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Kitabı oku: «Durch die Wuste»

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Erstes Kapitel: Ein Todesritt

»Und ist es wirklich wahr, Sihdi1, daß du ein Giaur bleiben willst, ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?«

»Ja,« antwortete ich.

»Effendi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, daß sie nach ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber dich möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, welches dich ereilen wird, wenn du dich nicht zum Ikrar bil Lisan, zum heiligen Zeugnisse, bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als andere Sihdis, denen ich gedient habe, und darum werde ich dich bekehren, du magst wollen oder nicht.«

So sprach Halef, mein Diener und Wegweiser, mit dem ich in den Schluchten und Klüften des Dschebel Aures herumgekrochen und dann nach dem Dra el Haua heruntergestiegen war, um über den Dschebel Tarfaui nach Seddada, Kris und Dgasche zu kommen, von welchen Orten aus ein Weg über den berüchtigten Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli führt.

Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, daß er mir kaum bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn, daß man hätte behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt zwischen den Löschpapierblättern eines Herbariums in fortwährender Pressung gelegen. Dabei verschwand sein Gesichtchen vollständig unter einem Turban, der drei volle Fuß im Durchmesser hatte, und sein einst weiß gewesener Burnus, welcher jetzt in allen möglichen Fett— und Schmutznuancen schimmerte, war jedenfalls für einen weit größeren Mann gefertigt worden, so daß er ihn, sobald er vom Pferde gestiegen war und nun gehen wollte, empornehmen mußte wie das Reitkleid einer Dame. Aber trotz dieser äußeren Unansehnlichkeit mußte man allen Respekt vor ihm haben. Er besaß einen ungemeinen Scharfsinn, viel Mut und Gewandtheit und eine Ausdauer, welche ihn die größten Beschwerden überwinden ließ. Und da er auch außerdem alle Dialekte sprach, welche zwischen dem Wohnsitze der Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen, so kann man sich denken, daß er meine vollste Zufriedenheit besaß, so daß ich ihn mehr als Freund denn als Diener behandelte.

Eine Eigenschaft besaß er nun allerdings, welche mir zuweilen recht unbequem werden konnte: er war ein fanatischer Muselmann und hatte aus Liebe zu mir den Entschluß gefaßt, mich zum Islam zu bekehren. Eben jetzt hatte er wieder einen seiner fruchtlosen Versuche unternommen, und ich hätte lachen können, so komisch sah er dabei aus.

Ich ritt einen kleinen, halb wilden Berberhengst, und meine Füße schleiften dabei fast am Boden; er aber hatte sich, um seine Figur zu unterstützen, eine alte, dürre, aber himmelhohe Hassi-Ferdschahn-Stute ausgewählt und saß also so hoch, daß er zu mir herniederblicken konnte. Während der Unterhaltung war er äußerst lebhaft; er wedelte mit den bügellosen Beinen, gestikulierte mit den dünnen, braunen Aermchen und versuchte, seinen Worten durch ein so lebhaftes Mienenspiel Nachdruck zu geben, daß ich alle Mühe hatte, ernst zu bleiben.

Als ich auf seine letzten Worte nicht antwortete, fuhr er fort:

»Weißt du, Sihdi, wie es den Giaurs nach ihrem Tode ergehen wird?«

»Nun?« fragte ich.

»Nach dem Tode kommen alle Menschen, sie mögen Moslemim, Christen, Juden oder etwas Anderes sein, in den Barzakh.«

»Das ist der Zustand zwischen dem Tode und der Auferstehung?«

»Ja, Sihdi. Aus ihm werden sie alle mit dem Schall der Posaunen erweckt, denn el Jaum el akbar, der jüngste Tag, und el Akhiret, das Ende, sind gekommen, wo dann alles zu Grunde geht, außer el Kuhrs, der Sessel Gottes, er Ruhh, der heilige Geist, el Lauhel mafus und el Kalam, die Tafel und die Feder der göttlichen Vorherbestimmung.«

»Weiter wird nichts mehr bestehen?«

»Nein.«

»Aber das Paradies und die Hölle?«

»Sihdi, du bist klug und weise; du merkst gleich, was ich vergessen habe, und daher ist es jammerschade, daß du ein verfluchter Giaur bleiben willst. Aber ich schwöre es bei meinem Barte, daß ich dich bekehren werde, du magst wollen oder nicht!«

Bei diesen Worten zog er seine Stirn in sechs drohende Falten, zupfte sich an den sieben Fasern seines Kinns, zerrte an den acht Spinnenfäden rechts und an den neun Partikeln links von seiner Nase, Summa Summarum Bart genannt, schlenkerte die Beine unternehmend in die Höhe und fuhr mit der freien andern Hand der Stute so kräftig in die Mähne, als sei sie der Teufel, dem ich entrissen werden sollte.

Das so grausam aus seinem Nachdenken gestörte Tier machte einen Versuch, vorn emporzusteigen, besann sich aber sofort auf die Ehrwürdigkeit seines Alters und ließ sich stolz in seinem Gleichmut zurückfallen. Halef aber setzte seine Rede fort:

»Ja, Dschennet, das Paradies, und Dschehenna, die Hölle, müssen auch mit bleiben, denn wohin sollten die Seligen und die Verdammten sonst kommen? Vorher aber müssen die Auferstandenen über die Brücke Ssireth, welche über den Teich Handh führt und so schmal und scharf ist, wie die Schneide eines gut geschliffenen Schwertes.«

»Du hast noch Eins vergessen,« bemerkte ich.

»Was?« fragte er.

»Das Erscheinen des Deddschel.«

»Wahrhaftig! Sihdi, du kennst den Kuran und alle heiligen Bücher und willst dich nicht zur wahren Lehre bekehren! Aber trage nur keine Sorge; ich werde einen gläubigen Moslem aus dir machen! Also vor dem Gerichte wird sich der Deddschel zeigen, den die Giaurs den Antichrist nennen, nicht wahr, Effendi?«

»Ja.«

»Dann wird über jeden das Buch Kitab aufgeschlagen, in welchem seine guten und bösen Taten verzeichnet stehen, und die Hisab gehalten, die Musterung seiner Handlungen, welche über fünfzigtausend Jahre währt, eine Zeit, welche den Guten wie ein Augenblick vergehen, den Bösen aber wie eine Ewigkeit erscheinen wird. Das ist das Hukm, das Abwiegen aller menschlichen Taten.«

»Und nachher?«

»Nachher folgt das Urteil. Diejenigen mit überwiegend guten Werken kommen in das Paradies, die ungläubigen Sünder aber in die Hölle, während die sündigen Moslemim nur auf kurze Zeit bestraft werden. Du siehst also, Sihdi, was deiner wartet, selbst wenn du mehr gute als böse Taten verrichtest. Aber du sollst gerettet werden, du sollst mit mir in das Dschennet, in das Paradies, kommen, denn ich werde dich bekehren, du magst wollen oder nicht!«

Und wieder strampelte er bei dieser Versicherung so energisch mit den Beinen, daß die alte Hassi-Ferdschahn-Stute ganz verwundert die Ohren spitzte und mit den großen Augen nach ihm zu schielen versuchte.

»Und was harrt meiner in eurer Hölle?« fragte ich ihn.

»In der Dschehenna brennt das Nar, das ewige Feuer; dort fließen Bäche, welche so sehr stinken, daß der Verdammte trotz seines glühenden Durstes nichts aus ihnen trinken mag, und dort stehen fürchterliche Bäume, unter ihnen der schreckliche Baum Zakum, auf dessen Zweigen Teufelsköpfe wachsen.«

»Brrrrrrr!«

»Ja, Sihdi, es ist schauderhaft! Der Beherrscher der Dschehenna ist der Strafengel Thabek. Sie hat sieben Abteilungen, zu denen sieben Tore führen. Im Dschehennem, der ersten Abteilung, müssen die sündhaften Moslemim büßen so lange, bis sie gereinigt sind; Ladha, die zweite Abteilung, ist für die Christen, Hothama, die dritte Abteilung, für die Juden, Sair, die vierte, für die Sabier, Sakar, die fünfte, für die Magier und Feueranbeter, und Gehim, die sechste, für alle, welche Götzen oder Fetische anbeten. Zaoviat aber, die siebente Abteilung, welche auch Derk Asfal genannt wird, ist die allertiefste und fürchterlichste; sie wird alle Heuchler aufnehmen. In allen diesen Abteilungen werden die Verdammten von bösen Geistern durch Feuerströme geschleppt, und dabei müssen sie vom Baume Zakum die Teufelsköpfe essen, welche dann ihre Eingeweide zerbeißen und zerfleischen. O, Effendi, bekehre dich zum Propheten, damit du nur kurze Zeit in der Dschehenna zu stecken brauchst!«

Ich schüttelte den Kopf und sagte:

»Dann komme ich in unsere Hölle, welche ebenso entsetzlich ist wie die eurige.«

»Glaube dies nicht, Sihdi! Ich verspreche dir beim Propheten und allen Kalifen, daß du in das Paradies kommen wirst. Soll ich es dir beschreiben?«

»Tue es!«

»Das Dschennet liegt über den sieben Himmeln und hat acht Tore. Zuerst kommst du an den großen Brunnen Hawus Kewser, aus welchem hunderttausende Selige zugleich trinken können. Sein Wasser ist weißer als Milch, sein Geruch köstlicher als Moschus und Myrrha, und an seinem Rande stehen Millionen goldener Trinkschalen, welche mit Diamanten und Steinen besetzt sind. Dann kommst du an Orte, wo die Seligen auf golddurchwirkten Kissen ruhen. Sie erhalten von unsterblichen Jünglingen und ewig jungen Houris köstliche Speisen und Getränke. Ihr Ohr wird ohne Aufhören von den Gesängen des Engels Israfil entzückt und von den Harmonien der Bäume, in denen Glocken hängen, welche ein vom Throne Gottes gesendeter Wind bewegt. Jeder Selige ist sechzig Ellen lang und immerfort grad dreißig Jahre alt. Unter allen Bäumen aber ragt hervor der Tubah, der Baum der Glückseligkeit, dessen Stamm im Palaste des großen Propheten steht und dessen Aeste in die Wohnungen der Seligen reichen, wo an ihnen alles hängt, was zur Seligkeit erforderlich ist. Aus den Wurzeln des Baumes Tubah entspringen alle Flüsse des Paradieses, in denen Milch, Wein, Kaffee und Honig strömt.«

Trotz der Sinnlichkeit dieser Vorstellung muß ich bemerken, daß Muhammed aus der christlichen Anschauung geschöpft und dieselbe für seine Nomadenhorden umgemodelt hat. Halef blickte mich jetzt mit einem Gesichte an, in welchem sehr deutlich die Erwartung zu lesen war, daß mich seine Beschreibung des Paradieses überwältigt haben werde.

