Kitabı oku: «Eisblumen»

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Eisblumen

1. Auflage, erschienen 8-2019

Umschlaggestaltung: Romeon Verlag

Text: Karl Eitljörg-Scholz

Layout: Romeon Verlag

ISBN: (E-Book) 978-3-96229-871-5

www.romeonverlag.de

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Karl Eitljörg-Scholz

EISBLUMEN

EIN SÜDSEE-ROMAN

„Träume sind Eisblumen an den Fenstern der Seele“

Adolf Reiz – deutscher Essayist (1884-1964)

TEIL 1

DIE AHORNRAST


Über Nacht ist es Herbst geworden. Ein frostiger Morgen überdeckt die vor Tagen noch durch unzählige Herbstzeitlosen in blasses Lila getauchte Bergwiesen im Tierser Tal.

Glitzernder Raureif, silbrige Nebelschleier nisten im Tal und geben ihm ein doch etwas fremdartiges, mystisches Gepräge.

Die Blumenpracht an den Fenstern der schmucken Berggehöfte um St. Cyprian ist längst abgeräumt. Nur in den lieblichen Hausgärten zeigen sich da und dort noch die letzten Rosen mit ihren verwelkten Köpfchen, die doch den ganzen Sommer über die Herzen ihrer Betrachter erfreuten. Und unübersehbar künden sorgsam aufgeschichtete Holzstöße für Brennholz an den behäbigen Hausmauern den nahenden Winter an.

Gegen Mittag jedoch, wenn die Sonne über die Rosengartengipfel steigt und das Tal ausleuchtet, schält sich ein sonniger Herbsttag aus dem Morgennebel.

Von den hohen Zinnen und Graten im Rosengarten grüßt der erste Schnee und oben beim Eingang ins Tschamintal leuchten die mächtigen Lärchenstämme in sattem Gelb und stehen wie flüssiges Gold im bizarren Gegensatz zum tiefblauen Himmel, der sich heute wohl von den Dolomitengipfeln bis ins Rebenland über das ganze Südtiroler Land spannt. Unweit des Bergpfades, der auf den Tschafon führt, steht stolz der mächtigste Bergahorn des ganzen Landes in seiner stolzen, herbstlichen Würde. Ein kühler Windhauch vom Schlern herunter fächelt durch die mächtige Krone und pflückt unbarmherzig schon die bunt gefärbten Blätter.

In verzweifelten Kapriolen und Windungen segeln sie noch mal durch ihr heimatliches Geäst, um im weichen Moos ihr Leben auszuhauchen.

Über das biblische Alter des Bergahorns weiß wohl niemand so richtig Bescheid. Er stand einfach immer da und auch älteste, vergilbte Fotos zeugen von allen möglichen Anlässen und Feiern längst vergangener Generationen und Zeiten. Jahrhundertelang hat das Wasser vom Berg herunter die mächtigen Wurzeln ausgehöhlt und besonders eine von ihnen empfahl sich so einladend als willkommener Rastplatz, dass man einfach einen Lärchenpfosten mit einer dürftigen Lehne darüber befestigte. Und fortan nannte man dieses einladende Plätzchen die „Ahornrast“.

Eine unübersehbare Sammlung von originellen Einkerbungen in den mächtigen Stamm mit Herzen und Jahreszahlen, versprach wohl so manche ewige Liebe und Treue, Leid und Freude, Schwüre und Gelübde.

Zum Teil vernarbt oder auch noch gut lesbar. Wie viele sinnreiche Stunden haben hier Menschen wohl erlebt und ins Leben mitgenommen.

Es ist später Nachmittag. Die sinkende Herbstsonne sendet noch ein Bündel ihrer wärmenden Strahlen durch ein brüchiges Wolkenband, das sich auch schon ins zarte Orange färbt, als sich ein auffallender, hochgewachsener, allem Anschein nach junger Mann auf der Ahornrast niederlässt.

Martin Völler ist’s.

Ein begnadeter Bergführer der jüngeren Generation, den jedes Kind hier im ganzen Land und weit darüber hinaus kennt und schätzt. Als Mensch beliebt, in den Bergen ein äußerst verlässlicher Anker, bei dem man sich einfach geborgen fühlt.

Die buschigen schwarzen Augenbrauen zeugen von Tatkraft und Zuverlässigkeit. Die braunen Augen passen gut zum Bronzeton, des von Sonne und Wind gebrannten Gesichts.

Zwei heimliche Fältchen spielen um die Mundwinkel, gefurcht von Willenskraft und oft unmenschlichen Entbehrungen auf dem Weg zum Gipfel.

Auffällig sehnige, starke Arme und kräftige Beine, geformt von Fels und Eis, vermitteln Attribute der Sonderklasse, alles in allem ein Typ, den man mag und in dessen Nähe man gerne verweilt.

Wenn er auch erst auf die dreißig zugeht, hat er sich bereits eine fast unglaubliche Alpinerfahrung zugelegt. Gereift und gestählt, in zahlreichen Expeditionen und Trekkings im Himalaya, Karakorum und Hindukusch.

Durch die schon schrägen Sonnenstrahlen geblendet drückt Martin seinen Filzhut tiefer ins Gesicht, um dem Blick hinauf in den Rosengarten und den Vajolettürmen mehr Schärfe zu verleihen.

Er liebt diesen Augenblick von Kindheit an. Wenn der Tag sich neigt, die Abendsonne den Rosengarten purpurn färbt und die Bergdohlen ihre letzten Runden majestätisch im Aufwind drehen. Dann kann es schon sein, dass er ein wenig wehmütig auf das kleine Hotel etwas unterhalb der Ahornrast blickt, sollte es doch seine Zukunft und Existenz werden. Vater war viel zu früh an einer heimtückischen Krankheit aus dem Leben geschieden und hatte eine große Lücke hinterlassen. Nach seiner gastronomischen Ausbildung in Bozen führte er die bescheidene elterliche Gastwirtschaft bei St. Cyprian zu einem kleinen, aber feinen Hotel. Beliebt bei der einheimischen Bevölkerung und den treuen Feriengästen. Seither führt nun die Mutter, als gern gemochte „Völlerin“, mit seiner jungen Schwester mit viel Fleiß, Umsicht und mühevollem Einsatz, der oft beinahe bis zur Erschöpfung reicht, das Hotel. Als gläubige Frau aus dem Pustertal, hat sie ihr unbändiges Gottvertrauen nie verloren und auch Martin schon in frühen Kindesjahren dadurch geprägt. Natürlich wollte Martin ihren sehnsüchtigen Wunsch nach einer passenden Schwiegertochter frühzeitig erfüllen und gab sich auch große Mühe. Seine erste Wahl war eine Hotelierstochter von der Seiseralm. Mit vielen Erwartungen holte man sie zur Praxis ins Hotel. Der passte jedoch die stete Sonntagsarbeit nicht und sie empfahl sich mit guten Wünschen. Die folgende Wahl war ein nettes Mädchen aus dem Vintschgau. Die verstand wieder seine Liebe zu den Bergen nicht und war so auch kein Fall fürs gemeinsame Leben.

Als Gefühlsmensch durch und durch, wie er war, zog er sich immer mehr in seine Berge zurück und Mutter und Schwester fühlten und ahnten schon, dass sie mit Martin wohl nicht mehr zu rechnen brauchten. Obwohl ein großer Traum sich in seinem Herzen immer merklicher einnistet, das Hotel auszubauen zu einer internationalen, richtigen alpinen Kaderschmiede für Spitzenleute zu Erstbesteigungen in die Karakorum-Region. Die extremsten Berge der Welt.

Ja, gerade Tiers hat in seiner alpinen Vergangenheit einen sehr bedeutenden Bekanntheitsgrad und unvergesslichen Namen im internationalen Alpinismus.

Oftmalig kehrten seine kühnen Bergführer als wahre Pioniere aus dem Himalaya zurück und brachten viel Ruhm ins Tal.

Es ist einfach Martins Traum, da wieder anzuschließen. Voll motiviert, mit viel Zuversicht und kühnen Ideen, beginnt er bereits, seinen Plan umzusetzen.

Durch sehr professionelle, mediale Vernetzungen hat er dazu auch die besten Voraussetzungen und Möglichkeiten. Als anerkannter viel beachteter Autor alpiner Literatur und vielbeschäftigter Experte in TV-Kanälen. Durch sein gutes Aussehen, stets gern gesehener Star in Bergfilmen und Dokumentationen, hat er es bereits zu einem guten Namen und ansehnlichem Vermögen gebracht.

Außerdem ist er ein begnadeter Fotograf und seine Leica-Motive türmen sich im Landes-Tourismus-Amt in Bozen und sind so exzellente Botschafter des vielgerühmten Südtirols.

Bereits seit einem turbulenten Jahr brütet er über sein Vorhaben. Andauernde, nervenzermürbende Scherereien und Stress hindern ihn nicht, mit äußerster Präzision und Geduld sein Projekt voranzutreiben. Eine ausgedehnte Weltreise über Monate sollte es werden. Über Südamerika mit den Anden, Australien privat, Asien mit dem Karakorum-Highway, um private Kontakte für nötige Anlaufstellen für seinen Traum auszuloten.

Es ist merklich kühl geworden auf der Ahornrast. Ein Blick noch hinauf in den Abendhimmel, wo die stolz aufragenden Vajolettürme mit ihrem magischen Zauber im Abendrot glühen. Die ersten Sterne blinken noch ein wenig zaghaft über den Gipfeln, aber bald wird sie ein sterneübersätes Himmelszelt in einen hellen, funkelnden Silberglanz tauchen.

Morgen wird er noch einmal in diesem Jahr auf seinen geliebten “Winklerturm“, seine Lieblingstour in den Vajolettürmen klettern, falls der Schnee ein nicht allzu großes Hindernis darstellt. Längst schon ist ihm diese Tour einfach eine lässige, morgendliche Aufwärmrunde geworden, wo andere sich damit brüsten.

Über die Bergwiesen oberhalb von St. Cyprian und den steilen Pfad durch den Hochwald, wird er zur Haniger Schwaige, unter der Laurinswand, hochsteigen.

Vorbei am „Tierser Kreuz“, wie immer den Hut ziehen, seinem Schöpfergott in kurzer Andacht ein inniges „Vergelt’s Gott“ sagen für sein glückliches Leben hier in seiner geliebten Bergheimat.

In der Haniger Schweige aus seinem Verschlag Helm, Bergausrüstung und die kleine Leica-Kamera nehmen und gleich oberhalb der Schuttkegel in die himmelhoch, drohend aufragenden Wände einsteigen. Da ihm die etwas abseits befindliche Delagokante zu einfach ist, hat er sich seine eigene Route gewählt und wenn er auch jeden Tritt und Griff wie seine Westentasche kennt, ist morgens durch den Neuschnee auf alle Fälle äußerste Vorsicht gefragt. Aber gerade diese Anforderungen sind es, die er sucht und liebt. Oben am 2813 m hohen Gipfel in der Nachbarschaft des „Delago“ und des „Stabelerturmes“ wird er an der Scharte beim Gipfelkreuz beglückt kurz ausruhen, hinunter ins Gartl blicken, wenn die letzten Touristen respektvoll ihre Fotos von den Vajolettürmen schießen.

