Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.
Kitabı oku: «Am Stillen Ozean», sayfa 17
Dieser besaß nicht die Erlaubnis, über die Arbeitszeit hier zu bleiben. Vielleicht hatte er notwendig gehabt und in meiner Abwesenheit, wo er annehmen durfte, daß niemand revidieren würde, doch gegen die Hausordnung gehandelt. Mein plötzliches Erscheinen im Kesselraume hatte ihn veranlaßt, das Licht auszulöschen. Mit dem Ofenfeuer war ihm dies nicht gelungen. Aber er selbst, wo war er hingekommen? Die Thür, welche zu dem Lagerraum nebenan führte, von wo aus sich auch der Fahrstuhl erhob, war verschlossen und ihm überhaupt unzugänglich, und der einzige Weg durch das Kesselhaus war ihm ja durch mich unmöglich gewesen.
Ich suchte. In einer der Ecken standen einige Gipsfässer. Zwischen ihnen und der Wand sah ich zwei Stiefel, in denen unbedingt ein Paar Füße stecken mußten. Aber diese Füße waren zu klein, als daß sie diejenigen des Schriftgießers hätten sein können.
»Wer liegt hier?« fragte ich.
Keine Antwort.
»Heraus!«
Wieder keine Antwort. Ich nahm einen dastehenden vollen Wassereimer und goß seinen Inhalt hinter die Fässer.
»A-uhhh!«
Jetzt regte es sich und kroch hervor. Es war einer meiner älteren Setzerlehrlinge.
»Sie?! Was thun Sie hier?«
Er troff von Wasser und schnitt ein höchst jammervolles Gesicht.
»Ich – will das Stereotypieren lernen.« »So! Zu dieser Zeit? Wie kommen Sie herein?« »Ich habe den Schlüssel vom Hausmann.« »Hat er Ihnen denselben freiwillig gegeben?«
»Nein; ich habe ihn weggenommen,« gestand er zögernd. Der junge Mensch war ein Neffe des Hausmannes, bei dem er wohnte. Auf diese Weise war es ihm möglich gewesen, sich den Schlüssel anzueignen.
»Sie haben von innen wieder verschlossen und den Schlüssel also bei sich. Geben Sie ihn her!«
Er gab ihn heraus.
»Wie kommt es, daß Sie sich nicht an mich wenden, wenn Sie etwas Nützliches lernen wollen?«
»Ich dachte, Sie würden es mir nicht erlauben.«
»Warum nicht?«
»Weil – weil Sie so streng mit mir zu sein pflegen.«
Da hatte er recht; aber er verdiente diese Strenge, denn er war träge und unzuverlässig; auch trieb er sich trotz seiner Jugend und Mittellosigkeit bereits auf Tanzsälen und mit Menschen herum, die ihm nur schaden konnten.
»Sagen auch die andern, daß ich streng bin? Sie sind der einzige, der mich nicht liebt; aber ich hätte mich gefreut, wenn ich aus Ihrer Bitte gesehen hätte, daß Sie ein brauchbarer Mann werden wollen. Ihr heutiger Streich ist jedoch nicht danach angethan, daß ich Sie loben kann. Wie wollen Sie ohne Anleitung stereotypieren lernen?«
»Ich habe öfters zugesehen und wollte es einmal versuchen.«
»Das genügt nicht und führt nur zu einer Verschwendung des Arbeitsmaterials. Bringen Sie Ihre Bitte an der geeigneten Stelle vor, und man wird Sie nicht zurückweisen. Jetzt löschen Sie das Feuer aus!«
Er that es, und ich fragte unterdessen:
»Haben Sie bereits hier etwas gearbeitet?«
»Nein. Ich wollte eben anfangen.«
»Womit?«
»Mit dieser Titelkolumne.«
Ich sah, daß er log, und rollte die Fässer, hinter denen er gesteckt hatte, auf die Seite und fand, was ich suchte. Er hatte mehrere Visitenkarten, sowohl auf männliche als auch auf weibliche Namen lautend, gesetzt und nur diese jedenfalls stereotypieren wollen. Was aber gab es für einen Grund, dies zu verheimlichen? Fürchtete er den Verweis wegen verschwendeter Arbeitszeit? Das schien mir nicht hinreichend. Ich schlug, wie man sich auszudrücken pflegt, auf den Busch:
»Diese Arbeiten wurden bestellt?«
Er schwieg.
»Sie haben mich bereits vorhin belogen. Reden Sie die Wahrheit. Wer hat sie bestellt?«
»Ein Fremder.«
»Wie heißt er?«
»Emil Willmers, wie hier steht.«
»Für wen sind die andern Karten?«
»Für Bekannte von ihm.«
»Wo wohnt er?«
»Auf der R.’schen Gasse.«
»Haben Sie sonst noch etwas für ihn gesetzt?«
»Nein.«
Dieses »Nein« klang so eigentümlich, daß ich annahm, es enthalte eine Unwahrheit. Ich suchte also weiter, ohne Ergebnis.
