Kitabı oku: «Die Geisterkutsche. Heiterer Roman»

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Karl Friedrich Kurz

Die Geisterkutsche

Heiterer Roman

Die Geisterkutsche

© 1950 Karl Friedrich Kurz

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711518458

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Als könne sich hier nie etwas ereignen …

Da ist eine Straße. Es ist die Hauptstraße eines Städtchens weit hinten im Lande, in einer Gegend, die noch so gottgefällig unberührt blieb, daß ihr selbst die Eisenbahn fehlt. Wohl hört man in stillen Nächten den Pfiff der Lokomotiven und selbst das dumpfe Rädergedonner auf den Eisenschienen. Doch all das kommt von weit her, über einen Berg und einen großen Wald. Alle die Jahrhunderte lag das Städtchen abseits: vom breiten Heerweg, wo das Schicksal hitzig waltet, es lag am Eingang eines engen Bergtals, schlief und träumte, wenn draußen in der Welt gewaltige Taten vollbracht wurden.

Auch heute träumt es noch. Es verlangte nie nach rasendem Fortschritt, sondern war zufrieden mit seiner ehrwürdigen Ruhe.

Darum ist auch an dieser Straße nichts Besonderes, nicht die geringste Spur von Sehenswürdigkeit. Häuser hüben, Häuser drüben, ein Streifen gepflasterten Erdbodens dazwischen. Einige der Häuser sind alt; doch nicht alt genug, um als Rarität zu gelten. Die Pflastersteine sind grob und rund und glattgescheuert vom Tritt unzähliger Füße. Immerhin gibt es da und dort Anfänge von Bürgersteigen, ein paar Streifen Asphalt oder Zement, was fast sonderbar anmutet.

Es mag um die fünfte Abendstunde sein, eine stille Dämmerstunde im Märzen. In Winkeln, die die Mittagssonne noch nicht erreichen kann, ducken sich Häuflein kranken, schmutzigen Schnees. Im Wind aber, der zuweilen unruhig über die Dächer streicht, liegt die erste Frühlingsahnung.

Ein Wagen rasselt über die Pflastersteine heran. Obschon es nur eine kleine Kutsche ist, schwarzlackiert, mit blanken Fensterscheiben, lärmt es doch gewaltig unter den Rädern. Vor der Kutsche trabt ein Schimmel. Der Kutscher auf dem Bock trägt eine Mütze mit schwarzglänzendem Schild, an seinem Mantel blinken Messingknöpfe, und aus seinem roten Gesicht hervor wächst ein schreckhaft großer, struppiger und grauer Bart. Der Bart reicht von einem Ohr zum anderen. Es ist ein dicker Mann. Er heißt Martin.

Hinter der Straße liegt der Marktplatz mit dem großen, steinernen Brunnen, dem Rathaus und dem Gasthof zum Schwanen. Vor der Gasthofstür zieht Martin die Zügel an, und die Kutsche hält. Ein Herr steigt aus, mittelgroß, ein wenig rundlich.

All das ist so beruhigend alltäglich, die Straße, die Häuser, die wenigen Menschen auf der Straße, als ob sich hier niemals etwas Ungewöhnliches ereignen könnte.

Der Herr macht ein paar gemächliche Schritte, bleibt dann stehen und schaut sich um, ohne Neugierde. Er kennt die Gegend, von den zwitschernden Spatzen auf den Pflastersteinen bis zu den giebligen Ziegeldächern, und der zufriedene Ausdruck seines Gesichts bekundet, daß ihm das alles wohlgefällt.

In einer der brausenden Städte dort hinter dem Berg, wo es so viele Motorwagen auf Gummirädern und aller Welt Teufelei gibt, würde man Kutsche und Herrn überhaupt nicht beachten. Hier in dieser kleinen Stadt aber bedeutet es etwas. Jedermann kennt die Kutsche und achtet den Herrn, den Landarzt Doktor Hans Bohner, achtet ihn als einen der wenigen, auf die es in diesem Bergtal ankommt. Es wird also wohl doch keine Kleinigkeit sein, mit bärtigem Kutscher, blankem Wagen und rundem Schimmel bis vor die Gasthofstür zu fahren.

Der Doktor mag um die vierzig Jahre zählen. Im Schläfenhaar unter dem Hutrand zeigen sich einige graue Flöcklein. Ein wenig grau schimmert es auch aus dem gestutzten Schnurrbärtchen. Unter seiner Weste wölbt sich ein spitzes Bäuchlein. Aber das alles sind nur schüchterne Anzeichen, die neben dem frischen, rotwangigen Gesicht und den lustigen Augen gar nichts zu bedeuten haben. Mag der Doktor auch nicht länger ein Jüngling sein, so ist er doch noch ein junger Mann, satt von des Daseins Gütern und zufrieden mit allen Dingen und sich selber. Und so genießt er leichten Sinnes den Augenblick und freut sich über den erblassenden Himmel, über die alten Dächer und das vertraute Treiben der Straße.

Bis zu dieser Stelle ging der Doktor seinen Weg ruhig und zuversichtlich. Es war kein steiniger Weg, und er führte weder zu schroffen Höhen noch zu gefährlichen Abgründen. Es glich eher einer gemächlichen Fahrt auf weichen Polstern über ein ebenes Land.

Wahrlich, das Leben meinte es gut mit diesem Doktor. Es schenkte ihm vieles. Sobald er nur seine Hand ausstreckte, kamen die Dinge willig zu ihm. Das Leben schenkte ihm zur rechten Zeit auch die rechte Frau. Amalie, eine tüchtige Hausfrau, eine überaus kluge Frau, keine aufreizende Schönheit, nein; aber die Frau, die ihren Hans in ein schönes Haus führen konnte.

Amaliens Schätze lagen mehr im Verborgenen. Auch damit war der Doktor zufrieden. Es ging ihm gut. Er verlangte nicht mehr nach brausender Leidenschaft.

Einst war er ein wilder Knabe. Das ist längst vorbei. Das ist längst vergessen. Zwar bleibt der Knabe immer der Vorgänger des Mannes. Aber der Doktor fand sich leicht zurecht in den Forderungen des gesitteten Alltags, überwand den Knaben und trat ein in den Kreis, der ihm vorgezeichnet worden. Überall füllte er seinen Platz aus und wurde bald das, was er jetzt ist, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft und eine Respektsperson.

Über die Schulter sagt er: „Um halb zwölf fahren wir zurück, Martin.“

Und der Kutscher nickt. „Jawohl, Herr Doktor, um halb zwölf.“

Eine Stunde wird bestimmt. Alles gleitet sanft dahin. Alles ist geregelt mit Pflichten und Freuden. Jetzt geht der Doktor zum Stammtisch, zu Bier und Kartenspiel. Zweimal in der Woche fährt er aus seinem Dorf hinein in die Stadt. Festgefügt ist die Ordnung, die im Leben dieses Mannes herrscht.

Aber nun kommt etwas, das nicht vorgesehen ist im Stundenplan. Das kündet sich an durch einen Schimmer hinter der Glastür des Gasthofs, durch ein helles Seidenkleid, einen Frauenkopf mit dunklem Haar, durch etwas Fremdes. Nie zuvor sah der Doktor Ähnliches. Er starrt darauf in gespannter Erwartung. Ein kaltes Prickeln rieselt ihm vom Scheitel bis zur Sohle. Mit einem Schlage wird alles um ihn geheimnisvoll und schicksalhaft. Blitzhell schießt eine Ahnung von Unfaßbarem in ihm auf, blendet ihn, verschlägt ihm den Atem.

Die Tür öffnet sich. Festgebannt auf seinem Platze steht der Doktor, das Unentrinnbare erwartend. Es schwebt heran, überraschend, unglaubhaft wie ein Traumbild, wie eine heidnische Göttin mit strahlenden Augen unter hohen Brauenbogen und rotem Mund, weichem, rotem Mund. Die Augen richten sich auf den gelähmten Doktor. Um die Lippen huscht ein scheues Lächeln.

„Herr im Himmel …“, murmelt der Doktor fassungslos. Seine Wangen werden zu Eis, und seine Zunge wird zu einem Holzstück. Die Überraschung fährt ihm als heftiger Stich in den Rücken. „Herr im Himmel …“

Fünf Schritte mögen es sein bis zur Gasthofstür. Keinen Fuß rührt der Doktor. Er läßt die liebliche Unheimlichkeit an sich herankommen.

Jetzt sind es nur noch zwei Schritte. „Äpfelchen“, flüstert der lächelnde Mund. „Kügelchen … Guten Abend, Hänschen!“

Vielleicht sind es keine Worte, sondern es ist nur ein Hauch, ein leiser Seufzer. Vielleicht bildet der Doktor sich das nur ein. Was kann er denn hören, wenn ihm das Blut so gewaltig in den Ohren rauscht. In seiner Verwirrung greift er nach dem Hut.

Des Doktors Hut hängt frei in der Luft. Alles wird schwärzeste Zauberei. Des Doktors Arm versteinert sich. Um seinen Körper liegen die Kleider wie Blech. Die fremde Frau verhexte ihn.

Vor wenigen Augenblicken stand auf diesen runden, groben Pflastersteinen ein selbstbewußter Landarzt und eine anerkannte Respektsperson. Dann ereignete sich ein Wunder in der Welt.

Mit wenigen wiegenden Frauenschritten trat das Schicksal an einen Mann heran. Ein paar kleine, kaum gehauchte Worte aus süßem Frauenmund vollbrachten die jähe Wandlung. Ein würdiger Mann wurde aus seiner sichern Bahn geschleudert. Da steht er jetzt, hölzern, steinern, verzagt. Seine Welt, die ihm eben noch zuverlässig erschien, schwankt unter ihm. Viele Jahre seines Lebens, Aufstieg, Erfolg, die solide Ehe mit Amalie, das ganze, festgefügte Gebäude seines Daseins zerfließt zu einem Nebelstreif, der im Glutmeer eines Sonnenbrandes verdampft. Ja, da steht er und entsinnt sich nicht, daß es vor kurzem einen Doktor Bohner gab.

Aus friedvoller Alltäglichkeit der Straße erhob sich das große Abenteuer. „Margrit“, stammelt er atemlos. „Nein, Rita, nein … Wie sollte das je möglich sein?“ Er blinzelt, geblendet von der grellen Wirklichkeit.

„Hab ich dich erschreckt, mein liebes Hänschen?“ fragte in heiterer Besorgnis eine weiche Stimme.

„Armes Äpfelchen, wie bist du bleich geworden.“

„Rita — sag, daß ich träume“, stammelt er.

„Setz deinen Hut wieder auf. Nein, Hänschen, es ist kein Traum.“

„Kein Traum, kein Geist … Rita, gib mir deine Hand, sonst glaube ich nicht daran. Deine Hand, Rita …“

Beide Hände reicht sie ihm hin und sagt: „Komm, Lieber, laß uns nicht länger hier stehn, unter den vielen Fenstern. Die Leute beobach ten uns. Komm, führ mich irgendwo hin.“

Eben werden auf dem Marktplatz die ersten Laternen angezündet. Der Kutscher Martin hat sein Pferd gewendet und fährt davon. Die Wagenräder rasseln. Beim Brunnen spielt eine Kinderschar; ihr jauchzender Gesang übertönt schrill das Rädergerassel. Der Doktor schreitet an Ritas Seite.

Ein zarter Duft weht von ihr zu ihm herüber. Kein Wohlgeruch, wie ihn die Damen des Städtchens ausströmen, nicht Veilchen, nicht Flieder. Es ist etwas Fremdes, Unbekanntes, süß und verwirrend wie die Sünde selber.

