Kitabı oku: «Tyra, die Märcheninsel»

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Tyra, die Märcheninsel

Karl Friedrich Kurz

45.-49. Tausend

Tyra, die Märcheninsel

© 1935 Karl Friedrich Kurz

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711518403

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Die birkenrute

Der Hofbauer Finn Moen hat sein altes Boot auf die Felsen gezogen und umgekehrt. Es ist eine gesegnete Wärme in der Luft; ein hoher Himmel. Vom Meer herein fächelt eine leichte Brise — der weiche freundliche Windhauch, den man Havgul nennt und der seit undenklichen Zeiten ein sicheres Zeichen für ständiges Wetter gewesen. Und da liegt nun das Boot mit seinen langen Planken — nicht anders als ein großer toter Fisch.

Der Felsen ist glatt und rein wie ein Teller. Es muß wirklich eine Freude sein, ein altes hinfälliges Boot auf diesen Felsen zu ziehen. Hier kann es trocknen.

Der Bauer kommt mit einem großen, schmierigen Topf daher und mit einem langschäftigen schwarzen Pinsel; er macht ein prasselndes gelbes Feuerchen mit trockenen Wacholderzweigen und Treibholz; und streicht die verwitterten, vielfach mit Nägeln und Kupferplättchen geflickten Planken mit Teer an …

Das alles stimmt friedlich und froh. Die Luft ist mit Teergeruch und feinen Rauchschleiern erfüllt, und das Leben scheint leicht und munter zu fließen; ähnlich wie der Elv, der hinter dem blanken Felsen hervorplätschert und sich dann auf einmal, gleichsam in jähem Erstaunen, im großen Meer spurlos verliert …

Dann wird es Sonntag. —

Ein wirklicher Feiertag voller Güte. Das Meer dehnt sich glatt, von seiner eigenen Schönheit gesättigt, und der Himmel strömt nichts als blaues Wohlwollen aus. Der Hofbauer Finn Moen sitzt in ungeheuer rotem Wollhemd in seiner Stube, hinter dem Fenster, freut sich über die Feiertagsruhe und die himmlische Sanftmut und singt mit tiefer, wallender Stimme Psalmen und andere geistliche Lieder. Er hält mit seinen beiden großen Händen das Kirchenbuch, und seine Seele ist angefüllt mit Glaube und Dankbarkeit.

Es stört den Bauer zuerst nicht sonderlich, daß Ottny beim großen gußeisernen Ofen ewas mehr Lärm macht als nötig und durch außerordentlich laute Seufzer bekundet, daß ihr Herz nicht ganz im Einklang steht mit den Vorgängen des Lebens.

Ottny kocht Grütze. Ach, es ist keine Feiertagsgrütze aus weißem Weizenmehl oder Grieß, kein Leckerbissen. Es ist nur graue Hafergrütze, kein Genuß — nichts als Nahrung.

Der Hafer wuchs draußen auf dem kleinen Acker und wurde in der kleinen Mühle hinten am Elv gemahlen. Herrgott, und die Mühle steht ja dort und lehnt sich schief und jämmerlich schwach gegen die hohe Birke… Als diese Mühle erbaut wurde, war die Birke ein schlankes Bäumchen, das niemand beachtete. Mit den Jahren wurde sie aber zu einem starken Baum, der allmählich die eine Bohlenwand hob und zur Seite stieß. Jetzt klammert die winzige Mühle sich in Todesangst an dem dicken, vermoosten Stamme fest.

Wie sollte man nur erwarten, daß diese Andeutung einer Mühle irgendwie gutes Mehl mahlen könnte! Aber sie mahlt. Wenn man ihr das Wasser übers Rad laufen läßt, ächzt und stöhnt sie zuerst verzweifelt, und hernach rasselt sie ganz gewaltig und dreht wahrhaftig immer noch den schweren Stein. Manchmal wird sie förmlich wild und gefährlich vor Altersschwäche. Und wenn man sie dann im Zaum hält und bändigt, gibt es reichlich Sand im Mehl.

Sand im Mehl? Oh, das hat sicherlich noch keinem Menschen von Tyremoen geschadet. Diese Menschen kamen zur Welt, wuchsen auf und starben — die Mühle hat einen guten Anteil an ihrem Leben; aber nie an ihrem Tode …

Ottny kann sich nicht länger bezähmen.

„Ich wundere mich nur“, beginnt sie, „was du mit Karen am Hammer unternehmen willst …“

Der Bauer Finn weiß doch selber, daß das im Grunde eine verdammt eklige Angelegenheit ist. Er klappt das Gesangbuch zu, nimmt die Brille ab und putzt die Gläser zwischen bloßem Daumen und Zeigefinger. Dann legt er das Buch auf den Schrank im Stubenwinkel und die Brille aufs Buch. Er hält sich das eine Nasenloch zu und bläst mächtig durchs andere gegen den Ofen hin. Das macht er alles nur aus innerer Unsicherheit, nur um Zeit zu gewinnen; er hat doch gar nicht die Absicht, sein Weib Ottny damit zu ärgern.

„Was sollte ich denn unternehmen?“ fragt er. „Ich werde gar nichts unternehmen.“

Ottny ist hingegen nicht das Weib, das nur mit dem Pfannendeckel rasselt und hernach dem Schicksal und dem Hofbauern freien Lauf läßt. Nein, das Weib Ottny ist jetzt wütend über diesen Bauern Finn, der in seinem roten Wollhemd hinter dem Fenster sitzt und Psalter singt und sich eine jede Fliege über die Nase wandern läßt.

„Karen hat ihren Pachtschilling auch gestern nicht gebracht“, sagt Ottny, schaut den Ofen mit ihren kleinen dunklen Augen grimmig an und schnauft.

„Wie hätte sie ihn denn bringen sollen?“ fragt der Bauer vom Fenster her. „Wenn sie doch im Winter ihre Kuh verlor und überhaupt nichts als Unglück erleben mußte …“

Die Bäuerin Ottny redet weiter den Ofen an und behauptet: „Karen hat noch eine Kuh … Und sie hat den Pachtschilling auch letztes Jahr nicht gebracht. Und sie wird ihn, soviel ich von der Sache verstehen kann, nie mehr bringen.“

„Nimm es nur mit Ruhe und Geistesgegenwart, meine gute Frau! Letztes Jahr.? Da kam doch Thorgeir weg … Hat Karen denn nicht schon ohnedies Schlimmes genug zu tragen?“

„Und Monrad? Da geht nun dieser Schlingel herum und tut nichts Nützliches … ein fauler Laban … ein Faultier …“

„Monrad ist ja kaum elf Jahre alt, und nicht stark — der Herr im Himmel allein mag wissen, wovon dieser Junge soweit emporgewachsen ist …“

Hierauf feuert Ottny ihre große Kanone los.

„Wovon sie leben, fragst du? He? … Hast du, Finn, ihnen vielleicht nicht selber einen Sack Mehl ins Haus getragen? … Du bist mir ein Bauer! Ich kann dir nur noch das eine sagen: unsere Hjördis, unser eigenes, leibliches Kind, wird einmal von diesem Hof vertrieben werden — durch deine Verschwendung und Leichtfertigkeit.“

„Bist du verstört? — Nein, jetzt übertreibst du. Es war übrigens nur ein halber Sack — es war wohl nicht einmal völlig ein halber Sack … eine Handvoll Mehl … Wir sind doch Christenmenschen, Weib! Und wir sollen keine Untiere sein. Dürfen wir denn unsere Nachbarn verhungern lassen?“

Damit hört dieser Streit natürlich noch lange nicht auf. Im Gegenteil, das wäre ja erst ein verheißender Anfang. Ottny ist im Laufe der Zeit alt und scharf geworden; und sie war schon als Jungfrau nicht mild, sondern hielt vor allem auf ihre eigene Sache.

Die Leute sagten: Ottny? Sie ist zu trocken … ein Dürrfisch durch und durch! Darum kann sie auch keine Kinder kriegen … Vor lauter Geiz …

Dieses Gerede ging jahrelang am Strande von Tyremoen. Aber schließlich bekam Ottny doch noch ein Kind. Ein einziges nur; aber ein hübsches, fröhliches Kind, Hjördis. Dieses Töchterlein ist jetzt zehn Jahre alt und schon so vollkommen, daß es den häuslichen Sinn der Mutter offen verspottet und in allen Teilen lieber zum Vater hält.

Aber vielleicht ist Ottny doch nicht gar so schlimm, wie die Leute glauben. Sie ist vielleicht nur etwas zu durchsichtig in ihrem Wesen und macht nicht viel Aufwand mit unnützer Tugend.

Der Hofbauer Finn Moen denkt nun bei sich selber: Was hilft es denn, seine Seele mit Andacht und Feierlichkeit zu erlaben und Gottvater dankbar zu sein für das schöne warme Wetter und die Hafergrütze und alles das übrige? Da rumort nun dieses scharfe Weib am Ofen herum und reizt mich auf zu Zorn und Sünde …

Und der Bauer denkt weiter: Es ist ganz hoffnungslos, Ottny auf andere Gedanken zu bringen! Und wenn sie jetzt gar auf die Vorratskammer geht, möchte sie leicht auf den Gedanken verfallen, die gedörrten Schafskeulen zu zählen. Ja, und dann dürfte der Fall eintreten, daß eine davon fehlt …

Nach dieser Überlegung meint der Bauer, es könnte in der Tat gar nichts schaden, einen kleinen Gang über die Hauswiese zu machen. Vielleicht, daß die Schafe sich wieder durch den Zaun gebrochen haben oder daß das alte Gatter oben an der Mauer umfiel. Ein Bauer hat doch mancherlei, worauf er achten muß. Finn erhebt sich mit einem Seufzer und verläßt die Stube.

„Wo ist jetzt aber mein anderer Holzschuh?“ fragt der Bauer Finn gleich darauf von der Haustür her.

„Dein Holzschuh?“ fragt Ottny, „den wirst du wohl mit allem anderen verschenkt haben, du Finn-Bauer!“

Davon kann natürlich keine Rede sein. Der Bauer steht auf der blankgescheuerten Steintreppe vor der Tür. Er steht auf der steinernen Treppe, auf die er nicht wenig stolz ist. Kein anderes Haus in der Tyremoen hat eine Haustreppe. Darum ist Finn auch der größte Mann hier. Er hat sieben Kühe im Stall und das einzige Pferd auf viele Meilen im Umkreis. Oh, er ist ein wahrer Häuptling und Anführer. Er hält sich auch eine Zeitung, die er alle zwei, drei Wochen im Briefhaus auf Fagarö abholt. Eine wirklich gedruckte Zeitung — und wenn Finn zu den Nachbarn etwas sagt, dann gilt es, und seine Worte wägen schwer vor Weisheit und Fortschritt. Keiner wagt gegen Finns Willen zu handeln. Keinem würde es auch nur einfallen, eine solche hohe und stolze Steintreppe vor seine Haustür zu bauen. Es sind zwar nur hohe Schieferplatten, und die Stufen sind wahrscheinlich nicht einmal von derselben Höhe — aber gleichwohl …

Doch der Holzschuh ist fort.

„Der Teufel salze und rupfe und brate mich!“ ruft der Bauer Finn.

Hei, wie sein rotes Wollhemd zornig leuchtet! Wie es funkelt in diesen lichten Sonntagmorgen hinein!

Eine Schar Kinder spielt unten an einer Wasserlache. Es sind viele Kinder. Gottvater, der ja alle Dinge regiert, mag wissen, durch welche Mirakel und Fügungen so viele Kinder in die paar grauen Häuser von Tyremoen kommen konnten, an diesen entlegenen, weltvergessenen Strand.

Die Kinder bei der Wasserlache reden laut und machen viel Lärm mit Hilferufen und dröhnenden Kommandoworten. Wahrscheinlich spielen sie Schiffbruch und sind eifrig dabei, die erzürnten Elemente walten zu lassen. Plötzlich bemerken sie aber das unglaubhaft rote Wollhemd an der Tür und lassen Schiff und Sturm im Stich und fliehen. Mit einem Schlage sind sie weg; so vollkommen verschwunden, daß man gar nicht mehr an sie zu glauben vermag.

Auf der Wasserlache aber schwimmt ein Holzschuh. Das müß wohl der andere Holzschuh des Hofbauern Finn sein. Es wurde ein sauberes Loch in seinen Boden gebohrt. Natürlich — wo hätte man denn sonst den Mast hineinstecken sollen? Es wurden runde Löcher in das Vorderleder geschnitten. Selbstverständlich sind das die Kajütenfenster. Und an der Ferse ist ein Ruder befestigt. Und das Ruder kann man sowohl nach Steuerbord als nach Backbord drehen. Großartig!

Der Hofbauer Finn Moen aber flucht immer fürchterlicher und achtet nicht länger auf den blauen Frieden des Sonntagmorgens.

„Der Hund versetze und schneuze mich! — Hast du denn jemals so etwas gesehen?“

Ganz gewiß wendet der Bauer Finn sich mit dieser Frage an den strahlend lachenden Himmel, ja vielleicht an den lieben Gott selber. Er ist jetzt so wütend, daß er alle unsichtbaren Gewalten auffordert, ihm beizustehen, die Übeltäter zu strafen und völlig zu vernichten.

Die Bäuerin Ottny hat indessen gewittert, daß außerhalb ihrer Stube ungewöhnliche Dinge geschehen. Kaum daß der Bauer das Schiff aus Seenot gerettet, steht sein Weib auch schon hinter seinem Rücken und flüstert ihm, wie der böse Geist selber, finstere Eingebungen ins Ohr.

„Das hat kein anderer getan als er, Monrad, kannst du verstehen!“ flüstert Ottny. „Dieser Laban … Kein anderer hat so tolle Gedanken wie er. Hehe! Und jetzt kannst du deine Zehen zu den Löchern hinausstrecken, Bauer!“ höhnt Ottny.

„Nein — aber meine selige Seele!“ staunt der Bauer ganz überwältigt. „Nein, zum Teufel — und das versteh’ ich nicht länger … Wie können sie denn nur so etwas erfinden, möcht’ ich wissen … Mit einem splinterneuen Schuh …“

So lassen die beiden ihre Gedanken zusammenfließen und führen ein Gespräch. Und Ottny wird es nicht müde, ihrem Bauern weitere Eingebungen ins Ohr zu flüstern.

„Sei du nur froh, du, Bauer, daß sie dich in deiner Einfalt nicht selber aus deinem Bette hervorziehen und dir Löcher in den Bauch bohren.“

„Nein, nein“, sagt der Bauer Finn. „Und dieses geht unbedingt zu weit!“

„Und wenn ich ein Mann wäre wie du, Finn“, flüstert Ottny, unhemmbar in ihrer finsteren Versuchung, „ja, wenn ich der erste Mann wäre an diesem Strande, würde ich mir solches niemals gefallen lassen. Ich würde mir jetzt eine schickliche Birkenrute vom Baum dort schneiden; und damit würde ich die Jugend zu Gehorsam und Achtung vor dem Alter erziehen …“

Dieser Rat scheint dem Bauer Finn Moen wahrlich gut. Er klettert sogleich auf die Birke und wählt bedachtsam, wie es in seiner Natur liegt, eine passende Birkenrute aus — ei, eine ganz ausgezeichnete Birkenrute, die nur zu diesem Zwecke seit Jahr und Tag heranwuchs und auf den Augenblick wartete, geschnitten zu werden, um so ihren Platz auszufüllen im Weltgetriebe.

Es muß doch eine Gerechtigkeit geben zwischen Himmel und Erden!

Aber als der Bauer Finn vom Baum herunterrutscht, bleibt seine Hose an einem alten Aststumpf hängen. Des Bauern Sinn ist ganz und gar bei der Gerechtigkeit und Strafe; er merkt es nicht — und darum wird ihm auf einmal die Hose unter seinem warmen Leib zerrissen. Das ist zu allem Überfluß noch die Sonntagshose.

Der Himmel aber lächelt immer in heiterer Bläue und spiegelt sich im blanken, selbstzufriedenen Wasser. Die ganze Natur scheint unentwegt in strahlendem Humor.

Der Hofbauer hingegen ist zu dieser Zeit in seinem tiefsten Herzen erschüttert. Er denkt: Ich werde es ihnen aufstreichen — sowohl für den Schuh als auch für die Hose! Herrgott — denn dieses ist ja rein unmöglich. Und ich kann es unter keinen Umständen länger dulden.

Und so schnitzelt er nun die Birkenrute zurecht und säubert sie mit seinem guten Dolchmesser, gibt ihr die richtige Länge und läßt sie durch die Luft pfeifen. Und dabei freut er sich. Und eine bessere Birkenrute pfiff wahrlich niemals durch die Luft. Sie zittert förmlich vor Begehrlichkeit.