AM WEISSHORN

Am heimatlichen Hoteleingang läuft ihm Herr Kühnert über den Weg. Langjähriger Stammgast des Hauses und Notar aus dem Allgäu. Oftmaliger Begleiter von Martin auf einfachen, unvergessenen Fototouren.

„Hallo Martin. Wir wär’s noch mit einer kleinen Tour? Vier Tage bin ich noch bei Euch.“ „Guten Abend, Herr Notar. Natürlich, machen wir. Morgen muss ich Nachmittag nach Bozen. Tags darauf wäre ich aber zu haben.

Was soll’s sein, Herr Kühnert. Eventuell übers Tschamin-Tal zur Grasleitenhütte? Und übers Tierser-Alpl und die Rosszähne, falls nicht zu viel Schnee drinnen liegt, auf die Seiser-Alm, von wo uns der Nachbar Lois abholen könnte.

Oder machen wir’s gemütlicher. Vom Jochgrimm auf das Weisshorn. Wäre mein Vorschlag.“ „O. k., Martin, das machen wir. Freue mich riesig darauf!

Übrigens, was ist mit Ihrer Weltreise. Ihrem langjährigen Traum?

Wenn Sie einen guten Partner benötigen für nötige Verträge, die sicherlich nicht ausbleiben, ich ließe mit mir gerne darüber reden!“ „Ja, danke, lieber Herr Kühnert. Auf das komme ich bei Bedarf gerne zurück.

Mitte Dezember soll’s losgehen.

Mein Gott, die ersten Weihnachten ohne meine Familie und den Bergen. Jedoch umso schöner wird die hoffentlich glückliche Heimkehr.

Sie werden es erfahren!“ Es ist ein frischer, typischer Herbstmorgen.

Der Himmel ist bedeckt und Morgennebel in silbrigen Schleiern windet sich durch das Tal. Pünktlich, wie verabredet um 8.00 Uhr, fährt Martin seinen Wagen aus der Garage des Hotels.

Herr Kühnert ist schon zur Stelle und grüßt winkend. Man merkt, dass er sich auf diesen heutigen Tag freut wie ein Kind, zumal Martin nach einem flüchtigen Blick zum Himmel meint, am Jochgrimm werde es aufreißen.

Für Kühnert kommt dieser Tag einem wahren Geschenk gleich. Mit seinem breitkrempigen, groben Stoffhut, marineblauer Bailo-Goretex-Jacke, lichter, schon etwas abgetragener Löffler-Hose und klobigen Lowa-Schuhen, erkennt man gleich, dass es heute nicht sein erster Tag in den Bergen ist.

Wenn er auch schon seinen Sechziger soeben überschritten hatte, ist er zweifellos eine sehr sportliche Erscheinung. Und auch seine Kondition kann sich durchaus sehen lassen.

Vor zwanzig Jahren schon sind die Kühnerts erstmalig im Tierser Tal aufgekreuzt und Martins Elternhaus treu geblieben.

Frau Kühnert ist vor einigen Jahren plötzlich verstorben. Martins Mutter hat Helga Kühnert, ihrer besten Freundin, lange nachgetrauert und vermisst ihr fröhliches Wesen noch heute sehr. Hatte sich über Jahre doch eine sehr tiefe, harmonische Verbundenheit ergeben, die umso mehr Martins Mutter nach dem Tod ihres Mannes über vieles hinweggeholfen hat.

Umso liebvoller sorgt seither das gesamte Haus Völler alle Jahre wieder für einen, ja man könnte es auch einen wohltuenden, familiären Aufenthalt mit heimeliger Nestwärme ihres liebgewonnenen Notars nennen.

Raureif und heftige Windböen, die Wolkenfetzen vor sich hertreibend, begleiten sie die Serpentinen hinauf zum Niger-Pass.

Unterwegs kommen sie auf Martins Reise zu sprechen. Viel Organisation, Geduld, Umsicht, mit andauernden Rückfragen und Änderungen bei Agenturen, Fluglinien und Hotelbuchungen, soweit er sich bereits festgelegt hat. Vieles davon, vor allem Termine, nimmt er sich für unterwegs vor.

Kühnert bewundert seinen Mut, sein Selbstbewusstsein und vor allem seine Überzeugung, nichts dem Zufall überlassen zu haben. Alles unabdingbare Voraussetzungen für das gute Gelingen seines Vorhabens. Davon war Martin einfach überzeugt, seinem Lebenstraum Raum zu geben.

Schon als kleiner Bub war er Kühnert ans Herz gewachsen. War er damals zwar noch ein liebenswerter Schlingel, hat er sich zu einem tüchtigen Menschen entwickelt. Sein freundliches, ehrliches Wesen und seine sympathische, soziale Art in Gesellschaft und Geschäft brachte ihm viel Anerkennung und Wertschätzung. Gepaart mit seinem guten Aussehen, war das eben sein Markenzeichen.

Oben auf der der Fromme-Alm halten sie an. Zu verführerisch ist rundum die klare Aussicht in die herbstlich geratene Natur, in ihrer Pracht und Großartigkeit.

Ein erhebender Anblick, der spürbar die Seele in Schwingungen versetzt mit der Vorfreude auf diesen Tag. Welch reiches Geschenk, welch unvergessenes, bleibendes Glück.

Das Auge schweift von der Laurinswand, Rosengartenspitze und der Rotwand, die noch tief im Schatten liegen, zu den schroffen Latemar-Spitzen, in denen schon ein vages Licht spielt. Über dem Eggen-Tal dem Westen zu, bis zum fernen, schneebedeckten Ortlermassiv mit der markanten Königsspitze, kündet schon ein zartes Blau, den sonnigen Tag an.

Am Parkplatz beim nahen Karrer See ebenfalls ein kurzer Stopp.

Zu verführerisch ist immer wieder der Blick auf den mystischen See, eingebettet in den urwüchsigen Latemar-Wald. Derzeit jedoch zeigt sich der See nicht in seiner stolzen Pracht. Der Wasserstand hat scheinbar durch den trockenen Herbst merklich gelitten und um die herausragenden vermoosten Steine zeigen sich finstere Wasserlachen, als hätten sie ihre Lebensfreude verloren.

„Aber wartet nur“, hört man scheinbar ihren flüsternden Ruf. „Wenn im Frühjahr an den Sonnenhängen am Latemar der Winterschnee zerfließt, sprudelnd durch den Wald den See zu neuem, funkelndem Glanz füllt.

Dann kommt und seht. Wenn die mächtigen 250 Jahre alten, bis zu 50 m hohen Fichtenstämme sich im strahlenden Türkis des Wassers spiegeln und im sanften Wind vom Latemar herunter die Wellen lustig jodelnd an die Steine klatschen. Ja, dann werdet Ihr verstehen, warum ich einer der meist fotografierten Seen Südtirols bin. Nicht umsonst hat sich der Wald an meinen Ufern zum größten Fichtenwald Europas gewandelt. Nicht umsonst ist mein Holz besonders für edle Saiteninstrumente als der beste Klangkörper beliebt und begehrt. Fragt sie einmal alle, die Geigen- und Orgelbauer. Wie wertvoll und unverzichtbar mein Holz aus der Haselfichte ist.

Wer weiß schon, ob nicht auch die berühmte Stradivari-Geige in Cremona hier ihre Wurzeln hat!“ „Was ist eigentlich mit Deiner Geige, Martin? Stammt sie auch aus diesem Zauberwald?“, kommt die überraschende Frage Kühnerts.

„Ich weiß lediglich, dass diese mein Vater von seinem Großvater vererbt bekam und angeblich von einem Geigenbauer im bayrischen Mittenwald kommt.

Jedenfalls ist sie mein Lieblingsinstrument und meine Freude.“ Martin war den Eltern schon als Kind mit seinem musikalischen Talent und der Freude zum Gesang in der Familie aufgefallen. Man wusste nicht so recht, woher er diese Gabe hatte. Lediglich Mutter besaß eine schöne Stimme. Das war’s dann aber auch schon.

Als ihm endlich die erste Blockflöte fad wurde, schenkte man ihm Großvaters Violine nebst Unterricht bei einem pensionierten Musiklehrer aus Bozen. Da spielte er dann begeistert darauf los, dass es sämtlichen Schafen im Tal die Haare aufstellte.

Jedenfalls wuchs er zum begnadeten Virtuosen auf der Geige. Spielte im Kirchenchor und bei vielen Anlässen, wo man sehnlichst und begeistert auf sein Ave Maria wartete.

Martin hatte recht behalten.

Drüben am Jochgrimm auf 1.980 m Höhe erwartet sie gleißendes Sonnenlicht. Der Wind frischt auf und die Sicht wird klar.

Vom Weisshorn leuchten schon die bleichen Felsen, als sie vor der kleinen Kapelle auf der Scheitelhöhe ihre Bergschuhe schnüren, um über die Wiesen und Latschenfelder beim Skilift den Aufstieg zu starten.

Oben, beim Gipfelkreuz machen sie auf blankem Fels gemütlich Rast.

Martin kramt in seinem Tagesrucksack und bringt, wie es eben geliebte Tradition und am Berg Sitte ist, wahre Leckerbissen zum Vorschein. Die Klassiker auf Bergeshöhen, Speck, würzige Kaminwurz, italienische Salami, dunkles Roggenbrot, gewürzt mit Brotklee aus dem Pustertal und die typischen „Vintschgerln“, Schüttelbrot und etwas Obst.

Und so erzählt er so manche Bergerlebnisse und Geschichten und findet bei Kühnert einen faszinierten Zuhörer. Wann findet sich auch schon Gelegenheit, aus so berufenem Munde wahre Abenteuer in Fels und Eis, zwischen Himmel und Erde zu hören.

Allmählich ist es Mittag geworden.

Die Sonne steht hoch am wolkenlosen Himmel und es tut im Spätherbst einfach gut, wie ihre Strahlen den blanken Felsplatten noch ein wenig Wärme schenken.

Von der Wallfahrtskirche des nahen Maria Weißenstein schallen leise und beinahe verträumt die Mittagsglocken herauf und friedvolle Stille legt sich über Land und Bergeshöhen.

Martin und sein Begleiter üben sich in ehrfurchtsvollem Verhalten im Anblick dieser majestätischen Kulisse im Dolomitenrund.

Das Spiel der Sonne von gleißendem Licht und Schatten in den schroffen Spitzen und Zacken des nahen Latemar-Gebirges bis hin zu den leuchtenden Wänden des Rosengartens. Der sagenumwobene Schlern grüßt von Norden und weit dahinter die Ötztaler Alpen mit ihren gleißenden Schneefeldern und Firnen, weiter dem Westen zu der ehrwürdige Ortler mit der blendend weißen Königsspitze, südlich begrenzt von den markanten Gipfeln der Brenta Gruppe.

