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Kitabı oku: «Am Stillen Ozean», sayfa 22
»So schießt man keinen Elefanten, Sir John,« meinte ich. »Zurück, sonst sind wir verloren!«
Raffley hatte nur eine einläufige Büchse; der zweite Lauf der meinen war mit Schrot geladen, und auf Kaladi konnte ich mich nicht verlassen. Ich sprang also, als ich den Tusker mit hoch erhobenem Rüssel auf uns zukommen sah, in das Gebüsch zurück. Sir John that das Gleiche; dennoch aber wäre wenigstens einer von uns beiden verloren gewesen, wenn der treue Singhalese weniger Mut besessen hätte. Er war ruhig stehen geblieben und drückte, als der Elefant beinahe zum Erfassen nahe war, ab. Die Kugel traf allerdings ganz genau die Gegend des Herzens, drang aber natürlich nicht tief genug ein.
Jetzt kannte die Wut des zweimal verwundeten Tieres keine Grenzen. Es stürzte sich auf Kaladi, um ihn zu zertreten und dann mittels der Hauer in die Luft zu schleudern; doch der gewandte Singhalese warf seine Rifle weg, zog das Messer, entschlüpfte dem nach ihm fassenden Rüssel, schnellte sich an den Hinterbeinen des Tieres vorüber und zog dabei seine scharfe Klinge so tief durch das eine derselben, daß er die Flechse durchschnitt.
»Ha-ia!« klang sein triumphierender Ruf. ich hatte hinter einem Baume Schutz gesucht und wieder geladen. Als ich den Ruf vernahm, trat ich vor und sah das Tier sich unter schmerzlichem Stöhnen auf drei Beinen bewegen, um den Singhalesen doch zu erfassen. Ich legte an und zielte auf die Stelle, an welcher der Rüssel aus dem Kopfe tritt. Eine leise Berührung des Drückers – das gewaltige Tier blieb, wie vom Schlage gerührt, halten, stand einige Sekunden vollständig bewegungslos, begann dann zu zittern, zu wanken und stürzte mit einem weithin vernehmbaren Aechzen zusammen.
»O strange, war das ein Schuß!« rief Raffley. »Man merkt es, daß Ihr dergleichen Wild schon geschossen habt. Well, ich wollte mir das Elfenbein verdienen; nun aber gehört es Euch, und die Katze dazu!«
»Was thue ich mit den Zähnen? Nehmt sie in Gottes Namen!«
»Fällt mir nicht ein! Die Beute, welche ich von der Jagd heimbringe, muß von meiner eigenen Kugel getroffen sein. Zieht der Katze die Haut ab; den Elefanten bedecken wir mit Zweigen und senden morgen unsere Leute her. Vorwärts; ich muß unbedingt auch noch einen Schuß haben!«
Es geschah, wie er vorgeschlagen hatte, dann nahmen wir, obgleich es nicht mehr zeitig am Tage war, unsern Pirschgang wieder auf.
Wir mochten so ziemlich eine Viertelstunde dem Wasser entlang gegangen sein, als ich, da ich voranschritt, die Spuren mehrerer Füße bemerkte, welche vom Ufer her in den Wald gingen.
»Stopp! Hier sind Leute gegangen.«
»Hier?« fragte Raffley.
»Ja. Bleibt stehen, damit Ihr mir die Fährte nicht zerstört!«
»Zählt einmal, wie viele es ihrer sind!«
»Zwei – drei – fünf – sechs – — «
»Zounds! Sechs schon? Was thun sechs Leute hier an diesem Ort? Das kommt mir verdächtig vor!«
»Sieben« fuhr ich fort; »neun – zehn – zwölf – dreizehn sind es gewesen.«
»Dreizehn, also eine ganze Compagnie! Was meint Ihr dazu, Charley?«
Der Klemmer war ihm vor Erstaunen nach der Nasenspitze gerutscht; der Mund stand ihm erwartungsvoll offen, und die Augen blickten mich durch die Gläser an, als ob von mir die Enthüllung eines höchst wichtigen Staatsgeheimnisses zu erwarten sei.
»Sagt zuvor Eure Meinung, Sir John!«
»Pshaw! Ich mag Euch zur See ein wenig überlegen sein, Charley, aber zu Land seid Ihr doch der Meister. Wer sich in so vielen Winkeln der Erde herumgetrieben hat, wie Ihr, der weiß sehr genau, wie wichtig eine solche Spur ist, und hat auch gelernt, sie zu lesen und zu beurteilen.«
Ich bog mich nieder, um die Eindrücke genau zu untersuchen.
»Es sind lauter Männer. Ein Chinese und zwölf Singhalesen oder vielleicht gar Malayen.«
»Bless me! Woraus seht Ihr das?«
»Zwölf sind barfuß, und der Umstand, daß die große Zehe weit absteht, läßt mich auf Malayen schließen. Der dreizehnte trägt, wie ich aus dem Eindrucke sehe, lederne Haprong, eine Fußbekleidung, für welche sich eben nur ein Chinese entschließen kann.«
»Wo kommen sie her, und was wollen sie hier?«
»Was sie wollen, könnten wir erfahren, wenn wir ihnen folgten. Woher sie kommen, werden wir wohl sehen.«
Ich stieg, den Spuren entgegen, das etwas steile und tiefe Ufer hinab. Die Fährte kam längs des Wassers herauf; wir verfolgten sie, ich unten am Flusse und die beiden andern oben auf der Höhe des Ufers. So mochten wir wohl zehn Minuten fortgeschritten sein, als ich auf ein Boot stieß, welches aus dem Wasser gezogen und mit Zweigen sorgfältig verdeckt worden war.
»Halt! Hier sind sie gelandet. Jedenfalls kamen sie stromauf. Sie haben das Boot versteckt und – wahrhaftig, hier ist noch ein zweites!«
»Versteckt? Zwei Boote? Und keine Wache dabei? Das ist verdächtig,« meinte der Engländer. »Wer auf ehrlichen Wegen geht, braucht seine Fahrzeuge nicht zu verbergen, sondern läßt eine Wache dabei. Ich komme hinunter, Charley!«
»Ja, kommt! Auch mir verursacht die Sache Bedenken, allerdings weniger weil die Boote versteckt sind, sondern weil die dreizehn Männer nicht direkt das Ufer erstiegen haben, sondern erst eine so bedeutende Strecke am Wasser hinaufgegangen sind. Das geschah jedenfalls in der Absicht, ihre Spuren zu verbergen. Wer weiß, welch einem schlechten Werke diese Boote dienen sollen.«
»Untersuchen wir sie!«
Die Boote waren, außer den in ihnen befindlichen Rudern, leer, und nicht das geringste Zeichen war zu entdecken, das uns Gelegenheit und Veranlassung zu irgend einem Schlusse gegeben hätte.
»Was thun wir, Charley?«
»Hm! Die Fahrzeuge gehören nicht uns!«
»Aber wenn sie einem bösen Zwecke dienen?«
»Haben wir darüber Gewißheit?«
»Allerdings nicht, aber ich habe ganz gewaltige Lust, diese Dinger leck zu machen, denn ich sage mir, daß diese dreizehn Halunken irgend eine Niederträchtigkeit vorhaben.«
»Was würdet Ihr sagen, wenn die Boote uns gehörten und wir fänden sie bei unserer Rückkunft zerstört?«
»Ich würde mich allerdings ärgern und jagte dem Kerl, der es gethan hätte, sobald ich ihn erwischte, ganz einfach eine Kugel in den Kopf.«
»Seht Ihr’s? Also!«
»Well, so lassen wir die Kähne, wie sie sind! Aber das Ding hat uns Zeit gekostet, und es dunkelt bereits. Machen wir uns auf den Rückweg, damit der Gouverneur nicht auf uns zu warten braucht!«
Wir kehrten um. Der Abend brach herein, und es war nicht ganz leicht, uns zurecht zu finden; dennoch langten wir nach einigen Stunden wohlbehalten bei dem Corral an, wo man an uns bereits mit Besorgnis gedacht hatte.
Natürlich zogen wir uns zunächst in unsere Räume zurück, um unsere äußere Erscheinung ein wenig zu restaurieren. Ich hatte kaum damit begonnen, so hörte ich den Ruf des Engländers, dessen Zimmer neben dem meinigen lag:
»Kaladi!«
Der Gerufene trat ein.
»Sihdi?«
»Wo ist Molama?«
»Ich weiß es nicht; ich habe sie noch nicht gesehen, seit wir zurückkehrten.«
»Und wo ist meine Chair-and-umbrella-pipe?«
»Was?«,
»Meine Chair-and-umbrella-pipe. Sie ist weg; ich sehe sie nicht und habe sie ihr doch noch extra auf die Seele gebunden!«
»Ich werde suchen nach Molama und die Pipe bringen, Sihdi!«
Nach einigen Minuten trat ich bei Raffley ein.
»Gehen wir?«
»Nein. Meine Umbrella-pipe ist fort. Ich muß wissen, wo sie sich befindet!«
»Aber der Gouverneur ließ uns sagen, daß wir schleunigst eintreffen sollten, da er die Treiber nicht länger zu halten vermöge!«
»Ist mir egal! Ich will meine Umbrella-pipe haben. Was sind alle Treiber und Elefanten gegen meinen Patent-Regenschirm! Kaladi, Kaladi, beim Henker, wo steckt doch nur dieser Mensch?«
Der Ruf mußte doch gehört worden sein, denn der Singhalese trat ein, erhitzt und den rinnenden Schweiß im Gesichte.
»Sihdi, du riefst schon wieder?«
»Wo hast du sie?«
»Molama?«
»Molama? Was geht mich Molama an? Wer ist Molama, und was habe ich mit dieser leichtfertigen Molama zu schaffen? Ich meine natürlich meine Chair-and-umbrella-pipe!«
»Die hat Molama.«
»So? Wo denn?«
»Das weiß ich nicht, Sihdi.«
»Du weißt es nicht? Kerl, wenn meine Umbrella-pipe weg ist, so sollst du sehen, was mit dir passiert! Wo ist das Mädchen hin mit ihr?«
»Ich weiß es nicht, aber ich werde es noch erfahren. Ich fragte und hörte, daß eine Schar von Jungfrauen gekommen ist, um Molama ein wenig mit in den Wald zu nehmen. Sie ist mitgegangen und hat den Schirm mitgenommen, weil ihr derselbe von Euch anvertraut worden war.«
Das Gespräch wurde von einem zweiten Boten des Gouverneurs unterbrochen, welcher uns bitten ließ, schleunigst nach der Tribüne zu kommen. Raffley sagte zu und wandte sich dann wieder zu Kaladi:
»Nicht aus Respekt gegen meinen Befehl hat sie ihn mitgenommen, sondern aus Eitelkeit; sie hat sich mit ihm zeigen wollen. Geh, schaffe mir meine Umbrella-pipe, sonst passiert etwas, was dir und dieser Molama höchst unangenehm ist!«
Der Singhalese entfernte sich schleunigst. Er mochte schon genug Sorge um das Schicksal seiner Erkornen haben, welche sich so leichtsinnigerweise mit ihren Genossinnen in den gefährlichen Urwald gewagt hatte; die Drohung des Engländers mußte seine Angst verdoppeln.
Wir suchten die Gesellschaft auf und erreichten die Tribüne gerade noch zur rechten Zeit, um den Verlauf des Fanges von Anfang an zu verfolgen.
Die Scene war außerordentlich interessant. Die niedrigen Feuer, von welchen man beim Sonnenlichte nur den Qualm gesehen hatte, traten jetzt mit rötlicher Glut aus der Dunkelheit hervor und verbreiteten ihren Schein über die um sie versammelten Gruppen, während der Rauch durch das reiche Laub der Bäume emporwirbelte. Die Menge der Zuschauer beobachtete das tiefste Stillschweigen, und außer etwa dem Summen eines Insektes war nicht der leiseste Laut zu vernehmen.
Da auf einmal wurde die Stille unterbrochen durch fernen Trommelschlag und eine Flintensalve, welche demselben folgte. Dies war das Signal für die Erneuerung des Angriffes. Die Jäger traten mit Schreien und Rufen in den Kreis ein; trockene Blätter und Reisig wurden auf die Wachtfeuer geworfen, bis sie hoch emporflackerten und auf drei Seiten eine flammende Linie bildeten, während der Eingang zum Corral vollständig im Dunkel gehalten wurde. Dahin wandten sich die erschreckten Elefanten, verfolgt von dem gellenden Rufen und dem Getöse der Jäger. Das Gebüsch niederstampfend, Zweige und Aeste zerknickend, nahten sie sich. Der Leiter der Herde tauchte Angesichts des Corrals auf, stutzte einen Augenblick, stierte wild umher und stürzte sich dann durch das offene Thor, die ganze Herde ihm nach.
Plötzlich flammte wie auf einen Zauberschlag der ganze Umfang des Corrals, welcher bis dahin in tiefster Finsternis gehalten worden war, mit Tausenden von Lichtern auf, indem jeder Jäger in dem Momente, in welchem der letzte Elefant eingetreten war, mit einer am nächsten Wachtfeuer angezündeten Fackel nach der Umzäunung eilte. Die gefangenen Tiere rannten zunächst nach dem äußersten Ende des Verhaues; durch den Zaun aufgehalten, kehrten sie wieder um, fanden jedoch den Eingang jetzt verschlossen. Ihr Schrecken war mächtig. In reißender Schnelligkeit durchrannten sie den Corral, fanden ihn aber jetzt von allen Seiten von Feuer umgeben; sie versuchten, den Zaun zu forcieren, wurden jedoch durch die Spieße und Fackeln der Wachen wieder zurückgetrieben, und wenn sie diese nicht achteten, so krachten ihnen Musketensalven entgegen, denen sie nicht standzuhalten vermochten.
Sie traten jetzt in eine Gruppe zusammen, wie um Rat zu halten, dann brachen sie plötzlich alle nach einer Richtung auf. Es sah aus, als müsse alles unter ihrem Tritte zerbersten und zermalmen; aber die Feuer loderten höher, geschlossene Salven krachten und blitzten ihnen entgegen – sie kehrten enttäuscht und langsam nach ihrem vorigen Ruheplatze in der Mitte des Corrals zurück.
Der Eindruck, welchen diese Scene hervorbrachte, beschränkte sich nicht auf die menschlichen Zuschauer, er erstreckte sich auch auf die zahmen Elefanten, welche außen aufgestellt waren. Bei der ersten Annäherung der fliehenden Herde gaben sie die regste Teilnahme kund. Namentlich zwei, welche in der Nähe der Front standen, zeigten sich gewaltig aufgeregt, stießen die Köpfe gegeneinander, scharrten den Boden und fuhren auf, als der Lärm näher kam. Schließlich, als die Herde in den Corral stürzte, riß der eine sich wirklich von den Zügeln los, rannte der Herde zu und entwurzelte dabei einen ansehnlichen Baum, welcher im Wege stand.
So fuhren die gefangenen Tiere über eine Stunde lang fort, den Corral zu durchkreuzen und die Palissaden immer von neuem mit ungebeugter Energie anzugreifen, nach jedem verfehlten Versuche vor Wut trompetend und schreiend. Wieder und wieder suchten sie das Thor’ zu forcieren, als wüßten sie genau, daß es ihnen ebenso einen Ausweg gewähren müsse, wie es ihnen vorher als Eingang gedient hatte; immer aber wurde ihr Angriff zurückgeschlagen. Nach und nach wurden ihre Befreiungsversuche seltener. Nur einzelne noch liefen hierhin und dorthin, kehrten aber immer wieder zurück, und zuletzt versammelte sich die ganze Herde zu einer Gruppe und stand, einen mitleidigen Kreis um die jungen bildend, bewegungslos im dunklen Schatten der Bäume im Centrum des Corrals.
Jetzt traf man auch die Vorbereitung für die Bewachung während der Nacht. Die an der Umzäunung stehenden Mannschaften wurden verstärkt, und man häufte Holz auf die Feuer, um eine hohe Flamme bis zum Sonnenaufgang zu erzielen. Da bis zum Morgen ein weiteres nicht vorgenommen werden konnte, so kehrten wir nach unsern Zimmern zurück.
Die erste Frage des Engländers beim Eintritt in das Gebäude war nach Kaladi. Niemand hatte den Singhalesen gesehen, und die Laune Raffleys war infolgedessen eine geradezu unbeschreibliche.
»Charley!«
»Sir!«
»Wollen wir wetten?«
»Worüber?«
»Daß die dreizehn Halunken bei der Geschichte mit meiner Chair-and-umbrella-pipe beteiligt sind.«
»Das könnte ich nicht begreifen. Wie sollte das möglich sein?«
»Wollen wir wetten?«
»Ihr wißt ja, daß ich nie wette!«
»Allerdings. Ihr seid ein ganz wackerer Kumpan und überhaupt ein recht brauchbarer Kerl, aber als Gentleman könnte ich Euch keinem echten Englishman vorstellen. Ihr werdet es noch bitter bereuen, daß Ihr jede Wette verschmäht. Inwiefern die zwei versteckten Boote mit meiner Umbrella-pipe in Verbindung stehen, kann ich allerdings nicht sagen, aber eine Ahnung sagt mir, daß es so ist, und was ich ahne, das pflegt stets einzutreffen.«
»Ihr rechnet hier mit höchst zweifelhaften Größen, Sir, und ich denke, daß ich – ah, da kommt Kaladi!«
Wirklich trat der Genannte ein. Die Haare hingen ihm wirr um den Kopf, die Kleider waren ihm zerfetzt, und der Schweiß rann ihm aus allen Poren.
»Sihdi!« rief er, indem er mit dem Ausdrucke der größten Angst auf Raffley zutrat und sich vor demselben auf das Knie niederließ.
»Was ist’s?«
»Ihr seid ein Maharadscha, dem niemand widerstehen kann; Ihr allein könnt mir helfen!«
»Welche Hilfe verlangst du?«
»Molama ist geraubt, Molama, das Licht meiner Augen, der Trost meiner Seele und der Stern meines Lebens.«
»Molama geraubt? Tod und Verderben über die Schurken! Und meine Umbrella-pipe, wo ist die?«
»Auch fort.«
»Wohin?«
»Ich weiß es nicht!«
»Was? Du weißt es nicht? Wer sagt denn, daß sie geraubt ist?«
»Die Jungfrauen, welche entflohen sind. «
»Die Jungfrauen – ah, es ist doch wahr: wo irgend eine Teufelei los ist, da sind stets die Frauenzimmer im Spiele!« Der Klemmer war ihm entfallen, er sah aus als hätte er sein ganzes Vermögen und sein halbes Leben samt Raffley-Castle verloren. »Wem sind sie denn entflohen?«
»Den Räubern.«
»Nun ja, das versteht sich ja von selbst; aber wer waren diese Räuber?«
»Ein Chinese und zwölf Malayen.«
»Alle Wetter! Charley!«
»Sir John!«
»Seht Ihr’s, daß ich meine Wette gewonnen hätte?«
»Allerdings, wie es scheint.«
»Es scheint nicht so, sondern es ist wirklich so, und nun geht mir eine ganz eigentümliche Ahnung auf. Erzähle ausführlich, Kaladi!«
»Ich lief,« berichtete dieser, »um den Corral und fragte nach Molama, bis ich hörte, daß sie mit vielen Mädchen in den Wald gegangen sei, um Blumen zu suchen. Weiter konnte ich nichts erfahren, bis ich vorhin an eine Stelle kam, wo viele Männer und Frauen klagend beieinander standen. Sie hielten zwei Jungfrauen umringt, welche erzählten, daß sie im Walde überfallen worden seien. Ihnen war es gelungen, zu entfliehen, die andern sind von den Räubern fortgeschleppt worden. Molama war bei ihnen und hatte auch den Schirm bei sich. Sihdi, bringt sie mir wieder, und ich will Euch danken, so lang als ich lebe!«
»Charley,« meinte der Engländer, ohne auf die letzte Bitte des Singhalesen zu antworten.
»Sir John.«
»Ihr habt gehört, was mir der Steuermann erzählte?«
»Allerdings,«
»Wißt Ihr, wer die Räuber sind?«
»Die Piraten, welche für sich Weiber suchen und auf einer einsamen Insel hausen.«
»So denke ich. Kann ich ihnen meine Umbrella-pipe lassen?«
»Ganz, wie ihr wollt!«
»Fällt mir nicht ein! Es war von Anfang bestimmt, daß wir den Kiumbu-Oya hinabfahren wollten, und darum ist ein tragbares Boot zur Stelle. Kaladi, du sollst deine Molama wiedersehen!«
»,Sihdi, Ihr seid – — «
»Schon gut! Charley, verabschiedet Euch vom Gouverneur; in einer Stunde geht es fort! Mögen sie mit ihren Elefanten machen, was sie wollen, mir ist es gleich; aber meine Chair-and-umbrella-pipe muß ich wieder haben, und wenn ich den Halunken nachsegeln sollte – dreimal rund um die Erde herum! » – — —
Eine Piratenjagd
Wenn die gefangenen Elefanten die erste Nacht im Corral verbracht haben, so ist ihr Widerstand gebrochen; sie sind erschöpft und still und voll Furcht und Staunen über alles, was sich um sie her zuträgt.
Die Feuer sind ausgegangen, und die Umzäunung ist eng umgeben von Knaben und Männern, welche mit Spießen und langen, weißgeschälten Ruten bewaffnet sind. Jetzt werden Vorbereitungen getroffen, die zahmen Elefanten in den Corral zu führen, um die gefangenen in Sicherheit zu bringen. Seile und Schlingen befinden sich in Bereitschaft, und weit getrennt von allen andern steht ein Trupp von dem verachteten Stamme, dessen Angehörige ein totes Tier anrühren dürfen und welchem daher das Geschäft zugewiesen wird, die dünnen, aber sehr festen und elastischen Seile für die Schlingen aus frischen Wild – und Büffelhäuten zu fertigen.
Wenn alles so weit ist, so werden die Pfosten, welche den Eingang verschließen, behutsam hinweggezogen und zwei gezähmte Elefanten geräuschlos hineingelassen, geritten von ihren Mahouts (Wärtern), die auf Ceylon Ponnekalla genannt werden. Jeder von ihnen trägt ein breites und starkes Halsband aus Geflecht von Kokosnußfaser, an welchem an beiden Seiten Seile von Elentierhaut mit fertigen Schlingen angebracht sind. Hinter diesen Elefanten schleichen sich die Kuruwi (Schlingenfänger) in die Umzäunung, begierig, den ersten Elefanten zu fesseln. Dies ist eine Ehre, welche mit einer besonderen Belohnung bedacht wird. ist der zahme Elefant ein guter Lockelefant, so geht er, mit dem Mahout auf den Schultern und dem Schlingenfänger hinter sich, mit dem angenommenen Scheine der größten Gleichgültigkeit vorwärts; wie müßig schlendert er in der Richtung nach den Gefangenen hin und macht dann und wann Halt, um ein Büschel Gras oder eine Handvoll Blätter abzurupfen. Wenn er sich der Herde nähert, so tritt der Leiter derselben näher und läßt seinen Rüssel ihm in sanfter Untersuchung über den Kopf gleiten. Merkwürdig ist, daß dabei und während des ganzen nun folgenden Vorganges dem Mahout nicht das geringste Leid zugefügt wird. Ist der Leiter zu seinen niedergeschlagenen Genossen zurückgekehrt, so folgt ihm der Lockelefant und stellt sich neben ihn. Der Schlingenfänger hält die Schlinge bereit, und sobald das wilde Tier den Fuß nur ein wenig hebt, befestigt er sie an demselben. Natürlich springt der Mann sofort zurück; ein oder zwei zahme Elefanten kommen herbei, teils um den in der Schlinge steckenden zu isolieren, teils um ihn mit sich nach einem Baume zu ziehen, an welchen er mit der Schlinge gefesselt wird. Eine zweite Schlinge wird nun um den anderen Hinterfuß gelegt, dann fesselt man die Vorderfüße ebenso, welche an einen gegenüberstehenden Baum gebunden werden, und die Gefangennahme ist vollendet.
Auf diese Weise wird jeder einzelne der wilden Elefanten überwältigt. So lange die zahmen Genossen neben ihm stehen, bleibt der Gefangene gewöhnlich ruhig und passiv; sobald sie aber fortgehen und er sich allein sieht, macht er die erstaunlichsten Anstrengungen, sich zu befreien. Er betastet die Seile mit dem Rüssel und versucht, die zahlreichen Knoten aufzuknüpfen; er zieht rückwärts, um die Vorderfüße zu befreien, und lehnt sich dann wieder nach vorn, um die Hinterfüße los zu bekommen, bis jeder Zweig des mächtigen Baumes, an den er gefesselt ist, von seinen Anstrengungen zittert. Er heult wütend, den Rüssel hoch in die Luft streckend; dann legt er, auf die Seite fallend, den Kopf zur Erde, erst die Wange, darauf die Stirn, und drückt den zusammengerollten Rüssel nieder, als wolle er ihn in den Boden zwängen, und jetzt erhebt er sich plötzlich und balanciert auf Stirn und Vorderfüßen, die Hinterbeine frei von sich streckend.
Dieses wechselnde Schauspiel dauert mehrere Stunden mit gelegentlichen Pausen augenscheinlicher Betäubung, nach denen sich der Kampf von Zeit zu Zeit krampfhaft und wie auf plötzlichen Antrieb erneuert; endlich aber legt sich das eitle Bemühen und das arme Tier bleibt vollkommen regungslos, ein Bild der Erschöpfung und Verzweiflung.
Bei diesen Vorgängen tritt die Verschiedenheit des Temperamentes in augenfälliger Weise zu Tage. Einige Tiere unterwerfen sich mit verhältnismäßig geringem Widerstande, während andere sich in ihrer Wut mit einer Gewalt zu Boden stürzen, die jedem schwächeren Geschöpfe verderblich werden müßte. Sie lassen ihren Ingrimm an jedem Baum und jeder Pflanze in ihrem Bereiche aus; ist die Pflanze klein, so reißen sie dieselbe mit dem Rüssel nieder, streifen Blätter und Zweige ab und werfen sie in wilder Unordnung über ihren Kopf nach allen Seiten hin. Die einen geben während ihrer Kämpfe keinen Ton von sich, während andere wütend brüllen und trompeten, dann kurzes, krampfhaftes Geschrei ausstoßen und zuletzt erschöpft und hoffnungslos ihrem Kummer in einem leisen, kläglichen Geheul Luft machen. Einige liegen nach ein paar heftigen Anläufen regungslos am Boden, ohne ein anderes Schmerzenszeichen als das der Thränen, welche ihren Augen unaufhörlich entquellen. Andere zeigen in der ganzen Macht ihres Zornes die seltsamsten und wunderbarsten Verdrehungen. Eine Manipulation kehrt fast bei allen wieder: in den Zwischenräumen zwischen den Kämpfen schlagen sie den Boden mit ihren Vorderfüßen, und indem sie die trockene Erde mit einer Windung des Rüssels packen, schleudern sie dieselbe geschickt über alle Teile des Körpers; dann stecken sie die Spitze des Rüssels in das Maul und ziehen daraus eine Quantität Wassers, das sie über den Rücken hin entladen. Diese Operation wiederholen sie immer von neuem, bis der Staub vollständig durchnäßt ist. —
Ich hatte mich darauf vorbereitet, alle diese Vorgänge in Augenschein nehmen zu können, und war daher keineswegs gleichgültig bei der plötzlichen Abreise, zu welcher wir uns durch den geheimnisvollen Raub der Mädchen veranlaßt sahen.
Das transportable Kanoe, welches uns zur Verfügung stand, wurde auf die Schultern von sechs Männern geladen; eine Reihe von Kulis trug unsere Effekten, den Proviant und die Munition, und den Schluß des Zuges bildeten Raffley, ich und Kaladi.
Der erstere folgte seiner Ahnung und war vollständig überzeugt, daß die Räuber identisch mit der Besatzung des Haiang-dze seien; ja, er ging noch weiter und nahm als sicher an, daß der Kapitän der Dschonke jener Pirat sei, von welchem das Gerücht so viel Schlimmes erzählte.
Der Gouverneur sah uns nur ungern scheiden und bot uns eine so zahlreiche Begleitung und Bedeckung an, als wir nur wünschen konnten. Wir wiesen sie zurück und baten ihn, die Verfolgung der Verbrecher nur uns zu überlassen.
»Nehmt Fackeln mit, und sucht den Ort auf, an welchem der Ueberfall stattgefunden hat,« meinte er. »Dann wird es euch leicht sein, ihren Spuren zu folgen.«
»Ist nicht notwendig, Sir!« antwortete Raffley. »Wo sie hingehen, das wissen wir bereits, und daß wir sie treffen, ist so sicher, als ich hier stehe. Oder wollen wir wetten, Sir?«
Der Gouverneur lächelte.
»Ich setze hundert Pfund auf die Behauptung, daß Ihr sie nicht fangt, wenn Ihr meinen Rat nicht befolgt.«
»Und ich wette fünfhundert Pfund dagegen, Sir. Dieser Herr ist Zeuge unseres Uebereinkommens, obgleich er selbst niemals zu einer Wette zu bewegen ist. Ich muß sie finden, denn wie könnte ich mich im Traveller-Club, Near Street 47, London, sehen lassen, ohne meine Chair-and-umbrella-pipe, welche mir die Halunken mitgenommen haben, Go on, Charley, vorwärts!«
Die Nacht war dunkel, aber mit Hilfe der Fackeln überwanden wir alle Schwierigkeiten und kamen wohlbehalten an dem Orte an, wo wir die zwei Boote entdeckt hatten.
»Seht Ihr’s, daß ich recht hatte?« meinte Raffley. »Hätten wir die Kähne leck gemacht, so wäre es ein wahrer Spaß, des Mädchens und meiner Pipe wieder habhaft zu werden!«
»Laßt es gut sein, Sir! Vielleicht glückt es uns auch so noch, Euern Schirm wieder zu erlangen,« beruhigte ich ihn.
Das Kanoe wurde in das Wasser gesetzt und nahm alle Effekten auf. Dann stiegen wir ein, Raffley, ich, Kaladi und zwei Ruderer, welche den Lauf des Flusses so genau kannten, daß wir uns ihnen getrost anvertrauen durften. Die übrigen wurden zurückgeschickt; hierauf befestigten wir Fackeln an das Spriet und den Stern des Bootes, dann wurde die nächtliche Fahrt begonnen.
Das Wasser des Flusses war nicht sehr tief, aber reißend. Das kleine Fahrzeug schoß mit der Geschwindigkeit des Dampfes dahin, während wir so genau wie möglich die Ufer beobachteten. So verfloß die Nacht, der Tag brach an, und die Fackeln erloschen. Der Fluß war durch zahlreiche Zuflüsse breiter geworden; die Fahrzeuge wurden zahlreicher, und als es fast Mittag war, befanden wir uns in Tschilah, ohne eine Spur der Räuber gefunden zu haben.
Draußen im Hafen lag unsere Dampfjacht. Ohne anzuhalten, ruderten wir ihr zu und stiegen an Bord. Der Steuermann stand am Fallreep, uns willkommen zu heißen, und ein leises Zischen, welches unten im Maschinenraume ertönte, bewies, daß der umsichtige Maat die Maschine zu sofortiger Aktion bereit gehalten habe.
»Feuer unter dem Kessel?« war Raffleys erste Frage.
»Yes, Sir!« »Den Haiang-dze gesehen?«
»Yes.«
»Wo?«
»Bin seit Kolombo hinter ihm her bis hinauf nach der Kalpetti-Insel. Dann aber mußte ich zurück hierher, um Euch aufnehmen zu können, sobald Ihr kamt. Da warf der Chinese auch hier die Anker und schickte zwei Boote stromauf.«
»Ah! Sind sie zurück?«
»Schon mit Sonnenaufgang.«
»Was hatten sie geladen?«
»Weiß nicht. Hatten Bastdecken über die Bords gelegt.«
»Die Dschonke lichtete dann sofort die Anker?«
»So ist es.«
»Nach welcher Richtung ging sie?«
»Grad nach Nord. Ich bin ihr mehr als über eine Stunde nachgedampft und habe die Ueberzeugung, daß sie die Palksstraße gewinnen will. Wäre sie nach Süden gegangen, so hätte ich einen Verdacht, der – der – - – «
»Nun, der – — ?«
»Der wohl einiges für sich gehabt hätte. Kaum war ich nämlich zurückgekehrt, so brachte eine Kohlenbarke die Nachricht, daß auf der Insel Karetiwu vorgestern abend ein ganz außerordentlicher Perlenraub verübt worden ist. Ein Schiff hat am dunklen Abend in der Nähe der Küste beigedreht und drei Boote ausgesandt, welche voll wilder Gestalten gewesen sind, die über die Office herfielen und alle Vorräte nebst dem vorhandenen Gelde mit sich nahmen.«
»Was waren es für Leute?«
»Malayen, angeführt von einem Chinesen.«
»Und das Schiff?«
»War in der Dunkelheit nicht genau zu erkennen, doch stimmt die ungefähre Beschreibung ganz genau mit dem Haiang-dze.«
»Er ist es!«
»Würde er wohl dann wieder nach Nord gegangen sein?«
»Maske! Er wird wenden und nach Süden einhalten, darauf kannst du dich verlassen, Tom. Der Chinese ist ein kühner Kerl, das hat er gezeigt, indem er da oben bei Karetiwu, wo es konträre Winde giebt und die Strömung reißend ist, bloß beidrehte, statt die Anker zu werfen. Ein solches Manöver darf man eigentlich bloß einem Yankee zutrauen, dem es nicht darauf ankommt, ob das Fahrzeug vor einer Bö kentert oder durch die Strömung wrack gemacht wird. Nimm die Sachen aus dem Kanoe und mache, daß wir aus dem Hafen kommen. Wir gehen grad nach Westen.«
»Nach West! Warum?« fragte Tom erstaunt.
»Darum,« antwortete Raffley kurz. Er konnte es nicht leiden, wenn seine Absichten nicht verstanden wurden.
Unsere in dem Kanoe befindlichen Sachen wurden an Bord gebracht, und die beiden Ruderer ruderten, nachdem sie ihre Bezahlung in Empfang genommen hatten, der Stadt wieder zu. Dann dauerte es nicht lange, so knarrte die Ankerwinde, die Schraube bohrte sich in die widerstrebende Flut und das kleine, schmucke Fahrzeug strebte zwischen den im Hafen liegenden Schiffen in graziösen Windungen dem Ausgange zu. Wir stachen in See.
Als wir das offene Meer erreicht hatten, trat Raffley zu mir.
»Wißt Ihr, Charley, warum ich nach West halten lasse?«
»Ich denke es.«
»Nun?«
»Ihr wollt den Kurs des Chinesen schneiden, welcher sicher von Nord nach Süd wenden wird.«
»So seid Ihr auch meiner Ansicht?«
»Vollständig. Erst wollte ich zweifeln; nach allem aber, was wir bisher gehört und beobachtet haben, halte auch ich den Chinesen für einen Piraten. Daß wir ihm folgen, versteht sich von selbst, aber ob wir dies allein thun wollen oder uns nach Hilfe umsehen, muß wohl erst noch beantwortet werden.«
»Fürchtet Ihr Euch, Charley?«
»Pshaw!«
»Nun also! Wir nehmen die Dschonke für uns allein. Gehen wir sechzig Knoten nach West, ohne sie gesehen zu haben, so ist sie bereits vorüber, nach meiner Rechnung. Dann sind wir gezwungen, nach Süd umzulegen.«
»Selbst in diesem Falle hat sie einen Vorsprung von vielleicht fünf Stunden, welche, da sie mit dem Winde segelt, nur schwer einzuholen sind.«
»Glaubt Ihr wirklich, daß ich mich dadurch irre machen lasse? Der Haiang-dze darf nicht nahe am Lande segeln, und über seinen Kurs herrscht nicht der mindeste Zweifel.«
»Er wird die Insel nach Osten umsegeln.«
