Kitabı oku: «Sayonara. Eine japanische Liebesgeschichte»
Karl Friedrich Kurz
Sayonara
Eine japanische Liebesgeschichte
Saga
Sayonara
German
© 1937 Karl Friedrich Kurz
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711518472
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
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SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Der große Ring
Es sollte sich etwas in Japan ereignen, dort am andern Ende der Welt, wo die Sonne herkommt ...
Sicherlich trägt der Rhein die Schuld daran — die Stimme des Wassers, die seit jeher die Menschen betörte und in die Ferne lockte.
Der Rhein ist ein alter Landstreicher. Er kommt aus den hohen, dunklen Bergen, wo die Völker Europas zusammentreffen und sich vermischen, und wo die Wasser Europas sich trennen und verschiedenen Meeren zustreben.
Walter hörte die Stimme des Rheins von seinen ersten Tagen an. Aus seinem Fenster herab sah er auf den mächtigen Strom, der als eine endlose Schar hüpfender, mutiger Wellen vorüberzog und weit unten am Rande der großen Ebene zwischen Himmel und Erde verschwand. Das dunkle Raunen des Wassers mischte sich ohne Unterlaß in alle Geräusche des alten stolzen Hauses, bildete zu allem Geschehen den tiefen Grundton. Je stiller die Nächte, desto lauter erhob der Strom seine Stimme ... Des Stromes Stimme drang in Walters Schlaf und erfüllte seine Träume.
Walter wurde geboren als ein vornehmes Patrizierkind in der alten Stadt Basel.
Ähnlich wie andere Patriziersöhne wuchs er heran in der Abgeschlossenheit eines reichen Heims. Er besuchte zuerst die Schulen und verliebte sich später in eine Tochter, die nach Geburt und Wohlstand ausgezeichnet zu ihm paßte.
Alles schien bestens geordnet — zur rechten Zeit würde Walter seine Familie gegründet und nach guter Überlieferung das Geschäft seines Vaters weitergeführt haben. Anders ließ es sich eigentlich kaum denken, denn an Walter war im Grunde nicht viel Besonderes — vielleicht eine gewisse Verschlossenheit und ein Hang zu Abenteuern, was daher rühren mochte, daß er in den Nächten anstatt zu schlafen der Stimme des Rheins lauschte und von fernen Ländern träumte.
Und so fuhr also der Sohn Walter in die große Welt hinaus, er fuhr zuerst durchs Mittelmeer, dann durchs Rote Meer und wandte sich hierauf gegen Sonnenaufgang — denn er war ein Verehrer des Lichts.
In Ceylon stieg er ans Land und wohnte zwei Monate lang in einem Buddhistenkloster im Gebirge von Kandy. Dort erklärte ihm ein alter Priester des großen Gautama unsterbliche Lehre. Doch als die Zeit dahinfloß in stillen, ernsten Gesprächen, erschien Walter des großen Gautama Lehre wohl edel und klug, aber sie nahm seiner Seele die Freude, weil sie das frohe, blutwarme Leben verneinte.
Mit Verlangen und Zweifeln im Herzen verließ er das Buddhistenkloster, fuhr von Nagapatam bis zum Gangestal, fuhr von Benares über Gorakpur bis nach Nepal. Er folgte einer Yakkarawane über die hohen Pässe des Himalaja und tat einen Blick ins verbotene Land Tibet.
Dieserart sah Walter viele Länder und traf mit mancherlei Menschen zusammen, er sah viele Bilder und erlebte viele Abenteuer auf der unebenen Oberfläche dieser Erde.
Aber an jenem Tage, als er das geheimnisvolle Asien betrat und in die Berge von Kandy stieg, geriet er in den Kreis unerforschbarer Einflüsse. Der alte Buddhistenpriester führte ihn in den Schatten eines vielhundertjährigen Mangobaumes, der seine Äste über einen kleinen Tempelhof ausstreckte. Das war ein heiliger Baum und wahrscheinlich entströmte ihm ein mächtiger Zauber. Der junge Mann Walter ahnte nicht die Gefahr. Er saß nur und lauschte mit tiefer Andacht den Worten des alten Priesters, der mit gesenkten Lidern, in völliger Versunkenheit, die Lehre ewiger Weisheit kündete. Des Priesters Stimme vermischte sich mit dem eintönigen Gemurmel eines Baches, der hinter der Tempelmauer über grüne Felsen plätscherte. Manchmal schien es Walter, daß auch der Bach eine uralte Weisheit künde ...
Vielleicht kannte der alte Prieser selber nicht den Zauber vom Schatten des Mangobaumes. Wenn er ihn kannte, so verriet er es nicht. Und wenn er es verraten hätte, würde ein Mann wie Walter niemals daran geglaubt haben ... Doch nun war er einer fremden Macht verfallen.
Ihm ward bestimmt, einen weiten Kreis zu ziehen. So sollte er zu einer Erkenntnis kommen ...
In Kalkutta bestieg er aufs neue das Schiff und zog immer weiter der Morgenröte entgegen. Bis er das Land des Sonnenaufgangs erreichte ...
Der junge Patrizier Walter kam nach Japan und zur Insel Enoshima zur Zeit der Pflaumenblüte ... Weiter kam er dann nicht mehr, weder ostwärts noch westwärts.
Die hölzerne Brücke
Dieses geschah an einem Abend.
Nachdem Walter stundenlang auf einsamen, stillen Pfaden durch grüne Wälder gewandert, ohne Hast und ohne Ziel, vernahm er von fernher den gedämpften Klang einer mächtigen Glocke. In kurzen Zwischenräumen flutete es heran, gleich einer dunkelbrausenden Woge, die hoch über alle Wipfel hinzog. Auf einmal sah er völlig unerwartet vor sich das Meer. Und es war das Meer des japanischen Frühlings, das da vor ihm ausgebreitet lag wie ein violettschimmerndes Göttergewand. Eine lange, schmale Holzbrücke führte vom Walde zu einer hohen, steilen Felseninsel hinüber.
Auf dieser hölzernen Brücke hörte für den jungen Mann aus der Stadt am Rhein die Wirklichkeit auf, und es begann ein langer, verwunderlicher Traum.
Die Brücke mündete in ein Gäßlein. Hüben und drüben standen Puppenhäuser aus Bambus und Papier. Menschen in bunten Gewändern trippelten auf hohen Holzpantinen über die glattgescheuerten Steinfliesen. Kinder mit drolligen Haartrachten spielten und kreischten. Hier und dort glimmten schon die ersten Lichter auf, lustige Papierlaternen in allen erdenklichen Formen und Farben, sie schwebten sachte hin und her, schaukelten und hüpften an unsichtbaren Schnüren.
Ein sanfter Wind führte zuweilen den herben Geruch des Seetangs heran; und dann hörte man in weiter Ferne den dumpfen Aufschlag der Wogen an den Riffen. Wenn aber der Abendwind für kurze Zeit einschlummerte, senkte sich von den steilen Felsen hernieder würzig der Duft des Nadelholzes und der Atem der sonnenwarmen Erde.
Walter schritt durch ein paar enge, winklige Gassen, und sein Herz erschauerte vor Erwartung und Freude; es bebte beim Anblick all des Märchenhaften und völlig Unwahrscheinlichen, das da vor ihm lag.
Greifbar nah und traumhaft fern zugleich waren Gassen und Häuser und Menschen. Es kam mit einem Schlage eine unerhörte Spannung und ungläubige Neugierde über ihn — nicht anders, als sei er nun unversehens ins Reich der Wunder getreten. Vor Staunen hielt er den Atem an und ging sehr behutsam. Er fürchtete wohl, diese Stadt mit ihren bunten Menschen und dieser Felsenberg und das weite Meer dahinter könne auf einmal wieder verschwinden. Er meinte, das alles könne doch nur das farbenschöne Schillern in einer riesigen Seifenblase sein und müsse bei der leisesten Berührung zerplatzen und in nichts zerfallen.
Seine eigene Seele war gerüstet zum Feste, das sich da still und feenhaft vor ihm eröffnete. Er wußte es wohl selber nicht, daß er lächelte, wie ein unwissendes Kind im Traume lächelt, wenn die ersten Bilder dieser Welt sich mild und verklärt in seiner Erinnerung spiegeln. Und er merkte es selber nicht, daß er immer nur ein paar zögernde Schritte machte und dann verwundert stehenblieb, und daß er den Leuten in den Gassen, die gleich lebendig gewordenen Porzellanfigürchen an ihm vorübertrippelten, zunickte.
Nein, er bemerkte nur, daß alle diese Leute ihm zunickten und verwundert lächelten. Das war genau so, als hätte diese Stadt und dieses Volk auf ihn gewartet und freue sich nun über seine Ankunft; als seien seinetwegen die vielen bunten Papierlaternen angezündet worden.
Weit zurück glitt auf einmal alles, was früher in seinem Leben gewesen und was bis zu dieser seltsamen Stunde für ihn Geltung hatte ... Die Stadt am Rhein, die Wege seiner Jugend — nur noch graue Nebelschwaden ... Ja selbst die Fahrten in Indien lösten sich auf in Dunst und Sandstaub ...
In diesem Augenblicke vernahm er abermals, gespensterhaft und zwingend, die brüchige Stimme des alten Priesters im Tempelgarten von Kandy, er vernahm das dumpfe, dunkle Gemurmel des Baches hinter der Mauer. Und er hatte das Empfinden, als flösse der Schatten des Mangobaumes noch einmal über ihn hin ...
Vor einem winzigen Garten, im Schein einer Laterne, die matt glühte wie der aufgehende Mond, stand ein Mann. Er lehnte gegen den Stamm eines mächtigen Baumes, der seine Äste weit über die Dächer der nächsten Häuser hinstreckte. Gekleidet war er ähnlich wie alle die andern Männer in einen langen, blauen Kittel, den ein breiter Gürtel zusammenhielt; nur trug er einen hellen, steifen Strohhut von abendländischer Art und eine schwarze Hornbrille.
An diesen Mann wandte sich Walter und fragte in englischer Sprache nach einer Herberge für die Nacht.
„Verehrter Herr“, antwortete der Mann, „das Teehaus von Anaka-san liegt schon in der nächsten Gasse“. Dabei verneigte er sich mehrmals tief und ehrerbietig. „Wenn ich Sie dorthin führen dürfte, wäre es mir eine große Ehre“, sagte er.
Kein Zweifel, dieses waren wirkliche und gewöhnliche Menschenworte — gesprochen zwischen den weißen Wänden papierener Häuser, gesprochen im unbestimmten Schein abenteuerlicher Laternen ... Das Wunder zerfloß also nicht beim Klang eines lauten Wortes.
Zerfloß das Wunder? Platzte die göttliche Seifenblase mit leisem Knall und wurde das Erwachen aus einem verklärten Traum? Oh, im Gegenteil — hiermit sollte das Wunderbare erst beginnen ...
Nach zwölf Schritten waren sie beim Teehaus Anaka-sans. Der Mann mit Hut und Brille rief einige schnelle Worte in die offene Tür. Worauf die Wirtin und vier Knechte und vier Mädchen herbeieilten, sich zu beiden Seiten des Eingangs aufstellten, lächelnd unter unablässigen Verbeugungen viele unverständliche Worte murmelnd, wobei sie die Luft geräuschvoll zwischen den Lippen einsogen.
„Was wollen die Leute?“ fragte Walter.
„Sie wollen nichts“, erklärte der Mann mit der Brille. „Sie preisen die Götter, die Sie, hochgeehrter Herr, hierher führten. Denn zu uns nach Enoshima verirrt sich doch selten ein Fremder ... Bitte, treten Sie nun ein, Hochgeehrter.“
Die Teehauswirtin Anaka-san, ein rundliches, weißhaariges Persönlein in braunem Gewande, das einem dicken, samtweichen Nachtfalter glich, näherte sich mit ein paar kurzen Schritten, ergriff mit einer besonders tiefen Verbeugung Walters Hand und führte ihn ins Haus.
Der Mann mit der Brille sprach hastig auf sie ein. Dann wandte er sich an Walter: „Eine der Nesan versteht etwas Englisch; sie ging zu einer kleinen Besorgung in die Stadt, wird aber bald zurückkommen. Ich hoffe, daß Sie zufrieden sein werden ... Und wenn ich Ihnen nützlich sein könnte, würde ich mich freuen ...“
Ganz und gar abendländische Worte, sehr höfliche Worte ... Der Mann lüpfte seinen Strohhut und tauchte unter in der dunkelblauen Dämmerung, die gleich einem hauchzarten Pastellgemälde die Türöffnung ausfüllte. Auch Anaka-san, die Wirtin, und ihre Dienerschaft zogen sich lautlos zurück.
Allein stand Walter und blickte mit seligen Kinderaugen in die zerfließende Landschaft hinaus. Weihnachtsstimmung war plötzlich in ihm, ein verwunderliches Zittern des Herzens, eine prickelnde Erregung, wie er es bis dahin noch niemals empfunden. Wie einst vor dem Lichterglänzen des ersten Christbaumes erschauerte er, erbebte bis in die dunkelsten Tiefen seiner Seele, und wie damals glaubte er leise Engelschöre aus dem Himmel zu vernehmen. „Ein Traum“, murmelte er. „Das alles kann nur ein Traum sein ...“
Doch dann näherten sich zwei niedliche Figürchen; in weißen Strümpfen kamen sie lautlos heran, in bunten Kleidern, das schwarze Haar in hohe Bogen gekämmt. Sie nahmen ihn bei den Händen, führten ihn durch ein paar Türen, durch den Hof, zur Badestube. Sie zogen ihm kichernd und in strahlender Unschuld die Kleider aus und schoben ihn zu einem Behälter, der die Form eines riesigen Pantoffels hatte. Dicke Wolken von Dampf quollen daraus empor. Prüfend tauchte Walter seine Hand darein, fuhr entsetzt zurück und rief: „Zu heiß, ihr Kinder — viel zu heiß ... Wollt ihr mich denn kochen?“
„Ha — ha“, sagten sie und lachten. Auch sie steckten ihre Hände ins Wasser und nickten. Ihnen schien alles in bester Ordnung; und da schoben sie ihn also hinein.
Im ersten Augenblick meinte er zu ersticken; was er durch allerlei Zeichen und Rufe kundtat. Aber „ha — ha“, da half nun alle Abwehr nichts. Gebadet sollte der Fremdling werden — und gebadet wurde er.
Rot wie ein gesottener Krebs wurde er aus dem großen Pantoffel wieder hervorgezogen und in weiche Tücher gehüllt. Die Mädchen schoben einen Teil der Hauswand zurück. Da stand nun der junge Mann vom Rhein und fühlte sich neugeboren. In tiefen Zügen atmete er die frische Abendluft ein, und es war ein ganz unbekanntes Wohlbefinden und ein frohes Kraftgefühl in ihm. Alle Müdigkeit der langen Wanderung war aus seinen Gliedern verschwunden.
Unter viel Spektakel und unzähligen Verbeugungen und ermunternden Zurufen wurde er in seidene Kimonos gekleidet, er bekam weiße Socken und weiche Bastpantoffeln an die Füße; und auf einmal glich er selber einem Japaner, der zwar etwas zu groß und ausnahmsweise blond und blauäugig geraten.
Dieserart umgewandelt, brachten ihn die beiden Mädchen in ein Zimmerchen, dessen Boden aus ein paar handdicken und weichen Bastmatten und dessen Wände aus Bambusstäben und Papier bestand. Das alles glich doch dem Spiel großer Menschenkinder, buntem Karnevaltreiben. In dieser Welt gab es weder Sünde noch Sorge. Die Mädchen schoben ihm ein paar Seidenkissen hin und luden ihn zum Sitzen ein. Und da saß er und war gleicherweise ein Kind und ein Kaiser — schwach und mächtig ... Aber in jedem Falle ganz maßlos glücklich. Ja, das wurde allmählich ein merkwürdiger Zustand.
Die Mädchen brachten einen prächtig geformten kupfernen Kessel, in dem ein Haufen Holzkohle glühte und der eine milde Wärme ausströmte. Dann verschwanden sie, die beiden zierlichen Mädchenwesen, und ließen den Fremdling allein. Die Mädchen verschwanden durch die zurückgeschobene Hauswand ...
Diese Öffnung erfüllte abermals eine jener Landschaften, die von fremder, unsagbarer Schönheit sind: In einen unglaubhaft dunkelblauen Himmel ragten hoch und schwarz wie Tusche die Kronen einiger Schirmfichten. Unter ihnen erschienen die Wohnungen der Menschen erst so recht als Spielzeug. Aus engen Gassen quoll das gedämpfte Licht der Papierlaternen ...
Zuweilen raschelte der Abendwind in den Bäumen und die Laternen schaukelten auf und nieder, dann flatterten über alle Wände unbestimmbare Schatten. Es war ein geisterhaftes Fächeln und Gleiten.
Nur selten ging auf dem Stücklein Weg, das der Fremde sehen konnte, ein Mensch vorbei. Doch über alle Dächer kam das Geklapper der Holzpantinen auf den Steinplatten der Gassen. Das gemahnte an den Klang vieler Kastagnetten. Froh und festlich stimmte alles: der blaue Nachthimmel mit den dunklen Bäumen, der bunte Laternenschein zwischen den winzigen Häusern, das huschende Schattenspiel und das verworrene Geräusch einer unsichtbaren Menschenmenge ...
Hoch über allen Dächern zog sich in unendlicher Zackenlinie der Spitzensaum der Brandung hin, ein grünlich phosphoreszierender Strich, ein magisches Zeichen weit draußen in Nacht und Ferne ...
Wahrscheinlich glitt Walter unmerklich hinüber in den Dämmerzustand zwischen Schlaf und Wachen, in jenen Vorhof der Seligkeit. Er vernahm eine weiche, einschmeichelnde Stimme. „Sayonara“, sagte die Stimme vom Garten her.
Weiter unten, aus der dunklen Gasse, antwortete eine andere Stimme: „Sayonara“.
Sayonara — das war das erste japanische Wort, das Walter deutlich hörte. Er hörte es zwischen Traum und Wirklichkeit. Es klang wie zartlockender Geigenton, ergreifend und von dunkler Tiefe ...
Durch die offene Hauswand trat es nun, das Mädchen, das Walter nie mehr vergessen konnte ... Auf einmal ragte es vor dem unbegreiflich blauen Himmel auf und glitt lautlos ins Zimmer. Es mußte wohl ein Gebilde des Zwielichts und des Schlummerns sein.
Ja, es mag sich wohl so verhalten, daß der junge Fremdling ein wenig eingeschläfert worden vom seidenzarten Dämmerlichte und von den fernen Geräuschen der fremden Gassen, daß er mit geschlossenen Lidern träumte und versunken war ins Märchenreich. Da weckte ihn das kaum merkliche Beben des Bodens oder vielleicht nur ein leiser Atemzug ...
In größter Verwirrung fährt er empor, macht einen kleinen Schritt, starrt mit ungläubigem Erstaunen auf die Erscheinung, auf das Mädchen, das sich da lächelnd vor ihm verbeugt. Und dann macht er noch einen kleinen Schritt. So vollkommen geistesabwesend ist er, daß er das Mädchen in seiner eigenen Sprache anredet und fragt: „Wer bist du?“
„Konbanwa“, antwortet es ihm. Es ist eine feine, hohe Stimme, es ist der schwingende Klang einer silbernen Glocke.
„Konbanwa“? — Was in aller Welt ...?
„Konbanwa“, wiederholt die süße, kleine Stimme. Und dann auf Englisch: „Guten Abend, o Herr — hier ist deine Nesan ...“
Sie trug drei seidene Kimonos übereinander, alle drei gleichzeitig sichtbar und in kunstvolle Falten gelegt. Sie hatte sich offenbar geschmückt zu dieser Begegnung. Ihr glänzendes schwarzes Haar war frisch frisiert und hoch aufgebauscht; ein paar lange Elfenbeinspieße staken darin, kostbare Nadeln mit Knöpfen aus Gold und Perlmutter. Aus den unmäßig weiten Ärmeln hervor tauchten ihre schmalen, weißen Hände.
Mit diesen weißen Händen klatschte sie zweimal und ließ sich in kindlicher freier Anmut vor dem fremden Manne nieder. Sie versank gleichsam in den schillernden Falten ihrer bunten Gewänder. Nun gemahnte sie an eine köstliche Porzellanfigur aus Nagoya.
Durch die offene Hauswand herein kamen zwei Dienerinnen. Die trugen ein fußhohes Tischlein aus rotem Lack, auf dem viele Schüsseln, Schalen und Täßlein standen. Sie stellten das Tischlein zwischen Walter und dem Mädchen auf den Boden, verbeugten sich und verschwanden wieder.
In mangelhaftem und sehr komischem Englisch sagte das Mädchen ungefähr dies: „Ja, Herr — ich, die hier sitze, bin deine Nesan. Ich will dir in allem dienen. Wünschest du jetzt zu essen?“
Sie erschien Walter als ein Wesen von ungewöhnlichem Liebreiz. Das tiefschwarze Haar, die dunklen, sanften Mandelaugen, das weißgepuderte Gesicht mit dem kirschrot gemalten Mund, ihre Stimme, die Art und Weise, wie sie sich im Sitzen hin und her neigte — alles an diesem Mädchen erschien ihm seltsam fremd und seltsam schön. Ganz asiatisch, ganz japanisch der Schnitt ihres Gesichtes, gewiß; aber dennoch blieben die besonderen Merkmale der Mongolenrasse eigentümlich gemildert. Wohl standen die Mandelaugen ein wenig schief, und es war auch ein kleiner Anflug der Falte da. Doch ihre Nase war keineswegs breit und flach, nein, es war ein keckes, zierliches Stumpfnäschen. Ihr Gesicht war schmal und ohne hervorstehende Backenknochen.
Der junge Fremdling betrachtete seine Nesan recht aufmerksam, ja mit einem gewissen Mißtrauen. Er ahnte wohl die Gefahr, die ihm in ihrer Lieblichkeit drohte. Er war doch noch immer so verwirrt von ihrer Erscheinung, daß er zu ihr sagte:
„Ich glaube, du nanntest dich vorhin Konbawa ...“
„Ach nein, Herr. Ich grüßte dich.“
„Warst du es, die eben im Garten rief? Du riefst: Sayonara.“
„Ja, das muß wohl meine Stimme gewesen sein ...“
„Nun will ich deinen Namen nicht wissen. Nein, ich werde dich Sayonara nennen — oder besser nur Yona, du meine kleine Märchenfee ... Du weißt es selber nicht, aber deine süße Stimme grüßte mich ehe deine Augen mich sahen ... Du bist mir ein Gruß dieses herrlichen Himmels. Du, Yona, bist mir geschenkt worden an diesem Abend, der der unbegreiflichste und verwunderlichste ist in meinem Leben.“
Begeistert, wie er war, streckte er seine Hand über das Tischchen mit allen seinen Schüsseln und Schälchen hin und erläuterte ihr umständlich: „Yona will ich dich nennen, verstehst du? — Hörst du — Yona?“
„Ja Herr. Es sei, wie du es wünschest“, antwortete sie. „Ja, ja — ich bin deine Yonami.“
„Was bedeutet es, das Wort, das du im Garten riefst?“
„Sayonara? — Auf Wiedersehen ...“
Hierauf hob sie mit behutsamen Händen die Deckel von den Schüsseln, ergriff die elfenbeinernen Eßstäbchen und begann ihn zu füttern wie ein kleines Kind. Sie gab ihm in ganz bestimmter Reihenfolge von dem Reis, der so weiß und locker war wie Neuschnee, sie gab ihm kleine gebratene Fische mit winzigen Geflügelstückchen und rohe, gesalzene Fische; gab ihm teils milde, teils scharfgewürzte Sachen, Rettiche, roh und gekocht, zarte Bambusschosse; viele sonderbare Speisen, die ihm teilweise wohlschmeckten und teilweise das Wasser in die Augen trieben. Einiges schmeckte so fürchterlich, daß er den Atem anhielt.
In gespannter Aufmerksamkeit hingen ihre Blicke an seinem Gesicht; sie versuchte, seine Wünsche zu erraten. „Gut?“ fragte sie und nickte beifällig. „Nicht gut“, sagte sie und schob diese oder jene Schale zurück. Zuletzt gab sie ihm kleine Kuchen und verzuckerte Früchte.
Er saß und schluckte alles, das Gute und das Nichtgute ... „Diese Mahlzeit“, dachte er bei sich selber, „nein, dieses Essen und dieses Mädchen ist doch ganz und gar unmöglich ... Aber wunderbar ist es, das soll Gott wissen ...“
Er schüttelte den Kopf und dachte: „Wahrscheinlich habe ich wieder einen Anfall des elenden Fiebers, das ich mir dort hinten in Nagapatam geholt. Und dieses süße Menschenwesen ...? Paß nur auf, mein Lieber, gleich wirst du in einem kahlen Krankenzimmer aufwachen und neben deinem Bette sitzt wieder die alte, strenge Pflegerin, die dir immer diese scheußlichen Chininpulver einstopft ...“
So grübelte er, und ihm bangte sehr vor der Rückkehr ins frühere Leben. Leise, fast angstvoll fragte er: „Yonami?“
Ihm antwortete zu seiner unbeschreiblichen Freude und Erleichterung die kleine helle Stimme: „Ja, Herr — Yonami ist bei dir.“
Yonami antwortete genau so, als habe sie seine Gedanken erraten. Dann fragte sie: „Was wünschest du zu trinken? Sieh, hier ist Tee und hier ist Saké, und das dort ist Reisbier ... Was darf ich dir geben, o Herr?“
Da lachte er gleich einem ausgelassenen Jungen: „Ach, süße Yonami, gib mir doch alles auf einmal ... Gib mir von deinem goldgrünen Tee, gib mir vom gelben Saké, und dann gib mir auch noch von deinem Reisbier ... Aber zuerst sollst du selber essen und trinken ...“
Yonami schüttelt den Kopf, Yonami schüttelt sehr ernsthaft ihren hübschen Kopf mit dem ungeheuren Haarturm und erklärt mit Bestimmtheit: „Entschuldige, Herr, daß ich dir widersprechen muß ... Aber jetzt, vor dir zu essen, das würde sich für deine Nesan übel schicken ... Vielleicht befiehlst du nun, daß das Essen abgetragen werde ...?“
Wieder klatschte sie in ihre weißen, kleinen Hände. Die Dienerinnen trugen Tisch und Schüsseln fort und brachten kleine silberne Pfeifen. Komische Tabakspfeifen mit langem Rohr und einem Kopf nicht größer als ein Fingerhut. Yonami stopfte mit drolliger Wichtigkeit eine Prise hellen Tabak in den Pfeifenkopf, überreichte die Pfeife ihrem Herrn und holte mit einer silbernen Zange ein glühendes Kohlestücklein aus dem Feuerkessel. Das alles machte sie in unnachahmlicher Anmut. Stets faßte sie auch das kleinste Ding mit beiden Händen an. Aber dabei war nichts Gemachtes, kein Spreizen der Finger. Alle ihre Bewegungen hatten Kultur. Yonami machte aus dem Dienen eine hohe Kunst. Mit dem glühenden Kohlestücklein zündete sie ihrem Herrn die Pfeife an. Auf seine Aufforderung rauchte auch sie.
Das wurde eine besondere Art des Rauchens. Vier, fünf Züge und die Pfeifen waren ausgebrannt. Yonami klopfte die Asche im Kohlenbecken aus und stopfte von neuem. So saßen sie eine Weile, rauchten und schwiegen. Zuweilen hörte man das sachte Rascheln eines Baumastes gegen die Hauswand oder einen Ruf von der Gasse; aber in bestimmten Zwischenräumen immer wieder das leise Klirren der Pfeifen auf dem Rande des Feuerbeckens. Es hörte sich an wie helles Schellengeläute auf tiefverschneitem Wege ... Und wenn alle andern Laute verstummten, vernahm man das leise Knistern des Kohlenfeuers.
Auf einmal sagte Walter, mehr als spräche er nur zu sich selber: „Zwei Monate lang lebte ich in einem alten Kloster, auf einer Insel weit dort hinter dem Meer. Ein weiser Mann erklärte mir den letzten Sinn des Lebens. Jener Mann kannte alle Geheimnisse der menschlichen Seele. Er sagte, alles Leiden in dieser Welt habe seinen Ursprung im Begehren nach Glück ...“ Und er neigte sich vor und fragte laut: „Kannst du dieses begreifen, kleine Yonami?“
In atemloser Spannung schaute Yonami in sein Gesicht, in ihre Stirn zwischen die hohen Brauenbogen gruben sich zwei feine Falten. Mit ihren kirschrot gemalten Lippen sprach sie seine Worte leise nach. So mühte sie sich, den Sinn seiner Rede zu verstehen. Doch sie neigte traurig den Kopf: „Nein, Herr — Yonami kann dieses nicht erfassen“, gestand sie.
„Und jener grausame Priester verkündete, das höchste Glück sei darum Verzichten und Wunschlosigkeit. Er nannte es Nirwana ...“
„O mein Samurai“, flüsterte Yonami. „Bitte verzeih deiner kleinen Nesan und zürne ihr nicht, wenn sie dir auf diesem Wege nicht zu folgen vermag ...“
„Ob ich dir verzeihe, Yonami? — Sieh, ich verstand sie sehr wohl jene Worte — ihre Weisheit gleicht dem ewigen Eis der Berge ... Sag mir doch, süße Yonami, was bleibt dem Menschen, wenn seine Sehnsucht stirbt ...? Mit viel Weisheit und viel Traurigkeit im Herzen wanderte ich seither durch diese sonnige Welt ... Aber an diesem Abend, Yonami, führte mich ein milder Gott zu dir. Hier in Enoshima soll mein Herz wieder froh werden ...“
„Auch jetzt verstehe ich dich nicht, o Herr. Nur soviel höre ich aus deinen Worten, daß du hierbleiben willst ... Und das ist für deine Yonami ein großes Glück.“
„Bei dir will ich versuchen, das Leben wieder zu lieben!“ rief er.
Yonami schaute eine Weile schweigend in die Kohlenglut. Sie überlegte sich wohl diese Sache, die so völlig verschieden war von allem, was sie bisher erlebte. Dann wandte sie ihr Gesicht wieder dem sonderbaren Fremdling zu und sagte still: „Du bist mein Daimyo, mein großer Fürst und mein Herr. Und du bist gewiß ein mächtiger Mann in deinem Lande, das ich nicht kenne ... Ich aber werde niemals mehr sein können als deine kleine Nesan. Ja, ich werde immer nur so wenig sein dürfen wie der Obi an deinem Kimono. Wenn du den Kimono trägst, ist der Obi nützlich und ein Schmuck. Wenn du den Kimono ablegst, hat der Obi keinen Wert mehr ...“
All dieses sagte Yonami mit stillem Ernst.
Hierauf saß sie ihm wieder regungslos gegenüber, so als erwarte sie einen Befehl oder vielleicht nur ein neues Bekenntnis. Denn diese kleine Nesan begriff doch sehr wohl, daß der fremde Mann etwas anderes in ihr sah, als nur die Dienerin. Das erkannte sie im versonnenen Blick seiner Augen. Das hörte sie im Schwingen seiner Stimme, auch wenn sie seine Worte nicht richtig verstehen konnte. Aus ihm hervor strömte eine schlichte Andacht; davon auch sie ergriffen wurde.
Der dumpfe Schein aus dem Kohlenbecken erleuchtete die eine Seite ihres Gesichtes, die andere ging unter im weichen Schatten der Dämmerung. Aber in ihren beiden Augen hüpften rote Flämmlein.
In der Tat, das war ein merkwürdiger Gast in einem Teehaus; er redete vom Nirwana und unverständlichen Dingen ... Jetzt sitzt er in ratlosem Schweigen und starrt seine Nesan an.
Die Nesan aber besaß eine Frauenseele; und damit erfaßte sie schnell, daß ihr Herr und Gast irgendwie Sorgen hatte. Sie neigte sich zu ihm hinüber und sagte: „Morgen, mein Samurai, wollen wir miteinander zum Tempel der hunderthändigen Kuannon gehen. Wir wollen ihr Reis und Früchte opfern. Wir wollen sie bitten, daß sie deinen Kummer von dir nehme.“
Ach, es wurde nun doch rein des Teufels, und dazu ein wenig lächerlich ... Warum nahm er dieses Mädchenwesen nicht einfach in seine Arme? Kummer? Wie in aller Welt mochte sie nur darauf verfallen? Nein, keine Spur von Kummer — höchstens ein wenig aufgerüttelt war er, ein wenig verrückt von der Dämmerstunde in Enoshima, vom Treiben in diesem merkwürdigen Teehaus, und vor allem war er erschüttert von der schlichten Lieblichkeit dieser Nesan, die er Yonami nannte ...
Verwundert über den Wirrwarr, der da unversehens in ihm ausgebrochen, schüttelte er den Kopf und meinte: „Warum denn nicht? Laß uns zum Tempel deiner Göttin gehen ... Doch was könnte ich denn von ihr erwarten? Du, Yonami, sollst meine kleine Göttin sein... Du begreifst es wohl selber nicht, aber du bist ein seltenes Kunstwerk ...“
Mit einem schnellen und schelmischen Augenaufschlag streifte sie ihn; es glich einer scheuen Liebkosung. Darauf senkte sie den Kopf. Ja, sie drehte sich dem Feuerbecken zu; aber an der kleinen bebenden Wölbung ihrer Wangen erkannte er, daß sie lächelte.
Mehr und mehr wunderte er sich über diese Unterhaltung, die er da mit einem Teehausmädchen führte. Und am meisten wunderte er sich über seine eigenen Einfälle. Ach, er ärgerte sich ein wenig, da er meinte, dieser Zug fahre immer weiter in falscher Richtung. Aber dennoch fragte er: „Nun glaubst du wohl, ich scherze, kleine feine Yonami?“
„Am Klang deiner Stimme, o mein Samurai, höre ich, daß deine Seele spricht ...“ erwiderte Yonami.
Es half demnach alles Sträuben nichts — der Zug fuhr immer weiter ... Wohin, wohin ging diese Fahrt? Er dachte bei sich selber, es sei nicht nur lächerlich — es sei rein idiotisch, das alles miteinander ... Doch Yonamis Zartheit und Demut griffen ihm ans Herz. Deshalb wurde es gleich von Anfang an ein gefährliches Abenteuer.
„Seit wann bist du in diesem Haus?“ fragt er.
„Ich kam im vergangenen Winter.“
„Wie lange wirst du hier bleiben?“ fragt er.
„Anaka-san kaufte mich für zwei Jahre, Herr.“
Aufgerührt bis ins Innerste staunt er: Dieses Geschöpf kauft man. Anaka-san, das braune Räupchen kaufte es — kaufte es für zwei Jahre ... Nein, du Herrgott ...
Und er setzt sein Verhör fort und fragt: „Liebst du denn dieses Leben, Yonami?“
Wahrscheinlich vermag sie den Sinn seiner Worte ebensowenig zu begreifen, wie seine Erregung. Eingeschüchtert wie ein hilfloses Kind duckt sie sich unter seinen forschenden Augen, zuckt kaum merklich die schmalen Schultern und blickt schweigend vor sich nieder.
Eins wurde Yonami nun völlig klar: dieser fremde Mann war verschieden von allen den andern Männern, die sie bis dahin kennenlernte. Er verlangte von ihr nicht das, was alle die andern verlangten. Was er aber eigentlich von ihr wollte, erriet sie nicht und darum glänzten ihre Mandelaugen vor Furcht und Neugierde.
Yonami macht den Vorschlag: „Vielleicht könnte ich Akiko-san rufen lassen?“
„Akiko-san?“ fragt er. „Was willst du mit Akiko-san?“
„Sie ist die beste Geisha in dieser Gegend ... Akiko-san lebte lange Zeit sowohl in Yokohama als in Tokio ... Die Leute sagen, ihre Umarmungen seien heiß und gewaltig wie das ewige Feuer der Erde. Akiko-san kennt viele alte Tänze; und sie wird dir kleine Geschichten erzählen, die du nie mehr vergessen wirst. Akiko-san wird dich sicherlich besser unterhalten können als ich, die ja vom Leben wenig kennt und wenig gelernt hat ...“
Männerstimmen durchdrangen die Papierwände des Hauses, lebhafte, laute Stimmen, denen leises Mädchenlachen antwortete ... Neue Gäste. Yonami hob den Kopf und lauschte. Aber gleich wandte sie sich wieder ihrem fremden Samurai zu und schaute ihn an mit ihrem Porzellanlächeln, das um Gnade zu flehen schien. Wahrscheinlich grübelte sie jetzt darüber nach, was sie beginnen und unternehmen sollte, diesen vornehmen Gast zu unterhalten, damit er mit ihr zufrieden sei und sie nicht schelte wegen ihrer Ungeschicklichkeit.
Ihn hingegen durchfuhr plötzlich, als ein kalter, stechender Schmerz die Erkenntnis, daß dieses zierliche und überaus seltsame Geschöpf, daß dieses verwunderlich feine Mädchen mit seiner hellen, süßen Kinderstimme, von den Männern, die eben lärmend angekommen, begehrt werden könnte. Mußte sie denn nicht heute dem und morgen jenem angehören? Zu diesem Zwecke wohl hatte das braune Räupchen sie gekauft — zwei Jahre. „Herr Gott“, murmelte er und wollte es durchaus nicht zugeben, daß Yonami nur eine Ware darstellte, die ein jeder haben konnte, der den Preis bezahlte.
Er legte seine Hand auf ihren Ärmel, so, als wolle er auf diese höchst einfache Art und Weise von ihr Besitz ergreifen. „Du bist meine Yonami“, sagte er.
Möglicherweise war es mehr die tolle Leidenschaft des Sammlers, die ihn da packte. Er meinte wohl, es sei ihm da durch Zufall ein besonders wertvolles Stück unter die Augen gekommen, eine Rarität, die er nicht wieder hergeben dürfte. Vielleicht war es aber schon an diesem ersten Abend mehr als das. „Ich meine es so, Yonami ...“ sagte er heiß, „du gehörst mir — mir allein, verstehst du?“
„Ja, gewiss, mein Samurai“, antwortete sie sofort; aber doch etwas erstaunt. „Befiehl nur, was Yonami tun soll.“
„Kein anderer darf dich mehr berühren ...“
In wachsender Verwunderung starrt die kleine Nesan den Fremdling an und entgegnet abermals rasch und ohne Überlegung: „Nein, nein, Herr — kein anderer ... dieses wäre doch gegen die Sitte. Yonami wird mit Freuden dir allein gehören, solange du es nur wünschen magst.“
Selbst mit dieser feierlichen Zusicherung gab er sich noch nicht zufrieden. Ihre zarte Schönheit, die Demut und Lieblichkeit ihres ganzen Wesens und vor allem ihre natürliche Offenheit schien ihm zu dieser Stunde ein Gut, so selten und so kostbar, daß ihm der Gedanke, es bald wieder verlieren zu müssen, völlig unerträglich war.
„Komm, setz dich zu mir“, bat er.
Augenblicklich gehorchte sie. Mit einem kleinen Seufzer setzte sie sich auf seine Knie. Aus dem weiten Ärmel hervor kam ihr bloßer Arm, und mit diesem kühlen, schlanken Arm umschlang sie seinen Nacken und legte ihre runde, weiche Wange gegen seine Schulter.
Und da wollte er sie küssen. Er faßte ihr Kinn mit zwei Fingern, er beugte sich auf ihr Gesicht nieder. Doch nun geschah das Unerwartete: sie bot ihm nicht ihre kirschrotgemalten Lippen. Sie schaute nur fragend und verwirrt zu ihm auf.
In großer Verlegenheit verharrten sie so alle beide. Aber es kam doch nur daher, daß dieses Teehausmädchen die Liebe des Abendlandes nicht kannte; sie kannte nicht den Kuß.
In grenzenloser Verblüffung hielt er sie in seinen Armen und rührte sich nicht mehr. In diesem Augenblicke begann in einem entfernten Raum ein Grammophon zu krächzen; es durchdrang frech die dünnen Wände des Hauses, eine wilde, häßliche Niggermelodie ...
Nun denkt er: Das alles miteinander ist doch so verrückt, wie nur möglich ...
Er denkt: Dieses kleine Mädchen der Freude kennt nicht den Kuß, und dabei sagt es so überaus kluge Dinge ...
Schließlich denkt er: Hier sitze ich in einer Pappschachtel, in einer Verkleidung wie beim Karneval, wo alles frei und erlaubt ist ... Und hol’s der Teufel, wenn ich nicht verhext und verliebt bin ...
Aus dem Kohlenbecken, das sicher uralt und von prachtvoller Arbeit ist, quillt rötliche Glut auf. Draußen liegt die verzauberte Nacht. Ja, selbst die Luft, die ums Haus streicht, ist verzaubert ... Doch dazu, wie eine furchtbare Verspottung, ertönen immerfort diese häßlichen Töne aus Amerika ... Verrückt — verrückt ...
Und er denkt: Ich habe wahrlich nicht mehr als zwei fingerhutgroße Tassen Reisschnaps getrunken — und bin, Gott helfe mir, berauscht, so daß ich die fabelhaftesten Dummheiten denke und sogleich etwas beginnen werde, was niemals gut ausgehen kann ...
Ei gewiß, er sah, trotz Kimono, noch alles im rechten Lichte, und er wollte durchaus kein Narr sein; aber das konnte nicht hindern, daß er vom Unbekannten und all dem Seltsamen übermächtig gelockt wurde. Denn er war verzaubert.
Daher faßte er einen schnellen und tollen Entschluß: „Höre jetzt, meine kleine Yonami, was dein weißer Samurai sich eben überlegt ... Nein, das wirst du nicht erraten können. Aber dieses verspreche ich dir: Morgen früh will ich mit Anakasan, dem braunen Nachtfalter, ein Wort reden ... Jawohl, Yonami, ich werde dich freikaufen von diesem Haus und von diesem Leben ... Was meinst du nun dazu, Yonami?“
Was sie dazu meint? Ach, Yonami erfaßt ja zuerst gar nicht, um was es sich hier handelt. Und nachdem er es ihr mühsam erklärt hat, ergreift sie mit ihren beiden kleinen, weißen Händen seine Hand; preßt seine Hand auf ihre runde, feste Brust und in ihre Augen kommt ein fieberhaftes Schillern. Noch aber zweifelt sie und stammelt atemlos: „Dieses willst du wirklich tun, mein Samurai?“
Zum erstenmal bebt ihre Stimme und wird unsicher, und aus ihrem gepuderten Gesicht verschwindet das starre Porzellanlächeln. Ungläubig fragt sie: „Dann ist es vielleicht dein Wunsch, daß deine Yonami bei dir bleiben soll? Du übernimmst Yonami von Anaka-san — zwei Winter und zwei Sommer lang ...?“
Und er, verhext, wie er ist, entgegnet: „Nicht nur zwei Winter und zwei Sommer lang will ich dich behalten, Yonami. Nein, ich will dich nie mehr hergeben und du sollst immer bei mir bleiben.“
Während er dieses sagt, weiß er ganz gut, daß es niemals möglich sein kann. Aber er sagt es dennoch, und er glaubt auch selber daran ...
Doch ein solches Gelöbnis kommt der armen Nesan so ungeheuerlich vor, daß sie an allem zu zweifeln beginnt. Der feuchte Schimmer verschwindet aus ihren Mandelaugen. Und schon ist das Lächeln wieder in ihrem Gesicht. „Sei barmherzig“, bittet sie. „Jetzt versprichst du mir zuviel“, flüstert sie dicht an seinem Ohr. „Vergiß nicht, mein Samurai, daß das Herz der Menschen dem Bambus gleicht — es schwankt und weht im Winde ...“
Die Stunde ist verhängnisvoll.
Der weiße Samurai streicht mit sehr behutsamer Hand über Yonamis feinen Nacken und atmet den Resedenduft ein, der aus ihren Kleidern oder von ihrem Leibe zu ihm emporsteigt. Seine Hand gleitet über ihre verwunderlich feinen Schultern. Er preßt stumm seine Lippen auf die kühle Haut ihres Armes. Das wird eine scheue, keusche Zärtlichkeit.
Erschauernd fühlt er Yonamis freie Hand in seinem Haar ...
Der runde Metallspiegel
Er vernimmt Yonamis leise Stimme dicht an seinem Ohr: „Einst hatte ich einen Traum ... Darf ich dir erzählen, Herr?“
Yonami erzählt ungefähr dieses:
„Ich saß auf einem Balkon aus Goldlack. Der Balkon ragte über einen schönen Garten. Ich war die Tochter eines mächtigen Sisoku.
Hinter meinem Rücken standen vier Dienerinnen, die spielten auf der Samise und sangen leise dazu. Unter meinem Balkon aus Goldlack kämpften zwei Männer. Ihre Schwerter blitzten rot im Abendsonnenschein.
Einer der Männer war Yamata, mein Diener, und der beste Fechter weit und breit. Der andere war ein junger Samurai.
Ich hielt einen runden Metallspiegel in meiner Hand.
Es wurde ein harter, aber kurzer Kampf. Yamata stieß dem jungen Samurai das Schwert tief in die Brust und tötete ihn vor meinen Augen. Yamata tötete den jungen Samurai nach meinem Wunsche.
Ich war schön und reich und grausam.
Ich ließ verkünden, daß ich nur dem Manne als Frau angehören wolle, der Yamata im Zweikampf überwinden konnte. Daraufhin meldeten sich alle jungen Adeligen der ganzen Umgebung, mit Yamata zu kämpfen. Er besiegte einen nach dem andern.
Yamata tötete die Jünglinge zur Stunde des Sonnenuntergangs.
Yamata besiegte sie nur darum so leicht und sicher, weil ich mit meinem runden Spiegel die Sonnenstrahlen auffing und damit ihre Augen blendete.
Dieses alles tat ich aus dem Grunde, weil mein Herz so unersättlich war in seiner Begierde. Alle wollte ich sie haben, diese jungen Samurai, und ich gönnte sie nicht andern Frauen. Weil ich sie aber nicht lebend besitzen durfte, mußten sie sterben. Alle.
Eines Abends klopfte ein Ritter ans Tor und verlangte mit Yamata um mich zu kämpfen. Es war ein fremder Ritter, den ich nie gesehen. Er trat dicht unter meinen Balkon und verneigte sich stumm; dann wandte er mir den Rücken. Da besaß ich also keine Macht über ihn mit meinem Spiegel.
Er tötete Yamata.
Und als er wieder unter meinen Balkon trat und seinen Helm abnahm, sah ich, daß er stolz und edel war wie ein junger Gott. Meine Seele flog ihm zu.
Meine Seele flatterte auf wie ein erschreckter Vogel. Ich verlor alle Beherrschung und streckte meine beiden Hände nach ihm aus. Er aber blickte mich nur abweisend und kalt an, drehte sich um und schritt durchs Tor hinaus.
„Spielt lauter“, befahl ich meinen Dienerinnen. „Schlagt die Trommeln“, rief ich erregt. Dennoch konnte ich den Hufschlag seines Pferdes hören.
Als ich ihn so davonreiten hörte, glaubte ich, meine Seele ziehe mit ihm und verschwinde in unbekannter Ferne. Meine Seele, die bis zu diesem Abend so ganz ohne Mitleid und unersättlich gewesen.
Ich barg mein Gesicht im Ärmel des Kimono. Ich weinte. Ich saß und weinte, bis die Sonne untergegangen war. Ich saß und weinte, bis eine der Dienerinnen mich am Ärmel zupfte.
Die Dienerin beugte sich zu mir herab und flüsterte mir etwas ins Ohr. Aber ich wollte ihre Worte nicht hören. Da sagte sie es mit lauter Stimme, daß Mitternacht längst vorüber sei. Ich hob den Kopf und sah, daß das Heer der Sterne über den Himmel zog und daß der Mond auf meinen Balkon aus Goldlack schien.
Langsam hob ich mein Haupt vollends aus dem Ärmel des Kimono, denn meine Dienerin sagte, mein Haar sei in Unordnung geraten. Ich wollte mich in meinem runden Spiegel betrachten, mit dem ich so großes Unheil über alle die jungen Männer gebracht. Ich beugte mich vor und schrie auf in grenzenlosem Entsetzen.
Aus dem runden Metallspiegel blickte ich mir selber entgegen. Mit einem grünen Gesicht, mit silberweißem Haar, mit toten Augen ...
Dieses, o Herr, ist mein Traum.
Mein eigener Schrei weckte mich auf. Doch mit dem Erwachen wich der große Schmerz meines Traumes nicht von mir. Der Schmerz saß in meinem Herzen und ließ sich auch durch den hellen Tag nicht mehr daraus verscheuchen. Lange ging ich umher und war unglücklich über alle Maßen.
Erst nach vielen Wochen verblaßte der Traum allmählich. Ich begann zu vergessen.
Ich besaß wirklich einen kleinen runden Metallspiegel, der sehr alt war. Oft hatte ich mich während dieser Zeit darin betrachtet. Immer waren meine Wangen frisch und rot und mein Haar schwarz.
Doch eines Nachts kam genau derselbe Traum abermals zu mir. Alles zeigte sich mir wieder, der Garten und der Balkon aus Goldlack; und ich hörte abermals das Röcheln der Sterbenden. Und wieder weckte mich mein eigener Schrei.
Wie in dieser Nacht der Mond am Himmel stand, trat ich mit meinem Spiegel vors Haus hinaus. Oh, Herr, mein Haar war weiß und mein Gesicht war grau und tot.
In meiner Not lief ich zum nächsten Tempel. Ich weckte einen Priester und erzählte ihm meinen Traum und erflehte seine Hilfe.
Der weise Priester sagte: „In einem früheren Leben hast du gegen die allmächtige Liebe gesündigt. Zur Strafe bist du erniedrigt worden. Als niedriges und verachtetes Weib mußt du weiterleben, solange, bis es dir einst gelingen wird, durch eine große Tat dein früheres Unrecht zu sühnen. Nur auf solche Weise darfst du deine frühere Gestalt wieder erlangen.“
Ich sagte zum Priester: „Hab ich in einem früheren Leben in der Liebe gesündigt, so muß ich wohl jetzt durch die Liebe sühnen.“
Ja, das verhalte sich so, meinte er.
Ich fragte den Priester: „Soll ich in eine der großen Hafenstädte gehen und mich in ein Yoshiwara verkaufen?“
Darauf antwortete er: „Die Götter allein kennen die Wege ...“ Er besann sich und sagte: „Es gibt viele Wege.“
„Dieses, mein Samurai“, schließt Yonami, „ist die Geschichte deiner Nesan“.
„Und darum hast du dich an Aanaka-san verkauft?“ fragt er betroffen.
„Vielleicht — ich weiß nicht ... Doch, doch, hauptsächlich darum ... Aber auch darum, weil meine Eltern arm sind. Dieses muß wohl der Weg sein, der mir vorgezeichnet wurde ...“
Erstaunend fragt er: „Du glaubst an die Weissagung des Buddhapriesters?“
„Ja, Herr. Wie dürfte ich nur daran zweifeln?“
„Nein, nein ... Aber die große Tat, Yonami? — Wirst du eine große Tat vollbringen?“
„Gewiß, Herr. — Wenn einmal die Stunde naht, werde ich die große Tat vollbringen. Ich bete in den Tempeln, daß es mir bald beschieden sein möge.“
Er murmelt verständnislos: „Wie seid ihr doch merkwürdig und unbegreiflich, ihr Menschen aus dem Lande der Morgenröte ...“
Yonami sagt feierlich: „Auch morgen will ich wieder Kuannon, die tausendfältige Segenspenderin, anrufen, daß sie mir recht bald eine Gelegenheit gebe ...“
Und als er sie darauf nur schweigend betrachtet, fragt Yonami still: „Bist du müde, mein Samurai? Soll ich das Lager bereiten lassen?“
Sie klatscht in die Hände und Dienerinnen bringen Kissen und dicke Matten, seidene Decken und ein halbmondförmiges Polstergestell. Damit bereiten sie auf dem Fußboden das Nachtlager.
Ja, nun war es Schlafenszeit. Yonami streifte ihre drei Kimonos ab und vertauschte sie mit einem hellen Schlafgewand. Es mochte Mitternacht sein; es mochte wohl schon weit über die Mitternacht hinaus sein. Der fremde Samurai zog seine Uhr aus einer der vielen Taschen seines früheren Kleides hervor. Die Uhr war stehengeblieben. Und er nickte sich selber zu und schob die verstummte Uhr wieder zurück in ihre Tasche. Die Zeit? Seine Zeit stand still.
Mit ihrem kleinen, wohligen Seufzer hob Yonami die Seidendecke und schob sich das holbmondförmige Gerät in den Nacken. Das war ihr Kissen. Nur ein schmaler Streifen ihres Hinterhauptes lag auf dem Polster — die kunstvolle Haarfrisur durfte im Schlaf nicht zerknittert werden. Yonami schloß lächelnd ihre dunklen Mandelaugen ...
Der Duft der Resedenblüten war stärker geworden ... Welch eine Nacht — welch eine schicksalsschwere Nacht!
Die Holzkohlen im Kupferkessel verglühten langsam und warfen nur noch einen schwachen Dämmerschein über die Papierwände. Draußen schien der Mond, grünlich und hell. Er zeichnete in dunkelvioletten, blinden Schatten die Umrisse eines hängenden Astes auf die fahlschimmernde Zimmerwand. Das glich einem Gedicht ohne Laut und Worte.
Zuweilen raschelte in den Bäumen ganz heimlich der Nachtwind. Dann begannen alle die violetten Blätterschatten an der bleichen Wand geisterhaft zu fächeln. Das glich einem Versprechen ohne Laut und Worte.
Stille im Haus.
Längst schwieg die häßliche Niggermusik und war völlig vergessen. Kein Geräusch, keine Stimme im Haus, kein Ruf mehr von den Gassen her.
In tiefer Andacht lauschte Walter dieser wonnigen Stille, die sich schwer über alle Dinge ausbreitete. Die Stille war so groß und so feierlich, daß sie ihm den Schlaf fernhielt.
Seine Blicke glitten suchend durch den kleinen Raum, den das seidenschimmernde Nachtlager fast zur Hälfte einnahm. Außer diesem bunten Lager und dem alten kupfernen Feuerkessel fand sich hier nichts mehr als eine Emaillevase aus Satsuma, die auf einer schmalen Erhöhung an der hinteren Wand stand.
Mit geschlossenen Augen lag Yonami, und ihr Atem war so leise, daß er selbst auf diese kleine Entfernung unhörbar blieb. Es war nicht zu erkennen, ob ihre Brust sich hob oder senkte. Um ihren halbgeöffneten Mund huschte als zartes Schattenspiel ein müdes und zufriedenes Lächeln.
Plötzlich erhob sich weit unten in einer fernen Gasse ein schnarrendes Geklapper, das sich rasch näherte und bis dicht ans Haus herankam. Yonami öffnete ihre Augen, blinzelte schläfrig und strich beruhigend mit ihrer Hand über des Fremdlings Brust. „Das, mein Samurai, ist doch nur Ozuma, der Nachtwächter“, flüsterte sie und gähnte. „Ozuma klappert auf seinen Holzstäben.“
Bald entfernte sich der lärmende Nachtwächter wieder; das Gerassel seiner Holzstäbe verstummte weit unten in einer Gasse, woher es gekommen. Aufs neue, und bezwingender noch als zuvor, brach die Stille herein, eine Geisterstille, die nur die Blätterschatten an der fahlen Wand und Yonamis seidenzartes Lächeln erfüllte ...
Dieses trug sich zu in einem Teehaus von Enoshima, eines Nachts zur Zeit der Pflaumenblüte ...
Das rote Herz
Gelbes Sonnenlicht durchdringt hell das papierene Haus. Ein neuer Tag. Ein neues Wunder.
Yonami schlüpft unter der Seidendecke hervor, schiebt einen Teil der Zimmerwand, die als Tür und Fenster zugleich dient, zurück und vertauscht ihr Schlafkleid wieder mit den Festgewändern. Ein paar köstliche Minuten lang steht sie nackt und schlank und überaus zierlich in der opalschillernden Luft. Das Licht des frischen Morgenhimmels strahlt matt zurück von den runden Hügeln ihrer festen Brüste und von ihren geschmeidigen Lenden.
„Rühr dich nicht, Yonami“, bittet er hingerissen. „Verharre noch ein Weilchen ...“
Sie wendet nur den Kopf mit der hohen, schwarzen Haartracht nach ihm zurück, läßt den erhobenen Arm langsam niedersinken. Sie hat sogleich erfaßt, daß sie in diesem seligen Augenblicke ein hohes Kunstwerk ist, das des fremden Samurais Herz erfreut ...
An diesem Morgen führt Yonami ihren Samurai selber zum Bade, faßt ihn bei der Hand und führt ihn durch die paar dunklen Hausgänge und über den kleinen Hof. Doch selbst das heißeste Bad vermag nicht die süße Schläfrigkeit von ihm zu nehmen. Wohl wird sein Körper erfrischt und prickelt vor Lebensfreude, doch in seiner Seele liegen noch unverwischbar die köstlichen und unfaßbaren Erlebnisse einer seltsamen Nacht. Nun ist es so, als werde vor seine Augen ein zarter Schleier gezogen, der ihm alles Geschehen in unbegreiflicher Weise verklärt.
Die Welt hat sich für ihn verändert. Die Welt von gestern hat sich so gründlich verändert, daß er sich nicht mehr darin auskennt, sondern daß er sich selber neu und völlig unbegreiflich vorkommt Er meint, nie zuvor in seinem ganzen früheren Leben habe die Sonne so mild und so verheißungsvoll geschienen. Er meint, nie zuvor sei ein Himmel so durchsichtig und blau gewesen. O diese weiche Luft, die seinen Körper umspielt — sie ist eine überirdische Liebkosung.
In seinem leichten Gewande schreitet er im Garten hin und her, schreitet über schmale Wege, die sicherlich von Kinderhänden für Kinderfüße geschaffen sind. Da und dort bleibt er stehen, bückt sich über eine Blume, streift mit ehrfürchtigen Fingern den hängenden Buchenast, der in der verflossenen Nacht mit seinem fächelnden Mondschatten die Wand seines Zimmers zum Feste schmückte.
Hinter den winzigen Wiesen, hinter einem See, der nicht größer ist als daß man von einem Ufer ans andere springen könnte, hinter einem langen, schmalen Irisbeet stehen als stumme farbige Lieder die blühenden Pflaumenbäume — eine Kaskade bunter Träume, eine unendliche Flut zarter Blüten, die in kaum wahrnehmbaren Wogen der blauen Luft entströmt, Myriaden stiller Blumenwunder in allen Färbungen: weiß, hellschillernd wie der frühe Morgenhimmel, purpurn wie gewitterschwüles Abendrot — ein betörender Taumel ...
Durch diese Blütenherrlichkeit wirft sich in zuckenden Sprüngen ein zitronengelber Schmetterling, schaukelt sich sonnentoll in der Luft, gleitet heran, umflattert den Fremdling und taucht wieder unter im großen Farbenlied der Pflaumenblüten.
Mit entzückten Augen folgt Walter dem Gaukelflug des Schmetterlings und versinkt mit ihm in die Herrlichkeit der blühenden Bäume. Ohne daß es ihm selber bewußt wird, faltet er seine Hände. Sicherlich wird es ein Gebet sein ... „Herr Gott“, murmelt er in kindlicher Frömmigkeit ... „O Herr des Himmels ...“
Alle Dinge sind gut ... Ein Rauschen leuchtender Seligkeit geht durch die Welt ...
Über Nacht wurde dieses jungen Mannes Ohr so sonderbar hellhörig, daß er das geheime Schwingen vernimmt, das Tönen zahlloser Saiten, die ausgespannt sind zwischen Himmel und Erde. Es ist der hohe Feiertag der Begnadeten, an dem er da überraschend teilhaftig wird. So frei und leicht fühlt er sich, daß er meint, er brauche jetzt nur seine Arme mit den weiten, bunten Seidenärmeln zu heben, dann müßten sie gleich zu Schwingen werden, die ihn durch diese verzauberte Luft trügen, wie den zitronengelben Schmetterling.
Es ist ein ungeahnt tiefes Erleben der Natur, wie er es bis zu diesem Morgen noch nicht kannte. Aufgegangen im geheimnisvollen Wesen der Erde ist er; er ist gestreift vom Atem einer milden Gottheit. Und zum ersten Male fühlt er sich eins mit der blauen Luft, mit dem blauen Meer und allen stummen Dingen. Selbst der Sand unter seinen Füßen raunt ihm eine Freundlichkeit zu ... Des fremden Samurais Augen werden feucht vor Ergriffenheit ...
Vom Hause her kommt Anaka-san, verneigt sich zehnmal, verneigt sich hundertmal, sagt unverständliche Worte, sagt viele gute Worte. In den dunklen Kronen der Schirmfichten jubilieren kleine Vögel ... Das wird ein großer Augenblick. Auf einmal versteht der fremde Mann das Lächeln dieser Menschen ...
Yonami erwartet ihn beim roten Lacktischchen. Bei seinem Eintreten ordnet sie mit behutsamen Fingern die hauchdünnen Tassen und Schälchen, gießt den gelbgrünen Tee ein, stochert mit den elfenbeinernen Eßstäbchen in den Schüsseln. Und dann schiebt sie ihm wieder kichernd das Essen in den Mund, alle diese verwunderlichen Speisen. Es sind andere Gerichte als am Abend, und sie werden ihm in anderer Reihenfolge dargereicht.
Während sie ihren Samurai bedient, sagt Yonami viele lustige Dinge; doch dazwischen sagt sie mit listigem Augenzwinkern auch sehr ernste Dinge. In fröhlicher Aufmerksamkeit ist sie bemüht, die verschwiegenen Wünsche ihres Herrn zu erraten.
„Yonami“, sagt er lachend, „jetzt will ich deine Sprache erlernen“.
„Ja, Herr!“ ruft sie erfreut.
Er zeigt auf die weiche, dicke Bastmatte des Bodens: „Was heißt das?“
„Tatami.“
Er zeigt auf das kupferne Feuerbecken: „Und das?“
„Hibatshi.“ Und nun hebt auch Yonami ihre Hand, legt sie auf das zurückgeschobene Stück der Hauswand: „Shoji.“ Mit dem Finger weist sie auf ihre Holzpantinen, die draußen auf der kleinen Treppe stehen: „Geta.“
Es wurde ein vergnüglicher Unterricht.
Hernach brechen sie auf zur Wallfahrt nach Kuannons Tempel.
Zuerst schreiten sie durch die engen Gassen von Enoshima zwischen den Puppenhäusern, wo auf den glatten Steinfliesen die komischen Menschenfiguren hin und her eilen und laut mit ihren Getas klappern, wo zierliche Mädchen trippeln und überaus drollige Kinder spielen. Die Kinder haben je nach dem Alter die verschiedensten Frisuren. Bald steht ihnen das pechschwarze Haar in drei Büscheln vom glattgeschorenen Kopf, bald haben sie es fächerartig aufgebauscht. Schwarze, muntere Kirschenaugen haben sie alle. Rein unbegreiflich erscheint es dem fremden Manne, daß diese Spielzeugwesen irgendeine ernsthafte Beschäftigung treiben und daß nicht auch die Erwachsenen nur zum Scherz in den Gassen trippeln und trappeln.
Wenn Yonami mit ihrem Fremdling vorüberschreitet, schauen die Kinder erschreckt und belustigt zugleich auf, und öffnen vor Staunen rund und weit ihre glänzenden Perlenaugen. Die Erwachsenen verneigen sich und grüßen.
An den Felsen zwischen Baumwurzeln und Gestrüpp führt der Weg steil empor, oft über lange Treppen, deren Stufen im Laufe der Jahrhunderte ausgehöhlt wurden von den Tritten unzähliger Füße. Und zuweilen führt der Weg durch eines jener Tempeltore, die man hier Torii nennt. Winzige Tempelchen aus Stein stehen zu beiden Seiten des Pfades; sie stehen auf mannshohen Steinsäulen und gleichen merkwürdigen Laternen.
Ist der Weg steil und mühsam, so ist auch die Überraschung der Höhe groß. Es liegt nicht in der Pracht des Tempels, nein, es ist hier dieses, daß das Heiligtum der Menschen vereinigt wurde mit der Schönheit der Natur. Alte Buchen mit langen Moosbärten ragen im Kreise, gewaltige Schirmfichten, Blumen überall, und sonnenwarme Büsche, die herrlich duften ... Die Gebilde von Menschenhand haben sich so sehr den Bäumen und Blumen und den Felsen angepaßt, als seien auch sie auf dieser heiligen Erde von selber emporgewachsen.
Ein weitläufiges Holzhaus mit aufwärts gebogener Dachfirst, mit offener verschnitzter Holzgalerie rundum, das ist Kuannons Tempel. Die Göttin aber, die hundertarmige, die tausendfältige Segenspenderin, ist ein dickes Ungeheuer von einem Weib mit Wülsten unter dem Kinn und unförmigem Bauch. Wenn auch nicht gerade hundert, so ragen doch einige Dutzend Arme aus jeder ihrer Schultern hervor.
Ob dieses furchtbare Geschöpf Segen spenden und die Menschenkinder lieben kann? Aber Yonami bindet ihr Opfer an einen der dicken Finger Kuannons, klatscht in die Hände, murmelt ein paar Worte, lächelt. Das ist Yonamis Gebet. Sie hat ihren schönsten Kamm geopfert; also muß sie wohl glauben an Kuannons Macht und an die Erhörung ihres Gebetes.
Yonami opfert ihren schönsten Kamm für den fremden Mann, der an ihrer Seite steht und fassungslos den Kopf schüttelt; und Yonami bittet für ihn ... Dieser fremde Mann wird jetzt überstrahlt von der Heiterkeit des japanischen Himmels, er wird eingehüllt in die Schleier des Weihrauchs, die von unzähligen Kerzen aufsteigen. Als seine kleine Nesan ihn anblickt und lächelt in ihrem Götterglauben, lächelt wahrhaftig auch er in ähnlicher Weise.
Rings um den Tempel des segenspendenden Ungeheuers liegt ein kleines Dorf von Verkaufsständen; es gleicht einem bunten Jahrmarkt. Hier wird Tee feilgeboten, Backwerk, Süßigkeiten, Früchte; aber auch hübsche Gegenstände aus Metall, Holz, Stein, kleine Flaggen, Reisbier, Reisschnaps, Papierrollen mit Hunderten von Gebeten für alle Leiden, Räucherkerzen. Alles, alles, was die frommen Pilger für Seele und Leib nur wünschen können, ist hier zu haben.
Manche dieser Jahrmarktsbuden bestehen nur aus einem langen, einfachen Tisch, auf dem die buntgekleidete Verkäuferin sitzt; aber darüber, o Wunder, wölbt sich ein Dach tiefblauer Glycinien. Den Tisch stellten die Menschen hin; und die Menschen errichteten auch das einfache Gestell aus Bambusstäben. Doch die Götter ließen aus dem heiligen Boden die herrliche Pflanze emporwachsen, einen armdicken Stamm, eine Vergabelung klafterlanger Äste, ein dichtes Gewirr von Ranken und schattengrünen Blättern, aus der in wahren Riesentrauben die Blumen niederhängen in fast unglaubhafter Bläue.
Scharen zahmer Tauben flattern und trippeln zwischen den Ständen, zwischen den Füßen der Pilger, die ihnen Futter hinstreuen.
Neben dem Tempel ist eine Schießbahn für Bogenschützen. In diesen frühen Morgenstunden sind erst wenige Menschen da; fröhliche und sehr höfliche Menschen, die sicherlich nur zu ihrem Vergnügen und nicht vor Sorgen zum Tempel der Kuannon wallfahrten.
Das Tempeldach überragen ein paar mächtige Schirmfichten, heller Buchenwald schließt sich dahinter zu einer dichten grünen Mauer, aus der zuweilen zierliche Rehe hervortreten und sich zutraulich den Menschen nähern. Dieser Morgen muß ein Geschenk der Götter sein — der ganze Himmel ist von Silberstaub erfüllt.
Ach, dieses alles — was mag es in Wirklichkeit bedeuten? Das Spiel von Kindern? Religion? Götzendienst?
Je mehr der fremde Mann sich in diese heitere Welt versenkt, desto rätselhafter wird sie ihm. Warum zum Beispiel, fragt er, sind die Götter dieser Menschen, die mehr als andere Menschen die Schönheit verehren, über alle Maßen scheußlich? Ja warum müssen ihre Götter so unbeschreiblich dumm und häßlich aussehen?
Die großen Götter, die im Verborgenen walten, werden möglicherweise wissen, weshalb das so und nicht anders sein kann ... Vielleicht ahnt es auch Yonami. Yonami führt ihren Samurai zwischen den Buden umher. Sie füttern miteinander die Tauben und sie füttern die Rehe; sie trinken aus winzigen Tassen bittern Tee, essen dazu kandierte Früchte, ziehen gemeinsam am Seil, das einen waagerecht hängenden Balken in Bewegung setzt, so daß die große Tempelglocke mächtig und dunkel aufklingt in der lichtdurchfluteten Höhe.
Hierauf gehen sie zum Schützenstand an der Längsseite des Tempels. Yonami greift nach einem Bogen, der sie hoch überragt. Mit größter Sorgfalt wählt sie einen der langen befiederten Bambuspfeile, wiegt ihn in ihren kleinen Händen, steckt ihn wieder in den Köcher zurück und prüft einen anderen.
Mehrere Scheiben stehen vor den grauen Felsen. Es steht eine Scheibe da, deren Mitte ein rotes Herz trägt. Das Herz umschließt ein schwarzes Viereck. Um das Viereck läuft ein weißer Kreis.
„Das ist die Scheibe des Lebens“, sagt Yonami. „Man darf darauf in jedem Jahr nur einen einzigen Pfeil abschießen.“
Yonami spannt mit einer Kraft, die ihre feinen Glieder kaum vermuten lassen, die Sehne; zielt lange. Der Pfeil zischt durch die Luft und steckt zitternd im roten Herzen.
Und Yonami sagt: „Das rote Herz, o mein Samurai, das ist die Liebe.“
Yonamis Augen leuchten jetzt wie zwei kleine Sonnen.
Dann sagt sie: „Das schwarze Viereck aber ist der Schmerz. Und der weiße Ring, der sowohl Liebe als Schmerz umschließt, das, mein Samurai, ist der Tod.“
Sie reicht ihrem Samurai den Bogen hin, sie wählt für ihn einen Pfeil. Er legt den Pfeil auf die Sehne. Doch als er darüber hinzielt nach dem roten Herzen, befällt ihn ein jähes Unbehagen. Des Bogenschießens unkundig, wie er ist, wagt er es nicht, Kuannons Orakel zu hören, er wagt nicht, das Schicksal herauszufordern.
„Nein, nein, kleine Yonami“, sagt er nur und legt den Bogen in ihre Hände zurück.
Sicherlich ahnt Yonami irgendwie, was in ihm vorgeht; sie stellt den Bogen mit einem Scherzwort gegen die Tempelwand. Sie streicht mit behutsamer, tröstender Hand über seinen Ärmel.
„Mir hat Kuannon die Liebe versprochen“, sagt Yonami heiter, faßt nach seiner Hand und führt ihn zum Opferaltar. Sie verbrennen einige Gebetrollen und zünden zwei Räucherkerzen an; die stecken sie in einen gewaltigen Kessel, der angefüllt ist mit der Asche von hunderttausend verbrannter Räucherkerzen, die vor undenklichen Zeiten hier verglühten ...
Im hohen Mittag
Die Seelen voll Licht und Feierlichkeit kehrten sie ins Teehaus zurück. Sie ließen sich zu beiden Seiten des Rotlacktischchens nieder. Yonami sorgte für ihren Herrn mit rührender Gewissenhaftigkeit, ehe sie sich dazu bewegen ließ, selber etwas aus den vielen Schalen und Schüsseln zu essen.
„Und jetzt werde ich also mit Anaka-san einen Handel abschließen“, sagt der weiße Samurai nach dem Essen. „Sag mir, süße Yonami, wer ist der Mann mit dem Strohhut und der großen Hornbrille, der merkwürdige Mann, der mich gestern abend hierher brachte?“
Yonami bedenkt sich; plötzlich strahlt ihr Gesicht auf: „Das kann nur Ishida, der Lehrer, sein.“
„Sei so gut, führ mich zu ihm.“
Vor einem weißen Häuschen, das noch kleiner ist als alle andern, klatscht Yonami in die Hände und ruft ein paar Worte. Sogleich öffnet sich ein Stück der Hauswand und der Lehrer steht da, ein Buch in der Hand. Beim Anblick der Besucher legt er sein Buch auf den Boden und führt sie unter vielen Verneigungen ins Haus, das nur aus einer einzigen Stube besteht.
Gewiß verstößt es gegen alle Höflichkeit, daß der fremde Mann, ganz nach Art der Barbaren, ohne Umschweife auf sein Anliegen zu sprechen kommt. Er erklärt: „Ich möchte dieses Mädchen, das ich Yonami nenne, von Anaka-san loskaufen.“
„Gut“, nickt Ishida und scheint sich über ein solches Verlangen keineswegs zu wundern.
„Glauben Sie, daß dieses sich irgendwie ordnen läßt?“
„Das läßt sich sehr leicht ordnen.“ Ishida erklärt sich sogleich willig, mit Anaka-san die Unterhandlung zu führen. Schon erhebt er sieh und greift nach seinem Strohhut. Doch mit einem Male wird er nachdenklich und fragt: „Vielleicht darf ich erfahren, was Sie, hochgeehrter Herr, mit dieser Nesan beginnen wollen ...“
„Was ich mit ihr beginnen will?“ fragt verblüfft der weiße Mann.
Ishida lächelt: „Ich meine nur, ob Sie die Nesan mit sich ins Ausland nehmen wollen. Dazu wäre die Einwilligung ihrer Eltern nötig, da die Nesan, wie sie mir sagt, erst neunzehn Jahre alt ist.“
Der weiße Mann hebt abwehrend seine beiden Hände. „Oh, keine Spur von Ausland, sondern ich möchte eine Zeitlang hier wohnen, hier in diesem gesegneten Orte Enoshima, wo es mir ausnehmend gefällt ... Ja, Herr Ishida, ich möchte Japan kennenlernen, Japan erleben ...“
„Großartig. Das ist eine ungeheure Ehre für uns alle ...“
„Ich möchte mir eines dieser niedlichen Häuschen kaufen. Da müßte ich also natürlich Yonami bei mir haben — begreifen Sie ...?“
„Ausgezeichnet.“
Ishida stellt an Yonami in japanischer Sprache ein paar hastige Fragen, die sie mit eifrigem Nicken beantwortet.
Der Lehrer Ishida, dieser kleine Mann mit der großen Hornbrille und den unheimlich klugen Augen dahinter, wendet sich nun an Walter, wendet sich an den Sprößling einer sehr vornehmen Patrizierfamilie aus einer Stadt am Rhein und meint gelassen: „In diesem Falle empfehle ich Ihnen, mein hochverehrter Herr, die Nesan, die Sie Yonami nennen, zu heiraten.“
Du große Welt!
Noch immer ist zwar hoher Feiertag in Walters Herzen, noch wandelt er im Fastnachtstaumel; hingegen soweit reicht seine Begeisterung nicht.
„Gott helfe mir!“ ruft er überrumpelt.
Aber Herr Ishida lächelt weiter dazu und erkundigt sich: „Wie lange gedenken Sie hier unter uns zu wohnen?“
„Eigentlich“, gesteht Walter zögernd, „ja, ich weiß nicht ... ich habe für Japan nur zwei Monate vorgesehen ... Gestern früh traf ich in Yokohama ein ...“
„Nun gut — heiraten Sie Ihre Nesan für zwei Monate.“
Walter schaut forschend in die schwarzen, funkelnden Augen des Lehrers — weder Spott noch Scherz verraten sie. „Wäre dieses möglich?“ fragt er bestürzt.
„O ja — sehr möglich“, erklärt Ishida und nickt. „Wenn Sie gestatten, will ich sofort das Papier schreiben ...“
„Das würde dann eine richtige Ehe sein?“
„Ei gewiß.“
Der fremde Mann ist immer noch zurückhaltend: „Und wenn die Zeit abgelaufen ist ...?“
„Dann ist die Ehe zu Ende.“
„Ohne weiteres?“
„Ohne weiteres, ja.“
„Bitte schreiben Sie, Herr Ishida.“
Der Lehrer malt mit einem Pinsel und schwarzer Tusche Zeichen um Zeichen auf ein Papier; er beginnt oben rechts und schreibt abwärts. Er schreibt ungefähr dieses: Der ehrenwerte Herr Walter aus einem fernen Lande nimmt heute das ehrenwerte Fräulein „Mondschein auf dem Wasser“ zu seiner Frau ...
Ishadi blickt auf: „Soll ich nun hinsetzen: für die Dauer von zwei Monaten?“
Da aber faßt Walter wieder einen seiner Entschlüsse: „Nein, guter Herr Ishadi“, ruft er. „Nein, ich werde meinen Reiseplan gründlich ändern. Ich will in Enoshima einen Sommer erleben, und ich will hier den Herbst und den Winter und dann noch einmal den Frühling sehen ... Ein ganzes Jahr, Herr Ishadi ...“
„Demnach darf ich wohl ein Jahr schreiben?“
„Schreiben Sie zur Vorsicht zwei Jahre ...“
Ein Ruck geht durch Walter — nein, Gott helfe mir — denkt er. Aber dann wiederholt er bestimmt: „Jawohl — zwei Jahre.“
Sicherlich ist das heller Wahnsinn. Doch der Lehrer Ishida malt ihn fröhlich mit Pinsel und Tusche in zierlichen Zeichen aufs Papier. Als er damit zu Ende ist, liest er den japanischen Text für Yonami, für die Nesan „Mino moni utsuru Tsukikage“, „Mondschein auf dem Wasser“.
Während der Lehrer liest, betrachtet der junge Ehemann Walter seine Nesan, seine Braut, seine Frau ... Ja, Gott stehe mir bei, denkt er abermals. Das Herz hüpft ihm so seltsam in der Brust. Etwas, das einem schluchzenden Lachen gleicht, würgt ihn ein wenig in der Kehle ...
Yonami kauert verschüchtert und sehr bescheiden am Boden; sie hat ihre beiden Hände ganz in die Ärmel ihres Kleides zurückgezogen. Ihre Gestalt ist jetzt nur noch ein Häuflein buntschillernder Seide. Doch ihre Mandelaugen sind mit einem unerklärlichen Ausdruck auf ihren Samurai gerichtet. Leblos ist ihr weißgepudertes Gesichtchen, als sei es wirklich aus Porzellan — nur ihre langen dunklen Wimpern zittern ein wenig.
Und der Ehevertrag wird unterzeichnet, zuerst von Walter, dann von Yonami, zuletzt als Zeugen von Ishida, dem Lehrer. Hiermit wäre diese Angelegenheit in bester Ordnung: der Sprößling eines vornehmen Hugenottengeschlechtes ist vermählt mit einem kleinen Teehausmädchen, das „Mondschein auf dem Wasser“ heißt, neunzehn Winter zählt und aus der Gegend von Nara stammt.
Vom Dasein dieser jungen Dame hatte der junge Patrizier gestern früh noch keine Ahnung. Der Abend schenkte sie ihm — als eine wundervolle Blume dieses Blumenlandes. Gar manches darf geschehen in dieser Welt.
„Ich wünsche Ihnen Freude und Genuß“, sagt der Lehrer höflich. „Wollen wir jetzt die Sache sogleich auch mit Anaka-san in Ordnung bringen?“
„Gehen wir!“ ruft Walter.
Sicherlich ist er selber ein wenig verwirrt, und sein Unternehmen kommt ihm unheimlich vor. Aber er ist doch noch so gottgefällig jung und unerfahren im Leben. Darum marschiert er munter drauf los.
Sie gehen abermals durch die engen Gäßlein, der fremde Mann in der Mitte, auf der einen Seite Ishida, der Lehrer, auf der andern Seite Yonami, die Frau. Buntes Treiben erfüllt immer noch die Gassen, frohe, emsige Menschen klappern auf ihren Getas. Freundliches Licht flutet über die grauen Schindeldächer ... Dort schreitet also wahrhaftig ein Brautpaar. Und das Leben ist immerzu köstlich mit allen seinen Überraschungen.
Einen besseren Unterhändler als diesen Lehrer Ishida kann man schwerlich finden. Er läßt sich im Teehaus vor dem Lacktischlein nieder, trinkt Tee, raucht ein paar Pfeifen und beginnt in ausgesuchter Höflichkeit ein Gespräch.
Auf der andern Seite des Tischchens sitzt Anaka-san und ist nicht weniger höflich. Lange Zeit geht es zwischen ihnen hin und her mit Kopfnicken und tiefen Verbeugungen, und sie scheinen ganz und gar einer Meinung zu sein. Doch der Lehrer wendet sich dem fremden Manne zu und meint vergnügt: „Diese alte Dame, mein Hochgeehrter, ist zäher als Büffelleder ...“
Worauf das Gespräch genau mit derselben Liebenswürdigkeit weitergeführt wird. Alle beide scheinen stets ja zu sagen; aber sie sind durchaus nicht eines Sinnes.
Denn Anaka-san, das weiche braune Räupchen, fordert für ihre Nesan einen guten Preis, und obendrein fordert sie noch fünfhundert Yen als Entschädigung. Sie behauptet, nie zuvor habe sie eine so hübsche und geschickte Nesan in ihrem Hause gehabt.
„Sie soll ihre Yen haben“, sagt Walter, der seine Gattin nun um jeden Preis loskaufen muß und der also dem ganzen Handel ein schnelles Ende machen möchte.
„Die große Summe? Nein, das wäre eine Schande“, widerspricht Ishida. „Fünfhundert? Es ist unverschämt. Wenn die alte Dame etwas bekommen soll, so darf es in keinem Falle mehr als fünfzig Yen sein.“
Ach, es muß in dieser Sache noch viel geredet und gefeilscht werden. Doch sie endet damit, daß Anaka-san sich mit hundert Yen zufrieden gibt.
„Verzeihen Sie ihr und uns allen“, bittet Ishida, sichtlich betrübt. Und dann sagt er, er wisse ein Haus, das sich für den hochgeehrten Fremdling eignen möchte; er bietet sich an, es ihm zu zeigen.
Das Haus liegt ein Stück weit außerhalb der Ortschaft, in einer kleinen Bucht. Braune Felswände, deren Klüfte Gestrüpp und Blumen und dicke grüne Moosteppiche schmücken, ragen zu beiden Seiten empor. Ein paar uralte Schirmfichten stehen als dunkle Wächter; ihre untersten Äste berühren das Schindeldach. Eine Wiese mit blühenden Pflaumen- und Kirschbäumen füllt den ganzen Grund zwischen den Felswänden aus. Von der Höhe herab leuchtet des helle Laub der Buchen, ein grüngoldenes Flimmern.
Vor dem Haus aber, gegen die See hin, liegt einer jener Märchengärten, mit schmalen, vielfach verschlungenen Pfaden, mit winzigen Teichen, mit Steingrotten und unglaubhaften Bäumen, mit Büschen, die die Gestalt von Tieren und riesigen Vögeln haben.
Ein klares Bächlein plätschert über gelbe und rote Steine. Die Schatten kleiner Fische huschen über weiße Sandstreifen. Hochgewölbte Brücklein führen von einem Ufer ans andere. Es ist ein japanischer Garten, der auf kleinstem Raum, durch die Kunst des Gärtners in völlig unübersichtlicher Weise die mannigfaltigen Schönheiten einer ganzen weiten Landschaft wiederzugeben vermag.
Gegen den Strand zu schützt den Garten eine Mauer. Hinter dieser Mauer dehnt sich die blaue Unendlichkeit des Meeres. Und über dem blauen Meer wölbt sich ein friedlicher Himmel, in dem ein paar weiße, stille Wolken schweben und sich in der sanften Dünung spiegeln.
Ishida hebt seinen Arm, beschreibt einen Kreis über den Garten hin: „Schön“, sagt er sichtlich ergriffen. Und er beschreibt einen weiten Kreis über Meer und Himmel: „Auch das ist schön“, sagt er. „Hier, Hochgeehrter, können Sie Japan erleben ...“
Hernach steht der Lehrer noch lange versunken in den Anblick der Nähe und der Ferne.
Ishida sagt: „Ich kenne den Gärtner, der diesen Garten schuf; er heißt Kisona. Er ist ein alter Mann; aber noch stark wie ein Bär. Ich bin sicher, daß Kisona gerne in Ihren Dienst treten würde.“
Sie gingen miteinander zum Besitzer dieser Herrlichkeit. Ob er verkaufen wolle?
Nein.
„Er sagt“, übersetzte der Lehrer, „es sei eine Sünde, die Gaben der Götter um Geld zu verkaufen.“
Aber der fremde Mann zeigte sich keineswegs hochmütig und überlegen. „Erklären Sie ihm“, bat er, „daß niemand den Garten mehr schätzen werde, als ich ...“
Worauf sich der Besitzer, ein rundlicher Herr mit weißem Bart, verneigte. „Bitte, treten Sie näher“, sagte er.
Zuerst tranken sie Tee, und die kleinen Pfeifen wurden angezündet. Auch dieser Handel kam schließlich zustande. Der fremde Samurai erwarb Haus und Garten zu einem lächerlich niedrigen Preise.
Erfreut über den guten Abschluß bot er dem Lehrer eine Belohnung an. Aber nein. „Nein, niemals“, rief der Lehrer und zog seine Hände in die weiten Ärmel zurück. „Es wurde mir eine Gnade erwiesen, Ihnen, Hochgeehrter, zu dienen. Und wenn Sie mir weiterhin Ihr Vertrauen schenken wollen, will ich sogleich den Kaufvertrag schreiben.“
Gut. Auch dieser Vertrag wurde geschrieben. „Schreiben Sie ihn auf den Namen Yonamis“, bat Walter. „Das Haus und alles soll ihr gehören.“
Und als er das staunende Gesicht des Lehrers bemerkte, durchrieselte ihn eine warme Freude. Vielleicht empfand er da zum ersten Male den Segen seines Überflusses, der ihm gestattete, in der kleinen Stadt Enoshima wie ein Fürst zu schenken.
Drei Briefe
Über allen diesen Begebenheiten wurde es Abend.
Am Gartentor des Teehauses erwartete ihn Yonami und führte ihn an der Hand ins Zimmer. Die vordere Wand war zurückgeschoben; darin lag wieder das Bild von gestern, das ihm nun schon seltsam vertraut geworden.
Der kühlen Nachtluft wegen brannte im Hibatshi ein Haufen Holzkohle mit bläulichen Flämmchen. Von der Gasse herein drangen verworrene Geräusche, Menschenstimmen und das Geklapper vieler Getas auf den Steinen; vereinzelte Rufe hoben sich daraus empor.
Den Himmel schmückten ein paar fliederfarbene Wolkenfächer mit purpurnen Rändern. Diese Wolken streuten ihr zartes Licht in den kleinen Raum; es vermischte sich wundersam mit dem dumpfen Schein des Kohlenfeuers. Alles war schattenhaft und körperlos geworden. Die Wirklichkeit glitt sachte und unmerklich hinüber in den Traum.
Wiederum trugen die Dienerinnen das Lacktischchen mit den vielen Schüsseln herein. Zierlich griffen Yonamis Hände zu den Eßstäbchen; kein Klirren unterbrach die Stille. Nur die Seide an Yonamis Kleid raschelte zuweilen ...
„Ich habe das Haus in der Bucht gekauft, Yonami.“
Ein schnelles, rätselhaftes Aufblitzen ihrer Augen streifte ihn. Gleich aber senkte sich Yonamis Gesicht und wurde verdeckt von der Masse ihrer schwarzen Haare, aus der die langen Spieße mit ihren Gold- und Perlmutterknöpfen hervorragten. Von tief unten und sehr verhalten kam Yonamis Stimme. „Ich bin glücklich, mein Samurai.“
„Morgen wollen wir hingehen und uns einrichten. Du sollst Dienerschaft haben, Yonami.“
„Du bestimmst alles, Herr. Yonami ist ja nur ein kleines Stück von dir. Yonami will alles so, wie du es haben willst.“
„Haus und Garten gehören dir, Yonami. Dort sollst du wohnen, wenn ich wieder fortziehen muß ...“
Mit diesen Worten streckt er ihr den Kaufbrief hin.
Staunend hält Yonami das Papier gegen den fahlen Schein des Kohlenbeckens, liest aufmerksam und schüttelt dann in leiser Trauer den Kopf. „Wahrlich, du bist gütig wie ein Gott“, erklärt sie nach einer merkwürdig langen Pause. „Viel schenkst du deiner kleinen Nesan ... Was aber, o mein Samurai, soll Yonami mit dem Haus und mit dem Garten, wenn du nicht mehr dort wohnst?“
Nur wieder das starre Lächeln auf ihren rotgemalten Lippen. Und nicht das leiseste Beben der Freude in ihrer Stimme. Kein Aufflackern in ihren dunklen Augen ...
Das ist alles. Das ist nicht viel. Was bedeutet es?
Ein fremder Mann erschien gestern im Teehaus und machte heute die kleine Dienerin zu einer wohlhabenden Persönlichkeit. Aber sie läuft nicht auf ihn zu mit ausgebreiteten Armen. Ja, was in aller Welt mag das bedeuten?
Dort sitzt sie, Yonami — niedlich über alle Maßen, unbegreiflich über alle Maßen. „Kuannon, die tausendfältige Segenspenderin, versprach mir Liebe für dieses Jahr“, murmelt sie befangen. Das klingt mehr wie eine Bitte.
Sicherlich fühlt Yonami seine Enttäuschung. Sie denkt nach und möchte es ihm gerne erklären. „Liebe ist alles, was ich mir wünsche, o mein Samurai ... Ich wünsche mir nicht Reichtum ... Gestern abend hat Yonami aufgehört zu sein — sie ist in dich eingegangen ...“
Wie hätte er dieses verstehen sollen. Ach nein, er verstand es durchaus nicht. Doch ahnte er irgendwie, daß sich etwas Unsagbares hinter Yonamis Worten verbarg.
Bis zu diesem Augenblicke sah er in ihr ein Wesen, dem er geben durfte und das seine Gaben nahm. Nun schien diese Rechnung nicht länger zu stimmen.
Denn Yonami wollte wohl ungefähr dieses sagen: Da ich ein Teil von dir geworden bin, kannst du mir nicht etwas geben, das du nicht zugleich selber besitzest ...
Doch er war zu müde und zu sehr eingenommen von den mannigfaltigen Ereignissen des Tages; er vermochte diesen Gedanken nicht ganz zu Ende zu denken. Er sagte daher nur leichthin und abschließend: „Wie dem auch sein mag, Yonami, bewahre dieses Papier gut auf, denn es ist ein wertvolles Dokument.“
Willig gehorchte sie, faltete den Kaufvertrag zusammen und schob ihn in ihren Ärmel, zu dem Puderdöschen und dem weichen Kreppapier, das ihr als Taschentuch diente.
Aber hernach rutschte sie doch noch zu ihm heran, legte ihre Wange an seine Schulter und flüsterte: „Sei sicher, Herr, deine kleine Yonami wird alles tun, dir dein neues Haus zu verschönen; sie wird hinfort immer nur an dich denken ...“
Nein, nein, diese Nesan war kein gewöhnliches Mädchen. Mochte sie auch niederer Herkunft sein, ihr Wesen war von edler Anmut, und ihre Worte hatten bei aller Natürlichkeit einen geheimen Sinn.
Er legte den Arm um ihre feinen Schultern und schaute lange und stumm nieder in dieses Gesicht, dessen Formen rund und rein geblieben waren, wie die eines Kindes, dessen roter Mund wie eine glühende Verheißung zu ihm aufleuchtete und dessen Augen ihm als schwarze Rätsel entgegenstarrten ...
In dieser Nacht schrieb er drei Briefe.
Den ersten Brief richtete er an einen gewissen Großkaufmann. Darin hieß es: ... Ich habe nun meinen Reiseplan ein wenig geändert. Mein lieber Vater, ich bin es auf einmal müde geworden, ruhelos von Land zu Land zu wandern.
Gestern kam ich nach Enoshima — das ist eine kleine Stadt, die mir weit mehr geben kann als alle Herrlichkeiten Indiens ... Hier habe ich das Wunder des Lebens gefunden ... Und das Jahr, das ich eigentlich Amerika widmen wollte, will ich also in Enoshima verleben, in der Stadt der Blumen und der Rätsel ...
Dieser Brief enthielt keine Lüge. Doch er enthielt auch nicht die volle Wahrheit ... Wie selten darf man die volle Wahrheit bekennen, ohne damit sich selber oder andern zu schaden und Unheil zu stiften ...
Der zweite Brief war gerichtet an eine junge Dame und begann folgendermaßen:
Mein geliebtes Mädchen, ich sende dir eine Botschaft aus dem Feenreich. Seit einem Tag, oder vielleicht vor hundert Jahren, bin ich eingegangen in ein neues Leben ...
Ich wanderte durch einen großen Wald. Das war ein Wald wie im Märchen. Ich kam an eine lange Brücke, die auf dünnen Spinnenbeinen in ein Städtchen führte, wie man es nur in seligen Kinderträumen sehen kann. Und dann war es so, als habe ich zur Geisterstunde mit einem Zauberschlüssel einen verzauberten Schrank geöffnet. Der Schrank enthielt eine Menge der wunderlichsten Porzellanfigürchen, Männlein, Weiblein, Kindlein.
Ich stellte die Figuren vor mich hin auf den Boden ... alle begannen sogleich zu leben. Sie trippelten auf klappernden Holzsandalen, verneigten sich und lächelten dazu. Sie redeten in einer fremden Sprache, die ich dennoch verstehen konnte. Sie nahmen mich bei den Händen und führten mich in ihre Puppenstadt, die Enoshima heißt.
Sie führten mich in ein Papierhäuschen ... Auf einmal trug ich selber bunte Kleider. Auch ich hüpfte als Porzellanfigürchen herum. Und ich ward angesteckt von ihrem ewigen Lächeln ...
Dieses alles wirst du nicht glauben, Elisabeth. Ich sehe jetzt deine klaren, grauen Augen, wie sie überrascht und ein wenig kühl über diese Linien hinweggleiten. Auch dein Mund wird lächeln — aber so ganz anders als meine Porzellanfigürchen lächeln.
Und wenn ich dir noch sage, daß ich durch Verzauberung plötzlich wieder zu einem schmalen Kinde wurde, zu einem Knaben, der im Wachen träumt und dessen Träume voll unirdischer und voll irdischer Wünsche und zugleich voller Wunder sind — dann wirst du darüber deinen klugen Kopf schütteln, liebe Elisabeth.
Aber höre: hier in diesem Lande haben selbst die Tiere des Waldes und alle Blumen des Feldes eine Seele. Das Rauschen des Windes in den Bäumen, das Spiel der Wellen, der Zug der Wolken am Himmel — aus allem machen diese Menschen geheimnisvolle Geschichten. Ich glaube wahrlich, hier gibt es Stimmen, die man an andern Orten der Welt niemals hören kann.
Erst heute erfasse ich so richtig, wie unergründlich und mannigfaltig das Geschehen in dieser Welt ist ... Aber gleichzeitig wird mir auch bewußt, wie fern ich der Heimat bin und allem, allem, was dort hinter den sieben Meeren liegt ...
Wahrscheinlich geht eben jetzt die Sonne auf über deinem Garten, Elisabeth — hier über Enoshima liegt tiefblaue Nacht. Zu dieser heiligen Stunde sitze ich in einem Stübchen, das kaum fünf Schritte lang und drei Schritte breit ist, und ich schreibe dir diesen verrücktesten Brief, den du je von mir erhieltest. Ich schreibe ihn im Schein von glühenden Kohlen, mich umgibt mystisches Licht, das keine Schatten wirft ...
Sicherlich bin ich verhext ... Sieh, ich strenge mich an und versuche zurückzudenken an all das, was ich vor langer, langer Zeit verlassen. Aber es gelingt mir nur höchst mangelhaft ... Wie soll man sich dieses wohl erklären?
Ja, Elisabeth — ich fürchte sehr, daß ich in Enoshima gefangen bin; und daß ich vielleicht fortan das Leben einer der verzauberten Porzellanfiguren führen muß ... Noch weiß ich nicht, wie der fremde Zauber einst gebrochen werden kann.
Du wirst es sicherlich niemals zugeben, meine stolze blonde Elisabeth, daß wir Menschen wehrlos sind gegen die furchtbaren Mächte, die im Dunkeln walten. Aber dennoch verhält es sich so seit jeher. Die Unsichtbaren schieben uns hin und her zu ihrem eigenen Vergnügen ...
In dieser Art schrieb der weiße Samurai an eine feine blonde junge Dame. Sie hieß Elisabeth ...
Während er schrieb, fühlte er in seinem Nacken den forschenden Blick ihrer ruhigen Augen. Diese Augen lasen über seine Schulter hinweg alle die Worte, noch ehe sie geschrieben wurden ...
Elisabeth — einst hatte er ihren Mund geküßt; und er hatte ihr ein feierliches Versprechen gegeben ... vor unendlich langer Zeit, in einem früheren Leben wohl ...
Aber Elisabeth hieß sie — vielleicht ging sie eben jetzt durch ihren Garten, der im Schein der Morgensonne lag; und vielleicht dachte sie an ihn ... O Herrgott, das war doch völlig unvorstellbar.
Wohl enthielt sein Brief nur die halbe Wahrheit. Der weiße Samurai verschloß ihn schnell und legte ihn neben die Nagojavase, aus der an diesem Abend ein paar langstielige Irisblüten hervorragten. Doch er wußte, daß Elisabeth die volle Wahrheit schon erraten hatte und daß er sich nicht vor ihren Augen verbergen konnte.
Ein leises Frösteln lief ihm über den Rücken, so daß er mit Befremden um sich blickte. Da war es abermals die leere Zimmerwand, die der Mond mit seinem grünen Lichte streifte und auf der der Schatten der Buchenblätter heimlich auf- und niederfächelte und irgend etwas zu verkünden schien.
Aber an seiner Seite lag Yonami, die Gattin. Ihr Nacken ruhte auf dem Schlafgestell, über das ihr Kopf frei hinausragte. Sie schlief ruhig und tief; unhörbar ging ihr Atem.
Er warf eine Handvoll Kohle in den Hibatshi und schürte das Feuer, so daß es zu knistern begann und kleine Funken gleich strahlenden Sternen emporsprühten. Im blauen Licht des Kohlenfeuers erschien Yonamis gepudertes Gesicht fahl und leblos; es war jetzt wohl das Gesicht, so, wie sie selber es eines Nachts im Mondschein gesehn. Hinter Yonami lag ungeheuerlich der Schatten ihres Kopfes; er erhob sich riesengroß aus dem seidenen Lager. Der Schatten ihres hochgetürmten Haares reichte fast bis zur Zimmerdecke und gemahnte an eine der fratzenhaften Göttererscheinungen oben in den Tempeln.
Nach kurzer Zeit hörte der geisterhafte Flämmchenreigen des Kohlenfeuers auf. Aus dem Hibatshi leuchteten jetzt als ein Haufe glühender Gebeine die Buchenäste, die selbst nun, da sie zu Asche zerfielen, noch ihre Form behielten.
Walter zog das Tischchen aus Rotlack nahe zu sich heran und begann den dritten Brief. Dieser Brief wurde die volle Wahrheit — soweit sterbliche Menschen die Wahrheit über sich selber wissen können:
Mein Bruder — schrieb er, und es kam ein versonnener Ausdruck in seine Augen — das, was ich Elisabeth und unserm Vater nicht gestehen durfte, muß ich dir sagen. Denn es scheint mir notwendig, daß es gesagt wird: Ich habe mich heute verheiratet mit einer jungen Dame, deren Name Mino moni utsuru Tsukikage ist, was in unserer Sprache „Mondschein auf dem Wasser“ heißt.
Gestern noch war meine Gattin ein Teehausmädchen. Ich kaufte sie und taufte sie um, und nenne sie hinfort Yonami. Ihr träumte, sie sei in einem früheren Dasein die Tochter eines mächtigen Sisoku gewesen. Das ist eigentlich alles, was ich von ihrem Leben erfahren habe.
Ich stecke demnach, wie du wohl selber erraten kannst, in einem tollen Abenteuer. Und es ist mir ganz und gar schleierhaft, wie das Abenteuer enden soll. Vorläufig soll es noch nicht enden, sondern es hat erst gestern abend begonnen. Ich habe den ersten Schritt getan — hinfort mögen die Ewigunsichtbaren nach ihrem Belieben weiter schalten und walten. Seinem Schicksal entrinnt ohnehin kein sterblicher Mensch.
Um die Dämmerstunde kam ich in diese kleine Stadt Enoshima und hatte wahrlich weder Absichten noch Hintergedanken. Nur eine Nacht hier schlafen wollte ich. Und daraus wurde also eine Ehe mit Gemahlin und Dokument und allem. Gleichzeitig kaufte ich mir ein Papierhäuschen und einen Märchengarten.
Morgen werde ich dort einziehen mit Yonami. Für die nächste und übernächste Zeit kleide ich mich in seidene Kimonos und führte das Leben eines Bürgers dieser seligen Insel.
Wie das alles kam und warum es gerade so kommen mußte, wie es kam, vermag ich dir leider nicht zu erklären. Aber jedenfalls sitze ich hier auf dem Boden eines winzigen Zimmers, und meine Gattin schläft. Sie ist ein überaus reizendes Geschöpf, meine Yonami; doch fürchte ich mich ein wenig vor ihrem Schatten ...
Nun hört sich diese Geschichte gewiß schlimmer an als sie in Wirklichkeit ist, denn es handelt sich ja nicht um eine starre und gefährliche Ehe, so wie wir sie verstehen, sondern nur um eine Ehe auf Zeit. Wenn die Zeit um ist, ist die Ehe aufgelöst. Aber dennoch — ja, was soll man weiter dazu sagen? Ich bin gefangen worden ...
Wahrscheinlich ist es ein Fehler von mir — ich weiß nicht. Die Abenteuerlust liegt uns ja im Blute und ist demnach ein Familienübel. Selbst unser Vater, der solide Kaufmann, war seinerzeit ein verwegener Leutnant. Sein Bruder, Onkel Bernhard, der unermüdliche Wanderer, mußte in den dunklen Wäldern des Amazonas verschwinden. Und endlich unser armes Schwesterlein Margrit brannte mit ihrem Geiger durch. Hieraus mag alle Welt erkennen, daß die Grundbedingungen zu dem, was ich hier eben unternommen habe, glänzend vorhanden waren.
Du, mein Lieber, bist wieder anders geraten — ruhig, nüchtern, beleidigend vernünftig. Du meinst, daß Onkel Bernhard und Margrit und natürlich auch ich unglückliche Wesen sein müssen. Doch vergiß nicht, daß es vielerlei Arten von Glück gibt.
Ich zog aus, mich müde zu laufen in der weiten Welt. Ich zog aus mit den allerbesten Absichten. Vorläufig habe ich mich hier festgekeilt ... Deshalb sitze ich also jetzt zwischen meiner schlafenden Gattin Yonami und einem Feuerkessel, den man hier Hibatshi nennt. Und ich bilde mir, weiß Gott, ein, ich sei jetzt auf der Gipfelhöhe meines Lebens angelangt. So frei und mächtig bin ich wie ein junger Gott. Ich hebe meinen Arm und gebiete dem Nachtwind. Ich hebe meinen andern Arm, und das Heer der Sterne steht still auf seiner Wanderung. Ich neige mein Haupt, und alle Wellen des Meeres rauschen meinem Tun Beifall ...
Vieles von dem, was vorher in meinem Leben gewesen, ist verwischt. Einiges ist ganz und gar ausgewischt. Wahrlich, ich kann mich durchaus nicht entsinnen, ob deine Augen braun oder grau sind. Ich bin sicher, daß ich das einmal genau wußte ... Mancherlei lag einst in meinem Sinn, was heute vergessen ist. Denn es braust durch mein Blut ein Liebeslied, das mir den Atem raubt.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.