Und von hier oben vom Weisshorngipfel ist es ein schwindelnder Blick hinunter in die geologisch hochinteressante Blettenbach-Schlucht, die Aufschluss gibt über das Werden der Dolomiten, wie vielseitige Muschelabdrücke und Meeresablagerungen beeindruckend bezeugen.

Eine einzige, atemberaubende Reise durch Jahrmillionen Erdgeschichte.

Talwärts auf den grünen Matten gegen Deutschenofen hin grüßt der alte Tiroler Wallfahrtsort Maria Weißenstein mit dem Bild „der schmerzhaften Mutter Gottes“.

Heute sorgen sich Patres des Servitenordens um das Wohl der zahlreichen Pilger, die keine Mühen scheuen, um hinaufzupilgern, um Heil und Segen zu erfahren in ihren Anliegen.

Wie eh und je in diesem Land mit seinem stolzen Leid.

Geknetet in Blut und Tränen.

Aber welcher Segen liegt heute über diesem gottgelobten Land, wenn man gegen Süden und Westen blickt.

In saftigem Grün zeigen sich die paradiesischen Apfelgärten unten im Etschtal, überlagert von den üppigen Weinhängen in Überetsch in ihrer herbstlichen Farbenbracht. Fürstlich bewacht von der steil aufragenden Mendelhöhe. Ein einziger Garten Eden.

„Mensch, Martin, welcher Anblick“, findet endlich Kühnert Worte. „Danke, dass Du mich hier heraufgeführt hast. Diese Vielfalt, diese Pracht, man fasst es nicht!“ „So ist es, lieber Herr Notar. Hier ist einer der seltenen Plätze, um die Schöpfung zu schauen, von den Schneegipfeln und Bergeshöhen bis ins Paradies mit Apfel und Wein.

Ein leises Ahnen von der Fülle dieses gesegneten Landes!“ „Wenn ich dir zuhöre, Martin, ist dir dieses Weisshorn an das Herz gewachsen.“ „Sie sind mir tatsächlich auf die Spur gekommen und ich will Ihnen etwas verraten, was nicht viele wissen.

Oft, am zweiten Sonntag nach Fronleichnam, wenn das „Heilige Herz-Jesu-Fest“ gefeiert wird, das bei uns in Südtirol von jeher große Bedeutung hat, treibt es mich zum Weisshorn.

Dann, wenn die Nacht hereinbricht, erglühen hunderte Feuer mit dem Herz-Jesu-Symbol, rundum auf Wiesen, Scharten, Bergkämmen und Gipfeln.

Ein heiliger Schauer breitet sich über das Land, als ehrlicher Dank für diese Gottesgaben, verpackt in eine begnadete Natur in ihrer Vielfalt und Herrlichkeit.“ „Wieso Martin, ist das speziell nur bei euch so in Südtirol?“, kommt die erstaunte Frage.

„Das geht zurück auf das 18. Jhdt. Die Angst ging um vor den drohenden Franzosenkriegen der napoleonischen Zeit. An den Grenzen loderte schon Feuerschein und Kriegsdonner hallte in den Schluchten und Tälern. Nacktes Entsetzen packte das geschundene Land.

Und nirgendwo Hilfe? Doch, eine gibt es – raste die Botschaft wie ein Flammenmeer durch Täler, Städte, Almen, Höfe und Bergeshöhen.

„Heiliges Herz Jesu“ hilf und beschütze unsere Heimat. Lass unser Tirol dir empfohlen sein.

Und so gelobte der Landtag 1796 alljährlich dieses Fest feierlich zu begehen.

Ja, so war es dann auch. Das Land hat diesen Hilferuf nie vergessen und tausende Segensfeuer zum Dank, bezeugen jährlich am „Hl. Herz-Jesu-Sonntag“ ihren Glauben.

Alle Jahre wieder, wenn die Dämmerung hereinbricht und über Gipfeln und Graten noch ein letztes, zartes Licht steht, erglühen schlagartig unzählige Feuersymbole mit dem Herzen und Kreuz Christi. Lobpreis und Dank sprühen mit den Funken zum Himmel. Es ist der Moment, da auch die ersten Sterne aufleuchten, als sei es eine himmlische Botschaft der Erwiderung.“ „Und?“, will Herr Kühnert wissen, „sehen das auch die jungen Leute so? Diese mühsame Vorbereitung, das Holz auf die Berge. Wenn es der Traktor nicht mehr schafft mit Händen und Seil auf die Felsen. Da könnte man schon verstehen, dass die Bereitschaft dazu abnimmt.“ „Keineswegs“, sagt Martin überzeugt. „Die Bereitschaft ist immer noch groß. Wenn auch die spirituelle Begeisterung nicht mehr dieselbe Tiefe hat, so ist dies mehr der Tradition und dem Erlebniswert geschuldet.“ Der Schatten des Gipfelkreuzes war länger geworden und mahnte zum Aufbruch. Es ist einer der Tage, der für beide viel zu früh zu Ende geht. Den Blick ins Tal könnte man noch stundenlang genießen. Obwohl die Alpenflora mit Almrausch und Alpenrosen längst verblüht ist, das monotone Bimmeln der Kuhglocken von den Almen herauf verstummt ist, um dem heiligen Almfrieden zu weichen.

„Es hat schon was für sich, dein Südtirol“, wendet sich Kühnert Martin zu, während er sich zum Aufbruch fertigmacht.

„Wie es ja auch in Eurer heimlichen Hymne – Wohl ist die Welt so groß und weit … so treffend schön besungen wird.“ „Ja wirklich“, meint Martin. „Jedoch die ehrlichste, letzte Strophe steht in keinem Text und singen nur wir, wenn uns das Herz aufgeht.“ Und plötzlich erhebt er sich und seine sonore Stimme erklingt unterm Gipfelkreuz seines Weisshorns.

„Drum auf und stoßt die Gläser an es gilt der Heimat mein, die Berge hoch, das grüne Tal – mein Mädel und der Wein.

Und wenn einmal – so leid’s mir tut, mein Lebenslicht erlischt, freu’ ich mich, dass der Himmel auch, schön wie die Heimat ist!“

Und während ein sachter Nordwind vom Schlern her die letzten Töne in die Berge trägt, fühlt Kühnert plötzlich die kräftige Hand Martins auf der Schulter.

„Das, lieber Herr Notar, habe ich Ihrer Frau, Ihrer lieben Helga gewidmet!“ Er drückt seinem väterlichen Freund innig die Hand und wendet sich talwärts, der Gurdin-Alm zu.

Wortlos folgt ihm Kühnert und ist froh, dass Martin nicht merkt, wie ihm einige dicke Tränen über die Wangen rollen.

DIE REISE

Schneller als befürchtet war der spannende Moment des Aufbruchs gekommen. Der große Lebenstraum des Martin Völler sollte seinen Anfang nehmen.

In der Nacht hatte es geschneit. Nicht ausgiebig, aber genug, um dem Advent seine erwartungsvolle Stimmung zu verleihen.

Leichte, flaumige Flocken rieselten über das Tiersertal und verwandelten es wie schon ersehnt in eine romantische Bilderbuchlandschaft. Die Pfarrkirche mit einem weißen Zuckergusshäubchen, umgeben von lichterglanzgeschmückten Häusern, aus denen es schon verführerisch nach Lebzelt, Zimt und Kloatznbrot duftete.

Martin, in warmer Lodenjacke gehüllt, stapft hinauf zur Ahornrast. In nachdenklicher Stimmung versunken, fegt er den Schnee von der Bank, um noch einmal an seinem geliebten Refugium zu verweilen.

Einmal noch.

Den Blick hinauf in den Rosengarten, grüßt er sie alle noch einmal, seine vertrauten Gipfel und Türme. Wenn sie auch in der grandiosen, hochalpinen Gletscherwelt des Karakorum, die ihn erwartet, verschwindend gering erscheinen. Vergessen werde ich euch nicht, sinnt er vor sich hin. In meinem Herzen seid ihr ja mit dabei.

Es gibt kein Zurück mehr und mit Hirn und Seele ist er ja doch schon unterwegs. Fühlt es mit allen Sinnen und geht im Geiste nochmals in aller Ruhe sein hoffentlich perfekt geplantes Vorhaben durch.

Morgen in aller Herrgottsfrühe wird er schon im Zug nach München sein Frühstück hoffentlich genießen können. Zwei bis drei Tage sich Zeit nehmen für Verhandlungen mit TV-Kanälen über eine neu geplante Staffel unter dem Titel “Himmel über Südtirol“, mit 8 Folgen und Mitarbeit im Drehbuch. Darauf freut er sich besonders, wenn auch Drehbeginn und Location noch ausgehandelt werden müssen.

Besprechungen im Alpenverein für seinen Karakorum-Trip sowie eine Autogrammstunde in einigen Pilgerbüros für seinen neu erschienenen Band „Bergwandern plus“.

München via Frankfurt mit der Lufthansa nach Südamerika. Im Anflug nach Santiago de Chile den ersten Blick auf die atemberaubende Gletscherwelt der Anden mit ihren kühnen Sechstausendern werfen. Und er weiß, das Herz wird ihm höher schlagen, wenn er einige davon endlich vor sich hat.

Die Air-New-Zealand-Maschine nach Australien wird er vor Ort buchen, wie es ja sein Time-Management vorsieht.

Auf diesen rein privaten Trip über den endlosen Pazifik, an das andere Ende der Welt, freut er sich wie ein Kind aufs Christkind. Dient dieser Stopp in Australien doch dazu, ein langjähriges, oftmaliges Versprechen einzulösen, seinen wahren Seelenfreund endlich zu besuchen.

Mark Pirker. Herr über eine Flotte von 800 Campern und Wohnmobilen in Cairns an der Ostküste Australiens am großen Barrier Riff.

Mark hatte er auf ganz zufällige Art in Bozen kennengelernt.

Ein sonniger Sommertag war’s. In einer dringenden Angelegenheit hetzte er von Tiers nach Bozen. Stress pur, jedoch mit sehr positivem Verlauf. Gut gelaunt gönnte er sich in seinem Stamm-Café in den Lauben ein kühles Bier.

Zufällig vernahm er am Nebentisch ein sehr angeregtes Gespräch, wo es zwischen Serviererin, die er gut kannte, und einem Gast scheinbar um die Frage ging, wo denn der gute „Ötzi“ in Bozen zu finden sei.

„Ich kann Ihnen keinen besseren Rat geben, als diesen Herrn hier zu fragen“, deutete die Serviererin auf Martin.

Und Mark kam, stellte sich freundlich vor und nahm an seinem Tisch Platz.

So haben sie sich vor Jahren kennen und im wahren Sinne des Wortes schätzen gelernt.

Sein Vater, ein geborener Bozener, wanderte in den kargen Nachkriegsjahren nach Australien aus, um einen Job zu finden, wie es damals viele junge Männer taten. Als gelernter Kfz-Mechaniker fand er Arbeit in einem Wohnmobil-Verleih, der damals durch den aufstrebenden Tourismus schon boomte, bedingt durch die endlosen Entfernungen der Ausflugsziele.

