Kitabı oku: «Das Herzinfarkt-Sutra»

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
www.edition-steinrich.de
Titel der amerikanischen Originalausgabe: The Heart Attack Sutra. A new commentary on the Heart Sutra
Erschienen bei: Snow Lion, an Imprint of Shambhala Publ., Inc., Boston USA
© 2012 by Karl Brunnhölzl
By arrangement with Shambhala Publ., Inc., Boston USA
Textgrundlage dieses eBooks ist die gedruckte Version des gleichnamigen Titels.
Alle Rechte vorbehalten
Copyright eBook: © 2014, edition steinrich, Berlin
Copyright der deutschen Ausgabe: © 2014 edition steinrich, Berlin
Lektorat: Bernd Bender / Ursula Richard
Umschlaggestaltung: Ingeburg Zoschke, Berlin
Titelbild: © Marita Wiemer, www.marita-wiemer.de Gestaltung und Satz: Traudel Reiß Druck: Westermann Druck Zwickau Printed in Germany
eBook-ISBN 978-3-942085-43-4
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
INHALT
EINLEITUNG
DIE VERRÜCKTHEIT DES HERZ-SŪTRA
LEERHEIT BEDEUTET LOSLASSEN
Verankert darin, dass es keinen Grund und Boden gibt
Leerheit, Abhängiges Entstehen und Quantenphysik
DIE DREI LEHRZYKLEN DES BUDDHA
Das Unausdrückbare ausdrücken
Die Lehren als Schriften und Erkenntnis
PRAJÑĀPĀRAMITĀ – PERFEKTE, TRANSZENDENTE WEISHEIT
Das flammende Schwert Prajñās – scharfe, erhellende und mitfühlende Wissbegierde
Die Dame Prajñāpāramitā – Intuition umarmt Intellekt
Prajñāpāramitā als Grund, Pfad und Ergebnis
Die Prajñāpāramitā-Sūtren
Komplizierte Umkompliziertheit
Prajñāpāramitā als buddhistische Ketzerei
Pfade ohne Grund und Boden
Dreck, Seife und Wasser
Das Tun sein lassen
DERKOMMENTAR ZUM HERZ-SŪTRA
DIE BÜHNE UND DIE HAUPTDARSTELLER
DER TITEL
Transzendente Weisheitsdame voller Qualitäten
Das Herz der Mutter aller Buddhas
DER PROLOG
Die vorzügliche Zeit
Der vorzügliche Lehrer
Der vorzügliche Ort
Das vorzügliche Gefolge
Die vorzügliche Lehre
Avalokiteśvara – Leerheit mit einem Herz aus Mitgefühl
Mitgefühl in Aktion
Die Welt, wie wir sie kennen, nicht sehen
DER HAUPTTEIL DES SŪTRA
Śāriputras unschuldige Frage
Avalokiteśvaras nicht ganz so unschuldige Antwort
Die vierfache tiefgründige Leerheit
Sind Form und Leerheit zwei Dinge?
Der Mittlere Weg ohne eine Mitte
Alle Elemente unseres Körpers und Geistes sind wie Raum
Die achtfache Tiefgründigkeit
Die Drei Tore der Befreiung
Weitere Ansätze, trugbildhafte Phänomene aufzuteilen
Sogar Abhängiges Entstehen ist Leerheit
Der Untergang der Vier Edlen Wahrheiten
Es liegt auch keine Hoffnung in Prajñāpāramitā
Der durchlässige Vajra der Furchtlosigkeit
Darin ankommen, nirgends zu verweilen
Das Mantra – der letztendliche Sprung von der Klippe
Der Applaus des Buddha
DER EPILOG
EINE MEDITATION ÜBER PRAJÑĀPĀRAMITĀ UND DAS HERZ-SŪTRA
DAS SŪTRA DES HERZENS DER GLORREICHEN DAME PRAJÑĀPĀRAMITĀ
AUSGEWÄHLTE BIBLIOGRAFIE
EINLEITUNG
DIE VERRÜCKTHEIT DES HERZ-SŪTRA
Es gibt keinen Zweifel, dass das Herz-Sūtra der am häufigsten benutzte und rezitierte Text in der gesamten mahāyāna-buddhistischen Tradition ist, die bis heute in Japan, Korea, Vietnam, Tibet, der Mongolei, Bhutan, China, Teilen von Indien und Nepal und, in neuerer Zeit, in Amerika und Europa lebendig ist. Viele Menschen haben ganz unterschiedliche Dinge darüber gesagt, was das Herz-Sūtra ist und was es nicht ist, etwa, dass es das Herz der Weisheit sei, eine Beschreibung der Dinge, wie sie wirklich sind, die zentrale Lehre des Mahāyāna, das Konzentrat aller Prajñāpāramitā-Sūtren (das zweite Drehen des Dharmarades des Buddha) oder eine kurzgefasste Erläuterung der Leerheit. Bevor wir zu den Worten des Herz-Sūtra selbst kommen, mag es hilfreich sein, zuerst seinen Hintergrund in der buddhistischen Tradition wie auch die Bedeutung von prajñāpāramitā und »Leerheit« etwas näher zu beleuchten.
Kurz gefasst: Was wir mit Sicherheit über das Herz-Sūtra sagen können, ist, dass es vollkommen verrückt ist. Wenn wir es lesen, macht es keinerlei Sinn. Nun, vielleicht machen der Anfang und das Ende Sinn, aber alles dazwischen klingt wie eine ausgeklügelte Form von Unsinn. Das kann man als das grundlegende Merkmal der Prajñāpāramitā-Sūtren im Allgemeinen ansehen. Wer das Wort »kein« mag, mag vielleicht das Sūtra, denn »kein« ist das am meisten verwendete Wort – kein dies, kein das, kein alles. Wir könnten auch sagen, dass es ein Sūtra über Weisheit sei, aber es ist mit Sicherheit ein Sūtra über eine Art von verrückter Weisheit. Lesen wir es, klingt es irre, aber das ist in der Tat der Punkt, an dem der Weisheitsanteil ins Spiel kommt. Was das Herz-Sūtra (wie alle Prajñāpāramitā-Sūtren) tut, ist, alle unsere üblichen gedanklichen Bezugsrahmen, alle unsere starren Vorstellungen, alle unsere Glaubenssysteme und Bezugspunkte, auch die, die sich auf unseren spirituellen Weg beziehen, durchzuschneiden, auseinanderzunehmen und niederzureißen. Es tut dies auf einer sehr grundlegenden Ebene, nicht bloß in Bezug auf unser Denken und unsere Vorstellungen, sondern auch in Bezug auf unsere Wahrnehmungen: wie wir die Welt sehen, wie wir hören, wie wir riechen, schmecken, fühlen, wie wir uns selbst und andere sehen und emotional darauf reagieren usw. Dieses Sūtra zieht uns den Teppich unter den Füßen weg und lässt nichts, woran wir auch nur denken können, intakt, ebenso wenig wie vieles, was wir noch nicht einmal denken können. Das nennt man »verrückte Weisheit«. Ich möchte hier die Warnung aussprechen, dass dieses Sūtra gefährlich für Ihre saṃsārische geistige Gesundheit ist. Was Sangharakshita über das Diamant-Sūtra sagt, gilt gleichermaßen für alle Prajñāpāramitā-Sūtren, einschließlich des Herz-Sūtra:
… wenn wir darauf bestehen, dass die Erfordernisse des logischen Geistes zufriedengestellt werden, verfehlen wir den springenden Punkt. Was das Diamant-Sūtra uns tatsächlich bietet, ist keine systematische Abhandlung, sondern eine Reihe von Hieben mit einem Vorschlaghammer, von dieser und jener Richtung angreifend, um unsere grundlegende Verblendung zu durchbrechen. Es macht die Sache für den logischen Geist nicht einfach, die Dinge in eine logische Form zu bringen. Dieses Sūtra wird verwirrend, irritierend, ärgerlich und unbefriedigend sein – und vielleicht können wir nicht darauf hoffen, dass es anders sei. Wenn alles in einer ordentlichen und klaren Art und Weise dargelegt wäre, ohne offene Fragen zu hinterlassen, könnten wir in der Gefahr sein, zu denken, dass wir die Vollendung der Weisheit begriffen hätten.1
Eine andere Art und Weise, das Herz-Sūtra zu betrachten, ist, es als ein sehr verdichtetes Kontemplationshandbuch zu sehen. Es ist nicht nur ein zu lesender oder zu rezitierender Text, sondern seine Bedeutung soll in einer Weise kontempliert werden, die so detailliert wie nur möglich ist. Als Herz-Sūtra vermittelt es die Herz-Essenz dessen, was Prajñāpāramitā, die »Vollendung der Weisheit oder Einsicht«, genannt wird. Es ist sehr direkt, ohne sich mit Details aufzuhalten. Es ist mehr wie ein kurzes Memo dafür, alle Elemente unserer körperlichen und geistigen Existenz zu kontemplieren, und zwar aus der Perspektive, was wir jetzt sind, was wir werden, während wir auf dem buddhistischen Pfad voranschreiten, und was wir am Ende dieses Pfades erlangen (oder nicht erlangen). Wenn wir alle Details lesen wollen, müssen wir uns den längeren Prajñāpāramitā-Sūtren zuwenden, die sich auf ungefähr einundzwanzigtausend Seiten im tibetisch-buddhistischen Kanon belaufen – einundzwanzigtausend Seiten mit lauter »Keins«. Alleine das längste Sūtra in einhunderttausend Zeilen besteht aus zwölf dicken Bänden. Das Herz-Sūtra befindet sich sozusagen am unteren Ende der Skala, und das kürzeste Sūtra, das mein persönliches Lieblingssūtra ist, besteht aus nur einem Buchstaben. Es beginnt mit der üblichen Einleitung: »Einst weilte der Buddha in Rājagṛha auf dem Geierscharberg …« und so weiter, und dann sagte er: »A.« Das Sūtra endet damit, dass alle Götter und alle anderen Anwesenden jubilieren, und dann ist alles vorbei. Es soll Menschen geben, die tatsächlich die Bedeutung der Prajñāpāramitā-Sūtren durch das bloße Hören oder Lesen von »A« erkennen können.
Das Herz-Sūtra ist also ein Meditationshandbuch, und wir könnten auch sagen, dass es ein großes Koan ist. Aber es ist nicht nur ein Koan, es ähnelt vielmehr gewissen russischen ineinander geschachtelten Holzpuppen: Außen sieht man eine Puppe, aber dann gibt es darin eine kleinere und noch viele weitere kleinere Puppen in den folgenden. Ebenso sind alle Textstellen mit »kein« in dem großen Koan des Sūtra ihrerseits kleine Koans. Jede einzelne Aussage mit einem »Kein« ist ein unterschiedliches Koan im Hinblick darauf, worauf sich das jeweilige »Kein« bezieht, wie etwa »kein Auge«, »kein Ohr« usw. Es ist eine Einladung, darüber zu kontemplieren, was das bedeutet. »Kein Auge« und »kein Ohr«, das klingt sehr simpel und geradlinig, aber wenn wir ins Detail gehen, ist es das überhaupt nicht mehr. Mit anderen Worten, alle diese verschiedenen Textstellen mit »kein« bieten uns verschiedene Blickwinkel oder Facetten des Hauptthemas des Sūtra: der Leerheit. Leerheit bedeutet, dass die Dinge nicht so existieren, wie sie scheinen, sondern dass sie wie Trugbilder und Träume sind. Sie haben keine Natur, keinen auffindbaren Kern, der ihnen eigen wäre. Jede dieser Stellen lässt uns genau dieselbe Botschaft betrachten. Die Botschaft und ihre Betrachtung sind nicht wirklich verschieden, aber wir betrachten sie in Bezug auf verschiedene Dinge. Was bedeutet es, dass das Auge leer ist? Was bedeutet es, dass die sichtbare Form leer ist? Was bedeutet es, dass selbst Weisheit, Buddhaschaft und Nirvāṇa leer sind?
Aus einer traditionellen buddhistischen Sicht könnten wir sogar sagen, dass das Herz-Sūtra nicht nur verrückt, sondern bilderstürmerisch oder sogar ketzerisch ist. Viele Menschen haben gegen die Prajñāpāramitā-Sūtren opponiert, weil sie alle zentralen Lehren des Buddhismus selbst zusammenbrechen lassen, wie etwa die Vier Edlen Wahrheiten, den Edlen Achtfachen buddhistischen Pfad und Nirvāṇa. Diese Sūtren sagen nicht nur, dass unsere gewöhnlichen Gedanken, Emotionen und Wahrnehmungen ungültig sind und nicht wirklich so existieren, wie sie es zu tun scheinen, sondern dass dies für alle Vorstellungen und Bezugsrahmen philosophischer Schulen gilt – nichtbuddhistische Schulen, buddhistische Schulen und selbst für das Mahāyāna, die Tradition, zu der die Prajñāpāramitā-Sūtren gehören. Gibt es irgendeine andere spirituelle Tradition, die sagt: »Alles, was wir lehren, vergiss es einfach«? Das ist in etwa vergleichbar damit, dass der Chef von Microsoft PC-Benutzern vor ein paar Jahren öffentlich nahe legte, Windows Vista nicht mehr zu kaufen, sondern stattdessen direkt von Windows XP zu Windows 7 überzugehen. Im Grunde warb er dadurch gegen sein eigenes Produkt. Mit dem Herz-Sūtra ist es ähnlich, aber es sagt uns nur, was wir nicht kaufen, und nicht, was wir stattdessen kaufen sollen.
Kurz gesagt: Lesen wir das Herz-Sūtra zum ersten Mal, klingt es verrückt für uns, weil es immer wieder »kein, kein, kein« sagt. Kennen wir uns im Buddhismus aus, klingt es auch verrückt (vielleicht sogar noch mehr), weil es alles negiert, was wir gelernt haben und zu kultivieren versuchen.
