Kitabı oku: «Die Zerrütteten»

Yazı tipi:

Karl Friedrich Kurz

Die Zerrütteten

Roman

Saga

Die Zerrütteten

German

© 1925 Karl Friedrich Kurz

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711518496

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Erstes Kapitel

Herr Geiger, setz’ an, der Brummbass geh mit!

Mein Tänzer — komme in Minne,

Erlaub’, dass den Tanz ich beginne.

Drei Männer, ein älterer und zwei in mittleren Jahren, gingen durch die Tore zur psychiatrischen Klinik.

„Nun schliessen sich die Tore der Vernunft hinter mir,“ sagte der eine der dreien. Dieser Mann war über mittelgross, schlank, doch kräftig und sehnig, er ging vornübergebeugt. Sein Gesicht, schon seit einem Monat unrasiert, war ruhig und gleichgültig, als ginge da eine unwesentliche, fremde Sache vor sich. Nur aus seinen Augen blickten dann und wann wie ein Blitz, der die Nacht erhellt, unbändiger Trotz und Spott. Seine Begleiter waren erregt. Der jüngere schaute immer wieder voll Mitgefühl und Grauen auf den Häftling. Seine Augen sagten: „Er kommt nicht mehr lebend aus diesem Hause.“ Der ältere suchte in allen Taschen mit raschen Händen, während die dreie vor der Pförtnerstube standen, und machte sich weiter keine Gedanken. Endlich zog er einen bedruckten und beschriebenen Schein hervor, dann legitimierte er sich: „Oberwachtmeister Saus mit Begleitung, ausnahmsweise in Zivil!“ sagte er.

Der mürrische alte Pförtner sah mit einem raschen Blick auf die beiden Begleiter, seine Augen huschten wie Mäuse in der Stille, dann schaute er den Häftling misstrauisch an. Währenddem hatte er schon, wie eine alte Maschine, die immer dasselbe tut, den Wärtern geklingelt. Drei kräftige Männer der Tagwache in weissen Schürzen und Jacken kamen, wie aus den Türen gespuckt, von drei Seiten heran, scheinbar wie zufällig. Ihre Augen zeigten, dass sie griff- und sprungbereit waren, den „Neuen“ sicher zu fassen. Der Häftling schaute die dreie ruhig an und fragte seinen jüngeren Begleiter:

„Können wir jetzt gehen?“

Da machte der eine Wärter, ein blonder und baumstarker Mann, der stellvertretende Oberwärter, lächelnd eine einladende Handbewegung und sagte:

„Bitte gehen Sie nur in das Wartezimmer, der Herr Oberarzt wird gleich kommen.“

Der blonde Wärter stellte sich neben den Häftling, wies mit seiner greiffesten Hand voraus über den breiten hallenden Korridor und sagte:

„Dort ist das Wartezimmer!“

Der Häftling war stehengeblieben, der Blonde blinzelte schier unmerklich. Die andern beiden, ein kleiner, mächtig Breitschultriger und ein schlanker, katzengeschmeidiger Mittelgrosser, stellten sich, die Eingangstür sperrend, sofort in den Rücken des Neuen. Der schaute sich langsam um, dann zuckte um seinen Mund ein kurzes, schwaches Lächeln. Sein jüngerer Begleiter aber sagte schier erbost und unwirsch zu den Wärtern:

„Das ist denn hier doch nicht notwendig!“

Einen Augenblick schaute der Häftling seinem jüngeren Begleiter in die Augen. Dieser Blick war beredter als viele Worte. Dann wandte sich der Neue zu dem blonden Wärter und sagte hart, wie ein Mensch, der gewohnt war, zu befehlen:

„Gehen Sie voran!“

Ruhig ging der herkulische, blonde Wärter voraus, während der kleine Breite, unsicher seinen schwarzen Schnurrbart zwirbelnd, langsam folgte. Der schlanke Katzenflinke aber schaute überrascht und forschend dem Neuen nach, denn er hatte in dreizehn Dienstjahren Erfahrung noch keinen Neuen eben so gesehen. Er folgte als letzter hinter dem Oberwachtmeister. Der jüngere Begleiter ging neben dem Häftling und sagte leise und mit einem Ton in der Stimme, dem anzuhören war, dass er nur etwas Gutes sagen wollte, aber es selbst nicht glaubte, was er sprach:

„Es wird sicher nicht so schlimm werden!“

Der Oberwachtmeister Saus jedoch hatte schon wieder das Reisefieber. Er dachte in seinem alten Gendarmenschädel nur noch daran, ob er und der jüngere Begleiter auch noch den Zug nach Haus zur rechten Zeit bekämen; denn er wollte noch zwei Privatgänge machen, ehe er in sieben Stunden wieder zur Eisenbahnstation ging. Der Häftling antwortete seinem jüngeren Begleiter leise und ruhig; der jedoch fühlte einen warmen Ton in den Worten:

„Ich habe schon Böseres mitgemacht und ausgehalten, und dann geht auch die längste Zeit vorüber, lieber Herr Gefangenenwart.“

Der blonde Wärter klinkte die Tür auf zum Wartezimmer und liess die dreie eintreten. Die Wärter blieben aussen stehen. Der Blonde sagte:

„Ich melde Sie jetzt dem Herrn Oberarzt.“

Dann schloss er die Tür und befahl ruhig den Wärtern im Flur:

„Du, Krayer, und du, Fuchs, ihr bleibt zur Fürsorge mal hier.“

Drinnen im Wartezimmer herrschte ein drückendes Schweigen. Der Oberwachtmeister Saus dachte immer, ob die sieben Stunden auch ausreichten. Es hätte ihn arg verdrossen, wenn ihm etwas in die Quere gekommen wäre. So in Gedanken versunken, sass er auf einem Stuhl und schaute stier in die andere Ecke des Zimmers. Der Gefangenenwart aber stand an die Wand gelehnt, gegenüber der Bank, worauf der Häftling still und ruhig sass. Doch sah der Gefangenenwart wohl, dass einen kurzen Augenblick, schier unmerklich, ein wehes Zucken über das Gesicht des Untersuchungsgefangenen ging und rasch dem Ausdrucke der Verachtung Raum machte. Da ging der Gefangenenwart langsam im Wartezimmer auf und ab. Er kannte das Gesicht des Häftlings zur Genüge und wusste, was das bedeutete. Die Minuten wurden ihm lange und quälend, er trat an das vergitterte Fenster, öffnete es und atmete tief die kalte Winterluft, die von draussen in das von grauem Tageslicht trübe Wartezimmer strich. Dann sagte er beinahe mechanisch, um seine Gedanken abzulenken:

„Da drüben ist die Frauenabteilung!“

Wieder ging unter Schweigen die Zeit langsam dahin. Da ging der Gefangenenwart rasch zur Tür und wollte hinaustreten. Er stiess mit dem einen Wärter vor der Tür zusammen und fragte heftig:

„Müssen wir hier denn eine Ewigkeit warten?“

„Ja, bei uns hat schon mancher auf die Ewigkeit warten müssen, Herr,“ antwortete ihm der kleine Breitschulterige trocken.

Der Flinke aber ging sofort weg; es klappte Tür und Tür immer ferner; der Wärter holte den Oberarzt. Bald nachher tat sich die Tür zum Wartezimmer auf, und der Oberarzt, in langem, weissem Kittel, trat ein, gefolgt vom Oberwärter. Der Oberarzt konnte ein beginnender Dreissiger sein, das Gesicht war hart, die Augen hinter dem Kneifer lebhaft, scharf und klug. Seine Gestalt war gross und schlank, sein Wesen hatte noch den burschenschaftlichen Schneid. Der Oberwärter, ein älterer Mann mit goldener Brille, hinter der kluge Augen nicht ohne Humor aus einem schmalen Gesicht hervorschauten, mass mit einem kurzen Blick, gerade wie der Oberarzt, prüfend und wägend den Häftling. Der war aufgestanden, als die beiden eingetreten waren, und schaute ihnen entgegen. Der Arzt trat auf ihn zu und sagte rasch:

„Ich habe Ihre Akten gelesen.“

Der Häftling antwortete nicht.

„Der Oberwärter wird Sie zu Ihrem Bette bringen,“ fuhr nach einer Weile der Arzt fort, drehte sich auf dem Absatz und ging rasch zur Tür hinaus.

Der Oberwärter sagte mit einer durch lange Jahre angewöhnten Freundlichkeit:

„So, so wollen wir jetzt gehen, Herr!“ Der Häftling schritt auf seine Begleiter zu. Kühl gab er dem Oberwachtmeister Saus, der seine Reisegedanken verloren hatte und mit beiden Ohren horchte und den Augen sah, die Hand.

„Lassen Sie sich’s gut gehen, Wachtmeister!“ sagte der Häftling, dann wandte er sich zum jüngeren. „Und Ihnen, Herr Gefangenenwart, hab’ ich viel Dank zu sagen, nun aber grüssen Sie mir zu Hause meine Familie!“

Die beiden drückten sich die Hand, und ehe noch ein Wort weiter gesprochen wurde, wandte sich der Häftling und folgte dem vorausgehenden Oberwärter. Der Gefangenenwart ging mit dem Oberwachtmeister Saus mit langen Schritten über den Flur. Während dem Gehen sagte er laut, dass die Wärter verwundert horchten:

„Der Hauptmann ist so wenig verrückt wie ich, und wenn sie ihn behalten wollen, dann sorg’ ich dafür, dass ihn sein Rechtsanwalt aus diesem Hause holt.“

„Na, jetzt ist aber noch nichts zu machen, und dann, es ist ja auch egal um ihn, alle denken zu Hause so!“ meinte darauf der Oberwachtmeister Saus, und begann sich mächtig zu freuen, dass ihm seine Zeit nun doch reichen würde, „sein Programm“ zu erledigen.

Der Gefangenenwart aber dachte nach Haus an eine junge, schlanke Frau, die nachts weinte und am Tage mit blanken blauen Augen aufrecht durch die gaffenden Leute ging, so tapfer wie nur eine Frau sein kann, die einen tiefen Schmerz stille und wortlos verborgen im Herzen trägt. Und er dachte an die weisshaarige Mutter des Häftlings, die staunend am Fenster sass und nur das Weh fühlte, deren Kraft gebrochen war. Dann dachte er an zwei Jungen, denen der Häftling beim Abschied die Hände auf die Schultern gelegt und gesagt hatte:

„Gebt tüchtige Menschen, und haltet euch brav!“ Er sah die Jungen, die stolz auf ihren Vater waren, deren Augen sagten, was ihre Herzen voll kindlichem Vertrauen fühlten: „Wartet nur, ihr kennt ja unsern Vater alle nicht!“

Der Gefangenenwart wollte diesen zu Hause sagen: „Nur Kopf hoch, sie werden ihn im Narrenhaus nicht unterbekommen!“ Das wollte er sagen, auch wenn er es selbst nicht glaubte.

So glücklich die Reise für den Oberwachtmeister ausgefallen war, zum Schluss klappte es nicht mehr. Alles war gut gegangen, bis sie zu Hause auf der Bahnstation ankamen. Da wollte der Oberwachtmeister Saus, in Zivil, aus dem Abteil aussteigen. Seine Gefühle waren beschwingt, und er wurde unachtsam. So kam ihm, als die Lokomotive noch einen kleinen Ruck machte, sein Regenschirm zwischen die Beine. Der Schirm zerbrach und trübte die Erinnerung an die glückliche Fahrt.

„Nu ja,“ murrte er unverdriesslich, „man muss nur so einen verfluchten Kerl transportieren, und schon passiert einem ein Pech.“

Der Gefangenenwart hörte nicht hin, er ging eilig nach der Wohnung des Häftlings, noch ehe er sich nach Hause begab.

Zweites Kapitel

Ihr Herren und Damen, ihr irrt euch sehr,

So leicht ist das Tanzen nicht,

Besonders der Anfang ist bitter schwer.

Der Oberwärter, gefolgt vom Häftling, hinter dem die beiden Wärter blieben, legte scheinbar die Hand an eine der breiten Doppeltüren des Flurs. Da öffnete sich diese leise und sanft, lächelnd ging der Oberwärter an der Seite des Häftlings hindurch, die beiden Wärter traten rasch nach. Da schnappte die Tür mit einem harten Ruck wieder zu, gerade so wie eine Mausefalle klappt, wenn die Maus am Speck zieht. Sie standen in einem kahlen Raum, der in jeder seiner vier Wände eine grosse Doppeltür hatte. Da wandte sich der Oberwärter an den Häftling, seine Lippen wurden schmal, und die sonst gutmütigen Augen blickten nochmals forschend über den Häftling, dann sagte er:

„Sehen Sie, Herr, keine der Türen hat eine Klinke, nur Sicherheitsschlösser, und wer da den Schlüssel nicht hat, kann weder ein noch aus.“

„Das hab’ ich bereits gesehen,“ antwortete der Häftling kalt und abweisend.

Aber der Oberwärter sprach unbekümmert weiter, wie einer, der seinen Spruch schon oft hergesagt hat: „Und geben Sie jetzt, wenn wir durch diese Tür kommen, auf die Fenster acht, alle schwer vergittert, nicht zu durchbrechen, gerade wie diese Mauern hier; bei uns ist alles massiv.“

Der Häftling schaute geradeaus, als ginge ihn diese Rede gar nichts an. Der Oberwärter stutzte einen Augenblick. Dann lächelte er wieder. Langsam, so dass der Häftling das ja sehen musste, nahm er seinen Türschlüssel und schob ihn lautlos ins Schlüsselloch. Wieder sprang eine Tür auf.

„So!“ sagte der Oberwärter, „jetzt kommen wir zur Aufnahmestation.“

Sie betraten einen etwa vier Meter breiten Flur. Der vordere Teil war leer und kahl, nur zwei Türen waren gegenüber der Fensterseite. Dann aber gegen die Mitte zu stand das erste Bett, längs der Wand. Links und rechts kamen Türen, die irgendwohin führten. Dann standen im hintern Teil links und rechts des Flures wieder Betten. Menschen mit geschlossenen Augen lagen darin. Nur aus dem einen Bett unter dem letzten Fenster richtete sich ein alter, langer Mann auf. Sein Hemd war kurz und zerrissen. Der dünne, knochige Leib zeigte sich mit blosser Haut, die lange keine frische Luft mehr gefühlt hatte und wie Leichenhaut zu sehen war. Das Gesicht des Mannes war angstverzerrt, mit tiefliegenden Augen. Er sah aus wie der lebende Tod. Mit schwankenden, schlürfenden, dennoch raschen Schritten ging er auf die dem Eingang gegenüberliegende Türe zu. Mit beiden Händen schlug er gegen die Tür und schrie unruhig, wie einer, dem das Sterben im Herzen sitzt:

„O Herr Jesus, lasst mich hinaus, o Herr Jesus, lasst mich hinaus!“ und immer schrie der alte Mann dasselbe und schlug mit den Händen die Tür. Die Schlafenden wurden merklich unruhig. Einer setzte sich auf und jammerte kläglich: „Der Grossvater soll doch ins Bett gehen!“

Der Oberwärter war stehengeblieben, dann rief er einem Wärter zu: „Krotz, ist der Gugel schon wieder so unruhig?“

„Schon wieder, Herr Oberwärter! Immer noch, wäre richtig, ich hab’ ihn sicher schon ein paar dutzendmal ins Bett gelegt.“

Der Wärter Krotz ging langsam auf den Alten zu; der jammerte immer noch:

„O Herr Jesus, o Herr Jesus!“

Wärter Krotz nahm sachte den einen Arm des Alten, drehte ihn um, so dass er ihm ins Gesicht schaute. Dann bückte sich der Wärter rasch und legte den Alten, der immer mehr schrie, wie einen Sack auf die Schulter, trug ihn zu seinem Bett und legte ihn hinein.

„Krotz, geben Sie ihm eine halbe Spritze Scopolamin, damit er wieder ruhig wird, unser Grossvater,“ sagte der Oberwärter sachlich und lässig. Zu dem Häftling gewandt, fuhr er fort: „Das ist die Halbruhe für die weniger unruhigen, jetzt kommen wir zur Wachstation, da durch diese Tür.“

Der Oberwärter schloss mit seinem Schlüssel die nächste Tür auf. Sie traten in einen grossen Saal; rings an den Wänden standen die Betten, mit dem Kopfende gegen die Wand. Aus den meisten Betten schauten ausdrucklose oder verzerrte Gesichter. Einige der Patienten waren auf und gingen langsam herum, oder sassen schier teilnahmslos auf den Stühlen. In der Mitte des Saales waren zwei lange Tische zusammengeschoben; wohl dreissig Menschen konnten gut daran Platz nehmen. In einer Fensternische stand ein kleines Tischchen, und der grosse, blonde Wärter sass daran. Einige andere Wärter standen da und dort, ihre Augen schauten spähend nach allen Seiten aus.

„Hier ist Tag und Nacht, Licht und Wache, Herr!“ sagte der Oberwärter unvermittelt zu dem Häftling. Dann trat der Oberwärter rasch an das kleine Tischchen heran und sagte zu dem herkulischen, blonden Wächter:

„Hier, Herr Weber, ist der Patient, der uns zur Beobachtung geschickt wurde!“

Der stellvertretende Oberwärter Weber schaute mit wasserblauen Augen ruhig mit einem Anflug von Bedauern dem Häftling ins Gesicht, dann sagte er langsam:

„Wollen Sie sich gleich ins Bett legen, das ist Ihr Bett,“ er zeigte auf das Bett, das dem Wärtertischchen am nächsten stand. Der Häftling schaute sich noch einmal rasch im Saale um, dann fragte er:

„Ist die Visite schon durch?“

Der blonde Weber schaute verwundert auf den Häftling:

„Nein!“ sagte er dann und fuhr nach einer Weile so nebenbei fort: „Waren Sie schon einmal in einer Anstalt?“

„Nein,“ entgegnete der Häftling.

„Die Visite mit dem Herrn Oberarzt wird bald kommen, Herr,“ sagte der blonde Weber.

Während dieser Worte kam der Oberarzt; verwundert schaute er auf den Häftling.

„Wollen Sie nicht zu Bette gehen?“ fragte er.

„Nein, hier nicht,“ antwortete der Häftling.

„Weshalb nicht,“ fragte der Arzt scharf. Seine Augen blickten hart, sein Mund bekam etwas Verkniffenes, gerade als müsste er ein unbändiges Tier bewältigen.

Da trat der Häftling nahe an den Oberarzt heran und sagte leise und bestimmt:

„Versetzen Sie sich in meine Lage, Herr Doktor, hier bringen Sie mich nicht unter. Entweder Sie geben mir ein Zimmer, oder Sie sperren mich in die Zelle, wie Sie wollen.“

Der Oberarzt schaute noch einmal prüfend auf den Häftling, seine Augen blickten weniger hart; er ordnete an:

„Gut, Weber, führen Sie den Patienten ins Zimmer zum kleinen Goldschmied.“

„Danke!“ sagte der Häftling.

„Ich komme nachher auf Ihr Zimmer.“ Der Oberarzt begann seine Visite zu machen, während Weber den Neuen zu seiner Station führte. Jäh schrie da eine Stimme neben dem Häftling:

„Du hast die Paralyse.“

Das letzte Wort sang der Irre lang gedehnt und gellend, er trottete im Hemd neben dem Häftling her, mit gierigem Blick und zuckenden Händen, die plötzlich dem Neuen klammernd an den Hals fuhren. Die Wärter sprangen herbei, der blonde Weber griff dem Irren hart um die Handgelenke. Der aber lockerte seine Finger nicht vom Halse des nach Atem ringenden Häftlings. Da schlug dieser leicht mit der Faust dem Irren unter das Kinn. Die Hände lösten sich vom Halse, der Irre taumelte zurück, um, einen Wutschrei ausstossend, wie ein wildes Tier den Häftling anzuspringen. Aber schon legte ihm der schlanke, katzengeschmeidige Kreyer von hinten den einen Arm unter dem Kinn um den Hals und hob ihn, so tobend der Irre sich auch wehrte, sachte ein wenig vom Boden hoch. Zwei andere Wärter hielten je einen der schlegelnden Arme, und einer hing sich an des Irren schwebende, tretende Beine. Der Häftling schaute aufmerksam dem Vorgang zu; rasch eilte der Oberarzt mit dem Oberwärter herbei. Wieder trat der harte Zug in des Arztes Gesicht hervor; kalt sagte er:

„Herr Oberwärter, geben Sie dem Roser eine ganze Spritze Scopolamin!“

„Ich hab’ die schon in Bereitschaft, Herr Doktor,“ sagte lächelnd der Oberwärter. Mit einem Ruck fuhr die Nadel in den Arm des Irren; er schrie gellend:

„Sie stechen mich wieder, sie stechen mich, die verdammten Hunde!“

Langsam trugen die Wärter den Irren in sein Bett, sie hielten ihn immer noch wie in Schrauben fest. Der Häftling ging mit dem gleichmütigen, ruhigen Weber durch den Saal, durchschritt dann ein kleines Zimmer, in dem zwei Betten standen. Das eine war leer, und aus dem andern schrie ein älterer Mann, stossweise, immer wieder:

„Ho, ho, Mörder, vielfacher Mörder, Familienmörder.“ Dann schlug er sich mit der Faust die Brust, dass es dröhnte.

„Der Herr ist ein wenig unruhig jetzt, aber das gibt sich,“ sagte der blonde Weber im Vorübergehen, während sie in das zweite und letzte Zimmer traten. Auch darin standen zwei Betten; in dem gegen die Flurtür lag ein junger Mensch und schaute gross auf den Neuen. Der Häftling grüsste, der Kranke regte sich nicht.

„Frühzeitige Verblödung, Herr, aber harmlos wie ein Kind,“ erklärte Weber, dann sagte er interessiert: „Das war auch nicht das erstemal, dass Sie einem eine unters Kinn versetzten!“

„Nein,“ antwortete der Häftling ernsthaft, „ich kann ein wenig mit den Japanern umgehen; darum, Herr Weber, wird’s besser sein, Sie und Ihre Wärter fassen mich nie an wie den Verrückten da draussen im Saal.“

„Das wird wohl kaum notwendig sein bei Ihnen, Herr, ich glaube, wir werden schon gut auskommen miteinander!“ sagte gutmütig lächelnd der blonde Wärter, dann grüsste er und ging.

Ein älterer, mittelgrosser Wärter kam herbei. Der Mann war glattrasiert und hatte ein etwas pastorales Gesicht. Freundliche, braune Augen schauten den Häftling eine Weile an, dann wies der Wärter auf das Bett, das nahe dem Fenster stand.

„Das ist Ihr Bett, Herr, ziehen Sie sich jetzt aus und legen Sie sich hin, die Kleider hierher,“ er zeigte auf einen Stuhl, der vor einem der leichten Tische stand. Noch ein solcher Tisch, eine Waschkommode ohne Waschgeschirr und ein Nachttisch waren das einzige Mobiliar in dem Krankenzimmer. Der Häftling stand im Zimmer, schaute sich um und antwortete nicht. Vom Saale herein drang durch die verschlossene Tür immer noch das wilde Schreien des Tobsüchtigen, bis endlich die Spritze wirkte und die Schreie mählich zu gurgelndem Geräusch wurden. Der Häftling zog seine kurze Tabakspfeife aus der Tasche, stopfte Tabak ein, zündete ein Streichholz an und begann zu rauchen. Dabei beobachtete er seinen Wärter, der sagte vorwurfsvoll:

„Aber, Herr, auf dieser Station darf nicht geraucht werden.“

„Das weiss ich,“ sagte der Häftling und rauchte ruhig weiter.

So strich langsam eine Spanne Zeit dahin, der Häftling rauchte, ruhig auf seinem Stuhl sitzend, eine Pfeife nach der andern. Der Wärter schaute dann und wann verstohlen hin, dann lächelte er, als ob er sagen wollte:

„Wart’ nur, Eigensinn, du wirst das bald lassen!“

Nach langer Zeit kam der Oberarzt ins Zimmer des Häftlings. Wieder schaute er diesen forschend an, dann fragte er:

„Sie rauchen gerne?“

Der Häftling antwortete lächelnd:

„Ja, und diese paar Pfeifen, die waren so etwas wie eine Henkersmahlzeit, Herr Doktor.“

„Na, dann rauchen Sie mal Ihre Henkersmahlzeit, bis wir uns besprochen haben,“ sagte der Oberarzt, dann fragte er sachlich: „Seit wann nehmen Sie Morphium?“

„Seit drei Jahren, Herr Doktor.“

„Und weshalb?“

„Weil ich’s gegen Schmerzen bekam bei meiner Verwundung.“

„Gewehrschuss oder Splitter?“

„Gewehrschuss.“

„Seit da nehmen Sie ununterbrochen?“

„Nein, ich hab’ mich vor mehr als einem Jahr selbst entwöhnt.“

„Und dann wieder genommen?“ fragte ungläubig der Arzt.

„Weil mir’s die Ärzte wieder gaben, nach der Ruhr, die ich vor einem Jahr hatte und die schwere Nachwirkungen hinterliess.“

„Na und jetzt?“

„Jetzt nehme ich immer noch, und zwar ganz hohe Dosen.“

„Ich weiss das aus den Akten des Gerichtsarztes; aber wollen wir nun beginnen, uns zu entwöhnen? Dafür sind Sie zwar nicht hier, sondern zur Beobachtung, aber ich meine —,“ sagte der Oberarzt so nebenbei, als wäre sein Vorschlag ganz alltäglich. Fragend und interessiert schaute er den Häftling an.

„Sie meinen ganz richtig, ich kann mich entwöhnen und Sie beobachten, aber rapid muss es geschehen, biegen oder brechen,“ antwortete der Häftling gelassen, wie ein Mensch, der sich mit etwas abgefunden hat.

„Wenn Sie die Spritze brauchen, dann rufen Sie mich,“ antwortete der Oberarzt.

Dann ging die Tür vom Flur rasch auf; ein grosser älterer Herr, mit gutem, klugem Gesicht, dessen Vollbart grau war, trat ein, sein weisser, langer Kittel flatterte. Er ging aufrecht und rasch wie ein Junger. Der Oberarzt verbeugte sich und sagte, auf den Häftling weisend:

„Herr Geheimrat, der Fall wegen Totschlags zur Beobachtung.“

Das Gesicht des Psychiaters wurde ernst, scharf sahen seine blaugrauen Augen in des Häftlings Gesicht. Der schaute dem Geheimrat ruhig in die Augen, als wollte er sagen: „Was könnt ihr mir denn tun; mit meinem Bündel auf dem Rücken werde ich schon allein fertig werden müssen, da könnt ihr hier mir auch nicht helfen.“

Plötzlich und unvermittelt fragte der Geheimrat mit scharfer Stimme:

„Schuldig?“

„Nein,“ antwortete der Häftling.

Noch eindringlicher stellte der Geheimrat die zweite Frage:

„Notwehr?“

„Ja!“

Scharf und hell, rasch, Wort auf Wort fiel Frage und Antwort, gleich wie zwei Schwertklingen aufeinander klingen.

Der Ernst verlor sich aus des Geheimrats Antlitz, freundlich schaute er eine Weile in des Häftlings Gesicht, dann fragte er:

„Woher haben Sie ihre schwarzen Haare und den Abruzzen-Bart, mal eine Grossmutter aus Italien gehabt, da von jenseits der Alpen?“

„Nein, Herr Geheimrat, meine Grossmutter hat Italien nie gestreift,“ antwortete der Häftling. Da reichte ihm der Geheimrat rasch, ganz gegen seine Gewohnheit, die Hand zum Abschied und wandte sich; er ging eilig in den Saal hinaus.

Der Häftling hörte, wie er im Weggehen zum Oberarzt sagte: „Er gefällt mir, er muss ganz gesund werden, Herr Doktor!“

Da entkleidete sich der Häftling langsam, er reichte Stück für Stück von seinen Kleidern dem Wärter hin, und als er das letzte gegeben, schlüpfte er unter die Decke und sagte:

„Wärter, verstauen Sie nun nach Ihrer Hausordnung die Kleider, und geben Sie Obacht, dass ich nicht durch das Schlüsselloch verschwinde.“

Der Wärter aber nahm hurtig die Kleider und Schuhe zusammen, trat unter die Saaltür und rief einem kleinen, schnauzbärtigen, älteren Wächter zu:

„Becherer, hier sind endlich die Kleider des Neuen, tragen Sie sie auf die Kammer!“

Der Häftling lag dieweil im Bett, die Hände unter dem Kopf, und schaute an die Decke hinauf, er murmelte vor sich hin:

„Jetzt kann der Tanz beginnen.“

Da erscholl vom anderen Bett her ein Lachen, als ob der Kranke bersten wollte, es schüttelte ihn vor Vergnügen. Freundlich fragte der pastorale Wärter:

„Na, Goldschmied, warum lachst du denn?“

Ächzend vor verhaltenem Lachen antwortete der Irre:

„Ach, Schätzle, ich freue mich ja so!“

Dann schmetterte er wieder sein Lachen hinaus, bis er keuchend, vor Zwerchfellerschütterung stöhnend, Atem schöpfen musste.

„Worauf freust du dich denn, kleines Goldschmiedchen?“ fragte Schätzle und lachte leise mit.

„Aufs Essen!“ sagte langsam und lachend Goldschmied.

Im Nebenzimmer aber hatte das Lachen den andern Kranken wieder aufgerüttelt, er schrie:

„Ho, ho, Mörder, vielfacher Mörder, Familienmörder!“ Dabei schlug er sich mit der Faust auf die Brust, dass es dröhnte. Durch die angelehnte Saaltür schob sich langsam und vorsichtig ein kugelrunder Schädel mit Augen wie Funken, brandrotem Schopfhaar und äugte nach dem Schreienden hin. Als der im Bette immer wieder sein stossendes „Ho ho“ schrie, verzog der rote Schädel unter der Türspalte grinsend seinen vollippigen Mund und sagte:

„Bei welchem Empfange ist denn nun der dabei, dass er so in einem fort ‚Hoch‘ schreien muss!“

Wieder grinste der Rote. Der Wärter Schätzle aber ging rasch unter die Tür:

„Geht ihr hinaus oder nicht, ich will euch!“ sagte er leise, nahm den rotborstigen Schädel und schob ihn sachte zur Tür hinaus. Dann drückte er leise die Tür zum Saal ins Schloss.

„So,“ sagte er und setzte sich auf seinen Stuhl zwischen der Türe der beiden Zimmer, dass er alle vier Betten seiner Station überblicken konnte. Da er sah, dass alle stille lagen, zog er ein Gebetbuch aus der Tasche, las darin und schaute dann sinnend vor sich hin. Dann sagte er halblaut, in Gedanken versunken, wie ein Stossgebet:

„Lass sie gesund werden, oder nimm sie weg, guter Gott, nur lass keinen hier lange liegen!“

Der Häftling hatte die Zeit über mit abgewandtem Gesicht, als schliefe er, gelegen. Beim Stossseufzer des Wärters wandte er mit einem Ruck den Kopf und sagte heftig und verbittert:

„Ja, und wenn Gott nicht will, dann soll’s der Teufel holen, mein Lieber!“

Drittes Kapitel

Doch hast du einmal den Schritt erfasst,

Dann heisst es wacker tanzen,

Denn allzuleicht ist’s Glück verpasst.

Träge, langsam gingen die Stunden des grauen Wintertages vorbei. Der Häftling lag in seinem Bette, scheinbar still und ruhig. Der erfahrene Wärter Schätzle sah aber, dass sich die schweren Folgen des Entzuges des Morphiums einstellten. Der alte Wärter liebte die Morphinisten nicht, sie waren nach seiner Praxis alle Schwächlinge ohne Willen und Ziel. Darum wartete er, bis der Häftling endlich nach der ersten Spritze flehte; immer wieder glitt sein Blick über dessen Bett. Der aber lag stille mit geschlossenen Augen. Sein Atem fing an rasch und stossartig zu gehen, für kurze Augenblicke bebte das Bett wie bei einer Erschütterung. Da fragte der Wärter plötzlich leise:

„Schlafen Sie, Herr?“

„Nein!“ antwortete der Häftling kurz.

Der Wärter Schätzle stand auf und trat an das Bett, fasste das Handgelenk und fühlte den Puls.

„Er ist unregelmässig, Wärter, ich höre jeden Pulsschlag in den Ohren,“ sagte der Häftling.

„Ach, es ist nicht so schlimm,“ antwortete der Wärter. Dann trat er langsam an die Saaltür und rief:

„Krayer, kommen Sie einmal hierher, lösen Sie mich ein wenig ab!“ Und im Vorbeigehen flüsterte er: „Geben Sie auf den Neuen gut Obacht, es geht dem schlecht.“

Der Wärter Schätzle ging langsam durch den grossen Saal und verschwand durch eine schmale Tür. Dann begann er rasch durch den Flur zu eilen, von Tür zu Tür, die eine nach der andern hinter ihm wieder zuflogen. Der Wärter Schätzle ging ins Doktorzimmer, der Oberarzt war weg und kein Unterarzt zur Stelle. Da rannte der alte Wärter hinauf ins obere Stockwerk, er ging in die Wohnung des Oberwärters und schnellte die Tür zu dessen Arbeitszimmer auf.

„Oho, Schätzle, was ist denn los?“ fragte der Oberwärter verwundert; denn seit einem Jahr war es das erstemal, das Schätzle auf sein Büro kam.

„Herr Oberwärter, mit dem Neuen steht es schlecht!“ entgegnete Schätzle hastig.

„Die verfluchten Morphinisten, was hat man doch mit diesen für Geschichten!“ sagte der Oberwärter verdriesslich.

„Nein, nein!“ wehrte Schätzle, „der Mann liegt still in seinem Bett und sagt nichts, er verlangt auch keine Spritze; aber das Herz setzt aus, und es ist kein Arzt da!“

Da sprang der Oberwärter rasch auf und eilte mit dem Wärter Schätzle ins Erdgeschoss; das wollte er schon machen, er hatte ja Erfahrung. Er ging, ehe er in den Saal trat, zum Medizinschrank, der in der Abwaschküche stand, schloss auf und nahm eilig die Spritze heraus, steckte das Koffein zu sich und nahm die Dose Morphium mit, die der Oberarzt verordnet hatte. Dann ging er gemächlich, wie zufällig, durch den grossen Saal und trat an das Bett des Häftlings.

„Guten Abend, Herr, wie geht’s, wie geht’s?“

„Danke, gut!“ antwortete der Häftling. Der Oberwärter liess da sein Lächeln, das er immer bei sich herumtrug, so aus Gewohnheit, stecken. Er fühlte nach dem Puls des Häftlings, dann sagte er rasch:

„Jetzt wollen wir eine Einspritzung machen, Herr!“

Der Häftling schaute den Oberwärter an und schüttelte verneinend den Kopf; denn er sah in der andern Hand die Spritze.

„Nun, also, Herr, der Mann mit der Spritze ist da!“ sagte der Oberwärter; doch wollte ihm diesmal sein alter, lustiger Ton nicht recht gelingen.

„Ich bin doch nicht dazu hier, sondern dass Sie mir keine Spritze geben sollen!“ entgegnete der Häftling schier heftig.

Da liess der Oberwärter die Hand mit der Spritze Koffein sinken. „Ja, gewiss, gewiss, Sie haben recht,“ sagte er unsicher und ging rasch zur Tür hinaus in den Flur. Dann eilte er zum Pförtner am Toreingang: „Wohin ist der Herr Oberarzt gegangen?“ fragte er.

„Nach Hause,“ antwortete der alte Pförtner mürrisch und nahm maschinenmässig den Hörer vom Telephon, um sofort den Arzt zu rufen, denn der Alte an der Pforte wusste Bescheid. Wenn der Oberwärter schon mit der Spritze in der Hand in sein Zimmer trat, dann wusste er, wieviel Uhr es geschlagen hatte. Ihn wunderte nur, ob sie schwer zu tragen hatten am Sarge, denn auf solche Anrufe folgte immer bald ein Sarg. Der alte Pförtner kicherte, während er am Hörer auf die Telephonverbindung wartete, leise in sich hinein. Da meldete sich der Arzt. Rasch nahm der Oberwärter den Hörer und sagte:

„Herr Doktor, kommen Sie rasch, mit dem Häftling, den sie heute morgen eingeliefert haben, geht es sehr schlecht!“

Er legte den Hörer ab.

„Was, der ist’s? Der hat’s aber eilig!“ sagte der Pförtner verwundert und lachte nicht mehr; denn der Mann hatte nicht gerade ausgesehen wie ein Verrückter.

Fliegende Hitze und kalte Schauer gingen durch des Häftlings Leib. Die Muskeln begannen ihr wunderliches Spiel, sie zuckten und tanzten. Schätzle schaltete das elektrische Licht ein. Langsam, langsam verging die Zeit. Vom Saale her tönte ein blechernes Klappern, dann ging die Tür auf, und ein Wärter trug auf einem Brett das Essen herein. Der Wärter Schätzle deckte mit einem Tafeltuch den Tisch und schob ihn zum Bette. Der kleine Goldschmied sass aufrecht im Bett und kicherte fröhlich.

„Schätzle, ich freue mich so aufs Essen,“ sagte er und wackelte mit dem Kopf.

Da stellte der Wärter auf die Tische vor den Betten je einen blechernen Teller, mit Essen gefüllt. „Nehmen Sie das weg,“ sagte der Häftling.

„Geben Sie mir’s, bitte, geben Sie’s,“ bettelte vom andern Bette der kleine Goldschmied. Der Wärter sah den Häftling fragend an.

„Geben Sie ihm doch das Essen, mir aber bringen Sie keinen Blechteller mehr,“ sagte der.

„Das ist die Hausordnung bei uns,“ antwortete Schätzle ruhig.

„Dies kümmert mich gar nicht, Wärter.“

Da trat der Oberarzt rasch ein, der Oberwärter hinter ihm. Der Arzt sprach nichts, er hörte dem Häftling mit dem Hörrohr das Herz ab, dann sagte er bestimmt:

„Die Spritze, Oberwärter!“

„Hier, Herr Doktor!“ Der Oberwärter hielt Spritze und mit Alkohol getränkte Watte zur Desinfektion der Haut hin.

„Ich brauche keine Spritze, Herr Doktor,“ sagte der Häftling.

„Doch!“ entgegnete der Oberarzt hart und bestimmt, „und zwar sehr wenig Morphium, dafür mehr Koffein, Ihr Herz geht zu schlecht.“

„Schön,“ sagte der Häftling.

Der Oberarzt gab die Spritzen selbst, dann setzte er sich auf den Bettrand und fasste des Häftlings Puls. Der sass aufrecht im Bett und sagte nur:

„Die nächste Spritze bestimme ich; welche Dose Morphium haben Sie mir jetzt gegeben?“

„Den zweihundertsten Teil von Ihrer bisherigen Tagesdose!“ sagte der Oberarzt und schaute gespannt auf des Häftlings Gesicht. Der verzog keine Miene; er entgegnete:

„Dann ist’s gut! So, die nächste Spritze darf nur die Hälfte von dieser sein.“

„Das muss schon ich bestimmen!“ sagte der Oberarzt ironisch.

„Nein! Ich, Herr Doktor, Sie haben nur mein Herz zu behandeln. Das mit dem Morphium erledige ich und zwar prompt!“

„Ach was,“ meinte der Arzt lässig und peitschend; denn dieser Fall begann abnorm zu werden, und es interessierte ihn, ob der Mann mit eigener Energie durchhielt oder zusammenbräche, wie bisher alle Morphinisten.

„In ein paar Stunden jammern Sie ja doch um die nächste Spritze.“

Der Häftling antwortete nicht, er lachte nur kurz auf. Da sagte der Arzt zum Oberwärter:

„Schreiben Sie ins Buch ein, dass der Patient von der Nachtwache die Spritze verlangen kann. Der Puls geht jetzt besser; ist’s notwendig, soll man mich rufen.“ Damit stand der Arzt auf und ging zur Tür hinaus, leise und geräuschlos. Da legte sich der Häftling zurück und schloss die Augen; doch hörte er, wie der Oberwärter zum Wärter Schätzle sagte:

„Geben Sie gut acht, dass der Neue keine Kapriolen macht und etwa gar sein Uhrwerk stehen bleibt.“

Wieder wurde es stille und ruhig auf der Station. Nach einer Weile fragte der Wärter Schätzle:

„Fühlen Sie die Wirkung der Spritze?“

Der Häftling lachte und antwortete:

„Das hätte geradesogut Wasser sein können.“

„Ja, das ist schon recht so, Sie brauchen es nicht zu fühlen, wenn’s nur die Nerven aushalten und das Herz Ihnen keinen Streich spielt!“

„Was wäre dann, einmal muss ja der Mensch sterben.“

Da sagte der Wärter Schätzle nichts mehr, aber er dachte: „Das ist ein Eigensinn in diesem Manne; doch warte, du wirst schon klein werden, alle sind es noch geworden!“

Der Wärter Krayer öffnete die Tür zum Saale:

„Gehen Sie zum Essen, Schätzle, ich löse Sie ab,“ sagte er. Schätzle ging bedächtig und nahm sich vor, ehe er zu Bette ginge, noch einmal nach dem Häftling zu schauen.

Der Wärter Krayer in seiner Katzengeschmeidigkeit trat an das Bett des Häftlings heran und sagte:

„Das haben Sie bis dahin fein gemacht, wir hatten noch keinen so gehabt in den 36 Dienstjahren des Oberwärters, wie er sagte; sie seien ein Herrgottsakrament, hoffentlich halten Sie auch durch. Na, vom Neujahr hab’ ich die Nachtwache. Wir haben zwar die Morphinisten nicht gerne, aber ich helfe Ihnen als alter Sanitätsunteroffizier, wir schinden’s durch, Herr Hauptmann!“

„So ist’s recht, eines sag’ ich: Eher krepier’ ich in diesem Bette, wie eine Granate, als dass ich locker gebe, in ein paar Tagen ist’s rum. Entweder ich rauche dann wieder meine Pfeife, oder es heisst: Der Psychiater irrte sich, der Pathologe lachte, der Patient wurde glänzend begraben, die Hinterbliebenen weinten, und die alte, runzlige Erde dreht sich gelassen weiter; denn kein Jota ist anders geworden, als vorher; was ist auch ein Menschenleben!“

„Alles und Nichts!“ antwortete Krayer, „aber gerade wenn die Hinterbliebenen weinen, darf man nicht krepieren, wie eine Granate, Herr Hauptmann!“

„Die Hinterbliebenen!“ sagte der Häftling langsam, dann drehte er sich und schaute gegen die Wand, sah vor sich ein noch frisches Grab, mit vielen Kränzen und Schleifen darauf. Sechs Schuh lag unten ein Mann mit durchschossener Halsschlagader, der war elend verblutet. Dann schaute er sein Heim, da stand eine junge, schlanke Frau und wusste nicht, was beginnen, und in einer Ecke kauerte sich die weisshaarige Mutter. Die beiden Frauen wussten nicht, dass das neue Jahr an die Türe pochte. Sie dachten nur an ihn, in diesem Jammerbett, ein Bündel Elend unter all dem Menschenunglück, so ohne Hoffnung um ihn. Nein, nicht krepieren! Er drehte sich um und schaute Wärter Krayer an, dann nickte er und sagte:

„Nicht wahr, Wärter, draussen im Dreck lagen wir auch und haben ausgehalten, und es hat auch gehen müssen, ist’s nicht so gewesen?“

„Jawohl, Herr Hauptmann!“ antwortete der Wärter Krayer.

Viertes Kapitel

Und schreitet der Tänzer auch grotesk daher,

Den Tanz kannst du schon wagen,

Musst lachen nur, nicht klagen.

Die Tagwache verliess den Dienst, nur die Zwischenwache verblieb noch bis acht Uhr. Die Zimmertüren zum Saale wurden geöffnet. Schon um sieben Uhr mussten alle Patienten zu Bett gehen. Aus Saal und Zimmer wurden die Stühle hinausgetragen, nur ein leichter Korblehnstuhl blieb vor dem langen Tische stehen für die Nachtwache. Unter allen offenen Türen stand, als Zwischenwache, auf die Nachtwache wartend, ein Wärter. Die Zimmerstation hütete der Wärter Krayer. Langsam wurde alles still und ruhig; nur dann und wann schlüpfte leise eine Gestalt aus irgendeinem Bett, um auszutreten. Da rief der ältere Mann, der neben dem Zimmer des Häftlings lag:

„Wärter, Wärter!“

Rasch wandte sich der Wärter Krayer zu des Kranken Bett: „Was soll’s, Herr Lehmann?“ fragte er.

„Wasser, Wasser, Wärter, Wasser!“ sagte Lehmann hastig.

Krayer ging rasch durch den Saal, um Wasser zu holen. Da richtete sich draussen im Saale, dessen eine Längsseite von dem Bette des Häftlings zu überblicken war, der Irre Roser rasch auf. Er schlüpfte unter der Decke hervor und sprang mit grossen, geräuschlosen Schritten nach dem Zimmer. Unter der Tür blieb er stehen, lief dann von Bett zu Bett, schaute den darin liegenden genau an und stellte sich zuletzt vor den Häftling hin:

„Zigeuner, Zigeuner!“ stammelte er mit zuckenden Händen, „du musst hin sein, ganz hin!“

Seine Arme zuckten auf und streckten sich nach dem Häftling und sanken dann wieder schlaff zur Seite herab. Der kleine Goldschmied richtete sich in seinem Bette auf und schaute mit grossen, runden Augen, dann kicherte er und rutschte langsam über sein Lager hinunter. Er kam mit breitspurigen, wiegenden Schritten näher, voll Spannung. Der Roser aber beachtete ihn nicht. Für ihn war nur noch der Häftling auf der Welt, gebannt hingen seine Augen an diesem, er murmelte immer wieder: „Kaput machen, hin muss er sein!“ Dann streckte er langsam seine Hände aus, um den Häftling zu erwürgen. Da kam der Wärter Krayer mit einem Wasserbecher in der Hand durch den Saal. Er sah den Roser vor dem Bett im Zimmer stehen.

„Kommt!“ rief er und stellte im Vorübereilen den Wasserbecher auf das Fenstergesimse. Als der Roser den Häftling um den Hals fassen wollte, mit kralligen Fingern, packte der Wärter ihn von hinten um die Handgelenke und zog, mit einem Ruck, dem Roser die Arme auf den Rücken. Der Irre brüllte wie ein reissendes Tier und riss mit unbändiger Kraft seine Arme aus Krayers Händen. Währenddem war die Tür zum Flur aufgegangen, der Oberwärter kam mit zwei Wärtern ins Zimmer gestürzt. Durch die offene Tür zum Saal herein liefen, wie aus dem Boden gestampft, einige Wärter heran. Der Roser rannte nun gegen den Oberwärter, und ehe er gefasst werden konnte, nahm er diesen an den Oberarmen und hob ihn, wild schreiend, in die Höhe. Dann warf er ihn, jauchzend vor Freude, gegen die Flurtür, dass diese in den Fugen krachte und der Oberwärter sich am Boden wälzte und vor Schmerzen laut aufschrie. Dann packte Roser den kleinen Goldschmied und drückte den in sein Bett. Da griffen die herbeigeeilten Wärter zu. Sie rissen ihm die Arme zurück, einer fasste ihn oberhalb des Fusses und zog ihm den vom Boden weg. Zwei andere brachten die Decken und wickelten ihn hinein. Ein Wärter kam mit der Spritze in der Hand und jagte ihm die Nadel durch die Decken ins Fleisch. Roser schrie, als wäre die Hölle über ihm. Der kleine Goldschmied weinte und zitterte vor Furcht. Roser aber wehrte sich, er riss sich los und lief den Wärter Krayer an. Doch wieder packten ihn die Wärter und rissen ihn zu Boden, wo sie ihn niederhielten. Der Oberwärter war ächzend aufgestanden, er hielt sich die Seiten und stöhnte:

„Ich glaube, der Mensch hat mir die Rippen gebrochen!“

Roser schrie gellend und wälzte sich auf dem Boden, die Wärter lagen über ihm und drückten ihn nieder.

„Noch eine Spritze, und dann legt ihn, in einen kalten Wickel, in die Decken gewickelt, ins Bett,“ befahl der Oberwärter. Wieder stach ihm ein Wärter die Spritze, durch die Decken, ins Fleisch und jagte ihm Scopolamin in den Leib. Dann trugen sie den sich Windenden in den Saal hinaus in sein Bett. Der Oberwärter, der der Nachtwache Bescheid wegen des Häftlings sagen wollte, hinkte stöhnend zur Flurtür hinaus.

Da kehrte Krayer zur Zimmerstation zurück.

„Der Kerl hat Kräfte wie ein Bär,“ sagte er schweratmend, „der macht einen ordentlich müde!“

Da schlug es draussen vom Domturm acht Uhr. Die Nachtwache kam ins Zimmer.

„Du kannst gehen, Krayer, der Hirsch muss hier Reserve schlafen und im Flur draussen der Brändle!“ sagte der Wärter Morlock, ein grosser Mann mit guten, hellen Augen im geröteten Gesicht. Er hatte die Verantwortung für die Nachtwache zu tragen.

„Wünsch’ eine ruhige Nacht und ein gutes Neujahr, Herr Hauptmann!“ sagte der Wärter Krayer und ging neben dem grossen, starken Morlock in den Saal hinaus. Morlock aber wandte sich zum Medizinschrank und nahm Flaschen und Pulver heraus. Er rüstete die vorgeschriebenen Schlafmittel, die er, wie ein Bringer des tiefsten Schlafes, jedem Kranken darreichte. Von Bett zu Bett ging er, gab die schweren Schlafmittel und hatte für jeden ein gutes Wort. Auch dem kleinen Goldschmied brachte er einen vollen Becher. Der junge Paralytiker, der am grünen Holz die Sünden des Vaters trug und büsste, sog gierig in langen Zügen das betäubende Getränk. Dann atmete er lang und schwer; ein starker Hauch wie von Äther strömte sogleich durch das Zimmer. Zuletzt kam der Wärter Morlock an das Bett des Häftlings, er reichte ihm in einem Löffel ein Pulver und eine Tasse warmen Tee.

„Was ist das?“ fragte der Häftling, als er das Gereichte nahm.

„Nur Veronal, Herr, es wird Ihnen sicher gut tun. Wenn Sie eine schlechte Nacht haben, dann rufen Sie mich bitte; ich komme zwar sowieso alle Viertelstunde ins Zimmer, nach sehen, Herr!“ sagte der Wärter Morlock.

Da nahm der Häftling das Pulver und trank langsam den warmen Tee. Der Wärter ging gemächlich in den Saal hinaus und setzte sich auf einen Stuhl. Dann stach er zum erstenmal die Nachtwächteruhr; es gab ein knickendes Geräusch.

Roser verstummte mählich mit seinem Lallen, und bald hörte man nur noch die tiefen Atemzüge der Schlafenden und alle Viertelstunden das Knacken der Wachuhr, die der Wärter Morlock stechen musste. Dann machte er auf leisen Socken seine Runde.

So kam langsam das neue Jahr, für die Kranken unmerklich in ihrem tiefen Schlafe, heran. Die Uhren der Stadt schlugen zwölf, auf der Turmgallerie des Domes spielte ein Bläserchor, in den nahen Strassen liessen die festfrohen Menschen das Feuerwerk krachen. Der Häftling lag stille und wachend, er schaute mit grossen Augen zum Licht auf. Da kam der Wärter Morlock unhörbar und leise heran. Als er den Häftling wach liegen sah, fragte er:

„Sie können nicht schlafen, Herr?“

„Nein, Wärter, ich führe Gedanken spazieren,“ antwortete der Häftling.

„Sie denken wohl nach Hause; aber, Herr, Sie müssen denken, dass auf dies Neujahr ein neues kommt, jedes Jahr geht einmal zu Ende. Ich habe auch zwei vergehen lassen müssen, hinter dem Stacheldraht in englischer Gefangenschaft, und, wissen Sie, Herr, die beiden Jahre sind auch vergangen!“

„Ja, auch der längste, schwerste Tag geht herum, Wärter!“ sagte der Häftling; er klammerte sich an diesen Gedanken immer wieder.

Der Wärter ging leise durch den Saal, in die Abwaschküche hinaus. Nach einer Weile kehrte er zurück, in der einen Hand ein Stück Festkuchen und in der andern eine Tasse Tee. Schier verlegen sagte er:

„Ich würde Ihnen gerne mehr anbieten, aber — ich habe selbst nichts anderes, nehmen Sie es als gutes Neujahrsbrot.“ Er hielt den Kuchen und den Tee dem Häftling hin. Der nahm das Dargebotene, ass und trank langsam; dann sagte er:

„Ich will Ihnen diese Neujahrsgabe nie vergessen!“

Der Wärter Morlock stand vor dem Bette und schaute bedauernd auf den Häftling. Keiner von beiden sagte ein Wort. Von der Strasse her tönte schwach der fröhliche Gesang vorübergehender glücklicher Menschen.

Fünftes Kapitel

Und klappert der Tänzer um dich herum,

Oft ist Er recht possierlich.

Verstehst Ihn auch nicht, Er treibt alles im Handkehrum.

Der Häftling konnte nicht schlafen; der rasche Entzug des Morphiums führte in seinem Körper eine stürmische Krisis herbei. Von Viertelstunde zu Viertelstunde kam der Wärter Morlock, schier unhörbar auf seinen weichen Filzsocken, durch das Zimmer. Wenn er wieder gegangen war, huschten unter den Betten, äugend und schnuppernd, mit ihrem ruckartigen Laufen die Mäuse heran. Sie suchten jeden Winkel des Fussbodens ab, und wo sie Brosamen oder ein Restchen Speise, das irgendein Kranker verschüttet hatte, fanden, stahlen sie sich mit ihrem Raube davon.

Gegen Morgen begann die Krise des Häftlings langsam den steilen Weg zur Höhe hinanzuklettern. Qualvoll und unendlich wurden dem Häftling die Viertelstunden, in denen der Wärter seine Runde machte. Gegen Morgen rief der Häftling den Wärter Morlock an:

„Wärter, es ist nun an der Zeit, die zweitletzte Spritze zu nehmen.“

Verwundert schaute der Wärter Morlock, dann sagte er langsam:

„Aber, Herr, davon steht nichts im Nachtbuche, ich habe keine Anordnung bekommen.“

„Sie scheinen ja hier eine nette Schweineordnung zu haben,“ sagte der Häftling voller Verdruss.

„Da kann ich doch nichts dafür,“ entgegnete, schier wehrlos, der Wärter Morlock, „ich habe ja keine Kompetenzen; was wurde denn besprochen?“

„Dass ich nach meinem Wunsche die Spritze verlange und zwar die halbe Dose der letzten,“ antwortete der Häftling scharf.

„Dann muss ich einen Wärter der Reservewache, der hier schläft, wecken und zum Herrn Oberarzt schicken; darf ich Ihren Puls fühlen?“ fragte der Wärter Morlock.

„Nein, lassen Sie die Tänze, und zum Oberarzt senden Sie nicht.“

„Es ist ja bald Tag, dann kommt der Oberwärter und gleich darauf die Frühvisite,“ versuchte der Wärter zu trösten.

„’s ist gut,“ antwortete der Häftling und fasste in die eisernen Stangen seines Krankenbettes, wo er die Hände verkrampfte. Er fühlte weder Hitze noch Kälteschauer, noch die Muskelkrämpfe, die ihn erschütterten. Langsam begann es ihn wie von unsichtbarer Hand aufs Gehirn zu drücken und drohte ihm von Augenblick zu Augenblick das Bewusstsein auszulöschen.

So kam vom Domturm der siebente Glockenschlag des ersten Tages des neuen Jahres. Im Flur gingen die Türen, ein leises Huschen und Laufen rauschte durch das weite Haus. Die Tagwache rückte auf. Die Wärter, die Reservewache geschlafen hatten, traten ihren Tagesdienst an; die Nachtwachen gingen zur Ruhe. Nur der Wärter Morlock stand draussen im Saal vor dem blonden Weber, dem stellvertretenden Oberwärter. Er hatte das Ordinationsbuch in der Hand. Darin hatte er einen kurzen Bericht über die vergangene Nacht geschrieben und erklärte diesen ausführlich. Da ging der blonde Weber rasch durch den Saal, in das Zimmer und trat an das Bett des Häftlings.

„Guten Morgen,“ sagte er ruhig, „wie geht’s Ihnen heute, Herr?“

„Gut,“ antwortete der Häftling leise.

Prüfend schaute ihn der blonde Weber an. Die Pupillen des Häftlings waren gross und schwarz wie Kohlen; der sonst scharfe, graue Augapfel legte sich wie eine dunkle Linie vor das bläulich schimmernde Weiss des Auges. Die Haut an Gesicht und Händen war kupferbraun geworden. Noch nie, in seinem langjährigen Dienste, hatte der Wärter Weber eine derart rasche Wandlung gesehen. Nachdenklich ging er ins erste Stockwerk, zur Wohnung des Oberwärters. Der sass gemächlich beim Frühstück.

„Kommen Sie rasch,“ sagte der blonde Weber eindringlich, „bei unserem Neuen auf der Zimmerstation klappt es nicht; es wird vielleicht gut sein, wenn Sie sofort den Herrn Oberarzt verständigen würden.“

Ächzend erhob sich der Oberwärter und sagte:

„Ich komme sofort, Herrgott, ich glaube, dieser Bär, der Roser hat mir nicht nur die Rippen, er hat mir auch noch mein Kreuz kaputt gemacht.“

Langsam folgte er dem Wärter. Der telephonierte sofort dem Oberarzt. Der Arzt verlangte ärgerlich den blonden Weber am Telephon zu sprechen. Weber berichtete:

„Der Patient zeigt jetzt schon alle Symptome, die sich sonst erst nach zwei, drei Wochen Entziehung langsam zeigen . . . Nein, Herr Oberarzt, er hat keine Spritze bekommen, im Nachtbuche ist keine eingetragen . . . Jawohl, einmal hat er die Spritze verlangt, er hat sich verbeten, Sie rufen zu lassen . . . Nein, beim Dienstantritt verlangte er keine Spritze, der Kranke scheint aber sehr hinfällig zu sein.“

„Ich komme sofort,“ rief der Oberarzt ins Telephon hinein und eilte von seiner nahen Wohnung ins Irrenhaus.

Bald öffnete sich leise die Tür zum Zimmer des Häftlings, rasch und geräuschlos trat der Oberarzt ein. Der Wärter Schätzle war gerade am Reinemachen.

„Lassen Sie das jetzt!“ sagte der Arzt und trat rasch an das Bett des Häftlings heran. Er reichte ihm die Hand und grüsste, dann fragte er:

„Sie haben kein Morphium gehabt heute nacht?“

Der Häftling setzte sich in seinem Bett aufrecht, so schwer das auch gehen wollte, dann antwortete er mit vor verhaltenem Verdruss leiser Stimme:

„Nein, ich habe kein Morphium gehabt heut nacht, denn gegen Ihre Versicherung hatte der Wärter keine Order. So etwas darf sich nicht wiederholen, machen Sie diese Dinge mit Ihren Narren, bei mir aber lassen Sie so etwas gefälligst bleiben, bedenken Sie, dass ich nicht freiwillig hier bin.“

„Oh!“ machte der Oberarzt spöttisch, „ich hab’s ja gewusst, dass Sie an Ihr Recht appellieren. Bitte, Wärter, stellen Sie die hochprozentige Morphiumlösung auf den Nachttisch. Der Patient mag sich nach Herzenslust selbst bedienen!“

„Wir wollen jetzt keine Spässe machen; wenn Ihnen Ihr Vorschlag vielleicht ernst ist, ist er’s mir nicht,“ entgegnete der Häftling bitter und gallig.

Der Arzt war ruhig sitzengeblieben. Er beachtete den Einwurf des Häftlings nicht; doch fiel es ihm gar nicht ein, dem Kranken die starke Lösung zu geben; er sagte:

„Im Grunde haben Sie ja recht.“

„Morphium werde ich keines mehr nehmen,“ entgegnete der Häftling, „schlimmer, als mir war, kann mir nicht mehr werden; wenn Sie was spritzen müssen, dann geben Sie mir was anderes.“

Der Oberarzt schaute den Häftling an, als wollte er sagen:

„Wenn du die Sache auch über Erwarten rasch machst, spiele mir nur keine Komödie vor; ich weiss ja schon ganz genau, dass du Morphium willst.“

Als sich der Häftling aber wieder in die Kissen legte und schwieg, wurde der Arzt nachdenklich. Er sagte:

„Es ist nicht ungefährlich für Sie, was Sie durchsetzen wollen. Wissen Sie das?“

„Ja!“ antwortete der Häftling sicher und ruhig.

Der Oberarzt blieb eine Weile nachdenklich sitzen, dann fühlte er den Puls des vor ihm Liegenden. Entschlossen sagte er zum Oberwärter:

„Holen Sie eine Spritze Scopolamin!“

Der Oberwärter lief durch den grossen Saal; der Schlüssel zum Medizinschrank knirschte im Schloss. Ein leises Klirren, wie wenn Glas auf Glas schlägt, war im Zimmer vernehmbar.

„Wissen Sie, was Scopolamin ist?“ fragte der Oberarzt.

„Dämmerzustand,“ antwortete der Häftling.

„Nein,“ sagte der Oberarzt hart, „Scopolamin ist die Zwangsjacke des Geistes und hat bis dahin noch jeden gefesselt.“

„Um so besser,“ entgegnete der Häftling, „dann hilft es mir um so rascher über die Krise weg. Weiterhin Morphium zu nehmen, weigere ich mich, mag darüber zum Kuckuck fahren, was will.“

Der Ton, in dem diese Worte gesprochen wurden, war so ernst und bestimmt, dass der Oberarzt die Gefahr wagen wollte. Der Oberwärter kam wieder in das Zimmer zurück, er trug die Spritze und den mit Alkohol getränkten Wattebausch. Er reinigte mit der Watte die Haut und reichte die gefüllte Spritze dem Arzt. Kalt rieselte es bei der Desinfektion über die Haut des Häftlings. Der Arzt schnellte die feine Nadel unter die Haut und spritzte dem Häftling die betäubende Lösung ein. Dann sagte er:

„Wenn Sie erwachen, lassen Sie mich sofort rufen. Hören Sie’s, Wärter?“ rief er Schätzle an.

„Jawohl, Herr Oberarzt!“

Der Arzt blieb noch eine Weile auf dem Bettrand sitzen. Er hatte den Puls des Häftlings gefasst. Die Minuten zogen dahin, die Augen des Oberarztes beobachteten den Häftling scharf. Da begann das Scopolamin allmählich zu wirken. Langsam, langsam und unhaltbar, machtvoll drückte eine unsichtbare Riesenhand mächtig auf das Hirn des Häftlings. Alle, sein Bett Umstehenden, glitten hinaus in weite Fernen und waren dennoch deutlich sichtbar, wie nahegebracht durch das Scherenfernrohr auf dem Gefechtsstand. Ihre Worte drangen mit schneidender Schärfe an seine Ohren und prägten sich dem Häftling ein, wie am Abhörapparat, wenn er die feindlichen Stimmen und alles, was vorging tief in den Feindesstellungen, durch die tonverstärkende Membran nahegebracht, hörte. Langsam kamen wieder neue, noch schwerere und mächtigere Hände irgendwoher aus geheimnisvollen Welten. Sie streiften bannend dem Häftling über den Leib und über die Glieder, dann fassten sie hart zu und hielten fest. Sein Körper wurde ohne Gefühl und wesenlos für ihn, er trennte sich von ihm und verlor sich in die Unendlichkeit. Die Menschen um sein Bett wurden immer mehr in die Weite hinausgerückt. Der schwere Griff im Hirn des Häftlings riss und zerrte am klaren Bewusstsein, er krallte sich zusammen und warf die Sinne verwirrend durcheinander. Ein Chaos begann durch seine Nerven zu brausen wie eine Windsbraut und zerriss die Verbindungen zwischen Hirn und Fleisch. Die Wände des Zimmers versanken vor seinen Augen, die gross und ausdrucklos wurden.

„Wie — wie — im — Gefechtsstand —!“ stammelte der Häftling mit gepresster Stimme und schwerer, lallender Zunge. Aber seine eigenen Worte schlugen ihm hart und fremd an das Ohr und gruben sich tief in seinem Gedächtnis ein.

„Das Scopolamin legt ihm die Zwangsjacke an, jetzt ist er wieder draussen auf dem Gefechtsstand, und die Granaten springen wie reissende Tiere heran,“ sagte tiefatmend der Oberarzt.

„Und — und — die M. — G. — Kugeln, die huschen — wie Mäuse — durch – das dürre Herbstgras,“ lallte der Häftling.

Sein Atem ging keuchend und rasch. Sein Puls, den der Oberarzt immer noch kontrollierte, flatterte durch die Adern, stand dann wieder stille, als besinne und überlege er sich, ob es noch Wert und Zwecke hätte, weiterzuschlagen, für dieses Leben, in diesem Leibe.

„Koffein!“ schrie da der Oberarzt rauh.

Der Oberwärter rannte, seit langer Zeit zum erstenmal, trotz seiner zerschundenen Knochen durch den Saal zum Medizinschrank. Roser sah ihm, immer noch fest im Wickel liegend, mit bösem Blicke nach. Am Bette des Häftlings dachte der Arzt:

„Nein, er darf so nicht elend kaputt gehen.“

Der Oberwärter eilte wieder heran, eine Ampulle, die zugeschmolzene kleine Glasflasche mit langem Halse, in der Hand und den mit Alkohol getränkten Wattebausch. Der Oberarzt brach rasch den Glashals, der knirschend barst. Im Ohr des Häftlings klang es wie unfern ein Sprengkörper. Rasch zog der Oberarzt die Koffeinlösung in die Spritze. Der Oberwärter wusch mit Alkohol die Haut des Häftlings.

„Kein Morphium!“ sagte dieser, wie aus einem schweren Traum heraus. Er konnte sich nicht rühren und lag wie festgewachsen auf seinem Bette.

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