Kitabı oku: «KRIEGSKIND Peter Mirandus / Stationen 1942 - 1959»

Yazı tipi:

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Karl-Heinz Garnitz

KRIEGSKIND

Peter Mirandus
Stationen 1942 - 1959

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Umschlagfoto und Kommentar:

Bamberg nach dem Ende des unseligen II. Weltkriegs: Grüner Markt,

Ecke zur Mauthgasse (Martinskirche im Hintergrund). Alles in allem

hatte Bamberg wahnsinniges Glück, dennoch wurde die Stadt bei den

Luftangriffen im letzten Kriegsjahr empfindlich getroffen. Die

annähernd 400 toten Einwohner der Stadt konnten keine Zeitzeugen

mehr sein. Diejenigen, welche überlebten sind heute im Jahr 2021

nicht mehr allzuviele. Doch was Zeit verweht, geht in der Erzählung

weiter und sollte gelesen werden. Motto: Nie wieder Krieg!

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IMPRESSUM

Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin

Text: Copyright 2021 by Karl-Heinz Garnitz

Layout und Satz: Karl-Heinz Garnitz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

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Schreckliche Kriegsjahre für Peter Mirandus

Als Deutschland kapitulierte und der unselige II. Weltkrieg am 8.

Mai 1945 sein Ende fand war Peter gerade mal drei Jahre alt und

er musste sich in der Folgezeit immer wieder an Geschehnisse erin-

nern, welche sich in den letzten Kriegsmonaten als belastende En-

gramme in sein Bewußtsein eingruben. Auf der einen Seite waren

es die eigentlichen Schrecknisse dieser Kriegsjahre, auf der anderen

Seite der quälende Hunger, der für ihn oft zur Plage wurde. Bekam

er etwas zum Essen war es wenig gehaltvoll und so mag es nicht

verwundern, dass er als Kleinkind unter Mangelernährung litt und

mager aussah. Hinzu kam, dass Peter oft gereizt war und panische

Angstzustände hatte, wenn er Sirenen oder Brummgeräusche von

Flugzeugen hörte, denn besonders in den letzten Kriegsmonaten

musste man fast täglich auf Bombenabwürfe von amerikanischen

Flugzeugen gefaßt sein. Die Angst ums eigene Leben ging um und

sie war irgendwie ansteckend. Immer wenn die Alarmsirenen auf-

heulten flüchteten die Mieter des Hauses, in welchem Peter mit

den Seinen lebte, in den Keller des Hauses und erhofften sich dort

unten ein gnädiges Schicksal, wohl wissend, dass der notdürftig

eingerichtete Schutzraum alles andere war als ein sicherer Bunker.

Sollte das Haus von Bomben getroffen werden, musste sekunden-

schnell reagiert werden, um durch bereits aufgebrochenes Mauer-

werk hinüber in die angrenzenden Keller der Nachbarhäuser zu

flüchten. Dies konnte hilfreich sein oder auch nicht, denn im Ernst-

fall benötige man immer wieder verdammt viel Glück um am Leben

zu bleiben. Bezüglich der täglichen Mahlzeiten war es meist so,

dass Peter nur ein dünnes Süpplein mit selbstgemachten Nudeln o-

der eine Zwiebelsuppe mit eingebrockten Brotkrusten erhielt. Mei-

ster Schmalhans war üblicher Küchenmeister, wenn Peter, Mut-

ter Hanna und die Großeltern am Küchentisch saßen und aßen. Der

Vater fehlte, war noch in Russland und Peter kannte ihn nicht. Doch

hoffte die ganze Familie, dass er irgendwann doch noch heimkehren

würde. Heute, als die Familie ihr spärliches Mittagessen nahezu be

endet hatte ertönten wieder einmal die Sirenen, was nur heißen

konnte: „Bringe sich in Sicherheit wer kann!“ Peters Mutter stellte

schleunigst das Geschirr ins Spülbecken, nahm Peter an der Hand

und zusammen mit den Großeltern hasteten sie in den Keller

hinunter. Dort herrschten spartanische Zustände, denn es gab

nur eine lange Sitzbank und einen alten Waschhaustisch auf

dem eine Karbitlampe sowie zwei dickbauchige Kerzen stan-

den. Die Mieter, welche nach und nach im Keller ankamen setz-

ten sich wortlos nieder und es herrschte eine überaus beklem-

mende Stimmung. Peter saß mit seinem Teddy auf dem Schoß

der Mutter, daneben Oma Marga und ihr Mann Karl. Links von

ihnen die Witwe Heurich und die Wohlfarts. Insgesamt hoff-

ten acht Personen am Leben zu bleiben. Als plötzlich entfernte

Explosionsgeräusche zu hören waren bekreuzigte sich Peters

Großmutter, nahm ihren Rosenkranz aus der Brusttasche und

schaute aufmerksam in die Runde. Dann sagte sie zu den Anwe-

senden: „Betet alle laut mit, dann wird uns schon nichts schlim-

meres passieren!“ Von den acht anwesenden Personen, beteten

anfangs nur drei lautstark mit. Dann aber, als das Gedröhne von

fliegenden Bombern näher kam und ein gewaltiger Knall zu

hören war begannen auch jene mitzubeten, welche vordem still

dasaßen. Peters Großmutter als geübte Vorbeterin freute sich

darüber, nahm ihre Stimme etwas zurück, bestimmte aber wei-

terhin das Gebetstempo, sodass all die anderen Beter mithalten

mussten. Plötzlich eine laut hörbare Explosion, vermutlich in

unmittelbarer Nähe, entweder in der Josefstrasse oder am nahen

Bahnhof. Die Stimmen der Betenden verstummten und minu-

tenlang herrschte jene Angst, welche die Kehlen zuschnürt und

sprachlos macht. Alle starrten auf das trostlose Mauerwerk der

Kellerräume, doch es stand festgefügt. Peter begann einige Zeit

lauthals zu weinen und drücke seinen Teddy fester an die Brust.

Dann wieder unheimliche Stille und ein Insichgehen der Anwe-

senden. Wie sich später herausstellte war jener sonnige Don-

nerstag des 22.02.1945 wirklich ein sehr unheilvoller. Zwar

schien die Sonne vom klaren Bamberger Himmel, doch gerade

diese Schönwetterlage war es, welche der Stadt zum Verhäng-

nis wurde. Die unzähligen amerikanischen Flieger hatten beste

Sicht, als sie gezielt den Bahnknotenpunkt Bamberg anflogen

und ihre todbringendes Frachtgut verteilten. Zweihundertsech-

zehn Todesopfer und etliche zerstörte Gebäude waren inner-

städtisch zu beklagen und allein 54 Menschen starben im Stol-

len auf dem Stephansberg. Erst am Nachmittag um 15:16 Uhr,

nach Stunden nervenzehrender Angst, wurde Entwarnung ge-

geben. Große Teile der Innenstadt mit Obstmarkt, Lange-Stra-

ße, Grüner Markt und Keßlerstraße waren bombardiert worden.

Einschläge gab es auch in der Josefstraße nahe der Kaimsgasse,

in der Klosterstraße, Gertraudenstraße, Hainstraße, am Prie-

sterseminar und am Marienplatz. Bomben unterbrachen die

Bahnlinie nach Lichtenfels und fielen im Bereich des Aufseß-

höfleins. Während die Erlöserkirche einen Volltreffer erhielt

und weitgehend zerstört wurde, überlebten die fast 500 Men-

schen die im Kellerbereich Schutz gesucht wie durch ein Wun-

der. Peter, seine Mutter, Oma, Opa und all die anderen Perso-

nen im Kellerraum des Hauses in der Kaimsgasse überlebten

ebenfalls diesen letzten grossen Bombenangriff der Amerika-

ner auf Bamberg. Nach der erfolgten Entwarnung gingen alle

nach oben in ihre Wohnungen und Großmutter Marga meinte:

„Leute, unser Rosenkranzgebet hat beim Herrgott Gehör gefun-

den, ansonsten hätten wir ja wohl nicht überlebt. Deo gratias!“

Jeder, der Peters Großmutter kannte, bewunderte ihren Gebets-

eifer und ihr bedingungsloses Gottvertrauen in Bezug auf die

Allmacht ihres Gottes. Bis hin zu ihrer Todesstunde blieb sie

im Glauben unerschütterlich. Jahre später fand man Oma Mar-

ga an einem frühen Sonntagsmorgen mit dem Rosenkranz in

der Hand. Sie saß auf ihrem Küchenlehnstuhl, war friedlich

entschlafen und ihr Gesicht zeigte ein verklärtes Lächeln. Zu

Lebzeiten bat sie täglich ihren Herrgott mit einem „Vater un-

ser“ um eine gute letzte Stunde. Als Peters Großvater die Tote

im Lehnstuhl sitzend fand, schloß er ihr die Augen und begann

zu weinen. So ist es wohl immer, wenn gute Menschen dahin-

scheiden und nahe Überlebende in Stich lassen müssen. Es gibt

Tränen und seelischen Schmerz. Von den letzten Zerstörungen

sei noch ein erschreckendes Erlebnis berichtet, an dessen Aus-

wirkungen sich Peter immer wieder schmerzlich erinnern

musste. Nach der Sprengung eines Munitionszuges im Bereich

des Bamberger Bahnhofs erzeugte eine gewaltige Explosion

eine überaus heftige Druckwelle, sodass in der nahe gelegenen

Wohnung in welcher Peter lebte die Fensterscheiben zerbar-

sten und Glasscherben, sowie aus der Verankerung gerissene

Fensterkreuze in die Wohnräume hineingeschleudert wurden.

