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Kitabı oku: «Am Stillen Ozean», sayfa 24

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An der Tigerbrücke

 Quimbo

Eine der sonderbarsten Gestalten, die ich auf meinen Wanderungen getroffen habe, ist ohne Zweifel der Basuto-Kaffer Quimbo, welcher in ähnlicher Weise wie Hadschi Halef Omar durch verschiedene Länder des Orientes mein Begleiter in Südafrika war. So himmelweit verschieden diese beiden braven Menschen voneinander waren, eine große, für mich erfreuliche Aehnlichkeit hatten sie doch, und diese bestand in der großen Liebe und Anhänglichkeit, die sie für mich hegten.

Quimbo bildete, besonders wenn er neben mir ritt, eine höchst seltsame, ja lächerliche Figur. Außer einem kattunenen Schurze, den er um seine Lenden geschlungen hatte, war er vollständig nackt und hatte seinen dunkeln, mit starker, eckiger Muskulatur versehenen Körper mit Fett eingerieben, welches seine Haut zwar vor den lästigen Stichen der Insekten schützte, leider aber einen so penetranten Geruch oder vielmehr Gestank verbreitete, daß es mich eine wirkliche Ueberwindung kostete, mit ihm in größerer Nähe als fünfzig Schritte zu verkehren.

Das Merkwürdigste an ihm war die Art und Weise, sein Haar zu tragen. Er hatte es nämlich durch tägliche Anwendung von Akaziengummi und jahrelange, sorgsame Pflege in eine kompakte Masse gekleistert, welche seiner Frisur das Aussehen von zwei mit den Sohlen gegeneinander geneigten Pantoffeln gab, deren Absätze die Spitze bildeten, während die Fußhöhlungen nach oben gerichtet waren und von ihm als Aufbewahrungsort von allerlei höchst wertlosen, für ihn aber außerordentlich wichtigen Kleinigkeiten dienten. Die Ohrläppchen waren in seiner Jugend durch angehängte und jedenfalls schwere Schmuckgegenstände so ausgedehnt und abwärts gezogen worden, daß sie an Größe so ziemlich den Ohrlappen eines Neufundländers gleichkamen. Um die so seltenen Schaustücke praktisch zu verwerten, pflegte er sie des Morgens aufzuwickeln und in die Höhlung jeder der beiden Rollen eine von seinen zwei Schnupfdosen zu stecken.

Außerdem trug er an jedem Nasenflügel einen starken, messingenen Ring und hatte, jedenfalls eine Erfindung seines eigenen ästhetischen Genies, um den Hals einen breiten Riemen von Sohlenleder geschnallt, an welchem zwei sehr umfangreiche Kuhglocken befestigt waren, die er täglich einmal abzunehmen und blankzuputzen pflegte, Diese Glocken ließen bei jeder seiner Bewegungen ein Gebimmel hören, welches mir nicht nur lästig wurde, sondern uns beiden gefährlich werden konnte, denn wir hatten uns damals vor Feinden in acht zu nehmen, denen das immerwährende Getöse unsere Annäherung schon von weitem verraten mußte; darum drang ich in ihn, wenn auch nicht die Glocken ganz zu entfernen, so doch wenigstens die Klöppel herauszunehmen, und daß er mir diesen Wunsch, allerdings nach langem und schwerem Kampfe mit sich selbst, erfüllte, war ein großer und unumstößlicher Beweis von der Zuneigung, mit welcher er an mir hing.

So sonderbar, wie er selbst, war auch seine Ausdrucksweise. Er radebrechte das Holländische ganz leidlich, spickte es aber so mit den in seiner Muttersprache vorkommenden Schnalz – und Klatschlauten, daß alle seine Sätze wie von Spechten zerhackt aus seinem Munde kamen. Und dieser Mund, wie groß und breit war er doch! Wenn Quimbo im Eifer sprach oder gar dazu lachte, dann reichten seine weißen Zahnreihen von einem Ohre bis zum andern, und sein Gesicht glich weit eher demjenigen eines Vierhänders als dem eines Menschen.

Das aber ihm zu sagen, hätte niemand wagen dürfen, denn er war ungeheuer eitel und hielt sich nicht nur für schön, sondern für eine Schönheit allerersten Ranges. Wenn er von sich sprach, pflegte er sich als den »schön’, gut’, tapfer Quimbo« zu bezeichnen. In Beziehung auf die Schönheit irrte er sich; aber gut war er, seelengut; ob auch tapfer, das wollte ich erst nicht glauben, sah aber später ein, daß ich ihn da falsch beurteilt hatte; Quimbo war mutig, und wenn es sich um eine Gefahr für mich handelte, so wagte er unbedenklich sein Leben. Ich gewann ihn herzlich lieb und wünschte ihm alles Gute, konnte aber leider nicht verhindern, daß dieser Wunsch grad in dem Falle, der für ihn der wichtigste war, nicht in Erfüllung ging.