Tüchtig, wie er war, kam es durch Drängen seiner späteren Schwiegereltern zur Hochzeit mit ihrer einzigen Tochter.

Mit viel Unternehmergeist und Geschick baute er den Betrieb ständig weiter aus. Nach seinem Tod übernahm nun sein einziger Sohn Mark den Laden und hatte erst recht das richtige Händchen dafür.

Heute hat er es zum größten Camper-Vermieter an der Ostküste gebracht und betreut Kunden auf der ganzen Welt, die mit seinen Jeeps, Campern und Wohnmobilen die endlosen Straßen Australiens, oft unter Entbehrungen und Gefahren eines wahren Abenteuers zuliebe, befahren.

Auch sein zufriedener Kundenkreis in Europa kann sich sehen lassen und werden jährlich persönlich von Mark besucht, um die Mietverträge für das gewünschte Kontingent für die nächste Saison abzuschließen.

Und ebenso besucht Mark fallweise auch ein spezielles Reisebüro in Innsbruck, das sich auf Angebote für Reisen in den Südpazifik spezialisierte.

Natürlich wird bei dieser Gelegenheit auch Bozen, die geliebte Heimatstadt seines Vaters aufgesucht. Im Geiste sieht er ihn in den Gassen mit leeren Taschen schlendern, auf der Suche nach Arbeit. Bis eines Tages der Entschluss reifte, auf nach Australien! Und Südtirol hatte einen guten Tiroler weniger.

So begann an diesem Sommertag in Bozen eine herzliche Verbundenheit und echte Freundschaft. Alle Jahre wieder kam Mark und nahm sich genügend Zeit, um mit Martin so manche unvergessliche Tour in die Berge zu unternehmen. Die Liebe dazu hatte er wohl von seinem Vater.

Was hatten sie nicht in den Berghütten, in fröhlicher Runde mit Martins Bergkameraden, Spaß, nach manch kühnen Touren auf den Almen und Gipfeln der Dolomiten.

Obwohl zehn Jahre älter als Martin, verfügte er über eine glänzende Kondition, war trittsicher und schwindelfrei und für jeden Spaß zu haben.

So entwickelte er sich im Laufe der Jahre zum liebgewonnenen australischen Freund. Besonders auch, als er bei einem seiner Besuche von seinem Vater ein altes, schon vergilbtes Foto mitbrachte, das Vater mit Bergkameraden vor einem morbiden Berggasthof zeigt.

Mark hat natürlich keine Ahnung, woher diese Aufnahme stammen könnte. Jetzt wo er mit seinen Freunden in den Bergen herumgekommen ist, würde er nur zu gerne diese Stelle kennenlernen. Und bald war man sich einig. Das alte Schutzhaus auf dem Schlern war des Rätsels Lösung.

Ein herzliches Wiedersehen wird es geben mit Mark in Cairns, an der Ostküste mit dem gewaltigen Barrier Riff, das größte der Welt mit gewaltigem Ausmaß von über 1000 km Länge gegen Süden.

Mark hatte Martin bereits gebeten, ihm am Riff Tauchunterricht zu geben. Da kennt er sich aus wie Martin in seinen Bergen. Und auch einen Trip mit dem Jeep in die Pampa Australiens werden sie sich als Seelenfreunde nicht entgehen lassen.

Es wird ein schwerer Abschied sein, wenn er dann Australien gegen Westen, nach Indonesien, verlassen wird.

Mit der Singapore Airlines wird er via Jakarta in Singapur zwei Tage Stopp einlegen. Ganz deutlich hat sich Singapur in letzter Zeit zur Drehscheibe für den fernöstlichen Markt von Nepal-Trekking-Fans entwickelt. Ja und auch Südtirol bekam dies ebenso immer merkbarer zu spüren. Über Kontaktadressen, die höchst interessant erscheinen, verfügt er ja über den italienischen und deutschen Alpenverein zur Genüge.

Der Neunstundenflug mit der Qatar Airways nach Islamabad in Pakistan wird es dann in sich haben. Aber die Vorfreude, seinem ersehnten Ziel näher zu rücken, wird die Strapazen der verschiedenen Zeit- und Klimazonen bald vergessen machen.

Auch in Islamabad wird er ein bis zwei Tage im Marriott Hotel Station machen. Einfach ein Muss, sich hier wieder umzusehen.

Als in den turbulenten 1960er Jahren die damalige Hauptstadt Karatschi der vollkommen neu aus dem Boden gestampften Planstadt Islamabad ihre Rolle abgeben musste, hatte wohl niemand geahnt, welche rasante Entwicklung diese faszinierende Stadt nehmen wird.

Auf 500 m Seehöhe in einer grünen Oase gelegen und in einem faszinierend geplanten Stadtbild tummeln sich heute über 600.000 Einwohner.

Noch eine Flugstunde und er wird endlich auf dem Karakorum Highway angekommen sein. Erschöpft, jedoch glücklich und voll motiviert, seine ausgeklügelten Programmpunkte abzuhandeln.

Lange schon hat er sich diesen Flug mit der lokalen Linie Pakistan International Airlines im Geiste ausgemalt und den damaligen Anflug in die Stadt Skardu auf 2300 m Seehöhe im Morgengrauen nicht vergessen.

Skardu, inmitten der majestätischen Achttausender, dem K2 und Broad Beak, Gasherbrum und Masherrbrum, mutet wie ein hochalpines Amphitheater an. Der Sonnenaufgang taucht den Südostgrad des K2 in ein leuchtendes, magisches Licht und die Gasherbrum-Gruppe mit ihren Achttausendern im Hintergrund noch im diffusen Morgenlicht reckt ihre umnachteten Gletschergipfel erwartungsvoll der Morgensonne entgegen.

Ein Eindruck, der sich in sein Herz gebrannt hatte und nicht loslassen will.

In Skardu am Karakorum Highway, Zentrum und Ausgangspunkt für viele Trekkingtouren und Himalaya-Abenteuer, wird er Hannes Becker, einen bayrischen Alpinisten und Experten für Logistik, Trekkings, Basislager und Besteigungen, einen angekündigten Besuch abstatten und einige Nepal-Drinks nehmen.

Seit Jahren mit Martin in Verbindung, ist er der Mann in Skardu. Mit ihm wird es möglich sein eine Plattform zur weiteren Ausbildung und Besteigungen im Karakorum zu ermöglichen. Von hier aus wird er mit dem Jeep die steinige Straße über Bungi zum Karakorum Highway nehmen.

Vorbei am legendären Nanga Parbat nach Chilas, seiner romantischen Lieblingsstadt mit dem aufregenden, rauen Flair und sich im ruhigen Shangrila Resorthotel Chilas für unbestimmte Zeit einquartieren, um Zeit zu finden. Auch die zehntausendjährige Kulturgeschichte am Karakorum Highway will studiert sein.

Und auch den bekannten Chinesen Mr. King Kung Sun, mit dem größten Ausstattungsmarkt im Umkreis, wird er wieder Guten Tag sagen.

Auch wenn der gute Mr. King einstweilen schon in die Jahre gekommen ist, führt er seinen Laden perfekt. In Qualität und Preis unschlagbar in typischer chinesischer Art. Das hat zu einem riesigen Shop mit zwei Hektar Ausmaß geführt. Man könnte ihn ruhigen Gewissens den „Tante-Emma-Laden“ Karakorums bezeichnen. Vom Kletterhelm und Gurt, Steigeisen, Eispickel, Eisschrauben, Seile und Schraubkarabiner bis zur Stirnlampe, Literatur usw. findet man bei ihm alles. Einfach eine Auswahl, die das Alpinherz höher schlagen lässt.

In Zeit und Terminplanung vorgesehen ebenfalls ein Besuch des Hunza-Tales. Ein Erlebnis in diesem Raum der besonderen Art und kein Geheimnis, dass hier die ältesten Menschen des asiatischen Raumes leben und durch ihre außergewöhnliche Gesundheit die höchste Lebenserwartung haben. 110- und 120-jährige Menschen in den Familien sind keine Seltenheit. Ja, sogar bis 150 Jahre weiß man Fälle. Welche unbekannte Energie ermöglicht dies alles? Natürlich hat es schon auch seine Auswirkung, dass dieses Tal, von Siebentausendern eingekesselt und jahrhundertelang von der Außenwelt praktisch abgeschottet, gelernt hat, mit einfachster Ernährung auszukommen.

Gemüse, Weizen, Hafer und Gerste, von Umwelteinflüssen verschont, garantiert gesündeste ballaststoffreiche Ernährung, verbunden mit viel Schlaf. Elektrizität, Kerzen oder Öllampen kennen sie nicht. Man steht mit der Sonne auf und geht mit der Sonne zu Bett. Man trinkt Gletscherwasser und atmet reinste Himalaya-Luft.

Wie war das doch damals, bei seinem letzten Aufenthalt im Hunza Tal.

Ziyan Notariu, der junge Guide, den er durch eine Trekking Tour mit einigen Touristen kennenlernte, überredete ihn einfach, einige Tage sein Gast zu sein. Dies war eine willkommene Gelegenheit, das karge Leben der Hunzukutz mitzumachen.

Morgens gab es Ziegenmilch, einfache Trockenfrüchte, vor allem Aprikosen und Hunzabrot aus Gerste, Hafer und etwas Weizen, gewürzt mit Himalaya-Salz.

Heute weiß man, dass das Müsli von hier aus wahrscheinlich seinen Siegeszug nach Europa angetreten hat und das Bircher-Müsli eventuell auch hier seine Inspiration gefunden hat.

Tagsüber arbeitete man auf den Terrassen, bepflanzt mit Obstkulturen. Großteils ca. dreizehn Dutzend Sorten Aprikosen, Äpfel, Kirschen, Mandeln und Nüsse. Man schichtete Steine auf und leitete Wasser in die Bewässerungskanäle. Das Abendessen einfach, jedoch schmackhaft. Brot, getunkt in Aprikosenöl und wieder Trockenfrüchte.

Es war ein schwerer Abschied, damals aus dem Hunza-Tal mit seiner magischen, wilden Natur und atemberaubender Landschaft. Obwohl 2400 m hoch gelegen und trotzdem eine grüne, fruchtbare Oase, umsäumt von wilden Schluchten mit rieselnden Flüssen. Ein geradliniger, gastfreundlicher Menschenschlag, zwar mit verschlossenen Gesichtern, denen man aber trotzdem sehr deutlich den Stolz und die Zufriedenheit, hier ihre Heimat zu haben, ablesen kann.

Unter blühenden Aprikosenhainen, überdacht von den himmelhoch leuchteten Gletschergipfeln der Himalaya-Zauberwelt. Damals hat wohl auch ihn der Himalaya-Bazillus hoffnungslos erfasst und nie mehr losgelassen.