Ja, denkt der Bauer Finn, auf diese Art und Weise mag es schon gehen — dieses ist wirklich eine vorzügliche Rute …

Er fährt mit dem Fuß in den mißhandelten Holzschuh. Und als seine Zehen sogleich in natürlicher Größe zu den Löchern hervorschauen, schüttelt der Bauer sein Haupt.

„Ja, dieses Mal muß etwas geschehen!“ sagt er zu seinem Weib Ottny. „Ich werde sie gründlich verhauen, sollst du wissen …“

„Ja — und das magst du nur glauben“, spottet Ottny.

„So? Oder vielleicht nicht?“

„Nein, Bauer, du wirst sie überhaupt nicht erwischen. Sie schlüpfen doch in alle Löcher wie Ratten und Mäuse und solches Zeug.“

In dieser Beziehung hat nun Ottny, die lebenskluge Frau, allerdings recht. Wenn hier etwas geschehen soll, so muß es mit großer Schlauheit und Überlegung geschehen. Der Hofbauer Finn setzt sich also wieder hinter das Fenster, die geladene Birkenrute schußbereit über den Knien.

Nun ist seine ganze Sonntagsfreude futsch. Es kommt ihm schon so vor, als wärme die Sonne nicht mehr richtig. Es kommt ihm so vor, als lachten die grauen Möwen — strichen nur ihm zum Spott und Ärgernis über das glatte strahlende Wasser hin, und lachten. Dem Bauern kommen Gedanken. Nun hat er gestern wirklich und wahrhaftig und völlig im geheimen, wie es die Schrift haben will, ein gutes Werk vollbracht. Heute wird es ihm derart gelohnt. Das ist wahrlich so rätselhaft, daß ein ehrlicher Bauer hinter seinem Fenster sitzen kann und in hilfloser Verblüffung über den Lauf der Dinge sein Haupt schütteln muß.

„Du — du — Finn — Bauer!“ zischt das Weib Ottny. „Hast du denn keine Augen im Kopf?“ Und sie zeigt mit ihrem knöchernen Finger hinunter: „Jetzt — ja jetzt kannst du sie nehmen!“

Da hat also das Schicksal wohl doch eine vernünftige Laune gehabt. Da hat nun die Gerechtigkeit einmal über einen gekränkten Bauern gewacht und dafür gesorgt, daß die Übeltäter bestraft werden können. Das Schicksal hat die Kinder mit lauen Lüften und Sommerwärme dazu verleitet, ihr erstes Seebad zu versuchen. Da das rote Hemd des Bauern Finn in der ganzen Landschaft unsichtbar blieb, vergaßen die Kinder sehr bald die Schiffskatastrophe und das Wüten der Naturgewalten. Und dort unten baden sie jetzt.

Das paßt alles vortrefflich und hätte sich gar nicht besser fügen können. Ihre Kleider liegen am Strande. Zu beiden Seiten stehen hohe Felsen, gleich Gefängnismauern. Weiter oben liegen große Steinblöcke, dunkles Erlengebüsch steht da. Diese Gegend ist zu Hinterhalt und Überfall wie geschaffen. Sie riecht förmlich nach Blutvergießen und Hinrichtung.

Ja. Und hiermit soll es nun vollzogen werden.

Ottny streift ihrem Bauern den braunen Werktagskittel übers rote Wollhemd. Finn Moen greift in die Tasche, findet eine schwarze Tabaksrolle und beißt davon, um genügend Mut und Entschlossenheit zu gewinnen, einen unmenschlich großen Priem ab. So zieht er los mit seiner gierigen Birkenrute und spuckt gewaltig. Er schleicht sich hinter Stein und Busch heran. Jetzt ist er unten.

Er liegt hinter einem dunklen Erlengestrüpp. Nur wenige Schritte vor ihm hüpfen die gelben nackten Kinder — Gott bessere es! —, schmale, magere Kinderleiber mit dünnen Gliedern und allzu dicken Bäuchen. Die Schulterblätter stehen ihnen wie kleine Engelsflügel aus dem Rücken hervor — wie erbärmliche, kahlgerupfte Flügelstümpfchen. Man kann im harten Sonnenlichte alle die gebogenen Rippen zählen.

„Tröste mich — wie mager sie doch alle sind!“ seufzt der Bauer Finn.

Und nun stellt er sich vor, wie er im nächsten Augenblicke hinter den Zweigen hervorspringen wird. Er stellt sich sehr genau vor, wie seine geschmeidige Birkenrute auf diese nackten, ausgemergelten Kinderleiber niedersausen wird … Da schießt ihm plötzlich das Wasser in die Augen. Und der Himmel verdunkelt sich. Und das Meer rauscht wie von unendlichen Tränen. Und der Bauer Finn schluckt …

Der Bauer Finn drückt in tiefer Beschämung sein Gesicht ins Gras, und er schlägt mit seiner Birkenrute auf den Boden; und er bohrt mit seiner ungeheuer großen Zehe ein Loch in den Sand.

„Ja, bessere mich! Was soll aber nun das bedeuten?“ fragt das Weib Ottny oben am Fenster. „Ja, sieh nun den Bauer — dort liegt er genau wie jeder andere Seehund! Er ist nicht einmal imstande, ein paar Kinder zu züchtigen…“

So redet Ottny vor sich hin und verachtet solches Übermaß unmännlicher Weichheit.

Wenn aber der Bauer da liegt und mit seinem Stock auf den Erdboden klopft, merken es natürlich die Kinder bald. Sie holen ihre Kleider und laufen davon. Und deshalb wird es nichts aus dem Strafgericht. Der Bauer begibt sich ins Haus zurück.

„Das sieht dir wieder vollkommen ähnlich in deinem Größenwahn“, sagt Ottny.

„Meinst du das?“ fragt Finn. „Nun sollst du aber doch nicht glauben, daß ich weniger wütend bin als vordem. Nein—schinde und brenne mich—, das ist durchaus nicht der Fall. Sondern dieses ist die Ursache: wie konnte er sie denn schlagen, wenn sie splitternackt dastanden? Nein, Weib! Es wird dir niemals gelingen, einen Unmenschen aus mir zu machen!“

„Nein“, sagt das Weib zum gußeisernen Ofen. „Nein, nein — denn er ist nämlich ein Kujon und Feigling, dieser Bauer Finn …“

„Glaubst du vielleicht das?“ fragt der Bauer leise und unheimlich.

Und wie ihm so der Rücken Ottnys nichts als kalte Verachtung und giftige Aufreizung entgegenströmt, ärgert er sich noch mehr über die Tücken des Lebens. Auf einmal kann er nicht anders und muß jetzt seine Birkenrute schwingen. Da hilft alles nichts — und er trifft damit wahrlich das Weib Ottny.

Finn sagt: „Dieses ist für dein unchristliches Maul — und dieses ist also für meine Sonntagshose!“

Das Weib Ottny wird sogleich beleidigt, heulte auf und begibt sich in die Kammer, seinen Zorn abfließen zu lassen.

Der Bauer Finn, durch seine eigene Tat überwältigt, verläßt ebenfalls die Stube. Da brennt natürlich die Hafergrütze im Topf gründlich an und verbreitet Rauch und üble Düfte …

Der Himmel aber lacht unverdrossen weiter, und das Meer dehnt sich und wird nicht müde, zu strahlen in eitler Selbstbewunderung. Die Kinder sind unter das umgekehrte Boot gekrochen.

„Was wollte denn Finn am Strande?“ fragt Harald.

In Haralds großen Augen spiegelt sich der weite Himmel und das Meer darunter. Er versucht mit seinem Messer einen Riß im Boot zu erweitern. „Warum lag er da und klopfte mit dem Stock auf den Boden?“ fragt er.

Die Kinder raten hin und her. Sie meinen, daß die Erwachsenen sich manchmal recht töricht benehmen und ganz unbegreifliche Taten verrichten. Am allerwenigsten achten sie den Bauer Finn mit seinem roten Hemd, dem großen Bart und der Steintreppe.

„Jetzt wollen wir ‚Haus‘ spielen“, schlägt ein Mädchen von fünf Jahren vor. „Wir spielen Kinderkriegen und Taufefest“

Aber nein, die anderen haben heute zu solchem keine Lust.

„Monrad soll eine Geschichte erzählen“, befiehlt Hjördis.

Monrad erzählt eine Geschichte. Oh, eine vornehme Geschichte vom Königsschloß und von der Prinzessin, die aus fernem Lande gekommen ist, den Kronprinzen zu heiraten. „Aber er will sie nicht haben“, sagt Monrad.

„So. Will er vielleicht nicht?“ fragt Hjördis.

„Nein, denn er liebt ja schon eine andere.“

„Eine andere?“

„Ja. Er liebt die Prinzessin Hjördis von Tyremoen. Jetzt hat er sich heimlich aus dem Schloß geschlichen und auf den Weg gemacht …“

Diese Geschichte gefällt den Kindern. Aber Hjördis bezweifelt sie.

„Das lügst du! Er kann doch nicht davonschleichen. Denn alle Leute im ganzen Reich kennen ihn …“

„Er wird sich wohl eine große blaue Brille aufgesetzt haben, wie Lehrer Klagg“, sagt Monrad.

Aber Hjördis darf sogar ihrer Mutter, der scharfen Ottny, die Stange halten. Sie ist ein mündiges Mädchen und von klarem Wirklichkeitssinn erfüllt.

„Jetzt glaube ich aber, Mensch …!“ ruft Hjördis und lacht.

„… Er segelte mit seinem großen Schiff nordwärts“, erzählt Monrad. „Und er kam bis an den Hernessund. Da stand auf dem Felsen bei Skarholmen ein Riese. Und der Riese schleuderte einen Stein, so groß wie ein Haus. Und er traf des Prinzen Schiff. Er hatte drei Augen …“

Die Geschichte gefällt den Kindern immer besser. Aber Hjördis lacht … „Hihihi! Und der Riese, das bist wohl du, Monrad …!“

Da bekommt Monrad heiße Ohren, und sein Blick verschleiert sich. Er schweigt verwirrt und schamvoll.

Und damit ging diese Geschichte aus. Sie war vielleicht noch nicht zu Ende. Sie wurde nur abgebrochen …

Handel und seefahrt

Man muß wissen, daß Tyremoen ein kleiner Ort ist: drei Höfe und eine Kätnerhütte.

Hinter Finn Moens Stall, ein wenig den Berghang hinan, liegt das Gehöft Olaj Höigaards. Fünf Kühe und ein Schweinchen, dazu ein Dutzend Schafe. Dort ist der blonde stämmige Ove zu Hause. Ove, der einzige Sohn und Erbe, Ove, der nicht länger ein Kind ist. Hinter Höigaard und noch ein Stück weiter den Hang liegen die mageren Wiesen und steinigen Äcker von Sörbö.

Jon Sörbö ist klein und grau. Er mag jetzt vierzig Jahre alt sein, und war schon mit zwanzig klein und grau — ein schmutziges Graubraun, das nicht nur die Haare, sondern den ganzen Mann überzogen hat. Jenny, sein Weib, hat einen unförmlichen Bauch und einen Herzfehler. Den Herzfehler hatte Jenny, wie man mit Bestimmtheit weiß, schon als unschuldiges Mädchen. Das mit dem Unterleib hingegen mag mit dem Kindersegen zusammenhängen — Gott weiß es. Diese Eheleute bekamen ihre Kinder gewöhnlich paarweise geschenkt. Weder Jon noch Jenny können das recht begreifen, und beide sind im Grunde empört darüber. Und beide behaupten, es sei niemals ihre Schuld. Sondern es sei eine Heimsuchung, sagen sie. Und wenn es Schicksal ist, kann man nichts dagegen machen. Jon droht sogar, den Staat um Unterstützung anzugehen.

„Denn — bitterer Tod—“ sagt Jon, „wenn es so weitergeht, kann ich es bald nicht mehr aushalten. Ich bin nicht in der Lage, für ein ganzes Regiment zu sorgen.“

Aber Jenny weist ihn dann jedesmal zurecht und sagt: „Du sollst dich nicht versündigen, Mann! Und du sollst dich nicht auflehnen gegen die Vorsehung! Vergiß auch nicht, daß die Kinder mit jedem Tage heranwachsen und größer werden. Mit der Zeit können wir das ganze Espedal roden und neuen Boden gewinnen und mehr Korn und Kartoffeln pflanzen …“

Diese Jenny war doch alle Tage ihres Lebens zuversichtlich und von heiterem Sinne. Sie liebte ihre Kinderschar; und es gelang ihr bis zum heutigen Tage, sie zu nähren und zu kleiden. Und das ist sicherlich ein lebendes Wunder und in jedem Falle etwas mehr als ein Kunststück.

Es gibt einen Weg in Tyremoen. Der ist vielleicht zweihundert Schritte lang und führt genau von der hochmütigen Steintreppe Finns an den Strand hinunter. Damals, als Finn sich das Pferd kaufte, legte er in Vermessenheit gegen den Himmel auch noch diesen Weg an und opferte den ganzen langen Streifen Wiesland. Der Bauer Finn muß wohl heimliche Reichtümer gesammelt haben, daß er sich das alles miteinander leisten konnte und darüber nicht völlig zugrunde ging.

Und dann ist auch noch der Elv da — ein lebendiges Wasser mit grober Stimme. Ein ganz hitziger Bach, dessen Anfang man in den blauen Bergwänden dort hinten sehen kann, in einem langen Schaumstreifen, dem Trollefoß. Der Elv rennt durch eine enge Schlucht, die auch zur hellsten Mittagsstunde noch schwarz ist und am wärmsten Sommertag einen eiskalten Hauch ausströmt. Dort hinten beginnt das Märchen … Eine Welt für sich, durch den hohen Steinwall von den Behausungen der Menschen abgeschlossen — eine Welt mit seltsamen Stimmen, voller Überraschungen und wunderbaren Ereignissen und angefüllt mit Unbegreiflichem. Der Elv kommt aus jener Welt hervor. Sein Wesen ist ganz gewiß nicht freundlich. Er klatscht zornig gegen den kleinen, lächerlichen Steindamm, den der Bauer Finn ihm in den Weg legte, um die große Wiese vor Überschwemmung zu schützen. Der Elv murrt hinter den Wiesen, Tag und Nacht.

Was aber die Hütte der Karen am Hammer angeht, so handelt es sich hier um eine ganz und gar elende Hütte. Sie besteht nur aus einem winzigen Vorraum und einer Stube, deren Decke die Dachsparren tragen. Die Wände sind fast unmöglich niedrig. Darum blieb nur wenig Platz für das Fenster. Selbst Karen, die nicht von hervorragender Körpergröße ist, muß sich bücken, wenn sie durch die Tür eintritt.

Es steht da ein schwarzer Eisenofen, der zugleich Kochherd ist. Es steht da an jeder Wand ein Bett. Den Raum dazwischen nimmt ein Tisch ein. Nichts Überflüssiges findet sich in dieser Stube; höchstens ein Geraniumstock mit dunkelroten Blüten und Blättern, die einen braunen Ring haben. Er steht in einem schadhaften Nachttopfe am Fenster und verbreitet bunte Farben und auf irgendeine Weise ein bißchen Lebensfreude.

Und was ist nun mit dieser Karen? Mit Karen, die vor nicht ganz zwei Jahren ihren Mann Thorgeir und im vergangenen Winter ihre Kuh Plinka verlor … Karen singt. Ach, sie singt wohl nicht so richtig. Es sind keine Worte. Es ist kein Lied. Karen singt nur Töne. Singt Töne, die in eigentümlicher Sanftmut und Trauer sich in die Stille der Stube ergießen. Fast ist es so, als streiche der Wind durchs Moorgras, als summe der Wind in hohen steilen Felsen…

Nein, das kann niemals ein Lied sein — vielleicht ist es nur das Wimmern eines kleinen, verängsteten Tieres, das sich vor der Einsamkeit und dem großen Schweigen fürchtet und darum seine Stimme erhebt.

Karen ist bleich und welk und von unversieglicher Demut, wie es sich für eine arme Kätnerswitwe schickt. Sie netzt jeden Morgen ihr Haar, das sich mutwillig über der Stirn kräuseln möchte, und preßt es glatt. So verrichtet sie ihre kleinen, unbedeutenden Arbeiten, melkt ihre letzte Kuh, pflanzt Kartoffeln, mäht das Gras, gräbt Kartoffeln aus, holt Reisig aus dem nahen Wald, kocht Grütze — und erharrt in stummer Angst, aber ohne sündige Auflehnung, die Schläge des Schicksals. Karen klagt niemals.