Warum wird es »Herz-Sūtra« genannt? Es hat diesen Namen, weil es das Herz des Mahāyāna lehrt, und zwar hauptsächlich dessen Sichtweise. Die grundlegende Motivation des Mahāyāna ist jedoch auch implizit in diesem Sūtra enthalten, und zwar in der Figur von Avalokiteśvara, dem großen bodhisattva, der die Verkörperung der liebevollen Güte und des Mitgefühls aller Buddhas ist. Es ist das einzige Prajñāpāramitā-Sūtra, in dem Avalokiteśvara überhaupt auftaucht, und er ist sogar die Hauptperson. Somit lehrt das Herz-Sūtra Leerheit durch die Verkörperung des Mitgefühls. Es heißt oft, dass Leerheit das Herz des Mahāyāna sei und das Herz der Leerheit Mitgefühl sei. In den Schriften wird manchmal der Ausdruck »Leerheit mit einem Herz aus Mitgefühl« verwendet. Es ist wichtig, das niemals zu vergessen. Durch Avalokiteśvaras Anwesenheit im Text wird der Aspekt des Mitgefühls hervorgehoben und betont, dass wir diesen Aspekt nicht vergessen sollten. Lesen wir einfach nur all die »Keins« und werden dann nach dem »keinen Weg« des »keinen Selbst« und des »keinen Erlangens« süchtig, wird alles ein bisschen trocken oder deprimierend, und wir mögen uns fragen: »Warum tun wir das?« oder »Warum tun wir das nicht?« In der Tat ist die Herz-Essenz der Prajñāpāramitā-Sūtren und des Mahāyāna die Einheit von Leerheit und Mitgefühl. Betrachten wir die längeren Prajñāpāramitā-Sūtren, sehen wir, dass sie beide Aspekte in umfassender Weise lehren. Außer über Leerheit, sprechen sie auch detailliert über den Pfad, über die Art und Weise, wie liebevolle Güte und Mitgefühl zu kultivieren sind, wie bestimmte Meditationen auszuführen und wie die Pfade zu beschreiten sind. Sie sagen nicht immer nur »kein«, sondern stellen die Dinge manchmal auch in einem positiveren Licht dar. Selbst das Herz-Sūtra wartet kurz vor Ende mit einigen Passagen ohne »kein« auf.
Ohne ein weiches Herz und Mitgefühl zu entwickeln, die, als würden wir Wasser zugeben, unsere geistige Starrheit aufweichen, besteht die Gefahr, dass die Lehren über Leerheit unser Herz sogar noch mehr verhärten können. Wenn wir glauben, Leerheit zu verstehen, unser Mitgefühl dadurch aber nicht wächst oder sogar noch abnimmt, befinden wir uns auf dem Holzweg. Daher ist es für diejenigen unter uns, die sich als Buddhisten verstehen, gut und notwendig, Mitgefühl und bodhicitta in sich entstehen zu lassen, bevor sie dieses Sūtra studieren, rezitieren und kontemplieren. Alle anderen mögen sich mit irgendeinem Fleckchen Mitgefühl, das sie in ihrem Herzen finden können, verbinden.
Aus einer anderen Perspektive betrachtet, ist das Herz-Sūtra eine Einladung an uns, einfach loszulassen und zu entspannen. Wir können die Worte in diesem Sūtra, die mit einem »Kein« daherkommen, wie etwa »kein Auge«, »kein Ohr«, durch alle unsere Probleme ersetzen, wie etwa »keine Depression«, »keine Angst«, »keine Arbeitslosigkeit«, »kein Krieg« usw. Das mag zu vereinfachend klingen, aber wenn wir es tun und den Text tatsächlich zu einer Kontemplation darüber machen, was alle diese Dinge wie Depression, Angst, Krieg und Wirtschaftskrise wirklich sind, kann das sehr kraftvoll sein, vielleicht sogar viel kraftvoller als die ursprünglichen Worte des Sūtra. Normalerweise sind wir zum Beispiel nicht so sehr an unseren Augen interessiert, daran, ob sie wirklich existieren oder nicht. Eines der Grundprinzipien der Prajñāpāramitā-Sūtren in Bezug auf die Kontemplation der Bedeutung von Leerheit besteht darin, die Untersuchung so persönlich wie möglich zu machen. Es geht nicht darum, irgendwelche stereotypen Formeln zu rezitieren, ohne jemals zum Kern unseres eigenen Anhaftens an einer wirklichen Existenz der Phänomene, an denen wir offensichtlich kleben, vorzudringen – letztlich unser Anhaften an einem Ego. Das Herz-Sūtra sagt nicht »kein Selbst«, »kein Heim«, »kein Partner«, »keine Arbeit« oder »kein Geld«, aber das sind nun mal die Dinge, aus denen wir uns normalerweise viel machen. Um das Ganze daher relevanter für unser Leben zu machen, sollten wir diese Dinge einfügen. Das Herz-Sūtra gibt uns eine gute Vorlage dafür, wie wir Leerheit kontemplieren können. Die längeren Prajñāpāramitā-Sūtren fügen viele andere Dinge ein und sagen nicht nur »kein Auge«, »kein Ohr« usw. Sie enthalten endlose Listen aller möglichen Phänomene, und analog dazu sollten wir unsere eigene Liste der Phänomene, die unser persönliches Universum ausmachen, aufstellen und dann die Herangehensweise des Herz-Sūtra darauf anwenden.
Es gibt in mehreren der längeren Prajñāpāramitā-Sūtren Berichte darüber, dass unter den Zuhörern Menschen waren, die bereits bestimmte fortgeschrittene Stufen spiritueller Entwicklung oder Einsicht erreicht hatten, durch die sie von saṃsārischer Existenz und Leiden befreit waren. Diese Leute, die im Buddhismus arhats genannt werden, hörten dem Buddha zu, als er über Leerheit sprach, und reagierten darauf sehr unterschiedlich. Einige dachten: »Das ist verrückt, lasst uns gehen«, und sie gingen weg. Andere blieben, aber einige von ihnen erlitten einen Herzinfarkt, erbrachen Blut und starben. Sie waren anscheinend nicht rechtzeitig gegangen. Diese Arhats waren so schockiert von dem, was sie da hörten, dass sie auf der Stelle starben. Das ist der Grund, warum jemand kürzlich vorschlug, dass wir das Herz-Sūtra das Herzinfarkt-Sūtra nennen könnten. Eine andere Bedeutung des Namens könnte also sein, dass dieses Sūtra direkt zum Kern oder zum Herzstück der Sache vordringt, während es gnadenlos alle Ego-Trips angreift, die uns davon abhalten, zu unserem wahren Herzen zu erwachen. Wie auch immer, bis jetzt hat niemand, den ich kenne oder von dem ich gehört habe, davon einen Herzinfarkt erlitten, was die gute Nachricht ist. Die schlechte Nachricht ist aber, dass es wahrscheinlich auch niemand verstanden hat.
LEERHEIT BEDEUTET LOSLASSEN
Verankert darin, dass es keinen Grund und Boden gibt
Das Herz-Sūtra und die anderen Prajñāpāramitā-Sūtren sprechen über viele Dinge, aber ihr grundlegendes Thema ist die fundamentale Tatsache, dass unsere Existenz keinen Grund und Boden hat. Egal was wir tun, egal was wir sagen und fühlen, wir brauchen nichts davon zu glauben. Es gibt rein gar nichts, woran wir uns festhalten könnten, und selbst das ist nicht sicher. Somit ziehen uns diese Sūtren den Teppich unter den Füßen weg und nehmen uns auch alle unsere Lieblingsspielzeuge fort. Wenn uns normalerweise jemand eines unserer geistigen Spielzeuge wegnimmt, dann finden wir einfach neue. Das ist einer der Gründe, warum viele Prajñāpāramitā-Sūtren so lang sind – sie listen alle Spielzeuge auf, an die wir nur denken können und sogar noch etliche andere mehr, aber unser Geist wird auch weiterhin neue ersinnen und neue ergreifen. Der wesentliche Punkt ist, dahin zu gelangen, dass wir tatsächlich aufhören, nach dem nächsten Spielzeug zu suchen und zu greifen. Dann müssen wir schauen, wie sich dieser Geisteszustand anfühlt. Wie fühlt sich unser Geist an, wenn wir nicht nach irgendetwas greifen, wenn wir nicht versuchen, uns selber zu unterhalten, und wenn unser Geist nicht außen sucht (oder wo auch immer), wenn also nichts übrig ist, wohin wir gehen könnten? Wenn wir mitten auf dem Meer sind, weit vom Land entfernt, und wir lassen einen Landvogel von unserem Schiff auffliegen, so kommt dieser Vogel nicht weit. Er wird immer zum Schiff zurückkehren, weil das der einzige Platz für ihn zum Landen ist. Ebenso versuchen unsere Gedanken und Emotionen immer irgendwo hinzugelangen, in den Himmel aufregender Dinge zu fliegen, aber sie können nicht wirklich irgendwo außerhalb unseres Geistes hingehen und werden schließlich immer wieder genau zu dem Geist, in dem sie entstanden sind, zurückkehren. Daher brauchen wir unsere Gedanken nicht festzunageln, sondern es ist in Ordnung, wenn sie sich bewegen. Selbst wenn sie sich weit weg bewegen, müssen wir uns keine Sorgen um sie machen, ihnen nachrennen oder eine Suchmannschaft losschicken. Es ist unvermeidlich, dass sie sich immer wieder im Geist niederlassen, also verlieren wir auch niemals irgendwelche Gedanken. Das bedeutet, dass wir nicht hinter ihnen herjagen oder sie zurückbringen müssen. Ganz grundsätzlich können wir niemals aus unserem Geist heraus, auch wenn wir manchmal das Gefühl haben mögen, »außer uns« zu sein. Wir können niemals aus unserem Geist heraustreten und schauen, wie die Welt außerhalb unseres Geistes ist. Die Prajñāpāramitā-Sūtren sprechen von dieser grundlegenden Erfahrung, zu unserem Geist, wie er ist, zurückzukehren, ohne irgendwo hinzugehen, ohne irgendetwas zu tun und ohne irgendetwas zu manipulieren. Es geht darum, unseren Geist einfach so sein zu lassen, wie er ist. Für gewöhnlich tun wir das nicht, sondern versuchen stattdessen immer wieder, unseren Geist dazu zu bringen, etwas zu tun.
Daher geht es bei der Leerheit um die Jetztheit aller Phänomene, darum, ohne ein Gefühl von soliden oder dauerhaften Dingen im gegenwärtigen Moment zu sein; es geht um die schiere Erfahrung des unendlichen Spiels des Geistes ohne irgendetwas, was wir bestimmen oder woran wir uns festhalten könnten.
Das Sanskrit-Wort für Leerheit ist śūnyatā. Eine der wörtlichen Bedeutungen von śūnya ist »leer«, eine andere »Null«. In der indischen Mathematik ist die Ziffer Null śūnya, aber diese Null unterscheidet sich sehr von der »Null« im Westen. Wenn wir an Null denken, denken wir schnell an »Nichts«, aber in Indien bedeutet der Kreis von śūnya »Fülle«, »Vollständigkeit« oder »Ganzheit«. Ebenso bedeutet »Leerheit« nicht »Nichts«, sondern vielmehr »Fülle« im Sinne von vollständigem Potential – alles kann in der Leerheit und wegen der Leerheit geschehen. Viele Menschen fragen sich, wie irgendetwas funktionieren kann, wenn nichts wirklich existiert. Nāgārjuna sagt jedoch, dass es genau deswegen funktioniert. Wenn alles eine wirkliche Existenz hätte, das heißt, in sich selbst und aus sich selbst heraus existieren würde und somit unveränderlich wäre, dann würden die Dinge von nichts bedingt sein. Aber dann könnten sie auch nicht in Interaktion treten, weil das eine Veränderung zur Folge hätte. Nur weil sich alles fortwährend verändert, sind Interaktion und Funktionieren möglich.
Die Wurzel des Wortes śūnya bedeutet »anschwellen«, was die Vorstellung von Hohlheit impliziert. Die Phänomene der scheinbaren Wirklichkeit muten wirklich an, während sie jedoch tatsächlich leeren Luftballons ähneln, die nur durch unsere Unwissenheit aufgeblasen sind. Durch unsere Unwissenheit blasen wir eine Menge Nichtse zu sehr großen Etwassen auf. Wenn sie anschwellen, ist das der Kreis oder der Ballon von śūnya. Śūnyatā bezeichnet somit nicht Nichts, sondern die Tatsache, dass alles aus dem unendlichen Raum der Phänomene kommt, in dem nichts festgelegt ist, aber in dem alles geschehen kann. In diesem Sinne steht śūnyatā für das vollständige Potential des Entstehens aller Dinge, und es bedeutet auch abhängiges Entstehen. Alles, was wirklich zu sein scheint, ist nur wie ein aufgeblasener Luftballon – eine Menge heißer Luft und nicht viel mehr, wenn überhaupt etwas. Solange unsere scheinbare Wirklichkeit nicht hinterfragt wird, scheint sie irgendwie in Ordnung zu sein, aber wenn wir über Leerheit nachdenken und meditieren, werden all die Luftballons, mit denen wir uns normalerweise vergnügen, zerstochen und als das enthüllt, was sie wirklich sind, nämlich nichts als heiße Luft.
Wenn wir die Idee der Null in der Mathematik betrachten, wenn wir isoliert eine Null anschauen, scheint sie nichts zu sein, aber viele Nullen, die auf andere Ziffern fofgen, bedeuten eine Menge, wie etwa »100«, »1.000« oder »1.000.000.000«. Dies zeigt, dass unendliche Mengen aus der Null hervorgehen können. Sie ist also nicht bloß nichts. Ebenso ist Leerheit nicht »nichts«, was in vielen buddhistischen Texten immer und immer wieder betont wird. Sie ist jedoch auch kein »Etwas«. Normalerweise denken wir, wenn ein bestimmtes Phänomen nicht etwas ist, dann muss es nichts sein, und wenn es nicht nichts ist, muss es etwas sein. Aber das Wort »Leerheit« soll lediglich auf die Tatsache verweisen, dass eine Sache, dieses Etwas, durch das, was wir darüber sagen oder denken, nicht wirklich in korrekter Weise charakterisiert wird, weil unser dualistischer Geist sich immer in dem einen oder anderen Extrem verfängt. Leerheit bedeutet, außerhalb unserer festgefahrenen Bahnen zu denken, also außerhalb der eingespielten Bahnen unseres Schwarz-Weiß-Denkens oder dualistischen Denkens. Solange wir auf dem bekannten Terrain dualistischen Denkens bleiben, gibt es immer Existenz, Nichtexistenz, Unvergänglichkeit, Auslöschung, gut und schlecht. Innerhalb dieses Bezugsrahmens werden wir niemals darüber hinausgelangen, egal, ob wir religiös, eine Wissenschaftlerin, ein Buddhist, eine Agnostikerin oder was auch immer sind. Leerheit fordert uns auf, ganz und gar aus diesem Terrain herauszutreten. Sie verweist auf die radikalste Transformation unserer gesamten Anschauungen über uns selbst und die Welt. Leerheit bedeutet nicht nur das Ende der Welt, wie wir sie kennen, sondern dass diese Welt von vornherein niemals wirklich existiert hat. Verstehen wir wirklich, was das bedeutet, ist das so erschreckend, dass wir durchdrehen oder wie diese Arhats einen Herzinfarkt erleiden könnten. Natürlich nicht notwendigerweise, denn es gibt auch Berichte von Menschen, die es tatsächlich verstanden und keinen Herzinfarkt hatten. Nichtsdestotrotz ist die Tatsache, dass wir keinen Grund und Boden unter den Füßen haben, überaus furchterregend, weil es alles infrage stellt, was wir sind und was wir denken.
