Kitabı oku: «Herr Erlings Magd»

Yazı tipi:

Karl Friedrich Kurz

Herr Erlings Magd

Roman

Saga

Herr Erlings Magd

© 1947 Karl Friedrich Kurz

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711518441

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

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Der alte Autun rettet Kongshaugen

Vater und Sohn

Das Städtchen liegt nicht dort unten im heissen Herzen der Welt, wo das Leben unbändig und unbegreiflich dahinbraust, nein, es liegt am öden Gestade einer einsamen Felsenküste. Aber es ist dennoch das, was man hierzulande einen aufblühenden Ort zu nennen pflegt; also eine Ansiedlung, von der der Staat seine guten Steuern erhebt. Die Bevölkerung lebt von allerlei Handel und Verkehr, von verschiedener Art Umsatz. Einige ziehen ihre Beamtengehälter, Arzt und Apotheker leben hier, wie anderorts, von den Kranken; es gibt Handwerker und Lediggänger — kurz, das Städtchen regt sich und gedeiht auf seine Weise.

Auf den ersten Blick mag es fast seltsam erscheinen, dass diese Ortschaft gerade hier zwischen den Klippen und Felsen und nicht sonstwo liegt; als ob sich nicht Raum im Überfluss fände nach allen Richtungen hin. Sie muss nach unerforschlichen Gesetzen entstanden sein und nicht aus Notwendigkeit. Aber hinfort liegt sie nun da, seit Menschengedenken. Krieg und Friede, Himmelssegen und Erdennot fuhren darüber hin; sie überlebte beides. Nie zog sie die Gier fremder Eroberer auf sich und forderte auch nicht in anderer Weise das böse Schicksal heraus.

Noch erinnern sich alte Leute sehr wohl der Zeit, da das ganze Land verschuldet und verkümmert war, da das Staatsgeld, trotz aufgedruckter Kronen und Löwen, kaum noch einen gangbaren Wert hatte. Die Alten erinnern sich auch noch der Zeiten, da die schwerfälligen Raasegeljachten der Küste entlang kreuzten, bis zum Sinken gelastet mit rechtschaffenen Heringstonnen und Mehlsäcken. Damals legten die Bauern und Fischer ihr Vermögen in Silberlöffeln an, so dass sie jederzeit ihren Reichtum in der Truhe vorweisen konnten.

Die Jugend kümmert sich heute nicht sonderlich um Truhen und Silberlöffel und auch nicht um die Erzählungen der Alten. Die Jugend schaut ein wenig mitleidig über die Schulter zurück auf das, was einst gewesen.

Und doch gab es selbst in dieser kleinen Stadt beachtenswerte Ereignisse. Es gab sowohl Hochkonjunktur als Krisentage, genau wie in andern Weltstädten.

Der Kaufmann Nikolaj Hankö zum Beispiel wandelte unter einem freundlichen Gestirn. Ausserdem war er gewiss schon von sich aus ein strebsamer und tüchtiger Mensch, der sein Geschäft, durch kluge Ausnutzung der vorhandenen Umstände, in wenigen Jahren derart in die Höhe brachte, dass er unten am Hafen die gewaltigen Lagerhäuser bauen konnte und bald der grösste Fischaufkäufer und Fischtrockner der Gegend wurde. Nikolaj wurde ein Händler von Format, ein Fischhändler, der seine Ware auf eigenen Schiffen verfrachtete, vom Lagerhaus direkt ins Ausland führte und dementsprechend ungeheure Prozente zog. Da musste er natürlich reich und immer reicher werden.

Als er so viel Vermögen angesammelt hatte, dass es sich nicht mehr in seinen Truhen bergen liess, kaufte er alles Land hinter der Kirche — wahrlich ein weites Land mit zwei Haupthöfen und fünf Aussenwerken und einem richtigen See dazu. Um den See und alle Äcker und Wiesen und Weiden zogen sich dunkle Föhrenwälder, bis zu den Klippen im Norden, die steil ins Meer abfallen.

Nikolaj Hankö fühlte sich da so gross und sicher in seinem Reichtum, dass er aus lauter Übermut auf dem Hügel am See ein Haus mit Erkern und vielen Giebeln baute, ein grosses Haus mit vielen Fenstern; es glich einem Schloss. Er nannte es Kongshaugen, und er schaltete und waltete darauf in Wahrheit als ein grosser Herr, als ein kleiner König.

Durch den Wald am Hügel zog er verschlungene Wege, die eigentlich keinen andern Nutzen taten, als dass sie hin und her liefen; er nannte es Park. Ausserdem hielt er Pferde und eine zahlreiche Dienerschaft. Alle Pferde waren schwarze Hengste, und die Dienerschaft sprach sehr leise und behutsam, wenn der Herr in der Nähe war.

„Nikken mit dem Barte“ nannten die Leute im Städtchen diesen gewaltigen Herrn und schauten zu ihm auf wie zu einem höheren Wesen, weil ihnen sein rascher Aufstieg als ein Wunder erschien. Aber sie waren nicht wenig stolz auf ihn und missgönnten ihm weder Reichtum noch Grösse. Obschon er zuweilen mit Strenge regierte, fügten sie sich ohne Murren seinem Willen und beugten ihre Nacken vor dem Bevorzugten. Das fiel ihnen um so leichter, da Nikolaj Hankö nicht von Anfang an auf ihrem Boden aufwuchs und daher nie völlig ihresgleichen gewesen.

Unscheinbar und als Fremder tauchte er eines Tages im Städtchen auf, schritt die Gassen auf und nieder und sah sich um, erwarb ein Grundstück, gründete seinen Fischhandel und wurde dann bald das, als was er sterben durfte. Und als er tot war, ehrten die Leute ihn noch mehr. Sie nannten ihn unter sich nur noch „Grossbart“ und spannen hundert kleine Geschichten um sein wunderbar erfolgreiches Leben.

Nach Herrn Nikolaj kam Herr Erling, der Sohn. Dem Sohn erzeigte sich die Konstellation der Gestirne minder gnädig. Zwar erhielt dieser Sohn und Erbe und Stammhalter eine überaus flotte Erziehung; an seiner Ausbildung wurde wahrlich nicht gespart. Alle möglichen Schulen, sowohl im Inlande wie im Ausland, musste er besuchen; schon mit vierzehn Jahren trug er einen dicken, goldenen Siegelring am Zeigefinger der rechten Hand, und bei den geringsten Anlässen trug er schon damals einen schwarzen Frack mit langen Schwänzen. Nach seiner Rückkehr aus England zog der junge Herr Erling sogar an jedem gewöhnlichen Abend seine Alltagskleider aus und setzte sich, zum Erstaunen der ganzen Dienerschaft, in seinem schwarzen Frack an den Tisch.

Aber an das grosse Haus auf Kongshaugen, das schon vordem mehr als dreissig Fenster und zwei Türen hatte, liess er einen Flügel mit weiteren zwanzig Fenstern und zwei weiteren Türen anbauen. Die Leute anerkannten guten Herzens auch den neuen Herrn und bewunderten ihn, und sie sagten unter sich: „Kongshaugen — das ist jetzt schon mehr als kolossal ... Passt nur auf, der junge Herr Erling stellt unsern guten alten Grossbart noch in den kalten Schatten ...“

Wenn Herr Erling sich auf etwas ausgezeichnet verstand, so war es das, sich dem Volk als ein echter Häuptling zu zeigen. Nicht umsonst hatte er seine teure ausländische Bildung erworben; er brachte einen Hauch der grossen Welt in diese kleine Küstenstadt. Kaum hatte er die Herrschaft über Kongshaugen angetreten, liess er sich aus England einen Haushofmeister kommen, eine würdige und prachtvolle Persönlichkeit, die den Befehl über die gesamte Dienerschaft übernahm und vom Morgen bis zum Abend weisse Handschuhe trug. Es hiess, der Oberdiener höre auf den Namen John und er behalte seine weissen Handschuhe an, wenn er des Morgens dem Herrn Kinn und Oberlippe glattrasiere. Das mag sich nun wirklich so oder auch anders verhalten, jedenfalls ging es zu jener Zeit auf Kongshaugen hoch her.

Herr Erling hob sich in jeder Beziehung über die Vergangenheit empor; darum hielt er anstatt der schwarzen Hengste des Vaters nur noch schneeweisse Schimmel. Im übrigens erwies er sich als ein gütiger und überaus rundhändiger Herr; etwas hochmütig vielleicht, ein wenig überlegen — aber lieber Himmel, wie sollte ein Mann, den das Geschick schon vom ersten Tage an auf einen so hohen Platz stellte, seinen Kopf nicht stolz auf den Schultern tragen dürfen?

Niemand kam eigentlich so richtig dahinter, wie es zuging und warum es auf einmal so sonderbar wurde auf Kongshaugen. Nein unbegreiflich wurde es. Irgendwo musste sich ein Fehler eingeschlichen haben; denn die Rechnung stimmte nicht länger. Herr Erling machte nicht mehr die glänzenden Geschäfte seines Vaters. Von ihm konnte man auch kaum erwarten, dass er, wie der alte Grossbart, bei jedem Wetter in der Zugluft seiner Lagerhäuser stand, wo es scharf nach Fischen roch. Herr Erling vertraute seinem Stern und überwachte nicht den gemeinen Lauf des Handels, zu dem seine Bildung und sein schwarzer Frack keineswegs harmonierten.

Für Herrn Erling passte es höchstens, einige Stunden auf seinem Privatkontor zu sitzen und hin und wieder ein Telegramm in die Welt hinauszusenden. Und wenn man es ganz genau nehmen wollte, hatte er wohl nicht einmal dieses nötig, und es geschah vielleicht mehr zum Zeitvertreib. Zumeist waren es überflüssige Depeschen, die keinerlei Gewinn brachten.

Das Leben auf Kongshaugen war glänzend, doch der Handel schlief ein. Wozu brauchte Herr Erling da seine Schiffe? Die Schiffe lagen unten im Hafen, mit Tauen angebunden und schaukelten sich zuweilen aus Langerweile ein wenig im Wasser; es waren träge Schiffe. Herr Erling tat recht daran, dass er sie alle miteinander verkaufte und sein Geschäft vereinfachte. Wenn sich keine Käufer mehr melden wollten, brauchte er auch keine Fische mehr zu trocknen; Herr Erling vereinfachte den Betrieb noch mehr und schloss die Lagerhäuser. Es ging auch so.

Eine Zeitlang ging es sogar ausgezeichnet. Aber dann, es ist fast zun Lachen, wollte es nicht mehr weiter gehen.

Wenn der Kontorist Autun nicht unerwartet eingegriffen hätte, würde das Leben und Treiben auf Kongshaugen auch weiterhin in jeder Beziehung schön und angenehm gewesen sein, weder Keller noch Vorratshaus waren leer. Autun, der alte Kontorist, aber hatte sicherlich zuviel Galle im Blut; er schlich umher mit grünem Gesicht und schwermütigen Augen, stand plötzlich in allen Winkeln wie das böse Gewissen und gab nicht nach mit Seufzern und düstern Anspielungen, bis er es soweit brachte, seinen jungen Herrn in einer stillen Nachtstunde auf sein Kontor zu locken.

Der alte, treue Autun — er stammte noch aus der Zeit des Herrn Nikolaj, hatte seinen grossen Anteil an allem Aufstieg und Glanz. Er war so sehr mit Kongshaugen verwachsen, dass er es einst versäumte, unter den Mädchen des Städtchens Umschau zu halten. Altmodisch und bis zum Weinen sorgenvoll, wies er nun mit seinem welken Finger auf ein paar Zahlenreihen im Hauptbuch, auf ein paar schlimme Zahlen, die selbst dem überlegenen und lebensfrohen Herrn Erling schreckhaft in die Augen fallen mussten. „Hier stehen wir“, sagte Autun mit zittriger Stimme. „Wir stehen hart am Abgrund ...“

Das war ein grober Faustschlag vor die Stirn. Herr Erling sank in den Stuhl hinter dem Tisch. Dann sassen sie lange beisammen, die beiden, blätterten in Büchern, schrieben Auszüge, rechneten. Dabei brachten sie heraus, dass zwar noch nicht alles verloren sei, doch dass es höchste Zeit sei, den Kurs zu ändern — allerhöchste Zeit.

Etwas musste sogleich geschehen, etwas Durchgreifendes, das nach allen Seiten hin verschlug und ausgab. Noch hielten sich ja die Schulden und die Guthaben ungefähr im Gleichgewicht. Allerdings: die Schulden waren sicher; die Guthaben waren weniger sicher. Wollte man aber das Ganze mit freundlichen Augen betrachten, so blieb noch ein gewisser Überschuss für Kongshaugen, und Herr Erling war noch kein Bettler, nein.

„Mach was du für gut hältst, lieber Autun“, erklärte Herr Erling. „Ich lege alles in deine treuen Hände.“

„Fürs erste müssen wir uns einschränken“, sagte Autun.

„Jawohl, ja“, stimmte Herr Erling, erschüttert, ergeben, aber noch ziemlich ahnungslos zu. „Schränke nur ein, Autun.“

„An Kongshaugen zehrt zuviel unnütze Dienerschaft — viel zu viele Nichtstuer und Tagediebe treiben sich herum. — Die müssen fort.“

„Wieso das?“ erkundigte sich Herr Erling, schon etwas unbehaglich.

Aber der alte Kontorist Autun hatte sich auf einmal verändert. Seine grauen Augen waren hart und unheimlich geworden, er hatte einen Stahlblick bekommen. „Ein Zimmermädchen, eine Köchin — und Schluss.“

Ei, das war eine neue Sprache.

„Aber in des Herrn Namen, lieber Autun ...“

„Auch Ihre Reitpferde müssen fort. Der ganze Hofbetrieb muss vollständig umgestellt werden auf Milchwirtschaft und Schweinezucht ...“

„Jetzt glaube ich, du bist verrückt, guter Autun!“

„So, wie wir jetzt das Gut betreiben, kostet es uns über zwanzigtausend Kronen im Jahr ... Wir dürfen uns das nicht länger leisten ... Der Park muss aufgeforstet werden.“

„Was?“ fragte Herr Erling mit mattem, ungläubigem Lächeln. „Der unschuldige Park?“

„Auch den können wir uns nicht länger leisten ... Wenn wir richtig wirtschaften auf Kongshaugen, kann das Gut sechstausend im Jahr abwerfen ...“

„Sechstausend ...“, wiederholte Herr Erling mit leiser Verachtung.

Aber da wurde er geradezu fürchterlich, der alte Autun; wie ein harter Feldherr beugte er sich über den Tisch hin, lang, schmal, dunkel; wahrlich, er trug einen gelben Totenkopf zwischen den Schultern. Seine Stimme hatte allen Klang verloren, seine Worte wurden zu Hammerschlägen. Sicherlich hatte er sich diese Angelegenheit gründlich überlegt, hatte alle Möglichkeiten kalt und sorgsam abgewogen in hundert schlaflosen Nächten. Wie das schwere Verhängnis selber kam es jetzt über seine Lippen und erfüllte das ganze Kontor mit Kälte und Grauen.

In dieser nächtlichen Stunde begann Herr Erling sich zu fürchten vor dem alten Autun, darum blieb sein Widerspruch matt. „Jetzt gehst du zu weit, Autun“, sagte er; oder er sagte: „Du übertreibst es ...“

Das drang nicht bis zu Autun hin; Autun war ganz und gar mit Zahlen und Plänen angefüllt. „Wir haben vier Pachthöfe auf Kongshaugen, wir haben viele Hausplätze in der Stadt — kein Mensch zahlt uns Zins dafür ... seit drei Jahren, Herr Erling ... seit Sie hier die Leitung übernahmen ...“

„Was in aller Welt kann denn ich dafür?“ fragte da, ernstlich empört und zugleich hilflos, Herr Erling. „Die Leute kommen zu mir und bitten um Aufschub. Und die Zeiten sind schlecht, Autun ... kein Verdienst, da der Fischhandel stilliegt ... In dieser Beziehung mag ich eine gewisse Verantwortung tragen ...“

„Jawohl, der Fischhandel hat völlig aufgehört“, erklärte Autun ohne jede Scheu. „Aber die Pachtschillinge machen zusammen elftausend Kronen jährlich. Da Sie das Fischgeschäft aufgaben, können wir auf die Pachten nicht mehr verzichten.“

„Nein? Wenn die Leute doch kein Geld haben ...“

„Die Zinsen müssen eingetrieben werden“, sagte Autun, „sonst werden wir von Kongshaugen verjagt. Eins von beiden.“

„Solches hätte mein Vater niemals getan ...“

„Ihr Vater hatte das nicht nötig. Heute aber steht alles auf eines Messers Spitze. Entweder Sie geben mir Vollmacht, dass ich Ihnen das Erbe Ihres Vaters rette, oder ...“ Hier stockte Autun, und seine Blicke irrten suchend an den Wänden entlang.

Endlich verstand Herr Erling, dass es um grosse Dinge ging, und fragte leise: „Oder?“

„Oder ich werde morgen dieses Haus verlassen müssen. Ich habe alles geordnet. Sie wissen es vielleicht nicht; aber morgen wird von uns eine grosse Summe gefordert — und die Kasse ist leer ...“

Das nahm Herrn Erling den Atem. Autun aber fuhr flüsternd fort, als handle es sich um ein Geheimnis: „In diesem Raum sitze ich nun mehr als fünfzig Jahre lang, und Hunderttausende rollten durch meine Finger. Ich möchte nicht dabei sein, wenn ein Wechsel nicht eingelöst werden kann auf Kongshaugen.“

Ja, das wurde ein Fall aus grosser Höhe — gütiger Himmel ... Auch Herrn Erlings Blicke irrten nun an den Wänden entlang. Aber schliesslich blieben sie wieder auf dem alten Autun haften, auf dem treuen Kontoristen, der plötzlich auf seinem Stuhl zusammengesunken war und nun einem Sünder glich, der auf kein Erbarmen mehr hoffte. Dieser Anblick griff Herrn Erling ans Herz, tief senkte er sein Gesicht, und seine Hand glitt suchend über den Tisch hin, über alle die schlimmen Bücher und Papiere. „Autun“, bat er still, „du darfst nicht fortreisen ... Verlass mich nicht ...“

Nicht die Furcht vor dem grossen Wechsel, nicht die Furcht vor dem grauen Schicksal war es, die Herrn Erling in dieser Stunde klein und demütig machte. Nein, es war die Furcht, Autun, den Vertrauten seines Vaters, den Freund seiner eigenen Jugend, zu verlieren.