Karen klagt auch nicht, als Thorgeir auf der See draußen blieb. Sie ging ein paar Tage lang herum und suchte ferne Stränder ab. Da fand sie das Boot, in einem kleinen Vik, unter Tang halb begraben.

Ein Dolchmesser steckte in den Planken. Das war Thorgeirs großes Dolchmesser. Es steckte außen in den Planken, nahe beim Kiel. Das erklärte alles.

Das Dolchmesser erzählte ganz gelassen und hart eine kleine Geschichte. Eine Geschichte, wie sie an dieser Küste jeden Winter einige Male sich ereignet …

Thorgeir war ein tüchtiger Kerl zur See. Er fuhr mit seinem Boot hinaus und versorgte sozusagen den ganzen Strand mit Fischen. Für die Fische tauschte er Mehl ein und ein wenig Fleisch und ein wenig Schaftalg.

Manmal fing er auch einen Heilbutt — ein richtiges fettes Seeschwein, das seine zwei Zentner schwer sein konnte. Damit ruderte er dann die paar Meilen nach Fagarö zum Handelsmann Laurentzen.

Der Handelsmann bezahlte ihm vielleicht zwanzig Ör fürs Kilo, vielleicht auch nur fünfzehn. Ho — das gab Geld auf die Hand! Blaue Scheine, gelbe Scheine.

„Der Absatz geht zwar in diesen Tagen furchtbar träge“, beklagte sich der Krämer Laurentzen. „Der Englischmann wird — salze mich — mit jedem Jahr mehr und mehr zum Racker. Ich kann keinen höheren Preis zahlen.“

Damit schenkte Laurentzen dem Fischer Thorgeir einen Schnaps ein.

„Nein — nein“, sagte der Fischer Thorgeir und trank. „Tausend Dank! Uff! Das war aber eine feine Ware — wie ein schartiges Messer zieht es sich den Hals hinab.“

Es konnte sogar auch vorkommen, daß Laurentzen dann noch ein zweites Glas zugab. Es kam aber nicht jedesmal vor. Laurentzen verstand die Kunst, sich rar zu machen und seine Wohltaten nicht zu verschwenden.

„Ein Pfund Zucker — ein halbes Pfund Kaffee … war das wirklich alles?“ konnte er fragen. „Sollte es wenigstens nicht auch noch ein halbes Pfund Rosinen sein für die Madame und den Jungen? Du schwimmst doch heute völlig in Geld und Staatspapieren, du, Thorgeir …“

„Jetzt scherzen Sie!“ antwortete Thorgeir auf solche Redensarten, vielleicht nicht ganz frei von Spott und Einsicht, aber doch auch ein bißchen geschmeichelt. „Nein, da fehlt leider noch viel zum Reichtum. Aber meinetwegen kann es also auch noch ein halbes Pfund Rosinen sein.“

„Und sonst nichts anderes?“ fragte der Krämer, währenddem er mit dem Finger ein wenig auf die Messingschale drückt, worin die Rosinen gewogen werden. „Du kannst doch nicht alle deine Geldscheine in der Erde vergraben. Das geht niemals an.“

„Wie Sie scherzen können!“ sagt Thorgeir.

Nun ja. Man wohnt einsam am Strande von Tyremoen und sieht nicht jeden Tag ein fremdes Gesicht. Da tut ein Schwatz in der Seele wohl. Und wenn man von einem Manne wie dem Krämer Laurentzen für mehr gehalten wird, als man vielleicht in Wirklichkeit ist, sogar gewissermaßen für wohlhabend gehalten wird, so darf man sich nicht lumpen lassen.

„Du ziehst ja die Taler und Zehnkronenscheine nur so aus dem Wasser herauf“, konnte Laurentzen weiter sagen. „Jaha — wer es auch einigermaßen hätte wie du …“

Und so wog er denn wieder und verkaufte und triebt Handel und erfüllte den Zweck seines Lebens. Er strich schließlich mehr als die Hälfte vom Geld, das er dem Fischer Thorgeir auszahlte, wieder über die mit Zinkblech beschlagene Tischplatte hin. Plötzlich verschwand das Geld. Es fiel durch einen schmalen Schlitz in eine Tiefe, wo es unwiederbringlich verloren war.

Wenn Thorgeir nach Hause ruderte, hatte er allerlei kleine Sachen im Boot und eine ziemlich gute Meinung von sich selber. Ja, es war wirklich ein eigener Segen mit Laurentzens Kramladen — man wurde darin zuversichtlich im Herzen und hoch im Hut. Man war für ein paar Stunden lang nicht nur ein armseliger Stümper ohne eigenen Grund und Boden unter den Füßen. Man war gewissermaßen ein Herr — ein Herr über alle Schätze des Meeres. Man konnte ja, wenn es das Glück zuließ, jeden Tag einen Heilbutt fangen und damit nach Fagarö rudern. Und dann dieser Schnaps — das reine Hexenwasserǃ

Nicht daran zu zweifeln, der Fischer Thorgeir ruderte stets zufrieden von Fagarö nach Hause. Der Krämer Laurentzen war seinerseits auch nicht mißvergnügt. Er hatte zum Beispiel zwanzig Ör für das Kilo Heilbutt bezahlt. In der gleichen Nacht noch trug das Postschiff diesen Heilbutt südwärts. Und der Krämer wird zu seiner Zeit ungefähr eine Krone fürs Kilo erhalten. Das sind Porzente, mein Lieber!

Aber alles, was recht ist — und alles kann doch nicht Gewinn sein. Mußte der Krämer Laurentzen denn nicht einen Schuppen bauen mit Doppelwänden und Sägmehl dazwischen? Und den Schuppen mit Eis füllen? Übrigens geht doch auch einiges drauf für Kisten und Briefporto und Fracht. Und so. Jedem das Seine …

Der Krämer Laurentzen muß auch um sein Leben kämpfen. Jeder kämpft auf seine Weise. Vielen wird es sehr leicht gemacht, sie können das Bargeld nur aus der See schöpfen. Anderen wird es schwerer gemacht, sie müssen Kunst und Wissenschaft anwenden …

So lebte also der Krämer Laurentzen. Und so lebte der Fischer Thorgeir. Und beide lebten in ihrer Art gar nicht so schlecht und wurden älter mit jedem Tag und reicher an Erfahrung und Lebensweisheit.

Und dann sandte der Himmel einen grimmigen Südweststurm aus, genau zu der Stunde, als der Fischer Thorgeir vom Krämer auf Fagarö zurückruderte. Der Südweststurm fand das Boot des Fischers Thorgeir, erfaßte es, hob es wie nichts auf und warf es um. Thorgeir fiel daraus und versank im Wasser. Und da er nicht schwimmen konnte, konnte er das nahe Land nicht erreichen und klammerte sich am umgewälzten Boot fest. Er kletterte hinauf bis zum Kiel. Und da die Planken glatt waren, konnte er sich nicht daran festhalten. Darum stieß er sein großes Dolchmesser ganz oben beim Kiel ein, wie es vor ihm bei ähnlichen Gelegenheiten schon mancher machte. So konnte der Fischer Thorgeir sich über Wasser halten. Er konnte schreien und um Hilfe rufen und seine Not klagen. Oh, er konnte heulen und jammern, soviel in seinen Kräften lag. Aber das hörte niemand. Niemand konnte ihn sehen. Denn dieses ereignete sich in einer dunklen Nacht, die mit Zischen und Fauchen erfüllt war.

Weil nun aber der Südwest immer schärfer übers Wasser hinsprang und vor überhändiger Wut brüllte, blies er den durchnäßten Fischer an und machte sein Gesicht starr und seine Hände klamm.

Man kann nicht wissen, ob Thorgeir in dieser Nacht den Draug gesehen, den Draug, der wahrscheinlich auf einem gekenterten Boot an ihm vorbeisegelte, mit einem großen Tangbusch zwischen den Schultern anstatt dem Kopfe. Thorgeir mag in jenen Nachtstunden mancherlei gesehen und vernommen haben. Vielleicht ließ er in großer Angst sein Dolchmesser fahren. Vielleicht wurde er nur müde und wollte nicht länger auf einem hölzernen Roß mit scharfem Rücken reiten. Und so glitt er schließlich herunter …

Solches ungefähr berichtete sein Messer.

Nein, dieses ist alles in allem keine besondere Geschichte. Viele Frauen an der Küste könnten eine ähnliche erzählen.

Dieser Art war also Thorgeir verschwunden und fortgekommen. Nicht einen einzigen Faden, nicht ein einziges Haar fand man mehr von ihm.

Karen klopfte mit einem Stein das Dolchmesser aus dem Kiel und trug es nach Hause. Dort, in der schwarzverräucherten Holzwand, steckt es.

Was soll man noch weiter darüber sagen?

Handel, Landwirtschaft und Seefahrt — viele kommen hoch dabei, und einige fallen ab dabei und müssen liegenbleiben. Dieses Mal traf es Thorgeir. Dadurch wurde sein Weib zur Witwe, und vielen Fischen wurde das Leben verlängert …

Nun erscheint aber der Hofbauer Finn vor der Kätnerhütte. Als dunkler Schatten gleitet er am Fensterlein vorbei. Er tritt durch die niedrige Tür und reibt sich die Brust.

„Gott segne deine Arbeit, Karen!“ sagt er.

So gesittet ist dieser Bauer Finn, daß er seinem Zorn nicht gleich alle Schleusen auf einmal öffnet.

„Dank dafür, Finn“, sagt Karen.

Ach, Karen weiß ja schon, daß es wichtige Umstände und Veranlassungen sein müssen, die den Bauern jetzt in ihre Stube führen.

„Und was ist nun deine Meinung von dieser Sache?“ fragt der Bauer Finn und stellt das Schiff, das einmal ein rechtschaffener Holzschuh gewesen, auf den Tisch.

Nein, Karen findet dafür keine Worte. Sie könnte ihre Gefühle möglicherweise in Töne fassen. Aber da sie nur in der Einsamkeit und für sich selber singt, bleibt ihr dieser Weg versperrt.

„Das hat also Monrad gemacht! — Mein Weibervolk behauptet es.“

Karen blickt den Bauern an. Ihr Blick ist nur eine Frage. Ihr Blick ist Angst und Flehen. Und dann senkt Karen das Haupt. Sie senkt ihr Haupt vor einem so geringen Ding wie diesem Holzschuh und bietet ohne Vorbehalt ihren Nacken dar, den Schlag zu empfangen.

Aber dieser zornige Bauer Finn, der vor kurzem sein scharfes Weib mit der Birkenrute streichelte, verliert schon wieder allen Boden unter den Füßen, und die Welt beginnt ihm abermals in Feuchtigkeit zu schwimmen. Ob er nun gleich mit gewaltiger Muskelkraft den ungeheuren Priem zerkaut und männlich um sich her spuckt und Säfte vergeudet — er bleibt dennoch Kujon und Feigling! Oder vielleicht nicht? Wenn er doch jetzt solcherlei Worte fallen läßt:

„Du sollst es nicht gar zu schwer nehmen, Karen, verstehst du! Aber ich wurde vorhin so rasend, daß ich beides, sowohl schwarz als rot, zu gleicher Zeit sah. Und es bleibt wirklich und wahrhaftig ein Himmelswunder, daß der Schlingel mir nicht in die Hände fiel. Sonst hätte leicht ein Unglück entstehen können. Denn du weißt doch, Karen, wie grauenhaft jähzornig ich in meinem Sinne bin. Das ist nun leider so ein Erbfehler von mir — Gott sei mir gnädig!“

Hierauf wird der Bauer wieder gefaßt und handlungskräftig und verkündet als der erste Mann von Tyremoen: „Ja! Dieses ist also glücklich vorübergegangen. Und heute ist Sonntag, da soll nichts weiter unternommen werden in dieser Sache. Aber morgen wird Monrad unbedingt zu mir kommen und ein Stück Leder holen, und bis zum Abend muß der Schuh wieder geflickt sein — verstehst du! Das geht, meiner Seel, nicht anders.“

Karen antwortet noch immer nicht. Ihr sitzen die Worte nicht so locker in der Kehle. Sie nickt nur. Auf einmal huscht ein kleines, ganz verwunderliches zartes Lächeln über ihr in Elendigkeit erstarrtes Gesicht; und sie reicht dem großen Bauer Finn ihre Hand. Und sie murmelt etwas dabei. Vielleicht dankt sie mit scheuen Worten für das gnädige Urteil, dankt mit sehr scheuen Worten, die sich verbergen wollen. Vielleicht sind es auch nur wieder diese leisen Töne …

Der Bauer aber versteht es wohl. Er nickt mit dem bärtigen Gesicht und geht, einen scharfen Tabaksduft und eine deutliche Spur von Überlegenheit zurücklassend.

Jetzt rinnt Finn Moens rotes Hemd wie eine Blutlache die Wiese hinunter. Karen, die Witwe, steht in all ihrer Ergriffenheit noch immer mitten in der Stube, beugt sich ein wenig vor und schaut mit schiefem Kopf am Geranienstock vorbei. Noch immer flattert ein rührendes kleines Lächeln über ihr Gesicht.

Nach allen diesen Ereignissen wird es Mittagszeit. Monrad kommt heim und sieht den Holzschuh auf dem Tisch, und sagt nein, er habe es nicht getan.

Karen hat wahrscheinlich dieses und nichts anderes erwartet. Sie entgegnet mit ihrer zerknitterten, zagenden Stimme: „Morgen früh mußt du bei Finn ein Stück Leder holen und den Schuh wieder flicken.“

Dagegen hat Monrad nichts einzuwenden. Monrad mußte schon früh durch die Schule des Lebens gehen, und dabei wurde er vor der Zeit reif und reich an Erkenntnissen.

Die steinaltermenschen

Auf irgendeine geheimnisvolle Weise erfuhr der Staat, daß am Strande von Tyremoen eine Schar Kinder glücklich in voller Freiheit herumlief. Der Staat sandte den Lehrer Klagg aus, damit er ihnen die Geheimnisse der Schrift verrate und das Wunder der Zahlen und ihnen außerdem einige gute Beispiele vor Augen führe.

Der Lehrer Klagg kam zweimal im Jahre nach Tyremoen und wohnte natürlich im Hause des Bauern Finn. In der Nordstube versammelte er alle Kinder, und sie mußten sich auf zwei Bänke um den Langtisch setzen. Es ging wahrlich gar nicht lange, so konnten sie auch schon lesen und fast ebensogut mit den Zahlen umgehen wie der Krämer Laurentzen auf Fagarö.

Die Leute von Tyremoen sagten, Klagg sei ein flinker Lehrer und in den Wissenschaften über alle Maßen kundig. Die Kinder aber hatten ihn gern, denn er war nicht streng und strafgierig, sondern übte große Geduld mit allen.

Jedesmal blieb er sechs Wochen lang am Strande von Tyremoen. Und das waren immer frohe Wochen. Es war ein Ereignis. Es war ein richtiges Fest für diesen Ort.

Ottny kochte für den Lehrer Klagg gutes Essen und gab sich viele Mühe mit höflichen Redensarten; ja sie bezähmte sogar diesem Lehrer Klagg gegenüber ihren sparsamen Sinn bis zur Selbstverleugnung und mißgönnte ihm keinen Bissen.

Nach dem Mittagessen legte sich der Lehrer hin und schlief ein Stündchen. Er legte sich auf den Rücken, und sein friedliches Schnarchen verkündete aller Welt, daß hier ein reines Gewissen ruhte. Um diese Stunde war Ottny wahrlich nicht gnädig und unterdrückte mit allen Mitteln gewaltsam jeden Lärm auf fünfzig Schritte im Umkreis. Aber die Kinder bemühten sich aus eigenem gutem Herzen, ihre große Lebensfreude ein Weilchen einzudämmen. Es ist bis dahin noch niemals vorgekommen, daß des Lehrers Schlummer gestört wurde.

Der Lehrer Klagg war in diesen Tagen schon alt und in mehrfacher Hinsicht mangelhaft. Jedoch er ging herum wie ein stilles, gutes Feuerchen, das Licht und Wärme um sich her verbreitete. Wenn einer von Tyremoen irgendeinen schwierigen Fall hatte, mit Krankheit oder Steuerplage, so wartete er in Glaube und Zuversicht bis zu dem Tage, da der Lehrer wieder erschien. Und der Lehrer fand stets einen Rat und sorgte für Hilfe oder Erleichterung.

Auch Jon Sörbö hat sich an den Lehrer gewandt in seiner Not mit dem ewigen Kindersegen. Zweifellos hätte Jon längst eine Staatsrente erhalten, wenn nicht Jenny sich der Einmischung des Lehrers in unbegreiflichem Hochmut widersetzt hätte.