Leerheit, Abhängiges Entstehen und Quantenphysik
In gewisser Hinsicht haben die Lehren über die Leerheit viele Parallelen zur Quantenphysik. Quantenphysiker sagen uns, dass es nicht wirklich eine Welt »da draußen« gibt. Tatsächlich gibt es da nicht viel, wenn überhaupt etwas. Sie suchen immer noch nach etwas, weil es besser klingt und wir dann keine Angst haben müssen, dass es wirklich überhaupt nichts gibt, an dem wir uns festhalten können. Wenn Physiker über ein Quantenfeld sprechen, besteht es fast gänzlich aus Raum, in dem sich ein wenig Energie befindet, jedoch keine Teilchen. Zwar sprechen sie unter Umständen gelegentlich von »Teilchen«, aber dieser Ausdruck bezieht sich nicht mehr auf irgendeine Art von Substanz, sondern nur auf statistische Wahrscheinlichkeiten von Beziehungen. Dies entspricht dem, worum es bei der Leerheit geht, nämlich, dass es überhaupt kein einziges Phänomen gibt, das unabhängig und eigenständig existiert. Die Beschreibung eines Quantenfelds gleicht sehr der Formel »Form ist Leerheit. Leerheit ist Form. Leerheit ist nichts anderes als Form, und Form ist nichts anderes als Leerheit« im Herz-Sūtra. Alles steht miteinander in Wechselbeziehung und verändert sich dauernd, in jedem Augenblick, ist aber völlig ungreifbar.
Nach den Erkenntnissen der Quantenphysik verändert sich, wenn sich bei einem Teilchen eines Teilchenpaars etwas verändert, zum Beispiel der Spin, auch das andere Teilchen, selbst wenn es sich am entgegengesetzten Ende des Universums befinden mag. Das Prinzip der wechselseitigen Abhängigkeit ist also nicht auf einen bestimmten Bereich oder ein bestimmtes Gebiet im Raum beschränkt; es ist tatsächlich unendlich und alldurchdringend wirksam. Der Buddha sagte dasselbe, indem er Abhängiges Entstehen als unendliches Geflecht von Ursachen und Bedingungen bezeichnete. »Ursachen und Bedingungen« beziehen sich nicht auf kleine Dinge, die sich umeinander drehen und sich irgendwie verhalten, denn wenn wir näher hinsehen, kann keines von ihnen wirklich gefunden werden. Solange wir alle diese Ursachen, Bedingungen und ihre Resultate nicht analysieren, scheint alles gut zu funktionieren (zumindest die meiste Zeit). Werfen wir aber einen tieferen Blick darauf, wie die Dinge tatsächlich funktionieren oder was die Dinge tatsächlich sind, wird es sehr verschwommen. Das gleiche Phänomen findet sich auch in der Quantenphysik – je intensiver die Physiker hinschauen und je mehr Elementarteilchen sie finden, desto kleiner und unfassbarer werden diese Teilchen, bis sie nicht einmal mehr als »Teilchen« bezeichnet werden können. Die Physiker verwenden bloß Namen und Beschreibungen für einen fortwährenden Prozess, was diesen, der unvorstellbar ist und sich immerzu verändert, in gewisser Weise zu etwas gefriert, was ein bisschen greifbarer ist, wie etwa mathematische Gleichungen oder Formeln. Das ist damit vergleichbar, wenn der Buddha aus der Perspektive der Leerheit sprach und er die Formel »Form ist Leerheit. Leerheit ist Form« verwendete. Ganz grundsätzlich können wir niemals wirklich exakt beschreiben, was geschieht. Wir können den Prozess im Labor beobachten und »Wow!« sagen, aber das ist es dann auch schon so ziemlich. Später versuchen wir dann auszudrücken, was geschehen ist, genauso wie es der Buddha tat, als er seinen Schülerinnen und Schülern beschrieb, wie die Dinge sind, wenn sie aus der Perspektive des Erwachens zur wahren Realität gesehen werden.
DIE DREI LEHRZYKLEN DES BUDDHA
Das Unausdrückbare ausdrücken
Die Erleuchtung des Buddha war wie dieser »Wow!«-Moment in einem Labor, und zuerst wollte er zu niemandem darüber sprechen. Gemäß dem Lalitavistarasūtra sprach er daraufhin spontan diesen Vers:
Ich habe diesen nektargleichen Dharma gefunden,
Tiefgründig, friedvoll, frei von Bezugspunkten, leuchtend und nicht bedingt.
Wem auch immer ich dies lehren würde, er oder sie könnte es nicht verstehen.
Deshalb werde ich einfach stumm in der Mitte des Waldes verweilen.2
Und das tat er dann auch eine ganze Weile lang; offenbar nahm er an, dass niemand verstehen werde, worin seine Erkenntnis der wahren Natur des Geistes bestand. Später jedoch wurde er von anderen ermutigt zu lehren, und tat dann auch die verbleibenden fünfundvierzig Jahre seines Lebens nichts anderes als das. Das mag merkwürdig erscheinen – wie konnte er fünfundvierzig Jahre lang etwas lehren, was sowieso niemand verstand? Der Buddha sagte zwar, dass seine Erkenntnis der Natur des Geistes in der Tat unausdrückbar und unvorstellbar sei, aber das bedeutet nicht, dass sie vollkommen unzugänglich ist – und das ist ein großer Unterschied. Sie ist unvorstellbar, aber es gibt dennoch einen Pfad, der uns schließlich die gleiche Erkenntnis erfahren lässt. Sie ist dann zwar immer noch unvorstellbar, aber unsere Erfahrung davon ist ebenfalls unvorstellbar. Er besaß diese Einsicht, aber auch das unendliche Mitgefühl und die Fähigkeit, anderen tatsächlich zu zeigen, wie geistige Freiheit zu erreichen ist, und so lehrte der Buddha das, was nicht gelehrt werden kann. Wir können den Geschmack von köstlichem Essen ja auch nicht erfahren, indem wir nur darüber reden oder davon hören. Es kann uns jedoch inspirieren, ein köstliches Essen zu kochen, um den Geschmack zu erfahren. Vielleicht werden wir ja genauso inspiriert, den Geschmack der Erleuchtung zu erfahren, ohne die Worte mit dem zu verwechseln, worauf sie sich beziehen.
Der Buddha erkannte, dass es Wege gibt, sein Erwachen zu kommunizieren. Alle diese Wege sind indirekte Unterweisungen, aber wenn wir ihnen folgen, können wir tatsächlich erkennen, was der Buddha gesehen hat. Der indische buddhistische Dichter Aśvaghoṣa sagte dazu:
Wir gebrauchen Worte, um frei von Worten zu werden,
Bis wir die reine wortlose Essenz erreichen.
Somit sind die buddhistischen Lehren so etwas wie Finger, die auf den Mond zeigen. Aber wenn wir nur auf die Finger blicken, werden wir nie den Mond sehen. Fünfundvierzig Jahre lang zeigte uns der Buddha immer wieder andere Finger, die immer auf denselben Mond deuteten, der nichts anderes als die wahre Natur unseres Geistes ist. Der Buddha benutzte so viele Finger, weil wir den Mond vielleicht übersehen hätten, wenn er nur mit einem einzigen Finger auf ihn gezeigt hätte. Wenn aber viele Personen mit vielen Fingern aus allen möglichen Richtungen auf den Mond deuten, kann man ihn nicht so leicht übersehen. Daher gab der Buddha viele verschiedene Unterweisungen, die alle wie Finger sind, die aus unterschiedlichen Richtungen deuten. Da sie aus unterschiedlichen Richtungen deuten, sagten natürlich manche Menschen: »Das ist genau das Gegenteil von dem, was er früher gesagt hat.« Das ist wahr, aber er deutete einfach nur aus einer anderen Richtung auf genau denselben Mond. Es ist, als würde man zwei Personen nach dem Weg zum Weißen Haus fragen, wobei eine links und die andere rechts davon steht. Die erste Person wird nach rechts deuten und die zweite nach links. Wenn wir denken, dass eine von ihnen Unrecht hat oder sie sich widersprechen, übersehen wir das, worum es hier geht (und das Weiße Haus).
Als kurzer Abriss im Hinblick darauf, was in der Lehrlaufbahn des Buddha geschah, bevor er das Herz-Sūtra lehrte, sollte erwähnt werden, dass er laut der Mahāyāna-Tradition drei Lehrzyklen lehrte, die »Dharma-Räder« genannt werden. Dies ist eine Unterteilung, die sich auf den Inhalt bezieht und nicht auf die zeitliche Abfolge. Der Buddha sprach zuerst über die grundlegende Befindlichkeit des Menschen, jene Lehren, die als die Vier Edlen Wahrheiten bekannt sind. Am Anfang gab er Belehrungen über das, womit wir uns vornehmlich beschäftigen – Leiden. Dann sprach er über die Ursachen des Leidens oder den Ursprung des Leidens. Danach lehrte er, dass wir tatsächlich unser gesamtes Leiden und seine Ursachen beenden können, was die Dritte Wahrheit, die von der Beendigung des Leidens, ist. Die Vierte Edle Wahrheit beschreibt den Pfad, die Methoden, um die Beendigung des Leidens zu erreichen. Der Buddha sprach zu Beginn also nicht über die Leerheit, das heißt, er lehrte die Prajñāpāramitā-Sūtren nicht am Anfang. Es ist ziemlich offensichtlich, warum er das nicht tat – es hätte keinen Buddhismus gegeben. Wenn er das Herz-Sūtra von Anfang an gelehrt hätte, hätten die Menschen einfach nur gesagt: »Bist du verrückt?« und wären gegangen. Stattdessen versuchte der Buddha, den Weg zu tiefgründigeren Einsichten, wie etwa die Leerheit, dadurch zu ebnen, dass er die Vier Edlen Wahrheiten lehrte. Das heißt, dass er uns Menschen zuerst über unsere grundlegende Situation unterrichtete. Mehr oder minder teilen wir alle die Erfahrung des Leidens, aber die meisten Menschen versuchen, ihr Leid zu ignorieren oder es beiseite zu schieben. Darüber hinaus sind sie unwissend bezüglich der Ursachen des Leidens, darüber, dass es ein für alle Mal beendet werden kann, und sie kennen nicht die Mittel, es zu beenden. Dies sind die ersten Lehren des Buddha, die er im Antilopenhain in Sarnath in Indien verkündete. Seine erste Lehrrede richtete sich nur an fünf Personen, nämlich seine früheren Weggefährten in asketischen Praktiken, bevor er sich unter den Bodhi-Baum gesetzt und Buddhaschaft erlangt hatte. Es heißt, dass diese ersten fünf Schüler des Buddha ihre Befreiung aus Saṃsāra (Arhatschaft) allein dadurch verwirklichten, dass sie seine Unterweisung über die Vier Edlen Wahrheiten hörten.
Im zweiten Zyklus der Lehren des Buddha findet sich dann das Herz-Sūtra. Dieser Zyklus besteht aus den Prajñāpāramitā-Lehren und wird das »Dharma-Rad der Merkmalslosigkeit« genannt. Diese Unterweisungen erteilte er auf einem Berg in Indien, dem »Geierscharberg«, der sich in der Nähe von Rājagṛha im heutigen Bihar befindet. Zu Zeiten Buddhas war diese Stadt der Sitz eines mächtigen Königs, eines Freundes und Gönners des Buddha. Als Buddha Śākyamuni den zweiten Zyklus seiner Unterweisungen lehrte, gab es eine riesige Zuhörerschaft; die Sūtren sprechen von tausenden von Mönchen und tausenden von Bodhisattvas sowie von vielen nichtmenschlichen Wesen, Götter etwa und andere Nicht-Erdenbewohner.
Sollten Sie jemals die Gelegenheit haben, den Geierscharberg aufzusuchen, so ist es die Reise wert. Wenn es irgendeinen Ort auf der Welt gibt, an dem wir durch unsere bloße Anwesenheit einen flüchtigen Blick auf die Leerheit erhaschen können, dann dort. Das ist natürlich nur meine Projektion, aber ich fand den Platz sehr beeindruckend und wollte ihn nicht wirklich verlassen; es fühlte sich dort so an, als wäre man aus Zeit und Raum herausgetreten.
In diesem zweiten Lehrzyklus spricht der Buddha vor allem über śūnyatā – dass nichts so ist, wie es scheint. Zugleich lehrte er aber auch Mitgefühl, denn dem Buddha zufolge leiden die Wesen aufgrund ihres Anhaftens daran, dass die Dinge so existieren, wie sie erscheinen. Sie greifen nach Luftschlössern, die niemals ihren Wunsch nach Glück erfüllen können. Sie müssen also aufwachen, sehen, was tatsächlich da ist, und in einer erfolgversprechenderen Art und Weise nach Glück streben. An diesem Punkt kommt Mitgefühl ins Spiel, denn der Buddha, der erkennt, wie die Dinge tatsächlich sind – dass die Wesen nur deshalb leiden, weil sie an nichtexistenten, täuschenden Erscheinungen festhalten –, will selbstverständlich darauf hinweisen, dass dieses Leiden nur auf einer falschen Wahrnehmung beruht und völlig unnötig ist. Letztendlich ist saṃsārisches Leiden nur ein Irrtum, wie der Fehler in einem Software-Programm – es sollte nicht passieren, geschieht aber trotzdem. Das ist der Grund, warum der Buddha fünfundvierzig Jahre lang lehrte. Er sah zwar, dass er nicht wirklich mitteilen konnte, was er erfahren hatte, konnte es aber nicht ertragen, die in ihr Leid versunkenen Wesen zu sehen – was, wenn wir sehen, wie die Dinge tatsächlich sind, völlig unnötig ist und behoben werden kann. Daher sind die zwei zentralen Punkte, die der Buddha im zweiten Zyklus lehrte, Leerheit und Mitgefühl.
Im dritten Zyklus lehrte er ebenfalls Leerheit und Mitgefühl, aber zusätzlich sprach er über das, was »Buddha-Natur« genannt wird. Buddha-Natur ist nicht wirklich etwas anderes als Leerheit, aber der Begriff bezieht sich mehr auf die subjektive Seite, darauf, Leerheit tatsächlich zu erfahren oder zu leben und sie nicht einfach nur als Objekt oder Vorstellung zu begreifen. Mit anderen Worten, Buddha-Natur bezeichnet die Leerheit unseres eigenen Geistes – die Natur unseres eigenen Geistes, seine Leerheit und gleichzeitige Klarheit, Leuchtkraft, Bewusstheit und Wachheit. Der dritte Zyklus unterscheidet auch zwischen dem, was in den Lehren des Buddha von vorläufiger Bedeutung und was von letztendlicher Bedeutung ist. Somit schafft der dritte Zyklus Klarheit über all die Fingerzeige, wie etwa, ob ein bestimmter Finger in diese oder jene Richtung zeigt, damit wir sie nicht verwechseln oder als widersprüchlich betrachten.
Die Lehren als Schriften und Erkenntnis
Die allgemeine Definition eines »Dharma-Rades« ist »die Lehren des Buddha, bestehend sowohl aus Schriften als auch aus Erkenntnis, welche die Faktoren im Geistesstrom der anzuleitenden Wesen, welche die Befreiung aus Saṃsāra und die Allwissenheit eines Buddha verschleiern, beseitigen«. Somit hat ein solches Dharma-Rad oder solch ein Lehrzyklus zwei Aspekte – der Dharma der Schriften und der Dharma der Erkenntnis. Dabei wird der Dharma der Erkenntnis definiert als »die Wirklichkeit der gereinigten Phänomene, die dadurch erzeugt werden, dass man vertraut geworden ist mit dem Geisteszustand, der die Phänomene gründlich unterscheidet«. Dieser Dharma besteht also aus der Beendigung des Leidens und dem Weg, der dorthin führt. Der Dharma der Erkenntnis ist das, worum es wirklich geht – er bezieht sich darauf, dass unser Geist tatsächlich der Geist eines Buddha wird, indem wir durch Schriften, mündliche Unterweisungen, Video-Dharma oder nichtverbale Symbole unterrichtet werden. Daher ist der wichtigere Dharma der Dharma der Erkenntnis, er bedeutet, das Gleiche zu erfahren oder zu sein, was der Buddha erfahren hat.
Interessanterweise wird die Natur des Dharma-Rades der Schriften definiert als »der Geist eines Schülers, einer Schülerin, der entweder in der Form der Rede eines Buddha erscheint (deren Hauptthemen entweder die Ursachen, die Resultate oder die Natur des Nirvāṇa sind) oder eben jener Geist, der als die Ansammlungen von Namen, Worten und Buchstaben erscheint, welche als die Grundlage für eine solche Rede dienen«. Natürlich ist dies in hohem Maße eine Definition aus der Perspektive der Leerheit oder der relativen, subjektiven Natur aller Dinge. Sie besagt nämlich nicht, dass es irgendwelche realen materiellen Texte oder Lehren »da draußen« gibt, irgendwelche äußeren Buddhas, die uns lehren, oder irgendwelche materiellen Laute, die von außen an unser Ohr dringen. Wie alles andere auch findet die Lehrsituation im Grunde nirgendwo anders statt als in unserem eigenen Geist. Es ist unser eigener Geist, der die Form der Texte, Laute, Buddhas und ihrer Unterweisungen annimmt und uns als solche erscheint. Er tut das aber nicht einfach von selbst, sondern unter dem richtungsweisenden Einfluss des Weisheitsgeistes eines Buddha. Mit anderen Worten, in Abhängigkeit von der vorherrschenden Bedingung, nämlich der Weisheit eines Buddha, und der ursächlichen Bedingung, den relativ reinen Geistesströmen bestimmter anzuleitender Wesen, ist das Dharma-Rad der Schriften nichts weiter als genau der Geist dieser Wesen, der für sie in der Form von Worten und Buchstaben erscheint. Buddhas haben keine latenten Tendenzen, ihre Rede an irgendein imaginiertes Gegenüber zu richten. In ihnen gibt es auch keine Unwissenheit mehr darüber, äußere Laute nicht als inneren Geist zu erkennen. Somit ist solch ein Dharma-Rad letztendlich keine Unterweisung, die aus dem Wunsch eines Buddha, lehren zu wollen, resultiert.
Wenn ein Buddha lehrt, ist dies daher auf der grundlegendsten Ebene ein direkter Austausch von Geist zu Geist. Natürlich wirkt dies auf die meisten Menschen nicht so, weil es unseren gewöhnlichen Sinnen und unserem gedanklichen Geist nicht zugänglich ist. Gewöhnliche Wesen wie wir müssen sich immer auf irgendeine Art von Form, von Vorstellung oder von etwas, woran wir uns festhalten können, stützen. Wir können den Geist eines Buddha nicht direkt wahrnehmen, sonst wären wir ebenfalls ein Buddha. Daher brauchen wir eine Art Spiegel oder eine Art Kommunikation »auf Umwegen«. Wir könnten sagen, dass der Geist eines Buddha in unserem eigenen Geist gespiegelt wird, nicht direkt, sondern in Form von Texten, Unterweisungen, Lehrern usw. Das sind dann die Gegenmittel für unsere Probleme und ihre Ursachen, wie etwa unsere falschen Vorstellungen, unsere unklaren Emotionen und die aus ihnen folgenden ungeschickten Handlungen.
Diese Darstellung des Dharma-Rades der Schriften zeigt, warum es oft heißt, dass der Buddha aus seiner eigenen Perspektive niemals ein einziges Wort lehrte. Die Sūtren sprechen davon, dass der Buddha von dem Augenblick an, als er die Erleuchtung erlangte, bis zu dem Moment, als er in das Nirvāṇa einging, nicht ein einziges Wort sprach. Gleichzeitig sagen die Texte, dass dieses Nicht-Sprechen die Bedürfnisse aller Wesen in Form eines fortwährenden Dharma-Regens erfüllt. Denn der Geist des Buddha wird im Geist anderer Wesen reflektiert, und durch diese Interaktion ereignen sich bestimmte Dinge im Geist dieser Wesen, die ihnen als Texte, Unterweisungen oder verschiedene andere Dinge erscheinen können und die ihnen als Instruktionen über ihren eigenen Geist dienen. In Nāgārjunas Ratnāvalī heißt es:
So wie ein Grammatiker
Am Anfang das Alphabet lehrt,
Lehrt der Buddha den Dharma
Genau so, wie ihn die Anzuleitenden aufnehmen können.
Für manche lehrt er den Dharma,
Damit sie sich von Schlechtem fernhalten;
Für manche, damit sie Verdienst erlangen;
Für manche das, was auf Dualität basiert;
Für manche das, was auf Nichtdualität basiert;
Für manche das, was tiefgründig und erschreckend für die Ängstlichen ist;
Und für manche das Mittel für die Erleuchtung,
Das die Leerheit mit einem Herz aus Mitgefühl ist.3
In diesem Zitat können wir die gesamte Bandbreite der buddhistischen Lehren erkennen. Unterschiedlichen Wesen werden äußerst unterschiedliche Dinge gelehrt. Alle diese Unterweisungen sind wie Finger, die auf den Mond zeigen, aber manche Finger zeigen direkter auf ihn und andere weniger direkt, wobei die Art und Weise des Zeigens von den Fähigkeiten der jeweiligen Wesen abhängt.
PRAJÑĀPĀRAMITĀ – PERFEKTE, TRANSZENDENTE WEISHEIT
Wie alle Prajñāpāramitā-Sūtren gehört auch das Herz-Sūtra zum zweiten Zyklus der Lehren des Buddha, den Lehren über die Leerheit (oder Prajñāpāramitā), die auch das »Dharma-Rad der Merkmalslosigkeit« genannt werden. Wie das Herz-Sūtra sagt:
Daher, Śāriputra, sind sämtliche Phänomene Leerheit, ohne Merkmale …
Was also ist Prajñāpāramitā? Im Grunde bedeutet der Begriff »Vollendung der Weisheit« oder »Vollendung der Einsicht«. Die Sūtren sprechen niemals von »Vollendung der Leerheit« oder »Vollendung der Natur der Phänomene«. Im Zusammenhang von Subjekt und Objekt liegt die Leerheit oder die Natur der Phänomene als das, was es zu erkennen gilt, mehr auf der Objekt-Seite. Natürlich gibt es in der Leerheit oder in der Natur der Phänomene sowieso nichts zu vervollkommnen; sie ist natürlicherweise in sich vollkommen. Es gibt jedoch einiges in unserem Verständnis und unserer Erkenntnis der Leerheit oder was die Natur der Phänomene betrifft zu vervollkommnen, also in unserer Einsicht in Bezug darauf, wie die Dinge wirklich sind. Diese Einsicht wird prajñā genannt; es bedeutet zu sehen, wie die Dinge tatsächlich sind, indem man sie genau und gründlich unterscheidet. Wenn diese Einsicht ihren höchsten Punkt erreicht hat, wird sie Prajñāpāramitā – »die Vollendung von Prajñā« – genannt. Somit bezieht sich Prajñāpāramitā sowohl auf das Resultat oder Ergebnis – die komplette Vollendung dieser Einsicht – als auch auf den Prozess, durch den wir zu einer solchen Vollendung gelangen. Wenn wir über Prajñāpāramitā sprechen, sprechen wir über unseren Geist und dessen grundlegende Fähigkeit zu erkennen, wie die Dinge tatsächlich jenseits oberflächlicher Erscheinungen sind. Zu dieser Erkenntnis gelangen wir, indem wir dieses Prajñā, das nicht etwas ist, was wir neu erfinden oder uns von irgendwoher besorgen müssten, trainieren. Es ist im Geist aller Wesen gegenwärtig und muss bloß zu seiner vollsten Blüte entwickelt werden. Buddhaschaft bedeutet, das grundlegende Potential eines jeden Lebewesens zu seiner vollständigen Reife zu entwickeln.
Prajñā bezieht sich nicht auf angesammeltes, passives Wissen, wie etwa Fakten aus dem Guiness Buch der Rekorde im Kopf zu behalten oder zu wissen, wie man von Seattle nach New York kommt. Prajñā ist vielmehr die aktive Wissbegierde unseres Geistes, seine grundlegende Neugierde, wissen zu wollen und herausfinden zu wollen, wie die Dinge wirklich sind. Das ist das Wesen von Prajñā. Betrachten wir die Lebensgeschichte des Buddha, so stand genau dies an ihrem Anfang. Er hatte anfangs keine Antworten und folgte auch nicht irgendeiner Religion, Tradition oder einem Verhaltenskodex. Aber er hatte Fragen. Als Prinz Siddhārtha lebte er in einer behüteten Existenz im Palast seiner Eltern, die ihn vor der schlechten Welt beschützen wollten (so wie alle Eltern). Schließlich aber stahl er sich mit seinem Wagenlenker davon und sah Dinge, die er noch nie vorher gesehen hatte, wie etwa einen alten Menschen. Er zeigte auf ihn und fragte seinen Wagenlenker: »Was ist das?« Der Wagenlenker antwortete: »Das ist ein alter Mensch.« Siddhārtha fuhr fort: »Geschieht das mit allen?« »Ja, selbst mit dir.« Der gleiche Austausch trug sich zu, als Siddhartha einen sterbenden Menschen und einen kranken Menschen sah. Das nächste Mal sah er einen Meditierenden unter einem Baum, und der Wagenlenker erklärte: »Dieser Typ da versucht, alle Probleme, die du zuvor gesehen hast, zu überwinden.« Jedes Mal erkannte Siddhārtha: »Ich weiß nicht wirklich, was hier vorgeht«, und er versuchte, es herauszufinden.
Dies ist das prägende Merkmal des buddhistischen Weges – zu versuchen, herauszufinden, was wirklich in jedem Augenblick vor sich geht, was in unserem Geist vor sich geht, was in unserer Umgebung vor sich geht und was mit anderen Leuten vor sich geht. Somit schließt Prajñā eine grundlegende Intelligenz mit ein – Intelligenz in ihrer ursprünglichen Bedeutung von tiefer Einsicht und der Fähigkeit, Dinge genau zu unterscheiden und zu differenzieren. Aus buddhistischer Sicht gibt es verschiedene Stufen von Prajñā – weltliches Prajñā und überweltliches Prajñā. Das erste besteht in jeglicher Form von Einsicht oder Weisheit, die nichts mit dem buddhistischen Pfad zu tun hat, wie etwa Dinge in der Schule zu lernen oder ein Wissenschaftler zu sein. Überweltliches Prajñā ist der primäre Geistesfaktor, der die treibende Kraft oder der Motor des buddhistischen Pfades ist. Es heißt, dass Prajñā die grundlegende Natur des buddhistischen Pfades ist, weil es dabei darum geht, zu erkennen, wie die Dinge wirklich sind. Somit ist Prajñāpāramitā die höchste Form überweltlichen Prajñās, denn es ist die hervorragendste aller Arten von Prajñā. Es ist Ausdruck der letztendlichen Wirklichkeit und lässt uns zu dem großen Nirvāṇa fortschreiten, bei dem wir weder in Saṃsāra noch im begrenzten Nirvāṇa persönlicher Befreiung und persönlichen Friedens verweilen. Mit anderen Worten löst es alle unsere gewöhnlichen Bezugspunkte und starren Vorstellungen auf und lässt uns die Welt, wie wir sie kennen, mit all ihren Problemen und Leiden, transzendieren.
Eine andere Bedeutung von Prajñāpāramitā ist »transzendente Einsicht«. Was transzendieren wir? Wir transzendieren alle unsere gewöhnlichen Schwierigkeiten und Probleme, die auch als Saṃsāra bekannt sind. Wo gehen wir hin? Wie üblich im Buddhismus geben verschiedene Personen verschiedene Antworten. Manche sagen, dass wir nirgendwo hingehen, weil es nichts gibt, wohin wir gehen könnten. Irgendwo hinzugehen würde bedeuten, außerhalb unseres Geistes zu gehen. Tatsächlich geht es beim buddhistischen Pfad nicht wirklich darum, irgendwo hinzugehen. Obwohl »Pfad« so klingt, als ob wir irgendwo anfangen und dann irgendwo anders enden, während wir dazwischen am Gehen sind, ist »Pfad« im Buddhismus eher ein Synonym für »Geist«. Der Pfad bezieht sich auf den geistigen Prozess, unser menschliches Potential zu seiner vollsten Blüte zu entwickeln. Daher ist der Pfad etwas, was im Inneren und nicht im Äußeren stattfindet. Ob wir auf dem buddhistischen Pfad sind oder nicht, wird nicht so sehr dadurch bestimmt, was wir sagen und was wir tun, sondern hauptsächlich dadurch, was in unserem Geist vor sich geht.
Prajñāpāramitā kann auch verstanden werden als »darüber hinausgegangen sein« oder »ans andere Ufer gegangen sein«. Traditionellerweise heißt es, dass wir fortwährend im großen Ozean von Saṃsāra mit all seinen vielen Arten von Leiden ertrinken. Das andere Ufer, wenn wir diesen Ozean überquert haben, wird »Nirvāṇa« genannt. Dies ist natürlich immer noch eine sehr dualistische Erklärung, denn sie besagt: »Zuerst sind wir an einem bestimmten Ort, dann müssen wir diesen Ozean überqueren, und schließlich sind wir irgendwo anders«. Daher ist dies nur eine vorläufige Beschreibung. Eine subtilere Art und Weise, dies zu verstehen ist, dass »darüber hinausgegangen sein« nicht wirklich bedeutet, irgendwo hinzugehen, sondern eine komplette Wandlung unserer Anschauung zu erfahren. Wir bleiben an genau demselben »Ort«, wenn es denn irgendeinen gibt, aber wir ändern ganz und gar unsere Anschauung darüber, was an diesem Platz geschieht und was dieser Ort letztendlich ist. Der Buddhismus spricht oft von »reinen Ländern« oder »Buddha-Bereichen«, aber diese existieren nicht wirklich irgendwo im Außen, sondern sie befinden sich in unserem Geist. Es hängt von unserer Geistesverfassung ab, ob wir uns in einem Buddha-Bereich befinden oder nicht. Wir alle erhaschen ab und zu einen flüchtigen Blick darauf, wenn wir wirklich gute Laune haben und uns alles wunderbar und vollkommen makellos scheint. Dann fühlen wir uns, als wären wir in einem Buddha-Bereich. Doch sobald wir richtig schlechte Laune haben, selbst wenn die Sonne scheint und alle nett zu uns sind, fühlen wir uns, als ob wir in der Hölle wären.
Das flammende Schwert Prajñās – scharfe, erhellende und mitfühlende Wissbegierde
Prajñā, die grundlegende Wissbegierde und Neugierde unseres Geistes, ist zugleich präzise und spielerisch. Ikonographisch wird Prajñā oft als ein doppelschneidiges, flammendes Schwert, das äußerst scharf ist, abgebildet. Ein solches Schwert muss natürlich mit großer Vorsicht gehandhabt werden und mag sogar etwas bedrohlich erscheinen. Prajñā ist in der Tat bedrohlich für unser Ego und unsere wohlgehegten Glaubenssysteme, da es unseren Realitätsbegriff und die Bezugspunkte, auf die wir unsere Welt aufbauen, unterminiert. Prajñā hinterfragt, wer wir sind und was wir wahrnehmen. Da dieses Schwert in beide Richtungen schneidet, dient es nicht nur dazu, unsere sehr gefestigt wirkende objektive Wirklichkeit in Scheibchen zu schneiden, sondern es durchschneidet auch den subjektiv Erfahrenden einer solchen Wirklichkeit. Daher bringt es uns auch dazu, unsere Ego-Trips und unsere Aufgeblasenheit zu durchschauen. Es braucht ein gewisses Maß an Anstrengung, um uns ständig etwas über uns selbst vorzumachen. Prajñā bedeutet, uns selbst zu entlarven, und das erfordert vor allem, dass wir einen ehrlichen Blick auf die Spiele werfen, die wir spielen.
Daher wird Prajñā immer wichtiger, während wir auf dem Pfad fortschreiten, denn unsere Ego-Trips werden nur noch ausgeklügelter. Zuerst, wenn wir nicht spirituell sind, denkt unser Ego nur: »Ich bin ziemlich gut.« Aber dann, wenn wir spirituelle Interessen entwickeln, denkt unser Ego: »Jetzt bin ich auch spirituell! Jetzt bin ich auf dem Pfad! Jetzt bin ich ein Buddhist! Jetzt kann ich die Leerheit erkennen und großes Mitgefühl und all diese Buddha-Qualitäten entwickeln!« Ganz offensichtlich muss man dem entgegentreten, und das ist die Aufgabe von Prajñā. Es hat die Eigenschaft der Selbstüberprüfung. Wann immer wir vom Weg abkommen, immer dann, wenn die Luftballone unserer Ego-Aufgeblasenheit zu groß werden, lässt Prajñā diese Luftballone einfach platzen und bringt uns dahin zurück, wo wir sind. Wir könnten sagen, dass Prajñā ein Mittel ist, um wieder nüchtern zu werden. Aus diesem Grund ist es auch nicht so populär, weil wir es normalerweise genießen, auf unseren Ego-Trips in Saṃsāra zugedröhnt zu sein. Prajñā unterminiert alle unsere Versuche, es uns als Verdienst anrechnen zu lassen, dass wir gute Buddhisten sind, dass wir auf dem Pfad sind oder dass wir etwas erlangt haben. Die Prajñāpāramitā-Sūtren beschreiben unterschiedliche Situationen auf dem Pfad, in denen Bodhisattvas vom Weg abkommen können. Immer wieder weisen die Sūtren darauf hin: »Auch daran kannst du dich nicht wirklich festhalten. Egal für wie gut du es hältst, egal für wie großartig du dich hältst, egal wie faszinierend eine Einsicht auch sein mag, lass los und geh weiter.«
Prajñā beinhaltet natürlich auch Mitgefühl, aber es ist eine etwas gnadenlose Art des Mitgefühls, die überall da eingreift und etwas durchschneidet, wo es nötig ist. Es ist nicht die Art von »idiotischem Mitgefühl«, bei dem es lediglich darum geht, dass wir uns besser fühlen, sondern es schneidet durch das, was aufgedeckt werden muss oder was wir loslassen müssen. Kurzum, Prajñā hinterfragt alles, was wir sind, alles, was wir denken, alles, was wir wahrnehmen, und alles, was wir wertschätzen. Prajñā ist der endgültige Zerstörer unserer Wertesysteme, und das ist ein anderer Grund dafür, dass es nicht so populär ist. Somit durchschneidet Prajñā nicht nur unsere Verblendung, sondern auch alle raffinierten Versuche unseres Egos, es sich als Verdienst anrechnen zu lassen, auf dem Pfad eines Bodhisattva zu sein oder dergleichen. Die Prajñāpāramitā-Sūtren werden nie müde zu betonen, dass jede noch so verlockende Fantasie über persönlichkeitsbetonte spirituelle Errungenschaften durchschaut werden muss und wir erkennen sollten, dass sie genauso ohne Grund und Boden ist wie alles andere auch. Diese »Scheinwerfer-Qualität« von Prajñā wird durch die Flammen auf dem Schwert, die unsere blinden Flecken ausleuchten, symbolisiert.
Somit funktioniert Prajñā wie ein Bühnenscheinwerfer, der ein Schlaglicht auf den Hauptdarsteller wirft. In unseren persönlichen Dramen ist der Hauptdarsteller oder die Hauptdarstellerin natürlich immer »Ich«, und dann gibt es da noch diverse Nebendarsteller, die wir »andere« nennen. Prajñā dient dazu, diesen Hauptdarsteller »Ich« auszumachen und ein Schlaglicht auf sie oder ihn zu werfen, aber das Problem ist natürlich, dass der Hauptdarsteller selbst der blinde Fleck in dieser Inszenierung ist. Selbstverständlich erkennt er oder sie das nicht (und will es meist auch gar nicht erkennen), aber durch Prajñā wird sich diese Schauspielerin »Ich« ein bisschen mehr ihrer selbst bewusst, weil der Scheinwerfer sie die ganze Zeit anstrahlt. Es entsteht ein Gefühl, dass es keine Fluchtmöglichkeit gibt. Wir können uns nicht länger vor uns selbst verstecken oder vorgeben, dass wir uns nicht darüber bewusst sind, was in unserem Geist vor sich geht.
Allgemein gesprochen gibt es zwei Arten von Unwissenheit. Passive Unwissenheit besteht darin, etwas nicht zu wissen und es dann zu googeln, aber es gibt auch einen aktiven Teil, bei dem es darum geht, dass wir nicht sehen oder wissen wollen, selbst wenn wir es könnten. Insbesondere wollen wir oft nicht wissen, was in unserem eigenen Geist los ist oder was er so alles auf Lager hat. Wie neulich jemand zu mir sagte: »Mein Geist ist wie eine üble Gegend, ich vermeide es normalerweise, alleine dort hinzugehen.« Das ist unsere Unwissenheit, die aktiv unseren eigenen Geist, andere Menschen, schwierige Situationen usw. meidet. Prajñā fungiert als das direkte Gegenmittel gegen diese aktiveren Tendenzen unserer Unwissenheit, die nicht wollen, dass wir uns selbst und das, was wir tun, zu genau betrachten. In diesem Sinne beinhaltet Prajñā sowohl die Eigenschaft des Ausleuchtens als auch ein Gefühl des Mutes, sich dem zu stellen, was auch immer in unserem eigenen Geist los sein mag bzw. in einer bestimmten Situation passiert. Daher brauchen wir etwas Mut, um das Schwert Prajñā wirklich zu halten und geschickt zu schwingen.
Oft denken wir, Wissen oder Einsicht bedeute, immer mit den richtigen Antworten aufzuwarten, doch Prajñā bedeutet eher, dass wir die richtigen Fragen stellen. Oft ist die Frage die Antwort oder sogar viel besser als jede Antwort. Oft erzeugt eine Antwort nur zehn neue Fragen, und der Versuch, die richtigen Antworten zu geben, schafft vielleicht noch mehr Bezugspunkte in unserem Geist und damit mehr Starrheit und Probleme. Wir mögen denken: »Jetzt verstehe ich das wirklich gut«, aber das bedeutet oft nur, dass wir das Territorium unseres Planeten Ego ausdehnen, weil »Ich weiß« und »Ich es kapiert habe«. Wir fügen einfach unserer Sammlung von Dingen, die wir »wissen«, ein weiteres Exemplar hinzu. Deswegen spricht Zen vom »Geist des Nicht-Wissens«. Natürlich bedeutet das nicht, einfach dumm zu sein, sondern loszulassen von dem Versuch, irgendetwas zu besitzen, loszulassen von »unserem« Wissen und »unseren« Errungenschaften. Wenn wir wirklich bestimmte Einsichten und Errungenschaften haben, werden wir sie sowieso nicht verlieren, aber wenn wir an ihnen festhalten und uns aufplustern, werden sie zu einem Problem.
Prajñā in einer natürlichen Weise entfalten zu lassen bedeutet, unserer grundlegenden Wissbegierde mehr Raum für ihre natürliche, scharfsinnige Frische zu geben und dafür, sie ihren eigenen Prozess des Erforschens beginnen zu lassen, anstatt ausgetretenen Wegen zu folgen. Die Lehren über Prajñāpāramitā sind eine klare Botschaft, Prajñā nicht darauf zu beschränken, unser Netzwerk dualistischer Kategorien lediglich umzuarrangieren oder auszuweiten. Daher sagen die Prajñāpāramitā-Sūtren:
Wenn du denkst: »Ich kultiviere Prajñā«, »Prajñā ist dies« oder »Es ist um dieses oder jenes willen«, so mag das wohl Prajñā sein, aber es ist nicht Prajñāpāramitā.
Da Prajñāpāramitā dafür steht, der letztendlichen Wirklichkeit direkt zu begegnen, ist es der zentrale Weg, der zur Befreiung und Allwissenheit führt. Daher heißt es, dass die Versenkung in Prajñā die hervorragendste aller Praktiken und Erkenntnisse ist. Das ist der Grund, warum seine Qualitäten und seine tiefgehende und weitreichende Auswirkung auf unseren Geist nicht überschätzt werden können und dies in den Schriften immer wieder gepriesen wird. Auch nur einen kurzen Moment in Prajñāpāramitā zu ruhen, heißt es dort, ist von weit größerem Verdienst als alle anderen pāramitās, wie etwa Freigebigkeit, die es natürlich zugleich mit einschließt. Das Brahmaviśeṣacintiparipṛcchāsūtra sagt:
Nicht nachzudenken ist Freigebigkeit.
Nicht in irgendwelchen Unterschieden zu verharren ist Ethik.
Keinerlei Unterschiede zu machen ist Geduld.
Nichts anzunehmen oder zurückzuweisen ist Elan.
Nicht verhaftet zu sein ist Samādhi.
Nicht begrifflich zu denken ist Prajñā.
Dies unterscheidet sich ziemlich von den üblichen Erläuterungen über die sechs Pāramitās. Hier werden sie aus ihrer Verbindung zu Prajñāpāramitā beschrieben oder wie sie sich als Prajñāpāramitā manifestieren. Freigebigkeit ist, nicht nachzudenken; das heißt, spontan und ohne Vorbedacht oder Voreingenommenheit zum Nutzen anderer zu handeln. Ethik bedeutet, nicht in irgendwelchen Unterschieden in Bezug darauf, was schickliches oder unschickliches Benehmen ist, zu verharren. Wenn wir solche Unterscheidungen treffen, sind wir immer noch voreingenommen; es handelt sich dann um keine einwandfreie buddhistische Ethik oder Disziplin, weil wir immer noch an dem, was man tun und lassen sollte, anhaften. Aus der Perspektive von Prajñā sitzen wir immer noch im Dualismus fest. Wahre Geduld bedeutet, keinerlei Unterschiede zu machen zwischen dem, was uns schadet, und dem, was uns nutzt, oder zwischen günstigen und ungünstigen Umständen, sondern in der Gleichheit aller Phänomene zu ruhen. Elan oder freudige Anstrengung bedeutet, nicht darin steckenzubleiben, das anzunehmen, was als tugendhaft gilt, und das zurückzuweisen, was als nicht tugendhaft angesehen wird, sondern aus der Erkenntnis der Leerheit, Gleichheit und uranfänglichen Reinheit zum Nutzen anderer aktiv zu werden. Samādhi ist meditative Ausgeglichenheit, in der der Geist frei in sich selbst ruht, ohne irgendetwas, an dem er festhält, ohne sich von irgendetwas angezogen oder abgestoßen zu fühlen und ohne irgendetwas erlangen oder davor wegrennen zu müssen. Prajñā bedeutet, sich die »drei Sphären« von Handelndem, Objekt und Interaktion (wie etwa einen Geber, einen Empfänger und den Akt des Gebens) nicht in Bezug auf irgendetwas vorzustellen. Somit ist Prajñā vollkommen frei von irgendeiner Art von Bezugspunkt und Gedankenvielfalt. Beschäftigen wir uns mit den Pāramitās auf diese Weise, vereinen wir die zwei Wirklichkeiten – die letztendliche und die scheinbare oder relative Wirklichkeit.
Es heißt auch, dass in Prajñāpāramitā zu verweilen hervorragender ist als alle Studien, Reflektionen oder andere Meditationen über den Dharma, selbst wenn wir uns diesen viele Äonen lang widmen. Prajñāpāramitā ist auch die hervorragendste Art und Weise, Opfergaben darzubringen, Zuflucht zu den drei Juwelen zu nehmen, Bodhicitta zu entwickeln und uns von allem Negativen zu reinigen. Sowohl die Sūtren als auch ihre Kommentare beschreiben viele Anzeichen, die auf eine zunehmende Vertrautheit und Leichtigkeit im Umgang mit Prajñāpāramitā hindeuten. Kurz, wir sind dann in der Lage, in jeder Situation viel klarer zu sehen und sowohl mit uns selbst als auch mit anderen in einer sorgfältigeren und mitfühlenderen Art und Weise umzugehen. Wir widmen uns achtsam tugendhaften Handlungen, die Geistesplagen werden schwächer, der Dharma wird von ganzem Herzen praktiziert und Ablenkungen werden aufgegeben. Unser Anhaften wird generell reduziert, insbesondere die Anhaftung an diesem Leben.
Positiv gesehen geht es bei Prajñā, bei dem alles, was wir kennen, zerstört oder unterminiert und uns abverlangt wird, alle unsere Vorstellungen aufzugeben, darum, in einen Geisteszustand zu gelangen, in dem wir nicht anhaften. Vielleicht ist es nur für den Bruchteil einer Sekunde, dass wir nicht mehr versuchen, irgendetwas zu erreichen oder irgendetwas zu vermeiden. In diesem Moment denken wir nicht: »Und was jetzt?« Wir müssen genau diesen Geisteszustand betrachten, in dem wir an nichts festhalten, in dem wir überhaupt keine Tagesordnung mehr haben, und uns anschauen, wie er beschaffen ist. Bei der Leerheit geht es nicht um irgendein Ding namens »Leerheit«, das wir erkennen müssen, sondern es geht darum, alles loszulassen, was uns daran hindert, die wahre Natur unseres Geistes wirklich zu erkennen. Die Natur des Geistes ist etwas äußerst Simples und uns ganz nah. Aber das ist auch das Problem, denn wir mögen keine simplen Dinge. Wir mögen lieber ausgeklügelte Dinge, je ausgeklügelter, desto besser. Das ist der Grund, warum wir alle unsere vorgefertigten Ideen und Bezugspunkte, unsere Werte und unsere Glaubenssysteme erschaffen. Früher oder später aber verlaufen wir uns und kennen noch nicht einmal mehr unseren eigenen Geist. Die Lehren über die Leerheit (und Prajñāpāramitā als das, was Leerheit erkennt) versuchen, uns dazu zu bringen, zum natürlichen Zustand unseres Geistes jenseits aller künstlichen Konstrukte zurückzukehren. Wir brauchen uns die Natur des Geistes nicht auszudenken oder sie in irgendeiner Weise zu verändern. Das Einzige, was es zu tun gibt, ist, unsere Konstrukte auseinanderzunehmen oder sie loszulassen, das heißt, unsere geistigen Luftschlösser einzureißen und nicht an ihnen zu hängen.
Die Dame Prajñāpāramitā – Intuition umarmt Intellekt
Ikonographisch wird Prajñāpāramitā als eine weibliche Gottheit dargestellt. Sie ist von gelber Farbe, sitzt mit verschränkten Beinen und hat vier Arme, wobei ihre obere linke Hand einen Text hält, ihre obere rechte Hand ein flammendes Schwert erhebt und die beiden unteren Arme in der Meditationshaltung ruhen. In dieser Reihenfolge repräsentiert dies die drei Arten von Prajñā: Wissen durch Studieren, Durchschneiden und Erhellen der Verblendung und direkte Einsicht in die wahre Natur aller Phänomene. Man nennt sie auch die Prajñās, die aus Studium, Reflektion und Meditation resultieren, welche ein stufenweises Fortschreiten von den gedanklichen und groben Formen von Prajñā zu seinen subtilsten und nichtgedanklichen Formen darstellen.
Frage: Wenn im Herz-Sūtra von »keine Unwissenheit, kein Enden der Unwissenheit bis hin zu keinem Altern und Tod und keinem Enden von Altern und Tod« usw. die Rede ist, ist dies dazu gedacht, unser dualistisches Denken aufzubrechen und uns aus ihm herauszutricksen? Wenn ich diese Worte sage, hilft es mir und es führt mich zu diesem unbeschreibbaren oder mysteriösen Ort, der irgendwie beruhigend ist. Können Sie dazu etwas sagen?
KB: Magical Mystery Tours? Ja, das ist definitiv ein Anliegen des Herz-Sūtra – unsere gewöhnlichen Vorstellungen zu durchbrechen. Tatsächlich funktioniert das auf vielen verschiedenen Ebenen, weil es gröbere und subtilere Vorstellungen gibt. Aber selbst auf einer sehr groben Ebene von Vorstellungen ist das bloße Aussprechen von »kein Auge, kein Ohr, keine Nase« bereits sehr gegensätzlich zu dem, was wir normalerweise denken. Wir denken nicht »kein Auge, kein Ohr, keine Nase«. Wir denken: »Es gibt ein Auge, es gibt ein Ohr, es gibt eine Nase.« Selbst auf dieser oberflächlichen Ebene gehen uns die Worte des Sūtra gegen den Strich; sie erschüttern unsere Gewohnheitstendenzen und somit auch unsere Weltsicht. Damit ist ein Anfang gemacht; Löcher werden in unseren ansonsten so soliden und dichtgewebten Kokon der Verblendung gestoßen. Selbst ein winziges Loch lässt ein bisschen frische Luft und Licht in unseren muffigen und düsteren Kokon herein, was der erste Schritt in Richtung Freiheit ist. Je weiter wir das betreiben, desto tiefgründiger wird es; wir können das dann mit tiefer gehenden Kontemplationen und Analysen verbinden und schließlich begreifen, was »kein Auge, kein Ohr, keine Nase« tatsächlich bedeutet und wie es sich zu unseren tief etablierten Gewohnheitstendenzen, die Dinge für wirklich existierende Subjekte und Objekte zu halten, verhält. Gleichzeitig kann die Rezitation dieser Worte eine direkte Meditation sein, denn wir können unseren Geist betrachten, während wir sie aufsagen. Wie reagiert unser Geist, wenn wir »kein Auge, kein Ohr, keine Nase« sagen? Flippt er aus? Zeigt er Widerstand? Wird ihm einfach nur langweilig? Alle buddhistischen Unterweisungen, und das Herz-Sūtra ist keine Ausnahme, sind nicht als bloße Studienobjekte gedacht, sondern als Spiegel, die unseren Geist reflektieren. Daher, wann immer wir etwas studieren, rezitieren oder darüber reflektieren, ist der wichtigste Punkt zu beobachten, wie unser Geist reagiert, während wir es tun.
Frage: Ich frage mich, warum das Sūtra im Englischen, (Deutschen) oder Japanischen oft in einem monotonen Tonfall rezitiert oder gesungen wird.
KB: Es gibt verschiedene Traditionen. Ich kann nicht wirklich viel über die Zen-Tradition sagen, aber die englische (deutsche) Version scheint der Art und Weise zu folgen, in der das Sūtra in dieser Tradition meist im Sprechgesang rezitiert wird. Aber selbst wenn der Tonfall monoton ist, hat dies, wenn wir es in der richtigen Weise tun, mit dem richtigen Rhythmus sozusagen, in der Tat eine große Kraft. Es kann völlig langweilig sein oder es kann sehr kraftvoll sein, wie ein Trommelrhythmus, selbst ohne Trommel. Es hängt von uns ab, ob es ein elektrisierender Weckruf wird oder bloß etwas, das uns zum Einschlafen bringt.
Frage: Indem wir immer denselben Tonfall beibehalten, geben wir dem Sūtra meiner Ansicht nach keinerlei andere Bedeutung als die, von der in ihm essentiell die Rede ist.
KB: Das ist wahr; Sie könnten den monotonen Tonfall nicht nur als ein Symbol für die Leerheit und die Gleichheit aller Phänomene betrachten, sondern als ein Tor, um tatsächlich ein gewisses Gefühl von Gleichheit und dem »Klang der Leerheit«, der die essentielle Botschaft des Sūtra ist, zu erfahren. Nochmals, es ist wichtig, Ihren Geist zu betrachten, während Sie es auf diese Weise rezitieren, und zu sehen, wie Ihr Geist mit dem Klang, dem Rhythmus, den Worten und ihrer Bedeutung mitschwingt (sowohl in einem wörtlichen als auch in einem metaphorischen Sinn).
Frage: Wenn die Buddhas kein Wort sprechen, wie kommunizieren sie dann mit den Lebewesen?
KB: Es hängt von Ihrer Sichtweise ab, aber aus der Perspektive des Mahāyāna gibt es verschiedene Ebenen der Kommunikation zwischen einem Buddha und den Lebewesen. Die oberflächlichste Ebene ist die der Sprache oder der körperlichen Gesten, aber die grundlegende Ebene ist zwischen einer Buddha-Natur und einer anderen, das heißt, dass die Buddha-Natur eines Buddha mit unserer Buddha-Natur kommuniziert. Genau dort spielt die Musik. Alles andere, was auf der konventionelleren Ebene im Rahmen von Sprache, Wörtern, Buchstaben usw. zu geschehen scheint, ist wie ein Spiegel. Für gewöhnliche Wesen ist es offensichtlich sehr schwierig (obwohl nicht völlig unmöglich), eine bewusste, direkte Kommunikation zwischen der Buddha-Natur eines Buddha und ihrer eigenen Buddha-Natur zu haben, also muss es eine Art »Spiegel« dafür geben. Somit gleichen alle Unterweisungen, wie wir sie kennen, Spiegeln für unsere eigene Buddha-Natur. Welche Texte auch immer wir betrachten, welche Unterweisungen auch immer wir hören und welche Lehrer auch immer wir treffen, sie sind wie Spiegel. Wir sollten also nicht darin steckenbleiben, sie einfach nur anzuschauen, sondern vielmehr unseren eigenen Geist in seiner Interaktion mit den Unterweisungen und den Lehrern betrachten.
Die Art und Weise, in der gewöhnliche Lebewesen mit Buddhas oder der Buddha-Natur interagieren, besteht auf dem Pfad lange Zeit darin, dass der Geist des Schülers, der Schülerin die Form der Unterweisungen annimmt. Wenn wir dies bedenken, ist so etwas wie diese Buchseite mit ihren Buchstaben nicht wirklich etwas Äußeres oder Materielles, sondern sie ist unser eigener Geist, der in der Form dessen, was wir »Papier« nennen, erscheint. Wenn wir dieses Papier, auf dem buddhistische Unterweisungen stehen, betrachten, versucht es uns zu sagen, dass wir auf unseren eigenen Geist schauen sollten. Das Gleiche gilt für Meditation. Wenn wir zum Beispiel eine Gottheit visualisieren, so ist dies ebenfalls ein Spiegel für die Natur unseres Geistes. Wenn wir schließlich keinen Spiegel mehr brauchen, sondern unseren Geist oder unsere Buddha-Natur so sehen, wie sie sind, dann sind wir ein Buddha.
Wenn wir in einen Spiegel schauen, sind wir im Allgemeinen nicht so sehr am Spiegel selbst interessiert, sondern an dem, was wir in diesem Spiegel sehen wollen, üblicherweise unser Gesicht. So ist es auch mit Lehren oder einem Lehrer: Am wichtigsten ist es, was wir in uns selbst sehen, und nicht so sehr, was wir »da draußen« wahrnehmen. Das ist der springende Punkt der buddhistischen Lehre, nämlich, dass sie immer auf unseren Geist anzuwenden ist. Daher ist sie nicht wirklich eine Philosophie oder irgendeine Theorie. Egal worin die Unterweisung besteht, sie ist etwas, was in unseren eigenen Geist einfließen sollte und darin funktionieren muss. Letzten Endes war genau dies das Projekt des Buddha – anderen Menschen die Natur ihres Geistes durch ihre eigene Erfahrung und ihr eigenes Engagement zu zeigen.
Frage: Dies ist eine Frage in Bezug darauf, wie die Balance zwischen dem Relativen und dem Absoluten gefunden werden kann. Manchmal finde ich, dass ich kein Bodhicitta habe, es mir an Hingabe fehlt oder ich mich gemäß den Verhaltensanweisungen des Buddhismus einfach schlecht benehme. Dann fühle ich mich sehr frustriert, merke aber manchmal, dass ich mich plötzlich entspannen kann, wenn ich über die Lehren der Leerheit nachdenke. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das der richtige Ansatz ist. Angenommen ich habe kein Bodhicitta und ich bemühe und bemühe mich, aber es kommt nichts dabei heraus. Und dann denke ich: »Also gut, vergiss es, alles ist ja bloß Leerheit, warum sollte ich mir solche Mühe geben?« Dann fühle ich mich entspannt, aber es gibt auch eine gewisse Unsicherheit, ob diese Herangehensweise mir tatsächlich hilft oder mir eher schadet.
KB: Grundsätzlich ist es nie falsch, sich zu entspannen, besonders auf dem buddhistischen Pfad. In der Mahāmudrā-Tradition heißt es, dass diejenigen, die sich am tiefsten entspannen, die beste Meditation haben werden, dass diejenigen, die sich mittelmäßig entspannen, eine mittelmäßige Meditation haben werden, und Sie können sich sicher vorstellen, was mit den übrigen passiert. Ob Sie es glauben oder nicht, Entspannung ist wirklich das, wofür Leerheit da ist. Die Erfahrung der Leerheit ist der entspannteste Geisteszustand, den wir überhaupt haben können. Wenn wir also diesen Zustand anzapfen oder uns mit ihm in Verbindung setzen, ist das ganz und gar nicht falsch, denn es ist genau das, was die Natur unseres Geistes ausmacht – grundlegende Offenheit, Leichtigkeit und Flexibilität. In dieser Natur des Geistes gibt es nichts, was wir tun müssen oder was wir nicht tun sollten. Offensichtlich ist das sehr verschieden davon, Leerheit als einen bloßen Zustand von Gleichgültigkeit, in dem wir uns um gar nichts kümmern, misszuverstehen. Außerdem: Bis wir in der Lage sind, diesen letztendlichen Zustand zu erkennen, sind alle relativen buddhistischen Praktiken Hilfsmittel, die darauf abzielen, uns zu helfen, uns in dieser grundlegenden Art und Weise zu entspannen.
Wenn wir die letztendliche Sichtweise oder den Leerheitsaspekt in die relativen Praktiken hineintragen, bedeutet das praktisch gesehen nicht unbedingt, diese Praktiken in Bezug auf das Fehlen einer ihnen innewohnenden Natur zu analysieren, sondern uns im Hinblick auf das, was wir tun, zu entspannen und nicht so verkniffen, arbeitsversessen und erfolgsorientiert zu sein. Wir müssen auch herausfinden, ob diese Praktiken uns tatsächlich helfen, uns zu entspannen, oder ob unser Geist nur noch paranoider und angespannter wird. Wenn das der Fall ist oder wir nur noch frustrierter werden, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass es Zeit ist, uns zu entspannen. Solange wir auf dem Pfad sind, ist es natürlich sehr schwer, die zwei Ebenen der Wirklichkeit (letztendliche und scheinbare oder relative) die ganze Zeit über zu vereinen. Typischerweise springen wir zwischen beiden hin und her, wobei wir manchmal das Relative und manchmal das Letztendliche betonen. Auf dem Pfad ist das in Ordnung, weil sie sich dadurch, dass wir das tun, gegenseitig fördern. Wenn wir müde oder frustriert sind, entspannen wir uns und hören damit auf, uns so furchtbar große Mühe zu geben. Sobald wir uns entspannt haben, können wir es erneut mit unseren relativen Praktiken versuchen und idealerweise etwas von unserer Entspannung in unseren nächsten Versuch, welcher Praxis wir uns auch immer dann widmen, hineintragen. In dieser Weise bringen wir Sichtweise und Verhalten oder die zwei Wirklichkeiten zusammen. Üben wir all diese Praktiken, ohne wenigstens zu einem gewissen Grad entspannt zu sein, funktionieren sie nicht sehr gut. Der buddhistische Pfad ist kein Zwölf-Schritte-Programm, wie es das für Suchtkranke gibt. Er ist dafür gedacht, unserem Geist zu helfen, sich mit sich selbst anzufreunden. Wir müssen auch nicht jede einzelne der vielen Methoden des Buddhismus praktizieren. Wenn eine Praxis wirklich nicht für uns funktioniert und unser Geist immer nur noch angespannter wird, kann es sein, dass wir vielleicht eine andere Methode brauchen.
Prajñāpāramitā als Grund, Pfad und Ergebnis
Detailliertere Darstellungen von Prajñāpāramitā unterscheiden gewöhnlich vier Arten oder Aspekte von Prajñāpāramitā. Das heißt, wenn wir von »Prajñāpāramitā« sprechen, dann bedeutet das eines von vier Dingen – (1) Natürliche Prajñāpāramitā, (2) die Prajñāpāramitā der Schriften, (3) die Prajñāpāramitā des Pfades und (4) die Prajñāpāramitā als Ergebnis. Dignāgas Prajñāpāramitārthasaṃgraha beschreibt dies wie folgt:
Prajñāpāramitā ist nichtduale Weisheit,
Welche der Tathāgata ist.
Aufgrund der Verbindung zu dieser zu erlangenden Realität Beschreibt sie auch die Schriften und den Pfad.4
Natürliche Prajñāpāramitā ist nichtduale Weisheit und damit dasselbe wie das Ergebnis: ein Buddha oder Tathāgata. Aufgrund ihrer Verbindung zur natürlichen Weisheit des Geistes und deren vollständiger Manifestation (das, was zu erlangen ist), werden die Schriften, die sich auf Prajñāpāramitā beziehen, und der Pfad, der zu diesem Ergebnis führt, auch als »Prajñāpāramitā« bezeichnet. Gemäß dem Kommentar des Achten Karmapa zu den Prajñāpāramitā-Sūtren ist (1) die natürliche oder eigentliche Prajñāpāramitā definiert als »die Soheit, die niemals etwas anderes ist und den Namen ›die Weisheit bar jeglicher Dualität von Subjekt und Objekt‹ trägt«. Es gibt also zwei Aspekte der natürlichen Prajñāpāramitā. Auf der einen Seite ist sie die wahre Natur aller Phänomene, aber sie ist nicht nur ein Objekt. Sie ist auch das, was diese Natur wahrnimmt – die nichtgedankliche, nichtduale Weisheit, in der es keine Trennung zwischen Subjekt und Objekt oder Wahrnehmenden und Wahrgenommenem gibt. Wenn diese Soheit von unterschiedlichen bedingten Elementen verschleiert ist, trägt sie den Namen »das Grundelement, das das Sugata-Herz ist«. Mit anderen Worten sagt der Karmapa, dass Buddha-Natur und natürliche Prajñāpāramitā lediglich verschiedene Namen für dieselbe Sache sind.
Sobald diese natürliche Weisheit oder Buddha-Natur von allen Fesseln oder Verschleierungen frei geworden ist, wird sie (4) die Prajñāpāramitā als Ergebnis genannt – die Weisheit eines Tathāgata, die untrennbar vom Dharmakāya oder von der Buddhaschaft ist. Diese nichtduale Weisheit existiert also bereits in allen Lebewesen als die natürliche Prajñāpāramitā und wird durch den Pfad lediglich enthüllt.
(2) Die Prajñāpāramitā der Schriften, die diese Bedeutung lehrt, ist »der Geist, der als Ansammlungen von Namen, Worten und Buchstaben erscheint und dazu geeignet ist, im Bewusstsein der Schüler, das dualistische Erscheinungen in sich birgt, beobachtbar zu sein«. Diese Definition der Prajñāpāramitā der Schriften ähnelt der obigen Definition des Dharma der Schriften. Wiederum wird nicht gesagt, dass die Schriften Materie (wie etwa Tinte und Papier) sind, sondern dass sie das sind, was unter dem Einfluss eines Buddha oder Bodhisattva als Materie (also: Tinte, Papier) im Geist derjenigen Schüler erscheint, bei denen es immer noch dualistische Erscheinungen gibt. Denn dies ist die einzige Art und Weise, in der sie die Lehren (in diesem Fall die Prajñāpāramitā-Sūtren und ihre Kommentare) wahrnehmen können.
(3) Die Prajñāpāramitā des Pfades ist »die Prajñāpāramitā, die während des Ruhens in meditativer Ausgeglichenheit als die Natur nichtgedanklicher Weisheit entsteht«. Streng genommen geschieht dies nur von der ersten Bodhisattvabhūmi an. In einem weiteren Sinne aber bezieht sich dies auf jedwede Einsicht, selbst einen flüchtigen Blick, in die wahre Natur der Phänomene von Beginn des Pfades an. Natürlich ist diese Weisheit oder Einsicht am Anfang nicht nichtgedanklich, sondern sie ist immer noch gedanklicher Natur. Trotzdem wird sie als Prajñā bezeichnet, obwohl sie noch nicht die Pāramitā von Prajñā ist. Sie ist eine Art Baby-Prajñā, das noch erwachsen werden muss.
Manchmal sprechen die Texte auch von einem bloßen Spiegelbild von Prajñāpāramitā, was sich auf die Weisheit der Śrāvakas und Pratyekabuddhas bezieht. Die Prajñāpāramitā-Sūtren sagen, dass Śrāvakas und Pratyekabuddhas sich in ihrer Praxis ebenfalls auf nichts anderes als Prajñāpāramitā stützen, doch sie sind sich weder bewusst, dass es Prajñāpāramitā ist, noch nennen sie sie so. Im Allgemeinen besagen die Mahāyāna-Sūtren, dass jegliche Erkenntnis, die wir auf dem Pfad haben können, aus unserer Beschäftigung mit Prajñāpāramitā herrührt.
Die Prajñāpāramitā-Sūtren
Lassen Sie uns nun die Prajñāpāramitā der Schriften, das heißt die Sūtren unter diesen vier Arten von Prajñāpāramitā eingehender betrachten. Gemäß dem Mahāyāna wurden die Prajñāpāramitā-Sūtren von Buddha Śākyamuni auf dem bereits erwähnten Berg nahe Rājagṛha gelehrt, aber es heißt, dass sie danach nicht genügend wertgeschätzt wurden, sodass sie für ungefähr vierhundert Jahre verschwanden und nicht mehr im Umlauf waren. Später holte Nāgārjuna sie von den Nāgas zurück. Nāgas sind eine Gruppe von Wesen, die im Buddhismus im technischen Sinn unter die Kategorie der Tiere fallen. Im Westen finden wir sie in der Mythologie oder in Märchen als Drachen, unter der Erde lebende Kröten oder schlangenartige Kreaturen wie die Hydra mit ihren vielen Köpfen beschrieben. Für gewöhnlich schätzen Nāgas alle wertvollen Dinge, sie sammeln und horten sie. Von den besonderen Nāgas, die die Verwalter der Prajñāpāramitā-Sūtren waren, heißt es, dass sie im Meer leben und Nāgārjuna sie irgendwie überreden konnte, ihm die Schriften zu überlassen.
Es gibt viele verschiedene Prajñāpāramitā-Sūtren, sehr lange und sehr kurze. Der tibetische Kanon enthält dreiundzwanzig dieser Sūtren, deren Umfang sich zwischen einhunderttausend Zeilen und einer einzigen Silbe bewegt (der chinesische Kanon umfasst sogar noch mehr Prajñāpāramitā-Sūtren). Betrachten wir das schiere Ausmaß der Prajñāpāramitā-Sūtren, so machen sie zwanzig Prozent (einundzwanzig Bände) des gesamten tibetischen Kanon aller buddhistischen Sūtren und Tantras aus. In der tibetischen Tradition werden die zentralen dieser dreiundzwanzig Prajñāpāramitā-Sūtren »die sechs Mütter und die elf Kinder« genannt. Die sechs »Mütter« der Prajñāpāramitā-Sūtren sind leicht zu merken, weil wir uns nur an die Anzahl ihrer Zeilen erinnern müssen – einhundertausend, fünfundzwanzigtausend, achtzehntausend, zehntausend und achttausend, sowie die Prajñāpāramitāsaṃcayagāthā (eine verdichtete Fassung des letzteren Sūtra). Das Herz-Sūtra ist eines der »elf Kinder«.
Alle diese Sūtren drücken so ziemlich dasselbe aus und unterscheiden sich nur darin, in welchem Ausmaß sie ins Detail gehen. Im Herz-Sūtra finden wir Auflistungen wie »kein Auge«, »kein Ohr« usw. In den längeren Sūtren sind diese Listen dramatisch erweitert, sodass wir hunderte von Seiten haben, auf denen es »kein dies, kein das« heißt. Das ist der Grund, warum sie manchmal ein bisschen zäh zu lesen sind und es leicht ist, dabei einzuschlafen. Es ging bei diese Sūtren jedoch nie darum, dass sie eine Art leichter Lesestoff vor dem Einschlafen sein sollten. Sie sind als umfassende oder komprimierte Kontemplationshandbücher gedacht, die immer und immer wieder zu lesen sind. Aber diese Sūtren geben uns nicht nur diverse Listen, sondern sie sprechen auch über den Pfad des Bodhisattva im Sinne dessen, was zu kultivieren ist. Gleichzeitig sagen sie aber auch bei jeder Gelegenheit, dass wir an nichts, was wir kultivieren, erkennen oder erlangen, anhaften sollten. Einige Sūtren geben zum Beispiel ausführliche Erläuterungen über das Entwickeln von Bodhicitta, sagen aber gleichzeitig, dass Bodhisattvas es sich in Bodhicitta oder der Entwicklung von Bodhicitta nicht heimisch machen sollten. Somit sprechen die Prajñāpāramitā-Sūtren nicht nur über die letztendliche Wirklichkeit, sondern auch über die relative Wirklichkeit und relative Praxis, obwohl dies immer in Verbindung mit der letztendlichen Sichtweise geschieht.
Typischerweise werden alle diese Sūtren in Form von Dialogen präsentiert, mit Ausnahme desjenigen in einem einzigen Buchstaben, das wirklich ein Monolog ist. Es ist auch oft nicht der Buddha selbst, der lehrt, sondern jemand anderes, Avalokiteśvara etwa, der diese Aufgabe im Herz-Sūtra erfüllt. Der Buddha sagt am Ende nur »Gute Arbeit!« In anderen Sūtren gibt es mehrere lehrende Protagonisten. Einer der Hauptlehrer ist ein Śrāvaka namens Subhūti, der viele Dialoge mit Śāriputra führt. In der frühen buddhistischen Tradition ist Śāriputra der weiseste aller Schüler des Buddha, aber in den Prajñāpāramitā-Sūtren wird ihm das Leben schwer gemacht. Er ist immer derjenige, der Fragen stellt oder Bedenken erhebt, indem er die Dinge entweder nicht wirklich versteht oder zumindest so tut, als ob das der Fall sei. Dann antwortet Subhūti oder jemand anderes manchmal mit einer Gegenfrage, und daraufhin geht der Dialog hin und her.
Im Allgemeinen sind die Sūtren also Aufzeichnungen oder Transkripte von Unterweisungen oder Dialogen, genauso wie wir heute unsere Transkripte haben. Die Sūtren sind entweder Unterweisungen des Buddha selbst oder von Personen, die vom Buddha autorisiert oder gesegnet wurden. Am Anfang des Herz-Sūtra zum Beispiel begibt sich der Buddha in Samādhi. Daran schließen sich sowohl Śāriputras Frage als auch Avalokiteśvaras Antwort an, die möglich werden, weil sie vom Geist des Buddha in tiefer Meditation gesegnet wurden.
Als die Prajñāpāramitā-Sūtren nach Tibet kamen, wurden sie hauptsächlich während der frühen Übersetzungsperiode im achten und neunten Jahrhundert unserer Zeitrechnung übersetzt und danach mehrere Male redigiert. Es entwickelten sich auch verschiedene Traditionen, die Prajñāpāramitā-Sūtren zu interpretieren. Es gibt nicht nur die indischen Kommentare zu den Sūtren selbst, sondern zahlreiche Kommentare zu einem Text von Maitreya, der Schmuck der klaren Erkenntnis (Abhisamayālaṃkāra) genannt wird. Dieser Text ist im Grunde so etwas wie eine Zip-Datei der Prajñāpāramitā-Sūtren, denn er stellt eine extreme Verdichtung des Sūtra in fünfundzwanzigtausend Zeilen dar. Er ist eher ein Inhaltsverzeichnis oder ein kurzes Memo, das oft nur »A, B, C …« sagt. Es gibt keine große Chance, diesen Text zu verstehen, ohne ihn mit dem Sūtra in fünfundzwanzigtausend Zeilen zu vergleichen, um zu begreifen, wovon er handelt. Dieser Text und seine indischen und tibetischen Kommentare wurden schließlich zur Hauptgrundlage für die Interpretation der Prajñāpāramitā-Sūtren in Tibet.
Komplizierte Unkompliziertheit
Es gibt zwei Hauptthemen in den Prajñāpāramitā-Sūtren. Das offensichtliche ist natürlich die Leerheit – vorwärts und rückwärts, auf und ab, links und rechts und einfach überall. Leerheit ist die explizite Unterweisung dieser Sūtren, ihre offensichtliche Thematik. Es gibt aber auch eine verborgene Bedeutung, die aus der Abfolge der Pfade und bhūmis der Bodhisattvas besteht. Mit anderen Worten, die Lehren über die Leerheit sprechen über das Objekt oder das, was es zu erkennen gilt. Demgegenüber handeln die Lehren über die Pfade und Bhūmis von dem Subjekt, das dieses Objekt erkennt; sie beschreiben also, was im Geist von Bodhisattvas geschieht, die tatsächlich über die Leerheit meditieren und sie erkennen, von der Ebene eines Anfängers bis hin zur Buddhaschaft. Somit erläutern die Prajñāpāramitā-Sūtren zwei Seiten einer Medaille. Sie sagen nicht nur, dass alles leer ist, und wünschen uns dann »Viel Glück!« Sie geben auch Unterweisungen darüber, wie mit dieser Leerheit zu arbeiten ist, wie sie zu kontemplieren und zu erkennen ist.
In der Kommentartradition werden die Lehren über die Leerheit in den Prajñāpāramitā-Sūtren hauptsächlich in der Madhyamaka-Literatur besprochen und gründlich durch Beweisführungen begründet, während der Schmuck der klaren Erkenntnis und seine Kommentare das verborgene Thema der Pfade und Bhūmis in diesen Sūtren behandeln. Die Kommentarliteratur zum Schmuck der klaren Erkenntnis besteht aus einundzwanzig indischen Texten und vielen hundert weiteren in Tibet. Das ist ein interessanter Prozess, denn zunächst haben wir diese sehr langen Prajñāpāramitā-Sūtren, die kaum jemand selbst in einem ganzen Leben studieren und richtig verstehen kann. Dann verfasste Maitreya einen kurzgefassten Text, der Schmuck der klaren Erkenntnis in 273 Versen, aber den können wir auch nicht verstehen, weil er zu kurz ist. Daraufhin verfassten indische und tibetische Meister Kommentare zu diesem kurzen Text, um die Zip-Datei wieder zu öffnen. Dies führte dann aber wiederum zu einer Unmenge von Kommentarliteratur, die noch umfänglicher als die ursprünglichen Sūtren ist.
In gewisser Weise entbehrt das nicht der Ironie, wenn wir an das denken, worum es in diesen Sūtren geht, nämlich die Leerheit. Die Leerheit ist die simpelste und unprätentiöseste Sache, die wir uns nur vorstellen können, und doch haben wir diese ganze Literatur voll mit ausschweifenden Details und vielen Unterpunkten. Darin werden fünf Pfade und zehn Bhūmis beschrieben, und jeder Pfad ist in eine Anzahl von Stufen unterteilt, wobei auf jedem dieser Unterpfade eine bestimmte Anzahl von Verschleierungen aufgegeben werden muss. Die meisten Menschen denken dann nur: »Wer will oder braucht all das zu wissen? Haben wir nicht schon genug Gedanken? Ich dachte, hier geht es darum, alle Bezugspunkte loszulassen.« Natürlich will niemand alle diese Details wirklich wissen, und in einem gewissen Sinn kennen wir sie alle auch schon, denn sie sind die Details der vielen Bezugspunkte, die wir bereits in unserem Geist haben. Die Tatsache, dass diese Sūtren und ihre Kommentare über unsere Verschleierungen sprechen, ist genau der Punkt, warum sie so endlos und kompliziert wirken – nämlich weil unser Geist kompliziert ist. Die Leerheit ist äußerst simpel, aber unser verschachtelter Geist, der diese Unkompliziertheit nicht kapiert, ist sehr kompliziert. Es ist nicht so, dass der Buddha und die anderen Sprecher in den Sūtren wie auch die Kommentare dies wirklich gerne tun, aber sie müssen nun mal jeden einzelnen dieser Knoten in unserem Geist, die wie Knoten im freien Raum sind, ansprechen. Es gibt sehr viele Knoten im Raum unseres Geistes, und wenn sie alle ansgeprochen werden, dann kommen eben all diese dicken Bücher dabei heraus. Wenn wir diese Bücher lesen, stellen wir vielleicht fest, dass wir einen bestimmten Knoten nicht wirklich in unserem Geist haben, aber ich bin sicher, dass wir eine Menge anderer, die ebenfalls beschrieben sind, finden werden. Außerdem sind wir uns oft nicht bewusst, dass wir uns auf einem bestimmten Trip befinden, und machen uns selber vor, dass wir bestimmte Probleme nicht haben, selbst wenn alle anderen sie bei uns sehen. Diese knifflige Sache wird sehr schön von dem westlichen Philosophen Wittgenstein ausgedrückt, der sagte:
Warum ist die Philosophie so kompliziert? Sie sollte doch ganz einfach sein. – Die Philosophie löst Knoten in unserem Denken auf, die wir unsinnigerweise hineingemacht haben; dazu muß sie aber ebenso komplizierte Bewegungen machen, wie diese Knoten sind. Obwohl also das Resultat der Philosophie einfach ist, kann es nicht ihre Methode sein, dazu zu gelangen. Die Komplexität der Philosophie ist nicht die ihrer Materie, sondern die unseres verknoteten Verstandes.5
Das ist interessant, weil es genau das ist, was der Buddha sagte und was in den Prajñāpāramitā-Texten gelehrt wird. Lesen wir die Sūtras, sind sie ganz und gar nicht einfach. Lesen wir Madhyamaka-Texte, sind diese sogar noch schwieriger. Und wenn wir den Schmuck der klaren Erkenntnis und seine Kommentare lesen, sind sie sogar noch schlimmer als die Madhyamaka-Texte. Trotzdem ist es wichtig zu begreifen, warum alle diese Texte so kompliziert sind. Es ist nicht, weil die Thematik so kompliziert wäre, sondern weil unser Geist so kompliziert ist. Wenn wir alle Knoten in unserem Geist auflösen wollen, gibt es verschiedene Herangehensweisen. Wir können versuchen, sie einen nach dem anderen aufzulösen, was sehr viel Zeit erfordert und uns vom Hundertsten ins Tausendste führt. Natürlich gibt es andere Herangehensweisen, bei denen wir einfach versuchen, den gordischen Knoten unseres Geistes mit einem einzigen Hieb zu durchtrennen. Was die Prajñāpāramitā-Sūtren angeht, so ist die Herangehensweise jedoch stufenweise und nicht unvermittelt. Sie erwähnen auch eine unmittelbare Herangehensweise, aber nur für bestimmte, sehr fortgeschrittene Personen. Für die meisten Menschen gibt es den stufenweisen Weg, um ihre Knoten aufzulösen. Dieser besteht aus dem, was die fünf Pfade, die zehn Bhūmis usw. genannt wird.
Wenn in der tibetischen Tradition über »Prajñāpāramitā« als ein Themengebiet gesprochen wird, ist damit der Schmuck der klaren Erkenntnis und seine Kommentare gemeint, das heißt die Thematik der Pfade und Bhūmis. Das Madhyamaka ist eine getrennte Thematik und befasst sich nur mit der Leerheit, obwohl, wie oben erklärt, die beiden Thematiken einander ergänzen. Mādhyamikas sprechen jedoch kaum einmal über die Pfade und Bhūmis, sie sind schlicht und einfach nicht an den Details der Konventionen des Pfades auf der Ebene der scheinbaren Wirklichkeit interessiert. Sie betrachten die Leerheit einfach nur aus allen Richtungen, und danach heißt es dann »Viel Glück!«. Sie sprechen normalerweise nicht einmal darüber, wie man über Leerheit meditieren sollte. Es gibt ein paar wenige Mādhyamikas, die Meditation behandeln, aber für gewöhnlich gehen sie nicht darauf ein.
Es sollte noch angemerkt werden, dass die Chö-Lehren der tibetischen Yoginī Matschig Labdrön ihrem Wesen nach Prajñāpāramitā sind, aber dass sie auch mit Vajrayāna-Prinzipien übereinstimmen und somit Sūtra und Tantra kombinieren. Gemäß Dschamgön Kongtrul ist die Art und Weise, in der die Chö-Lehren mit Prajñāpāramitā verbunden sind, wie die Erde oder der Grund und Boden, auf dem wir einen Baum fällen. Wenn wir keinen Boden haben, gibt es weder einen Baum, den wir fällen könnten, noch haben wir eine Arbeitsgrundlage. In gleicher Weise ist Prajñāpāramitā der Boden, um unsere ego-aufblasenden Gedanken, die uns an Saṃsāra binden, durchzuschneiden. Dieses Durchschneiden muss irgendeinen Grund und Boden haben, auf dem es stattfindet, nämlich Prajñāpāramitā.
Prajñāpāramitā als buddhistische Ketzerei
Eines der schwierigen Merkmale der Prajñāpāramitā-Sūtren besteht darin, dass sie im Kontrast zu den frühen grundlegenden Lehren des Buddhismus stehen. Die Prajñāpāramitā-Sūtren scheinen alle prägenden Merkmale und heiligen Kühe des ursprünglichen Buddhismus, wie etwa die fünf skandhas, die zwölf Glieder des Abhängigen Entstehens, die Vier Edlen Wahrheiten, Nirvāṇa usw. zu verwerfen. Sie werden sozusagen alle über Bord geworfen. Im frühen Buddhismus entwickelte sich an einem gewissen Punkt die Tendenz zu einer übermäßig scholastischen und verdinglichenden Herangehensweise an die Lehren. Gelehrte ordneten alles, was der Buddha gesagt hatte, in Kategorien mit vielen Unterkategorien und vielerlei begrifflichen Wechselbeziehungen ein. Sie konstruierten sozusagen einen riesigen Schrank mit vielen Schubladen und Unterschubladen, und alles musste irgendwo hineinpassen. Ihrer Auffassung zufolge setzte sich die Wirklichkeit aus vielen verschiedenen Dingen zusammen, die alle wahrhaft und letztendlich existieren. Dieser ultra-realistische Ansatz mit seinen Listen an »Dharmas« oder Phänomenen wird abhidharma genannt. Es ist diese Abhidharma-Tradition mit ihren Klassifizierungen und Unterklassifizierungen sowie einer starken Tendenz, alles zu verfestigen, die eine der Hauptzielscheiben des dekonstruktivistischen Ansatzes der Prajñāpāramitā-Sūtren ist. Somit wirken die Prajñāpāramitā-Sūtren der Tendenz entgegen, die Lehren des Buddha dadurch übermäßig zu verdinglichen, dass man alles in schöne Kategorien einordnet und denkt, dies wäre die Art und Weise, wie die Welt tatsächlich existiert.
Edward Conze, einer der ersten Wegbereiter, der die Prajñāpāramitā-Sūtren übersetzt und studiert hat, sprach von fünf Punkten, in denen sich der Mahāyāna-Ansatz der Prajñāpāramitā-Sūtren und der frühe Buddhismus unterscheiden. Erstens: Die Ideale, Ziele und die Laufbahn eines Bodhisattva sind verschieden von denen eines Arhat. Arhats sind primär an Selbstbefreiung interessiert, wohingegen Bodhisattvas danach streben, alle Lebewesen zu befreien, indem sie sie darin unterstützen, Buddhas zu werden und nicht bloß Arhats. Dazu braucht es eine bestimmte Motivation, Bodhicitta, also den Wunsch, vollkommene Buddhaschaft zu erlangen, um allen Wesen zu nutzen. Bodhicitta ist der Wunsch, andere Wesen von ihrem Leiden zu befreien – Bodhisattvas wünschen sich also nicht, Buddhaschaft zu ihrem eigenen Wohl zu erlangen. Das ist sehr wichtig, weil wir gewöhnlich denken, dass der eigentliche Punkt von Bodhicitta darin besteht, ein Buddha zu werden, aber das ist immer noch sehr ego-orientiert. Der Kern des Bodhisattva-Gelübdes oder von Bodhicitta ist der Wunsch, alle Wesen vom Leiden befreien zu können. Aus diesem Grund streben Bodhisattvas danach, Buddhaschaft zu erlangen, da die Buddhaschaft der wirkungsmächtigste Zustand ist, um den Wesen zu helfen, von Leid frei zu werden. Anders gesagt ist Buddhaschaft aus der Perspektive von Bodhicitta lediglich ein Mittel zum Zweck, aber kein Selbstzweck oder Endziel. In der Tat ist es überhaupt kein Endziel, weil die Buddhaschaft der Punkt ist, an dem unsere Aufgabe, den Lebewesen zu helfen, wirklich erst in vollem Umfang beginnt.
Zweitens: Die Vorstellung von Weisheit in den Prajñāpāramitā-Sūtren steht im Kontrast zu den Vorstellungen des frühen Buddhismus. In ihm bestand Weisheit in der Erkenntnis, dass es kein persönliches Selbst gibt – bzw. in der Erkenntnis der Vier Edlen Wahrheiten. Weisheit bezieht sich ursprünglich einfach nur auf die eigenen fünf Skandhas und auf die Erkenntnis, dass es in diesen Skandhas kein Selbst gibt. Die Weisheit der Prajñāpāramitā-Sūtren ist jedoch viel umfassender. Diese Weisheit betrachtet nämlich die Skan-dhas aller Lebewesen wie auch alle anderen inneren und äußeren Phänomene und erkennt, dass keines dieser Phänomene eine Eigennatur besitzt.
Drittens: Die Prajñāpāramitā-Sūtren besagen, dass Bodhisattvas die Phänomene nicht bewerten sollten. Sie sollen also nicht an irgendwelchen Merkmalen der Phänomene festhalten oder sie verdinglichen, während das Abhidharma demgegenüber alles gemäß seiner Merkmale in langen Listen mit vielen Kreuzverweisen klassifiziert und die Phänomene mehr und mehr verdinglicht.
Viertens: Im Abhidharma wird die Erkenntnis des Prinzips der Vergänglichkeit, eines der prägenden Merkmale des buddhistischen Grundansatzes, als entscheidend angesehen. Dazu untersucht man die Momenthaftigkeit der Dinge, das heißt, ihr Entstehen, Bestehen und Vergehen, und beschreibt diesen Prozess. Im Kontrast dazu sagen die Prajñāpāramitā-Sūtren immer wieder, dass es kein Entstehen, Bestehen und Vergehen gibt. Somit ist es eines der prägenden Merkmale dieser Sūtren, dass »alle Phänomene ungeboren sind«; dies bedeutet, dass sie niemals wirklich ins Dasein treten und somit leer von jeglichem wahrhaften Entstehen, jeglicher inhärenter Existenz und jeglichem Vergehen sind.
Fünftens: Das Abhidharma spricht davon, dass die Wirklichkeit aus einer Vielzahl von Phänomenen besteht; selbst die letztendliche Wirklichkeit setzt sich aus vielfältigen Phänomenen zusammen, etwa winzigen materiellen Teilchen und kleinsten Geistmomenten, die alle wahrhaft existent sind. Die Prajñāpāramitā-Sūtren besagen, dass diese vielfältigen Phänomene nicht existieren, einfach, weil es von Anfang an keine Phänomene gibt. Es gibt auch keine voneinander getrennten Phänomene, weil wir keine klaren Unterscheidungen oder Grenzlinien zwischen ihnen etablieren können. Alle Unterscheidungen sind nichts anderes als vollkommen beliebige gedankliche Etiketten. Wir denken zum Beispiel, dass das Kissen und die Matte, auf der es liegt, zwei verschiedene, voneinander getrennte Dinge sind, aber für ein kleines Kind ist das überhaupt nicht offensichtlich. Wir denken auch, dass dieser Tisch und der Teppich unterschiedliche Objekte sind, aber von unserer visuellen Wahrnehmung her ist auch das nicht offensichtlich. Wenn wir lediglich das betrachten, was in unserem Sehfeld erscheint, wer könnte dann sagen, dass das, was darin links, rechts, oben oder unten auftaucht, wirklich verschieden voneinander ist? Wir könnten unser gesamtes Sehfeld genauso gut als ein vielfarbiges Objekt ansehen, was im Grunde auch genau das ist, was unser Sehbewusstsein uns zeigt. Nur aufgrund unserer Zuschreibungen und Etiketten unterscheiden wir zwischen verschiedenen Objekten. Unsere Augen sehen alles in diesem Raum einfach nur als einen großen vielfarbigen Fleck, aber dann zieht unser gedanklicher Geist Grenzlinien, wie etwa dass verschiedene Leute auf unterschiedlichen Kissen und Stühlen sitzen, verschiedene Kleidungstücke tragen usw.
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