Das aus Peddingrohr geflochtene Schlafbettchen mit gewölb-

ter Dachabdeckung in welchem Peter lag, das wurde von ei-

nem heraugerissenen Stück Fensterkreuz getroffen, welches

dank des Schutzdaches aus Peddingrohr quer über dem Bett

liegenblieb und den Kleinen vor schlimmen körperlichen Ver-

letzungen schützte. Doch der Explosionsschock war für den

knapp drei Jahre alten Peter ein gewaltiger und erschütterte den

gesamten Körper des Kleinen über alle Maßen. Großvater Karl

erlitt zwar leichte Verletzungen, doch grenzte es an ein großes

Wunder, dass ihm nicht mehr passierte. Jedoch für den kleinen

Peter blieb dieses Schreckerlebnis irgendwie bestehen, denn

es hatte sich tief in sein Unterbewußtsein eingeprägt.

Zerstörungen, Verletzungen, Ängste, Not und Tod brachte die-

se teuflische Kriegszeit eben überall hin in Europa und vielen

Beobachtern erschien nach Beendigung dieses unseligen II.

Weltkrieges das Ende der gesamten westlichen Zivilisation ge-

kommen zu sein. Die circa 50 Millionen Kriegstoten sowie die

Auflösung all der nötigen Existenzbedingungen sprachen eine

recht deutliche Sprache. Und nicht zu vergessen, nach dem of-

fiziellen Ende des deutschen Unrechtregimes herrschten nicht

nur hier in Deutschland, sondern auch im übrigen Europa noch

längere Zeit Hunger, Not und Verzweiflung in ungekanntem

Ausmaß, von Frankreich bis in die Ukraine hinein und von

Norwegen bis nach Griechenland hinunter. Die Stadt Warschau

war praktisch vollkommen zerstört und total unbewohnbar.

Nach Kriegsende waren es europaweit erbärmlichste Lebens-

bedingungen, worunter wohl die Kinder und die Alten am meis-

ten litten. Wie es wohl weiterging, speziell mit unserem Haupt-

protagonisten Peter und dessen Familie? Der geschätzte Leser

wird es in den nun folgenden Kapiteln erfahren.

Der II. Weltkrieg ist aus - Not und Elend bleiben

Heute im Jahr 2021 sind immerhin noch einige Millionen Deut-

sche am Leben, die wie Peter Miandus zwischen 1942 und 1945

auf die Welt kamen. Kriegskinder kann man sie nennen, geboren

und herangewachsen in Hitlers Deutschland während der heftigen

letzten Kriegsjahre. Sie waren Opfer ohne irgendeine Schuld da-

ran zu haben. Kriegs- und Nachkriegserlebnisse haben zum Teil

ihre Lebensgeschichten geprägt. Viele von ihnen sind bereits ver-

storben und haben ihre kriegstraumatischen Erlebnisse mit ins

Grab genommen. Jene anderen aber, welche noch leben, sie sind

meist gesundheitlich angeschlagen, leiden zum Teil immer noch

unter schmerzlichen Kriegserinnerungen oder haben noch nicht

ihre Traumata aus längst vergangenen Kriegstagen verarbeitet.

Denn auch im hohen Alter können sich bei den heute über 77 bis

85ig Jährigen ganz plötzlich noch negative Folgeerscheinungen

aus Kriegs- und Nachkriegstagen als belastend erweisen. Wenn

wir das insgesamt große Trauma des II. Weltkrieges verstehen

wollen, das aus vielen Bildern von Elend und Hoffnungslosigkeit

spricht, so müssen wir eben bei den konkreten Erlebnissen der

betroffenen Menschen ansetzen, die in jene Zeiten hineingebo-

ren wurden. Einer von ihnen war unser Protagonist Peter Miran-

dus. Immer wieder erinnerte er sich, wenn Stunden des Betrach-

tens anstanden an die Schrecknisse des letzten Kriegsjahres und

im weiteren Verlauf an all jene Halluzinationen und Notsituatio-

nen, welche sein Leben nach dem Ende des unseligen II. Welt-

krieges belasteten. Peter war ein hochgewachsenes, unterernähr-

tes und sensibles Kind, welches wohl nur deswegen überlebte,

weil in den Jahren 1946 und 47 die fürsorgliche und couragierte

Großmutter des öfteren mit der Scheßlitzer Bummelbahn von

Bamberg aus aufs Land hinausfuhr. Bei Bauern erbettelte sie

Überlebensnotwendiges oder erwarb es mit Tauschware. Wenn

sie Geld bezahlen sollte, feilschte sie so lange, bis ihr der Preis

passte. Stets hatte sie Erfolg auf ihren Hamsterfahrten. Vielleicht

auch deswegen, weil sie selbst ein Landkind war und die bäuer-

liche Sprache gut beherrschte. Immer, wenn sie wieder nach Hau-

se kam, hatte sie im gefüllten Ranzen Eier, etwas Butter, Speck,

Schwarzbrot oder Kartoffeln. Peter profitierte von all diesen

Lebensmitteln am meisten. Nicht nur, weil er als abgemagertes

Kind bessere Ernährung nötig hatte, sondern auch weil er Omas

frommer Liebling war und stets mit ihr zusammen die Andach-

ten und Messfeiern in der nahe gelegenen Gangolfskirche be-

suchte. Alles in allem war der Anfang der Friedenszeit für Peter

in mancherlei Hinsicht etwas besser, als die drei Jahre während

des Krieges. Doch insgesamt gesehen war Deutschland zu Be-

ginn der Nachkriegszeit ein Land der "Stunde Null" und in all

den kriegszerstörten Ruinenlandschaften mangelte es an Was-

ser, Strom, Lebensmitteln, Medikamenten, Wohnraum, Klei-

dung, Heizmaterial und Arbeit. Viele der Heimatvertriebenen

mussten jahrelang in Auffanglagern oder Baracken leben, denn

lebenswürdiger Wohn- und Lebensraum musste erst wieder

neu geschaffen werden. Die Vertriebenen traf neben den Stra-

pazen der Flucht und dem Verlust der Heimat auch das Los des

sozialen Abstiegs. Sie mussten meist mit leeren Händen den

Neuanfang versuchen. Haus, Hof, Hab und Gut blieben zurück.