Denn bis zu dieser Stunde war stets Autun da, wenn das Leben dem jungen Herrn sich ein wenig unfreundlich zeigte. Und wenn der selige Herr Nikolaj seine buschigen Brauen zusammenzog und streng auf seinen lebensfrohen Sohn schaute, schob sich zuverlässig Autun dazwischen und wendete die Gefahr ab. Soweit Herr Erling zurückdenken konnte, ging Autun auf Kongshaugen herum, alt, mager, gebeugt; aber als der gute Geist des Hauses. „Autun“, flüsterte Herr Erling, „Autun ...“

Wahrlich, es fiel dem alten Autun schwer; aber er wich nicht zurück. „Ich kenne nur diese eine Möglichkeit zur Rettung“, sagte er mit geschlossenen Augen. „Und Sie müssen sich in dieser Nacht entscheiden.“

„Kein Wort mehr, Autun ... Alles soll nach deinem Willen geschehen ... Aber der Wechsel ...?“

Autun fiel noch mehr in seinem Stuhl zusammen; er griff verschämt in seine Brusttasche, und dann lag das Geld auf dem Tisch. Autun hatte das Unmögliche möglich gemacht; es war sein ganzes Vermögen. „Für morgen und für übermorgen wird es genügen“, meinte er mit seinem früheren stillen Lächeln, und war abermals der gute Geist und Retter in der Not.

Für den fröhlichen Herrn Erling wurde es dennoch eine scharfe Lektion und die erste bittere Lebenserfahrung.

„Sie dürfen es nicht allzu schwer nehmen“, tröstete Autun. „In ein paar Jahren legen Sie mir dieses Geld wieder auf den Tisch.“

„Wir müssen ein Dokument aufsetzen“, erklärte Herr Erling.

„Wozu? — Das hastet jedenfalls nicht.“

Sie setzten einen Schuldschein auf und wurden einig in allen Dingen. Der Kontorist Autun hatte nun die Gewalt über Kongshaugen. Damit begann eigentlich die Geschichte.

Autun nahm die Fäden in seine Hand

Am andern Morgen schon nahm der alte Kontorist Autun alle Fäden in seine Hände. Er löste den grossen schlimmen Wechsel ein, schrieb scharfe Mahnbriefe, kündigte Verträge und trieb ausstehende Gelder ein. Von Kongshaugen herunter fegte ein kalter Wind und schreckte die Leute auf. „Was ist denn los?“ wunderten sich die Leute und kamen aufs Kontor. Dort begegneten sie Autuns Stahlblick. „Er hat über Nacht seinen Verstand vollständig verloren“, meinten die Leute und fürchteten sich.

Autun verjagte die überflüssigen Diener und Lediggänger von Kongshaugen, machte keine Umschweife, zahlte ein Monatsgehalt und fertig. Der alte Kontorist fiel über Kongshaugen wie das Fegefeuer, hielt grossen Gerichtstag und Reinigung. Oh, wie die Leute sich fürchteten vor dem umgewandelten Autun, der bis dahin ungefährlich und gegen jedermann gefällig gewesen, der bis dahin im Schatten wandelte und nichts bedeutete im festlichen Getriebe.

Überraschend trat Autun aus dem Schatten hervor und schwang seine Rute. Er verkaufte Herrn Erlings weisse Reitpferde ohne Mitleid. Als Hausknecht blieb nur noch Magnus zurück, ein ernster Mann, der gleich Autun auf Kongshaugen aufgewachsen und alt geworden und nichts anderes von dieser Welt kannte.

Es steckte aber doch noch ein letztes Fünklein Erbarmen in Autuns Herzen, obschon er mit verkniffenem Gesicht hinter seinen Büchern sass. Herr Erling kam ins Kontor und stellte ein paar Fragen; mit einemmal stutzte er und lauschte zum Fenster hinaus: „Hörst du es auch? Es wiehert im Stall ...“ Aber er beherrscht sich schnell und fragt: „Sollten das vielleicht schon die neuen Kühe sein?“ Und er zwinkert mit den Augen.

Autun beugte sich noch tiefer über seine Papiere. „Wir müssen zuerst den Stall umbauen“, meinte er.

Und dann war es also wirklich Jarl, der kluge, lebhafte Jarl, der allein zurückgeblieben war und seines Herrn Stimme hörte. Aber Herrn Erlings Mundwinkel zuckten; er wollte sich nicht zuerst züchtigen und hinterher beschenken lassen. „Weshalb die unnötigen Gefühle, Autun? Lass Jarl nur fahren. Lass ihn mit allem anderen fahren ...“

„Magnus meint, Jarl würde vor dem Wagen gehen.“

„Jarl?“

„Er will morgen versuchen, ihn einzuspannen. Darum wollen wir Jarl neben den beiden Ackerpferden behalten.“

Kleine, unschuldige Lügen alles. Die Sache verhielt sich anders. Der Knecht Magnus hatte schon an diesem Morgen den feurigen Jarl in die Deichsel gespannt. Aber es brach sogleich ein schreckhaftes Unwetter los, es krachte, und Splitter flogen nach allen Seiten. Nein, es mochte ziemlich schwer fallen, Jarl ins Arbeitsgeschirr zu zwingen, denn der Schöpfer aller Dinge hatte ihn nicht dazu erschaffen.

Der alte Autun log nicht oft, und darum log er schlecht. Da aber Herr Erling sich entschlossen hatte, diesen Kampf als Mann zu bestehn, nahm er sich vor, Jarl nicht mehr zu besteigen. Der Sohn des mächtigen Nikolaj war durchaus kein Kujon und Feigling, sondern hinter seinem glatten Gesicht barg sich ein harter Wille. Es war wohl nicht einmal seine Schuld, dass alles ein wenig schief ging. Bis zu diesem Tage wurde er gar unmässig vom Glück verwöhnt. Ei, nun biss er die Zähne aufeinander. Seinem Benehmen konnte man nichts anmerken; jedoch die Veränderungen auf Kongshaugen lasteten schwer auf ihm.

Der Diener John war schon abgereist ... Das ging Knall und Fall. Autuns Verfügungen trafen alle auf einmal; es waren Blitze aus blauem Himmel; es wurde eine Sonnenfinsternis ...

Der unnahbar würdige Mann John mit seinen angegrauten Bärtchen vor den Ohren ward fortgeblasen. John, der leiser als irgendein sterblicher Mensch durch die Räume auf Kongshaugen schwebte, er, der ohne Worte die leisesten Wünsche seines Herrn erriet; der Diener John, der jeden Herrn durch seine blosse Gegenwart erhöhte. „All right“, sagte John nur, als er auf dem Kontor seinen Abschied erhielt, und nahm mit einer Verbeugung das letzte Monatsgehalt in Empfang. Kein Murren, keine Frage, nicht der leiseste Schimmer von Unwillen. John hatte ebenso gute Rasse wie der Hengst Jarl.

Als John das Postschiff bestieg, trug er in der Hand einen Koffer aus echtem Schweinsleder und auf dem Kopf einen steifen schwarzen Hut. Mit John verschwand viel Vornehmheit von Kongshaugen.

Die jungen hübschen Mädchen hingegen beherrschten sich weniger; sie liessen warme Tränen aus ihren Augen fallen und vermochten ihre innern Gefühle und Regungen keineswegs im Zaum zu halten. Heissblütig, wie sie waren, lehnten sie sich auf gegen den alten Kontoristen und das harte Geschick; denn es gefiel ihnen allzu gut auf Kongshaugen. Ohne Scheu zeigten sie Autun ihren Unwillen, machten böse Gesichter und respektierten ihn nicht. Seht, die jungen Mägde beugten sich nicht unter Autuns Kommando, denn sie kannten doch noch sehr wenig vom Leben, und sie wollten so gerne lachen und lustig sein. „Wir werden Sie bei Herrn Erling verklagen“, riefen sie drohend. „Wir glauben Ihnen kein einziges Wort, alter Autun!“ riefen sie empört und machten Revolution.

Jedoch Autun hatte plötzlich auch den Mädchen gegenüber eine neue und unfreundliche Art angenommen; er beharrte darauf, seinen Willen durchzusetzen. Er überhörte alle Einwände und zählte das Geld auf den Tisch. Als die Mädchen in heisser Erregung bei Herrn Erling selber anklopften, fanden sie nichts als verschlossene Türen.

Nun gingen sie, so schwer es ihnen auch immer fallen mochte, und fügten sich ins Unvermeidliche. Mit ihnen zog die letzte Freude und Fröhlichkeit fort von Kongshaugen.

Auf Kongshaugen wurde es mit einem Schlage grauenhaft still und stumm. Rief die Köchin ausnahmsweise ein lautes Wort, hallte es so düster und drohend durch das weite Haus, dass sie ob ihrer eigenen Stimme erschrak.

Ja, das wurde eine harte Prüfung für Herrn Erling. Er selber nahm die vielen grossen Schlüssel zur Hand; damit schloss er alle Türen des neuen Flügels ab. Aber das, was vom Hause übrigblieb, war immer noch viel zuviel für die paar armen Menschen. Darum gab Herr Erling dem Knechte Magnus Befehl, die Aufgänge zum ersten Stock zu verrammeln und zu vernageln.

Nun sah es fast so aus, als sei Kongshaugen müde geworden vom Aufstieg und überdrüssig der glänzenden Feste, als wolle das Haus die Augen schliessen und sich zum Sterben rüsten.

Ein paar Wochen gingen in frommer Ruhe und strenger Enthaltsamkeit. Mehr und mehr verhärtete Herr Erling seine Seele und legte sein Jünglingsgesicht in scharfe Falten; sein Mund wurde ein schmaler Strich. Des Morgens in aller Frühe schon widmete er sich den Geschäften, unterstützte mit Eifer seinen getreuen Kontoristen beim Aufspüren neuer Mittel und Wege, das havarierte Schiff wieder flott zu bringen. Kongshaugen sollte um jeden Preis gerettet werden. „Wir müssen wieder mit dem Fischhandel beginnen. Was meinst du, Autun?“

Fischhandel? Autun riet vorläufig davon ab. Die Verhältnisse auf dem Weltmarkt erschienen ihm unsicher.

Aber Herr Erling, jung und feurig, wollte fest zugreifen. Das sachte, bedächtige Abwarten und Ausharren fiel ihm besonders schwer. Ihm schien es besser, das Glück zu erjagen. Das Abenteuer mit dem Meer lag auch ihm im Blute, wie allen Menschen, die an dieser einsamen Küste leben ... Ohne Unterlass steigt und fällt das grosse Wasser und ist unmässig im Nehmen und im Geben ...

Mit milder Geduld und Würde hörte Autun seines Herrn drängende Worte, wiegte seinen kleinen Kopf und sagte weder geradezu ja noch nein. Doch handelte er hernach nach eigenem Gutdünken.

Autun liess zwei Heringsnetze instand setzen, nahm es ernst und äusserst wichtig; warb Mannschaft unter der alten Garde, alles verständige, zuverlässige Männer ...

„Zwei Heringsnetze ...“, sagte Herr Erling voll Hohn und Bitterkeit zu sich selber.

Ein paar offene Boote, eine Handvoll alter Fischer — welch kläglicher Versuch ... Glaubte Autun wirklich, damit Kongshaugen wieder in die Höhe zu bringen? — Was wohl der selige Herr Nikolaj zu solchem Anfang sagen würde?

„Dampfer und Aufkäufer auf den Lofoten“, sagte dagegen Herr Erling. „Aufkäufer in Island, Welthandel ... Gott verzeihe dir, guter, allzu weiser Autun ... Was kann Grosses hereinkommen mit ein paar elenden Netzen?“

„Ohne genügend Kapital kann man so etwas nicht wagen“, sagte Autun bündig. „Schritt um Schritt, heisst es jetzt.“

Dies und jenes dachte Herr Erling bei sich selber; seine Kräfte waren noch unverbraucht. Aber sein Herz blieb dennoch voll Dankbarkeit. Sie waren doch gar zu ungleiche Naturen, der alte Autun und sein Herr. So verschieden waren sie wie Wasser und Feuer.

Einst legte Herr Erling aus purem Unverstande den Betrieb nieder; und da legte er ihn auf einmal ganz nieder. Nun aber, da er aus seinem Traum aufgeschreckt worden, raste er förmlich von Auftrieb und kühnen Entschlüssen. Er zählte zwanzig und einige Winter; Autun aber zählte mehr als siebzig Winter. Und dennoch war es Autun und kein anderer, der das Verhängnis über Kongshaugen herbeirief.

Er forderte von Asbjörn, dem Pächter von Mykja, die schuldigen Pachtschillinge. Auf diese Weise kam Bertina nach Kongshaugen.

Diese junge Dame ...

Bertina, die Tochter des Pächters Asbjörn auf Mykja — hoch, dunkel und wunderbar von Wuchs, wie eine Göttin aus unchristlicher Vergangenheit. Leicht war ihr Schritt, und sie wiegte sich sanft in den Hüften. Ihr Mund aber war rot und glich einem gespannten Bogen; in jedem Winkel der Oberlippe schimmerte ein feines Flöcklein schwarzer Flaum. Und Bertinas Stimme — Gott verzeihe ihr — aber Bertinas Stimme war keine gewöhnliche Menschenstimme, so voll und weich und tief, wie sie klang.

Bertina erschien also eines Morgens mit der Pracht ihres dunklen Haares und ihrem gefährlich gespannten Lippenbogen auf Kongshaugen, schritt gelassen über den Hof und auf das Mädchen Marlene zu. „Was willst du hier?“ fragte Marlene unbehaglich.

„Sage deinem Herrn, dass ich ein kleines Wort mit ihm sprechen möchte.“

Marlene wies mit dem Daumen über die Schulter auf die schmale Tür des Verwaltungsgebäudes. „Dein Wort, liebe Bertina, musst du an den alten Autun richten.“

Aber Bertina schritt unbekümmert auf das Herrenhaus zu. Sicherlich hatte sie keine schlimmen Hintergedanken. Sie war ausgesandt worden vom Pächter Asbjörn, der durch Autuns scharfen Brief ausser Rand und Band geriet.

Man muss wissen, dass das Geschlecht Asbjörn auf Mykja lebte, so weit die Menschen in dieser Gegend überhaupt zurückdenken konnten; zuweilen bezahlten sie ihren Pachtschilling, zuweilen bezahlten sie ihn nicht; sie hielten das eine so gut wie das andere. „Was meint er damit?“ rief Asbjörn, als er Autuns Brief gelesen. „Hat er denn keine Scham im Leibe, der alte Kormoran? Augenblicklich musst du mit Erling selber reden.“

Dagegen sträubte Bertina sich lange, doch schliesslich gehorchte sie ... Ins Privatkontor tritt jetzt die Tochter Bertina und erfüllt den Raum sogleich mit einem geheimnisvollen Leuchten. Herr Erling lässt die Feder sinken. Ahnungslos blickte er auf, nickte leicht mit dem Kopf, zum Zeichen, dass er höre. Und da gleitet ihm also die Feder aus den Fingern. Herr Erling zieht seine buschigen Brauen hoch.

Nur einen einzigen Schritt macht Bertina von der Tür her. Nun steht sie auf dem weichen, indischen Teppich. „Mein Vater, Asbjörn auf Mykja, kann seinen Pachtschilling unmöglich zahlen. Er bittet Sie um ein wenig Geduld ...“

„Was für etwas Verrücktes ... Pachtschilling?“ murmelt Herr Erling, aus den Wolken gefallen. „Bist du die Tochter von Mykja? Du milde ...“

„Wie Sie wohl selber wissen, steht es nicht am besten auf Mykja. Asbjörn konnte auch den vorjährigen Pachtschilling nicht zahlen ...“

„Wer? — Nein, schweig endlich vom Pachtschilling“, murmelt Herr Erling betreten. Auf einmal war er wieder ganz Kavalier.

„Autun fordert ihn und droht den Vertrag zu kündigen ...“

„Autun!“ ruft Herr Erling. „Komm nur näher. Wie ruft man dich? — Bertina? Ich habe dich nie gesehen — wie kommt das?“

„Nein“, sagt Bertina. „Der Weg ins Städtchen ist sowohl weit und schlecht, für uns auf Mykja.“

„Sieh, Bertina, das grosse Buch dort auf dem Regal — willst du es mir bringen?“

Als Bertina das Buch vor ihn auf den Tisch legt, betrachtet Herr Erling staunend ihre Hände — schmale Hände, schlanke, biegsame Finger ... sinnliche Hände. „Und so etwas lebt auf Mykja ...“, murmelt Herr Erling, mit einem sonderbaren Schwindel im Kopf.

In dieser Stunde gleicht Herr Erling einem gepflügten Acker — die Saat fällt in die Furchen, und eine strahlende Sonne geht darüber auf ... Nun beginnt es mächtig zu spriessen. Ja, auf einmal geht es heiss und toll zu in Herrn Erlings Brust.

Auf seinem verwirrten Gesicht ruhn still Bertinas Augen. Bertinas Augen — schimmernde Abgründe. Den Blick dieser Augen kann Herr Erling nicht ertragen, er bückt sich tief über das Buch. „Hier haben wir es“, sagt er mit schwingender Stimme. „Schluss damit; kein Wort mehr darüber ... Bertina? Tritt näher; überzeug dich selber — ich mache einen Strich durch alles ...“ Herr Erling macht drei unnötig dicke Striche.

Dann wird es plötzlich still im Privatkontor — eine ereignisgeladene Stille. Bertina steht vor Herrn Erlings Stuhl; irgendwie muss sie wohl um den Tisch herumgeschritten sein. Es ist nichts Besonderes. Sie will ihm doch nur danken für seine Milde. Ihre Hand liegt zwischen seinen fieberheissen Händen. Ihre Hand ist weich und kühl. Die Kühle ihrer weichen Hand erregt ihn noch mehr ... Wie ist dieses Mädchen doch unbewegt und sicher, wundert sich Herr Erling.