Quimbo hatte nämlich sein Herz verloren; es gehörte einem schönen Kaffermädchen, welches ein Boer in der Kalahari gefunden, als Kind angenommen und Mietje genannt hatte. Wie oft hörte ich aus seinem Munde die selig klingenden Worte: »Mietje werd’ sein’ Frau von schön’, gut’, tapfer Quimbo, denn Quimbo werd heirat’ schön’, jung’, reich’ Mietje!« Er mußte aber erfahren, daß auch ein schön, gut tapfer Mensch, selbst wenn er ein Kaffer ist, nicht alles haben kann, was er will; Mietje wurde die Frau eines jungen Boers, und Quimbo mußte verzichten. Ob sein Herz darüber brechen würde, das konnte ich nicht abwarten, denn ich mußte fort. Als ich Abschied von ihm nahm, stand er weinend, oder vielmehr grinsend, vor mir, als ob er vor Liebe und Herzeleid nicht wisse, wo aus oder ein. Da aber schien ihm plötzlich ein guter Gedanke zu kommen: er langte nach seinem rechten, aufgerollten Ohrläppchen, riß die in demselben steckende Schnupfdose heraus, gab sie mir mit einem unendlich wohlwollenden Zähnefletschen und sagte dabei:

»Lieb’ gut’ Mynheer will gehn nach heim; Quimbo wein’ viel’ groß’ Thrän’, weil Quimbo nicht darf geh’ mit Mynheer; aber Quimbo geb’ hier Dos’ an Mynheer, damit Mynheer denk’ viel an arm’, gut, schön’, tapfer Quimbo!«

Natürlich nahm ich, um ihn nicht zu betrüben, die Dose an. Ich war überzeugt, daß ich den Ohrlappen, in dem sie gesteckt hatte, niemals wiedersehen würde. Trotzdem wurde mir der Vorzug zu teil, nicht nur diesem rechten, sondern auch dem linken Ohrlappen mitsamt dem ganzen Quimbo wieder zu begegnen, und zwar nicht etwa hier im Lande der Boers, Kaffern und Hottentotten, sondern – — wo? – — —

– — – — – — – — – — —

Indem ich erzählte, daß wir den »Haiang-dze« nach Piont de Galle brachten und mit den Gefangenen dem Mudellier übergaben, daß wir da den Besuch des Gouverneurs von Kolombo erhielten und dann der Hochzeit Kaladis mit Molama beiwohnten, habe ich, allerdings mit Absicht, eine Episode übergangen, welche jetzt Erwähnung finden soll.

Es verstand sich ganz von selbst, daß die Besatzung des »Haiang-dze«, und zwar auf das allerstrengste, bestraft werden mußte; aber die Frage war, nach welchem Rechte dies zu geschehen hatte. Auf Ceylon ist nämlich im allgemeinen für Europäer und Eingeborene herrschendes Recht das altholländische, doch ist für die Tamilen ein eigener Kodex vorhanden, welcher Thesawalamy heißt, und für Candy gilt außerdem noch ein besonderes, lokales Recht. Nach englischem Rechte wird nur bei Schiffahrts – und Handelsfragen geurteilt. Waren die Girl-Robbers nun nach englischem oder altholländischem Rechte zu verurteilen? Diese Frage war für die Beamten aber nicht für Raffley oder mich wichtig; wir bekümmerten uns nicht darum. Der Mudellier konnte keine Entscheidung treffen; er mußte die Ankunft des Gouverneurs abwarten und bis dahin dafür sorgen, daß die Gefangenen ja nicht zu entfliehen vermochten. Er suchte uns, noch bevor es ganz dunkelte, im Hotel Madras auf, um Raffley zu fragen, welchen Gewahrsam er für den sichersten für sie halte; er glaube, es sei am besten, sie auf der Dschunke zu lassen und dort gut zu bewachen. Raffley hatte eigentlich gar nichts dabei zu sagen, nahm es aber als ganz selbstverständlich hin, daß der Beamte sich an ihn gewendet hatte, drehte sich zu mir herum und sagte: »Charley!«

»Sir!« antwortete ich in seiner Weise.

