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Kitabı oku: «Der beiden Quitzows letzte Fahrten», sayfa 29
»Schlagt die Hunde nieder und werft Pechkränze!«
Dieser Befehl mußte längst erwartet worden sein, denn im Augenblicke schlug an verschiedenen Stellen der Burg die Flamme empor.
»Nun ist jeder weitere Kampf unnütz!« brummte Friedländer vor sich hin. »Was soll aber aus den braven Leuten werden, wenn ich, um mein Brunhilden gegebenes Versprechen zu halten, mich jetzt entferne?«
Eine Antwort auf diese Frage schien die Entwickelung des Kampfes selbst zu geben. Matthias wurde in diesem Augenblicke an seiner Seite niedergeschlagen und mehrere seiner Leute warfen verzweifelnd die Waffen weg.
»Feiglinge!« knirschte der Falkenmeister ingrimmig, als er dasselbe Zeichen der Muthlosigkeit noch an mehreren anderen Stellen bemerkte. Die Angreifer vorsichtig abwehrend, zog er sich zurück, warf die Seitenthüre hinter sich ins Schloß und eilte dem unterirdischen Gange zu.
Im Begriff, in diesen hinabzusteigen, hörte er den Anführer der Belagerungsmannschaften die Treppe herabpoltern. Hastig zog er die den Gang verdeckende Thür hinter sich zu und ließ nur eine von Außen unmerkbare Spalte offen, durch welche er hinaus rief:
»Das Röslein von Güntersberg ist gerettet!«
Jetzt schloß er die Thür vollends und eilte vorwärts. Nach nahezu halbstündigem vorsichtigem Marsche kam er endlich bei der in unbeschreibbarer Aufregung seiner harrenden Brunhilde an.
»Aus Euren Mienen erfahre ich schon den Ausgang des Kampfes!« rief sie leise klagend; »was soll jetzt mit mir geschehen?«
»Wenn Ihr das Vertrauen zu mir habt, das ich bei Euch zu besitzen glaube, dann bitte ich, folgt mir nur getrost!«
»Kann ich denn etwas Anderes thun, als Eurer Führung mich zu überlassen? Ja, ja, ich täusche mich nicht, Ihr habt nichts Uebles mit mir im Sinne. Ihr fühlt mein Unglück-!«
»Niemand vermag es in der That besser mit Euch zu meinen, als ich. Doch, Alter!« fuhr er zu dem seitwärts stehenden Thurmwart gewandt fort, »führe uns jetzt hinaus aus dem Gange!«
Nach wenigen Schritten, die sie bei der immer bedeutender werdenden Verengung des Ganges schließlich gebückt gehen mußten, standen sie vor einer Thür, welche zu öffnen dem Thurmwart erst nach längeren Bemühungen gelang. Sie arbeiteten sich durch das die Thüre, welche der Thurmwart wieder zuschlug, von Außen verdeckende dichte Gestrüpp und sahen sich nun in unmittelbarer Nähe des See’s; etwa eine Viertelstunde hinter sich bemerkten sie aber auch gleichzeitig nur zu deutlich den die Nacht erhellenden Brand des Schlosses Güntersberg.
Laut weinend sank bei diesem furchtbaren Anblick Brunhilde in die Kniee, und der Falkenmeister, dem bei der Nähe der Brandstätte und der sicher noch um dieselbe hausenden Feinde für die Sicherheit des geliebten Mädchens bangte, hatte alle Mühe, sie von der Stelle weg und weiter fort zu bringen.
Sie hatten eben die, das Ufer des See’s bildende Anhöhe erklommen, als die herrschende Ruhe plötzlich durch ein von Güntersberg herübertönendes wüstes Geschrei unterbrochen wurde.
Wohl war der Falkenmeister begierig, zu erfahren, weshalb das wilde Heer der Sieger sich nicht nur noch nicht zum Aufbruch rüste, sondern sogar ein Geschrei anstimme, das geeignet schien, die unerwartete Ankunft eines Feindes anzuzeigen und als Ausdruck des Unwillens oder auch der Wuth gelten mochte.
Er stand jedoch im Interesse Brunhildens von jedem Versuche, Gewißheit hierüber zu erlangen, ab; sie setzten unter Führung des Thurmwarts ihre Flucht fort und gelangten mit Tagesanbruch glücklich bis an die Grenze des Güntersberger Gebiets.