»Kommen Sie mit nach dem Setzersaal!«
Er erbleichte. Dies gab mir Grund, auf einen weiteren Fund zu rechnen.
Wir verließen den Raum und das Kesselhaus, und als wir die Treppe emporstiegen, hustete er so laut und eigentümlich, daß es mir auffallen mußte. Hatte er einen Mitschuldigen oben, den er warnen wollte?
»Wenn Sie noch einmal husten, passiert etwas! Sie haben sich ganz ruhig zu verhalten und die Treppe ganz leise zu ersteigen!« drohte ich ihm.
Die Fenster des Setzersaales gingen nach dem Garten; ich hatte vom Hofe aus also nicht sehen können, ob sie erleuchtet seien; aber bereits auf dem Korridor vernahm ich ein Geräusch, welches ich sehr gut kannte. Es kam von der Handpresse, auf welcher die Setzer ihre Korrekturabzüge zu machen pflegten. Durch das Schlüsselloch schimmerte Licht. Ich versuchte zu öffnen, erst am Drücker, dann leise mit dem Hauptschlüssel. Es ging nicht, denn die Thüre war von innen verriegelt.
»Sie haben also auch diesen Schlüssel bei sich?« fragte ich den Lehrling.
»Ja,« hauchte er leise und zitternd.
»Sie haben mit dem Burschen da drin ein Zeichen verabredet, auf welches hin er öffnet?«
»Ja.«
»Welches?«
»Erst ein-, dann zwei – und dann dreimal klopfen.«
»Haben Sie mit ihm schon vorher hier gearbeitet?«
»Nur gestern.«
Ich gab das Zeichen, indem ich in der angegebenen Weise klopfte. Es wurde geöffnet, und ich trat ein. Der Mann stieß einen Ruf aus und taumelte zurück. Es war keiner meiner Setzer, wie ich vermutet hatte; es war vielmehr ein Bekannter von meiner Reise her, nämlich der – Herr Assessor Max Lannerfeld.
»Ah, guten Abend, Herr Assessor! Sind Sie gekommen, mich an meinen Einsatz zu erinnern?« fragte ich.
Er gab keine Antwort, aber er ergriff einen Hammer und drang auf mich ein. Ich wollte ihn fassen und strauchelte über einen Kasten, der im Wege stand. Dies benützte er, mir einen Hieb auf den Kopf zu versetzen. Zur Thür aber gelangte er nicht; ich packte ihn und rang ihn zu Boden. Ich war ihm an Kraft überlegen, aber er besaß eine wahrhaft bewunderungswerte Geschmeidigkeit, und ich bewältigte ihn nicht eher, als bis ich ihm durch Zusammenpressen der Kehle den Atem benahm.
Schnüre und Stricke lagen genug umher; ich band ihn und trat dann zur Presse. Er hatte sich – — Paßformulare gedruckt, welche trotz der Unzulänglichkeit der alten Presse ganz scharf und gut ausgefallen waren.
Ich rief den Setzer, von dem ich glaubte, daß er den Ausgang des Kampfes vor der Thür abgewartet habe, erhielt aber keine Antwort. Ich suchte ihn auf der Treppe und auf dem Flure, fand ihn aber nicht. Jetzt bemerkte ich, daß mir der Hauptschlüssel fehlte. Ich hatte ihn in der Hand gehabt, als ich in den Setzersaal trat, und ihn wahrscheinlich dort fallen lassen. Er lag nicht da. Jedenfalls hatte ihn der Lehrling aufgehoben, während ich mit dem andern rang, und sich mittels des Schlüssels davongemacht.
Das war fatal, denn ich war nun gezwungen, Lärm zu schlagen, was ich gern so lange wie möglich vermieden hätte. Ich rief und rief sehr lange, ehe sich die Hinterthür des Vorderhauses öffnete und der Hausmann in den Hof trat.
»Wer ruft?«
Ich nannte mich ihm und fragte dann, ob er seinen Neffen gesehen habe.
»Der Schlingel ist wieder ausgegangen, ohne es mir zu sagen, und noch nicht heimgekehrt.«
»Sehen Sie einmal nach dem vorderen Thore, und machen Sie dann hier unten auf!«
Schon nach wenigen Augenblicken kehrte er zurück.