»Was meint Ihr dazu?«

»Nichts.«

»Hm! Ihr müßt aber doch eine Ansicht haben!«

»Dann müßte ich die hiesigen Gefängnisse kennen.«

»Die werden nicht viel taugen!«

»Dann ist es allerdings geraten, die Kerls auf dem Schiffe zu lassen, natürlich unter der aufmerksamsten Bewachung.«

»Well, denke es auch. Das ist also entschieden, und dabei mag es bleiben.«

Der Mudellier stand auf, machte eine tiefe Verbeugung, lud uns für den Abend zu sich ein und ging. Der Engländer zog eins seiner ironischen Gesichter und fragte:

»Was sagt Ihr zu diesem Manne, Charley?«

»Er hält Euch für einen bedeutenderen Kerl, als er selber ist.«

»Das will ich ihm auch geraten haben! Oder seid Ihr etwa einer andern Ansicht?«

»Ich denke über Euch grad so, wie Ihr von mir denkt.«

»Gut gesagt, sehr gut! Hoffentlich redet Ihr ebenso klug, wenn Ihr gehört habt, was ich Euch jetzt vorzuschlagen habe.«

»So laßt mich’s hören, Sir!«

»Ihr wollt von hier aus nach Suez und nach Hause?«

»Nein, sondern nach Bombay.«

»Daraus wird nichts!«

»Ah?«

»Absolut nichts! Ich komme von dort und will nicht so schnell wieder hin. Was habt Ihr denn dort ohne mich zu suchen?«

»Das, was ich überall zu suchen habe.«

»Richtig! Es kann Euch also gleich sein, ob Ihr Bombay seht oder nicht.«

»Mein Reiseplan weist mich hin!«

»Reiseplan! Ueberhaupt Plan! Welcher gescheite Kerl wird Pläne machen! Und noch dazu solche! Nehmt doch die Feste, wie sie kommen! Ihr seid ein ganz eigentümlicher Kumpan, wie mir noch keiner vorgekommen ist. Ihr steckt voller Mucken und Fehler wie ein Sieb voller Löcher, und doch muß man Euch gut sein, man mag wollen oder nicht. Ich laß Euch noch nicht fort von mir.«

»Glaubt Ihr, mich halten zu können?«

»Yes.«

»Womit?«

»Hm! Wollen wir wetten?«

»Nein; ich wette nicht.«

»Unsinn! Wartet doch erst ab, bis ich Euch gesagt habe, welche Wette ich meine! Ich setze hundert Pfund darauf, daß Ihr bei mir bleibt. Nun sagt einmal, was Ihr dagegen setzen wollt!«

»Nichts.«

»Schandbarer Mensch! Diese Wette hätte ich sicher gewonnen! Wollt Ihr mit, Charley?«

»Wohin?«

Er senkte schnell den Kopf, so daß ihm der Klemmer vor auf die Nasenspitze rutschte, sah mir über die Gläser hinweg mit einem verlockenden Blicke in das Gesicht und sprach nur das eine Wort, aber mit schwerer Betonung aus:

»Jabadiu!«

Dieses Wort verfehlte den beabsichtigten Eindruck nicht auf mich; aber ich ließ ihm dies nicht merken und fragte in gleichgültigem Tone.

»Was ist’s damit?«

»Was es damit ist? Welche Frage! Wißt Ihr denn nicht, was Jabadiu bedeutet?«

»Es ist der alte Name für Java. Zu Ptolemäus’ Zeiten ungefähr wurde die Insel so genannt.«

»Richtig! Also Java! Nun, was sagt Ihr dazu?«

»Wollt Ihr hin, Sir?«

»Ob ich will? Wüßte nicht, wer es mir verbieten könnte! Giebt es vielleicht einen Menschen, der das Recht hätte, es Euch zu untersagen?«

»Nein.«

»Also abgemacht! Wir dampfen nach Java!«

»Sachte, sachte, Sir John! Wenn mir auch kein anderer dreinzureden hat, so giebt es doch einen, der seine Einwilligung dazu geben muß.«

»Wer ist das?«

»Ich selbst bin es.«

»Pshaw! Ihr werdet gar nicht gefragt. Möchte doch wissen, was Ihr dagegen vorbringen könntet! Habt Ihr etwa keine Lust? «

»Lust mehr als genug; aber die Zeit, die Zeit!«

»Redet doch nicht von der Zeit! So ein Globetrotter, wie Ihr seid, hat immer Zeit. Und was das andere betrifft, wenn Ihr vielleicht denkt, So könnt Ihr Euch doch denken, daß Ihr bis auf das allerkleinste, bis auf die Stecknadel, mein Gast sein sollt.«

»Daran dachte ich jetzt nicht.«

»Woran denn?«

»Daran, daß die Fahrt nach Java mich für diesmal zu weit von der Heimat entfernen würde.«

»Auf diesen Gedanken braucht Ihr gar nicht stolz zu sein, Charley. Es führen alle Wege nach Rom, und es kann Euch sehr gleichgültig sein, ob Ihr von Westen oder von Osten, über Amerika oder über Afrika in Euer heimatliches Nest zurückkehrt. Ich wundere mich sehr über Euch, daß – - – «

Er wurde unterbrochen. Draußen war jetzt Musik und Gesang zu hören, und einer der Oberbediensteten des Hotels trat ein, welcher Licht brachte, denn es dunkelte schon, und bat, in die Veranda zu treten, weil man uns beide zu sehen wünsche.

