Kitabı oku: «Bruder Tier»

Karl König
Bruder Tier
Mensch und Tier in Mythos und Evolution
Herausgegeben von Richard Steel
Illustriert von Stephen Walton
Verlag Freies Geistesleben
Inhalt
Editorische Vorbemerkung
von Richard Steel
Einleitende Gedanken zur Neuauflage
von Imanuel Klotz
Karl König – Bruder Tier – Aufsätze
Geleitwort zur Erstausgabe 1967 von Fritz Götte
Vom Ursprung der Robben
Vom Leben der Pinguine
Die Wanderungen der Aale und Lachse
Die Elefanten
Das Bärengeschlecht und sein Mythos
Schwäne und Störche
Die Taube als heiliger Vogel
Die Spatzen der Erde
Delphine – Kinder der Meere
Hunde und Katzen – Begleiter des Menschen
Bruder Pferd
Epilog (Fritz Götte)
Anmerkungen
Editorische Vorbemerkung
von Richard Steel
Das Staunenlernen vor der Weisheit der Welt ist eine gute Haltung in unserem intellektuellen Zeitalter. So ist es auch erstaunlich, wie bestimmte Ereignisse – ohne dass man sie so geplant hat – zur rechten Zeit in Erscheinung treten. So ist es mit Bruder Tier gegangen. Eine Neuherausgabe und -bearbeitung war schon zu Beginn der neuen Karl König Werkausgabe 2007 geplant, sogar mit einer gewissen Dringlichkeit, weil das Buch vielfach nachgefragt wurde. Die Arbeiten verzögerten sich, weil andere Titel den Vorrang bekamen. Nun fällt der Band wie «zufällig» in die Zeit der Pandemie, aber auch in eine Zeit, in der Klima, Umwelt und Artenschutz in aller Munde sind. War es beim ersten Erscheinen der Aufsätze die Zeit von Silent Spring1, so ist es jetzt der Ruf nach Extinction Rebellion. So sollte es am Ende wohl sein, dass die Neuausgabe zu diesem Zeitpunkt erscheint und das Buch so einen Beitrag zu den Existenzfragen unserer Zeit leisten kann.
Die Menschheit scheint wie ohnmächtig vor den wachsenden Umweltproblemen, globalen Katastrophen und dem Artensterben zu stehen. Dem Ruf zum Umdenken und Handeln wird sich über kurz oder lang kein Zeitgenosse mehr entziehen können. Plötzlich ist jeder existenziell betroffen. Der Intellekt eines materialistisch-wirtschaftlichen Zeitalters hat eine Ausbeutung aller Ressourcen unserer Welt zu Wege gebracht: z. B. die in der Erde schlummernden Stoffe, die Fruchtbarkeit des Bodens, die Pflanzen- und Baumwelt, die tierische Vielfalt bis hin zum Menschen selbst.
Wenn die Abstammung des Menschen vom Tier lang und intensiv genug gedacht wird – wie dies seit dem 19. Jahrhundert der Fall ist –, dann prägt diese gedachte Verwandtschaft in einer bestimmten und zugleich tragischen Weise den Menschen. Es ist wie das «Andorra-Prinzip» – frei nach Max Frisch. Der Mensch ist tatsächlich in mancher Hinsicht sehr nahe an das Tier herangekommen – aber eben in anderer Haltung, als dies von König mit der «Bruderschaft» des Tieres gemeint ist. Es ist der «Kampf ums Dasein», der immer mehr in die Mitte rückt und die menschliche Gesellschaft prägt, die immer deutlichere Zeichen von dem trägt, was Rudolf Steiner mit dem auf uns zukommenden «Krieg aller gegen aller» bezeichnet hat. König möchte mit seinen Tier-Darstellungen ein Gefühl für unseren gemeinsamen Ursprung und dem gemeinsamen Ziel erwecken; von einem Weg, den wir brüderlich teilen können.
So nahe ist das Menschengeschlecht an das Reich der Tiere herangerückt, ihren natürlichen Lebensraum zerstörend und für sich verbrauchend, gleichzeitig ihre Verhaltensweisen in sein Weltbild einführend, dass die Empathie, das Gefühl eines «Wir» der Menschen zu wenig auf das Tier überspringen kann, sondern eher die Viren der Tiere auf die Menschen. Somit sind wir in der Gegenwart angekommen.
Sind die düsteren Prognosen ein Grund aufzugeben? Wird es in naher Zukunft einen Auszug der Millionäre geben, um Lebensräume auf anderen Planeten zu suchen? Lassen sich Ansatzpunkte für eine positive Veränderung der Lebenslage des Menschen finden?
Malcolm Gladwell prägte den Begriff Tipping Point.2 Er beschreibt soziale Epidemien und meint damit, dass auch sozial positiv wirkende Impulse – einem Virus vergleichbar – hoch ansteckend wirken können und folgert: Schauen Sie sich die Welt um Sie herum an: Sie mag aussehen wie unveränderbar und unversöhnlich. Das ist sie nicht. Mit der kleinsten Bewegung – am rechten Ort angesetzt – kann sie «umgeschoben» werden: «Tipping Point»!
Ein solcher rechter Ort der weltverändernden Bewegung ist mit Sicherheit das eigene Denken eines jeden Menschen. Eine der wesentlichsten Forderungen der Gegenwart ist gewiss die Frage nach der Entwicklung von Lebendigkeit und Bildhaftigkeit im Denken. Karl König war einer der großen Lehrer eines lebendigen, imaginativen Denkens; eine Kraft, die bislang künstlich aufgebaute Grenzen durchstoßen kann; Lebenskräfte fördernd und wahre Moralität suchend. Die Aufsatzreihe Bruder Tier mag hier stellvertretend als würdiges Beispiel dienen, wenn man sie unvoreingenommen auf sich wirken lässt.
Somit erkennen wir unmittelbar, dass es gegenwärtig der rechte Zeitpunkt ist, Bruder Tier erneut einer breiten Leserschaft zur Verfügung zu stellen. Der volle Titel Bruder Tier – Mensch und Tier in Mythos und Evolution kann im Vorfeld bereits Fragen anregen, spiegelt letztlich aber auch genau Königs Absicht sowie seine Arbeitsmethode wider: Wir lernen aus seinen Ausführungen, wie in der Mythologie nicht ein alter, sondern geradezu ein neuer Zugang des selbstständig denkenden Menschen zur Evolutionsfrage verborgen ist, der uns über die darwinistische Denkweise hinweghelfen kann. So entsteht – Stück für Stück – eine Anschauung der gemeinsamen Evolution von Mensch und Tier, die unsere wahre Verwandtschaft mit dem Tierreich unmittelbar erlebbar macht. So könnte ein «geschwisterliches» Verhalten durch genau jene «Herzenserkenntnis» entstehen, die König als Grundvoraussetzung für die Zukunft des Menschseins fordert.3
Diese Aufsätze, die weit über das Spektrum naturwissenschaftlicher Fachbeiträge hinausragen, können einen neuen Bezug zu den Naturreichen – insbesondere dem Tierreich – ermöglichen.
Im Gespräch mit Fritz Götte, so berichtet dieser in seinem Geleitwort zur ersten Buchausgabe 1967, sprach Karl König von einer «künftigen Zoologie».
Götte, Freund und Verleger Königs, war selbst so berührt von den Tierdarstellungen, dass er ihn immer wieder aufforderte, weiterzuschreiben, was König bis zu seinem Tode 1966 auch buchstäblich tat. Den zuletzt fragmentarisch gebliebenen Aufsatz «Bruder Pferd» vollendete Götte dann als Herausgeber selbst. In diesem «Epilog» schrieb er über die künftige «Evolution» des Denkens:
Von der Qualität des Denkens wird es abhängen, welche Technik die Zukunft hervorbringen wird, eine menschen- und naturmörderische oder eine wesentragende und heilende, welche vor dem Christus bestehen kann. Und es hängt weiter von der Qualität des Denkens ab, welche sozialen und politischen Ordnungen oder Missordnungen die Menschheit ferner finden wird.
König hat, insbesondere in den letzten zehn Jahren seines Lebens, neben seinen Aufgaben in der weltweit gewachsenen Camphill-Bewegung und seiner Tätigkeit als Redner und Berater – auch international – unermüdlich geschrieben. Der Zeitgeist hat ihm wohl zu verstehen gegeben, dass seine Ansätze, seine Ziele, seine Art, die Herzen zu bewegen, schon damals wichtig waren, doch in der Zukunft erst recht von Belang sein werden. – Vielleicht erst zu einer viel späteren Zeit, in der sie aufgrund ihrer Signifikanz und unmittelbaren Praxisorientiertheit sowie sozialen Wirksamkeit den rechten Ackerboden finden werden. Genau in diesen letzten zehn Jahren (1956 – 1966) kamen diese elf Aufsätze mit vierzehn Tierbildern zustande.
Mehrere Auflagen von Bruder Tier (auch als Taschenbuch) sind seit 1967 auf Deutsch und als Übersetzungen ins Englische, Französische, Spanische, Russische und Chinesische erschienen. Für die nun vorliegende und bearbeitete Neuherausgabe haben Johannes F. Brakel und Wolfgang Schad dankenswerterweise neuere naturwissenschaftliche Beiträge zur Verfügung gestellt, die wir teilweise – wenn es sich um einfache Korrekturen handelt – im Text korrigiert haben; meist sind sie als Anmerkungen hinzugefügt.
Wir sind besonders dankbar, dass der englische Naturmaler und Zeichner Stephen Walton die Zeichnungen für diese Ausgabe angefertigt hat, denn auf dem Zukunftsweg zur Herzenserkenntnis hat grundsätzlich die Kunst eine wesentliche Rolle zu spielen, so soll sie hier den ihr gebührenden Platz einnehmen.

Einleitende Gedanken zur Neuauflage
von Imanuel Klotz
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Goethe, in Faust, «Wald und Höhle»
Das Einmalige des vorliegenden Werkes Bruder Tier besteht darin, dass Karl König die Erscheinungen der Sinneswelt nicht nur mit dem üblichen wissenschaftlichen Blick betrachtet, sondern gleichzeitig mit dem jungen, in der Menschheit allmählich erst erwachenden Herzensdenken, das ihm ein besonderes Anliegen war.1 Schon zu Beginn seiner Studienzeit – die er vor dem Medizinstudium mit Zoologie begann – hatte er sich an der damit in Zusammenhang stehenden Anschauungsweise Goethes orientiert, die in den hier vorliegenden Aufsätzen auch immer wieder erwähnt wird. Ein typisches Symptom für dieses an sich noch zukünftige Herzensdenken ist das Ausreifen des zu behandelnden Themas. König schreibt das Werk in den letzten zehn Jahren seines Lebens als Frucht eines lebenslangen Strebens, dessen Wurzeln bis in seine Jugendjahre reichen, in denen er früh seine Fähigkeit zu schulen versuchte, moderne wissenschaftliche Exaktheit mit gott- und geistergebenem Erkennen zu verbinden. Wir können diesen Weg erahnen, wenn wir nicht nur Königs naturwissenschaftliches Studium als Hintergrund bedenken, sondern uns zudem den geistigen Hintergrund seines Denkens und seine starke Empathiefähigkeit vergegenwärtigen.
Sein schon in der Kindheit sich zeigendes soziales Gewissen, sein unermüdlicher Einsatz als Arzt und Heilpädagoge waren nach außen hin natürlich dem Menschen gewidmet, doch die Liebe zum Tier und das Gefühl des brüderlichen Verbundenseins – durchaus im paulinischen Sinne der Erlösung der Kreatur2 – verließen ihn nie. Eine kleine Episode, die seine Mutter 1966, im jüdischen Altersheim in London lebend, in ihren Memoiren3 festhielt, kann dies anekdotisch verbildlichen:
Einmal kam mein Sohn die ganze Nacht nicht nach Hause; wir dachten, er schläft vielleicht bei den Bergels. In der Früh kam er zerzaust und schmutzig. ‹Ja, wo warst du denn?› Da sagte er: ‹Bei der Polizei.› Der Grund? Er hielt im Stadtpark einen Vortrag, wie schlecht die Tiere hier behandelt werden. Der Schinder kommt und fängt die Hunde ein auf grausame Art … Das war immer ein jämmerliches Heulen. Und so hielt mein Sohn einen Vortrag im Stadtpark darüber, eine große Menschenmenge sammelte sich um ihn, und das war in Wien streng verboten. So kam der Polizist und arretierte ihn von der Stelle weg, er durfte uns nicht einmal anrufen. Das ist der österreichische Polizeistaat im Gegensatz zu England, wo jeder Mensch im Hyde Park sprechen kann, ohne belästigt zu werden.
1902 in Wien als Kind jüdischer Eltern geboren und dort aufgewachsen, beginnt Königs Entwicklung im Judentum, von dem er sich eigenständig bereits als Zwölfjähriger zu lösen beginnt, sich zum Christentum wendet und sich sechzehnjährig in der katholischen Kirche taufen lässt, jedoch bald aus der konfessionellen Bindung herauswächst.
Seine religiöse Innigkeit ist mit der ernsten Suche nach philosophisch und wissenschaftlich erfassbarer Wahrheitsliebe in einem sozialreformierenden Kontext menschlicher Brüderlichkeit verbunden. Die Krönung seines frühen Jugendstrebens erlebt Karl König in seinem neunzehnten Lebensjahr am 4. Mai 1921, im Umkreis des ersten Mondknotens, der Wiederkehr der Geburtskonstellation von Erde, Sonne und Mond:4
Ich habe in den letzten Tagen etwas durchlebt; was noch niemals in mir war. Die Umwelt ist für Stunden von mir gefallen, und ich habe das Innerste erblickt: ich habe erfasst, dass wir teilhaben am ganzen All der Ewigkeit, dass das Ich das All-Eine ist. In diesen Stunden kam mir mein Bewusstsein viel größer und weiter als die Sterne vor. Die Zeit dauerte sehr sehr lange. Mir war, als hätte ich erst in diesen Stunden das Denken erfasst.5
Hiermit deutet Karl König die geistige Pforte an, die er auf dem Weg zu seinen akademischen Studien an der Universität Wien durchschritt. Als Realschüler musste er zunächst das Latinum nachholen. Er hörte währenddessen auch Vorlesungen über Botanik, Zoologie, experimentelle Zoologie und Biologie sowie zwei Semester lang auch Physik, Chemie und höhere Mathematik. Bei all dem pflegte er von Jugend an eine intensive Auseinandersetzung mit der Dichtung und der Musik; liebte insbesondere Beethoven, Bruckner und Mahler, spielte auch sehr gerne Klavier, sodass die Musik ein zentrales Element in seiner Bildung ausmachte und er sogar den Beruf eines Dirigenten in Betracht zog. Aber sein Interesse für das Wesen des Menschen und sein entschiedener Heilerwille, in dem er aber den Menschen nie nur für sich, sondern immer auch im sozialen Zusammenhang sah, führten ihn zum Medizinstudium.
Bei seinem Eintritt in die Universität notierte er in seinem Tagebuch, dass sich die Welt der naturwissenschaftlichen Forschung … vor mir mit unmäßiger Gewalt zu enthüllen begann; mit Gelassenheit ahnte er:
Das materialistische Meer wird auf mich einstürmen. Aber ich will standhalten. Die Welt und das All sind voll von Gott und voll von Engeln und Wundern, voll von Güte und Zorn und voller Willen.
Als er sich dann auf die mathematisch-materialistischen Anschauungen und Forschungen einließ, wie sie im Fach Medizin nötig sind und gefordert werden, begegnete er Goethe, den er bis dahin nur als Dichter kannte und schätzte, nun auch als Naturforscher. Damit wird ihm der Geist des wahrhaft Lebendigen, den er im Bereich des Denkens bereits ergriffen hatte, auch in naturwissenschaftlicher Hinsicht greifbar.