»Was ist denn das? Das Thor ist offen und Ihr Hauptschlüssel steckt darin.«
»Oeffnen Sie nur zunächst hier!«
Er kam herauf und staunte nicht wenig, einen Gefangenen zu sehen. Ich erzählte ihm alles, und ohne sich weiter um mich zu bekümmern, sprang er davon. Ich folgte ihm, nachdem ich den Pseudo-Assessor eingeschlossen hatte. Der Lehrling war in seine Wohnung geeilt, hatte sich seiner Kleider, einiger Wäsche und der Barschaft des Oheims bemächtigt und war dann entwichen.
Der Hausmann war so ergrimmt, daß er selbst zur Polizei rannte, trotzdem es sich um einen Anverwandten handelte, den er allerdings von jeher gar nicht zu tief im Herzen getragen hatte.
Die Polizei erschien und bemächtigte sich des Gefangenen.
Die Untersuchung ergab, daß der Herr Assessor ein polnischer Schriftsetzer sei, der längere Zeit in Berlin gearbeitet hatte. Später war er mit seiner Freundin, einer geborenen Polin, auf Reisen gegangen.
Die »Schauspielerin« ward nicht aufgefunden. Jedenfalls hatte der Setzerlehrling, welcher auch spurlos verschwunden blieb, sie gewarnt und mit ihr beizeiten die Stadt verlassen.
Der Herr Assessor wurde zu einer längeren Haft verurteilt. – — —
Nach Sibirien
Das freundliche, an der Wolga liegende Subzow lag hinter mir, und die Troika226, deren ich mich bediente, flog auf der Straße nach Moskau dahin. Der Jämschtschik227 sang in seiner ewig guten Laune das alte, durch ganz Rußland bekannte und beliebte Lied vom Dreigespann:
Das Licht war flackernd im Verglimmen.
Das Feuer im Kamin verglüht —
Da klang’s in mir wie fremde Stimmen:
Ein Traum bezaubert mein Gemüt.
Fern kommt ein Dreigespann gezogen,
Rollt laut vom Knüppeldamm herbei,
Doch trüb und klagend unterm Bogen
Erklingt das Glöckchen von Waldai.
Früh hat’s den Fuhrmann fortgetrieben,
So schwül ward’s ihm um Mitternacht —
Er sang ein Lied von seiner Lieben,
Von ihrer blauen Augen Pracht:
Ach, blaue Augen, warum brennt ihr
So tief in meine Seele mir!
Ach, böse Menschen, warum trennt ihr
Zwei Herzen, die so eins wie wir!
Leb’, Moskau, wohl, so lieb und teuer;
Leb’ wohl, leb’ wohl, du süße Maid!
Ich sterbe wie ein rauchend Feuer,
Vergessen in der Einsamkeit!
Die Pferde liefen, was sie konnten, dennoch suchte der Kutscher ihren Lauf teils durch Schnalzen und Klatschen mit der Peitsche, teils durch die freundlichsten Ausrufe noch zu beschleunigen.
»Schneller, mein Schimmel, mein weißes Täubchen! Ich gebe dir auch süßes Zuckerchen. Willst du? Nicht? Nun, da hast du eins mit der Nogaika228! Lauf, mein herrlicher Worana229! Ich gebe dir auch Tabakrauch in das Näschen und Haferchen in die Krippe. Springe, mein Fuchs, du Seelchen, du feines Liebchen! Ich werde dich abtrocknen mit einem Tuch von Seide, und du darfst trinken vorn besten Wässerchen im heiligen Rußland. Eilt, ihr drei Herrlichen, eilt! Ihr seid meine Kinder, meine Engel, meine Lieblinge!«
Dann wandte er sich zu mir.
»Brüderchen, siehst du dort die Gostinnitza230? Du bist ein guter Herr, ein gnädiger Gebieter und wirst mich dort halten lassen, um einen kleinen Wodki231 zu trinken!«
»So halte! Auch ich steige aus.«
»Wirst du so lange warten, bis meine Pferde ein Gräschen oder ein Haferchen gefressen haben?«
»Ja.«
»Herr, du bist gut; ich liebe dich über alles, denn nun kann ich zwei oder drei Schnäpschen trinken statt nur einem!«
Man merkte dem Gasthause an, daß man sich in der Nähe von Moskau befand, denn es hatte nicht das Dach auf dem Parterre, sondern war überbaut. Der Kutscher hielt an, und der Wirt kam herbeigesprungen. Er riß die Pelzmütze, welche er trotz der sommerlichen Hitze auf dem Kopfe trug, herunter und fragte: »Was befiehlst du, gnädiger Herr?«
»Gieb mir ein Glas Moloko232, wenn du solche hast!«
»Ein Milchlein ist immer da, Herr, denn die vornehmen Leute trinken es lieber als den Wodki.«
Er ging und brachte mir das Verlangte.
Neben der Thür stand ein kräftiger Ukrainer, welcher militärisch gesattelt war.