„Wir sind doch nun einmal so erschaffen!“ konnte Jenny lachend rufen. „Wozu wären wir sonst überhaupt da?“ konnte sie fragen. „Und, Jon, sind wir denn vielleicht nicht in der Kirche von einem richtigen Pfarrer getraut und eingesegnet? Gottvater wird am besten wissen, was er alles mit uns vorhat und was er mit unseren Kindern anstellen will.“

Nichts von Staatsgeldern!

Im allgemeinen mißtraute man in Tyremoen dem Staat, diesem unheimlichen Wesen, das sich im verborgenen hielt, Gesetze mit vielen Verboten machte und Gelder einzog und sogar, wenn es ihm beliebte, Tisch und Bett pfänden konnte. Die Leute an diesem Strande begriffen das nicht. Der Lehrer Klagg begriff es wahrscheinlich in seiner Gelehrsamkeit, und er wollte auch Jon beistehen. Aber eine Frau findet gewöhnlich mit verbundenen Augen das richtige Wort, auch wenn sie noch lange nicht so ausstudiert ist wie ein Lehrer. Jenny fand es jedenfalls. Da zog der Lehrer seine Finger zurück. Wie hätte er sich nur vermessen sollen, dem lieben Gott die Arbeit zu verbessern?

Jon, der graue Familienvater, stand hierauf allein mit seiner Klage und seiner Hoffnung. Er verstand nicht die hochmütige Ablehnung Jennys, er verstand nicht die ängstliche Rücksicht des Lehrers Klagg, er verstand vor allem nicht des Himmels unweigerliche Fügung. Daher blieben ihm nichts anderes als Worte und Seufzer übrig. Er benahm sich in dieser Hinsicht sowohl unmännlich als gottlos und vollkommen verkehrt und zog sich zu allem andern den geheimen Spott zu.

Im Winter hatte man in Tyremoen unglaublich viel Zeit. Die Männer wollten es wohl niemals zugeben, weil sie träge waren von Natur aus. Sie sorgten nicht einmal für dürres Brennholz, obgleich der Birkenwald ihnen sozusagen bis vor die Haustür entgegenkam. Wenn die Weiber schimpften und mit dem Kochlöffel rasselten und mit dem Hunger drohten, weil das letzte Scheit im Ofen verbrannt war, erhoben sich die Männer mit vielen Worten, mit Stöhnen und überflüssigem Luftverbrauch und gingen hinauf und fällten einen Baum oder auch zwei. In keinem Falle mehr als drei. Sie schichteten das grüne Holz um den Ofen her auf, wo es unter mächtigem Zischen ein wenig trocknete und manchmal zu glühen begann. Ohne Zweifel hatten besondere Engel die Pflicht übernommen, diese paar Häuser am Strande von Tyremoen vor Feuersbrünsten zu bewahren.

Die Männer mochten noch so gute Ausflüchte finden — gewaltige Rauchwolken, die aus den Schornsteinen stiegen, verrieten sie. Nein, die Männer taten am liebsten nichts. Sie gingen herum und warteten auf den Frühling, warteten auf eine himmlische Fügung, auf ein Wunder, warteten auf irgend etwas. Keinem konnte es einfallen, selber nach einer Gelegenheit Ausschau zu halten, um Geld zu verdienen. Nach der Erfahrung mit dem Fischer Thorgeir hatte keiner mehr die richtige Begeisterung, Reichtümer aus der See zu schöpfen.

Bei gutem Wetter fingen sie sich wohl ein paar Dorsche; aber niemals mehr wurde ein Heilbutt aus seinem Sandbette herausgezogen.

Mit einer unerhörten Kunst hungerten sich diese Leute durch den langen Winter. Doch wenn der Frühling wieder kam, lebten sie alle noch und beteten in ihrer Art die Sonne an. Und vielleicht taten sie dennoch das Rechte und handelten klug. Und vielleicht waren sie sogar weise und glücklich — denn sie waren zufrieden und verlangten nicht nach mehr.

O welche Lebenskünstler! Sie verkauften dem Handelsmann auf Fagarö ein wenig Butter, ein wenig Fleisch, Felle und Wolle, sie gruben Kartoffeln aus der Erde, schnitten Hafer, mähten Gras — so ernährte sie der neunmal gesegnete Boden. Sie brauchten nur bei festlichen Gelegenheiten Zucker, und die Kaffeebrühe war so dünn, daß sie selbst das schwächste Herz nicht anzugreifen vermochte. Der Handelsmann Laurentzen auf Fagarö konnte unmöglich reich werden an solchen Kunden.

O der neunundneunzigmal gesegnete Erdboden! Wie mühte er sich um diese Handvoll Menschen und trug allerorten Früchte.

Trotz mangelhafter Regierung und aller Widerwärtigkeiten mit dem Wetter fanden die Leute ihr Auskommen. Es blieb sogar noch einiges für den Luxus übrig. Zum Beispiel für den schwarzen Kautabak, den der feindselige Staat mit jedem Jahre teurer machte, um den Männern von Tyremoen das Leben vollends zu verbittern. Diese Männer konnten aber nicht nur die langen Wintermonate überwinden, sie wurden auch im Verbrauche des Tabaks die wahren Meister: Zuerst kauten sie ihn, dann trockneten sie ihn und rauchten ihn in der Pfeife — und selbst die Asche noch nahmen sie bei Erkältungen als innerliche Medizin ein.

Außerdem hat ein jedes Haus seine regelrechte Petroleumlampe. Und zur Julzeit braute jeder Bauer ein paar Tonnen Bier. Das Dasein wurde den Männern also doch nicht so ganz unerträglich.

Wenn der Lehrer Klagg so anfangs Dezember erschien, gestaltete sich das Leben sogar ziemlich angenehm. Dann wurden die Weiber sogleich umgänglicher und nahmen feinere Manieren an. Und die Männer konnten sich in der Stube Finns versammeln und Neuigkeiten hören aus aller Welt.

Denn dieser Lehrer Klagg war neben allen seinen anderen Vorzügen auch noch weit gereist, ein richtiger Langwegsfahrer. Mit seinem Bruder Leif, dem Seemann, war er in jungen Jahren sogar einmal bis nach Hamburg gekommen. Das blieb das große Ereignis seines Lebens, an dem er seit vielen Jahren zehrte. Und manch anderer zehrte mit ihm daran. Wenn zum Beispiel alles berichtet war, was sich in Fagarö seit dem Sommer ereignet, und man sich nach allen Leuten des Pfarrortes Hernes erkundigt hatte, wußte der Lehrer gewöhnlich keine Neuigkeiten mehr. Dann durfte nur einer den Kopf heben und fragen: „Und wie trieben es denn die Deutschen — he?

Da war der Lehrer schon wieder obenauf.

„Die Deutschen? — Ja, Gott segne sieǃ Das sind — peinige dich — trotz allem tüchtige Leute! Hingegen ihr Land ist unglaublich. Es ist so flach und eben wie dieser Stubenboden hier. Nichts als Städte und Äcker und pure Industrie und Fleiß und Fortschritt. Und obendrein ein abenteuerliches Klima …“

„Ganz flach also?“ fragte dann wieder einer.

„Vollständig. Kein einziger Berg — nicht einmal soviel wie ein Hügel.“

„Was? Kein Berg? Nun scherzest du aber, guter Lehrer! Wie soll denn das viele Regenwasser ablaufen?“

Oh, der Lehrer Klagg! Da war er also festgesetzt. Er hatte nicht wenig Mühe mit seiner Geographie. Diese Menschen wollten es doch um keinen Preis glauben, daß es eine Welt geben könnte ohne Meer und Felsen — eine Welt ohne viel Wasser und viele, viele Steine. Nein.

Nein, Gott bewahre — und dann diese Einrichtung mit der Eisenbahn und den anderen Erfindungen … Nein, Gott bewahre uns vor diesen unmöglichen Deutschen!

Aber es war dennoch großartig, so dazusitzen, Tabak zu kauen und von all der fremdländischen Teufelei Kunde zu erhalten und sich zu gleicher Zeit so über alle Maßen sicher zu fühlen, geborgen in der herrlichen Kleinheit von Tyremoen, fern von allen den höllischen Maschinen, die Materie und Zeit zerhacken und den Menschen das natürliche Leben rauben …

In Tyremoen fand sich noch Natürlichkeit im Überfluß, und die Zeit lief in normaler Weise ab. Hundert Jahre liefen ab — tausend Jahre … Außer den paar Pfunden Stahl, den Sicherheitsstreichhölzern, den Petroleumlampen, den Kartoffeln und dem Tabak hat sich in Tyremoen kaum etwas verändert…

Die Menschen kommen und gehen. Sie wachsen ihre Zeit wie die Bäume des Waldes. Und wenn ihre Stunde schlägt, sinken sie hin und verwelken.

Der Fischer Thorgeir versank im Meer, ohne Priester und Grabgeläute, und war mit einem einzigen Schritt am Ziel. Andere mußten den Strohtod erleiden; und sie wurden mit dem Großboot an die drei Meilen weit zum Kirchorte Hernes gebracht und in geweihte Erde gesungen.

So liefen die Jahre ab. Jeder Hausvater auf Tyremoen hatte auf dem Dachboden ein paar Särge oder doch zum mindesten trockene Föhrenbretter. Keiner wollte sich gern vom Tod überraschen lassen; denn das blieb eine ernste Angelegenheit für jedermann.

Im übrigen schoren die Frauen ihre Schafe und spannen die Wolle und webten Stoffe und strickten Strümpfe und Genser und Unterkleider und Fäustlinge. Die Männer schnitzelten Holzschuhe und gerbten ihr Leder selber und nähten Stiefel daraus. Oh, ganz fabelhafte Stiefel! Alles miteinander schwere, ehrliche und dauerhafte Ware.

Nicht umsonst ärgerte sich der Handelsmann Laurentzen auf Fagarö über diese Leute. Er nannte sie vor Ärger rückständig. Er nannte sie aus Wut Steinaltermenschen.

Der alte Lehrer Klagg jedoch war gern auf Tyremoen.

„Gutes Volk!“ sagte der Lehrer. „Liebes Volk! — Es ist nicht anders, als sei ich lange fortgewesen — in der Fremde — und habe nun wieder heimgefunden.“

Auf diese Art nahm es der Lehrer Klagg. Das stärkte natürlich den Menschen auf Tyremoen den Rücken und gab ihnen Selbstvertrauen. Sie vergalten es dem Lehrer in mancher Weise. Vor allem ehrten sie ihn und liebten ihn aufrichtigen Herzens.

Der Lehrer Klagg brachte eine große dunkle Brille mit, die setzte er immer auf, sobald die Sonne schien. Und er brachte eine Geige mit. Ein großer Künstler war er wohl nicht. Aber er konnte immerhin ein Lied spielen. Ja, er konnte sogar, wenn das Bier stark und frisch war, einen Halling spielen oder einen Springtanz. Viel Glanz und Freude folgte ihm überall.

Vielleicht war es dieser alte Lehrer Klagg, der die guten halbvergessenen Volkstänze auf die weltverlorene Insel brachte. Man lebte hier eigentlich nur in den wenigen Schulwochen ein wirkliches Leben, mit Geschwätz und Gelächter ab und zu. Die übrige Zeit arbeitete man, oder schlief man. Oder man träumte höchstens.

Das geheimnis

Monrad, der Häuslerbub, stapft das Stortal empor.

Im Stortal gibt es viel Geröll und viel Heidekraut. Die Wacholderbüsche werden hier zu wahren Bäumen. Sie stehen in Gruppen beisammen, dunkel und schlank wie Zypressen, und gemahnen in ihrer feierlichen Ruhe an südliche Gräber.

Die Sonne brennt kräftig zwischen den Hängen; eine vom langen Winterschlaf ausgeruhte Sonne. Meisen zwitschern. Hin und wieder erhebt sich ein Schwarm schillernder Stare und flattert gleich einer unruhigen Wolke vorüber. Hinten auf den höchsten Bergkuppen liegt da und dort noch eine vergessene Handvoll Schnee. Der Himmel über dem allem ist rein und von wahrhaft unergründlicher Tiefe.

Monrad stapft bergan und wird von allen Seiten übergossen von blauen Seligkeiten. Er geht in einem leichten Rausch.

Das alles ist groß und so unfaßbar herrlich, als handle es sich hier um den ersten Frühling und den ersten Knaben, der ein sonnendurchleuchtetes stilles Tal emporsteigt … Hjördis ging eben hier vorbei. — Dort sprang sie über den kleinen Bach. Der schwarze, weiche Moorboden hat den Abdruck ihres Holzschuhs sehr getreu aufbewahrt. Hjördis — das ganze Tal ist erfüllt von ihrer Nähe.

Dieses mag vielleicht doch etwas Großes und in seiner Art Neues sein: Zwei junge Menschen, die in einem einsamen, himmelhellen Tal Zusammentreffen. Zwei Menschenknospen, und Frühling und verheißungsvolle Stille im Walde und ein hoher Weltraum voll unergründlicher Bläue …

Sie treffen einander bei einer steilen Felshalde, die Nova heißt. Die Felsen von Nova werden von der Sonne mehr gewärmt als andere Felsen. Dort ist der Schatten zwischen den hellen Birkenstämmen mit Goldstaub gesättigt und flimmert. Dort ist das Moos trocken. Bald liegen die zwei kleinen Menschenwesen im trockenen Moose nebeneinander und reden.

Sie reden nur von den Schafen, die sie zu den hohen Sommerweiden emporgetrieben haben. Sie reden von den siebenunddreißig Schafen des Hofbauern Finn … Das ist siebenunddreißigmal eine ganz bestimmte Summe Geld — das ist zuverlässiger Wohlstand.

Hjördis weiß das genau. Es handelt sich doch um die Schafe ihres Vaters. Es geht auch ihr eigenes Schaf dabei, ihr kleines Privatvermögen.

„Letztes Jahr hat es zwei Lämmer bekommen“, sagt Hjördis, während sie an einem Grashalm nagt. Ihre feste Hand streicht über das Moos hin. „Auch dieses Frühjahr bekam es zwei Lämmer.“

Karen am Berge, die Witwe, hat alles in allem nur drei Schafe. Diese drei Schafe haben zusammen drei Lämmer geworfen. Eins davon war zu elend und mager und konnte nicht leben. Und als es tot auf der Wiese lag, war nicht einmal das Fell etwas wert. Es machte Monrad nur ein wenig Arbeit mit dem Einscharren.

Die drei Schafe der Witwe gingen stets in des Bauern Finn Herde. Aber es war fast immer ein Unterschied zwischen Bauerschaf und Häuslerschaf. Das Glück kannte sich hier ganz ausgezeichnet aus und griff selten daneben. Es verlohnt sich kaum, von diesen Häuslerschafen zu reden.

Hjördis fragt: „Was würdest du tun, wenn mein Schaf dir gehörte?“

Ohne sich zu bedenken, erwidert Monrad: „Ich würde alle Lämmer leben lassen.“

„Wie? O — du, Monrad! Und das Heu im Winter?“

Nein, das geht also doch nicht. Hjördis spuckt den zernagten Grashalm aus. „Im Sommer werde ich nach Fagarö rudern und alle meine Wolle verkaufen und alle meine Felle …

Dieser Reichtum! So darf nun Hjördis reden und prahlen. Der Häuslerbub mißgönnt Hjördis den Reichtum nicht. Nein, das soll Gott wissen. Monrad ist völlig frei von Neid; er wundert sich höchstens darüber, warum Hjördis nicht in einem Schloß wohnt, in einem Schloß mit zehn Türmen und hundert Fenstern und vielen Erkern — so fein und klug wie sie ist.

„Und was würdest du mit dem Geld machen?“ fragt Hjördis.

„Mit dem Geld? — Nein, ich weiß nicht … Doch. Ich würde mir wohl eine Angelschnur kaufen …“

„Und Heilbutt fangen, wie Thorgeir?“

„Ja, Heilbutt fangen …“

„Ja! Das magst du nur glauben!“ lacht Hjördis.

„Glaubst du es vielleicht nicht?“

„Nein, du, das glaube ich niemals!“

Sie sagen, daß Thorgeir einmal einen Lachs fing — einen großen Lachs fing. Aber er durfte ihn nicht ins Boot hineinziehen, weil sonst die Schnur zerrissen wäre. Da beugte er sich schnell nieder und biß den Lachs in den Schwanz. Er zog den Lachs mit den Zähnen ins Boot. Ja, so ein Kerl war Thorgeir! Man nannte ihn von da ab „Lachsbeißer“.

