Kitabı oku: «Der Sohn des Bärenjägers»
KARL MAY
DER SOHN DES BÄRENJÄGERS
ERZÄHLUNG AUS DEM WILDEN WESTEN
Aus
KARL MAYS
GESAMMELTE WERKE
BAND 35
„UNTER GEIERN“
© Karl-May-Verlag
eISBN 978-3-7802-1316-7
Die Erzählung spielt Mitte der 60er-Jahre des 19. Jahrhunderts.
KARL-MAY-VERLAG
BAMBERG • RADEBEUL
Inhalt
DER SOHN DES BÄRENJÄGERS
1. Auf der Fährte
2. Der Hobble-Frank
3. Im Blockhaus
4. Old Shatterhand
5. Winnetou
6. Bei den Schoschonen
7. Der graue Bär
8. Franks und Bobs Abenteuer
9. Der Namenlose
10. Felsengeier
11. In höchster Not
12. Am ,Höllenmaul‘
DER SOHN DES BÄRENJÄGERS
1. Auf der Fährte
Nicht viel westwärts von der Gegend, wo die Ecken der drei nordamerikanischen Staaten Dakota, Nebraska und Wyoming zusammenstoßen, ritten zwei Männer, deren Erscheinen anderswo berechtigtes Aufsehen erregt hätte.
Sie waren von recht verschiedener Körpergestalt. Der eine maß mehr als zwei Meter und die Figur war fast beängstigend dürr, während der andere bedeutend kleiner, dabei aber so dick war, dass sein Leib beinahe die Gestalt einer Kugel hatte.
Dennoch befanden sich die Gesichter der beiden Jäger in gleicher Höhe, denn der Kleine ritt einen hoch gebauten, starkknochigen Klepper und der andere saß auf einem niedrigen, scheinbar schwachen Maultier. Daher kam es, dass die Lederriemen, die dem Dicken als Steigbügel dienten, nicht einmal die Bauchlinie des Pferdes erreichten, während der Lange gar keiner Bügel bedurfte, denn seine großen Füße hingen so weit herab, dass er nur eine kleine Bewegung seitwärts zu machen brauchte, um mit dem einen oder dem anderen Fuß den Boden zu erreichen, und zwar ohne dabei aus dem Sattel zu rutschen.
Freilich war von einem wirklichen Sattel bei beiden keine Rede. Der des Kleinen bestand einfach aus dem Rückenstück eines erlegten Wolfs, an dem das Fell gelassen worden war, und der Dürre hatte eine alte Santillodecke untergelegt, die aber so arg zerfetzt und zerrissen war, dass er eigentlich auf dem bloßen Rücken seines Maultiers saß.
Auch die Anzüge der beiden hatten ein recht seltsames Aussehen. Der Lange trug eine Lederhose, die jedenfalls für einen viel stärkeren Mann zugeschnitten und gefertigt sein musste.
Sie war ihm viel, viel zu weit. Unter dem abwechselnden Einfluss von Wärme und Kälte, von Trockenheit und Regen war sie beträchtlich zusammengeschrumpft, und so kam es, dass die unteren Säume der Hosenbeine dem Träger kaum bis über die Knie reichten. Dabei zeigte die Hose einen fettigen Schimmer, was einfach darin begründet war, dass sie der Lange bei jeder Gelegenheit als Handtuch und Tischtuch benutzte und alles, was er nicht an den Fingern dulden mochte, am Beinkleid abzuwischen pflegte.
Die nackten Füße steckten in ganz unbeschreiblichen Lederschuhen. Sie hatten das Aussehen, als seien sie bereits von Methusalem getragen worden und als habe seitdem jeder Besitzer einige Lederstücke aufgeflickt. Ob sie jemals Schmiere oder gar Wichse gesehen hatten, das war unmöglich zu bestimmen, da sie in allen sieben Regenbogenfarben schimmerten.
Der hagere Leib des Reiters steckte in einem ledernen Jagdhemd, das weder Knopf noch Heftel hatte und die braune Brust unbedeckt ließ. Die Ärmel reichten nur wenig bis über die Ellbogen vor, von wo aus die sehnigen, fleischlosen Vorderarme zu sehen waren. Um den langen Hals hatte der Mann ein baumwollenes Tuch geschlungen. Ob es früher einmal weiß oder schwarz, grün oder gelb, rot oder blau gewesen war, das wusste der Reiter selbst nicht mehr.
Das Pracht- und Prunkstück des Anzugs war jedenfalls der Hut, der auf dem hohen, spitzen Kopf saß. Er hatte früher einmal grau ausgesehen und diejenige Gestalt gehabt, die von unehrerbietigen Leuten ‚Angströhre‘ genannt wird. Vielleicht hatte er vor undenkbaren Zeiten den Kopf eines englischen Lords gekrönt. Dann aber war er auf der Schicksalsleiter unaufhörlich abwärts gestiegen und endlich in die Hände des Präriejägers gekommen. Dieser Mann besaß nun keineswegs den Geschmack eines Lords. Er hielt die Krempe für überflüssig und hatte sie daher einfach abgerissen. Nur vorn hatte er ein Stück gelassen, teils zur Beschattung seiner Augen, teils als Handhabe, um die Kopfbedeckung bequem abnehmen zu können. Außerdem war er anscheinend der Meinung, dass der Kopf eines Präriemannes auch der Luft bedürfe, und so hatte er mit seinem Bowiemesser verschiedene Stiche in den Deckel und die Seiten gemacht, sodass nun im Innern des Hutes der West- und Ost-, der Nord- und Südwind einander ‚Guten Tag‘ sagen konnten.
Als Gürtel diente dem Langen ein dicker Strick, den er einige Male um seine Hüften geschlungen hatte. Darin steckten zwei Revolver und das Bowiemesser. Außerdem hingen daran der Kugelbeutel, das Pulverhorn, eine Tabaksblase, eine zusammengenähte Katzenhaut zur Aufnahme des Mehls, das Präriefeuerzeug und noch verschiedene andere Gegenstände, deren Bestimmung für jeden Uneingeweihten ein Rätsel war. Auf der Brust ruhte, an einem Riemen hängend, die Tabakpfeife – aber was für eine! Sie war das eigene Kunstwerk des Jägers, und da er sie schon längst bis vor an den Kopf abgebissen hatte, bestand sie jetzt nur noch aus diesem Kopf und einem ausgehöhlten Holunderstängel. Der Lange hatte nämlich als leidenschaftlicher Raucher die Gewohnheit, das Rohr zu kauen, wenn ihm einmal der Tabak ausgegangen war.
Zu seiner Ehrenrettung muss bemerkt werden, dass sein Anzug nicht etwa nur aus den Schuhen, der Hose, dem Jagdhemd und dem Hut bestand. O nein! Er trug außerdem noch ein Stück, das sich nicht jedermann beschaffen kann: einen Gummimantel; und zwar einen echt amerikanischen, nämlich von jener Sorte, die gleich beim ersten Regen auf die halbe ursprüngliche Länge und Weite zusammenschrumpft. Weil er ihn aus diesem Grund nicht mehr anziehen konnte, hatte er ihn wie eine Husarenjacke an einer Schnur malerisch um die Schulter gehängt. Außerdem trug er ein zusammengeschlungenes Lariat[1], das von seiner linken Schulter nach der rechten Hüfte herabhing. Vor sich, quer über die Beine gelegt, hielt er eine Büchse, eine jener langen Rifles, mit denen der erfahrene Jäger fast nie sein Ziel verfehlt.
Wie alt dieser Mann war, konnte man ihm unmöglich ansehen. Sein hageres Gesicht zeigte unzählige Falten und Fältchen und doch hatte es einen beinahe jugendlichen Ausdruck. Aus jedem Fältchen schien ein Schälkchen, aus jeder Falte ein Schalk herauszublicken. Das Gesicht war trotz dieser Runzeln und Runzelchen und trotz der unwirtlichen Gegend, in der er sich befand, glattrasiert, denn es gibt viele, sehr viele Westmänner, die gerade darin ihren Stolz suchen. Die großen, himmelblauen, weit geöffneten Augen hatten jenen scharfen Blick, den man bei Seeleuten und Bewohnern weiter Ebenen beobachten kann, und doch hätte man diesen Blick gern mit dem Ausdruck ‚kindlichtreu‘ bezeichnen mögen.
Das Maultier war, wie bereits erwähnt, nur scheinbar schwach. Es trug den langen, knochigen Reiter mit Leichtigkeit und zeigte zuweilen sogar Lust, gegen den Willen seines Herrn einen kurzen Streik zu versuchen, wurde dann aber allemal so kräftig zwischen die ewig langen Schenkel des Gebieters genommen, dass es den Widerstand schnell aufgab. Diese Tiere sind wegen ihres sicheren Schritts beliebt, aber auch bekannt wegen ihrer Neigung zu störrischen Widersetzlichkeiten.
Was nun den anderen Reiter betrifft, so musste es bei der Glut, mit der die Sonne niederbrannte, auffallen, dass er einen Pelz trug. Freilich zeigte es sich, wenn durch irgendeine Bewegung des Dicken der Pelz einmal zurückgeschlagen wurde, dass diese Hülle an hochgradiger Haarlosigkeit litt. Es gab nur stellenweise ein kleines, lichtes Büschel, etwa so wie in der unendlichen Wüste nur hier und da eine arme Oase anzutreffen ist. Selbst Kragen und Aufschläge waren so sehr gelichtet, dass man daran talergroße nackte Stellen fand. Unter diesem Pelz blickten rechts und links riesige Aufschlagstiefel hervor. Auf dem Kopf trug der Mann einen breitrandigen Panamahut, der ihm viel zu weit war, sodass er ihn, um aus den Augen sehen zu können, weit ins Genick hinunterschieben musste. Die Ärmel des Pelzes waren so lang, dass man die Hände nicht sehen konnte. So war denn das Gesicht des Reiters das Einzige, was man von ihm selbst erblickte. Aber dieses Gesicht war es auch wert, genau betrachtet zu werden.
Es war ebenfalls glattrasiert, ohne eine Spur von Bart. Die roten Wangen waren so voll, dass das Näschen nur einen fast erfolglosen Versuch machen konnte, zwischen ihnen zur Geltung zu kommen. Ebenso erging es den kleinen, dunklen Äuglein, die zwischen Brauen und Wangen tief versteckt lagen. Ihr Blick hatte einen gutherzig-listigen Ausdruck. Überhaupt stand auf dem ganzen Gesicht geschrieben: ‚Schau mich mal an! Ich bin ein kleiner, prächtiger Kerl und mit mir ist sehr gut auszukommen. Aber brav und verständig musst du sein, sonst hast du dich in mir verrechnet.‘
Jetzt kam ein Windstoß und trieb dem Kleinen den Pelz vorn auseinander. Da konnte man sehen, dass er darunter eine blauwollene Hose und eine ebensolche Bluse trug. Um seine starken Hüften war ein Ledergürtel geschnallt, worin außer den Gegenständen, die auch der Lange besaß, noch ein indianischer Tomahawk steckte. Den Lasso hatte er vorn am Sattel hängen und daneben eine kurze, doppelläufige Kentuckybüchse, der man es ansah, dass sie schon in gar manchem Kampf als Angriffs- oder Verteidigungswaffe gedient hatte.
Und wer waren diese beiden Männer? Nun, der Kleine hieß Jakob Pfefferkorn und der Lange führte den Namen David Kroners. Hätte man irgendeinem Westmann, einem Squatter oder Trapper diese beiden Namen genannt, so hätte er kopfschüttelnd gesagt, dass er von den zwei Jägern noch nie ein Wort gehört habe. Und doch wäre das gegen die Wahrheit gewesen, denn sie waren gar berühmte Pfadfinder und an manchem Lagerfeuer erzählte man sich seit Jahren von ihren Taten. Es gab kaum einen Ort von New York bis Frisco[2] und von den Seen im Norden bis an den mexikanischen Meerbusen, wo nicht das Lob dieser beiden Savannenmänner erschollen war. Freilich, die Namen Jakob Pfefferkorn und David Kroners waren nur ihnen selbst geläufig. In der Prärie, im Urwald und besonders bei den Rothäuten wird nicht nach dem Geburts- oder Taufschein gefragt. Da erhält ein jeder sehr bald einen Namen, der seinen Erlebnissen oder Eigenschaften entspricht und rasch weiter verbreitet wird.
Kroners war ein Vollblut-Yankee und wurde nicht anders als der Lange Davy genannt. Pfefferkorn stammte aus Deutschland und wurde nach seinem Vornamen Jakob und seiner Körperform nur als der Dicke Jemmy bezeichnet. Jemmy ist nämlich der englische Ausdruck für Jaköbchen.
Als Davy und Jemmy waren sie überall bekannt, und man hätte im fernen Westen wohl selten einen Menschen getroffen, der nicht im Stande gewesen wäre, die eine oder andere Heldentat von ihnen zu erzählen. Sie galten als unzertrennlich. Wenigstens gab es keinen, der sich hätte besinnen können, einen von ihnen jemals allein gesehen zu haben. Trat der Dicke an ein fremdes Lagerfeuer, so schaute man unwillkürlich nach dem Langen aus, und kam Davy in einen Store[3], um sich Pulver und Tabak zu kaufen, so wurde er sicherlich gefragt, was er für Jemmy mitnehmen wollte.
Ebenso unzertrennlich fühlten sich auch die beiden Tiere dieser Westmänner. Der große Klepper hätte wohl trotz allen Durstes an keinem Bach oder Fluss getrunken, wenn nicht zugleich mit ihm das kleine Maultier den Kopf zum Wasser niedergebeugt hätte. Und das Maultier wäre selbst im schönsten, saftigsten Gras mit erhobenem Kopf stehen geblieben, wenn es nicht der Klepper vorher leise angeschnaubt hätte, als ob er flüstern wolle: ‚Du, sie sind abgestiegen und braten sich ihre Büffellende. Nun wollen auch wir frühstücken, denn vor dem späten Abend gibt es ganz gewiss nichts mehr!‘
Und dann sich gar in irgendeiner Not verlassen, das fiel den beiden Tieren überhaupt nicht ein. Ihre Herren hatten einander schon viele Male das Leben gerettet. Einer stürzte sich für den anderen ohne Bedenken in die größte Gefahr. So hatten auch die beiden Tiere einander oft beigestanden, wenn es galt, den Kameraden herauszubeißen oder mit den kräftigen, scharfen Hufen gegen einen Feind zu verteidigen. Die vier, Menschen sowohl als Tiere, gehörten zusammen; sie wussten es gar nicht anders.
Jetzt trabten sie fröhlich in nördlicher Richtung dahin. Am Morgen hatte es für Pferd und Maultier Wasser und saftige Weide gegeben und für die beiden Jäger Wasser und die Keule eines Hirsches. Den Rest des Fleisches trug der Klepper, sodass an Hungersnot nicht zu denken war.
Unterdessen hatte die Sonne ihren höchsten Stand erreicht gehabt und war dann langsam tiefer gesunken. Es war zwar sehr heiß, doch wehte ein erfrischender Windhauch über die Prärie und der von zahllosen Blumen durchwirkte Büffelgrasteppich zeigte noch lange nicht die braune, verbrannte Farbe des Herbstes, sondern sein frisches Grün erquickte das Auge. Die über die unendlich weite Ebene verstreuten, in Form von einzelnen, riesigen Kegeln sich erhebenden Felsenberge wurden von den schräg herabfallenden Strahlen der Sonne beleuchtet und glänzten auf ihren westlichen Seiten in glühender Farbenpracht, die nach Osten hin in immer tiefere, dunklere Töne verlief.
„Wie weit reiten wir heute noch?“, fragte der Dicke, nachdem sie stundenlang kein Wort gesprochen hatten.
„So weit wie alle Tage“, antwortete der Lange.
„Well!“, lachte der Dicke. „Also bis zum Lagerplatz.“
„Ay!“ Mister Davy hatte nämlich die Eigentümlichkeit, anstatt Yes stets die altertümliche Bejahung ‚Ay‘ zu verwenden. Ja, er war immer originell, der Lange Davy!