Brunhilde, welche, vom Falkenmeister mehr getragen als geführt, neben diesem herging, bemerkte, als sie aus dem Walde heraustraten und am Ufer eines kleinen See’s hinschritten:
»Wie oft habe ich hier der Jagd obgelegen; wie oft mich gefreut, wenn einer meiner Falken eine Beute brachte, und mein Zelter schien es förmlich zu wissen, wenn ich zufrieden mit der Jagd war, denn, wenn möglich, noch lebhafter als sonst flog er nach Beendigung derselben mit mir dort über die Wiesenfläche hinweg in der Richtung nach Güntersberg dahin. – Dies Alles hat jetzt sein Ende erreicht. Mein Vater befindet sich in Gefangenschaft, Güntersberg ist zerstört und ich bin – heimathlos. O hättet Ihr mich nur in Flammen umkommen lassen. Mir wäre gewiß ein recht trauriges ferneres Leben erspart geblieben!«
Heftiges Weinen unterbrach ihre Klagen. Thränen erstickten ihre Stimme und sie wäre niedergesunken, wenn der Falkenmeister sie nicht mit starkem Arm gestützt hätte.
»So lange ich den Arm zu heben vermag, werdet Ihr nie verlassen sein, Ihr müßtet mir denn befehlen, Euch nie mehr zu nahen —«
»Wie könnt Ihr nur an etwas Derartiges denken?« unterbrach ihn Brunhilde im Tone leisen Vorwurfs. »Weiß ich doch, daß Ihr es treu zu mir meint. Bedenket aber die Zukunft. Ihr wisset sicher ebensowenig, wo Ihr ohne Eure jetzt verlorenen theuren und schönen Falken bald ein Unterkommen finden werdet, wie ich jetzt schon zu sagen vermag, wo meines Bleibens sein wird. – Wenn ich nur meinen guten Vater noch einmal wiedersehen könnte!«
Wieder kämpfte sie mit Thränen und vermochte nur schlecht sich soweit zu beherrschen, daß sie nicht noch einmal in lautes Weinen ausbrach.
Der Falkenmeister sah ein, daß Trostesworte allein hier wenig nützen und durch rasches Handeln allein Brunhilde die verlorne Fassung wieder verschafft werden könne.
Die Kräfte des schwachen Mädchens waren in Folge der furchtbaren Aufregung während der letztvergangenen Nacht und der ungewohnten, weiten Fußwanderung erschöpft, und er richtete einen forschenden Blick ringsum, in der Hoffnung, einen sicheren Platz zu entdecken, an welchen er Brunhilde vorläufig bringen könnte.
Ein flüchtiges, trübes Lächeln flog über seine Züge, als er in geringer Entfernung einige der Schlagwände bemerkte, deren eine ihm vor ein paar Tagen erst in dem Augenblick zum Versteck gedient hatte, als er Brunhilde zum ersten Male sah.
Ein bitteres Gefühl bemächtigte sich seiner bei dem Gedanken, das Mädchen, die er vom ersten Moment an geliebt, durch fremde Schuld heut’ aus ihrem bergenden Heim vertreiben und plötzlich in die bitterste Lage versetzt zu sehen. Zugleich vermochte er aber auch ebensowenig ein aus dem Eigennutz entspringendes geheimes, freudiges Gefühl darüber zu unterdrücken, daß es ihm so bald schon vergönnt sei, Brunhilde zu beweisen, daß sie in ihm den treuesten Freund besitze.
Er sah ein, daß ihr zur Fortsetzung der Wanderung, sei es auch nur eine kleine Strecke, die Kräfte mangelten, hob sie deshalb ohne Umschweife auf, trug sie bis zu der verstecktest liegenden Schlagwand und ließ sie dort nieder.
»Erlaubt mir jetzt, Jungfrau, mich nach Hülfe umzuschauen. Zu Fuß vermögt Ihr nicht weiter zu kommen, deshalb will ich sehen, ob es mir nicht möglich ist, ein Pferd für Euch aufzufinden. Vertraut mir nur immerhin vollständig,« bat er, als Brunhilde ihm in’s Wort fallen wollte, »ich werde in nicht langer Zeit wieder hier sein. Du aber, Alter,« befahl er dem seitwärts stehenden seitherigen Thurmwart, »wirst hier zum Schutze der Jungfrau zurückbleiben und fleißig Umschau halten. Du bürgst mir dafür, daß Deine Herrin während meiner kurzen Abwesenheit, von gleichviel welcher Seite her, unbelästigt bleibt. Das hohe Schilf bietet im äußersten Nothfalle ja hinreichendes Versteck. Beginnt dort hinter dem See nicht das Kremzower Gebiet?«
»Ganz recht!« brummte der Thurmwart; »seht Euch nur recht sorgsam um, damit Ihr nicht in die Gewalt des Kremzowers fallt. Er soll ja auch ein Gegner unseres gestrengen Herrn sein und würde Euch sicher festhalten!«
Brunhilde sprang, als sie dies hörte, in höchster Erregung auf und ergriff die Hände des Falkenmeisters.