»Nun, was meinst du jetzt?« fragte er, als ich schwieg.

»Ich will dir aufrichtig sagen, daß ich nicht sechzig Ellen lang werden mag; auch mag ich von den Houris nichts wissen, denn ich bin ein Feind aller Frauen und Mädchen.«

»Warum?« fragte er ganz erstaunt.

»Weil der Prophet sagt: »Des Weibes Stimme ist wie der Gesang des Bülbül2, aber ihre Zunge ist voll Gift wie die Zunge der Natter.« Hast du das noch nicht gelesen?«

»Ich habe es gelesen.«

Er senkte den Kopf; ich hatte ihn mit den Worten seines eigenen Propheten geschlagen. Dann fragte er mit etwas weniger Zuversichtlichkeit:

»Ist nicht trotzdem unsere Seligkeit schön? Du brauchst ja keine Houri anzusehen!«

»Ich bleibe ein Christ!«

»Aber es ist nicht schwer, zu sagen: La Illa illa Allah, we Muhammed Resul Allah!«

»Ist es schwerer, zu beten: Ja abana ‚Iledsi, fi ‚s – semavati, jata— haddeso ‚smoka?«

Er blickte mich zornig an.

»Ich weiß es wohl, daß Isa Ben Marryam, den ihr Jesus nennt, euch dieses Gebet gelehrt hat; ihr nennt es das Vaterunser. Du willst mich stets zu deinem Glauben bekehren, aber denke nur nicht daran, daß du mich zu einem Abtrünnigen vom Tauhid, dem Glauben an Allah, machen wirst!«

Ich hatte schon mehrmals versucht, seinem Bekehrungsversuche den meinigen entgegen zu stellen. Zwar war ich von der Fruchtlosigkeit desselben vollständig überzeugt, aber es war das einzige Mittel, ihn zum Schweigen zu bringen. Das bewährte sich auch jetzt wieder.

»So laß mir meinen Glauben, wie ich dir den deinigen lasse!«

Er knurrte auf diese meine Worte etwas vor sich hin und brummte dann:

»Aber ich werde dich dennoch bekehren, du magst wollen oder nicht. Was ich einmal will, das will ich, denn ich bin der Hadschi3 Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah!«

»So bist du also der Sohn Abul Abbas‘, des Sohnes Dawud al Gossarah?«

»Ja.«

»Und beide waren Pilger?«

»Ja.«

»Auch du bist ein Hadschi?«

»Ja.«

»So waret ihr alle Drei in Mekka und habt die heilige Kaaba gesehen?«

»Dawud al Gossarah nicht.«

»Ah! Und dennoch nennst du ihn einen Hadschi?«

»Ja, denn er war einer. Er wohnte am Dschebel Schur-Schum und machte sich als Jüngling auf die Pilgerreise. Er kam glücklich über el Dschuf, das man den Leib der Wüste nennt; dann aber wurde er krank und mußte am Brunnen Trasah zurückbleiben. Dort nahm er ein Weib und starb, nachdem er seinen Sohn Abul Abbas gesehen hatte. Ist er nicht ein Hadschi, ein Pilger, zu nennen?«

»Hm! Aber Abul Abbas war in Mekka?«

»Nein.«

»Und auch er ist ein Hadschi?«

»Ja. Er trat die Pilgerfahrt an und kam bis in die Ebene Admar, wo er zurückbleiben mußte.«

»Warum?«

»Er erblickte da Amareh, die Perle von Dschunet, und liebte sie. Amareh wurde sein Weib und gebar ihm Halef Omar, den du hier neben dir siehst. Dann starb er. War er nicht ein Hadschi?«

»Hm! Aber du selbst warst in Mekka?«

»Nein.«

»Und nennst dich dennoch einen Pilger!«

»Ja. Als meine Mutter tot war, begab ich mich auf die Pilgerschaft. Ich zog gen Aufgang und Niedergang der Sonne; ich ging nach Mittag und nach Mitternacht; ich lernte alle Oasen der Wüste und alle Orte Aegyptens kennen; ich war noch nicht in Mekka, aber ich werde noch dorthin kommen. Bin ich also nicht ein Hadschi?«

»Hm! Ich denke, nur wer in Mekka war, darf sich einen Hadschi nennen?«

»Eigentlich, ja. Aber ich bin ja auf der Reise dorthin!«

»Möglich! Doch du wirst auch irgendwo eine schöne Jungfrau finden und bei ihr bleiben; deinem Sohne wird es ebenso gehen, denn dies scheint euer Kismet zu sein, und dann wird nach hundert Jahren dein Urenkel sagen: »Ich bin Hadschi Mustafa Ben Hadschi Ali Assabeth Ibn Hadschi Saïd al Hamza Ben Hadschi Schehab Tofaïl Ibn Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah,« und keiner von all diesen sieben Pilgern wird Mekka gesehen haben und ein echter, wirklicher Hadschi geworden sein. Meinst du nicht?«

So ernst er sonst war, er mußte dennoch über diese kleine, unschädliche Malice lachen. Es gibt unter den Muhammedanern sehr, sehr viele, die sich, besonders dem Fremden gegenüber, als Hadschi gebärden, ohne die Kaaba gesehen, den Lauf zwischen Ssafa und Merweh vollbracht zu haben, in Arafah gewesen und in Minah geschoren und rasiert worden zu sein. Mein guter Halef fühlte sich geschlagen, aber er nahm es mit guter Miene hin.

»Sihdi,« fragte er kleinlaut, »wirst du es ausplaudern, daß ich noch nicht in Mekka war?«

»Ich werde nur dann davon sprechen, wenn du wieder anfängst, mich zum Islam zu bekehren; sonst aber werde ich schweigen. Doch schau, sind das nicht Spuren im Sande?«

Wir waren schon längst in das Wadi4 Tarfaui eingebogen und jetzt an eine Stelle desselben gekommen, an welcher der Wüstenwind den Flugsand über die hohen Felsenufer hinabgetrieben hatte. In diesem Sande war eine sehr deutliche Fährte zu erkennen.

»Hier sind Leute geritten,« meinte Halef unbekümmert.

»So werden wir absteigen, um die Spur zu untersuchen.«

Er blickte mich fragend an.

»Sihdi, das ist überflüssig. Es ist genug, zu wissen, daß Leute hier geritten sind. Weshalb willst du die Hufspuren untersuchen?«

»Es ist stets gut, zu wissen, welche Leute man vor sich hat.«

»Wenn du alle Spuren, welche du findest, untersuchen willst, so wirst du unter zwei Monden nicht nach Seddada kommen. Was gehen dich die Männer an, die vor uns sind?«

»Ich bin in fernen Ländern gewesen, in denen es viel Wildnis gibt und wo sehr oft das Leben davon abhängt, daß man alle Darb und Ethar, alle Spuren und Fährten, genau betrachtet, um zu erfahren, ob man einem Freunde oder einem Feinde begegnet.«

»Hier wirst du keinem Feinde begegnen, Effendi.«

»Das kann man nicht wissen.«

Ich stieg ab. Es waren die Fährten dreier Tiere zu bemerken, eines Kamels und zweier Pferde. Das erstere war jedenfalls ein Reitkamel, wie ich an der Zierlichkeit seiner Hufeindrücke bemerkte. Bei genauer Betrachtung fiel mir eine Eigentümlichkeit der Spuren auf, welche mich vermuten ließ, daß das eine der Pferde an dem »Hahnentritte« leide. Dieses mußte meine Verwunderung erregen, da ich mich in einem Lande befand, dessen Pferdereichtum zur Folge hat, daß man niemals Tiere reitet, welche mit diesem Uebel behaftet sind. Der Besitzer des Rosses war entweder kein oder ein sehr armer Araber.