[Goethes] botanische und anthropologisch-morphologische Darstellungen wirkten auf mich wie eine Erlösung. Hier fühlte ich mich unmittelbar angesprochen, das waren die Tore, die zu möglichen Antworten führen werden. Ich begegnete in den Goethe’schen Anschauungen über die Natur etwas, das mein Denken […] belebte. […] Nun erst wurde das Studium der Anatomie, der Embryologie und Histologie zu einem täglichen Quell innigster Freude. Knochen und Muskel offenbarten mir neue Welten. Die Idee der Metamorphose ergriff mich tief, und ich lernte ahnend das Walten der Bildekräfte der Natur kennen. So begann ich auch die Identität, die zwischen diesen Bildekräften und unseren Gedanken besteht, zu erfassen. Draußen in der Natur wirken diese bildenden Kräfte so, dass sie alle organischen Formen entstehen lassen. Drinnen, in der menschlichen Seele aber, sind sie die Bildner unserer Gedanken und Ideen.6
So entsteht Königs Menschenbild zwischen einem geisterfüllten Kosmos und dem natürlichen Leben von Pflanze und Tier auf der Erde. Dabei richtet er seinen Blick auf das Werden des Menschen im Bereich der Embryologie und Evolution. Durch seine damaligen tiefen Fragen kann man sich vielleicht daran erinnert fühlen, wie genau einhundert Jahre zuvor7 solche Fragen in Charles Darwin lebten, der aber bewusst alles Künstlerische ausschloss, verbannte, das davor ebenso eine Rolle in seinem Leben gespielt hatte, um sich ganz der naturwissenschaftlichen Forschung hinzugeben, was er aber im Alter bereute.8
Drei Jahre verbrachte König am Embryologischen Institut. In seinem Tagebuch finden wir folgenden Eintrag:
Ich lernte die Wege der sogenannten exakten Forschung kennen – und – unterrichtete […] Hunderte von Studenten in der Kunst des Mikroskopierens; vor allem aber wurde mir die Entwicklung und Ausgestaltung des menschlichen Embryo gründlich vertraut.9
Das phylogenetische und ontogenetische Grundgesetz beschäftigte ihn und lenkte seinen Blick auf die spirituellen Aspekte der Evolution von Mensch, Erde und Welt. Im gegenwärtigen Tierreich schaute er auf längst vergangene Stufen der Menschwerdung, welche das Tier wie ein zurückgebliebener Bruder des Menschen bewahrt. Aus dem Geist einer solchen Anschauung, die von dem Prinzip des durch Pflanze und Tier zum Menschen aufsteigenden Lebens durchdrungen ist, betrachtet Karl König das Tierreich, woraus der Titel Bruder Tier hervorgeht. Es handelt sich um ein uraltes, aber von uns heute in neuer Form zu erringendes Mysterienprinzip, an dem Karl König von den allerverschiedensten Seiten lebenslang gearbeitet hat. Hier steht das Tier in der Mitte zwischen Mensch und Pflanze. Eine knappe Beschreibung dieses Mysterienprinzips, von Rudolf Steiner geschildert, sei hier angeführt. Ausgehend von der Fortpflanzung im Bereich der Pflanzen beschreibt er:
Wer in die tieferen Beziehungen eindringt, betrachtet die Pflanze als einen umgekehrten Menschen. Sie hat unten die Wurzel, dann nach oben den Stängel, Blätter, Staubgefäße und Stempel; die Stempel enthalten die weiblichen, die Staubgefäße die männlichen Befruchtungsorgane. In naiver Unschuld streckt die Pflanze die Befruchtungsorgane der Sonne entgegen, denn die Sonne ist die Befruchtungskraft. Die Wurzel ist in Wahrheit das Haupt der Pflanze, welche die Befruchtungsorgane in den Weltenraum hinausstreckt und deren Kopf von dem Innern des Erdzentrums angezogen wird. Der Mensch ist umgekehrt, er hat das Haupt oben und die Organe, die die Pflanze zur Sonne hinaufstreckt, unten. Das Tier steht in der Mitte, es hat den Leib horizontal. Wird die Pflanze halb gedreht, so ergibt sich die Stellung des Tieres, wird sie ganz umgedreht, die des Menschen. Das hat die alte Geheimwissenschaft in einem uralten Symbol ausgedrückt, im Kreuz, und hat gesagt, wie Plato es nach den alten Mysterien ausdrückt: Die Weltenseele ist ans Kreuz des Weltenleibes geschlagen. – Das heißt, die Weltenseele ist in allem enthalten, aber sie muss sich hinaufarbeiten durch diese drei Stufen hindurch; sie macht ihre Reise am Kreuz des Weltenleibes durch.10

Erdenkreuz der Weltenseele, nach einer Zeichnung Rudolf Steiners11
Diesen Zusammenhang behandelte Rudolf Steiner in der Zeit 1905/06 öfter; zum Beispiel auch in einem Vortragszyklus in Paris über Kosmogonie.12 Hier kann uns eine Formulierung besonders interessieren:
Nehmen wir einmal an, wir sähen zwei Brüder, von denen der eine intelligent und schön, der andere hässlich und beschränkt ist. Was würde man von einem Menschen sagen, der glauben würde, dass der intelligente Bruder von dem idiotischen abstamme? Auf dieser Linie liegt der Irrtum des Darwinismus in Bezug auf die Rassen. Der Mensch und das Tier haben einen gemeinsamen Ursprung. Die Tiere sind eine Dekadenzerscheinung von einem gemeinsamen Vorfahren, von dem der Mensch den höheren Entwicklungsgrad darstellt.
Das braucht uns nicht hoffärtig zu machen, denn nur den niederen Reichen ist es zu danken, dass die höheren sich entwickeln konnten.13
Anschließend stellt Rudolf Steiner diese Tatsache in einen Zusammenhang mit der Demut des Christus bei der Fußwaschung (Joh. 13). Diese Haltung ist es, die wir bei Karl König erleben können und die zu der Formulierung «Bruder Pferd» im letzten der Aufsätze führte, woraus der Freund und Verleger Fritz Götte den Buchtitel Bruder Tier ableitete. Im gesamten Werk finden wir immer wieder Textstellen, in denen Karl König das Tier als vom ätherischen Weltenwesen durchzogenes Geschöpf schildert. Auf diese Zusammenhänge ist er bereits durch Goethes Metamorphoselehre aufmerksam geworden, die von diesem Strom des Lebens handelt, der in seinen typischen Ausprägungen – als «Typus» bezeichnet – von der Urpflanze zum Urtier bis herauf zum Menschen in drei Stufen aufsteigt, von denen Goethe einmal sagt:
Ich war völlig überzeugt, ein allgemeiner, durch Metamorphose sich erhebender Typus gehe durch die sämtlichen organischen Geschöpfe durch, lasse sich in allen seinen Teilen auf gewissen mittleren Stufen gar wohl beobachten, und müsse auch noch da anerkannt werden, wenn er sich auf der höchsten Stufe der Menschheit ins Verborgene bescheiden zurückzieht.14
Damit ist das innerste Wesen des naturforscherischen Goetheanismus gekennzeichnet, den König als junger Student zu erfassen vermochte und an dessen Entfaltung er zeitlebens arbeitete. Die große Aufmerksamkeit, die er dabei der Zoologie widmete, bezeugt seine noch heute vorhandene Bibliothek, in der sich mehr als 190 wissenschaftliche Werke befinden, die mit zahlreichen Randbemerkungen versehen sind.
Das Hauptwerk seines Lebens aber besteht nicht in gedruckten Texten, sondern in dem Aufbau der als «Camphill» bekannt gewordenen therapeutischen Gemeinschaft, die in Schottland begann und inzwischen weltweit gewachsen ist. Hier widmet man sich der Therapie Seelenpflege-bedürftiger Kinder und Jugendlicher sowie der sozialtherapeutischen Arbeit mit erwachsenen Menschen. Dabei kommt es zu einer therapeutischen Gemeinschaftsbildung, die mit dem Suchen und dem Aufbau einer wahrhaft geist- und naturgemäßen Sozialordnung verbunden ist. Den Aufbau dieser Arbeit nimmt der fünfunddreißigjährige König in Zusammenarbeit mit zwei Jugendgruppen in Angriff. Bei dieser Unternehmung wird er besonders von Dr. Ita Wegman begleitet, der ärztlichen Mitarbeiterin Rudolf Steiners, bei der er in der klinischen und heilpädagogischen Arbeit assistiert hatte. Unter den vielen Freunden der damaligen Zeit sei der Arzt Eugen Kolisko hervorgehoben. Kolisko kannte König bereits aus der gemeinsamen Jugendzeit in Wien. Er wurde von Rudolf Steiner als Schularzt an die erste Waldorfschule nach Stuttgart berufen und bekam von ihm auch entscheidende Hinweise zur kosmischen Gliederung des Tierreiches.15
Die Freunde verband das Interesse für Medizin und Zoologie sowie das gemeinsame Anliegen im Hinblick auf die Ernährung, die Landwirtschaft und das soziale Leben. So wirkten sie immer wieder an Tagungen zusammen und trafen sich 1938 im britischen Exil wieder, wo aber die Hoffnungen auf eine konkretere Zusammenarbeit 1939 durch Koliskos frühen Tod abbrachen. 1930 hatte Kolisko über Die zwölf Gruppen der Tiere in Zusammenhang mit dem Tierkreis publiziert. Das ist direkt auch für die Entstehung von Bruder Tier wichtig, denn Karl König knüpfte daran an: Obwohl er gerade erst nach Schottland gekommen war, mit der Gründung der kleinen Gemeinschaft und ihren alltäglichen Pflichten sehr beschäftigt war, schrieb er 1939 und 1940 ausführlich über die Tiere und den Tierkreis.16 Die vorbereitenden Notizen nehmen fast hundert Seiten in seinem Notizbuch ein, die er wohl hauptsächlich auf der wöchentlichen Zugfahrt nach Dundee schrieb, denn er musste regelmäßig zur Universität, weil sein deutschsprachiges medizinisches Studium in der Kriegszeit nicht anerkannt wurde. Trotz allem war es ihm wichtig, diese umfassende Arbeit fertig zu stellen; eine Arbeit, die er über viele Jahre vertiefte und in verschiedenen Kursen, Vorträgen und Seminaren – später auch für Ärzte und Künstler – darstellte. Zusammen mit Bruder Tier zeugen sie davon, dass König, getragen von einem umfassenden Wissen, durch seine bildhafte Art des Betrachtens,17 die nur aus dem im Herzen erwachten Denken gegründet ist, tiefere Schichten des Tierreichs erschließt, was für alle Menschen, besonders aber auch für Lehrer wegweisend ist. Von Zuhörern seiner damaligen Vorträge erfahren wir, wie diese Bildhaftigkeit unmittelbar wirkte und auf das Publikum übersprang. Seine Darstellungsart vermittelte reichhaltige innere Bilder, doch wenn er über Tiere sprach, reichten wenige Gesten oder ein kurzer, schaukelnder Gang und man erlebte den Elefanten vor sich.
In der seit 2007 erscheinenden Karl König Werkausgabe sind bereits einige Ausführungen über Tiere erschienen, die König für Landwirte gab.18 Aus der Fülle seiner Arbeiten werden weitere Schriften zum Thema zu publizieren sein. Bruder Tier erschien erstmals als Aufsatzreihe in der Zeitschrift Die Drei; 1956 die Beiträge über «Die Wanderungen der Aale und Lachse» und «Die Taube als heiliger Vogel». Fritz Götte, Mitbegründer des Verlag Freies Geistesleben und ab 1953 Redakteur der Zeitschrift, hat die elf Aufsätze kurz nach Königs Tod als Buch zusammengefasst. Allerdings war der letzte Teil – über das Pferd – noch nicht ganz fertiggestellt, denn an diesem Aufsatz schrieb König im wahrsten Sinne des Wortes noch in seinen letzten Tagen. Auf Seite 48 des Manuskriptes stand als letzte Überschrift: «Epilog». Wir haben es dem einfühlsamen Verleger Götte zu verdanken, der ein enger Freund Königs geworden war, dass wir heute etwas davon erahnen können, wie König den Abschluss wohl hätte gestalten wollen. Unter Verwendung der Vorbereitungsnotizen rundete Fritz Götte den Epilog und somit das Buch selbst ab. Im Geleitwort zur ersten Auflage 1967 berichtet Götte von dem Gespräch mit König im Jahr 1959, in dem beschlossen wurde, die Reihe fortzusetzen:
Hierbei fiel das Wort, wir sollten versuchen, immer mehr Tiere aus ihrer heutigen Gefährdung, ja Ausrottung durch den Menschen in eine Arche Noah, welche sich in der Menschenseele selber bilden sollte, hineinzuretten.
Diese Aussage – drei Jahre vor dem Erscheinen des bahnbrechenden Buches Silent Spring19 – hat sicher nichts von ihrer Brisanz verloren.
Karl König
Bruder Tier – Aufsätze
Geleitwort zur Erstausgabe 1967
von Fritz Götte
Karl König ist am 25. September 1902 in Wien geboren; am 27. März 1966 ging er in Brachenreuthe am Bodensee durch die Todespforte. Er war Arzt, und er war es in einem umfassenden Sinne. Sein ärztliches Bemühen ging über das Behandeln einzelner Menschen hinaus; er schuf soziale Zusammenhänge, in denen Heranwachsende, Kinder und Jugendliche, welche vom sogenannten normalen Leben nicht ohne Weiteres aufgenommen werden konnten, sich in vollem Sinne als Menschen zu entfalten und zu erleben vermochten. In dieser ausgedehnten Arbeit trug ihn der tief in der eigenen Seele verwurzelte Gedanke: es gibt im Grunde keine Abnormen; wir sind alle Menschen schlechthin, wenn auch der eine oder andere in einem Erdenleben einmal hilfsbedürftiger sein möge als die Mehrzahl der Mitlebenden. Ein Brüderlichkeitsgedanke, den er durch das gesprochene und das geschriebene Wort, vor allem aber durch sein Tun eindrucksvoll vertrat.
Aber Karl König erlebte dieses brüderliche Verbundensein nicht nur gegenüber den hilfebedürftigen Menschen. Er war davon gleichermaßen erfüllt gegenüber den Tieren. So ergab es sich ganz konsequent, dass er auch – um dieses etwas sonderbar Anmutende zu sagen – für die Menschlichkeit des Tieres eintrat. Eine Hauptquelle war ihm dabei die Evolutionslehre seines Lehrers Rudolf Steiner, des Begründers der Anthroposophie, welche von der Schicksalsverbundenheit von Mensch und Tier spricht, die schon von Urvergangenheiten her besteht. Es ist eine Evolutionslehre, welche von der Trennung des Tierischen (wie auch des Pflanzlichen und Mineralischen) im Menschwerdungsprozesse spricht, aber auch von einer kommenden Wiedervereinigung oder – paulinisch gesprochen – von der Erlösung der Kreatur.
Karl König ist in seinem Denken und Sinnen einer solchen christlichen Strömung tief verpflichtet, damit aber auch Goethes morphologischen Arbeiten, die ihn den jeweiligen Typus als Abwandlung einer ideellen Grundgestalt aufzusuchen lehrten. Es ist die Lehre von jener «haushältischen Natur», die sich, wie Goethe im Anschluss an Geoffroy de Saint-Hilaire schreibt, «einen Etat, ein Budget vorgeschrieben, in dessen einzelnen Kapiteln sie sich die vollkommenste Willkür vorbehält, in der Hauptsumme jedoch sich völlig treu bleibt, indem, wenn an der einen Seite zu viel ausgegeben worden, sie es der anderen abzieht und auf die entschiedenste Weise sich ins Gleiche stellt». Man wird diesem Goethe-Schlüssel auf den folgenden Seiten wiederholt begegnen.
Der Verfasser unserer Tierbetrachtungen hat, bevor er sich der Medizin zuwandte, und in dieser besonders der Embryologie, auch Zoologie studiert. Aber das Buch vom Tier als Begleiter des Menschen soll kein einschlägiges «Fachbuch» sein, ja, Karl König hat wohl kaum an eine Buchveröffentlichung gedacht. Sein früher Tod hat überdies ausgeschlossen, dass er seine Darstellungen noch einmal ausgestaltete und überarbeitete. Wir bringen dieselben nunmehr so, wie sie in der Zweimonatsschrift für Anthroposophie und Dreigliederung Die Drei ursprünglich erschienen sind. Karl König bot der Schriftleitung im Jahre 1956 die ersten Arbeiten an: «Die Wanderungen der Aale und Lachse» sowie «Die Taube als heiliger Vogel». Es ergab sich dann eine dreijährige Pause, bis aus Gesprächen der Gedanke entstand, einer breiteren Leserschaft einzelne Tiere in jenen brüderlichen Gesinnungen nahezubringen. Hierbei fiel das Wort, wir sollten versuchen, immer mehr Tiere aus ihrer heutigen Gefährdung, ja Ausrottung durch den Menschen in eine Arche Noah, welche sich in der Menschenseele selber bilden sollte, hineinzuretten.
In der Arbeit über das Bärengeschlecht fällt das Wort von der «eigenen Würde», welche jeder Tiergruppe zukomme. Es ist eine Würde, welche eine frühe Menschheit – Königs mythologische Hinweise bestätigen es – dem Tierwesen voraussetzungslos zuerkannte, eine Würde, die aber der immer einseitiger intellektuell und egoistisch werdende Mensch zerstörte. König wollte helfen, sie durch ein neues Anschauen der Tiere wieder aufzubauen und so auch zu ihrer Erlösung beizutragen.
Vielleicht kann man das vorliegende, erstmalig von ihm Notierte mit Skizzen bezeichnen, Skizzen als Beiträge für eine «künftige Zoologie», die ihm vorschwebte, wofür die heutige Verhaltensforschung eine erste und «eine mehr spirituelle Interpretation ethnologischer Phänomene» eine weitere Tür sei in ein «Reich neuer Einsichten». Königs Gedankengänge und Verknüpfungen sind dabei oft kühn, zuweilen gewagt, aber selbst im Widerspruch noch anregend und in ihrem Grundbestreben unantastbar gerechtfertigt.
Die Herausgabe der vierzehn Tierbilder in der ursprünglichen Gestalt erfolgt um jener anregenden Wirkung willen, weiter aber, weil sie breiteren Kreisen, denen das gegenwärtige traurige Schicksal der Tierwelt nicht gleichgültig ist, neue Zugänge zu ihrem Wesen verschaffen können und nicht zuletzt auch deshalb, weil sie Erziehern einer heranwachsenden jungen Generation Stoff und Motive zu bieten vermögen, damit in ihr – anders als bei den im Geiste des Materialismus und der nackten Nützlichkeit aufgewachsenen Vorausgegangenen – früh- und rechtzeitig eine begründete Liebe zu ihren Brüdern im Tierreich sich bilden kann.

Vom Ursprung der Robben
Die Wanderung der Tiere
Das ganze Reich der Tiere ist von einem ständigen Wandertrieb durchwirkt. Es gibt kaum eine Familie oder eine Art, in der das Ziehen und Wechseln nicht zum Bestand ihrer Existenz gehörte. Die Fahrten und Reisen gehen über kleine und große Räume. Einzelne Gattungen haben die Fähigkeit, die Weltmeere zu durchkreuzen; andere überfliegen ganze Kontinente.
Dieses Wandern tritt in der mannigfaltigsten Gestalt auf. Es kann, wie beim Ziehen der Vögel, über viele Tausende von Kilometern sich erstrecken; bei manchen Schmetterlingen hohe Gebirge übersetzen. Alle Elemente, Erde, Wasser und Luft werden durchzogen. Die Rentiere wechseln regelmäßig über weite Strecken des Nordens; die Aale, die ihre Wiege im Sargassomeer haben, schieben sich nach Osten weiter und steigen die Flüsse des eurasischen Kontinents hinauf. Die Lachse machen den umgekehrten Weg, von den Quellen der Bäche zurück in den Ozean. Die alles zerstörenden Massen der Wanderheuschrecken, die Horden der Wanderameisen schwirren und kriechen in überwältigender Zahl über weite Landstriche.
Der Zug der Heringe, das Auftauchen des Störs, das Erscheinen der Seehunde, Seelöwen und Pinguine zu ganz bestimmten Zeiten des Jahres und ihr Verschwinden nach kürzeren oder längeren Perioden sind Teilerscheinungen dieses unentwegten Kommens und Gehens, das alle Stämme der Tiere durchzieht.
Kann man diesem Wandern und Ziehen der Tiere eine einheitliche Ursache unterstellen? Es handelt sich dabei um ein ungewöhnlich komplexes Geschehen, das augenscheinlich den verschiedensten Bedingungen unterliegt. Jede einzelne Tierart hat die ihr zugehörige Form des Wanderns, und sie ist ebenso charakteristisch für die betreffende Art wie die Gestalt des Leibes oder die Anordnung der Zähne. Manche Wanderungen unterstehen jahreszeitlichen Rhythmen; andere erfolgen mit den Phasen des abnehmenden oder zunehmenden Mondes. Oft sind die Paarungs- und Geburtsperiode mit dem Ortswechsel eng verbunden. Es gibt auch nomadische Tiere, die ihren Futterplätzen nachziehen, und andere, die von einem plötzlich und ganz aperiodisch auftretenden «Wander-Wahnsinn» ergriffen werden und gleich den skandinavischen Lemmingen in den unmittelbaren Tod rennen. Versucht man, einige allgemeine Wesenszüge des Wanderns der Tiere aus der Vielfalt der einzelnen Erscheinungen herauszuarbeiten, dann ergeben sich wichtige Gesichtspunkte; wir müssen nur die Idee des Wanderns so weit als möglich fassen. Je umfassender wir das Phänomen anschauen lernen, umso deutlicher tritt das Wesentliche und Charakteristische zutage.
Ein Bienenstock, der durch Wochen hindurch der regelmäßigen Arbeit oblag, der Honig sammelte, die Larven versorgte, die jungen Bienen ihre Geschäfte und Tätigkeiten lehrte, wird plötzlich, und manchmal innerhalb weniger Stunden, von einer das ganze Volk ergreifenden Unruhe durchsetzt. Alle Regelmäßigkeit ist unterbrochen. Das Sammeln des Honigs war schon in den vorhergehenden Tagen herabgesetzt, und die Weiselzellen, in denen die künftigen Königinnen fast bereit zum Auskriechen sind, werden streng behütet. Dann, nach einer kurzen Regenperiode, wenn die Sonne wieder durchbricht, kommt es wie mit einem Male zum Schwärmen. Die alte Königin und eine große Menge junger Arbeiterinnen verlassen den Stock und gehen als eng zusammengedrängter Schwarm auf die Suche nach einem neuen Nest.
Die Lemminge Norwegens, eine Wühlmäuseart, können durch Jahre hindurch auf den Hochebenen und Hochmooren der nördlichen Gebirge vereinzelt, kaum beachtet und sehr scheu und zurückgezogen dahinleben. Eines Sommers aber, nachdem das Brutgeschäft öfter und reicher als sonst vollzogen worden ist und eine Unzahl von jungen Lemmingen die Heide bevölkern, bricht plötzlich, über ganze Landstriche hin, der Wandertrieb über sie herein. Zu Abertausenden rotten sie sich zusammen, werden kämpferisch, angriffslustig, streitsüchtig und rennen durch Wald und Busch, überqueren Flüsse, stürzen in tiefe Schluchten, erdrücken sich gegenseitig zu Tausenden und ziehen, Körper an Körper gepresst, immerzu gegen Westen, bis sie die Gestade des Meeres erreichen und, immer weiter wandernd, im Wasser untergehen.
Die Pinguine, die durch Monate die Inseln und Landzungen der Antarktis gemieden haben, tauchen plötzlich, wie von einem Zauberstab berührt, zu Hunderten aus den Tiefen des Ozeans auf und bevölkern, Kopf an Kopf gedrängt, das feste Land. Dort bauen sie die einfachen Gehege; es sind Gruben oder kleine, steinumfasste Mulden. Dorthinein legen sie ihre Eier und brüten die Kleinen aus. Nachdem die junge Brut «flügge» geworden ist und schwimmen gelernt hat, gehen die Scharen wieder zurück ins Meer und verschwinden, niemand weiß wohin, für den Rest des Jahres. Diese Beispiele könnten durch zahlreiche andere vermehrt werden. Immer zeigt es sich, dass beim Auftauchen des Wanderns auch ein anderes Element mit erscheint. Die einzelnen Tiere rotten sich zu größeren oder kleineren Gruppen zusammen. Vögel, Fische, Insekten, alle schwärmen und ziehen und streichen in großen, dicht gedrängten Scharen ihrem Ziel entgegen. Viele Erklärungen dieses tierischen Verhaltens wurden erdacht. Jede einzelne dieser Theorien enthält ein Stück Wahrheit, keine aber wird dem Phänomen selbst in seiner umfassenden Größe gerecht. Sicher spielen Hunger, Fortpflanzungstrieb und Todeserwartung dabei eine Rolle. Warum aber kommt es zu diesen Zusammenrottungen? Was geschieht dem Einzeltier, dass es vielfältige Gemeinsamkeit mit seinen Art- und Stammesgenossen sucht und nur mit ihnen zusammen die Züge und Reisen und Hochzeitsflüge unternimmt? Warum drängen sich Tausende von Pinguinen, Zehntausende von Robben, Millionen von Heringen, Aalen, Sardinen plötzlich zusammen? Die einen ziehen gemeinsam, die anderen lassen sich, in zahlloser Fülle, an bestimmten Plätzen gemeinsam nieder.
Können wir ahnend erfassen, was sich in diesen Augenblicken des Tierlebens vollzieht? Sicherlich kann man versuchen, eine Drüsenfunktion, das plötzliche Erwachen eines Instinktes und manches andere dafür verantwortlich zu machen. Die Drüsen aber ändern ihre Funktion, die Instinkte wachen auf, weil ein Höheres, Stärkeres die ganze Tierart durchsetzt und sie wie verwandelt.
Was geschieht mit einer Gruppe von Vögeln, die im Herbst sozusagen den Wanderstab ergreifen, um nach Süden zu ziehen? Eine plötzlich auftretende Unruhe überkommt sie; die Zusammenrottungen vollziehen sich und das Reisen beginnt. Zugvögel, die in Käfigen gehalten werden, erleben zu der Zeit, da ihre freien Artgenossen zu wandern beginnen, das gleiche Unruhigwerden. Lucanus sagt darüber: «Rastlos flattert und tobt der Gefangene im Käfig umher und zerstößt sich dabei häufig das Gefieder fast bis zur Unkenntlichkeit … Dies beweist untrüglich, dass es nicht äußere Gründe sind, die den Zugvogel auf die Wanderschaft treiben, sondern dass er einem allgewaltigen Triebe folgt, der ihn völlig beherrscht und von ihm nicht willkürlich unterdrückt oder abgeändert werden kann. Der Zugvogel zieht, weil er ziehen muss!»1
Warum aber müssen die Vögel ziehen? Weil alle Tiere, in ähnlicher Art wie der Mensch, von bestimmten Rhythmen des Lebens durchwirkt sind. Es ist unberechtigt, den Wandertrieb der Tiere mit dem Reise- und Forschungsverlangen der Menschen auch nur annähernd zu vergleichen. Dieser fatale Irrtum hat immer neu die wahren Einsichten verhindert. Die Tiere wandern und ziehen so, wie die Menschen schlafen und wachen. Die Vögel, die sich zum Zug nach dem Süden vorbereiten, erleben eine Bewusstseins-Änderung, der sie nachgeben müssen. Es ist ein Abendwerden, ein Einschlaf-Erlebnis, das sie überkommt. Und nun beginnen sie vom Süden zu träumen, und jede Art hat ihren gemeinsamen Traum, schließt sich im Erlebnis dieses Traumes zusammen und findet, Schlafwandlern gleich, ihren Weg in das Land ihrer Träume. Bei ihnen allen tritt eine Linderung des Verhaltens ein. Der gleiche Lucanus erzählt: «Auf der Kurischen Nehrung habe ich oft genug beobachten können, wie Wanderfalken und Sperber in unmittelbarer Nähe von Drosseln, Staren, Finken oder anderen Kleinvögeln dahinzogen, ohne dass sie irgendwelche Raubgelüste zeigten, und dass auch alle diese Kleinvögel die sonst so gefürchteten Räuber gar nicht beachten, sondern unbekümmert um deren Nähe ihre Luftreise fortsetzten, ohne auch nur im Geringsten die Flugrichtung zu ändern.» Das ist nur dadurch zu erklären, dass sie alle, Räuber und Opfer, gemeinsam zu Träumern geworden sind. Ein leichter Schlaf hat sie überkommen, und während der Zeit ihres südlichen Aufenthaltes werden sie aus diesem Schlaf erst erwachen, wenn der frühe Morgen ihrer Rückreise anbricht. Dann beginnen sie, nach ihrer Heimat zurückzustreben; diese jedoch ist Tag und Tagewerk. In der Heimat tritt das Erwachen ein – der Nestbau, die Brutpflege, die Sorge für die Aufzucht. Nachdem diese Arbeit getan ist, beginnt der Abend des Aufbruchs und der Traum des Südens sie wieder zu überkommen.
Hier enthüllt sich der gewaltige Hintergrund, dem alles tierische Wandern unterliegt. Wie wir Menschen im Rhythmus der täglichen Erdumdrehung schlafen und wachen, so durchzieht die Tiere ein ähnlicher, aber jährlicher Rhythmus. Nicht die Erde, sondern das Zusammenspiel von Erde, Sonne und Mond rhythmisiert das Schlafen und Wachen der Tiere. Das Wandern und Ziehen ist ein Einschlaf- und Aufwach-Erlebnis der Gruppenseelen der einzelnen Arten. Die Allgewalt dieses Geschehens ist aus Instinkten, Trieben und Verhaltensweisen gar nicht allein zu erklären. Ein mächtiger Seelenatem durchzieht die einzelnen Völker der Tiere; er hebt sie ausatmend aus ihrem Tagewerk in ein Traumland und führt sie, einatmend, wieder zurück in den Alltag.
Erst beim Anblick dieser die ganze Erde durchflutenden Atemzüge ist auch das Leben der Robben zu ergründen. Diese große, seltsame und mit so vielen Geheimnissen umwobene Tiergruppe untersteht dem Gesetz dieses Rhythmus in einer nun zu betrachtenden speziellen Art.
Der Jahreskreislauf
Das Leben der meisten Robben ist weitgehend durch einen Wechsel zwischen Wandern und Ruhen bestimmt. Dieses Lebenspendel wird noch dadurch in seinen Ausschlägen besonders betont, dass die eine Periode sich vorzüglich im Element des Wassers, die andere aber gänzlich auf dem Trockenen abspielt. Die Dauer der einzelnen Perioden schwankt mit den Arten und ihren Lebensräumen. Manche verbringen die Hälfte der Zeit auf dem Lande, andere nur wenige Wochen.
Die Jungen werden bei allen Robbenarten nur am Lande und niemals im Wasser geboren. Auch die Paarung erfolgt, bald nach der Geburt der Nachkommen, auf dem Trockenen. Und die Robbenjungen, hilflos und ganz der mütterlichen Sorge anheimgegeben, lernen erst nach einiger Zeit, unter der Führung und Anleitung der Mütter, das Meer kennen. In kleinen Tümpeln des Ufers erhalten sie richtigen Schwimmunterricht, bis sie das Element des Wassers beherrschen. Dann geht es zurück in die Weiten des Ozeans, und wenn sie wieder ans Land zurückkehren, sind sie schon kleine Herren und Damen geworden.
Die Entwicklung und Entfaltung der Jungen geht mit großen und schnellen Schritten vor sich. Das Milchgebiss wird bei den Arten, die es besitzen, schon vor oder bald nach der Geburt abgeworfen. Die Gewichtszunahme bei daraufhin untersuchten Seehund-Kindern beträgt etwa drei Pfund (!) täglich. So wachsen die Kleinen erstaunlich schnell heran und in einem Monat nach der Geburt ist schon die Säuglingszeit vorüber.2
Meist wird nur ein einziges Kälblein geboren, und wenn die Mutter, sich selbst vergessend, in den ersten Wochen nach der Geburt für ein oder zwei Tage hinausschwimmt und nicht nach ihrem Kinde sieht und womöglich nicht zurückkehrt, dann verhungert es. Die Kleinen beginnen jämmerlich zu greinen, und richtige Tränen rinnen aus ihren großen dunklen Augen.
Nach der Stillzeit bleiben die Jungen noch für einen weiteren Monat unbehütet am Strande. Die Mütter haben ihr Interesse für die Kleinen verloren und leben im Harem ihrer Männer. Die Kleinen aber wachsen weiter, obwohl sie kaum Nahrung aufnehmen; das Fell ändert seine Farbe, und wenn im aufziehenden Winter die Stürme einsetzen und die kalten Tage beginnen, dann ziehen alle, Alte und Junge, Große und Kleine, hinaus in das Meer. Wohin sie ziehen, ist vielfach nicht bekannt. Sie unternehmen aber weite Wanderungen, denn in Norwegen beringte Seehunde wurden im folgenden Jahr in Südschweden, in Schottland und auch in Island aufgefangen. Die Mehrzahl kehrt zu ihren alten Brutplätzen zurück. Der Einzug dorthin aber vollzieht sich nach streng geregelten Lebensgesetzen.
Die Bärenrobben z. B., die den nördlichen Pazifik, von Alaska bis Kamtschatka, bevölkern, beginnen gegen Ende Mai auf ihren Brutplätzen zu erscheinen. Zunächst kommen die älteren, mächtigen Herren, und bald danach ziehen die jüngeren Seebären nach. Während des ganzen Monats Juni besteht ein dauernder Krieg um die geeigneten Lagerplätze. Jeder der älteren Bullen umgrenzt sein eigenes Revier, wenige Quadratmeter groß, mit einigen Steinen und Erdklumpen; vor allem aber mit seinem Zorn und seiner Eifersucht. Tausende Reviere liegen dann nebeneinander, und die jungen Männchen, die noch keinen Anspruch auf eine Nestbildung haben, halten sich mehr oder weniger respektvoll im Umkreis auf. Um die Johannizeit, bis hinein in die ersten Tage des Juli, entsteigen dann Tausende von Weibchen dem Meer und lassen sich von den Bullen in die Reviere führen. Je kräftiger das Männchen ist, umso größer ist die Zahl seiner Frauen. In wenigen Tagen danach sind die Kinder geboren, werden gesäugt, aufgezogen, und gleichzeitig geschehen die neuen Hochzeiten und Paarungen.
In der Antarktis, wo die südlichen Bärenrobben ihr Ausbreitungsgebiet haben, vollzieht sich das gleiche Geschehen, nur beginnt es im November und währt bis zum März des folgenden Jahres.
Während dieser ganzen Zeit nehmen die Robben keinerlei Nahrung zu sich. Das Leben ist jetzt nicht Raub und Jagd, sondern Muße und Nichtstun. Es ist auch Streit unter den Männern, es ist Liebesspiel und Behagen. Die Kälbchen wachsen heran und treiben ihren kindlichen Unfug. Wer die Möglichkeit hatte, wie Lockley3 durch viele Wochen bei einem solchen Brutplatz zu leben und seine Sitten und Zustände zu beobachten, ist immer wieder von der Zauberwelt dieses Daseins gefangen genommen.
Was sich auf allen diesen Plätzen, an welchen Flossenfüßer landen und sich niederlassen, abspielt, ist ein Bild ihres Eingebettetseins in den Sonnengang. Wenn das Tagesgestirn seiner jährlichen Kulmination zustrebt, dann steigen die Robben aus dem Meer ans Land. Sie folgen dem Aufstieg der Sonne. Nicht weil es wärmer wird und weil sie nun am Trockenen bessere Lebensbedingungen haben, verlassen sie das Meer. Das Tagesgestirn trägt sie mit seinem steigenden Licht aus den Tiefen des Wassers in die Höhen des Luftkreises. Es ist ein sommerlicher Einschlafprozess, der sich vollzieht. Die Robben werden von Traumbildern durchzogen und müssen sich ihnen hingeben. Dieser Bewusstseinswandel führt sie aus den Tiefen des Meeres ans Land. Sie hören auf zu essen, bereiten die Stätten ihres Liebeslebens vor und haben eine Art von Feriennacht. Ein Sommerschlaf beginnt über die verschiedenen Familien und Arten der Robben hinwegzuziehen.
Hier ist es umgekehrt wie bei den Zugvögeln. Diese vollziehen ihr Brutgeschäft als Tagearbeit. Die Robben haben es in ihren Nacht- und Traumbereich verlegt. Solche Unterschiede sind biologisch und erdgeschichtlich von großer Bedeutung und müssten viel eingehender, als das bisher der Fall war, untersucht werden. Wenn es dann Herbst wird und die Sonne ihre Kraft verliert und nach abwärts steigt, wachen die Robben wieder auf. Der Herbst ist ihre Morgenzeit. Dann gehen sie zurück ins Wasser und werden zu Räubern und Jägern; nun beginnen sie ihr Tagewerk. Diese Jahresperiodizität hat aber noch einen anderen Aspekt. Innerhalb des großen Säugetierkreises bilden die Robben (Pinnipedia) eine eigene Ordnung. Manche Forscher rechnen sie zu Raubtieren; einige Merkmale deuten auf die Hunde hin. Ihrem Charakter und ihrer Lebensweise nach ist es schwer, sie an bestimmte andere Ordnungen anzuschließen. Sie haben einzelne Züge, die sie den Raubtieren, andere, die sie den Elefanten verwandt sein lassen. Die Teilung zwischen einem marinen und einem terrestrischen Leben gibt ihnen den komplizierten Stil ihrer Existenz. Im Wasser sind sie Raubtiere; sie sind gefürchtete Jäger, und kein Fisch ist vor ihnen sicher. Dort können sie auch erstaunliche Schwimmleistungen vollbringen und sind kühn, keck und angriffsfreudig wie alle Raubtiere. Sie scheinen im Meer nicht in Herden zu leben, sondern bleiben Einzelgänger, die nur lose mit ihren anderen Artgenossen verbunden sind. Ausnehmendes Geschick und Geschmeidigkeit ist ihrer Motorik eigen. Auf dem Lande aber sind sie tölpelhaft; da die Oberarme und Oberschenkel sehr verkürzt innerhalb der Haut steckengeblieben sind und der Rest der Gliedmaßen zu flossenartigen Anhängen umgewandelt wurde, ist ihre Fortbewegung sehr erschwert. Sie kriechen und stemmen und schieben sich auf dem Boden entlang. Auch geben sie ihre Räuber- und Jägerallüren auf und werden friedlich. Sie schließen sich zu kleinen, an Huftiere erinnernde Herden zusammen. Ein Bulle regiert die ganze Herde, die aus einer verschieden großen Anzahl von Weibchen und dem sie umgebenden Jungvolk besteht.4 Auch Elefanten haben ähnliche soziale Vergesellschaftungstendenzen.
So pendeln die Flossenfüßer nicht nur zwischen Wasser und Land hin und her. Sie pendeln, was ihren Charakter betrifft, auch zwischen Raubtier und Huftier. Während ihrer Wachperiode gleichen sie den Ersteren; während der Traumperiode den Letzteren. Dazu kommen manche fast menschliche Züge oder zumindest anthropoid anmutende Züge. So wird nur ein einziger Säugling geboren und selten einmal Zwillinge. Die kleinen Kälbchen können greinen und Tränen vergießen und haben sogar ein Milchgebiss. Der menschenähnliche Ausdruck des Robbengesichts kommt dadurch zustande, dass die Augen groß und rund sind, und dass auch der Kopf eine fast kugelförmige Schädeldecke hat. So überragt die Stirne (bei manchen Arten, besonders den Seehunden) die Augen, und da auch das Maul nicht zu stark nach vorne geschoben ist, entstehen die humanen Züge des Gesichtes.
Als ich einmal in der Abenddämmerung am Strand von Tintagel stand, ganz nahe der Höhle Merlins, und das Meer sein dunkles Lied sang, tauchte plötzlich ein Seehund aus dem Wasser auf. Er blickte auf mich, neugierig, fragend, und unsere Augen begegneten einander. Es war ein Blick, wie ich ihn kaum jemals in solcher Unmittelbarkeit mit einem Tier gewechselt habe; ein Blick ohne Angst, ohne Scheu, mit vollem Verständnis für die Situation. Damals begann ich für das Rätsel dieser seltsamen Tiere aufzuwachen.
Lebensraum und Ursprung
Erdgeschichtlich weisen keine Vorfahren auf die Robben hin.5 Ihre von der Paläontologie beschriebenen Skelette und Skelettabdrücke zeigen die gleichen Strukturen, die auch bei den jetzt lebenden Arten zu finden sind: die stummelförmigen Gliedmaßen, der zurückgebildete Schwanz und die charakteristische Bildung der Zähne. Die Funde wurden fast ausschließlich in denjenigen geologischen Schichten gemacht, die den beiden Ausgangszeitaltern des Tertiärs, dem Miozän und Pliozän entsprechen.
Die Tatsachen weisen mit deutlicher Sprache darauf hin, dass die Ordnung der Robben erdgeschichtlich spät und wahrscheinlich auch sehr plötzlich entstanden ist. Wo immer auch ihre Reste aufgefunden werden, zeigen sie ihre charakteristischen Merkmale, ohne Vorstufen und ohne Übergänge. Plötzlich, in voller und vollendeter Ausbildung, sind sie da.
Es kann zunächst kaum ein Zweifel darüber bestehen, dass die Robben ursprünglich Landtiere gewesen sind. Auch heute noch sind sie Lungenatmer, und die Neugeborenen sind so organisiert, dass sie während der ersten Lebenszeit nicht im Meer leben können. Deshalb müssen wir vorerst annehmen, dass alle Robben vom Land ins Wasser gegangen sind und wie in träumendem Erinnern, von der Sonne geführt, alljährlich in die Heimat ihres Ursprungs zurückkehren.
Wo liegen die Gestade, zu denen sie ihre Wege finden, und wo haben die Robben ihre hauptsächlichsten Brutplätze? Die letzten Erhebungen über die geographische Verbreitung aller Flossenfüßer zeigen eindeutig, dass die ursprünglichen Zentren, um die herum sie lebten, die beiden Polargebiete waren. Die Arktis sowohl als die Antarktis sind heute noch ihr Lebensraum.6
Bestimmte Arten wie z. B. die Seeleoparden, manche Stämme der Seelöwen und Elefantenrobben sind Bewohner der Antarktis. Andere steigen zur Paarung und Brutpflege auf viele Inseln und Halbinseln, die dem Nordpol vorgelagert sind. Grönland und Island, die östlichen und westlichen Gestade Nordkanadas und die zwischen Amerika und Asien sich ausbreitende und von Alaska bis Kamtschatka und Sachalin reichende Inselwelt sind ihre Heimat. Da die Robben ihren Sommerschlaf und Sommertraum ohne Nahrungsaufnahme zubringen, ist die öde, steinige, oft eis- und schneebedeckte Welt der polaren Gestade ein mögliches Lebensgebiet für sie.
Manche Robben aber, besonders aus der Unterordnung der Seehunde, finden ihren Weg, den Küsten entlang, nach dem Süden. In Europa sind sie in Irland, Wales und Cornwall regelmäßig zu sehen. Sie können in Portugal erscheinen, und eine bestimmte Gruppe, die Mönchsrobbe, bevölkert sogar die Küsten des Mittelmeeres. Je südlicher sie wandern, umso undeutlicher wird die Jahresperiodik ihres Daseins. Sie spielen dann zwischen Wasser und Land hin und her und verlieren ihren ursprünglichen Lebensrhythmus.
Auch in Binnenmeeren wie dem Baikalsee und dem Kaspischen Meer sind sie beheimatet. Diese Tatsache aber könnte einen Schlüssel für ihre ursprüngliche geographische Verteilung geben. Vielleicht haben die Wellen der nach Süden vordringenden Eiszeitfluten sie erst mitgenommen und beim Rückgang dort belassen.7 Für diese Vermutung sprechen auch die paläontologischen Funde, die Robbenskelette in Südrussland, in Ungarn, im Wiener Becken, in Südfrankreich, in Italien und sogar in Ägypten nachgewiesen haben.
Vom Norden, um die Arktis herum, scheinen die verschiedenen Ohrenrobben zu kommen. Dort, am Pol, war wahrscheinlich ihre ursprüngliche Heimat, in die viele von ihnen immer noch zurückkehren. Die nach Süden vorrückenden Gletscher der Eiszeitperioden brachten auch das Vordringen der Flossenfüßer mit sich. Je breiter der Eisgürtel wurde, umso weiter nach Süden schob er die ursprünglichen Polartiere vor. Auch aus der Antarktis schieben sich einzelne Robbengeschlechter die südamerikanischen Küsten entlang nordwärts, reichen bis Patagonien, und die Seelöwen gehen bis über den Äquator hinauf. Südafrika, Australien und Neuseeland sind gleichfalls Lebensgebiete der Robben.
Kann man aus diesen Einzelzügen paläontologischer und tiergeographischer Befunde ein zusammenhängendes Bild der Flossenfüßer gewinnen und daraus ihren erdgeschichtlichen Hintergrund entziffern? Sie sind Tiere, die in der Polarregion den geographischen Mittelpunkt ihrer Verbreitung haben. Von dort haben sie sich auf den Wellen der aufeinanderfolgenden Eiszeiten Schritt für Schritt in die gemäßigten Zonen vortreiben lassen.
Trotzdem blieb der Pol ihre Heimat. Je näher wir aber geographisch den Polargebieten kommen, umso mehr überwältigt der Jahreslauf der Sonne den für die südlicheren und äquatorialen Erdgebiete so natürlichen Tagesrhythmus. Erdentag und Erdennacht werden in den Polartag und die Polarnacht umgewandelt. Durch Monate hindurch erscheint die Sonne nicht über dem Horizont, bis sie dann, im Frühjahr aufsteigend, für viele Wochen nicht mehr untergeht. Hier begegnen wir der gleichen Periodizität, die in dem Daseinsrhythmus aller Robben eingeschrieben ist. Zur Zeit der Polarnacht nimmt die unter den Horizont steigende Sonne ihre Robbenkinder mit, und sie tauchen in die Wasser der Weltmeere ein. Hebt sich die Sonne aber zum Polartag hinauf, dann ziehen über die ganze Erde hin die Robben ihr nach und klettern ans Land. Die ganze Ordnung der Robben ist von diesem polaren Sonnenrhythmus durchdrungen. Daraus aber wird erst die geographische Ausbreitung und der Grundzug im Lebensstil dieser Tiere verständlich.
Die Vorgeschichte der Flossenfüßer, die wir aus der geographischen Verbreitung und Verhaltensart erschließen konnten, und ihr Lebensrhythmus, der dem Sonnengang in den polaren Gebieten angepasst ist, führt uns erdgeschichtlich in jene Regionen, in welchen in den Anfängen der Erd- und Menschheitsentwicklung die Hyperboräis zu suchen ist. Damals lebte alles, was sich später als Menschengeschlecht und Naturreiche entfalten sollte, noch wie im Keim. Rudolf Steiner beschrieb es einmal in der folgenden Art:
Ein gemeinsamer Weltenschoß war es, in dem die Lichtpflanze Mensch damals lebte, sich eins fühlend mit dem Lichtmantel der Erde. So war der Mensch in dieser feinen Dunstpflanzenform wie an der Nabelschnur der Erdenmutter hängend; so war er gehegt und gepflegt von der ganzen Mutter Erde. Wie in einem größeren Sinne heute das Kind gehegt und gepflegt wird im mütterlichen Leib als Kindeskeim, so war damals gehegt und gepflegt der Menschenkeim.8
Während dieser Erdperiode löste sich dann die Sonne aus der Erde heraus: Und verbunden war dieses Hinausgehen der Sonne damit, dass der Dunst sich abkühlte zu Wasser. Daraus entstand die «Wasser-Erdkugel» und der Mensch wurde so gestaltet, dass er teilweise ein Wasserwesen war, aber hinaufragte in den das Wasser umgebenden Dunstkreis. Dort erreichte ihn das von außen, von der die Erde umgebenden Sonne einstrahlende Licht.
In dieser Darstellung beginnt sich das Geheimnis vom Ursprung der Robben zu entziffern. In jener Erdregion, die heute noch die Heimat vieler Flossenfüßer ist, stand einst die Wiege der Menschheit. Dort lebten die lichtumflossenen, luftdurchglänzten Menschenleiber, an der Nabelschnur der Erdenmutter hängend. Immer zunehmender wurde die Verdichtung. Rudolf Steiner weist in dem oben zitierten Vortrag darauf hin, dass zur Zeit des Sonnenaustritts aus der Erde der Mensch jene Stufe in seinem Leibe erreicht hatte, die wir heute degeneriert festgehalten sehen in den Fischen. Wenn wir heute das Wasser von Fischen durchzogen sehen, so sind diese Fische Überreste jener damaligen Menschen.
Die Robben aber sind keine Fische, und dennoch sind sie auf das Leben im Wasser hin geformt und ausgestaltet. Wenn wir uns fragen, was Robbe und Fisch voneinander scheidet, dann wird die Antwort nicht schwer. Die Robben sind menschennäher; sie sind Säugetiere; sie bilden soziale Verbände, wenigstens zu der Zeit, da sie auf dem Trockenen leben; sie gebären ein einziges Junges und ziehen es, wenn auch nur durch wenige Wochen, auf.
Die Fische hingegen vertrauen ihre Eier in oft unendlicher Menge und Zahl dem Element des Wassers an, und selbst wenn manche Arten von ihnen Nester bauen und für Tage die Jungen betreuen, sind sie vom Säugetier und besonders von der Ordnung der Robben in Bau und Dasein und Verhalten unendlich weit entfernt. Der Fisch ist das Tier des Wassers, der Robben-Organismus aber ist nur an das Wasserleben angepasst. Die Gliedmaßen sind zu Schwimmfortsätzen umgestaltet; die Haut ist mit einer dicken Fettschicht unterlegt und gibt dem Tier den nötigen Wärmeschutz und die spindelartige, runde, für das Schwimmen so geeignete Körperform. Die Ohr- und Nasenöffnungen können im Wasser völlig verschlossen werden. So deuten alle Merkmale auf den Bewohner der Meere hin.
Wo aber liegt die Herkunft der Robben? Sind sie wirklich einstmals landbewohnende Säuger gewesen, die später ins Wasser gingen? Wenn das so gewesen wäre, müssten wir, mindestens andeutungsweise, Vorstufen dieser Meeresbewohner finden. Das ist aber nicht der Fall; fertig ausgestaltet treten sie in den beiden Endperioden des Tertiärs, im Miozän und Pliozän, auf. Nach Wachsmuths Untersuchungen9 entsprechen diese geologischen Epochen den Anfängen der alten atlantischen Zeit, sodass in dieser Erdepoche, in welcher die Urformen der Säugetiere sich erst auszubilden begonnen haben, die Robben schon fertig ausgestaltet auftreten. Liegt hier nicht ein Widerspruch vor, der eine Erklärung fordert? Sind die Robben vielleicht die Vorfahren aller damals entstehenden Säugetiere? Nicht Vorfahren im Sinne einer Evolutionslehre, die ein Tier aus dem anderen durch irgendwelche illusorischen Kräfte der Vererbung und Anpassung entstehen lässt, sondern Vorläufer so, dass sie ihre primitive Leibesform, ihre angedeuteten Glieder, ihren runden Körper bewahrt und nicht spezialisiert haben? Wahrscheinlich waren die Robben niemals wirkliche Landtiere, da die feste Erde erst um die Mitte der atlantischen Zeit so hart geworden ist, dass Tier und Mensch sich darauf stützen und Fuß fassen konnten.
Wenn wir diesen Überlegungen folgen, dann kann uns der Robbenleib in einem neuen Anschauungsunterricht entgegentreten. Erinnert er nicht an eine embryonale Gestalt? Ein menschlicher Embryo, am Ende des zweiten Monats, obwohl nicht größer als etwa 25 mm, gemahnt in seiner Ausbildung durchaus an die Form der Robben. Auch im Embryo sind die Gliedmaßen noch kleine, unbedeutende Stummel; die Augen sind rund, die Lider stehen weit auseinander. Der Mund ist lippenlos und gleicht einem Spalt. Und der Embryo schwebt im Wasser des ihn umhüllenden Fruchtsacks.
Begegnen wir hier, in zunehmender Verfestigung, Verdichtung und Vergrößerung, den Erinnerungen an frühe Erdenzeiten? Die Robben wurden keine Fische, weil sie noch bis in die Anfangszeiten der Atlantis hinein im Verband des Menschseins verblieben sind. Sie hatten undifferenzierte, embryonenartige Leiber, die sich schwebend-schwimmend in der noch nicht verdichteten Wassererde bewegten. Am Beginn der Atlantis, als das Gedächtnis und die Sprache sich ausgestalteten und die Menschenvorfahren, deren Teil die Robben waren, die ersten Schritte zur Ich-Werdung vollzogen, begann ihr Abstieg.10 Sie gingen zu schnell in die Verdichtung hinein und verhärteten ihre embryonale Menschengestalt.11 Deshalb verlieren sie jetzt noch ihr Milchgebiss schon zur Zeit der Geburt und werden nur wenige Wochen gestillt. Als Säuglinge wachsen sie so schnell, dass sie in kürzester Zeit zu unabhängigen Wesen werden. Diese überstürzte Säuglings- und Kindheitszeit weist deutlich auf den plötzlichen und viel zu schnell sich vollziehenden Tierwerdungsprozess hin.
Die Robben sind Zeugen dafür, dass die Ursprünge des Menschheitswerdens in jener hyperboräischen Region lagen, die am Erdenanfang als breiter Gürtel um den Nordpol herum gelegen hat. Dort waren die Menschenvorfahren und auch die Robbenvorfahren; sie waren beide identisch. Am Beginn der Atlantis, als die Erwerbung des Persönlichkeitsbewusstseins einzusetzen anfing, fiel ein Teil der werdenden Menschheit voreilig, noch als eine Art von Menschen-Embryonen, in die Verfestigung. Sie wurden zur Ordnung der Robben. Sie sind die Ursäugetiere, die als Embryonalformen fortpflanzungsfähig geworden sind.12
Sie tragen aber nicht nur ihre embryonale Formgebärde mit sich, sondern auch die innige Verbindung zur Sonne, die einstmals die Hyperboräis durchwirkt hat. Heute noch folgen sie, im Rhythmus von Polarnacht und Polartag, dem Sonnenlauf. Sie waren niemals eigentliche Landtiere gewesen; im Gegenteil! Aus den Wassern der frühen Atlantis, in die sie allzu bald hineintauchten, versuchten sie, auf der allmählich sich verdichtenden Erde Fuß zu fassen. Das ist ihnen nicht mehr gelungen. Jedes Jahr machen sie erneut diesen Versuch und vertrauen in einer rührenden Lebensgebärde ihre Jungen dem Trockenen an; das aber ist nur ein Traum, der so schnell vergeht, wie er gekommen ist, und wenn die Herbststürme einsetzen, müssen sie zurück ins Meer, wohin sie die untergehende Polarsonne ruft. Das ist das Erdenschicksal aller Robben, dass sie als Menschenembryonen zu schnell sich verdichteten. Dadurch tauchten sie in die Wasser der Weltmeere unter; sie erreichten die Antarktis und fanden dort die Lebensbedingungen ihrer einstigen Heimat wieder. Immer neu versuchen sie, das Land zu erreichen, und immer neu werden sie vom Wasser überwältigt. Sie stellen ein über die ganze Erde reichendes Denkmal einer frühen Menschwerdung dar. Blicken wir in ihre Augen, dann sehen wir uns selbst, wie wir einstmals waren und empfinden dumpf, wie wir geworden und was sie, die Robben, geblieben sind.
Sie sind uns so nahe, weil sie sich nicht wie die anderen Säuger spezialisiert haben. Sie sind weder Raub- noch Huftiere. Sie sind nicht jene lemurischen Erinnerungsformen, denen man in den Marsupialiern (Beuteltiere) und Monotremen (Kloakentiere) begegnet, noch jene dem Zerstören hingegebenen Formen, die wir als Nagetiere kennen.
Verwandt sind sie den Walen und Delphinen, aber auch diese haben eine andere Abkunft.13 Die Robben machten dann später die atlantische Katastrophe mit und kamen dadurch in alle jene Erdgebiete, die von ihnen heute noch bevölkert werden.
Zur Mythologie
Die Eskimos lebten einst in enger Verbindung mit Robben und Walen. Wenn früher ein Seehund oder Walross auf der Jagd erlegt wurde, dann blieb der erfolgreiche Jäger für drei Tage in seiner Hütte; während dieser Zeit durfte er weder Speise noch Trank zu sich nehmen; auch seine Frau durfte er nicht berühren. In seinem Haus blieb alle Arbeit liegen; die Liegestatt wurde nicht zurechtgeschüttelt und der Tran von den Lampen nicht weggewischt.
Nach drei Tagen aber war die Seele der erlegten Robbe frei und kehrte in ihren Mutterschoß zurück. Dann konnte auch das tägliche Leben und Jagen wieder beginnen.14 Die Seelen der Seehunde, Walrosse und Wale gehen heim zu Sedna, der großen Göttin:
Sie ist die Mutter aller Seetiere und die Hauptgöttin der Eskimos. Von ihr wird angenommen, dass sie über das Schicksal der Menschen waltet … Ihr Sitz ist in der Unterwelt; dort wohnt sie in einem Haus, das aus Steinen und Walknochen gebaut ist. Die Seelen aller Robben und Wale stammen aus diesem Haus. Dorthin gehen auch die Seelen nach ihrem Tode wieder zurück.
Eine außerordentliche Zahl von Riten und Tabus ist bei den Eskimos mit den Robben verbunden. Die Seelen dieser Tiere sind mit bedeutend größeren Gaben als diejenigen von Menschen begabt. Was sie nicht ertragen ist der Dampf, der aus menschlichem Blut aufsteigt, und der Schatten und die dunkle Farbe des Todes. Auch menstruierende Frauen sind ihnen unleidlich.
Die Eskimos empfinden dumpf, dass Blut und Tod jene Ich-Kräfte und Persönlichkeitsmotive enthalten, denen die Robben sich einstmals entzogen haben. Sie gehören noch zur Göttin der Unterwelt und der Erdentiefen; zu jenem Bereich der Mütter, aus dem das Menschenschicksal einstmals kam. Rudolf Steiner hat dargelegt, dass die «Mütter» dort zu finden sind, wo die vergangenen Stufen der Erdenentwicklung liegen.15 In jene Vergangenheitsgebiete hinein reichen auch die Seelen der Robben; dort haben sie ihren gemeinsamen Ursprung mit den Menschen, ihren Brüdern.
Diese aber haben in den letzten Jahrhunderten diese Bruderschaft verleugnet. Sie begannen im Norden und Süden der Erde eine unheimlich erbarmungslose Jagd auf ihre eigenen Vorfahren zu machen. Millionen Seehunde, Walrosse, Seelöwen, Leopardenrobben, Pelzrobben wurden vernichtet. Mit Keulen, Ästen, Gewehren und Messern wurden ganze Geschlechter ausgerottet und Arten zum Aussterben gebracht. Das aber wurde nicht von den Eskimos, die im engsten Lebensverband mit den Robben leben, angerichtet. Es wurde von Russen und Deutschen, Engländern und Japanern, Holländern, Skandinaviern, Amerikanern aus Raff- und Geldgier vollzogen. Immer seltener werden nun die Robben, und das Haus der Göttin Sedna wird wohl mit ihren Seelen dicht bewohnt sein. Diese mütterliche Göttin der Erdentiefen wacht auch über das Schicksal der Menschen; was aber wird aus einer Menschheit, die das Bild ihrer Herkunft blindwütig vernichtet? Verleugnet sie damit nicht handgreiflich ihren göttlichen Ursprung?
Nur wenige wissen noch die wahre Ursprungsgeschichte der Robben, und selbst der Lappe Aslak, der Sohn Siri Mattfis, der am 24. Mai 1944 von der Herkunft der Robben so erzählte, «wie die Väter es überliefert haben», ahnt nur mehr die Wahrheit.16 Er sprach vom Auszug der Juden aus Ägypten, von deren Durchgang durch das Rote Meer und von den sie verfolgenden Agyptern. Und dann heißt es:
Da hob Moses wieder seinen Stab in die Höhe und Pharao und alle seine Leute, Hunde, Wagen und Pferde wurden von der Flut verschlungen. Pharao selbst und alle, die zu seinem Geschlecht gehörten, wurden Robben; sie wurden große Robben, während alle seine Soldaten kleine Robben wurden.
Hier erscheint noch einmal, aber in geschichtlicher Verzerrung, jenes Urbild des Robbenwerdens. Ein Teil der Menschheit, die nicht am Fortgang der Entwickelung teilnehmen, sondern ihn verhindern will, wird von den Wasserfluten verschlungen. Der andere Teil aber geht trockenen Fußes durch das Meer und betritt am anderen Ufer die feste Erde. Und Aslak fügt am Ende seiner Erzählung den Satz hinzu:
Wenn du einmal darauf achtest und nimmst das Fell einer Robbe weg, so gleicht sie fast einem Menschen. Vor allem, wenn du eine Robbe auf die Bauchseite legst.
So ahnte Aslak die tiefe Verwandtschaft von Robben und Menschen.
Vom Leben der Pinguine
Der antarktische Lebensraum
In dem bekannten Buch: Die Insel der fünf Millionen Pinguine schreibt Cherry Kearton:
In der Tat weiß ich nicht, ob mir während der vierzig Jahre, die ich nun schon naturforschend durch die Welt ziehe, je ein so interessantes und zugleich unterhaltsames Geschöpf begegnet ist wie der Pinguin. Wegen seines komischen Ausdrucks, für den er berühmt ist, muss man über ihn lachen, ob man will oder nicht. Allein die Insel der Pinguine hat mich gelehrt, dass er nicht nur belacht zu werden verdient. Er mag nicht immer einen besonders gescheiten Eindruck machen – obwohl er, vermutlich aus Instinkt, oft erstaunlich klug und bedacht handelt –, aber er ist ein braves und treues Geschöpf und im ehelichen Leben ein wahres Musterbild.1
Wer Pinguine jemals gesehen hat – vor allem die Eselspinguine –, wird diese Beschreibung bestätigen. Diese Vögel, die nicht fliegen können, dafür aber auf dem Lande aufrecht dahinwackeln oder auf dem Bauch vorwärtsrutschen, sind ein seltsames Volk. Zu vielen Tausenden tauchen sie plötzlich, aus dem Meer kommend, an ihren Brutplätzen auf. Sie sind dann zahlreich wie der Sand am Meer. Das Weibchen legt wenige Wochen nach der Begattung ein Ei. Beide Partner vollziehen gemeinsam das Brutgeschäft, und beide kümmern sich mit rührender Besorgnis um die Aufzucht des meistens einzigen Kindes. Das alles geschieht «en masse», Kopf an Kopf und Nest an Nest.
Nachdem die Jungen einigermaßen selbstständig geworden sind, gehen sie alle zusammen, Familie und Volk, zurück ins Meer.
Dieser Rhythmus wiederholt sich alljährlich immer neu, nur mit dem Unterschied, dass die verschiedenen Pinguinarten ihre individuellen Rhythmen haben. Die meisten brüten während des Sommers. Die Kaiserpinguine hingegen kommen im Herbst ans Land und verbringen dort die Brut- und Aufzuchtzeit während des Winters. Die Eselspinguine brüten sogar zweimal im Jahr; im Herbst sowohl als auch im Frühling. Allerdings leben sie näher der gemäßigten Zone als die meisten anderen ihrer Genossen.
Der Lebensraum aller Pinguine ist ein sehr umgrenzter. Sie sind Tiere der Antarktis. Ihr Ausbreitungsgebiet reicht vom Südpol bis zu den Inseln und Inselgruppen der ihn umgebenden Meere. Der ganze Kreis dieser Inseln wird von den Pinguinen als Brutplatz benützt. Von Neuseeland über Tasmanien zu den Kerguelen und Crozetinseln, bis nach Süd-Georgien, Süd-Orkney, Süd-Shetland und Südafrika reicht dieses Gebiet. Kalte Meeresströmungen brachten sie sogar zu den Galapagos-Inseln am Äquator.2 Am Nordpol und in den nördlichen Eismeeren hingegen ist der Pinguin unbekannt.
Das ist ein sehr beachtenswertes Phänomen, dem wir hier begegnen, denn wenige Tierarten haben eine so deutlich umschriebene Lebenszone. Wie ist das zu verstehen? Ist nicht der Nordpol dem Südpol ähnlich? Beide stellen die aus dem übrigen Reich der Erde herausgehobenen Gebiete dar, in denen der Tagesrhythmus zum Jahresrhythmus geworden ist, weil die Sonne nur einmal im Laufe von zwölf Monaten auf- und einmal untergeht. Die Region des ewigen Eises überzieht beide Polarzonen. Unterhalb dieser Decke aber sind beide Reiche völlig voneinander verschieden.
Das Nordpolargebiet ist ein gewaltiges, vom Meer erfülltes Einsturzbecken, aus dem einzelne Inselreste herausragen, und das von den Küstenstirnen der Festländer umstellt erscheint. Das Südpolargebiet ist im Gegensatz dazu Festland, und zwar ein ausgedehnter Hochlandblock, der vom Meer umgeben wird.3
Mit dieser Feststellung wird der grundlegende Gegensatz der beiden Polargebiete genau charakterisiert. Noch deutlicher tritt das in der folgenden Feststellung hervor:
Der Nordpol liegt in einem tiefen Meer von der Größe des Erdteils Europa, das am Pol selbst über 4200 Meter tief ist. Der Südpol dagegen ist, wenigstens annähernd, der Mittelpunkt eines gewaltigen Festlandes, eines Erdteils, anderthalbmal so groß wie Europa. Er liegt auf einer Hochebene in etwa 2900 Meter Meereshöhe. Während nun um das tiefe und weite Meeresbecken am Nordpol die ungeheuren Landmassen Asien, Europa und Amerika einen fast geschlossenen Ring bilden, liegt das Festland des Südpols, der sechste Erdteil, völlig isoliert im 5000 Meter tiefen Weltmeer. Atlantik, Pazifik und Indik fließen zu einer unabsehbaren riesigen Wassermasse zusammen.4
Versucht man, dieses Bild der beiden Erdpole noch stärker zu konturieren und sich dazu vorzustellen, dass das nördliche Polarmeer 4000 Meter eingesunken und das südpolare Festland beinahe 3000 Meter hoch ist, sodass eine Höhendifferenz von 7000 Metern besteht – bedenkt man ferner, dass im Norden ein von Ufern umgebenes Meer, im Süden aber eine vom Meer umgebene riesige Insel vorhanden ist, dann wird dieser Gegensatz in seiner Urbildlichkeit noch greifbarer. Der Nordpol ist ein See, von den Ufern der großen Kontinente umsäumt. Der Südpol wird zur Insel, von mächtigen Ozeanen umbrandet.
See und Insel werden zu den beiden Urgestalten, die immer neu und in fast unendlicher Variabilität die Landschaft der Erde formen. Die Ur-Insel ist der Südpol. Der Ur-See ist die Arktis, und aus beiden Bereichen schiebt sich die formende Kraft in alle übrigen Erdgebiete hinein. Man möchte fast sagen, dass alle Inseln, wo immer sie auch liegen, Kinder der Antarktis sind. Die Seen aber, so klein oder groß sie auch sein mögen, sind die Geschöpfe des nordpolaren Einbruchbeckens. Die Insel, jede Insel, ist ein aus dem umgebenden Wasser herauskristallisiertes, verdichtetes Stück Erde. Die im flüssigen Element lebenden Kräfte konzentrieren sich auf einen Mittelpunkt hin und backen die Insel heraus. Der See aber ist ein Auflösungsprozess, der sich im Zentrum des harten Erdreichs bildet. Aus seinem Mittelpunkt strömen die verflüssigenden Kräfte hinein in die umgebenden Ufer und tragen in Jahrtausenden Felsen und Berge ab.
Die Insel ist ein Erde-Werden; der See ein Entwerden, ein Erde-Vergehen. Verdichtung und Auflösung leben in diesen beiden Gestalten. Der Nordpol ist alt; dort löst die Erde sich auf. Von dort atmen die Eiszeiten in den Strom der Evolution hinein, überdecken die nördlichen Kontinente für Jahrhunderte mit Eis und ziehen sich dann wieder zurück, zur Urmutter aller Seen. Vom Südpol hingegen strömen die verdichtenden Insel-Kräfte in die Erde hinein. Sie halten die Kontinente zusammen und geben dem Erdreich seine verhärtenden Eigenschaften.
Auflösung strömt aus dem Norden; sie aber wird von den mächtigen Landmassen der Kontinente im Gleichgewicht erhalten, damit die Erde nicht völlig verflüssigt werde. Verdichtung wirkt aus dem Süden; die Wassermassen der Ozeane stellen sich dieser gigantischen Macht entgegen, damit nicht die Erde ganz verhärte.
Das sind die Gegensätze der beiden Polargebiete. Die quellende Schönheit der Seen, die ein träumendes, ahnendes Element in jede Landschaft hineingießen, da der Himmel sich in ihren Wassern spiegelt und darin sich selbst erblickt, stammt aus dem Norden. Die verhärtende Strenge, die ein Grundcharakter aller Inseln, die den Wassern Halt geben, ist, und die dem Himmel nicht einen Spiegel, sondern eine Faust entgegenstrecken, kommt aus dem Süden. Die Erde wird eigenständig und lehnt sich gegen den Himmel auf.
Die Pinguine sind Geschöpfe dieser eigenwilligen Kräfte. Sie versammeln sich im Wirkungsgebiet der Erdverdichtung und Inselbildung.
Fisch oder Vogel?
Warum fühlen wir uns, wenn immer wir den Pinguinen begegnen, ein wenig über sie erhaben und drücken das in einem leisen Lächeln aus? Auch wenn wir an diese kleinen, sich aufrecht haltenden Tiere denken, empfinden wir eine Art tragikomischen Mitgefühls für sie. Ist es die Karikatur des Vogels, die uns veranlasst, den Pinguin zu belächeln? Er ist ein Vogel und ist wieder keiner; denn fliegen kann er nicht und die beiden Flügel sind verkümmerte Stummel, die gleich missgebildeten Armen mit Schuppenfedern bedeckt, hilflos auf und ab bewegt werden. Streckt der Pinguin diese Arme aus, dann wird es eine kümmerliche Geste; denn niemals – das sieht man ihnen an – könnten die Stummelglieder den runden Leib in die Luft hinaufheben. Dass dieser Vogel nicht fliegen kann, macht ihn aber nicht zur lächerlichen, sondern zur tragischen Gestalt.
Die Komik, die von ihm ausgeht, hat eine andere Wurzel. Liegt sie nicht dort, wo der Pinguin versucht den Menschen nachzuahmen? Statt zu fliegen, stellt er sich, wenn er an Land geht, aufrecht hin, fängt zu schnattern und zu schreien an und nimmt sich so wichtig, als wäre er wirklich jemand. So erscheint es uns; und deshalb verzieht sich unser Mund zum Lächeln. Es ist, als würde ein Fisch, dem die Bauchflossen zu Füßen geworden sind, an Land steigen und aufrecht dort herumstolzieren. Der Pinguin ist eigentlich ein zum Fisch umgewandelter Vogel. Sein Reich ist das Wasser; und dort ist er ganz zu Hause. In Brehms Tierleben heißt es:
Meist schwimmen sie unter Wasser etwa 30 m weit, dann springen sie, vermutlich um Luft zu holen, wie kleine Delphine bis 30 cm über die Oberfläche empor und verschwinden nach einem 60 bis 80 cm weiten Satz wieder im Wasser. Bei dieser Bewegungsart bedienen sie sich nur der Flügel; sie fliegen gleichsam im Wasser … Dabei bewegen sie sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit durch die Flut, nach Chun so rasch, dass sie den in Fahrt begriffenen Dampfer mit spielender Leichtigkeit überholen.5
Bei Gerlach lesen wir:
Mit ihren Flügeln können sie nicht mehr fliegen: dafür führen sie die Flugbewegung mit ihnen unter Wasser aus. Die Flossenflügel drehen sich in geschwinder und weiter Schwingung und machen bis zu zweihundert Schläge in der Minute. Die Pinguine sausen wie im Fluge unter Wasser dahin und legen zehn Meter in der Sekunde zurück.6
Sie können also leicht in zwei Minuten einen Kilometer und in einer Stunde 30 Kilometer schwimmend zurücklegen. Ist es dann zu verwundern, dass es noch immer nicht zu ergründen ist, wohin sie ziehen, wenn sie mit ihren herangewachsenen Jungen die Inseln verlassen und ins Meer hinein verschwinden? Vielleicht sind alle südlichen Meere bis zum Äquator hinauf ihr Lebensgebiet. Wir wissen es nicht; aber das Wasser ist ihre rechte Heimat.
Kommen sie an Land, um ihre Eier zu legen und auszubrüten, dann beginnen wir erst sie komisch zu finden. Denn nun nehmen sie, wie in der Rückerinnerung, das Vogelleben an; Männchen und Weibchen finden einander, bauen Nester, und ein ehrbares Familienleben beginnt. Aus einem ziehenden Jäger ist ein gesetzter Bürger geworden. Ein Fisch verwandelt sich in einen Vogel.
Durch den aufrechten Gang, die seltsame Zeichnung und Färbung des Federkleides, mit weißer, über den Bauch reichender Hemdbrust und schwarzem, frackähnlichem Rücken, wird diese Bürgerlichkeit noch deutlich unterstrichen. Dazu stehen sie zu Tausenden zusammen, schwätzen, schnattern, stoßen einander, nehmen sich gegenseitig die Steine, die sie zum Nestbau nötig haben, fort; rauben sich auch gelegentlich die Gattin und das wohlbehütete Ei, sind aber trotzdem gute Eheleute und treubesorgte Eltern. Diese heute schon genau beobachteten und ausführlich beschriebenen Eigenschaften machen den am Land weilenden Pinguin zur komischen Figur. Er muss ein Vogel sein und kann es doch nicht; denn es fehlen ihm die Flügel, und er ist deshalb an die Erde gebunden. Um diesen Mangel zu überkommen, versucht er menschenähnlich zu sein. Dieses Wagnis jedoch ist kläglich gescheitert. So lebt der Pinguin ein missglücktes Dasein, verurteilt dazu, die Hälfte des Jahres die Heimstatt der Meere zu verlassen, an Land zu steigen und eine Zwischenform darzustellen, sich seines einstmaligen Vogellebens zu erinnern und es zu wiederholen und gleichzeitig aufrecht wie ein Mensch herumzustehen und doch keiner sein zu können. Wer erinnerte sich da nicht an Fluch- und Zaubersprüche, die Menschen in Tierleiber hineinbannen oder Wesen dazu verurteilen, einen Teil ihres Daseins an Orten zu verbringen, die ihnen zur Qual werden? Wie Demeters Tochter einst ins Reich der Unterwelt beschieden wurde und nur für wenige Monate ans Licht kommen darf! Ähnliches liegt im Leben der Pinguine verborgen und wird mit der Maske der Unvollkommenheit und Komik verdeckt. Hat Kirke, die zaubermächtige Tochter des Helios, hier ihre Hand im Spiel gehabt?

Fluglose Vögel
Auf den Ufern und Inseln der Arktis gibt es keine Pinguine. Und doch hat bis zum Anfang des vorigen Jahrhunderts eine besondere Art von Vögeln dort gelebt, die den Pinguinen durchaus vergleichbar ist: der Riesenalk. Obwohl einem ganz anderen Zweig des ganzen Vogelgeschlechtes zugehörig, sind sie einer ähnlichen Umbildung unterworfen worden. Auch beim Riesenalk wurde der Flügel zu einer verkümmerten Gliedmaße und die Fähigkeit des Fliegens ging verloren. In der Größe war er den größeren Pinguinarten gleich; er maß etwa 80 cm. Auch er war aufrecht, hatte einen weißen Bauch und einen schwarzen Rücken. Seine nächsten Verwandten sind Tordalk und Trottellumme der nordischen Vogelfelsen. Er bewohnte in früheren Zeiten nicht nur die Inseln der nördlichen Meere, sondern seine Reste aus vorgeschichtlicher Zeit wurden an den Küsten Dänemarks, Irlands und sogar in südlichen Gebieten Nordamerikas gefunden.7 Die letzten lebenden Exemplare wurden noch um 1820 in und um Grönland gesichtet. Seither ist dieser Vogel – der ähnlich zahlreich gewesen sein muss, wie es heute noch der Pinguin ist – von der Erde verschwunden.8 Er war in geschichtlichen Zeiten auf Neufundland, Grönland und Island besonders häufig anzutreffen.
Alle Beobachter erwähnen, dass sie (die Riesenalken) mit hoch erhobenem Kopf, aber eingezogenem Nacken zu schwimmen pflegten und, beunruhigt, stets untertauchten. Auf den Felsen saßen sie gerade aufgerichtet, steiler als Lummen und Tordalken. Sie gingen oder liefen mit kleinen, kurzen Schritten aufrecht einher wie ein Mensch und tauchten bei Gefahr vier bis fünf Meter hinab in die See.9
Auch dieser Riesenalk brütete im Sommer und legte ein einziges Ei; über die Art und Zeit des Brütens bestehen nur Vermutungen. Jedenfalls waren im arktischen Gebiet ähnliche Lebensformen zur Entstehung gekommen, wie wir ihnen heute noch in den Pinguinen begegnen. Beide verloren ihr Vogeltum dadurch, dass sie das Fliegen aufgaben und das Schwimmen dafür erwarben. Riesenalken und Pinguine, wohl stammesgeschichtlich nicht verwandt, unterlagen der gleichen Bestimmung und mussten dem Fliegen entraten. Gibt es auch andere Vögel, die ein ähnliches Schicksal hatten? Wir kennen eine ganze Reihe, von denen einige noch leben, andere schon ausgestorben sind. Allen voran die Familie der Strauße. Ihre Flügel sind verkümmert und tragen so weiche Federn, dass sie zum Fliegen unbrauchbar sind. Dafür aber werden Hals und Beine kräftig entwickelt, und ein richtiger Strauß erreicht oft eine Höhe von über zwei Metern. Ähnliche Gestalt haben die australischen Emus, die südamerikanischen Nandus und die seit vielen hundert Jahren ausgestorbenen Moas aus Neuseeland. Die Letzteren erreichten eine Größe von dreieinhalb bis vier Meter, mit mächtigen Oberschenkeln und gewaltigen Hälsen. Dort lebt jetzt noch ganz vereinzelt und selten der flugunfähige Kiwi, der neuseeländische Schnepfenstrauß.
Alle diese Vögel haben ihr Flugvermögen eingebüßt. Sie haben dafür, mit Ausnahme der Kiwis, mächtige Beine und ellenlange Hälse entwickelt. Es ist, als hätten sie den Verlust der Flügel an diesen Stellen wettgemacht. Man denkt unmittelbar an Goethes Darlegungen in dem Gedicht über die «Metamorphose der Tiere»:
Doch im Innern scheint ein Geist gewaltig zu ringen,
Wie er durchbräche den Kreis, Willkür zu schaffen den Formen
Wie dem Wollen; doch was er beginnt, beginnt er vergebens.
Denn zwar drängt er sich vor, zu diesen Gliedern, zu jenen,
Stattet mächtig sie aus, jedoch schon darben dagegen
Andere Glieder, die Last des Übergewichtes vernichtet
Alles Schöne der Form und alle reine Bewegung.
Von den jungen Straußen und Kasuaren wird erzählt, wie anmutig sie sich noch bewegen. Je älter und größer die Tiere werden, je mehr «die Last des Übergewichtes» von Hals und Beinen hervortritt, umso gröber und plumper wird ihr Verhalten. Die Flügel und der Flug wurden von den Beinen und dem Laufen aufgezehrt. Um der Ausbildung der mächtigen Untergliedmaßen das Gleichgewicht zu halten, schob sich der Hals aus dem Leib heraus; und so entstand die jetzige Form. Diese Laufvögel leben (mit Ausnahme der Kiwis wieder und der in den Regenwäldern Nord-Guineas und Nordost-Australiens lebenden Kasuare) in der weiten Steppe. Sand, Sonne, kurzes Gras und Trockenheit sind ihre Umwelt. Die gewaltigen Madagaskar-Strauße (Aepyornithes) wurden, so meint Portmann, dadurch allmählich vernichtet, dass
die fortschreitende Rodung des lichten, savannenartigen Waldes vieler Teile von Madagaskar die Tierwelt dieser Wälder immer mehr in die sumpfigeren, unzugänglicheren Urwaldgebiete verdrängt habe. Und: Die Riesenstrauße fielen in diesen sumpfigen Waldungen den Krokodilen zum Opfer.10
Nicht nur das; das Lebensgebiet dieser Tiere war die Steppe und nicht der sumpfige Wald; deshalb starben sie dahin.
Bei allen diesen Vögeln überwogen die Kräfte der trockenen Erde. Sie dörrten ihren Leib aus, verfeinerten das Federkleid, schlissen es auf, und der Flieger wurde zum Läufer. (Beim Kiwi ging die Kraft der Flügel in den überlangen, gebogenen Schnabel hinein.) Es ist bezeichnend, dass diese Tiere hauptsächlich auf der südlichen Erdhälfte leben. Sind sie aber nicht die richtigen Gegensätze zu den Pinguinen? Beiden Gruppen wurden die Flügel vom Schicksal gestutzt. Bei den Letzteren aber wurden Hals und Beine nicht ausgestreckt, sondern eingezogen. Jedem Pinguin sitzt der Kopf direkt auf der Brust und die Füße ragen wie kurze, törichte Stummel unter dem Bauch hervor. Hier dörrte nicht die Luft den Leib aus; im Gegenteil: Die Feuchte und die Dunkelheit füllte den Körper so aus, dass Beine und Hals in ihm verschwanden. Diese Gestalt erinnert an Walfisch, Seehund und Delphine. Die Glieder werden zu flossenartigen Anhängseln, weil die Rundung der Leiber, vom Fett geformt, ballonartig aufquillt.
Im Norden sowohl als im Süden, wo Kälte, Dunkelheit und Wasser zu überwältigenden Kräften werden, entstehen Riesenalk und Pinguin als Gegenbild zu Strauß und Kasuar. Ist es uns heute noch möglich, das verborgene Rätsel in dieser Existenz zu erkennen?
Der Jahreskreislauf
In den letzten Jahrzehnten ist das Verhalten großer Pinguin-Kolonien sehr eingehend studiert worden. Dabei ergab sich, dass der Rhythmus des Kommens und Gehens für die einzelnen Arten verschieden ist. So kehren z. B. die von Kearton studierten Eselspinguine auf der Dassen-Insel, nördlich von Kapstadt, zweimal im Jahr ein, im März und im September; und beide Male kommt es zur Eiablage, zur Bebrütung und zum Auskriechen von Jungen. Diese Pinguine legen auch meistens zwei Eier, was im Gegensatz zu den anderen Arten steht, die gewöhnlich nur ein einziges Ei produzieren.
Die neuerdings von einer französischen Forschergruppe11 studierten Kaiserpinguine wählen gerade den antarktischen Winter, die mörderischste Jahreszeit, die es gibt, zur Brutpflege und Aufzucht der Jungen. Man kann hier kaum mehr von einem Instinkt sprechen, welcher der Erhaltung der Art zu dienen scheint. Die Männchen und Weibchen beginnen im April und Mai auf den Eishochflächen der Antarktis zu erscheinen. Die Zeit der völligen Polarnacht, die Periode der schlimmsten Orkane und der eisigsten Kälte wird ohne jegliche Nahrungsaufnahme, in rührender Hingabe an die eben geborenen Kleinsten hingebracht.
Die meisten anderen Arten brüten, soweit es uns bekannt ist, während des antarktischen Frühjahrs und Sommers. Es lässt sich daher kein einheitlicher Lebensrhythmus für das Pinguingeschlecht nachweisen. Die verschiedenen Arten haben ihre individuellen Perioden des Wanderns. Es ist aber zweifellos, dass das Auftauchen der Pinguine auf ihren Brutplätzen mit der Rückkehr aller anderen Zugvögel in die Heimat zu vergleichen ist. Das Brüten ist für die Pinguine die Zeit der Arbeit und des Wachens. Es ist Liebe, Geburt und Kampf, die sie in diesen Monaten durchleiden; und erst wenn sie wieder in die wässerigen Traumlande des Meeres zurückkehren, beginnt die Freude und das Spiel. Was für die Vögel unserer Regionen «der Süden», das ist für die Pinguine «das Meer». Sie sind Vögel, die nicht nur ins Wasser gefallen sind, sondern die sich das Wasser als ihr Paradies erkoren haben. Sie streben so nach dem Wasser, wie die anderen Vögel ihr fernes Traumland zu erreichen trachten. Auf dem Lande aber versuchen sie, obwohl sie nicht fliegen können, sich wie alle anderen Vögel zu verhalten. Sie zeigen vogelartige Gesten und Gebräuche der vorhochzeitlichen Zeit. Sie bauen die verschiedensten Nester, sind durch Jahre hindurch monogam und auf die Brutpflege besonders bedacht. Diese Vogel-Verhaltensweisen sind bei den Pinguinen noch gesteigert, oft sogar karikiert und ins Bizarre verzogen. Da sie aufrecht gehen, kommt es in der Werbe- und Brautzeit zu richtigen Kussszenen, bei denen das Paar die Schnäbel aneinanderreibt und auch die Köpfe aneinanderschmiegt. Das junge Männchen breitet oft die Flügelstummel aus und versucht, sein Weibchen zu umarmen. Dabei werden alle möglichen Laute, Schreie und bellende Töne ausgestoßen.
Der Nestbau wird von beiden Partnern gemeinsam durchgeführt. Erst arbeitet der eine, und wenn er müde ist, kommt der andere daran, bis nach Tagen das Gehege (meistens eine Vertiefung im Boden, die einer kleinen Höhle gleicht) fertig ist. Dann steigen nach getaner Arbeit Mann und Frau gemeinsam zum Strand herunter und haben dort ihr Bad und ihre Abendmahlzeit. Dann trifft man sich zu einer Plauderstunde mit seinen Bekannten, flaniert die Hauptstraßen entlang, um endlich ins neugebaute Haus zurückzukehren.