Hjördis betrachtet Monrad unter tiefgesenkten Lidern hervor. „Könntest du das vielleicht auch?“

Darauf blickt Monrad zur Seite. Und jetzt ist er wieder klein und ein wenig zaghaft. Er ist wahrlich kein Fürstensohn mehr, der im Märchenlande wandelt. Er ist nur noch der arme Untertan.

Und Hjördis ist in jedem Falle die Prinzessin. Sie darf ihrem Knechtlein jederzeit den Fuß auf den Scheitel setzen. Sie darf ihm auch Gnade erweisen — ihre kleine braune Hand zu ihm hinüberstrecken und ihn ein wenig emporheben aus dem Staub. Sie macht es so oder so — ganz wie es in ihrer Laune liegt.

Hjördis wird in diesem Herbst vierzehn Jahre alt. Aber Hjördis gleicht wirklich einer feinen Jarlstochter, die Zeit und Schicksal vergessen hat; sie wurde durch irgendeinen Zauber auf diese arme, weltverlorene Insel gesetzt und in grobe Bauernkleider gesteckt.

Hjördis. Hat man vielleicht in Tyremoen je zuvor eine solche Stimme gehört? Eine solche Lockstimme? Hat man je in Tyremoen einen solchen Mund gesehen? Eine rote Schale zum Überfluten voll von Verheißungen …

Zu dieser Minute beliebt es Hjördis, den kurzen Ärmel bis zur Schulter hinauf zurückzustreifen und der erstaunten Welt einen runden, schlanken Arm mit flaumiger, seidenzarter Haut zu zeigen. Durch welches Wunder kam ein solches Kind an diesen Strand? Was hat sich das Schicksal nur dabei gedacht, als es dem Hofbauern Finn eine solche Tochter schenkte? Dem Handelsmann Laurentzen auf Fagarö mit all seinen Reichtümern und dem großen weißen Haus schenkte das Schicksal nur ein Wesen mit kleinem Kopf und mächtigen gelben Zähnen …

„Gott die Ehre“, sagte der Lehrer Klagg schon manches liebe Mal. „Aber es ist wohl nur gut gemeint, daß du, Hjördis, hier auf Tyremoen herumgehst und nicht in einer sündigen Stadt … Ja, Finn-Bauer! Das ist ein Glück!“

Der Lehrer sagt in seinem Alter mancherlei wunderliche Worte …

Es liegt der Knabe Monrad im sonnenwarmen Moos und schaut den großen blauen Himmel an; und in seinem Herzen ist zur gleichen Zeit viel Hitze und Kälte.

Dieses weiß Hjördis kaum zu schätzen. Es paßt der Tochter Hjördis nicht länger, daß ihr kleiner Ritter lahm und welk am Boden liegt und in hoffnungsloser Ergebung in die Höhe starrt und schweigt. Ihr gelüstet nach einem munteren Spielchen. Sie rollt nicht so gar wenig mit den Augen und beginnt singend: „Hei — ei! Da war einmal eine Prinzessin — m — hm! … Hei! — Und da war einmal ein Riese — m — hm!“

Monrad bewegt ein wenig die Ohren, ohne aber den Kopf zu drehen. Jedoch sein schmales Gesicht, sein ganzer schmaler Körper lauscht in großer Verwunderung.

Hjördis rollt unschuldig weiter mit ihren strahlenden feuchten Augen … „Und der Riese hatte drei Augen auf seiner Stirn — m — hm!“

Endlich versteht Monrad. Und da will er nichts mehr sehen vom tiefen blauen Himmel. Seine Wangen sind ganz dunkel geworden von Blutströmen. Er muß sie verbergen. Er muß sich tief zur Seite neigen.

„Hör doch auf, Mädchen … Was willst du nur? Schweig doch still! Das ist alles so lange her … Und es war so dumm, Hjördis … Und, Hjördis, das mußt du doch verstehen …“

Hjördis schweigt. Sie zuckt mit ihren feinen Schultern und schweigt. Ihre Augen rollen nicht mehr. Ihre Augen sind mit einem kalten, forschenden Blick auf den beschämten Ritter gerichtet. Und da dieses Schweigen doch gar zu lang und zu bedeutungsschwer wird, hebt Monrad langsam den Kopf. Das Haar hängt ihm wie ein zerzauster Strohbusch über die Stirn; über eine eigenwillige Stirn voller Kanten und Ecken.

„Früher kamst du jeden Abend auf unsere Treppe“, sagt Hjördis mit unerwartet verschleierter Stimme. Auch ihr Blick ist plötzlich sanft geworden — es ist wie ein warmes unruhiges Tasten. „Du bist gestern nicht gekommen. Du bist auch vorgestern nicht gekommen — seit dem Sonntag bliebst du fort …“

„Wie durfte ich denn kommen, wenn Ottny mich fortjagte?“ fragt Monrad hilflos und stützt sich auf den Arm. Monrad liegt jetzt da wie ein gespannter Bogen.

Hjördis überlegt sich etwas, und sie denkt mit rührend kummervollem Gesicht lange nach. Sie wippt ihren Holzschuh auf der Zehenspitze. „Ach, Ottny!“ Das ist wie ein Seufzer. „Und ich war doch gestern dort und alle die anderen Abende …“

Monrad schnellt auf. „Ist das wahr? Sag, ist es wirklich wahr, Liebe? Hjördis, hast du auf mich gewartet?“ Monrad greift in übergroßem Eifer nach ihrer braunen Hand. „Warum hast du es mir denn nicht gesagt, Hjördis, wenn es sich so verhielt?“

„Nein, das sagt man nicht“, erklärt Hjördis leise und versinkt abermals in tiefes Nachdenken. „Ich habe gelesen, daß einmal ein Kavalier eine lange Winternacht lang vor dem Fenster seiner Dame stand, weil sie vergaß, ihr Licht zu löschen. Er stand auf derselben Stelle — am Morgen war er tot — erfroren … Aber er stand doch noch immer da und schaute zum Fenster hinauf …“

„Aber, Mädchen! Wo denkst du nur hin — dieses kann doch niemals wahr und richtig sein. Nein, das ist eine Lüge …“

„Wenn ich es doch gelesen habe …“

„Es ist eine Lüge“, wiederholt Monrad.

„Sagst du das? — Ja ja, dann mag es eben eine Lüge sein … Aber wenn ich ein Kavalier wäre …“

„Ach, Hjördis, so höre doch! Ich werde heute abend wieder zu dir kommen.“

Der Häuslerbub hält wahrhaftig noch immer diese kleine braune Hand und schüttelt sie in allzu großem Eifer. Diese braune Hand, die zu dieser Stunde wahrscheinlich nicht ganz rein ist; aber dennoch vornehm daliegt wie eine richtige Damenhand.

„Laß mich!“ sagt Hjördis in jähem Unwillen. „Bist du denn ganz von Sinnen, Knabe?“ fragt sie.

Jedoch, als Monrad ohne Zaudern gehorcht und ihre Hand fahren läßt, scheint sie auch damit nicht ganz zufrieden. Ach, Hjördis hat ja schon wieder einen neuen Einfall. „Hole mir die Blume dort!“

„Die Blume? Aber, Hjördis, das ist doch eine Distel, eine Bergdistel.“

„Hole mir die Blume!“

Monrad rauft zwei Handvoll Moos aus, umwickelt den Stengel der Distel und reißt sie mitsamt der Wurzel aus der Erde.

„O ja! Das sieht dir so ähnlich!“ sagt Hjördis. „Aber ich denke mir, daß Ove wahrscheinlich nicht zuerst Fäustlinge angezogen hätte.“

„Da kennst du Ove schlecht. Ach, Hjördis, Ove ist noch lange nicht der Mann, der sich die Hände an einer Distel zersticht“, sagt Monrad verwirrt und auch ein wenig hitzig.

Ohne ein weiteres Wort greift Hjördis nach der Distel. Sie greift mit ihren beiden Händen danach. Sie preßt die nadelgespickten harten Blätter zwischen ihren Fingern. Sie wird sehr bleich; aber ihre Stimme klingt ruhig. „Wer das nicht wagt“, sagt sie, „ist kein rechtes Mädchen … und noch viel weniger ein richtiger Mann …“

Hierauf schweigt Hjördis allerdings, und ihre Augen füllen sich mit dicken Tränen — mit Kindertränen, oder vielleicht doch auch schon mit Frauentränen. Es ist in der Tat ein seltsames, stilles Weinen. Und es ist ein Schmerz, den nur die Augen verraten. Dieses merkwürdige Kleinmädchengesicht bleibt dabei starr, nicht einmal das Kinn bebt.

„Warum tatest du das?“ fragt Monrad überwältigt und fassungslos.

Hjördis schüttelt stumm den Kopf. Aber sie läßt es doch zu, daß Monrad sich über ihre Hände beugt und die Stacheln darauszieht. Er ist so aufgeschreckt wie ein Wasser, über das der Sturmwind fährt, so bis in alle Tiefen aufgewühlt.

Dann gehen die zwei miteinander durchs Tal hinab. Und sie schweigen scheu und streifen einander nur noch mit schnellen Seitenblicken.

Aber beim Steinwall, der die Hauswiesen von der Wildmark trennt, bleibt Hjördis stehen, schaut Monrad von unten her ins Gesicht und sagt mit strahlendem Lächeln: „Und das mit der Prinzessin, Monrad, und das mit dem Riesen — das war dennoch gar nicht so dumm, du — oh, es war doch sehr schön …“

Ja. Der Häuslersohn erlebt an diesem Tage ein Wunder. Er öffnet dankbar und ein wenig ungläubig sein Herz dem Wunder — und gibt seines Herzens Geheimnis preis.

„Du, Hjördis!“ flüstert er scheu. „Du, ich baue mir eine Fiedel …“

Hjördis zieht die Brauen hoch. Nun sind es zwei Bogen, zwei hohe Himmelsbogen über zwei blauen, unheimlich hellen Sonnen.

„Was für etwas?“

„Eine Fiedel — sie ist schon fertig. Nur die Saiten fehlen noch.“

Da werden die zwei Sonnen immer heller. Sie beginnen in einem scharfen Lichte zu funkeln.

„Wozu brauchst denn du eine Fiedel, Knabe?“

Weiter fragt Hjördis nichts mehr. Nun geht sie. Sie schiebt den Holzriegel zurück und öffnet das Gatter. Monrad kann für einen Augenblick das Innere ihrer Hand sehen. Eine feine Mädchenhand mit ein paar rotroten Blutstropfen darin.

Jetzt geht Hjördis über die Wiese, schmal, hoch, mit weichen Schultern — frauenhaft aufrecht schreitet sie durchs blumige Gras, das ihr bis zu den Knien reicht.

Hjördis — Gottvater! Wie ist ihr Nacken doch schon voll und süß … Hjördis — sie gleitet über die Blumenwiese wie ein Frühlingslied, wie eine lichte Frühlingswolke, die alles mögliche, sowohl Sturm wie Glückseligkeit, bergen kann …

Ein verwirrter Häuslerbub steht außerhalb des hohen Steinwalls. Er hat in ein grelles Licht geschaut. Nun steht er geblendet da und mit hängenden Armen.

Dabei hat er auch seines Herzens Geheimnis preisgegeben; ein Geheimnis, um das sich die unruhigen Träume von hundert Nächten rankten.

Als Monrad zum erstenmal den Lehrer Klagg auf seiner Fiedel spielen hörte, sprang etwas auf in seinem verwunderlich heißen Knabenherzen. Es gab eine Wunde, aus der Sehnsucht floß — ein Strom von Sehnsucht. Ein blutiger Schrei. Jäh bekam dieses kleine unscheinbare Leben einen Sinn und ein hohes Ziel. Es bekam Wert und Inhalt. Es füllte sich mit Wünschen und drängte hinaus ins Grenzenlose. Ein simpler Häuslerbub konnte nicht anders und mußte erschauern und beben und schwingen und tönen. Er konnte nicht anders, weil er vielleicht selber nichts war als eine Saite — ein sehr zartes und zerbrechliches Instrument, das da unscheinbar in einem verborgenen Winkel lag und nur darauf wartete, bis die kundige Hand kam, bis der Augenblick kam, der es wachrief.

Etwas völlig Unerklärliches geschah mit Monrad Thorgeirsen. Und er wußte nicht, was mit ihm geschehen war … Aber so mußte dieses unwissende Kind eine Fiedel bauen. So groß war das Verlangen, daß es den ungeübten Händen unglaubliche Kunstfertigkeit und unglaubliche Geduld verlieh.

Die Fiedel ist fertig. Das Dach, der Boden, der Hals — in mühseliger Arbeit gesägt, geschnitzt, geschabt — mit Thorgeirs großem Fischmesser geschabt. Es bleibt nur noch übrig, die Teile zusammenzufügen …

Da hatte also Hjördis die Brauen schon sehr hoch gewölbt und gefragt: „Wozu, Knabe, brauchst du eine Fiedel?“

Das werden sie wohl nun alle fragen, so viele ihrer sind an diesem Strande und die Zunge rühren können.

In den seligen Träumen von hundert Nächten zuckte und jubelte ein Knabenherz. Dann wurde es zu kalter Wirklichkeit zurückgerufen, eine kleine, braune Hand griff danach und umklammerte es. Gottvater — es war Hjördis selber, um derentwillen wohl die Fiedel gebaut wurde …

Der Häuslerbub von Tyremoen dreht sich am hohen Steinwall um. Ganz langsam und hölzern dreht er sich, von oben her, als werde er gewendet, zuerst der Kopf, dann die Schultern … Er geht wieder den Weg zurück durchs lichtflimmernde Tal. Eilig geht er.

Er muß wohl etwas vergessen haben, dort oben bei den Felsen von Nova. Bald hat er es gefunden — eine trockene Bergdistel, die bei einer kleinen Vertiefung im Moos liegt. Diese Vertiefung hat wahrscheinlich ein Märchenkind zurückgelassen. Ein kleines Nest. Nun legt sich der Häuslerbub hinein …

Der Himmel ist immer noch blau und blank. Denn es ist Frühling auf der Märcheninsel, die wunderbare Zeit der hellen Nächte. Das Tal rauscht vom Flügelschlag seliger Vogelscharen, die eine uralte Sehnsucht übers weite Meer herauftrieb …

Der Knabe dort unter den Felsen von Nova schlottert vor Kälte. Sein Herz ist in Eis gebettet. Er wimmert leise. Das alles ist wahrlich nicht zum Verwundern. Seine Wange ruht auf einem Kissen von Distelzweigen.

Die fiedel

Auch auf Tyra, der Märcheninsel, gibt es Schicksal.

Die Menschen ziehen ihre Kreise durch Stille und Einsamkeit. Wellenringe fließen durcheinander. Manchmal strahlt der Himmel und ist zum Bersten voll von milder Verheißung und Tiefe. Manchmal ziehen Wolken über den dunklen Horizont herauf und blasen aus vollen Backen und zeigen sich feindlich gesinnt allem Leben und bekunden nichts als Verachtung für das Werk von Menschenhänden. Und wenn Sturm und Mond zusammen helfen, kann die Flut des Meeres hochsteigen. Sie schnellt heran mit weißen Zähnen. Wenn sie irgendwo ein vergessenes Boot am Strande trifft, stürzt sie sich gleich darauf und zerbeißt und zerhackt es.

Der Hofbauer Finn kommt den kleinen Weg heraufgeschritten, in guter Laune, in ganz ausgezeichnetem Humor. Er trifft seinen Nachbar Jon.

„Bittrer Tod!“ sagt Jon, „wie du nur heute daherkommst, Finn! Und wie du die Rauchwolken um deinen Kopf herumblasen kannst — der reine Königsrauch …“

Finn tut geheimnisvoll, blinzelt übers Meer hinaus, das nicht übel schäumt und zischt.

„Es ist ja völlig toll geworden über Nacht“, sagt Jon. „Wer hätte das gestern denken können.“

Der Hofbauer Finn schmunzelt wie einer, der etwas weiß und stapft zum Haus empor. Auf der Steintreppe steht der Lehrer Klagg und betrachtet sich ebenfalls dieses rein unvernünftige Wutwetter. Nun kann Finn seine Freude nicht länger zurückhalten.

„Jawohl, guter Lehrer“, prahlt er, „gestern hat ein Mann glatt seine fünfzig Kronen verdient …“

Der Lehrer hebt vor Staunen die Brauen.

„Oder, was meinst du?“ fragt Finn. „Wenn ich nämlich mein Boot gestern abend nicht höher hinaufgezogen hätte, könnte ich heute die Späne in einem Korb sammeln.“

Sicherlich — man kann auf ganz verschiedene Art Geld verdienen und Glück haben. Der eine muß dem Glück nachjagen, dem andern kommt es mehrere Schritte entgegen. Vielen wird es sogar im Schlafe geschenkt.