Halef lächelte über die Sorgfalt, mit welcher ich den Sand untersuchte, und fragte, als ich mich wieder emporrichtete:

»Was hast du gesehen, Sihdi?«

»Es waren zwei Pferde und ein Kamel.«

»Zwei Pferde und ein Djemmel! Allah segne deine Augen; ich habe ganz dasselbe gesehen, ohne daß ich von meinem Tiere zu steigen brauchte. Du willst ein Taleb sein, ein Gelehrter, und tust doch Dinge, über welche ein Hamahr, ein Eselstreiber, lachen würde. Was hilft dir nun der Schatz des Wissens, den du hier gehoben hast?«

»Ich weiß nun zunächst, daß die drei Reiter vor ungefähr vier Stunden hier vorübergekommen sind.«

»Wer gibt dir etwas für diese Weisheit? Ihr Männer aus dem Belad er Rumi, aus Europa, seid sonderbare Leute!«

Er schnitt bei diesen Worten ein Gesicht, von welchem ich das tiefste Mitleid lesen konnte, doch zog ich es vor, schweigend unsern Weg fortzusetzen.

Wir folgten der Fährte wohl eine Stunde lang, bis wir da, wo das Wadi eine Krümmung machte und wir nun um eine Ecke bogen, unwillkürlich unsere Pferde anhielten. Wir sahen drei Geier, welche nicht weit vor uns hinter einer Sanddüne hockten und sich bei unserem Anblick mit heiseren Schreien in die Lüfte erhoben.

»El Büdj, der Bartgeier,« meinte Halef. »Wo er ist, da gibt es ganz sicher ein Aas.«

»Es wird dort irgend ein Tier verendet sein,« antwortete ich, indem ich ihm folgte.

Er hatte sein Pferd rascher vorwärts getrieben, so daß ich hinter ihm zurückgeblieben war. Kaum hatte er die Düne erreicht, so hielt er mit einem Rucke still und stieß einen Ruf des Schreckens aus.

»Masch Allah, Wunder Gottes! Was ist das? Ist das nicht ein Mensch, Sihdi, welcher hier liegt?«

Ich mußte allerdings bejahend antworten. Es war wirklich ein Mann, welcher hier lag, und an dessen Leichnam die Geier ihr schauderhaftes Mahl gehalten hatten. Schnell sprang ich vom Pferde und kniete bei ihm nieder. Seine Kleidung war von den Krallen der Vögel zerfetzt. Aber lange konnte dieser Unglückliche noch nicht tot sein, wie ich bei der Berührung sofort fühlte.

»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Sihdi, ist dieser Mann eines natürlichen Todes gestorben?« fragte Halef.

»Nein. Siehst du nicht die Wunde am Halse und das Loch im Hinterhaupte? Er ist ermordet worden.«

»Allah verderbe den Menschen, der dies getan hat! Oder sollte der Tote in einem ehrlichen Kampfe gefallen sein?«

»Was nennst du ehrlichen Kampf? Vielleicht ist er das Opfer einer Blutrache. Wir wollen seine Kleider untersuchen.«

Halef half dabei. Wir fanden nicht das Geringste, bis mein Blick auf die Hand des Toten fiel. Ich bemerkte einen einfachen Goldreif von der gewöhnlichen Form der Trauringe und zog ihn ab. In seine innere Seite war klein, aber deutlich eingegraben: »E. P. 15. juillet 1830.«

»Was findest du?« fragte Halef.

»Dieser Mann ist kein Ibn Arab5.«

»Was sonst?«

»Ein Franzose.«

»Ein Franke, ein Christ? Woran willst du dies erkennen?«

»Wenn ein Christ sich ein Weib nimmt, so tauschen beide je einen Ring, in welchem der Name und der Tag eingegraben ist, an dem die Ehe geschlossen wurde.«

»Und dies ist ein solcher Ring?«

»Ja.«

»Aber woran erkennst du, daß dieser Tote zu dem Volke der Franken gehört? Er könnte doch ebenso gut von den Inglis6 oder den Nemsi7 stammen, zu denen auch du gehörst.«

»Es sind französische Zeichen, welche ich hier lese.«

»Er kann dennoch zu einem anderen Volke gehören. Meinst du nicht, Effendi, daß man einen Ring finden oder auch stehlen kann?«

»Das ist wahr. Aber sieh das Hemd, welches er unter seiner Kleidung trägt. Es ist dasjenige eines Europäers.«

»Wer hat ihn getötet?«

»Seine beiden Begleiter. Siehst du nicht, daß der Boden hier aufgewühlt ist vom Kampfe? Bemerkst du nicht, daß –«

Ich hielt mitten im Satze inne. Ich hatte mich aus meiner knieenden Stellung erhoben, um den Erdboden zu untersuchen, und fand nicht weit von der Stelle, an welcher der Tote lag, den Anfang einer breiten Blutspur, welche sich seitwärts zwischen die Felsen zog. Ich folgte ihr mit schußbereitem Gewehre, da die Mörder sich leicht noch in der Nähe befinden konnten. Noch war ich nicht weit gegangen, so stieg mit lautem Flügelschlage ein Geier empor und ich bemerkte an dem Orte, von welchem er sich erhoben hatte, ein Kamel liegen. Es war tot; in seiner Brust klaffte eine tiefe, breite Wunde. Halef schlug die Hände ineinander.

»Ein graues Hedjihn, ein graues Tuareg-Hedjihn, und diese Mörder, diese Schurken, diese Hunde haben es getötet!«

Es war klar, er bedauerte das prächtige Reittier viel mehr als den toten Franzosen. Als echter Sohn der Wüste, dem der geringste Gegenstand kostbar werden kann, bückte er sich nieder und untersuchte den Sattel des Kamels. Er fand nichts; die Taschen waren leer.

»Die Mörder haben bereits alles hinweggenommen, Sihdi. Mögen sie in alle Ewigkeit in der Dschehenna braten. Nichts, gar nichts haben sie zurückgelassen, als das Kamel – und die Papiere, welche dort im Sande liegen.«

Durch diese Worte aufmerksam gemacht, bemerkte ich in einer Entfernung von uns allerdings einige mit den Händen zusammengeballte und wohl als unnütz weggeworfene Papierstücke. Sie konnten mir vielleicht einen Anhaltspunkt bieten, und ich ging, um sie aufzuheben. Es waren mehrere Zeitungsbogen. Ich glättete die zusammengeknitterten Fetzen und paßte sie genau aneinander. Ich hatte zwei Seiten der »Vigie algérienne« und ebenso viel vom »L‘Indépendant« und der »Mahouna« in den Händen. Das erste Blatt erscheint in Algier, das zweite in Constantine und das dritte in Guelma. Trotz dieser örtlichen Verschiedenheit bemerkte ich bei näherer Prüfung eine mir auffällige Uebereinstimmung bezüglich des Inhaltes der drei Zeitungsfetzen: sie enthielten nämlich alle drei einen Bericht über die Ermordung eines reichen französischen Kaufmannes in Blidah. Des Mordes dringend verdächtig war ein armenischer Händler, welcher die Flucht ergriffen hatte und steckbrieflich verfolgt wurde. Die Beschreibung seiner Person stimmte in allen drei Journalen ganz wörtlich überein.

Aus welchem Grunde hatte der Tote, welchem dieses Kamel gehörte, diese Blätter bei sich geführt? Ging ihn der Fall persönlich etwas an? War er ein Verwandter des Kaufmanns in Blidah, war er der Mörder, oder war er ein Polizist, der die Spur des Verbrechers verfolgt hatte?

Ich nahm die Papiere an mich, wie ich auch den Ring an meinen Finger gesteckt hatte, und kehrte mit Halef zu der Leiche zurück. Ueber ihr schwebten beharrlich die Geier, welche sich nun nach unserer Entfernung auf das Kamel niederließen.

»Was gedenkest du nun zu tun, Sihdi?« fragte der Diener.

»Es bleibt uns nichts übrig, als den Mann zu begraben.«

»Willst du ihn in die Erde scharren?«

»Nein; dazu fehlen uns die Werkzeuge. Wir errichten einen Steinhaufen über ihm; so wird kein Tier zu ihm gelangen können.«

»Und du denkst wirklich, daß er ein Giaur ist?«

»Er ist ein Christ.«

»Es ist möglich, daß du dich dennoch irrst, Sihdi; er kann trotzdem auch ein Rechtgläubiger sein. Darum erlaube mir eine Bitte!«

»Welche?«

»Laß uns ihn so legen, daß er mit dem Gesichte nach Mekka blickt!«

»Ich habe nichts dagegen, denn dann ist es zugleich nach Jerusalem gerichtet, wo der Weltheiland litt und starb. Greife an!«

Es war ein trauriges Werk, welches wir in der tiefen Einsamkeit vollendeten. Als der Steinhaufen, welcher den Unglücklichen bedeckte, so hoch war, daß er der Leiche vollständigen Schutz gegen die Tiere der Wüste gewährte, fügte ich noch so viel hinzu, daß er die Gestalt eines Kreuzes bekam, und faltete dann die Hände, um ein Gebet zu sprechen. Als ich damit geendet hatte, wandte Halef sein Auge gegen Morgen, um mit der hundertundzwölften Sure des Korans zu beginnen:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich. Der Mensch liebt das dahineilende Leben und lässet das zukünftige unbeachtet. Deine Abreise aber ist gekommen, und nun wirst du hingetrieben zu deinem Herrn, der dich auferwecken wird zu neuem Leben. Möge dann die Zahl deiner Sünden klein sein und die Zahl deiner guten Taten so groß wie der Sand, auf dem du einschliefst in der Wüste!«

Nach diesen Worten bückte er sich nieder, um seine Hände, die er mit der Leiche verunreinigt hatte, mit dem Sande abzuwaschen.