»Bleibt bei mir!« flehte sie. »Ich ängstige mich noch viel mehr, wenn ich Euch in solcher Gefahr weiß. Nein, ich lasse Euch nicht fort! O Gott, was soll mit mir geschehen, wenn Ihr mir entrissen werdet?«
Der Falkenmeister mußte an sich halten, um dem in ihrer unverhohlenen Besorgniß um ihn ihm doppelt reizend erscheinenden lieblichen Mädchen die ihn beseelenden Gefühle nicht hier schon zu verrathen.
Mit vor innerer Bewegung bebender Stimme suchte er ihr die Haltlosigkeit ihrer Angst zu beweisen, und in der That schien es ihm auch zu gelingen, als er schließlich hervorhob:
»Erinnert Ihr Euch wohl der Begegnung mit dem Eurem Vater feindlich gesinnten Ritter während der letzten Jagd?«
»Gewiß. Auf Euer Verlangen hin gab sich ja Herr Friedrich von Wedel bei meinem Vater mit einem, wie er sagte, sehr geringen Lösegelde zufrieden. Ihr habt, wenn anders ich recht verstand, dem Ritter einst einen sehr großen Dienst geleistet.«
»Zur Vervollständigung dessen will ich nur noch bemerken, daß, wie ich gelegentlich dieses Vorfalles gesehen habe, Herr Henning von Kremzow ein Freund des Ritters von Wedel ist. Werdet Ihr mir nun glauben, wenn ich behaupte, ich habe schlimmstenfalls nicht viel zu fürchten?«
Brunhilde schüttelte leicht das Köpfchen. Sie mochte wohl aber einsehen, daß jeder fernere Versuch, den Falkenmeister von seinem Vorhaben abzubringen, nutzlos sei und bat deshalb nur:
»Ihr werdet mich aber auch nicht zu lange Eurer warten lassen. Gleichviel, ob Ihr das Gewünschte erhaltet oder nicht, kommt nur recht bald zurück!«
»Das verspreche ich Euch fest!«
Raschen Schrittes entfernte er sich jetzt und war bald dem ihm folgenden Blicke Brunhildens entschwunden.
Eine Stunde, die ihr aber unendlich lang geworden, mochte seitdem vergangen sein. Die Kälte nahm zu und Brunhilde hüllte sich fester in ein vorsorglich mitgenommenes warmes Tuch ein.
Der Thurmwart aber lehnte an der Schlagwand und spähete mit angestrengter Aufmerksamkeit umher.
Es herrschte vollständige Stille ringsum und er vermochte selbst in einiger Entfernung jedes leise Geräusch zu hören.
Plötzlich horchte er auf.
In der Richtung von Güntersberg wurde ein Lärm, ähnlich demjenigen, der durch den Hufschlag mehrerer galoppirender Pferde hervorgebracht wird, vernehmbar. Die Reiter hatten, wie aus dem immer näher kommenden Geräusch deutlich hervorging, die Richtung nach dem kleinen See eingeschlagen, an dessen Ufer die beiden Flüchtlinge versteckt lagen, und beide schwebten, wenn die Reiter nicht schließlich noch von dieser Richtung abbogen, in größter Gefahr, entdeckt zu werden.
Noch ehe der Thurmwart zu einem festen Entschluß kam, über das, was er nun thun solle, um seine Herrin und sich vor der drohenden Gefahr möglichst zu sichern, hatte Brunhilde, welcher das sich nähernde Geräusch nicht entgangen war und die sich ebensowenig wie der Thurmwart die hierdurch erwachsende erhöhte Schwierigkeit ihrer Lage verhehlte, sich erhoben.
»Wir wollen uns dort in dem dichten und hohen Schilf so lange verbergen, bis die Reiter vorüber sind. Ich glaube nicht, daß man uns dort zu sehen vermag!«
Gesagt, gethan!
Wenige Augenblicke später bahnten sie sich vorsichtig einen Gang in das dichtstehende und hohe, zu einem Versteck vollkommen geeignete Schilfmeer und harrten nun klopfenden Herzens des Weiteren.
Die Ritter waren inzwischen nähergekommen und die Flüchtlinge vermochten schon einige Worte der laut geführten Unterhaltung der Männer zu verstehen, welche, am Ufer des See’s angekommen, links abbogen und den Lauf der Pferde mäßigten.