Auf der Ahornrast ist es spürbar kalt geworden. Ein schneidender Wind vom Eissacktal her treibt wieder satte Schneewolken ins Tal und erste Flocken wirbeln vom bleigrauen Himmel.

Von Tiers her bimmeln leise die Mittagsglocken und mahnen auch Martin zum Aufbruch. Fröstelnd stellt er den Kragen hoch und wendet sich abwärts dem Hotel zu. Ungewöhnlich ruhig ist es um das Hotel, bis die nächsten Gäste wieder anrollen.

Erst zu Weihnachten wieder geöffnet, genießt man die Ruhe und Zeit für sich. Am Abend wird die traditionelle Adventfeier des morgigen zweiten Adventsonntags gleich auch als Abschiedsfest für Martin im kleinen, vertrauten Kreis begangen.

Wie alle Jahre üblich sind auch einige Nachbarsfamilien sowie auch die Angestellten des Hotels gekommen, um heute auch Martin „Leb’ wohl“ zu sagen. Ihn haben sie ja alle ins Herz geschlossen.

Er zeigt sich sehr gerührt und verspricht feierlich, an sie zu denken und ein kleines Mitbringsel bei seiner Heimkehr in der Tasche zu haben.

Salz aus dem Himalaya wird es sein. Das ist nicht nur sehr gesund, sondern auch ein Segen für ihre Stuben zu Hause.

Die gemütliche Stube duftet nach Weihrauch, der „Hergottswinkel“ liebevoll geschmückt und im großen Kachelofen knistern behaglich die Buchenscheiter. Am Tisch wartet schon ein Teller mit Kloatzenbrot und Nusskeksen für nachher und Mutter wird wieder viel Lob für ihr Backwerk bekommen.

Es wird ihr wohl auch guttun, obwohl es diesmal nicht so richtig von der Hand ging. Zu sehr bedrückt sie der Gedanke, zu Weihnachten ihren Buben nicht mehr im Haus zu wissen. Jedoch Martin soll nichts davon merken. Zu schwer würde auch ihm der Abschied fallen, wenn sie ihm wie üblich, wenn er in die Berge aufbricht, ein Segenskreuz auf die Stirn zeichnet.

Schwester Maria liest mit etwas zittriger Stimme aus der alten Hausbibel und trotz ihrer erst achtzehn Jahren macht sie heute einen sehr gesetzten, würdigen Eindruck.

„… Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen. Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken …“ (Lk 3, 1-6)

Obwohl Martin sich bemüht, in Andacht diesen Gedanken zu folgen, sind diese schon unterwegs. Hoch oben rund um den Erdball.

ZUM ANDEREN ENDE DER WELT

Den halben Weg über den Atlantik hat die LATAM Airlines Maschine auf den Flug nach Lima bereits hinter sich.

Der Bordservice verspricht ein saftiges Steak aus Argentinien. Zu sehr verlockend für Martin, sich dazu einen guten Schluck Shyraz, den klassischen chilenischen Rotwein, zu nehmen und so wohl auch verdientermaßen ein beinahe fürstliches Essen zu genießen.

Die Termine in München sind trotz Stress und andauernden Änderungen doch zufriedenstellend verlaufen, wäre da nicht eine SMS-Nachricht von Mark gekommen, die seinen gesamten Reiseplan weitgehend durcheinander bringt.

Mitten in der Nacht, in Australien natürlich helllichter Tag, ist das für Martin eine richtig bittersüße Attacke.

„Mein lieber Martin!

Diese Nachricht für Dich tut mir unendlich leid, aber ich kann es nicht ändern. Wir müssen unser Australien-Rendezvous leider verschieben.

Mein bester Kunde in Französisch Polynesien – Air Franc Voyage – auf Tahiti in Papeete, hat arge Probleme mit russischen Touristen, die im Moment richtig boomen und sich immer anspruchsvoller zeigen.

Sie wollen die gebuchten Rundreisen plötzlich mit Guide-Begleitung in russischer Sprache und die Einwegvermietungen zwanzig

Prozent preisreduziert.

Dabei haben diese Knaben Rubel wie Heu. Jedenfalls ist bei den neuen Verhandlungen in Papeete meine Anwesenheit äußerst nötig.

Aber, lieber Martin, so ist es halt einmal im Business. Sei nicht betrübt, das holen wir ein andermal nach. Wie heißt es so schön: „Schwächliche Menschen werfen die Würfel – doch wie sie fallen, bestimmt der liebe Gott“ … Und übrigens findet unser vereinbartes Treffen ja ohnedies statt. Ich komme Dir ja praktisch auf halbem Weg von Südamerika herüber entgegen und habe Dich, auf Tahiti in Papeete, im Hotel „Tahiti Pearl Beach Resort“, einmal für drei Tage eingebucht.

Mensch, Martin, wir zwei in der Südsee. Wann hast Du dazu Gelegenheit? Du weißt gar nicht, welches Paradies Du da kennenlernst. Einer der schönsten Flecken der Erde. Also ich hoffe, das passt Dir so. Treffe Dich im Hotel, wie zum damals vereinbarten Termin, aber eben in Papeete. Mach’s gut und Happy Landing auf Tahiti.

Herzl. Mark.“

Das war sie also, die neue Situation. Jedoch irgendwie hat Mark ja recht. Wann ergibt sich auch schon die Möglichkeit, diese viel besungene Welt der Südsee zu erleben. Unendlich weites Meer, weißer Strand mit türkisen Lagunen, umsäumt von wiegenden Palmen in ewiger Sonne.

Und plötzlich freut er sich diebisch über diese Überraschung. Der erste Blick auf die Anden von der LATAM Airlines Maschine aus ist atemberaubend. Leuchtende, weißschillernde Gipfel an Gipfel, zieht sich diese gigantische Gebirgskette mit den Vier- und Sechstausendern 7500 Kilometer gegen Süden.

Nicht umsonst nennt man sie „das Himalaya Südamerikas“ und stellt eine einzige Herausforderung für Martins Leica-Kamera dar. Seinen ursprünglichen Plan, Santiago de Chile anzulaufen, um den 6952 Meter hohen Aconcagua in Argentinien, den höchsten Berg der Anden, zu sehen, hat er verworfen. Lima also ist sein neues Ziel und Ausgangspunkt, um den Anden näher zu rücken.

Die Liebe zur Eiskletterei ist es, die ihn bewegt, sein Vorhaben zu ändern, um Peru mit dem immerhin doch stolzen 5947 Meter hohen „Alpamayo“ endlich kennenzulernen.

Eine einzige Eispyramide, einem Obelisk gleich, ragt dieser abstrakte Gletscherkogel in den peruanischen Himmel. Mit seinen bizarren Gletscherschluchten ist er eine abenteuerliche Herausforderung für das Eisklettern, das ja schon längst heimlicher Wunsch unter seinen Bergkameraden im Alpenverein ist. Lima. Mit seinen 9 Millionen Einwohnern die Hauptstadt von Peru. Die schicksalhafte Stadt aus der Kolonialzeit hat ihre eigene, besonders abenteuerliche Entstehungsgeschichte.

Kein Geringerer als der Conquistador Fernando Pizzaro gründete 1535 Lima, das damalige „Ciudad de los Reyes“ die „Stadt der Könige“.

Ganze zwei Dutzend spanische Eroberer, in armseligen Lehmhütten mit Schilfdächern, waren die einzigen Einwohner.

Pizzaro, der die vortreffliche Lage mit seinen Schiffen direkt am Meer, für seine strategischen Pläne sofort erkannte, setzte selbst den ersten Stein, schleppte Lehmziegel und Balken.

Er selbst entwarf die ersten schachbrettartigen Stadtpläne für großzügige Anlagen, pflanzte Feigen, Orangen und half mit beim Guss der ersten Glocke.

Als ehemaliger einfacher Ziegenhirte und Analphabet, geprägt als rücksichtsloser Machtmensch, geht er letztendlich als brutaler Eroberer mit der Niederwerfung des Reichs der Inka in die Geschichte ein. Und es ist wohl das Recht der Geschichte, dass sein Name in der heutigen Zeit einen so negativen Widerhall findet.

Seine Ermordung 1541 in seinem Palast in Lima war eine logische Folge der Streitigkeiten unter seiner Gefolgschaft. Der Glanz der Edelsteine und des Goldes verwirrte Seelen und Gehirne, die Gier nach Macht und Reichtum führte zu teuflischem Denken und Handeln.

So kam es denn wie es kommen musste. Jedoch das Inkareich hatte nichts davon. Dreißig Jahre später war das einst so mächtige Reich der Inkas lediglich bewegte Geschichte.

Was heute wie ein Märchen klingt, wurde wahr. Die Stadt des Fernando Pizarro blühte durch unermessliche Reichtümer von Silber und Gold der unterworfenen Inkas auf. Dazu noch der Rest der Goldminen in den Anden, die vom Inkareich noch übrig blieben.

Die goldbeladenen Schiffe eines Columbus für die spanische Krone in Europa sowie die sagenhaften Beutezüge des englischen Piraten Drake und viele andere Freibeuter des Mittelalters kreuzten die Meere auf der Suche nach dem Inka Gold. Aber das ist eine andere Geschichte.

Martin hat zur Besichtigung der Stadt gerade einen Tag eingeplant. Sein Ibis Hotel Miraflores im Zentrum war gut gewählt. Ideal für einen Bummel durch die Altstadt von Lima.

Auf der beeindruckenden Plaza de Major mit ihren typischen Kolonialfassaden und bewegten Geviert, tummelt sich das südländisch peruanische Leben in allen seinen lebensfrohen und fremdartigen Facetten.

Für die Kathedrale mit dem Grabmal Pizzaros und Museum mit der fesselnden Geschichte der Inkas in den Anden nimmt er sich viel Zeit, um mit diesem Land, als eines der zukünftigen Ziele mit seinen Bergkameraden, auch bestmöglich vertraut zu sein.

Heute also, an diesem wolkenlosen Tag im peruanischen Sommer, startet er von der faszinierenden Hauptstadt Perus seine abenteuerliche Erkundungstour zum vielgerühmten „Alpamayo“, der weißschimmernden Eis-Pyramide in der „Cordillera Blanca“, der höchsten Bergkette Perus. Die „weiße Kathedrale“ wie der Alpamayo ehrfürchtig von den Einheimischen genannt wird.

Nicht umsonst wurde er von einer hochkarätigen Jury anlässlich eines weltweiten Fotowettbewerbes zum „schönsten Berg der Welt“ gekürt. Immerhin vor dem europäischen Matterhorn.

Ein würdiger Juwel also, unter den zweiundzwanzig Sechstausendern der Anden.

Die sechzig Kilometer auf holpriger Schotterstraße hinauf in das hochgelegene Huaraz werden mit größter Bestimmtheit keine Vergnügungsreise.

Die Möglichkeit dazu ergab sich mit einem „Collektivo Toyota“. Zwar nicht mehr der Jüngste, jedoch für die staubige Piste über den viertausend Höhenmeter hohen Conacoche-Pass mit seinen schwindelerregenden Abgründen, wird er auch diesmal hoffentlich wohl auch gut überstehen.