»So, Sihdi, jetzt bin ich wieder tahir, was die Kinder Israel kauscher nennen, und darf wieder berühren, was rein und heilig ist. Was tun wir jetzt?«

»Wir eilen den Mördern nach, um sie einzuholen.«

»Willst du sie töten?«

»Ich bin ihr Richter nicht. Ich werde mit ihnen sprechen und dann erfahren, warum sie ihn getötet haben. Dann weiß ich, was ich tun werde.«

»Es können keine klugen Männer sein, sonst hätten sie nicht ein Hedjihn getötet, welches mehr wert ist, als ihre Pferde.«

»Das Hedjihn hätte sie vielleicht verraten. Hier siehst du ihre Spur. Vorwärts! Sie sind fünf Stunden vor uns; vielleicht treffen wir morgen auf sie, noch ehe sie Seddada erreichen.«

Wir jagten trotz der drückenden Hitze und des schwierigen, felsigen Bodens mit einer Eile dahin, als ob es gelte, Gazellen einzuholen, und es war dabei ganz unmöglich, ein Gespräch zu führen. Diese Schweigsamkeit aber konnte mein guter Halef unmöglich lange aushalten.

»Sihdi,« rief er hinter mir, »Sihdi, willst du mich verlassen?«

Ich drehte mich nach ihm um.

»Verlassen?«

»Ja. Meine Stute hat ältere Beine als dein Berberhengst.«

Wirklich triefte die alte Hassi-Ferdschahn-Stute bereits von Schweiß, und der Schaum flog ihr in großen Flocken von dem Maule.

»Aber wir können heute nicht wie gewöhnlich während der größten Hitze Rast machen, sondern wir müssen reiten bis zur Nacht, sonst holen wir die beiden, welche vor uns sind, nicht ein.«

»Wer zu viel eilt, kommt auch nicht früher als der, welcher langsam reitet, Effendi, denn – Allah akbar, blicke da hinunter!«

Wir befanden uns vor einem jähen Sturze des Wadi und sahen in der Entfernung von vielleicht einer Viertelwegsstunde unter uns zwei Reiter oder vielmehr zwei Männer an einer kleinen Sobha8 sitzen, in welcher sich einiges brackiges Wasser erhalten hatte. Ihre Pferde knabberten an den dürren, stachelichen Mimosen herum, welche in der Nähe standen.

»Ah, sie sind es!«

»Ja, Sihdi, sie sind es. Auch ihnen ist es zu heiß gewesen, und sie haben beschlossen, zu warten, bis die größte Glut vorüber ist.«

»Oder sie haben sich verweilt, um die Beute zu teilen. Zurück, Halef, zurück, damit sie dich nicht bemerken! Wir werden das Wadi verlassen und ein wenig nach West reiten, um zu tun, als ob wir vom Schott Rharsa kämen.«

»Warum, Effendi?«

»Sie sollen nicht ahnen, daß wir die Leiche des Ermordeten gefunden haben.«

Unsere Pferde erklommen das Ufer des Wadi, und wir ritten stracks nach Westen in die Wüste hinein. Dann schlugen wir einen Bogen und hielten auf die Stelle zu, an welcher sich die beiden befanden. Sie konnten uns nicht kommen sehen, da sie in der Tiefe des Wadi saßen, mußten uns aber hören, als wir demselben nahe gekommen waren.

Wirklich hatten sie sich, als wir den Rand der Vertiefung erreichten, bereits erhoben und nach ihren Gewehren gegriffen. Ich tat natürlich, als sei ich ebenso überrascht wie sie selbst, hier in der Einsamkeit der Wüste so plötzlich auf Menschen zu treffen, hielt es jedoch nicht für nötig, nach meiner Büchse zu langen.

»Salam aaleïkum!« rief ich, mein Pferd anhaltend, zu ihnen hinab.

»Aaleïkum,« antwortete der ältere von ihnen. »Wer seid ihr?«

»Wir sind friedliche Reiter.«

»Wo kommt ihr her?«

»Von Westen.«

»Und wo wollt ihr hin?«

»Nach Seddada.«

»Von welchem Stamme seid ihr?«

Ich deutete auf Halef und antwortete:

»Dieser hier stammt aus der Ebene Admar, und ich gehöre zu den Beni-Sachsa. Wer seid ihr?«

»Wir sind von dem berühmten Stamme der Uëlad Hamalek.«

»Die Uëlad Hamalek sind gute Reiter und tapfere Krieger. Wo kommt ihr her?«

»Von Gafsa.«

»Da habt ihr eine weite Reise hinter euch. Wohin wollt ihr?«

»Nach dem Bir9 Sauidi, wo wir Freunde haben.«

Beides, daß sie von Gafsa kamen und nach dem Brunnen Sauidi wollten, war eine Lüge, doch tat ich, als ob ich ihren Worten glaubte, und fragte:

»Erlaubt ihr uns, bei euch zu rasten?«

»Wir bleiben hier bis zum frühen Morgen,« lautete die Antwort, welche also für meine Frage weder ein Ja noch ein Nein enthielt.

»Auch wir gedenken, bis zum Aufgang der nächsten Sonne hier auszuruhen. Ihr habt genug Wasser für uns alle und auch für unsere Pferde. Dürfen wir bei euch bleiben?«

»Die Wüste gehört allen. Marhaba, du sollst uns willkommen sein!«

Es war ihnen trotz dieses Bescheides leicht anzusehen, daß ihnen unser Gehen lieber gewesen wäre, als unser Bleiben; wir aber ließen unsere Pferde den Abhang hinunter klettern und stiegen an dem Wasser ab, wo wir sofort ungeniert Platz nahmen.

Die beiden Physiognomien, welche ich nun studieren konnte, waren keineswegs Vertrauen erweckend. Der ältere, welcher bisher das Wort geführt hatte, war lang und hager gebaut. Der Burnus hing ihm am Leibe wie an einer Vogelscheuche. Unter dem schmutzig blauen Turban blickten zwei kleine, stechende Augen unheimlich hervor; über den schmalen, blutleeren Lippen fristete ein dünner Bart ein kümmerliches Dasein; das spitze Kinn zeigte eine auffallende Neigung, nach oben zu steigen, und die Nase, ja, diese Nase erinnerte mich lebhaft an die Geier, welche ich vor kurzer Zeit von der Leiche des Ermordeten vertrieben hatte. Das war keine Adler— und auch keine Habichtsnase; sie hatte wirklich die Form eines Geierschnabels.

Der andere war ein junger Mann von auffallender Schönheit; aber die Leidenschaften hatten sein Auge umflort, seine Nerven entkräftet und seine Stirn und Wangen zu früh gefurcht. Man konnte unmöglich Vertrauen zu ihm haben.

Der ältere sprach das Arabische mit jenem Akzente, wie man es am Euphrat spricht, und der jüngere ließ mich vermuten, daß er kein Orientale sondern ein Europäer sei. Ihre Pferde, welche in der Nähe standen, waren schlecht und sichtlich abgetrieben; ihre Kleidung hatte ein sehr mitgenommenes Aussehen, aber ihre Waffen waren ausgezeichnet. Da, wo sie vorhin gesessen, lagen verschiedene Gegenstände, welche sonst in der Wüste selten sind und wohl nur deshalb liegen geblieben waren, weil die beiden keine Zeit gefunden hatten, sie zu verbergen: ein seidenes Taschentuch, eine goldene Uhr nebst Kette, ein Kompaß, ein prachtvoller Revolver und ein in Maroquin gebundenes Taschenbuch.

Ich tat, als ob ich diese Gegenstände gar nicht bemerkt hätte, nahm aus der Satteltasche eine Handvoll Datteln und begann, dieselben mit gleichgültiger und zufriedener Miene zu verzehren.

»Was wollt ihr in Seddada?« fragte mich der Lange.

»Nichts. Wir gehen weiter.«

»Wohin?«

»Ueber den Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli.«

Ein unbewachter Blick, den er auf seinen Gefährten warf, sagte mir, daß ihr Weg der nämliche sei. Dann fragte er weiter:

»Hast du Geschäfte in Fetnassa oder Kbilli?«

»Ja.«

»Du willst deine Herden dort verkaufen?«

»Nein.«

»Oder deine Sklaven?«

»Nein.«

»Oder vielleicht die Waren, die du aus dem Sudan kommen lässest?«

»Nein.«

»Was sonst?«

»Nichts. Ein Sohn meines Stammes treibt mit Fetnassa keinen Handel.«

»Oder willst du dir ein Weib dort holen?«

Ich improvisierte eine sehr zornige Miene.

»Weißt du nicht, daß es eine Beleidigung ist, zu einem Manne von seinem Weibe zu sprechen! Oder bist du ein Giaur, daß du dieses nicht erfahren hast?«

Wahrhaftig, der Mann erschrak förmlich, und ich begann, infolgedessen die Vermutung zu hegen, daß ich mit meinen Worten das Richtige getroffen hatte. Er hatte ganz und gar nicht die Physiognomie eines Beduinen; Gesichter, wie das seinige, waren mir vielmehr bei Männern von armenischer Herkunft aufgefallen und – ah, war es nicht ein armenischer Händler, der den Kaufmann in Blidah ermordet hatte und dessen Steckbrief ich in der Tasche trug? Ich hatte mir nicht die Zeit genommen, den Steckbrief, wenigstens das Signalement, aufmerksam durchzulesen. Während mir diese Gedanken blitzschnell durch den Kopf gingen, fiel mein Blick nochmals auf den Revolver. An seinem Griff befand sich eine silberne Platte, in welche ein Name eingraviert war.