In diesem Augenblicke gleicht Bertina einer heidnischen Priesterin. Herr Erling aber gleicht dem Opfer. Ihre weichen, runden Knie berühren sachte seine Knie. Herrn Erlings Knie beben.

Das alles wird verrückt und fast unglaubhaft; doch muss es wohl so und kann nicht anders kommen. Herr Erling, der schon viele Frauen kannte, da er als strahlender Prinz auf diese Welt gesetzt worden, Herr Erling, der bis dahin weder bei den Mädchen der Heimat, noch bei den ausländischen Damen schüchtern war und zögerte — vor dieser Pächterstochter zögert er und wird demütig ...

Marlene, die Magd, erzählte die Begebenheit allerdings etwas anders. Woher nahm Marlene ihre Kenntnisse? Was wusste sie von dieser geheimnisvollen Viertelstunde? Vielleicht stand Marlene vor der Tür, vielleicht träumte sie nur, denn sie war doch selber so masslos aufgeregt. Marlene ging am Abend ins Städtchen hinunter und erzählte es ihren Freundinnen. „Sie ist eine Zauberin“, erzählte Marlene. Und nun hiess es, die Pächterstochter sei überaus kundig im Umgang mit Männern ...

Geschwätz und Lüge, alles zusammen: Bertina stand schlicht und einfach vor Herrn Erlings Stuhl, neigte ihr Haupt und dankte. „Aber Sie sollen durchaus keinen Strich im Buch machen“, sagte sie lächelnd. „Nein, deshalb stehe ich nicht vor Ihnen. Und Sie sollen niemals glauben, dass ich deshalb zu Ihnen kam ...“

„Tu mir den einzigen Gefallen“, bittet Herr Erling. „Erwähn’ es nicht mehr ...“

Aber Bertina erklärt: „Nur um ein paar Monate Geduld bitte ich Sie. Ich will bald nach dem Süden fahren. Ich will eine Stelle annehmen und Ihnen das Geld schicken.“

Er fährt auf: „Du willst fort?“ fragt er hastig. „Nein, das darf nicht geschehn ...“ Und er macht es wohl ohne Überlegung; die Gelegenheit drängte sich ihm doch förmlich auf und zeigte sich günstig. Musste er sie denn nicht zurückhalten von dieser Reise nach dem Süden? Also legte er den Arm um die Mitte ihres Leibes und hielt sie.

Eigentlich zog Bertina sich gar nicht zurück; nein, sie blieb ruhig stehn, wo sie stand und schaute freundlich auf ihn nieder. Sehr behutsam und bescheiden bat sie: „Darf ich jetzt wieder gehn? Ja, ich bitte Sie um ein wenig Barmherzigkeit ...“ Voller Güte sagte sie es, mit einer stillen Wehmut in der Stimme. Aber in ihren Augen stieg jäh ein verwunderliches Flimmern auf.

Nur ein wenig Barmherzigkeit — das war wirklich alles. Darauf liess Herr Erling den Arm sinken; und er senkte sogar noch den Kopf. Dann schritt Bertina langsam und lautlos über den indischen Teppich und schritt zur Tür hinaus.

Hinter seinem grossen Eichentisch blieb Herr Erling zurück, unfähig, das Wunder, das vor seinen Augen geschehn, zu erfassen. Die Verliebheit war mit einem Schlage da und meldete sich als ein gewaltiger Sturm. „Bertina“, murmelte er und begriff nicht, dass so etwas menschenmöglich sein konnte. „Bertina?“

Wie die leibhaftige Versuchung war sie vor ihn hingetreten — war über ihn niedergeprasselt gleich einer Lawine. Sie ist doch nur ein Bauernmädchen, dachte er wohl. Was ist denn das mit mir? Benahm ich mich nicht allzu idiotisch — zum Teufel ...

Nur die Tochter des schwerfälligen Pächters Asbjörn war sie — nur Bertina hiess sie ... Sie kam zur Tür herein und schaute ihn nur still an mit ihren dunklen Augen ... Haha, das war ja so verrückt und unausdenkbar, dass Herr Erling darüber sowohl lachen als fluchen musste. „Das habe ich nun von all der verdammten Stille und Leere“, sagte er zu sich selber.

Für ihn begann eine recht schlimme Zeit.

Fürs erste schrieb er einen Brief und sandte einen Boten nach Mykja; er berief Bertina nach Kongshaugen, einfach und selbstverständlich: der Herr befahl seiner Magd zu kommen. Die Magd kam nicht. „Nein“, sagte sie. Nichts weiter als dieses kleine, unglaubhafte Wort brachte der Bote zurück.

Bertina machte es Herrn Erling durchaus nicht leicht.

„Was zum Satan?“ fragte er und riss vor Überraschung tiefe Falten in seine Stirn. Herr Erling hatte bis dahin noch nie umsonst gerufen. Er wusste wohl selber noch nicht, dass er am Anfang einer schmerzlichen Prüfung stand. Ja, er nahm es noch leicht, nahm es mit unerschüttertem Selbstvertrauen und grossen Worten.

Herr Erling schrieb einen zweiten Brief. Den sandte er durch einen Eilboten nach Mykja. „Du musst ihn ihr sowohl persönlich als eigenhändig ausliefern“, sagte er.

„Das wird geschehn“, versicherte der Eilbote. „Soll ich auf Antwort warten?“

„Wie? Nein, sie hat selber zu erscheinen.“

„Jawohl“, versprach der Eilbote. „Ich werde sie mitbringen.“

Aber nein. Diese Pächterstochter bot dem mächtigen Herrn Erling und der guten alten Überlieferung die Stirn und erklärte dem Eilboten: „Ich wüsste wahrlich nicht, was ich jetzt noch auf Kongshaugen zu tun hätte. Habe ich ihm denn nicht alles gesagt und ausführlich erklärt? Damit muss es genug sein.“

Das war also das zweite Mirakel; und das zweite war noch unbegreiflicher als das erste. „Was schwätzest du da, Mädchen?“ fragte entsetzt der Eilbote. „Nein, das meinst du wohl nicht ...“

„Das verstehst du nicht, guter Magnus“, entgegnete Bertina lächelnd und wandte ihm den Rücken.

Jawohl, der Eilbote war Magnus, der letzte Diener von Kongshaugen, der sein Leben lang nichts anderes vernommen als Gehorsam und Ehrerbietung gegen seine Herrschaft. Verzweifelt schob er seine Mütze auf dem Kopfe hin und her. Gelbliche Haarsträhnen quollen unter dem Mützenrande hervor und fielen ihm bis tief in den Nacken. Magnus fuchtelte mit beiden Händen, als er die Steintreppe von Mykja herunterstieg.

Magnus war so niedergeschlagen, eine solche Botschaft überbringen zu müssen, dass er seinem Herrn gar nicht ins Gesicht schauen durfte. „Sie will nicht kommen“, begann er zögernd und verstummte, starrte zu Boden und schüttelte verzweifelt den Kopf.

„Will sie nicht?“ fragte Herr Erling. „Was sagte sie denn?“

„Nein, sie war nicht gerade ungnädig; aber sie muss ihren Verstand vollständig verloren haben“, meinte Magnus, gleichsam entschuldigend und mit abgewandtem Gesicht. Er glaubte wohl, gleich werde Herr Erling seine Hand ausstrecken und den Gaard Mykja mit allem, was darauf lebte, völlig vernichten.

Nichts davon, Herr Erling beherrschte sich. Wohl erhob er sich und kam hinter seinem grossen Tisch hervor; aber er trat nur ans Fenster und schaute hinaus. „Es ist gut. Du kannst gehen“, sagte er. Und kein Strafgericht.

Herr Erling schaute hinaus, über den See, über die Wiesen und Äcker und Wälder, über sein weites, weites Land. Und dann schaute er in den tiefen blauen Himmel hinein, der nicht ihm gehörte und dem er nicht befehlen konnte. Weiss Gott, er dachte nicht an eine Paradiesvertreibung; aber er blieb lange am Fenster stehn und zuckte heftig mit den Mundwinkeln. Wahrscheinlich nahm er es auch jetzt noch nicht übermässig schwer. Im Grunde seiner Seele war er nicht einmal aufgebracht oder wütend über Bertinas Widerstand, höchstens verblüfft war er und über alle Massen neugierig. „Diese junge Dame ...“, murmelte er lächelnd und fasste einen mannhaften Entschluss. Mit langen, sicheren Schritten verliess er sein Privatkontor.

Er ging über den Hof, durch den Park, bis an das Seeufer, dort blieb er stehn, besann sich und kehrte um. Bei den Ställen traf er Magnus, und Magnus hatte offenkundig ein schlechtes Gewissen, weil er da stand und seinem Herrn nachschaute. „Sattle mir Jarl!“ befahl Herr Erling.

Wie er nun so den See entlang galoppierte und Jarl schnaubte und weisse Schaumflocken nach beiden Seiten blies und das Lederzeug knirschte und der Wind leise um seine Ohren sang, wähnte Herr Erling sich ungeheuer mächtig. Er wähnte sich unwiderstehlich, und er meinte wohl, es sei ein hervorragender Einfall, dieserart auf den Gaard von Mykja zu reiten.

Wenn er aber glaubte, der Pächter Asbjörn werde mit der Fellmütze in der Hand auf dem Tun stehn und die Tochter Bertina werde errötend und beschämt herbeieilen, so täuschte er sich gewaltig. Verlassen und tot lag der Hof da und glich mit seinen grauen Gebäuden einer düstern Burgruine. Kein Zuruf, kein Gruss, keine Ehrerbietung. „Ei der Teufel“, sagte Herr Erling, fluchte und versündigte sich. Er richtete sich noch steiler im Sattel auf und ritt, ohne mit der Wimper zu zucken am Wohnhaus vorbei. Nicht einen einzigen Blick warf er zum Fenster hinauf, ob sich vielleicht dort ein dunkler Mädchenkopf zeigte. Jetzt, dachte er wohl in seinem Sinn, soll hart auf hart treffen.

Herr Erling ritt quer durch den Föhrenwald nach Sandnes. Der Pächter Eilif war übrigens auch ein Mann, der junge Weiblichkeit im Hause hatte. Dieser Mann besass sogar vier Töchter. Alle vier hatten rührend blondes Haar und dazu blaue Augen; frisch und rotwangig und gut gewachsen waren sie, eine wie die andere. Ausserdem bezahlte Eilif seinen Pachtschilling sogleich, als er Autuns Brief erhalten hatte. Deshalb durfte er nun unerschrocken, aber ehrerbietig auf dem Tun stehen. Eilif nahm die Fellmütze ab, als Herr Erling angeritten kam.

„Ich komme nur so zufällig in deiner Gegend vorbei“, sagte Herr Erling.

Der Pächter Eilif aber wollte die Gelegenheit ausnutzen und ein wenig Neuigkeiten vernehmen. „Wie ich höre, wurde dort unten befohlen, dass sich mehrere Netzmannschaften zur Ausfahrt rüsten sollen. Aber das wird nur loses Gerede sein, da ich bis zur Stunde keine Aufforderung erhielt ...“

„Sollte Autun dich wirklich vergessen haben?“ fragt Herr Erling. „Ja, es geht ihm in diesen Tagen gar manches durch den Kopf. Er will übrigens nur zwei Boote ausschicken.“

Worauf Eilif sich betroffen und zurückgesetzt fühlt, da auch er, so gut wie irgendeiner, zur alten Garde gehört. „Der selige Herr Nikolaj hat mich nie übergangen“, sagt er.

„Ein kleines Versehn, du Eilif. Ich werde ihn daran erinnern.“ Herr Erling zieht ein winziges Büchlein aus der Tasche und einen goldenen Bleistift, schreibt ein paar Worte und nickt.

Es wurde ein Ereignis für Sandnes. Der Hengst Jarl scharrte und schnaubte dazu, und die vier blonden Mädchen zeigten sich überall, auf der Treppe, am Fenster, unter der Haustür. Sie hatten in der Scheune und im Vorratshaus zu tun. Wenn sie an Herrn Erling vorübergingen, knicksten sie und beugten ihre Knie, und wie hübsch sie dabei erröteten.

Vielleicht hatten sie ein paar Sommersprossen im Gesicht; waren aber sonst überaus zart und lieblich. Herr Erling fragte sich selber, ob diese vier wohl lange zögern würden, wenn man sie nach Kongshaugen gerufen hätte. Weiss der Kuckuck, dachte er, wie eine gewisse Dame auf den närrischen Gedanken verfallen konnte, sich unnötig zu zieren und rar zu machen. Wer sollte klug werden aus dieser Pächterstochter Bertina — aber sie hatte nun einmal ihr dunkles Haar. Und sie hatte ausserdem, Gott verzeihe ihr, so vielerlei andere Seltsamkeiten an sich ...

„Hei, du Mädchen mit den blonden Zöpfen!“ rief er keck. „Möchtest du wohl meinem Pferd einen Schluck Wasser geben?“

„Warum denn nicht“, rief Eilifs Tochter und zeigte sich sogleich bereit. Sie wusch zuerst den Eimer am Brunnen und füllte ihn bis zum Rand. Ja, sie wollte es so gut wie nur möglich machen; sie hielt den Eimer zwischen ihren Knien, als Jarl den Kopf senkte. Und während er trank, streichelte sie seinen glatten Hals. „Er ist das schönste Pferd, das ich je gesehen habe“, sagte sie und richtete einen schnellen Blick auf den Reiter. Dann fing sie an bis an den Hals dunkel zu erglühen.

Zerstreut schaute Herr Erling auf ihren runden feinen Nacken und auf das zierliche Haargekräusel darüber. Dann schüttelte er leise, fast traurig den Kopf und wandte sich zum Pächter zurück: „Fast hätte ich es vergessen, du Eilif ... Ich brauche noch ein paar Arbeiter. Die Stallungen sollen umgebaut werden. Verstehst du dich auf Zementguss und so?“

„Meiner Seel, daran fehlt es nicht!“ ruft Eilif erfreut.

„Melde dich morgen bei Magnus.“ Mit der Spitze seiner Reitgerte kitzelte er die Tochter leicht im Nacken, dankte und ritt davon. Die Reitgerte hatte einen goldenen Griff. Wahrlich, das war eine wichtige Begebenheit für Sandnes.

Und die junge Dame Bertina bildete sich doch gar zuviel ein auf ihre dunklen Reize. „Haha“, lachte Herr Erling. Hat man je zuvor etwas Ähnliches von Hochnäsigkeit erlebt in dieser Gegend? Demnach, meinte Herr Erling, fände sich gar kein realer Grund mehr, stumm und stolz und unbemerkt an Mykja vorüberzureiten. So, wie die Dinge nun einmal lagen, konnte er sehr wohl auf den Tun traben, bis unter die Steintreppe, bis an die Hauswand heran. Ein scharfer Schlag mit der Reitpeitsche gegen die grauverwitterten Planken: „Hallo! Asbjörn — schläfst du?“

„Ja, beim Hunde, ich schlief ... Ist das nicht Herr Erling selber?“ rief der Pächter und konnte, wie gewöhnlich, das rechte Wort nicht finden.

Diesmal schielte Herr Erling doch nach den Fenstern empor, über den schwerfälligen Pächter hinweg. Alles vergeblich — kein Gesicht hinter der Gardine. Auf Mykja wollte keine Tochter erscheinen und sich irgendwo etwas zu schaffen machen. Niemand knickste, beugte das Knie und errötete. Hier verlohnte es sich kaum, auf dem feurigen Jarl zu sitzen und mit dem Sattelzeug zu knarren. Trotzdem zog Herr Erling das winzige Büchlein und den Goldstift aus der Westentasche. „Ich reite herum und suche Leute“, sagte er. „Wir haben mit Bauarbeiten begonnen. Komme morgen früh nach Kongshaugen herunter ... Wo hast du deine Tochter?“ fragte er in überflüssiger Strenge. „Ruft man sie nicht Bertina?“

„Doch — und vielen Dank“, antwortete der Pächter Asbjörn verwirrt. „Also morgen früh? Ich werde zur Stelle sein ... und Bertina heisst sie, das ist sicher ...“ Und dann leuchtet sein Gesicht plötzlich auf; ein Gedanke kommt ihm, er steigt schnell die Steintreppe hinauf und ruft in den dunklen Gang: „Bertina — hörst du, Mädchen? Sogleich komm heraus ...“

Stille.

Asbjörn schaut Herrn Erling verständnislos an und murmelt: „Oh, dieses Frauenzimmer ...“ Auf einmal empört er sich, haut mit der Faust auf die Tür: „Bertina ...“

Im dunklen Hausgang taucht Bertina auf, in kurzem Rock, die Ärmel hoch aufgekrempelt, sie trägt einen Milcheimer in der Hand. In Holzschuhen steht sie da, ohne Strümpfe und ist dennoch von einer seltenen Lieblichkeit.

Der Pächter Asbjörn, froh, dem Gesichtskreis des Herrn entzogen zu werden, verschwindet eilig im Haus. Und dort oben steht also bescheiden und still Bertina. Wiederum wird es so unbegreiflich, so über alle Massen verwunderlich. Vor diesem schlichten Bauerndirndlein verliert Herr Erling seine Sicherheit, seine Überlegenheit und ist nicht länger der Prinz. „Wie, Bertina?“ fragt er mit hilflosem Lächeln. „Du willst in den Kuhstall? Kannst du denn melken ...?“

„Ob ich melken kann?“

„Du, mit deinen seidenfeinen Händen“, murmelt Herr Erling überwältigt.

Nun lacht Bertina. Ein leises, ein seltsam heimliches Lachen, tief im Halse. „Aber Herr Erling — was glauben Sie denn ...?“

Er schaut sie immerzu an, wiegt den Kopf und zweifelt. „Ich will dir etwas sagen, Bertina: So, wie du nun dort oben stehst, gleichst du der Prinzessin aus dem Märchen, die sich zu ihrem eigenen Vergnügen als Stallmagd verkleidete. Nein, ich glaube durchaus nicht, dass du melken kannst, ehe ich es mit eigenen Augen sehe. Aber ich glaube, dass du dich vor den Kühen fürchtest. Ja, wahrlich, das glaube ich — zeig mir doch noch einmal deine Hände ...“

Sie tritt bis an den äussersten Rand der Treppe hinaus; ihre Gesichter sind jetzt auf gleicher Höhe, und sie streckt ihm ihre beiden Hände entgegen. Er beugt sich darüber ... „Mit solchen Händen ...“, sagt er leise, „... es wäre ein Verbrechen ...“

Dass diese Worte nicht nur eine lockere Schmeichelei sind, sondern dass sie Herrn Erling aus tiefstem Herzen steigen, dieses versteht Bertina wohl irgendwie; und auch sie wird ein wenig unsicher. Sachte zieht sie ihre Hände zurück, bückt sich nach dem Eimer: „Nein, jetzt muss ich gehn ...“

Grosser Himmel — und dennoch keine Befangenheit, kein Beben, keine aufflackernde Freude — immer nur diese demütige Scheu ... Bertina geht, ohne allzu grosse Hast, die Treppe hinunter, geht über den Hof, der hölzerne Milcheimer in ihrer Hand klappert.