»Wer will uns sehen?« fragte der Englishman verwundert.

»Die Volksmenge, welche Euretwegen gekommen ist, um Euch zu ehren und Euch zu danken.«

»Wofür?«

»Die Jungfrauen, welche Ihr errettet habt, werden festlich durch die Stadt geführt; dann sollen diejenigen, welche während der Elefantenjagd geraubt worden sind, von dem Boten, den der Mudellier nach Kolombo zu dem Gouverneur sendet, dorthin begleitet werden.«

Raffley zog eins seiner sonderbaren Gesichter, ließ den Klemmer auf die Nasenspitze rutschen und fragte:

»Sollen wir etwa auch mit festlich durch die Stadt laufen, he?«

»Ew. Lordschaft, wer sollte daran denken!«

Mit diesen Worten fuhr der erschrockene Mann zur Thür hinaus. Raffley nickte mir lachend zu:

»Well, so wollen wir uns angucken lassen! Vorher aber sage ich Euch, daß ich wegen Java auf Eure Begleitung rechne. Drei Tage brauche ich zur Vorbereitung zu dieser Reise; so lange gebe ich Euch Zeit, darüber nachzusinnen, ob Ihr wollt oder nicht. Aber wehe Euch, wenn Ihr dann nicht mitkommen wollt!«

Draußen standen beim Scheine vieler Fackeln an der Spitze des Festzuges die mit Blumen reich geschmückten Jungfrauen. Als man uns erblickte, erbrausten Rufe aus hundert und aber hundert Kehlen, und die Musikanten stimmten ein. Das ging ohne Unterbrechung mehrere Minuten fort und hörte nicht eher auf, als bis wir in das Zimmer zurückgetreten waren.

Kurz darauf folgten wir der Einladung des Mudelliers. Dort erfuhren wir, daß ein Lieutenant von den Eingeborenen mit zehn Mann auf die Dschonke beordert worden war, die Gefangenen zu bewachen. Ich fragte, ob diese elf Mann genügend seien, beruhigte mich aber auf die Bemerkung des Mudelliers, daß nicht mehr Wächter gebraucht würden, weil die Gefangenen alle gefesselt und außerdem noch angebunden seien.

Da wir die vorige Nacht durchwacht hatten, blieben wir nur so lange bei diesem Beamten, wie der Anstand erforderte, und legten uns dann gleich nieder. Dieses Schlafbedürfnis hatte zur Folge, daß wir am nächsten Morgen nicht eher aufwachten, bis wir geweckt wurden.

Der Mudellier wollte wieder mit uns sprechen. Das mußte etwas Wichtiges sein. Wenn ich bedachte, wie stolz und unnahbar sonst ein solcher Gebieter zu sein pflegt, konnte ich mir Glück zu meiner Bekanntschaft mit Raffley wünschen, denn nur dessen Verwandtschaft mit dem Generalgouverneur war das entgegenkommende Verhalten des Mudelliers zu verdanken.

Er sah sehr ernst und feierlich aus, als er in Raffleys Zimmer trat, in welches ich mich schnell begeben hatte, und sonderbar klang die einleitende Frage, welche er an den Englishman richtete, sobald er uns begrüßt und sich niedergesetzt hatte:

»Sir, wo leben die Geister?«

Raffley machte vor Erstaunen ein so langes Gesicht, daß der Klemmer in die bekannte Bewegung kam, sah den Frager eine Weile wortlos an, schüttelte den Kopf und antwortete dann:

»Die Geister – –? Hm! Die Geister – — – ?«

»Ja, die Geister!« nickte der Mudellier.

»Was für welche? Es giebt verschiedene Geister.«

»Verschiedene?«

»Ja. Ja, zum Beispiel Lebensgeister, Weingeister, Quälgeister und so weiter.«

»Sir, ich scherze nicht. Ich meine die richtigen Geister.«

»Die richtigen? Hm! Etwa Gespenster?«

»Das ist wohl gleich, Geist oder Gespenst.«

Da nahm Raffleys Gesicht einen leise ironischen Ausdruck an; er schob den Klemmer wieder dahin, wohin er gehörte, und sagte:

»Das ist gar nicht gleich. Der Mensch kann seinen Geist aufgeben; aber sein Gespenst aufgeben, das kann er nicht. Hat es vielleicht in der vergangenen Nacht ein Gespenst gegeben?«