»Erlaube mir!«

Zu gleicher Zeit mit dieser Bitte griff ich nach der Waffe und las: »Paul Galingré, Marseille.« Das war ganz sicher nicht der Name der Fabrik, sondern des Besitzers. Ich verriet aber mein Interesse durch keine Miene, sondern fragte leichthin:

»Was ist das für eine Waffe?«

»Ein – ein – – ein Drehgewehr.«

»Magst du mir zeigen, wie man mit ihm schießt?«

Er erklärte es mir. Ich hörte ihm sehr aufmerksam zu und meinte dann:

»Du bist kein Uëlad Hamalek, sondern ein Giaur.«

»Warum?«

»Siehe, daß ich recht geraten habe! Wärest du ein Sohn des Propheten, so würdest du mich niederschießen, weil ich dich einen Giaur nannte. Nur die Ungläubigen haben Drehgewehre. Wie soll diese Waffe in die Hände eines Uëlad Hamalek gekommen sein! Ist sie ein Geschenk?«

»Nein.«

»So hast du sie gekauft?«

»Nein.«

»Dann war sie eine Beute?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Von einem Franken.«

»Mit dem du kämpftest?«

»Ja.«

»Wo?«

»Auf dem Schlachtfelde.«

»Auf welchem?«

»Bei El Guerara.«

»Du lügst!«

Jetzt riß ihm doch endlich die Geduld. Er erhob sich und griff nach dem Revolver.

»Was sagst du? Ich lüge? Soll ich dich niederschießen wie – – —«

Ich fiel ihm in die Rede:

»Wie den Franken da oben im Wadi Tarfaui!«

Die Hand, welche den Revolver hielt, sank nieder, und eine fahle Blässe bedeckte das Gesicht des Mannes. Doch raffte er sich zusammen und fragte drohend:

»Was meinst du mit diesen Worten?«

Ich langte in meine Tasche, zog die Zeitungen heraus und tat einen Blick in die Blätter, um den Namen des Mörders zu finden.

»Ich meine, daß du ganz gewiß kein Uëlad Hamalek bist. Dein Name ist mir sehr bekannt; er lautet Hamd el Amasat.«

Jetzt fuhr er zurück und streckte beide Hände wie zur Abwehr gegen mich aus.

»Woher kennst du mich?«

»Ich kenne dich; das ist genug.«

»Nein, du kennst mich nicht; ich heiße nicht so, wie du sagtest; ich bin ein Uëlad Hamalek, und wer das nicht glaubt, den schieße ich nieder!«

»Wem gehören diese Sachen?«

»Mir.«

Ich ergriff das Taschentuch. Es war mit »P. G.« gezeichnet. Ich öffnete die Uhr und fand auf der Innenseite des Deckels ganz dieselben Buchstaben eingraviert.

»Woher hast du sie?«

»Was geht es dich an? Lege sie von dir!«

Anstatt ihm zu gehorchen, öffnete ich auch das Notizbuch. Auf dem ersten Blatte desselben las ich den Namen Paul Galingré; der Inhalt aber war stenographiert, und ich kann Stenographie nicht lesen.

»Weg mit dem Buche, sage ich dir!«

Bei diesen Worten schlug er mir dasselbe aus der Hand, so daß es in die Lache flog. Ich erhob mich, um den Versuch zu machen, es zu retten, fand aber jetzt doppelten Widerstand, da sich nun auch der jüngere der beiden Männer zwischen mich und das Wasser stellte.

Halef hatte dem Wortwechsel bisher scheinbar gleichgültig zugehört, aber ich sah, daß sein Finger an dem Drücker seiner langen Flinte lag. Es bedurfte nur eines Winkes von mir, um ihn zum Schusse zu bringen. Ich bückte mich, um auch den Kompaß noch aufzunehmen.

»Halt; das ist mein! Gieb diese Sachen heraus!« rief der Gegner.

Er faßte meinen Arm, um seinen Worten Nachdruck zu geben; ich aber sagte so ruhig wie möglich:

»Setze dich wieder nieder! Ich habe mit dir zu reden.«

»Ich habe mit dir nichts zu schaffen!«

»Aber ich mit dir. Setze dich, wenn ich dich nicht niederschießen soll!«

Diese Drohung schien doch nicht ganz unwirksam zu sein. Er ließ sich wieder zur Erde nieder und ich tat ganz dasselbe. Dann zog ich meinen Revolver und begann:

»Siehe, daß ich auch ein solches Drehgewehr habe! Lege das deinige weg, sonst geht das meinige los!«

Er legte die Waffe langsam neben sich hin aus der Hand, hielt sich aber zum augenblicklichen Griffe bereit.

»Du bist kein Uëlad Hamalek?«

»Ich bin einer.«

»Du kommst nicht von Gafsa?«

»Ich komme von dort.«

»Wie lange Zeit reitest du bereits im Wadi Tarfaui?«

»Was geht es dich an!«

»Es geht mich sehr viel an. Da oben liegt die Leiche eines Mannes, den du ermordet hast.«

Ein böser Zug durchzuckte sein Gesicht.

»Und wenn ich es getan hätte, was hättest du darüber zu sagen?«

»Nicht viel; nur einige Worte.«

»Welche?«

»Wer war der Mann?«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Warum hast du ihn und sein Kamel getötet?«

»Weil es mir so gefiel.«

»War er ein Rechtgläubiger?«

»Nein. Er war ein Giaur.«

»Du hast genommen, was er bei sich trug?«

»Sollte ich es bei ihm liegen lassen?«

»Nein, denn du hattest es für mich aufzuheben.«

»Für dich – —?«

»Ja.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Du sollst mich verstehen. Der Tote war ein Giaur; ich bin auch ein Giaur und werde sein Rächer sein.«

»Sein Bluträcher?«

»Nein; wenn ich das wäre, so hättest du bereits aufgehört, zu leben. Wir sind in der Wüste, wo kein Gesetz gilt als nur das des Stärkeren. Ich will nicht erproben, wer von uns der Stärkere ist; ich übergebe dich der Rache Gottes, des Allwissenden, der alles sieht und keine Tat unvergolten läßt; aber das Eine sage ich dir, und das magst du dir wohl merken: du gibst alles heraus, was du dem Toten abgenommen hast.«

Er lächelte überlegen.

»Meinst du wirklich, daß ich dieses tue?«

»Ich meine es.«

»So nimm dir, was du haben willst!«

Er zuckte mit der Hand, um nach dem Revolver zu greifen; schnell aber hielt ich ihm die Mündung des meinigen entgegen.

»Halt, oder ich schieße!«

Es war jedenfalls eine sehr eigentümliche Situation, in der ich mich befand. Glücklicherweise aber schien mein Gegner mehr Verschlagenheit als Mut zu besitzen. Er zog die Hand wieder zurück und schien unentschlossen zu werden.

»Was willst du mit den Sachen tun?«

»Ich werde sie den Verwandten des Toten zurückgeben.«

Es war fast eine Art von Mitleid, mit der er mich jetzt fixierte.

»Du lügst. Du willst sie für dich behalten!«

»Ich lüge nicht.«

»Und was wirst du gegen mich unternehmen?«

»Jetzt nichts; aber hüte dich, mir jemals wieder zu begegnen!«

»Du reitest wirklich von hier nach Seddada?«

»Ja.«

»Und wenn ich dir die Sachen gebe, wirst du mich und meinen Gefährten ungehindert nach dem Bir Sauidi gehen lassen?«

»Ja.«

»Du versprichst es mir?«

»Ja.«

»Beschwöre es!«

»Ein Giaur schwört nie; sein Wort ist auch ohne Schwur die Wahrheit.«

»Hier, nimm das Drehgewehr, die Uhr, den Kompaß und das Tuch.«

»Was hatte er noch bei sich?«

»Nichts.«

»Er hatte Geld.«

»Das werde ich behalten.«

»Ich habe nichts dagegen; aber gib mir den Beutel oder die Börse, in der es sich befand.«

»Du sollst sie haben.«

Er griff in seinen Gürtel und zog eine gestickte Perlenbörse hervor, die er leerte und mir dann entgegenreichte.

»Weiter hatte er nichts bei sich?«

»Nein. Willst du mich aussuchen?«

»Nein.«

»So können wir gehen?«

»Ja.«

Er schien sich jetzt doch leichter zu fühlen als vorhin; sein Begleiter aber war ganz sicher ein furchtsamer Mensch, der sehr froh war, auf diese Weise davonzukommen. Sie nahmen ihre Habseligkeiten zusammen und bestiegen ihre Pferde.

»Salam aaleïkum, Friede sei mit euch!«

Ich antwortete nicht, und sie nahmen diese Unhöflichkeit sehr gleichgültig hin. In wenigen Augenblicken waren sie hinter dem Rande des Wadiufers verschwunden.

Halef hatte bis jetzt kein einziges Wort gesprochen; nun brach er sein Schweigen.

»Sihdi!«

»Was?«

»Darf ich dir etwas sagen?«

»Ja.«

»Kennst du den Strauß?«

»Ja.«

»Weißt du, wie er ist?«

»Nun?«

»Dumm, sehr dumm.«

»Weiter!«

»Verzeihe mir, Effendi, aber du kommst mir noch schlimmer vor, als der Strauß.«

»Warum?«

»Weil du diese Schurken laufen lässest.«

»Ich kann sie nicht halten und auch nicht töten.«

»Warum nicht? Hätten sie einen Rechtgläubigen ermordet, so kannst du dich darauf verlassen, daß ich sie zum Scheïtan, zum Teufel, geschickt hätte. Da es aber ein Giaur war, so ist es mir sehr gleichgültig, ob sie Strafe finden oder nicht. Du aber bist ein Christ und lässest die Mörder eines Christen entkommen!«

»Wer sagt dir, daß sie entkommen werden?«

»Sie sind ja bereits fort! Sie werden den Bir Sauidi erreichen und von da nach Debila und El Uëd gehen, um in der Areg10 zu verschwinden.«

»Das werden sie nicht.«

»Was sonst? Sie sagten ja, daß sie nach Bir Sauidi gehen werden.«

»Sie logen. Sie werden nach Seddada gehen.«

»Wer sagte es dir?«

»Meine Augen.«

»Allah segne deine Augen, mit denen du die Stapfen im Sande betrachtest. So wie du kann nur ein Ungläubiger handeln. Aber ich werde dich schon noch zum rechten Glauben bekehren; darauf kannst du dich verlassen, du magst nun wollen oder nicht!«

»Dann nenne ich mich einen Pilger, ohne in Mekka gewesen zu sein.«

»Sihdi – —! Du hast mir ja versprochen, das nicht zu sagen!«

»Ja, so lange du mich nicht bekehren willst.«

»Du bist der Herr, und ich muß es mir gefallen lassen. Aber, was tun wir jetzt?«

»Wir sorgen zunächst für unsere Sicherheit. Hier können wir leicht von einer Kugel getroffen werden. Wir müssen uns überzeugen, ob diese beiden Schurken auch wirklich fort sind.«

Ich erstieg den Rand der Schlucht und sah allerdings die zwei Reiter in bereits sehr großer Entfernung von uns auf Südwest zuhalten. Halef war mir gefolgt.

»Dort reiten sie,« meinte er. »Das ist die Richtung nach Bir Sauidi.«

»Wenn sie sich weit genug entfernt haben, werden sie sich nach Osten wenden.«

»Sihdi, dein Gehirn dünkt mir schwach. Wenn sie dies täten, müßten sie uns ja wieder in die Hände kommen!«

»Sie meinen, daß wir erst morgen aufbrechen, und glauben also, einen guten Vorsprung vor uns zu erlangen.«

»Du rätst und wirst doch das Richtige nicht treffen.«

»Meinst du? Sagte ich nicht da oben, daß eins ihrer Pferde den Hahnentritt habe?«

»Ja, das sah ich, als sie davonritten.«

»So werde ich auch jetzt recht haben, wenn ich sage, daß sie nach Seddada gehen.«

»Warum folgen wir ihnen nicht sofort?«

»Wir kämen ihnen sonst zuvor, da wir den geraden Weg haben; dann würden sie auf unsere Spur stoßen und sich hüten, mit uns wieder zusammenzutreffen.«

»Laß uns also wieder zum Wasser gehen und ruhen, bis es Zeit zum Aufbruch ist.«

Wir stiegen wieder hinab. Ich streckte mich auf meine am Boden ausgebreitete Decke aus, zog das Ende meines Turbans als Lischam11 über das Gesicht und schloß die Augen, nicht um zu schlafen, sondern um über unser letztes Abenteuer nachzudenken. Aber wer vermag es, in der fürchterlichen Glut der Sahara seine Gedanken längere Zeit mit einer an sich schon unklaren Sache zu beschäftigen? Ich schlummerte wirklich ein und mochte über zwei Stunden geschlafen haben, als ich wieder erwachte. Wir brachen auf.

Das Wadi Tarfaui mündet in den Schott Rharsa: wir mußten es also nun verlassen, wenn wir, nach Osten zu, Seddada erreichen wollten. Nach Verlauf von vielleicht einer Stunde trafen wir auf die Spur zweier Pferde, welche von West nach Ost führte.

»Nun, Halef, kennst du diese Ethar, diese Fährte?«

»Masch Allah, du hattest recht, Sihdi! Sie gehen nach Seddada.«

Ich stieg ab und untersuchte die Eindrücke.

»Sie sind erst vor einer halben Stunde hier vorübergekommen. Laß uns langsam reiten, sonst sehen sie uns hinter sich.«

Die Ausläufer des Dschebel Tarfaui senkten sich allmählich in die Ebene hernieder, und als die Sonne unterging und nach kurzer Zeit der Mond emporstieg, sahen wir Seddada zu unsern Füßen liegen.

»Reiten wir hinab?« fragte Halef.

»Nein. Wir schlafen unter den Oliven dort am Abhange des Berges.«

Wir bogen ein wenig von unserer Richtung ab und fanden unter den Oelbäumen einen prächtigen Platz zum Biwak. Wir waren beide an das heulende Bellen des Schakal, an das Gekläffe des Fennek und an die tieferen Töne der schleichenden Hyäne gewöhnt und ließen uns von diesen nächtlichen Lauten nicht im Schlafe stören. Als wir erwachten, war es mein erstes, die gestrige Fährte wieder aufzusuchen. Ich war überzeugt, daß sie mir hier in der Nähe eines bewohnten Ortes nicht mehr von Nutzen sein werde, fand aber zu meiner Ueberraschung, daß sie nicht nach Seddada führte, sondern nach Süden bog.

»Warum gingen sie nicht hernieder?« fragte Halef.

»Um sich nicht sehen zu lassen. Ein verfolgter Mörder muß vorsichtig sein.«

»Aber wohin gehen sie denn?«

»Jedenfalls nach Kris, um über den Dscherid zu reiten. Dann haben sie Algerien hinter sich und sind in leidlicher Sicherheit.«

»Wir sind doch bereits in Tunis. Die Grenze geht vom Bir el Khalla zum Bir el Tam über den Schott Rharsa.«

»Das kann solchen Leuten noch nicht genügen. Ich wette, daß sie über Fezzan nach Kufarah gehen, denn erst dort sind sie vollständig sicher.«

»Sie sind auch hier bereits sicher, wenn sie ein Budjeruldu12 des Sultans haben.«

»Das würde ihnen einem Konsul oder Polizei-Agenten gegenüber nicht viel nützen.«

»Meinst du? Ich möchte es Keinem raten, gegen das mächtige »Giölgeda padishanün«13 zu sündigen!«

»Du sprichst so, trotzdem du ein freier Araber sein willst?«

»Ja. Ich habe in Aegypten gesehen, was der Großherr vermag; aber in der Wüste fürchte ich ihn nicht. Werden wir jetzt nach Seddada gehen?«

»Ja, um Datteln zu kaufen und einmal gutes Wasser zu trinken. Dann aber setzen wir den Weg fort.«

»Nach Kris?«

»Nach Kris.«

Bereits eine Viertelstunde später hatten wir uns restauriert und folgten dem Reitwege, welcher von Seddada nach Kris führt. Zu unserer Linken glänzte die Fläche des Schott Dscherid zu uns herauf, ein Anblick, den ich vollständig auszukosten suchte.

Die Sahara ist ein großes, noch immer nicht gelöstes Rätsel. Schon seit Virlet d‘Aoust im Jahre 1845 besteht das Projekt, einen Teil der Wüste in ein Meer und dadurch die anliegenden Gebiete in ein fruchtbares Land zu verwandeln und so auch die Bewohner dieser Strecken dem Fortschritte der Zivilisation näher zu bringen. Ob aber dieses Projekt ausführbar und dann auch von den beabsichtigten Erfolgen gekrönt sein wird, darüber läßt sich noch immer streiten.

Am Fuße des Südabhanges des Dschebel Aures und der östlichen Fortsetzung dieser Bergmasse, also des Dra el Haua, Dschebel Tarfaui, Dschebel Situna und Dschebel Hadifa, dehnt sich eine einheitliche unübersehbare, hier und da leicht gewellte Ebene aus, deren tiefste Stellen mit Salzkrusten und Salzauswitterungen bedeckt sind, welche als Ueberreste einstiger großer Binnengewässer im algerischen Teile den Namen Schott und im tunesischen Teile den Namen Sobha oder Sebcha führen. Die Grenze dieses eigentümlichen und hochinteressanten Gebietes bilden im Westen die Ausläufer des Beni-Mzab-Plateau, im Osten die Landenge von Gabes und im Süden die Dünenregion von Ssuf und Nifzaua nebst dem langgestreckten Dschebel Tebaga. Vielleicht ist unter dieser Einsenkung der Golf von Triton zu verstehen, von welchem uns Herodot, der Vater der Geschichtschreibung, berichtet.

Außer einer großen Anzahl kleinerer Sümpfe, welche im Sommer ausgetrocknet sind, besteht dieses Gebiet aus drei größeren Salzseen, nämlich, von West nach Ost verfolgt, aus den Schotts Melrir, Rharsa und Dscherid, welch letzterer auch El Kebir genannt zu werden pflegt. Diese drei Becken bezeichnen eine Zone, deren westliche Hälfte tiefer liegt, als das Mittelmeer bei Gabes zur Zeit der Ebbe.

Die Einsenkung des Schottgebietes ist heutzutage zum großen Teile mit Sandmassen angefüllt, und nur in der Mitte der einzelnen Bassins hat sich eine ziemlich beträchtliche Wassermasse erhalten, welche durch ihr Aussehen den arabischen Schriftstellern und Reisenden Veranlassung gab, sie bald mit einem Kampferteppich oder einer Kristalldecke, bald mit einer Silberplatte oder der Oberfläche geschmolzenen Metalls zu vergleichen. Dieses Aussehen erhalten die Schotts durch die Salzkruste, mit der sie bedeckt sind und deren Dicke sehr verschieden ist, so daß sie zwischen zehn und höchstens zwanzig Zentimeter variiert. Nur an einzelnen Stellen ist es möglich, sich ohne die eminenteste Lebensgefahr auf sie zu wagen. Wehe dem, der auch nur eine Hand breit von dem schmalen Pfade abweicht! Die Kruste gibt nach, und der Abgrund verschlingt augenblicklich sein Opfer. Unmittelbar über dem Kopfe des Versinkenden schließt sich alsbald die Decke wieder. Die schmalen Furten, welche über die Salzdecke der Schotts führen, werden besonders in der Regenzeit höchst gefährlich, indem der Regen die vom Flugsande überdeckte Kruste bloßlegt und auswäscht.

Das Wasser dieser Schotts ist grün und dickflüssig und bei weitem salziger als das des Meeres. Ein Versuch, die Tiefe des Abgrundes unter sich zu messen, würde des Terrains halber zu keinem Resultate führen, doch darf wohl angenommen werden, daß keiner der Salzmoräste tiefer als fünfzig Meter ist. Die eigentliche Gefahr bei dem Einbrechen durch die Salzdecke ist bedingt durch die Massen eines flüssigen, beweglichen Sandes, welcher unter der fünfzig bis achtzig Zentimeter tiefen, hellgrünen Wasserschicht schwimmt und ein Produkt der Jahrtausende langen Arbeit des Samums ist, der den Sand aus der Wüste in das Wasser trieb.

Schon die ältesten arabischen Geographen, wie Ebn Dschobeir, Ebn Batuta, Obeidah el Bekri, El Istakhri und Omar Ebn el Wardi, stimmen in der Gefährlichkeit dieser Schotts für die Reisenden überein. Der Dscherid verschlang schon Tausende von Kamelen und Menschen, welche in seiner Tiefe spurlos verschwanden. Im Jahre 1826 mußte eine Karawane, welche aus mehr als tausend Lastkamelen bestand, den Schott überschreiten. Ein unglücklicher Zufall brachte das Leitkamel, welches an der Spitze des Zuges schritt, vom schmalen Wege ab. Es verschwand im Abgrunde des Schott, und ihm folgten alle anderen Tiere, welche rettungslos in der zähen, seifigen Masse verschwanden. Kaum war die Karawane verschwunden, so nahm die Salzdecke wieder ihre frühere Gestalt an, und nicht die kleinste Veränderung, das mindeste Anzeichen verriet den gräßlichen Unglücksfall. Ein solches Vorkommnis könnte unmöglich erscheinen, aber um es zu glauben, muß man sich nur vergegenwärtigen, daß jedes Kamel gewohnt ist, dem voranschreitenden, mit dem es ja meist auch durch Stricke verbunden ist, blind und unbedingt zu folgen, und daß der Pfad über die Schotts oft so schmal ist, daß es einem Tiere oder gar einer Karawane ganz unmöglich wird, wieder umzukehren.

Der Anblick dieser tückischen Flächen, unter denen der Tod lauert, erinnert an einzelnen Stellen an den bläulich schillernden Spiegel geschmolzenen Bleies. Die Kruste ist zuweilen hart und durchsichtig wie Flaschenglas und klingt bei jedem Schritte wie der Boden der Solfatara in Neapel; meist aber bildet sie eine weiche, breiige Masse, welche vollständig sicher zu sein scheint, aber doch nur so viel Festigkeit besitzt, um einen leichten Anflug von Sand zu tragen, bei jeder anderen Last aber unter derselben zu weichen, um sich über ihr wieder zu schließen.

Den Führern dienen kleine, auseinander liegende Steine als Wegzeichen. Früher gab es auf dem Schott El Kebir auch eingesteckte Palmenäste. Der Ast der Dattelbäume heißt Dscherid, und diesem Umstande hat der Schott seinen zweiten Namen zu verdanken. Diese Steinhäufchen heißen »Gmair«, und auch sie fehlen an solchen Punkten, wo auf mehrere Meter Länge der Boden von einer den Pferden bis an die Brust reichenden Wasserfläche bedeckt wird.

Die Kruste der Schotts bildet übrigens nicht etwa eine einheitliche, flache Ebene, sondern sie zeigt im Gegenteile Wellen, welche selbst dreißig Meter Höhe erreichen. Die Kämme dieser Bodenwellen bilden eben die Furten, welche von den Karawanen benützt werden, und zwischen ihnen, in den tiefer liegenden Stellen, lauert das Verderben. Doch gerät schon bei einem mäßigen Winde die Salzdecke in eine schwingende Bewegung und läßt das Wasser aus einzelnen Oeffnungen und Löchern mit der Macht einer Quelle hervorbrechen. – —

Also diese freundlich glitzernde, aber trügerische Fläche lag zu unserer Linken, als wir den Weg nach Kris verfolgten, von wo aus eine Furt über den Schott nach Fetnassa auf der gegenüberliegenden Halbinsel des Nifzaua führt. Halef streckte die Hand aus und deutete hinab.

»Siehst du den Schott, Sihdi?«

»Ja.«

»Bist du schon einmal über den Schott geritten?«

»Nein.«

»So danke Allah, denn vielleicht wärest du sonst bereits zu deinen Vätern versammelt! Und wir wollen wirklich hinüber?«

»Allerdings.«

»Bismillah, in Gottes Namen! Mein Freund Sadek wird wohl noch am Leben sein.«

»Wer ist das?«

»Mein Bruder Sadek ist der berühmteste Führer über den Schott Dscherid; er hat noch niemals einen falschen Schritt getan. Er gehört zum Stamme der Merasig und ward geboren von seiner Mutter in Mui Hamed, lebt aber mit seinem Sohne, der ein wackerer Krieger ist, in Kris. Er kennt den Schott wie kein zweiter, und er ist es ganz allein, dem ich dich anvertrauen möchte, Sihdi. Reiten wir direkt nach Kris?«

»Wie weit haben wir noch bis hin?«

»Ein kleines über eine Stunde.«

»So biegen wir jetzt ab gegen West. Wir müssen sehen, ob wir eine Spur der Mörder finden.«

»Du meinst wirklich, daß sie auch nach Kris gegangen sind?«

»Auch sie haben jedenfalls im Freien ihr Lager gehalten und werden bereits vor uns sein, um über den Schott zu gehen.«

Wir verließen den bisherigen Weg und hielten grad nach West. In der Nähe des Pfades fanden wir viele Spuren, welche wir zu durchschneiden hatten; dann aber wurden sie weniger zahlreich und hörten endlich ganz auf. Da schließlich, wo der Reitpfad nach El Hamma führt, erblickte ich die Fährte zweier Pferde im Sande, und nachdem ich sie gehörig geprüft hatte, gelangte ich zu der Ueberzeugung, daß es die gesuchte sei. Wir folgten ihr bis in die Nähe von Kris, wo sie sich im breiten Wege verlor. Ich hatte also die Gewißheit, daß sich die Mörder hier befanden.

Halef war nachdenklich geworden.

»Sihdi, soll ich dir etwas sagen?« meinte er.

»Sage es!«

»Es ist doch gut, wenn man im Sande lesen kann.«

»Es freut mich, daß du zur Erkenntnis kommst. Doch da ist Kris. Wo ist die Wohnung deines Freundes Sadek?«

»Folge mir!«

Er ritt um den Ort, der aus einigen unter Palmen liegenden Zelten und Hütten bestand, herum bis zu einer Gruppe von Mandelbäumen, in deren Schutze eine breite, niedere Hütte lag, aus der bei unserem Anblick ein Araber trat und meinem kleinen Halef freudig entgegeneilte.

»Sadek, mein Bruder, du Liebling des Kalifen!«

»Halef, mein Freund, du Gesegneter des Propheten!«

Sie lagen einander in den Armen und herzten sich wie ein Liebespaar.

Dann aber wandte sich der Araber zu mir:

»Verzeihe, daß ich dich vergaß! Tretet ein in mein Haus; es ist das eurige!«

Wir folgten seinem Wunsche. Er war allein und präsentierte uns allerhand Erfrischungen, denen wir fleißig zusprachen. Jetzt glaubte Halef die Zeit gekommen, mich seinem Freunde vorzustellen.