„Du hast mich überfallen und niedergeschmettert, Rita“, gesteht der Doktor mit Herzklopfen in der Stimme. „Ja, und nun begreife ich das Leben nicht länger … Dein Arm streift mich. Rita, Rita, du hast mich in einen Abgrund gestoßen.“

Sie lacht leise, tief unten im Halse. Sie lacht wie ein kleines Mädchen beim Spiel. „Oh, ich wollte dich überfallen, Äpfelchen, aber ich wollte dich nicht niederschmettern. Wie freute ich mich doch auf diesen Augenblick — seit Jahren.“

Er schüttelt den Kopf und wiederholt: „Seit Jahren … Wie soll ich das auslegen?“

„Ich dachte an dich“, sagt sie leise.

„An mich? Nein, Rita, nun wird es aber zuviel. Ich sehe deine Augen, und ich höre deine Stimme. Ich fühle, daß du die Wahrheit sagst.“

„Wann hätte ich dich je belogen, Äpfelchen?“ fragt sie einfach. „Ich dachte an dich, alle die vielen Jahre.“

„Deine Augen blicken zu mir hin wie strahlende Sterne“, sagt er und verfällt unbewußt in die Sprache der entschwundenen Jugend. „Wunderbar wie früher sind deine Augen. Und deine Stimme dringt mir bis in die Seele. So müssen wohl die Harfen der Engel klingen, wenn es einen Himmel gibt. Aber ich habe gar zu lange glauben müssen, daß du mich vergessen hast. Rita, du gingst von mir.“

„Ja, aber jetzt bin ich wieder zu dir zurückgekommen.“

„Wann kamst du? Und was willst du hier?“ fragt er bang.

„Gestern abend kam ich. Ich sehnte mich nach der Stätte meiner Jugend. Noch einmal wollte ich das Städtchen sehen, die alten Häuser. Noch einmal wollte ich die Sprache, die Stimmen dieser Menschen hören.“

„Die Häuser, die Sprache …“, murmelt er.

„Und dich wollte ich sehen. Doch so vieles hat sich hier verändert. Unsere alten Häuser finde ich nicht mehr. Auch du, Äpfelchen, bist nicht mehr so wie einst.“

Er senkt den Kopf und sagt bedrückt: „Die Zeit fährt über uns hin. Die Zeit nimmt alles mit. Man kann sich nicht dagegen wehren.“

Da wird auch ihre Stimme klanglos. Sie gesteht: „Daran habe ich nicht gedacht. Ich nahm die alten Bilder mit mir fort.“

„Nur an deinen Augen erkannte ich dich, Rita, und an deiner Stimme.“

Sie gehen ein Stück weiter. Dann erzählt Rita: „Noch gestern in der Nacht lief ich durch die Straßen. Ach, Lieber, ich fand unsere Gasse nicht mehr. Ich fragte ein kleines Mädchen nach der Rebengasse. Es schaute mich verwundert an und schwieg. Die Häuser unserer Jugend sind nicht mehr, unsere Gärten sind verschwunden.“

„Sie mußten der Entwicklung weichen.“

„Gibt es denn dergleichen auch hier? Entwicklung?“

Er lächelt matt: „Dort, wo wir als Kinder spielten, führt jetzt eine Brücke über den Bach.“

„Darum habt ihr die Häuser niedergerissen?“

„Es waren alte Häuser, Rita.“

„Es waren unsere Häuser. Früher lagen große Steine im Bach. Bei niedrigem Wasser sprangen wir von einem zum andern. Erinnerst du dich daran? Du hieltest mich bei der Hand …“

„Und bei Hochwasser trug ich dich hinüber, Rita. Du hattest zwei schwarze Zöpfe damals. Dein Haar duftete nach Heckenrosen.“

„Du erinnerst dich wirklich? Ja, nach Heckenrosen, das hast du damals behauptet.“

„Ob ich mich erinnere? Immer, wenn die Heckenrosen blühn, laß ich meinen Wagen am Wege halten. Ich pflücke mir eine Handvoll …“

„Ja?“ fragt sie. Es ist ein verhaltenes Schluchzen.

„Dann sitze ich mit geschlossenen Augen und denke an dich.“

„Ist das wahr? Du denkst an mich? Immer noch?“

„Immer noch. Ich denke an das, was gewesen. Aber die Heckenrosen sind Blumen von einem Grab.“

„Sag das nicht! Geh ich denn nicht wieder an deiner Seite?“

„Allzulange bliebst du fort, Rita!“

„Aber vorhin, den ganzen Abend, stand ich am Fenster und wartete auf dich. Ich hörte, daß du kommen würdest. Mir wurde so bang. Ich weiß nicht, war es Freude oder Weh. Ich fürchtete mich.“

„Welch ein Abend, Rita! Die Leute erzählten dir wohl einiges? Und nun weißt du, wie es mit mir steht?“

„Vieles erfuhr ich, liebes Hänschen, und einiges erfuhr ich, was ich gar nicht fassen kann.“

„Wohl vor allem, daß ich Amalie heiratete?“

„Gerade Amalie Hiller, die du einst nicht leiden mochtest.“

„Das geschah mehr aus Verzweiflung — diese Heirat … ich weiß selber nicht, wie es kam. Als du von mir gingst …“

„Kann man aus Verzweiflung heiraten?“ fragt sie fassungslos.

„Oder aus Trotz. Nein, es war wohl auch nicht das. Mir wurde nur alles so gleichgültig in der Welt. Ich ließ mich treiben, und ich wollte vergessen, irgendwie darüber hinwegkommen.“

„Dabei bist du ein mächtiger Mann geworden, Äpfelchen. Auch dieses hätte ich von dir nie erwartet.“

„Nicht? Welche Rolle hast du mir denn zugedacht?“

„Lieber, Lieber! Es fiel nie ein unfreundliches Wort zwischen uns. Unsere Freundschaft war fleckenlos.“

„Unsere Liebe war fleckenlos …“

Sachte bestätigt sie: „Ja, unsere Liebe. Nie hast du mich enttäuscht. Und du warst doch ein unbändig wilder Knabe —- ein Feuerkügelchen. Immer hattest du rote Wangen. Darum nannte ich dich Äpfelchen und Kügelchen. Und du littest es. Nannten andere dich so, sprangst du ihnen an den Hals. Außer dir fand ich keinen Freund in meinem Leben.“

„War es das, was dich zurückzog?“ fragt er schnell.

„Ja, das war es vielleicht.“ Leise fügt sie hinzu:

„Doch ich mußte also erfahren, daß ich alle die Jahre träumte wie ein kleines Mädchen. Ich träumte dort weit unten, unter einem andern Himmel; das Leben aber nahm seinen Lauf und kümmerte sich nicht um meinen Traum. Sieh, Äpfelchen, ich bin in der Entwicklung zurückgeblieben. Bei mir ist noch ungefähr alles so wie damals, als du mit mir über den Bach sprangst, als du mich in deinen Armen von Stein zu Stein trugst und ich noch zwei schwarze Zöpfe hatte, die nach Heckenrosen dufteten.“

„Rita, Rita“, stöhnt er. „Schweig. Sei gnädig!“

„Gewiß handelte ich töricht. Vergib, Lieber, deinem kleinen, dummen Mädchen, das sich so wenig auskennt in den Irrgängen des Lebens.“

„Und das alles sagst du mir heute!“ ruft er heftig. „Warum quälst du mich? Bis heute hatte ich die Blumen von einem Grab …“

„Ich konnte es dir nicht vorher verraten, Lieber. Ich wollte nicht deine Zukunft gefährden. Nach der unseligen Tat meiner Mutter.“

„Daran bist du unschuldig.“

„Ich weiß, ich weiß. Doch wir kamen ins Gerede. Du wärest treu zu mir gestanden. Dennoch — ich war so schrecklich arm. Gewiß, vieles wäre dennoch möglich gewesen. Mir fehlte nur Mut und Entschlossenheit, ich wagte nicht den Kampf aufzunehmen. Ja, so war ich — und so bin ich leider noch heute, verzagt und schwach der Wirklichkeit gegenüber.“

„Du wagtest aber die weite Reise hierher“, meint er zweifelnd.

„Die Reise wagte ich. Doch ich kam zu spät, viel zu spät. Es kann daraus nur ein Abschiednehmen werden. Ein paar Stunden bleiben uns …“

Unter einem heftigen Schmerz duckt er sich.

„Nein, nein! Das meinst du wohl nicht! Das wäre wenig und ungeheuer viel. Ein paar Stunden, Rita? Gütiger Gott — wie sollten wir nachher weiterleben und die Trennung ertragen?“

„Wir werden schwer daran tragen“, gesteht sie mutlos. „Ich handelte töricht … Aber es war alle die Jahre eine Sehnsucht in mir, ein unstillbares Verlangen. Heute muß ich erkennen, daß mein Wunsch unerfüllbar ist.“ Sie besinnt sich und sagt dann ohne Scheu: „Denk an eine Blumenknospe, die es nicht verhindern kann, sondern aufbrechen muß. Ja, so war es. Die Blumenknospe weiß nicht, was mit ihr geschieht. Sie öffnet sich der Sonne. Nein, du begreifst das wohl nicht.“

„Sei sicher, ich verstehe, wie du es meinst, die Blumenknospe und alles. Und wenn ich dich so reden höre, Rita, muß ich alles vergessen, was hinter mir liegt, und ich meine, du habest mich nie verlassen. Ja, ich denke genau so wie du. Erst in diesem Augenblicke wird mir klar, daß mein Leben nichts war und nichts sein konnte ohne dich. Nur in dir allein liegt für mich Erfüllung.“

Mit Tränen in der Stimme wiederholt sie: „Keine Erfüllung. Kein Glück. In tausend Nächten fragte ich, was ich tun könnte, doch ich fand weder Mittel noch Weg. Mag es uns nun wieder neuen Schmerz bereiten, dennoch war es gut, daß ich zu dir kam. So konnte ich dir endlich alles sagen. Und ich durfte deine guten Worte hören. Wir wissen hinfort beide, daß wir uns nicht ganz verloren haben.“

Er legt den Arm um ihre Schultern, und so schritten sie in die Nacht hinaus, mit gesenkten Köpfen, und jedes dachte seine eigenen Gedanken.

„Woher kamst du, Rita?“ fragt er.

„Weit dort unten lebte ich, auf Sumatra, in einem Ort, der Mangala heißt.“

„Und von Mangala fuhrst du hierher?“

„Zuerst war ich in Italien und dann in Paris. Ich fürchtete mich vor dem nordischen Winter.“

„Wie ein Märchen klingt das. Mangala? Ich kann es noch nicht fassen — du kamst wirklich zu mir, Rita?“

„Und kam also zu spät.“

Darauf schweigen sie wieder.

„Mangala?“ fragt er. „Sumatra? Darum bist du so gelb und fremdländisch in deinem Gesicht … Mangala …“

„Die vielen, vielen Jahre unter jenem Gluthimmel blieben nicht spurlos. Das Leben ist dort so ganz anders als hier.“

Darauf sagt er: „Du gingst von mir ohne ein Wort. Du verschwandest spurlos in der Nacht. Du hast mir nie geschrieben …“

„Lieber Gott, das kam doch so schnell, so völlig unerwartet, und ich war so verstört. Mit meinem Vater stand es noch schlimmer. Daß meine Mutter ihn betrog, hat er nie überwinden können. Wir gleichen dem Efeu — wir sterben, wo wir uns festklammern. Mein Vater floh mit mir.“

„Nach Sumatra?“

„Er hatte einen Bruder dort unten, einen Pflanzer. Damit begann für uns beide ein neues Leben.“

Eng umschlungen schritten sie dahin. Sie hatten kein Ziel. Aber sie schritten auf den alten Wegen, durch die Gärten ihrer Jugend. So kamen sie zur neuen Brücke.

Und sie schritten über die Brücke, auf der Straße der großen Ebene zu. Der Doktor ergriff Ritas Hand und sagte dumpf: „Dämmerig, gerade und eben wie diese Straße, so lag mein Leben vor mir. Ein Leben ohne Höhen und Tiefen. Ich nahm es ohne Murren hin, als mein Geschick. Ich war nicht unglücklich, nicht einmal unzufrieden. Längst vergaß ich, daß es anders hätte sein können …“

Rita dreht sich um und sucht in der vom schwachen Mondschein mit Silberstift gezeichneten Landschaft. „Wuchsen nicht hier einst Bäume?“ fragt sie. „Waren es nicht Buchen und mächtige dunkle Ulmen? Ein finsterer Wald schien es mir. Unser Wald.“

„Unser Wald — auch er mußte fallen. Auch das ist Entwicklung. Es ist der gewöhnliche Lauf der Dinge. Für uns aber entwickelt sich alles so seltsam, und der gewöhnlichen Dinge Lauf wird uns schmerzhaft … Ja, und hier an dieser Stelle sollst du auch noch dieses erfahren, Rita: In unsern Wald floh ich damals. Bei Tage suchte ich unsere Zeichen in der Rinde der Bäume, und nachts tastete ich mich von Stamm zu Stamm und flüsterte deinen Namen. Ja, Rita, ich rief nach dir. Nicht viel mehr als ein Knabe war ich, doch ich litt wie ein Mann.“

Über der fernen Ebene liegt die Dunkelheit wie ein dickes, braunes Tuch. Die Straße schimmert fahl daraus auf — ein zerfließender Strich durch bleiche Unfaßbarkeit.

„Armes, liebes Äpfelchen“, murmelt Rita. „Du riefst nach mir, und ich hörte dich nicht. Ja, ich ahnte nicht, daß du so schwer daran trugst.“

Vorwurfsvoll sagt er: „Wenn du mir wenigstens geschrieben hättest. Auf ein Wort von dir hoffte ich, auf ein kleines Zeichen. Dann hätte ich auf dich gewartet bis zu meiner letzten Stunde, oder ich wäre dir gefolgt bis ans Ende der Welt. Dein Schweigen veränderte meine Zukunft, und es erdrosselte meine Seele.“

„Ich schrieb dir, Lieber!“ ruft sie. „Oh, ich schrieb dir viele Briefe, viele lange Briefe. Alles, alles gestand ich dir.“

„Kein einziger kam in meine Hände“, sagt er ungläubig.

„Nein, ich sandte sie nicht ab. Weil ich wußte, daß du auf mich gewartet hättest oder mir gefolgt wärst. Ich meinte, das dürfe nicht sein. Oh, ich hätte sie dennoch absenden sollen, meine Briefe. Erst jetzt verstehe ich, daß alles nur Schwäche und Feigheit war. Aber so wartete ich von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr. Worauf ich wartete, weiß ich nicht. Aber dann starb mein Onkel. Er war unverheiratet. Die Pflanzung fiel auf meinen Vater. Im letzten Winter starb mein Vater. Jetzt bin ich allein.“

„Jetzt bist du frei?“

„Ganz frei.“

„Und reich …“

„Und reich, ja. Ich versteh zwar nicht viel von Geld und solchen Dingen. Doch ich glaube, ich kann mir alles kaufen, was ich wünsche — bis auf das Glück.“

„Und“, fragt er bang, „was wirst du nun tun?“

„Wie?“ fragt sie erstaunt. „Ich kehre zurück nach Mangala. Was könnte ich denn anders tun? Übermorgen fahre ich nach Holland, nach Rotterdam. Am Montag geht mein Schiff.“

„Ist das so bestimmt?“ fragt er in einem Ton, worin heiße Angst zittert.

„So bestimmte ich es.“

„Muß es denn sein, liebe Rita?“

„Aber Hänschen, liebstes Äpfelchen — begreifst du nicht? Was soll ich noch hier? Ich unternahm diese Reise; ich machte einen kleinen Seitensprung. Hernach muß das Leben weitergehen.“

„Das sagst du so leicht“, wendet er ein. „War es nur ein Seitensprung?“

„Großer Gott — nein! Nein, für mich war es etwas Unaufschiebbares. Es ist Nacht. Ich sehe dein Gesicht nicht. Ich erkenne deine Gestalt nicht. Doch ich fühle deine gute Nähe. Du bist wieder mein kleiner, tapferer Ritter.“

Ergriffen von unbändigem Verlangen beugt er sich vor und küßt sie. Er meint, das sei der Gipfel seines Lebens. Er meint, es sei der Abschluß seines Erdendaseins.

In befremdender Starrheit überläßt sie sich ihm. Mit keiner Bewegung wehrt sie sich gegen seinen Sturm; aber sie erwidert nicht seine Küsse. Verwirrt fragt er: „Weinst du, Rita? Weine nicht …“

In kindlicher Unbeholfenheit hascht sie nach seinen beiden Händen, nach seinen fieberheißen, flatternden Händen, preßt sie gegen ihr Herz und flüstert: „Achte nicht darauf. Nein, das sind keine Tränen, mein liebes Äpfelchen. Es sind ungesprochene Worte. Laß uns wieder zurückkehren, zu den Häusern, zu den Menschen, zur Wirklichkeit.“

Dumpf, bebend vor Erregung sagt er: „Zu den Menschen? Gibt es denn für mich noch Menschen nach dieser seligen Stunde? Nein, Rita. Nur wir beide sind noch auf der Welt, nur wir beide, und dort oben der Mond, der unseren Weg beleuchtet. Laß uns jetzt auf dieser Straße weitergehen, immer weiter, bis wir uns in der Nacht verlieren. Laß uns alles vergessen, was dort hinter der Brücke liegt. Und wo der Weg zu Ende geht, wollen wir gemeinsam sterben.“ Ja, da fängt dieser Mann noch einmal an zu glühn und wird wieder zum wilden Knaben, der mit seinen Händen die Sterne vom Himmel holen möchte.

Und sie lauscht in glücklichem Erstaunen dem Ausbruch. „Genau so warst du früher“, ruft sie zwischen Lachen und Weinen, „so hitzig und maßlos. Jetzt bist du wieder mein liebes Feuerkügelchen. Du wärest wohl imstande, eine Dummheit anzustellen. Bedenke aber, ich habe schon ein paar Silberfäden im Haar, und du, Hänschen, hast eine Frau.“

Als er darauf finster schweigt, sagt sie noch: „Wir sind ja toll, alle beide.“

„Sag ein Wort, Rita, nur ein kleines Wort, und ich ziehe mit dir hinaus, nach Sumatra, oder wohin du willst“, stöhnt er.

Und das trifft. Ja, das trifft eine Stelle in ihr, die schwach ist. Ihn mit sich nehmen in ihren sonnigen Garten, das war doch ihr geheimer Gedanke. Ihre Stimme zittert; aber sie muß fragen: „Würdest du so viel wagen, Lieber?“

Doch nun zaudert er, nur einen Pulsschlag lang. Er schrickt wohl selber zurück vor dem gewagten Sprung. Dann ruft er laut und in finsterer Entschlossenheit: „Alles wage ich für dich und unser Glück!“

Aber sein Zaudern entging ihr nicht. Und sein Versprechen klingt nicht ganz echt. Nie zuvor hat sie an seinem Wort gezweifelt. Im Schreck preßt sie ihre Hände auf die Brust. Mit einem Ruck steht sie still.

„Was ist denn, Rita, was?“ fragt er.

„Nichts, nichts … Waren da Stimmen im Wald?“ Sie lauschen. Und sie hörten keine Stimmen im Wald.

Nur der Zauber war gebrochen. Er zerbrach wohl nicht ganz, der mächtige Zauber, der die Märchenprinzessin aus ihrem Palmengarten in den rauhen Norden lockte. Nur sein Wunderglanz verblaßte ein wenig.

Die Prinzessin sagt jetzt ruhig: „Nein, mein liebes Äpfelchen, wir wollen nicht in die Nacht hinausgehen und miteinander sterben. Und es würde dir nicht leicht fallen, dein früheres Leben aufzugeben, um ein neues zu beginnen. Die Heimat läßt dich nicht mehr los.“

„Rita, du willst mich ein zweites Mal verlassen!“ ruft er verbittert.

„Was kann ich dagegen tun?“ fragt sie klagend.

„Sag, Lieber, was kann ich tun?“

„Und wenn es schon ein Abschied sein muß, so schenk mir eine Nacht.“

„Herr im Himmel …“, ruft sie.

„Wir treffen uns morgen abend.“

„Unmöglich! Wo denn? Wie?“

„Ich hole dich in meinem Wagen ab, wenn es dunkel ist …“

„Nein, bist du bei Sinnen? Hier, wo dich jedes Kind kennt! Man müßte uns entdecken. Und dann: welche Schande! Und wie würde es dir schaden!“

Er verbessert sich: „Wir fahren in eine große Stadt, wo uns niemand kennt.“

„Kannst du das? Kannst du für eine Nacht verschwinden?“

„Wie bist du grausam, Rita!“ ruft er. „Wie bist du hart. Reiß mir das Herz aus der Brust oder schenk mir die Nacht — nur eine einzige Nacht.“ Angesteckt von seiner Verrücktheit sagt sie schnell: „Ja, ja!“ Und sie schmiegt sich an ihn und schließt die Augen. „Oh, Lieber, ich gehörte dir in tausend Nächten“, flüstert sie.

„Rita!“ jubelt er.

„Gehörte ich denn nicht dir von Anfang an? Aber gibt es ein Plätzchen auf der weiten Welt für uns zwei arme, verirrte Kinder?“

Plötzlich kommt ihm ein guter Gedanke. „Morgen ist im Schwanen Maskenball. Morgen ist Freinacht. Morgen wird alles außer Rand und Band sein. Keiner wird uns beachten. Wir werden zwei Narren sein unter hundert anderen Narren.“

So kam es. Der Märchenschimmer verblaßte. Übrig blieb das rote Abenteuer. „Ja, ja“, sagte Rita abermals. Damit waren beide bereit, die Pforte ihres Paradiesgärtleins hinter sich zu schließen. Beide waren reif zum ewigsüßen Sündenfall.

„Alles werde ich ordnen!“ rief er begeistert.

„Verlaß dich auf mich, Rita.“

Der Plan mit dem Maskenball gefällt ihr. „Du mußt Danielsens Kleid tragen; er ließ es sich von der Hauptstadt kommen. Dann wird man dich für Danielsen halten, denn er ist ungefähr von deiner Gestalt.“

„Für wen wird man mich halten?“ fragt der Doktor mißtrauisch. „Danielsen — was ist denn das?“

„Mein Verwalter, ein Däne. Ich nahm ihn auf die Reise mit. Ein prächtiger Mensch.“

„Du bist verliebt in ihn“, sagte er hastig und finster.

„Ich?“ lacht sie. „Stände ich dann jetzt hier? Dummes Hänschen!“

„Dann ist er in dich verliebt“, behauptet der Doktor eigensinnig. „Gesteh es nur.“

„Möglich. Ja, ich glaube, daß er mich heimlich liebt, Äpfelchen. Doch er ist so schüchtern, daß er es mir nie offenbaren wird.“

„Zur Hölle mit dem ganzen Mann Danielsen und seiner heimlichen Liebe!“

„Du wirst morgen seine Tracht anziehen, Hänschen. Das geht fein. Übrigens weiß kein Mensch im Städtchen, wer ich bin. Ins Fremdenbuch trug ich den Namen unserer Pflanzung ein.“

„Großartig! Dann wären wir vollkommen sicher nach allen Seiten hin!“ ruft er eifrig.

Ja, es sei wirklich ein glänzender Einfall, meinen sie beide. „Aber jetzt laß uns umkehren“, bittet Rita.

„Wenn es doch sein muß“, seufzt er und nickt. „Send mir das Dänenkostüm nach Endingen. Bei mir zu Hause darf ich natürlich nichts verraten.“

„Nein, das darfst du wohl nicht“, bestätigt sie mit leisem Spott.

„Nein, wir müssen vorsichtig sein.“

„Wir werden sehr vorsichtig und vernünftig sein, Äpfelchen.“

„Du erinnerst dich noch an das kleine Waldhaus an der Landstraße? Es steht heute noch ebenso verlassen wie ehemals.“

„Morgen früh schick ich Danielsen selber hin. Er ist zuverlässig.“

„Alles ganz ausgezeichnet!“ frohlockt er. „Abends fahr ich dann vorbei und kann mich im Wagen umziehen.“

Da wird Rita ängstlich: „Und dein Kutscher?“

„Ho, Martin! Martin, dieses Schaf und Murmeltier … Ich geb ihm einen kleinen Wink, und er ist noch zuverlässiger als dein Däne!“

„Er wird sich Gedanken machen.“

„Martin — und Gedanken“, ruft der Doktor.

„Ho, Martin!“ lacht er.

„Ja, ja“, nickt Rita und läßt sich willig überzeugen. „Wir werden uns im Ballsaal treffen. Das fällt gar nicht auf. Und jetzt ist mir wie damals, wenn du mich über den Bach trugst — ich freue mich und es gruselt mir.“

„Ich werde ein sicheres Winkelchen für uns finden.“

Sie lacht verschämt. Dann ruft sie: „Nein, wie jung ich doch noch bin!“ Und sie wundert sich sehr darüber.

„Alle Tage deines Lebens wirst du ein kleines Mädchen bleiben“, versichert er ihr unter überzeugenden Küssen.

„Sieh, Hänschen, da sind wir ja schon bei der Brücke.“

Es fällt ihnen ungeheuer schwer, auseinander zu gehen. Sie machen einen Schritt zur Trennung und kehren immer wieder zurück.

Um halb zwölf wartet der Kutscher Martin zuverlässig vor dem Schwanen. Doch sein Herr tritt nicht durch die Gasthofstür, sondern er erscheint vom Marktplatz her.

Ho - Martin!

Vielleicht ist das, was der Landarzt Doktor Bohner und die Dame von Mangala Vorhaben, eine Sünde. Gott allein mag das entscheiden. Von der gewöhnlichen Menschenseite her könnte es höchstens eine kleine, fast unschuldige Sünde sein, ein heimliches Abenteuer. Und es bleibt trotz allem noch ein Schimmer von Märchenduft daran. Außerdem soll es geschehen in einer Freinacht, wenn ein ganzes Städtchen toll ist. Somit wird es nur das glückhafte Spiel zweier Narren.

Ein seltsam langer Tag folgte dem Spaziergang hinter der Brücke. Der Doktor hielt ihn für den längsten und seltsamsten Tag seines Lebens. Und als es endlich Abend werden mußte, setzte er sich an den Tisch neben seine Frau Amalie und sagte: „Liebste Amalie, so wie die Verhältnisse sich gestalten, muß ich leider heute abend unbedingt in die Stadt fahren. Ja, das hätte ich beinah vergessen.“

Amalie, die einmal ein junges Mädchen war und Hiller hieß und schon in jenen Tagen scharfe Augen und ein feines Gehör besaß, hebt den Kopf.

Aber hier handelt es sich um eine wichtige Angelegenheit, eine Besprechung mit Kollege Stende. Es kann sich etwas in die Länge ziehen. Möglicherweise bis zum nächsten Morgen.

Die Leute behaupten, Amalie habe den Hans Bohner genommen und in doppeltem Sinne zum Manne gemacht. Sie halte ihm noch immer die Zügel stramm, hieß es. Amalie neigt ihren Kopf zur Seite, was dem Doktor mißfällt, und meint, das müsse eine ungewöhnliche Besprechung sein.

„Und dazu noch heute abend, wenn im Schwanen großer Maskenball ist?“ fragt sie.

Maskenball? Was kümmert das den Doktor. Da hilft nun alles nichts, der Doktor muß fahren. Er fährt, weil die Pflicht ruft.

„Wenn es sein muß“, meint Amalie, nicht völlig überzeugt.

„Es muß sein. Und gute Nacht. Warte nicht auf mich.“

Der Doktor trinkt sein Glas leer und geht schnell zur Tür hinaus. Heiße Leidenschaft herrschte nie zwischen den beiden. Doch sie waren gute Kameraden, Weggenossen. Der Doktor fuhr eigentlich gar nicht schlecht dabei. Jetzt aber lockt ihn ein blutrotes Begehren, fort vom warmen, sicheren Herd.

Vor dem Haus steht der Wagen. Martin sitzt gewichtig auf dem Bock. Das Kinn sank ihm auf die Brust nieder. Dieser Mann hatte die Gottesgnade zu schlafen, sowie sich eine Gelegenheit dazu fand. Gelegenheiten gab es überall.

„Fahr los, Martin!“ befiehlt der Doktor.

Über dem Lande liegt sanfte Dunkelheit, ein zarter, freundlicher Nebelschleier. Des Doktors Brust entsteigt ein zitternder Seufzer. „Herrliche Nacht.“

In den Bauernstuben brennen die Lampen. Schatten bewegen sich hinter den behangenen Fenstern. Die Menschen gehen zur Ruhe. Für den Doktor aber soll dies die Nacht der Nächte werden. „Schattenspiele“, murmelt er. „Da legen sich alle die Menschen hin zu dumpfem Schlaf. Ich aber fahre dem glühenden Leben entgegen.“ Sein Herz wird noch einmal jung und stürmisch. Er fiebert förmlich nach Sünde, Lust und Glück. Nur an die eine Nacht denkt er. Hinter dieser Nacht kann kein Morgen liegen. Ein himmlisches Wunder überraschte ihn und trug ihn fort aus dem kahlen Leben in einer kahlen Welt. Oh, er ist jetzt ein Jüngling, den zum erstenmal der Wirbel der Liebe erfaßt. Er ist ein Gott. „Rita, strahlender Stern des Südens …“

Er springt auf und ruft durchs Wagenfenster:

„Martin, du fährst so rasch wie eine Schnecke. Martin, schläfst du schon wieder? Warte, gleich setz ich dir Blutegel an.“

„Was? Blutegel, Herr Doktor? Haben Sie gerufen?“ erkundigt sich der Kutscher mit dicker Stimme.

„Wahrhaftig, du lebst noch, Martin.“

„Was? Ob ich lebe?“

„Beim alten Waldhaus hinter Endingen sollst du anhalten.“

„Wozu? Dort wohnt längst kein lebendes Wesen mehr.“

„Anhalten, hab ich gesagt.“

„Das soll geschehen. Nur versteh ich nicht …“

„Anhalten — Waldhaus — anhalten!“ ruft der Doktor, schlägt das Wagenfenster zu und sinkt mit seligem Lächeln in die Polster und in süße Träume.

Indessen führt sein Kutscher ein Selbstgespräch und stellt allerlei Fragen: „Was ist denn los? Waldhaus? Was will er dort? Und diese späte Stadtfahrt. Und aufgeregt ist er wie eine schwarze Katze. Weiß er denn nicht, daß es im Waldhaus nicht geheuer ist?“

Viele Fragen stellt der Kutscher Martin, und es ist ihm nicht wohl dabei. Er wittert, daß Ungewöhnliches sich vorbereitet. „Bewahre uns vor allem Übel“, murmelt er.

Der Doktor hingegen fürchtet sich nicht vor den Gespenstern der Nacht. Mit vorgebeugtem Kopf starrt er in die Landschaft hinaus, hinüber zum schwarzen Wald, aus dem eben eine grünschillernde Mondsichel empor schwebt. Wieder öffnet er das Fenster und atmet mit durstigen Lippen die kühle Luft.

Hundert Mal schon fuhr er über diese Straße. Jeden Baum am Wege kennt er, jeden Busch und Stein. Und es war stets eine freundliche Straße, die es gut mit ihm meinte. Aber es war die Straße des Alltags. Heute führt sie zu einem hohen Fest, und alle Dinge haben ein neues Gesicht. Gestern noch waren die Felder tot. Heute steigt Veilchenduft von ihnen auf. Zauberhaftes Ahnen des Frühlings erfüllt das weite Land. Geladen ist die Luft mit geheimen Verheißungen. Oh, Rita!

Doch düster stehen die Häuser, klotzige Riesenköpfe, die sich über den Wegrand recken und des Doktors Glückswagen mit roten Augen verfolgen. Menschengestalten huschen vorbei, scheu, als gingen sie verbotene Wege. Die ganze Welt ist verhext. Oh, Rita!

Martin wurde es müde, Fragen zu stellen, und schlief wieder ein. Das Pferd kennt den Weg. Es ist ein kluges und bedächtiges Pferd. Zuweilen trabt es ohne Zuruf und Peitsche; zumeist geht es im Schritt. Es heißt Hugo. Der Kutscher Martin darf ruhig seine Augen schließen, er kann sich auf seinen Hugo in jeder Beziehung verlassen.

Im Dorfe Endingen stürzt sich ein Hund mit wütendem Gebell auf den Wagen, Martin schrickt auf und ruft Hugo ein paar beruhigende Worte zu, dann zieht er sich die Decke fester um die Knie.

Doch der Doktor wartet mit der Hand auf dem Wagenschlag. Beim Waldhaus beugt er sich heraus und sticht Martin mit spitzem Finger in die Seite. „Alle guten Geister!“ schreit Martin.

„Hinter der Tür, rechts, im Winkel, liegt etwas. Hol es!“ befiehlt der Doktor. „Du darfst kein Licht machen.“

„Jesus helfe mir! Ohne Licht ins Waldhaus — ich? Nein, Herr Doktor, das dürfen Sie nicht von mir verlangen. Wie soll ich denn sehen, was dort liegt?“

„Taste der Wand nach, Mann. Vorwärts!“

„Wäre es nicht klüger, Sie kämen mit, Herr Doktor? Ich leuchte Ihnen dabei mit der Laterne.“

„Warte, ich will dir leuchten“, ruft der Doktor. Etwas in des Doktors Stimme veranlaßt den Kutscher, den schweren Gang allein anzutreten. Mit einem Paket kehrt er zurück. Der Doktor ergreift es mit beiden Händen, „Weiter!“

Das geht nach Berechnung und könnte nicht besser gehen. Der Doktor schließt die Wagentür. Selbst der Mond hilft mit und wirft seinen matten Schein durchs Fenster. Nur die Schnur um die Pappschachtel zeigt sich boshaft, sie hat so unsinnig viele Knoten, echte Weiberknoten, die gewöhnlich von selbst aufgehen, sich aber niemals im rechten Augenblicke lösen lassen. Ungeduldig zieht der Doktor das Taschenmesser.

Seine Finger sind fahrig. Der Stahl fährt ihm darum ins Fleisch. Blut fließt. Nur einige Tropfen, die auf die Polster fallen. Wer aber beachtet zu dieser Zeit ein paar Tropfen Blut? Des Doktors Sinn ist auf ganz andere Dinge gerichtet. Jetzt knistert Seide zwischen seinen Fingern. Kleine Schellen klingeln leise. Das Abenteuer beginnt.

Es beginnt mit der fassungslosen Frage eines entzückten Jünglings: „Rita, ist das denn menschenmöglich? Gibt es dergleichen noch in dieser Welt, Rita?“

Hastig wirft er die Alltagskleider von sich. Und auch darauf fallen ein paar Tropfen Blut. Sein Blut kocht ja und schäumt. Oh, herrliches Leben!

Den Doktor packte es mit Gewalt. Er schlüpft in das Seidengewand, er stülpt sich aufs Haupt eine Kappe mit zwei Hörnern. Geladen ist er mit Lust bis zur Bewußtlosigkeit, mit Begehrlichkeit bis zum Platzen. An den Schnäbeln der Schuhe, an den Hörnern der Kappe klingelt es silberhell.

Kühner und kühner wird der Doktor, befreit von allem Zwang, über sich selber erhoben wird er. Doch als Narr im eigenen Wagen bis vor die Tür des Schwanen fahren, das darf er nicht.

Sowie die ersten Lichter des Städtchens ins Fenster schimmern, öffnet er wieder den Wagenschlag, beugt sich weit hinaus, um Martin mit einem Fauststoß unter die Rippen zu wecken.

Er flüstert: „Martin, paß gut auf! Ja, jetzt werde ich dir etwas sagen.“

Aus gutem Schlummer schrickt Martin auf. „Ha — hö?“ Und er dreht träge den Kopf. Da aber kommt plötzlich Leben in diesen dicken, ruhigen Mann. Einen Blick nur wirft er auf den Kopf mit den Hörnern an seiner Seite. „Jesses!“ schreit er entsetzt und verschwindet blitzschnell auf der anderen Seite vom Bock. Nicht für nichts erfüllten bange Ahnungen Martins Seele. Diese Nachtfahrt erschien ihm unheimlich von Anfang an.

Gewiß ist es des Doktors Schuld, denn er dachte zuviel an sein Abenteuer und zuwenig an seinen Kutscher. Darum vergaß er Martin aufzuklären, solange es Zeit war. Nun ist es aber zu spät.

In größter Verblüffung starrt der Doktor über den leeren Kutschersitz hinweg und kann zuerst nicht fassen, was sich hier zugetragen hat. Als er es erfaßt, wird er wütend, nicht auf sich selber, sondern auf den unschuldigen Martin, der in seiner Herzenseinfalt glauben mußte, der Teufel selber sei hinter ihm aufgetaucht. „Aber Martin!“ ruft der Doktor. „Bist du verrückt geworden?“

Auf diese Frage erhält er keine Antwort. Das Pferd Hugo begreift wohl, daß ungewöhnliche Dinge vor sich gehen, und bleibt stehen.

„Martin, verdammtes Rindvieh, wo bist du?“ fragt der Doktor. „Was zum Satan? Warum brüllst du?“

Martin, der Kutscher, kann auch darauf seinem Herrn keine Auskunft geben, weil er, die Fersen im Nacken, auf der Landstraße zurückrennt. Nur Martins Laufschritt hört der Doktor und staunt und fragt sich selber: „Hast du je so etwas erlebt?“

Dieses ging nicht ganz nach Berechnung. Der Doktor blickt sich ratlos um. Hugo blickt sich ebenfalls um, legt seine Ohren vorwärts und rückwärts und lauscht. Auch Hugo versteht offenbar nicht, weshalb Martin die Flucht ergriff.

„Sei hübsch ruhig, Hugo, gutes Pferdchen!“ ruft der Doktor ihm zu. „Gleich komm ich zu dir heraus.“ Mit ausgestreckter Hand geht er um den Wagen herum, klopft Hugo den Hals, redet ihm gütig zu. Und Hugo beschnuppert die ausgestreckte Hand, nickt und findet alles wieder in Ordnung. In der Ferne hört man Martins Stiefel auf der Landstraße klappern. „Dort rennt er“, brummt der Doktor.

Martin rennt um sein Leben. Denn Martin glaubt sowohl an die oberen wie an die unteren Mächte.

Der Doktor aber will nicht länger beim verlassenen Wagen auf der Landstraße stehen und die kostbare Zeit dahinfließen lassen. Die Dummheit seines Kutschers verwünschend, führt er Hugo ein Stück weit, bis zu einem geeigneten Baum am Wegrand. Dort bindet er ihn an und legt die Decke über seinen Rücken. „Bald wird Martin wieder zu dir kommen“, tröstet er ihn und geht eilig davon.

Hugo steht allein vor einem Baum, legt wieder die Ohren vorwärts und rückwärts und ist nicht zufrieden mit dem Lauf der Dinge. Nie zuvor band man ihn an einem Baum auf offener Landstraße an und verließ ihn. Nach dem langen Weg führte man ihn in den warmen Stall des Schwanen und gab ihm Hafer und Heu. Doch er fügt sich mit der Geduld der Tiere in den Willen der Menschen und läßt bekümmert den Kopf zur Erde sinken.

„Natürlich“, sagt Georg

Die Zeit vergeht.

Es vergeht eine Stunde. Hugo steht vor einem Baum. Da nähert sich vom Städtchen her Wagengerassel und das Klappern hastiger Hufe. Das sind Laute, die Hugo gut kennt. Er weiß, daß es der Fuhrmann Georg mit seiner braunen Stute ist, und wiehert ihnen hell und froh entgegen.

Dieser Fuhrmann Georg fährt jeden Wochentag zwischen den umliegenden Dörfern hin und her. Dabei begegnet er oft des Doktors Wagen. Im Vorbeifahren ruft er Martin einen Gruß zu, kitzelt ihn zuweilen mit seiner langen Peitsche und erschreckt ihn.

„Oha!“ ruft Georg jetzt seiner Stute zu. „Halt — was soll denn das dort bedeuten?“

Damit springt er auf die Straße, sich diese ungewöhnliche Sache näher zu besehen. Hugo reibt zutraulich seine Nüstern an Georgs Ärmel.

Das Pferd Hugo und der Wagen, das sind reale Dinge, die Georg sogleich erkennt. Dahinter aber birgt sich schwarzes Geheimnis. „Martin!“ ruft er.

Da er keine Antwort erhält, holt er von seinem Wagen die Laterne, die Doktorkutsche zu beleuchten. Zuerst leuchtet er zum Fenster hinein, dann öffnet er neugierig die Tür. Dann läßt Georg vor Verwunderung die Laterne sinken. „Hier hat sich etwas ereignet“, murmelt er.

Auf dem Polstersitz liegt in wirrem Durcheinander ein Kleiderhaufen bei des Doktors Mantel und Hut. Erschreckt macht Georg einen Schritt rückwärts. Jedoch Georg fürchtet sich nicht vor den bösen Geistern wie Martin, er glaubt nicht an den Teufel. Er glaubt aber an die Schlechtigkeit der Menschen.

Als verständiger Mann rennt er nicht fort, um Mordio in die Welt hinauszurufen und Verwirrung zu stiften. Vorher untersucht er die Sache genau. Dabei findet er neben des Doktors Kleidern eine Pappschachtel. Und die Pappschachtel duftet lieblich nach Dame und Fest und Fröhlichkeit.

Hierauf stellt Georg seine Laterne auf die Erde nieder und setzt sich auf das Trittbrett der Doktorkutsche. Er schließt die Augen und überlegt. Und als der gescheite und lebenserfahrene Mann, der er ist, kommt er zur folgenden Erkenntnis:

„Die Umstände in dieser Kutsche sind etwas unklar. Sie sind derart, daß man vielleicht an ein Verbrechen denken könnte. Aber ein paar Blutstropfen machen noch keinen Mord aus. Und wozu läge dann die Pappschachtel hier? Ein Mord? Oho! Die Pappschachtel mit dem Wohlgeruch bezeugt das Gegenteil. Soviel ich nun von dem allen verstehen kann, hat unser guter Doktor sich heute nacht einen kleinen Seitensprung gestattet. Viel Vergnügen und meinen Segen dazu! Ja, warum sollte dieser brave Mann seinem scharfen Reibeisen nicht auskneifen? Dieses ist also so klar wie Bachwasser …“

Der Fuhrmann Georg denkt dann über die Sache weiter nach und sagt zu sich selber: „Was mir hingegen höllisch dunkel bleibt, das ist die Frage, wo die Schlafmütze Martin zu dieser Stunde sich aufhält und warum er den Wagen hier draußen stehenließ.“

Mit der Zeit löst Georg auch dieses Rätsel und ruft erfreut: „Natürlich. Wenn der Herr Seitensprünge macht, kommt auch sein Knecht auf Abwege. Der verdrehte Schlingel fühlt sich jetzt sicher und hockt dort hinten in der Wirtschaft, anstatt nach Hause zu fahren. Aber heute, mein haariger Liebling“, ruft Georg schmunzelnd, „werde ich dich in lebhaftere Bewegung versetzen.“

Georg bindet Hugo vom Baum los, wendet seinen Kopf nach der Heimat zu und flüstert ihm lachend ein paar Worte ins Ohr. Und Hugo, der das alles versteht und richtig findet, macht sich folgsam auf den Weg.

Der Fuhrmann Georg fährt hinter dem Doktorwagen her, Hugo durch Zuruf und Peitschenknallen ermunternd. Hugo weiß aber schon, wie er sich aufzuführen hat; er versucht es hin und wieder mit einem hübschen Zotteltrab; zumeist geht er im Schritt.

Beim ersten Kreuzweg, ein gutes Stück vor dem Dorfe Endingen, biegt Georg von der Landstraße ab und verschwindet singend in der Nacht. Hugo aber strebt seinem Stalle zu.

Mit kaltem Schauer im Rücken

Inzwischen hatte Martin Hilfe geholt.

Mit Sepp, dem Sohn des Ochsenwirtes von Endingen und dem Nachtwächter Jochen marschiert er auf der Landstraße zurück. Noch immer vor Anstrengung und Aufregung keuchend, erzählt er eine verwunderliche Geschichte.

„Vor meinen Augen wurde er hinweggerafft“, erzählt Martin.

„Wer wurde gerafft?“ erkundigt sich frech der Sepp.

„Wer? Der arme Doktor. Er holte ihn …“

„Wer holte ihn?“

„Der mit den Hörnern, Sepp.“

„Meiner Seel“, lacht der Sepp, „holte er ihn?“

Der Nachtwächter verhält sich stumm und abweisend. Beides sind sehr weltliche Männer, die nichts von Martins Teufel wissen wollen.

„Also ich sitze auf meinem Bock, da näherte er sich mir von hinten …“, erzählt Martin weiter.

„Von hinten“, jubelt der Sepp entzückt. „Hätte er dich von vorn gesehen, wäre er sicher ausgerissen …“

„Hinter meiner rechten Seite tauchte er auf …“, fährt Martin fort.

„Ho-ho-ho!“ brüllt der Sepp.

Der Nachtwächter unterbricht ihn: „Halt endlich deine dumme Schnauze, Martin. Mir deucht nämlich, ich höre dort hinten etwas.“

„Wo?“ fragt Martin und bereitet sich zu erneuter Flucht vor.

Aber sie halten ihn von beiden Seiten an semem langen Fuhrmannsmantel fest.

„Um der Barmherzigkeit willen“, jammert Martin. „Liebe Freunde, laßt mich! Ich bin ein alter Mann. Und wenn es dann zur Flucht kommt, rennt ihr an mir vorbei.“

„Da bleibst!“ befiehlt der Nachtwächter als Obrigkeitsperson.

Hierauf zottelt Hugo mit der Doktorkutsche heran. Von weitem schon begrüßt er Martin, bleibt von selber stehn und schnaubt.

„Wo aber ist der Doktor?“ ruft der Sepp.

Martin fragt weinerlich: „Sagt ich es euch denn nicht?“

„Jetzt fängt er schon wieder mit seinem blödsinnigen Hörnerteufeln an!“ ruft der Nachtwächter grob, „Öffne einmal den Wagenschlag.“

„Was ich mit diesen meinen beiden Augen gesehen hab’ das hab’ ich gesehen“, erklärt Martin, des Nachtwächters Befehl nicht beachtend. „Er rief mich an, und seine Stimme kam mir zuerst vor wie die Stimme meines armen Herrn. ‚Martin‘, rief es, ,Martin Dann rief es noch etwas, was ich nicht mehr verstehen konnte.“

„Weil du gleich ausgekniffen bist, mein Lieber“, höhnt der Sepp.

„Ich? Lief ich vielleicht davon? Hat er mich denn nicht vom Bock heruntergestoßen, bevor ich mich recht besinnen konnte? Und da fiel ich also auf die Straße und war bewußtlos. Sobald ich wieder zu mir kam, lief ich dem Wagen nach.“

„Dem Wagen nach? Wie? Nein, wie du lügen kannst, Martin!“ ruft der Sepp lachend.

„Alter Schwätzer“, sagt finster der Nachtwächter und befiehlt abermals: „Öffne jetzt die Wagentür!“

Sehr hastig zieht Martin sich einige Schritte zurück. Entsetzt fragt er: „Was soll ich? Und warum denn ich, lieber Jochen? Nein, das tust du am besten selber. Hier stehst du als Amtsperson.“

Ein drittes Mal befiehlt der Nachtwächter: „Öffne!“ Denn er selber scheint keine Lust dazu zu haben.

Martin vergräbt beide Hände tief in den Taschen seines Mantels und erklärt, daß keine Macht der Welt ihn zwingen könne. Er rät aber dem Nachtwächter: „Paß du nur auf, Jochen, du mit deinem großen Maul, daß er dir nicht an die Gurgel fährt. Hättest du den Todesschrei von unserem armen Herrn Doktor gehört …“

Um nicht in alle Ewigkeit als Feigling verlacht zu werden, tritt der Nachtwächter auf die Kutsche zu. Er öffnet den Wagenschlag mit einem Fluch auf den Lippen, aber mit kaltem Schauer im Rücken. Der Sohn des Ochsenwirts hebt die Laterne und leuchtet hinein, Sepp, der lustige Bruder; da vergeht ihm das Lachen für eine Weile.

Selbst der überlegene Wächter wird zahm und zahnlos vor des Doktors abgelegten Kleidern. „Ja, meiner Seel“, gesteht er. „Hier muß sich etwas Ernsthaftes zugetragen haben. Blut an des Doktors Mantel, auf den Polstern und überall. Ja, meiner Seel …“

Martin beginnt zu jammern: „Maria und alle Nothelfer! Also völlig blank und nackt hat er ihn geholt. Ach, diese arme Seele.“

Der Nachtwächter hat sich indessen vom ersten Schreck erholt und flucht mutig und männlich. „Himmelherrgottsakrament!“ schreit er. „Heul nicht, Mensch! Und hör mit deinem Teufel auf, sag ich! Hier gibt es nichts von Teufelholen und solchen Sachen. Mach nicht länger deine Witze, Mann. Verstanden? Denn wenn es sich hier überhaupt um etwas handeln sollte, dann kann es kein Geisterspuk sein. Verstanden? Wenn ich mich nicht sehr irre, liegt sogar ein regelrechter Mord vor.“

Der lebenskundige Sohn des Ochsenwirts forschte unterdessen neugierig in der Doktorkutsche herum und gewann dabei seine eigene Meinung. „Wieso Mord?“ fragt er pfiffig. „Ich finde keine Spur von Verbrechen. Begreift ihr denn nicht den wahren Zusammenhang? Der Doktor ist seiner süßen Amalie für eine Nacht durchgebrannt. In dieser Stunde tanzt er vergnügt im Schwanen. Ich will nicht länger Sepp heißen, wenn das nicht stimmt.“

„Aber das Blut?“ wendet der Nachtwächter ein.

„Blut?“ meint der Sepp. „Es gibt viele Sorten von Blut.“ Und dabei beschnuppert er eine Pappschachtel, die er in der Kutsche fand, von allen Seiten. „Wie das Blut dort vergossen wurde, das kann ich euch nicht sagen. Hingegen dieses hier riecht — hol euch der Teufel — nach Fleischeslust und Sünde, soviel ist sicher und gewiß.“

„Aber ich sah ihn“, ruft Martin.

„Wen, mein Lieber, hast du gesehn? Dein Teufel, daran ist nicht zu zweifeln, kam in dieser fein duftenden Schachtel in die Kutsche. Du aber bleibst ein verrücktes Huhn. Beim ersten Geräusch ranntest du davon. Und das sieht dir ähnlich.“

„Versündige dich nicht!“ mahnt Martin. „Hüte deine lose Zunge!“

„Hinter diesem Spiel steckt eine Dame, mein Lieber“, erklärt der unverbesserliche Sepp.

„Lache nicht, Sepp! Das sollst du bereuen. Mit allem treibst du deinen frechen Spott. Doch eines Tags wird auch von dir Rechenschaft verlangt. Das vergiß nicht.“

Der Nachtwächter überlegte sich indessen den Fall und kam zu folgendem Entschluß: „Mord oder Maskenball — mich geht beides nichts an. Nämlich, wenn sie den Doktor wirklich umgebracht haben sollten, kann dieses unmöglich auf unserm Gemeindeboden vor sich gegangen sein, sondern auf städtischem Boden. Es wäre demnach Sache der Stadtpolizei. Ist hingegen der Doktor seiner Alten durchgebrannt und hat sich in weiblicher Gesellschaft in den Schwanen verzogen, dann ist das des Doktors Sache; mag er in des Herrn Namen sein Vergnügen haben. Ich meinerseits will jetzt nach Hause gehn — und das ist meine Sache.“

„Jochen, du hast weise gesprochen!“ pflichtet der Sepp bei. „Auch ich will nach Hause gehn. Worauf warten wir denn noch?“

Da aber bittet Martin: „Liebe Freunde, verlaßt mich nicht! Sagt mir, was ich beginnen soll!“

„Das ist deine Sache!“ meint herzlos der Nachtwächter.

Aber der Sepp sagt: „Lieber Martin, heule nicht länger. Es ist nichts.“

„Laß ihn heulen!“ ruft der Nachtwächter, sich zum Gehen wendend.

Aber der Sepp legt dem schlotternden Martin seine Hand auf die Schulter. „Was du unternehmen sollst, lieber Martin? Du sollst gar nichts unternehmen. Glaube mir doch, Mensch, der Doktor befindet sich zu dieser Stunde in schöner Damengesellschaft. Laß endlich den Teufel in Ruhe. Denn da, wo die hübschen Weiber sind, ist ohnedies stets ein wenig Teufelei dabei. Wenn der Doktor sich unterwegs umgezogen hat, dann tat er es doch nur, damit seine Alte nichts spannen soll. Mach du nun nicht unnötigen Lärm. Willst du meinen Rat hören, so fahr in die Stadt zurück und warte auf den Doktor.“

Mit langen Schritten läuft der Sepp dem Nachtwächter nach. Beide verschwinden, laut schwatzend, in der Dunkelheit.

Des Sepps Rat ist gut. Aber Martin befolgt ihn nicht. Martin steht bei seinem Pferd und überlegt. Das Pferd will nach Hause, so viel ist klar. Martin, der Kutscher, weiß nicht, was er will. Er weiß nur, daß er nicht in die Stadt zurückfahren will. Daher läßt er dem Pferd seinen Willen, klettert auf den Bock und wickelt die Decke um seine müden Beine. Hugo übernimmt die Führung. Damit beginnt sich die Sache zu verwirren.

Zwar der Fuhrmann Georg, der Nachtwächter Jochen und des Ochsenwirts Sepp, drei verständige Männer, nahmen des Doktors Verschwinden nicht ernst, sondern legten es als menschliche Schwäche des Fleisches aus. Hingegen Martin, die furchtsame Seele, nahm es sehr ernst. Den Kopf angefüllt mit schweren Gedanken und Unheimlichkeit aller Art, fuhr er auf den Hof, spannte Hugo aus und brachte ihn in den Stall.

Setzen Sie sich aufs Kanapee

Die Doktorin, Frau Amalie, saß in ihrer Stube, trank Kaffee und blätterte in einem Modeheft. Ihr Sinn stand nach einem neuen Sommerkleid. Sie konnte sich nicht recht entschließen und sann hin und her, bis Martin durch den langen Gang herantrampelte und an die Tür klopfte. „Herein.“

Einen kleinen Schritt macht Martin in die Stube, blinzelt ins Licht, seine Schildmütze in zitternden Händen drehend.

„Wo fehlt es dir, Martin?“ fragt die Doktorin, ohne den Kopf zu heben.

„Vor allem, gute Frau Doktor — fassen Sie sich!“

Jetzt schaut die Doktorin auf. „Was denn?“ fragt sie verwundert. „Ist der Doktor in der Stadt geblieben?“

„In der Stadt? Das will ich nicht behaupten. Nein, das glaube ich kaum.“

Die Doktorin faltet ihre Hände im Schoß. „Ist ihm etwas zugestoßen?“

Bekümmert läßt Martin den Kopf auf die Brust fallen. „Allerlei hat sich unterwegs ereignet. Vor allem setzen Sie sich dort aufs Kanapee, Frau Doktor. Wenn ich auch nur ein ungebildeter Mann bin, so weiß ich doch, daß man in solchen Fällen schonend vorgehen muß. Setzen Sie sich, sonst fallen Sie mir schon am Anfang um.“

Anstatt sich aufs Kanapee zu setzen, springt die Doktorin vom Stuhl auf, wirft das Modeblatt von sich und ruft: „Was ist geschehen? Was, um Gottes willen? Scheute vielleicht Hugo?“

„Hugo scheut nie. Doch zuerst setzen Sie sich.“

„Guter Martin!“ ruft die Doktorin. „Rede wie ein vernünftiger Mensch und sag mir mit einemmal, was es zu sagen gibt!“

„Mögen sie über mich lachen, die verfluchten Heiden und Sünder“, sagt Martin. „Ich sah es doch mit meinen beiden leiblichen Augen. Und daran glaube ich.“

„Was hast du gesehen?“ fragt die Doktorin ängstlich.

„Ihn selber, in eigener Person. Vor Ihren Ohren darf ich ihn nicht bei seinem rechten Namen nennen.“

„Was darfst du nicht — mein Gott!“

„Hörner hatte er, und seine Ohren waren spitz. Der freche Nachtwächter, der Jochen und des Ochsenwirts gottloser Seppel, das werden bestimmt die nächsten sein, die er holt.“

Nun wird die Doktorin zornig und erklärt: „Ein Dummkopf warst du seit jeher, Martin. Jetzt aber hast du offenbar den letzten Rest deines Verstandes verloren.“

„Wenn es sich nur darum handeln sollte, gute Frau Doktor! Habe ich Sie denn nicht gleich gebeten, sich dort aufs Kanapee zu setzen?“

Verzweifelt schüttelt die Doktorin ihren Kopf und überlegt. „Wenn ich dich richtig verstehe, meinst du mit deinem Unsinn den Teufel?“

„Stimmt ganz genau. Und da haben also Sie selber den Namen ausgesprochen. Mir persönlich stieß er das Horn in die Seite, so daß ich vom Bock herunterfiel. Ihn aber holte er, nämlich aus dem Wagen heraus.“

„Mensch, Mann, Martin!“ schreit die Doktorin, die allmählich ihre Fassung verliert. „Du bist ja völlig verrückt. Komm endlich zu dir! Teufel gibt es schon lange nicht mehr.“

„Sagen Sie das nicht!“ ruft Martin dumpf. „So wahr ich hier vor Ihnen stehe, Frau Doktor, und ein getaufter Christ bin, ich habe alles gesehn … Nackt und bloß, wie er in diese Welt gesetzt worden, trug er ihn fort. Und seine Hörner blinkten im Laternenschein.“

„Trug ihn fort? Wen denn?“

„Ihn doch, unsern armen Herrn Doktor.“

„Blödsinn. Sag mir, wo du den Doktor verlassen hast! Wo ist er?“

„Er verließ mich! Und wo er ist? Nun, ganz Genaues weiß man in dieser Sache nicht“, meint Martin bedächtig. „Man kann sich jedoch schon vorstellen, wo sie hinkommen, die er eigenhändig abholt.“

Bei dieser Mitteilung verliert die Doktorin alle Geduld, packt den Kutscher am Rock und schüttelt ihn kräftig. „Da hört doch alles auf, Martin! Erzähl mir, was du weißt, und mach keine unnötigen Worte.“

Mit weinerlicher Stimme wehrt Martin sich: „Was kann denn ich dafür? Es kam zu plötzlich. Wie hätte ich ihm helfen können gegen solche Mächte? Jetzt liegt nur noch die äußere Hülle von ihm im Wagen.“

„Was? Die äußere Hülle?“ fragt die Doktorin entsetzt.

„Seine Kleider nämlich.“

Entschlossen läuft die Doktorin zur Tür. Martin folgt ihr. Sie gehen in den Schuppen. Die Doktorin reißt den Wagenschlag auf. Und da liegen also unverkennbar des Doktors Kleider. Amalie zieht sie heraus und entdeckt die Blutspuren. Da wird sie weich in den Knien. „Herr im Himmel!“ kreischt sie mit schriller Stimme. „Man hat ihn ermordet.“

Dem widerspricht Martin. „Ermordet, das will ich nicht gerade annehmen. Des Ochsenwirts Sepp behauptet sogar, es läge eine Pappschachtel mit Fleischeslust dabei.“

„Eine Pappschachtel?“

„Die stark nach Sünde duftet …“

In ihrer Angst schenkt die Doktorin Martins Andeutung keine Beachtung. Sie murmelt: „Das sind seine Kleider, das ist sein Blut.“

„Offen gestanden, von einem Mord habe ich nichts gemerkt“, erklärt Martin. „Es ging alles still zu. Ich merkte nämlich überhaupt nichts, bis er mir seine Hörner in die Seite stieß. Aber der Herr Doktor gab keinen Laut von sich.“

Nicht länger hört die Doktorin auf Martins Bericht. Sie läuft ins Haus zum Fernsprecher und ruft Doktor Stende an. Martin steht hinter ihr, kopfschüttelnd und verzweifelte Blicke in die Höhe richtend. „Niemand will mir glauben“, klagt er. „Aber wartet nur, ihr werdet noch an mich denken.“

„Ist mein Mann bei Ihnen?“ fragt die Doktorin mit schwingender Stimme. „Nein? Gott steh mir bei! Nein? Sie haben ihn überhaupt nicht gesehn? Es ist ihm etwas zugestoßen. Unser Kutscher kam eben mit dem leeren Wagen und seinen blutigen Kleidern zurück.“

„Nicht möglich“, antwortet eine tiefe, ruhige Stimme. „In unserer Gegend gibt es keine Verbrechen. Wer könnte Ihrem Mann etwas angetan haben?“

„Nein, ich weiß nicht. Der Kutscher hat dabei völlig den Verstand verloren. Er redet vom Teufel und von einer Pappschachtel. Er ist verrückt.“

„Der Martin? Oh, dieses Mondkalb! Viel Verstand war da weiß Gott nicht zu verlieren. Aber beruhigen Sie sich. Von Verbrechen kann ja gar keine Rede sein. Ihr Martin ist wohl betrunken. Was erzählt er?“

„Martin ist nüchtern. Aber er behauptet — hm — ja — der Teufel habe meinen Mann geholt.“

„Haha — großartig …“

„Lachen Sie nicht! Etwas ist an der Sache.“

„Gleich werde ich überall nachfragen. Und sowie ich etwas erfahre, rufe ich Sie an. Inzwischen machen Sie sich keine Sorgen. Lassen Sie sich nicht vom einfältigen Martin ins Bockshorn jagen. Wahrscheinlich ist es nur ein Maskenscherz.“

Noch einmal wendet sich die Doktorin an den Kutscher und bittet. „Bester Martin, versuch, ein wenig Ordnung zu schaffen in deinem Kopf.“

„Was dieses anbetrifft, so ist mein Kopf in bester …“

„Ja, ja — aber besinn dich genau auf alles, was du gesehn und gehört hast. Stieg unterwegs jemand in den Wagen ein?“

„Niemand stieg ein. Es war wohl einigermaßen Bewegung drinnen, nachdem ich ihm das Paket aus dem alten Waldhaus brachte.“

„Du brachtest ein Paket?“

„Leicht war es wie mit Federn gefüllt. Der Sepp aber meint, es sei Fleischeslust.“

Da horcht die Doktorin auf und fragt schnell:

„Hieß er dich das Paket holen?“

„Der Herr Doktor, ja. Und mehr weiß ich nicht.“

„Stand sein Name darauf?“

„Wie hätte ich das sehen können? Ich durfte die Laterne nicht mitnehmen. Am Boden lag es, im Winkel neben der Tür, genau wie der Herr Doktor es mir vorschrieb.“

Ja, da horcht die Doktorin auf. „Besinn dich, Martin! Besinn dich … Hast du vielleicht eine Frau gesehn?“

„Höchstens eine fremdländische Person, eine gelbe Dame.“

Oh, aber jetzt kommt ein neuer Ton in Amaliens Stimme. Jetzt werden ihre Augen scharf, und ihre Nase wird spitz. „Eine Dame? Ah — war sie jung? Wie sah sie aus? War sie hübsch?“

„Jung und hübsch, soweit ich es verstehen kann. Und gelb und schwarz war sie. Große Augen hatte sie. Mehr konnte ich nicht sehen, weil es schon zu dunkel war. Sie kam aus dem Schwanen und gab dem Herrn Doktor die Hand.“

„Und dann?“

„Dann fuhr ich weg. Aber sie gingen miteinander die Straße hinunter.“

„Und das war also das letzte, was du von meinem Mann gesehen hast?“

„Bewahre! Das mit der gelben Dame war doch schon gestern abend.“

Immerhin, es blieb eine große Neuigkeit. „Hörtest du, was sie miteinander sprachen?“

„Ich hörte nichts. Aber es war ein unheimliches ausländisches Frauenzimmer. So viel ist sicher.“

Ja, das war eine Neuigkeit, die verschlug. Die Doktorin meint jetzt, sie habe die Spur gefunden. Darum will sie nicht warten, bis Doktor Stende sich wieder meldet und viel kostbare Zeit verlorengeht. Als entschlossene Frau nimmt sie die Fäden in ihre Hand und ruft die Polizei des Städtchens an. Die Doktorin erzählt nun ihrerseits eine Geschichte, in der zwar weniger vom Teufel und mehr von der fremden Dame die Rede ist.

„Das will mir nicht recht in den Kopf“, erwidert der Wachtmeister.

Es sei allerdings richtig, daß ein paar Ausländer im Schwanen abstiegen, doch das schienen sehr reiche Leute zu sein von dort unten, Indien oder so. Was sie hier in diesem kleinen Städtchen wollen? Nein, darüber kann der Wachtmeister keine Auskunft geben. Jedoch aus welchen Gründen hätten sie den Doktor ermorden sollen? Nein, nein. Dem Wachtmeister will es durchaus nicht in den Kopf.

„Aber es ist Blut an seinen Kleidern!“ ruft die Doktorin.

„Trug er größere Geldbeträge mit sich?“ fragt der Wachtmeister.

„Kaum. Seine Taschen sind allerdings jetzt leer. Auch seine Golduhr fehlt.“

„So? Na, da müssen wir natürlich gleich alles untersuchen.“

„Ich fahre selber sofort in die Stadt“, erklärt Frau Amalie, die weder zum Wachtmeister noch zu Kollege Stende unbegrenztes Vertrauen hat.

Der Wachtmeister aber ruft: „Nein, nein, Frau Doktor! Machen Sie nur keine Dummheiten. Überlassen Sie das uns. Wir werden wieder alles in Ordnung bringen. Keine Angst. Ich werde mit dem Bürgermeister darüber sprechen; der ist jetzt im Schwanen. Verdächtige Ausländer? Sehr gut. Diese Vögel werden wir uns aus der Nähe betrachten. Wozu wären wir denn sonst da? Behalten Sie den Kutscher bei sich, damit er weitere Auskunft geben kann.“

Gelbe Dame oder roter Teufel — das ist nun die Frage.

Nehmen Sie Ihre Nase weg

Der Wachtmeister marschiert in den Schwanen und führt mit dem Bürgermeister eine geheime Unterredung. Doch auch der Bürgermeister verhält sich abweisend. Er glaubt nicht an den Mord und viel weniger, daß die beiden Ausländer Verbrecher sind. „Und wenn Sie unbedingt untersuchen müssen, dann mit Vorsicht. Sicherlich handelt es sich dabei um eine feine Dame. Eine wunderbare Erscheinung.“

Hingegen kann man ja nie wissen. Und Klarheit muß sein.

„Vor allem darf unser Fest nicht gestört werden, Wachtmeister. Am besten kleiden Sie sich selber ein bißchen aus, dann fällt Ihr Eingreifen weniger auf. Also viel Takt, mein lieber Wachtmeister!“

„Daran soll es nicht fehlen, Herr Bürgermeister“, sagt der Wachtmeister und geht zum Schwanenwirt.

„Nein“, widerspricht der Schwanenwirt sehr bestimmt. „Haben Sie denn keine Augen im Kopf? Raubmörder? Da sind Sie auf falscher Fährte. Sie verbrennen sich die Finger.“

„Das werde sich schon zeigen“, meint der Wachtmeister. „Lassen Sie mich nur machen“, sagt er. Darauf stattet ihn der Schwanenwirt mit einer roten Nase aus, mit einer Nase von ungeheurer Länge, die sich durch einen dünnen Draht mit der Zunge bewegen läßt. Aus dem dunkeln Schatten der Galerie zeigt der Schwanenwirt dem Wachtmeister die verdächtigen Personen.

„Das Tirolerdirndl … Aber bitte behutsam, Herr Wachtmeister.“

„Die mit der grünen Schürze? Sie tanzt mit einem Schellenkönig.“

„Das muß ihr Verwalter sein, ein Däne. Aber warum können Sie die Herrschaften nicht in Ruhe lassen?“

„Ei, das machen wir fein. Ihr Ball wird nicht verdorben.“

Zu dieser Zeit ist der Wachtmeister in bester Stimmung. Er wurde da und dort zu einem Glas Wein eingeladen und fühlt sich hervorragend aufgelegt, eine kitzliche Aufgabe zu lösen. Von der Seite her nähert er sich seinen Opfern, umschleicht sie, in der Absicht, ihr Gespräch zu belauschen. Aber die beiden flüstern nur Kopf an Kopf. Und wahrscheinlich flüstern sie in einer fremden Sprache.

Wenn der Wachtmeister hier etwas erreichen will, muß er alle höflichen Rücksichten fahren lassen und ohne Winkelzüge Vorgehen. Mit Selbstvertrauen tritt er an das Paar heran.

„Schöne Bäuerin“, sagt er mit verstellter Stimme, seine lange, rote Nase auf- und niederwippend. Hinter ihrer Maske hervor starrt das Tirolerdirndl ihn mit unglaubhaft dunklen Augen an.

Der Wachtmeister fährt taktvoll fort: „Schwing dich einmal mit mir herum, Kleine. Dein Schellenkönig taugt ja doch zu nichts.“

Stumm und feindselig mustern ihn die Augen hinter der Maske.

Nun läßt der Wachtmeister alle unnötige Diplomatie fahren und marschiert mit einemmal aufs Ganze los. „Jetzt, feine Dame, aufgepaßt. Machen Sie keine dummen Geschichten, Madamchen. Folgen Sie mir hübsch zum hintern Ausgang. Ich spreche als Amtsperson, verstanden … Fein zahm, damit niemand etwas merkt.“ Mit der Nase verwegen wippend, verschwindet der Wachtmeister in der Menge.

Rita klammert sich in jähem Schreck an des Doktors Arm. „Was meint er damit?“ flüstert sie.

„War es Ernst oder Scherz?“

„Ja, das mag der Henker wissen. Ich verstehe es nicht. Es war unser Wachtmeister, soviel ist sicher. Laß uns hören, was er von dir will.“

Hinter der Tür wartet der Wachtmeister, gewaltig, eine riesenhafte Drohung. „Jawohl, Herrschaftchen — hiermit bin ich im Dienst. Verstanden?“ Und dann fragt er streng: „Sie sind die fremde Dame, die vorgestern hier eintraf?“

Stummes Kopfnicken.

„Sie verstehen wohl, was ich sage?“

Stummes Nicken.

„Und jetzt heraus mit Ihrem richtigen Namen. Haben Sie einen Paß?“

Am ganzen Leibe zitternd, lehnt Rita gegen die Wand und schweigt. Was der Wachtmeister auf seine Weise auslegt. „Also heraus mit der Sprache!“

Da fragt Rita fassungslos: „Was wollen Sie von mir?“

Den Wachtmeister rührt ihre Angst nicht. „Das sagte ich Ihnen ja. Ihren Namen.“

Schweigend lehnt Rita an der Wand, und ihre dunklen Augen füllen sich mit Tränen.

Hier greift der Doktor empört in das Verhör ein. „Aber Herr Wachtmeister“, sagt er heftig. „Was ist denn das für ein Unfug? Wenn Sie als Polizei vor uns stehen, dann nehmen Sie gefälligst vorher Ihre Nase weg.“

„Meine Nase geht niemand etwas an“, verweist ihn der Wachtmeister.

„Mit oder ohne Nase sollen Sie nicht vergessen, daß Sie es mit anständigen Leuten zu tun haben!“ ruft der Doktor.

Diese Sprache macht den Wachtmeister stutzig. „Und Sie wollen Däne sein?“ fragt er höhnisch. „Wo haben Sie dann Ihr Deutsch gelernt? Sie wollen mir einen Verweis geben? Und sonst noch was? Übrigens verlange ich auch Ihren Namen.“

Betroffen schweigt der Doktor. Nun lehnt auch er in großer Schwäche gegen die Wand. Woraus der Wachtmeister schließt, daß diese beiden etwas zu verheimlichen haben. Das macht ihn noch zuversichtlicher, und er zweifelt nicht länger an einem glänzenden Erfolg.

Ohne Gnade blickt er auf die beiden ertappten Sünder nieder und dreht seinen Schnurrbart. „Seht, nun spielen sie also die Stummen von Portorico“, höhnt er. „Gut. Gehen wir also miteinander auf die Wachtstube!“ Sich an den Doktor wendend, befiehlt er: „Holen Sie die Überkleider! Die Dame bleibt indessen bei mir!“

Allmählich erholt sich der Doktor von seiner Verblüffung. Und jetzt ist er wütend. „Damit mag es genug sein, Herr Wachtmeister. Hüten Sie sich! Man wird Sie für diese Taktlosigkeit zur Verantwortung ziehen. Was berechtigt Sie zu Ihrem unerhörten Auftreten?“

Für einen Augenblick schüchtern des Doktors Stimme und sein herrisches Auftreten den Wachtmeister ein. Aber gleich rafft er sich wieder auf. „Was mich berechtigt, Sie sauberer Däne? Soviel kann ich Ihnen verraten. Man hat unsern Doktor Bohner umgebracht. Und jetzt gesteht mir, ihr beiden, wo habt ihr euch heute abend zwischen acht und neun aufgehalten? Könnt ihr euch ausweisen? Wie?“

„Ich verstand Sie nicht. Was ist mit Doktor Bohner?“

„Das werdet ihr wohl am besten wissen und mir Auskunft geben können. Sein Kutscher kehrte mit dem leeren Wagen und den blutigen Kleidern nach Hause zurück.“

Ein Ruck geht durch das Verbrecherpaar an der Wand. In des Doktors Kopf schießt ein grelles Licht auf. „Oh, dieser neunmal gesegnete Martin“, murmelt er. „Oh, diese idiotische Schlafmütze.“

„Was sagen Sie?“ fragt der Wachtmeister mißtrauisch. „Geheime Verständigung?“

„Er sei ein verdammter Tölpel, sagte ich.“

„Wer? Ich vielleicht?“ erkundigt sich der Wachtmeister.

„Darauf werden wir später kommen.“

„Sie, Dänenmann, haben eine freche Schnauze! Was aber triebt ihr um die fragliche Zeit?“

„Herr Wachtmeister, es ist zum Heulen und zum Lachen. Ich kann Ihnen nichts verraten. Nur das kann ich Ihnen versichern: Dem Doktor Bohner ist kein Leid zugefügt worden. Zweifellos hat sein Kutscher, der einfältige Martin, da irgendeine dumme Geschichte in die Welt gesetzt. Er war es, den ich soeben Tölpel nannte. Und Ihnen, Herr Wachtmeister, kann ich sagen, daß Sie sich mit Ihrem Vorgehen lächerlich machen.“

Noch einmal wird der Wachtmeister unsicher und überlegt. Doch dann schüttelt er alle Bedenken von sich, richtet den Kopf steil in die Höhe und ruft: „Redensarten, Ausflüchte, Frechheiten! Mich überrumpelt man nicht. Wenn Sie doch ein so gutes Gewissen haben, Sie Däne, dann nennen Sie mir Ihren rechten Namen und beweisen Sie Ihr Alibi. Damit wäre alles in schönster Ordnung.“

Der Doktor murmelt verzweifelt: „Es würde mich nur ein Wort kosten.“

„Warum sagen Sie es denn nicht, Ihr Wort“, spottet der Wachtmeister, der seiner Sache nun völlig sicher ist.

„Eine verfluchte Geschichte“, murmelt der Doktor dumpf.

Der Wachtmeister nickt. „Darin mögen Sie recht haben. Doch jetzt genug! Wir spazieren hübsch auf die Wachtstube. Ihr seid hiermit verhaftet, alle beide.“

Der Doktor muß einsehen, daß es beim Wachtmeister kein Erbarmen gibt. „Gut. Ich will die Mäntel holen“, sagt er finster.

Aber der Doktor holt nicht die Mäntel, sondern rennt zur Fernsprechkammer, läutet rasend:

„Bitte, schnell — Doktor Stendel“ ruft er ins Rohr.

Sogleich meldet sich der Kollege.

„Heinrich, lieber Mensch, ich bin da in eine böse Patsche hineingeraten …“

„Das weiß ich bereits. Lebst du überhaupt noch?“

„Verfluchter Unsinn! Du mußt mir helfen. Ich bitte dich sehr darum.“

„Ich helf dir schon. Deine Frau behauptet, du seist umgebracht und tot und alles. Dein Kutscher …“

„Der ist ja schuld am ganzen Elend. Zur Hölle mit ihm! Aber das erklär’ ich dir morgen. Für den Augenblick: Wenn meine Frau anfragen sollte, so bin ich also den ganzen Abend bei dir, in wichtiger Besprechung, verstehst du?“

„Gewiß, ich verstehe dich. Aber deine Frau hat bereits angefragt, und da warst du also nicht bei mir.“

„Himmel — das hab ich völlig vergessen!“

„Mein Lieber, du scheinst ordentlich erhitzt zu sein. Wo steckst du eigentlich?“

„Im Schwanen. Aber es hastet, Heinrich!“

„Oha! Allmählich wird es lichter“, lacht gemütlich die Baßstimme.

Der Doktor findet es weniger gemütlich. Er flüstert: „Soeben wurde ich verhaftet.“

„Das wird ja immer besser! Weshalb, du, Hans?“

„Sie behaupten, ich habe an Doktor Bohner einen Raubmord begangen.“

„Stimmt. Deine Frau ist derselben Auffassung. Ei, du gefällst mir, Kleiner. Du besitzt geheime Eigenschaften. Alle Achtung. Und dafür sollst du also in den Käfig? Der Wachtmeister ist wohl schon im rechten Kriegshumor?“

„Zur Hölle mit ihm!“

„Meinen Beifall dazu.“

„Wer mag ihn nur auf mich losgelassen haben?“

„Wer? Deine Frau, denk ich.“

„Du, Heinrich, mußt sie beruhigen — sofort. Ach bitte, lieber Freund, beruhige sie!“

„Mir scheint, dazu sei ich heute nicht der geeignete Mann.“

„Sag ihr, das alles sei nur ein Narrenstreich. Sag ihr, daß ich bei dir in der Stube sitze …“

„Damit, mein Bester, würde ich wenig Glück haben. Ich sagte ihr doch vorhin, daß ich dich den ganzen Abend nicht gesehen habe.“

„Ich könnte doch inzwischen eingetroffen sein. Oh, Heinrich! es hastet. Schon höre ich den verwünschten Wachtmeister im Gang herumtrampeln. Er sucht mich. Bitte, sag ja!“

„Nein. Was müßte deine Frau von mir denken. Zudem würde sie mir nicht glauben. Ruf sie doch selber an!“

„Wenn der Wachtmeister mir so viel Zeit läßt.“

„Die ganze Geschichte bleibt mir einigermaßen schleierhaft. Der Wachtmeister kennt dich doch.“

„Ich bin ja maskiert, begreifst du? Und er darf mich unter keinen Umständen erkennen.“

„Oho!“

„Es handelt sich um eine Dame. Lieber Freund, laß mich nicht im Stich!“

„Gut denn. Ich werde für dich lügen wie ein Held. Aber du mußt deiner Frau unbedingt gleich selber sagen, daß du noch am Leben bist. Sonst richtet sie bestimmt weiteres Unheil an. Hört sie deine Stimme, wird sie mir glauben.“ So endet dieses Gespräch.

Der Doktor atmet auf. Noch, meint er, sei nicht alles verloren.

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