»Ja.«

»Wo?«

»Auf der Dschonke.«

»Auf dem chinesischen Schiffe?«

»Ja.«

»Das glaubt Ihr, Sir?«

»Ja, ich glaube es.«

»Ich nicht. Gespenster giebt es überhaupt nicht, und wenn einer Eurer Soldaten ein solches Ding gesehen haben will oder wirklich gesehen hat, so wette ich um tausend oder fünftausend Pfund Sterling, daß dieses Gespenst Fleisch und Blut besitzt und irgend eine Teufelei bezweckt. Es hat sich doch nicht etwa um die Befreiung der Gefangenen gehandelt?«

»Nein.«

»Nicht? Es kann aber doch nur einer der Gefangenen gewesen sein, denn außer ihnen und den Soldaten befindet sich kein Mensch an Bord.«

»Es war keiner von ihnen; sie sind alle so gefesselt und fest angebunden, daß keiner los kann; es war ein ganz anderes Wesen; es war ein Geist!«

Er sagte das in so überzeugtem Tone, daß Raffley abermals den Kopf schüttelte und sich zu mir wendete:

»Charley!«

»Sir!«

»Giebt es Geister?«

»Ja.«

»Gespenster?«

»Nein. Wer ist es, der heute nacht eines gesehen haben will?«

Ich richtete diese Frage an den Mudellier.

»Die Wächter,« antwortete er.

»Einer oder einige von ihnen?«

»Alle. Der Lieutenant hat es mir vorhin gemeldet; ich habe ihn mitgebracht. Er wartet draußen, und wenn es euch beliebt, mag er es erzählen.«

Ich stand auf und holte den Mann herein. Er sah gar nicht wie ein Hasenfuß aus, doch Leute seiner Abstammung sind von Haus aus dem krassesten Aberglauben ergeben. Er mußte erzählen.

Mitternacht ist bekanntlich in allen Erdteilen und bei allen Völkern die Stunde der Geister, und um Mitternacht war es auch gewesen, als sich auf der Dschonke plötzlich ein großer Wind erhoben hatte und der Geist erschienen war.

»Wo kam er her?« fragte ich.

»Das sah man nicht; er war da.«

»Wie lange sah man ihn?«

»Nur wenige Minuten.«

»Wo ging er hin?«

»Das sah man nicht; er war fort.«

»Wie sah er aus?«

»Schrecklich! Unsere Herzen bebten.«

»Schrecklich! Wie meinst du das? Beschreibe ihn näher, ausführlichen«

»Das kann ich nicht. Wer kann Geister beschreiben!«

»Sah er aus wie ein Tier?«

»Nein.«

»Wie ein Mensch?«

»Nein.«

»Welchem Wesen oder Gegenstande sah er ähnlich?«

»Keinem.«

Das war die ganze Auskunft, die ich erhielt; mehr konnte ich nicht erfahren. Vorsichtigerweise erkundigte ich mich noch:

»Fehlt heut ein Gefangener?«

»Nein.«

»Sind alle noch fest angebunden?«

»Ja.«

»Es ist also keiner los gewesen und etwa von euch wieder angebunden worden?«

»Nein, Sir.«

Ich sah Raffley an und er mich; dann brachen wir in ein lautes Lachen aus.

»Lacht nicht, Mylords!« warnte der Mudellier ängstlich. »Die Geister rächen jeden Scherz, den man mit ihnen treibt.«

»Die Art von Geistern, um die es sich hier handelt, rächen sich nicht, sondern sie sind sehr froh, wenn man ihnen nichts thut,« antwortete Raffley. »Eigentlich geht uns dieser Spuk gar nichts an; aber da wir es sind, die das Schiff genommen haben, dürfen wir wohl einmal nachschauen, von welcher Art seine überirdischen Bewohner sind. Charley, geht Ihr mit?«

»Ja,« antwortete ich.

»Habt Ihr eine Ahnung, wer der Geist ist?«

»Jetzt noch nicht.«

»Wollen wir wetten?«

»Nein.«

»Aber Ihr könnt gewinnen! Ich setze – - – «

»Setzt nichts, Sir,« unterbrach ich ihn; »ich wette doch nicht mit.«

»Ja, es ist ein Elend, ein wirkliches Elend mit Euch. Ihr seid wirklich zu keinem Einsatz zu bewegen, nicht einmal dann, wenn es sich um Geister handelt!«

Es wurde erst kurz gefrühstückt, und dann begaben wir uns nach dem Hafen und auf die Dschonke. Die gestrige Wachtmannschaft war noch nicht abgelöst worden; wir fanden also die Soldaten vor, welche den »Geist« gesehen hatten. Leider war von ihnen auch nicht mehr zu erfahren, als was wir schon wußten; wir merkten nur so viel, daß sie den Spuk mehr gehört als gesehen hatten.