Und da scheint es fast so, als wolle Gottvater selber dem verliebten Herrn Erling ein Zeichen geben: Der Hofhund, der bis dahin nur auf seinen Hinterläufen gesessen und in der Luft schnupperte, fährt mit scharfem Kläffen auf und springt an Jarl empor; Jarl steigt. Doch Herr Erling ist nicht der Reiter, der so leicht aus dem Sattel fällt, und er ist vor allem nicht geneigt, einen Wink von oben oder von unten zu beachten. Er ist auch nicht der Mann, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Deshalb schwingt er sich zur Erde nieder und schreitet neben Bertina her, das Herz voll übermenschlicher Zärtlichkeit. „Ich habe dich gerufen, Bertina“, sagte er mit heiserer, jäh veränderter Stimme. „Aber du bist nicht gekommen.“

Langsam dreht Bertina ihm das Gesicht zu, schaut ihm mitten auf die Stirn: „Ich darf nicht ein zweites Mal zu Ihnen kommen.“

„Du darfst nicht?“ fragt er fassungslos. „Wer sollte es dir wohl verbieten?“

„Nein, nein — niemand verbietet es ...“, entgegnet Bertina und senkt den Kopf.

Und nun zaudert er nicht länger, sondern stürmt wild drauflos. „Du darfst nicht länger als Stallmagd auf Mykja herumgehn, Bertina“, sagt er heftig. „Das will ich nicht, verstehst du ...“

Bei diesem jähen Ausbruch zuckt sie zusammen, schaut ihn fragend an und meint: „Das ist nun mein Los. Und es gefällt mir ganz gut so. Ich liebe die Tiere, und ich liebe die Wälder und die Stille.“

Die ruhige Entschiedenheit, mit der sie das sagt, die einfache Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Leben hinnimmt, überrascht ihn derart, dass er alle Zurückhaltung vergisst und sich hastig zu ihr hinbeugt: „Fürchte dich nicht, Bertina! Du sollst es gut haben auf Kongshaugen; keine schwere Arbeit ... und schöne Kleider sollst du haben, Schmuck und alles ...“

Dieses passt nicht für mich“, wehrt sie lächelnd.

„Ich sage dir doch, du bist viel zu gut für Mykja ...“

„Nein, nein — ich will nicht nach Kongshaugen.“

In grenzenloser Verwunderung dreht Herr Erling sich um. Steht er wirklich vor dem niederen, schiefen Stall auf Mykja? Er blickt fragend zum Himmel auf und meint wohl, gleich müsse etwas Furchtbares geschehen.

Es geschieht weiter nichts, als dass Bertina die Stalltür öffnet und keine Lust verrät, diese Unterhaltung fortzusetzen. Aber Herr Erling bleibt der Sohn seines Vaters, des mächtigen Herrn Nikolaj, dessen Wille in dieser Gegend als ungeschriebenes Gesetz bestand. Durfte er, abgewiesen, vor dieser Tür stehenbleiben?

Hatte Bertina es wirklich darauf angelegt, den jungen Herrn durch ihre sanfte Zurückweisung toll zu machen, so wählte sie die richtigen Mittel und war auf dem besten Wege. Der junge Herr scheut sich nicht, sondern bindet den Vollblüter Jarl kurz entschlossen am Türpfosten an, bückt sich und folgt Bertina in den Kuhstall, tritt nahe an sie heran und sagt: „Ich will dich zu jeder Stunde behandeln wie eine vornehme Dame. Das glaube mir ... Du sollst es niemals bereuen — im Gegenteil ...“

Aber wie heiss er ihr auch in die Augen blickt und wie blass er immer werden mochte vor Sehnsucht und Ergriffenheit, Bertina bleibt standhaft. „Warum quälen Sie mich?“ fragt sie nur sachte und lässt langsam den Kopf sinken. Den Melkkübel hatte sie zu Boden gestellt, sie hat also beide Hände frei, aber sie hebt keine Hand zur Abwehr, sie steht nur stumm und weint.

„Du weinst!“ ruft Herr Erling bestürzt. „Jetzt glaube ich aber ... Weine nicht ... Ich will dir wahrlich nicht weh tun ...“

„Aber mein Herz ist nicht mehr frei“, flüsterte sie, indem sie mit dem Handrücken ihre Augen trocknet.

Darauf war Herr Erling sicherlich am allerwenigsten gefasst. „Oho!“ ruft er aufgebracht. „Das sagst du wohl nicht. Nein, davon kann gar keine Rede sein ... Wer in dieser Gegend wäre deiner je würdig?“ Gleichzeitig versteht er jedoch, dass Bertina die Wahrheit sagt.

Auf einmal ändert er den Ton, wird weise und väterlich: „Du darfst dich nicht wegwerfen an den ersten besten“, sagt er grossartig.

Und da sie darauf nur schweigt und fortfährt, ihre Augen zu trocknen, ruft er hitzig: „Natürlich wird es nur ein gewöhnlicher Bauernbub sein. Aber dazu bist du viel zu gut, Bertina!“

„Nein.“

„Nein?“

„Wie Sie mich plagen, Herr Erling ... Aber schauen Sie sich nur um ... Hier bin ich zu Hause. Der Gaard heisst Mykja. Der Pächter heisst Asbjörn — er ist der Herrschaft den Pachtschilling schuldig. Kann man das vergessen?“

„Ja gewiss, das kann man“, erwidert er bestimmt. Das bringt ihn auf einen neuen Gedanken: „War es nicht deine Absicht, in die Stadt zu reisen, nach Bergen oder Oslo? Was willst du dort unten?“

„Was weiss ich — es wird sich schon etwas finden ...“

„Siehst du! Weshalb solltest du also nicht auf Kongshaugen einen Dienst antreten?“

„Das ist etwas anderes.“

„Du darfst auf keinen Fall reisen!“ ruft er erbittert und zum äussersten gebracht. „Denn die Stadt ist voller Gefahren. Du kennst das Leben dort unten nicht.“

Da lächelte sie nun wieder auf ihre eigene Weise. „Nein. Aber ich fürchte mich nicht vor dem Leben.“

Nun aber wird es zuviel. Wie sie so nahe vor ihm steht, mit demütig gesenktem Scheitel, ein wenig lächelt und ein wenig weint, übersteigt es seine Kraft; er muss die Arme um sie schlingen und sie küssen.

Bertina erwidert Herr Erlings Liebkosungen nicht; nein, sie ist nicht hingerissen und überwunden; doch sie wehrt sich auch nicht dagegen. Sie empfängt seine Küsse mit geschlossenen Augen, und ihre Lippen sind kühl und weich. Ihre Lippen sind leicht geöffnet ... Eine ganz tolle Sache.

„Und jetzt darfst du dich nicht länger dagegen sträuben, Bertina ... Ich erwarte dich morgen. Wegen dem Gaard hier mach dir keine Sorgen; ich werde an deiner Statt zwei gute Mägde nach Mykja schicken. Was sagst du?“

„Es ist unmöglich ... denn Sie sind nicht in meinem Herzen. Darum will ich nicht.“

Herr Erling liess die Arme sinken. Er war nicht eigentlich verdorben, nicht einmal richtig leichtsinnig. Aber nun hatte er die süsse Kühle ihrer Lippen gekostet. „Komm heute abend“, bat er. „Komm so, wie du bist“, drängte er. „Ich sehne mich nach dir ...“ Sein Mund berührte ihr Ohr, und sein Atem ging hastig und heiss. Er wartete eine Weile. Aber da sie stumm und reglos blieb, ging er schnell davon.

Herr Erling ritt nach Hause, liess Jarl über Hecken und Gräben springen. Nicht als Sieger ritt er über sein Land hin, doch in seinem Herzen war klingender Jubel. In froher Unruhe ging er durch die Räume von Kongshaugen, öffnete da eine Tür und dort eine Tür und sagte zu Marlene: „Richte ein Gastzimmer, Marlene. Heute abend wird die Tochter von Mykja eintreten — Bertina; du kennst sie wohl?“

„Bertina?“ fragte Marlene mit einem Riss in der Stimme. „Ich kenne sie nur allzu gut ...“

Für Herrn Erling hatte Kongshaugen und die ganze Welt sich wiederum verändert; alles war aufs neue froh und leicht geworden; Sonnenschein innen und Sonnenschein aussen. Das grosse Haus schwieg nicht länger in düsterer Drohung. Überwunden war die harte Prüfung; Goldstaub erfüllte die Luft.

Der Abend kam; aber nicht Bertina.

Die grosse Standuhr im Saal schlug die neunte Stunde — tickte träge weiter und schlug die zehnte Stunde. Was mochte das bedeuten? Herr Erling klingelte und bestellte Whisky und Sodawasser; er sass in seiner reichverzierten Rauchjacke in einem braunen Lederstuhl gleich einem andern General. Die Zigarette hing ihm an der Unterlippe, er blätterte in einem Buch und war ungeheuer vornehm. Aber nichts von Bertina.

„Das Mädchen von Mykja soll das Zimmer neben der Treppe haben.“

Marlene antwortet und gibt sich kaum Mühe, ihre Schadenfreude zu verbergen: „Bertina hat sich noch nicht gemeldet. Und ich kann es ebenso gut gradeheraus sagen: Bertina wird sich hier nicht zeigen.“

„Das meinst du wohl nicht im Ernst.“

„Ob ich es meine? Hab’ ich vielleicht nicht gleich daran gezweifelt, als Sie heute morgen davon sprachen?“

„Nein, wie du prahlen kannst!“ ruft Herr Erling ärgerlich.

„So? Ich kenne Bertina seit jeher. Ist sie vielleicht nicht sonderbar und unnatürlich? Leif von Sudalen gilt als ihr Liebster ... Schon als kleines Mädchen war sie ein wenig verrückt ...“

„Nein, du Marlene — war sie verrückt?“

„Wurden wir, ich und Bertina, denn nicht am gleichen Tage und im gleichen Wasser getauft? Aber sie war alle ihre Tage steif im Nacken und lang im Stroh. Niemals zeigte sie sich abends auf der Landstrasse, wenn die Jugend tanzte ...“

Voller Unwillen sagt Herr Erling: „Und dann hängte sie sich also an einen ganz gewöhnlichen Burschen — wie nanntest du ihn?“

„Leif — ja, das ist genau so mystisch wie alles übrige. Ein rabiater Kerl ist dieser Leif. Er betreibt den Gaard von Sudalen — ein Rattengaard: vier Kühe, ein Schwein, sechs Schafe, und Schulden mehr als genug ...“

„Nun ja“, nickte Herr Erling. „Es ist gut.“

„Soll ich heisses Wasser auf ihr Zimmer stellen?“ fragte Marlene, die grosse Lust hatte, das Gespräch fortzusetzen.

Doch Herr Erling winkte nur mit der Hand; Marlene warf den Kopf in den Nacken und ging. Bei der Tür zögerte sie, blickte über die Schulter zurück. Nein, Herr Erling machte kein Zeichen; er blätterte wieder in seinem Buch, und die Zigarette baumelte an seiner Unterlippe. Sicherlich sass er in andern Gedanken.

Hatte Marlene sich verplappert und zuviel gesagt? Keine Spur. Marlene hätte weit mehr verraten können, und sie bereute kein Wort ...

Zu dieser Stunde erhob sich der Bauer Asbjörn hinter dem Küchentisch auf Mykja, fuhr mit seinen grossen Händen über sein struppiges Gesicht, gähnte laut. „Was wollte er eigentlich heute morgen von dir, Herr Erling?“

Die Tochter antwortete leichthin: „Er wollte im Grunde gar nichts.“

Darauf ging der Pächter in die Kammer und legte sich ins Bett. Bertina holte ein feines Tuch aus der Truhe, zog die Lampe zu sich heran und begann zu sticken. Einmal stand sie auf und öffnete das Fenster, lauschte hinaus und schloss es wieder.

Es war eine schwüle Sommernacht.

Was siehst du, Leif?

Das Leben auf Mykja ist sowohl einfach als einsam.

Der Gaard liegt in einem engen Tal, zwischen Felsen und Wäldern. Ein Bächlein rennt eilig von der Höhe nieder und plätschert über unzählige glatte, grüne Steine. Selten hört man einen andern Laut über Mykja als das Gemurmel des Baches, das dunkle Rauschen der Wälder und das Gebrüll der Kühe.

In den nächsten Tagen wurde es ein wenig lebhafter auf Mykja. Erstens erschien der junge Hofbauer Leif von Sudalen, winkte Bertina vors Haus und war rasend: „Ist jetzt die Reihe an dich gekommen?“ fragte er.

„Was fehlt dir?“ fragte Bertina auf ihre gelassene Weise.

„Beim Hunde“, sagte Leif düster, „jetzt hilft dir das Lügen wenig. Denn ich habe alles erfahren.“

„Ich weiss nicht, wovon du sprichst. Und wenn du etwas erfahren hast, so hast du es von Marlene erfahren ... Aber ich kümmere mich nicht im geringsten darum.“

Leif war so aufgebracht, dass er nicht ruhig stehen konnte, sondern immerzu auf und nieder hüpfte. „Gott und jedermann weiss es ja schon ... Aber ich, Mädchen, ich werde es niemals dulden — verstehst du?“ Er zog ein Messer unter der Jacke hervor: „Schau dir einmal dieses an ...“

Sicherlich war es weder fein noch klug von Leif, sich gleich am Anfang so ungebärdig zu benehmen. Damit verdarb er sich selber das Spiel. Nun hatte doch Bertina vor kurzem ihr seltsames Erlebnis gehabt. Sie brauchte nur die Augen zu schliessen, dann brannte Herrn Erlings Kuss immer wieder aufs neue auf ihren Lippen, und sie hörte seine einschmeichelnde Stimme ... Ohne dass es ihr bewusst ward, schloss sie die Augen, verglich Leifs Stimme und Herrn Erlings Stimme und seufzte.

„Ich verbiete es dir — basta!“ rief Leif. „Und wenn es darauf ankommt, rede ich persönlich ein Wörtlein mit ihm, verstehst du?“

Bertina öffnete ihre Augen wieder, betrachtete den hüpfenden Leif und fragte: „Wie — du willst mit ihm reden?“

„Ho — oder vielleicht nicht?“ rief Leif, indem er mit seinem Messer in der Luft herumfuchtelte.

„Steck dein Messer weg“, sagte darauf Bertina. „Und deine Grobheiten will ich nicht länger anhören. Geh nur gleich wieder über den Berg ...“

Sie unterhielten sich eine Weile. Ein offener Streit wurde im Grunde nicht daraus. Doch die ganze Bertina war zweifellos nicht mehr so, wie sie vor kurzem gewesen. Sie hatte jetzt eine besondere Art, Leif lange und allzu aufmerksam zu betrachten, und ihr Blick war kühl. Fast schien es so, als rücke Leif in die Ferne.

Leif in seinem Zorn glaubte, ein böser Geist habe von Bertina Besitz ergriffen. „Und warum, zum Satan, hast du auf einmal dieses Schillern in deinen Augen? ... Warte nur!“

Bertina tut nun etwas Merkwürdiges: Sie streckt Leif ihre beiden Hände hin: „Was siehst du, Leif?“

Gierig und blutdürstig beugt Leif sich darüber. Weil er aber keinen verdächtigen Ring an ihren Fingern findet, knurrt er ärgerlich: „Nichts als Narrheiten hast du in deinem Kopf ...“

„Oh — du Leif ...“

„Hier stehe ich und frage: Willst du mit ihm brechen oder nicht?“

„Oh — du Leif!“

Ihr unverhüllter Spott reizt ihn noch mehr. Er erklärt: „So viel sehe ich mit eigenen Augen, dass er dir den Kopf verdreht hat. Und ich kenne dich nicht wieder, so verändert, wie du auf einmal bist.“

Dieses kleine Gespräch wurde hinter der Scheune geführt, am Steinwall, der die Hauswiese von der Wildmark trennt. In unbegreiflichem Übermut schwang Bertina sich auf den Steinwall und tat abermals etwas Merkwürdiges: Sie selber betrachtete ihre Hände; strich sachte mit der einen über die andere hin, bog die geschmeidigen Finger zurück. Es war so, als sehe Bertina an diesem Abend zum erstenmal ihre Hände und als freue sie sich an dem Anblick.

Leif freute sich nicht, sondern folgte dem sonderbaren Vorgang mit wachsendem Unbehagen. „Ja, jetzt glaube ich, bist du ganz verrückt geworden“, meinte er verblüfft.

Wie hätte der arme, einfältige Leif dieses begreifen können? Sicherlich hatte er nie etwas vernommen von Prinzessinnenhänden und solchen Dingen. „Zur Hölle mit dem verdammten jungen Affen!“ rief er plötzlich wild. „Aber bald geht er ja ohnedies von selber kaputt. Haha — ist er denn nicht eben daran, Bankrott zu machen ...?“

Aus schmalen Schlitzen wirft Bertina einen besonders langen und geradezu unheimlichen Blick auf Leif, auf die Gestalt, die mit beiden Armen fuchtelnd vor ihr hin und her rennt. „Wahrhaftig — fährt er immer noch da herum“, sagt sie leise. — „So geh endlich. Du musst doch verstehn, dass ich dein Geschwätz nicht länger anhören mag.“

„Himmel und Ozean!“ ruft Leif und knirscht furchtbar mit den Zähnen. Ja, er tritt an die Mauer heran und reisst vor Wut das Moos aus den Steinen. Für ihn wird es keine Kleinigkeit, ein Mädchen wie Bertina zu verlieren.

Wenn sie auch standhaft blieb, Bertina, damals im Stall — irgendwie war es dennoch ein Sündenfall, und die Stimme an ihrem Ohr hatte nicht umsonst geflüstert und gelockt. Gewiss war Bertina bis vor kurzem noch ziemlich unwissend und unberührt von den Stürmen der Liebe. Doch jäh war etwas in ihr erwacht. Sie schaut auf Leif nieder, der sich über einen Stein geworfen hat und seine Muskeln toben lässt. So grausam ist bei den Menschen die Liebe: Völlig unerschüttert kann Bertina Leifs Leidenschaft sehen, und sie achtet nicht den Schmerz, den er um sie leiden muss.

Weil aber der Stein unter ihm zu gross war und nicht nachgab, wollte Leif auf anderem Wege versuchen, das Hindernis, das sich da unversehens vor ihm aufgetan, zu überwinden; er wollte es kurz entschlossen mit Handgewalt versuchen. „Worauf warte ich denn?“ fragte er. „Soll ich vielleicht zuschauen, wie der Affe von Kongshaugen dich mir vor der Nase wegschnappt? Jetzt habe ich dich — jetzt nehm ich dich ... Ja, beim Hunde, ich nehm dich mit allen deinen schwarzen Haaren und deiner Verrücktheit ...“ Und er machte sich wahrhaftig daran, sie vom Steinwall herabzuziehen. Er streckte seine langen Arme aus und meinte wohl, es sei nichts Besonderes dabei.

Dann traf ihn Bertinas Blick, und er zögerte. Ein geheimer Zauber schien von ihr auszugehen. Sie sagte leise, fast sanft: „So, scher dich jetzt weg ... Du wirst ekelhaft, und ich mag dich nicht mehr sehen.“

Das traf ihn wie ein Faustschlag. Er gab den Angriff ohne weiteres auf. Seine Lippen waren blau geworden und zuckten heftig. Mit runden Augen starrte er Bertina an, brachte aber kein Wort hervor und liess den Kopf sinken. Ohne den Kopf wieder zu heben, entfernte er sich, ging über die Wiese und verschwand im nahen Wald. Bertina folgte ihm mit den Augen, und es schien ihr unmöglich, dass es eine Zeit gegeben, da sie an seiner Seite durch diesen Wald geschritten. Zum erstenmal hatte sie vorhin unter den rostbraunen Barthaaren die rohe Form seines Mundes bemerkt ...

Bertina wusste sehr wohl, dass Leif sich am Waldrande niedergeworfen hatte und dass er sie von dort her belauerte. Doch sie fühlte sich so völlig sicher, dass sie aufs neue die Augen schloss. Und so sass sie, in wunderlichem Staunen und tiefer Versunkenheit.

Zwei, dreimal kam vom Waldrande her ein Pfiff. Bertina hörte es nicht. Die Sonne sank in den Föhrenwald; eine ungeheure Feuergarbe schoss in den blassgrünen Himmel empor. Eine graue Bachstelze trippelte auf fadendünnen Beinchen auf dem Steinwall heran; als sie durch irgend etwas erschreckt aufflatterte, erwachte Bertina aus ihrem Traum. Mit einem Seufzer glitt sie auf die Wiese nieder und ging gegen den Hof zu; nicht ein einziges Mal schaute sie sich um. Und so schritt sie dahin, von der heimlichen Herrlichkeit der Abendröte umflossen.

Am Waldrande hingegen lag noch immer ein Mann. Der brach Zweige von den Büschen und zernagte sie mit seinen grossen, gelben Zähnen, der spuckte Späne aus und murmelte Verwünschungen. Zuweilen stach er mit seinem grossen Messer gefährlich in den schwarzen, feuchten Erdboden.

Ernste Absichten

Allerlei Unordnung war ausgebrochen durch des Kontoristen Autun Eingreifen in die Verhältnisse auf Kongshaugen. Autun selber ahnte es nicht.

Er hatte nur vernommen, dass Herr Erling plötzlich ein Auge auf die Pächterstochter von Mykja richtete, dass sogar ein Zimmer bereit stand. Dieses alles hatte Autun natürlich von Marlene vernommen, denn Marlene zeigte nur geringe Begeisterung für den Einzug Bertinas. Jeder muss mit den Waffen kämpfen, die ihm gegeben sind. Marlene kämpfte mit List und geheimer Diplomatie.

Obschon er nie ein grosser Menschenkenner gewesen, der alte Autun, so merkte er doch, dass Herrn Erlings Blut mächtig aufwallte. Es bedurfte dann nur Marlenens kleinen Kunstgriffs, und Autun entschloss sich abermals einzugreifen. Um die Gefahr beizeiten abzuwehren, wagte er es und nahm auch diese Angelegenheit in seine Hand. „Ist das wirklich so, dass Marlene gehen soll?“

„Marlene?“ fragte Herr Erling überrumpelt. „Wer behauptet das?“

„Soviel ich vernommen habe, soll Bertina von Mykja hier eintreten ...“

Doch bleibt es stets eine gefährliche Sache, wenn das Blut der Menschen in Brand gerät. Es ist dann nicht so einfach und geradehin, die Fäden in seiner Hand zu halten. Dieses führte zu einer kleinen Konferenz auf dem Privatkontor. An sich war die Lage der Dinge ja einfach genug; Herr Erling brauchte nur daran erinnert zu werden, dass der Luxus mit zwei Mägden gegen die Abmachung verstiess. Man musste ihm klarmachen, dass er ein wenig an Händen und Füssen gefesselt war. Wohl sass er noch immer hinter seinem grossen Tisch, und der Kontorist stand davor. Der Kontorist wandte sein Antlitz zu Boden, und seine Stimme war behutsam; aber er sagte: „Das Schicksal von Kongshaugen steht auf dem Spiel. Entschuldigen Sie.“

„Was in aller Welt?“

Autun weicht aus. „Bertina ist zu gut für ein kleines Abenteuer.“

„Ich denke gar nicht daran“, entfährt es Herrn Erling.

„Haben Sie denn ernste Absichten?“ fragt Autun verblüfft.

Wie wird doch Herrn Erlings Gesicht jetzt dunkel, und wie traurig wird sein Blick. „Ich weiss nicht, was ich dir darauf antworten soll“, gesteht er.

Nun begreift selbst Autun, dass diese Angelegenheit sich nicht mit zwei Worten ordnen lässt.

Wenn es darauf ankommt, will Herr Erling Marlene opfern, er will Jarl opfern — dies und das und jegliches. Wie schwer ist es doch, Herzen zu lenken und Menschen zu regieren.

Ein tiefer Graben tut sich auf zwischen diesen zwei Männern, die das Leben so eng zusammengebracht. Das Blut bleibt auch in diesem Falle Sieger; der alte Autun unterliegt. „Ich meinte es gut“, murmelt er verlegen. „Alles für Kongshaugen — das sollen Sie nie vergessen.“

„Nein, nein ...“

Aber der Graben ist da und kann nicht übersprungen werden. Jeder steht auf seiner Seite. Damit wird es Ernst.

Herr Erling besteigt abermals den Schimmelhengst Jarl und reitet über den Berg nach Sudalen zum Hofbauern Leif ...

Dieser junge und stürmische Freier war indessen noch zweimal in Mykja gewesen, da seine erste Auseinandersetzung mit Bertina nicht zum Ziel führte. Genau wie zu früheren Zeiten schlich er unter das Küchenfenster und pfiff. Er pfiff umsonst. Als er eine Handvoll Kieselsteine hinaufwarf, regte sich etwas. Das war Bertina selber, und sie fragte: „Was treibst du schon wieder für Unfug, Mensch?“

„Komm sogleich zu mir hinter die Scheune“, befahl Leif. Schwer geladen mit Empörung und siedend von Entschlüssen war er; das bekundete sein fester, bestimmter Ton. Er fühlte sich im Recht. „Pein und Tod — heute wird ein ernstes Wort geredet, du ...“

„Oh, du Leif, du Leif! Du musst dich eben darein finden.“

Leif fängt wieder an zu hüpfen: „Sören und Samuel und Satan — komm hinter die Scheune, hab’ ich gesagt — willst du nicht?“

„Was soll ich hinter der Scheune?“ erkundigte sich Bertina kalt. „Nein, dazu habe ich keine Lust.“ Damit dreht sie sich um und geht wieder ins Haus zurück.

„Ich sehe, dass du noch ebenso verrückt bist wie das letztemal“, ruft Leif ihr erbittert nach.

Umsonst alle Mühe, alle Bitten, alle Drohung.

Bertina schloss die Tür hinter sich. Auf dem Tun von Mykja stand also Leif, starrte die verschlossene Tür an und dachte sich einiges dabei. An diesem Abend wollte er sich nicht abweisen lassen; sondern es sollte endlich etwas Entscheidendes geschehen.

Leif bewies grosse Ausdauer und bewachte die Tür, trieb sich auf dem Tun herum, bis alle Lichter erloschen, pfiff zuweilen, warf zuweilen Sand und Kiesel — bis nicht die geringste Hoffnung übrigblieb. Zuweilen redete er laut. Erst nach Mitternacht ging er fort.

Viel Unbegreifliches findet sich stets zwischen Himmel und Erde. Leif gab die Hoffnung noch immer nicht auf, sondern stand am folgenden Abend wieder auf dem Tun von Mykja, denn er wollte nicht kampflos auf Bertina verzichten.

Diesen Gang hätte er sich ebensogut ersparen können wie die früheren, obgleich er es nun mit einem gröberen Stein durch den Rauchfang versuchte. Nein, die Welt war verhext. Der Vater trat unter die Tür, der Pächter Asbjörn, mit erschreckten Augen und gesträubtem Bart: „Mir scheint, du wirfst Steine, verfluchter Schlingel ... kommst zu uns herauf und benimmst dich wie ein Räuber ... Warte, du junger Hund, gleich zieh ich meine Hosen an, und dann will ich dich verhauen.“

Zu dieser Stunde war Leif zu einer Rauferei hervorragend aufgelegt; er spuckte in die Hände, ballte sie zu Fäusten und trommelte sich auf den Brustkasten, dass es unheimlich dröhnte. Er stampfte mit beiden Füssen und fragte: „Wie? Soll es vielleicht hier Hiebe absetzen? Wohlan — komm nur herunter, du haariger Pavian.“

Kein Zweifel, der rabiate Freier war jetzt zu allem fähig. Aber diese Sprache reizte den Pächter Asbjörn über alle Massen; so schwer beweglich er auch zumeist im täglichen Leben war, bei dieser Gelegenheit fand er die passenden Worte und verkündete sie laut von seiner hohen Steintreppe herunter. Um seinen Worten mehr Gewicht zu geben, bückte er sich nach seinem Holzschuh.

Sie trieben sich gegenseitig in eine vielversprechende Wut hinein. „Warum ziehst du denn deine Hosen nicht an?“ erkundigte sich Leif. „Komm, holder Engel, ich will dich küssen ...“

Aber der Pächter Asbjörn beeilte sich nicht, bückte sich höchstens nach dem zweiten Holzschuh und rief: „Wenn du es wagst, einen Schritt die Treppe hinauf zu machen, werde ich dir meine Holzschuhe in dein freches Maul pflanzen.“

„Ob ich es wage, du bärtige Schweineblase“, höhnte Leif, äusserst unternehmungslustig. „Ja, dieses sollst du alsbald erfahren. Und deine Lederhosen brauchst du dazu nicht ...“

Nun trat Bertina dazwischen. Bertina zögerte keinen Augenblick auf der Treppe und hielt auch keine Kampfreden, sondern trat an Leif heran. Und als Leif wieder auf seiner Brust trommelte, schaute sie ihm mit unsäglicher Verachtung zu und wartete ruhig, bis er aufhörte. Dann sagte sie: „Wenn du nur selber sehen könntest, wie lächerlich und widerwärtig du dich benimmst, Leif. Jetzt musst du nach Hause gehn. Zwischen uns ist alles aus.“

Mit einem Schlage wird Leif nüchtern; fast weinerlich fragt er: „Sollte das dein letztes Wort sein?“

„Du brauchst nicht wieder nach Mykja zu kommen“, sagt Bertina laut, klar und abschliessend.

Leif starrt ihr auf den Mund, als erwarte er noch etwas. Doch sie wendet ihm nur den Rücken und kehrt ins Haus zurück ...

Aber Leif gab es trotzdem nicht auf. Er lauerte einen ganzen Tag hinter dem Steinwall, und so erwischte er Bertina noch einmal. Er zeigte sich da keineswegs weicher im Gemüt, im Gegenteil, er hatte einen guten Trumpf in der Hand. „Wie steht das Befinden?“ fragte er hinterhältig.

Bertina blieb stehen und runzelte die Stirn. „Kann ich denn keine Ruhe vor dir finden?“ fragte sie bitter.

„Soviel ich höre, hat dich der junge Herr schon wieder aufgegeben ...“

„Oh, du einfältiger Leif — geh heim und leg dich“, erklärte darauf Bertina.

Leif wölbte mächtig seine Brust: „Du bildest dir schon gar zu viel ein. Du sollst aber erfahren, dass auf Kongshaugen hinfort der alte Autun das Regiment führt. Bis auf den obersten Firstziegel gehört alles ihm. Und er wird es nicht dulden.“

„Marlene schwätzt wie eine Elster“, entgegnete verächtlich Bertina, und damit geht sie weiter.

Er aber bleibt an ihrer Seite, ei, er ist jetzt sicher und obenauf, und er meint, ein paar Hiebe müsse sie schon haben für all ihren Übermut. „Kongshaugen ist fertig. Wenn Autun nur will, kann er deinen jungen Herrn auf die Strasse werfen.“

Bertina gibt darauf keine Antwort mehr; sie geht in den Stall. Aber er bleibt an ihrer Seite und fährt fort, Kongshaugen und den jungen Herrn zu verhöhnen. Auf einmal wendet Bertina sich ihm zu. Sehr bleich ist sie, und ihre dunklen Augen funkeln: „Jedesmal machst du dich gemeiner, Leif. Das muss jetzt genug sein. Höre: Auf der Stelle, wo du jetzt stehst, stand er — und er küsste mich ... Ich wäre trotzdem niemals, hörst du, niemals, nach Kongshaugen gegangen, wenn du dich nicht so gemein benommen hättest — du und Marlene und ihr alle ...“

„Aber jetzt — jetzt gehst du also zu ihm?“ fragt Leif atemlos.

„Wenn er mich noch einmal fragen sollte — ja, dann würde ich nach Kongshaugen gehen ... nichts und niemand könnte mich hindern ...“

Leif besinnt sich lange, dann fragt er hoffnungslos: „Und was wird dann aus uns beiden?“

„Zwischen uns hat es nie etwas Ernstes gegeben, du ... Ich ging ein paarmal neben dir her und verstand es nicht besser.“

Mit hängenden Armen und gekrümmtem Rücken schleicht Leif davon. Das Leben war ihm nicht gnädig. Was ist im Grunde Leifs Leben? Er besitzt dieses Stücklein Land, dazu ein baufälliges Häuslein, vier magere Kühe, eine alte Mähre und Schulden. Ja, was ist sein Leben? „Dreck auf Dreck!“ ruft Leif bis zur Auflösung verzweifelt und erbittert.

Zuweilen marschiert er, zuweilen hält er inne; das wird ein sorgenvoller Heimweg.

„Hallo — ist das nicht Leif von Sudalen?“

Herr Erling ... Herr Erling auf dem Rücken Jarls, zwischen den braunen Föhrenstämmen. In gewaltigem Schreck duckt sich Leif.

Herr Erling betrachtet seinen Nebenbuhler. „Du kommst gewiss von Mykja?“ fragte er, und da Leif sich nur vorbeugt und von der Seite zu ihm heraufschielt, fügt er streng hinzu: „Dieses sollst du in Zukunft lieber unterlassen ...“

Was aber zuviel ist, das ist zuviel, selbst in einem einsamen Föhrenwalde. Hatte Leif denn nicht schon mehr als genug erduldet? Soll er dazu auch noch Herrn Erlings Hohn erdulden? Nein, jetzt fürchtet er weder Himmel noch Hölle; er hat ja nichts mehr zu verlieren. Seine Blicke schweifen über den Erdboden hin, genau so, als suche er einen passenden Stein oder einen geeigneten Ast.

Jedoch die Vorsehung, die Leif seine Liebste genommen, legt ihm im richtigen Augenblick weder Ast noch Stein auf den Weg. Nichts anderes bleibt ihm also, als das Messer unter der Jacke hervorzuholen.

Vom Pferderücken herab folgt Herr Erling dieser Vorbereitung. Fast sieht es so aus, als sollte sogleich etwas Ernsthaftes geschehen. Doch als Leif sich mit seinem Messer an Jarls Seite heranmacht, erhebt Herr Erling seinen Arm. „Toller Kerl“, sagt er spöttisch. „Sogleich steh still ...“

Wenn Leif glaubte, mit seinem Messer eine rasche Tat zu vollbringen, mit einem Stoss sich zu rächen für erlittene Schmach, so ward er auch hierin genarrt. Er schaut in die kleine Mündung eines Stahllaufs und gibt es auf. Sein Unternehmen ist aussichtslos; alles ist aussichtslos. Das Leben erzeigt sich Leif mehr als abscheulich.

„Steck dein Messer weg!“ wird ihm befohlen.

Er gehorcht, wenn auch widerstrebend. Er gehorcht nicht, weil er sich vor dem Tode fürchtet, sondern weil ihm jetzt alles gleichgültig ist.

Doch als Herr Erling in dieses von Wut und Erbitterung verzerrte Gesicht blickt, empfindet er aufrichtiges Mitleid, denn er fühlt sich nicht frei von Schuld. Herr Erling verlangt nicht nach Leifs Blut. „Hattest du wirklich ernste Absichten?“ fragt er.

Gewiss hatte Leif die Absicht, den Herrn von Kongshaugen zu erstechen. Finster erwidert er: „Ich hatte nur Bertina, und Sie hatten viele ...“

„Bertina — sie wohnt ja noch immer auf Mykja ... Bertina, das ist ein Mädchen, das sich nicht nehmen lässt.“

„Sie wird zu Ihnen kommen“, entfährt es Leif.

„Ach, das bildest du dir ja bloss ein.“

„Wenn sie es mir doch soeben selber sagte ...“

Eine gute Nachricht für Herrn Erling, eine strahlende Nachricht; sie stimmt ihn noch um vieles milder. Ja, nun möchte er gerne so viel als möglich wieder gutmachen an Leif. Es kommt ihm ein anderer Einfall. „Daran ist nun nichts mehr zu ändern, und du musst darüber hinwegkommen. Bertina war eben nicht für dich bestimmt. Aber finden sich denn nicht noch Mädchen im Überfluss in dieser Welt? Du brauchst ja nicht gerade in unserer Gegend zu suchen ...“

Das, was darauf folgt, mag ein bisschen komisch wirken; aber es bleibt dennoch eine ausgezeichnete Lösung, eine feine und gesittete Neuordnung der Dinge. „Ich will dir helfen, Leif“, sagt Herr Erling. „Ich will dir deinen Gaard abkaufen. Ich bezahle einen Überpreis ...“

„Das sagen Sie nur so“, knurrt Leif, den der Zorn von neuem übermannt.

„Nein, was fällt dir ein? Lass uns jetzt gleich in aller Ruhe und gründlich darüber verhandeln.“

Leif lässt sich im weichen Moos nieder, und sie unterhandeln. Leif rupft einen Grashalm aus, kaut daran und versucht, so viel als möglich aus seinem Unglück herauszuschlagen. „Es kommt ganz darauf an, was Sie zahlen wollen“, meint er. „Machen Sie ein Angebot.“ Und als er Herrn Erlings Angebot hört, zieht eine linde Wärme in seine zerfleischte Brust.

Es ist ein fürstliches Angebot; aber Leif hat nun sein Eisen im Feuer. Er besinnt sich nicht lange und verlangt mehr. Er erhält auch mehr. Herr Erling nickt. „Abgemacht.“

Diese glatte Zusage macht Leif doch ein wenig misstrauisch; ei, er ist jetzt ganz bei Kaufen und Verkaufen. „Nein, nein, ich verstehe schon, dass Sie auch dabei nur Ihren Spass mit mir treiben.“

Herr Erling runzelt die Stirn. „Was schwätzest du da?“

„Können wir es gleich schriftlich machen?“

„Warum denn nicht“, sagt Herr Erling, indem er schon sein Büchlein und den goldenen Bleistift aus der Tasche zieht. Auf dem Sattelknopf schreibt er den Kontrakt. Setzt seinen Namen darunter, so flott und rundhändig wie je.

Leif studiert den Vertrag lange und gründlich, kratzt sich unter dem Mützenrand. „Sie haben nicht kontante Auszahlung hingesetzt.“

„Nein, das versteht sich von selber.“

„Ja — vielleicht, aber besser ist, wenn Sie es hinsetzen.“

Noch einmal runzelt Herr Erling die Stirn; doch er setzt die kontante Zahlung hin.

Leif hat eine neue Sorge: „Wird Autun das Geld herausgeben?“

„Autun?“ ruft Herr Erling ärgerlich. „Ja, das sollte nur fehlen ... Heute ist Freitag, morgen schliesst die Bank schon am Vormittag; aber am Montag kannst du zu mir kommen und dein Geld abholen. Melde dich auf dem Privatkontor.“

Abgemacht. Ein verteufelt feiner Einfall. Der Weg ist frei; Herr Erling lässt die Zügel los, und Jarl, der schon längst ungeduldig scharrte, weil er kein Verständnis hatte für Handel und Wandel der Menschengeschöpfe, schiesst davon.

Jarl jagt durch den dunklen Föhrenwald; Jarl jagt durch den lichten Birkenwald, setzt über Gräben und Steine und Büsche und trägt seinen Herrn nach Mykja. Es wird ein toller Ritt, oft muss der Reiter sich tief niederbeugen, muss den untersten Ästen flink ausweichen, sonst könnte ihm der unerwartete Erfolg leicht den Hals brechen.

Fast könnte man glauben, es habe der Herr von Kongshaugen dem Hofbauern Leif die Braut abgehandelt. Aber es bleibt trotzdem ein guter Handel nach allen Seiten hin, keine Feindschaft mehr, kein Blutgericht.

Der Hofbauer Leif zieht befriedigt seines Weges; restlos glücklich ist er wohl nicht. Wer ist restlos glücklich? Aber Leif ist nicht länger völlig glücklos; er hat wieder Hoffnung auf die Zukunft; vor ihm liegt nicht mehr das Ende aller Möglichkeiten. Vor ihm liegen Möglichkeiten ohne Ende.

Und als der Herr von Kongshaugen auf den Gaard von Mykja trabt, steht, weiss Gott, die Pächterstochter auf dem Tun. Und als Herr Erling aus dem Sattel springt, sagt sie: „Ja, ich stand dort am Fenster und sah Sie durch den Wald reiten.“

Der Karren soll laufen

Bertina sträubte sich nicht länger. Als alle Welt gegen Herrn Erling stand, stand sie zu ihm. Sie zog in ihr prächtiges Zimmer auf Kongshaugen ein.

Sie wartete zwar noch eine ganze Woche lang und kam erst vom Mykjatal herab, als Leif mit seinem Geld das Postschiff bestiegen und südwärts gedampft war. Aber dann kam sie — hoch, dunkel und ein wenig seltsam.

Nun war doch alles gut.

Wenigstens hätte alles gut sein können. Wenn der alte Autun nicht abermals an den Fäden in seiner Hand gezogen hätte ... Es ging stets ein wenig anders, als Autun es sich ausdachte. Er steuerte und steuerte; aber das Schiff segelte immer wieder seinen eigenen Kurs.

Der alte Kontorist war durchaus nicht der Ansicht, dass Herr Erling seine Aufgabe so vorzüglich löste. Vieles mochte daher rühren, dass Autun den ewigen Zauber frischer Frauenlippen nicht ahnte und dass er nie erschüttert worden war von einem verheissungsvollen leisen Lachen aus der süssen Tiefe einer Frauenbrust. Wie hätte er sich sonst beim Preis für Sudalen lange aufhalten können. „Sie haben den Gaard drei- und vierfach überzahlt“, tadelte er.

„In diesem Falle, lieber Autun“, wandte Herr Erling mit leisem Vorwurf ein.

Just in diesen Tagen, da auf Kongshaugen alles auf Biegen und Brechen stand, habe eine solche Summe sehr viel zu bedeuten, meinte Autun in seiner Einfalt. Dass Herr Erling dazu noch in einer Weise handelte, die der Abmachung zuwiderlief und vielleicht nicht ganz gesetzlich war, das wagte der gute Autun nicht einmal anzudeuten.

In Herrn Erling war eine heftige Krankheit ausgebrochen, und er war durch Fieberhitze getrieben worden. Er rief den Bankdirektor Simonsen aufs Privatkontor und nahm eine Anleihe auf — eine schicklich grosse Anleihe; erstens zur Deckung des Hofkaufes und zweitens für weitere Bedürfnisse. Zu Beginn der Unterredung hob Simonsen wie zur Abwehr seine Hand und zögerte; das überschreite seine Befugnisse, meinte er und wollte zuerst dem Bankrat einen Antrag stellen. Aber zur Hölle mit allen Bankräten — Herr Erling konnte unmöglich warten. Daher bot er Pfänder und Unterpfänder, doppelte Sicherheit. Blieb denn Kongshaugen nicht immer Kongshaugen und die hohe Burg über dem Städtchen? Gut. Auch dieses erfüllte sich.

Abermals hatte Herr Erling viele Scheine und Silberkronen in der Hand. Nun durfte er schalten und walten. Es war vielleicht Sündengeld; ausserdem verstiess es gegen eine gewisse Abmachung. Doch Herr Erling rechnete damit, dass Autun ihn nicht würde fallen lassen — er war doch so verliebt und leichtsinnig, Herr Erling. Er war ein feuriges Pferd, dem man sowohl Trense als Kandare anlegen wollte. Das Pferd bäumte sich und schlug aus.

Aus seiner Haut zu fahren vermag niemand; nicht einmal der alte Autun, der möglicherweise einzig dazu in diese Welt gesetzt worden, seinem jungen Herrn beizustehn. Durfte Autun jemals seine Ansprüche geltend machen? Ausgeschlossen.

„Es eilte, lieber Autun“, sagte Herr Erling. „Und, Autun, der Gaard Sudalen grenzt doch an die Stadt? Wir wollen ihn aufteilen und Bauplätze verkaufen ...“

Leider hatte diese Stadt es seit undenklichen Zeiten in sich, nur langsam und bedächtig zu wachsen. Ein Menschenalter ging dahin, bis eine neue Strasse entstand, und vielleicht entstanden nur ein paar elende Holzhäuser. Nein, Autun erwartete nichts von der Spekulation mit Bauplätzen.

„Wir werden wieder ankurbeln!“ rief Herr Erling feurig. „Der Karren soll laufen ...“ Und da Autun noch immer nicht warm werden wollte, rief er: „Warte nur, lieber Autun, bald sollst du blaue Wunder erleben!“

Die Liebe machte Herrn Erling zuversichtlich und draufgängerisch. Vor keinem Hindernis und vor keinem Wagnis schreckte er zurück. Und er ist doch der Sohn des seligen Herrn Nikolaj, so und nicht anders kennt ihn der alte Autun, der gute Geist ...

Hierauf erschien also Bertina. Der Pächter Asbjörn selber brachte sie mit dem Wagen aus dem Mykjatal herunter, dazu ihre grosse, buntgemalte Kiste.

Dieser Pächter schaute nicht mehr umständlich vor sich nieder und suchte die Stelle am Boden aus, auf die er seinen grossen Fuss setzen durfte. Ganz im Gegenteil; Asbjörn schritt selbstbewusst über den Hof von Kongshaugen und schnaufte lauter als nötig, als er Bertinas Kiste vom Wagen hob. „Steh nicht nur so herum, du Mädchen“, sagte er barsch zu Marlene. „Fass an!“

Damit kam er allerdings bei Marlene nicht ganz an die Richtige. „Was brüllst du so?“ erkundigte sie sich, indem sie ihren Blick ungefähr auf des Pächters Knie richtete. „Du hast hier nichts zu kommandieren, alter Knebel“, sagte sie hochfahrend. „Und wenn deine Kiste nicht Beine hat, musst du sie schon selber tragen.“

„Das sollst du bereuen“, verhiess der Pächter, hob Bertinas Effekten ohne fremden Beistand auf die Schulter und trug sie ins Haus. Er trug sie nicht ohne Würde und wandte sich dem Haupteingang mit den zwei geschnitzten Eichentüren und den schweren Messingbeschlägen zu. Aber Marlene huschte flink wie ein Wiesel an ihm vorbei und verschloss die Tür vor seiner Nase. „Was ficht dich nur an, du Mann mit deiner Kiste?“ rief sie. „Siehst du denn nicht, dass dieses der Herrschaftseingang ist?“

Da half dem Pächter aller Hochmut nichts; er musste den Küchenweg nehmen. Nun wohl, Asbjörn war der Mann, der auch diesen Weg mit Würde zu gehen vermochte.

Der Empfang auf Kongshaugen war nicht so unmässig glänzend; Herr Erling stand nicht selber am Fenster und winkte mit der Hand. Wie hätte jemand solches erwarten dürfen? Dem Pächter Asbjörn schien es auch ohnedies ein rechter Glückstreffer, denn er war ein vernünftiger Mann und zufrieden mit dem, was ihm das Schicksal freiwillig bescherte. Die Magd Marlene, die ihm voranschritt und ihn herausfordernd betrachtete, würdigte er keines Wortes mehr. „Hier ist ihr Zimmer“, sagte Marlene und stiess eine Tür auf. Der Pächter stellte die Kiste nieder, ging wieder durch die Küche hinaus und bestieg seinen Wagen.

Aber er schnalzte zuversichtlich mit der Zunge. Asbjörn hatte jetzt selber zwei Mägde auf Mykja und konnte nach Herzenslust kommandieren und dominieren ... Heissa, hussa — trabe ein wenig, gutes Pferdchen! Du kannst dich darauf verfluchen, vom Gaard Mykja wird hinfort kein Pachtschilling mehr eingetrieben ...

Möglicherweise war selbst dieses noch nicht ganz moralisch, doch die Dinge entwickelten sich dabei hervorragend.

„Du sollst gleich zu ihm hinübergehen“, sagte in der Küche Marlene zu Bertina.

Gut. Was geschehen muss, das geschieht stets und überall und lässt sich durch Menschenlist und Menschenwillen nimmer aufhalten. Die Tür des Privatkontors öffnete sich, und herein schritt Bertina; ihr Gesicht war noch undurchdringlicher als das erstemal ... In sieben schillernde Schleier gehüllt, schwebte Bertina heran. Sie richtete ihre dunkelglühenden Augen auf Herrn Erling und wartete neben der Tür. Und als Herr Erling sich nicht bezähmen konnte, sondern hinter seinem grossen Tisch hervorsprang, spielte ein verstohlenes, sanftes Lächeln um ihren Mund.

Wie ein kleines Mädchen führte er sie an der Hand zu einem der mächtigen Ledersessel hin. Darin versank die Tochter von Mykja, versank in einer weichen Wolke. Wie ein Märchen wurde alles auf einmal: Reichtum, traumhafte Pracht und ein Ahnen von überirdischen Freuden. Barhäuptig kam Bertina nach Kongshaugen.

Ihr Kleid war einfach, doch vom Schnitt der Tagesmode; also sehr kurz und liess ein gutes Stück von den schlanken Beinen sehn. Sie war doch wohl nicht so völlig unwissend, die schöne Tochter Asbjörns — weshalb hätte sie sonst diese feinen Seidenstrümpfe über ihre Beine gezogen? Hauchdünne, schwarze Seidenstrümpfe, durch die ihre Haut hell und zart schimmern durfte. Ach, das mag auch nur der Zug der Zeit gewesen sein — alle Weiblichkeit wollte die Beine zeigen. Hätte Bertina allein einen langen Rock und Wollsocken anziehn und sich schämen sollen?

„Ich bin sicher“, sagte am Abend Marlene zu ihren Freundinnen im Städtchen, „sie schnitt noch Handbreit von ihrem Rock ab, ehe sie die Höhle von Mykja verliess. Ja, ich muss sagen — fast wagte ich nicht hinzuschauen ...“

Doch da sass also Bertina in diesem Ungeheuer von Klubsessel, legte ihre Arme auf die breiten Polster und lehnte sich zurück. Herr Erling wagte hinzuschauen. Lieber Gott, dachte er überquellenden Herzens.

Da er hiermit abermals ein Kavalier und ein grosser Herr war, griff er in die Tasche und holte ein Päcklein hervor. „Sei so gut, Bertina — öffne es.“

Ein Ringlein. Ein goldenes Ringlein mit drei hellen Steinen, mit drei Sonnensplittern, die blaue Blitze warfen. Sie spiegelten sich in Bertinas Augen; eine feine Röte zog ihr langsam vom Halse empor.

„Trag ihn in Gesundheit“, sagte Herr Erling.

Hierauf kam eine Überraschung.

Das Brillantengefunkel in Bertinas Augen wurde noch lebhafter, ja ihre Augen schimmerten verräterisch, und ihr rundes Kinn zuckte ein wenig. Aber sie lächelte und sagte: „Tausend Dank ... Nein, den Ring darf ich nicht annehmen.“

Was in aller Welt?

„Es ist das wenigste, was ich dir zum Willkommensgruss schenken könnte“, sagte Herr Erling.

Aber nein.

„Nein“, erklärte Bertina, „dieses darf nicht sein.“

„In des Himmels Namen!“ rief Herr Erling bestürzt.

Das war ihm neu. Doch er musste sich darein finden, denn er begriff bald, dass es nein blieb, wenn Bertina nein sagte.

„Sie sollen sich meinetwegen keine unnötigen Ausgaben machen“, sagte Bertina noch. „Sonst darf ich nicht auf Kongshaugen bleiben ... Sie hätten das nicht tun sollen ... und nun lege ich ihn wieder hier auf den Tisch.“

Auf der Messingplatte des Rauchtisches lag ein Ring und funkelte. „Hat man je so etwas erlebt“, staunte Herr Erling. „Willst du ihn nicht wenigstens einmal anprobieren?“

Zum erstenmal senkte Bertina ihren Blick und sagte leise: „Wenn ich doch noch zu Ihnen kam, so kam ich nicht um Gold und Gut.“

Grosser Gott, dachte Herr Erling abermals bei sich selber.

Sicherlich übertrieb Bertina ein wenig. Aber es war doch grossartig, wie sie hierauf gehorsam den Goldring an ihren Finger steckte, in rührender Befangenheit Herrn Erling ihre Hand überliess, so dass er den Ring daran betrachten konnte, und wie sie den Ring dann wieder auf den Tisch legte. Doch es war auch unheimlich zu gleicher Zeit.

Herr Erling griff nach ihrer Hand, zog sie an sich und fragte mit einem Beben in der Stimme: „Warum, Berlina, bist du denn zu mir gekommen?“

„Ich hörte, dass es Ihnen nicht gut ging“, gestand Bertina offen.

Bertinas Einzug auf Kongshaugen gestaltete sich doch ganz anders, als Marlene und alle Welt erwarteten. Wohl am schlimmsten traf es Herrn Erling selber. Der Pächterstochter gegenüber fühlte er sich vollständig hilflos ... Dieses Mädchen verlässt sein Vaterhaus, nimmt das Geschwätz der Stadt auf sich und kommt nach Kongshaugen, nicht um zu nehmen, sondern um zu geben. Das begriff Herr Erling nicht, nein, das begriff er durchaus nicht. „Wie?“ fragte Herr Erling sich selber, „wie soll denn dieses Mädchen behandelt werden?“

Alle seine Erfahrungen und Kenntnisse der in- und ausländischen Frauenwelt halfen ihm wenig. Sie alle, die früher in seinem Leben auftauchten, sie kamen und nahmen irgendwie und gingen wieder. Und er vergass sie bald. Dieses hier war etwas Neues und Unbegreifliches schon vom ersten Augenblicke an. Mit einem Gemisch von Neugierde und Ängstlichkeit ruhte Herrn Erlings Auge auf seiner neuen Magd.

Wohl kam dann schliesslich doch noch das, was kommen musste. Aber es kam nicht am ersten Tage und auch nicht am zweiten, und es kam überhaupt so unbegreiflich und fast feierlich. Wenn Herr Erling seine Magd auch schliesslich eroberte, so war er deswegen noch lange nicht der Sieger. Der Sieger? Gott helfe Herrn Erling, er musste wahrlich noch viel lernen zu dem, was er schon konnte.

Welch seltsamer Kampf ... Die Magd unterwarf sich dem Herrn in Demut; aber ihre grosse Demut machte ihn schwach. Der weiche Widerstand der Magd machte ihn wild und verrückt. Er wusste es selber nicht; aber er kämpfte nicht um ihren Leib, er kämpfte um ihre Seele. Und weil er in dieser Beziehung so unwissend war, wandte er die verkehrten Mittel an: er wollte Bertinas Seele kaufen.

Mit jedem Tage bot er mehr; er bot schliesslich mehr, als er selber besass. „Nein, nein“, sagte Bertina sachte.

Er verzweifelte und wollte um jeden Preis ein Ende machen; darum bot er Bertina seine Hand.

Nein.

„Du sollst Herrin auf Kongshaugen werden“, rief er.

Nein.

„Was verlangst du denn, Bertina — sag nur ein Wort ...“

Nichts.

„Hör mich an, Bertina! Keine Macht der Welt kann mich daran hindern, dich zu heiraten ...“

„Aber ich kann nicht.“

„Wenn es doch mein heiliger Wunsch und Wille ist?“

„Zu diesem bin ich nicht geboren“, sagt darauf Bertina. „Ich bin als Magd geboren.“

Da hatte Herr Erling also gar nichts mehr zu bieten, und er liess seine Arme sinken. Sein Blick wurde verzagt und traurig. Geschlagen kauerte er in seinem Ledersessel. Nun kam eine andere Überraschung.

Bertina beugte sich zu ihm nieder, legte den Arm um seinen Nacken, flüsterte ihm irgend etwas ins Ohr und küsste ihn, küsste ihn mitten auf den Mund. Wahrscheinlich schenkte sie ihm da manches, gab alles für nichts.

Sie sagte wohl ungefähr dieses: „Sieh, mir wurde in dieser Welt nichts gegeben als ein bisschen Liebe; die will ich dir heute schenken ...“

Vielleicht sagte Bertina an jenem Abend auch etwas anderes. Man hat das später nie erfahren. Man erfuhr nur, dass Herr Erling aufsprang und seine beiden Arme um Bertinas Leib schlang und dass er über alle Massen heiss und stürmisch wurde. Woher Marlene es wusste, ist nicht gut zu erraten. Marlene hatte ja scharfe Augen und scharfe Ohren, und es ist durchaus nicht bewiesen, dass sie an jenem Abend am Schlüsselloch gestanden. Nein.

Sicherlich hasste Marlene die Pächterstochter; darum darf man ihre Schilderung nicht ganz wörtlich nehmen. Aber Marlene erzählte später: „Man kann sich davon gar keine Vorstellung machen, was dieses mystische Frauenzimmer bei dem guten und unerfahrenen Herrn für ein Unheil anrichtete. Früher ging er herum und war fröhlich; aber jetzt ist er sich selber nicht mehr ähnlich. Weder bei Tag noch bei Nacht findet er seine Ruhe. Und oft schreit er im Traume ...“

„Nein — wieso weisst du das, Marlene?“ fragten die Freundinnen und lachten. „Hihihi ...“

„Was gibt es dabei zu lachen?“ fragte Marlene mit funkelnden Augen. „Muss ich denn nicht jeden Morgen und jeden Abend heisses Wasser auf sein Zimmer tragen? — Nein, es war mehr als grausam, wie sie ihn zappeln liess. Er sass am Tisch, schaute sie an und seufzte; mehr als zwei Wochen lang. Ich an seiner Statt wäre ihrer längst überdrüssig geworden und hätte sie wieder zum Haus hinausgeworfen: Krieche, Schlange, zurück in deine Höhle ... Aber dann musste es also derart kommen, dass sie seinen Ring auf den Tisch legte und nicht einmal seine Frau werden will ... Wo zielt sie nur hin mit ihrem unnatürlichen Getue?“ fragte Marlene. „Ja, das möchte ich wissen!“ rief sie empört.

Im Städtchen entstand ein lebhaftes Gerede und Gerate; in aller Mund war Bertina, die Pächterstochter. Man glaubte vielleicht nicht alles haargenau, was Marlene erzählte; aber man verstand doch, dass auf Kongshaugen seltsame Dinge vor sich gingen.

Jeden Abend versammelte sich eine Schar junger Mädchen um Marlene und erhitzten sich sehr an ihren Berichten. Marlene schaut sich im Kreise um, schüttelt ihren Kopf und fragt: „Könnt ihr nur ahnen, was sie an sich hat und womit sie ihn so toll macht?“

„Nein, nein“, antworten die jungen Mädchen und können der verzweifelten Marlene nicht helfen. „Sträubt sie sich denn noch immer?“

„Ach die! — Alles nur Komödie und Verstellung ... aber ich frage: Hat sie denn etwas anderes an sich als wir alle ...?“

„Oh, du Marlene, du Marlene!“ rufen die Mädchen und lachen.

„Ich bin so sicher, dass sie ihm einen Zaubertrank eingegeben hat“, erklärt Marlene.

Dieses könne wohl möglich sein, meinten die Mädchen.

Aber Marlene richtet sich steil auf und rollt ihre grossen Augen. „Möglich sein? Habe ich denn nicht mit diesen meinen eigenen Augen gesehen, dass sie allerlei dürre Kräuter einstreut zwischen ihre elende Garderobe ...“

„Ja, da hast du es!“ rufen die Mädchen und stöhnen vor Ergriffenheit.

„Wartet nur — ich komme schon noch dahinter“, gelobte Marlene.

Leider kam sie nie dahinter. Selbst der scharfäugigen und hellhörigen Marlene gelang es nicht, herauszufinden, warum Herr Erling nicht mehr von der Pächterstochter lassen wollte.

Tatsache war, dass er einige Wochen umherging mit blassem Gesicht und sorgenvollen Augen. In jeder Menschenseele bleiben schliesslich ein paar dunkle Winkel.

Auch das muss ein dunkler Winkel sein, wie Marlene sich grämte und plagte und trotzdem auf Kongshaugen blieb. Wenn sie den Mädchen erzählte, sie habe in den paar Wochen schon so viel gelitten wie der Sünder am Kreuz, dann sagte sie wenigstens damit die zuverlässigste Wahrheit.

Sollte Bertina je Freude oder gar Stolz über ihren glänzenden Erfolg empfunden haben, so zeigte sie es jedenfalls nicht; sie trug den Kopf nicht höher als zuvor. Sie wollte nicht mehr sein als die Magd Marlene, nun, da sie auf Kongshaugen gesetzliche Herrin und alles miteinander hätte sein können.

Sollte wohl auch dieses nichts als Berechnung sein? Ein Schloss ward ihr angeboten; das war wahrlich viel. Sie schlug es aus — das war noch mehr. Bertina blieb für jedermann ein lebendes Rätsel.

Sie sagte zu Herrn Erling: „Ich bin hierhergekommen, um zu arbeiten. Aber ich weiss nicht ... In der Küche steht Josefa und will nicht dulden, dass ich ihr helfe. Marlene braucht mich erst recht nicht. Wollen Sie mir sagen, was ich tun soll.“

Und er, verrückter als je: „Du sollst durch diese Zimmer gehn. Du sollst dich hier und dort auf einen Stuhl setzen ...“

„Ist das etwas?“ fragte Bertina.

„Das ist sehr viel. Das ist unbezahlbar viel, Bertina ... Ich habe dir feine Kleider bestellt, die werden morgen oder übermorgen hier eintreffen.“

„Sind denn meine Kleider nicht gut genug?“ fragte sie schnell. Aber sie fragte es freundlich und ganz ohne Hochmut.

„Ei gewiss bist du gut genug, so wie du bist. Aber könntest du mir wirklich nicht den Gefallen tun?“

Bertina besann sich und sagte dann leise: „Wollen Sie das Geld nicht lieber zu andern und wichtigeren Dingen verwenden?“

„Das Geld!“ rief er schmerzlich. Ja, er errötete und schämte sich ob seiner Schwäche und fragte traurig: „Warum, Bertina, willst du mich unbedingt arm und unglücklich haben?“

Darüber erschrak sie und besann sich noch einmal. „Nun denn, wenn Sie es wünschen ...“, sagte sie und fügte sich, zögernd zwar und widerstrebend.

Die schönen Kleider trafen richtig auf Kongshaugen ein, Bertina zog sie an und glich einem Märchen. Herr Erling bebte vor Freude. Er legte ihr ein feines Goldkettlein mit einem grossen Funkelstein aufs Haar. „Dieses sollst du tragen, denn es passt sowohl zu deinem Haar wie zum Kleid“, und seine Stimme zitterte vor Erregung. „Du ahnst ja gar nicht, wie wunderbar du in Wirklichkeit bist.“

Sehr sorgsam führte er sie vor den grossen Spiegel hin, so dass sie sich selber betrachten konnte, vom Scheitel bis zur Sohle. Als Bertina sich in ihrer neuen Pracht sah, kam ein feuchtes Schimmern in ihre Augen. Mit einem Male war etwas Neues und Weiches an ihr. „Dieses sind prächtige Kleider“, sagte sie. „Und es ist ein kostbarer Schmuck. Aber ich darf beides nicht besitzen. Ich will es nur leihen.“

Mit so sanften Mitteln beherrschte diese Magd ihren Herrn.

Kein Wunder, dass Marlene, die unermüdlich auf der Lauer lag, hin und wieder ein kalter Schauer über den Rücken jagte.

Bertina beherrschte in gewissem Sinne auch Marlene.

Herr Erling fragte einmal: „Wie kommt das nur, Bertina, du redest nicht die Sprache des Volkes, nicht die Bauernsprache unserer Gegend?“

„Finden Sie das wirklich? Es mag vielleicht daher kommen, dass ich so viele Bücher las. Ich war ja stets allein.“

„Bücher“, sagte Herr Erling. „Wahrlich, du sollst Bücher bekommen.“

Darüber war Bertina sichtlich erfreut.

„Du sollst eine ganze Kiste voll Bücher bekommen, Bertina!“ rief Herr Erling. „Ist es denn nicht eine ewige Schande, dass wir auf Kongshaugen nicht einmal eine Bibliothek haben? Aber siehst du, mein Vater und ich, wir hatten stets anderes zu tun, Geschäfte und so.“

Bücher wurden bestellt; ausserdem wurde der Schreiner Michelsen aufs Schloss befohlen. „Jetzt, liebe Bertina, wollen wir miteinander beraten, welches Zimmer sich am besten für unsere Bibliothek eignet.“

„Nein, nein, nein“, rief Bertina entsetzt.

„Warum denn nicht?“ fragte Herr Erling, betroffen von der Heftigkeit ihrer Abwehr.

Ein freundliches Licht

Soviel ist gewiss. Herr Erling rannte mit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen dem Abgrunde zu. Immerhin lag Stil und eine gewisse Grösse in seiner Tollheit.

„Sparen“, sagte er zu seinem Kontoristen Autun. „Sparen, mein Lieber, ist stets ein Eingeständnis der Schwäche. Wir müssen stark sein und verdienen.“

Die Verhältnisse auf Kongshaugen veränderten sich schnell. Sie waren schon so prachtvoll herangereift, dass selbst der vorsichtige Autun einsah, dass hinfort auch die härteste Sparsamkeit nur noch einen lächerlichen Aufschub der Katastrophe bedeuten würde. Darin konnte er seinem jungen, stürmischen Herrn nicht widersprechen. Sollte Kongshaugen jetzt noch gerettet werden, dann musste etwas Grosses, etwas Kühnes und Umfassendes geschehen. Alle Dinge waren in wilden Fluss gekommen.

„Sind denn die Zeiten nicht ausgezeichnet?“ fragte Herr Erling. „Ich habe geheime Nachrichten von Island; dort gibt es, viel früher als gewöhnlich, gewaltige Heringsschwärme ... Zwei kleine Dampfer und eine Galeasse sind mir billig angeboten. Ich habe sie vorläufig für drei Monate gechartert. — Was sagst du dazu, lieber, alter Autun?“

Dem lieben, alten Autun sank die Feder aus der Hand, und er selber sank auf den Stuhl zurück. Das blaue Wunder, das ihm gelobt worden, das sollte er hiermit erleben. Das junge Pferd, das Autun hatte zügeln und zähmen wollen, brannte jetzt durch, mit ihm und Kongshaugen und allem. „Mein armer, sündiger Kopf“, stöhnte Autun, indem er seine mageren Fäuste gegen die Schläfen presste.

Aber war das, was Herr Erling getan, wirklich eine so grenzenlose Dummheit? War es vielmehr nicht das einzige und letzte Mittel zur Rettung? Das begriff Autun, nachdem der erste Schreck verflogen.

Herr Erling war verzaubert; doch stand er im Banne einer guten Fee. Herr Erling irrte in einem grossen, finsteren Wald; aber ein freundliches Licht schwebte vor ihm her und wies ihm wunderbar den Weg.

Auch für Autun gab es nun keine Wahl und kein Zögern mehr. Er selber fing Feuer, setzte sich hin und schrieb Briefe und sandte Telegramme in die Welt hinaus. Gewiss war das Ganze nichts als eine Tollheit und eine Verzweiflungstat. Aber in manchem glich es dem Jagen und Treiben aus des seligen Herrn Nikolajs Zeiten. Es war abermals das Abenteuer und das grosse Spiel, davon wurde der alte Autun ergriffen, und er vergass, dass er auf einem havarierten Schiffe segelte. Nur noch das Wagnis sah er und begann förmlich aufzuleben. Sein eingeschlafener Geist flammte noch einmal auf. Er rechnete und rechnete, trieb Gelder ein, lieh Gelder, verpfändete seine Wertschrift, seine grosse Forderung auf Kongshaugen, verpfändete seinen guten Namen und seine gute Seele. Sicherlich kamen dabei allerhand zweifelhafte Papiere zustande; aber zum Fischhandel braucht man flüssiges Betriebskapital.

Und so wurden denn in aller Heimlichkeit und Eile die beiden Dampfer und die Galeasse ausgerüstet. Herr Erling selber stand jetzt vom Morgen bis zum Abend unten am Hafen und kommandierte in einer Weise, dass die Leute sowohl in Schweiss als in Schrecken gerieten. Ein neuer Geist war in ihn gefahren.

Ein neuer Geist war in alte Dinge gefahren, ein sprühender Feuergeist. Bei dieser Gelegenheit zeigte es sich übrigens, dass Herr Erling gar nicht so unwissend und flatterhaft war, wie die Welt glaubte. Er hatte nun erst sein grosses Erbe angetreten. Und wenn Autun schwach werden wollte und seufzte: „Sollte dieses nicht gut ausgehn, dann stehe uns der Himmel bei!“ Dann zauderte Herr Erling nicht und versicherte: „Es wird glänzend ausgehn ... Ich schrieb meinem Freunde in Schweden; hier, lies seine Antwort.“

Ein Telegramm aus Stockholm, eine Bestellung auf zwanzigtausend Tonnen Islandshering — samt Preis und Lieferfrist.

„Herr im Himmel!“ stöhnte Autun. „Sie haben sich doch wohl nicht fest verpflichtet?“

„Doch, gewiss — der Kontrakt steht.“

Herr des Wassers und der Lüfte; hier handelte es sich um eine Abmachung, wie sie der Fischhandel bis dahin noch nicht erlebt: Der Hering war verkauft, noch ehe er gefangen war. Der Hering schwamm noch in den dunklen Tiefen des Atlantischen Ozeans — wer konnte heute wissen, ob er je gefangen wurde? Und jedenfalls konnte kein Mensch im voraus den Preis bestimmen. Der Heringshandel ist seit jeher ein gewagtes Unternehmen gewesen; das aber, was Herr Erling in jenen Tagen unternahm, war gar kein Handel mehr.

Hussa — hoppla! Toller und toller wurde die Fahrt ... Herr Erling, Herr Erling kutschierte. Der getreue Kontorist Autun sah nur noch feurige Spiralen vor den Augen; er sah weder Weg noch Ziel. Autun wurde vom Sturme mitgerissen — da sauste, schwirrte er durch pfeifende Finsternis; Autun klammerte sich an seinem Stuhle fest und empfahl die unsterbliche Seele Gottvater an.

In einer stillen Nacht fuhren die Schiffe aus und richteten den Bug westwärts. Von seinem Fenster aus sah Herr Erling sie ausfahren und blieb zuversichtlich. Autun hingegen verkroch sich. Das Schicksal aber ging blind und unergründlich über sie beide hin.

Ein Monat verfloss. Von Island liefen die ersten Nachrichten ein. Wohl hatte man dort Heringsschwärme gesichtet; aber sie strichen weit draussen an der Küste vorbei. Das Wetter war stürmisch, so dass die Hochseeboote nicht ausfahren konnten. Das waren keine guten Nachrichten. „Lass ihm nur Zeit, dem Hering“, sagte Herr Erling.

Die Tage gingen. Es stand immer gleich schlecht drüben in Island. Die Galeasse hatte ein paar hundert Tonnen gekauft zu einem Preis, der nur geringen oder gar keinen Verdienst bringen konnte. Die Dampfschiffe fuhren müssig hin und her und verursachten dem Reeder mächtige Unkosten. „Was in aller Welt sollen wir tun?“ fragte Autun, der nie zuvor ratlos gewesen.

„Abwarten“, entschied Herr Erling. Er sandte ein Telegramm nach Island: Nicht kaufen — abwarten.

Und so verstrichen wieder ein paar Tage. Dann geschah das grosse Wunder. In ungeheuren Massen strömten die Heringe plötzlich der Küste zu; ein endloser Brautzug. Raubfische und schwarze Wale bildeten das Gefolge. Ein unerhörter Hochzeitsreigen — sprühendes Liebesleben in der Mitte; gefrässiger Tod rund darum her. Millionen silbern schimmernder Fische fanden ihres Daseins Abschluss in unersättlichen Rachen; doch ihre Zahl wurde nicht geringer. Die Heringsschwärme waren unübersehbar. Meilenweit kochte und schäumte das Meer unter ihren Flossenschlägen. Sie schwamman so dicht, dass die obersten Schichten aus dem Wasser gehoben wurden. Da konnten die Fischer ihre Netze ruhen lassen; sie schaufelten die Heringe vom Meer in ihre Boote. Und wenn die Boote bis zum Sinken belastet waren, ruderten sie ans Land.

Kamen die Schwärme aber an kleinen Buchten vorbei, so wurden die ersten Schichten der Heringe hoch zwischen die Felsen hinaufgepresst. Die Fischer konnten sie trockenen Fusses zwischen den Steinen sammeln und in Tonnen füllen. Wie der helle Widerschein einer langgestreckten Wolke zog es sich der Küste entlang.

An diesem Tage hatte das Meer seine königliche Geberlaune. Es schenkte unermesslich. Es überschüttete eine kahle, arme Felsenküste mit lebendem Silber ...

Ja, das war das Wunder, das Herr Erling erwartete.

Auf Kongshaugen liefen Telegramme ein. Gute Nachrichten, glänzende Nachrichten. Bei diesem Überflusse mussten die Preise natürlich fallen; sie fielen an einem einzigen Tage auf ein Fünftel des Vortages. Zu drei Kronen wurde die Tonne angeboten. Ähnliches hatte man nie zuvor erlebt. Das war das Abenteuer — und nun hiess es zugreifen.

Die Schiffe von Kongshaugen kauften in wenigen Tagen ihre ganze Last ein; die zwanzigtausend Tonnen für Schweden, und dann noch zehntausend Tonnen dazu.

Herr Erling nahm jetzt die Fäden in seine Hand. Autuns Warnung und der ganzen Welt Erfahrung zum Hohn kaufte er weiter. Er kaufte einen Schwarm, der in einer Bucht eingeschlossen war und den die Fischer auf zwölftausend Tonnen schätzten. Herr Erling jagte vorwärts wie ein Orkan. Er schloss Verkäufe ab; er forderte einen Vorschuss aus Schweden und erhielt ihn. So vermochte er die in der Bucht eingeschlossenen Heringe auszuzahlen. Nur ein Netz hielt diesen Fang von den Tücken der See zurück. Jeder kleine Sturm, ein geringer Zufall bloss, konnte das Netz sprengen und den Heringen die Freiheit wiedergeben.

Es folgte eine Woche voll ungeheurer Spannung. Das ganze Städtchen geriet in Fieber und Ungeduld. Alle Leute begeisterten sich über Herrn Erlings Kühnheit.

Die Bescherung kam, der Himmelssegen. In dieser Woche wurden aus dem Netz vierzehntausend Tonnen ausgehoben. Und das Netz sei noch ebenso voll wie zuvor, berichtete Vasting, der Schiffer der Galeasse, der Chef der isländischen Expedition.

Nach einer weiteren Woche waren es über zwanzigtausend Tonnen. Dieser Kauf ins Ungewisse stellte sich, je länger es ging, als ein grosser Treffer heraus. Das Netz schien unerschöpflich. Als es schliesslich dennoch leer wurde, hatte Herr Erling einen Berg von Heringen daraus geschöpft.

Aber da nun die Seegeister aus irgendeinem Grund beschlossen hatten, dem jungen Herrn von Kongshaugen beizustehen, standen sie ihm gründlich bei. Sie liessen die Heringsschwärme wie durch Zauberschlag von der Küste Islands wieder verschwinden. Die Fischer verstanden das nicht. Sie hatten vorher ebensowenig verstanden, aus welchen Gründen die Schwärme früher und zahlreicher als gewöhnlich auftauchten. Nun tauchten sie also abermals unter in den schwarzen Tiefen des Atlantik.

Aus dem Walten der Seegeister wurde Herr Erling wohl nicht klüger als die Fischer an der isländischen Küste; aber er trat an Autuns Tisch und verkündete: „Jetzt, guter Autun, naht unsere Stunde!“

Dass er damit recht hatte, zeigte sich sogleich: die Preise zogen an. Natürlich mussten die Preise steigen, als die Zufuhr ausblieb. Zuerst stiegen sie nur langsam, schwankten unsicher hin und her. Die Käufer zeigten sich zurückhaltend, hofften auf eine Änderung und auf neue Züge. Mit jedem Tage aber wurde diese Aussicht geringer. Die Seegeister hatten sich auf Herrn Erlings Seite geschlagen; kein Hering schwamm mehr zur Küste. Sobald die Käufer dieses gewahrten, suchten sie einander zuvorzukommen und trieben gegenseitig die Preise in die Höhe. Damit wurde es lebhaft und lustig auf Kongshaugen. Vasting, der isländische Chef, telegraphierte wie verrückt über den Nordatlantik und nannte immer neue Nachfragen. „Abwarten“, telegraphierte Herr Erling zurück. Wahrhaftig, es wurde herrlich auf Kongshaugen.

Kein Mensch auf dem ganzen Erdenrund besass in jenen Tagen so viele Heringe wie Herr Erling. Er beherrschte den Markt; er wurde ein wahrer Heringskönig. „Gott helfe mir, jetzt steht die Tonne auf siebzehn“, rief eines Morgens der alte Kontorist Herrn Erling entgegen. Der gute alte Autun; er hatte rote Flecken auf beiden Wangen, er blühte vor Erregung. „Abwarten, abwarten“, sagte Herr Erling.

Jetzt konnte er ruhig warten und die Zeit für sich arbeiten lassen. Die Zeit wurde ihm nicht lang. Die seltsame Magd Bertina glitt durch seine Zimmer. Die Welt ringsum wurde licht und wohlgefällig gegen ihn. Die Welt überhäufte ihn mit Anfragen und bettelte.

Aus grosser Tiefe wurde Herr Erling in ein paar Wochen zu grosser Höhe emporgetragen. Nun wollte er es sich nicht versagen, seinen Überfluss noch ein Weilchen in der Hand zu behalten. Die Zeit arbeitete ja so ausgezeichnet für ihn. Immerzu stiegen die Preise — achtzehn, zwanzig ... Stets mehr Käufer meldeten sich. Ja, es wurde in jeder Beziehung eine Freude zu leben. Einundzwanzig — Autun schlotterte, die Papiere in seiner Hand knisterten. „Ich bin doch im Heringshandel krumm und grau geworden; doch solche Preise habe ich nie erlebt ... Höher geht es nimmer, jetzt kann es nur noch fallen ...“

„Warten wir bis übermorgen“, sagte Herr Erling, denn er musste noch ein wenig mit seiner Beute spielen. Als der Preis auf dreiundzwanzig gestiegen war, verkaufte er.

Dabei verdiente er ein Vermögen. Nicht einmal der selige Herr Nikolaj hatte in seinen allerbesten Tagen ein ähnliches Geschäft gemacht. Herr Erling bezahlte seine Schulden. Herr Erling legte seinem Kontoristen das Darlehen blank auf den Tisch und brachte ihn in grosse Verlegenheit.

Mit blassen Lippen und zerbrochener Stimme bat der alte Autun: „Darf es denn nicht länger stehenbleiben? Warum legen Sie es mir auf den Tisch?“

Herr Erling sagte darauf: „Wenn es dein Wunsch und Wille ist, guter Autun — dann meinetwegen ...“

Ganz gewiss war es Autuns Wille, und er wünschte nichts Besseres.

„Aber es steht hinfort bei mir auf deine eigene Verantwortung und auf dein Risiko, lieber Autun. Du trägst deinen Anteil an Gewinn und Verlust.“

„Ja, gewiss“, sagte Autun und nickte.

Da wurde Herr Erling grossartig und sagte: „Das erstemal war es Hilfe in höchster Not — das zweitemal soll es dir nicht minder hoch angerechnet werden.“

Wusste der alte Kontorist, dass diese Summe auf dem Tisch ungefähr der letzte Rest des Riesenverdienstes war? Natürlich wusste er es, musste es wissen. Die Schulden frassen doch gar zuviel.

Immerhin hatte das Geschick eine herrliche Wendung genommen. Könnte es überhaupt noch besser sein? Herr Erling war abermals der Märchenprinz von ehedem.

Ein Tannenbaum

Liebe — das ist die Wunderblume des Lebens.

Nicht jedem ist das hohe Glück beschieden, diese Blume zu finden. Herr Erling suchte sie nicht. Es ist sinnlos, dieses Glück zu suchen.

In den Wochen des isländischen Geschäfts verfiel er nicht auf unnütze Einfälle, sondern liess das Geschick walten. Nach dem gewaltigen Erfolge aber dachte er nach über das Leben und Treiben auf Kongshaugen und kam bald dahinter, dass die Zustände noch nicht völlig in Ordnung waren. Er konnte die Befürchtung nicht loswerden, dass Bertina eines Tages nicht mehr durch seine Zimmer gehen würde. Jederzeit konnte sie Kongshaugen verlassen, die Seidengewänder und den Goldschmuck von sich ablegen und aus dem Hause hinausgleiten. „Und dann würde ich ohne sie dastehn“, sagte Herr Erling zu sich selber; und er war sicher, dass ihm dies wenig Freude bereiten würde. Aber es gab doch nur ein einziges Mittel, Bertina festzuhalten.

„Alles ist so gut an dir, Bertina, dass es gar nicht besser sein könnte“, begann er listig. „Nur ein Ding musst du dir noch einmal überlegen ...“

Da er schwieg, hob Bertina ihre dunklen langen Wimpern und forschte in seinem Gesicht.

„Du weisst schon, was ich meine ... Es ist meine Meinung, dass wir hinfort leben sollten wie gesetzliche Eheleute, mit Papieren und allem.“

Bertina hob ihre Wimpern noch höher und fragte: „Warum drängen Sie darauf. Ist es denn nicht gut so, wie es ist?“

„Doch freilich. Aber verstehst du denn nicht, dass es deinetwegen ist?“

Darauf erwiderte sie: „Ich habe Ihnen mein Herz geschenkt; mehr habe ich nicht zu geben.“

Er machte einen letzten Versuch: „Du bist gottlos, Bertina.“

„Gott ist überall“, sagte sie und senkte den Kopf.

Und so führte also auch diese Unterredung zu nichts. In dieser Beziehung blieb Bertina unbeugsam. Doch als sie Herrn Erling so niedergeschlagen sah, wollte sie ihn trösten. „Mir geht es gut auf Kongshaugen. Ich habe alles, was ich brauche, ja, ich habe mehr, als ich brauche ... Das Leben auf Mykja war manchmal hart ...“

„Mykja und alles, was dort hinten liegt, sollst du vergessen. Wir beide wollen jetzt ein neues Leben beginnen.“

„Niemand kann seiner Vergangenheit entfliehen“, sagte dieses merkwürdige Mädchen.

Darauf ging Herr Erling wieder mit sorgenvoller Miene umher; es bedrückte ihn sehr, dass Bertina nur immer geben und nie nehmen wollte.

„Hast du denn gar keinen Wunsch, den ich dir erfüllen könnte?“ fragte er. „Du weisst es wohl nicht; aber durch dich bin ich von Grund aus verändert worden. Ohne dich wäre das isländische Geschäft niemals zustande gekommen.“

Sie hatte keinen Wunsch und war übermenschlich gross in ihrer Demut. Sicherlich meinten sie das, was sie sagten; ehrliche Naturen waren sie alle beide. Nur verstanden sie einander nicht recht. Doch als Bertina Herrn Erlings Betrübnis gewahrte, tat er ihr leid, und sie lenkte ein. „Wenn es Ihnen so grosse Freude macht, mir etwas zu schenken, dann könnte es vielleicht Höjen sein.“

Betroffen hob er den Kopf: „Die Hütte von Höjen — aber Liebste ...“

Wer weiss, diese Bertina war möglicherweise gar nicht so unwissend in irdischen Dingen; immerhin mochte es auch nur ein reiner Zufall sein; jedoch Höjen stellte zu dieser Zeit den einzigen völlig unverpfändeten Besitz Herrn Erlings dar.

Denn Höjen war ein längst vergessener Winkel zuoberst im Mykjatal, eine Jagdhütte, die vor vielen Jahren der selige Herr Nikolaj erbaute und niemals benutzte. Wollte man es genau nehmen, so war Höjen immerhin etwas mehr als eine gewöhnliche Hütte; eine geräumige Stube, eine Küche, zwei Kammern, der Keller. In Wirklichkeit ein hübsches Häuschen in altnordischem Stil, ein Torfdach mit hohem Giebel und geschnitzte Drachenköpfe auf jedem Ende des Firstbalkens. Rund ums Häuschen ein Stück Land, ein Stück Wald, eingezäunt mit hohem Steinwall.

Der selige Herr Nikolaj erstellte es in den Zeiten der Üppigkeit, als er sich vor lauter Überfluss kaum mehr rühren konnte. Er, der vielleicht aus niederm Volke kam, liebte es vor aller Welt Pracht und Macht zu entfalten.

„Wie in des Herrn Namen, kommst du nur auf Höjen?“ fragte Herr Erling.

„Es liegt so schön in der Abendsonne. Es liegt so warm am Waldrand ... Ost stand ich und schaute hinüber, wenn ich im Sommer die Kühe auf der Weide suchte ...“

„Weniger kann ich wirklich nicht für dich tun“, sagte Herr Erling und liess sogleich den Vogt kommen. So und so — es sollte ein bündiger Vertrag werden, ein Papier, das stand für alle Zeiten.

„Wir wollen es eine Vergabung nennen“, meinte der Vogt.

„Hm — eigentlich meinte ich es nicht so. Aber nennen Sie es, wie Sie wollen, wenn nur das Papier gut wird.“

„Jawohl, ich verstehe“, nickte der Vogt gefällig. „Doch um es in jeder Weise rechtsgültig zu machen, müssten wir eigentlich heutigen Datos ein Inventar vom Gesamtbesitz aufnehmen.“

„Ist das unerlässlich?“ fragte ungeduldig Herr Erling.

„Das Gesetz fordert es.“

Übrigens hatte Herr Erling diese Inventaraufnahme keineswegs zu scheuen. Kongshaugen stand wieder auf guten Füssen. Einige Schulden blieben ja auch nach dem isländischen Glückstreffen zurück, das versteht sich; doch sie hatten nicht gar viel zu bedeuten gegen den ungeheuren Besitz.

Höjen hatte in jenen Tagen nur geringen Wert. Denn es gab längst keine so übermässig reichen Leute mehr in dieser Gegend, keine Matadoren und Grossmillionäre, die unbedingt eine unnütze Jagdhütte brauchten. Selbstverständlich wollte Herr Erling nicht nur das nackte, kahle Häuslein geben, nein, er wollte es gleich mit Möbeln und aller Welt Kostbarkeiten anfüllen. „Das dürfen Sie nicht tun!“ rief Bertina entsetzt.

„Aber Liebe, du musst doch anständig wohnen und deine Bequemlichkeit haben.“

„Wenn ich auf Höjen wohnen soll, muss alles so sein, dass es zu mir passt.“

Darüber schüttelte Herr Erling wieder seinen Kopf, mit dem er so gar wenig begreifen konnte. „Und nun wundere ich mich bloss, was du mit Höjen eigentlich beginnen willst“, sagte er halb im Scherz.

Bertinas Antwort stimmte ihn nachdenklich. Sie meinte, auf Höjen liesse sich gut ausruhn. „In späteren Tagen“, sagte Bertina mit gesenktem Blick.

„Ha, dieses wird niemals der Fall sein“, entgegnete Herr Erling zuversichtlich.

Bertina schaute ihn lächelnd an und schwieg.

Sie hatte wohl eine geheime Absicht mit Höjen — wer kann das wissen?

Die Tage kamen und gingen. Der Winter zog ins Land, mit Dunkelheit und endlosen Stürmen. Auf Kongshaugen gab es jetzt wieder grosse Dienerschaft und ein reiches Leben. In der Julzeit sollte im Saal ein Tannenbaum stehn. Früher gab es auf Kongshaugen keinen Christbaum. Es war Bertinas Wunsch. Sie selber holte den Baum; sie nahm den Knecht Magnus mit nach Höjen und wählte eine junge Tanne aus. Doch durfte die Tanne nicht gefällt werden, sondern sie musste sorgfältig mit der Wurzel ausgegraben und in einen grossen Kübel gepflanzt werden.

Wunderliche Einfälle hatte sie, Bertina. Sie wollte keinen toten Baum mit Lichtern schmücken, nein, ein lebender Baum sollte ihr zum Feste leuchten. „Und er soll wieder zurück nach Höjen“, sagte sie. „Neben der Haustür auf Höjen soll er weiterwachsen ...“

„Ich will dir“, sagte Herr Erling, „zehntausend junge Tannen auf Höjen anpflanzen lassen. Zum mindesten solltest du eine Allee haben vom Steinwall bis zum Haus ...“

Bertina lachte. „Immer müssen Sie unmässig sein ... Was soll ich mit zehntausend Bäumen?“ Und darauf schmückte sie den einen Baum.

Herr Erling gewöhnte sich mit der Zeit an Bertinas Einfälle. Er trug eine gesegnete Wärme in seinem Herzen. Als der Baum mit seinen kleinen, gelben Lichtern flackerte und strahlte und Bertina daneben stand, weiss gekleidet wie eine Winterfee, durchströmte ihn ein ungeahntes Glücksgefühl. Das war gleich einem urwaldtiefen Zurücksinken in eine vergessene Zeit. In seinem Blute wachte die Erinnerung auf an Julfeste, die einst seine Vorfahren feierten und Odin und Thor und Fröy opferten. Nicht der Christbaum mit seinen freundlichen Lichtern ergriff Herrn Erling, sondern das, was vordem gewesen. In seinen Adern floss echtes Wikingerblut — das mochte es wohl sein, was ihn von der weissen Fee trennte.

In jeder Beziehung hatte Herr Erling noch die wilde und unbändige Natur seiner Väter. Er liebte das Abenteuer, das hohe Spiel mit der Gefahr, das fröhliche Schaukeln auf gierigen Wellenkämmen.

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05 mayıs 2025
Hacim:
370 s. 1 illüstrasyon
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9788711518441
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