»So wunderbar, wie in vergangener Nacht,« begann aber der eine Ritter, »ist mir es weiß Gott noch nie ergangen.«
»Glaub’s wohl!« bemerkte ein Anderer. »Kaum haben wir die Knechte des Güntersberger und des Stegelitzer überwältigt, so erschien der Gottseibeiuns in Gestalt eines Knappen und schlug Alle nieder, die ihm in den Weg kamen. Keiner von uns vermochte ihm Etwas anzuhaben und er hätte uns sicher alle erschlagen, wenn der lange Matthias nicht gefallen wäre. Hast Du nicht gesehen, daß er in demselben Augenblicke, als der ungeschlachte Kerl fiel, verschwand?«
»Freilich! freilich! Daß der Böse aber auch die Tochter des Güntersberger entführt haben soll, will mir nicht einleuchten!«
»Wo soll sie denn sonst hingekommen sein? Sie ist, während wir im Hofe kämpften, noch am Fenster gesehen worden, dann aber, als der Herr Ritter mit uns das ganze Gebäude nach ihr durchforschte, nicht mehr zu finden gewesen. Der Ritter war ja darüber so wüthend, daß er Pechkränze werfen ließ.«
»Das ist noch lange nicht das Tollste,« fiel hier ein Anderer ein. »Als wir die Treppe herab kamen und der fluchend uns voranschreitende Herr Friedrich der Thüre zu schritt, rief eine hohle Stimme dicht neben ihm und zwischen uns dem Ritter zu: das Röslein von Güntersberg sei in Sicherheit gebracht. Wir standen einen Augenblick wie versteinert. Die zornige Stimme des wild um sich schauenden Ritters weckte uns aber bald aus unserer Erstarrung. Doch blieb alles Suchen nach dem Besitzer der geheimnißvollen Stimme vergeblich. Natürlich! wo der Böse seine Hand im Spiele hat, da nützt alles Wüthen nichts!«
»Ihr habt also nichts gefunden, das auf eine Erklärung des sonderbaren Vorfalls schließen läßt?«
»Nein!«
»Na, tröstet Euch nur. Das Traurigste von Allem, was uns in dem Eulenneste da in vergangener Nacht zugestoßen ist, bleibt doch wohl der Kampf, den wir jetzt noch mit Gott weiß wem zu bestehen hatten. Keiner von uns hat den Mann gekannt, welcher das kleine Häuflein führte, das uns so entsetzlich zurichtete. Wie aus der Erde hervorgesprungen, stand der riesengroße schwarze Mann plötzlich vor uns und – doch was soll ich noch viel davon erzählen? Ihr wißt ja Alle, daß der Schwarze mit seiner Handvoll ebenso wunderbar unter uns gerathenen Leute uns in die Flucht geschlagen und Herrn Friedrich einen Denkzettel gegeben hat, an den er jetzt wohl schon gar nicht mehr zu denken vermag.
Wären die beiden, aus leicht erklärlichen Gründen hieb— und stichfesten, gewaltigen Kämpfer zu gleicher Zeit und von Beginn des Kampfes uns gegenüber getreten, dann würde Güntersberg jetzt nicht nur noch unversehrt dastehen, sondern die Mehrzahl von uns sicher entweder todt oder gefangen sein. —
So viel steht fest: mich bringt kein Mensch mehr in die Nähe des Güntersbergs, lieber verlasse ich meinen Dienst!«
Die Reiter, welche längs des Ufers hingeritten waren, hatten ihre Umgebung und namentlich das Ufer des Sees ganz unbeachtet gelassen, also auch nicht bemerkt, daß ein Kopf sich vorsichtig aus dem Schilfe erhob und blitzschnell wieder verschwand.
Langsam ritten sie dahin, ihr Gespräch wurde den beiden Flüchtlingen der wachsenden Entfernung wegen immer unverständlicher und nach einiger Zeit war auch der Hufschlag der Pferde nicht mehr zu hören.
Brunhilde richtete sich jetzt in ihrem Verstecke empor. Kein Wort der Unterhaltung der Reiter war ihr entgangen und ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust, als sie noch einmal die Bestätigung der Zerstörung ihres Heimes erhalten.
Was aber bedeutete der Hinweis auf die beiden tapferen Kämpfer, welche den abergläubischen Knechten einen so großen Schreck eingejagt hatten, daß sie noch jetzt sogar nur mit Entsetzen an sie zu denken vermochten?
Aber auch so manches Andere des Gehörten war ihr unverständlich und sie klagte halblaut:
»Wenn doch der Falkenmeister bald wiederkommen wollte!«
»O mein Gott,« fuhr sie nach kurzem Schweigen ängstlich auf, »haben die Reiter nicht denselben Weg verfolgt, den er eingeschlagen hat? Er ist verloren, wenn er diesen Leuten in die Hände fällt, sie nehmen ihn gefangen und wir warten vergebens auf ihn, der— meinetwegen sich in die größte Gefahr begeben hat. Wäre ich doch entschiedener aufgetreten, dann würde er nicht in die Gewalt der Feinde gerathen sein und wäre noch – hier!«
Leicht erröthend brach sie ihre Klagen plötzlich ab und versank, am Fuße der Schlagwand sitzend und den Kopf in die Hand gestützt, in tiefes Sinnen.
Welche Gedanken mochten das junge Mädchen wohl so ausschließlich und in dem Grade beschäftigen, daß der alte Thurmwart ihr mehrmals zurufen mußte:
»Ich höre wieder und diesmal vom Kremzower Gebiet her Pferdegetrappel. Kommt, kommt, edle Jungfrau, und verbergt Euch, ehe der Reiter Eurer ansichtig wird!«
Hastig erhob sie sich und horchte.
Der Reiter – diesmal schien es nur Einer zu sein – näherte sich außerordentlich schnell und Brunhilde hatte kaum ihr voriges Versteck erreicht, als derselbe aus dem Walde hervorkam.
In der Nähe der Schlagwand hielt er an.
»Himmel und Hölle!« hörte Brunhilde ihn rufen, »bin ich doch zu spät gekommen. Ich sehe die Spuren einer Anzahl Reiter, sicher haben diese sie entdeckt und – Armes armes Kind!«
Wohl schien es Brunhilde, als sei diese Stimme ähnlich der des Falkenmeisters; die Furcht bewog sie indeß, von jeder Ueberzeugung, ob sie recht geahnt oder sich geirrt habe, abzusehen.
Der alte Thurmwart war weniger ängstlich.
Vorsichtig kroch er ein paar Schritte in dem Schilfe vorwärts und erhob dann den Kopf ein wenig über das Schilf. —
Eben stieg der Reiter wieder auf und lenkte sein Pferd zurück.
Ein Blick genügte dem alten Manne, den Reiter zu erkennen und »Falkenmeister!« rief er, sich vollends emporrichtend, mit lauter Stimme dem Davonreitenden nach.
Dieser wandte sich nach dem Rufenden, erkannte ihn und hinter diesem auch Brunhilde, welche, trotzdem sie nun aufrecht stand, doch noch vom Schilfe überragt wurde, und stand wenige Augenblicke darauf, das Pferd hinter sich führend, vor Brunhilde.
»Wie froh bin ich, Euch wieder zu sehen. Ich fürchtete schon —«
»Was fürchtetet Ihr? Etwa Gefahren? Doch auch ich habe jetzt gefürchtet und zwar für Euch!«
»Der Reiter wegen, die hier vorübergekommen sind?«
»Ja und ich war eben im Begriff, ihnen nachzujagen, als der Alte da mich anrief.«
»Wie ist es Euch denn möglich gewesen, schnell ein Pferd zu finden?«
Ein leichter Schatten flog über die Züge des jungen Mannes, als er erwiderte:
»Ich habe es einem mir begegnenden, dem Herrn Henning von Kremzow entgegenreitenden oder vielleicht auch folgenden Knechte abgenommen. Doch sorgt nicht wegen einer etwaigen Verfolgung. Der Mann war froh, daß ich ihn zu Fuß weiter gehen ließ! —«
»Das ist es nicht, was mich bekümmert. Mich quält vielmehr die Ungewißheit, wohin wir uns jetzt wenden sollen.«
»Laßt Euch das nicht anfechten. Erlaubt mir vorerst nur die Frage, ob Ihr Verlangen tragt, vor der Fortsetzung unserer Reise Güntersberg noch einmal zu sehen, oder ob ich Euch ohne weiteren Aufenthalt dahin führen darf, wo ich Euch geborgen weiß.«
»Die Trümmer der Burg meines armen Vaters würden einen zu traurigen Eindruck auf mich machen, deshalb und weil ich im Augenblick dort wohl kaum schon vollkommen sicher sein dürfte, wünsche ich jetzt nicht dahin zurückzukehren. Wo wollt Ihr mich denn hinführen?«
»Nach Betow! Dort bei dem alten Herrn von Wedel und der edlen Frau Hedwig werdet Ihr vor allen Gefahren geborgen sein. Ich weiß Euch dort bei der mir sehr wohlgesinnten Frau geschützt und vermag unbesorgt um Euch für die Befreiung Eures Vaters thätig zu sein! Wollt Ihr mein bei Gott ehrlich und ohne jeden Rückhalt gemachtes Anerbieten annehmen?«
Brunhilde schwieg einen Moment, dann richtete sie einen langen, forschenden Blick auf den Falkenmeister, um in dessen Augen zu lesen, ob er es wirklich so offen meine, wie seine Worte lauteten.
Dieser Blick schien ihr aber die Ueberzeugung verschafft zu haben, daß sie es getrost wagen dürfe, dem jungen Manne zu folgen. Sie unterdrückte gewaltsam die noch in ihr aufsteigenden Bedenken gegen die Ehrlichkeit ihres Begleiters und bot ihm die Hand.
»Ich werde Euch folgen, weil ich fühle, daß Ihr mein Vertrauen nicht mißbrauchen werdet. Dagegen bitte ich Euch, mir zu versprechen, daß Ihr mich sofort von Betow wegbringt oder meiner Entfernung von dort nicht etwa hindernd in den Weg treten wollt, wenn ich dort Ursache erhalte, besorgt zu werden. Endlich aber bitte ich Euch, den Aufenthalt meines Vaters auszukundschaften!«
Der Falkenmeister mußte mit der zweiten der gestellten Bedingungen aus irgend einem Grunde nicht sonderlich zufrieden sein, denn sein erst so freundlicher, offener Blick wurde plötzlich finster. Doch beherrschte er sich und entgegnete möglichst ruhig, wobei er indeß wider Willen in den Ton des Gekränktseins verfiel:
»Die von Euch gestellten Bedingungen habe ich mir bereits aus eigenem Antriebe gestellt. Daß Ihr aber die zweite derselben mir selbst auferlegt, zeigt leider nur zu deutlich, daß ich Euch noch sehr, sehr wenig bekannt bin. Das mir geschenkte Vertrauen werdet Ihr, wie ich wiederholt betheuere, niemals Ursache haben zu bereuen!«
Erschrocken trat ihm Brunhilde näher.
»Vergebt mir, wenn ich Euch gekränkt haben sollte. Es ist dies nicht entfernt meine Absicht gewesen. Bedenkt aber meine Lage, erwägt, daß ich mich Euch völlig anvertraue, und Ihr werdet verstehen, daß ich, ungeachtet des größten Vertrauens, das ich in der That zu Euch hege, im Augenblicke nicht ganz ohne jedes Bangen in die Zukunft zu sehen vermag. Nicht wahr, Ihr zürnt mir nicht? Ihr werdet Euch auch ferner meiner so warm annehmen, wie Ihr es seither gethan
Die schöne Bittstellerin sah so flehend, mit einem so rührend vertrauensvollen Blick zu ihm auf, daß sein Mißmuth schwand.
Ich habe Euch nicht gezürnt, nur wehe, sehr wehe hat mir das Mißtrauen gethan, das ich aus Euren Worten zu hören glaubte. Mag dies jedoch nun vergessen sein. Darf ich Euch auf das Pferd heben, damit wir unserem Ziele uns zu nähern vermögen? Ich werde, da Ihr das Reiten, vollends auf einem so ungeberdigen Thiere wie dieses zu sein scheint, nicht gewohnt sein dürftet, den Zügel ergreifen und mit dem Alten nebenher gehen!«
Willig fügte sich Brunhilde diesem Wunsche und bald setzte die kleine Gesellschaft ihren Weg fort.
Unbehelligt durchzogen sie das Gebiet des Kremzowers und sahen bereits das Ziel ihrer Reise, Betow, als der Falkenmeister plötzlich anhielt.
Auch Brunhilde hatte schon die Ursache des Anhaltens bereits bemerkt: einige Hundert Schritte vor ihnen brach eben ein stattlicher Jagdzug aus dem Walde hervor und kreuzte den Weg, ohne unsere Wanderer zu beachten.
»Das war Herr Hans von Betow mit einem anderen, mir unbekannt gebliebenen Ritter,« erklärte er Brunhilde auf deren bezügliche Frage, »und wir werden nun Frau Hedwig allein antreffen. Desto besser. Ihr werdet diese edle Frau gewiß bald liebgewinnen!«
Brunhilde erwiderte nichts; ihr Blick wurde nach den letzten Worten ihres Begleiters merklich heiterer und sie begann mit höherem Interesse der Schilderungen desselben von dem Leben auf Burg Betow zu lauschen. Ja aus ihren Antworten und Fragen ging sogar nicht undeutlich das Bestreben hervor, dem für sie so sehr besorgten Falkenmeister die anscheinende Härte ihrer ihm gestellten Bedingungen möglichst vergessen zu machen.
Unter lebhaften Gesprächen erreichten sie die Burg.
Das Thor wurde auf des Falkenmeisters barsches Gebot sofort geöffnet, dieser hob, im Innenhofe angekommen, Brunhilde vom Pferde und geleitete sie ohne Weiteres nach den Wohngemächern.