Natürlich stiegen wir in den Raum hinab, um die Gefangenen in Augenschein zu nehmen. Ihre Fesseln waren in dem gewünschten Zustande; es konnte keiner loskommen, der nicht von den Wächtern losgebunden wurde, und daß so etwas nicht geschehen war, konnte keinem Zweifel unterworfen sein. Als wir die Dschonke wieder verließen, waren wir grad so klug, wie vorher. Wer weiß, durch was diese abergläubischen Singhalesen sich die Köpfe hatten verdrehen lassen!

Aber am nächsten Morgen ließ der Mudellier uns zu sich bitten, um uns mitzuteilen, daß der Geist abermals um Mitternacht erschienen sei. Er war ihm von dem diesmaligen Offizier der Wache gemeldet worden, und der Mann stand noch da, um uns Auskunft zu erteilen. Der Vorgang war genau so wie gestern verlaufen. Erst hatte sich ein Wind erhoben, und dann war der Geist erschienen, dessen Gestalt aber nicht zu erkennen gewesen war und also auch nicht beschrieben werden konnte.

»War es denn wirklich ein Wind?« fragte ich.

»O, ein sehr plötzlicher,« antwortete der Lieutenant.

»Habt Ihr ihn gefühlt?«

»Sehr.«

»Woher kam der Geist?«

»Das weiß ich nicht; er war da.«

»Und wohin ging er?«

»Das kann ich nicht sagen; er war fort.«

»Saht ihr denn, daß er sich bewegte?«

»Ja.«

»So müßt ihr doch auch wissen, an welcher Stelle oder an welchen Stellen des Schiffes er sich befunden hat! «

»Er kam bis zum Mittelmast.«

»Aus welcher Richtung?«

»Das habe ich nicht gesehen.«

»Ihr habt die Augen nicht offen gehabt, oder die Angst hat sie euch verdunkelt. Wir werden mit dir gehen, um diese Gespenstergeschichte noch einmal zu untersuchen.«

Wir thaten es, aber die Untersuchung führte zu keinem Resultate. Wir fanden alles genau so wie gestern. Am Mittelmaste, bis wohin der »Geist« gekommen sein sollte, standen mehrere Körbe mit Melonen und sonstigen Früchten, welche bestimmt gewesen waren, von den Girl-Robbers gegessen zu werden. Ich betrachtete diese Körbe und fand keinen Grund, sie mit dem Spuke in Beziehung zu bringen. Ich ärgerte mich, nicht etwa über das Gespenst oder über die Dummheit der Singhalesen, sondern über mich selbst. Was für schwierige Fragen hatte ich schon beantwortet, welche Spuren gefunden und verfolgt! Und hier wollte mir kein einziger Gedanke kommen! O, Kara Ben Nemsi, o, Old Shatterhand, wo ist dein Scharfsinn, wo ist dein Scharfblick hin!

Als wir uns von dem Mudellier getrennt hatten und wieder allein beisammen saßen, sah Raffley mich pfiffig lächelnd an und sagte:

»Charley, ich bemitleide Euch.«

»Warum?«

»Das Gespenst ist vom Schiffe fort und geht nun in Euerm Kopfe um. Ich denke, Ihr werdet bald den großen, plötzlichen Wind verspüren.«

»Spottet immer! Es ist wirklich ärgerlich, einer solchen Albernheit nicht auf die Spur kommen zu können.«

»Nicht? Hm! Wirklich nicht?«

»Na, habt Ihr vielleicht einen Gedanken, Sir?«

»Yes, und was für einen!«

»Nun, welchen?«

»Das Gespenst kommt vom Lande her.«

»Und ich behaupte, daß es sich im Innern der Dschonke befindet.«

»Unsinn! Wollen wir wetten?«

»Nein.«

»Ich setze hundert Guineen, daß ich recht habe. Man will die Chinesen befreien, und man spielt zu diesem Zwecke Gespenst, um den Wächtern Furcht einzujagen. Meint Ihr nicht auch?«

»Nein.«

»So setzt zehn Goldstücke gegen meine hundert!«

»Ich habe keine Goldstücke zum Wetten.«

»Ich borge sie Euch!«

»Danke. Das Gespenst ist nicht wert, daß man seinetwegen auch nur einen Schilling riskiert. Heut abend wird es gefangen.«

»Wa – wa – wa – — was?« fuhr der Englishman auf. »Wer will es fangen?«

»Ich.«

»ihr wollt auf die Dschonke?«

»Ja.«

»Doch nicht allein?«

»Wollt Ihr mit, Sir?«

»Natürlich, natürlich! Mit geküßten Fingerspitzen! Ein Gespenst fangen! Charley, Ihr seid wirklich kein unebener Kerl. Schade, daß Ihr niemals wetten wollt! Ich wollte, Ihr wäret auf Raffley-Castle geboren worden!«