Peter und seine Familie konnten zum Glück in ihrer Heimat

bleiben, hatten noch ein Dach über den Kopf und lebten wie

vordem in ihrer 3-Zimmerwohnung, in einem Haus, welches

all die Angriffe der Aliierten ohne große Schäden überstanden

hatte. Glück hatten übrigens auch die übrigen Bewohner in

ihrer Gasse, kein einziges Wohnhaus wurde durch Bombentref-

fer zerstört. Doch in der nahe gelegenen Josefstraße hingegen

sah es da schon ganz anders aus. Dort lag zumindest ein Wohn-

haus in Schutt und Asche und es gab etliche Tote. Glück und

Unglück sind eben meist blinde Gesellen und nur Gott kann

wissen, warum einer sterben muß und ein aderer weiterleben

darf. Doch am Leben zu bleiben heißt nicht automatisch sich

am Leben erfreuen zu dürfen. Unserem Peter zum Beispiel

wurde während der Kriegstage sein Leben nicht physisch weg-

genommen, doch obwohl er überlebte hatten sich die Schock-

und Angsterlebnisse aus Kriegstagen tief in seinem Unterbe-

wußtsein eingenistet. Vielleicht war er deswegen oft traurig

oder missmutig, empfand Schmerzen im Kopf und in den Ein-

geweiden. Am Abend, wenn er in seinem Bett lag und zur Zim-

merdecke hinaufstarrte, sah er des öfteren im Dämmerlicht des

halbdunklen Zimmers vogelähnliche Wesen über seinem Kör-

per hin- und herfliegen. Sie ähnelten meist irgendwelchen Gän-

sen und sahen oft aus wie Störche. Peter schrie während solcher

Erlebnisse meist laut auf und weinte bis die Mutter ins Zimmer

kam, ihn in die Arme schloß und alle Strophen des Liedes

„Schlaf Kindlein, schlaf“ solange vorsang, bis sich der Kleine

wieder beruhigt hatte und friedlich einschlief. Als Peter an die

vier Jahre alt war verschwanden solch halluzinative Erschei-

nungsbilder, welche ihn vor dem Einschlafen des öfteren er-

schreckten. An ihre Stelle traten dann Angst- bzw. Flugträume

und im weiteren Verlauf besondere Traumerlebnisse, von de-

nen später noch ausführlicher zu berichten sein wird. Bezüglich

der Halluzinationen behaupten Forscher, dass solche durch phy-

siologische Zerrüttung oder auch im Einzelfall durch echten

Mediumismus zustande kommen können, Typisch für Halluzi-

nationen sei die Tatsache, dass der daran Leidende dieselben

niemals als eingebildet empfindet, sondern die gesehenen Bilder

von ihm stets für echt gehalten werden.

Manchmal ging Peter, obwohl es Mutter nicht so gerne sah, in

die nahegelegene Josefstraße, um sich dort mit den in etwa

gleichaltrigen Nachbarskindern Erwin und Karin zu treffen.

Gemeinsam kletterten die Drei in den Steinhaufen eines zer-

bombten Bürgerhauses herum, versteckten sich, spielten stun-

denlang Räuber und Gendarm oder nahmen manchmal speziell

geformte, leicht verkohlte Holzstücke in die Hände, belebten

sie mit ihrer überbordenden Phantasie, gaben ihnen Namen und

taten dann so, als seien es lebendige Wesen aus irgendwelchen,

ihnen bekannten Märchengeschichten. Manchmal war es so,

dass Peter an Spätnachmittagen total verschmutzt und abge-

kämpft nach Hause kam, sodass er aussah wie ein aus der Koh-

legrube heimkehrender Steiger. In solchen Fällen gab es zu-

hause ein kräftiges Donnerwetter und zusätzlich ein Ausgeh-

verbot für den Folgetag. Heute, nachdem Peter gewaschen war

und die abendlichen Kröstel gegessen hatte, kam Großvater in

die Küche, redete auf ihn ein und sagte: „Junge steig nicht mehr

mit den Nachbarskindern auf den Trümmern des zerbombten

Bürgerhauses herum, denn du könntest leicht stürzen, dich stark

verletzen oder auch von jenen Ratten gebissen werden, welche

sich dort versteckt halten.“ Als Peter eine Stunde später zu Bett

gehen musste schlief er zwar nach dem Abendgebet mit der

Großmutter sofort ein, hatte aber eine Nacht voll von wirren

Träumen in denen ihn zeitweise fette Ratten verfolgten. Sie ver-

suchten an ihm hochzuspringen und liefen zwischen seinen Fü-

ßen, sodaß er fast gestürzt wäre. In seiner Not blieb er kurz ste-

hen, drehte sich um und sah in einiger Entfernung eine Traum-

gestalt, welche aussah wie sein Freund Erwin. Peter winkte mit

der Hand und der offenbar aus dem Nichts aufgetauchte Erwin

zog aus seiner Hosentasche eine Art Handschleuder, eine soge-

nannte Dswisdl und schoß auf die Ratten, welche von Peter nicht

ablassen wollten. Dies wirkte und als die Plagegeister ver-

schwunden waren wollte Peter auf seinem Retter zugehen und

wissen, ob es auch wirklich sein Freund Erwin war. Doch im

gleichen Augenblick eine unliebsame Störung, ein Ziehen an

der Bettdecke. Peter wachte auf, sah seine Mutter und hörte sie

sagen: „Steh auf, denn es gibt Neuigkeiten in Bezug auf deinen

Vater. Ich habe soeben die Nachricht bekommen, dass er und

etliche andere Soldaten gegen Ende der Woche aus russischer

Kriegsgefangenschaft heimkommen werden. Wir müssen des-

wegen einiges vorbereiten und eine bescheidene Willkommens-

feier arrangieren.“ Toll sagte Peter, dann werde ich mit Papa

öfter was unternehmen können,wie z.B. Fußballspielen im

Sommer und auf dem Eis höschln im Winter. Laß es gut sein

meinte die Mutter, Vater wird sich zuhause erst wieder neu ein-

gewöhnen müssen und dazu braucht er in den ersten Wochen

nach seiner Heimkehr Ruhe und gute Hausmannskost, denn ich

denke als Gefangener in Russland ist er wohl nicht verwöhnt

worden. Nach diesem kurzen Wortwechsel stand Peter vom Bett

auf, zog sich an und machte dann am Küchenspülbecken eine

Art Katzenwäsche. Mit dem nassen Waschlappen einmal quer

übers Gesicht gewischt und das wars dann schon. Nach dem

Frühstück ging Peter mit der Mutter in den Hof hinaus und half

mit beim Aufhängen der Wäsche. Viele Tagesabläufe wiederhol-

ten sich meist auf eintönige Art und Weise. Abwechslung gab

es für Peter immer nur dann, wenn er sich mit den Freunden

auf der Gasse, beim Trümmerhaus oder im Bereich der nahgele-

genen Gärtnerei Fichtel austoben konnte. Das Gelände dieser

Gärtnerei wurde seit Peters Rattentraum mehr denn je von den

Kindern als Abenteuerspielplatz genutzt. Es gab Sträucher,

Holzschuppen und Gerätelager, welche besonders gut für span-

nende Versteckspiele geeignet waren. Peter und Erwin liebten

es im großen Schuppen hinter Säcken mit Pflanzenerde oder

aufgestapelten Pflanztöpfen in Deckung zu gehen. Wohingegen

die ein Jahr ältere Freundin Karin oft Angst hatte und sich nie

so richtig in den halbdunklen Lagerschuppen hineintraute, we-

der beim Verstecken, noch beim Suchen. Deswegen war es für

die zwei Buben ein leichtes Spiel die Karin zu finden, weil sie

sich meist nur hinter den Pflanzbeeten mit Buchsbäumchen

versteckte. Peter und Erwin mieden solche Verstecke, weil sie

wußten, dass Gärtnermeister Fichtel etwas dagegen hatte. Oft,

wenn Herr Fichtel die Karin beim Herumrennen oder Verste-

cken in solchen Bereichen ertappte, band er seinen Schäferhund

Rasso los und der rannte mit wedelndem Schwanz auf Karin

zu und beschnupperte sie. Das Mädchen streichelte Rasso und

dieser ließ es mit sich geschehen. Es sah meist so aus, als hätte

Karin eine gewiße Macht über das Tier, denn der Hund verhielt

sich ganz anders, wenn er die Buben erspähte. In solchen Fällen

reagierte er viel heftiger, sprang mit wedelndem Schwanz auf

die Beiden zu, hüpfte an ihnen hoch und drohte sie umzuwerfen.

Peter und Erwin begannen dann mit weinerlicher Stimme laut-

hals um Hilfe zu schreien. In solchen Fällen ertönte ein gewißer

Pfiff und Hund Rasso verschwand so schnell wie er zuvor ge-

kommen war. Oft war es auch so, dass der Gärtnermeister mit

dem angeleinten Hofhund höchst persönlich bei den Kindern

vorbeikam und mit ernster Miene bekanntgab: „Ihr Drei geht

jetzt mal schön nach Hause! Lasst euch nicht mehr so schnell

hier blicken, denn ansonsten werde ich euch auch mal den

Hintern versohlen.“ Immer wieder das gleiche Ritual, Peter,

Erwin und Karin waren einsichtig, trabten nach Hause, um in

den nächsten Tagen wieder zum Spielen beim Fichtel vorbeizu-

kommen. Immer wieder hofften die Drei unentdeckt zu bleiben,

doch leider ging dieser Wunsch meist nur dann in Erfüllung,

wenn Gärtnermeister Fichtel mit seinem uralten Ford-Prit-

schenwagen unterwegs war. Heute schien es so zu sein, dass

Herr Fichtel mit diesem Auto auf Tour gehen will. Peter sah

wie der Gärtner den Hund Rasso an die Kette legte, welche an

einem Mauerhaken neben dem Eingang des Wohnhauses be-

festigt war. Von dort aus konnte der Hund zu seiner Hütte und

fast nahezu bis zum Eingang des großen Treibhauses laufen.

