfahrene Mangel an Achtsamkeit lässt bei vielen Menschen das Bedürfnis nach einer Haltung wachsen, die den Alltag zu entschleunigen und die Lebensqualität zu verbessern vermag.
Die Praxis der Achtsamkeit ist jedoch kein neues Bedürfnis und keine Erfindung unserer Zeit. Sie hat uralte Wurzeln in den spirituellen Traditionen. Jesus fordert dazu auf, wachsam zu sein (Mk 13,35), und verbindet die Wachsamkeit mit dem Gebet (Mt 26,41). Es geht dabei nicht um ein „Erreichen“, „Verändern“ oder um ein „Produzieren“, sondern um das „aufmerksame Gewahrsein dessen, was ist“. In dieser Wachsamkeit, die in einer achtsamen und aufmerksamen Haltung zum Ausdruck kommt, ist der Mensch mit allen Sinnen Gott zugewandt. Darin besteht das Wesen des Gebets. Achtsamkeit, die für alle Lebensbereiche wichtig ist, entfaltet in der spirituellen Erfahrung ihre größte Tiefe. Das aufmerksame Dasein ist in gewisser Weise etwas Passives, denn es lässt geschehen, ohne dabei eine Absicht zu verfolgen. Gleichzeitig ist die Ausübung der Aufmerksamkeit ein hochaktiver Vorgang, indem der Mensch all seine Sinne öffnet und empfänglich ist für das, was über das eigene Ich hinausführt. In dieser Haltung ist Begegnung möglich: mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit Gott.
Die Fähigkeit, seiner Aufmerksamkeit eine Richtung zu geben, ermöglicht es, unter einer Vielzahl von Eindrücken und Informationen eine Auswahl zu treffen. Wenn ich z. B. jemanden vom Bahnhof abhole, werde ich nach der betreffenden Person Ausschau halten. Die Geräuschkulisse, die am Bahnhof herrscht, tritt für mich in den Hintergrund. Auch alle anderen Personen werde ich nur am Rande wahrnehmen. In den Vordergrund rückt das, worauf ich bewusst meine Aufmerksamkeit richte. Diese Fähigkeit, die Aufmerksamkeit bewusst lenken zu können, um bei einer Sache zu bleiben, ist also nicht nur für die Meditation von zentraler Bedeutung, sondern ebenso für die Bewältigung des Alltags. Sie hat eine unmittelbare Auswirkung darauf, wie man sich fühlt. Psychologen der Harvard-Universität erforschten mit Hilfe einer speziellen iPhone-Applikation die emotionalen Auswirkungen von abschweifenden Gedanken. 2250 Teilnehmer wurden zu unterschiedlichen Zeiten, während sie ihrem normalen Tagesablauf nachgingen, kontaktiert und gefragt, was sie gerade taten, ob sie gerade an ihre augenblickliche Tätigkeit dachten oder an etwas anderes und wie glücklich sie waren. Das Ergebnis zeigte, dass die Teilnehmenden fast die Hälfte der Zeit nicht bei der Sache waren, sondern anderen Gedanken nachhingen. Das Ausmaß des Gegenwärtig-Seins war dabei eng mit dem Empfinden von Glücklichsein und Zufriedenheit verknüpft. Die Menschen, die nicht bei der Sache waren, fühlten sich eher unglücklich.
In der Meditation nutzt man die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit bewusst auf das Hier und Jetzt zu lenken und sie immer wieder neu daran zu binden. Indem man sie auf die Gegenwart richtet, lebt man in der Fülle des unmittelbaren Augenblicks. Man ist dem Leben, das der Mensch in Fülle erfahren soll (Joh 10,10), zugewandt und zugleich offen für das Zukünftige. Wer diese Kostbarkeit des Augenblicks entdeckt, findet das Glück des Alltags (Adalbert Stifter).
1.1Die konkreten Schritte, die in eine achtsame Haltung führen
Achtsamkeit bildet die Basis für eine kontemplative Lebenshaltung. Ohne Achtsamkeit kann sich keine der weiteren kontemplativen Grundhaltungen entfalten.
Die Entscheidung: Ich möchte achtsam sein
Es kommt vor allem darauf an, entschlossen zu beginnen. Wer entschlossen beginnt, hat schon einen guten Teil des Weges hinter sich.
(Teresa von Avila)
Achtsamkeit ist eine grundlegende und angeborene Fähigkeit des menschlichen Geistes. Trotzdem ist man nicht „automatisch“ achtsam. Nur wenn der Mensch achtsam sein will und sich dazu entschließt, wird er diese Fähigkeit tatsächlich in seinem Leben üben. Üben meint hier natürlich nicht ein Einüben mit dem Ziel, perfekt zu werden, sondern ein regelmäßiges Ausüben, da sich die Achtsamkeit stets nur im gegenwärtigen Augenblick entfalten kann. Die bewusste Entscheidung, achtsam sein zu wollen, wird erleichtert, wenn ein Wunsch danach spürbar ist. Dies unterstützt die Fähigkeit, die Achtsamkeit zu aktivieren und dem Hier und Jetzt zugewandt zu bleiben. Ein routinierter Ablauf, Zeitdruck und unterschiedlichste Befindlichkeiten können diesen Wunsch jedoch verdecken. Unabhängig davon ist es aber möglich, mit einer Entscheidung einen bewussten Anfang zu setzen, worauf sich dann nach und nach eine achtsame Haltung entfalten kann.
Ich nehme meinen Körper wahr
Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? … Verherrlicht also Gott in eurem Leib!
(1 Kor 6,19–20)
Da die Meditation ein ganzheitliches Geschehen ist, beziehe ich zu Beginn meinen Körper bewusst mit ein. Er ist der Ausgangspunkt für meine Achtsamkeit. Ich nehme meinen Körper wahr und durchwandere die einzelnen Körperteile, angefangen von den Fußsohlen bis hin zum Scheitel. Es ist hilfreich, einige Momente achtsam auf meinen Atem zu lauschen, wie er kommt und geht. Er hilft mir, bei mir selbst anzukommen. So sagt man z. B. zur Beruhigung zu jemandem, der außer sich ist: „Jetzt atme erst einmal tief durch.“ Mit der Wahrnehmung des Atems komme ich wieder in Kontakt mit mir selbst. Wenn ich meinem Atem nachlausche, führt er mich nach innen. Durch diese Wahrnehmungen meines Körpers und meines Atems komme ich bereits in Berührung mit der Gegenwart. Es ist eine Hinwendung zum Geist Gottes, der in meinem Körper wohnt.
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