»Als Euer ältester Bruder? Wie stände es da mit Eurem Titel und Erbe?«

»Ich brauchte beides nicht. Ich lebte von der Gespensterjagd.«

»Das läßt sich hören; es soll zuweilen sehr fette und sehr nahrhafte Gespenster geben. Bin neugierig, wie schwer das heutige wiegen wird.«

»Wind – Luft – — kein Gewicht!«

»Wind? Nicht die Spur davon, Sir. Der Wind existiert nur in der Einbildung dieser furchtsamen Singhalesen. Dieses Gespenst ist entweder irgend ein Tier oder ein – - – «

»Oder,« fiel er mir in die Rede, »oder ein Mensch, der die Wächter ins Bockshorn jagen und dann die Dschonke besteigen will, um die Chinesen zu befreien.«

»Das glaube ich nicht. Derjenige, welcher die Rolle des Gespenstes spielt, befindet sich an Bord.«

»Beweis!«

»Den Beweis werde ich heut abend liefern. Der Spuk ist am Mittelmast gesehen worden. Wäre er von außen an Bord gestiegen, würde er sich nicht damit begnügen, nur bis an diese Stelle zu gehen.«

»Das ist allerdings wahr. Aber, Charley, da kommt mir ein Gedanke! Vielleicht ist die ganze Geschichte nur ein dummer Witz.«

»Wieso?«

»Es hat sich unter den Soldaten ein Witzbold befunden, welcher die andern fürchten macht.«

»Zwei Abende hintereinander?«

»Ja.«

»Es ist keiner zweimal auf Wache gewesen.«

»So sind zwei Witzlinge da!«

»Schwerlich! Diese Singhalesen haben einen Heidenrespekt vor ihren Vorgesetzten und sind außerdem von Natur nicht zu solchen Schusterjungenstreichen angelegt.

Das Gespenst ist kein Witz, und darum werden auch wir Ernst mit ihm machen.«

»Sagen wir dem Mudellier davon?«

»Ja. Ohne seine Erlaubnis dürfen wir nicht auf die Dschonke.«

»Pshaw! Wenn es mir gefällt, gehe ich auch ohne sie an Bord! Doch, wie Ihr wollt, Charley. Nehmen wir Waffen mit?«

»Ist nicht der Rede wert.«

»Höchstens einen tüchtigen Prügel?«

»Mit den Fäusten hat man’s bequemer.«

»Well! Der Kerl kann sich gratulieren, wenn er zwischen die meinigen kommt; wenn er es da nicht fertig bringt, sofort zu verschwinden, bearbeite ich ihn so lange, bis er nicht den Geist, sondern als Geist den Körper aufgiebt!«

Als wir dem Mudellier gelegentlich unsere Absicht meldeten, war er hinsichtlich seiner zwar ganz einverstanden mit derselben, hielt es aber doch für seine Pflicht, uns vor dieser Verwegenheit zu warnen. Er war überzeugt, daß es sich um ein überirdisches Wesen handle.

»Es wurde mir vorhin gemeldet,« sagte er, »daß die Mannschaften, welche für heut abend auf die Dschonke bestimmt sind, sich weigern wollten, sie zu betreten. Wenn sie hören, daß Ihr auch hinkommt, werden sie leichter gehorchen. Aber hütet Euch, den Geist anzurufen oder ihn anzufallen! Begnügt Euch lieber damit, zu sehen, woher er kommt und wohin er geht.«

»Dann fliegen wir ihm nach!« sagte Raffley ironisch.

»Spottet nicht, Mylord! Es giebt gute Geister und böse Geister; dieser scheint ein böser zu sein, weil er sich eines so schlimmen Fahrzeugs bemächtigt hat.«

»Dann sind wir beide hier ebenso böse Geister, weil wir die Dschonke erobert haben. Wollen sehen, wer sie nächste Mitternacht räumen wird, er oder wir.«

Es war abends elf Uhr, als wir an Bord stiegen. Wir hatten keine Waffen mitnehmen wollen, aber doch die Revolver zu uns gesteckt, weniger des Gespenstes wegen, als weil man dort gewohnt ist, nie unbewaffnet auszugehen. Die Soldaten saßen auf dem Hinterdecke eng zusammen wie Schafe, die sich vor dem Angriffe eines Raubtieres fürchten, der Lieutenant in ihrer Mitte; so war er sicher, von dem Geiste wenigstens nicht zu allererst aufgefressen zu werden. Ich fragte ihn, ob er etwas Ungewöhnliches zu melden habe, und bekam eine verneinende Antwort. Schon zuckten mir die Lippen, den Leuten ihre Angst vorzuwerfen, doch drängte ich die Worte zurück; was konnten mir diese Feiglinge nützen?