»Wem gehört dieses Pferd?« fragte ich.
»Einem noblen Herrn, dem Romisto233 von Semenoff.«
Semenoff? Der Name war mir sehr bekannt. Ich hatte in Dresden die Bekanntschaft eines russischen Offiziers gemacht, welcher sich Iwan Semenoff nannte. Wir hatten uns am Billard getroffen; er war ein ausgezeichneter Spieler und höchst ehrenwerter Charakter; wir waren Freunde geworden, und ich hatte versprechen müssen, ihn oder wenigstens seine Mutter zu besuchen, wenn ich einmal nach Moskau kommen sollte. Jetzt nun kam ich nach der »heiligen Stadt« und hatte mir vorgenommen, mein Versprechen zu erfüllen. War er es oder ein Anverwandter von ihm?
»Wo ist der Rittmeister?« fragte ich.
»Er ist nach dem Flüßchen gegangen. Es ist so heiß, und er wollte baden.«
»Kennst du die Richtung, in welcher er sich entfernte?«
»Er ging diesen Pfad, und ich sah ihn hinter jenen Büschen verschwinden.«
Am Flusse gab es jedenfalls eine kühlere Luft als hier. Ich folgte dem schmalen Pfade, welcher sich durch die Wiese schlängelte, bis in die Büsche, zwischen denen er sich bald verlief. In dem hohen Grase war sehr leicht eine frische Spur zu merken, welche jedenfalls von Semenoff herrührte. Ich freute mich auf das Zusammentreffen und schritt ziemlich schnell dahin.
Da plötzlich vernahm ich vor mir ein kurzes, höhnisches Lachen. Ich blieb stehen. Es mußten zwei Personen beisammen sein, welche höchstens zwanzig Schritte vor mir standen. Ich beschloß, nicht grad auf sie zuzugehen, sondern erst zu sehen, ob ich es auch wirklich mit dem Gesuchten zu thun habe.
Auf einem kleinen Umwege durch die Sträucher gelangte ich in ihren Rücken. Ein Dragoneroffizier stand mir grad gegenüber. Er war hoch und schlank gewachsen, hatte scharfe Gesichtszüge und ein auffällig stechendes Auge. Vor ihm, den Rücken nach mir gewendet, stand ein Mann in der Kleidung eines gewöhnlichen Bürgers; seine Gesichtszüge konnte ich nicht erkennen. Beide sprachen polnisch miteinander, der Offizier so, daß er bei dem S mit der Zunge anstieß.
»Lüge nicht, Bursche!« hörte ich diesen reden. »Nur mir allein hast du es zu danken, daß du frei bist. Ich habe dem Dozorca234 zweihundert Rubel zahlen müssen.«
»Möglich, aber von mir verlangte er extra noch hundert, und da ich diese nicht beschaffen konnte, war ich auf mich selbst angewiesen.«
»Und wie hast du es angefangen, aus dem Gefängnis zu entkommen?«
»Das sind Geheimnisse, Herr, die Ihnen nichts nutzen können. Oder glauben Sie vielleicht, einmal in die Lage zu kommen, meine Handgriffe gebrauchen zu müssen?«
»Schweig, Chlopisko235! Ich rate dir, nicht zu vergessen, wen du vor dir hast, und wer du bist!«
»Jedenfalls ein Mann, der schon sehr viel für Sie gewagt hat und vielleicht auch noch länger für Sie arbeiten wird.«
»Aber ein Mann, den ich sofort verderben kann!«
»Auch ohne sich selbst zu schaden? Doch, streiten wir uns nicht! Daß ich Ihnen ergeben bin, sehen Sie daraus, daß ich hier volle drei Tage auf Sie gewartet habe, obgleich ich sehr Gefahr lief, ergriffen zu werden. Das will ich nicht umsonst gethan haben; sprechen wir also von unserm Geschäfte! Sie wünschen, daß Wanda in Ihren Dienst trete?«
»Nur auf ein Jahr als Beraterin bei meinen Plänen.«
»Ein Jahr ist eine lange Zeit, und Sie wissen, daß ich Wanda selbst sehr notwendig brauche, denn ich finde keine Verbündete, welche so gewandt, scharfsinnig und kühn ist, wie sie. Was bieten Sie?«
»Fünfhundert Rubel für dich, ausgezahlt auf der Stelle.«
»Haha, zu wenig, viel zu wenig!«
»Und eine Anstellung in meinem Dienste.«
»Offiziell? Als Lakai, Reitknecht oder ähnlich?«
»Nein, denn das wäre zu gefährlich. Als Agent.«
»Gut; aber fünfhundert Rubel sind trotzdem zu wenig.«
»Bedenke, was mich Wanda kosten wird, um sie ihre Rolle spielen zu lassen.«
»Bedenken Sie, was wir beide Ihnen nützen werden!«
»So gebe ich sechshundert.«
»Immer noch zu wenig. Geben Sie tausend!«
»Ich gebe dir freiwillig sechshundert. Gehst du nicht darauf ein, so werde ich andere Mittel anwenden, ohne daß du einen einzigen Rubel bekommst.«
Ein kurzes Lachen erklang.