Wieder verging eine Weile. Jemmy hütete sich sehr, sich durch eine weitere Frage abermals eine solche Antwort zu holen. Er betrachtete den Kameraden zuweilen mit seinen listigen Äuglein und wartete die Gelegenheit zur Rache ab. Endlich wurde die Stille dem Langen doch zu drückend. Er deutete mit der Rechten hinaus in die Richtung, der sie folgten, und fragte: „Kennst du diese Gegend?“
„Sehr gut!“
„Nun? Was ist’s?“
„Amerika!“
Der Lange zog unmutig die langen Beine empor und gab seinem Maultier einen Hieb. Dann meinte er: „Schlechter Kerl!“
„Wer?“
„Du!“
„Ah! Ich? Wieso?“
„Rachsüchtig!“
„Gar nicht. Gibst du mir dumme Antworten, so sehe ich nicht ein, warum ich geistreich sein soll, wenn du mich fragst.“
„Geistreich? O weh! Du und geistreich! Du bestehst so sehr aus Fleisch, dass der Geist überhaupt keinen Platz haben würde.“
„Oho! Hast du vergessen, was ich durchgemacht habe, drüben im alten Land?“
„Ay! Eine Klasse des Gymnasiums! Ja, das weiß ich noch. Das kann ich überhaupt niemals vergessen, denn du erinnerst mich täglich wenigstens dreißigmal daran.“
Der Dicke warf sich in die Brust. „Das ist auch notwendig“, meinte er. „Eigentlich sollte ich es täglich vierzig- oder fünfzigmal erwähnen, da ich ein Mann bin, vor dem du gar nicht genug Hochachtung haben kannst. Übrigens habe ich nicht nur eine Klasse durchgemacht, sondern drei!“
„Für das Weitere reichte aber der Verstand nicht aus...“
„Sei still! Das Geld wurde alle. Verstand hätte ich mehr als genug gehabt. Übrigens weiß ich sehr wohl, was du vorhin meintest. Diese Gegend werde ich nicht vergessen. Weißt du, da drüben hinter den Höhen lernten wir uns kennen.“
„Ay! Das war ein schlimmer Tag. Ich hatte all mein Pulver verschossen und wurde von den Sioux[4] gejagt. Schließlich konnte ich nicht weiter und sie schlugen mich nieder. Am Abend aber kamst du.“
„Ja, die dummen Kerle hatten ein Feuer angebrannt, das man droben in Kanada hätte sehen können. Ich bemerkte es und schlich mich hinzu. Da gewahrte ich fünf Sioux, die einen Weißen gefesselt hatten. Na, ich hatte mich nicht verschossen wie du. Zwei wurden von meinen Kugeln getroffen und drei entflohen, weil sie nicht ahnten, dass sie es nur mit einem Einzelnen zu tun hatten. Du warst frei!“
„Frei war ich allerdings, aber auch zornig auf dich!“
„Darüber, dass ich die beiden Indsmen nicht erschossen, sondern nur verwundet hatte, ja. Aber ein Indsman ist auch ein Mensch und ich töte niemals einen Menschen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Ich bin eben ein Deutscher und kein Kannibale!“
„Bin ich etwa einer?“
„Hm!“, brummte der Dicke. „Jetzt bist du freilich anders als früher. Da hattest du, wie so viele andere, die Ansicht, dass man die Roten nicht schnell genug ausrotten könne. Ich habe dich geradezu zu meiner Meinung bekehren müssen.“
„Ja, ihr Deutschen seid eigenartige Kerle. Mild, weich wie Butter! Wenn es aber sein muss, stellt ihr euern Mann wie sonst einer. Ihr möchtet alle Welt mit Samthandschuhen anfassen und doch schlagt ihr gleich mit dem Kolben drein, wenn ihr meint, dass ihr euch endlich wehren müsst. So seid ihr alle und so bist auch du.“
„Und ich freue mich, dass es so ist. Aber schau, dort scheint ein Strich durch das Gras zu gehen!“
Jemmy hielt sein Pferd an und deutete zu einem Felsen hinüber, an dessen Fuß eine lange, dunkle Linie durch das Gras lief.
Auch Davy zügelte sein Tier, beschattete die Augen mit der einen Hand und musterte die betreffende Stelle. Dann sagte er: „Du sollst mich zwingen dürfen, einen Zentner Büffelfleisch ungebraten zu essen, wenn das nicht eine Fährte ist.“
„Auch ich halte es dafür. Wollen wir uns das Ding einmal genauer betrachten, Davy?“
„Wollen? Wer spricht vom Wollen, wenn man muss? In dieser alten Prärie ist man gezwungen, an keiner Spur leichtsinnig vorüberzugehen. Man muss stets wissen, wen man vor oder hinter sich hat, sonst kann es leicht geschehen, dass man früh tot aufsteht, wenn man sich am Abend lebendig ins Gras gelegt hat. Vorwärts also!“
Sie ritten bis an den Felsen heran und musterten die Fährte mit Kenneraugen. Jemmy sprang vom Pferd und kniete im Gras nieder. Sein alter Klepper hielt, als ob er Menschenverstand besitze, das Maul in das niedergetretene Grün und schnaubte leise. Auch das Maultier trat herbei, wedelte mit dem Schwanz und den beiden langen Ohren und schien sich die Fährte zu betrachten.
„Nun?“, frage Davy, dem die Untersuchung zu lange dauerte. „Ist’s gar so wichtig?“
„Ja. Hier ist ein Indianer geritten.“
„Meinst du? Das wäre freilich auffallend, da wir uns nicht auf dem Jagd- oder Weidegrund eines Stammes befinden. Warum vermutest du, dass es ein Indsman war?“
„Ich sehe an den Hufspuren, dass das Pferd auf indianische Weise geschult ist.“
„Dennoch kann es von einem Weißen geritten werden.“
„Das sage ich mir auch, aber... aber...“
Jemmy schüttelte nachdenklich den Kopf und verfolgte die Spur eine kurze Strecke weiter. Dann rief er zurück: „Komm nach! Das Pferd war nicht beschlagen. Ferner war es müde und dennoch hat es galoppieren müssen. Der Reiter hat es also sehr eilig gehabt.“
Jetzt stieg auch Davy ab. Was er gehört hatte, war wichtig genug, um sich eingehend damit zu befassen. Er schritt dem Dicken nach und die beiden Tiere liefen unaufgefordert hinter ihm her. Bei Jemmy angekommen, ging er mit ihm noch weiter an der Fährte entlang.
„Du“, meinte er, „das Pferd war wirklich übermüdet. Es ist oft gestrauchelt. Wer sein Tier derart anstrengt, muss triftige Veranlassung dazu haben. Entweder wurde der Mann verfolgt oder er hatte Grund, sein Ziel so schnell wie möglich zu erreichen.“
„Das Zweite ist der Fall, das Erste nicht.“
„Wieso?“
„Wie alt ist diese Fährte?“
„Zwei Stunden ungefähr.“
„Das sage ich auch. Noch gibt es keine Spur eines Verfolgers, und wer einen Vorsprung von zwei Stunden hat, reitet sein Pferd nicht zu Tode. Übrigens gibt es hier so viele zerstreute Felsen, dass es ihm leicht gewesen wäre, einen Verfolger irrezuführen. Der Verfolgte brauchte nur unbemerkt einen Bogen zu schlagen oder im Kreis zu reiten. Meinst du nicht auch?“
„Ja. Uns beiden zum Beispiel würde ein Vorsprung von zwei Minuten genügen, um die Verfolger mit einer ganz gehörigen Nase heimzuschicken. Also stimme ich dir bei. Der Mann hat schnell an sein Ziel gewollt. Aber wo mag das liegen?“
„Jedenfalls nicht weit von hier.“
Der Lange blickte dem Dicken erstaunt ins Gesicht.
„Du scheinst heute allwissend zu sein!“, sagte er.
„Um das zu erraten, bedarf es keiner Allwissenheit, sondern nur eines Nachdenkens.“
„So! Nun, ich denke ja soeben auch darüber nach, nur leider vergeblich.“
„Das ist bei dir kein Wunder.“
„Wieso?“
„Du bist zu lang. Ehe bei dir die Überlegung von der Fährte hier unten bis hinauf in deinen Verstand kommt, können Jahre vergehen. Ich sage dir, dass das Ziel dieses Reiters gar nicht weit von hier zu suchen ist, sonst hätte er sein Pferd geschont.“
„So! Den Grund höre ich, aber begreifen kann ihn nicht.“
„Nun, ich schätze: Hätte der Mann noch einen Tagesritt zu machen gehabt, so hätte er das erschöpfte Pferd unbedingt erst einige Stunden lang ausruhen lassen müssen und sodann die Versäumnis nachholen können. Weil er aber den Ort, den er erreichen will, nahe wusste, hat er geglaubt, diese Strecke trotz der Müdigkeit seines Pferdes heute noch zurücklegen zu können.“
„Höre, mein alter Jemmy, das, was du da sagst, klingt nicht so uneben. Ich gebe dir abermals Recht.“
„Dieses Lob ist überflüssig. Wer fast dreißig Jahre lang in der Savanne herumgestolpert ist, kann wohl auch einmal auf einen klugen Gedanken kommen. Der Mann ist jedenfalls ein Bote. Er hat es eilig gehabt, seine Angelegenheit war von großer Wichtigkeit. Ein Indsman ist aller Wahrscheinlichkeit nur der Bote zwischen Indianern, und so möchte ich fast behaupten, dass sich Rothäute hier in der Nähe befinden.“
Der Lange Davy stieß einen leisen Pfiff zwischen den Zähnen hervor und ließ seinen Blick nachdenklich rundum schweifen.
„Unangenehm, recht unangenehm!“, brummte er. „Der Kerl kommt von Indianern und geht zu Indianern. Wir befinden uns demnach zwischen ihnen, ohne zu wissen, wo sie stecken. Also können wir leicht auf die eine Horde stoßen und unsere Skalpe zum Jahrmarkt tragen.“
„Das ist freilich zu befürchten. Wir müssen der Fährte folgen.“
„Richtig! Dann wissen wir, dass sich die eine Schar der Roten vor uns befindet, und sie hat keine Ahnung von uns. Wir sind also im Vorteil. Aber neugierig bin ich doch, zu welchem Stamm der Bote gehören mag.“
„Ich ebenso. Erraten lässt es sich nicht. Da oben im nördlichen Montana gibt es die Schwarzfuß-, Pigan- und Blutindianer. Die kommen nicht herüber. Am Knie des Missouri lagern die Riccarees, die ebenso wenig hier etwas zu suchen haben. Die Sioux? Hm! Hast du etwa gehört, dass sie in neuerer Zeit das Kriegsbeil ausgegraben haben?“
„Nein.“
„So wollen wir uns jetzt den Kopf nicht zerbrechen, aber vorsichtig müssen wir sein. Wir befinden uns in einer Gegend, die uns gut bekannt ist, und wenn wir nicht geradezu Dummheiten machen, kann uns nichts geschehen. Komm!“
Sie saßen wieder auf und folgten der Fährte, die sie genau im Auge behielten, dabei aber auch scharf nach vorn und den Seiten ausschauend, um ja irgendetwas Feindseliges sofort zu entdecken.
Es verging wohl eine Stunde und die Sonne sank immer tiefer. Der Wind erhob sich mehr und mehr und die Hitze des Tages ließ schnell nach. Bald bemerkten sie, dass der Indianer nur noch im Schritt geritten war. An einer unebenen Stelle schien sein Pferd vor Übermüdung gestolpert und in die Knie gesunken zu sein. Jemmy stieg sofort ab und untersuchte die Stelle.
„Ja, es ist ein Indsman“, erklärte er. „Er ist abgesprungen. Seine Mokassins sind mit Stachelschweinborsten verziert. Hier liegt eine abgebrochene Spitze davon. Und hier... ah, der Kerl muss noch sehr jung sein!“
„Warum?“, fragte der Lange, der auf seinem Tier sitzen geblieben war.
„Die Stelle ist sandig und sein Fuß hat sich genau abgezeichnet. Wenn ich nicht annehmen soll, dass es eine Squaw war, so...“
„Unsinn! Eine Frau kommt nicht allein hierher.“
„...so ist er ein junger Mensch, wahrscheinlich höchstens achtzehn Jahre alt.“
„So, so! Das klingt gefährlich. Es gibt Stämme, bei denen gerade diese jungen Krieger als Kundschafter benutzt werden. Sehen wir uns also vor!“
Die beiden ritten wieder weiter. Während sie bisher durch eine Blumenprärie gekommen waren, tauchte jetzt hier und da ein Gebüsch auf, erst vereinzelt, dann in zusammenstehenden Gruppen. In der Ferne schien es Bäume zu geben.
Endlich kamen sie an eine Stelle, wo der Reiter kurze Zeit abgestiegen war, um seinem Pferd eine freilich nur kurze Ruhe zu gönnen. Dann war er zu Fuß weitergeschritten, das Tier am Zügel führend.
Die vorliegenden Büsche hemmten jetzt zuweilen die Aussicht so, dass Vorsicht doppelt nötig wurde. Davy ritt voran und Jemmy folgte. Auf einmal sagte der Dicke: „Du Langer, hier am Busch hing ein Schwanzhaar, das dem müden Gaul ausgerissen wurde.“
„Ay! Aber sprich nicht so laut! Hier können wir jeden Augenblick auf Leute stoßen, die wir erst sehen, wenn sie uns bereits erschossen haben!“
„Das fürchte ich nicht. Ich kann mich da auf mein Pferd verlassen. Es schnaubt, sobald es einen Feind wittert. Also nur immer getrost weiter!“
Der Lange Davy folgte wohl dieser Aufforderung, blieb aber im nächsten Augenblick bereits wieder halten. „Alle Teufel!“, sagte er. „Da ist etwas vorgegangen!“
Der Dicke trieb sein Pferd an und gelangte nach wenigen Schritten durch die Büsche auf einen freien Platz. Vor ihnen erhob sich einer jener kegelförmigen Felsen, deren es in dieser Prärie so viele gibt. Die Fährte führte hart an ihm vorüber und sprang sodann in einem scharfen Winkel nach rechts ab. Das sahen die beiden deutlich, aber sie gewahrten noch etwas. Von der anderen Seite des Felsens her zogen sich nämlich Spuren zu der genannten Fährte hinüber, um sich mit ihr zu vereinigen.
„Was meinst du dazu?“, fragte der Lange.
„Dass da hinter diesem Felsen Menschen lagerten, die den Indsman vorüberließen und dann verfolgten.“
„Vielleicht sind sie bereits wieder fort.“
„Oder es sind welche zurückgeblieben. Warte hier hinter den Büschen! Ich will einmal meine Nase um die Ecke stecken.“
„Steck sie nur nicht etwa in einen geladenen Flintenlauf, der im Losgehen ist!“
„Nein, dazu wäre die deinige besser geeignet.“
Jemmy stieg ab, überreichte dem Langen die Zügel seines Kleppers und rannte in vollem Lauf auf den Felsen zu.
„Schlauer Fuchs!“, brummte Davy befriedigt vor sich hin. „Hier würde das Anschleichen zu viel Zeit erfordern. Man sollte gar nicht glauben, dass der Dicke so springen kann!“
An der Rückseite des Felsens angekommen, schlich sich der Kleine langsam und vorsichtig nach vorn und verschwand hinter einer vorspringenden Kante. Bald jedoch erschien er wieder und gab dem Langen einen Wink, indem er mit dem Arm einen Bogen beschrieb. Davy verstand richtig, dass er nicht geradewegs nach dem Felsen reiten solle, und schlug zwischen den Büschen hindurch einen Bogen, bis er auf die neue Fährte traf und auf ihr zu Jemmy an den Felsen gelangte.
„Was sagst du dazu?“, fragte der Dicke, indem er auf den Platz zeigte, der vor ihnen lag.
Hier hatte sich ein Lager befunden. Einige eiserne Kessel lagen noch am Boden, mehrere Hacken und Schaufeln, eine Kaffeemühle, ein Mörser, verschiedene kleine und größere Pakete – die Spur eines Lagerfeuers aber war nicht zu sehen.
„Na“, entgegnete der Gefragte kopfschüttelnd. „Diejenigen, die sich hier so häuslich niedergelassen hatten, mögen sehr unvorsichtige Leute oder noch ganz grün im Westen sein. Man sieht die Spuren von wenigsten fünfzehn Pferden, aber kein einziges war angepflockt oder auch nur angehobbelt. Wie es scheint, waren mehrere Packtiere darunter. Auch die sind fort. Wohin? Das ist eine ganz heillose Wirtschaft! Man sollte diesen Leuten einen tüchtigen Stock auf den Rücken geben!“
„Ja, das haben sie verdient. So wenig Erfahrung, und machen sich nach dem fernen Westen herbei! Es kann freilich nicht ein jeder auf dem Gymnasium gewesen sein...“
„Wie du“, fiel der Lange schnell ein.