Eine Abwesenheitstafel auf welcher stand „Heute nachmittag

geschlossen“ hing bereits neben der Hofausfahrt des Anwesens.

Es waren gute Vorzeichen, welche Peter von der Gasse aus be-

obachtete und er wartete in einiger Entfenung so lange, bis der

Gärtnermeister mit seinem Ford-Pickup wegfuhr. Dann re-

agierte der Bub wie elektrisiert, lief zur Mutter in die Küche

und sagte: „ Mama, ich geh mal zum Erwin und schau, ob er

mit mir was unternehmen will.“ Dann lief er los ohne auf die

Worte seiner Mutter zu achten, welche ihm noch nachrief:

„Komm aber bis spätestens fünf Uhr nach Hause zurück!“ Als

Peter beim Erwin ankam und ihm erzählte, dass der Fichtel

weggefahren sei rief Erwin ein Juchhu aus und sagte: „Komm

wir nehmen noch die Karin mit.“ Aber die durfte nicht

mitkommen, weil ihre Mutter es nicht wollte. Also zogen die

zwei Buben alleine los und liefen bis zum Ende jenes Ma-

schendrahtzaunes welcher den hinteren Teil des Gärtnereige-

ländes absicherte und dort, an einer von der Gasse aus nicht

einsehbaren Stelle, krochen sie über den Zaun und waren nach

wenigen Schritten in der Nähe des großen Komposthaufens,

von dem aus es nur wenige Meter waren bis zum sogenannten

Umtopfschuppen. Dort war ein sicherer Bereich zum Herumtol-

len. Hund Rasso konnte sie nicht erspähen, da einige Reihen

meterhoher Büsche seine Sicht einschränkten. Doch dennoch

war Vorsicht angebracht, denn sollte der Schäferhund aus ir-

gendwelchen Gründen irgendwann mit dem Bellen beginnen

und sich nicht mehr beruhigen kam meist die Frau des Gärtners

aus dem Wohnhaus und schaute nach dem Rechten. Wehe den

Kindern, wenn diese resolute Frau sie entdecken würde. Es gä-

be ein Mordsdonnerwetter und vermutlich ein paar Hiebe mit

dem Bettklopfer, welcher griffbereit hinter der Haustüre hing.

Doch heute lief alles gut und die Kinder begannen unbeschwert

herumzutollen. Sie vergaßen die Zeit und fanden erst dann wie-

der in die eigentliche Realität zurück, als Herr Fichtel mit seinem

knatternden Ford zurückkam und Hund Rasso mit Gebell seinen

Herrn begrüßte. Dies waren nicht zu überhörende Signale, wel-

che die Kinder ans Nachhausegehen erinnerten. Nach fußläufig

kurzer Wegstrecke waren sie beide wieder daheim. Peter wurde

bereits von seiner Mutter und den Großeltern zum Abendessen

erwartet. Alle aßen Schmalzbrote mit Zwiebelringen und tranken

dazu den obligatorischen Pfefferminztee. Gab es mal keinen Tee

stand für vom Durst Geplagte der Wasserhahn beim Ausguss in

der Küche zur Verfügung. Wenn Peter untertags sagte „ich habe

Durst“ hieß es immer „geh zum Wasserhahn in der Küche“ oder

wenn es um seinen kleinen Hunger ging „nimm dir ein Stück

trockenes Brot aus dem Kasten.“ In den ersten Nachkriegsjahren

war es eben meist genauso schwierig an vollwertige Nahrungs-

mittel heranzukommen wie in den Zeiten des II. Weltkrieges.

Abgesehen davon war das heutige Abendessen schon etwas be-

sonderes und deswegen schmeckte es allen recht gut, heute am

denkwürdigen 4. Mai des Jahres 1947. Denkwürdig deswegen,

weil sich noch etwas ereignete, womit Familie Mirandus nicht

im geringsten gerechnet hatte. Als alle mit dem Essen fertig wa-

ren und gemütlich beisammen saßen ertönte mehrmals die schrill

eingestellte Wohnungsklingel. Großvater Karl sagte zu Peter

mehr scherzend als ernsthaft: „Geh doch mal zur Wohnungstür

und schau ob dein Vater draußen steht!“ Peter ließ sich das nicht

zweimal sagen, lief hin zur Flurtüre und öffnete sie. Er sah einen

abgemagerten Mann mittleren Alters, welcher einen langen grau-

en Mantel anhatte. Seine Füße steckten in schmutzigen, stark

abgenutzten Stiefeln und in der linken Hand trug der recht müde

dreinschauende Besucher eine schmutzige Kappe. Der prall ge-

füllte Rucksack auf seinem Rücken hatte rote Flecken, welche

an Blut erinnerten. Peter starrte den unheimlich wirkenden

Fremden an, drehte sich dann nach hinten um und rief in die

Wohnung hinein: „Komm schnell an die Tür Opa, denn ich weiß

nicht ob es mein Vater ist, denn auf dem Foto im Wohnzimmer

schaut er ja ganz anders aus!“ Großvater Karl fühlte sich sofort

angesprochen, ebenso wie Oma Marga und Peters Mutter. Alle

standen wie elektrisiert vom Küchentisch auf und gingen mit Peter

bis zur offen stehenden Wohnungstür. Acht Augenpaare betrach-

teten den Mann welcher im Türrahmen stand und starrten ihn

einige Sekunden lang sprachlos an. Als Erste hatte Peters Mut-

ter Hanna ihre Sprachlosigkeit verloren und sagte mit Tränen

in den Augen: „Richard komm herein und lass dich umarmen!“

Der Angesprochene verlor seine innere Anspannung, setzte die

Kappe welche er noch in der Hand hielt auf Peters Kopf und

ging dann zur Gattin, sodaß sich beide umarmen und küssen

konnten. Dann hob der Vater den Peter mit seinen zwei Armen

in die Höhe, drückte ihn an sich und meinte: „Groß bist du ge-

worden mein Kleiner, bist ja schon fünf Jahre alt und wirst

wohl bald in die Schule kommen!“ Nach diesen Worten ging

er auf seine Schwiegereltern zu und umarmte auch diese kurz

und herzhaft. Dann liefen alle vom Flur aus hinüber ins Wohn-

zimmer, setzten sich nieder und wollten vom Heimkehrer recht

viel erfahren. Doch als Richards Frau bemerkte, dass ihr Mann

nur kurze, nichtssagende Antworten gab, öfter gähnte und an

seinen Augen rieb, sagte sie zu ihm: „Ist es dir recht, wenn ich

eine Brotzeit mit Schmalzbroten und eine Kanne Pfefferminz-

tee für dich mache. Wenn du dann gegessen und getrunken

hast, kannst du dich ja ins Bett legen und solange durchschlafen

bis du einigermaßen erholt bist.“ „Das wäre mir ganz recht“

erwiderte der Angesprochene, „allzuviele Strapazen liegen

hinter mir und deswegen habe ich jetzt keine Lust irgendwelche

Fragen zu beantworten.“ Nach diesen Worten lief Sohn Peter

zur Kommode, schon länger Zeit starrte er zu ihr hinüber, und

holte dort jenes gerahmte Foto auf welchem der Vater in

schmucker Feldwebeluniform und mit lächelnder Miene dar-

gestellt war. Peter zeigte das Foto seinem Vater und fragte:

„Papa, warum schaust du denn auf dem Foto so ganz anders

aus, bist du wirklich mein echter Vater?“ Ja, der bin ich sagte

der Angesprochene, hab im Krieg viel mitmachen müssen und

deswegen bin ich jetzt nur noch ein halber Mensch.“ Dann gab

der Vater seinem Sohn einen Klapps auf den Po und ließ es gut

sein. Anschließend rief Peters Mutter von der Küche aus ihrem

Sohn zu: „Peter, stell das Foto sofort wieder auf die Kommode

zurück und laß Papa jetzt in Ruhe, denn schließlich kam er erst

vor zwei Stunden aus russischer Gefangenschaft zurück. Ich

denke, dass er sowohl im Krieg, als auch in der Gefangenschaft

viel Leid ertragen musste. Das ist wohl der Grund, dass aus ihm

ein anderer Mensch geworden ist. Es wird wohl noch längere

Zeit dauern, bis er alles aufgearbeitet hat und ein normales Leben

führen kann.“ Peters Mutter sollte recht behalten, denn heute

am vierten Mai 1947, am Tag der Rückkehr ihres Mannes, be-

gann für die Familie eine Zeit, in der es nicht mehr so war wie

vor dem Krieg. Mit dem formalen Ende des Krieges waren

Gewalt und Angst noch lange nicht vorbei. Sie versteckten sich

nun in den Häusern einstmals glücklicher Familien, heimge-

bracht von scheinbar fremd gewordenen Männern. Dabei waren

es gar keine Fremden. Es waren die eigenen Väter und Ehemän-

ner, aber sie waren auch Soldaten gewesen, danach oft Gefange-

ne – eben Kriegsverlierer. Als solche kehrten sie nach etlichen

Jahren zurück, mit vielen üblen Erlebnissen im Gepäck die sie

stark verändert hatten. So trafen sie, wie Richard, auf ihre Fami-

lien, in denen nichts mehr war wie vor dem Krieg. Denn auch

die Frauen hatten sich verändert und die Kinder, welche sie oft

noch nie leibhaftig sahen, waren plötzlich groß geworden. Die

Menschen träumten alle von einem besseren Leben mit ihren

Familien. Die jungen Frauen hatten während des Krieges gear-

beitet, nicht nur um etwas Geld zu verdienen, sondern auch um

etwas zu lernen und um eine gewiße Dienstpflicht zu erfüllen.

Auch Peters Mutter hatte ihr Arbeitsbuch und wurde nach erfolg-

ter Ausbildung zur Kontoristin bei der Wäscherei Wohlleben

als dienstpflichtige Frau geführt, während ihr Gatte im Krieg

war. Sie hatte dadurch, wie viele andere junge Frauen, viel an

Selbstständigkeit gewonnen. Wie bereits erwähnt, sah Peter den

Vater das erste Mal, als dieser von Russland zurückkehrte. Zu-

vor kannte er ihn nur als Darsteller auf einem Foto. Und, als der

Vater noch nicht zuhause war, hatte Peter die ganze Liebe der

Mutter empfangen. Nun wird es für ihn bestimmt anders werden,

denn der seiner Frau fremd gewordene Ehemann wird vermutlich

mehr an Aufmerksamkeit und Liebe fordern, als er es je zuvor

getan hat. Dies spürte Peter instinktiv und er wendete sich des-

wegen im weiteren Verlauf öfter seiner Oma Marga zu und ver-

traute ihr meist mehr als den leiblichen Eltern. Als Peter am

Abend des ereignisreichen Tages in seinem Bett lag konnte er

lange Zeit nicht einschlafen. Besonders über den Satz seines Va-

ters - „im Krieg hab ich viel mitmachen müssen und deshalb bin

nur noch ein halber Mensch“ - grübelte er lange nach, ohne zu

verstehen was es bedeutete ein halber Mensch zu sein. Peter

reimte sich einiges in seinem Kopf zusammen und dachte,

vielleicht meinte mein Vater, dass in seinem Kopf nur noch ein

halbes Gehirn arbeitet, welches ihn zu einem halben Menschen

macht. So ganz zufrieden war er mit dem was er gerade gedacht

hatte aber auch nicht. Ich werde morgen Oma fragen, vielleicht

kann sie mir besser erklären was es bedeutet ein halber Mensch

zu sein. Mit diesem Vorsatz im Kopf schlief Perter dann doch

noch ein. Er träumte irgendwann während seiner Schlafenszeit

von Oma. Sie sah aus wie eine Prinzessin, hatte eine Krone auf

dem Kopf, lächelte und übergab ihm eine kleine Pappschachtel.

Peter war neugierig, öffnete die Schachtel und eine größere

Spinne krabbelte auf seine Hand. Peter erschrak darüber so sehr,

dass er aufwachte und angstvoll sein ganzes Bett nach irgend-

einer Spinne absuchte, aber er fand nichts. Auch wußte er nicht,

dass die Spinne vor allen Dingen bei den Germanen als Krafttier

den mächtigen Schicksalsweberinnen Urd, Werdandi und Skuld

zugeordnet wurde. Diese Weberinnen, auch Nornen genannt,

weben Schicksalsnetzte und bestimmen so das, was sich während

der menschlichen Lebenszeit ereignet. Dass Peter seine Groß-

mutter in Verbindung mit einer Spinne sah, welche auf ihn zu-

krabbelte, das kann wohl nur dahingehend gedeutet werden, dass

Peters Oma ihm stets als eine vom Schicksal bestimmte Helferin

beistehen wird. auch wenn ringsum Leid und Sorgen sein Leben

belasten und Mutter Hanna versagen sollte. Der neu anbrechende

Tag begann für Peter damit, das er beim Frühstücken Oma nach

der Bedeutung der Redewendung ich bin nur ein halber Mensch

fragte. Großmutter hatte schnell eine Antwort parat und sagte:

18

„Das ist wohl jemand, der aus dem Lot geraten ist und dem die

Antriebskräfte für ein vollwertiges Leben abhanden gekommen

sind. Damit lass es mal gut sein Peter und zerbreche dir nicht

weiter den Kopf, dein Vater wird schon wieder sein inneres

Gleichgewicht finden.“ In diesem Moment kam Peters Mutter

an den Frühstückstisch und sagte: „Richard schläft noch, sprecht

etwas leiser, denn wir sollten ihn nicht vorzeitig aufwecken.

Soll er sich doch erst mal richtig erholen. Einige Wochen nahm

die gesamte Familie auf Richard Rücksicht. Er wurde von Ehe-

frau Hanna rundum betreut, konnte schlafen, wann und wie lang

er es wollte, und niemand nahm ihm die unstrukturierten Tages-

abläufe während der zugestandenen Erholzeit übel. Doch als

mehrere Wochen vorüber waren und Richard keine Bereitschaft

zeigte ein normales Leben auf sich zu nehmen platzte Hanna

der Kragen und sie sagte zu ihrem Gatten: „Jetzt wird es endlich

Zeit, dass du dir deinen Schlendrian abgewöhnst und etwas für

unsere Familie unternimmst. Schau, dass du wenigstens einen

Hilfsarbeiterjob bekommst, damit etwas Geld hereinkommt und

wir nicht nur auf die Lebensmittelkarten mit ihren kargen Zutei-

lungsrationen angewiesen sind, sondern auch mal hin und wie-

der Schwarzmarktware bei den amerikanischen Besatzern ein-

kaufen können. Ich hab während du im Krieg warst auch nicht

die Füße hochlegen können. Schau doch in mein Arbeitsbuch,

dann weißt du dass ich während des Krieges, bis zur Geburt

unseres Sohnes im Jahr 1942, bei verschiedenen Unternehmen

gearbeitet habe und mir gleichzeitig ein neues Selbstbewußtsein

zulegte. Jetzt verlange ich dies von deiner Person. Und auch

mit unserem Sohn Peter könntest du dich zwischendurch etwas

mehr beschäftigen, bring ihm mal ein bisserl was bei, denn im

Herbst nächsten Jahres wird er eingeschult.“ Hannas Mann rea-

gierte auf diese Standpauke der Gattin äußerst unfreundlich, be-

schimpfte sie und brüllte lauthals: „Hälsd jetz endli dai Dru-

dschn, du bösä Drachn!“ Dann haute der rabiat Gewordene noch

mit der Faust auf die Tischplatte, zog sich die Jacke über und

verschwand durch die Wohnungstür, welche er hinter sich nicht

sanft zuzog, sondern so zuknallte, dass es den Zurückgebliebe-

nen durch Mark und Bein ging. Großmutter schlug ihre Hände

über den Kopf zusammen und kreischte auf Bambärcherisch:

„So a Dunäkailär macht so a Haidndeadä!“ Auch der kleine Pe-

ter wirkte nach dem Wutanfall des Vaters völlig verschreckt

und begann, nachdem er den Aufschrei der Großmuttet mißver-

standen hatte, lauthals und herzzerreißend loszuheulen. Mutter

Hanna schien äußerst gekränkt und zog sich nach der häusli-

chen Auseinandersetzung in die Küche zurück, während Oma

ihren kleinen Liebling zu sich nahm, ihn auf den Schoß setzte

und zu singen begann: „Heile, heile Segen, drei Tage Regen,

drei Tage Schnee, dann tut Dir nichts mehr weh!“ Dieser Sing-

sang wirkte auf Peter wie eine magische Formel, er schluchzte

noch ein bisschen vor sich hin und hörte dann mit dem Weinen

auf. Sein Großvater begann aus irgendwelchen Gründen den

Kopf zu schütteln, zündete sich eine Zigarre an, ging hinunter

in den kleinen Hof, welcher dem Hauseingang vorgelagert war

und paffte seine Zigarre solange, bis sie kein Wölkchen mehr

hergab. Dann murmelte er etwas vor sich hin und ging zurück

in die Wohnung. Dort überprüfte er all die noch vorhandenen

Lebensmittelkarten und sagte zu sich selbst: „Meine Tochter

hatte schon recht mit dem zur Rede stellen ihres Gatten. Wenn

etwas mehr Geld in den Haushalt herein käme, hätten wir es

leichter und könnten die kargen, über die Lebensmittelkarten

zugeteilten Rationen mit diversen Zukäufen aufbessern.“ Be-

züglich der bereits erwähnten Lebensmittelkarten, welche bis

1949 galten, sollte noch Grundsätzliches erklärt werden. Diese

Karten waren währen des Krieges und Jahre danach für das

Überleben bitter nötig. Es gab verschiedene Ausführungen,

Karten für Normalbürger, andere mit höheren Zuteilungsrati-

onen für Schwerstarbeiter und, man höre und staune, auch für

Politiker. Als Beispiel seien an dieser Stelle die täglichen Le-

bensmittelzuteilungen für deutsche Normalbürger, wie sie in

der damaligen US-Besatzungszone üblich waren, im Einzel-

nen angeführt: 350 g Brot, 5 g Butter, 14 g Fleisch, 43 g Ge-

müse, 52 g Käse, 1/8 Liter Magermilch und zwei Kartoffeln.

Wie man daraus ersehen kann, war auch noch nach dem Krieg

Meister Schmalhans der Küchenmeister. Die Situation wurde

erst ab 1950, mit dem langsamen Entstehen von mehr bezahlten

Arbeitsplätzen, etwas besser. Die Lebensmittelkarten wurden

monatlich ausgegeben. Wenn eine dieser Karten verloren wur-

de bestrafte man sich letztendlich selbst, denn es gab keinen

Ersatz und Betroffene mussten manchmal betteln um nicht zu

verhungern.

In den kommenden Monaten ergab es sich, dass Peters Vater

immer launischer und aggressiver wurde. Wenn ihm sein Sohn

nicht aufs Wort folgte und keine Zigarettenkippen auf den

Straßen der Stadt für ihn sammeln wollte, gab es lautstarke

Standpauken und hin- und wieder auch Schläge. Die Mutter

mischte sich zwar meist verbal ein und sagte wiederholt zu

ihrem Gatten: „Es nicht gut für Peter, wenn er vom eigenen

Vater zum Sammeln von Zigarettenresten gezwungen wird.

Er soll es ja nur machen, damit du dir deine Tabakspfeife mit

Tabak vollstopfen kannst. Gewöhn dir lieber das Rauchen ab

und zwing Peter nicht zu Sachen, welche er verständlicherwei-

se nicht machen möchte. Antwort des Ehemannes „Hanna,

brauchst mich in Zukunft nicht mehr schulmeistern, denn ich

weiß selbst, was ich zu tun und zu lassen habe. Solltest lieber

unserem Peter öfter mal die Löffel langziehen, damit er mir

und dir besser gehorcht, ansonsten wird er uns bald ganz auf

der Nase herumtanzen. Hanna erwiderte nichts und dachte

sich: „Wenn Richard so weitermacht wie in den letzten Wo-

chen, dann ist unsere Ehe bald kaputt.“ Die Großeltern hatten

zwar ihren eigenen Wohnbereich, bekamen aber alles mit, was

sich in den übrigen Zimmern der Wohnung ereignete. So auch

bei diesem Streit, bei dem es lautstark um die Erziehung von

Peter ging. Seinen militärischen Befehlston, welchen Richard

vordem als Nazifeldwebel weitergeben konnte, den wollte er

nun auch bei Peter und der Ehefrau ausprobieren. Dass er mit

diesem Verhalten bei den Beiden nicht ankam und nunmehr

auch die Schwiegereltern gegen ihn waren, das belastete Han-

nas Ehemann über alle Maßen. Doch partout wollte Richard

nicht einsehen, dass er mit seiner sturen, befehlsgewohnten

Art kein harmonisches Familienleben gestalten kann. Ehefrau

Hanna hatte ja etliche Wochen nach der Rückkehr ihres Ehe-

mannes darauf gehofft, dass dieser wieder so werden würde

wie er vor der Hochzeit war. Mittlerweile konnte sie aber fest-

stellen, dass ihr Richard ein ganz anderer geworden war. Dass

der Vater seinen Sohn mittlerweile des öfteren schlug, ihn mit

rauhen und strengen Methoden erziehen wollte, das kam weder

bei Mutter Hanna noch bei ihren Eltern an. Peter litt aber am

meisten unter all dem, was ihm widerfuhr und manchmal benei-

dete er andere Kinder, deren Vater nicht vom Krieg zurückge-

kommen war. Das familiäre Zusammenleben wurde für alle

Beteiligten immer trostloser und deswegen war es nunmehr so-

weit gekommen, dass Peter seine Eltern mied und sich viel

lieber in der Nähe von Oma und Opa aufhielt. Bei der Großmut-

ter genoß er es, wenn sie ihm aus den Märchen der Gebrüder

Grimm, aus dem Sagenbüchlein über den Bergriesen Rübezahl

oder aus der alten, bebilderten Bibel, irgendwelche Geschich-

ten vorlas. In der erwähnten Bibel gab es ein Kupferstichbild,

wo Absalom, der dritte Sohn des Königs David, sich mit sei-

nem wallenden Haupthaar in einem Baum verfangen hatte und

wie ein Erhängter zwischen Himmel und Erde schwebte. Diese

Abbildung prägte sich dem Verstand Peters tief ein und es kann

wohl davon ausgegangen werden, dass sich der Bub im Ver-

lauf seines weiteren Lebens sehr oft an diese eindrucksvolle

Szenerie erinnerte und er sich in späteren Lebensjahren auch

mit dem Hintergrundwissen dieser alttestamentarischen Ge-

schichte aus dem zweiten Buch Samuel beschäftigt hat. Die

Absalomgeschichte ist ja eine recht grausame, wie die meisten

Geschichten im „Alten Testament“. Sie nimmt ihren Anfang

als Amnon, der Bruder Absaloms, dessen Schwester Tamar

vergewaltigt hatte. Nach dieser Tat sprach Absalom kein Wort

mehr mit dem Bruder und er hasste ihn sehr wegen dieser Ver-

gewaltigung. Dieser Hass wuchs sich aus und als sich eine gün-

stige Gelegenheit ergab ließ Absalom seinen Halbbruder Am-

non, den Anwärter auf König Davids Thron, von gedungenen

Schergen ermorden. Zielstrebig ging Absalom im weiteren

Verlauf vor, wollte er doch anstelle des Ermordeten Nachfolger

auf dem Thron Davids werden. Im Verlauf einiger Jahre sam-

melte Absalom eine respektierliche Anhängerschaft und zog

dann mit einem Heer gegen die Elitetruppen seines königlichen

Vaters. Die Situation kippte schnell zugunsten von Davids

Männern. Absalom, der an der Spitze seines Heeres reitet wird

von den Soldaten seines Vaters attackiert, will flüchten und

reitet mit seinem Maultier unter einer großen Eiche hindurch.

Da verfängt er sich mit seinen überlangen Haaren im dichten

Geäst des Baumes. Das Maultier läuft unter ihm weg und er

bleibt zwischen Himmel und Erde in der Luft hängen.“ (2.