»Wir haben einander gegenseitig in den Händen, Herr.«
»Wem wird man glauben, dir oder mir?«
»Mir, denn ich bin im Besitze der Beweise: ich habe alle Ihre Zuschriften aufbewahrt.«
»Lajdak (***** Schurke.)! Habe ich dir nicht befohlen, sie stets zu vernichten?«
»Der Mensch ist schwach, Herr, und Sie sind gütig; Sie werden mir sicher den kleinen Ungehorsam verzeihen!«
Der Hohn, mit welchem diese Worte gesprochen wurden, war nicht zu verkennen. Wo hatte ich diese Stimme nur schon einmal gehört? Auch die schlanke, kräftig geschmeidige Gestalt kam mir so vor, als ob ich sie bereits einmal gesehen hätte, aber als ich jetzt bei einer Wendung des Mannes sein Profil erblickte, kam mir das vollbärtige Gesicht mit dem dunklen Zigeunerteint, welches von langen, schwarzen Korkzieherlocken umwallt wurde, vollständig unbekannt vor.
»Du wirst sie nachträglich vernichten!« verlangte der Offizier.
»Vielleicht. Vielleicht auch verkaufe ich sie!«
»Art wen?«
»An denjenigen, der am meisten dafür bezahlt.«
»Kerl, nimm dich in acht, daß ich dich nicht fasse!«
»Das würde zu nichts Klugem führen, Herr. Verständigen wir uns lieber! Wenn Sie für Wandas Engagement tausend Rubel zahlen, verbrenne ich die Papiere.«
»Gut, ich zahle sie; aber ich will die Papiere selbst verbrennen.«
»Zugestanden. Also tausend, jetzt gleich!«
»Ich habe nur sechshundert mit. Hier sind sie. Hole dir heut abend das übrige.«
»Danke, Herr! Das giebt mir die Mittel in die Hand, dafür zu sorgen, daß ich nicht erkannt werde. Wohin werden Sie Wanda schicken?«
»Sie bleibt in ihrer gegenwärtigen Stellung, wo sie am besten für mich arbeiten kann. Jetzt gehe. Hier ist der Schlüssel zur Gartenpforte. Bei den Eichen treffen wir uns um ein Uhr.«
»Ich komme, wenn es mir gelingt, in die Stadt zu gelangen, ohne daß ich angehalten werde.«
»Man erkennt dich nicht. Hätte doch sogar ich dich beinahe für einen Fremden gehalten. Du konntest sofort in die Stadt gehen und hattest nicht nötig, mich erst hierher zu bestellen.«
»Ich mußte vorher wissen, ob mir die Entstellung gelungen ist. Daß Sie mich nicht erkannten, giebt mir die Gewißheit, daß ich mich nicht zu sorgen brauche.«
Er ging. Er mußte hart an mir vorüber und wendete mir dabei das volle Gesicht zu. Jetzt war es mir allerdings, als hätte ich dieses Gesicht mit der scharfen, so wenig russischen Nase und den großen, dunklen Augen bereits einmal gesehen. Wo und wann es aber gewesen war, das wollte mir nicht einfallen.
Auch der Rittmeister ging; er wandte sich dem Flüßchen zu, dessen Wellen ich unweit meines Standortes durch die Büsche schimmern sah. Ich kehrte unbemerkt nach der Gostinnitza zurück, wo ich dem Wirte bedeutete, daß er dem Offizier nicht sagen solle, es sei ein Fremder dagewesen. Ein Na-Wodki236 machte ihn geneigt, mir diesen Wunsch zu erfüllen, und noch ehe der Rittmeister zurückgekehrt war, sauste unsere Troika wieder auf der Straße dahin.
Das Gehörte gab mir viel zu denken. Ich hatte zwei Verbrecher belauscht, Verbrecher sehr schlimmer Sorte, obgleich der eine den höheren Ständen angehörte. Ein Menschenschacher im eigentlichen Sinne des Wortes war es nicht gewesen, was sie getrieben hatten, denn nur die Schlauheit und Gewandtheit dieser Wanda sollten dem Rittmeister auf ein Jahr gehören. Wozu? Ging mich diese Angelegenheit etwas an? Ja oder nein, sie mußte mich doch lebhaft interessieren, da der Offizier den Namen meines Freundes trug.
Inzwischen sang der Kutscher eines seiner Lieder nach dem andern, und ich konnte nicht umhin, ihnen meine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Das Volkslied hat für Rußland eine größere, eine tiefere Bedeutung als für andere Länder. In Rußland ist das Lied das einzige Moment der geistigen Entwicklung. Es besteht in dem »heiligen Reiche« eine gewisse traditionelle Poesie, welche die Vergangenheit, die Sitten, die Leidenschaften, die Anschauungen des Volkes in treuen Zügen wiederspiegelt. Ohne diese reiche und belebende Quelle würde die Geschichte des Volkes zu einer trockenen Aufzählung seiner kriegerischen Erfolge und Unfälle zusammenschrumpfen und uns über die eigentlichen und wesentlichen Triebfedern seiner Kraftäußerungen im Dunkeln lassen.
Nun erhob sich Moskau vor uns mit seinen sechzehnhundert Türmen und sechzehntausend Häusern. Ich fuhr nach der Maraseka237 und stieg im »Hotel Petersburg« ab. Die Familie Semenoff wohnte in derselben Straße. Ich schickte meine Karte hin, und kaum war der Bote wieder zurück, so hörte ich eilige Schritte, die Thür wurde rasch geöffnet, und Iwan trat ein. Ich sah es ihm an, daß er sich über meine Anwesenheit freute.
»Ist’s möglich! Sie hier in Moskau? Willkommen, herzlich willkommen! Aber warum sind Sie im Gasthofe abgestiegen?«
»Nehmen Sie mir das übel?«
»Gewiß! Sie gehören doch nicht in das Hotel, sondern zu mir. Kommen Sie; ich werde Sie sofort meinem Mütterchen vorstellen!«
Ich mußte mit. Im Gegensatze zu Petersburg, wo in den schnurgeraden Straßen die Häuser militärisch gleichmäßig in Reih und Glied aufgestellt sind, als ob sie jeden Augenblick bereit sein müßten, eine Schwenkung nach links oder rechts zu machen, ziehen sich in Moskau fast alle Paläste und Häuser, welche etwas für sich bedeuten wollen, aus der ohnehin unregelmäßigen Straßenlinie möglichst weit zurück und schieben aus dieser Entfernung ein Gitter oder eine Verzäunung vor, durch welche der Vorplatz von der Straße abgeschlossen wird.
Etwa der vierte Teil aller Häuser in Moskau besteht aus solchen Rückzugsgebäuden, und auch dasjenige der Semenoff war ein solches. Es war die Nachahmung eines venetianischen Palastes, die allerdings nicht recht gelungen erschien.
Iwan führte mich ohne Umstände in das Zimmer der Baroneska. Diese war sehr einfach in Schwarz gekleidet und empfing mich mit jener freundlichen Ungezwungenheit, welche von der oft beleidigenden Herablassung sich möglichst fern zu halten weiß. Sie stammte aus einem alten polnischen Geschlechte und gehörte nicht der griechischen, sondern der römischen Kirche an, wie ich bereits wußte. Der klare, offene Blick ihres blauen Auges harmonierte ganz mit der milden Würde, in der sie sich zu geben wußte, und als ich ihre kleine weiße Hand mit den Lippen berührte, wußte ich bereits, daß ich sie lieb haben würde.
»Matiuschka238, hier bringe ich ihn,« meinte Iwan. »Bestrafe du ihn, daß er nicht sofort bei uns vorgefahren ist!«
»Die Strafe wird sehr hart sein,« sagte sie lächelnd. »Ich bin gezwungen, Sie zu einer sehr langen Haft zu verurteilen. Was wählen Sie, Isolier – oder Kollektivsystem?«
»Ich möchte mich für das letztere entscheiden, meine Gnädige.«
»Gut! Dann werden Sie diese Haft hier in unserm Hause verbringen und so lange gefangen bleiben, bis Sie gebessert sind.«
»Also Besserungssystem mit bedingter Beurlaubung?«
»Allerdings. Iwan mag die Aufsicht führen, er hat Zeit dazu, da er für einige Wochen aus Petersburg entlassen ist.«
»Ja,« meinte er, »Sie sind zur glücklichen Stunde gekommen. Zur andern Zeit hätte ich die Carambolage versäumt, mit denen Sie sich Ihre Gefangenschaft jedenfalls erleichtern werden.«
Er war noch der Alte – als leidenschaftlicher Billardspieler mußte er im ersten Augenblick von der Carambolage sprechen, und wirklich hatte ich mich kaum fünf Minuten mit der Dame des Hauses unterhalten, so entführte er mich nach dem Billardzimmer.
»Ich muß sehen, ob Sie ebenso in Uebung geblieben sind, wie ich. Wir standen uns stets gleich, jetzt aber möchte ich wetten, daß ich über Sie hinausgewachsen bin. Hier sind die Queues; oder wollen wir eine Partie zu drei versuchen?«
»Wer ist denn der dritte?« fragte ich.
»Eine Dame.«
»Ah!«
»Ja, die Gesellschafterin meiner Mutter, ein sehr anständiges, ich möchte sogar sagen, feines Mädchen, ernst, fromm, still, sehr unterrichtet, spricht russisch, polnisch, französisch und deutsch und – spielt ausgezeichnet Carambolage und Dreikegelpartie. Mutter hält große Stücke auf sie, und auch ich achte sie sehr. Ich begehe also wohl keinen faux pas, wenn ich sie Ihnen vorstelle.«
Er ging zur Klingel und schellte. Ein Diener erschien.
»Ich lasse Fräulein Wanda fragen, ob ihr eine Partie gefällig ist!«
Wanda? Dieser Name berührte mich eigentümlich. Ich stand am Fenster. Unten lenkte ein Reiter nach dem Thore. Es war der Dragonerrittmeister, den ich belauscht hatte.
»Wer ist dieser Offizier?« fragte ich Iwan.
»Cousin Casimir,« antwortete er in auffällig kaltem Tone.
»So wird wohl eine Partie zu vieren fertig?«
»Nein. Ich verkehre so wenig wie möglich mit ihm, obgleich er einige Appartements unseres Hauses bewohnt. Wir sind einander gegenseitig fast mehr als unsympathisch. Aber hier ist Fräulein Wanda!«
Ich drehte mich um. Iwan beeilte sich, uns vorzustellen.
»Fräulein Wanda Smirnoff« nannte er sie, nachdem er ihr meinen Namen gesagt hatte. »Wir werden eine – aber Fräulein, was ist Ihnen?« unterbrach er sich. »Sind Sie unwohl?«
»Nein. Pardon, meine Herren! Ein kleiner Schwindel, weiter nichts!«
Es war kein Schwindel, es war Schreck gewesen, der sie so fürchterlich erbleichen ließ, als sie mich erblickte. Die »stille, ernste, fromme« Gesellschafterin war – Adele von Treskow, meine Sängerin und Kümmelblatt-Amazone.
Ich verriet durch keine Miene, daß ich sie erkannt hatte, und das Spiel begann. Daß sie eine wirkliche gute Spielerin sei, sah ich an ihrem Dessin; heut aber gelang ihr nur selten ein vorzüglicher Stoß. Sie befand sich augenscheinlich in Aufregung und trat bereits nach der ersten Partie wieder zurück.
Später bekam ich drei Zimmer angewiesen und hatte mich kaum in denselben umgesehen, als es klopfte.
»Wojti239!«
Ich hätte das deutsche Wort gebrauchen können, denn nicht einer der Domestiken, sondern Wanda trat ein. Ich blieb stehen und blickte ihr ohne irgend eine einladende Bewegung kalt entgegen.
»Mein Herr – — «
Sie stockte; da ich aber nicht antwortete, fuhr sie fort:
»Wir haben einander bereits einmal gesehen – — – «
»Weiter!«
»Meine jetzige Stellung hat mich veranlaßt, meinen damaligen deutschen Namen in das Russische zu übertragen, und – — – «
»Heißt Adele Treskow auf russisch Wanda Smirnoff? Die Uebersetzung scheint mir etwas mehr als frei zu sein! Auch Ihr Haar hat eine Uebertragung in das Russische erlitten, wie ich vermute, denn es hat eine ganz andere Farbe erhalten.«
Sie schlug die Augen nieder, beantwortete meine Rede nicht und meinte in einem sehr demütigen Tone:
»Ich gestattete mir, Sie aufzusuchen, um Sie zu fragen, ob Sie unserer ersten Begegnung Erwähnung thun werden.«
»Ich sehe mich nicht in der Lage, diese Frage schon jetzt entscheiden zu können; denn ich kenne die Umstände nicht, welche maßgebend sein werden. Adieu!«
Es war, als wolle sie noch ein Wort sagen, aber in diesem Augenblick trat Iwan ein.
Er war sichtlich über die Anwesenheit der Gesellschafterin verwundert. Sie erglühte in Verlegenheit und entfernte sich. Als Mann von Bildung ignorierte er den Vorfall und gedachte auch im Verlaufe der Unterhaltung desselben mit keinem Worte. Später führte er mich in den Garten.
Dieser Gang war mir sehr erwünscht, da er mir Gelegenheit gab, mich zu orientieren, ob der Rittmeister heute bei der Bestimmung des Stelldichein diesen oder einen anderen Garten gemeint habe. Er lag hinter dem Hause, nahm eine nicht ganz unbedeutende Grundfläche ein und wurde von einer Mauer umschlossen, in welcher ich allerdings ein kleines Pförtchen bemerkte.
Unweit dieses Pförtchens befand sich ein Eichengebüsch, die einzigen Eichen, welche im Garten standen. Das Gebüsch bildete einen kleinen Halbzirkel, innerhalb dessen eine Ruhebank stand. Es leuchtete mir ein, daß dieser Ort gemeint sei, und ich beschloß, heute nacht um ein Uhr hier zu sein.
In einer entlegenen Ecke des Gartens stand eine Laube, in welcher ich den Rittmeister erblickte.
»Wollen Sie mich Ihrem Kousin vorstellen?« fragte ich Iwan.
»Wünschen Sie es?«
»Weder ja noch nein; ich richte mich nach Ihrem Wunsche.«
»Dann vermeiden wir ihn jetzt.«
Es lag mehr als Feindseligkeit, es lag Verachtung in dem Blicke, mit welchem er diese Worte begleitete, Auf dem Rückwege aus dem Garten begegnete uns die Gesellschafterin, welcher es augenscheinlich nicht lieb war, daß wir sie hier trafen.
»Das ist das einzige, was ich an ihr auszusetzen habe,« meinte Iwan.
»Was?«
»Daß sie in dieser Weise mit ihm sympathisiert. Sie musiziert mit ihm, liest mit ihm, promeniert mit ihm im Garten, obgleich sie sehr genau weiß, daß weder ich noch die Mutter es wünschen. Uebrigens haben wir es nachträglich erfahren, daß wir diese Gesellschafterin nur seiner Empfehlung verdanken, die er uns durch die dritte Person vermitteln ließ. Es kommt mir vor, als hätten sie sich bereits früher gekannt.«
»Haben Sie ihr zu wissen gethan, daß Sie eine solche Sympathie nicht für wünschenswert halten?«
»Direkt natürlich nicht. Doch kommen Sie; man wird mit dem Souper bereits auf uns warten, und dann gehen wir ins Theater.«
»Würden Sie mich für heute vielleicht dispensieren? Ich habe Briefe zu schreiben und allerlei kleine Beschäftigungen vorzunehmen, die ich nicht gern verzögern möchte.«
»Ganz wie Sie wollen. Mama wünscht, daß Ihre Gefangenschaft keinerlei Einfluß auf Ihre Selbständigkeit äußert.«
Ich hatte wirklich Briefe zu schreiben, welches meine Zeit bis Mitternacht in Anspruch nahm; dann begab ich mich leise in den Garten, was mir nicht schwer wurde, da man mich in den Besitz eines Hauptschlüssels gesetzt hatte, mit welchem ich die Thüren zu öffnen vermochte.
Es war eine sehr dunkle Nacht. Im Kalender stand Neumond, und der Himmel war von dichten Wolken verhüllt, so daß man kaum zwei Schritte weit zu sehen vermochte. Ich schlich mich sehr vorsichtig bis an die Eichen und fand die Bank noch unbesetzt. Dies machte es mir leicht, mich unmittelbar hinter derselben in die Büsche zu verstecken.
Es mochte drei Viertel nach zwölf Uhr sein, als ich leichte Schritte vernahm. Sie schienen von einem weiblichen Fuße zu stammen, und wirklich erkannte ich in der Nahenden die Gesellschafterin, welche auf der Bank Platz nahm.
Kaum eine Minute später knarrte das Pförtchen leise, und es erschien eine männliche Gestalt. Es war derselbe Mensch, den ich mit dem Rittmeister belauscht hatte.
Seit ich diese Wanda erkannt hatte, wußte ich auch, wer er war, obgleich er sein Aeußeres verstellt hatte. Es war der frühere angebliche Herr Assessor.
»Wanda?« fragte er leise.
»Ja.«
»Wo ist der Rittmeister?«
»Er wird noch kommen.«
»Hast du heute bereits mit ihm gesprochen?«
»Ja; ich weiß alles.«
»Und bist du einverstanden?«
»Mit deiner Erlaubnis, ja. Kannst du gut in die Stadt?«
»Besser als aus dem Gefängnisse. Wie viel zahlt er dir für das ausbedungene Jahr?«
»So viel wie dir: tausend Rubel. Doch wird es kein Jahr werden. Er steht im Begriffe, bereits morgen einen Streich auszuführen, welcher ihm und auch uns so viel einbringt, daß wir uns zur Ruhe setzen können.«
»Ah, was ist es?«
»Ein Diamantengeschäft.«
»Mit wem?«
»Laß dich von ihm selbst unterrichten. Es ist nämlich ein Umstand eingetreten, welcher mich bestimmt, Moskau und Rußland schleunigst zu verlassen, natürlich, nachdem ich vorher für die nötigen Reisemittel gesorgt habe.«