»Ihr scheint hier sehr bekannt zu sein!« bemerkte Brunhilde staunend, als Henning Friedländer einer ihnen begegnenden Magd mit kurzen Worten befahl:
»Führe mich zu Deiner Herrin!«
In der Nähe des Gemachs angekommen, in dem Frau Hedwig weilte, rief er die vorangehende Magd zurück.
»Ist das zweite Gemach links offen und unbewohnt?«
»Ja, Herr!«
Er trat nun mit Brunhilde dort ein und bat sie, seine Rückkehr daselbst zu erwarten.
»Ich will Frau Hedwig auf Euren Besuch vorbereiten und denke, die würdige Frau wird selbst mit mir kommen, Euch auf Burg Betow willkommen zu heißen!«
»Ihr werdet doch nicht zu lange ausbleiben? Mich beschleicht ein recht beängstigendes Gefühl. Ich – ich —«
»Glaubt mir doch, Jungfrau. Ihr werdet, wie ich mit aller Gewißheit zu behaupten vermag, Euch hier bald heimisch fühlen. In keinem Falle aber habt Ihr irgend welchen Grund, Besorgnisse nach gleichviel welcher Richtung zu hegen!«
»Ihr werdet bald zu mir zurückkommen?«
»Ich verspreche es Euch!«
Die in den Zügen und im Auge des Mädchens sich ausprägende Angst zeigte deutlicher, als Worte dies vermögen, in welch’ mächtiger innerer Aufregung Brunhilde sich befand, und Friedländer, welcher einsah, daß leere Trostesworte allein ihr die verlorene Ruhe nicht wieder zu geben vermöchten, beeilte sich, der Burgherrin seine Bitte vorzustellen.
Längere Zeit verging bis zu seiner Rückkehr. Brunhilde stand am Fenster und sah in die vor ihren Blicken sich ausbreitende prächtige Winterlandschaft hinaus, die sie in anderer Lage mit hoher Freude betrachtet haben würde, heut’ aber nahezu unbeachtet ließ.
Die demnächstige Begegnung mit Frau Hedwig war es, welche sie jetzt vorzugsweise mit banger Sorge erfüllte.
Ihr Vater liebte sie zwar sehr; bei seinem ungeselligen Wesen und seiner Abneigung, außer einem Trinkcumpan Besuche auf Güntersberg zu empfangen, war Brunhilde seit dem Tode ihrer Mutter ausschließlich auf sich selbst und die Gesellschaft einer Magd angewiesen gewesen, hatte die väterliche Burg zu keinem anderen Zweck als zu einem Jagdzuge verlassen und sah sich nun plötzlich gezwungen, bei ihr völlig fremden Menschen Hülfe zu suchen.
»Und,« fragte sie sich wiederholt, ohne eine ihr genügende Antwort zu finden, »habe ich denn recht gehandelt, mich einem Manne anzuvertrauen, den ich erst seit wenigen Tagen kenne?«
Während einerseits eine innere Stimme ihr zurief: »ja Du darfst ihm ohne Furcht folgen, denn er meint es aufrichtig gut mit Dir!« flüsterte eine andere ihr unaufhörlich zu: »Friedländer ist nicht der, für welchen er sich ausgiebt; er verbirgt entweder ein Geheimniß vor dir oder er verfolgt dir unbekannte Pläne, sei deshalb vorsichtig!«
Die letztere Stimme verlor jedoch, je länger Brunhilde sich in Gedanken mit Friedländer und ihrer augenblicklichen Lage beschäftigte, immer mehr an Einfluß, und schließlich gab sie nur noch der inneren Stimme Raum, welche ihr sagte: »er meint es gut mit dir!«
»Was aber wird Frau Hedwig glauben und sagen, daß ich —«
Sie vollendete den Satz nicht, denn feste Tritte näherten sich der Thüre des Gemachs, in dem sie sich aufhielt. Eine plötzliche Furcht, die Angst, jetzt hören zu müssen, daß sie hier nicht das erwünschte Asyl zu finden vermöge, bemächtigte sich ihrer und scheu sah sie dem Eintritte des sich Nähernden entgegen.
Die Thür wurde rasch geöffnet und über die lieblichen Züge des geängstigten Mädchens flog ein leichter Schimmer der Freude. Gefolgt von Friedländer, trat eine große, schlanke Frau mit milden, freundlichen Zügen ein, die sich rasch Brunhilde näherte und ihre Hände ergriff.
»Seid mir herzlich willkommen, Brunhilde,« sprach sie mit weicher, dem Mädchen Muth einflößender Stimme; »nach dem harten Schlage, der Euch betroffen, sollt Ihr hier mit Freuden die Aufnahme finden, die, wie ich hoffe, geeignet sein wird, Euch mit der Zeit zu dem verlorenen Frieden wieder zu verhelfen!«
Schon die Worte der würdigen Frau, der Ton, in welchem sie zu ihr sprach, erfüllten sie bereits mit einem beruhigenden Gefühl, und mit bebender Stimme dankte sie ihr, während Thränen ihre Augen füllten, für dieses liebevolle Entgegenkommen.
»Habt Dank, edle Frau, für Eure Güte, die mir in meiner traurigen Lage doppelt wohl thut, und seid —«
»Ich bitte Euch, Brunhilde,« unterbrach sie Frau Hedwig, »unterlaßt jetzt alles Danken und kommt mit mir. Ich werde sofort für Eure Bequemlichkeit Sorge tragen!«
Im Begriff, diesem Wunsche nachzukommen und das Gemach zu verlassen, begegnete ihr Auge dem Friedländers, welcher seither schweigsam in der Nähe der Thüre gestanden.
Einen Moment stockte sie, dann trat sie, während eine helle Röthe ihr Gesicht überflog, schnell zu ihm heran und reichte ihm die Hand.
»Euch verdanke ich die liebevolle Aufnahme, die mir hier zu Theil wird, Euch, meinem Retter aus der Gewalt der Feinde meines unglücklichen Vaters. Nehmt meinen innigsten Dank!«
Leicht zog sie ihre von Friedländer mit leisem Druck festgehaltene Hand zurück und fügte dann die Frage an:
»Was werdet Ihr nun beginnen?«
Mit bewegter Stimme erwiderte er:
»Ihr legt dem, was ich bis jetzt für Euch zu thun vermocht habe, einen zu großen Werth bei. Habe ich denn nicht lediglich meine Pflicht, Euch zu retten, gethan und mein Wort, Euch dort ein Heim zu verschaffen, wo ich Euch vor Gefahren geborgen weiß, eingelöst? Noch liegt mir ja ob, Eurem Vater die Freiheit wieder zu verschaffen!«
Ihr wollt Euch dieser gewiß sehr schwierigen Aufgabe unterziehen?«
»Die Befreiung Eures Vaters wird jetzt, nachdem ich für Eure Sicherheit nicht mehr zu bangen habe, meine erste Sorge sein!«
Brunhilde richtete einen langen, durchdringenden Blick auf den vor ihr stehenden jungen Mann. Welche Gedanken mochten sie in diesem Augenblick bewegen? Weshalb verlor ihr Blick allmälig die Schärfe und ging in Milde, in Weichheit über? Was mußte sie in dem Blicke Friedländers gelesen haben, daß sie ihm noch einmal die Hand reichte und, wahrscheinlich um die aufsteigende Röthe zu verbergen, sich abwendend, flüsterte:
»Versprecht mir, Euch nicht in Lebensgefahr zu stürzen und – wiederzukehren!« —
Friedländer machte, als er diese Bitte Brunhildens vernahm, unwillkürlich im ersten Augenblick eine Bewegung, als wolle er das Mädchen an sich ziehen.
Er besann sich jedoch bald eines Anderen und entgegnete nur mit allerdings bebender Stimme:
»Euer nur zu berechtigtes, heißes Verlangen, den Vater wiederzusehen, ist mir genügend zu dem festen Entschlusse, Alles, was ich irgend zu thun vermag, anzuwenden, die Thür des Gefängnisses Eures Vaters zu öffnen oder, wenn nicht anders, dann mit Gewalt zu sprengen. Hoffet fest auf Wiedervereinigung mit ihm!«
Frau Hedwig hatte lächelnd Beide beobachtet.
Jetzt trat sie zwischen sie.
»Vertraut nur immerhin dem Versprechen Hennings, Brunhilde! Er ist wohl geeignet und, wie ich sehe, auch ernstlich gewillt, Euren Willen und seine Zusicherung zu erfüllen, und ich denke, es wird kaum lange Zeit vergehen, bis Ihr von der Wahrheit dieser Worte überzeugt sein werdet. Begleitet mich nur jetzt in mein Gemach. Henning wird vor seinem Aufbruch Euch wohl noch mehrmals sehen und sprechen können!«
»Verzeiht, edle Frau,« bemerkte Friedländer lächelnd, »ein mehrmaliges Begegnen vor meinem Weggange wird schwerlich angehen.«
»Weshalb nicht?«
»Weil ich morgen früh mit Tagesanbruch die Burg verlassen und die Erledigung meiner Aufgabe in Angriff nehmen werde!«
»Nun, ich will in diesem Falle nicht hindernd in den Weg treten!«