„Ja, wie ich! Aber ein wenig Mutterwitz und Überlegung sollte doch ein jeder besitzen. Der Indianer ist ganz ahnungslos hier um die Ecke gekommen und hat, sobald er sie erblickte es vorgezogen, schnell davon zu reiten anstatt umzukehren. Da ist ihm die ganze Rotte spornstreichs nach.“
„Ob sie ihm feindlich gesinnt waren?“
„Natürlich, sonst hätten sie ihn doch nicht verfolgt. Und für uns kann das verhängnisvoll werden. Den Roten ist es ganz gleich, ob hinterher ihre Rache den wirklich Schuldigen oder einen anderen trifft.“
„So müssen wir schleunigst nach, um Unheil zu verhüten.“
„Ja, lange werden wir nicht zu reiten habe, denn weit ist der Indsman mit seinem abgematteten Pferd doch nicht gekommen.“
Sie stiegen wieder auf und folgten im Galopp der Fährte, von der nach rechts und links einige Hufspuren abzweigten, jedenfalls von den durchgegangenen Packpferden herrührend. Nach einer Weile hielt Jemmy plötzlich sein Tier an. Er hatte laute Stimmen vernommen und lenkte rasch zur Seite in ein Gesträuch hinein, wohin Davy ihm folgte. Beide horchten. Sie hörten mehrere Menschen durcheinander sprechen.
„Das sind sie jedenfalls“, meinte der Dicke. „Die Stimmen kommen nicht näher, sie scheinen sich also noch nicht auf dem Rückweg zu befinden. Wollen wir sie belauschen, Davy?“
„Gewiss. Die Pferde hobbeln wir einstweilen an.“
„Nein, das könnte uns verraten. Wir müssen sie festbinden, damit sie nicht weiter fort können, als wir erlauben.“
‚Anhobbeln‘ ist ein Trapperausdruck und heißt, den Pferden die Vorderbeine so zusammenfesseln, dass sie nur kleine Schritte machen können. Das tut man, wenn man sich in Sicherheit weiß, sonst aber werden die Tiere an Bäumen festgebunden oder an kurzen Pfählen, die man in die Erde schlägt. Gewöhnlich führen die Jäger in der holzarmen Prärie zu diesem Zweck spitze Pflöcke mit sich.
Die beiden Unzertrennlichen banden also ihre Tiere an den Sträuchern fest und schlichen sich dann nach der Richtung hin, woher die Stimmen zu hören waren. Sie kamen bald an ein kleines Flüsschen oder vielmehr an einen Bach, der jetzt nicht viel Wasser hatte, dessen hohe Ufer aber zeigten, dass er im Frühjahr eine ganz ansehnliche Wassermenge mit sich führe. Er machte hier eine Krümmung, in der neun wild aussehende Männer teils standen, teils im Gras hockten. In ihrer Mitte lag ein junger Indianer, der an Händen und Füßen so gefesselt war, dass er kein Glied rühren konnte. Jenseits des Wasser aber, unterhalb des hohen Ufers, das es nicht mehr zu erklimmen vermocht hatte, lag das Pferd des Roten mit schlagenden Flanken und laut schnaubend. Die Tiere der anderen standen bei ihren Herren.
Die Männer machten sämtlich keinen guten Eindruck. Ein echter Westmann sagte sich bei ihrem Anblick wohl sofort, dass er eine Rotte jenes Gesindels vor sich habe, über das im fernen Westen nur Richter Lynch die Oberhand behält.
Jemmy und Davy kauerten hinter einem Busch und betrachteten die Gruppe. Die Männer flüsterten eifrig miteinander. Sie schienen über das Schicksal des Gefangenen zu beraten.
„Wie gefallen sie dir?“, fragte der Dicke leise.
„Ganz so wie dir, nämlich gar nicht.“
„Ohrfeigengesichter! Der arme rote Junge kann mir Leid tun. Zu welchem Stamm zählst du ihn?“
„Darüber bin ich mir noch nicht klar. Er ist nicht bemalt und trägt auch sonst kein Abzeichen. So viel aber ist sicher, dass er sich nicht auf dem Kriegspfad befunden hat. Wollen wir ihn in unseren Schutz nehmen?“
„Versteht sich, denn ich glaube nicht, dass er diesen Präriegeiern Veranlassung zu ihrem feindseligen Verhalten gegeben hat. Komm, wir wollen einige Worte mit ihnen reden!“
„Und wenn sie nicht auf uns hören?“
„So haben wir die Wahl, mit Gewalt oder auch mit List unseren Willen durchzusetzen. Ich fürchte diese Kerle nicht. Aber eine Kugel trifft auch dann, wenn sie von einem feigen Schurken abgeschossen wird. Wollen sie gar nicht wissen lassen, dass wir beritten sind, und besser ist’s auch, wir kommen von der anderen Seite des Wassers, damit sie nicht merken, dass wir bereits ihr Lager gesehen haben.“
2. Der Hobble-Frank
Die beiden Jäger nahmen ihre Gewehre und schlichen sich auf einem Umweg an den Bach. Dort gingen sie das diesseitige Ufer hinab, sprangen über das schmale Wasser und stiegen jenseits wieder hinauf. Nun schlugen sie einen kurzen Bogen und erreichten den Bach gerade an der Stelle, wo sich am anderen Ufer die neun Männer mit dem Gefangenen befanden. Dort taten sie, als ob sie über die Anwesenheit von Menschen mächtig erstaunt seien.
„Hallo“, rief der Dicke Jemmy. „Was ist denn das? Ich habe gemeint, wir wären ganz allein hier auf dieser gesegneten Prärie, und da treffen wir ein ganzes Meeting[5] beisammen. Hoffentlich ist es erlaubt, teilzunehmen?“
Diejenigen, die im Gras hockten, sprangen auf und alle richteten ihre Augen auf die beiden Ankömmlinge. Sie mochten im ersten Augenblick durch deren Erscheinen nicht sehr angenehm überrascht sein. Aber als sie die Gestalten und Anzüge der beiden bemerkten, erhoben sie ein schallendes Gelächter.
„Bounce!“, rief einer, der ein ganzes Lager von Waffen an seinem Leib trug. „Was geht hier los? Haltet ihr zu dieser Jahreszeit Fastnacht und Maskenspiel?“
„Ay!“, nickte der Lange. „Es fehlen uns noch einige Narren dazu, darum kommen wir zu euch.“
„Da kommt ihr freilich an die unrechte Adresse.“
„Das glaube ich nicht.“
Bei diesen Worten machte Davy mit seinen ewig langen Beinen einen einzigen Schritt über das Wasser hinüber, einen zweiten das Ufer hinauf und stand nun vor dem Sprecher. Der Dicke tat zwei Sprünge, nach denen er neben Davy stand und meinte:
„So, da sind wir. Good day, Mesch’schurs. Habt ihr nicht irgendeinen guten Schluck zu trinken?“
„Dort ist Wasser!“, lautete die Antwort des Sprechers, der dabei auf den Bach deutete.
„Fie! Meint Ihr, ich habe Lust, mich inwendig mit Wasser nass zu machen? Das fällt meines Großvaters Enkel nicht ein. Wenn ihr nichts Besseres bei euch habt, so mögt ihr ruhig nach Hause gehen, denn da ist diese hübsche Wiese kein passender Ort für euch!“
„Ihr scheint die Prärie für eine Frühstücksstube zu halten?“
„Freilich! Die Braten laufen einem ja vor der Nase herum. Man braucht sie nur ans Feuer zu bringen.“
„Und Euch scheint das recht gut zu bekommen!“
„Will’s meinen!“, lachte Jemmy, indem er sich behaglich über den Bauch strich.
„Und was ihr zu viel habt, das fehlt Eurem Kameraden da.“
„Weil er nur halbe Beköstigung erhält. Ich darf nicht zugeben, dass seine Schönheit verdorben wird, denn ich habe ihn als Scheuche mitgenommen, damit mir kein Bär oder Indsman zu nahe kommt. Aber, mit Eurer Erlaubnis, Sir – was führt Euch denn eigentlich an dieses hübsche Wasser hier?“
„Niemand hat uns hergeführt. Haben den Weg selbst gefunden.“
Seine Gefährten lachten über diese Antwort, die sie für eine geistreiche Abfertigung hielten. Der Dicke Jemmy aber meinte ernsthaft:
„So? Wirklich? Das hätte ich Euch nicht zugetraut, denn Euer Gesicht lässt nicht vermuten, dass Ihr im Stande seid, irgendeinen Weg ohne Hilfe zu finden.“
„Und das Eurige lässt erwarten, dass ihr den Weg nicht sehen würdet, selbst wenn man Euch mit der Nase darauf drückte. Seit wann seid Ihr denn eigentlich aus der Schule?“
„Ich bin noch gar nicht hineingekommen, weil ich das richtige Maß noch nicht habe, doch hoffe ich, von Euch so viel zu lernen, dass ich wenigstens das Einmaleins des Westen leidlich aufsagen kann. Wollt Ihr mein Schulmeister sein?“
„Habe keine Zeit dazu. Habe überhaupt Notwendigeres zu tun, als anderen die Dummheit auszuklopfen.“
„So! Was sind denn das für notwendige Dinge?“
Jemmy sah sich um, tat, als ob er erst jetzt den Indianer erblickte, und fuhr dann fort: „Behold! Ein Gefangener und noch dazu ein roter!“
Dabei fuhr er zurück, als sei er über den Anblick des Roten erschrocken. Die Männer lachten und derjenige, der bisher gesprochen hatte und ihr Anführer zu sein schien, sagte:
„Fallt nicht in Ohnmacht, Sir! Wer noch keinen solchen Kerl gesehen hat, kann leicht einen gefährlichen Schreck davontragen. Ich wette, dass Euch noch nie ein Indsman begegnet ist.“
„Einige zahme habe ich wohl gesehen. Aber der hier scheint wild zu sein.“
„Gewiss, kommt ihm ja nicht zu nahe!“
„Ist’s so schlimm? Er ist ja gefesselt!“
Der Dicke wollte sich dem Gefangenen nähern, aber der Anführer stellte sich ihm entgegen:
„Bleibt weg von dem Indsman! Er geht Euch gar nichts an. Übrigens muss ich Euch nun endlich fragen, wer Ihr seid und was Ihr hier bei uns wollt.“
„Das könnt Ihr sofort erfahren. Mein Kamerad heißt Kroners und mein Name ist Pfefferkorn. Wir...“
„Pfefferkorn?“, wurde er unterbrochen. „Ist das nicht ein deutscher Name?“
„Mit Eurer Erlaubnis, ja.“
„So hole Euch der Teufel! Ich kann Leute Eures Gelichters nicht riechen.“
„Das liegt jedenfalls nur an Eurer Nase, die an Feineres nicht gewöhnt ist. Und wenn Ihr von Gelichter sprecht, so messt Ihr mich wohl mit Eurer eigenen Elle.“
Jemmy hatte das nicht mehr in dem bisherigen leichten Ton gesprochen. Der andere zog die Brauen zornig hoch und fragte drohend: „ Was wollt Ihr damit sagen?“
„Die Wahrheit, weiter nichts.“
„Wofür haltet Ihr uns? Heraus damit!“
Der Mann griff zum Messer, das er im Gürtel stecken hatte. Jemmy machte eine verächtliche Handbewegung. „Lasst Euer Messer stecken, Sir! Damit schreckt Ihr uns nicht. Ihr seid grob gegen mich gewesen und durftet nicht erwarten, dass ich Euch mit Kölnisch Wasser anspritze. Ich kann nichts dafür, dass ich Euch nicht gefalle, und es kommt mir auch gar nicht in den Sinn, Euch zuliebe im fernen Westen einen Frack und Handschuhe anzuziehen. Hier gilt nicht der Rock, sondern der Mann! Ich habe Eure Frage beantwortet und will nun auch erfahren, wer ihr seid.“
Die Leute machten große Augen, als der Dicke in einem solchen Ton zu ihnen sprach. Zwar griffen noch einige Hände in die Gürtel, aber das mannhafte Auftreten des dicken Männchens hatte doch zur Folge, dass der Anführer Bescheid gab: „Ich heiße Brake, das genügt. Die acht anderen Namen könntet Ihr Euch doch nicht merken.“
„Merken gar wohl. Aber wenn Ihr meint, dass ich sie nicht zu wissen brauche, so habt Ihr Recht. Der Eurige genügt vollauf, denn wer Euch ansieht, der weiß auch schon, wes Geistes Kind die anderen sind.“
„Mann! Ist das eine Beleidigung?“, fuhr Brake auf. „Wollt Ihr, dass wir zu den Waffen greifen?“
„Das rate ich euch nicht. Wir haben vierundzwanzig Revolverschüsse und wenigstens die Hälfte würdet ihr bekommen, ehe es euch gelänge, eure Schießhölzer auf uns zu richten. Ihr haltet uns für Neulinge, aber die sind wir nicht. Wollt ihr es auf eine Probe ankommen lassen, so haben wir nichts dagegen.“
Jemmy hatte blitzschnell seine beiden Revolver gezogen. Auch der Lange Davy hielt die seinigen bereits in den Händen, und als Brake sein Gewehr vom Boden aufheben wollte, warnte Jemmy: „Lasst das Gewehr liegen! Sobald Ihr es berührt, habt Ihr meine Kugel. Das ist das Gesetz der Prärie. Wer zuerst losdrückt, hat das Recht und ist der Sieger!“
Die Leute waren beim Erscheinen der beiden so unvorsichtig gewesen, ihre Gewehre im Gras liegen zu lassen. Jetzt durften sie es nicht wagen, danach zu greifen.
„’s death!“, fluchte Brake. „Ihr tut ja ganz so, als wolltet ihr uns alle verschlingen!“
„Das fällt uns nicht ein, dazu seid ihr uns nicht appetitlich genug. Wir wollen von euch weiter nichts wissen, als was euch dieser Indianer getan hat.“
„Geht das euch etwas an?“
„Ja. Wenn ihr euch ohne Grund an ihm vergreift, so befindet sich dann jeder andere Weiße ohne Schuld in der Gefahr, von der Rache der Seinigen getroffen zu werden. Also, warum habt ihr ihn gefangen genommen?“
„Weil es uns so gefiel. Er ist ein roter Schurke, das ist Grund genug.“
„Diese Antwort genügt. Wir wissen nun, dass euch der Mann keinen Anlass zu Feindseligkeit gegeben hat. Aber ich werde ihn auch selbst noch fragen.“
„Den fragen?“, lachte Brake höhnisch und seine Gefährten stimmten in das Gelächter ein. „Der versteht kein Wort Englisch. Er hat uns trotz aller Prügel mit keiner Silbe geantwortet.“
„Geprügelt habt ihr ihn?“, rief Jemmy. „Seid ihr von Sinnen? Einen Indianer prügeln! Wisst ihr nicht, dass dies eine Beleidigung ist, die nur mit Blut gesühnt werden kann?“
„Er mag sich unser Blut holen. Bin nur neugierig, wie er das anfangen wird.“
„Sobald er frei ist, wird er es euch zeigen.“
„Frei wird er niemals wieder sein.“
„Wollt ihr ihn töten?“
„Was wir mit ihm tun werden, das geht euch nichts an, verstanden? Die Rothäute muss man zertreten, wo man sie nur immer findet. Jetzt habt ihr unseren Bescheid. Wollt ihr, bevor ihr euch von dannen macht, mit dem Kerl einmal sprechen, so habe ich nichts dagegen. Er versteht euch nicht und ihr seht beide nicht so aus, als ob man euch für Professoren der Indianersprache halten müsse. Ich bin neugierig, der Unterhaltung beizuwohnen.“
Jemmy zuckte verächtlich die Schultern und wendete sich an den Indianer.
Der Rote hatte mit halb geschlossenen Augen dagelegen und mit keinem Blick, keiner Miene verraten, ob er dem Gespräch zu folgen vermochte. Er war noch jung, ganz so, wie der Dicke gesagt hatte, vielleicht achtzehn Jahre alt.
Sein dunkles, schlichtes Haar war lang. Nichts zeigte an, zu welchem Stamm er gehörte. Das Gesicht war unbemalt und sogar die Scheitellinie seines Kopfes war nicht mit Ocker oder Zinnober gefärbt. Er trug ein weichledernes Jagdhemd und hirschlederne Leggins, beide an den Nähten ausgefranst. Zwischen diesen Fransen war kein einziges Menschenhaar zu sehen, ein Zeichen, dass der junge Mann noch keinen Feind getötet hatte. Die zierlichen Mokassins waren mit Stachelschweinsborsten geschmückt, wie es Jemmy vorher vermutet hatte. Drüben am jenseitigen Ufer, wo sich das Pferd jetzt wieder aufgerichtet hatte und mit Wohlbehagen das Wasser des Baches zu schlürfen begann, lag ein langes Jagdmesser. Am Sattel des Tieres hing ein aus den Hörnern des Bergschafes verfertigter Bogen, der vielleicht den Wert von zwei oder drei Mustangs besaß. Diese einfache Bewaffnung war ein sicherer Beweis, dass der Indianer nicht in feindlicher Absicht in diese Gegend gekommen war.
Sein Gesicht war in diesem Augenblick gänzlich regungslos. Der Indsman ist zu stolz, vor Fremden oder gar Feinden seine Gefühle merken zu lassen. Seine Züge waren noch jugendlich weich. Die Backenknochen traten zwar ein klein wenig hervor, doch tat dies der Ebenmäßigkeit nicht den mindesten Eintrag. Als Jemmy jetzt zu ihm trat, öffnete er zum ersten Mal die Augen ganz. Sie waren schwarz wie glänzende Kohle und ein freundlicher Blick traf den Jäger.
„Mein junger, roter Bruder versteht die Sprache der Bleichgesichter?“, fragte Jemmy in englischer Sprache.
„Ja“, erwiderte der Gefragte. „Woher weiß dies mein älterer weißer Bruder?“
„Ich sehe an dem Blick deines Auges, dass du uns verstanden hast.“
„Ich habe gehört, dass du ein Freund der roten Männer bist. Ich bin dein Bruder.“
„Will mir mein Bruder sagen, ob er einen Namen hat?“
Eine solche Frage ist für einen älteren Indianer eine schwere Beleidigung, denn wer noch keinen Namen hat, der hat noch nicht durch irgendeine Tat seinen Mut bewiesen und wird nicht zu den Kriegern gerechnet. Bei der Jugend dieses Gefangenen aber konnte sich Jemmy die Frage erlauben. Dennoch entgegnete der Jüngling: „Meint mein guter Bruder, dass ich feige bin?“
„Nein, aber noch sehr jung.“
„Die Bleichgesichter haben die roten Männer gelehrt, bereits jung zu sterben. Mein Bruder mag mir das Jagdhemd auf der Brust öffnen, um zu erfahren, dass ich einen Namen besitze.“
Jemmy bückte sich und nestelte das Jagdhemd auf. Er zog drei rot gefärbte Federn des Kriegsadlers hervor. „Ist’s möglich?“, rief er aus. „Ein Häuptling kannst du doch noch nicht sein!“
„Nein“, lächelte der Jüngling. „Ich darf die Federn des Mah-sisch tragen, weil ich Wohkadeh heiße.“
Diese beiden Worte gehören der Mandan-Sprache an. Das erste heißt Kriegsadler und das zweite ist der Name für die Haut eines weißen Büffels. Da die weißen Büffel höchst selten sind, so gilt das Erlegen eines solchen Tieres bei manchen Stämmen mehr als der Sieg über mehrere Feinde und berechtigt sogar zum Tragen der Federn des Kriegsadlers. Der junge Indianer hatte einen solchen Büffel erlegt und infolgedessen den Namen Wohkadeh erhalten.
Das war an und für sich nichts Seltsames, nur staunten Davy und Jemmy darüber, dass der Name der Mandan-Sprache entnommen war. Die Mandans gelten für ausgestorben. Darum fragte der Kleine: „Welchem Stamm gehört mein roter Bruder an?“
„Ich bin ein Numangkake und zugleich ein Dakota.“
Numangkake nannten sich die Mandans selbst und Dakota ist der Sammelname aller Siouxstämme.
„So bist du von den Dakota angenommen worden?“
„Wie mein weißer Bruder sagt, so ist es. Der Bruder meiner Mutter war der große Häuptling Mah-to-toh-pah[6]. Er trug diesen Namen, weil er vier Bären auf einmal getötet hatte. Die weißen Männer kamen und brachten uns die Blattern. Mein ganzer Stamm siechte dahin, bis auf wenige, die den Vorangegangenen nach den ewigen Jagdgründen folgten, als sie die Sioux reizten und von ihnen erschlagen wurden. Mein Vater, der tapfere Wah-kih[7], wurde nur verwundet und später gezwungen, ein Sohn der Sioux zu werden. So bin ich ein Dakota, doch mein Herz gedenkt der Ahnen, die der Große Geist zu sich gerufen hat.“
„Die Sioux befinden sich jetzt jenseits der Berge. Weshalb kommst du herüber?“
„Wohkadeh kommt nicht von den Bergen, die mein Bruder meint, sondern vom hohen Gebirge im Westen herab und hat einem kleinen weißen Bruder eine wichtige Botschaft zu bringen.“
„Dieser weiße Bruder wohnt hier in der Nähe?“
„Ja. Woher weiß das mein älterer weißer Bruder?“
„Ich folgte deiner Spur und habe gesehen, dass du dein Pferd antriebst wie einer, der sich nahe am Ziel befindet.“
„Du hast richtig gedacht. Wohkadeh wäre jetzt am Ziel, aber diese Bleichgesichter verfolgten ihn. Sein Pferd war zu ermattet und konnte den Sprung über dieses Wasser nicht tun, es stürzte. Wohkadeh kam darunter zu liegen und verlor die Besinnung. Als er erwachte, war er mit Riemen gebunden.“ Und in der Siouxsprache fügte er knirschend hinzu: „Sie sind Feiglinge! Neun Männer fesseln einen Knaben, dessen Seele von ihm gewichen war! Hätte ich mit ihnen kämpfen können, so gehörten jetzt ihre Skalpe mir.“
„Sie haben dich sogar geschlagen?“
„Sprich nicht davon, denn dieses Wort riecht nach Blut! Mein weißer Bruder wird mir die Fesseln abnehmen und dann wird Wohkadeh als Mann an ihnen handeln.“
Er sagte das mit solcher Zuversicht, dass der Dicke Jemmy lächelnd fragte. „Hast du nicht gehört, dass ich ihnen nichts zu befehlen habe?“
„Oh, mein weißer Bruder fürchtet sich vor hundert solchen Männern nicht. Ein jeder von ihnen ist Wingkan[8].“
„Meinst du? Woher willst du wissen, dass ich mich vor ihnen nicht fürchte?“
„Wohkadeh hat offene Augen und Ohren. Er hörte oft von den beiden berühmten weißen Kriegern sprechen, die Davy-honskeh und Jemmy-petahtscheh[9] genannt werden, und hat sie an ihren Gestalten und Worten erkannt.“
Der kleine Jäger wollte antworten, wurde aber von Brake unterbrochen. „Halt, Mann! So haben wir nicht gewettet! Ich habe Euch zwar erlaubt, mit dem Kerl zu reden; aber das muss in englischer Sprache geschehen. Euer Kauderwelsch kann ich nicht dulden, denn ich muss da gewärtig sein, dass ihr miteinander gegen uns Pläne schmiedet. Übrigens genügt es uns, erfahren zu haben, dass der Indsman des Englischen mächtig ist. Wir brauchen euch nicht mehr und ihr könnt dahin gehen, woher ihr gekommen seid. Und wenn das nicht schnell geschieht, so werde ich euch Beine machen.“
Jemmys Blick flog zu Davy hinüber und der gab ihm mit einer Wimper einen verstohlenen Wink, den niemand bemerkte. Für den Dicken aber war dieses blitzschnelle Zucken des Augenlides verständlich. Der Lange hatte ihn auf die Büsche aufmerksam gemacht, die seitwärts von ihm standen. Jemmy richtete einen kurzen, aber scharf forschenden Blick hinüber und bemerkte, dass nahe am Boden die Läufe zweier Doppelgewehre ein wenig zwischen den Zweigen hervorragten. Dort lagen also zwei Männer im Anschlag. Wer waren sie? Freunde oder Feinde? Die Sorglosigkeit, die Davy zeigte, beruhigte ihn. Er antwortete Brake:
„Die Beine, die Ihr mir machen wollt, möchte ich wohl sehen! Ich habe keine solche Veranlassung zum schnellen Davonlaufen wie ihr.“
„Wie wir? Wem sollten wir davonlaufen?“
„Demjenigen, dem gestern noch diese beiden Pferde gehört haben. Verstanden?“ Jemmy deutete bei diesen Worten auf zwei braune Wallache, die eng nebeneinander standen, als ob sie wüssten, dass sie zusammengehörten.
„Was?“, rief Brake. „Wofür haltet Ihr uns? Wir sind ehrliche Prospectors[10], die hinüber nach Idaho wollen, wo jetzt neue Goldlager entdeckt worden sind.“
„Und weil es euch zu dieser Reise an den nötigen Pferden mangelt, seid ihr nebenbei auch ebenso ehrliche Horse-pilfers[11]. Uns täuscht ihr nicht.“
„Mann, sag noch ein solches Wort, so schieße ich dich nieder! Wir haben alle diese Pferde gekauft und bezahlt.“
„Wo denn, mein ehrlicher Mister Brake?“
„Bereits unten in Omaha.“
„So! Und da habt ihr euch dort wohl auch einen Vorrat von Hufschwärze mitgenommen? Warum sind denn die beiden Braunen so frisch wie aus der Fenz heraus? Warum haben sie geschwärzte Hufe, während eure anderen Gäule abgetrieben sind und in verwahrlosten Pantoffeln laufen? Ich sage euch, dass die Braunen noch gestern einen anderen Herrn gehabt haben und dass der Diebstahl von Pferden hier im Westen mit dem schönen Tod durch den Strang bestraft wird.“
„Lügner! Verleumder!“, brüllte Brake, sich nach seinem Gewehr bückend.
„Nein, er hat Recht!“, ertönte da eine Stimme zwischen den Büschen hervor. „Ihr seid elende Pferdediebe und sollt euren Lohn haben. Schießen wir sie nieder, Martin!“
„Nicht schießen!“, rief der Lange Davy. „Nehmt die Kolben! Eine Kugel sind sie nicht wert.“
Er holte mit dem umgekehrten Gewehr aus und versetzte Brake einen Hieb, dass er besinnungslos zu Boden stürzte. Aus den Büschen sprangen zwei Gestalten hervor, ein kräftiger Knabe und ein Mann. Mit hoch erhobenen Büchsen warfen sie sich auf die angeblichen Prospektoren.
Jemmy hatte sich gebückt und mit zwei schnellen Schnitten die Fesseln Wohkadehs gelöst. Der Indianer schnellte empor, sprang auf einen der Feinde zu, ergriff ihn beim Genick, riss ihn nieder und schleuderte ihn über das Wasser hinüber, wo sein Jagdmesser lag. Kein Mensch hätte ihm eine solche Körperstärke zugetraut. Dem Weißen nachspringen, mit der Rechten das Messer ergreifen, auf den Feind knien und dessen Haarschopf mit der Linken erfassen, das war das Werk eines Augenblicks. „Help – help – for God’s sake – help!“, kreischte der Mann in höchster Todesangst auf.
Wohkadeh hatte das Messer zum tödlichen Stoß erhoben. Sein blitzendes Auge fiel auf das vor Entsetzen verzerrte Gesicht des Feindes – und die Hand mit dem Messer sank nieder. „Hast du Angst?“, fragte er.
„Ja! Gnade, Gnade!“
„Sag, dass du ein Hund bist!“
„Gern, sehr gern! Ich bin ein Hund!“
„So bleib zu deiner Schande leben. Ein Indianer stirbt mutig und ohne Klage, du aber wimmerst um Barmherzigkeit. Wohkadeh kann den Skalp eines Hundes nicht tragen. Du hast mich geschlagen, dafür gehörte deine Kopfhaut mir. Aber ein räudiger Hund kann keinen roten Mann beleidigen. Lauf fort; es ekelt Wohkadeh vor dir!“
Er gab ihm einen Tritt mit dem Fuß. Im nächsten Augenblick war der Mann verschwunden.
Das war alles viel schneller geschehen, als man es zu erzählen vermag. Brake lag am Boden, drei andere neben ihm. Die Übrigen hatten sich schleunigst ohne ihre Waffen aus dem Staub gemacht. Ihre Pferde waren ihnen nachgelaufen. Nur die beiden Braunen standen noch da und rieben ihre Köpfe an den Schultern der beiden Helfer, die sich so unerwartet eingestellt hatten.
Der Knabe mochte ungefähr das sechzehnte Jahr vollendet haben, doch war sein Körper über dieses Alter hinaus entwickelt. Helle Gesichtsfarbe, blondes Haar und blaugraue Augen wiesen auf germanische Abstammung hin. In seinem Gürtel steckte ein Messer, dessen Griff von seltener indianischer Arbeit war, und das Doppelgewehr, das er in der Hand hielt, schien für ihn fast zu schwer zu sein. Seine Wangen hatten sich im Kampf gerötet, aber er stand doch so ruhig da, als hätte es etwas für ihn ganz Alltägliches gegeben. Wer ihn jetzt betrachtete, war jedenfalls geneigt anzunehmen, dass solche Auftritte für ihn nichts Seltenes seien.
Einen eigentümlichen Anblick bot sein Begleiter, ein kleiner, schmächtiger Mann mit bartlosem Gesicht. Er trug indianische Schuhe und Lederhosen und dazu einen dunkelblauen Frack, der mit hohen Achselpuffen, Patten und blank geputzten Messingknöpfen versehen war. Dieses Kleidungsstück stammte wohl aus Urgroßvaters Zeiten. Damals wurde ja ein Tuch gefertigt, das für eine Ewigkeit gemacht zu sein schien. Freilich war der Frack verschossen und an den Nähten fleißig mit Tinte aufgefärbt, aber es war noch kein einziges Löchlein darin zu bemerken. Solch alten Kleidungsstücken begegnet man im ‚Far West‘ sehr oft.
Auf dem Kopf trug der kleine Mann einen riesigen schwarzen Amazonenhut, den eine große, gelb gefärbte, unechte Straußenfeder schmückte. Dieses Prachtstück hatte jedenfalls vor Jahren irgendeiner Lady des Ostens gehört und war dann durch ein launenhaftes Schicksal nach dem fernen Westen verschlagen worden. Da die breite Krempe gut gegen Sonne und Regen schützte, hatte der jetzige Besitzer wohl keine Bedenken gehabt, ihm die gegenwärtige Bestimmung zu geben. Bewaffnet war das Männchen nur mit Büchse und Messer. Selbst der Gürtel fehlte, ein sicheres Zeichen, dass sich der Mann nicht auf einem weiten Jagdzug befand.
Er schritt auf der kleinen Walstatt hin und her und betrachtete einige Gegenstände, die von den Besiegten in der Eile der Flucht zurückgelassen worden waren. Dabei konnte man bemerken, dass er mit dem linken Fuß hinkte. Wohkadeh war der Erste, dem dieser Umstand auffiel. Er trat zu ihm, legte ihm die Hand an den Arm und fragte:
„Ist mein weißer Bruder vielleicht der Jäger, den die Bleichgesichter den Hobble-Frank nennen?“
Der Kleine nickte ein wenig überrascht und entgegnete bejahend in englischer Sprache. Da deutete der Indianer auf den jungen Weißen und erkundigte sich weiter: „Und dieser hier ist Martin Baumann, der Sohn des berühmten Mato-poka?“
Mato-poka ist ein aus der Sioux- und Utahsprache zusammengetragenes Wort und bedeutet Bärentöter.
„Ja“, bestätigte der Gefragte.
„So seid ihr es, die ich suche.“
„Zu uns willst du? Willst du vielleicht etwas kaufen? Wir haben einen Store und handeln mit allem, was ein Jäger braucht.“
„Nein. Wohkadeh hat eine Botschaft an euch auszurichten.“
„Von wem?“
Der Indianer warf einen forschenden Blick rundum und erklärte dann: „Hier ist nicht der Ort dazu. Euer Wigwam liegt nicht weit von hier an diesem Wasser?“
„In einer Stunde können wir dort sein.“
„So lasst uns dahin gehen. Wenn wir an eurem Feuer sitzen, werde ich euch mitteilen, was ich zu sagen habe. Kommt!“
Er sprang über das Wasser, holte sein Pferd herüber, das ihn nun wohl die kurze Strecke noch zu tragen vermochte, stieg auf und ritt davon, ohne sich umzusehen, ob die anderen ihm auch folgten.
„Der macht kurzen Prozess!“, meinte der Hobble-Frank.
„Soll er euch etwa eine Rede halten, die noch dünner und länger ist, als ich es bin?“, lachte der Lange Davy. „So ein Roter weiß genau, was er tut, und ich rate euch, ihm augenblicklich zu folgen.“
„Und ihr? Was werdet ihr tun?“
„Wir reiten mit. Wenn euer Palast so nahe ist, wäre es ja die niederträchtigste Unhöflichkeit von euch, uns nicht auf einen Schluck und zwei Bissen einzuladen. Und da ihr einen Kramladen habt, können wir euch vielleicht auch einige Dollars verdienen lassen.“
„So? Habt ihr denn einige Dollars bei euch?“, fragte der Kleine in einem Ton, der hören ließ, dass er die beiden Jäger nicht gerade für Millionäre hielt.
„Das geht euch erst dann etwas an, wenn wir kaufen wollen. Verstanden?“
„Hm, ja freilich! Aber wenn wir jetzt fortgehen, was soll dann mit den Kerlen werden, die uns die zwei Pferde gestohlen haben? Wollen wir nicht wenigstens ihrem Anführer, diesem Brake, ein Andenken hinterlassen, das ihn an uns erinnert?“
„Nein. Lasst sie laufen, Mann! Sie sind feige Diebe, die vor einem Bowiemesser davonrennen. Es macht euch keine Ehre, wenn ihr euch noch länger mit ihnen beschäftigt. Die Pferde habt ihr ja wieder. Damit basta!“
„Hättet ihr nur besser ausgeholt, als ihr ihn niederschlugt. Der Kerl hat nur das Bewusstsein verloren.“
„Ich habe das mit Absicht getan. Es ist kein sehr angenehmes Gefühl, einen Menschen erschlagen zu haben, den man auf andere Weise unschädlich machen kann.“
„Na, mögt Recht haben. Kommt also zu euren Pferden!“
„Wie? Ihr wisst, wo unsere Pferde sind?“
„Freilich. Wir müssten schlechte Westmänner sein, wenn wir nicht umhergespäht hätten, bevor wir euch unsere Anwesenheit merken ließen.“
Der Schmächtige stieg auf das eine der wiedererlangten Tiere. Sein junger Begleiter sprang auf das andere. Beide ritten genau auf die Stelle zu, wo Jemmy und Davy ihre Pferde in den Sträuchern versteckt hatten.
Unweit davon waren ihre eigenen angepflockt, auf denen sie die Spur der Diebe aufgenommen hatten und die sie jetzt am Zügel mitführten. Nun folgten die vier der Fährte des Indianers, den sie bald vor sich erblickten. Doch ließ er sie nicht ganz an sich herankommen, sondern ritt immer vor ihnen her, so als wüsste er genau die Richtung, die er einzuschlagen hatte, um das Ziel zu erreichen.
Der Hobble-Frank hielt sich an der Seite des Dicken Jemmy, an dem er Wohlgefallen zu finden schien. „Wollt Ihr mir wohl sagen, Sir, was ihr eigentlich in dieser Gegend sucht?“, meinte er.
„Wir wollten ein wenig hinauf nach Montana, wo es eine viel bessere Jagd gibt als diesseits der Big Horn Mountains. Dort findet man doch verständige Waldläufer und Savannenmänner, die die Jagd eben um der Jagd willen betreiben. Hier aber schlachtet man Tiere förmlich ab. Die Sonntagsbüchse wütet unter den Büffeln, die zu Tausenden getötet werden, nur weil ihre Häute sich besser zu Treibriemen eignen als gewöhnliches Rindsleder. Es ist ein Sünde und eine Schande! Nicht wahr?“
„Recht habt Ihr, Sir. Das war früher ganz anders. Da stellte sich der Jäger dem Wild ehrlich gegenüber, um sich das Fleisch, das er brauchte, mit Gefahr seines Lebens zu erkämpfen. Jetzt aber ist die Jagd meist nur ein feiges Morden aus dem Hinterhalt und die Jäger von altem Schrot und Korn sterben nachgerade aus. Leute wie ihr beide sind jetzt selten. Geld traue ich euch freilich nicht viel zu, aber einen guten Klang haben eure Namen. Das muss man gern gestehen.“
„Kennt ihr denn unsere Namen?“
„Will’s meinen.“
„Woher?“
„Dieser Wohkadeh hat sie ja genannt, als ich mit Martin im Busch lag und euch belauschte. Eigentlich habt Ihr gar nicht so die richtige Gestalt für einen Westmann. Eure Hüfte ist mehr geeignet für einen Müller oder Bäckermeister im alten Germany. Aber...“
„Was?“, fiel der Dicke schnell ein. „Ihr redet da von Deutschland. Kennt Ihr es vielleicht?“
„Na, und ob! Ich bin ein Deutscher mit Haut und Haar!“
„Und ich mit Leib und Seele!“
„Ist’s wahr?“, fragte Frank, indem er sein Pferd anhielt. „Eigentlich konnte ich es mir gleich denken. Einen Yankee von Eurem Körperumfang kann es ja kaum geben. Ich aber freue mich königlich, einen Landsmann getroffen zu haben. Her mit Eurer Hand, Mann! Ihr seid mir herzlich willkommen!“
Sie schlugen ein, dass beiden die Hände schmerzten. Der Dicke aber meinte: „Treibt nur Euer Pferd wieder an! Wir brauchen ja deshalb nicht hier halten zu bleiben. Wie lange seid Ihr denn bereits in den Staaten?“
„Mehr als zehn Jahre.“
„So habt Ihr wohl indessen Euer Deutsch verlernt?“
Beide hatten bisher Englisch gesprochen. Bei der letzten Frage richtete Frank seine kleine Gestalt möglichst hoch im Sattel auf und entgegnete beleidigt. „Ich? Meine Sprache verlernt? Da kommen Sie bei mir verkehrt an! Ich bin ein Deutscher und bleibe ein Deutscher. Wissen Sie ungefähr, wo dazumal meine Wiege gestanden hat?“
„Nein. Ich war ja nicht dabei.“
„Na, allemal nur in Sachsen! Verstehen Sie? Ich habe schon mit manchem Deutschen gesprochen, aber ich habe niemals jemand so gut verstanden, als wenn er eben in Sachsen geboren war. Sachsen ist das Herz von Deutschland. Dresden is klassisch, die Elbe is klassisch, Leipzig is klassisch und die Sächsische Schweiz ooch. Die schönste Gegend is die Strecke zwischen Pirna und Meißen, und so ziemlich zwischen diesen beiden Städten habe ich das Licht der Welt erblickt. Und später habe ich ganz in derselben Gegend meine Laufbahn angefangen. Ich war nämlich Forschtgehilfe in Moritzburg, was ein berühmtes königliches Jagdschloss is mit einer famosen Bildergalerie und großen Karpfenteichen. Mein bester Freund war der dortige Schulmeister, mit dem ich alle Abende Sechsundsechzig gespielt und nachher von den Künsten und Wissenschaften gesprochen habe. Dort habe ich mir ne ganz besondere allgemeine Bildung angeeignet. Oder zweifeln Sie etwa daran? Sie machen mir so ein verbohrtes Gesicht?“
„Ich mag nicht darüber streiten, obgleich ich früher Gymnasiast gewesen bin und mensa dekliniert habe.“
Der Kleine warf Jemmy von der Seite einen pfiffigen Blick zu und frage: „Mensa dekliniert? Da haben Sie sich wohl versprochen?“
„Wüsste nicht, wieso?“
„Na, dann ist’s mit Ihrem Gymnasium ooch nich sehr weit her. Es heißt nicht dekliniert, sondern deklamiert und auch nicht Mensa, sondern Pensa. Sie haben Ihre Pensa deklamiert, vielleicht des Sängers Fluch von Hufeland oder den Freischütz von Frau Maria Leineweber. Aber deshalb keine Feindschaft nich? Es hat eben jeder so viel gelernt, wie er kann, mehr nich, und wenn ich einen Deutschen sehe, so freue ich mich darüber, ooch wenn er nich gerade ein gescheiter Kerl is oder gar ein Sachse. Also, wie steht’s? Wollen wir gute Freunde sein?“
„Gewiss!“, lachte der Dicke. „Ich habe immer gehört, dass die Sachsen die gemütlichsten Leute sind. Warum aber haben Sie Ihre schöne Heimat verlassen?“
„Eben wegen der Kunst und der Wissenschaft.“
„Wieso?“
„Das kam ganz plötzlich und folgendermaßen: Wir sprachen von der Politik und der Weltgeschichte, abends in der Wirtschaft. Wir waren unser drei am Tisch, nämlich der Hausknecht, der Nachtwächter und ich. Der Schulmeister saß am anderen Tisch bei den Vornehmen. Weil ich aber stets ein sehr leutseliger Mensch gewesen bin, hatte ich mich zu den zweien gesetzt, die ooch ganz glücklich waren über diese Art von Herablassung. Bei der Weltgeschichte nun kamen wir ooch off den alten Papa Wrangel zu sprechen und dass der sich das Zeitwort mehrschtenteels[12] so angewöhnt gehabt hatte, dass er es bei jeder Gelegenheit zum Vorschein brachte. Da fingen nun die beiden Kerle an, sich mit mir über die richtige Aussprache dieses Wortes zu streiten. Jeder hatte eine andere Ansicht. Ich sagte, es müsse gesprochen werden: mehrschtenteels; der Hausknecht aber meinte: mehrschtenteils, und der Nachtwächter sagte gar meistenteels. Bei diesem Streit kam ich nach und nach in die Wolle, aber als gebildeter Beamter und Staatsbürger bewahrte ich mir die Kraft, meine Selbstüberwindung zu beherrschen, und wendete mich an meinen Freund, den Schulmeister. Doch er mochte schlechte Laune haben oder so ein bisschen Anflug von gelehrtem Übermut, kurz und gut, er gab mir nicht Recht und sagte, wir hätten alle dreie Unrecht. Er behauptete, in dem Wort mehrschtenteels müssten zwei ‚ei‘ stehen. Weil ich nun aber ganz gewiss weiß, dass es nur een einziges Wort mit zwei ‚ei‘ gibt, nämlich Reisbrei, wurde ich unangenehm. Und als dann noch der Nachtwächter sagte, ich könne ooch nich richtig sprechen, da tat ich denn, was jeder Ehrenmann getan haben würde: Ich warf ihm mein beleidigtes Ehrgefühl an den Kopp und das Bierglas dazu. Jetzt freilich gab es verschiedene Szenen ohne Kulissen und das Ende war, dass ich wegen Störung der öffentlichen Unruhe und wegen Verletzung eines beabsichtigten Körpers in Anklagezustand versetzt wurde. Ich sollte bestraft und abgesetzt werden. Die Bestrafung und Absetzung hätte ich mir wohl gefallen gelassen, aber dass ich ooch meine Anstellung verlieren sollte, das war mir zu viel. Das konnte ich nich verwinden. Als ich die Strafe und die Absetzung überstanden hatte, ging ich auf und davon. Und weil ich alles, was ich einmal mache, ooch gleich ordentlich mache, ging ich sofort nach Amerika. Also is eigentlich nur der alte Wrangel daran schuld, dass Sie mich heute hier getroffen haben.“
„Ich bin ihm sehr dankbar dafür, denn Sie gefallen mir“, versicherte der Dicke, indem er dem Landsmann freundlich zunickte.
„So? Is das wahr? Nun, ich habe ooch gleich so ne Art von heimlicher Zuneigung für Sie empfunden und das hat natürlich seinen guten Grund. Erstens sind Sie kein übler Kerl, zweitens bin ich ooch nich ganz ohne und so können wir drittens recht gute Freunde werden. Beigestanden haben wir einander ooch schon und so is eigentlich das Band fertig, das uns lieblich umschlingen soll. Sie werden gütigst bemerken, dass ich mich stets in gewählten Ausdrücken bewege und daraus können Sie schließen, dass ich mich Ihrer Freundschaftsempfindungen nicht unwürdig erweisen werde. Der Sachse ist immer nobel, und wenn mich heute ein Indianer skalpieren wollte, so würde ich höflich zu ihm sagen: „Bitte, bemühen Sie sich freundlichst! Hier haben Sie meine Skalplocke!“
Da meinte Jemmy lachend: „Wollte er dann ebenso höflich sein, so müsste er Ihnen Ihre Kopfhaut lassen. Aber, um nun auch von einem anderen zu sprechen: Ist Ihr Begleiter wirklich der Sohn des bekannten Bärenjägers Baumann?“
„Ja. Baumann is mein Geschäftsteilhaber und sein Sohn, der Martin, nennt mich Onkel, obgleich ich das einzige Kind meiner Eltern bin und ooch nie verheiratet war. Wir trafen uns drunten in St. Louis, damals, als das Goldfieber die Diggers nach den Schwarzen Hügeln zog. Wir hatten uns beide ein Sümmchen gespart und beschlossen, hier oben nen Laden anzulegen. Das war jedenfalls vorteilhafter, als mit nach Gold zu graben. Die Sache gelang recht gut. Ich übernahm den Laden und Baumann ging off die Jagd, um für den Schnabel zu sorgen. Später aber stellte sich’s heraus, dass hier am Ort kein Gold zu finden war. Die Diggers zogen fort und nun wohnten wir allein da mit unseren Vorräten. Nur nach und nach wurden wir sie an Jäger los, die zufällig hier vorüberkamen. Das letzte Geschäft machten wir vor zwei Wochen. Da suchte uns ne kleine Gesellschaft off, die Baumann anstellen wollte, sie nach dem Yellowstone River zu begleiten. Dort sollten nämlich Halbedelsteine in Massen zu finden sein und diese Leute waren Steinschleifer. Baumann ließ sich bereit finden, machte sich eine ansehnliche Bezahlung aus, verkaufte ihnen eine bedeutende Menge Pulver und Blei und anderes Brauchbare und ging dann mit ihnen fort. Jetzt bin ich nun mit seinem Sohn und einem Neger, den wir von St. Louis mitgenommen haben, ganz allein im Blockhaus.“
„Das Gebiet des Yellowstone River ist aber eine äußerst gefährliche Gegend. Zwischen hier und dort jagen jetzt die Schlangenindianer.“
„Sie haben das Kriegsbeil vergraben.“
„Und ich hörte, dass sie es in neuester Zeit wieder ausgegraben haben sollen. Ihr Freund befindet sich ganz gewiss in Gefahr. Dazu der Bote, der heute zu Ihnen kommt. Ich ahne nichts Gutes.“
„Dieser Indianer ist ein Sioux.“
„Aber er zögerte, seine Botschaft auszurichten. Das ist kein gutes Zeichen. Mit einer frohen Nachricht braucht man nicht zurückhalten, und er sagte mir auch, dass er vom hohen Gebirge im Westen komme.“
„So will ich schnell zu ihm.“ Der kleine Sachse spornte sein Pferd an, um Wohkadeh zu erreichen. Sobald dieser es merkte, stieß er dem seinigen die Fersen in die Weichen und eilte voran. Wenn Hobble-Frank nicht ein Wettrennen unternehmen wollte, musste er darauf verzichten, bereits jetzt mit dem Indianer zu sprechen.
Indessen hatte sich der Sohn des Bärenjägers zu dem Langen Davy gehalten. Dem lag natürlich auch daran, etwas über die Verhältnisse der neuen Bekannten zu erfahren. Er erhielt zwar die Auskunft, aber nicht so ausführlich, wie es sein Wunsch war. Der Knabe war sehr zurückhaltend und einsilbig.
Endlich wand sich der Bach in einer Krümmung um eine Anhöhe, auf der die Nahenden eine Blockhütte erblickten, deren Lage sie zu einem kleinen Fort machte, das sicheren Schutz gegen einen Indianerangriff bot.
Die Höhe fiel an drei Seiten so steil ab, dass man sie kaum erklimmen konnte. Die vierte Seite war mit einer doppelten Fenz versehen. Unten gab es ein Maisfeld und ein kleines, mit Tabak bebautes Stück Land. In dessen Nähe weideten zwei Pferde. Martin deutete auf die Tiere und erklärte: „Von dort haben uns die Männer unsere Pferde gestohlen, als wir nicht daheim waren. Wo mag Bob, unser Neger, sein?“
Er steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus. Da lugte ein schwarzer Kopf hinter den hohen Maispflanzen hervor. Zwischen den breitgezogenen, wulstigen Lippen wurden zwei Reihen von Zähnen sichtbar, auf die ein Jaguar hätte stolz sein können. Dann kam die herkulische Gestalt des Negers zum Vorschein. Er hatte einen schweren, dicken Pfahl in der Hand und sagte unter Grinsen:
„Bob sich verstecken und aufpassen. Wenn Spitzbuben wiederkommen und auch noch zwei andere Pferde stehlen wollen, dann ihnen mit diesem Stock die Köpfe einschlagen.“
Er schwang den Pfahl mit einer Leichtigkeit, als sei er eine Weidenrute.
Der Indianer kümmerte sich gar nicht um ihn. Er ritt an ihm vorüber, die vierte, zugängliche Seite der Höhe bis zur Doppelfenz empor, sprang vom Rücken seines Pferdes darüber hinweg und verschwand hinter der Einzäunung.
„Was sein Redman für ein grob Kerl!“, zürnte der Neger. „Reiten an Masser Bob vorüber, ohne sagen: Good day! Springen über Fenz und gar nicht warten, bis Massa Martin ihm erlauben, einzutreten. Masser Bob ihn werden höflich machen!“ Der gute Schwarze gab sich selbst den Titel Masser Bob, also Mister oder Herr Robert. Er war ein freier Neger und fühlte sich gekränkt, weil er von dem Indianer nicht begrüßt worden war.
„Du wirst ihn nicht beleidigen“, warnte Martin. „Er ist unser Freund.“
„Das sein ein ander Sache. Wenn Redman sein Freund von Massa, so sein auch Freund von Masser Bob. Massa Pferde wiederhaben? Spitzbuben tot gemacht?“
„Nein. Sie sind entflohen. Öffne die Fenz!“
Bob stieg mit langen Schritten voran und schob oben die beiden Teile des schweren Tores auseinander, als seien sie aus Papier geschnitten. Dann ritten die anderen in den Raum, der von der Fenz umschlossen wurde.
3. Im Blockhaus
In der Mitte des Platzes erhob sich die viereckige Blockhütte, die aus ineinander gefügten Holzstämmen errichtet war. Die Tür stand offen. Als die Männer eintraten, sahen sie den Indianer in der Mitte des einzigen Raumes sitzen, der das Innere der Hütte bildete. Wo sich sein Pferd befand, schien ihn gar nicht zu kümmern. Es war mit den anderen in die Umfriedung hereingekommen.
Jetzt begrüßten Martin und Hobble-Frank die beiden Jäger mit herzlichem Handschlag. Die Gäste blickten sich im Raum um. Im hinteren Teil hatte sich der Laden befunden, dessen Vorräte aber sehr auf die Neige gegangen waren. Einige auf Pfähle geschlagene Kistendeckel bildeten die Tische. Die Sessel waren ebenso zusammengenagelt. In einer Ecke gewahrte man die Lagerstätten. Sie waren so kostbar, dass man die Bewohner des Blockhauses darum beneiden konnte, denn sie bestanden aus einer ganzen Anzahl übereinander gelegter Felle des fürchterlichen grauen Bären, der das gefährlichste Raubtier Amerikas ist. Richtet sich ein solcher ausgewachsener Grizzly auf den Hinterpranken auf, so ist er leicht noch einen halber Meter größer als ein Mann von guter Körperlänge. Einen solchen Bären erlegt zu haben, gilt bei den Indianern als größtes Heldenstück, und selbst der viel besser bewaffnete Weiße geht diesem Tier lieber aus dem Weg, als dass er sich ohne Not in einen Kampf mit ihm einlässt.
Verschiedene Waffen und Beutestücke von Jagden hingen an den Wänden und in der Nähe des Kamins waren mächtige Stücke Rauchfleisch an hölzernen Pflöcken befestigt.
Es war Abend geworden, und da das Dämmerlicht nur spärlich durch die kleinen, nicht mit Glas, sondern nur mit Läden versehenen Fensteröffnungen einzudringen vermochte, war es in der Hütte ziemlich dunkel. „Masser Bob Feuer anbrennen“, erklärte daher der Neger.
Er brachte trockenes Buschholz herbeigeschleppt und machte mittels seines Punks[13] Feuer auf dem Herd. Der Zunder zu diesem Feuerzeug besteht aus trockenem, leicht glimmendem Moder, der aus der Höhlung verfaulter Bäume genommen wird.
Die riesige Gestalt des Negers wurde während der erwähnten Beschäftigung von der Flamme grell beleuchtet. Er trug einen weiten Anzug aus dem einfachsten Kaliko, aber keine Kopfbedeckung. Das hatte seinen Grund. Der gute Bob war nämlich ein wenig eitel. Er wollte nicht als reiner Afrikaner gelten. Leider aber war sein Kopf mit einem dichten Wald kurzer, krauser Locken versehen, und da gerade diese Wolle seine Abstammung auf das Überzeugendste verriet, hatte er sich alle Mühe gegeben, glauben zu machen, dass er schlichtes Haar besitze. Er hatte darum den Kopf fest mit Hirschtalg eingerieben und das unbändige Wollgewirr in unzählige dünne Zöpfchen geflochten, die wie die Stacheln eines Igels nach allen Richtungen von seinem Kopf abstanden. Das gab bei der Beleuchtung durch das Herdfeuer einen abenteuerlichen Anblick.
Bis jetzt waren nur wenige Worte gewechselt worden. Nun aber meinte Hobble-Frank in englischer Sprache zu dem Indianer: „Mein roter Bruder befindet sich in unserem Haus. Er ist uns willkommen und mag seine Botschaft ausrichten.“
Der Rote warf einen forschenden Blick rundum und fragte: „Wie kann Wohkadeh sprechen, wenn er noch nicht den Rauch des Friedens schmecken durfte?“
Da nahm Martin, der Sohn des Bärenjägers, ein indianisches Kalumet von der Wand und stopfte es mit Tabak. Als sich nun die anderen in die Nähe des Roten gesetzt hatten, steckte er den Tabak in Brand, tat sechs Züge, blies den Rauch nach oben, nach unten und nach den vier Himmelsrichtungen und sagte: „Wohkadeh ist unser Freund und wir sind seine Brüder. Er mag mit uns die Pfeife des Friedens rauchen und uns nachher seine Botschaft sagen.“
Darauf reichte er dem Indianer die Pfeife. Dieser nahm sie in Empfang, erhob sich, tat die gleichen sechs Züge und erklärte sodann: „Wohkadeh hat die Bleichgesichter noch nie gesehen. Er wurde zu ihnen gesandt und sie erretteten ihn aus der Gefangenschaft. Ihre Feinde sind auch seine Feinde, und seine Freunde mögen auch die ihrigen sein. Howgh[14]!“
Dieses ‚Howgh‘ heißt bei den Indianern so viel wie: ja, jawohl, ganz gewiss. Es wird als Zeichen der Bekräftigung oder der Zustimmung gebraucht, besonders in den Pausen oder am Schluss einer Rede.
Wohkadeh gab die Pfeife weiter. Während sie die Runde machte, setzte er sich wieder und wartete. Er benahm sich bei dieser Begrüßung wie ein alter, erfahrener Häuptling, und auch Martin, der noch ein halber Knabe war, zeigte einen Ernst, der seine Überzeugung erkennen ließ, dass er in Abwesenheit seines Vaters der Hausherr sei.
Als der Letzte die Pfeife weggelegt hatte, begann Wohkadeh: „Kennen meine weißen Brüder das Bleichgesicht, das von den Sioux Nonpeh-tahan[15] genannt wird?“
„Du meinst Old Shatterhand?“, erkundigte sich der Lange Davy. „Gesehen habe ich ihn noch nicht, aber gehört hat wohl ein jeder von ihm. Was ist’s mit ihm?“
„Er liebt die roten Männer, obwohl er ein Bleichgesicht ist. Er ist der berühmteste Pfadfinder. Seine Kugel geht nie fehl und mit der unbewaffneten Faust fällt er den stärksten Feind. Darum wird er Old Shatterhand genannt. Er schont das Blut und das Leben seiner Feinde, er verwundet sie bloß, um sie kampfunfähig zu machen, und nur, wenn es sein eigenes Leben gilt, tötet er den Gegner. Vor mehreren Monaten wurde er droben am Yellowstone von den Sioux-Ogellallah überfallen. Er stand aber auf einem Felsen und sie konnten ihn mit ihren Kugeln nicht erreichen. Da trat er hervor und erbot sich, mit dreien von ihnen zu kämpfen, sie mit dem Tomahawk und er ohne Waffe. Er hat sie alle drei mit der Faust erschlagen, darunter Pethaschitscha[16], den stärksten Mann des Stammes. Großes Wehegeheul erhob sich in den Bergen und Klagen in den Wigwams der Ogellallah. Es ist bis heute noch nicht verstummt. Jetzt sind die tapfersten Krieger des Stammes aufgebrochen nach dem Yellowstone River, um an den Gräbern der drei Erschlagenen ihre Todesgesänge ertönen zu lassen. Der Weiße, der ihnen während dieses Zuges begegnet, ist verloren. Er wird auf den Gräbern der von Old Shatterhand Getöteten an den Marterpfahl gebunden und muss langsam unter Qualen sterben, damit seine Seele die Geister der drei Toten in den ewigen Jagdgründen bediene.“
Wohkadeh machte eine Pause und sagte dann ruhig und mit dumpfer Betonung: „Der Bärenjäger und seine Freunde sind von ihnen im Schlaf überrascht und gefangen worden!“
Martin sprang von seinem Sitz auf und rief: „Bob, sattle schleunigst die Pferde! Frank, du magst schnell Munition und Mundvorrat einpacken und ich will indessen die Gewehre ölen und die Messer schleifen! In spätestens einer Stunde brechen wir zum Yellowstone auf!“
„Selbstverständlich!“, rief Frank, indem er sich rasch erhob. „The devil, das soll den Roten schlecht bekommen!“
Auch der Neger erhob sich, raffte den Pfahl auf, den er vorhin mit hereingenommen hatte, und erklärte: „Masser Bob mitgehen! Masser Bob totschlagen all rot Hunde von Ogellallah!“
Da hob der Indianer die Hand und sagte: „Sind meine weißen Brüder Mücken, die zornig umherfliegen, wenn sie gereizt werden? Oder sind sie Männer, die wissen, dass die ruhige Beratung der Tat vorangehen muss? Wohkadeh hat noch nicht ausgesprochen.“
„Mein Vater befindet sich in Gefahr, das genügt!“, brauste der Jüngling auf.
Da warnte Jemmy, der Dicke: „Beruhigt Euch, mein junger Freund! Eile will Weile haben. Lasst Wohkadeh erzählen, bevor wir handeln!“
„Handeln? Ihr wollt auch mit?“
„Das bedarf keiner Frage. Wir haben das Kalumet miteinander geraucht und sind Freunde und Brüder. Der Lange Davy und der Dicke Jemmy haben noch keinen im Stich gelassen, der ihre Hilfe brauchte. Ob wir beide nach Montana reiten, um dort Büffel zu jagen, oder ob wir vorher einen Abstecher zum Yellowstone machen, um mit den Sioux-Ogellallah einen Walzer zu tanzen, das ist uns einerlei. Aber es muss alles in der gehörigen Ordnung vor sich gehen, sonst macht es so alten Jägern, wie wir beide sind, keinen rechten Spaß. Setzt Euch also wieder und bleibt ruhig, wie es sich geziemt!“
„Das ist richtig!“, stimmte der kleine Sachse bei. „Aufregung tut in keiner Lage gut. Wir müssen überlegsam sein.“
Nachdem die drei sich wieder gesetzt hatten, fuhr der junge Indianer fort: „Wohkadeh ist ein Mandan, die Freunde der Bleichgesichter sind. Später wurde er gezwungen, ein Ogellallah zu sein. Aber er wartete nur auf die Gelegenheit, die Ogellallah zu verlassen. Jetzt musste er mit ihren Kriegern nach dem Yellowstone ziehen. Er war dabei, als sie den Bärenjäger und seine Begleiter des Nachts im Schlaf überfielen. Die Ogellallah müssen während dieses Ritts vorsichtig sein, denn dort in den Bergen wohnen ihre grimmigsten Feinde, die Schoschonen. Wohkadeh wurde als Kundschafter ausgesandt, um die Wigwams der Schoschonen auszuspähen. Aber er tat dies nicht, sondern er ritt in größter Eile nach Osten zur Hütte des Bärenjägers, um den Sohn und den Freund von Baumanns Schicksal zu benachrichtigen.“
„Das ist brav, das werde ich niemals vergessen!“, rief Martin. „Weiß denn mein Vater davon?“
„Wohkadeh hat es ihm gesagt und sich den Weg beschreiben lassen. Er hat so heimlich mit dem Bärenjäger gesprochen, dass keiner der Ogellallah es bemerken konnte.“
„Aber sie werden es ahnen, wenn du nicht zu ihnen zurückkehrst!“
„Nein. Sie werden glauben, Wohkadeh sei von den Schoschonen getötet worden.“
„Hat dir mein Vater bestimmte Weisungen für uns mitgegeben?“
„Nein. Wohkadeh soll euch sagen, dass er mit seinen Begleitern gefangen ist. Nun wird mein junger weißer Bruder selbst wissen, was er zu tun hat.“
„Natürlich weiß ich es! Aufbrechen werde ich, und zwar sofort, um den Vater zu befreien.“
Er wollte abermals aufspringen. Doch Jemmy ergriff ihn am Arm und hielt ihn zurück. „Stop, my boy! Wir haben ja noch nicht alles erfahren. Wohkadeh mag uns sagen, an welcher Stelle Euer Vater überfallen wurde.“
Der Indianer berichtete: „Das Wasser, das die Bleichgesichter den Pulverfluss nennen, entsteht aus fünf Armen. An dem südwestlichen ist der Überfall geschehen.“
„Gut. Das wäre also südwestlich von Murphy. Diese Gegend ist mir nicht ganz unbekannt. Und welche Richtung haben hierauf die Ogellallah eingeschlagen?“
„Nach den südlichen Ausläufern der Berge, die von den Weißen das Dicke Horn genannt werden.“
„Also der Big Horn-Berge. Und weiter?“
„Sie zogen an dem Kopf des bösen Geistes vorüber...“
„Ah, am Devils head!“
„...zu dem Wasser, das dort entspringt und in den Fluss des Dicken Horns läuft. Dort hörten wir von den feindlichen Schoschonen und Wohkadeh wurde als Späher ausgesandt. Er weiß also nicht, wie die Ogellallah weitergeritten sind.“
„Das ist auch nicht nötig. Wir haben Augen und werden ihre Fährte finden. Wann geschah der Überfall?“
„Es sind seitdem vier Tage vergangen.“
„O weh! Wann soll die große Leichenfeier stattfinden?“
„Zum Tag des vollen Mondes. An diesem Tag sind seinerzeit die drei getötet worden.“
Jemmy rechnete in Gedanken nach und bemerkte dann: „Wenn das der Fall ist, so haben wir noch Zeit genug. Es sind noch volle zwölf Tage bis zum Vollmond. Wie stark sind die Ogellallah?“
„Als ich sie verließ, zählten sie fünf mal zehn und noch sechs.“
„Also sechsundfünfzig Krieger. Wie viele Gefangene haben sie?“
„Mit dem Bärenjäger sind es sechs.“
„So wissen wir vorerst genug und können uns zum Aufbruch rüsten. Martin Baumann, was gedenkt Ihr zu tun?“
Der junge Mann war wieder von seinem Sitz aufgestanden, hob die Rechte wie zum Schwur und sprach feierlich: „Ich gelobe hiermit, meinen Vater zu retten oder seinen Tod zu rächen, selbst wenn ich ganz allein die Sioux verfolgen und mit ihnen kämpfen müsste. Ich werde wohl sterben, aber meinen Schwur nicht brechen.“
„Nein, allein sollst du nicht ziehen“, sagte der kleine Hobble-Frank. „Ich werde mit dir reiten und dich auf keinen Fall verlassen.“
„Und Masser Bob auch mitgehen“, erklärte der Neger, „um alt Massa Baumann befreien und Sioux-Ogellallah totprügeln. Sie alle müssen in die Hölle!“ Er ballte die Faust und knirschte mit den Zähnen.
„Auch ich reite mit!“, sprach Jemmy der Dicke. „Es soll mir eine Freude sein, den Roten ihre Gefangenen zu entreißen. Und du, Davy?“
„Red nicht so dumm!“, antwortete der Lange gleichmütig. „Meinst du, ich bleibe hier und flicke meine Schuhe oder mahle Kaffee, während ihr euch so ein prächtiges Abenteuer leistet?“
„Gut, alter Waschbär! Sei nur zufrieden, du darfst schon mit. Aber was wird unser roter Bruder Wohkadeh tun?“
Der Indianer erwiderte: „Wohkadeh ist ein Mandan, niemals aber ein Ogellallah. Seine weißen Brüder mögen ihm ein Gewehr geben mit Pulver und Blei. Er wird sie begleiten und mit ihnen sterben oder die Feinde besiegen!“
„Braver Kerl!“, meinte der kleine Sachse. „Eine Büchse sollst du haben und alles andere auch, sogar ein frisches Pferd, denn wir haben ja vier Stück, also eins überzählig. Das deinige ist übermüdet und kann nebenherlaufen, bis es sich erholt hat. Wann aber brechen wir auf, ihr Leute?“
„Sofort!“, erklärte Martin.
„Allerdings dürfen wir keine Zeit versäumen“, stimmte der Dicke bei. „Aber es ist auch nicht ratsam, uns zu übereilen. Wir kommen durch wasser- und wildarme Gegenden und müssen uns mit Mundvorrat versehen. Auch wissen wir nicht, ob die neun Pferdediebe, denen wir heute das Einmaleins vorgebetet haben, nicht noch Böses gegen uns im Schild führen. Wir müssen uns unbedingt überzeugen, ob sie die Gegend verlassen haben oder verlassen werden. Und wie steht es mit diesem Haus? Wollt Ihr es unbeschützt zurücklassen?“
„Ja“, bestätigte Martin.
„So kann es leicht sein, dass Ihr es bei der Rückkehr eingeäschert oder wenigstens ausgeräumt findet.“
„Gegen das Ausräumen können wir uns schützen.“
Der Jüngling nahm eine Hacke und hackte den festgestampften Lehmboden im Viereck auf. Da zeigte es sich, dass es hier eine geheime Falltür gab, unter der sich eine geräumige Vertiefung befand, worin man alles, was nicht mitzunehmen war, verbergen konnte. War dann der Lehm wieder über der geschlossenen Tür festgestampft, so konnte kein Unberufener das Dasein dieses Verstecks erraten. Und selbst wenn das Gebäude in Brand gesteckt werden sollte, stand zu erwarten, dass der Lehm des Bodens die versteckten Gegenstände gegen das Verderben schützen werde.
Die Männer machten sich jetzt an die Arbeit, den Inhalt des Raumes, so weit er nicht zu ihrer Ausrüstung zu gebrauchen war, in die Vertiefung zu schaffen. Auch mit den Bärenfellen wurde das getan. Es befand sich eins von ganz besonderer Größe und Schönheit darunter. Als Jemmy es bewundernd betrachtete, nahm es Martin aus seiner Hand und warf es in das Loch hinab. „Fort damit!“, rief er. „Ich kann diesen Pelz nicht sehen, ohne an die schrecklichsten Stunden meines Lebens zu denken.“
„Das klingt ja so, als hättet Ihr bereits ein sehr langes Leben oder eine ganze Reihe von schweren Ereignissen hinter Euch, mein Junge.“
„Vielleicht habe ich auch wirklich bereits mehr erlebt als mancher alte Trapper.“
„Oho! Nicht aufschneiden!“
Martins Augen richteten sich mit beinahe zornigem Blick auf den Dicken. „Meint Ihr etwa, der Sohn eines Bärenjägers habe keine Gelegenheit zu Erlebnissen? Ich sage Euch, dass ich bereits als sechsjähriger Bube mit dem Kerl gekämpft habe, der in dem Pelz lebte, den Ihr soeben bewundert habt.“
„Ein sechsjähriges Kind mit einem solchen Grizzly? Ich weiß, dass die Kinder des wilden Westens aus anderem Holz geschnitzt sind als die Buben, die da vorn in den Städten die Beinchen in ihrer Väter Wärmflaschen stemmen. Ich habe manch einen Jungen gesehen, der in New York ein Abc-Schütze wäre, hier aber seine Rifle zu gebrauchen wusste wie ein Alter. Doch – hm! Wie ist es damals mit dem Bären zugegangen?“
„Das war in den Bergen von Colorado. Ich hatte die Mutter noch und dazu ein allerliebstes Schwesterchen von drei Jahren. Der Vater war fortgegangen, um Fleisch zu schießen. Die Mutter war draußen vor der Hütte, um Holz zum Feuer klein zu hacken, denn es war Winter und sehr kalt in den Bergen. Ich befand mich mit der kleinen Lucy ganz allein in der Stube. Sie saß zwischen der Tür und dem Tisch am Boden und spielte mit der Puppe, die ich ihr aus einem Holzscheit geschnitzt hatte, und ich stand auf dem Tisch, um mit dem großen Holzmesser ein M und ein L in den dicken Balken zu schneiden, der unter dem spitzen Dach von der einen Blockhauswand zur gegenüberliegenden lief. Das waren die Anfangsbuchstaben meines Vornamens und des der lieben Lucy. So wollte ich nach Bubenart uns beide verewigen. In diese schwere Arbeit vertieft, hörte ich, dass die Tür mit Gewalt aus dem Riegel gestoßen wurde. Ich glaubte, die Mutter sei so geräuschvoll eingetreten, weil sie Holz auf den Armen habe, und schaute mich gar nicht um, sondern sagte nur: „Mutter, das ist für Lucy und mich. Dann kommst auch du mit Vater dran.“
Statt ihrer Antwort hörte ich ein tiefes Brummen. Ich drehte mich um. Nun müsst ihr wissen, Mesch’schurs, dass es noch nicht Tag war, aber draußen leuchtete der Schnee und auf dem großen Herd brannte ein Holzklotz, dessen Flamme die Stube erleuchtete. Was ich bei ihrem Schein erblickte, war grässlich. Gerade vor der armen, kleinen Lucy, die vor Entsetzen keinen Laut hervorbrachte, stand ein riesiger grauer Bär. Sein Fell war mit Eis bezottelt und sein Atem dampfte. Das sprachlose Schwesterchen hielt ihm bittend die hölzerne Puppe entgegen, als wollte es sagen: ‚Da nimm meine Puppe, aber tu nur mir nichts, du böser, lieber Bär!‘ Doch der Grizzly hatte kein Erbarmen. Mit einem Tatzenschlag warf er Luzy nieder und dann zermalmte er mit einem einzigen Biss ihr blondes Köpfchen. Noch heute höre ich das Malmen und Krachen. – Heavens! Ich kann es nicht vergessen, nie, nie...!“
Martin hielt in seiner Erinnerung inne. Keiner unterbrach die Stille, bis er fortfuhr:
„Auch ich konnte mich vor Entsetzen nicht bewegen. Ich wollte um Hilfe rufen, brachte aber keinen Laut hervor. So sah ich die Glieder des Schwesterchens im Rachen des Untiers verschwinden, bis nichts mehr übrig war als die hölzerne Puppe, die zu Boden gefallen war. Ich hatte das lange Messer krampfhaft in der Hand. Nun kam der Bär auf mich zu und richtete sich mit den Vorderpranken am Tisch auf. In diesem Augenblick gewann ich den Gebrauch meiner Glieder wieder. Sein schrecklicher Atem traf mich bereits im Gesicht. Da nahm ich das Messer zwischen die Zähne, umfasste den Balken mit den Armen und schwang mich hinauf. Der Bär wollte mir nach und riss dabei den Tisch um. Das war meine Rettung.
Jetzt rief ich freilich um Hilfe, doch vergebens. Die Mutter kam nicht, obgleich sie meine Stimme hören musste, denn die Tür stand offen und ein kalter Luftstrom drang hinein. Der Grizzly richtete sich in seiner vollen Länge auf, um mich vom Balken herabzuholen. Ihr habt seinen Pelz gesehen und werdet es mir also glauben, wenn ich sage, dass er mich mit seinen Vordertatzen gerade noch erreichen konnte. Aber ich hatte das Messer in der Hand, hielt mich mit der Linken fest und stach mit der Rechten in die Pranke, die er nach mir ausstreckte.
Was soll ich euch den Kampf beschreiben, meinen Jammer und meine Angst! Wie lange ich mich verteidigt habe, weiß ich nicht. In einer solchen Lage wird eine Viertelstunde zur Ewigkeit. Meine Kräfte schwanden und beide Vordertatzen des Bären waren zerstochen und zerschnitten, als ich trotz seines Brummens das Bellen unseres Hundes hörte, den der Vater mitgenommen hatte. Vor der Hütte erhob er seine Stimme, wie ich niemals wieder die Stimme eines Hundes gehört habe. Dann kam er hereingestürzt und warf sich augenblicklich auf das riesige Raubtier. Er war ein hässlicher Köter, aber ungemein stark und uns treu ergeben. Er fasste den Bären bei der Kehle, um sie ihm zu zerreißen. Der Bär aber zerfleischte ihn mit seinen gewaltigen Tatzen. Nach wenigen Augenblicken war der Hund tot – in Stücke zerrissen, und der wütende Grizzly wendete sich nun wieder gegen mich.“
„Und Euer Vater?“, fragte Davy, der wie die anderen mit größter Spannung zugehört hatte. „Wo der Hund ist, kann der Herr nicht fern sein.“
„Allerdings, denn eben richtete sich der Grizzly wieder unter dem Balken auf, um nach mir zu langen, den Rücken der Tür zugekehrt, da erschien der Vater am Eingang, bleich wie der leibhaftige Tod. „Vater, Hilfe!“, schrie ich auf, einen Stoß nach dem Bären führend.
Der Vater antwortete nicht. Auch ihm war die Kehle wie zugeschnürt. Er hob das geladene Gewehr – jetzt wird er schießen! Doch nein, er senkte es wieder. Er war so aufgeregt, dass der Lauf in seinen Händen wankte. Er warf die Waffe weg, riss das Bowiemesser aus dem Gürtel und sprang von hinten auf das Tier ein. Den Bären mit der linken Hand beim Pelz packend, trat er seitwärts vor und stieß ihm die lange Klinge bis ans Heft zwischen die bekannten beiden Rippen. Aber augenblicklich sprang er auch wieder zurück, um nicht von dem Bären im Todeskampf gefasst zu werden. Das gewaltige Tier stand unbeweglich, röchelte und stöhnte ganz unbeschreiblich, griff dann mit den Vorderpranken ins Leere und brach tot zusammen. Wie sich später herausstellte, war ihm die Klinge gerade ins Herz gedrungen.“
„Gott sei Dank!“, meinte Jemmy, indem er tief und laut aufatmete. „Das war Hilfe in der größten Not. Aber Eure Mutter, mein junger Sir?“
„Die – oh, ich habe sie nicht wieder gesehen.“ Martin wendete sich ab und wischte sich mit einer raschen Handbewegung zwei Tränen aus den Augen.
„Nicht wieder gesehen? Wieso?“
„Als der Vater mich vom Balken herabgeholt hatte, er zitternd und ich noch an allen Gliedern bebend, fragte er nach der kleinen Schwester. Laut aufschluchzend erzählte ich ihm, was geschehen war. Ich habe nie wieder ein Gesicht gesehen wie das des Vaters damals. Es war aschfahl und wie von Stein. Einen Schrei stieß er aus, einen einzigen, aber was für einen! Dann war er still. Er setzte sich auf die Bank und vergrub das Gesicht in den Händen. Auf meine liebkosenden Worte antwortete er nicht. Aber als ich dann hinausgehen wollte, um nach ihr zu suchen, fasste er mich beim Arm, dass ich vor Schmerz laut aufschrie. ‚Bleib!‘, gebot er mir. ‚Das ist nichts für dich!‘
Hierauf saß mein Vater lange Zeit, bis das Feuer niedergebrannt war. Und dann schloss er mich ein und begann hinter der Hütte zu arbeiten. Ich versuchte, das Moos, das zwischen die Ritzen in der Wand gestopft war, an einer Stelle zu entfernen. Es gelang. Als ich nun hinausblickte, sah ich, dass er eine tiefe Grube aushob – der Bär hatte, bevor er in die Hütte kam, meine Mutter überfallen und zerrissen. Ich habe nicht einmal gesehen, wie Vater sie zur Ruhe gebettet hat, denn er überraschte mich beim Lauschen und sorgte dafür, dass ich nicht wieder an die Wand gelangen konnte.“
„Schrecklich, schrecklich!“, stöhnte Jemmy, indem er sich mit dem Ärmel seines Pelzes die Augen wischte.
„Ja freilich war es schrecklich! Der Vater ist damals eine lange Zeit krank gewesen und der nächste Nachbar schickte einen Mann herüber, ihn zu pflegen und für mich zu sorgen. Dann aber, als Vater wieder gesund war, haben wir jene Gegend verlassen und – sind Bärenjäger geworden. Wenn Vater hört, dass sich irgendwo ein Bär hat sehen lassen, so lässt es ihm keine Ruhe, bis er ihm eine Kugel oder Klinge gegeben hat. Und ich – nun, ich kann euch sagen, dass ich auch bereits das meinige getan habe, meine arme, kleine Schwester zu rächen. Erst wollte mir freilich das Herz laut schlagen, als ich den Lauf auf einen Bären hielt. Aber ich besitze einen Talisman, der mich beschützt, sodass ich jedem Grizzly gegenüber so ruhig bin, als wollte ich einen Waschbären schießen.“
„Talisman?“, fragte Davy. „Pah! Gibt’s nicht. Junger Mann, glaubt nicht an solchen Unsinn! Das ist eine Sünde gegen das erste Gebot!“
„Nein, denn der Talisman, den ich meine, ist von anderer Art, als ihr denkt. Seht ihn Euch an! Dort hängt er unter der Bibel.“
Er deutete nach der Wand, wo auf einem Brettchen eine große, alte Bibel lag. Darunter hing an einem Pflock ein Stück Holz, anderthalb Finger lang und einen Finger dick. Man sah deutlich, dass der obere Teil einen Kopf darstellen solle.
„Hm!“, brummte Davy, der streng auf seinen Glauben hielt. „Ich will nicht befürchten, dass dieses Ding ein Götzenbild vorstellen soll.“
„Nein, ich bin kein Heide. Ihr seht hier die hölzerne Puppe, die ich damals dem Schwesterchen zum Spielen geschnitzt hatte. Ich habe dieses Andenken an jene schrecklichen Augenblicke aufbewahrt und hänge es stets um den Hals, wenn ich den Vater auf Bärenjagd begleite. Naht mir Gefahr, so greife ich nach der Puppe und – der Bär ist verloren. Darauf könnt Ihr Euch verlassen!“
Da legte ihm Jemmy in tiefer Rührung die Hand auf die Schulter und meinte: „Martin, Ihr seid ein braver Boy. Nehmt an, dass ich Euer Freund bin, und Ihr werdet Euch nicht täuschen! So dick wie ich selber bin, so dick ist auch das Vertrauen, das Ihr auf mich setzen könnt. Ich werde es Euch beweisen!“
4. Old Shatterhand
Es war am Nachmittag des darauf folgenden vierten Tages, als die sechs Reiter das Gebiet der südlichen Pulverflussquellen hinter sich hatten.
Die Strecken, die sich vom Missouri bis zum Felsengebirge hinziehen, gehören noch heutigen Tages zu den unwirtlichsten Teilen der Vereinigten Staaten. Dieses Gebiet besteht fast ganz aus einsamer, baumloser Prärie, wo der Jäger oft lange Zeit reiten kann, bevor er einen Busch oder eine Wasserquelle findet. Das Land steigt nach Westen zu allmählich an. Es bildet sanfte Erhöhungen und sodann Hügel, die immer höher, schroffer und zerklüfteter werden, je weiter man nach Westen kommt. Aber der Mangel an Holz und Wasser bleibt. Darum wird diese Gegend inmitten des Staates Wyoming von den Indianern Mahka-ze-schitscha und von den Weißen Bad Lands genannt. Beide Ausdrücke bedeuten das Gleiche, nämlich so viel wie schlechtes Land.
Weiter im Norden, wo die Quellgebiete des Cheyenne-, Powder-, Tongue- und Big Horn-Flusses liegen, wird das Land besser. Das Gras ist saftiger, die Büsche treten zu ausgedehnteren Strauchwäldern zusammen und endlich schreitet der Fuß des Westmanns sogar im Schatten hundertjähriger Baumriesen dahin.
Südwestlich von Wyoming befinden sich die Jagdgründe der Schoschonen oder Schlangenindianer, östlich die der Sioux und südlich die der Cheyennes und Arapahoes. Jeder Stamm zerfällt wieder in Unterabteilungen, und da eine jede dieser Abteilungen ihre eigenen Wege geht, so ist es kein Wunder, dass es einen immer währenden Wechsel von Krieg und Frieden zwischen ihnen gibt. Und ist der rote Mann je einmal zu längerer Ruhe geneigt, so kommt das Bleichgesicht und sticht ihn so lange, erst mit Nadeln, dann mit Messern, bis der Indianer das vergrabene Kriegsbeil wieder hervorsucht und von neuem zu kämpfen beginnt. So erklärt es sich, dass da, wo die Weidegründe so vieler verschiedener Stämme und Abteilungen zusammenstoßen, die Sicherheit des Einzelnen sehr fraglich, ja höchst gefährdet ist. Die Schoschonen oder Schlangenindianer sind stets erbitterte Feinde der Sioux gewesen und darum haben die Strecken, die sich von Dakota aus südlich vom Yellowstone-Fluss nach den Big Horn-Bergen ziehen, sehr oft das Blut des roten und auch des weißen Mannes getrunken.
Der Dicke Jemmy und der Lange Davy wussten das und waren mit Sorgfalt darauf bedacht, einem Zusammentreffen mit Indianern, gleichviel welchen Stammes, auszuweichen.
Man ließ Wohkadeh voranreiten, da er dieselbe Strecke bereits auf dem Herweg durcheilt hatte. Er war jetzt mit einer Büchse bewaffnet und trug an seinem Gürtel mehrere Beutel mit all den Kleinigkeiten, die dem Präriemann unentbehrlich sind. Jemmy und Davy hatten ihr Äußeres nicht verändert. Der Dicke ritt seinen hohen Klepper und Davy hing seine ewig langen Beine an den Seiten seines kleinen, störrischen Maultiers herab, das ab und zu den bekannten Versuch, seinen Reiter abzuwerfen, vergeblich wiederholte. Davy brauchte dann nur den einen Fuß rechts oder links, wo es gerade notwendig war, auf die Erde zu setzen, um festen Halt zu haben. Er glich auf seinem Tier einem jener Bewohner der australischen Inseln, die ihre schmalen, gefährlichen Boote mit Auslegern versehen und aus diesem Grund niemals umkippen können. Davys Ausleger waren seine beiden Beine.
Auch Frank trug dieselbe Kleidung, in der ihn die beiden Freunde zum ersten Mal gesehen hatten. Mokassins, Leggins, blauen Frack und Amazonenhut mit langer, gelber Feder. Der kleine Sachse saß ausgezeichnet zu Pferd und machte trotz seines sonderbaren Äußeren den Eindruck eines tüchtigen Westmanns.
Eine Lust war es, Martin Baumann im Sattel zu sehen. Er ritt mindestens ebenso gut wie Wohkadeh. Er schien wie mit dem Pferd verwachsen und hatte jene weit vorgebeugte Haltung, die dem Tier die Last erleichtert und den Reiter befähigt, die Anstrengung eines monatelangen Ritts ohne Übermüdung auszuhalten. Martin trug einen ledernen Trapperanzug und seine ganze Ausrüstung und Bewaffnung ließ nichts zu wünschen übrig. Sein frisches Gesicht und sein helles Auge machten ganz den Eindruck, dass er, obgleich noch ein halber Knabe, nötigenfalls doch als Mann zu handeln verstehen werde.
Lustig war es, den schwarzen Bob zu betrachten. Das Reiten hatte niemals zu seinen Leidenschaften gehört und so saß er in einer geradezu unbeschreiblichen Haltung zu Pferd. Er hatte seine liebe Not mit dem Tier und das wieder mit ihm, denn er vermochte nicht, auch nur zehn Minuten lang einen festen Sitz zu bewahren. Hatte er sich einmal ganz an den Hals des Pferdes vorgeschoben, so brachte ihn jeder Schritt des Tieres wieder ein wenig nach hinten. So rutschte und rutschte er, bis er sich in der Gefahr befand, hinten herunterzufallen. Dann schob er sich möglichst weit vor und die Rutschpartie begann von neuem, wobei er in die drolligsten Stellungen geriet. Anstatt des Sattels hatte er nur eine Decke aufgeschnallt, weil er durch frühere Versuche wusste, dass es ihm unmöglich sei, sich im Sattel zu halten. Bob war bei einigermaßen schnellem Tempo immer hinter den Sattel zu sitzen gekommen. Die Beine hielt er weitab vom Pferd. Wurde ihm gesagt, er solle festen Schluss nehmen, so antwortete er: „Warum soll Masser Bob drücken mit den Beinen armes Pferd? Pferd ihm ja nichts zu Leid getan! Bobs Beine keine Kneipzange!“
Die Reiter hatten den Rand einer nicht sehr tiefen fast kreisförmigen Senkung erreicht, deren Durchmesser vielleicht sechs englische Meilen[17] betragen mochte. An drei Seiten von kaum merklichen Bodenanschwellungen umgeben, wurde diese Senkung im Westen von einer ansehnlichen Höhe begrenzt, die von Strauch- und Baumwuchs bestanden zu sein schien. Hier hatte es früher eine seeartige Wasseransammlung gegeben. Der Boden bestand aus tiefem Sand und zeigte außer wenigen harten Grasbüscheln nur jenen grau schimmernden, nutzlosen Wildwuchs von Beifuß, der die unfruchtbaren Gegenden des fernen Westens kennzeichnet. Wie Davy erklärte, hatte dieser Ort den Namen Pa’p-pa-are, See des Blutes, weil hier einmal eine Schar Schoschonen von Weißen niedergemetzelt worden war.
Wohkadeh trieb sein Pferd, ohne zu zaudern, in den Sand und schlug die gerade Richtung nach der erwähnten Höhe ein. Besondere Gefahr bot die Talmulde nicht, da die Gegend frei und offen war und jeder Reiter oder Fußgänger weithin sofort entdeckt worden wäre.
Sie mochten wohl eine halbe Stunde geritten sein, als Wohkadeh sein Pferd anhielt. „Uff!“, rief er aus.
„Was gibt’s?“, fragte Jemmy.
„Schi-schi!“ Dieses Wort aus der Mandansprache heißt eigentlich Füße, hat aber auch die Bedeutung von Spur oder Fährte.
„Eine Fährte?“, fragte der Dicke weiter. „Von einem Menschen oder einem Tier?“
„Wohkadeh weiß es nicht. Meine Brüder mögen sie selbst betrachten.“
„Good luck! Ein Indsman weiß nicht, ob die Spur von einem Menschen oder von einem Viehzeug stammt! Muss ja eine eigentümliche Fährte sein. Wollen sie uns doch mal betrachten. Aber steigt hübsch ab und reitet mir nicht darauf herum, ihr Leute, sonst ist sie nicht mehr zu erkennen!“
„Sie wird dann immer noch zu erkennen sein“, meinte der Indianer. „Sie ist groß und lang, sie kommt von weit von Süden her und geht weit nach Norden.“
Die Reiter saßen ab, um die rätselhafte Spur zu untersuchen. Die Fußtapfen eines Menschen von der Fährte eines Tieres zu unterscheiden, versteht jeder Indianerknabe. Dass Wohkadeh sich außer Stande sah, diese Unterscheidung zu treffen, war geradezu eine Unbegreiflichkeit. Doch auch Jemmy schüttelte den Kopf, als er die Tapfen betrachtet hatte, blickte nach links, woher die Fährte kam, dann nach rechts, wohin sie führte, schüttelte abermals den Kopf und sagte endlich zu dem Langen Davy: „Nun, alter Freund, hast du in deinem Leben bereits einmal so etwas gesehen?“
Der Gefragte kratzte sich erst hinter dem rechten und sodann hinter dem linken Ohr, spuckte zweimal aus, was bei ihm stets ein Zeichen von Verlegenheit war, und entgegnete schließlich: „Nein, noch niemals.“
„Und Ihr, Mister Frank?“
Der Sachse bestaunte gleichfalls die Spur und meinte: „Aus diesen Tapfen werde der Teufel klug!“
„Ja“, pflichtete Jemmy bei. „Sicher ist nur, dass irgendein Geschöpf hier vorübergekommen ist. Aber was für eines? Wie viele Beine hat es gehabt?“
„Vier“, antworteten alle außer dem Indianer.
„Ja, das sieht man genau. Nun aber soll mir einer sagen, mit welcher Art oder Gattung von Vierbeinern wir es zu tun haben!“
„Ein Hirsch ist’s nicht“, meinte Frank.
„Gott behüte! Ein Hirsch macht Zeit seines Lebens nicht so riesige Eindrücke.“
„Etwa ein Bär?“
„Freilich lässt ein Bär in solchem Sand große und deutliche Silben zurück, dass sie sogar ein Blinder mit den Fingern lesen könnte; aber diese Fährte stammt auch von keinem Bären. Die Eindrücke sind nicht lang und nach hinten ausgewischt wie bei einem Sohlengänger, sondern beinahe kreisrund, über eine Handspanne im Durchmesser und gerade eingetreten, wie mit einem Siegel gestemmt. Sie sind nur wenig nach hinten ausgeworfen und unten am Grund gänzlich eben. Das Tier hat sonach nicht Zehen oder Krallen, sondern Hufe gehabt.“
„Also ein Pferd?“, meinte Frank.
„Hm!“, brummte Jemmy. „Ein Pferd kann’s aber auch nicht gewesen sein. Man müsste doch wenigstens eine kleine Andeutung der Hufeisen oder, falls das Tier barfüßig gewesen wäre, des Tragrandes und des Strahls finden. Die Fährte ist höchstenfalls zwei Stunden alt, eine zu kurze Zeit, als dass sich inzwischen diese Andeutung hätte verlieren können. Und, was die Hauptsache ist, kann es jemals ein Pferd mit so ungewöhnlich großen Hufen geben? Wenn wir in Asien oder Afrika wären und nicht in dieser alten, gemütlichen Savanne, so würde ich behaupten, dass ein Elefantengroßvater hier vorübergestampft sei.“
„Ja, gerade so sieht es aus!“, lachte der Lange Davy.
„Was? Hast du etwa schon einmal einen Elefanten gesehen?“
„Zwei sogar. Einen in Philadelphia bei Barnum[18] und einen hier, nämlich dich, Dicker!“
„Wenn du einen Witz machen willst, so kaufe dir für zehn Dollar einen besseren! Verstanden? Groß genug für einen Elefanten wären die Tapfen, das gebe ich zu. Aber solch ein Tier hat eine ganz andere Schrittweite. Daran hast du nicht gedacht, Davy. Ein Kamel ist’s auch nicht gewesen, sonst würde ich behaupten, du seist vor zwei Stunden hier vorbeigestiegen. Und nun will ich gestehen, dass ich mit meiner Weisheit zu Ende bin.“
Die Männer gingen eine Strecke vorwärts und wieder zurück, um die eigenartige Fährte zu betrachten. Aber keiner konnte eine nur halbwegs glaubhafte Ansicht äußern.
„Was sagt mein roter Bruder dazu?“, fragte Jemmy.
„Hijokeh!“, entgegnete der Indianer, indem er mit der Hand eine Bewegung der Ehrfurcht machte.
„Der Geist der Prärie, meinst du?“
„Ja, denn es war weder ein Mensch noch ein Tier.“
„Heigh-ho! Eure Geister scheinen entsetzlich große Füße zu haben. Oder leidet der Geist der Prärie am Fußrheumatismus und hat Filzschuhe angezogen?“
„Mein weißer Bruder sollte nicht spotten. Der Geist der Savanne kann in allen Gestalten erscheinen. Wir wollen still weiterreiten.“
„Nein, das werde ich nicht tun. Ich muss unbedingt wissen, woran ich bin. Noch niemals habe ich eine solche Fährte gesehen und werde ihr folgen, bis ich weiß, wer sie hinterlassen hat.“
„Mein Bruder wird ins Verderben laufen. Der Geist duldet es nicht, dass man nach ihm forscht.“
„Madness! Wenn der Dicke Jemmy später von dieser Fährte erzählt und nicht sagen kann, von wem sie stammte, so wird er ausgelacht. Für einen guten Westmann ist es geradezu Ehrensache, dies Geheimnis aufzuklären.“
„Wir haben nicht Zeit, solche Umwege zu machen.“
„Das verlange ich auch nicht von euch. Wir haben noch vier Stunden bis zum Abend, dann müssen wir lagern. Kennt mein roter Bruder vielleicht einen Ort, wo wir rasten können?“
„Ja. Wenn wir geradeaus reiten, kommen wir an eine Stelle, wo die Höhe eine Öffnung hat. Es schneidet ein Tal dort ein, in das zur linken Hand nach einer Reitstunde eine Seitenschlucht mündet. In dieser Schlucht werden wir ruhen, denn dort gibt es Büsche und Bäume, die unser Feuer unsichtbar machen, und auch einen Quell, der uns Wasser liefern wird.“
„Das ist leicht zu finden. Reitet also weiter! Ich werde dieser Fährte folgen und sodann am Lagerplatz wieder zu euch stoßen.“
„Mein weißer Bruder mag sich warnen lassen!“
„Ach was!“, rief der Lange Davy. „Jemmy hat durchaus Recht. Es wäre eine Schande für uns, diese geradezu unbegreifliche Fährte entdeckt zu haben, ohne ihr nachzuspüren. Man sagt, dass es vor der Erschaffung der Erde Tiere gegeben habe, gegen die ein Büffel sich ausnehmen würde wie ein Regenwurm neben einem Mississippidampfer. Vielleicht ist so ein Untier von damals übrig geblieben und rennt nun hier im Sand herum, um an den Körnern auszuzählen, wie viele Jahrhunderte alt es ist. Ich glaube, Mamma heißt so ein Vieh.“
„Mammut!“, verbesserte der Dicke.
„Kann auch sein! Welche Schande für uns, wenn wir auf so eine vorweltliche Fährte träfen und nicht wenigstens einer hätte versucht, das Tier zu Gesicht zu bekommen. Ich reite mit, Jemmy!“
„Das geht nicht, weil wir beide, ohne alle Überhebung zu sagen, die meiste Erfahrung besitzen und gewissermaßen die Anführer sind. Gleichzeitig dürfen wir uns also nicht entfernen. Lieber mag ein anderer mit mir reiten.“
„Mister Jemmy hat Recht“, meinte Martin. „Ich werde mit ihm gehen.“
„Nein, mein junger Freund“, entgegnete Jemmy. „Ich weiß, in Eurem Alter ist man zu solchen Abenteuern stets bereit. Aber der Ritt ist vielleicht gefährlich und wir haben die stillschweigende Verpflichtung übernommen, über Euch zu wachen, um Euch unbeschädigt mit Eurem Vater zu vereinigen.“
„So gehe ich mit!“, rief der lahme Frank.
„Ja, dagegen will ich nichts haben. Mister Frank hat bereits damals in Moritzburg mit dem Hausknecht und dem Nachtwächter gekämpft und wird sich also wohl nicht vor einem Mammut fürchten.“
„Ich? Mich fürchten? Kann mir gar nicht einfallen!“
„Also bleibt es dabei. Die anderen reiten weiter, nur wir beide schwenken rechts ab.“
Und so geschah es denn auch. Die Übrigen setzten den unterbrochenen Ritt fort, während Jemmy und Frank in nördlicher Richtung der Fährte folgten.
Da die beiden einen Umweg vor sich hatten, spornten sie ihre Tiere zu größerer Eile an, und so kam es, dass sie bereits nach kurzer Zeit ihre Gefährten aus den Augen verloren. Später wich die Fährte von ihrer bisherigen Richtung ab und wendete sich nach Westen, der fernen Höhe zu, sodass Jemmy und Frank nun in gleicher Richtung mit ihren Freunden ritten, allerdings wohl eine halbe Stunde von ihnen entfernt.
Sie hatten sich bisher schweigsam verhalten. Jemmys starkknochiger Gaul hatte seine langen Beine so emsig vor sich geworfen, dass Franks Pferd Mühe gehabt hatte, ihm in dem tiefen Sand zu folgen. Jetzt wechselte der Dicke vom anstrengenden Trab in langsamen Schritt und so konnte Frank sich leicht an seiner Seite halten. Im Allgemeinen bediente sich die kleine Schar untereinander vorzugsweise der englischen Sprache. Jetzt aber befanden sich die beiden Deutschen allein und so zogen sie die Muttersprache vor.
„Nich wahr“, begann Frank, „das vorhin mit dem Mammut, das war doch eigentlich Spaß?“
„Natürlich.“
„Ich habe mir’s gleich gedacht, denn solche Mammutersch gibt’s ja heutzutage gar nicht mehr.“
„Haben Sie denn schon einmal von diesen vorweltlichen Tieren gehört?“
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