Samuel 18,9). Welch bittere Ironie und was für eine präzise

Antwort Gottes. Er hängt den Schönling am Inbegriff seiner

Eitelkeit auf. Mit den Haaren, die er sich nur jährlich etwas

scheren und abwägen ließ, verfängt er sich in den Zweigen der

Eiche. Joab ein erfahrener General sieht es, zögert nicht, reitet

auf Absalom zu und weiß was zu tun ist. «Ich will meine Zeit

nicht länger mit dir vergeuden!» schreit Joab zu Absalom

hinauf. Dann nimmt er den Speer und stößt ihn dem Absalom

ins Herz hinein. Absalom ereilte zu Lebzeiten eine persönliche

Tragödie und offenbar sind auch seine drei Söhne frühzeitig

gestorben. Einzig seine Tochter, auch sie eine Schönheit wie

er, überlebte und wurde später zur Lieblingsfrau von Salomons

Thronfolger Rehabeam. Der Geltungsdrang Absaloms war

enorm und er bildete sich viel auf seine Stärke und körperliche

Schönheit ein, doch es nützte ihm nichts. Diese Geschichte ist

wie ein Mahnmal für Übeltäter: „Das Andenken des Gerechten

bleibt im Buch des Lebens bestehen, aber des Name der

Gottlosen wird verwesen und als Mahnmal weiterbestehen.“

Wenig ist es erforscht, wie bestimmte Märchen und Sagen aus

Kindertagen in das Leben jener Erwachsenen eingreifen die

von ihnen in Kindertagen fasziniert waren. Doch kann gesagt

werden, dass Geschichten und Märchen die Fantasie und Ima-

gination von Kindern ankurbeln und fördern, Die psychologi-

sche Wissenschaft spricht vom »Lernen am Modell“. Viel-

leicht spürt ein kleines Mädchen, wenn es dem Märchen vom

Rotkäppchen lauscht intuitiv, dass die Zeit kommen wird, in

welcher es sich ohne elterlichen Schutz aus dem Haus begeben

muss, um sich draußen in der Welt zu bewähren. Es lernt aus

den Erlebnissen des Rotkäppchens, dass diese spannende Er-

fahrung nicht ohne Risiken verlaufen kann und dass es darauf an-

kommt, diese Risiken zu meistern. Erziehungswissenschaftler

lehren uns, dass Märchen, Legenden und Sagen für Kinder nicht

nur eine Gegenwarts-, sondern auch auch eine Zukunftsbedeu-

tung haben. Das zauberhafte Denken, das der kindlichen Fantasie

zu eigen ist webt über Märchen und Legenden wohl das aus, was

uns im weiteren Verlauf bestehen oder untergehen läßt. Unser

während des II. Weltkrieges geborener Hauptprotagonist wurde

frühzeitig mit den extremen Härten einer erbarmungslosen Wirk-

lichkeit konfrontiert. Die Geschichten von Märchen, religiösen

Wundern und sonstigen magischen Geschichten, welche er von

seiner Großmutter erzählt bekam, werden dem Peter Wege an-

gezeigt haben, wie er sein Leben in den Griff bekommen kann.

Wir werden Peter weiterhin schrittweise auf dem Weg durch die

Zeit begleiten, um sowohl seine Ängste, als auch seinen Glauben

und sein Streben nach Wissen zu erkennen. Doch wollen wir nicht

allzuweit in die Zukunft hinein springen, sondern betrachten wir

jene Etappe in Peters Leben, welche mit der Abwesenheit des be-

fehlssüchigen Vaters und im weiteren Verlauf mit der Einschu-

lung im September des Jahres 1949 begann.

Es geht nur langsam aufwärts

Das Jahr 1948 brachte in wirtschaftlicher Hinsicht mit der Wäh-

rungsreform einen recht tiefen Einschnitt in der Westzone. Mit

einem Schlag ist die Zeit der Rationierung in den westlichen

Besatzungszonen vorbei. Das neue Geld, die Deutsche Mark

(DM), ist wieder etwas wert. Doch trotz gefüllter Schaufenster-

auslagen sind aber auch sehr negative wirtschaftliche Folgen

unübersehbar. So steigt die Zahl der Arbeitslosen rapide an und

Waren und Dienstleistungen werden immer teuerer. Das Geld

für Extravaganzen, Urlaubsreisen und gute Lebensmittel fehlt

in den allermeisten Familien. - Die Eltern des Peter Mirandus

haben sich in den vergangenen Wochen immer weiter auseinan-

dergelebt. Vater Richard hat in der Zwischenzeit einen Arbeits-

platz bei einer öffentlichen Einrichtung in Nürnberg gefunden

und dort eine Frau kennengelernt mit der er neuerdings zusam-

menlebt. Peter war einerseits froh darüber, dass die Schikanen

des Vaters ihn nicht mehr belasteten, doch andererseits hatte

er die Angst, dass seine Mutter der Arbeit wegen auch noch

wegziehen könnte, weil ihre Duisburger Brieffreundin Renate

in einem Schreiben erwähnte, dass Kontoristinnen in dieser

Stadt gesucht werden. Mutter Hanna wollte aber noch abwar-

ten, ob ihr Ehemann monatlich etwas Geld für den Unterhalt

des Sohnes zuschickt. Dann erst wollte sie entscheiden, ob sie

Peter bei den Großeltern zurückläßt und zur Jobsuche nach Du-

isburg geht. Selbstständig und fleißig war sie ja stets die Hanna,

denn ihr Arbeitsbuch gibt sehr detailliert Auskunft darüber:

„Vom Jahr 1937 bis 1940 absolvierte sie eine Büroausbildung

bei der Wäscherei Meyer und Bickel in Bamberg von der sie

1940, nach beendeter Lehrzeit, als Kontoristin übernommen

wurde. Von 1941 bis Februar 1942 arbeitete Hanna bei der

Gauverwaltung der Bayerischen Ostmark in Bayreuth, wo sie

ihren Mann Richard kennenlernte den sie später, während eines

kurzen Heimaturlaubs, heiratete. Sohn Peter wurde im Jahr

1942 in Bamberg geboren. Bald wird der Kleine 7 Jahre alt und

im September soll er, wie bereits erwähnt, eingeschult werden.

Schon jetzt wartet er mit viel Ungeduld auf seinen Schulbeginn.

Mit der Mutter und seiner Oma hat er bereits das Schreiben von

einzelnen Buchstaben geübt. Sein Großvater hingegen ist kein

großer Schriftgelehrter, denkt etwas anders und hält den Um-

gang mit Zahlen für viel wichtiger. Oft lernt er mit seinem En-

kel, unter Zuhilfenahme der zehn Finger, das Addieren mit den

Zahlen 1 bis 9. Auffallend ist, dass sich Peter bei Lernvorgän-

gen jedweder Art aufmerksam und konzentriert verhält. Am

liebsten würde der Kleine schon morgen in die Schule gehen,

doch noch muß er einige Monate warten bis es soweit sein wird.

Obwohl Peters Vater schon vor zwei Monaten seine Familie

verlassen hat ist bei Mutter Hanna, trotz mehrfacher Versprech-

ungen Richards, noch keine postalische Geldüberweisung ein-

getroffen. Dann, als eines Tages Richard an einem verregneten

Augusttag des Jahres 1949 in Bamberg auftauchte und dem

Sohn und der restlichen Familie einen unangemeldeten Besuch

abstattete fiel Hanna an der Wohnungstüre aus allen Wolken.

Richard stand vor ihr, trug einen verschnürten Karton in seiner

Linken und sagte: „Hanna ich möchte mit dir reden.“ Es war

insgesamt ein recht kühler Empfang, ohne herzliche Begrüßung,

ohne eine Umarmung für Peter und ohne gewisse Küsschen für

die Ehefrau. Als Hanna ihre Betroffenheit überwunden hatte

sagte sie zu ihrem „noch Ehemann“: „Komm doch kurz herein

in die gute Stube und raste dich etwas aus, ich bin gespannt was

du uns zu sagen hast!“ Dann gingen Hanna und der Vater mit

seinem Buben in den Flur hinein und liefen zum Wohnzimmer.

Unterwegs streichelte der Vater seinen Sohn über den Kopf

und sagte, indem er den großen Karton welchen er trug mit sei-

ner linken Hand kurz hochhob: „Hallo mein Großer, hier in

dieser Schachtel ist ein Geschenk für dich, du wirst es bestimmt

gebrauchen können!“ Peter lächelte verlegen, griff nach der

Schnur, welche um den Karton gewickelt war und wollte offen-

sichtlich tragen helfen. Doch der Vater verwehrte es ihm, zog

die Schachtel wieder an sich und alle gingen wortlos in die gute

Stube hinein. Drinnen sagte Hanna zu Richard: „Setz dich doch

nieder, soll ich uns allen eine gute Tasse Malzkaffee machen?“

Vorschnell antwortete Peter und meinte: „Ja Mama mach doch

für uns guten Malzkaffeee, Papa und ich, wir können inzwischen

das Geschenk auspacken, welches er für mich mitgebracht hat.

Das passt mir so sagte der Vater und Hanna ging alsbald zum

Kaffeekochen in die Küche. Dann zog Vater Richard sein Ta-

schenmesser aus der Hosentasche, klappte es auf und schnitt

die verknoteten Schnüre auseinander, welche die Schachtel zu-

sammenhielten. Anschließend machte sich Peter über das Ob-

jekt her, entfernte den Deckel der Schachtel, nahm ein in brau-

nes Packpapier eingewickeltes Etwas heraus und fragte den

Vater: „Darf ich jetzt weiter auspacken und das Papier weg-

reißen?“ „Warte bis deine Mutter kommt und den Kaffee auf

den Tisch gestellt hat“ antwortete der Vater. In diesem Moment

kam Hanna auch schon mit einer vollen Kaffeekanne ins Wohn-

zimmer, stellte sie ab und sagte zu ihrem Sohn Peter: „Komm

mit in die Küche, wir müssen noch Tassen, Löffelchen und den

Zuckerstreuer holen.“ Als die Sachen auf dem Tisch standen

schenkte Hanna den noch dampfenden Kaffee ein, alle gaben

etwas Zucker hinzu und kosteten dann vorsichtig. Peter war

aufgeregt und sagte zur Mutter: „Mama pass auf, ich werde

nun endlich mein Geschenk auspacken!“ Dann ergriff der Bub

hastig das Packpapier, riß es von der Seite her auf, um es dann

ganz zu entfernen. Zum Vorschein kam ein aus Leder gefer-

tigter schwarzer Schulranzen, welcher der Machart des altbe-

kannten Militärtornisters ähnelte. Peters Freude über das nütz-

liche Geschenk war groß, er rief ein lautes „Juchhe“ und schul-

terte seinen neuen Ranzen. Dann stolzierte er zur Mitte des

Zimmers, sagte in Richtung zu seinem Papa hinüber: „Danke

Papa für den schönen Schulranzen!“ Dann mit etwas lauterer

Stimme zu den Eltern gewandt: „Wie gefalle ich euch denn mit

meinem neuen Schulranzen?“ Super gut schaust Du aus mein

Großer sagte der Vater und die Mutter meinte: „Es ist ein sta-

biler Ranzen, aber statt in Schwarz hätte ich ihn lieber in Braun

genommen!“ Nach diesen Worten ging Peter in das Zimmer

der Großeltern und stellte sich mit seinem neuen Schulranzen

vor. Oma und Opa fanden, dass ihr Enkel eine recht gute Figur

machte und Großvater meinte: „Junge, so gefällst du mir! Jetzt

fehlen dir nur noch einige Sachen zum Reinpacken, eine Schie-

fertafel mit Wischläppchen und ein Schwamm. Was den ersten

Schultag anbelangt natürlich auch die traditionelle Schultüte.

Um diese Sachen werden wir uns kümmern. - Peter, wir haben

mitbekommen, dass dein Vater in der Wohnung ist, setz deinen

Ranzen ab und bleib hier bei uns so lange, wie deine Eltern et-

was zu bereden haben. Inzwischen ging es im Wohnzimmer

wo Hanna und Richard beieinandersaßen hoch her. Zwischen

den Beiden schien sich offensichtlich ein Streit anzubahnen.

In jedem Zimmer der Wohnung waren die Worte der lautstar-

ken Auseinandersetzung zu hören. Mutter Hanna kreischte mit

hoher Stimme: „Richard, in den vergangenen zwei Monaten

warteten wir vergebens auf das von dir versprochene Unter-

haltsgeld für Peter. Brauchst wohl viel von deinem Lohn für

deine Bridschn Gerda bei der du jetzt wohnst. Du Naandadsä,

du meinst wohl mit deinem geschenkten Ranzen ist die Welt

für uns wieder in Ordnung, nein, so geht das nicht!“ Daraufhin

Richard noch lautstärker: „Hanna, halt jetzt dei Goschn du bö-

ser Drachn, brauchst net so zu blärn, sonst kriegst jetzt einige

Badscher von mir!“ „Trau dich nicht mich zu schlagen, du

dummes Mannsbild! Dein Sohn sollte dir, abgesehen vom

Ranzen, 20 Mark Unterhalt in jedem Monat wert sein, du alter

Gniggä!“ Darauf er: „Hanna du bist kein Weib mehr für mich,

ich lass mich scheiden und Unterhaltsgeld bekommst nur von

mir, wenn mir der Sinn danach steht.“- Brüllte es und verließ

die Wohnung, indem er die Flurtüre so heftig zuschlug, dass

alle einen Moment lang erschraken. Hanna blieb im Wohnzim-

mer sekundenlang wie erstarrt sitzen und begann dann aber

plötzlich lautstark loszuheulen. Ihre Eltern hörten es und gin-

gen zu ihr ins Zimmer um sie zu trösten. Peter selbst konnte

sich dies alles nicht erklären, wußte er doch noch nicht um was

es ging. Als seine Mama mit dem Weinen aufhörte sagte Marga

zur Tochter: „Auch wenn sich Richard von dir scheiden läßt,

wir werden zu dir halten und Opa wird dafür sorgen, dass wir

nicht verhungern. Als Hanna das hörte beruhigte sie sich und

meinte: „Wenn unser Peter seine Einschulung hinter sich hat

möchte ich zu meiner Briefeundin nach Duisburg fahren und

mir einen Arbeitsplatz als Kontoristin suchen. Mutter Marga

schüttelte den Kopf und erwiderte:„Warten wir`s ab, vielleicht

überlegst du es dir doch noch anders.“ Margas Tochter Hanna

wollte es sich aber nicht anders überlegen, sie hatte innerlich

bereits den Entschluß gefasst ihre Freundin Renate zu besuchen.

Nach Peters Einschulung wollte sie Geld verdienen und Nägel

mit Köpfen machen.

Je näher Peters Einschulung kam, desto nervöser wurde der

Bub. Als dann in der letzten Augustwoche der Postzusteller ein

großes Paket vorbeibrachte und Hanna es in Empfang genom-

men hatte standen alle um ihr herum und waren wie aus dem

Häuschen. Peters Nervosität erreichte ihren Höhepunkt und er

sagte: „Mama, wer hat denn das Paket geschickt, ist es vielleicht

gar für mich?“ Peter beruhige dich, das Paket ist aus Amerika

von der Schwester deines Vaters und es ist an unsere Familie

adressiert. Dann sagte Hanna zu Opa, das er das Paket gleich

mal auspacken soll. Gesagt, getan, Opa Karl ließ sich das nicht

nochmals sagen, holte eine Schere und machte sich über das

Auspacken her. Tochter Hanna nahm die ausgepackten Sachen

in Empfang und präsentierte die Dosen, Tuben und Riegel auf

dem Küchentisch: „Aprikosen, Corned Beef, Premfleisch, Ho-

nig, Speck am Stück, Rosinen, Zucker, 5 Tafeln Schokolade,

Eipulver, Vollmilchpulver, 1 Pfund Bohnenkaffee, Schweine-

schmalz, zwei 10er Packungen Virginiazigarren. Zigaretten,

Kaugummi, ein Füllhalter im Etui, ein Lernbuch der amerikani-

schen Sprache und zuletzt fand Opa einen Brief, welchen er

sogleich vorzulesen begann: „Hallo ihr Lieben, wir wollen euch

mit diesen Sachen eine Freude machen. Genießt all das. was

wir euch aus Amerika schickten. Die Zigarren sind für Opa

Karl, der Füllhalter und das Englischlernbuch für Peter, die

Zigaretten für Richard und sonstige Lebens- bzw Genussmittel

sind für euch alle. Liebe Grüße aus Atlanta senden euere Ame-

rikaner Onkel Robert und Tante Greta.“ Sowohl der Vorleser

des Briefes, als auch die Zuhörenden fühlten sich in eine froh-

machende Stimmung hineinversetzt, nicht zu vergleichen mit

den Gefühlen an den zuletzt notdürftig gefeierten Weihnachts-

festen. Dieses Carepaket aus Amerika schlug ein wie einne

Bombe der Freude nach all den schrecklichen Bomben, welche

im Krieg abgeworfen wurden. Die im Brief aus Amerika nament-

lich zugeordneten Geschenke wurden von Hanna weiterverteilt.

Dem Vater gab sie seine Zigarren, Peter erhielt das Etui mit dem

Füllhalter, das Englischlehrbuch und eine Tafel Schokolade. Den

Rest der Sachen verstaute Hanna zusammen mit der Mutter in

der großen Küchenkommode. Die Zigaretten für Richard wollten

sie so lange aufheben, bis sich eine passende Gelegenheit zum

Verschenken ergeben würde. „Und wenn sich keine solche Gele-

genheit ergibt, werde ich die Zigaretten selber rauchen“ sagte

Hanna zur Mutter. Diese erwiderte: „Lass dies lieber sein, denn

viele Personen welche ab und zu eine rauchten, sie wurden im

Lauf der Zeit meist süchtig und ihre Gesundheit wurde angegrif-

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