Nun fragte es sich, wo wir uns postieren sollten. Raffley war noch immer der Ansicht, daß der Spuk von außen, also an der Ankerkette heraufkomme, und setzte sich dort nieder. Ich hingegen wollte meine Aufmerksamkeit auf drei Punkte zugleich richten, nämlich auf die Vor – und die Hinterluke und auf den Mittelmast, bis zu dem das Gespenst gestern gekommen war. Meiner Ansicht nach mußte der Geist aus einer der beiden Luken erscheinen; leider konnte ich nicht wissen, aus welcher. Darum kauerte ich mich mittschiffs an der Reiling nieder, wo ich nach beiden Luken zugleich sehen konnte, wenn sie auch nicht so deutlich zu erkennen waren, wie ich gewünscht hätte.

Die Nacht war ziemlich hell. Zwar schien der Mond nicht, und am Himmel standen Wolken; zwischen diesen aber leuchtete hier und da ein Stern hindurch, so daß man von einem Ende des Schiffes aus das andere noch mit dem Blicke erreichen konnte. Die Luft »stand«, wie der Seemann sich auszudrücken pflegt; es war kein Hauch zu spüren; folglich mußte der Gespensterwind, wenn er plötzlich zu wehen begann, um so besser und leichter bemerkt werden. Ich freute mich darauf, und wenn ich eine Sorge hatte, so war es nur die, daß es dem Gespenste heut in den Sinn kommen könne, nicht zu erscheinen.

Da schlug es, ich weiß nicht ob auf der holländischen oder wesleyanischen Kirche, zwölf – die Geisterstunde war da, und ich lauschte angestrengter als bisher. Fünf Minuten vergingen, noch fünf! Sollte er doch nicht kommen wollen? Geister pflegen alles zu wissen, und so konnte der unserige nicht darüber in Zweifel sein, was ihn heut erwartete. Wer läßt sich gern erwischen – selbst Gespenster nicht!

Jetzt endlich, jetzt gab es an der Vorluke ein Geräusch, einen Knall. Ich blickte scharf hin und sah die Gestalt, welche sich dort aufrichtete. Mit raschen, weiten Sätzen sprang ich hin, warf mich auf den Kerl, riß ihn nieder und hielt ihn fest. Das war so schnell geschehen, daß ich gar nicht Zeit gefunden hatte, den Geist genau zu betrachten.

»Da hab ich dich; du bist zum letztenmal hier erschienen!« zürnte ich ihn an, indem ich ihm die Arme fest zusammenpreßte und das Knie auf den Rücken setzte, mit dem er nach oben lag. »Wo bleibt der Wind, mit dem du stets zu kommen pflegst?«

Da stöhnte das überirdische Wesen unter mir in sehr irdischem Tone:

»Heigh-ho! Seid Ihr des Teufels, Charley? Gebt mir Luft, sonst ersticke ich!«

Alle Wetter, das war ja mein Englishman! Ich ließ ihn los und sah ihn nun erst an. Ja, er war es wirklich! Er stand auf, holte tief, tief Atem und stieß dann hervor:

»Wo habt Ihr denn Eure Augen, daß Ihr Sir John Raffley für ein Gespenst haltet!«

»Ich hielt Euch wirklich für den Spuk, und da mußte es so schnell gehen, daß ich mich nicht erst lange herstellen konnte, um Euch mit Hilfe eines Hydrooxygengas-Mikroskopes zu betrachten. Ich wußte Euch doch am Buganker. Was hattet Ihr denn hier zu suchen?«

»Es kam mir doch ein Zweifel, ob mein Platz dort der richtige sei. Da ging ich her, um einmal hier hinabzulauschen; dabei stützte ich mich auf den angelehnten Deckel und warf ihn um. Einige Augenblicke später lag ich grad so da wie der Deckel, und mein Rückgrat krachte unter Euerm Knie wie ein Holzast, der zerbrochen werden soll. Liebster Charley, der Teufel mag Euch holen! Ihr habt mir ein halbes Dutzend Wirbel und Knochen zu schanden gedrückt!«

»Also der umstürzende Deckel, das war der Knall, den ich hörte! Ihr seid selbst schuld an der Verwechslung. Wäret Ihr vorn im Bug geblieben! Von dort mittschiffs her konnte ich unmöglich sehen, wer es war.«

»Aber nach meinem Geburts – und Taufzeugnisse konntet Ihr mich fragen, ehe Ihr Euch auf mich setztet wie ein Chimborasso auf einen Bisammuff! Alle meine Glieder sind mir ausgerenkt, und ich habe – - – «

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
570 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain