Kitabı oku: «Der verlorene Sohn»
KARL MAY’s
GESAMMELTE WERKE
BAND 74
DER VERLORENE SOHN
Bearbeitung aus
Der verlorene Sohn
ROMAN
VON
KARL MAY
Herausgegeben von Lothar Schmid
© 1985 Karl-May-Verlag
ISBN 978-3-7802-1574-1
KARL-MAY-VERLAG
BAMBERG • RADEBEUL
Inhalt
Geleitwort
1. Zwei Sträflinge
2. Die alte Uhr
3. Helfer in der Not
4. Menschenhändler
5. Im Haus der Melitta
6. Ermittlungen
7. Im Abgrund
8. Ein Sklave des Geldes
9. Am Spieltisch
10. Das große Los
11. Die Versuchung
12. Falschmünzer
13. Das Spiel ist aus!
14. Der „Pascherkönig“
15. Naumann und Borwald
16. Auf der Flucht
17. Verfolgung
18. Der Neffe aus Amerika
19. In Langenstadt
20. Wilhelm Heilmann auf Verbrecherjagd
21. Das Ende des verlorenen Sohns
22. Hendschels großer Tag
23. Schloss Randau
24. Eine Trauerfeier
Nachwort
Der vorliegende Roman spielt zu Beginn der 80er-Jahre des 19. Jahrhunderts und ist ein in sich abgeschlossener Teil des von Karl May in den Jahren 1884/1885 geschriebenen dritten Münchmeyer-Romans „Der verlorene Sohn“ (Bde. 64, 65, 74, 75 und 76 der Ges. Werke). Über die Entstehungsgeschichte, den Werdegang und die Geschicke der fünf Münchmeyer-Romane findet man Näheres in Bd. 34 der Ges. Werke „ICH“ und in den Sonderbänden „Karl-May-Bibliografie 1913-1945“ und „Der geschliffene Diamant“
.
Geleitwort
Von Anbeginn gehörte es zu den schwierigsten Aufgaben des Karl-May-Verlages, den Gesammelten Werken jene Romanreihen anzugliedern, die von Karl May ursprünglich für den Verlag H. G. Münchmeyer verfasst worden waren. Der Autor hatte sich in seinen letzten Lebensjahren von diesen gedruckten Texten distanziert; er bezeichnete sie als Fälschungen, die er für immer aus dem Buchhandel verbannen wollte. (Näheres in: Karl May, Ein Schundverlag. [Dresden 1905]. Reprint im Karl-May-Verlag, Bamberg 1982, Neudruck in Band 83 der Gesammelten Werke, Am Marterpfahl, Bamberg 2001).
Klara May, die Witwe des Schriftstellers, und der kämpferische Karl-May-Verehrer und -Verteidiger E. A. Schmid, die zusammen mit dem früheren Verleger F. E. Fehsenfeld 1913 den Karl-May-Verlag gründeten, sind den Vorstellungen und Wünschen Karl Mays mit aller Sorgfalt nachgekommen. Als Erbin der Urheber- und Urheberpersönlichkeitsrechte hielt Frau May am 21. August 1930 vertraglich Folgendes fest: „Ich erkläre mich ausdrücklich damit einverstanden, daß der Mitinhaber und verantwortliche Geschäftsführer Dr. jur. Euchar Albrecht Schmid, unterstützt von den Mitarbeitern seiner Wahl, an den Werken meines verstorbenen Mannes, des Schriftstellers Karl May, alle nötigen Verbesserungen und Überfeilungen bewirkt. Die von Dr. Schmid und seinen Mitarbeitern vorgenommenen Bearbeitungen, die Karl May selber nicht mehr vornehmen konnte, haben als einzig giltige Ausgabe letzter Hand, als editio ne varietur zu gelten.“
Die Arbeit des Karl-May-Verlages ist erfolgreich verlaufen. Nach den berühmten Reiseromanen haben Schloss Rodriganda, Trapper Geierschnabel, Im Tal des Todes, um nur einige Titel aus den Bänden 51–73 der Gesammelten Werke zu nennen, rasch die Gunst der Leser errungen und außerordentlich hohe Auflagen erzielt. Die Beliebtheit Karl Mays ist ständig gestiegen.
Band 64 Das Buschgespenst und Band 65 Der Fremde aus Indien bringen jeweils in sich abgeschlossen die zentralen Handlungsstränge des früher fünfbändigen Romans Der verlorene Sohn. Diese 1935 bzw. 1939 vollendeten Arbeiten rundeten das Lebenswerk meines Vaters, des Karl-May-Verlegers E. A. Schmid, ab. Ich war zuletzt sein zweitjüngster Mitarbeiter. Mein Bruder Roland Schmid gab ab 1958 die Bände 66–73 heraus, die andere Erzählungen Mays enthalten.
Das vorliegende Buch sollte schon in den 30er-Jahren in einer von Franz Kandolf gestalteten Fassung erscheinen, wurde jedoch in den politischen Wirrnissen zurückgestellt.
Nunmehr sind die bisher im Karl-May-Verlag noch nicht veröffentlichten Einzelepisoden aus der Riesenschöpfung Der verlorene Sohn in einer zusammenhängenden Geschichte vereint worden. Es ist ein Detektivroman, über dem eine eigentümliche Spannung liegt. Man wird in Mays hintergründige Abenteuerwelt versetzt – in die Zeit vor 100 Jahren – und von Verfolgungsjagden, aparten Verkleidungsszenen und vielen anderen Begebenheiten gefesselt.
Das Nachwort behandelt die Editionsgeschichte und autobiografische Spiegelungen.
Die Gestaltung des Bandes 74 erwies sich infolge der besonderen Umstände als ungemein beschwerlich. Es galt, die vermutlich von fremder Hand stammenden Schwächen aus der Kolportage-Vorlage schonend herauszufiltern, dabei aber die alten Texte so nah wie möglich zu erhalten und nur so weit wie nötig zu verändern.
Der Karl-May-Verlag dankt den Herren Ekkehard Bartsch, Hans-Robert Hamacher, Franz Kandolf †, Hartmut Kühne, Dr. Christoph F. Lorenz (dessen Konzeption zu Grunde gelegt wurde), Dr. Erich Mörth † sowie einer Reihe weiterer erstrangiger Fachkenner für die gute Zusammenarbeit und für wertvolle Hinweise.
Lothar Schmid
1. Zwei Sträflinge
Die Stadt Rollenburg hatte ihren Namen durch das Schloss erhalten, das sich über ihr auf dem Felsen erhob. Die Rollenburg, im dreizehnten Jahrhundert erbaut, war lange Zeit Sitz eines berühmten Raubrittergeschlechts gewesen. Spätere Besitzer hatten sie vergrößert. Mehrere Flügel waren im Lauf der Zeit angebaut worden; als das Anwesen eines Tages in staatlichen Besitz übergegangen war, wurde der größere Teil des Schlosses in ein Zuchthaus umgewandelt und der kleinere diente als Aufenthalt für Geisteskranke.
Seit dieser Zeit verstand man unter der Redensart ‚nach Rollenburg kommen‘ nichts anderes als die Einlieferung ins Zucht- oder Irrenhaus.
Die Strafanstalt war nach dem gemischten System eingerichtet; es gab also Zellen für Isolierhaft, aber auch Schlaf-und Arbeitssäle für Kollektivhaft. Der Direktor war ein Hauptmann außer Dienst; er entstammte einem alten Adelsgeschlecht und hatte für seine Verdienste als Leiter dieses Zuchthauses den Titel Regierungsrat erhalten.
Die Gefangenen in Rollenburg gingen unterschiedlichen Beschäftigungen nach; da arbeiteten Schmiede und Schlosser, Schreiner und Schneider, aber auch Schuster, Weber und Zigarrenmacher in voneinander getrennten Räumen. Die Zellenhaft konnte entweder als eine Vergünstigung oder als eine Strafverschärfung betrachtet werden. Eine Strafverschärfung war sie für gefährliche, unverbesserliche Häftlinge, die man nicht mit den anderen Gefangenen in Berührung kommen lassen wollte. Als Vergünstigung aber konnten sie Gefangene empfinden, denen man noch ein gewisses Ehrgefühl zutraute, sodass die Gemeinschaft mit gewöhnlichen Verbrechern für sie eine Verschlimmerung der Strafe bedeutet hätte.
Es war Abend geworden. In den Sälen brannte Gaslicht und die Zellengefangenen hatten Lämpchen erhalten, bei deren Schein sie ihre Arbeit verrichteten.
In einem engen Eckturm mit nur zwei kleinen Zellen, die durch eine Tür miteinander in Verbindung standen, saß ein Gefangener am Tisch und schrieb. Trotz seiner gebeugten Stellung konnte man erkennen, dass er eine hohe, breite Figur besaß. Er trug Sträflingstracht, leinene Hose und Jacke und ein graues Halstuch. Ein Zeichen am Jackenärmel deutete an, dass er zur ‚Disziplinarklasse‘ gehörte, also zu den wenigen Gefangenen, die sich durch ein tadelloses Betragen das Vertrauen ihrer Aufseher erworben hatten. Er mochte fünfzig Jahre alt sein, sah aber wesentlich älter aus. Seine Wangen waren eingefallen, seine Lippen bleich, und er machte ganz den Eindruck eines Mannes, der schweres Leid erlebt hatte. Sein Haupt war nahezu kahl geworden und die Augen lagen tief in ihren Höhlen.
In einer solchen Anstalt fiel eine Unmenge Schriftverkehr an. Diese Beschäftigung erhielten nur solche Häftlinge, die durch ihren früheren Beruf dazu geeignet schienen und sich durch gute Führung ausgezeichnet hatten. An der Zellentür dieses Gefangenen hing die Nummer 306 und in dem Notizbuch des Aufsehers, der ihn zu bewachen hatte, stand: ‚Nummer 306, fünf Jahre wegen Unterschlagung. Karl Petermann, Gutsinspektor. Führung: sehr gut.‘ In diesem traurigen Haus wurde keiner bei seinem Namen, sondern nur mit der Nummer gerufen, die ihm bei seiner Einlieferung zugeteilt worden war.
Die Feder von ‚Nummer 306‘ flog ohne Pause über das Papier. Ihr Knirschen war das einzige Geräusch, das sich hören ließ. Das einzige? Nein, denn eben hob der Gefangene den Kopf und lauschte. Draußen ließen sich nahende Schritte vernehmen. Der Türriegel klirrte, ein Schlüssel kreischte im Schloss und der Aufseher erschien in der Tür.
„Dreihundertsechs“, sagte er.
„Hier!“
„Mitkommen!“
Der Gefangene hatte sich erhoben und stand in respektvoller Haltung vor dem Wärter.
„Bitte, wohin, Herr Aufseher?“
„Danach hast du nicht zu fragen. Vorwärts!“
Der Gefangene folgte dem Beamten aus der Zelle hinaus, die enge Treppe hinab und über mehrere Innenhöfe bis in einen Korridor, in dem bereits einige Gefangene in Reihe nebeneinander standen. Dieser Flur führte zum Arbeitszimmer des Direktors. Nun wusste ‚Nummer 306‘ also, zu wem er kommen sollte. Der Aufseher übergab ihn an einen anderen Wächter, der hier im Korridor Dienst tat, und entfernte sich dann. Der Gefangene musste nun mit den anderen Häftlingen dort warten, bis er aufgerufen wurde. Dieser Korridor war allen Insassen des Zuchthauses sehr gut bekannt. Hier hatte mancher vor Angst geschwitzt oder gezittert, wenn er hergeführt worden war, um von dem Herrn Direktor eine Strafe diktiert zu erhalten. Der Korridor galt als der verhängnisvollste Ort im ganzen Gefängnis.
Die Gefangenen standen da nebeneinander, ohne sich anzusehen oder auch nur einen Laut von sich zu geben. Wer es gewagt hätte, dem Nachbarn ein Wort zuzuflüstern, wäre sofort hart bestraft worden. Sooft eine Nummer von dem Aufseher aufgerufen wurde, trat der Betreffende vor, um in das Zimmer des Direktors einzutreten, das er später verließ – entweder traurig oder seltener mit befriedigter Miene, je nachdem, was ihm von dem gestrengen Leiter der Anstalt mitgeteilt worden war.
Endlich kam auch ‚Nummer 306‘ an die Reihe. Er trat ein und blieb in strammer Haltung an der Tür stehen. Der Direktor saß in Uniform an seinem Schreibtisch und notierte sich eine Bemerkung über den Gefangenen, der ihn soeben verlassen hatte. Sein Gesicht war streng und seine Augen blickten finster auf das Papier. Noch schreibend fragte er:
„Wer jetzt?“
„Nummer 306, Herr Regierungsrat.“
Da hob er den Kopf, und als sein Blick auf den Gefangenen fiel, erhellten sich seine Gesichtszüge.
„Dreihundertsechs“, sagte er. „Nicht wahr, dein Name ist Petermann?“
„Ja.“
„Wie lange hast du hierzubleiben?“
„Fünf Jahre.“
„Wie viel davon verbüßt?“
„Vier Jahre.“
„Bist du hier einmal bestraft worden?“
„Nein, Herr Regierungsrat!“
Das Gesicht des Direktors erhellte sich immer mehr. Er langte neben sich und ergriff ein kleines Aktenheft, in dem er zu blättern begann.
Er nickte mit dem Kopf, räusperte sich und fragte dann:
„Weshalb wurdest du bestraft?“
„Wegen Unterschlagung.“
„Du warst natürlich unschuldig?“
„Nein, Herr Regierungsrat!“
„Ah! Ganz dieselbe Antwort hast du mir bereits bei deiner Einlieferung gegeben. Das macht einen guten Eindruck. Wer seinen Fehler bekennt, ist besserungsfähig. Die meisten aber sagen, sie seien unschuldig, und dementsprechend behandelt man sie mit Misstrauen. Hier habe ich deine Personalien: ich lese, dass du Gutsinspektor gewesen bist. Wie steht es mit deiner Familie?“
Die Augen des Gefangenen füllten sich sofort mit Tränen. Er antwortete mit zitternder Stimme:
„Meine Frau ist während meiner Gefangenschaft gestorben. Sie hat die Schande nicht verwinden können.“
Der Direktor nickte ernst.
„Ja, so kommt es. Jetzt hast du ihren Tod auf dem Gewissen! Wie viel Jahresgehalt bekamst du?“
„Fünfhundert Gulden.“[1]
„Hm! Damit konntest du auskommen. Warum die Unterschlagung?“
Der Gefangene blickte vor sich nieder. Es ging wie ein schwerer Kampf über seine Züge, dann antwortete er:
„Ich hatte gespielt, Herr Regierungsrat.“
„Ach so! Wieder einmal der Spielteufel! Wie soll das später werden, wenn du entlassen bist?“
„Ich kannte das Spiel nicht. Ich hatte ja noch nie gespielt. Darum verlor ich so viel.“
„Du bist bestraft genug, ich will dir also keine Vorwürfe machen. Wo warst du übrigens angestellt?“
„Bei dem Herrn Major von Scharfenberg.“
Der Direktor machte eine jähe Bewegung.
„Wie?“, fragte er. „Bei meinem Bruder? Das habe ich nicht gewusst. Ich entsinne mich allerdings, von diesem Fall gehört zu haben. Und nun fällt mir auch der Name auf. Es gibt da eine Familie Petermann, die bereits seit Generationen in unseren Diensten steht. Der letzte Petermann, den ich persönlich kannte, war Schlossverwalter auf Waldau, das dann meinem Bruder zufiel.“
„Das war mein Vater.“
„So, so! Dich habe ich nicht gekannt. Aber, Menschenskind, das tut mir herzlich leid! Einer unserer Petermänner im Zuchthaus als mein Gefangener – und das habe ich in diesen vier Jahren nicht gewusst! Es ist nicht meine Sache, auf das Verbrechen zurückzukommen, aber – hast du dich denn nicht an meinen Bruder gewandt?“
Petermann zögerte, dann sagte er leise:
„Nein. Er selbst hat mich angezeigt und auf Bestrafung bestanden.“
„Hm! Wie lange standest du in seinen Diensten?“
„Über zwanzig Jahre.“
„Aber wohl nicht zu seiner Zufriedenheit?“
„Er hat mir nie ein tadelndes Wort gesagt.“
„Dann begreife ich erst recht nicht. Es muss seine eigene Bewandtnis damit haben. Nicht?“
Wieder blickte Petermann zu Boden, doch bald richtete er den Blick wieder fest und entschlossen auf den Direktor.
„Es gab keinerlei besondere Bewandtnis damit, Herr Regierungsrat. Ich brauchte das Geld und nahm es aus der Kasse. Der Herr Major selbst entdeckte den Verlust und ließ mich sofort arretieren. Es wäre sinnlos gewesen, mich später noch an ihn zu wenden.“
Der Direktor stand von seinem Stuhl auf und schritt einige Male nachdenklich im Zimmer auf und ab. Dann blickte er abermals in die Akten und sagte endlich:
„Morgen ist Königs Geburtstag. Seine Majestät pflegen sich kurz zuvor die Namen einiger Gefangener vorlegen zu lassen, die sich gut geführt haben. Ich erhielt heute die Liste zurück. Eine eigenhändige königliche Randbemerkung unter deinem Namen lautet folgendermaßen: ‚Das letzte Jahr seiner Strafzeit erlassen!‘“
Der Gefangene holte tief Atem. Es wollte wie Jubel in ihm aufsteigen. Der Direktor fuhr fort:
„Heute jährt sich der Tag deiner Einlieferung, du wirst also morgen Rollenburg verlassen.“
Der Gefangene wollte sprechen, aber die glückliche Nachricht übermannte ihn so, dass er kein Wort hervorbrachte. Er schlug beide Hände vor das Gesicht und weinte bitterlich.
Der Direktor ließ ihn eine Weile gewähren und sagte dann in beruhigendem Ton:
„Ich sehe, dass dich diese Nachricht ergreift, und gönne dir diese Freude. Du hast dich gut geführt und wirst hoffentlich nie wieder auf Abwege geraten. Was aber wirst du draußen anfangen?“
„Ich dachte an die Möglichkeit, doch wieder irgendeine Anstellung zu erhalten.“
„Hm! Das ist schwer. Die Leute haben gegen jeden entlassenen Sträfling Vorurteile, die leider oft durchaus begründet sind. Hast du vor deiner Einlieferung auf den Gütern meines Bruders gewohnt?“
„Natürlich“, sagte Petermann, „es gehörte zu meinen Pflichten, mich nicht nur um Schloss Waldau, sondern auch um die kleinen Güter in seiner Umgebung zu kümmern. Der Herr Major von Scharfenberg hatte die Güte, meine Frau und meine Tochter Valeska trotz meiner...“, hier stockte er, fuhr aber tapfer fort, „...Verfehlungen weiter in der Nähe von Waldau wohnen zu lassen. Nach meiner Verurteilung und dem Tod meiner Frau hielt es Valeska aber nicht länger dort. Sie ging in die Residenz und wurde dort Wirtschafterin bei einer Dame. Seit einiger Zeit habe ich nichts mehr von ihr gehört.“
Dabei senkte er betrübt den Kopf. Der Direktor empfand tiefes Mitleid mit dem ehemaligen Gutsverwalter seiner Familie. Nach einer kurzen Pause des Nachdenkens entschied er daher in festem Ton:
„So gehst auch du in die Residenz zurück. Eigentlich soll ein jeder entlassene Sträfling für eine bestimmte Zeit an den Ort geschickt werden, wo er geboren ist. Das ist in vielen Fällen mit großen Nachteilen verbunden. Er ist gezwungen, jahrelang in einer Umgebung zu leben, wo man ihm weder Verzeihung noch Arbeit zuteilwerden lässt. Ich werde dir aber ein Vertrauenszeugnis geben, das berechtigt dich darüber hinaus zum Aufenthalt an jedem beliebigen Ort. Auf diese Weise wird es dir leichter fallen, eine neue Existenz aufzubauen. Wie viel hast du in den vier Jahren hier verdient?“
„Fünfzehn Gulden.“
„Das ist freilich wenig. Na, werden sehen! Höre mir gut zu: Jeder, der durch seine Schuld dieses Haus betritt, verliert während seiner Strafzeit den bürgerlichen Namen und den Anspruch auf die gesellschaftliche Anrede ‚Sie‘, er wird geduzt und bei seiner Nummer genannt. Jetzt, da ich dich entlasse, gebe ich dir zurück, was dir nun wieder gehört, Namen und Anrede. – Herr Petermann, ich wünsche von ganzem Herzen, dass Sie lauter aus den Prüfungen hervorgehen mögen, die vielleicht noch vor Ihnen liegen. Sie haben sich durch eine ausgezeichnete Führung mein Vertrauen erworben, arbeiten Sie von jetzt an daran, sich das Vertrauen Ihrer Mitmenschen zu erwerben. Hier meine Hand! Gehen Sie mit Gott und vergessen Sie nicht, sich nötigenfalls an mich zu wenden.“
Der Gefangene nahm die dargebotene Hand und taumelte dann wie betrunken vor Freude zur Tür hinaus.
Der Nächste trat ein. Der Direktor nahm von ihm zunächst keine Notiz. Er fertigte das Vertrauenszeugnis für Petermann aus und schrieb dann folgende Anweisung an den Anstaltsrendanten:
‚Dem morgen früh zu entlassenden Sträfling Karl Petermann sind vor seinem Fortgang dreißig Gulden aus der Anstaltskasse auszuhändigen und mir zu berechnen.‘
Erst als er diesen Zettel unterschrieben hatte, wandte er sich an den eingetretenen Gefangenen.
„Welche Nummer?“
„Achthundertundsechzig.“
Der Direktor suchte unter den vor ihm liegenden Notizen nach dieser ‚Nummer 860‘. Er hatte den Markierungen am Jackenärmel entnehmen können, dass gegen den betreffenden Sträfling wiederholt Disziplinarstrafen verhängt worden waren. Das machte sein Gesicht wieder streng und finster.
„Wie heißt du?“
„Heilmann.“
„Was warst du?“
„Buchbinder.“
„Weshalb bestraft?“
Der Gefangene war ein noch junger Mann, der etwas über zwanzig Jahre zählen mochte. Bei der letzten Frage zögerte er mit der Antwort und blickte trotzig vor sich nieder.
„Nun, hast du gehört? Weshalb bist du bestraft worden?“
„Wegen Diebstahls“, stieß der Gefragte hervor.
„Wie lange?“
„Zwei Jahre.“
„Natürlich bist du unschuldig?“
„Ja!“
Da fuhr der Direktor mit einem Ruck empor.
„Ah! Wirklich?“, fragte er.
„Ja. Ich bin es nicht gewesen.“
„So, so! Warte einmal!“
Er hatte jetzt die Einlieferungsakten des Buchbinders gefunden und suchte darin nach. Dann sagte er:
„Ja. Hier steht es: Ist ungeständig. Das ist keineswegs eine Empfehlung. Ich werde...“
„Wenn ich unschuldig bin, kann ich nicht geständig sein!“, fiel der Gefangene ein.
Der Anstaltsdirektor fuhr ihn scharf an:
„Schweig! Du hast nur zu antworten, wenn ich frage! Übrigens lese ich hier, dass du während deiner Haft zwölfmal bestraft worden bist, und zwar wegen Faulheit und Widersetzlichkeit. Meinst du vielleicht, dass dir das zur Ehre gereicht?“
„Nein, Herr Regierungsrat.“
Er warf bei diesen Worten einen so eigentümlichen Blick auf den Direktor, dass dieser sagte:
„Nun? Was gibt es noch?“
„Ich möchte bitten, mich aussprechen zu dürfen!“
Der Direktor blickte den Sträfling durchbohrend an und sagte unfreundlich:
„Ich habe wenig Zeit!“
„Es ist ganz kurz.“
„Nun, so lass hören!“
„Sie meinen es sicher gut mit den Gefangenen, Herr Regierungsrat, das weiß ich, obgleich Sie mich zwölfmal bestraft haben. Viele sagen von sich, sie seien unschuldig. Aber bitte, denken Sie einmal, wie es ist, wenn einer tatsächlich unschuldig ist. Mit welchen Gefühlen wird er hier eintreten, sich den Namen rauben und das Haar scheren lassen. Er wird behandelt wie jeder Spitzbube, nein, noch schlimmer, weil man ihm ja nicht glaubt und ihn noch strenger behandelt. Er wird mehr und mehr verbittert. Er soll arbeiten für täglich einen Kreuzer und ist unschuldig, er soll – – ah, ich will lieber schweigen, denn Sie haben keine Zeit und mir schadet das Sprechen nur. In zwei Jahren zwölfmal bestraft, das hat mir fast zweihundert Tage Kostentziehung eingebracht – und doch bin ich und bleibe ich unschuldig!“
Der Beamte blickte finster zu ihm herüber und sagte nach einer Weile:
„Ich bin nicht dein Untersuchungsrichter. Man hat dich meiner Obhut anbefohlen und darein hattest du dich zu fügen. Bist du unschuldig, so stehen dir noch jetzt Wege offen, deine Ehre wiederherzustellen. Hier aber hast du dich schlecht geführt, ein gutes Zeugnis kann ich dir also unmöglich geben.“
Die Augen des Gefangenen wurden feucht.
„Dann behalten Sie mich nur lieber gleich hier, Herr Regierungsrat“, sagte er.
„Warum?“
„Weil man mich doch bald wieder einliefern wird.“
„Ach so! Du nimmst dir also bereits vor, rückfällig zu werden! Willst du deine Unschuld so beweisen?“
„Das kann mir nicht einfallen. Aber ich bin gezwungen, zwei Jahre lang in meinem Geburtsort zu bleiben. Anderswo werde ich sofort ausgewiesen. Ich komme vom Land, wo es für einen Buchbinder keine Arbeit gibt. Wer will aber überhaupt einen Zuchthäusler anstellen? Kein Mensch! Was habe ich also zu erwarten? Verachtung, Hunger und Not. Dazu kommt die Polizeiaufsicht! Wie kann ich gegen das alles ankämpfen? Es wäre wirklich am besten, ich könnte hierbleiben.“
Das war im Ton echten Schmerzes gesprochen. Der Direktor schaute den jungen Mann nachdenklich an, dann sagte er:
„Ich könnte ja eine Ausnahme machen und dich in die Residenz schicken. Dort wirst du auf jeden Fall eine Arbeit finden.“
„Bei wem? Kein Meister wird einen ehemaligen Sträfling in Dienst nehmen wollen.“
„Der Staat hat die Verpflichtung, dir Arbeit zu geben.“
„Ja, er wird mir welche geben, aber wo? Im Armen- oder Arbeitshaus, oder man steckt mich unter die städtischen Straßenkehrer.“
„Hm! Wie viel hast du hier verdient?“
„Nichts“, entgegnete der Sträfling bitter.
„Weil du nicht gearbeitet hast!“, hielt der Direktor ihm entgegen.
„Ich wollte ja arbeiten. Aber mir Buchbinderarbeit zu geben, das hielt der Arbeitsinspektor für eine Straferleichterung, die ein so renitenter Mensch wie ich nicht verdient hatte. Er steckte mich also unter die Furnierschneider. Ich war diese Arbeit nicht gewöhnt und bewältigte mein Pensum nicht. Ich wurde wegen Faulheit mit Kostentziehung bestraft, bekam nichts zu essen und konnte noch weniger arbeiten als vorher.“
Der Direktor fühlte sich von diesen Bemerkungen irgendwie angerührt, sodass er sich weiter erkundigte:
„Hast du Verwandte?“
„Keine Seele.“
„Oder Freunde?“
„Einen alten Paten. Der ist aber der Vater des Mannes, der mich ins Unglück gestürzt hat.“
„Du hast also nur für dich allein zu sorgen, das ist schon eine große Entlastung. Übrigens will ich dir deine mehr als offenen Reden verzeihen und dir zum Beweis, dass es doch Menschen gibt, die nicht dein Unglück wollen, zehn Gulden aus meiner Kasse gutschreiben. Man wird sie dir morgen früh bei deiner Entlassung auszahlen. – Und nun leben Sie wohl, Herr Heilmann! Verzagen Sie nicht, werfen Sie die Erbitterung von sich fort! Treten Sie Ihren Mitmenschen mit einem offenen, freundlichen Gesicht entgegen und man wird dann nicht hart und rücksichtslos mit Ihnen umgehen können. Ich entlasse Sie in die Residenz. Gehen Sie morgen früh mit Gottes Segen hier fort, halten Sie sich wacker, und wenn ich Ihnen im Leben wieder begegne, so würde ich mich freuen, Sie als tüchtigen Meister wiederzusehen.“
Er reichte ihm die Hand.
„Herr Regierungsrat“, sagte der Buchbinder mit bebender Stimme, „hätte bei meiner Einlieferung hier nur ein einziger Mensch solche mitfühlenden Worte zu mir gesagt, ich wäre nicht zwölfmal bestraft worden.“
Er ging und der Nächste trat ein. Der Direktor fertigte einen nach dem anderen ab, bis endlich der Letzte ihn verlassen hatte. Nun war sein Tagespensum beendet und er zog sich in seine Privatwohnung zurück. Um diese Zeit wurde mit der Glocke das Zeichen gegeben, dass die Gefangenen sich an ihre Schlafstellen zu begeben hatten.
*
Der Regierungsrat und seine Frau hatten Besuch zum Abendessen. Sein Neffe, Bruno von Scharfenberg, befand sich bei ihm. Der Beamte war während des Abendessens ungewöhnlich schweigsam. Als er darauf aufmerksam gemacht wurde, sagte er:
„Ich habe heute Veranlassung zum Nachdenken erhalten. Morgen geht ein Gefangener fort, den ich bisher für einen frechen Lügner gehalten habe, weil er stets behauptete, unschuldig zu sein. In der letzten Stunde bin ich aber an meiner eigenen Beurteilung irre geworden.“
„Ist es denn überhaupt möglich, dass jemand unschuldig verurteilt werden kann?“, fragte seine Frau.
„Ich muss zugeben, dass solche Fälle leider vorkommen. Der Indizienbeweis lässt stets die Möglichkeit zu, dass die Justiz sich irrt.“
Der Neffe trug die Uniform eines Gardeleutnants. Er wirkte nervös. Offenbar interessierte er sich für dieses Thema, denn er fiel mit einer wahrnehmbaren Wärme ein:
„Indizienbeweis, lieber Onkel? Oh, nicht bloß das! Der Richter kann sich selbst dann irren, wenn der Angeklagte sich zu der Tat bekannt hat.“
„Wohl kaum!“
„O doch!“
„Kein Mensch wird ein Verbrechen eingestehen, das er nicht begangen hat!“
„Warum nicht?“
„Welche Gründe sollten ihn dazu bringen?“
„Zunächst Selbsttäuschung. Es soll vorgekommen sein, dass jemand glaubte, einen anderen erschossen zu haben. Er wurde auf sein Geständnis hin verurteilt. Später stellte es sich eher zufällig heraus, dass die Todeskugel gar nicht aus dem Lauf seines Gewehrs stammen konnte. Auch könnte sich ein Unschuldiger zu einer Tat bekennen, um sich für den wahren Schuldigen aufzuopfern.“
Da warf der Regierungsrat rasch ein:
„Dann ist der Schuldige entweder ein – – Feigling oder ein Schurke.“
Über die Stirn des Leutnants flog eine plötzliche Röte. Er räusperte sich und sagte:
„Vielleicht gibt es hier auch Sonderfälle.“
„Kann ich mir nicht vorstellen. Doch, apropos, wie war das denn damals eigentlich mit der Geschichte um Karl Petermann, den Inspektor eurer Güter?“
Der Leutnant erblasste sichtlich, sodass es seinem Onkel sofort auffiel.
„Du erschrickst ja förmlich!“, sagte er. „Freilich muss es unangenehm sein, einen solchen langjährigen Angestellten vor dem Strafrichter zu sehen. Konnte dein Vater nicht Gnade walten lassen?“
„Er hätte es können, tat es aber leider nicht.“
„Ich begreife ihn nicht. War die Summe denn gar so sehr bedeutend?“
„Fünftausend Gulden“, antwortete der Leutnant. „Für den Vater war das aber kein so riesiger Betrag, dass er ihn nicht wieder hätte erwirtschaften können.“
„So begreife ich die Härte meines Bruders erst recht nicht. Es mögen da Dinge mitgespielt haben, die wir vielleicht nicht kennen, lieber Bruno?“
Es war dem Leutnant anzusehen, dass dieses Gespräch für ihn ganz und gar nicht erquicklich war; dennoch fuhr er fort:
„Aber dabei fällt mir ein, dass Petermann zu einer Zuchthausstrafe verurteilt wurde. Ich glaube, es waren fünf Jahre.“
„Das stimmt, ja“, bestätigte der Direktor.
„Nun, da müsste er sich doch hier bei dir befinden?“
„Er ist tatsächlich in diesem Zuchthaus, wie ich allerdings erst heute entdeckt habe. Ich wusste zwar, dass ein gewisser Petermann wegen Unterschlagung auf fünf Jahre die ‚Nummer 306‘ bekommen hatte, aber ich konnte nicht ahnen, dass es sich um euren Petermann handelte. Ich habe ihn hier selten gesehen.“
„Kaum denkbar!“
„Du weißt vielleicht, dass die Einlieferungsakten die Angabe des Verbrechens enthalten, aber nicht viel mehr. So kam es, dass ich gar nicht wusste, dass euer Karl Petermann mein Gefangener ist. Nun, er hat sich bei mir gut geführt und wenigstens ein Erfolg ist schon da: Ich habe ihn der Gnade Seiner Majestät vorgeschlagen. Karl Petermann ist begnadigt und wird morgen entlassen.“
Der Leutnant fuhr von seinem Sitz auf.
„Morgen? Ist das wahr?“, fragte er.
„Ja! Ich habe es ihm vorhin mitgeteilt. Nach der Morgenandacht, also gegen acht Uhr früh, kann er gehen.“
„Hat er dir gesagt, wohin?“
„Er fährt in die Residenz, wo seine Tochter lebt.“
„Aber ohne Mittel, ohne feste Stellung in Aussicht?“
„Nun, ich habe ihm dreißig Gulden überwiesen, da ist er wenigstens fürs Erste sorgenfrei. Findet er keine Stellung, so kümmere ich mich weiter um ihn.“
Da streckte der Neffe dem Onkel die Hand entgegen und sagte in warmem Ton:
„Das hast du gut gemacht. Er ist wohl nicht so schuldig, wie es den Anschein hat. Er hatte nämlich lange Jahre die Kasse geführt, ohne dass sie je überprüft worden war. Er glaubte, in einigen Tagen das, was er ihr entnommen hatte, wieder zurücklegen zu können. Er wollte keineswegs unterschlagen, sondern nur für ganz kurze Zeit eine Anleihe machen. Er hat ja auch wirklich alles später auf Heller und Pfennig ersetzt.“
Der Regierungsrat schüttelte den Kopf.
„Wenn das so ist, so ist mein Bruder geradezu unverständlich grausam gewesen. Aber wie auch immer, ich gebe Petermann ein Vertrauenszeugnis mit und ich sage dir, dass ich dies nur höchst selten tue. Leider liege ich schon seit Langem mit dem Bruder im Zwist, aber bist du bei ihm, so rede ihm doch einmal zu. Er sollte sich des Petermann annehmen!“
Der Leutnant zuckte die Achseln.
„Ich darf mit ihm von dieser Angelegenheit gar nicht sprechen, werde aber doch noch einen Versuch machen.“
Damit war die Sache erledigt und bald zog sich der Regierungsrat zurück, um sich zur Ruhe zu begeben.
*
In der Frühe versammelten sich die Gefangenen wie jeden Morgen zur Andacht. Der Geistliche ließ zunächst das Lied ‚Die güldne Sonne‘ anstimmen, dann trug er den Eingangspsalm vor und sprach ein Gebet, um die besondere Gnade Gottes für die hier versammelten Unglücklichen zu erflehen. Danach wandte er sich dem Altar zu, wo die Bibel aufgeschlagen lag, und las mit klarer, feierlicher Stimme das Gleichnis vom verlorenen Sohn vor, wie es der Evangelist Lukas aufgezeichnet hatte. Mit tiefer Bewegung hörte Petermann die ihm seit seiner Jugend vertraute Geschichte vom Sohn, der sein ganzes Erbteil verprasst und bitter leiden muss. In Gedanken versunken, vernahm er kaum, dass der Geistliche sich zu den Gefangenen umwandte und mit einfachen Worten das Bibelwort auszulegen begann.
Der Anstaltsseelsorger war kein wortgewaltiger Redner, sondern ein einfacher, nicht mehr junger Mann, der in seiner Tätigkeit viel menschliches Elend kennengelernt hatte und wusste, wie er die Seelen der vor ihm sitzenden ,verlorenen Schafe‘ erschüttern konnte.
„Freut euch, denn ich habe das verlorene Schaf wiedergefunden!“, rief er seinen Zuhörern entgegen und sagte ihnen, kein Verbrechen sei so groß, dass die Gnade des Herrn es nicht tilgen könne. Er malte mit kurzen, kräftigen Strichen das Bild des reuigen Sünders, der zu dem himmlischen Vater zurückkehrt und ausruft: „Vater, ich habe mich versündigt gegen den Himmel und gegen dich, und ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.“ Darauf zeigte er, wie der Vater nicht nur großmütig dem verlorenen Sohn verzeiht, sondern ihn sogar in allen Ehren wieder aufnimmt und ihm das Festgewand der ewigen Seligkeit anlegen lässt. Hier hielt der Geistliche inne und sagte, an die Zuhörer gewandt:
„So wird der himmlische Vater und Herr auch jeden von euch in Gnaden wieder aufnehmen, wenn er nur wahre Reue zeigt. Darum übt Besinnung und hört den Ruf des Herrn: ‚Bekehrt euch!‘ Amen!“
Die Andacht war zu Ende und die Sträflinge verließen den Saal. Nur Petermann, der dem letzten Teil der Predigt besonders aufmerksam gefolgt war, blieb noch einen Moment wie benommen sitzen. Wer war der verlorene Sohn, der sich bekehren musste – er oder jener andere, für den er büßte? Aus diesen düsteren Gedanken weckte ihn die Hand des Aufsehers, die sich auf seine Schulter legte, um ihn zum Gehen aufzufordern. Seltsam bewegt, folgte Petermann dem Wärter zum letzten Mal durch die engen Gänge des Zuchthauses.
*
Es war eine gute Stunde später. Petermann wollte sich gerade zu dem vor der Stadt gelegenen Bahnhof begeben, als er eilige Schritte hinter sich hörte. Sich umdrehend gewahrte er den Leutnant Bruno von Scharfenberg, der Zivilkleidung trug.
Das Gesicht des frisch Entlassenen nahm schnell einen harten, abweisenden Ausdruck an. Er wollte den Weg fortsetzen, wurde aber am Arm zurückgehalten.
„Petermann!“, erklang es in bittendem Ton.
„Herr Baron!“, versetzte der ehemalige Bedienstete frostig.
„Nicht so, nicht so! Sie ahnen nicht, was ich gelitten habe!“
„Aber Sie ahnen hoffentlich, was ich habe leiden müssen?“
„Ich wollte Ihnen ja helfen, aber Sie selbst hatten mir den Weg dazu versperrt durch Ihr Geständnis.“
„Ach so! Ich habe dieses Geständnis mit meiner Ehre, meiner Stellung und vier Jahren Zuchthaus bezahlt.“
„Ich werde alles, alles wiedergutmachen!“
Petermann musterte den Leutnant von Kopf bis Fuß.
„Wirklich?“, fragte er. „Wollen Sie das? So sagen Sie mir doch einmal, wie Sie das anzufangen gedenken! Was meine Stelle wert war, das lässt sich ja taxieren, aber was zahlen Sie mir für meine verlorene Ehre?“
„Petermann!“
„Und für die Jahre der Gefangenschaft, für den stillen Kummer, der mich verzehrt hat, für Knechtschaft und ständige Erniedrigung, für all das, was sich einfach nicht beschreiben lässt?“
„Seien Sie nicht zu grausam!“
„Waren Sie weniger grausam? Ich habe Tag um Tag gewartet, dass Sie kommen würden, um mein Geständnis umzuwerfen – vergebens!“
„Ich muss Ihnen alles sagen und erklären. Vielleicht sehen Sie dann meine Schwachheit nicht mehr so wie jetzt. Aber dazu ist hier der Ort nicht. Kommen Sie in die Stadt zurück; wir wollen...“
Petermann schüttelte energisch den Kopf.
„Nein, nein! Ich habe keine Zeit. Wir sind geschiedene Leute, Herr Baron!“
Er riss sich los und eilte fort. Der Leutnant machte eine Bewegung, als ob er ihm nachfolgen wolle, besann sich aber, drehte sich brüsk auf dem Absatz herum und wandte sich wieder Rollenburg zu.
Als Petermann den Bahnhof erreichte, war es noch zu früh zur Abfahrt des Zuges. Er konnte noch kein Billett bekommen, suchte darum die Bahnhofsgaststätte auf und ließ sich ein Glas Bier geben – das erste seit vier Jahren. Er hatte kaum einige Minuten dagesessen, da kam ein zweiter Gast, ein junger Mann, der höflich grüßte und bei seinem Anblick zu stutzen schien. Auch Petermann kam es so vor, als kenne er ihn. Der junge Mann kam näher und fragte:
„Würden Sie mir erlauben, bei Ihnen Platz zu nehmen?“
„Ich kann nichts dagegen haben. Hier setzt sich ein jeder dahin, wo es ihm beliebt.“
„Das heißt, besser wäre es, ich suchte mir einen anderen Platz? Nicht wahr?“
„Nehmen Sie es, wie Sie wollen!“
„Nun ich gestehe, dass ich zu Ihnen komme, weil ich mich für Sie interessiere.“
„Ah! Warum?“
Der andere setzte sich, ließ sich ebenfalls ein Glas Bier geben und sagte dann, als der Kellner sich wieder entfernt hatte:
„Bemerken Sie die Falten, die Sie in Ihrem Anzug haben, mein Herr?“
„Wozu diese Frage?“
„Weil mein Anzug dieselben Falten hat. Wenn ein Rock jahrelang in einem Sack steckt, ohne angezogen worden zu sein, so sollte er doch wenigstens einmal aufgebügelt werden. Daran denken aber diese hohen Herren Beamten nicht.“
„Ah, Sie wollen sagen...“
„Dass wir Leidensgefährten sind.“
„Sie wurden auch heute entlassen?“
„Ja. Aber bitte, beurteilen Sie mich nicht falsch! Es ist nicht empfehlenswert, Zuchthausbekanntschaften zu schließen und zu pflegen. Ich werde Sie nie kennen, selbst wenn ich Sie wiedersehe. Aber heute, am ersten Tag in Freiheit, lacht einem das Herz vor Glück. Man möchte dieses Glück teilen und das kann man doch eigentlich nur mit einem Schicksalsgenossen tun. Zudem habe ich Sie öfters gesehen. Sie waren Schreiber, das ist eine Vorzugsstellung und ich ersehe daraus, dass ich es nicht mit einem Mann zu tun habe, der für das Haus, in dem wir die letzten Jahre verbracht haben, geradezu bestimmt ist.“
„Nein, das ist allerdings nicht der Fall. Auch ich habe Sie ab und zu gesehen. Wo waren Sie beschäftigt?“
„In der Furnierschneiderei.“
„Eine harte Arbeit!“
„Ich hab’s empfunden. Ich fahre von hier in die Hauptstadt.“
„Ich auch.“
„Wollen wir bis dahin beisammen bleiben?“
„Gerne!“, nickte der andere.
„Schön! Und nun einen Schluck Bier! Prosit! Ah, wie das erquickt nach dem ewigen Wasser! Eigentlich kann ich mir das nicht leisten; denn ich konnte da oben im Schloss keinen Kreuzer verdienen und bin ohnehin ein armer Teufel, aber ich habe zehn Gulden vom Regierungsrat geschenkt erhalten.“
Petermann blickte den Leidensgefährten fragend an.
„Ah, wirklich? Dieser Mann scheint trotz seiner Strenge doch ein wahrer Menschenfreund zu sein!“
„Das will ich meinen! Ich bin bis gestern vor meiner Entlassung schlecht auf ihn zu sprechen gewesen, aber er hat mich eines Besseren belehrt trotz der zweihundert Hungertage. Sie wissen ja, wie es im Zuchthaus zugeht: Wenn Sie nichts zu essen erhalten, weil Sie bei so schwerer, ungewohnter Arbeit das Pensum nicht erfüllen, so schaffen Sie es beim zweiten Mal erst recht nicht und die Kostentziehung nimmt dann kein Ende. Auch war es mir unmöglich, mich in den aufgezwungenen Gehorsam zu fügen. Man ist nicht mehr Mensch, sondern nur noch Strafobjekt; ein Ding, an dem jeder seine vermeintlichen Besserungs-Experimente betreibt. Bessern! Herrgott! Und wer sind diese Leute? Diese Aufseher sind ja selbst bestenfalls nichts anderes gewesen als Handwerker. Was verstehen sie von Psychologie? Und einen zu bessern, der nichts begangen hat, wie soll man das wohl anfangen?“
Das offene, zutrauliche Wesen des Sprechers war Petermann sympathisch; aber bei den letzten Worten lächelte er doch ein wenig spöttisch und fragte:
„Also gehören Sie zu den berühmten ‚Unschuldigen‘?“
Der andere schüttelte den Kopf.
„Nun, zu dieser Art von Unschuldigen gehöre ich keineswegs, unschuldig bin ich aber dennoch!“
„Ach so! Richtig!“
„Ich glaube, Sie lachen! Nun gut, lachen Sie oder heulen Sie, ganz wie es Ihnen beliebt. Aber ein Spitzbube bin ich doch nicht. Und trotzdem hat man mir wegen Diebstahls zwei Jahre Zuchthaus gegeben!“
Er presste dabei die Zähne zusammen, dass es laut knirschte. Petermann fühlte sich versucht, ihm Glauben zu schenken.
„Dann wären Sie in der Tat ein sehr unglücklicher Mensch!“, sagte er bedeutsam.
„Doppelt unglücklich! Ich verlor noch mehr als Zeit, Freiheit und Ehre! Ich besaß nämlich eine Geliebte, aber ein anderer Mann wollte sie mir streitig machen. Wir waren beide Buchbinder und arbeiteten bei demselben Meister. Eines Tages wurde bei ihm eingebrochen und ein Teil seines Geldes gestohlen samt einem goldenen Ehrenbecher, einem alten Familienerbstück. Nun kam also die Polizei und fand das Geld – ganz tief unten in meiner Lade versteckt.“
„Und der Goldbecher?“, fragte Petermann gespannt.
„Er wurde nie gefunden“, sagte der ehemalige Buchbindergeselle trübsinnig. „Man nahm an, dass ich ihn anderswo versteckt oder gar schon verkauft hätte, und suchte ihn bei allen Goldschmieden und Altertumshändlern der Umgebung. Aber vergeblich! Die Polizei war dann überzeugt, ich hätte den Becher ins Ausland geschafft. Wie wäre mir das aber möglich gewesen? Ich hatte doch keinerlei Beziehungen dorthin!“
Petermann schüttelte den Kopf.
„Eine seltsame Geschichte! Wie groß war der Betrag, den man in Ihrer Lade fand?“
„Zweihundert Gulden“, antwortete Heilmann.
„Und wie viel war wohl der Becher wert?“
Heilmann dachte eine Weile nach, dann sagte er:
„Wenn ich die altertümliche, kunstvolle Art der Ausführung mit in Anschlag bringe, mindestens zweitausend Gulden. Aber das Stück ist doch nahezu unverkäuflich, weil man es leicht wiedererkennt! Es ging dem Mann, der mich hasst, darum, dass ich das größtmögliche Strafmaß erhalten sollte. Aber er hatte die Absicht, den Becher für sich zu behalten und nicht zu verkaufen. Sehen Sie, hätte ich das Geld an mich bringen wollen, ich hätte es doch nicht in meiner Lade versteckt, sondern vergraben oder sonstwo versteckt. Das sagte ich auch dem Richter. Aber mein Mitgeselle beschwor, dass er mich habe aus der Oberstube kommen sehen mit etwas in der Schürze, das wie Geld klang, und weil er der Sohn meines Paten und Meisters war, glaubte man ihm jedes Wort. Die Folge waren die zwei Jahre Zuchthaus. Glauben Sie es mir oder nicht! Im Zuchthaus haben sie es freilich nicht geglaubt. So bin ich denn als Unverbesserlicher eingestuft worden und stehe unter Polizeiaufsicht. Ich habe mich sofort nach meiner Ankunft bei der Polizei zu melden; ich muss sogar damit rechnen, dass sie bereits benachrichtigt ist, mit welchem Zug ich komme.“
Petermann, der durch die Erzählung des jungen Mannes nachdenklich geworden war, fiel jetzt lebhaft ein:
„Damit wird dem Wohlgesinnten, der sich anständig verhalten will, nur der Neuanfang erschwert oder geradezu zur Unmöglichkeit gemacht.“
„Das ist sicher. Also, glauben Sie mir, dass ich unschuldig bin, mein Herr?“
„Ja“, antwortete Petermann, ihm die Hand reichend.
Die Augen des jungen Buchbinders Heilmann glänzten.
„Ich danke Ihnen“, sagte er. „Das tut meinem Herzen wohl. Ich habe in diesen zwei Jahren gut aufgepasst. Der Mensch, der den entlassenen Zuchthäusler noch weiter mit offenem Misstrauen und mit Verachtung straft, begeht ein großes Unrecht und beweist, dass er nichts vom Leben versteht. Wie viele laufen frei herum, denen ein Stammplatz im Gefängnis gebührte! Die Bevölkerung der Strafanstalten ist auch nicht anders zusammengesetzt als die freie Menschheit. Es gibt hier wie dort gute und schlechte.“
„Ich weiß das, ich weiß das sehr genau. Ich habe vier Jahre lang die Anstaltsakten in der Hand gehabt und kann Ihnen bestätigen, dass es in den Gefängnissen keine kleinere Prozentzahl guter Menschen gibt als in der Freiheit. Ich glaube Ihnen, dass Sie unschuldig sind, weil – lachen Sie nun nicht über mich! – weil ich selbst auch unschuldig bin. Ich habe gar nicht das getan, weswegen man mich bestraft hat.“
„War es auch bei Ihnen ein anderer, der Sie in das Verderben stürzen wollte?“
„Nein. Nicht so. Er handelte unüberlegt. Er war der Sohn meines Vorgesetzten. Meine Vorfahren hatten seiner Familie stets treu gedient. Ich nahm das, was er tat, auf mich.“
Heilmann sprang auf.
„Herrgott! Und er duldete das?“
„Ja. Er hatte wohl mehr zu verlieren als ich. Doch genug hiervon! Sind Sie in der Residenz bekannt?“
„Ein wenig“, versicherte Heilmann.
„Kennen Sie eine gewisse Frau Groh?“
„Hm!“, sagte Heilmann gedehnt. „Ich habe diesen Namen schon einmal nennen hören. Sie hat in der Residenz...“, hier zögerte Heilmann, „...nicht gerade den besten Ruf.“
„Herrgott! Meine Tochter dient bei ihr!“
„So nehmen Sie Ihr Kind besser sofort weg von dieser Frau.“
„Sogleich, sogleich! Wenn doch nur der Zug käme! Ah, da kommt das erste Zeichen! Lösen wir die Fahrbilletts!“
Über Petermann war plötzlich eine unbeschreibliche Unruhe, ja geradezu Angst gekommen. Er sprang in den Waggon, als könne er dadurch die Abfahrt des Zuges vorverlegen. Petermann zeigte sich unterwegs so zerstreut, dass es Heilmann nicht mehr gelang, ein richtiges Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Als der Zug auf dem Bahnhof der Residenz ankam, standen zwei Männer in Zivil auf dem Bahnsteig und beobachteten die aussteigenden Fahrgäste.
„Das muss er sein“, sagte der eine und arbeitete sich durch das Gedränge auf die beiden Schicksalsgefährten zu.
„Entschuldigung, mein Herr!“, sagte er zu Heilmann. „Darf ich fragen, von welcher Station Sie abgefahren sind?“
„Warum?“
„Dies ist meine Legitimation.“
Er griff in die Tasche und zeigte eine Polizeimarke vor. Heilmann nickte betreten und antwortete auf die Frage:
„Ich komme aus Rollenburg.“
„Sie heißen Heilmann und sind heute dort entlassen worden?“
„Ja.“
„Ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie sich sofort polizeilich anzumelden haben, anderenfalls wird man Sie festnehmen.“
„Wollen Sie es da nicht vorziehen, mich gleich mitzunehmen?“, fragte Heilmann traurig.
„Nein. Sie haben eine Formalität zu erfüllen. Tun Sie das gleich, so ist es zu Ihrem eigenen Besten. Adieu!“
Damit empfahlen sich die beiden Polizisten.
„Sagte ich es Ihnen nicht?“, fragte Heilmann seinen Reisegefährten.
„Es lässt sich leider nichts dagegen tun.“
„Nein. Übrigens erfüllen diese Leute einfach ihre Pflicht. Ich bin nicht so unverständig, ihnen böse zu sein. Aber wie soll das werden, wenn die Polizei stets zu meinen Meistern kommt, um die Aufsicht auszuführen! Gibt mir einer Arbeit, so schickt er mich doch gleich wieder fort.“
„Sprechen Sie mit dem Polizeikommissar ein aufrichtiges Wort“, riet Petermann dem Leidensgefährten. „Er wird Sie wenigstens anhören. Es dürfte ja nicht in seinem Interesse liegen, seine Leute Ihretwegen unnötig abzuhetzen.“
„Will’s versuchen. Also gleich zum Polizeigebäude! Jetzt aber wollen wir scheiden. Meine Gegenwart kann Ihnen nur Schaden bringen. Ich wünsche Ihnen alles Glück, mein lieber Herr! Wir werden uns nicht mehr kennen; wenn wir uns zufällig treffen sollten. Aber einander Gutes wünschen, das können wir doch.“
„Möge Ihr Weg nicht so steinig bleiben, wie er begonnen hat!“
Sie trennten sich mit einem Handschlag.
2. Die alte Uhr
Heilmann ging zur Polizei, um sich dort pflichtgemäß anzumelden. Die Eintragung des Namens wurde im Anmeldebüro vorgenommen, damit aber waren die Formalitäten noch nicht zu Ende. Er wurde vor einen Polizeikommissar namens Anders geführt, der ihn mit scharfen Blicken musterte und fragte:
„Sie wissen, dass Sie unter Polizeiaufsicht stehen werden?“
„Leider.“
„Es gibt mehrere Klassen dieser Aufsicht. Sie befinden sich in der dritten und strengsten. Wissen Sie, was das zu bedeuten hat?“
„Nein. Ich stand noch nie unter Polizeiaufsicht. Vielleicht haben Sie die Güte, es mir zu sagen.“
Er sprach ruhig und in höflichem Ton. Kommissar Anders betrachtete ihn abermals, schüttelte den Kopf und sagte dann:
„Ich habe Sie ja zu diesem Zweck kommen lassen. Sie sehen mir nicht wie ein gemeingefährlicher Mensch aus. Aber Sie können sich während Ihrer Gefangenschaft unmöglich zur Zufriedenheit Ihrer Aufseher geführt haben, denn Sie haben wiederholt Disziplinarstrafen erhalten.“
„Leider muss ich das zugeben.“
„Daher folgende Auflagen: Sie dürfen keine Gastwirtschaft besuchen.“
„Ich habe ohnehin nicht das Geld dazu.“
„Ferner dürfen Sie die Stadt nicht verlassen, ohne mich um Erlaubnis gefragt zu haben.“
„So bin ich also erneut Gefangener?“, fragte Heilmann bestürzt. „Zwar nicht in der Zelle, aber doch in der Stadt?“
„So ist es. Erlaube ich Ihnen, die Stadt zu verlassen, so haben Sie sich zur vorher bestimmten Zeit wieder einzufinden und sich auf die Minute pünktlich bei mir zu melden.“
Heilmann senkte den Kopf.
„Das ist hart, sehr hart, Herr Kommissar!“, stieß er hervor.
„Aber vom Gesetz vorgeschrieben!“
„Wenn mich nun mein Beruf oder mein Geschäft zu einer Reise veranlassen?“
„Ich werde nicht übermäßig streng sein, muss aber Pünktlichkeit verlangen. Ferner haben Sie mir jeden Wohnungswechsel vorher zu melden. Und endlich müssen Sie alle Fragen, die meine Untergebenen an Sie richten, höflich und der Wahrheit gemäß beantworten. In der ersten Zeit werden Sie täglich von einem Polizisten aufgesucht.“
Heilmann erschrak.
„Wer wird mir unter solchen Verhältnissen Wohnung und Arbeit geben?“, fragte er mit bebender Stimme.
Der Kommissar zuckte die Achseln.
„Das ist Ihre Sache. Übrigens haben Sie sich abends um Punkt zehn Uhr im Bett zu befinden. Es ist notwendig, dass meine Leute Sie kennenlernen, darum werde ich Sie jetzt hierbehalten müssen. In einer Stunde ist Morgenappell der diensttuenden Polizisten. Ich werde Sie ihnen vorstellen. Morgen um dieselbe Stunde haben Sie sich abermals einzufinden, um der anderen Schicht gezeigt zu werden.“
Die Augen des armen Buchbinders verdunkelten sich. Er hielt mit Mühe die Tränen zurück.
„Herr Kommissar“, sagte er, „ich komme mir vor wie ein Schwerverbrecher. Ist eine solche Strenge nötig?“
Das intelligente Gesicht des Beamten zeigte einen teilnehmenden Ausdruck. Er antwortete:
„Ich mache Sie notgedrungen mit dem bekannt, was man von Ihnen fordert und erwartet. Im Übrigen will ich Ihnen sagen, dass es mir keineswegs Vergnügen bereitet, einem Menschen das Leben schwerzumachen. Verhalten Sie sich anständig, so ist es zu Ihrem Besten. Sehe ich, dass ich Ihnen Vertrauen schenken kann, so werden Sie bald nicht mehr bemerken, dass Sie beaufsichtigt werden. Wo wohnen Sie?“
„Das weiß ich noch nicht. Ich will mir erst eine Arbeit suchen, aber vielleicht bin ich bereits heute gezwungen, einen Ihrer Befehle zu übertreten.“
„Wieso?“
„Wenn ich keine Arbeit und kein Unterkommen finde, so muss ich in einer Herberge nächtigen, und diese ist doch ein öffentliches Schanklokal, mir also verboten.“
„Nun, mit der Herberge will ich eine Ausnahme machen. Aber sehen Sie lieber, so bald wie möglich eine eigene Bleibe zu finden. Haben Sie denn keine Verwandten oder Bekannten, die sich Ihrer annehmen könnten?“
„Nein, aber einen alten Paten besitze ich noch. Der ist wohl der Einzige, von dem ich Mitgefühl zu erwarten habe.“
„So gehen Sie hin zu ihm“, riet der Kommissar. „Verfügen Sie sich nun hinaus ins Wartezimmer. Dort bleiben Sie, bis Sie zum Appell geführt werden!“
Heilmann gehorchte. Er saß eine Stunde lang draußen unter Aufsicht eines Gendarmen, der ihn dann in einen Saal führte, wo er den versammelten Polizisten vorgestellt wurde. Sie betrachteten ihn aufmerksam, um sich sein Gesicht, seine Gestalt, sein ganzes Äußeres einzuprägen, dann durfte er gehen.
Als er aus dem Gebäude trat, holte er tief Atem. Es war ihm, als ob er jetzt von einem fürchterlichen Alpdrücken, von einer entsetzlichen Beängstigung erlöst worden war.
Was nun tun? Wohin sich wenden? Er beschloss, den alten Paten aufzusuchen. Zwar hatte er gerade dessen Sohn das ganze Unglück zu verdanken, aber der Pate hatte wohl nie wirklich an die Schuld ‚seines‘ Wilhelm Heilmann geglaubt. Zudem war der alte Heider ja Buchbinder und würde ihm vielleicht wieder Arbeit geben.
Wilhelm hatte bereits die Hälfte des Weges zurückgelegt, als er überlegend stehenblieb. Er dachte an seine damalige Geliebte. Sollte er nicht lieber sie aufsuchen? Aber wo fand er sie? Anna war Dienstmädchen gewesen. Vielleicht stand sie aber gar nicht mehr bei ihrer damaligen Herrschaft in Diensten. Er setzte also seinen Weg fort.
In der Vorstadt lag das kleine Häuschen, das seinem Paten Heider gehörte. Dessen Sohn war sein Nebenbuhler und – Verderber gewesen, vielleicht – ! Er wagte den Gedanken gar nicht zu Ende zu führen und beschleunigte seine Schritte. Er erkannte das Häuschen sofort wieder. Die Tür stand offen, sodass er direkt eintreten konnte. Gerade in demselben Augenblick kam eine junge Frau heraus. Beide sahen sich, blieben stehen und stießen einen Ruf des Erstaunens oder vielmehr des Erschreckens aus.
„Anna!“, rief Heilmann.
„Wilhelm! Du hier?“, fragte sie. „Was willst du?“
„Das möchte ich dich fragen, Anna. Was hast du in diesem Haus zu schaffen?“
Sie blickte einen Augenblick lang verlegen zu Boden. Dann richtete sie ihre Augen wieder auf ihn, ernst und vorwurfsvoll, und fragte in hartem Ton:
„Das weißt du nicht? Ich meine, du könntest es dir denken!“
Erst jetzt kam ihm die volle Erkenntnis.
„Du hast ihn geheiratet!“, murmelte er. „Mein Gott! Was hast du mir angetan, Anna?“
Sie trat einen Schritt näher und sagte:
„Und was hast du mir angetan, Wilhelm?“
Heilmann blickte sie verständnislos an.
„Was denn? Ich habe an dir nichts verschuldet!“
„Nichts? Wirklich? Ich meine den – Diebstahl!“, stieß sie heftig hervor.
Er fuhr sich mit beiden Händen nach dem Herzen.
„Den Diebstahl!“, stammelte er. „Den Diebstahl! Also auch du, Anna! Glaubst du denn wirklich, dass ich es gewesen bin?“
„Wer sonst?“, antwortete sie kurz.
„Kein anderer als dein – ach Gott – dein Mann!“
Das Gesicht der Frau versteinerte noch mehr.
„Das hast du damals vor Gericht auch gesagt, es war eine Schlechtigkeit von dir. Man hat das Geld in deiner Lade gefunden. Kannst du das etwa leugnen?“
„Nein. Aber ich bin es nicht gewesen!“
„Das glaubt dir niemand!“
Heilmann schlug die Hände vor das Gesicht.
„So sind also meine Ahnungen und Befürchtungen eingetroffen. O Anna, du weißt nicht, wie unglücklich ich jetzt bin!“
„Du hast es dir nur selbst zuzuschreiben. Wann bist du entlassen worden?“
„Heute früh.“
„Wo wohnst du?“
„Das weiß ich noch nicht. Ich habe noch keinen Meister. Ich wollte mit dem Paten sprechen und da – da traf ich dich.“
„Mit deinem Paten? Der kann dir auch nicht helfen. Er hat das Geschäft meinem Mann übergeben.“
Wilhelm Heilmann schüttelte traurig den Kopf.
„Ach so! Da werde ich freilich keine Arbeit erhalten!“
„Nein. Mein Mann ist sehr schlecht auf dich zu sprechen, weil du damals die Schuld auf ihn hast schieben wollen. Ein Glück, dass er im Augenblick nicht zu Hause ist, es würde einen Mordsspektakel geben. Tu mir den Gefallen und geh!“
„Ja. Ich werde gehen, Anna. Du sollst meinetwegen keinen Zank haben. Mir ist’s, als ob ich soeben gestorben sei. Grüß mir den Paten!“
Heilmann wollte sich zum Gehen wenden, hielt aber ein, als er sah, dass Anna bei dem Wort ‚Pate‘ die Fäuste geballt hatte und mit dem Fuß aufstampfte.
„Den?“, fragte sie. „Mit dem rede ich nicht! Wer kann es mit diesem alten Nörgler aushalten! Es wäre am besten, die Engel hätten ihn. Er hat mir, seitdem ich verheiratet bin, das Leben sauer genug gemacht. Jetzt hat er endlich dafür den Lohn erhalten. Der Schlag hat ihn gerührt.“
Heilmann traute seinen Ohren nicht. War das die, welche er so lieb gehabt hatte? War es möglich, dass das Mädchen, dem sein Herz gehört hatte, so gefühllos sein konnte?
„Der Schlag hat ihn getroffen?“, fragte er leise. „Wann?“
„Vor sechs Wochen.“
„Mein Gott, wie der brave Mann mich dauert!“
„Brav? Ein Drache ist er! Bedauere ihn nur! Was hat es für Zank und Streit gekostet, ehe er uns das Geschäft und das Häuschen übergeben hat! Nun liegt er da, kann sich kaum rühren und ist doch nicht satt zu füttern.“
„Wo ist er denn?“
„Droben unter dem Dach.“
„Bei dieser Kälte?“
„Sollen wir ihn etwa in die Stube nehmen? Geh jetzt, geh! Mein Mann könnte kommen, und dann gnade dir Gott!“
Heilmann konnte kaum sprechen. Heiser sagte er:
„Ja, ich will gehen. Leb wohl, Anna! Gott verzeihe dir, wie ich dir heute verzeihe!“
Sie antwortete nicht. Er drehte sich um und ging. Draußen aber blieb er nach einigen Schritten stehen.
„Der Schlag getroffen – den guten Alten – oben liegt er unter dem Dach. Nein, es ist meine Pflicht! Ich muss unbedingt nach ihm sehen, der mir immer ein väterlicher Freund war und nie ganz an meine Schuld geglaubt hat.“
Er kehrte zurück. Die Tür stand noch offen, aber Anna war nicht zu sehen. Er stieg die Treppe und dann die Oberbodentreppe empor. Da, unter dem Dach, stand ein Bett, in dem der Kranke lag. Die Lumpen, welche ihn bedeckten, waren kaum Decken zu nennen, durch die Dachziegel hatte es hereingeschneit, der Schnee lag zollhoch auf der halbverfaulten Diele. Es war ein schrecklicher Anblick. Der Alte sah fast aus wie eine Leiche, das graue Haar wirr und die Wangen eingefallen.
Als Heider den jungen Mann erkannte, glitt ein Zug der Freude über sein Gesicht.
„Wilhelm!“, stieß er hervor.
„Pate, mein lieber Pate! Wie finde ich Sie wieder!“
Bei diesen Worten trat er an das Bett, um die Hände des Alten zu erfassen. Sie waren eiskalt. Dem Kranken traten dicke Tränen in die Augen, aber er war nicht im Stande, sie wegzuwischen.
„Ich wollte, ich wäre tot!“, flüsterte er mit hörbarer Anstrengung.
„Aber kümmert sich denn niemand um Sie?“, fragte Heilmann.
„Niemand! Das Haus haben sie, nun ist’s gut, nun kann ich sterben und verderben!“
„War denn kein Arzt da?“
Der Kranke schloss die Augen, dann öffnete er sie wieder und bewegte den Kopf, als wollte er nicken.
„Zweimal. Er sagte, er könne nichts tun.“
„Aber wärmere Decken müssen Sie haben!“
„Man gibt mir keine!“
„Und Essen, Trinken?“
Wieder rollte eine Träne über die Wange des Alten.
„O Wilhelm, ich habe Hunger, großen Hunger!“
„Herrgott! Gibt man Ihnen nicht genug? Ich werde augenblicklich hinuntergehen, ich werde mit der Anna sprechen und mit Ihrem Sohn. Sie müssen...“
„Nein, nein!“, flüsterte der Alte heiser. „Um Gottes willen, nicht! Es würde mir nachher nur schlimmer ergehen. Ich weiß, dass ich bald sterbe, diese paar Tage will ich noch Frieden haben. Aber ehe ich sterbe, möchte ich...“
Er konnte vor Schluchzen nicht weiterreden. Heilmann zog sein Taschentuch hervor, trocknete dem Alten die Tränen ab und fragte dann:
„Was möchten Sie denn? Sagen Sie es mir!“
„Mich noch einmal satt essen!“
„Du lieber Gott! Das sollen Sie!“, rief Wilhelm aus. „Ich gehe gleich zum Fleischer und zum Bäcker. Ich hole Ihnen etwas.“
„Hast du denn Geld? Ich denke, du kommst aus – aus...“
Er wollte das böse Wort nicht aussprechen.
„Aus dem Zuchthaus? Ja, daher komme ich. Aber ich habe doch ein paar Gulden. Ich kann einige Brötchen und ein Stück Wurst bezahlen.“
„Aber lass dich unten nicht sehen!“
Heilmann ging. Behutsam schlich er hinunter und kehrte schon bald wieder zurück.
Die Augen des Kranken waren hungrig auf die Esswaren gerichtet, die Heilmann mitgebracht hatte.
„Bist du gesehen worden?“, fragte er besorgt.
„Nein. Ich habe mich in Acht genommen. Hier, lieber Pate, ist Wurst. Auch einige Brötchen und Kuchen habe ich mitgebracht. Und da – Sie frieren und Feuer gibt es hier oben nicht – ich bin zum Kaufmann gegangen und habe mir ein Fläschchen Schnaps geben lassen. Ich denke, das wird Sie ein wenig wärmen!“
„Du Guter!“, flüsterte der Alte. „Kommst aus dem Zuchthaus und bist besser als mein eigener Sohn! Ja, ich glaube wirklich, dass du unschuldig warst und er das Geld unterschlagen hat.“
Heilmann sah, mit welchem Verlangen die Augen des Kranken an den mitgebrachten Sachen hingen, und sagte:
„Kommen Sie! Ich werde Ihnen zu essen geben.“
Wilhelm bestrich die Brote mit Wurst und begann den Alten zu füttern. Trotz seiner Schwäche verschlang der Pate gierig die Speisen. Er verzehrte alles, selbst der Branntwein wurde bis zum letzten Tropfen ausgetrunken. Dann stieß er einen Seufzer aus und sagte mit Tränen in den Augen:
„Gott vergelte es dir! Du darfst leider nicht wiederkommen. Ach, könnte ich mir doch, wenn ich Hunger habe, etwas holen lassen! Hunger tut so weh!“
„Haben Sie denn kein Geld?“
„Keinen Kreuzer.“
„Aber Sie haben doch auch niemand, den Sie schicken könnten, selbst wenn Sie Geld hätten!“
„Der Junge von den Leuten, die in der Hinterstube wohnen, kommt zuweilen herauf. Er könnte für mich etwas besorgen.“
Heilmann überlegte eine Weile, dann sagte er:
„Nun, da will ich Ihnen etwas Geld hinlegen. Viel ist es freilich nicht. Zehn Gulden habe ich geschenkt erhalten. Davon ist der Betrag für das Bahnbillett und für einige andere Dinge bereits abgegangen. Zwei Gulden kann ich Ihnen aber gern geben.“
Der Alte versuchte sich aufzurichten.
„Wilhelm, du brauchst es doch selber! Hast du Arbeit?“
„Nein.“
„Und du wirst wohl auch schwer welche finden. Nein, ich kann das Geld nicht annehmen! Aber höre, da fällt mir etwas ein. Gib mir einmal das Zigarrenkästchen da auf dem Balken.“
Wilhelm gehorchte. Mit zitternden Händen öffnete der Alte das Kästchen, in dem sich ein altes Gesangbuch und eine abgewetzte Taschenuhr befanden.
„Das ist alles, was ich noch habe“, sagte der Alte. „Sieh dir einmal die Uhr an! Wie viel ist sie wohl wert?“
Heilmann betrachtete sie und sagte:
„Es ist eine Spindeluhr, abgegriffen und ausgeleiert. Ich glaube nicht, dass man viel dafür bekommen wird.“
„Aber zwei Gulden doch wohl?“
„Vielleicht.“
„Ich verkaufe sie dir. Nimm sie für die zwei Gulden, die du mir geben willst.“
Als er sah, dass Heilmann ihm widersprechen wollte, fuhr der Alte mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit fort:
„Du bekommst nicht gleich Arbeit. Du brauchst das Geld ganz notwendig.“
Heilmann zögerte, aber der Alte ließ nicht nach. Das Reden strengte ihn an, und um ihn von dieser Anstrengung zu befreien, gab Wilhelm nach:
„Gut, ich nehme die Uhr. Hier ist das Geld.“
„Aber verkaufe sie, Wilhelm, damit du wieder Geld bekommst, und zwar noch heute! Willst du mir das versprechen?“
Um den Paten zu beruhigen, stimmte Heilmann zu. Der Alte fiel auf das elende Lager zurück und flüsterte:
„So bin ich ruhig. Du wirst nun keinen großen finanziellen Verlust erleiden.“
„Ich denke es“, versicherte Heilmann, sagte sich aber im Stillen, dass er wohl kaum einen einzigen Gulden für die Uhr erhalten werde.
„Und nun lege das Geld in den Zigarrenkasten“, bat der Alte. „Lieber Wilhelm, ich möchte – – hast du denn noch Zeit und willst mir einen letzten Gefallen tun?“
„Gern, wenn ich kann“, sagte Heilmann bewegt.
Der Alte fasste seine Hand.
„Es kümmert sich kein Mensch um mich. Ich werde sicher nicht wieder gesund, und – und – willst du nicht einmal das Gesangbuch aufschlagen und mir etwas vorlesen? Ich meine das Lied, das so anfängt: ‚Es kann vor Abend anders werden‘.“
„Ich will sehen.“
Wilhelm schlug die Sterbelieder auf, suchte nach und sagte dann:
„Hier ist es.“
„Lies vor, lieber Wilhelm!“, bat der Alte.
Seine Stimme war leiser geworden und über sein eingefallenes Gesicht begann sich ein Zug milder Ergebung auszubreiten.
Heilmann begann:
„Es kann vor Abend anders werden,
als es am Morgen mit mir war.
Den einen Fuß hab ich auf Erden,
den andern auf der Totenbahr.
Ein kleiner Schritt ist nur dahin,
wo ich der Würmer Speise bin.“
Er hielt inne. Der alte Buchbinder lächelte ihm zu und bat:
„Noch eine Strophe, noch eine!“
Heilmann las weiter:
„Dringt mir der letzte Stoß zum Herzen,
so schließe mir den Himmel auf.
Verkürze mir des Todes Schmerzen,
und hole mich zu Dir hinauf.
So ist mein Abschied keine Pein,
und ich werd’ ewig selig sein!“
Als jetzt der Vorleser seinen Blick vom Buch weg auf den Kranken richtete, hatte dieser die Augen geschlossen. Seine Lippen bewegten sich leise wie im stillen Gebet. Nach einiger Zeit erklang es flüsternd:
„Es ist nun aus mit meinem Leben!“
Heilmann schlug dieses Lied auf und las vor:
„Es ist nun aus mit meinem Leben,
Gott nimmt es hin, der mir’s gegeben,
führt mich ins bess’re Dasein ein.
Mein Lebenslicht ist ausgegangen,
zum Himmel eil’ ich mit Verlangen,
um ewig bei dem Herrn zu sein.
Es ist nun aus, es ist vollbracht.
Welt, gute Nacht!“
Wilhelm las langsam alle sechs Strophen dieses Sterbelieds. Der Alte bewegte sich nicht. Als er zu Ende gelesen hatte, wartete Heilmann noch eine Weile, dann neigte er sich über seinen Paten und horchte.
„Er schläft!“, flüsterte er. „Der Atem geht ruhig und ist kaum noch zu spüren. Er hat sich endlich einmal satt gegessen und wird nun weiterschlafen.“ Er legte das Gesangbuch in den Kasten zurück. Als er die beiden Gulden erblickte, musste er wieder an die Uhr denken. „Was mache ich?“, fragte er sich. „Lege ich sie ihm wieder hin oder nehme ich sie mit? Wenn ich sie nicht nehme, so ärgert der Pate sich. Ich kann sie ja verkaufen und ihm dann das Geld bringen. Ja, ich will sie doch mitnehmen!“
Er schlich sich leise fort und zur Treppe hinab. Eben als er durch den Hausflur huschen wollte, wurde die Stubentür geöffnet und Anna trat heraus. Sie erblickte ihn und zog erschrocken die Tür hinter sich zu.
„Um Gottes willen!“, flüsterte sie. „Du bist wieder hier?“
„Ich war noch gar nicht fort“, antwortete er. „Ich wollte gehen, da fiel mir der arme Pate ein. Ich ging zurück und hinauf zu ihm.“
„Zum Paten?“, fragte Anna ängstlich. „Leise, leise! Mein Mann sitzt drin! Was hast du denn da oben zu suchen gehabt?“
Wilhelm wurde bei diesen Worten zornig. Er antwortete:
„Es wäre besser, Ihr suchtet auch etwas da oben. Der Alte verhungert und verfault ja ganz!“
Ihr Gesicht rötete sich, ihre Augen blitzten und sie schimpfte:
„Was fällt dir ein? So ein Zuchthäusler wäre mir der rechte Kerl, uns Vorschriften zu machen! Pack dich fort, sonst hole ich meinen Mann!“
Sie trat eilig in die Stube zurück und er entfernte sich mit schwerem Herzen. Ihm fielen die schönen Stunden ein, die er mit Anna einst verbracht hatte, ihre Versprechungen und Schmeicheleien. Doch was nützten ihm nun die Erinnerungen? Er schüttelte die Gedanken ab und ging.
Alle seine Bemühungen und Bitten auf der Suche nach Arbeit waren vergebens. Kein Mensch wollte einem entlassenen Zuchthäusler, der noch dazu unter Polizeiaufsicht stand, Arbeit geben. Müde und niedergeschlagen suchte er die Herberge auf, um sich auf einem kargen Strohlager auszuruhen.
*
Der Buchbinder Kurt Heider saß mit seiner Frau beim Abendessen. Geredet wurde nicht viel, dafür war er viel zu sehr damit beschäftigt, möglichst große Bissen Fleisch in den Mund zu stopfen. Heider war ein breitschultriger Mann mit schwarzen Haaren und einer ewig unzufriedenen Miene. Man sah es ihm an, dass er sehr leicht jähzornig werden konnte. Endlich wandte er sich seiner Frau zu.
„Warst du einmal beim Alten droben?“, fragte er.
„Nein“, sagte Anna einsilbig.
„Hat er nicht gerufen?“
„Ich habe nichts gehört“, brummte sie.
Kurt Heider schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Es ist doch ein Kreuz mit dem Greis! Warum stirbt er nicht endlich? Wie ein Wickelkind muss man ihn füttern! Bring ihm einen Teller Suppe hinauf, Anna!“
Seine Frau schüttelte den Kopf.
„Zu dem Alten? Da hinauf bringst du mich nicht! Und füttern soll ich ihn? Was geht er mich an? Geh du hinauf!“
Er wurde unwillig, aber sein Schimpfen half nichts. Er zündete also die Laterne an, nahm den kleinen Topf, in dem sich einige Löffel Suppe befanden, und stieg die beiden Treppen empor. Oben herrschte tiefe Stille.
„Vater!“, sagte er.
Kein Laut war zu vernehmen.
„Vater!“
Es blieb still. Er trat näher an das Bett und leuchtete dem Liegenden ins Gesicht. Dieses zeigte ein ruhiges, beinahe kindliches Lächeln, das wie eingefroren wirkte.
„Verdammt!“, stieß Kurt Heider halblaut hervor. „Ist er etwa gestorben?“
Er setzte den Topf ab und fasste die Hand des Vaters.
„Wahrhaftig! Tot, ganz tot! Da muss ich doch gleich die Anna heraufholen!“
Ohne sonderliche Gemütsbewegung stand er auf und leuchtete mit der Laterne umher. Dabei fiel sein Auge auf den Zigarrenkasten.
„Das also ist das ganze Erbe! Das Gesangbuch und die alte abgegriffene Uhr. Die will ich – – Donnerwetter!“
Er hatte das Gesangbuch herausgenommen und blickte nun erstaunt in das Kästchen.
„Zwei Gulden! So hat der alte Heuchler doch noch Geld gehabt! Das will ich gleich einstecken. Die Anna braucht nichts davon zu wissen, die zwei Gulden kommen mir für den Skatabend und für Bier gerade recht!“
Er nahm das Geld und suchte dann weiter:
„Aber die Uhr ist fort! Wo ist sie hin? Ich muss Anna fragen. Vielleicht weiß sie es.“
Er ging hinab. Seine Frau bemerkte, dass er den Topf nicht mitgebracht hatte.
„Hast du das Geschirr stehenlassen?“, fragte sie.
„Das steht noch oben. Er hat die Suppe gar nicht gebraucht, denn er wird nie mehr eine essen.“
„Was?“, fiel sie ein. „Ist er endlich tot?“
„Ja. Er muss ganz ruhig eingeschlafen sein.“
„Gott sei Dank!“, rief Anna aus.
„Ja, Gott sei Dank!“, stimmte der gefühllose Sohn zu. „Nun bin ich Herr im Haus! Aber – hat er dir etwas von der alten Uhr gesagt?“
„Sie lag im Zigarrenkasten bei dem Gesangbuch.“
„Da ist sie nicht mehr.“
„Der Alte kann sie doch schlecht versteckt haben, der konnte sich ja kaum noch rühren.“
„Komm, wir wollen nach ihr suchen!“
Das wollte der Frau gar nicht gefallen.
„Suchen? Ich soll mit hinauf? Zu der Leiche? Und jetzt bei Dunkelheit? Fällt mir gar nicht ein! Ich fürchte mich!“
Kurt Heider ließ ein verächtliches Lachen hören.
„Unsinn! Kein Toter tut einem etwas! Übrigens können wir ihn nicht so liegen lassen. Wir müssen den Tod melden. Der Tischler wird kommen, Maß für den Sarg zu nehmen, auch die Leichenfrau und der Totengräber. Wenn sie ihn in diesem Schmutz finden, gibt es nur Gerede, das uns schaden kann. Wir nehmen die Lappen weg, auf denen er liegt, und legen besseres Bettzeug hinein. Das ist sehr nötig.“
„Hm!“, meinte seine Frau nachdenklich. „Da hast du Recht.“
Sie stiegen hinauf und hoben, so sehr die Frau sich auch ekelte, die Leiche aus dem Bett, um ein besseres Lager zurechtzumachen. Dann wurde der Tote wieder hineingelegt. Als sie damit fertig waren, begann der Mann abermals nach der Uhr zu suchen.
„Das ist doch sonderbar!“, sagte er. „Ich weiß ganz genau, dass sie gestern noch da war. Doch halt! Es könnte ja jemand hier gewesen sein. Vielleicht hat sich irgendein Strolch eingeschlichen. Es gibt Bettler und Hausierer, die sich – – was hast du denn?“
Sie hatte einen halblauten Ruf des Erstaunens ausgestoßen.
„Vielleicht weiß ich, wer der Spitzbube ist!“, murmelte sie erschrocken.
„So? Wer denn?“
„Der Wilhelm Heilmann.“
Kurt schüttelte den Kopf.
„Der Heilmann? Unsinn! Der sitzt ja im Zuchthaus!“
„Nein, er ist wieder frei und war heute hier!“
„Was?“ Kurt Heider ballte die Fäuste und starrte seine Frau wütend an. „Und du sagst mir nichts? Weib, dein früherer Anbeter besucht dich heimlich? Ich schlage dir alle Knochen im Leib entzwei! Gleich gestehst du, was er gewollt hat!“
„Na, sei nur nicht gar so patzig! Mit einem Zuchthäusler brauchst du mich doch nicht zusammenzubringen, da kennst du mich schlecht!“
„Er ist aber doch dagewesen!“, rief Kurt aus. „Was hatte er denn hier zu suchen?“
„Heute ist er freigelassen worden und wollte zu dem Alten da, der ja sein Pate war. Er dachte, dieser habe das Geschäft noch, und wollte Arbeit von ihm haben. So hat er es mir jedenfalls gesagt.“
Kurt blickte sie eifersüchtig an, dann stieß er hervor:
„Erzähl mir doch keine Märchen! Zu dir wollte er, zu dir und zu keinem anderen! Aber ich werde es ihm heimzahlen und dir sage ich auch etwas: wenn du ihn noch einmal hier einlässt, dann...“
Blind vor Wut und Eifersucht packte er sie und schüttelte sie so heftig, dass sie am ganzen Leib zitterte. Freilich waren solche Wutausbrüche bei ihm nicht selten. Anna hatte sie früher für leidenschaftliche Beweise seiner Liebe gehalten, war aber bald eines Besseren belehrt worden. Nachdem der immer gleichmäßig freundliche Heilmann als gemeiner Dieb entlarvt wurde, hatte sie nur allzu gern den leidenschaftlichen Werbungen Kurt Heiders nachgegeben, doch heute wusste sie, dass sie einen völlig unbeherrschten Mann geheiratet hatte.
„Beruhige dich!“, rief sie. „Hast du immer noch deine lächerliche Angst vor Wilhelm?“
Kurt ließ von ihr ab und ging aufgeregt hin und her. Schließlich blieb er stehen.
„Nun gut, wenn sein Besuch denn wirklich so harmlos und zufällig war, wie du sagst – warum hast du ihn mir verschwiegen?“
Anna lächelte grimmig.
„Du warst nicht zu Hause. Als du endlich kamst, hattest du so schlechte Laune, dass ich lieber warten wollte bis morgen. Ich hatte ihn gleich fortgeschickt und er war scheinbar auch gegangen. Später aber traf ich ihn wieder im Hausflur. Ich fragte ihn, was er hier zu suchen habe. Er sagte, er sei oben beim Alten gewesen, und wurde sofort grob. Wir ließen den Paten verfaulen und verhungern, rief er, wir sollten uns mehr um ihn kümmern!“
Heider ballte die Fäuste.
„Dieser freche Kerl! Das soll er mir büßen! Also, er ist oben gewesen und hat sich später heimlich fortschleichen wollen. Und jetzt ist die Uhr weg! Wenn das nicht klar und deutlich ist! Gleich gehe ich zur Polizei! Hat er nicht gesagt, wir ließen den Vater verfaulen und verhungern? Das muss bestraft werden!“
Sie widersprach nicht, es hätte auch nichts genützt.
*
Wilhelm Heilmann saß in der Herberge. Er hatte sich für einige Kreuzer Kartoffeln und einen Hering geben lassen und verzehrte eben sein frugales Abendbrot, als zwei Gendarmen eintraten. Sie sahen sich in der Stube um, die voller Handwerksburschen war, gewahrten Heilmann und kamen auf ihn zu.
„Haben wir uns nicht heute schon einmal gesehen?“, fragte der eine.
„Wahrscheinlich“, antwortete er zwar höflich, aber gleichmütig. „Sie werden mich wohl wiedererkennen.“
Er glaubte, es handle sich nur um die obligatorische Kontrolle, ob er sich wirklich in der Herberge befände. Er stand ja unter Aufsicht.
„Sie sind der Buchbinder Heilmann und wollen heute hier schlafen?“
„Ja.“
„Wo haben Sie Ihr Eigentum, Ihr Gepäck?“
„Ich habe kein Gepäck. Ich trage alles, was mir gehört, in den Taschen bei mir.“
„So lassen Sie uns sehen, was Sie besitzen!“
Das hatte er nicht erwartet.
„Aber, meine Herren“, fragte Wilhelm erstaunt, „geht ihre Befugnis denn wirklich so weit? Glauben Sie etwa, weil ich heute entlassen worden bin, muss ich auch sofort stehlen?“
Der andere Gendarm blickte Heilmann streng an.
„Wir werden sehen, was wir zu glauben haben. Leeren Sie Ihre Taschen!“
Er sah ein, dass er gehorchen musste. Es bildete sich ein Kreis von Zuschauern um den Tisch. Das erbitterte ihn so, dass er vor Zorn hätte weinen können. Er sagte dennoch im ruhigen Ton:
„Ich werde tun, was Sie befehlen, aber ich will mich später erkundigen, ob Sie nicht zu weit gegangen sind. Hier!“
Er zog die wenigen Gegenstände, die er bei sich trug, aus den Taschen und legte sie auf den Tisch. Die Uhr des Paten war auch dabei. Die Gendarmen wechselten einen Blick miteinander und dann sagte der eine:
„Es genügt! Stecken Sie die Dinge wieder ein!“
Heilmann tat es und fragte beinahe ein wenig spöttisch:
„Nun darf ich wohl weiteressen?“
„Nein, Sie werden jetzt mit uns gehen, Herr Heilmann! Sie sind unser Gefangener.“
Der junge Buchbinder wurde leichenblass.
„Sie arretieren mich? Mein Gott! Ich kann nicht begreifen, warum! Ich bin mir keiner strafbaren Handlung bewusst. Hängt das denn mit dem Umstand zusammen, dass ich unter Polizeiaufsicht stehe?“
„Nein. Sie sind angezeigt.“
„Weshalb?“
„Das werden Sie nachher hören.“
„Nun gut, das beruhigt mich. Ich habe nichts Unrechtes begangen und kann getrost mit Ihnen gehen. Kommen Sie, meine Herren! Ich bin überzeugt, dass es sich nur um einen Irrtum handelt.“
Sie nahmen ihn in ihre Mitte und führten ihn fort. Als sie auf die Straße traten, kam ihnen ein nicht mehr ganz junger Mann entgegen, der erstaunt stehenblieb und sie aufmerksam beobachtete. Im Polizeigebäude angekommen, wurde Heilmann in dasselbe Zimmer geführt, in dem er noch am Morgen mit Kommissar Anders gesprochen hatte. Dieser war noch anwesend, obgleich die eigentliche Arbeitszeit vorüber war. Heilmann grüßte höflich. Der Kommissar achtete nicht darauf und fragte nur kurz die Gendarmen:
„Gefunden?“
„Ja!“
Er gab ihnen einen Wink und sie verließen das Zimmer. Jetzt wendete er sich dem Buchbinder zu. Er musterte ihn mit finsteren Blicken, schüttelte den Kopf und sagte dann:
„Unbegreifliche Menschen, die es auf dieser Erde gibt! Man möchte allen Glauben an die Menschheit verlieren! Wie lange ist es wohl her, dass Sie mir versprachen, ich würde mit Ihnen zufrieden sein können?“
„Das war heute Morgen, Herr Kommissar.“
„Heute morgen, ja! Und jetzt? Glauben Sie wohl, dass ich mit Ihnen zufrieden bin?“
Heilmann wurde blutrot.
„Warum sollten Sie nicht mit mir zufrieden sein, Herr Kommissar?“, fragte er hilflos.
„Warum?“, wiederholte der Kommissar grimmig. „Das werden Sie ja sehen! Leeren Sie Ihre Taschen!“
Heilmann gehorchte. Der Kommissar betrachtete die Gegenstände und klingelte dann. Auf dieses Zeichen trat eine Person ein, die Heilmann nicht erwartet hätte, sein ärgster Feind Kurt Heider.
„Treten Sie näher!“, sagte der Kommissar zu ihm. „Sehen Sie sich die Uhr an! Ist es die Ihrige?“
Der Buchbinder betrachtete die Uhr und antwortete:
„Ja, sie ist es.“
„Sie selbst haben ihn nicht in Ihrem Haus gesehen?“
„Nein. Meine Frau hat mit ihm zweimal gesprochen. Er war ganz erschrocken, als sie ihn beim Fortschleichen ertappte.“
„Schön! Jetzt Sie, Heilmann! Wem gehört diese Uhr?“
„Mir!“
Der Kommissar lächelte sarkastisch.
„Wie ist sie denn in Ihren Besitz gekommen?“
„Ich habe sie von meinem Paten, dem Vater dieses Mannes, gekauft.“
„Wie viel haben Sie dafür bezahlt?“, fragte der Kommissar.
„Zwei Gulden.“
„Wenn Sie annehmen, bei mir Glauben für diese Ausrede zu finden, so irren Sie sich!“, rief der Kommissar böse.
„Ich bitte den Herrn Kommissar dringend, den Vorgang erzählen zu dürfen“, sagte Heilmann ernst.
„Gut, erzählen Sie!“
Heilmann berichtete über sein heutiges Erlebnis. Er versäumte es auch nicht, seine erste Verurteilung zu erwähnen, damit der Kommissar das heutige Geschehen besser beurteilen konnte. Der Beamte hörte ihm aufmerksam zu und sagte, als er geendet hatte:
„Das klingt so, dass man versucht wäre es zu glauben.“
„Mein Pate kann es mir bezeugen!“
„Der ist unterdessen gestorben.“
Wilhelm stockte, dann schlug er die Hände vor das Gesicht und stieß hervor:
„Der Pate – gestorben! O Gott!“
Der Kommissar begann Mitleid mit ihm zu fühlen. Er sagte:
„Fassen Sie sich, Herr Heilmann. Die Wahrheit wird schon an den Tag kommen. Sie haben die Uhr also bezahlt?“
„Ja. Man muss die zwei Gulden in einem Zigarrenkästchen gefunden haben!“
Kommissar Anders wandte sich nun wieder an Kurt Heider:
„Stimmt das, Herr Heider? Haben Sie das Geld gefunden?“
„Es lag kein Kreuzer in dem Kästchen“, versetzte Heider fest.
„Überlegen Sie sehr wohl, was Sie sagen! Ihre Aussage ist von besonderer Bedeutung“, drängte ihn der Kommissar.
„Ich kann beschwören, was ich sage!“, behauptete Heider trotzig.
Der Kommissar zuckte mit den Achseln und fuhr fort:
„Das, was Heilmann erzählt, ist allerdings für Sie höchst belastend. Sie haben Ihren Vater hungern lassen?“
„Das ist die größte Lüge, die es geben kann.“
„Er hat im halb verfaulten Bett gelegen?“
Heider wurde blutrot und protestierte.
„Ich muss bitten das Bett untersuchen zu lassen!“
„Das werde ich allerdings tun. Ich werde auch bei Bäcker, Fleischer und Kaufmann anfragen lassen, ob Heilmann bei ihnen gewesen ist.“
„Sie werden meine Aussage bestätigen!“, sagte dieser.
„Das mag sein. Es wäre aber immerhin möglich, dass Sie die Esswaren nur für sich gekauft haben. Ihr Pate, den Sie als einzigen Entlastungszeugen benennen, ist tot. Die anderen Aussagen sprechen gegen Sie. Ich muss mich Ihrer Person versichern und die Angelegenheit dem Untersuchungsrichter übergeben!“
„Herrgott!“, rief Heilmann erschrocken. „Aber ich bin unschuldig!“
„Das wird die Untersuchung ergeben. Ich sollte Sie aber darauf aufmerksam machen, dass die Uhr fast gar keinen Wert besitzt, die Strafe also nicht sehr hoch bemessen werden kann. Dazu aber kommt, falls Sie für schuldig erklärt werden, eine zusätzliche Bestrafung, weil Sie rückfällig geworden sind, und das bedeutet mindestens ein Jahr!“
„Herr Kommissar, ich kann nur versichern, dass ich abermals unschuldig bin!“, schrie Heilmann auf. „Werde ich wieder verurteilt, so kann es keinen gerechten Richter mehr geben. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich habe mich dem alten Paten gegenüber als mitfühlender Mensch benommen. Wird mir dies mit abermaliger Zuchthausstrafe vergolten, so – – ah, ich will lieber still sein. Je unglücklicher ich bin, desto größer ist ja die Freude dessen, dem ich das alles zu verdanken habe.“
Der Beamte sagte ruhig:
„Sind Sie wirklich unschuldig, so wäre es falsch zu verzweifeln. Sie erhalten Gelegenheit, sich zu verteidigen. Jetzt aber werde ich Sie abführen lassen. Ich hoffe, dass Sie sich ruhig in Ihr Schicksal fügen, anstatt es durch Widerstand noch zu verschlimmern!“
Der Kommissar klingelte und Heilmann wurde in eine Zelle des Polizeigefängnisses gebracht. Er hatte nicht einmal einen vollen Tag die wiedererlangte Freiheit genossen.
3. Helfer in der Not
Als Wilhelm Heilmann unter Polizeibedeckung in die Gendarmerie abgeführt wurde, war ihm auf der Straße ein Herr begegnet, der dem ehemaligen Buchbindergesellen lange nachgeblickt hatte und schließlich der Gruppe gefolgt war. Er schien ein ganz besonderes Interesse an dem zu haben, was im Polizeigebäude vor sich ging, denn er hatte sich in eine Ecke gestellt, von der aus man das Eingangstor gut beobachten konnte. Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Endlich öffnete sich die Pforte und ein Mann trat heraus, der durchaus keinen freundlichen Eindruck machte; sein derbes Gesicht verriet Schadenfreude und hämischen Triumph. Dieser Mann schaute nicht rechts und nicht links und machte sich auf den Weg, ohne den Beobachter in dessen Mauerwinkel wahrzunehmen. Damit begann eine seltsame Jagd; denn der Beobachter setzte sich weiterhin unbemerkt auf die Spur des anderen, durch mehrere Gassen und über kleine Plätze bis hin in die Vorstadt, wo der Mann hinter einer Ladentür verschwand. Der Verfolger schlenderte an dem Laden vorüber und sah dabei das Schild an der Tür: ‚Thomas Heider, Buchbinder‘.
Nach einigen Metern blieb der Herr stehen, schüttelte wie unwillig den Kopf und ging auf die andere Straßenseite, um denselben Weg wieder in umgekehrter Richtung zurückzulegen. Am Polizeigebäude angelangt, dachte er einen Augenblick nach und trat dann forsch auf das Tor zu, das sich auf ein Klingelzeichen öffnete.
Der Kommissar war gerade im Begriff, das Arbeitszimmer zu verlassen, da trat ein Polizist ein.
„Verzeihung, Herr Kommissar“, sagte er, „da ist ein Fremder, der Sie unbedingt sprechen möchte.“
Der Kommissar runzelte die Stirn. „Jetzt, nach Dienstschluss?“
Der Polizeibeamte schüttelte leicht den Kopf.
„Es soll sehr dringend sein“, gab er zu bedenken. „Diese Karte gab mir der Mann als Legitimation.“
Damit überreichte er dem Kommissar ein kleines Kärtchen, auf dem in gotischer Schrift der Name ‚Franz Arndt, Detektiv‘ geschrieben stand. Der Kommissar hatte es erst nur flüchtig und unwillig betrachtet, als er aber den Namen ‚Arndt‘ las, ging es wie ein Ruck durch seine hagere Gestalt.
„Arndt?“, fragte er rasch. „Lassen Sie ihn sofort eintreten!“
Der Gendarm gehorchte und wenige Augenblicke später trat der geheimnisvolle Mann ein, der eben noch dem Buchbinder Kurt Heider bis zu dessen Wohnung gefolgt war. Der Kommissar eilte auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand.
„Herr Arndt! Welche Freude! Seit der Geschichte, bei der Sie damals das berüchtigte ‚Buschgespenst‘ zur Strecke brachten[2], habe ich Sie nicht mehr gesehen. Es hieß, Sie hätten den Polizeidienst verlassen?“ Dabei schaute er Arndt fragend an.
Dieser zögerte einen Moment, fasste sich aber schnell und sagte:
„Ja, ich kaufte dem Baron von Wildstein das Bergwerk bei Hohenthal ab, um mich selbst um die Bergleute meiner Heimat zu kümmern. Später – – später aber kehrte ich wieder zur Geheimpolizei zurück. Zurzeit bin ich einer großen Sache auf der Spur.“
Der Kommissar blickte Arndt ungläubig an. Gerne hätte er noch weiter nach Arndts persönlichen Verhältnissen gefragt, aber sein Gefühl sagte ihm, dass er den Geheimpolizisten lieber nicht drängen sollte, Dinge zu erzählen, die ihm unangenehm zu sein schienen. Arndt war ihm persönlich bekannt, doch war diese Bekanntschaft nicht so eng, dass Kommissar Anders allzu persönliche Fragen an sein Gegenüber hätte richten dürfen. Arndt war ein Mann in den Vierzigern mit energischen Gesichtszügen und einem gewinnenden Wesen. Er sah jünger aus, als er tatsächlich war. Doch galt er nicht nur in Polizeikreisen als Einzelgänger, ja als Sonderling. So verzichtete Anders auf weitere diesbezügliche Fragen, bot Arndt einen Platz an seinem Schreibtisch an und setzte dann das Gespräch fort:
„Eine große Sache? Hier bei uns? Nichts für ungut, Herr Arndt, aber seit wir uns vor einigen Jahren, als Sie noch dem ‚Buschgespenst‘ auf den Fersen waren, hier kennenlernten, hat sich wenig Abenteuerliches in meinem Dienst ereignet. Die großen Verbrechen fallen nun einmal nicht in meine Zuständigkeit. Ein paar Diebstähle, Raufereien, auch einmal ein Einbruch – viel mehr habe ich nicht aufzuklären.“
Arndt lächelte.
„Vielleicht stellen Sie sich das Leben eines Geheimpolizisten allzu dramatisch vor“, gab er zu bedenken. „So verhält es sich freilich nicht immer, auch wenn ich es jetzt mit einem ganz verzwickten Fall zu tun habe. Es geht um – – Menschen- oder besser gesagt Mädchenhandel!“
Der Kommissar ließ einen halblauten Pfiff hören. „Mädchenhandel hier in der Residenz? Donnerwetter! Das wäre...“
Arndt nickte energisch.
„Wir haben tatsächlich den Verdacht, dass in der Residenz Mädchenhändler ihrem schmutzigen Handwerk nachgehen. Seit einiger Zeit werden immer häufiger junge Mädchen, die als Wirtschafterin oder Haushälterin gearbeitet haben, als verschwunden gemeldet. Meist handelt es sich um junge, unbedarfte Mädchen vom Lande, denen ein Lockvogel, oft ein seriöser, älterer Herr, großartige Versprechungen macht, wenn sie nur in einem Damenpensionat als Haushälterin arbeiten wollten. Dieses Pensionat befindet sich in Rollenburg und wird von einem ‚Fräulein Melitta‘ geleitet, einer zwielichtigen Person, die vorgibt, ihre Zöglinge seien junge Künstlerinnen. Jung sind sie freilich, aber mit der Kunst –“, hierbei verzog der Detektiv ironisch das Gesicht, „soll es nicht sehr weit her sein. Bei dieser Melitta verkehren bisweilen junge Offiziere, die sich einen netten Abend beim Wein in Damengesellschaft machen wollen. Das alles ist wohl nicht gegen das Gesetz; wenn allerdings unter den Damen auch welche sind, die nicht ganz freiwillig zu Fräulein Melitta kamen, so...“
„...sieht die Sache schon anders aus“, ergänzte der Kommissar grimmig. „Verstehe vollkommen, worauf Sie hinauswollen! Kann man das saubere Nest nicht einfach ausheben?“
Arndt zuckte die Achseln.
„Beweise, mein lieber Kommissar, wir brauchen Beweise“, entgegnete er. „Solange wir der Melitta nichts schlüssig beweisen können, bleibt ihr Haus ein anständiges Damenpensionat und sie eine ehrenwerte Frau. So ist das nun einmal! Finden wir allerdings bei ihr eins der Mädchen, die nach Rollenburg gelockt wurden, ist ihr Spiel aus. Aber wie soll man das anstellen? In ihre Villa können wir nicht eindringen, das wäre Hausfriedensbruch. Also dachte ich mir, wir beginnen bei den Lockvögeln hier in der Residenz, den ‚Ehrenmännern‘ mit den schmutzigen Geschäften. Nun kenne ich keinen, der die zwielichtigen Subjekte der Hauptstadt so genau beobachtet wie Sie.“
„Zu viel der Ehre“, lächelte der Kommissar. „Man kennt freilich seine Leute, das ist wahr. Die wirklichen Schufte bleiben meist, wie Sie wissen, ungehängt und laufen immer noch frei herum.“
Arndt nickte und fügte hinzu:
„Wir haben einen Mann in Verdacht, der wohl hier in der Residenz wohnt und einige der verschwundenen Mädchen angesprochen haben soll. Er heißt angeblich Uhland und gibt sich als vermögender Mann aus. Kennen Sie ihn?“
Der Kommissar schüttelte den Kopf.
„Nein, der Name sagt mir nichts. Nun lassen sich Namen ja ändern. Wissen Sie etwas mehr über seine Lebensverhältnisse, seine Gewohnheiten und seinen Umgang?“
„Nicht das Geringste“, räumte Arndt ein, „außer dass er in verschiedenen Weinstuben der Residenz gesehen worden ist, zuletzt noch bei Winkelmann.“
„Bei Winkelmann?“ Der Kommissar zog die Augenbrauen hoch. „Dort verkehrt doch unsere ganze Prominenz! Sie werden die Staatsanwälte und Gerichtsräte da genauso häufig antreffen wie den Herrn Polizeipräsidenten und Seine Exzellenz, den Minister des Innern. Ich glaube kaum, dass ein Mädchenhändler sich ein solches Lokal zum Mädchenfang aussuchen wird.“
„Warum nicht?“, fragte Arndt lebhaft. „Gerade dort fällt man nicht auf. Aber wie kommen wir diesem Uhland auf die Spur?“
Der Kommissar machte ein hilfloses Gesicht.
„Lieber Herr Arndt“, meinte er nach einer längeren Pause, „da kann ich Ihnen auch nicht helfen. Ich gebe es ungern zu, aber die täglichen Kleinigkeiten beschäftigen unsereins in einem Maße, das ein Außenstehender kaum gerecht beurteilen kann. Heute etwa habe ich mich mit einem vertrackten Fall herumzuschlagen. Da wird ein wegen Diebstahls verurteilter junger Mann nach zwei Jahren aus dem Zuchthaus entlassen und kommt hierher. Er steht unter Polizeiaufsicht, macht aber einen so guten Eindruck auf mich, dass ich mir schon vorgenommen hatte, ihn so milde wie möglich zu behandeln. Und was geschieht? Es vergeht kein ganzer Tag und schon wird er angezeigt, weil er im Hause seines alten Paten eine Uhr gestohlen haben soll. Ich lasse ihn arretieren; er schwört Stein und Bein, unschuldig zu sein. Sein Pate habe ihm die Uhr verkauft, beteuert er. Leider ist der Pate inzwischen verstorben und kann nichts mehr bezeugen. Dass es so etwas tatsächlich gibt! Ich hätte geschworen, dass der junge Mann im Grunde ein anständiger Kerl ist, aber die Indizien sprechen gegen ihn.“
Arndt hatte dem Kommissar mit wachsendem Interesse zugehört. Schließlich sagte er:
„Verzeihung, Herr Kommissar, aber ist das derselbe junge Mann, der vor einer Dreiviertelstunde von zwei Gendarmen in dieses Gebäude gebracht wurde?“
Der Kommissar blickte ihn verdutzt an.
„Woher wissen Sie das? Potztausend, Sie haben Ihre Augen aber überall! Jetzt sagen Sie nur noch, dass Sie hier vor dem Tor bereits Untersuchungen angestellt haben?“
Arndt lächelte.
„Untersuchungen nicht, aber ich habe gute Augen. Vor einer halben Stunde etwa verließ ein anderer Mann das Gebäude, breitschultrig, schwarzhaarig und mit einem Gesichtsausdruck, dass er die personifizierte Schadenfreude selbst hätte sein können. Wer war das?“
„Der Buchbinder Heider, Sohn des alten Paten und Hauptbelastungszeuge“, sagte der Kommissar. „Wenn Sie sich so dafür interessieren, werde ich Ihnen die Vorgeschichte des Falles erzählen, so wie sie mir Wilhelm Heilmann dargestellt hat, versteht sich.“
Die Erzählung dauerte eine Weile. Als der Kommissar geendet hatte, lehnte er sich zurück und erwartete Arndts Kommentar. Dieser war während des Berichts nachdenklich geworden. Er sagte vorsichtig:
„Welch seltsame Geschichte! Fast wäre man versucht, diesem Heilmann zu glauben!“
„Ja, fast“, stimmte der Kommissar zu. „Und doch ist Heilmanns Lage praktisch aussichtslos. Wenn Bäcker, Fleischer und Kaufmann seine Aussagen bestätigen, so bedeutet das noch nicht, dass Brot, Wurst und Schnaps für den Paten gedacht waren. Wenn die Heiders aber lügen, den Alten wirklich haben darben lassen, so werden sie sich hüten, uns das auf die Nase zu binden. Sie haben bestimmt das Lager gewechselt, bevor die Leichenfrau gekommen ist. Nein, nein, Heilmann hat keine guten Karten. Wenn sich doch wenigstens die zwei Gulden gefunden hätten!“
„Die könnte Heider fortgenommen haben“, fiel Arndt ein. „Aber mir ist die ganze Geschichte nicht recht geheuer. Heilmann behauptet, Heider habe damals bewusst den Verdacht auf seine Person gelenkt, indem er das Geld in die Lade legte. Warum ist aber der Goldbecher gestohlen worden? Der Dieb konnte ihn doch nicht so einfach verkaufen, denn seine Beschreibung ging durch alle Zeitungen. Wenn es Heider aber nur darum ging, seinen Nebenbuhler ins Gefängnis zu bringen, weshalb hat er dann das Gefäß nicht auch Heilmann untergeschoben?“
Der Kommissar schaute Arndt versonnen an.
„Inzwischen sind immerhin zwei Jahre vergangen. Vielleicht hat Heider, wenn Heilmanns Geschichte stimmen sollte, eine Zeitlang gewartet, bis er den Becher versilbern konnte? An die genaue Beschreibung des wertvollen Stücks erinnert sich doch heute wohl keiner mehr und für die Polizei ist der Fall längst geklärt.“
Arndt nickte.
„Sie können Recht haben. Alles in allem, die Geschichte dieses Heilmann wirkt auf mich doch glaubwürdig. Ich glaube, er ist wirklich unschuldig. Wissen Sie, zufällig wurde ich Zeuge, wie Heilmann von Ihren Männern aus der Gastwirtschaft abgeführt wurde. Einer inneren Stimme folgend, kam ich hierher und habe den Eindruck, als müsse ich einem Unschuldigen in höchster Not helfen.“
Der Kommissar zuckte die Achseln.
„Was nützt das alles?“, gab er zu bedenken. „Was uns fehlt, sind Beweise. Ohne Beweise können wir nichts ausrichten.“
„Und diese Beweise werde ich finden!“, rief Arndt aus. „Herr Kommissar, was ist dieser Heider für ein Mensch? Kennen Sie ihn näher?“
Der Kommissar schüttelte den Kopf.
„Kennen ist zu viel gesagt“, antwortete er. „Er gilt als jähzornig und unberechenbar, trinkt gern mehr, als er vertragen kann. Aber was haben Sie vor? Sie wollen doch nicht etwa auf eigene Faust in die Untersuchung eingreifen?“
„Stören werde ich Sie nicht“, beruhigte ihn Arndt. „Lassen Sie mir ein wenig freie Hand?“
„Solange es unter uns bleibt, ja“, sagte der Kommissar erstaunt. „Und der Mädchenhändler?“
„Läuft uns nicht davon!“, meinte Arndt bestimmt. „Meine Leute sind ihm auf den Fersen. Darf ich jetzt mit Heilmann sprechen?“
Der Kommissar stimmte zu.
„Er befindet sich in Polizeigewahrsam und wird morgen in das Untersuchungsgefängnis gebracht. Wir gehen am besten direkt zu ihm, bevor der Wärter das Licht löscht.“
Mit diesen Worten griff er Hut, Stock und Mantel und schritt voran. Sie gingen einen langen Flur hindurch, bis sie den Zellentrakt erreichten. Dort öffnete der Kommissar mit seinem Schlüssel eine bestimmte Zelle, in die Arndt eintrat. Der Kommissar zog sich diskret zurück. Nach einer halben Stunde verließ Arndt in angeregtem Gespräch mit Kommissar Anders das Polizeigebäude und verabschiedete sich von dem hilfsbereiten Beamten.
*
Es war noch am gleichen Abend. Ein unauffälliger, einfach gekleideter Bursche wandelte zum wiederholten Male gemächlich die Gasse herunter, in der das Haus des Buchbinders Heider lag. Als der Mann am Laden vorbeiging, öffnete sich die Tür und Kurt Heider trat heraus. Ohne sich umzuschauen, lief er mit sichtlicher Hast an den Häusern entlang. Der andere Mann blieb einen Augenblick stehen und schaute ihm nach. „Endlich!“, murmelte er. „Das hat ja eine Ewigkeit gedauert.“
Ohne Zögern folgte er dem Buchbinder und sah ihn nach kurzer Zeit in einer Schenke verschwinden. Der Verfolger besann sich nicht lang und trat auch ein. Im Gastraum saßen zwei Männer an einem Ecktisch, sonst war das Wirtshaus mäßig gefüllt. Kurt Heider wurde mit lautem Hallo und heftigen Vorwürfen empfangen.
„Na, Kurt, wir warten schon ’ne geschlagene Stunde auf dich! Erst bestellst du uns einfach mitten in der Woche zum Skat und dann kommst du erst jetzt!“, rief der eine ärgerlich.
„Ach was“, lachte Kurt Heider mit wegwerfender Geste. „Jetzt bin ich hier, also los! Aber eins sage ich euch: Heute spielen wir nicht um ein paar Kreuzer! Heute gehe ich aufs Ganze!“
Bald war das Spiel in vollem Gang und die drei Skatbrüder bemerkten in ihrem Eifer gar nicht, dass gegenüber ein anderer Gast Platz genommen hatte und ihnen aufmerksam zusah. Kurt Heider war in bester Laune. Sein Triumph über den verhassten Rivalen machte ihn leichtsinnig. Er goss ein Bier nach dem anderen hinunter. Am Anfang hatte er ein gutes Blatt, das machte ihn unvorsichtig. Er wagte immer mehr und bald wanderte ein Gulden nach dem anderen in die Taschen seiner Mitspieler. Statt nun aufzupassen, suchte er sein Glück auch mit ungünstigen Karten zurückzuzwingen. So nahm das Spiel seinen Lauf. Heider stieg das Blut in den Kopf, er schlug mit der Faust auf den Tisch und schwor, dass er das Spiel schon gewinnen werde, solle es ihn auch Haus und Hof kosten. Die Uhr schlug zehn und jetzt schien das Glück Kurt Heider gänzlich im Stich zu lassen. Seine Barschaft war nicht nur längst aufgebraucht, er hatte sogar erhebliche Schulden bei den Mitspielern. Aus Rücksicht wollten diese aufhören und sagten die letzten Runden an, aber das brachte Heider gänzlich außer Fassung. Er beschuldigte seine Spielgenossen der Gewinnsucht und der Feigheit, und so nahm das Spiel unter hässlichen Flüchen und Streitereien seinen Fortgang.
Gegen Mitternacht stand es schlimm um Heider.
„Jetzt reicht’s!“, rief einer der Spieler. „Du hast keinen guten Tag heute, Kurt! Wie steht’s denn mit dem Bezahlen? Schuldest du mir nicht noch vom letzten Mal her Geld?“
„Ja“, rief der andere, „und mir bist du schon seit einigen Wochen über fünfzig Gulden schuldig geblieben! Wann zahlst du endlich? Ich meine, unsere Freundschaft in allen Ehren, aber du hast es doch nur dir selber zuzuschreiben! Warum spielst du auch so unvorsichtig und leistest dir teure Passionen? Ein Pferd wolltest du dir schon kaufen, und jetzt? Bezahl erst einmal deine Schulden!“
„Wir wollen endlich Geld sehen!“, rief der eine. „Wann bezahlst du uns?“
Kurt Heider wusste kaum, was er sagen sollte. Der Rausch des Spiels war verflogen, nun kam die Ernüchterung und er musste sich fragen, woher er die verlorene Summe nehmen konnte. Zwanzig Gulden hatte er heute verspielt; so viel hat man nicht jederzeit in der Kasse liegen, besonders wenn es nebenher noch einige ‚Liebhabereien‘ gab, die viel Geld kosteten. Und dazu der Todesfall im Haus! Zwar war Kurt die letzte Zeit seinem Vater gegenüber geizig gewesen, doch jetzt durfte er sich nicht lumpen lassen, wo es galt, ihn zu Grabe zu tragen. Wie sollte er aber die anderen Schulden bezahlen? Die zwei Gulden, die er seinem Vater aus der Zigarrenkiste genommen hatte, waren ohne Wiederkehr fort, und was bedeuteten denn auch zwei Gulden, verglichen mit der Summe, die er den ‚Genossen‘ schuldete. Da kam ihm plötzlich ein verzweifelter Gedanke. Rasch sagte er:
„Warum regt ihr euch so auf? Ich werde euch bezahlen, aber nicht heute. Mein Vater ist gestorben und muss anständig begraben werden. Dann aber werde ich ein kostbares Erbstück verkaufen und euch den Erlös geben. Freilich ist die Arbeit veraltet, doch wenn das Ding ein wenig umgearbeitet wird...“
„Mach was du willst“, knurrte der eine Skatfreund mürrisch, „aber beschaff bald das Geld! Und nun gute Nacht!“
Damit nahm er seinen Hut vom Haken und entfernte sich. Auch der andere Mann machte Heider ähnliche Vorhaltungen wegen der Spielschulden und ging schließlich. Nun war Kurt Heider mit dem Wirt allein in der Gaststube. Allein? Nein, am Nebentisch saß ja noch ein fremder Gast, der in einer Zeitung las. In Wirklichkeit wäre Arndt, denn er war der Fremde, vor Erregung fast aufgesprungen. Ein wertvolles Erbstück! Konnte das nicht der gesuchte Goldbecher sein, dessen Diebstahl Heilmann vor zwei Jahren zur Last gelegt worden war? Und umarbeiten lassen wollte Heider den Becher – natürlich, denn man hätte ihn ja doch vielleicht wiedererkennen können. Die drängenden Schulden und sein betrunkener Zustand schienen Heider unvorsichtig zu machen. Der Detektiv musste die Gunst der Stunde unbedingt nutzen. Einstweilen beschränkte er sich jedoch darauf, hinter seiner Zeitung verschanzt, die weiteren Reaktionen Heiders abzuwarten.
Kurt Heider hing in seinem Stuhl und starrte vor sich hin. Die Gesellschaft seiner Skatbrüder hatte ihn nicht zur Besinnung kommen lassen. Nun aber war er mit seinen trüben Gedanken allein. Wie sollte er den Becher gefahrlos verkaufen, ohne dass seine Verbrechen zu Tage treten würden? Der Gedanke, dies könne die Strafe für den Diebstahl, die Anzeige gegen den Nebenbuhler und die Denunziation sein, kam ihm zwar, aber er verwarf ihn wieder.
‚Unrecht Gut gedeiht nicht‘? Pah, das waren Sprüche für alte Weiber und abergläubische Männer, nicht aber für ihn. Was musste sich Heilmann ihm auch in den Weg stellen! Hätte er ihm Anna gelassen, so wäre er nicht ins Zuchthaus gewandert! Heider lachte vor sich hin, ein hässliches Lachen.
„Herr Wirt, noch einen Schnaps!“
Der Wirt schüttelte den Kopf. Dennoch brachte er das Verlangte, denn er kannte den Mann als überaus jähzornig. Dabei sagte er:
„Das ist aber der letzte für heute!“
Heider brummte missmutig vor sich hin und leerte das Glas in einem Zug. Dabei fiel sein Blick wie zufällig auf den fremden Gast ihm gegenüber. Das munterte ihn auf – eine willkommene Ablenkung nach all dem Pech heute Abend.
„Hallo, ein neues Gesicht!“, rief er dem Fremden gespielt heiter zu. „Sitzen Sie schon lange hier?“
Arndt ließ die Zeitung sinken, dann sagte er betont langsam:
,,Ein paar Stündchen werden’s wohl sein.“
„Dann sind Sie also Zeuge gewesen, wie man mich gerupft hat? Hat Ihnen etwa Spaß gemacht, was?“
Nur zu gern hätte Heider mit dem Fremden einen Streit begonnen, doch der antwortete nur:
„Wüsste nicht, warum. Habe mit mir selbst so viel zu schaffen, dass ich mich um andere nicht bekümmere.“
Irgendwie sagte das kurz angebundene Wesen des Unbekannten Kurt Heider zu, denn er selbst war ja auch nicht bester Laune. Also rief er:
„Holla, Sie sind mir aber ein bärbeißiger Zeitgenosse! Unsereins nimmt es nach dem soundsovielten Krug Bier und einigen Schnäpsen nicht mehr so genau. Sind Sie etwa Uhrmacher, wenn’s bei Ihnen immer so exakt zugehen muss?“
Ein rascher Gedanke schoss Arndt durch den Kopf. Scheinbar ärgerlich sagte er:
„Was geht’s Sie an? Ich bin Goldschmied.“
„Na, so sehen Sie auch aus“, lachte Heider, „nach etwas ganz Besonderem. Bei welchem Meister? Oder sind Sie vielleicht selbst schon ein Meister der Goldschmiedekunst?“
Er hatte die letzten Worte in spöttischem Ton hervorgebracht. Arndt bemerkte das wohl, doch antwortete er ruhig:
„Bei keinem. Man kann mich hier nicht brauchen. Es gibt zu viele Goldschmiedegesellen in dieser Stadt.“
Dabei zuckte er die Achseln. Heider ging ihm prompt in die Falle. Er stand auf und ging an Arndts Tisch, wo er sich vertraulich niederließ.
„Es stört Sie doch nicht, wenn ich mich ein wenig zu Ihnen setze?“, fragte er freundlich. „Es redet sich so besser.“
„Hm! Wenn Sie meinen“, lautete die mürrische Antwort.
„Warum so brummig? Wo haben Sie denn schon gearbeitet?“
„Überall und nirgends“, sagte Arndt kurz. „Ich war drei Jahre auf der Walz in Belgien, Holland und Frankreich.“
Heider lächelte. Das passte ja ganz famos! Wenn der fremde Mann ohnehin im Ausland gewesen war, konnte er von der alten Diebstahlsgeschichte nichts wissen. Rasch fügte er hinzu:
„Und was gedenken Sie jetzt zu tun?“
„Ich suche weiter nach Arbeit“, antwortete der Angesprochene in griesgrämigem Ton.
Heider klopfte ihm auf die Schulter.
„Lieber Mann“, sagte er leutselig, „ich hätte da vielleicht etwas für Sie!“
„So? Sind Sie Goldschmied?“, fragte Arndt erstaunt.
„Nein, ich binde Bücher. Aber ich habe von meinem Vater selig einen goldenen Becher geerbt, eine schöne Arbeit. Nun haben es die Umstände so gefügt, dass ich ihn einfach verkaufen muss. Leider ist er so altertümlich gefertigt, dass man ihn nur unter bestimmten Bedingungen abnehmen will. Könnten Sie die Schnörkel abschleifen?“
Arndt ließ sich nichts anmerken. Also war seine Vermutung richtig gewesen. Heider war tatsächlich der Dieb. Nun musste er den Becher verändern lassen, damit man ihn nicht wiedererkennen konnte. Heider wollte ganz sichergehen. Darum wandte er sich an den vermeintlichen Goldschmiedegesellen um Hilfe, den er gewiss nachher mit einem Hungerlohn würde abspeisen können. Gespielt mürrisch gab Arndt daher zu bedenken:
„Wenn Sie das Stück verkaufen müssen, wovon wollen Sie mich dann bezahlen?“
„Pah! Das findet sich“, sagte Heider rasch. „Man hat mir eine große Summe geboten, von der ich Ihnen gern etwas abgeben werde.“
Im Stillen lachte er vor sich hin, den fremden Vagabunden würde er leicht übers Ohr hauen können.
Arndt schien zu überlegen. Dann sagte er zögernd:
„Aber ich muss den Becher erst einmal sehen!“
„Natürlich“, fiel Heider ein. „Morgen, gleich morgen besuchen Sie mich zu Hause. Dort zeige ich Ihnen das gute Stück.“
Arndt schüttelte den Kopf.
„Morgen passt es mir schlecht“, behauptete er. „Wer weiß, wo ich heute Nacht schlafen kann? Nein, nein, ich gehe jetzt mit Ihnen zu Ihrer Wohnung und schaue mir den Becher dort an.“
Das war Heider gar nicht recht, doch wusste er sich keinen anderen Rat. Widerstrebend willigte er also ein, ließ den Wirt kommen, bat ihn, die Summe anzuschreiben, die er heute Abend schuldig geblieben war, und ging dann mit Arndt durch die einsamen Straßen und Gassen zu seiner Wohnung.
Der Geheimpolizist fühlte sich von einer eigenartigen Spannung ergriffen. Würde es ihm gelingen, den Buchbinder zu entlarven und Heilmanns Unschuld zu beweisen? Auf keinen Fall durfte Kurt Heider jetzt irgendeinen Verdacht schöpfen. Also schwieg Arndt, bis sie den Laden des Buchbinders erreicht hatten. Heider zog einen Schlüssel heraus, öffnete damit die Ladentür und betrat vorsichtig das Haus. Dann drehte er sich zu Arndt um und legte den Finger auf die Lippen:
„Treten Sie ein, aber leise! Meine Frau schläft schon. Warten Sie, bis ich zurückkomme!“
Damit zündete er eine Kerze an und schlich auf Zehenspitzen in das Wohnzimmer. Nach einer Weile kehrte er mit einem schweren Gegenstand zurück, der im matten Kerzenlicht sanft schimmerte. Vorsichtig schloss er mit der einen Hand die Wohnzimmertür und wendete sich dann dem Besucher zu.
„Hier ist der Becher. Sehen Sie sich ihn an, aber mit Vorsicht, wenn ich bitten darf!“
Seit er wusste, dass der Goldschmiedegeselle ihm nützlich werden konnte, verhielt er sich ihm gegenüber höflicher als vorhin in der Wirtschaft. Arndt nahm das ‚Erbstück‘ in die Hand und betrachtete es sorgfältig. Kein Zweifel, das war ein Wertgegenstand, der sicherlich vor etwa hundertfünfzig Jahren von einem guten Meister gefertigt worden war. Arndt dachte scharf nach: Wie hatte Heilmann bei dem Gespräch in der Polizeizelle den Becher beschrieben? Geschmückt mit allerlei Ornamenten, Blumen, Früchten und allegorischen Figuren, unter denen in der Mitte besonders die Gestalt des Riesen Atlas auffiel, der den Globus auf dem Rücken trug. Richtig! Hier war der Atlas deutlich zu erkennen. Nein, es gab keinen Zweifel: Er hielt das verschwundene Gefäß in Händen. Vorsichtig reichte er Heider das kostbare Stück zurück.
„Nun?“, fragte dieser gespannt.
„Hm“, meinte Arndt gedehnt, „ein herrlicher Becher, prächtige Ziselierarbeit aus dem vorigen Jahrhundert. Durch die Umarbeitung wird er aber an Wert verlieren!“
„Ist mir ganz gleich“, versicherte der Buchbinder eifrig. „Der Herr, der kaufen will, besteht auf einer Umarbeitung, und zwar müssen die Schnörkel und Figuren verschwinden!“
„Wie Sie meinen“, sagte Arndt achselzuckend. „Ich werde also die altertümlichen Ornamente zum Teil entfernen und dem Becher eine moderne Form geben. Die notwendigen Werkzeuge habe ich dabei. Gibt es hier in der Nähe eine billige Herberge?“
„Sie können in dem Wirtshaus ‚Zum Roten Löwen‘ übernachten, wo wir uns heute Abend getroffen haben“, meinte Heider, „der Wirt hat stets ein oder zwei Zimmer frei für Leute mit schmalem Geldbeutel. Wenn Sie sich eilen, treffen Sie ihn vielleicht noch in der Gaststube; er pflegt immer erst Ordnung im Schankraum zu schaffen, bevor er zu Bett geht.“
„Gut“, meinte Arndt. „Ich werde dorthin gehen. Wenn Sie morgen kommen und mir das Erbstück bringen, müsste ich in einigen Tagen fertig sein.“
Heider zögerte.
„Ich schenke Ihnen damit großes Vertrauen“, sagte er langsam. „Was ist, wenn Sie...“
„Wenn ich den Becher nicht wiederbringe und mich damit aus dem Staub mache, wollen Sie sagen?“, lachte Arndt ihm glatt ins Gesicht. „Ihr Pech, mein Herr! So viel Vertrauen werden Sie schon in mich setzen müssen. Morgen früh von neun bis zehn warte ich in der Schankstube des Wirtshauses auf Sie. Kommen Sie, dann ist es gut, kommen Sie nicht, haben Sie selbst den Schaden. Adieu!“
Damit öffnete er die Tür und entfernte sich rasch, ohne dem verdutzten Heider noch Gelegenheit zu einer Erwiderung zu geben. Dieser schaute ihm erstaunt nach.
„Impertinenter Kerl!“, brummte er vor sich hin. „Wenn ich nicht auf ihn angewiesen wäre, sollten ihn alle Teufel holen. Aber so...“ Er zog eine Grimasse, schloss den Laden zu und verriegelte die Tür, um sich ins Bett zu begeben.
*
Am nächsten Morgen saß der Kommissar schon früh an seinem Schreibtisch und schrieb einen Bericht über das gestrige Geschehen. Er musste die ihn seltsam bewegenden Ereignisse zu Papier bringen, um Klarheit zu gewinnen. Plötzlich wurde an seine Tür geklopft. Der Kommissar runzelte verärgert die Stirn.
„Herein!“, rief er in strengem Ton.
Ein älterer Gendarm erschien und grüßte ehrerbietig.
„Was gibt’s?“, fragte der Kommissar. „Ich wollte doch eine halbe Stunde ungestört sein!“
„Verzeihung, Herr Kommissar“, sagte sein Untergebener in höflichem Ton, „aber da draußen steht ein seltsamer Kerl, gekleidet wie eine Vogelscheuche, der dringend mit Ihnen sprechen will und Lärm macht für zehn!“
Der Kommissar sprang wütend auf.
„Lärm machen? Das werd’ ich ihm austreiben!“
Damit riss er die Tür auf und schaute in den Flur. Er war leer. Der Kommissar durchschritt ihn und bog um die Ecke. In seiner Eile hätte er fast einen Mann über den Haufen gerannt, der dort stand und wartete. Er hielt einen schäbigen Filzhut in der Hand und war in eine Art Flickengewand gekleidet. Vom Kinn herab hing ihm ein langer, fast weißer Bart, der schmutzig und ungepflegt aussah. Als er Kommissar Anders sah, machte er eine tiefe Verbeugung.
„Jongleur Zwiebel, zu Ihren Diensten, Herr Kommissar!“
Dieser hätte fast laut losgebrüllt, beherrschte sich aber im letzten Moment.
„Zwiebel?“, brachte er mühsam hervor. „Woher kennen Sie mich überhaupt?“
„Oh, der Herr Kommissar kennen mich sehr gut“, sagte der seltsame Fremde in spöttischem Ton und entfernte mit Schwung seinen Kinnbart.
Der Kommissar sprang einen Schritt zurück.
„Herr Arndt!“, rief er aus. „Mensch, sind Sie toll? Ich hatte Sie für einen Vagabunden gehalten!“
„Die Maskerade gehört nun einmal zu meinem Handwerk“, lachte Arndt gutgelaunt. „In meinem derzeitigen Logis bei einer alten Witwe habe ich Kleider und Masken für etliche Verkleidungen im Schrank hängen. Übrigens trete ich hier als Zwiebel auf, um Ihren Herren nicht allzu bekannt zu werden. Inkognito bleiben ist alles in meinem Beruf! Doch lassen wir das jetzt und kommen wir zu wichtigeren Dingen! Sind wir bei Ihnen ungestört?“
„Gehen wir in mein Zimmer“, schlug der Kommissar vor, „dort haben wir Ruhe.“
Fassungslos sah der Gendarm, der damit gerechnet hatte, sein Vorgesetzter werde den Jongleur im hohen Bogen zur Tür hinauswerfen lassen, beide im Arbeitszimmer verschwinden. Dort begann der Kommissar das Gespräch:
„Ich brüte gerade über der Angelegenheit Heilmann. Je mehr ich darüber nachdenke, desto wahrscheinlicher erscheint mir seine Unschuld.“
„Ich kann Ihnen seit der heutigen Nacht sogar beweisen, dass er unschuldig ist“, bestätigte Arndt ruhig. „Erinnern Sie sich an den verschwundenen Ehrenpokal?“
„O ja“, sagte der Kommissar. „Nach Heilmanns Schilderung eine kostbare Arbeit mit Ornamenten und allegorischen Figuren aus dem 18. Jahrhundert. Hier“ – damit hob er einen Aktenbündel hoch – „sind seine Strafakten mit der genauen Beschreibung, wie sie vor Gericht festgestellt wurde.“
„Umso besser“, meinte Arndt. „Diesen Pokal – – habe ich heute Nacht in meinen eigenen Händen gehalten!“
Der Kommissar sprang auf.
„Wollen Sie mich zum Narren halten?“, rief er aus. „Vor zwei Jahren wurde jeder Winkel der Residenz nach ihm abgesucht und jetzt wollen Sie ihn gesehen haben!“
Arndt lächelte.
„Der Detektiv Zufall ist ein von mir sehr geschätzter Kollege, der schon oft geholfen hat. Aber gemach – wenn ich Ihnen die Geschichte der heutigen Nacht erzähle, werden Sie mir Recht geben.“
Damit begann er seinen Bericht. Der Kommissar hörte gespannt zu. Kaum hatte Arndt geendet, da ergriff der Kommissar seine Hand und drückte sie.
„Gratuliere, Herr Arndt“, sagte er bewegt. „Durch Ihre Entdeckung können wir Heilmanns Unschuld zwingend beweisen. Wäre ich damals der Staatsanwalt gewesen, ich hätte der Beschuldigung des offensichtlichen Nebenbuhlers Heider nicht so ohne Weiteres Glauben geschenkt. Freilich – fast alle diese Geschichten hier erzählen von Armut und Liebe, ausgenommen die Fälle, in die Berufsverbrecher verwickelt sind.“
Dabei wies er mit einer Handbewegung auf die Schränke seines Zimmers, in denen Bände voller Akten standen.
„Sie haben Recht, Herr Kommissar“, stimmte Arndt zu. „Aber nun müssen wir uns beeilen. Es ist schon halb neun, und nach neun treffe ich mich mit Heider im ‚Roten Löwen‘.“
Der Kommissar nickte bedächtig.
„Schade, dass wir keine Zeit mehr haben, den Staatsanwalt ins Vertrauen zu ziehen“, meinte er. „Aber das lässt sich nicht ändern. Kommt Heider nicht um neun, lasse ich bei ihm eine Hausdurchsuchung vornehmen. Der Bursche soll mir nicht entgehen.“
„Recht so, Herr Kommissar! Aber nun muss ich mich umziehen.“ Arndt deutete auf eine schäbige Ledertasche, die er in den Händen trug, und fuhr fort: „Hier befindet sich alles, was ich für meine nächste Verkleidung brauche. Gibt es irgendwo ein Zimmer, wo ich mich umkleiden kann?“
„Gewiss“, sagte der hilfsbereite Beamte. „Folgen Sie mir!“
Damit schritt er Arndt voran. Es währte keine Viertelstunde, da verließ der Handwerksgeselle, der gestern im ‚Roten Löwen‘ gesessen hatte, das Polizeigebäude und setzte seinen Weg in Richtung Vorstadt fort.
*
Die Uhr im ‚Roten Löwen‘ schlug gerade neun Uhr, als der Buchbinder Heider den Schankraum betrat. Im Augenblick befand sich darin nur ein einziger Gast, nämlich der ‚Goldschmiedegeselle‘ Arndt. Er saß an einem Ecktisch und erhob sich bei Heiders Eintritt.
„Da sind Sie ja“, empfing er ihn. „Nach Ihrer nicht gerade liebenswürdigen Bemerkung von gestern darüber, dass ich den Becher auch für mich behalten könnte, dachte ich schon nicht mehr daran, dass Sie mich wirklich aufsuchen würden.“
„Lassen wir das jetzt“, entgegnete Heider rasch, „und sprechen wir über wichtigere Dinge! Wie steht es mit Ihrem Honorar?“
Arndt zog die Augenbrauen hoch.
„Mein Honorar? Nun, ich werde mich genau an den festgesetzten Preis halten.“
Heider runzelte die Stirn und sah ihn fragend an. „Festgesetzten Preis? Gibt es denn so etwas bei den Goldschmieden?“
„Freilich zahlt man meist nach Vereinbarung oder nach dem Wert des betreffenden Stücks, das es umzuarbeiten gilt“, meinte Arndt. „Aber in Ihrem Fall werde ich mich streng an das Gesetz halten.“
Heider wurde blass.
„Wie meinen Sie das?“, stieß er hervor.
„Nun“, sagte Arndt kaltblütig, „Ihr Mitgeselle Heilmann hat zwei Jahre im Zuchthaus verbringen müssen, sodass ich glaube, Sie werden in Ihrem besonderen Fall mit drei Jahren auskommen.“
„Wie? Was?“, stotterte Heider. „Ich fürchte, Sie haben den Verstand verloren!“
„Kaum“, bemerkte Arndt ungerührt. „Aber das wird sich zeigen. Herr Kommissar, bitte, treten Sie ein!“
Bei diesen Worten öffnete sich eine Seitentür, Kommissar Anders betrat den Raum.
„Wir kennen uns bereits“, wandte er sich finster an Heider, „weitere Worte sind also überflüssig. Bitte, zeigen Sie uns den Inhalt Ihrer Taschen!“
„Herr Kommissar, lassen Sie sich erklären...“, brachte der Buchbinder mühsam hervor.
„Keine Erklärungen, nur Tatsachen!“, unterbrach ihn der Kommissar schroff. „Was ist das für ein Gegenstand, den Sie unter dem Mantel tragen?“
„Ein altes Erbstück“, behauptete Heider mit einem Anflug von Dreistigkeit.
„Ein Erbstück?“, fragte der Kommissar ironisch. „Zeigen Sie doch einmal her!“
Es half alles nichts, der Buchbinder musste den verhüllten Becher vorzeigen. Der Kommissar betrachtete ihn eingehend, dann sagte er:
„Das genügt. Herr Heider, ich verhafte Sie wegen Diebstahls, begangen an Ihrem Vater, und wegen wissentlich falscher Anschuldigungen gegen Ihren ehemaligen Mitgesellen Wilhelm Heilmann.“
Der Buchbinder erkannte, dass sein Spiel aus war. Widerstandslos ließ er sich von einigen herbeigeeilten Gendarmen fortbringen.
*
Bald darauf wurde Wilhelm Heilmann aus seiner Zelle im Untersuchungsgefängnis geführt.
„Kommen Sie mit“, sagte der Schließer kurz, aber nicht unfreundlich, „der Herr Untersuchungsrichter erwartet Sie.“
Heilmann schritt ihm beklommenen Herzens nach. Was würde der Richter ihm zu sagen haben? Die Lage schien hoffnungslos, denn seine Feinde sagten gegen ihn aus und Beweise für seine Schuldlosigkeit gab es wohl nicht. Im tiefsten Innern sagte er sich trotzdem, dass noch nicht alles verloren sei. All seine Hoffnungen ruhten fest auf Arndt.
Im Zimmer des Untersuchungsrichters warteten der Gerichtsrat Leibold, Kommissar Anders und der Geheimpolizist Arndt auf ihn. Der Richter eilte auf Heilmann zu und sagte mit bewegter Stimme:
„Was haben Sie durchmachen müssen!“
Heilmann blickte ihn mit ungläubigem Staunen an. Da trat der Kommissar rasch hinzu.
„Ja, Herr Heilmann, Ihre völlige Unschuld ist nunmehr bewiesen. Herr Arndt hat entdeckt, dass Kurt Heider im Besitz des gestohlenen Ehrenbechers gewesen ist. Im Verhör sah Heider ein, dass Leugnen seine Lage nur verschlimmern würde, und gab alles zu: den Diebstahl damals, die falschen Anschuldigungen, die unmenschlichen Umstände, unter denen sein Vater die letzten Wochen verbringen musste, und besonders, dass er das Geld – zwei Gulden, die Sie für die Uhr gegeben hatten – aus dem Zigarrenkästchen nahm. Seine Frau haben wir als Mitschuldige verhaftet. Von dem Diebstahl und der falschen Beschuldigung freilich weiß sie nichts, aber den Schwiegervater hat sie gefühllos verkommen lassen. Damit ist Ihre völlige Unschuld erwiesen. Herr Heilmann, Sie sind frei. Einen angemessenen Schadensersatz für die erlittene Haft wird das Gericht festsetzen.“
Heilmann wankte. Er musste sich kurz setzen, das Glück hatte ihn übermannt. Dann ging er auf den Detektiv zu, ergriff seine Hände und sagte:
„Herr Arndt, das verdanke ich Ihnen! Sie haben an meine Unschuld geglaubt und ohne Ihre Hilfe wäre ich bald wieder im Zuchthaus gelandet. Mein Leben gehört Ihnen, verfügen Sie darüber nach Belieben!“
„Nein, Heilmann“, entgegnete Arndt gerührt, „über Ihr Leben darf ich nicht verfügen. Zudem hat mir Gottes Hand geholfen. Nun sind Sie immer noch ohne Arbeit, aber mit unserer Hilfe wird sich das rasch ändern lassen.“
Heilmann erhielt auf Empfehlung Arndts schon bald Arbeit bei einem Buchbindermeister in Rollenburg. Zwar schmerzte ihn der Gedanke an seine Sträflingszeit in dem nahegelegenen Schloss immer noch, doch half ihm seine neue Beschäftigung, über die trüben Gedanken an die Vergangenheit hinwegzukommen. Nur einen Menschen aus dieser schlimmen Zeit seines Lebens konnte er nicht vergessen: den Geheimpolizisten Arndt. Würde er ihn wohl wiedersehen?
4. Menschenhändler
Erich Uhland sah aus wie ein Lebemann – er war auch einer. Gekleidet nach der neuesten Mode, schlenderte er in der Residenz eine kleine, stille Straße hinunter, wobei er mit seinem Spazierstock Bewegungen ausführte, gerade als befände er sich im Zweikampf mit einem Degenfechter. Dabei huschten seine Schweinsäuglein ständig von rechts nach links und schienen alle Kleinigkeiten aufzunehmen. Er bewegte sich auf ein neu eröffnetes, hübsches Weinstübchen zu, das zunächst nur von wenigen Kunden, seit einigen Wochen aber recht lebhaft besucht wurde. Dort befanden sich unter den Gästen meist jüngere Leute, Schüler, Studenten und auch Lehrer. Das hatte seinen guten Grund und er bestand in – einer neuen Kellnerin. Das Mädchen, das seit einiger Zeit hier bediente, war noch jung, etwa neunzehn Jahre alt, dabei aber von einer eigenartigen Lieblichkeit. Es lag über dem frischen Gesicht ein Hauch von Unschuld und Kindlichkeit, den eigentlich jeder respektieren musste, es handele sich denn um einen besonders rücksichtslosen Menschen.
Das Lokal bestand aus zwei Stuben; in der hinteren saß ein älterer Herr, der hier regelmäßig verkehrte. Er war mit dem Wirt bekannt und unterhielt sich gerade mit ihm über die neue Kellnerin. Der Gast lobte ihr freundliches und umgängliches Wesen, unterbrach sich aber, weil sie gerade die hintere Stube betrat, um bei einer Häkelarbeit auszuruhen. Der Wirt verabschiedete sich von dem Herrn und verließ den Raum.
Es dauerte nicht lange, so trat Erich Uhland ein. Er grüßte knapp, aber mit gewisser Eleganz und bestellte sich einen Schoppen. Die Kellnerin bediente ihn und setzte sich dann auf eine Bank. Sie bemerkte während ihrer Handarbeit gar nicht, dass der Gast sie genau beobachtete, und das eine ganze Weile. Schließlich schien ihm das lange Schweigen langweilig zu werden. Er räusperte sich halblaut und fragte beiläufig:
„Kennen Sie mich noch, Fräulein?“
Die plötzliche Anrede brachte eine leichte Röte auf ihren Wangen hervor und sie antwortete freundlich, aber leise:
„Sie waren gestern Abend hier?“
„Ja. Ich komme gleich heute früh wieder, weil Ihr Wein wirklich exquisit ist.“
„Das müsste der Wirt hören“, erwiderte sie. „Er würde sich freuen.“
„O ja“, sagte der Fremde mit einem seltsamen Unterton in der Stimme, „seit Sie hier sind, kommen die Gäste in Strömen. Freilich wundert mich das nicht, bei einem so hübschen – – Getränk wie diesem Weißwein.“
Er hatte eigentlich ‚Mädchen‘ sagen wollen, verbesserte sich aber noch rechtzeitig. Die Kellnerin nahm von seinen Worten keine Notiz. Sie arbeitete weiter und es hatte ganz den Anschein, als halte sie das Gespräch nun für beendigt. Der Gast aber fuhr nach einer kurzen Pause fort:
„Nur schade, dass ich nicht wiederkommen kann. Ich wohne nicht hier und werde wohl in Zukunft nur noch selten in die Residenz fahren.“
Sie antwortete nicht. Wieder vergingen einige Minuten. Er suchte nach einem neuen Anknüpfungspunkt für das unterbrochene Gespräch. Sein Auge fiel auf das alte Klavier, das an der Wand der Stube stand. Er fragte:
„Spielen Sie bisweilen auf diesem Klavier, Fräulein?“
Sie errötete leicht und antwortete:
„Ich habe es leider nie gelernt.“
„So?“ Der Herr gab sich verwundert. „Das ist schade! Klavierspielen gehört zur Allgemeinbildung. Eine jede junge Dame sollte es können.“
Das Mädchen antwortete in leisem Ton:
„Meine Eltern sind zu arm dazu. Der Vater war Holzschnitzer, kann aber sein Handwerk nicht mehr ausüben. Er ist in die Kreissäge geraten und hat dabei drei Finger der rechten Hand verloren.“
Der Gast gab sich mitleidig:
„O weh! Das ist schlimm! Da bedauere ich ihn von Herzen. Nun wird Ihre arme Mutter doppelt arbeiten müssen!“
Die Tränen traten der jungen Kellnerin in die Augen und sie sagte fast schluchzend:
„Ich habe keine Mutter mehr. Sie starb schon vor Jahren an einem Fieber. Die Ärzte nennen es Hungertyphus. Es wurde gesagt, dass unsere Ernährung zu einseitig gewesen sei. Obwohl wir stets etwas zu essen hatten, fehlte es uns doch an allen wichtigen Nahrungsmitteln. Daher musste ich fort, um Geld zu verdienen – für mich, den Vater und meine drei jüngeren Schwestern. Die zweitälteste Schwester wird jetzt vierzehn Jahre, sie kommt zu Ostern aus der Schule und muss nun an meiner Stelle das Haus versorgen.“
Der Fremde heuchelte ein lebhaftes Interesse. Er fragte:
„Und was macht Ihr Vater? Wovon lebt er?“
„Er handelt ein wenig mit Obst“, antwortete sie. „Das kann er trotz seiner invaliden Hand.“
„Dann müssen Sie wohl fast Ihren gesamten Lohn an die Familie abgeben?“, meinte der Herr wie beiläufig.
Die Kellnerin nickte. Ein lautes ,Ja‘ zu sagen, das fiel ihr denn doch zu schwer. Sie hatte den Vater und die Geschwister von Herzen lieb. Was sie tat, das tat sie gern. Arm zu sein, ist keine Schande, aber so offen darüber zu sprechen, das widerstrebte ihr doch.
Wieder gab es eine Pause. Dann begann der neugierige Gast von Neuem:
„Wie heißt Ihr Vater?“
„Weber.“
„Und Sie?“
Das Mädchen blickte ihn erstaunt an.
„Magda“, sagte sie.
Der Gast war sichtlich angetan.
„Ein schöner Name“, sagte er. „Und nun arbeiten Sie hier? Da gibt es doch sicher wenig zu verdienen?“
Das Gespräch war eigentlich ein Verhör zu nennen, doch Magda Weber schien es nicht zu bemerken.
„Drei Gulden monatlich mit Kost und Logis“, sagte sie traurig.
„Das ist freilich wenig“, meinte Uhland. „Wie wollen Sie da den armen Vater unterstützen, zumal Sie doch auch etwas für sich brauchen?“
„Oh, was mich angeht, ich bin genügsam!“, erwiderte Magda lebhaft. „Doch ein wenig Geld für Wäsche und Verschiedenes andere brauche ich auch. Vielleicht finde ich eine neue und bessere Stelle. Der Wirt mag mich gut leiden, er würde mich aber sogleich ziehen lassen, wenn ich ihn darum bitte und auf den letzten Monatslohn verzichte. Was hilft’s mir aber? Ich bin den Leuten zu jung, ich soll erst noch lernen. Mehr als drei Gulden bietet man mir nicht.“
Uhland nickte zustimmend.
„Ja, ja, so ist es hier in der Residenz!“, sagte er. „Bei uns bezahlt man zehnmal besser.“
Das machte sie neugierig. Sie hob rasch den hübschen Kopf und fragte:
„Bei uns? Wo ist das?“
Der andere schien ihren Eifer nicht zu bemerken. Er fuhr ruhig fort:
„In Rollenburg. Ja, dort wissen die Leute zu leben! Man nutzt das Gesinde nicht so aus wie hier. Ein Mädchen, das gute Dienste leistet, hat jeden Sonntag frei, einen hohen Lohn und bekommt ein nobles Weihnachtsgeschenk.“
„Welchen Lohn erhält man dort?“, fragte Magda.
Der Gast tat geheimnisvoll.
„Hm!“, sagte er gedehnt. „Das kommt auf die Stelle an, die man bekleidet, ob als Dienstmädchen, Hausmädchen, Zimmermädchen, Verkäuferin oder Kellnerin. Was würden Sie vorziehen?“
„Kellnerin möchte ich nicht gern wieder werden. Aber als Hausmädchen bei einer Dame würde ich schon gern dienen.“
Uhland blickte Magda mit gut gespielter Verwunderung an:
„Wirklich? Dann ist es gerade, als ob das Schicksal mich hierher geschickt hätte. Ich weiß nämlich eine gute, sehr gute Stelle in Rollenburg bei einer Verwandten von mir. Wissen Sie, sie ist Malerin, ja sogar eine recht berühmte. Bei ihr wohnt eine Anzahl junger Damen in Pension, die sich dort künstlerisch ausbilden lassen. Für diese Damen braucht sie ein Stubenmädchen. Ein Dienst- und ein Hausmädchen hat sie bereits. Das Stubenmädchen soll übrigens die feineren und leichteren Arbeiten besorgen. Der Lohn ist sehr hoch, und dass diese Künstlerinnen gute Trinkgelder geben, das können Sie sich denken!“
Das unerfahrene Mädchen stand von seinem Platz auf und ihre Augen leuchteten vor Freude. Der Gast fühlte, dass er sein Ziel erreicht hatte. Beiläufig sagte er:
„Übrigens beträgt der Lohn fünfzehn Gulden monatlich, ohne die Trinkgelder und Geschenke.“
„Fünfzehn – – mein Gott!“, rief Magda aus. „Oh, könnte ich diese Stelle bekommen!“
Der Fremde legte ihr vertrauensvoll eine Hand auf die Schulter.
„Nun, ich will Ihnen sagen, dass meine Verwandte mich gebeten hat, mich hier nach einer passenden Person umzusehen, ich könnte sie gleich mitbringen.“
„Dann bitte, nehmen Sie keine andere!“
Magda hielt ihm hilfesuchend die kleine Hand entgegen. Er ergriff sie und sagte im Ton väterlichen Wohlwollens:
„Nun, Sie sind zwar jung, aber gutwillig und wohlerzogen. Ich will es also wagen, Sie meiner Verwandten zu präsentieren. Sind Ihre Papiere in Ordnung, sodass Sie augenblicklich fortkönnen?“
„Ich werde sofort mit dem Wirt sprechen.“
„Schön! Sie müssen mir jetzt allerdings noch eine Bitte erfüllen. Verschweigen Sie Ihrer jetzigen Herrschaft, wohin Sie gehen! Den Grund dafür kann ich Ihnen erst später sagen. Ich fahre mit dem Zug heute Nachmittag um fünf Uhr fort. Kommen Sie zum Bahnhof mit Ihren Sachen!“
„Oh, ich habe nicht viel, denn ich bin arm“, sagte Magda bescheiden.
„Sie werden sich in Rollenburg sehr bald gute Wäsche und schöne Kleider anschaffen können“, fügte der Fremde hinzu. „Meine Verwandte heißt Melitta. Sie ist unverheiratet. Mein Name ist Uhland und ich freue mich sehr, meiner Verwandten und Ihnen helfen zu können. Sie werden es dort sehr gut haben! Hier sind fünf Gulden als Draufgeld. Topp?“
Er streckte ihr die Hand hin und Magda schlug herzhaft ein.
Der Gast gab ihr noch einen Gulden und sagte:
„Das ist für den Wein.“
„Zu viel, Herr Uhland!“, wandte Magda rasch ein.
„Schon gut!“, wehrte Uhland ab. „Die Sache ist also abgemacht. Ich rechne nun damit, dass Sie auch zur rechten Zeit zum Zug eintreffen!“
„Oh, ich werde bereits viel eher auf dem Bahnhof sein!“, versicherte Magda.
Uhland nickte zufrieden. „Schön! Also auf Wiedersehen, liebes Kind!“
„Adieu, Herr Uhland!“
Er gab ihr die Hand und ging. Magda fühlte sich außerordentlich glücklich. Sie eilte sogleich zu dem Wirt. Dieser war zwar erstaunt und betroffen zugleich über ihren schnellen Entschluss, willigte aber ein, denn seine Frau war schon recht eifersüchtig auf die junge Kellnerin geworden.
*
Der ältere Gast in der Hinterstube hatte jedes Wort mithören können. Als Uhland das Lokal verließ, trank er seinen Wein schnell aus, legte die Bezahlung neben das Glas und folgte ihm. Uhland spazierte gemächlich durch mehrere Straßen und trat dann in ein feines Café.
„Ich habe ein brillantes Geschäft gemacht“, dachte er, „und kann mir etwas Gutes tun. Wenn nur diese Kleine auch Wort hält!“
Er hatte sich kaum niedergesetzt, so trat der ältere Mann ein und schritt auf Uhlands Tisch zu. Dieser sprang sofort in die Höhe, als er den Neuankömmling erblickte.
„Heinz, du?“, rief er erstaunt aus.
„Pst, nicht so laut!“, zischte jener. „Die Wände haben hier Ohren. Gratuliere dir übrigens zu der famosen Magda Weber!“
Uhland glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können. „Wie? Du weißt?“, fragte er perplex.
„Alles. Ich saß gleich nebenan in der Hinterstube und hörte dein Gespräch mit der jungen Gans. Ihr freilich konntet mich nicht sehen. Apropos: Bist du nicht bei Winkelmann auch auf Fang aus gewesen?“
„Schweig mir mit Winkelmann“, brummte Uhland verdrießlich. „Das Pflaster wurde mir dort zu heiß, seit so ein seltsamer Mensch mich einige Male ganz scharf beobachtet hat. Ich habe Freunde in der Residenz und so war es ein Leichtes herauszufinden, dass es sich um einen verdammten Polizeischnüffler handelte. Also wechselte ich Hals über Kopf das Revier und nun bin ich doch fündig geworden!“
„Und wie fündig!“, stimmte Heinz zu. „Bist du sicher, dass das Mädchen auch willig ist?“
„Willig oder nicht willig“, sagte Uhland spöttisch, „der Melitta und mir widersteht niemand! Und wie geht dein Geschäft?“
Sein Kumpan grinste hässlich.
„Gut wie deins! Aber eins will ich dir sagen, Erich: Sei auf der Hut! Hinter deinem Schnüffler könnte dieser verdammte Geheimpolizist stecken, der sich seit kurzer Zeit hier herumtreibt und sich sehr für Mädchenhandel interessieren soll.“
„Mag er sich doch dafür interessieren“, meinte Uhland großspurig. „Aber wehe, er pfuscht mir ins Handwerk! Dann...“ Er machte die Bewegung des Halsumdrehens. „Jetzt lass uns auf meine neue Errungenschaft anstoßen! Herr Ober, eine Flasche vom Besten!“
*
Karl Petermann hatte sich nach dem Abschied von Heilmann vom Bahnhof der Residenz direkt in das Polizeigebäude begeben und sich auf der Meldestelle nach seiner Tochter erkundigt.
„Valeska Petermann?“, meinte der Beamte, während er im Einwohnerregister nachschlug. „Gemeldet bei Frau Groh in der Ufergasse 10.“
Petermann ging. Sein Herz war ihm zum Brechen schwer. Also befand sich sein Kind wirklich dort bei der so schlecht beleumundeten Frau Groh! In der Ufergasse klingelte er bei der angegebenen Hausnummer. Niemand öffnete. Petermann musste unverrichteter Dinge wieder abziehen.
Während der nächsten Tage mühte er sich nach Kräften, Arbeit in der Residenz zu finden, doch niemand wollte einen wegen Unterschlagung Vorbestraften einstellen. Mehrfach versuchte er auch, Madame Grob in ihrer Wohnung anzutreffen, doch sie war angeblich verreist. Erst drei Wochen nach seiner Ankunft in der Residenz glückte es dem ehemaligen Gutsverwalter zu beobachten, wie eine vornehm gekleidete Dame das Haus Ufergasse 10 betrat. Schnell entschlossen folgte er ihr und ließ sich von dem verlegenen Dienstmädchen nicht abweisen. Nach einigen Minuten eines Wortwechsels wurde er endlich zur Madame Groh vorgelassen.
Die Dame stand in hochmütiger Haltung mitten in ihrem Zimmer. Petermann verbeugte sich leicht und sagte einige Worte, um sein Vordringen zu entschuldigen, sie aber fiel ihm in die Rede:
„Ich kenne Sie nicht. Was wollen Sie?“
„Mich kennen Sie freilich nicht, Madame, aber meine Tochter kennen Sie.“
Die Dame tat erstaunt. „Ihre Tochter? Wieso?“
„Sie steht bei Ihnen in Diensten.“
„Bei mir? Ah, Sie heißen Petermann. Ja, eine Petermann war bei mir im Dienst.“
„Meine Tochter ist nicht mehr bei Ihnen?“, fragte Petermann.
„Nein. Sie blieb überhaupt nur recht kurze Zeit bei mir.“
„Können Sie mir denn vielleicht Auskunft erteilen, wo sie jetzt ist?“, erkundigte sich Petermann, immer noch in sehr höflichem Ton.
„Nein. Ich bin nicht neugierig. Ich pflege nicht zu fragen, wohin ein Mädchen geht, wenn es von mir fort will. Das geht mich doch gar nichts an!“
„Sie haben ihr aber doch ein Zeugnis ausgestellt?“
„Natürlich! Ich besinne mich, ihr ein Zeugnis gegeben zu haben, mit dem sie zufrieden sein kann.“
„Sie ist bei Ihnen noch immer polizeilich gemeldet!“
„Wenn sie sich nicht ordnungsgemäß abgemeldet hat, so ist das nicht meine Sache. Haben Sie sonst noch eine Frage? Meine Zeit ist knapp!“
Das war mehr als deutlich. Petermann verabschiedete sich kurz und verließ die unfreundliche Dame. Das Dienstmädchen führte ihn zur Tür und wollte ihn hinauslassen, doch Petermann drehte sich noch einmal um und fragte:
„Sie stehen wohl schon lange in Diensten?“
„Ja, mein Herr“, antwortete sie zögernd, „drei volle Jahre.“
„Und Sie haben sicher viel zu tun?“
„Gewiss, die ganze Hausarbeit.“
Petermann nickte freundlich.
„Da wurde Ihre Kollegin Valeska ja fast gar nicht gebraucht? Ich bin nämlich ein Verwandter von ihr.“
Das Mädchen begriff nicht den Hintersinn dieser Worte und erwiderte unbefangen:
„Sie haben ganz Recht! Darum musste sie auch fort.“
„Ja, ja“, nickte Petermann. „Wohin ist sie eigentlich gegangen?“
„Das wissen Sie nicht?“, fragte das Mädchen erstaunt. „Na, nach Rollenburg natürlich, zu Fräulein Melitta!“
Petermann bemühte sich, seine Freude nicht zu zeigen, dankte höflich und schritt von dannen. Das Dienstmädchen ging in das Zimmer ihrer Herrin.
„Was gibt’s?“, fragte diese barsch.
„Der Mann ist fort“, meldete das Mädchen. „Er hat mich gefragt, wie lange ich hier diene und wohin die Valeska Petermann gegangen ist.“
Da sprang Frau Groh von dem Sofa auf, wo sie eben Platz genommen hatte.
„Du hast es ihm doch nicht etwa gesagt?“
„Warum nicht?“, fragte das Mädchen ängstlich. „Er sagte, er sei ein Verwandter von Valeska. Stimmt das etwa nicht?“
„Doch, doch, leider! Welche Unvorsichtigkeit! Wir müssen die Melitta warnen. Rasch zu Heinz! Und du bleibst hier und öffnest keinem Menschen!“
Die Dame rauschte davon und ließ das erschrockene Mädchen zurück.
*
Wilhelm Heilmann hatte seine Lehrzeit zwar bei dem Paten Heider in der Residenz verbracht, doch war er der Sohn armer Weber aus Langenstadt, droben im Gebirge. Seine Eltern waren früh gestorben und hatten ihn in der Obhut einer Verwandten zurückgelassen, die sich recht und schlecht um ihn kümmerte. Eines Tages war dann der Pate Heider ins Gebirge gekommen, um sich des vierzehnjährigen Knaben anzunehmen, der bei ihm in die Lehre gehen sollte. Sein weiteres Schicksal ist uns bekannt.
Schon wenige Tage, nachdem sich Heilmanns Unschuld herausgestellt hatte, fand er neue Arbeit in Rollenburg.
Seitdem waren drei Wochen ins Land gegangen und der junge Mann hatte sich noch einmal in die Residenz begeben müssen, um Kommissar Anders einige abschließende Fragen zu beantworten. Dies war nun erledigt und Heilmann wartete im Bahnhof der Residenz auf seinen Zug nach Rollenburg. Er saß im Wartesaal zweiter Klasse, trank ein Glas Bier und ließ seine Blicke schweifen. Da fiel sein Auge auf ein junges Mädchen, das in seiner Nähe saß und neben sich eine große Tasche stehen hatte. Heilmann fühlte sich unwillkürlich von ihrer Erscheinung berührt. Sie war eine aufknospende Schönheit, ohne Zweifel, aber nicht das allein zog sein Auge an, sondern in ihren weichen, sanften Zügen fand er etwas, das ihm seltsam bekannt vorkam. Und sonderbar, auch sie blickte wiederholt zu ihm herüber, und wenn sich ihre Blicke dabei begegneten, senkten sich ihre Wimpern, aber nicht erschrocken, sondern eher wie von Freude erfüllt. Da stand Wilhelm Heilmann auf, machte einige rasche, entschlossene Schritte auf sie zu, verbeugte sich leicht und sagte:
„Entschuldigung, mein Fräulein! Haben wir uns nicht schon einmal gesehen?“
Sie errötete, antwortete aber unbefangen:
„Schon oft, Herr Heilmann.“
„Wie! Sie kennen mich also? Wo sahen wir uns denn bloß?“
„In der Heimat, in Langenstadt“, erwiderte sie leise.
„Ah, Sie sind auch von da oben her? Ich bin allerdings lange Jahre nicht mehr dort gewesen. Aber hm! Ihr Gesicht spricht so freundlich zu mir, doch weiß ich nicht, welchen Namen ich Ihnen geben soll.“
„Denken Sie an Kirschen!“, lächelte das Mädchen.
Heilmann machte ein verblüfftes Gesicht.
„An welche Kirschen?“
„An die Kirschen, Stachelbeeren, Birnen und Äpfel, die Sie heimlich zwischen den Zaun steckten, damit sie jemand finden konnte. Dieser Jemand war ein kleines, armes Mädchen, das niemals einen Pfennig hatte, sich solche Früchte zu kaufen. Sie hatten zwar auch nicht viel, doch fanden Sie immer wieder Gelegenheit, sich für kleine Botendienste mit allerlei Obst beschenken zu lassen, das Sie dem kleinen Mädchen weitergaben. Es ist inzwischen freilich auch ein wenig größer geworden.“
Wilhelm Heilmann trat einen Schritt zurück. Die Überraschung stand auf seinem Gesicht geschrieben, als er sagte:
„Sie sind Magda? Webers Magda! Nun, das ist eine große Freude! Wir haben uns schon ewig lang nicht mehr gesehen!“
„O ja“, lächelte Magda schalkhaft. „Damals war ich ein ganz kleines, dummes Ding, lief barfuß und aß Grießbrei. Bald freilich kam eine traurige Zeit für mich. Die Mutter starb und der Vater hat fast die Hand verloren, denn die Kreissäge verstümmelte sie ihm. Nun war es natürlich aus mit dem Holzschnitzen. Er fing einen kleinen Obsthandel an, der ihn und meine drei Schwestern nur kümmerlich ernährt.“
Bei diesen Worten senkte sie den Blick zu Boden. Heilmann verstand sofort.
„Ich vermute, Sie haben Langenstadt verlassen, um sich Arbeit in der Residenz zu suchen?“, fragte er vorsichtig.
„Bis vor Kurzem arbeitete ich als Kellnerin in einer Weinstube“, sagte Magda verlegen.
„Wie schade, dass ich nicht helfen konnte“, rief Heilmann rasch aus. „Ich bin ja schon mit vierzehn Jahren von Langenstadt fort und habe seitdem – – viel Schlimmes, aber auch Gutes erlebt. Welch ein Zufall, dass wir uns hier treffen. Wohin fahren Sie jetzt?“
„Ich muss heute nach Rollenburg, wo ich einen neuen Dienst antrete“, antwortete Magda. „Ich soll dort Wirtschafterin werden bei einer Dame, einer Malerin, die junge Künstlerinnen in Pension hat.“
„Wie heißt sie?“, fragte Heilmann vorsichtig.
„Fräulein Melitta.“
„Dieser Name ist mir unbekannt. Allerdings bin ich selbst erst seit kurzer Zeit bei einem Buchbinder in Rollenburg beschäftigt. Aber sei’s drum! In welcher Klasse reisen Sie?“
„Das weiß ich nicht“, versetzte Magda. „Ich fahre mit einem Herrn dorthin, der ein Verwandter meiner neuen Herrin ist und mich für den Dienst ausgewählt hat.“
Heilmann blickte auf.
„Dort schaut gerade ein Herr zur Tür herein. Er scheint jemand zu suchen.“
„Das ist er“, antwortete Magda, indem sie sich umsah. „Er winkt. Ich muss zu ihm.“
Sie griff nach ihrer Tasche. Wilhelm streckte ihr die Hand entgegen und sagte:
„Unter diesen Umständen darf ich Sie allerdings nicht zurückhalten. Hoffentlich sehen wir uns in Rollenburg wieder. Oder wünschen Sie das nicht?“
Sie rang mit einer Antwort, dann klang es leise:
„Ich würde mich sehr freuen. Adieu, Herr Heilmann!“
„Adieu, Magda!“
Sein Blick folgte ihr, bis sie hinter der Tür zum Wartezimmer dritter Klasse verschwunden war. Dort stand Uhland und empfing sie mit bösen Blicken.
„Was taten Sie da drin?“
Sie sah ihn erstaunt an.
„Warum fragen Sie?“
„Weil Sie doch hier in diesem Saal warten sollten!“
„Ich habe darauf nicht geachtet“, entschuldigte sich Magda. „Auch konnte ich doch nicht wissen, dass Sie in der dritten Klasse fahren. Sie als Verwandter des Fräulein Melitta reisen doch sonst zweiter Klasse?“
„Ah, diese kleine Fliege kann auch stechen“, dachte sich Uhland. Aber er ließ seinen Ärger nicht merken, die Fliege hätte sonst noch im letzten Augenblick auf den Gedanken kommen können, ihm zu entweichen.
„Ich würde zweiter Klasse fahren, aber es ist alles besetzt. Wer war der Herr, mit dem Sie sprachen?“
„Er stammt aus meiner Heimat und arbeitet nun als Buchbinder in Rollenburg.“
Uhlands Gesicht wurde plötzlich von einem hämischen Lächeln entstellt, als er fortfuhr:
„Nun, so werden Sie ihn wohl wiedertreffen. Jetzt will ich für die Billetts sorgen.“
Kaum hatte er die Fahrkarten gekauft, da läutete es zum ersten Mal. Sie betraten den Bahnsteig, um sich in das Abteil zu setzen. Draußen stand der junge Buchbinder. Er beobachtete die beiden, bis sie eingestiegen waren. Dann schritt er, wie unter dem Einfluss eines plötzlichen Gedankens, auf das Abteil zu und zog den Hut.
„Verzeihung, mein Herr!“, sagte er. „Mein Name ist Wilhelm Heilmann.“
„Schön!“, antwortete Uhland, ohne seinen Namen zu nennen, wie es die Höflichkeit erfordert hätte.
„Sie fahren mit dieser Dame nach Rollenburg?“
„Allerdings.“
„Es ist kalt in der dritten Klasse“, sagte Heilmann mit besorgtem Unterton in der Stimme. „Erlauben Sie, dass ich ihr meinen Mantel zur Verfügung stelle? Es ist zwar nur ein einfacher Überzieher, doch hält er warm.“
„Das ist nicht nötig. Es ist warm genug. Übrigens geht Sie das nichts an!“
Da trat der junge Mann einen Schritt näher an das Abteil heran, blickte dem anderen erstaunt in das Gesicht und antwortete:
„Herr, was fällt Ihnen ein! Ihr Betragen ist geradezu flegelhaft! Ich stelle mich Ihnen vor und Sie verschweigen mir Ihren Namen. Sie tun ganz so, als ob Sie dieser Dame zu befehlen hätten, dabei kann sie nach Rollenburg fahren, wie und mit wem es ihr beliebt. Ich kenne sie, ich will sie nicht frieren lassen, und wenn Sie den Mantel nicht in Ihrem Abteil dulden wollen, so mag sich Fräulein Weber zu mir setzen. Ich fahre zwar auch nur dritter Klasse, doch wird sie dann meinen Überzieher erhalten!“
Das war deutlich. Uhland schwieg wütend. Wilhelm zog seinen Mantel aus, trat auf das Trittbrett und reichte dem Mädchen das warme Kleidungsstück.
„Hier, Magda, hüllen Sie sich hinein!“
Sie errötete, wies aber den Mantel nicht zurück. Heilmann ging ein Abteil weiter, Uhland aber schwieg, um seine Beute nicht noch misstrauischer zu machen. Sie lehnte in der Ecke und schloss die Augen. ‚Magda‘ hatte er sie genannt, bei ihrem Vornamen. Eine Fülle von Gefühlen stürzte auf sie ein und brachte sie in große Verwirrung.
Unterdessen ging Heilmann seinen Gedanken nach. Dieser Uhland war ihm äußerst unsympathisch. Hoffentlich war Magda hier nicht an einen Wolf im Schafspelz geraten – !
In Rollenburg angekommen, ging Wilhelm zu Magda und Uhland und erbat den Mantel zurück. Um nicht wieder mit Uhland streiten zu müssen, verabschiedete er sich rasch und ging fort, immer noch in schwere Gedanken versunken. Jedenfalls beschloss er, so bald wie möglich die Wohnung des ihm vollständig unbekannten ‚Fräulein Melitta‘ aufzusuchen.
*
Es war zwei Tage nach der Abreise Magda Webers aus der Residenz. Im Bezirksgericht saß der junge Assessor Franz von Ansbach über einem Stapel wichtiger Akten. Es war ihm trotz seiner Jugend in recht kurzer Zeit gelungen, sich das völlige Vertrauen seiner Vorgesetzten zu erwerben. Zur Zeit befasste er sich mit der ‚Mädchenhändlerangelegenheit‘, wie Arndt sie zu nennen pflegte. Einige erfahrene Polizisten waren dem ‚ehrenwerten‘ Herrn Uhland auf der Spur. Kommissar Anders selbst hatte die Oberleitung über diese delikate Beobachtungsaufgabe übernommen.
Gerade las Franz von Ansbach in dem Bericht eines der zuverlässigsten Mitarbeiter von Detektiv Arndt, dass er den sogenannten ‚Herrn Uhland‘ in Winkelmanns Weinstube schon vor einigen Tagen aus den Augen verloren hatte. War dem mutmaßlichen Mädchenhändler dort der Boden zu heiß geworden? Während Ansbach seinen Gedanken nachging, wurde plötzlich die Tür seines Arbeitszimmers aufgerissen und – Kommissar Anders stürzte sichtlich erregt herein.
„Herr Assessor, es gibt schlechte Nachrichten!“
Ansbach blickte sein Gegenüber besorgt an.
„In der Angelegenheit Arndt?“, fragte er rasch.
„Ja“, bestätigte der Kommissar. „Unser Mann, der Uhland in der Weinstube observierte, hat vor zwei Tagen endlich dessen Spur wiedergefunden, und zwar in einer neuen Weinstube der Residenz. Dort verkehrt ein gewisser ‚Heinz‘, dem allerlei dunkle Geschäfte nachgesagt werden, und dort ist nun auch Uhland aufgetaucht. Der Beschreibung nach müsste er es jedenfalls sein. Aber – wie der Teufel es so will – Uhland ist uns erneut entwischt, und zwar zusammen mit einer jungen Kellnerin namens Magda Weber. Nach langem Hin und Her hat unser Gewährsmann herausfinden können, dass Uhland mit Magda Weber vor zwei Tagen nach Rollenburg abgereist ist.“
Da sprang der junge Assessor erregt auf.
„Dann müssen wir ihnen nach! Diese Gelegenheit dürfen wir uns nicht entgehen lassen!“
Mit diesen Worten eilte er zu seinem Vorgesetzten, Staatsanwalt Unterberg, der über die gesamte unsaubere Angelegenheit genau informiert war. Dieser fällte rasch seine Entscheidung und schon eine knappe halbe Stunde später verließen Staatsanwalt Unterberg, Assessor von Ansbach und Kommissar Anders die Residenz mit dem Abendzug in Richtung Rollenburg. Vorher aber war ein chiffriertes Telegramm an einen Mitarbeiter Arndts in Rollenburg abgegangen, das entschlüsselt folgenden Inhalt hatte: Ankommen mit Abendzug in Rollenburg – sehr wichtig – Uhland in Rollenburg mit Magda Weber, neunzehn Jahre alt – wahrscheinlich zur Melitta – Herrn Arndt sofort von unserem Eintreffen unterrichten – Treffpunkt Haus M. – Staatsanwalt Unterberg.
5. Im Haus der Melitta
Mademoiselle Melitta bewohnte eine vornehme Villa am Rande der Stadt Rollenburg. Ein kräftiger Hausdiener sowie einige andere Bedienstete sorgten dafür, dass nur Gäste das Haus betraten, die Fräulein Melitta genehm waren. Der Dame des Hauses sah man an, dass mit ihr nicht zu spaßen war. Sie hatte eine wahre Xanthippen-Physiognomie mit spitzer Nase, scharfem Kinn und einem Mund, der sich sehr unangenehm verzog, wenn irgendetwas nicht nach ihrem Willen ging. Heute konnte sie freilich recht zufrieden sein. Ein spendabler, älterer Herr war nach Rollenburg gekommen, um dort einen angenehmen Tag im Kreise der Mädchen, die Fräulein Melittas Gesellschaft bildeten, zu verbringen. Er amüsierte sich bestens, und dennoch fiel es ihm auf, dass ein Mädchen sich von den anderen abseits hielt. Als die jungen Damen den Besucher begrüßt hatten, war sie als Einzige auf ihrem Platz sitzen geblieben, darum musterte der erfahrene Lebemann sie besonders neugierig.
„Wer ist das?“, fragte er leise.
„Die?“, sagte eines der Mädchen verächtlich. „Das ist die dumme Wally.“
Das Mädchen, von dem die Rede war, saß in die Ecke gedrückt und hatte das Gesicht von der Gesellschaft abgewandt. Der Gast sah nur ihren Hinterkopf, von dem zwei lange und schwere Zöpfe schwarzen Haares auf das seidene Kleid, das sie trug, niederfielen.
Der Herr bedauerte es sehr, ihr Gesicht nicht sehen zu können.
„Ihr nennt sie dumm?“, fragte er. „Warum?“
„Sie hat gedacht“, lachte die vorige Sprecherin, „sie käme als Zimmermädchen oder als Zofe her. Nun leistet sie keinem einzigen Herrn Gesellschaft.“
„Hm! Ist das wirklich dumm? Aber fernbleiben soll sie nicht. Ruft sie!“, befahl der Gast.
„Wally, komm her!“, rief das eine Mädchen.
Die Angeredete blieb in ihrer Ecke sitzen.
„Wally, hörst du?“
Sie tat, als habe sie nichts gehört. Sie bewegte sich nicht, sie drehte nicht einmal den Kopf herum.
„So ist sie! Sie wird aber schon noch anders werden.“
„Ich will doch einmal versuchen, ob sie auch mir nicht antwortet“, sagte der Mann. Mit diesen Worten stand er auf und trat zu der Schweigsamen. Er legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte: „Kommen Sie und trinken Sie ein Glas Wein mit uns.“
Sie antwortete ihm mit einer raschen Bewegung, durch die seine Hand von ihrer Schulter geschleudert wurde.
„Seien Sie nicht ungezogen!“, fuhr er fort. „Ich meine es doch gut mit Ihnen.“
Er beugte sich nieder und wollte den Arm um sie legen. Da aber fuhr sie empor und drehte ihm ihr Gesicht zu. Es war sehr schön, aber leichenblass. Ihre großen, dunklen Augen glühten ihm drohend entgegen, aber kein Wort kam zwischen ihren zusammengepressten Lippen hervor. So standen sie sich einige Augenblicke schweigend gegenüber. Dann begann der Kavalier lachend:
„Das sieht ja ganz gefährlich aus! Aber mich machen Sie nicht bange!“
Er streckte den Arm nach ihr aus. Sie wich so weit wie möglich zurück und stieß halblaut hervor:
„Fort! Nicht anrühren!“
„Meinen Sie?“, fragte der Gast spöttisch.
Dabei wollte er sich ihr wieder nähern, erhielt aber in diesem Augenblick einen so kräftigen Stoß von ihr, dass er zurücktaumelte.
„Donnerwetter!“, rief er zornig. „Diese Katze beißt! Bezahle ich euch etwa den teuren Wein, um misshandelt zu werden?“
Da wurde eine Glastür geöffnet, die in ein Nebenzimmer führte. Von dort aus war die Szene beobachtet worden. Fräulein Melitta trat höchstpersönlich ein.
„Warum schimpfen Sie, mein Herr?“, fragte sie den Gast.
„Ich bat diese Dame darum, uns Gesellschaft zu leisten“, rief der Fremde wütend, „erhielt aber statt dessen einen Faustschlag!“
Fräulein Melitta bebte vor Wut.
„Du renitentes Weibsbild, dich werde ich kurieren! Vorwärts! Hinaus! Oder soll ich nachhelfen?“
Wally schien aus Erfahrung zu wissen, was auf sie wartete. Aber sie gönnte den anderen die Genugtuung nicht, vor ihren Augen mit roher Gewalt aus dem Salon gestoßen zu werden. Sie stand auf und ging der Melitta in das Nebenzimmer voraus. Sie blickte dabei keine der Anwesenden an, aber auf ihrem bleichen Gesicht lag der Ausdruck unbeschreiblicher Verachtung.
„Horchen Sie!“, sagte eines der Mädchen zu dem Kavalier, als sich die Tür hinter der Melitta und Wally geschlossen hatte. „Jetzt bekommt sie ihren Lohn.“
Wirklich, er hörte ein Geräusch, das keine Missverständnisse zuließ – das unglückliche Mädchen erhielt Ohrfeigen.
„Das geschieht ihr ganz recht“, lachte ein Mädchen. „Sie wird noch gescheit werden.“
„Ist sie denn schon lange hier?“, fragte der Gast.
„Fast drei Monate“, erwiderte dasselbe Mädchen. „Stets ist sie so ungehorsam gewesen. Erst weinte sie. Dann hat sie aber eingesehen, dass ihr das nichts hilft. Nun ist sie verstockt. Die Schläge werden sie kurieren. Sie glaubt, sie sei etwas Besseres. Dabei ist ihr Vater oben auf der Burg.“
„Im Zuchthaus Rollenburg?“, fragte der Fremde neugierig.
„Ja. Die gemeinsten Verbrechen hat er begangen, Diebstahl, Betrug, Fälschung, Unterschlagung, und dafür fünf Jahre Zuchthaus bekommen.“
Der Gast schien interessiert und fragt weiter:
„Was ist er denn vorher gewesen?“
„Gutsinspektor, glaube ich. Darauf braucht sich Wally Petermann aber gar nichts einzubilden. Wer den Vater im Zuchthaus hat, der kann froh sein, von so einem feinen Herrn, wie Sie sind, zu einem Glas Wein eingeladen zu werden. Habe ich nicht Recht?“
„Ja“, stimmte der Herr zu. „Du hast Recht. Lasst uns die dumme Wally vergessen! Auf die Freundschaft!“
Dabei stieß er mit den Mädchen an. Die Gläser klangen und bald hörte die Melitta frohes Gelächter aus dem Salon. Also amüsierte man sich. Das war gut, das hob das Geschäft. Zufrieden lächelte die ‚ehrenwerte‘ Dame vor sich hin. Sie konnte ja nicht ahnen, dass besagter Petermann bereits auf dem Weg zu ihr war!
*
Nachdem Frau Groh ihr Haus verlassen hatte, eilte sie durch den Stadtkern der Residenz und betrat in der Nähe des Neumarkts ein verfallenes Mietshaus. Dort klingelte sie im Parterre und wurde von einem älteren Mann eingelassen, den wir bereits kennengelernt haben. Mit ihm hatte Uhland seinen neuen ‚Fang‘ begossen.
„Gertrud, du?“, fragte er erstaunt. „Was willst du hier bei mir?“
„Dich warnen, Heinz“, ächzte sie atemlos. „Du kennst doch die kleine Petermann?“
„Freilich“, schmunzelte der Gauner, „ein hübsches Mädchen! Ist sie nicht bei Melitta in Rollenburg?“
„Ja, seit fast drei Monaten. Aber das ist nicht alles, wir haben fürchterliches Pech. Ihr Vater ist aus dem Zuchthaus entlassen worden und heute zu mir gekommen.“
Heinz zuckte die Achseln.
„Na und?“, fragte er leichthin. „Du hast ihm natürlich nicht gesagt, wohin sie gegangen ist?“
„Selbstverständlich nicht“, sagte sie fast empört. „Aber das dumme Hausmädchen hat ihm alles verraten!“
Heinz fuhr der Schreck in die Glieder, das sah man deutlich.
„Heiliges Pech!“, brachte er mühsam hervor. „So fährt er jetzt nach Rollenburg?“
„Ich nehme es an.“
„Dann nichts wie fort! Ein Kriminaler hier in der Residenz auf unseren Spuren, Uhland fühlt sich beobachtet, und nun noch der alte Petermann, der seine Tochter sucht – wir müssen hier weg, bevor die Polizei unser Nest aushebt!“
„Aber sollten wir nicht vorher die Melitta und Uhland warnen?“, wandte Frau Groh ein.
„Papperlapapp! Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“, meinte Heinz scheinheilig. „Wir machen uns aus dem Staube.“
Eine knappe Stunde später verließ das ‚saubere Paar‘ die Residenz.
*
Karl Petermann begab sich, nachdem er glücklicherweise den Aufenthaltsort seiner Tochter erfahren hatte, sofort zum Bahnhof und nahm den nächsten Zug nach Rollenburg. Er wollte allein sein, denn er befand sich nicht in der Stimmung, um anderen zuzuhören oder sie auch nur zu bemerken. Darum fuhr er trotz seiner spärlichen Geldmittel zweiter Klasse. Er gab dem Schaffner ein Trinkgeld, um unbehelligt zu bleiben. Aber der Zug war stark besetzt und auf den Zwischenstationen kamen zahlreiche neue Passagiere hinzu, sodass der Schaffner schließlich doch nicht umhin konnte, einen Herrn mit in das Abteil zu lassen.
Dieser neue Abteilnachbar war ein gut gekleideter Mann in reiferen Jahren. Er lehnte sich bequem in den Sitz zurück und begann, seinen Reisegefährten zu beobachten, dessen bleiches Gesicht und unruhiges Wesen ihm auffielen. Petermann dagegen gönnte ihm keinen Blick. Sein neuer Reisegenosse schien jedoch gesprächiger Natur zu sein, denn nachdem er sich vorher einige Male halblaut geräuspert hatte, sagte er:
„Wie langsam das doch geht!“
Petermann gab keine Antwort. Er tat so, als hätte er die Worte des anderen gar nicht gehört, darum bemerkte dieser nach einer kleinen Weile:
„Ihnen scheint es auch zu langsam zu gehen!“
„Wie kommen Sie zu dieser Vermutung?“, fragte Petermann erstaunt.
„Sie rutschen auf dem Sitz hin und her und blicken so oft zum Fenster hinaus.“
Petermann fühlte sich gestört und sagte gereizt:
„Sie irren sich! Ich habe Zeit. Was geht es Sie überhaupt an, ob ich aus dem Fenster schaue oder nicht?“
„Verzeihung! Es war nicht böse gemeint“, beteuerte der andere. „Ich dachte nur, dass zwei Reisende, die im Abteil zusammensitzen, sich ein wenig gegenseitige Rücksicht und Aufmerksamkeit schuldig sind.“
Das klang sehr höflich, aber doch auch wie ein Vorwurf. Darum sagte Petermann in einem freundlicheren Ton:
„Sie mögen Recht haben. Ich war mürrisch, weil ich an meine Geschäfte dachte.“
Der Mitreisende lächelte fein.
„Diese Geschäfte müssen wohl sehr ernst und schwierig sein, wenn man Ihre finstere Miene in Betracht zieht! Freilich, Geschäfte sind immer ernst und schwierig; ich weiß das, denn ich war früher Kaufmann, jetzt aber habe ich andere Interessen.“
Petermann fühlte sich nun veranlasst, auch etwas zum Gespräch beizutragen. Er meinte:
„So, so! Ich bin Journalist und Schriftsteller.“
Wie er gerade darauf kam, wusste er selbst nicht recht. Er hatte früher als Gutsverwalter Beiträge für einige landwirtschaftliche Blätter geliefert, darum wohl war ihm der ‚Journalist‘ auf die Lippen gekommen.
„Ah!“, sagte sein Reisenachbar erfreut. „Journalist, Dichter! Das ist ein schöner und auch bequemer Beruf, falls man sich nicht durch Übernahme einer Redaktionsstelle abhängig gemacht hat.“
„Ich bin unabhängig“, behauptete Petermann. „Vorhin dachte ich über meinen neuen Roman nach, den ich vor einigen Tagen begonnen habe, daher meine ernste Miene. Aber verzeihen Sie eine Frage: Kennen Sie Rollenburg?“
„Sehr gut sogar“, meinte der andere, der erfreut war, mit dem Reisegefährten doch in ein Gespräch gekommen zu sein.
„Dann können Sie mir vielleicht eine Auskunft erteilen“, fuhr Petermann fort. „Ich suche nämlich die Wohnung einer Dame, die sich Fräulein – Fräulein Melitta nennt.“
Er sprach den Namen nur zögernd aus und beobachtete dabei sein Gegenüber. Dieser hob schnell den Kopf und sagte:
„Ich kann Sie gerne zu ihrem Haus führen, wenn Sie in Rollenburg unbekannt sind. Nur eine Frage noch: Stehen Sie mit ihr in – – Geschäftsverbindung?“
Er selbst kannte das Haus der Melitta genau, weil er häufig dort Gast gewesen war, daher die Frage. Petermann hörte den Unterton durchaus, doch er gab sich gelassen und antwortete:
„In Geschäftsverbindung freilich nicht. Eine Zeitschrift hat bei mir einen Aufsatz in Auftrag gegeben, für den ich einige Milieustudien machen muss. Sagen Sie, was ist Fräulein Melitta für eine Dame?“
„Hm“, räusperte sich der Mitreisende, „sie ist Künstlerin und hat junge Damen in Pension, die dort – – malen, aber sich auch um die Unterhaltung der Gäste kümmern. Sie verstehen?“
Petermann wurde bleich. War seine Tochter Wally etwa Mädchenhändlern der übelsten Sorte in die Hände gefallen? Heißer Zorn stieg in ihm hoch, doch er beherrschte sich eisern und versetzte scheinbar seelenruhig:
„Dachte es mir bereits! Wird die Dame denn nichts dagegen einzuwenden haben, wenn ich als Journalist zu ihr komme?“
„Sprechen Sie doch mit ihr selbst“, meinte der andere. „Ah, wir sind endlich in Rollenburg! Folgen Sie mir, ich zeige Ihnen den Weg.“
Sie verließen gemeinsam das Abteil. Vor dem Bahnhof warteten einige Droschken; der freundliche Reisegefährte bestieg eine davon und lud Petermann zum Mitfahren ein. Vor dem Haus der Melitta angekommen, trennten sich ihre Wege. Petermann bedankte sich bei dem zuvorkommenden Herrn und schritt auf die Villa zu, während das Fuhrwerk abdrehte und weiterfuhr. Der Fremde lachte vergnügt vor sich hin. Melitta zahlte ihm eine gewisse ‚Provision‘ dafür, wenn er ihr Gäste zuschickte, und heute hatte der Zufall ihm dabei ganz gewaltig geholfen – so meinte er jedenfalls. Petermann dagegen dankte seinem Geschick, das ihn so schnell auf die Spur seiner Tochter geführt hatte. Mit raschen Schritten eilte er die Eingangstreppe zur Villa hinauf und zog die Klingelschnur. Nach wenigen Augenblicken wurde die Tür geöffnet und ein Hausknecht, der einen recht grobschlächtigen Eindruck machte, stand vor Petermann.
„Was wollen Sie?“, fragte er knapp.
„Mein Name ist Peterhagen“, sagte Petermann. „Ich bin ein guter Bekannter von Fräulein Melitta, auch wenn ihr mein Name vielleicht nichts mehr sagt. Ich habe sie in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen.“
Der Hausknecht zog die Brauen finster zusammen.
„Wichtige Angelegenheiten? Hm! Fräulein Melitta ist gerade sehr beschäftigt. Aber gut: Ich werde Sie melden. Nehmen Sie einstweilen im kleinen Salon Platz!“
Ohne ein weiteres Wort schritt er Petermann voran, der ihm mit beklommenem Herzen folgte. Flur und Treppen der Villa waren mit prachtvollen Läufern belegt, die den Schall der Schritte dämpften. Wohlgerüche aller Art durchzogen die Räume und an den Wänden hingen viele Bilder, darunter manche von Wert. Sie gingen durch einen langen Flur und gelangten an eine Flügeltür, auf der das Wort ‚Salon‘ zu lesen stand. Der Hausknecht öffnete und ließ Petermann eintreten.
Sie befanden sich jetzt in einem kleinen Kabinett, dessen Möblierung in einem Sofa, Spiegel und Tisch, einigen Stühlen und einer Waschkommode bestand. Von der Decke hing eine grüne Leuchte, deren Licht die Gegenstände nur notdürftig erhellte.
„So! Hier sind wir!“, sagte der Hausknecht. „Warten Sie, bis Sie gerufen werden!“
Mit diesen Worten trat er durch eine Seitentür in den Nachbarraum, lehnte sie aber nur an. Kaum war der Diener verschwunden, trat Petermann an die Tür und schaute durch den Spalt. Er blickte in einen prächtig ausgestatteten Raum von beträchtlichen Ausmaßen. Hier saßen mehrere Mädchen auf einem Samtdiwan, Zigaretten rauchend, Karten spielend oder miteinander plaudernd. In einer Ecke saßen zwei Mädchen an einem Tisch und tranken Wein. An der entgegengesetzten Ecke sah Petermann ein weiteres Mädchen, das jedoch in einem tiefen Sessel saß, sodass er ihr Gesicht nicht erkennen konnte. Er bemerkte nur, dass sie ein langes, schwarzes Kleid trug. Diese Frauengestalt weckte Petermanns Neugier, ohne dass er hätte sagen können, warum. Er wollte gerade, von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, den großen Salon betreten, da wurde auf der anderen Seite eine Flügeltür aufgerissen und aus mehreren kräftigen Männerkehlen erklang ein fröhliches „Guten Abend!“ Die Mädchen sprangen von ihren Sitzen auf und erwiderten den Gruß. Darauf sagte eine schnarrende, männliche Stimme in dem leicht herablassenden Ton, dessen sich gewisse Offiziere zu bedienen pflegen:
„Ah! Gut! Famos! Acht Damen, acht Herren! Passt vortrefflich! Was bekommt man hier zu trinken?“
„Wein!“, lautete die Antwort.
„Wein – gut, sehr gut! Wir wollen es versuchen. Acht Mann, acht Flaschen. Her damit!“
„Welche Sorte?“, fragte eines der Mädchen.
„Natürlich vom Besten!“, rief der Mann. „Aber rasch!“
Mehrere Mädchen eilten hinaus und einige Augenblicke später stand der Wein auf dem Tisch. Dann hörte Petermann die schnarrende Stimme wieder:
„Hört, Jüngferchen, einen Vorschlag! Jeder von uns setzt sich zu einer von euch. Aber nicht beliebig. Werdet ausgespielt, ihr Sakkermenter! Habe Würfel mitgebracht. Ah, famoser Vorschlag! Stammt von mir! Meine eigene Erfindung! Seid ihr’s zufrieden oder sollen wir wieder gehen?“
Der Gedanke, sich auswürfeln zu lassen, erschien den Mädchen amüsant; sie gingen sofort darauf ein. Kaum hatten sie ihre Einwilligung erteilt, so hörte Petermann Würfel rasseln.
*
Rollenburg war Garnisonsstadt, es stand dort Artillerie und Infanterie. Einer der bekanntesten, aber nicht unbedingt beliebtesten Offiziere war der Oberleutnant Walther von Hagenau. Seine lange, spindeldürre Gestalt hatte ihm im Kreise der Kameraden den Beinamen ‚Kranich‘ eingebracht, eine Bezeichnung, die er jedoch nicht übelnahm. Er war hässlich wie das personifizierte schlechte Gewissen, dabei aber durchaus kein übler Kerl. Hagenaus engste Freunde, von denen er freilich nur wenige besaß, wussten, dass er zwei Seiten hatte: eine gute, weichherzige und großmütige, aber auch eine arrogante und hochmütige. Wehe dem, der Hagenaus Zorn erregte oder ihn in seiner Ehre traf! Wohl aber dem, der sich seines offenen Wohlgefallens erfreute: der durfte Hagenau zu seinen treuesten Freunden zählen. Der ‚Kranich‘ liebte es, Witze zu machen, die aber nicht immer gelungen waren. Niemand war ihm dann böse.
Er galt als vermögend und darum konnte er sich manches leisten, was anderen versagt blieb. Da jedoch seine Börse anderen Kameraden stets offenstand, so fiel es keinem ein, ihn zu beneiden.
Der Regimentskommandeur war sein Oheim und deshalb durfte Hagenau um manche Ecke scharf biegen, um die ein anderer einen vorsichtigen Bogen machte. Man wusste, dass er ein Freund des schönen Geschlechts war. Ferner war er seiner eigenartigen, beinahe barocken Einfälle wegen bekannt. Galt es, einen Ausflug, einen Ball oder ein sonstiges Vergnügen zu arrangieren, stets wendete man sich an ihn, und dann konnte man sicher sein, dass er irgendeine wunderliche Idee ausbrüten werde, die allen ein köstliches Vergnügen versprach.
Heute nun war Hagenaus Geburtstag. Es war ihm von allen Seiten gratuliert worden, aber er hatte doch nur einige der ihm näherstehenden Kameraden eingeladen, und zwar genau die heilige Zahl ‚sieben‘. Ebenso ungewöhnlich war die Bedingung gewesen, dass sie sich in Zivil einfinden sollten. Sie hatten, da es sich um die Geburtstagsfeier des ‚Regimentsneffen‘ handelte, sogar Urlaub erhalten.
Am Morgen unternahm man einen ausgedehnten Ritt in die nähere Umgebung, am Mittag wurde opulent diniert und überlegt, wie man den Rest des Tages verbringen sollte. Beim Souper hatte dann einer der Gäste die Bemerkung gemacht, dass die Feier so ganz und gar nicht außergewöhnlich verlaufen sei.
„Das ist wahr“, fiel ein anderer ein. „Hagenau, du wirst einfallslos! Du bist eines pyramidalen Gedankens, eines deiner ‚kolossalen‘ Einfälle wohl nicht mehr mächtig!“
Der lange Oberleutnant machte ein pfiffiges Gesicht und sagte:
„Irrtum, riesenhafter Irrtum von euch! Ich habe etwas in petto, und was!“
Dabei küsste er alle zehn Fingerspitzen und streckte sie empor, als ob es sich um etwas ganz und gar Himmlisches handle.
„Was ist’s? Was? Heraus damit!“, riefen sieben Stimmen.
„Eine Entdeckungsreise“, antwortete er. „Und zwar nach Zypern!“
Auf diese Ankündigung hin brach ein schallendes Gelächter aus. Hagenau aber machte ein erzürntes Gesicht und sagte:
„Was gibt es da zu feixen? Kennt ihr Aphrodite?“
„Die schaumgeborene Göttin der Liebe?“, rief einer seiner Freunde. „Ich verstehe! Als Anadyomene ist sie der Sage nach bei der Insel Zypern aus dem Meer gestiegen.“
„Richtig!“, schnarrte Hagenau. „Hast deine Mythologie noch nicht ganz vergessen! Wir aber wollen ausziehen, um ihre Höhle zu entdecken. Oder wisst ihr nicht, dass sie sich in einer Höhle verbarg, als sie ihre Schönheit nicht mehr in den Wellen verstecken konnte?“
„Hagenau, Alter, du kennst diese Höhle?“, witzelte einer der Kameraden. „Und du bist lebend da herausgekommen?“
Hagenau merkte die Ironie der Frage und sagte mit seiner schnarrenden Stimme:
„Glaubt mir oder nicht, das ist mir gleich! Habt ihr mich vielleicht einmal als einen Aufschneider kennengelernt, he? Und hier kann erst recht von einer Übertreibung keine Rede sein! Hier handelt es sich um eine Schönheit, bei der der Ausdruck Aphrodite noch untertrieben ist! Die Sage geht, dass die Aphrodite rötliches Haar besessen und dass sie sogar geschielt habe. Bei ihr aber, die ich meine, ist von diesen Mängeln keine Rede. Sie ist ohne Fehler, ganz ohne Fehler! Ich schwöre es bei meinem Bart und, was noch mehr wert ist, bei meiner Taille!“
Alle lachten über die Begeisterung, mit der er diese Lobrede vorbrachte. Er aber ließ sich dadurch keineswegs beirren, sondern er behauptete:
„Es gibt keinen unter euch, der hier lachen dürfte. Keiner von euch hat jemals ein solches Mädchen gesehen!“
„Oho!“, erschallte es rundum.
„Oho?“, antwortete er wieder. „Vorige Woche wurde der Tochter des Bürgermeisters ein Ständchen gebracht. Man sang da das Lied: ‚Ich kenn ein’ Weiler fern im Grund‘. Da kommen die Zeilen vor:
Und als ich kam und als ich’s sah,
ich weiß es nicht, wie mir geschah.
O Röslein, jung, o Röslein schön,
ach hätt’ ich nimmer dich gesehn.
Kennt ihr vielleicht das Lied?“
„Ich denke, dass es alt genug ist, um selbst uns bekannt zu sein!“, bemerkte sein Nachbar.
„Nun gut! An diese Zeilen habe ich gedacht, als ich die betreffende Schönheit erblickte. Wie heißt es in irgendeiner Oper?“
„Meine Ruh’ ist hin, mein Herz ist schwer“, lachte sein Nachbar. „Das ist ein sehr schlimmes Zeichen. Wie geht dein Puls?“
„Hier, fühle ihn!“
Er streckte ihm die Hand hin. Der andere fühlte den Puls und verriet mit Kennermiene:
„Wahrhaftig! Achthundert Schläge in der Minute. Das ist eine fürchterliche, eine höchst beunruhigende Frequenz. Hagenau, du bist krank! Du bist verliebt! Du hast das Liebesfieber! Du befindest dich in einer hochgradigen Herzensaufregung, die mich alles befürchten lässt. Du denkst bereits an Gedichte!“
„Denken?“, lamentierte Hagenau ironisch. „Nur denken? An Gedichte? Kamerad, du ahnst das Gefährliche meines Zustandes gar nicht! Ich denke nicht nur daran, sondern – – ich mache sogar welche!“
Der andere wollte sich ausschütten vor Lachen.
„Hört, Freunde, der Hagenau macht Gedichte!“
Es erhob sich ein ungeheures Hallo. Die einen lachten laut auf, die anderen aber zuckten mitleidig mit den Achseln und bedauerten den Armen in spöttischer Weise. Dieser machte das trübseligste Gesicht, das ihm möglich war, und sagte:
„Lacht nicht! Wenigstens mir ist es ganz und gar nicht zum Lachen zu Mute! Ich fühle mich höchst schuldbewusst; denn es ist wahr: Ich habe wirklich ein Gedicht verbrochen.“
„An wen?“
„An sie natürlich!“
„Es handelt sich also um Liebe mit Dichteritis. Eine schwere Krankheit.“
„Es ist meine erste Arbeit auf diesem Gebiet, aber ihr sollt mein Gedicht kennenlernen.“
Er ging zu einem Seitentisch und nahm einen Zettel auf.
„Es ist der Versuch eines schüchternen Jünglings. Ich bitte um Nachsicht, meine Herren! Also hört:
Ein einzig Mal in meinem Leben
möcht ich anbetend vor dir stehn
und dir, mein Engel, ohne Beben
ins himmlisch schöne Antlitz sehn...“
„Er bebt! Er hat gebebt!“, wurde er unterbrochen. „Er hat sich also gefürchtet! Und noch dazu vor einem himmlisch schönen Antlitz!“
„Vor einem Engel!“, scherzte ein anderer. „Und welche Bescheidenheit! Er wünscht nichts, als nur ein einziges Mal vor ihr stehen und sie ansehen zu dürfen!“
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