Das nach drei bis vier Wochen gelegte Ei wird mit Erstaunen und Freude begrüßt, und wieder sind es beide Eltern, die das Geschäft des Brütens abwechselnd miteinander besorgen. Es ist eine Zeit der Gefahr und Bedrohung. Räuberische Möwen lauern überall darauf, die kostbaren Eier zu stehlen und zu verspeisen. Nur etwa die Hälfte aller Küken kriechen aus, und auch diese werden in großer Zahl noch Opfer der Feinde und unwirtlichen Lebensbedingungen. Für die Kleinen der Kaiserpinguine gibt es kein Nest. Das Ei wird in einer Bauchfalte aufgehoben und ausgebrütet, und das Pinguinkind hockt durch Wochen auf den Füßen des Vaters, von dessen Bauch überwölbt, geschützt und gewärmt. Die Mutter ist fern, irgendwo in den Gewässern, um sich neue Kräfte anzuessen. Die Väter aber stehen zu Hunderten und Tausenden in der eisigen Polarnacht dicht aneinandergedrängt, um den vernichtenden Todesstürmen standzuhalten. Sie bilden ganze Trauben von Pinguinen, die sich gegenseitig das letzte Maß an Wärme, das ihnen geblieben ist, zuführen. Wenn die Jungen schlüpfen, kehren die Mütter vom Meer zurück, während die abgemagerten Väter jetzt dorthin gehen, um sich erneut Kräfte anzuessen. Am Boden dieser Vogel-Traube hocken die kleinen, fast federlosen Pinguinkinder und warten auf den Strahl der nach Wochen wiederkehrenden Sonne. Das Leben der Pinguine ist nicht nur Spiel und Lust. Wenn sie an Land sind, dann tragen sie ihr Vogelschicksal gleich einer schmerzlich lastenden Erinnerung mit sich, und Qual und Not sind ihr Teil.
Sie müssen einmal ihr Vogel-Dasein fortgeworfen haben, um ein anderes, ein besseres Leben vielleicht, zu erwerben. So tauchen sie ins Meer, müssen dafür aber ein- oder gar zweimal im Jahr ihrer Verzauberung entraten, um sich ihrer Vogel-Existenz schmerzlich zu erinnern. Kearton beschreibt, dass die einige Wochen alten Pinguine noch große Scheu vor dem Wasser hätten und nur mit der größten Mühe und Geduld der Eltern dazu gebracht werden, die ersten Tauch- und Schwimmversuche zu machen. Er fügt aber noch etwas hinzu:
Manchmal scheinen sie merkwürdigerweise das Gefühl zu haben, ihre Flossen wären Flügel und mit ein wenig Übung könnten sie sicher fliegen. Jedenfalls habe ich oft beobachten können, wie junge Vögel in deutlichem Bemühen mit den Flossen schlugen, als wären sie überzeugt, dass man es so machen müsste … Diese Versuche sieht man so häufig, dass es sich meiner Meinung nach nicht nur um Entspannung der Muskeln handeln kann. Vielleicht ist es ein Vermächtnis aus früheren Erdaltern … als die Pinguine wirklich fliegen konnten.12
Es ist sehr wahrscheinlich, dass das einmal wirklich der Fall war und dass eine Reihe von Ereignissen oder eines in der Erdvergangenheit den Verlust des Fliegens herbeigeführt hat. Nachdem der Pinguin nicht mehr fliegen konnte, schrumpften die Flügel und wurden zu Flossen, die ihm das Leben im Wasser ermöglichten.13 Die antarktischen Kräfte der Inselbildung, der Dunkelheit und der mächtigen Wasserwüsten trieben ihm den Leib auf, der Beine und Arme in sich hereinnahm. So wurde aus einem Vogel ein Fisch, der aber jährlich einmal ein Vogel sein muss, obwohl das schwer und mühsam ist. Das Geschlecht könnte nicht weiterleben, würde dieser jährliche Opfergang ans Land nicht angetreten.
Die beiden Höhepunkte des Pinguindaseins
Während dieser Periode an Land wird der Pinguin zur Menschenkarikatur. Er verfällt sogar einer regelmäßig auftretenden Erkrankung: Der Mauserung. Diese ist zwar ein Charakteristikum des gesamten Vogelgeschlechts, tritt aber meist nur bei Wasservögeln so auf, dass während einiger Wochen eine völlige Flugunsicherheit vorhanden ist. Schwäne, Enten und Gänse werfen alle Schwungfedern gleichzeitig ab. Sie verbergen sich im Dickicht der Ufer und Sümpfe, bis ihnen die Körperbedeckung, die ihnen das Fliegen zurückgibt, wieder nachgewachsen ist. Die meisten anderen Vögel mausern in einer weniger drastischen Form. Die alten Federn werden allmählich abgeworfen und schrittweise durch die neuen ersetzt. Die davon Ergriffenen schauen dann oft armselig aus, können aber fliegen und fressen.
Der Pinguin jedoch wird bei der Mauserang richtig krank. Er kann dann für mehrere Wochen keinerlei Nahrung zu sich nehmen. Denn wie andere Vögel das Fliegen, so verliert er durch den Wechsel des Federkleides die Fähigkeit zu schwimmen. Kearton erzählt, dass die Pinguine, die er beobachten konnte, regelmäßig im Dezember mausern. Sie spüren das Herankommen dieser Erkrankung; denn in den vorhergehenden Tagen fressen sie besonders viel, um ein wenig Vorrat zu haben:
Sie gleichen Weihnachtsmastgänsen … werden fetter und fetter, bis eines Tages das erste, unverkennbare Zeichen des Mauserns eintritt. Von diesem Augenblick an ist alles mindestens sechs Wochen lang grauestes Elend.14
Die Kraft zum Tauchen und Schwimmen ist verloren gegangen. Die Nahrungssuche hört auf, der Vogel verlässt seinen Nistplatz und kampiert irgendwo im Freien. Fleckenweise fallen über den ganzen Körper hin die Federn aus:
Tausende von Pinguinen kann man so auf einem dieser freien Plätze engversammelt stehen sehen und einer sieht immer kläglicher aus als der andere.
Die ganze Insel ist dann bald fußtief mit Federn bedeckt und dazwischen stehen die hungernden Jammergestalten.
Am Ende der Mauserkrankheit sind die Pinguine so mager geworden, dass sie zu leicht zum Tauchen sind. Und nun beginnen sie die Kiesel des Strandes zu verschlucken, um die nötige «Tauchschwere» zu erreichen:
Man kann sie nun die Küste entlang wandern und einen Kiesel nach dem anderen prüfen sehen, wobei sie manche liegen lassen (die wahrscheinlich zu groß sind oder nicht glatt genug, um sich schlucken zu lassen), während sie andere hinunterschlingen, bis sie genügend Ballast an Bord genommen zu haben glauben. (Kearton)
Jetzt fängt der Pinguin wieder an, ein Fisch zu werden. Er muss Steine essen, um das zu erreichen. Denn als Vogel, der er nach der Mauserung geworden ist, fehlt ihm die genügende Erdendichte, um ins Wasser tauchen zu können. Deshalb verschluckt er die Kiesel, verhärtet und beschwert sich und wird zum Wassertier. Die Zeit der Mauserung gab ihn, der dabei fasten und leiden musste, dem Vogelgeschlecht wieder zurück. Die harten Steine ziehen ihn hinein ins Wasser.
Fragt man nach den Höhepunkten des Pinguinlebens und nach den markanten Symptomen seiner Existenz, dann sind es zwei besondere Erlebnisse, die jedem Pinguin beschert sind. Das eine hängt wohl mit der eben beschriebenen Mauserung zusammen. Der Zustand der Not, des Unwohlseins und des Fastens gemahnen ihn an jene dunklen Zeiten, in welchen er sein Vogelsein vertan hat und zum Fisch geworden ist. Dafür ist ihm eine jährliche Buße auferlegt, die alle Wasservögel tragen müssen. Ist es nicht bemerkenswert, dass der Pinguin sich gerade dann nicht zurückzieht und im Dunkel seiner Nesthöhle diese Zeit übersteht? Er sucht die Gemeinschaft seiner Genossen, als spürte er, dass geteiltes Leid nur halbes Leid sei.
Bald darauf aber isst er Steine und tritt dadurch wieder in die «Pinguin-Sünde» ein, wird ein Fisch, beginnt zu träumen und zieht hinaus in die Wasser des Meeres.
Der andere Höhepunkt ist der Anblick des neu gelegten Eies. Alle Beobachter erzählen, mit welcher Erregung und welchem Erstaunen beide Eltern das Ei begrüßen; wie sie es hin- und herrollen und von allen Seiten betrachten und sich gar nicht genug daran tun können. Keimt in ihnen etwas herauf, das sich ahnend mit dem vergleichen lässt, was Rudolf Steiner einmal über die Gestalt des Eies geäußert hat? Er sagte:
Das Ei ist nichts anderes, als das wirkliche Abbild des Kosmos … und die Philosophen sollten nicht spekulieren, wie die drei Dimensionen des Raumes sind, denn wenn man nur richtig weiß, wo man hinzuschauen hat, so kann man überall die Weltenrätsel anschaulich dargestellt finden. Dass die eine Weltenachse länger ist als die beiden anderen, dafür ist ein anschaulicher Beweis das Hühnerei; seine Grenzen, die Eierschalen, sind ein wirkliches Bild unseres Raumes.15
Vielleicht wacht eine Ahnung dieses Wissens im Empfinden der Pinguin-Eltern auf. Sie erdämmern sich diese Anschauung. Dadurch aber entzündet sich in ihnen die Kraft, dieses Ei nun mit aller Hinneigung und instinktiver Pflege auszubrüten, da es ihnen dieses tiefe Erlebnis vermittelt hat. Obwohl sie so bedauernswert und lächerlich aussehen, verbirgt sich die Größe und Tragik allen Daseins unter diesem Narrenkleid. Sie sind schon Menschenvorfahren, die Pinguine, nur ist bei ihnen alles verzerrt und verschoben. Denn jede Tragödie hat auch ihr Satyrspiel; und so hat das Menschenwerden im Pinguindasein seine Clownerie.
Vom Sinn der Pinguinexistenz
Wenn noch immer in Brehms Tierleben zu lesen ist, dass man nicht viel Aufhebens von dem Nutzen machen kann, den die Pinguine den Menschen bringen, dann ist das eine sehr armselige Art der Betrachtung. Denn die Frage lautet vielmehr: Was ist der wahre Sinn ihrer Existenz?
Sofort aber muss man dann daran denken, dass diese Gruppe von Vögeln einen Kontinent bewohnen, der völlig menschenleer geblieben ist. An den Randgebieten der Arktis lebt noch der Eskimo. Die Antarktis aber, vom Meer umgeben, ist eine völlig menschenleere Landschaft. Die Lebensbedingungen sind so unwirtlich und bedrohlich, dass Menschen nur unter größten Opfern einige Zeit dort existieren können. Der Pinguin aber hat den Schritt gewagt, die dunkle Einsamkeit und Kälte der Antarktis mit seinem Dasein zu durchdringen. Das allein ist eine Jahr für Jahr sich neu vollziehende Heldentat. Besonders die Adelie- und Kaiserpinguine besiedeln die schnee- und eisbedeckten Hochflächen des Südpols. Tragen sie damit nicht ein Stück Erdenschicksal in diesen so verlassenen Bereich des Erdgestirns? Und wenn die Pinguine, nach vollzogenem Brutgeschäft, wieder ins Meer zurückgehen, dann schwimmen sie hinaus nach allen Seiten; zu den Falklandinseln bei Südamerika, zum Kap von Südafrika, nach Neuseeland, nach Tasmanien und bilden so eine lebendige Verbindung zu den von Menschen bewohnten Gebieten. Die Pinguine binden den antarktischen Kontinent an die übrigen Erdgebiete, indem sie jährliche Botschafter zwischen beiden sind. Das sind keine Staatsverträge und territorialen Ansprüche, die sie verbreiten. Sie tragen die Kunde vom Dasein des Menschen auf Erden in die polaren Regionen.
Vielleicht wird eine nähere Kenntnis der wenigen Gattungen existierender Pinguine es einmal ermöglichen, sie den verschiedenen Arten der Menschenrassen zuzuordnen, sodass sie dadurch ein Schattenbild der ganzen Menschheit darstellen, das auf dem und um den antarktischen Kontinent herum existiert. Sie, die in vielen Zügen den Menschen karikiert wiederholen und nachahmen, tragen sein Bild in die äußersten Grenzen des Erdendaseins hinein.
Einstmals war die ganze Vogelwelt ein gewaltiges Geistwesen, das brütend über den Wassern schwebte. Die meisten Vogelgeschlechter können deshalb noch heute ihre Flügel ausbreiten und himmelwärts fliegen. Andere aber mussten dem Flug entsagen und sich der Erde und dem Wasser verschreiben. Die Pinguine sind die Affen der Vögel. Auch sie hatten einst Flügel, aber sie stürzten zu schnell in die Verhärtung hinunter und verloren dabei die Kunst des Fliegens. Stattdessen erwarben sie sich das Schwimmen, und nun ziehen sie jährlich zweimal vom Wasser zum Land und zurück und verkünden dem nächtlichen Südpol das Lied vom Menschen. Es ist ein rauher Gesang; mehr dem Schrei des Esels gleich als dem Lied der Vögel. Sie krächzen und quaken und prusten und bellen – und dennoch ist es ein Laut, der aus dem Innern in die furchtbare Stille der Polarnacht tönt und ihr zuruft: Die Erde ist beseelt.

Die Wanderungen der Aale und Lachse
Ursprünge und Ziele
Während der letzten Jahre sind die Naturforscher, besonders die Zoologen und Paläontologen, durch einen aufsehenerregenden Fund in Atem gehalten worden. Einer der ältesten Fische der Erdgeschichte, von dem die Wissenschaft angenommen hatte, dass er seit etwa 70 Millionen Jahren ausgestorben ist, wurde in einigen lebenden Exemplaren aus den Tiefen des Indischen Ozeans heraufgeholt. Das erste Tier am 22. Dezember 1938, das aber damals in den angehenden Wirren des kommenden Krieges nicht besonders viel Aufmerksamkeit fand; bis nun [1956] sind acht weitere Exemplare aufgefischt worden. Das letzte, am 12. November 1954, konnte sogar lebend an die Küste gebracht werden und ist dort unter besonderen Umständen, da es vor dem Licht der Sonne nicht genügend geschützt wurde, eingegangen.
Coelacanthiden (Hohlstachler) ist der Name dieser uralten Gruppe von Fischen, die sich trotz des «Kampfes ums Dasein» und der «natürlichen Zuchtwahl» in der gleichen Form erhalten haben, die ihre Brüder und Schwestern in den Versteinerungen Grönlands, Südafrikas, Madagaskars und Australiens von der Karbonzeit im Erdaltertum bis zur Kreidezeit im Erdmittelalter zeigen. Wichtig daran ist, dass lebendige Zeugen dieser frühen Erdenzeit in die unmittelbare Gegenwart hineinragen, ohne Änderung der Gestalt und Lebensart, und damit eine Brücke bilden, die bisher als untergegangen angesehen wurde.
Aus den Meerestiefen um Madagaskar und Südafrika herum sind diese acht Urwelt-Geschöpfe aufgestiegen. Die nächsten Jahrzehnte werden vielleicht noch mehr derartige Geheimnisse enthüllen und damit viele der Anschauungen, die sich eine agnostische Wissenschaft über das Werden der Organismen gemacht hat, in ihrer Fadenscheinigkeit aufzeigen.1 Latimeria – dieser Name wurde dem uralten Fisch gegeben – ist nur eines der Zeichen, dem manche folgen werden, dem aber einige auch vorangegangen sind. Dazu gehört die Enträtselung des Aal-Problems.
Erst vor kurzer Zeit, während der ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, ist ein bedeutendes Licht auf das Kommen und Gehen der Aale gefallen. Schon in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der italienische Naturforscher Grassi die Frühformen des europäischen Aales identifiziert und dabei gezeigt, dass die bisher als selbstständige Gattung angesehenen Fischlein mit dem Namen Leptocephalus nichts anderes sind als die Larven der sich daraus entwickelnden Aale. Der dänische Forscher Johannes Schmidt griff am Anfang dieses Jahrhunderts diese Hinweise auf, und durch jahrelange und mühevolle Untersuchungen ergab es sich ihm, dass die europäischen sowohl als die amerikanischen Aale in der Sargassosee im Atlantischen Ozean den Zentralraum ihrer Existenz haben. Dort ist ihre Wiege wie auch wahrscheinlich ihr Grab.
Damit aber konnte ein vorher kaum glaubliches biologisches Phänomen klar dargelegt werden. Die Aale wandern in regelmäßigen Zügen während ihrer Larvenzeit aus der Sargassosee quer durch den ganzen Atlantik, bis sie die europäischen Küstengebiete erreichen. Das dauert etwa zwei bis drei Jahre. Dann steigen sie die Flüsse aufwärts, werden dabei groß und stark und kehren nach einem drei- bis vierjährigen Aufenthalt wieder nach Westindien zurück.
Nach der Sargasso-See!
Wo es am dunkelsten
Tiefsten und dunkelsten.
Dort ist das Ziel, der Beginn und das Ende uns
Liebe und der Tod.
So lässt der Dichter Albert Verwey die Aale sprechen. Und so wird es auch sein, dass «Beginn und Ende» sie dort erwartet. Warum aber steigen sie nach jahrelanger Wanderung durch die offenen Meere zu Milliarden in den Flüssen nach aufwärts? Alles was bisher darüber gesagt wurde, war menschlich, allzu menschlich. Dass die Aale z. B. bessere Lebensbedingungen in den Flüssen fänden oder dass sie dorthin getrieben würden, wo ihre «Vorfahren» schon gewesen, und was mehr an gedanklichem Unsinn sonst darüber ausgesonnen worden ist. Die Lebensbedingungen sind in den Flüssen viel schwieriger und gefährlicher als in der offenen See; und was gilt für ein Tier das Wort «gefährlich»? Was gilt für ein Tier solch ein Gedanke wie «bessere oder schlechtere Lebensbedingungen»? Was bedeutet es, bei einem Tier von Instinkt zu sprechen?
Das Tier lebt eingebettet in eine Welt von Phänomenen, deren Teil es selbst ist und welche es nicht mehr oder weniger gut benutzt oder gar ausnutzt, sondern innerhalb welcher es seine ihm vom Weltenwesen zugeordneten phänomenologischen Akte erfüllt. Ein Tier ist nie ein Werdendes; das ist der Mensch allein. Ein Tier ist immer ein Vollendetes, in eine bestimmte Umwelt hinein Gegliedertes, und darin vollzieht sich durch Jahrtausende der dieser Gruppe, Familie oder Art zugehörige Akt.
Das Tier agiert seine Rolle, die ihm für eine gewisse Zeit auf der Bühne des Daseins aufgetragen ist. Seine Zuschauer sind die Götter selbst, die dieses Welttheater sich erschaffen haben. Auch der Mensch agiert auf dieser Bühne; auch ihm lauschen und folgen die Götter, greifen auch manchmal selbst in das Spiel ein. Er aber sieht sich auch selber zu und weiß, dass er spielt, dass er Spieler und Zuschauer zur gleichen Zeit ist. Das Tier aber ist allein Spieler.
So wurde Latimeria jetzt auf die Bühne des Welttheaters gestellt; so kamen die Züge der Aale in das Proszenium und werden jetzt besonders deutlich erblickt. Es ist selbst ein Phänomen der großen Welt. Dort wo Erd- und Himmelskräfte sich finden und miteinander wirken, da haben sie einstmals, vor vielen Jahrtausenden, die Aalwanderungen in das Erdendasein gesetzt. Seitdem bestehen sie und weisen hin auf diejenige Zeit, auf die Epoche, in welcher dies geschah. Dorthin müsste der Blick gerichtet werden, um Einsicht, nicht Erklärung zu finden in dieses seltsam grandiose Spiel, das sich seit diesem Weltenaugenblick im Leben der Erde zuträgt.
Nun gibt es aber allerlei Fische, die wandern; die Neunaugen z. B. und die Störe, die Lachse und Heringe, und von allen gilt, was eben von den Aalen gesagt wurde. Nur zeigen die Lachse eine Art der Wanderung und des Lebens, die fast polar dem, was die Aale tun, entgegensteht. Denn die Lachse, die auch die Flüsse aufwärts wandern und dann wieder ins Meer zurückkehren, haben im Quellgebiet jedes Flusses und Baches ihre Wiege. Dort werden die Eier und Samen ausgestreut, und die jungen Lachse entwickeln sich an diesen Orten; dann erst, nach Zeiten wechselnder Länge, gehen sie ins offene Meer, um später wieder an die Orte ihrer Kindheit zurückzuwandern und selber Nachkommen zu zeugen.
So gehen die Aale ins Meer, um dort ihren Nachwuchs zu zeugen, die Lachse hingegen steigen die Flüsse hinauf, um dort oben zur Begattung zu kommen. Es ziehen die Aale vom Meer zum Fluss und zurück ins Meer. Die Lachse wandern vom Fluss zum Meer und zurück in die Flüsse. So entstehen zwei Gegensatzpaare, die im Betrachten der Polarität vielleicht Einsicht zu bieten mögen in etwas, was bisher noch im Dunkel geblieben ist.
Gegensätzliche Lebenszyklen
Die Wissenschaft hat diese Polarität mit zwei Namen belegt; sie nennt die Lachse und alle jene Fische, die, um sich fortzupflanzen, vom Meer in die Flüsse hinaufsteigen, anadrom, und die gegensätzlichen Aale, die im Meer ihre Wiege haben, katadrom. Mit dieser Bezeichnung allein wäre nicht viel getan, wenn nicht gleichzeitig eine lebendige Anschauung der vorliegenden Phänomene gefunden würde. Es sind heute schon genügend Einzeltatsachen bekannt, um ein einigermaßen vollständiges Bild der sich vollziehenden Wanderungen zu bekommen.
Verweilten wir ein Jahr hindurch an der Mündung einer der in die Nord- oder Ostsee sich öffnenden Flüsse und würden wir dabei wachen Auges die Möglichkeit haben, die ein- und ausziehenden Fische zu beobachten, wir könnten eine überwältigende Fülle von Phänomenen wahrnehmen. Es müsste aber so sein, dass wir unsere Beobachtungen noch um die Zeit der Mitte des 19. Jahrhunderts machten, als keine Stauwehre die Flüsse sperrten und keine Fabriken mit ihren Abwässern das Leben zerstörten.
Zur Herbstzeit, vom Oktober an und den ganzen Winter hindurch, steigen die Lachse aus dem Meer in die Flüsse. Es sind die großen, reifen Männchen und Weibchen, die aufwärts wandern, den Quellen zu. Im Frühjahr werden diese Winterlachse durch die Frühlingslachse ersetzt; das sind kleinere, schwächere und jüngere, die fast alle nur Männchen sind. Sie ziehen bis in den Sommer hinein in die Flüsse und dann wird es still. Im Spätsommer und Frühherbst gibt es nur selten einen Lachs an der Flussmündung zu sehen. Es gibt aber auch da verschiedene Rhythmen, die sich fast für jeden einzelnen Fluss spezialisiert haben. So stiegen früher, als die Flüsse noch nicht verschmutzt und verbaut waren, im Frühsommer die St.-Jakobs-Lachse den Rhein und die St.-Bartholomäus-Lachse die Elbe aufwärts, denen dann später die größeren Weibchen folgten und im Herbst die Hauptarmee der großen und schweren Lachse.
Anfang Mai aber, an der Rheinmündung, etwa zwischen dem 4. und 18. dieses Monats, erschienen in der anderen Richtung ziehend die jungen Salme, die, ein bis eineinhalb Jahre alt, zum ersten Mal ins Meer zurückwandern. Sie hatten ihre Kindheit oben in den Bergen verbracht und gehen nun hinaus in die große Welt. Sie tragen noch ihr Jugendkleid mit den dunklen Querbändern, das erst allmählich durch den vollen Silberglanz der Schuppen ersetzt wird. Die meisten der alten Lachse jedoch sind in ihren Laichgebieten an Erschöpfung gestorben.
Immer sind die Lachse, ob sie hinauf- oder hinunterziehen, Einzelgänger, die vielleicht zu kleinen Gruppen zusammenfinden können, aber dies nur wie zufällig tun. Bei den Aalen aber ist es anders. Im Spätwinter und Frühling erscheinen sie, vom Atlantik herkommend, an den Westküsten Europas; in Irland und England früher, in Dänemark, Deutschland und in den baltischen Ländern entsprechend später, und bilden als kleine, durchsichtige, 6 – 8 cm lange Glasaale zu Zehntausenden lange, die Flüsse aufsteigende Züge. Brehm zitiert einen Beobachter, der es in folgender Art beschreibt:
Als wir eines Morgens Ende Juni oder Anfang Juli auf dem unmittelbar an die Elbe stoßenden Deich des Dorfes Dreenhausen traten, sahen wir, dass entlang des ganzen Ufers ein dunkler Streifen sich fortbewegte. Er wurde von einer unzähligen Menge junger Aale gebildet, die dicht an der Oberfläche des Wassers stromaufwärts zogen und sich dabei stets so nahe und unmittelbar am Ufer hielten, dass sie alle Krümmungen und Ausbuchtungen einhielten. … Dieser wunderbare Zug der Fische dauerte ununterbrochen in gleicher Stärke den ganzen Tag hindurch und setzte sich auch am folgenden fort.
Die aufsteigenden Aale bleiben durch mehrere Jahre in den Flüssen und Bächen, kehren dann aber, zum Blankaal geworden, groß, dunkelpigmentiert und rund, wieder ins Meer zurück. Meistens in der Herbstzeit ziehen sie in den offenen Ozean hinaus; auch dies geschieht nicht einzeln, sondern in kleineren und größeren Karawanenzügen.
So werden die Flussmündungen fast das ganze Jahr über zu den Einfalls- und Ausfallstoren dieser Milliarden von Fischen, die eine lebendige Kommunikation zwischen dem Salzwasser des Meeres und dem Süßwasser der Ströme, Flüsse und Bäche vermitteln. Mit ungeheurer Gewalt streben Aale sowohl als Lachse flussaufwärts. Brehm zitiert wieder:
Ich befand mich Ende Juli zu Ballyshannon in Irland an der Mündung des Flusses, der während des vorigen Monats Hochwasser gehabt hatte. In der Nähe eines Falles war er getrübt von Millionen kleiner Aale, die fortwährend die nassen Felsen an den Ufern des Wasserfalles zu erklimmen suchten und dabei zu Tausenden umkamen; aber ihre feuchten, schlüpfrigen Leiber dienten den übrigen zur Leiter, um den Weg fortzusetzen. Ich sah sie sogar senkrechte Felsen erklettern; sie wanden sich durch das feuchte Moos oder hielten sich an die Leiber anderer, die bei dem Versuch ihren Tod gefunden hatten.
Ähnlich, nur nicht so massenweise, ist das Aufwärtsstreben der Lachse. Sie zwingen die größten Hindernisse wie Felsen und Wasserfälle, indem sie sich von Felsvorsprung zu Felsvorsprung emporschnellen, um so Schritt für Schritt ihrem Ziel näherzukommen.
Aale und Lachse wandern, streben, ziehen und schwimmen die gesamte Weite und Breite eines Flusses ab; sie gehen in die meisten Nebenflüsse, in die Bäche und Rinnsale, sodass sie mit dem ganzen Netzwerk eines einzigen Stromes innig verflochten sind. Dabei scheinen die Aale mehr die Breite, die Lachse mehr die Höhe zu lieben. Der Strom als individuell-biologische Einheit wird von diesen Fischen erfüllt und erhält durch sie eine enge Verbindung zum Meer.
Das Leben der Lachse und Aale ist aber nicht nur dadurch voneinander verschieden, dass die einen anadrom, die anderen katadrom sind, sondern in vielen Einzelzügen drückt sich diese Polarität aus.
Aus dem Sargassosee kommen die Aale. Dort, wo der Golfstrom, in der Höhe von Florida, aus dem Golf von Mexiko kommend, nach Norden sich kehrt und der Küste von Nordamerika entlang strömt, ist weiter im Süden das Becken ihrer Brut. Es ist ein mächtiges Gebiet, das fast zur Gänze von einem Zweig des Golfstromes umspült wird. Dort ist das Meer um 6000 Meter tief. Von den Laichplätzen in etwa 400 Metern Tiefe steigen die jungen Aale nach oben. Die amerikanische Art brütet etwas westlicher, die europäische Gruppe etwas östlicher. Milliarden kleinster, 2-3 cm langer, durchsichtiger und blattförmiger Fischchen erheben sich aus diesen Tiefen. Es sind dem Aussehen nach noch richtige Fischformen, die, je mehr sie den westlichen und östlichen Küsten zustreben, etwas größer werden. Die Wanderung nach Europa, die zugleich die Umwandlung zum Glasaal bedeutet, dauert etwa zweieinhalb bis dreieinhalb Jahre. Es wird angenommen, dass die Befruchtung im März bis April in den Tiefen von 400 m sich vollzieht, dass dann langsam die jungen Larven aufsteigen, heranwachsen und auf der Wanderung nach Osten sich in den runden wurmförmigen Glasaal umwandeln. Der Weg nach Westen ist kürzer, und die amerikanischen Glasaale sind deshalb auch kleiner als die europäischen.
Sobald die Aale Flüsse erreicht haben, verändern sich ihre Leibesfunktionen. Gelbbraunes Pigment setzt sich an der Haut ab, und gleichzeitig beginnt eine mächtige Stoffaufnahme und -abgabe. Ihr Wachstum vollzieht sich schnell; sie nehmen oft gewaltig an Größe und Gewicht zu und verweilen für etwa drei bis acht Jahre im Gebiet des Süßwassers. Am Tag halten sie sich im Schlamm des Bach- oder Flussbodens verborgen, und erst wenn es dunkel geworden, beginnt die Zeit ihrer Jagd. Die Aale sind besonders in der Nacht aktiv und lebendig; das Licht des Tages aber fürchten sie. Louis Roule, einer der kenntnisreichsten Ichthyologen, schreibt darüber:
Der Aal muss zu den nächtlichen Tieren der Gewässer gezählt werden, die erst dann aktiv werden, wenn es dunkel ist. Er behält die früh erworbenen Eindrücke, die er sich in den Tiefen des Meeres, wo er geboren wurde, erworben hat. Wenn Aale in einem Aquarium gehalten werden, und ein Lichtstrahl wird plötzlich auf sie gerichtet, dann geraten sie unmittelbar in eine Panik, stürzen in allen Richtungen fort, um endlich sich im dunkelsten Winkel zusammenzudrängen. Sie pressen sich so nah als möglich aneinander, um dem Licht, das sie hassen, zu entgehen. Diese dauernde, unentrinnbare Furcht vor dem Licht ist ein wesentlicher Faktor im Leben der Aale und enthüllt uns die Tatsache, dass sie wirklich Geschöpfe der Tiefe sind.
Es ist aber nicht nur das Licht, das sie fürchten. Sie entziehen sich ebenso der Kälte, und während des Winters sind sie tatenlos; eingegraben in den Schlamm halten sie eine Art von Winterschlaf. Unter den übrigen Flussfischen sind sie die ersten, die sich im Herbst verkriechen, und die letzten, die im Frühling wieder zum Vorschein kommen. Ihr Lebenselement ist die dunkle Wärme; die helle Kälte aber ist das Reich, das sie fliehen.
Ganz verschieden davon sind die Lachse. Wenn sie im Herbst aus dem Meer in die Flüsse steigen, dann beginnt ihr ganzer Leib zu erglänzen. Gerlach beschreibt es so:
Beim Aufstieg wechseln die Lachse ihre Farben. Auf den Kiemendeckeln und an den Seiten der Männchen leuchten rote Flecken; solche sind auch über den bläulich schimmernden Kopf verstreut. Der Bauch wird purpurn. Ein Rosarot überhaucht die Flossen.
In diesem Farbenzauber steigen sie flussaufwärts, bis sie die Quellen der einzelnen Nebenflüsse und Bäche erreicht haben. Sie suchen das Licht und die Kälte der Höhen; um und nach der Weihnachtszeit, also im eisigen, lichtdurchglänzten Wasser, findet die Paarung statt.

Die Weibchen entleeren gewaltige Mengen von Eiern in eine vorher mit den Flossen zubereitete Grube und die männliche Milch ergießt sich darüber. Ein bis zwei Wochen dauert dieses Begattungsspiel und kurz darauf sterben die meisten Lachse. Die wenigsten treiben zurück ins Meer, woher sie gekommen waren und laichen im nächsten Jahr ein zweites und ganz selten ein drittes Mal ab.
Während der gesamten aufsteigenden Flussreise nahmen sie keine Nahrung zu sich. Der Darm ist in dieser Zeit wie degeneriert und behält kein Futter. Dafür entwickeln sich die Geschlechtsorgane zu gewaltigen Massen. Die Ovarien sind fast ein Viertel, die Hoden beinahe ein Achtel des gesamten Körpergewichtes am Ende der Reise.
Die aus den befruchteten Eiern sich entwickelnden Salme verbleiben für ein bis eineinhalb Jahre im Quellbereich. Erst nach dieser Zeit, zum Junglachs herangewachsen, ziehen sie die Flüsse hinunter, zurück ins Meer. Dort beginnt dann die Jagd, und das Leben währt zwei bis vier Jahre lang. Wo während dieser Periode die Lachse jagen, ist heute unbekannt. Es gibt zwar viele Theorien, aber die Wahrheit ist noch verborgen. Sicher ist eines, dass es die Tiefen sind, in welche die Lachse vordringen; ob diese Tiefen küstennah oder viele hunderte Meilen weit fort sind, wird nicht gewusst.2
Die Aale hingegen, feist und groß geworden, wenn sie ins Meer zurückkehren, sind keine Räuber mehr. Sie haben ein einziges Ziel: Hin zur Sargassosee! Jetzt aber beginnen bei ihnen, die das Dunkel liebten, die Augen zu wachsen. Diese werden um das acht- bis neunfache größer, und der nun dunkel gewordene Leib fängt leicht silbern zu erglänzen an. Vielleicht ertragen sie jetzt auch das Licht, nicht das direkte, aber das reflektierte Sonnenlicht, das im Wasser sich bricht und das ihnen jetzt den Weg weist, zurück zu den Tiefen, woher sie gekommen.
So werden Lachs und Aal wirklich zu gegensätzlichen Paaren. Die einen lieben das Licht und die Kälte, die anderen fürchten sie; dafür aber lieben diese die dunkle Wärme, an welcher die anderen keinen Anteil haben. Beide aber verbinden Meere und Ströme, Salzwasser und Süßwasser und leben im Wasserkreislauf der Erde wie Wanderer, die dort und hier ihre Stätte haben und gleich den Zugvögeln im Ziehen ihr Dasein empfinden und sich als Geschöpf erleben.
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