Ein besonderes Erlebnis ist die Nächtigung im kleinen, aber landestypischen Hotel „La Costa de mi Abuela“ in wunderschöner, wildromantischer Lage mit typisch peruanischem Ambiente. Ein gut sortierter Souvenirladen mit farbenprächtig gewebten Ponchos und köstlichem Berghonig aus dieser artenreichen, verschwenderisch blühenden Vegetation. Typische Inkamützen aus Schafwolle und wetterfeste Stoffhüte und Damen-Zigarren für den Alltag der Inkafrauen.

Bestes Fotomaterial und empfohlene Aufstiegsrouten auf den Alpamayo sowie eine Liste für Eseltreiber und Vermietungen.

Dann endlich, Martins Ziel Caraz.

Das romantische Bergdörfchen ist angefüllt mit fachkundiger, alpiner Literatur für die Eiskletterei am Alpamayo. Mögliche Besteigungen von allen vier Himmelsrichtungen werden empfohlen und minutiös aufgezeigt.

Vor allem im peruanischen Winter, wenn die wohl attraktivste, vierhundert Meter hohe Südwestwand mit schillerndem Eis überzogen ist.

Damit hat Martin alles Wissenswerte, was er im Moment sucht und an Informationen für weitere Pläne benötigt.

Dieses Mal blickt er doch mit einer gewissen Sehnsucht im Herzen den vielen Trekking-Gruppen und gut ausgerüsteten Alpinisten nach, wie sie sich mit hochbepackten Eseln auf den Weg machen.

Zwei Tage werden sie durch das wildromantische Santa-Cruz-Tal, mit seinen türkischimmernden, klaren Bergseen, hinauf ins 3000 Meter hoch gelegene „Cashapampa“, steigen.

Begleitet von den mahnenden Rufen des Anden-Condor, mit seiner gigantischen drei Meter Flügelspannweite.

Endlich dann der Ausgangspunkt zur dreitägigen Besteigung des 5947 Meter hohen „Alpamayo“. Dem „schönsten Berg der Welt“.

Früher als geplant kehrt Martin zurück nach Lima. Eine unerklärliche Ungeduld treibt ihn einfach an. Plötzlich fühlt er ein heißes Verlangen.

Drängendes Begehren nach diesem angekündigten Paradies. Er fühlt ein zartes Streicheln der Seele und leises Brennen im Herzen. Kann nicht mehr erwarten, auf den Zauber der Südsee und Mark, den guten Freund, zu treffen.

Mit dem Hotel in Papeete gibt es durch die vorverlegte Ankunft kein Problem und so hat er dann einen Tag alleine für sich, um den sprichwörtlichen Zauber der Südsee erstmalig und erwartungsvoll auf sich einwirken zu lassen.

Die Air Tahiti Nui steht auf der Rollbahn, bereit für den elfstündigen Flug nach Papeete auf Tahiti.

Hübsche polynesische Stewardessen mit duftenden Blumenkränzen im pechschwarzen Haar wünschen ein charmantes „Bon Voyage“ und im einschmeichelnden Gitarrensound klingt die heimliche Hymne der Südsee „Alo aoe“ sehnsuchtsvoll durch die Kabine.

In einer eleganten Steigkurve über Lima hinaus auf das Meer zieht die Air Tahiti Nui ihre nächtliche Bahn.

Ein schwüler Abend senkt sich über Lima und eine millionenfache Lichterkette spiegelt sich in den ruhigen, anrollenden Wellen des Pazifik.

Einmal noch findet Martin Gelegenheit, zu den Anden zurückzublicken. Die sinkende Sonne taucht die „Cordillera Blanca“ in ein leuchtendes, purpurnes Licht, ehe sie im Süd-Pazifik, dem „Stillen Ozean“, versinkt, während hoch oben ein blinkender Jumbo der Air Tahiti seine Bahn zum andern Ende der Welt zieht.

TEIL 2

TAHITI


Als Martin am Airport Faa’a in Papeete aus der Maschine auf die Rolltreppe steigt, überfällt ihn das Gefühl, in eine andere Welt geraten zu sein.

Nach der angenehmen Kühle der klimatisierten Kabine des Jumbos, fühlt er schlagartig die tropische Wärme durch Hemdärmel und Jeans kriechen, gleich einem aufgeheizten Föhnstrahl.

Ungewöhnlich dazu die hohe Luftfeuchtigkeit eines heftigen Tropenregens, der kurz vor der Landung über Tahiti niederging.

Die Erde dampft aus allen Poren und taucht das erste zarte Licht des werdenden Morgens in eine magische Farbenorgie. Langsam schälen sich die hohen, schlanken Palmen aus dem Morgendunst und wiegen sich im ewigen Rhythmus der sanften Morgenprise.

Unzählige Arten von Südseevögeln trällern und jubilieren um die Wette, flattern um die üppigen Blütensträucher der Tiare, Hibiskus und Bougainvillea und freuen sich sichtlich über den aufkeimenden tropischen Morgen.

In den verschwenderischen Duft ihrer Blüten mengt sich noch ein Hauch von Vanilleschoten von der Nachbarinsel Moorea herüber, der verführerisch durch die Nase zieht und gut in dieses paradiesische Ambiente passt.

Leise plätschern die Wellen der nahen Lagune, das ab und zu nur vom papierenen Rascheln der dichten Palmen übertönt wird, wenn der milde Passatwind vom Meer her ihre wiegenden Kronen streichelt.

Das ist der Stoff, aus dem die Südseeträume gemacht sind. Ein Rausch der Sinne, ein Fest für Auge, Herz und Ohr.

Die Ankunftshallen der Flughäfen zeigen wohl alle dasselbe Bild. Dicht gedrängt stehen die Wartenden vieler Nationen in Aufregung und freudiger Erwartung. Öffnen sich die Ankunftskorridore, kommt Bewegung in den Menschenknäuel. Tränen und Umarmungen folgen in rührenden Szenen. Enttäuschungen und Frust von nicht Erschienenen. Wildes Gestikulieren an den Informationsschaltern, das so gar nicht in dieses Südsee-Klischee passt.

Unübersehbar, ruhig und gelassen dagegen eine junge, polynesische Vahine (Frau), eine Südseeschönheit, die wohl jeden Empfang zum Erlebnis werden lässt.

Ihr pechschwarzes Haar schmückt ein buntes Blumenkränzchen, das den Täfelchen in ihren Händen noch mehr Aufmerksamkeit schenkt: Pearl Beach Resort Hotel Tahiti. Mr. VÖLLER. Als Martin auf sie zugeht, kommt sie ihn trippelnd entgegen.

„Mr. Völler?

Welcome on Tahiti“, flötet sie auffällig einschmeichelnd.

„My name is Lalia, from your hotel.“ Sie reicht ihm lächelnd die Hand und versucht, ihm einen duftenden Blumenkranz zur traditionellen Begrüßung in der Südsee um den Hals zu legen.

Etwas verlegen bemüht sie sich dabei notgedrungen, auf den Zehen zu stehen. Martin jedoch kommt ihr charmant entgegen, indem er – ganz Kavalier – in die Knie geht.

Dabei kreuzen sich ihre Blicke in einer Welle spontaner gegenseitiger Sympathie.

„Is it your first stay on Tahiti, Mr. Völler?“ „Yes it is, but not the last, so I think!“ Dann führt sie ihn leichten Schrittes aus dem Airport zu einem schnittigen Toyota Coupé, auf einem von Blumensträuchern umsäumten Parkplatz. Staunt sichtlich über sein Gepäck und hat Mühe alles unterzubringen.

Auf der Fahrt zum Hotel weist sie mit allem Stolz der Polynesierinnen auf die morgendliche magische Skyline von Papeete hin, wenn der Dunstschleier vom Meer her die Stadt unter Palmen allmählich erst erkennen lässt.

Aber auch Sunset Time, meint sie, wenn die Sonne im Ozean versinkt und Papeete einmal noch in ihre verschwenderische, purpurne Glut hüllt, wäre ein Geschenk des Himmels, wie Europäer immer sagen.

Üppige Blumenbeete und tropische Vegetation säumen den Weg. Und als sie endlich einmal die Sicht auf das freie Meer freigeben, deutet Lalia gegen Westen.

„Moorea“ meint sie mit freudiger Stimme. Und man merkt, dass sie auf diesen Moment wohl schon gewartet hat.

„The most popular island here!“ Und tatsächlich ist es diesen Hinweis wert. Die palmenumsäumte Küste zeigt sich noch im düsteren Violett der Morgendämmerung, während in den gezackten Bergspitzen leuchtende Sonnenstrahlen den neuen Tag bereits ankünden.

Lalia nützt die Gelegenheit, wie es Frauen eben so meisterhaft verstehen, mit einem schnellen Blick auf Martin, sich ein Urteil über seine männliche Erscheinung zu bilden.

Hoch aufgerichtet und breitschultrig, in Jeans und azurblauem T-Shirt sitzt er lässig neben ihr. Der säuselnde Passatwind spielt in seinem fülligen, schwarzen Haar und von den schönen, verträumten, ausdrucksvollen Augen, den buschigen Brauen mit dem markanten, gebräunten Gesicht fühlt sie sich auf Anhieb angetan.

Ein Europäer, wie er wohl selten in unserem Hotel zu Gast war. Lalia ist hell begeistert.

Nach kurzer Fahrt erreichen Sie das Pearl Beach Hotel. Herzlich wie bei seiner Ankunft verabschiedet sich Lalia mit dem Charme der polynesischen Vahines: „Have a nice stay, Mr. Völler, thank you for your coming and enjoy your visit!“ Und während Martin ihr noch schnell einen Dollarschein zusteckt, wendet sie sich graziös trippelnd dem Hoteleingang zu.

Das Pearl Beach Resort Hotel liegt wunderschön, inmitten einer tropischen Vegetation, direkt am Strand. Eingebettet in einem blühenden Rund duftender, haushoher Tropengewächse, Bambus, Fächerpalmen und Brotfruchtbäume.

Vorsichtshalber gönnt sich Martin, seinen Erfahrungen gemäß, einige Stunden Schlaf, um die Umstellung auf den neuen Nacht-Tag-Rhythmus besser zu verkraften.

Frisch ausgeruht, voller Tatendrang, freut er sich auf diesen ersten Tag in der so viel gepriesene Südsee.

Die Sonne steht schon hoch am Himmel und legt sich silbrig gleißend auf das Meer, um den Neuankömmling, zwischen den dichten Palmenhainen hindurch, einen ersten Gruß zu senden. Martin antwortet mit einem Traumfoto und kann es kaum erwarten, noch vor dem Frühstück zum Strand zu eilen, um ins Wasser zu springen. Aber da ist kein blendend weißer Strand und blaues Meer. Stattdessen schwarzer Lavasand.