Monrad aber, der Häuslerbub, erscheint in der Schule mit einem verbundenen Kopf. Man kann deutlich hinter dem Wolltuch erkennen, wie dick geschwollen seine Wange ist.

„Was soll das bedeuten?“ fragt Lehrer Klagg.

Es sei nichts, sagt Monrad; es sei nur der Zahn.

Als es ans Schreiben geht, kann Hjördis keine Feder halten.

„Was soll denn das bedeuten?“ fragt der Lehrer. Sein von unendlichem Lächeln zerknittertes Gesicht zieht sich in die Länge, und sein Mund wird sehr klein.

Es soll nichts weiter bedeuten. Hjördis hat nur geschwollene Hände mit braunroten Flecken darin. Hjördis fiel doch gestern im Stortal, und sie fiel wahrhaftig auf eine Distel.

Der Lehrer sieht sich diese Hände an. Dann mischt er eine gute Salbe von Katzenfett und Hundefett und Holzteer.

Hjördis sitzt nun mit verbundenen Händen da. Sie kann nicht schreiben. Aber sie kann sehr gut dasitzen und den Häuslerbub Monrad betrachten. Und sie kann sich ihre Gedanken machen. Sie wundert sich darüber, warum Monrad ihr heute gar nicht in die Augen zu schauen wagt und warum er zurückweicht, wenn ihr Fuß ihn unter dem großen Tische sucht.

Hjördis sitzt wahrlich mit den reinen Kummerfurchen auf der Stirn da. Das Leben beginnt auch dieser kleinen verwöhnten Prinzessin einige Rätsel aufzugeben. Mit einem Male schaut sie den Lehrer Klagg an und sagt: „Es ist wahr — Monrad hat eine Fiedel gebaut …“

Hjördis weiß vielleicht im Augenblicke selber nicht, was sie da sagt und warum sie es sagt. Sie kann doch gar nicht wissen, daß sie damit ein Vertrauen bricht und schnöde ein Geheimnis preisgibt. Aber jetzt ist es heraus, und die Kinder lachen.

„Was, in aller Welt?“ fragt Lehrer Klagg.

Jawohl, eine Fiedel.

„Hol gleich das Zeug einmal her!“ befiehlt der Lehrer.

„Sie ist noch nicht fertig …“ wehrt Monrad sich verängstet. Ganz verzweifelt und vernichtet von dem jähen Überfall.

„Hol sie, sag’ ich!“ befiehlt der Lehrer.

Und da bekommt man also dieses Instrument zu sehen. Dach, Boden, Hals — die ziemlich rohen Teile einer Geige.

„Hast du je so etwas erlebt!“ ruft der Lehrer und hält die Teile zusammen. „Junge, das hast du wahrlich nicht übel gemacht … Nein, da schau nur einer her …“

Nun dachte sich vielleicht diese kapriziöse Prinzessin Hjördis von Tyremoen nichts weiter dabei; und sie wollte den Häuslerbub nur ein wenig herumwirbeln zu ihrer Belustigung und weil sie die Hände nicht rühren konnte zu einer anderen Tat. Aber dieses hier beginnt nun ganz verkehrt zu gehen. Ja, dieses hier wird ein Fall, ganz nach dem Herzen des Lehrers, des guten Helfers in allen Nöten. Er legt vor Staunen seinen Kopf von einer Seite auf die andere. „In des Herrn Namen, das hast du vorzüglich gemacht, du, Monrad! Und nur mit einem groben Dolchmesser ausgeschabt? Bittrer Tod — das ist großartig!“

Dieser gute alte Lehrer Klagg vergißt auf einmal seine Geschichte von Olav dem Heiligen und will nur noch von der Fiedel reden. Ganz verwunderliche Dinge redet er.

„Sie ist wie ein Mensch … Das Material bleibt an sich wertlos. Aber sie hat eine Seele …“

Eine Seele?

Nein. Die Kinder lachen.

In der großen Mittagspause verzieht sich Monrad hinter Finns Scheune. Seine Wange brennt wie Feuer; aber er friert im Herzen. Noch kann er sich darüber nicht klar werden, doch er ahnt, daß die Welt rund um ihn herumliegt und ihn finster und feindlich anstarrt.

Hinter der Wiese rauscht der Elv — Monrad meint, es sei ein ganzer Chor dunkler Stimmen. Von überallher quillt ihm Trauer und Bitternis entgegen … Da biegt Hjördis um die Hausecke. Sie kommt wieder heran mit stolzem Nacken und gerade im Rücken, wie eine Jungfrau — leichtfüßig, obschon sie nur in plumpen Holzschuhen geht. Ganz nahe kommt sie, lehnt sich ebenfalls gegen die Mauer, und ihre braune Hand gleitet sachte vorwärts. Ihre Hand sucht tastend und ein wenig verzagt. Aber jetzt liegt sie schon richtig auf Monrads Ärmel. Und Hjördis beugt sich vornüber und schaut dem Häuslerbub von unten her ins Gesicht.

Hjördis sagt: „Du wirst es nie glauben — aber es war doch alles nur zum Scherz. Ich mußte doch immer daran denken … Da konnte ich mir nicht helfen und sagte es heraus. Ich weiß auch nicht, warum ich es sagte … Du sollst jetzt nicht dastehen und traurig sein, Monrad!“

Monrad lehnt sich nur noch weiter zurück gegen die Mauer. Es ist plötzlich viel Trotz in ihm. „Traurig — nein!… Wie kommst du darauf?… Ho, mach dir nur keine Sorgen …“

„Armer Bub!“ sagt Hjördis leise. Nicht nur ihre Lippen, auch ihre Hand sagt es leise.

Monrad kommt auf den kühnen Gedanken, was wohl Ove Höigaard tun würde in diesem Falle … Wenn Ove so dastände an dieser Mauer. Ove mit den breiten Schultern. Ove, der schon längst konfirmiert und fast erwachsen ist und Tabak kaut und ganz nach eigenem Ermessen auszog zum Winterfischfang — Ove, der heimkam, mit Geld in jeder Westentasche, und unflätige Lieder sang …

Was, zum Teufel? würde wohl Ove fragen, mit seinen buschigen, starken Brauen zucken und dabei zweifellos seinen langen Arm um Hjördis’ Rücken legen. Ove würde Hjördis sicherlich an sich ziehen — ja, Gott weiß, was Ove in seiner Überlegenheit unternehmen würde. Man dürfte alles von Ove erwarten, jedenfalls alles den Mädchen gegenüber.

Das ist Ove. Er polterte den ganzen Frühling in seinen schweren Seestiefeln herum.

In diesem Augenblicke weiß Monrad, wenn er es machen würde wie Ove, dürfte Hjördis nicht länger ihr Spiel mit ihm treiben. Doch schon bei dem Gedanken, sie um die Mitte zu fassen, beginnen Monrads Knie zu beben.

„Was macht denn der Zahn?“

„Welcher Zahn?“

Mit einem windschnellen Sprunge flattert die braune Hand von Monrads Ärmel auf. Das Wolltuch gleitet zurück. Es zeigt sich eine fein aufgeschwollene Wange mit vielen braunen Punkten.

„Warum“, fragt Monrad, und jetzt sind seine Lippen weiß und zittern und seine Stimme ist dick von Tränen, „warum plagst du mich stets?“

In Hjördis’ Augen aber funkelt blaues Feuer. Ganz nahe seinem Ohr flüstert ihre Stimme: „Du gingst gestern wieder das Stortal hinauf? Was triebst du denn dort oben? — Sag es! Du bliebst bis in die Nacht hinein … ja, bis spät. Und ich habe auch gestern auf dich gewartet.“

„Hast du mir denn nicht selber gesagt, ich dürfe nicht kommen? Du sagtest, es habe nun keinen Zweck mehr …“

„So? Habe ich das …? Nein, ich weiß nicht … Aber ganz gewiß saß ich gestern wieder auf der Treppe bis spät in die Nacht. Und meine Hände schwollen immer mehr an. Als ich dich sah, sprang ich auf. Ich wollte dir entgegenlaufen. Ja, das ist so wahr und sicher … Oh, du! Das war doch alles zusammen so wunderlich! — Aber dann fiel der Milcheimer um. Dann riefen sie mir nach …“

Mit halboffenem Mund trinkt Monrad dieses unbegreifliche Geständnis. Es beginnt in seinem Gesicht zu schimmern und fürchterlich zu arbeiten. Es wetterleuchtet förmlich in diesem bleichen Knabengesicht. Es ist mit einem Male viel Freude darin. Dann aber verschwindet jäh wieder alle Hoffnung und aller Glanz daraus.

„Das alles sagst du nur so, Hjördis. Aber du meinst es nicht. Es kann ja doch nicht wahr sein“, murmelt er. „Ich kann nicht wissen, was du wieder von mir willst …“

„Warum sollte es denn nicht wahr sein?“ fragt Hjördis hastig und heiß. „Da — fühl doch selber, wie mein Herz hämmert!“

Hjördis nimmt Monrads Hand und drückt sie mit ihren eigenen Händen unter ihre kleine Brust. „Kann denn das Herz lügen?“ fragt sie.

Verwirrt von all dieser Zauberei und gelähmt von irgend etwas Geheimnisvollem, das ihm von Hjördis zuströmt, bleibt Monrad unbeweglich wie eine Holzfigur stehen; erstarrt in Angst und unbegreiflichem Verlangen.

„Komm jetzt“, sagt Hjördis. „Du mußt dir auch Salbe auf deine Wange schmieren lassen.“

Und da Monrad nur immer noch gegen die Mauer lehnt und den Kopf schüttelt, reißt sie mit ihren kleinen spitzen Zähnen die Tücher von ihren Händen. Die Tücher flattern zu Boden, und Hjördis tritt sie in die schmutzige Erde hinein. Und sie greift in ihr Haar und nestelt die blaue Seidenschlaufe los. Sie steckt die blaue Seidenschlaufe Monrad mit einer flinken Bewegung unter die Weste. Jetzt aber weicht mit einem Male alle Kälte aus Monrads Herzen. Es beginnt in seiner Brust zu hämmern und zu brennen. Seine Brust ist jetzt angefüllt mit rotglühendem Eisen und brutzelt wie ein Topf kochender Grütze.

In diesem Augenblick tritt Lehrer Klagg auf die Steintreppe und klatscht in die Hände. Dann beginnt wieder die Schule. Und dann wird Hjördis’ unbegreifliches Herz wieder ruhig, und das strahlende Feuer in ihren Augen erlischt.

Hjördis sitzt da und schaut den alten Lehrer an und sagt plötzlich mit ihrer weichen, schwebenden Stimme: „Das mit dem Zahn war nur Schwindel … Monrad ist auch in eine Bergdistel gefallen. Er fiel mit dem Gesicht darein. Man muß auch ihm Salbe aufstreichen.“

So setzt dieses Mädchen schließlich wieder seinen Willen durch.

An diesem Tage gibt es verschiedenes zu besprechen in den paar grauen Häusern von Tyremoen. Sollte denn das gar nichts zu bedeuten haben, daß Finns Tochter und der Häuslerbub zu gleicher Zeit auf so seltsame Weise an Hand und Wange erkrankten? Kein Mensch wollte doch an die Bergdistel glauben. Keiner wußte, was es in Wirklichkeit zu bedeuten hatte: Es mußte in jedem Falle etwas Schlimmes sein.

Und dann die Fiedel! Wie konnte denn dieser Bursche im Größenwahn nur darauf verfallen? Eine Fiedel? Hoho — dieses Platzmannsvolk wollte sich schon gar zu groß und zu breit machen. Die Kinder hatten ganz recht, wenn sie über des alten Lehrers törichte Worte lachten.

Die Alten lachten auch darüber. Die Alten sagen: „Das ist, hol’s der Teufel, aufgelegter Humbug in alle Ewigkeit hinein. Und es ist zudem auch noch sündig, so zu reden. So etwas Verrücktes! Nur der Mensch hat eine Seele; denn er allein ist von allen anderen Dingen Gott ähnlich …“

Aber sonst, meinen die Alten, sei der Lehrer Klagg ein herzensguter Mann, ein Kernmensch in allen Teilen. Und sie mögen ihn jetzt nur noch besser leiden, weil er ihnen endlich auch eine schwache Stelle offenbarte.

Der Lehrer Klagg, dieser Schwärmer und Kernmensch schmiert nicht nur dem Häuslerbub die gute Salbe auf die Wange, er wandert auch am selben Abend schon hinauf in die Kätnerhütte und gibt sich noch lange nicht mit seinem kuriosen Gerede und versetzt auch die stille Witwe Karen in Aufregung. Ja, und gleich fängt er, weiß Gott, schon selber zu feilen und zu schaben an, und hilft nach Kräften mit beim Bau dieser sündigen Fiedel.

Der Lehrer Klagg geht persönlich zum Hofbauer Finn und bittet um die Leimpfanne. Rein verrückt wie er ist. Der Lehrer geht noch einmal in Finns Haus zurück und holt den zweiten Bogen aus seinem schwarzen Geigenkasten. Und er holt vier neue Saiten. Und auf diese Art und Weise mußte es natürlich schon gehen. Es geht jetzt sozusagen im Sturm.

Auf einmal erklingt in der Kätnerhütte der erste Ton. Karen, die Witwe, hat hiermit Grund und Ursache genug, zu staunen und die Hände über ihrem Kopfe zusammenzuschlagen. Sie muß nun zwischen Stolz, Freude und Schreck laut herausrufen: „Nein, aber Lehrer Klagg! Wo denken Sie nur hin? … Nein, nein — dieses ist viel zuviel … Was tun Sie? Und was soll denn der Bub mit einem solchen Spielinstrument? Nein — Gott segne Sie für Ihr gutes Herz …“

Oh, diese Karen ist so aufgerüttelt in ihrer einfältigen Seele und vollständig wirr im Kopfe. Sie mengt alle Worte und Gefühle hoffnungslos durcheinander und weiß gar nicht, wie sie ihre Dankbarkeit und Unterwürfigkeit bekunden soll.

Eigentlich ist alles, was Karen sagt, doch nur leeres Geschwätz, auf das in dieser Stube niemand hört. Denn es sitzt nun der alte Lehrer auf dem Bett, und Monrad legt seine Fiedel unters Kinn. Monrad streicht mit dem Bogen zum ersten Male über die Saiten. Hier steht Monrad und spielt. Er spielt und läßt seine Knabenseele erklingen.

Er hat nicht die Augen geschlossen. Er hält die Augen so weit offen, als starre er in eine tiefe Nachtfinsternis. Er muß wohl einen Himmel mit vielen großen Sternen sehen …

Weil Karen mit ihrem Gerede nicht Ruhe geben will, hebt der Lehrer die Hand und winkt und gebietet ihr, zu schweigen.

„Schau doch nur sein Gesicht an, gute Mutter Karen! Schau dir doch nur diese Augen an! — Seine Seele ist fern …“ flüstert der Lehrer Klagg.

Darin mag der alte komische Mann recht haben.

Monrad beugt den Kopf vor, sein Körper schwankt und flattert leise wie ein Baum im Sturmwind. Über ihm liegt etwas Fremdes und Fernes, etwas so völlig Neues und Unbegreifliches, daß Karen erschrickt und ängstlich die Stube verläßt.

Es sind ja ganz gewiß verwunderliche Töne, die hier erklingen unter unkundigen Fingern. Das gleicht einem wilden Wirbel von Lauten, der brausend aus tiefer Quelle aufklingt. Monrad, der Knabe, wühlt entrückt in Geräuschen. Es ist ein Sturzbach von Stimmen, ein wirres Toben, ein Orkan.

Auch den Lehrer packt ob solchem Ausbruch Bestürzung und eine seltsame Bangigkeit. Er starrt verwirrt auf dieses Häuslerkind, das da von einer unerhörten Gewalt erfaßt worden und nun in gott- und weltvergessener Einsamkeit steht. Monrad gibt sich dem Wunder völlig hin, wie nur ein Kind sich hingeben kann.

Der Lehrer hat nun wohl begriffen, daß hier etwas Ungewöhnliches geschieht.

Der Lehrer mag sich das eigentlich anders und ungefähr so vorgestellt haben, daß er diesem Knaben das Instrument erklären wird, wie es ihm einmal erklärt wurde, daß er ihm die ersten Griffe zeigen wird, wie man sie ihm gezeigt hat. Aber nein, hier gibt es zu dieser Stunde durchaus nichts zu unterrichten. Der Lehrer verliert sogleich jede Führung und Überlegenheit vor der Naturgewalt, die da vor seinen Augen so ungestüm losbricht. Diesen Sturm muß er vorüberbrausen lassen. Zögernd verläßt auch der Lehrer Klagg die Stube.