Es ist wohl seine erste, vage Enttäuschung in der Südsee. Eine wirkliche Entschädigung dafür jedoch ist das Frühstücksbuffet am Pool, unter dem Schatten einer Palmengruppe, dem Zwitschern der Vögel und dem Kreischen der Möwen.

Gaumenfreuden für Leib und Seele. Alles was sich in der Nacht noch im Meer tummelte, durch beste internationale Küche bereits am Buffet, Berge von klassischen und weniger bekannten Südseefrüchten, frisch gepresste Säfte für den verwöhntesten Geschmack, Tropen pur, Juice und Champagner.

Mein Gott, Advent. Zu Hause wird es schneien, die Stube nach Kloatzenbrot und Weihrauch duften und ich schlemme hier im paradiesischen Tahiti, lausche im milden Passatwind unter Palmen der bunten Vogelwelt und dem Gurren der Tahiti-Tauben.

Also, dann schauen wir einmal, was das andere Ende der Welt zu bieten hat und Martin macht sich auf den Weg zur Küstenstraße gleich vor dem Hotel.

Soeben hält ein Truck, die kleinen offenen Busse, die laufend durch Papeete pendeln. Nach kurzer, holpriger Fahrt entlang der mit verschwenderisch blühenden Sträuchern gesäumten Küstenstraße zur Bucht von Papeete.

Ein Gewirr von hupenden Autos, Motorräder, Handkarren mit Fischen, Obst, Booten, Möbeln und allem Krimskrams, heulenden Schiffssirenen und Kreischen der Möwen, schlendert er dem Boulevard Pomare der Jachtpromenade entlang.

Zuerst ein Besuch der Notre Dame Cathedral, wobei der Name wohl augenscheinlich übertrieben ist. Ohne merkliche Kunstschätze strahlt sie jedoch im lärmenden Gedränge von Papeete eine wohltuende, richtig anheimelnde Ruhe aus.

Martin genießt den Stadtbummel mit dem mediterranen Ambiente von Papeete. Die vielen kleinen Straßencafés und Snackbars, Souvenirgeschäfte, Boutiquen, Schmuck- und Juwelierläden mit den schwarzen Perlen der Südsee, Fluglinienbüros, internationalen Zeitungen und Magazinen, sogar aus Deutschland. Und piekfeine Restaurants.

Endlich eine einladende Boutique für eine passende Tropenkluft. Als er den Laden wieder verlässt, erkennt er sich im Spiegelbild der Fensterscheiben selbst kaum.

Ausgefranzter Strohhut, dunkle, tropentaugliche Sonnenbrillen, weißes Yacht-T-Shirt, dunkelblaue Bermuda-Short, in der seine kräftigen, sehnigen Beine gut zum Vorschein kommen und den weichen Ledersandalen auch noch eine exklusive Note geben.

Über der Schulter noch einen Mini-Lederseesack für das Handling von Stadtplänen, Reiseführer, Handy, Leica-Kamera und Sonstiges für unterwegs.

Eine zusätzliche Shorts und zwei Hawaii-Hemden. Ein buntes mit Tiare- und Bougainvillea-Muster und ein zweites mit Gauguin-Motiven.

In diesem Outfit könnte man auf Anhieb annehmen, einen Globetrotter vor sich zu haben, der soeben seine sündteure Yacht im Hafen verstaute, um in der Südsee einfach so nebenbei einen kurzen Stopp einzulegen.

Wen wundert´s, dass sich auch so manche Südseeschönheit ganz spontan nach ihm umsieht.

Endlich vor einem Bistro ein tahitianisches Ehepaar mit Kokosnüssen, die sie geschickt öffnen und mit Trinkhalm anbieten. Auf Wunsch auch mit ein wenig Eiswürfeln, die Martin freundlich verweigert. Aus guten Gründen, wie er aus bösen Erfahrungen eben weiß. Trotzdem ist die Kokosmilch kühl und schmeckt typisch nach Südsee. Wie wohl kein anders Getränk zu dieser Zeit in diesem Umfeld.

Die Mittagssonne knallt unbarmherzig auf die Hafenpromenade, die Luft ist aufgeheizt und ein Schattenplatz ist gefragt.

Martin findet diesen auf einer einladenden Bank unter einem mächtigen, ausladenden Hibiskus-Strauch mit schönem Blick auf das Meer bis hin zum Außenriff, wo die Gischt in den Himmel schießt.

Schiffe aller Kaliber, wohl aus allen weltweiten Routen, passieren endlich die sehnlichst erwartete Einfahrt in den Hafen und bilden ein sehr stimmungsvolles Bild.

Mit welchen Erwartungen und Südseeträumen, soweit es Kreuzfahrten sind, werden sie wohl nach Tahiti kommen? Frachtschiffe mit Matrosen, monatelang auf See, sich auf den Hafen freuend. Abenteurer und Aussteiger mit kühnen Hoffnungen, gut betuchten Kreditkarten oder blank wie eine Kirchenmaus.

Alles nichts Neues in diesem verlockenden Winkel der weiten Welt.

Martin schließt die Augen. Mein Gott, nie hätte er geahnt, dass es auch ihn einmal hierher verschlagen würde. Tahiti.

Was ist er, der Mythos der Droge Südsee, dem die Menschheit immer schon verfallen war? Kein Geringerer als Johann Wolfgang Goethe sieht es eben so:

„… man sollte oft wünschen, auf einer der Südseeinseln als sogenannter Wilder geboren zu sein, um nur einmal das menschliche Dasein, ohne falschen Beigeschmack, durchaus rein zu genießen.“

Man schreibt das Jahr 1767, als Captain Samuel Wallis seinen Fuß für die englische Krone auf Tahiti setzt und jährlich darauf Luis Bougainville für Frankreich.

Gerade seine aufsehenerregenden Berichte über das ungezwungene, paradiesische Leben dieser Inseln im ewigen Sommer war für Europa wohl pure Sehnsucht auf der Suche nach dem Paradies auf Erden.


Und wieder vergeht ein Jahr als endlich Captain James Cook, schon vorgewarnt, auf seiner ersten Pazifikreise auf Tahiti aufkreuzt. Allerdings als englischer Sir und lediglich besessen mit Forschungsaufgaben über den Pazifik, dem stillen Ozean.

Europa ist also auf diese Inseln im Südpazifik aufmerksam geworden. Die Missionary Society London sendet die ersten Missionare, um das heidnische Treiben auf den Inseln zu beenden, arrangiert sich mit der königlichen Herrscherdynastie Pomare zur Einführung christlicher Normen, was bis zum Verbot der freizügigen polynesischen Tänze führt, ohne zu bedenken, dass man ihnen damit auch eine festgefügte, gewachsene Kultur raubt.

1880 dann wird Tahiti schlussendlich französische Kolonie. Zwanzig Jahre nach Cook, beauftragt die englische Krone keinen Geringeren als den in die Geschichte eingegangenen Kapitän William Bligh, ehemals Schiffsoffizier unter Cook, mit besonderer Mission nach Tahiti.

England benötigt dringend Nahrungsmittel für die Sklaverei auf ihren westindischen Kolonien und Captain Cook war es, der dazu den Rat gibt, doch Brotfruchtsetzlinge von Tahiti zu holen, die dortselbst zuhauf gedeihen.

Die unheilvolle Mission, eine der abenteuerlichsten Seefahrten der Menschheit, ist eröffnet. Der Mythos „Die Meuterei auf der Bounty“ nimmt seinen Anfang.

Der Keim vom Südseeparadies war gesät. Ein Bazillus, der um die Welt geht.

Es ist der 27. Oktober 1789, als Captain Bligh mit der Bounty in Tahiti vor Anker geht. Die Crew steht an der Reling und ist sprachlos über die paradiesische Offenbarung der Natur. Fünf Monate führt seine Besatzung ein ausschweifendes, paradiesisches Leben. Sie sammeln Brotfruchtsetzlinge, plantschen in der Lagune, laben sich in der Mittagshitze mit Kokosnüssen, abends verwöhnen sie die Insulaner mit gewürztem Schweinefleisch, das in Erdlöchern mit heißen, ausgelegten Steinen, mit Bananen und Palmblättern überdeckt gegart wird.

Ein flammender Abendhimmel, die singenden Seiten einer Ukulele im Fackelschein an der Lagune und ferne Trommeln des Inselritus bilden den paradiesischen Rahmen.

Vor allem jedoch ist es die Sanftmut und Freizügigkeit der Frauen, der aufreizende und schamlose Umgang der blutjungen Mädchen in ihrer angeborenen, polynesischen Schönheit; er entspricht durchaus ihrem Kulturempfinden und Liebesleben. Es war das Paradies.

Liebende Paare bilden sich, Cliquen entstehen, da und dort Streit und Eifersucht. Kapitän Bligh hat alle Hände voll zu tun, um mithilfe des König Teina alles im Griff zu haben. Trotzdem nimmt er seinen zweiten Offizier Fletcher Christian immer mehr in die Mangel und Verantwortung. Rügt ihn öffentlich in seinem unbeherrschten Jähzorn und drängt die Mannschaft immer heftiger auf baldmöglichste Abreise.

Randvoll ist sie, die Bounty, mit Brotfruchtsetzlingen und Kokosnüssen, als Abschiedsgeschenk Teinas, als es dann endlich so weit ist. Rührende Abschiedsszenen der Mannschaft von ihren Geliebten, wobei einige sogar in den Busch fliehen, um auf der Insel zu bleiben. Bligh lässt sie mithilfe der Eingeborenen wieder einfangen und in Ketten legen.

Dann geht es schnell, als an einem herrlichen Tropenmorgen, den 5. April 1790, die Bounty die Segel setzt und aus der Lagune gleitet.

Es ist ein bewegter Abschied. König Teina und seiner Frau Iddia rollen dicke Tränen über die Wangen. Die Mannschaft steht geschlossen an der Reling und winkt ihren zurückgebliebenen, geliebten Südseemädchen und Freunden, die ihnen so unvergesslich ans Herz gewachsen sind.

Eine milde Morgenbrise wiegt die Palmenwipfel, die das Letzte sind, was von „Otaheite“ (Tahiti), durch die tränenden Augen der Männer noch zu sehen ist. Aber auch die Insulaner blicken der Bounty wehmütig nach, bis sich ihre weißen Segel im Morgendunst des weiten Pazifik verlieren.

„Ia orana“, rufen sie ihnen nach. „Lasst euch lange leben!“.

Jedoch die Bounty hörte ihren Ruf nicht mehr … und auch der Himmel nicht …

Auf dem spiegelglatten Pazifik unter sengender Südseesonne, nimmt die Bounty Kurs auf die Freundschaftsinseln Torfu und Tongapatu.

Es ist nicht die übliche Athmosphäre an Bord eines Dreimasters von Kommandos, Befehlsstimmen und das stete „Aye, aye, Sir“.

Ruhig, einem Geisterschiff ähnlich, segelt die Bounty im grenzenlosen, pazifischen Ozean. Die Stimmung ist spürbar gereizt.

Das Paradies liegt hinter ihnen, das kalte England vor ihnen. Die Männer hängen mit ihren Gedanken dem enteilten Paradies nach. Nur das Nötigste wird besprochen, die See ist ruhig, der Kurs klar.

Kapitän Bligh jedoch, sucht den Disput, die Konfrontation wegen jeder Kleinigkeit. Was ist nur in ihn gefahren, fragt sich die Mannschaft. Rügt laufend Christian Fletcher, macht ihm Vorhalte wegen lächerlichen Vorkommnissen.

Als er eines Tages einige Männer wegen angeblichen Disziplinvergehen auspeitschen lässt, wird es Fletcher zu viel und er stellt Bligh zur Rede.

„Sir, die Männer tun ihr Bestes und außerdem unterstehen sie auch meiner Person, ich dulde Ihr Verhalten der gesamten Mannschaft gegenüber keineswegs.

Wir haben alle Verständnis, Sir, für Ihre ungemein große Verantwortung, diese Mission mit der gesamten Mannschaft zusammen, für die englische Krone zu einem erfolgreichen Ende zu bringen.

Gehen Sie in sich, Sir, und ändern Sie Ihr Verhalten, ansonsten bin ich nicht mehr bereit, Ihr erster Offizier zu sein, Sir. Und wenn sie mich in Ketten legen, Sir!“ Es kam, wie es kommen musste.

Der angeborene Jähzorn Blighs war voll entflammt und nicht mehr zu bremsen. Ständig maßregelt er die Mannschaft und sät Hass und Zwietracht.

Tags darauf lässt er seinen Offizier Christian Fletcher vor angetretener Mannschaft auf die Brücke holen. Sein persönlicher Kokosnussvorrat sei merklich geschrumpft, wahrscheinlich geraubt worden. Seiner Vermutung nach, könnte dies nur Fletcher gewesen sein. Da nur er Zugang hätte. Er werde dieser Vermutung mit aller Konsequenz nachgehen und untersuchen.

Abtreten!

Die Mannschaft schäumte. Für sie war Fletcher ein Edelmann. Bligh war eindeutig zu weit gegangen.

Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Es ist der 27. April, als fahles Dämmerlicht in die Kajüte des Kapitän Bligh fällt. Die See ist ruhig und plötzlich reißt ihn ein heftiger Druck aus dem Schlaf.

Es sind die Hände von Christian Fletcher und seinen Helfern. Am Abend schon wurde generalstabsmäßig diese Meuterei unter dem Großteil der Besatzung abgesprochen, die für die Übernahme der Bounty durch Fletcher war.

Die Waffenkammer wurde problemlos übernommen und die beteiligten Männer bewaffnet. Kapitän Bligh, die Hände auf den Rücken gebunden, eine Barkasse von nur sieben Metern Länge und zwei Metern Breite zu Wasser gelassen und mit achtzehn Männern, die sich Bligh freiwillig anschließen möchten, gefüllt.

Dazu Proviant, Schiffszwieback, Rum, ein Fass Trinkwasser für fünf Tage sowie ein Kompass. Seekarten und Sextant blieben auf der Bounty.

Unter wüsten Flüchen und Drohungen von Bligh wird das Seil gekappt und das überfüllte Boot seinem Schicksal überlassen.

Für Bligh und seine Mannschaft gab man keinen Pfifferling mehr. Als die Morgensonne den wallenden Dunst über den Ozean durchbricht und ihre ersten Strahlen auf die ruhige See legt, als wäre nichts gewesen, ist eine der spektakulärsten Meutereien der Seefahrt, die wie keine andere die Fantasie der Menschheit anregte, Geschichte.

Es war ein unglaubliches Meisterstück der Seefahrt, ein nur 7 Meter langes, überladenes Boot, 3.618 Meilen bis zur Insel Timor im Indischen Ozean zu steuern. Bligh machte das Unmögliche möglich und setzte seine verwilderte und halb verhungerte Crew nach 48 Tagen unter unmenschlichen Strapazen und Qualen in Kupang an Land.

Kein Hahn krähte mehr nach den Brotfruchtsetzlingen. Die Botschaft der Südseemeuterei rast wie ein Lauffeuer durch Europa. Tahiti war mit einem Schlag das Maß aller Dinge, der Inbegriff vom Paradies auf Erden.

Die Bounty segelte einstweilen mit lärmendem Gelage an Deck und grölenden Triumphrufen unter ihrem neuen Kapitän Christian Fletcher gegen Osten.

Auf nach „Otaheite“, wir kommen Tahiti, Tahiti wir kommen heim!“ Die Heimkehr gestaltet sich zu einem großen Fest. Man fällt sich in die Arme, singt, tanzt und trinkt nach Herzenslust. Ein neues Lebensgefühl in ihrem Paradies war erwacht.

War es noch ein Paradies? An einer Palme, abseits dieser paradiesischen Euphorie, lehnt Fletcher mit kummervollem Blick hinaus auf die ruhig plätschernde Lagune.

Wohin soll ich sie führen, meine Schafe? Mein Gott, sie begreifen die neue Situation noch nicht. Ihm war klar, dass die englische Admiralität diese Schlappe der Meuterei nicht auf sich sitzen lassen kann und alles unternehmen wird, die Meuterer aufzuspüren. Und dies zu allererst auf Tahiti.

Sein Plan steht fest und die einzige Möglichkeit, sich der drohenden Festnahme zu entziehen. Eine Fluchtinsel muss gefunden werden.

Nach einigen Tagen wilder Diskussionen, Beratungen, negativen Prophezeiungen, ist man endlich bereit, die gefahrenvolle Irrfahrt hinaus auf den endlosen Pazifik zu wagen.

Sechzehn Meuterer machten die Reise nicht mehr mit. Sie haben von den Irrfahrten genug und bleiben auf Tahiti.

Am Tag der Abreise, an dem die Bounty ein letztes Mal ihr Paradies auf Tahiti verlassen wird, ging die Sonne blutrot auf. Das bedeutet nichts Gutes und so drängt Fletcher zur Eile.

Heimlich holt er sich noch einen jungen Zurückbleibenden, dem er stets vertraute, hinter einen dichten Tiare-Strauch.

„Eine Bitte, mein lieber Freund, musst Du mir noch erfüllen, falls das Glück dir hold ist und du Old England nochmals sehen wirst. Deine Unschuld wird sich herausstellen und du kannst mit Milde rechnen.

Lass diesen Brief meinen Angehörigen zukommen. Sie werden mich dann verstehen. Gott mit dir!“ Es war eine Notiz von Bligh, die er zufällig in seinem Logbuch entdeckte:

„Dieser Ort ist gewiss das Paradies auf Erden. Und könnte das Glück aus der Lage und den Annehmlichkeiten entspringen, dann findet man es hier in höchster Vollendung.

Ich habe viele Gegenden auf der Welt gesehen, doch Otaheite (Tahiti) ist allen vorzuziehen.“

Der Schiffsjunge verspricht mit Tränen in den Augen sein Bestes, umarmt Fletcher und rennt heulend in den Busch.

Nach 18 Monaten kommt der Tag, da das Verfolgungsschiff der englischen Admiralität „Pandora“ überraschend vor Tahiti aufkreuzt, die Meuterer stellt und in Ketten legt.

Die Frauen der Männer, Fletcher mit seiner Gefährtin sowie einige Polynesier sind bereit für ein neues Leben in der Weite der Südsee.

Aber wo ist eine neue Heimat, wo ist weiteres gefahrloses Dasein für unser junges Leben?

Für neues Glück? Himmel öffne dich!

Ein Heer von Trommlern war zusammengekommen und gab der Bounty einmal noch das Geleit, als sie langsam aus der Lagune gleitet. Die See frischt auf und trägt die Blumensträuße, die man zum Abschied in die Wellen wirft, auf ihren schäumenden Kronen dem Pazifik zu. Wehmütig erklingen Gitarren, Frauen heulen, Kinder kreischen und der Passatwind rauscht in den Palmwipfeln.

Es ist ein bewegter Abschied, der an das Herz greift.

Fletcher segelt nach Nord-Ost um augenscheinlich den Kurs vorzutäuschen. Als die weißen Segeln von der Insel nicht mehr auszunehmen sind, wechselt er auf Nord-West.

Monatelang kreuzt die Bounty auf ihren Irrfahrten durch Polynesien im unendlichen Ozean, auf der Suche nach einem passenden Versteck. Es findet sich keines.

Die Stimmung schlägt um. Verzweiflung und Ratlosigkeit schaffen eine Grabesstimmung. Soll man sich stellen, einem ehrenhaften Tod ins Auge sehen, alles, alles sei umsonst gewesen?

Kapitän Christian Fletcher blickt in die Augen der Frauen. Diese schönen, sanftmütigen Pupillen mit dem leuchtenden Glanz des Meeres. Erwartungsvoll erwidern sie seinen Blick und er hat begriffen. Bis zum Ende der Welt führe ich euch, wenn es sein muss.

Es ist ein Tag wie viele andere.

Als milchige, orangefarbene Scheibe erhebt sich die Sonne aus dem Stillen Ozean. Steigt höher und höher in ihrer Bahn, die ihr die Schöpfung vorgezeichnet hat.

Fletcher sitzt wie immer frühmorgens in seiner Kajüte, studiert Seekarten und Literatur. Plötzlich ein gellender Schrei vom Krähennest auf dem Mast: „Land in Sicht!“ Fletcher ist von einem Irrtum überzeugt. Eine Fata Morgana. In diesen Breiten gibt es keine Insel, kein Atoll.

Nichts!

Der Himmel hat ihren Ruf gehört. Zufällig stoßen Sie auf eine felsige Insel, abseits aller Seewege und Routen die auf keiner der Seekarten verzeichnet war. Und auch niemals angesteuert werden wird. Es ist, als hätte sie einer der Meeresgötter der Südsee da hingeleitet.

Die Bounty besiedelte die Insel, nannte sie „Pitcairn“, nach dem Namen des jungen Polynesiers, der diese zu allererst im Krähennest gesichtet hat.

Fletcher lässt die Bounty verbrennen und versenken, um alle Wege zurück für alle Zeit abzubrechen und keinem zufällig vorbeikommenden Schiff den Anblick einer bewohnten Insel zu geben.

Als die Wellen des rauschenden Pazifiks die letzten Flammen des Dreimasters verschluckt hatten und sich noch ein blasser Feuerschein auf der ruhigen See spiegelt, herrscht Totenstille auf Pitcairn.

Lediglich das Schluchzen der Frauen ist zu hören und die Tränen der Männer zu sehen.

Heute noch leben die Nachkommen des Christian Fletcher und seiner Männer auf Pitcairn.

War es auch Jahrhunderte ein Leben in Hölle und Paradies. Was soll’s? Die Grabsteine ihrer Vorfahren, der Meuterer, sind so für alle Zeiten Zeugen der abenteuerlichsten Meuterei der Seefahrt im endlosen Pazifik, dem Stillen Ozean.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
227 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9783962298715
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