Der Lehrer geht über die Wiese zum Strande hinunter, die Hände auf dem Rücken und den Kopf schwer von Unbegreiflichkeit und ernsten Gedanken.

Monrad spielt indessen.

Karen kommt wieder zurück und macht Feuer im Ofen. In irgendeiner Weise glaubt sie, es sei Festtag, und sie kocht Wasser und mahlt wahrhaftig ein paar Kaffeebohnen. Monrad spielt weiter.

Der Himmel verliert allmählich seine Farbe. Am Fenster steht schon die weiße Frühlingsnacht. Monrad spielt immer noch. Karen muß ihm in den Arm fallen.

„Aber jetzt, Bub!“ ruft Karen. „Gott bewahre meine arme Seele — hör endlich auf!“

Ja, Karen muß ihm Geige und Bogen aus der Hand nehmen. Sie muß ihn auf den Schemel hinter dem Tische niederdrücken. Sie muß ihm immer wieder zurufen: „Iß, Bub! So iß doch — sieh, ich habe Kaffee gekocht. Und ich habe Waffeln gebacken … Du bist ja völlig krank — nein, Gott tröste mich!“

Unter all diesem Gerufe und halbem Schelten kommt Monrad wieder zu sich selber zurück und greift mit erstauntem Lächeln und seufzend nach der Tasse. Ganz gewiß kehrt er von weither zurück. Er wird allmählich wieder zum stillen, blassen Häuslerbuben auf Tyremoen.

Ein naturgenie

Am folgenden Morgen geht Monrad in die Schule wie alle Tage, und es ist kein Unterschied zwischen ihm und den andern Kindern, höchstens daß sein Kittel vielleicht ein wenig älter und mehr geflickt ist. Der Lehrer Klagg macht aber immer noch großes Wesen mit dem elenden Häuslerbub. Das hätte der gute alte Mann durchaus nicht tun sollen; denn es gereichte allen beiden nur zum Schaden.

Die Leute blickten diesen Monrad nun an. Was war eigentlich an ihm? Nichts. Er war nicht klüger, er war wohl auch nicht dümmer als andere. Er war schläfrig und ging herum und träumte mit offenen Augen …

Jetzt zum Beispiel sitzt er da und starrt übers Meer hinaus; und er erschrickt heftig, wenn der Lehrer Klagg ihn anruft. Was soll vielleicht Großes dabei sein?

„Wo hast du deine Gedanken, Knabe?“ muß nun der Lehrer Klagg schon wieder in einfältiger Neugier fragen. „Wo warst du eben?“

„Ich?“ fragt Monrad verwundert und schämt sich.

Alles rein zum Lachen. Es ist nichts Besonderes an ihm. Nur diese Fiedel …

Die Leute von Tyremoen wundern sich immer mehr über den Lehrer und ärgern sich immer mehr über den Häuslerbub.

Eine Fiedel? Haha, Was weiter? Ein paar Brettlein, ein paar Späne, ein paar Drähte darüber — hol’s der Teufel! Ist denn das vielleicht schon ein Grund, die Hände auf den Rücken zu legen und in tiefen Gedanken am Meeresstrande hin und her zu laufen?

„Daß mir altem, unwürdigem Manne solches beschieden sein sollte!“ sagte der Lehrer in seiner unverbesserlichen Schwärmerei. Und er macht hundert Schritte, hebt den Kopf und ruft: „Wie bleibt doch das Leben unbegreiflich und wunderbar!“ Und er macht abermals hundert Schritte und fragt: „War denn der Fischer Thorgeir eine Künstlernatur? Der Fischer Thorgeir? Er hat in seinem Leben keine Saite berührt … Oder ist vielleicht Karen, die stille Witwe, heimlicherweise gottbegnadet? Ach, diese niedrige Frau! … Der Knabe aber ist ein Naturgenie!“ ruft der Lehrer laut.

Das alles sagt und fragt und ruft Lehrer Klagg. Es sind erst wenige Tage verstrichen. Monrad lernte die ersten Griffe … Er lernte sie auf eine ganz besondere Weise.

„Alles das, was wir anderen in jahrelanger Geduld erkämpfen müssen, das wird diesem Knaben geschenkt! Es ist ihm alles mitgegeben. Es liegt schon in ihm …“

Ach, der alte Lehrer fällt schon fast auseinander vor Unbegreiflichkeit.

Ove Höigaard geht in seinen kolossalen Seestiefeln herum und spuckt verächtlich braunen Tabaksaft aus. „Eine Fiedel?“ fragt auch er. Er fragt die Prinzessin. „Du kannst dich darauf verlassen, noch vor Weihnachten wird derjenige, der hier leiblich vor dir steht, auch eine Fiedel besitzen. Er wird sich — beim Hunde — eine Fiedel in schwarzem Kasten mit Handgriff und Schloß und Schlüssel und allem kaufen! Und dazu wird er gleich drei Bogen kaufen und soviel Saiten, als du nur an allen deinen Fingern zählen kannst …“

Ja, und das ist also Ove.

„Aber“, wendet Hjördis ein, „damit ist dann noch lange nicht abgemacht, daß du auch darauf spielen kannst …“

„Ho — spielen? Hol mich der Teufel, Menschenskind! Warum und weshalb, frage ich, sollte derjenige, der sich eine echte, teuere und lackierte Fiedel mit zehn Strängen kaufen kann, nicht ebenso gut darauf spielen können wie ein erbärmlicher Häuslerknabe?“

Hjördis ist immer noch zurückhaltend und läßt sich nicht mit ein paar Worten überzeugen. Sie schweigt und betrachtet den Himmel hinter Ove.

„Glaubst du es vielleicht noch nicht?“ fragt Ove über eine hohe Schulter und mit unübertrefflicher Selbstsicherheit.

Ein Mann wie dieser Ove achtet die Welt nicht länger … Er lag zur stürmischen Winterzeit im offenen Boot draußen, tat Männerarbeit und führte sich in jeder Beziehung wie ein ganzer Kerl auf. Er verdiente Geld. Er wird von seiner Mutter Ranveig bewundert und von seinem alten Vater Olaj schon in allen Teilen um Rat und Auskunft gefragt. — Ove regiert auf Höigaard.

Jedoch hier auf dieser Wiese redet er mit Hjördis, Finns Tochter, die eine verzauberte Prinzessin ist, und die vor Oves Größe und Macht noch lange nicht in die Knie sinken will. Es bietet sich ihr hier eine prächtige Gelegenheit zu einem lustigen, unschuldigen Spielchen … eine feine Gelegenheit, ihre Macht und Kunst zu probieren.

„Wozu polterst du da noch immer in deinen großen Stiefeln herum, du, Ove, und prahlst fürchterlich mit deinem Reichtum? — Was sollte dieses alles wohl bedeuten gegen ein Naturgenie, dem eine ganze Welt zujubelt …“

Hoho! — Da wird Ove aber noch breiter in der Brust vor männlichem Stolz. Es ärgert ihn nicht wenig, daß seine Überlegenheit ausgerechnet an dieser Stelle der Erde nicht bemerkt werden soll.

„Gott tröste dich, Mädchen!“ ruft er. „Was für idiotisches Geschwätz! Was willst denn du von der ganzen Welt wissen? Überhaupt, was für etwas? Was soll denn ein Naturgenie sein?“

Ove ist ein hitziger Bursche, ohne jegliche Achtung vor Größe, und selbst in Damengesellschaft noch unmanierlich. Und da er nun in die vergnügten Spottaugen des Mädchens Hjördis blicken muß, schäumt sein heißes Blut über ihm zusammen. Er spuckt krachend auf die Wiese.

„Tvii! — sei so gut, mein süßes Kind! Dort liegt dein Naturgenie in ganzer Lebensgröße …“

Und hiermit wendet sich Ove um. Und hiermit geht er.

Ove geht auf dem schmalen Fußpfad seinem Elternhause zu, er geht dorthin, wo er etwas gilt, wo er der Herr ist und das Regiment führt. Er wendet Hjördis seinen breiten Rücken zu und ist im Ernst beleidigt und schaut nicht mehr zurück.

Das Mädchen Hjördis kann sich hingegen nicht halten und muß ihm noch nachrufen: „Du solltest dich bloß schämen, Ove! Du bist nichts als ein richtiger Spucknapf und dazu noch ein großschnäuziger Grobian. So wie du hätte Monrad sich niemals aufgeführt.“

Hiermit geht auch Hjördis und ist recht vergnügt und befriedigt von ihrem Spielchen.

Ottny jedoch wird rasend von allen diesen Begebenheiten. Und wenn sich schließlich zum Üblen noch Schlimmes hinzufügt, kann der Fall eintreten, daß Ottny ihre Nasenlöcher aufsperrt. Und es ist vielleicht doch keine Lüge, daß daraus dann Schwefelgeruch aufsteigt, wie der Hofbauer Finn es gelegentlich behauptet. Der Hofbauer verpfändet seine Seele für die Richtigkeit.

Hört, es beginnt Ottny gewaltig mit dem Kochlöffel zu trommeln und verdächtig zu schnaufen …

Nur ein altes gatter

Warum aber mußte das tückische Schicksal denn ausgerechnet in diesen Tagen, an denen einer Fiedel wegen am Strande von Tyremoen alles aus dem rechten Kurs geraten will — warum mußte es den Hofbauer an das obere Gatter neben der Kätnerhütte führen?

Hätte man sich hierüber bei Finn selber erkundigt, so hätte man wahrscheinlich vernehmen können, daß ein Hofbauer sich leider um mancherlei zu kümmern hat, und sich bei weitem nicht nur mit den Wolken am Himmel und den verschiedenen Andeutungen und Aspekten im Kalender begnügen kann. Und da wäre also dieses Gatter. Das ist mit den Jahren wirklich schadhaft geworden. Wenn das Gatter nicht mehr schließt, merken es die Schafe bald, dann schleichen sie sich aus dem Walde heraus, um Finns Haferacker, der in diesem Frühjahr — Gott sei Preis und Ehre! — ganz besonders dunkelgrün steht, abzufressen und großen Schaden zu stiften.

Fern aller Sünde sind Finns Gedanken, als er sich des mangelhaften Gatters erinnert. Oder sollte das vielleicht schon ein Verbrechen und unsittlich sein, wenn Karen, die Witwe, mit dem Wassereimer aus ihrer Hütte tritt?

Karen kann ja gar nicht anders, sie muß auf alle Fälle am Bauer vorbei, wenn sie hinunter zum Elv will.

Ottny hingegen in ihrer Stube betrachtet dieses Vorkommnis mit anderen Augen. Sie betrachtet es vollkommen vom eigenen Standpunkt aus. Darum rasselt sie vor Empörung mit ihrem Brustkasten, stößt zugleich mit dem giftigen Atem die unglaublichsten Seufzer aus und ruft mit lauter Stimme alle bösen Geister zum Beistand herbei.

Wahrscheinlich sagt in diesem Augenblicke dort oben die Witwe: „Gesegnet sei deine Arbeit, du, Finn! … Ja, dieses Gatter wurde mit der Zeit wahrlich baufällig.“

Damit geht sie auch schon vorbei.

Nein, bewahre! Karen blieb nicht stehen — das können die weißen Wolken am Himmel und das können alle Blumen auf der Wiese bezeugen. Karen? Ihr Fuß zögerte nicht. Sie schaute nicht länger zum Hofbauer hin als unbedingt nötig gewesen, ihm diese paar unschuldigen Worte zu sagen.

Der Bauer Finn seinerseits muß darauf nun erwidern: „Dieses Gatter! — Es hat mich schon manches sündige Mal geärgert, sollst du wissen! Den ganzen Winter lang ging ich herum und dachte bei mir selber, ein neues zu arbeiten. Aber ich hatte doch, beim Hunde, keine Zeit, siehst du …“

Indessen hat ja die Witwe schon mehrere Schritte gemacht. Aber sie muß nun doch ein wenig stehenbleiben; und sie antwortet nach rückwärts und sicherlich nur aus reiner Höflichkeit: „Oh — ja du! Einem Manne wie dir, Finn, mag sowohl bei Tag wie bei Nacht manches durch den Kopf gehen.“

Jawohl! Dieses ist eine untertänige, schöne Sprache von einer Witwe einem Hofbauern gegenüber. Und somit wäre also das Gatter schon wieder vollständig in Ordnung. Der Bauer Finn hat zurzeit in dieser Gegend nichts mehr zu tun und kann sich anderen Dingen zuwenden.

Er stapft hinter der Witwe Karen her, und — Gott helfe ihm! — vor lauter Stolz und Selbstgefälligkeit muß er ihr noch eine weitere Mitteilung machen: „Ich sollte nun bald Mannschaft haben! Monrad kann nächste Woche einmal mit mir nach Fagarö rudern. Es ist nämlich so, daß ich mich schließlich doch noch entschlossen habe, eine von diesen neumodischen Maschinen anzuschaffen — und vorläufig soll es nur eine Mähmaschine sein … Jawohl. Und wir müssen natürlicherweise das große Boot nehmen …“

Ach, das stimmt vielleicht nicht so ganz genau. Bauer Finn hat die Mähmaschine in Wahrheit noch gar nicht bestellt. Der Handelsmann Laurentzen machte beim letzten Kirchgang nur so ein paar Bemerkungen darüber. Jedoch Karen wird von dieser strahlenden Neuigkeit völlig übermannt.

„Oh, du, Finn — du, Finn!“ ruft sie. „Wie du nur auf alle diese großen Ideen und Einfälle kommst! Und, Finn, für wie ungeheuer Vieles du stets die Geldmittel hast.“

„Nun?“ entgegnete Finn, „soll denn das Pferd den ganzen Sommer über nur so in der Wildmark herumlaufen und wiehern und die Mähne schütteln und sich einen runden Bauch anfressen, während wir armen, geplagten Menschen rackern und schuften?“

„Ja, darin hast du wieder vollkommen recht“, nickt Karen.

Da man unter solchen Redensarten in die Nähe des Hauses gelangte, beschleunigt die Witwe ihre Schritte, zieht ein wenig den Kopf zwischen die Schultern und schaut scharf auf den Weg, damit sie an keinen Stein stößt.

Und Finn, dieses große gutmütige Kind mit dem Vollbart, hat solcherart wieder ein paar frohe Minuten erlebt. Wie oft schon hat doch diese blasse Witwe den mächtigen Mann von Tyremoen mit ein paar guten, bewundernden Worten getröstet und sein Gemüt leicht und hoffnungsvoll gemacht.

Kann das nun alles miteinander frevelhaftes Gelüste oder verbotene Frucht oder Ehebrecherei genannt werden?

Hört jetzt nur Ottny an! Die faucht wie ein Feuerberg, die schießt in ihrer Stube herum wie eine Rakete. Sollte es nur noch ein klein wenig so weitergehen, muß sie völlig platzen und in die Luft fliegen.

Wenn der Bauer Finn ahnungslos und mit Engeln im Herzen eintritt und in weichem Tone fragt: „Hast du, Frau, wohl mein Dolchmesser irgendwo gesehen? Ich war dort oben am alten Gatter, da merkte ich, daß ich das Messer nicht mehr bei mir hatte …“

Hier kann Ottny sogleich aufwarten: „Das Messer? — Daß du das überhaupt noch merken konntest, du alter Narr und Ziegenbock.“ Hei, so brennt Ottny los. „Dein Messer? Du wirst es vor lauter Aufregung und Abgötterei verschluckt haben …“

„Aber, gute Frau …“ stottert der Hofbauer.

„Halt nur gleich dein Schandmaul und schweige still!“ schreit Ottny.

„Was ist denn nur geschehen? Und wo willst du denn jetzt so augenblicklich hinfahren?“

Ottny schwingt schon den Wassereimer in der Hand. Aber sie wendet sich noch einmal zurück: „Glaubst du vielleicht, ich hätte keine Augen im Kopfe?“ fragt sie. „Jetzt will ich zum Elv hinunter …“

Fort ist Ottny.

„Das war aber doch des Teufels!“ sagt der Hofbauer fassungslos zu sich selber. „Ist dir vielleicht schon so etwas begegnet?“

Ottny ist fort. Und wenn Karen, die Witwe, zu jeder Stunde des Tages nach Belieben Wasser am Elv holen darf, warum sollte da die Bäuerin Ottny nicht auch hin und wieder etwas Wasser aus dem Elv schöpfen dürfen? Hier trifft es sich allerdings so, daß dort unten schon Jenny, die gesegnete Kindermutter, mit ihrem Eimer steht.

„Ich gratuliere zu deinem neuen Kopftuch“, sagt Jenny mit ihrer überlauten Krähenstimme. Sie meint es wahrhaftig nicht böse. „Dieses ist, bessere mich, ein großartiges Tuch“, fügt sie hinzu. „Es glänzt wie Seide.“

„Oh — weit entfernt!“ entgegnet Karen mit einem verlegenen Lächeln. „Es ist ja auch gar nicht mehr neu. Ich habe es nur nicht mehr tragen wollen, weil es das letzte Geschenk Thorgeirs war.“

Dann kommt also Ottny herangebraust. Karen füllt schnell ihren Eimer und geht. Aber sie geht doch nicht schnell genug, als daß Ottny sie nicht hätte fragen können: „Dir muß also schon wieder Feuer ins Blut geschossen sein, daß du dich so mit allen Farben und Federn schmückst.“

Karen gibt darauf natürlich gar keine Antwort; sie schleppt schwer an ihrem Eimer und muß jetzt noch mehr als zuvor auf ihren Weg achten.

„Ahach — dieses alte Weibermensch!“ seufzt Ottny laut. „Paß nur gut auf, du, Jenny, und hüte deinen Jon. Denn Karen ist rein unmöglich zu solchen Zeiten. Wie sie hinter dem Mannsvolk her ist — nein, das kann man gar nicht sagen …“

„Ist sie das wirklich, Liebe?“ lacht Jenny. „Ja, Gott verzeihe ihr! Meinen Jon mag sie immerhin anschauen — hihihi! Karen? Nein, aber was denkst du nur, meine Liebe?“

„So? Als ob ich es nicht mit diesen meinen beiden leiblichen Augen gesehen häte — wie sie aus ihrer Hütte kroch und sich an Finn heranschlich … mit blutiger Fleischeslust und Verführung …“

Jenny stellt ihren Eimer wieder ins Gras und setzt sich auf einen Stein.

„Du himmlische Güte und Dreifaltigkeit!“ ruft Jenny.

Man lebt natürlich einsam genug an diesem Strande von Tyremoen, und ein unschuldiger Schwatz erquickt das Herz und erfrischt die Seele.

Dort nähert sich auch schon Ranveig von Höigaard, den Eimer am Arm. Sie hat gewittert, daß sich irgendeine Sache begeben will. Aber als die fleißige Frau, die sie stets ist, nähert sie sich strickend. Die stählernen Nadeln klirren und schießen scharfe Blitze in den blauen Morgen. Auch Ranveig setzt sich auf einen Stein. Alsdann wird die Witwe ein wenig gewaschen und gekämmt.

Das geht so lange, bis Ranveig auffährt und sich ihrer Pflichten erinnert. „Tröste mich! Jetzt muß ich aber heim und meinen Mannsleuten das Essen richten.“

Dann will Ranveig ihren Eimer füllen. Doch Ottny schiebt sie hastig zur Seite.

„Warte ein Weilchen — ich will zuerst die Steine waschen.“

„Was willst du?“ lacht Jenny schon wieder aufs neue. „Hihi … Nein, aber liebe Ottny, jetzt übertreibst du!“

„Kann man denn nur wissen, welcher Art Seuche und Pestilenz diese Menschen mit sich herumführen? Ich will nichts gesagt haben — aber ich frage: erinnert ihr euch noch an den großen Dorsch, den Thorgeir kurz vor seinem Tode gefangen hat? Hatte der nicht auch solche rotbraunen Flecke auf der Haut?“

Ottny wäscht die Steine, auf die sich Karen gestützt. Hierauf schöpfen die Weiber ihre Eimer voll und machen sich in Frieden auf zu ihren Kochöfen.

Jenny und Ranveig haben denselben Weg und gehen nebeneinander her. Und Jenny sagt: „Ich glaube von dem allem kein einziges Wort. Aber ich glaube, diese Ottny muß von einem schlimmen Teufel besessen sein. — Und Finn, diese Windtüte! Finn und Fleischeslust — hast du vielleicht schon so etwas Tolles vernommen — hihihi!“

Ranveig trägt in einer Hand den Eimer, in der anderen den Strickstrumpf und entgegnet ernst und düster aus ihrem frommen Gemüte heraus: „Vieles ist möglich in dieser verderbten Welt. Nur im Himmel oben wohnt die wahre Seligkeit.“

Über einen solchen Spruch macht Jenny sich in ihrem tapferen Sinn keine unnötigen Gedanken.

Sie bleibt stehen. „Was ich sagen wollte — es steht bei euch im Graben bei der Mauer eine Menge Weiberrocken; es sollte wohl nicht verboten sein, wenn ich ein wenig pflückte, zu Tee?“

„So, zu Tee? — Der Herr bewahre uns vor Krankheit! Den Weiberrocken dachte ich aber für mich selber zu haben …“

Nun ist Ranveig zu Hause.

Friede und Stille liegt über der Natur. Der Elv klatscht an die Steine. Die Sonne scheint, und das Meer strömt nichts als pure Himmelsunschuld aus. In den paar grauen Häusern hat man einiges, worüber man Worte reden kann.

Der Lehrer Klagg verzehrt sein Mahl einsam am großen Tisch in der Nordstube. In der Südstube trägt Ottny für Mann und Tochter das Essen auf. Ihre Nasenlöcher sind jetzt nicht mehr so weit. Der Bauer Finn hingegen fährt sich mit seiner großen, borstigen Hand über Gesicht und Bart und fragt Hjördis: „Wie steht es mit deinen Fellen? Ich habe mich also bestimmt, nächste Woche einmal nach Fagarö zu rudern. Da kannst du mitkommen … Ja, es ist nämlich wegen der Maschine …“

„Wegen welcher Maschine?“ erkundigt sich Ottny sogleich.

„Wegen der Mähmaschine“, sagt Finn in fabelhaftem Gleichmut. Und da hat es jetzt das hitzige Weib Ottny, für alle ihre überflüssigen Redensarten vom Morgen.

„Jetzt glaube ich aber …! Mann, bist du denn ganz von Sinnen?“

Oh, Finn sitzt aber da, in Sicherheit und Größe. Und er hat natürlich schon etwas vernommen von dem, was sich am Elv ereignete. Mit einem listigen Augenblinzeln wendet er sich abermals an seine Tochter: „Wir werden also miteinander die Maschine holen … Wir nehmen das Großboot. Monrad soll auch mit dabeisein.“

„Ich — was sagst du? — Mir wird ganz übel!“ stöhnt Ottny. „Und womit willst du dann diese Maschine bezahlen?“

Hier sitzt nun allerdings der Mann, der in passender Weise zu antworten weiß. „Was das anbetrifft, Weib, so könnte ich mir, wenn es mir im Sinn läge, auch gleich noch eine Rechmaschine dazukaufen“, sagt Finn, immer seiner Tochter pfiffig zublinzelnd, und schaut darauf zum Fenster hinaus.

Die Menschen sind doch nicht so einfach, wie man gemeinhin glaubt. Da sieht man nun Finn, den Hofbauer, in neuem Lichte. Ganz gewiß ist der Geldbeutel in seiner Hosentasche nicht leer. Nein, es werden sich wohl mehrere Scheine darin finden, blaue und gelbe — ja, und vielleicht auch noch ein grüner. Welchen Wohlstand der Bauer aber täglich in seiner Hosentasche mit sich in der weiten Welt herumträgt, das weiß außer dem lieben Gott nur er selber; und er legt darüber keinem Rechenschaft ab.

Und wenn man gleich allem völlig bis auf den Grund kommen möchte, so hängt dieses wohl damit zusammen, daß Finn der erste Mann am Strande von Tyremoen ist und sich unmöglich von einem lausigen Häuslerbub und einer Fiedel in den Hintergrund drängen läßt.

Finn macht es als besonnener reifer Mann natürlich um vieles besser als der verwegene Ove. Er erfindet im richtigen Augenblicke die glorreiche Geschichte mit der Mähmaschine. Damit übertrumpft er sowohl Geige als Naturgenie.

Finn kann sich jetzt im Hochsitz zurücklehnen und mit der Hand über Gesicht und Bart streichen; er kann sogar hochfahrend und kurz angebunden gegen die himmlischen Gewalten und sein hitziges Weib sein und auf dringliche Fragen kaum halbe Antworten geben. Finn besiegt mit seiner Maschine auch Ottny und bringt sie auf andere Gedanken.

Während im Hause Finns von Fortschritt und Aufstieg die Rede ist, wird auf Sörbö unter unglaublichem Lärm die Grütze verzehrt. Der einzige, der hier schweigt, ist Jon, der Vater und Versorger, ein Mann, der mit trauriger Miene seinen Hornlöffel betrachtet und unentwegt von düstersten Vorahnungen erfüllt bleibt.

Was dem grauen Jon immerfort unmöglich erscheint, nämlich seine unmäßig vielen Kinder zu ernähren, das macht Jenny mit Gelächter und Spektakel ab. Alle die Kinder sind darüber zwar grau und mager, genau wie der Vater, geworden und klein von Wuchs geblieben, aber dabei von unerhörter Lebendigkeit.

Man kann auf Sörbö ganz gewiß nicht an eine Mähmaschine denken, man hält sich hier genau ans Bibelwort, verzehrt, Schweiß im Angesicht, die Hafergrütze und sorgt nicht für den morgigen Tag. Und bis dahin hat noch ein jeder Tag immer das Seine gebracht.

Zu allem Überflusse liegen jetzt auch noch ein paar Säcke Wolle auf dem Dachboden, Winterwolle, feinste Lammwolle. Jon ist trotz seiner düsteren Weltanschauung ein tüchtiger Mann und ein Bauer durch und durch. Er gräbt im Moor und leitet immerzu das Grundwasser ab, und er schleppt Steine und rodet Erdreich. Er rodet in zäher, langsamer und mühseliger Arbeit und mit verbissenem Trotz jedes Jahr ein Stück Land — o ein lächerliches Stücklein Land! Aber Jon gibt nicht nach; ebensowenig wie der Kindersegen nachgibt. Dadurch glückte es ihm, in gewissem Sinne durch seiner Hände Arbeit, bis zu dieser Stunde mit der himmlischen Verfügung einigermaßen Schritt zu halten. Auf diese Weise ist nicht nur die Familie, sondern auch der Hof stetig gewachsen — und Jenny wird sicherlich gewinnen und Siegerin bleiben in diesem Rennen, sie, mit ihrem unverwüstlichen Lebensmute.

O Jenny! Sie hat ganz gewiß eine häßliche Krähstimme und nur noch die zwei allerletzten Zähne im Munde. Sie ist erbärmlich abgenutzt und verbraucht in einem harten, gnadenlosen Leben, jedoch das Lachen sitzt ihr noch ebenso locker im Halse wie zu ihrer Jungmädchenzeit, da sie noch auf Fagarö diente und von einer Zukunft träumte. Wer weiß, ob es nicht das wunderbare Lachen war, das dieses verhutzelte Weibchen bis dahin am Leben erhalten.

Nach dem Essen zieht Jon mit seinen unstillbaren Sorgen und allen seinen Kindern wieder hinaus aufs Moor, um weiter zu graben und Erde zu schaufeln. Jenny aber steigt auf den Dachboden hinauf und zupft aus jedem Sack eine Handvoll Wolle. Jenny weiß doch sehr wohl, daß diese Wolle der Handelsmann Laurentzen haben muß für allerlei Waren, die leider zum Leben notwendig sind, und sie weiß, daß es bei weitem nicht reichen wird. Höchstens so viel wird der harte Kaufmann geben, daß man wieder ein wenig Kaffee und Mehl kaufen kann.

Aber Jenny zupft trotzdem eine Handvoll aus jedem Sack und schnürt sie in ein Bündel. Sie schnürt das Bündel hart zusammen, so daß es nicht größer als notwendig erscheinen soll. Dann hängt sie sich den großen Tragkorb über die spitzen Schultern und nimmt die Sichel zur Hand. So können Jon und seine Kinderschar und der ganze Strand sehen, daß Jenny in den Wald geht, um Gras zu sammeln für die kranke Ziege, die im Stalle meckert.

Jenny steigt die Berghalde hinan und klettert über den Steinwall, mäht da ein wenig und mäht dort ein wenig, und kommt so bis an die Kätnerhütte. Hier wartet sie ein Weilchen, horcht in die Stille der Natur hinaus und faßt dann einen merkwürdigen Gedanken, sie öffnet das Gatter und schlüpft zu Karen in die Stube.

„Gestern ist eine meiner Ziegen lahm geworden in den Beinen“, sagt Jenny. „Nun weiß ich mir keinen anderen Rat, als sie im Stall zu halten. Es ist meine beste Milchziege … Ich sehe, du spinnst dunkles Garn, Karen. Dann muß es wohl die Wolle von Ottnys Schafen sein. Soviel kann ich verstehen. Feines Garn — das soll wohl gewoben werden…

Soweit Karen von dieser Sache unterrichtet ist, ist es zu einem Tuch für den Bauer selber bestimmt. Und so reden die beiden, und es wird ein Gespräch.

Ist Karen vielleicht vernichtet und völlig niedergeschlagen von dem Ereignis am Elv? Sie ist nicht vernichtet. Sie kennt den Lauf des Lebens und ist schon längst weise geworden. Sie ist still geworden. Sie wurde freundlich und duldsam wie ein Hund, der es gelernt hat, die guten und schlimmen Launen der Menschen zu ertragen.

„Mein altes Kopftuch mußte ich doch Monrad geben. Es geht noch immer nicht gut mit seiner Wange. Und ich kann keine Zugluft ertragen.“

Jenny läßt sich auf der Bank nieder. Sie sagt: „Wußte ich es denn nicht selber die ganze Zeit lang. Ottny hat sich sündhaft benommen. Aber einmal wird auch sie vor der himmlischen Obrigkeit erscheinen müssen. Dann kann sie der gerechten Strafe nicht mehr entgehen … Was soll man sagen? So verhielt es sich leider von jeher: die Reichen vergessen ihre Seele und tun unrecht an den Geschöpfen Gottes, nur aus Stolz und Hochmut … Du sollst nicht länger daran denken, du, Karen — bei all deinen Aussichten mit Monrad …“

Hierauf reden sie noch eine Zeitlang; Karen wird dadurch so erleichtert, daß sie aufsteht, um Kaffee zu kochen. Aber Jenny will das nicht. „Nein, durchaus nicht! Ich möchte es lieber auf ein andermal zugute haben … Aber als ich heute nach Hause kam, mußte ich daran denken, daß wir dir noch einigen Lohn schulden — du weißt doch, von der Kartoffelernte her.“

„Ihr schuldet mir keinen Lohn“, entgegnet Karen.

„Das sagst du so! Aber es fiel mir heute wieder ein. Nun ist es bei uns leider knapp mit dem baren Geld. Und ich bringe dir ein wenig Wolle — sei so gut, verschmähe sie nicht.“

„Du schuldest mir doch gar nichts“, sagt Karen abermals.

Wie hilflos sie doch ihre mageren Arme hängen läßt.

„Das sollst du aber nicht behaupten!“ wehrt sich Jenny. „Wenn wir auch nicht gerade Überfluß leiden an irdischen Gütern, so darf man uns doch nicht nachreden, daß wir dir den Lohn schuldig bleiben … Und dort liegt also die Wolle. Und ich habe es auch schon zu Ranveig gesagt, daß alles miteinander eine abscheuliche Lüge sein muß …“

Karen hebt die Hand, und ihre Stimme ist dünn und kläglich. „Nein. Gott segne dich für dieses Wort und alles miteinander! Aber nimm die Wolle wieder mit dir …“

Sie reden noch mehreres und schieben dabei das Wollbündel hin und her und werden alle beide davon warm und glücklich. Das Ende wird natürlich, daß Jenny mit verhaltenem Gelächter zur Stube hinausschlüpft.

Noch unter der Tür murmelt Karen verwirrt: „Nein, Gute, Dank und Ehre! Aber du hättest es nicht tun sollen …“ Hernach betrachtet sie lange das Wollbündel, wägt es in der Hand, legt es wieder hin und schüttelt den Kopf. Dann spinnt sie weiter an ihrem dunklen Wollgarn, das einmal zu Finns Kleid werden soll.

Jenny trägt Waldgras nach Sörbö und füttert die kranke Ziege. Das und alles übrige ist nichts Wunderbares — nichts, worüber man den Kopf schütteln müßte … Ein wenig Regen, ein wenig Sonnenschein zogen über die Märcheninsel hin.

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05 mayıs 2025
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9788711518403
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