»Das ist Kara Ben Nemsi, ein großer Taleb aus dem Abendlande, der mit den Vögeln redet und im Sande lesen kann. Wir haben schon viele große Taten vollbracht; ich bin sein Freund und Diener und soll ihn zum wahren Glauben bekehren.«

Der brave Mensch hatte mich einmal nach meinem Namen gefragt und wirklich das Wort Karl im Gedächtnisse behalten. Da er es aber nicht auszusprechen vermochte, so machte er rasch entschlossen ein Kara daraus und setzte Ben Nemsi, Nachkomme der Deutschen, hinzu. Wo ich mit den Vögeln geredet hatte, konnte ich mich leider nicht entsinnen; jedenfalls sollte mich diese Behauptung ebenbürtig an die Seite des weisen Salomo stellen, der ja auch die Gabe gehabt haben soll, mit den Tieren zu sprechen. Auch von den großen Taten, die wir vollbracht haben sollten, wußte ich weiter nichts, als daß ich einmal im Gestrüppe hängen geblieben und dabei gemächlich von meinem kleinen Berbergaule gerutscht war, der diese Gelegenheit dann benutzte, einmal mit mir Haschens zu spielen. Der Glanzpunkt der Halef‘schen Diplomatik war nun allerdings die Behauptung, daß ich mich von ihm bekehren lassen wolle. Er verdiente dafür eine Zurechtweisung; daher fragte ich Sadek:

»Kennst du den ganzen Namen deines Freundes Halef?«

»Ja.«

»Wie lautet er?«

»Er lautet Hadschi Halef Omar.«

»Das ist nicht genug. Er lautet Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Du hörst also, daß er zu einer frommen, verdienstvollen Familie gehört, deren Glieder alle Hadschi waren, obgleich – – —«

»Sihdi,« unterbrach mich Halef mit einer ganz unbeschreiblichen Pantomime des Schreckens, »sprich nicht von den Verdiensten deines Dieners! Du weißt, daß ich dir stets gern gehorchen werde.«

»Ich hoffe es, Halef. Du sollst nicht von dir und mir sprechen; frage lieber deinen Freund Sadek, wo sich sein Sohn befindet, von dem du mir gesagt hast!«

»Hat er wirklich von ihm gesprochen, Effendi?« fragte der Araber. »Allah segne dich, Halef, daß du derer gedenkst, die dich lieben! Omar Ibn Sadek, mein Sohn, ist über den Schott nach Seftimi gegangen und wird noch heute wiederkehren.«

»Auch wir wollen über den Schott, und du sollst uns führen,« meinte Halef.

»Ihr? Wann?«

»Noch heute.«

»Wohin, Sihdi?«

»Nach Fetnassa. Wie ist der Weg hinüber?«

»Gefährlich, sehr gefährlich. Es gibt nur zwei wirklich sichere Wege hinüber an das jenseitige Ufer, nämlich El Toserija zwischen Toser und Fetnassa und Es Suida zwischen Nefta und Sarsin. Der Weg von hier nach Fetnassa aber ist der allerschlimmste, und nur zwei gibt es, die ihn genau kennen; das bin ich und Arfan Rakedihm hier in Kris.«

»Kennt dein Sohn den Weg nicht auch?«

»Ja, aber allein ist er ihn noch nicht gegangen. Desto besser aber kennt er die Strecke nach Seftimi.«

»Diese fällt wohl einige Zeit lang zusammen mit der nach Fetnassa.«

»Ueber zwei Dritteil, Sihdi.«

»Wenn wir am Mittag aufbrechen, bis wann sind wir in Fetnassa?«

»Vor Anbruch des Morgens, wenn deine Tiere gut sind.«

»Du gehst auch während der Nacht über den Schott?«

»Wenn der Mond leuchtet, ja. Ist es aber dunkel, so übernachtet man auf dem Schott, und zwar da, wo das Salz so dick ist, daß es das Lager tragen kann.«

»Willst du uns führen?«

»Ja, Effendi.«

»So laß uns zunächst den Schott besehen!«

»Du hast noch keinen Schott überschritten?«

»Nein.«

»So komm! Du sollst den Sumpf des Todes sehen, den Ort des Verderbens, das Meer des Schweigens, über welches ich dich hinwegführen werde mit sicherem Schritte.«

Wir verließen die Hütte und wandten uns nach Osten. Nachdem wir einen breiten, sumpfigen Rand überschritten hatten, gelangten wir an das eigentliche Ufer des Schott, dessen Wasser vor der Salzkruste, die es deckte, nicht zu sehen war. Ich stach mit meinem Messer hindurch und fand das Salz vierzehn Centimeter dick. Dabei war es so hart, daß es einen mittelstarken Mann zu tragen vermochte. Es wurde verhüllt von einer dünnen Lage von Flugsand, welcher an vielen Stellen weggeweht war, die dann in bläulich weißem Schimmer erglänzten.

Noch während ich mit dieser Untersuchung beschäftigt war, ertönte hinter uns eine Stimme:

»Salam aaleïkum, Friede sei mit euch!«

Ich wandte mich um. Vor uns stand ein schlanker, krummbeiniger Beduine, dem irgend eine Krankheit oder wohl auch ein Schuß die Nase weggenommen hatte.

»Aaleïkum!« antwortete Sadek. »Was tut mein Bruder Arfan Rakedihm hier am Schott? Er trägt die Reisekleider. Will er fremde Wanderer über die Sobha führen?«

»So ist es,« antwortete der Gefragte. »Zwei Männer sind es, die gleich kommen werden.«

»Wohin wollen sie?«

»Nach Fetnassa.«

Der Mann hieß Arfan Rakedihm und war also der andere Führer, von welchem Sadek gesprochen hatte. Er deutete jetzt auf mich und Halef und fragte:

»Wollen diese zwei Fremdlinge auch über den See?«

»Ja.«

»Wohin?«

»Auch nach Fetnassa.«

»Und du sollst sie führen?«

»Du errätst es.«

»Sie können gleich mit mir gehen; dann ersparst du dir die Mühe.«

»Es sind Freunde, die mir keine Mühe machen werden.«

»Ich weiß es: du bist geizig und gönnst mir nichts. Hast du mir nicht stets die reichsten Reisenden weggefangen?«

»Ich fange keinen weg; ich führe nur die Leute, welche freiwillig zu mir kommen.«

»Warum ist Omar, dein Sohn, Führer nach Seftimi geworden? Ihr nehmt mir mit Gewalt das Brot hinweg, damit ich verhungern soll; Allah aber wird euch strafen und eure Schritte so lenken, daß euch der Schott verschlingen wird.«

Es mochte sein, daß die Konkurrenz hier eine Feindschaft entwickelt hatte, aber dieser Mann besaß überhaupt keine guten Augen, und so viel war sicher, daß ich mich ihm nicht gern anvertraut hätte. Er wandte sich von uns und schritt am Ufer hin, wo in einiger Entfernung zwei Reiter erschienen, welche er führen sollte. Es waren die beiden Männer, welche wir in der Wüste getroffen, und dann verfolgt hatten.

»Sihdi,« rief Halef. »Kennst du sie?«

»Ich kenne sie.«

»Wollen wir sie ruhig ziehen lassen?«

Er hob bereits das Gewehr zum Schusse empor. Ich hinderte ihn daran.

»Laß! Sie werden uns nicht entgehen.«

»Wer sind die Männer?« fragte unser Führer.

»Mörder,« antwortete Halef.

»Haben sie jemand aus deiner Familie oder aus deinem Stamme getötet?«

»Nein.«

»Hast du über Blut mit ihnen zu richten?«

»Nein.«

»So laß sie ruhig ziehen! Es taugt nicht, sich in fremde Händel zu mischen.«

Der Mann sprach wie ein echter Beduine. Er hielt es nicht einmal für nötig, die Männer, welche ihm als Mörder geschildert worden waren, mit einem Blick zu betrachten. Auch sie hatten uns bemerkt und erkannt. Ich sah, wie sie sich beeilten, auf die Salzdecke zu kommen. Als dies geschehen war, hörten wir ein verächtliches Lachen, mit welchem sie uns den Rücken kehrten.

Wir gingen in die Hütte zurück, ruhten noch bis Mittag aus, versahen uns dann mit dem nötigen Proviante und traten die gefährliche Wanderung an.

Ich habe auf fremden, unbekannten Strömen zur Winterszeit mit Schneeschuhen meilenweite Strecken zurückgelegt und mußte jeden Augenblick gewärtig sein, einzubrechen, habe aber dabei niemals die Empfindung wahrgenommen, welche mich beschlich, als ich jetzt den heimtückischen Schott betrat. Es war nicht etwa Furcht oder Angst, sondern es mochte ungefähr das Gefühl eines Seiltänzers sein, der nicht genau weiß, ob das Tau, welches ihn trägt, auch gehörig befestigt worden ist. Statt des Eises eine Salzdecke – das war mir mehr als neu. Der eigentümliche Klang, die Farbe, die Kristallisation dieser Kruste – das alles erschien mir zu fremd, als daß ich mich hätte sicher fühlen können. Ich prüfte bei jedem Schritte und suchte nach sicheren Merkmalen für die Festigkeit unseres Fußbodens. Stellenweise war derselbe so hart und glatt, daß man hätte Schlittschuhe benutzen können, dann aber hatte er wieder das schmutzige, lockere Gefüge von niedergetautem Schnee und vermochte nicht, die geringste Last zu tragen.

Erst nachdem ich mich über das so Ungewohnte einigermaßen orientiert hatte, stieg ich zu Pferde, um mich nächst dem Führer auch zugleich auf den Instinkt meines Tieres zu verlassen. Der kleine Hengst schien gar nicht zum erstenmale einen solchen Weg zu machen. Er trabte, wo Sicherheit vorhanden war, höchst wohlgemut darauf los und zeigte dann, wenn sein Vertrauen erschüttert war, eine ganz vorzügliche Liebhaberei für die besten Stellen des oft kaum fußbreiten Pfades. Er legte dann die Ohren vor oder hinter, beschnupperte den Boden, schnaubte zweifelnd oder überlegend und trieb die Vorsicht einigemale so weit, eine zweifelhafte Stelle erst durch einige Schläge mit dem Vorderhufe zu prüfen.

Der Führer schritt voran; ich folgte ihm, und hinter mir ritt Halef. Der Weg nahm unsere Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß nur wenig gesprochen wurde. So waren wir bereits über drei Stunden unterwegs, als sich Sadek zu mir wandte:

»Nimm dich in acht, Sihdi! Jetzt kommt die schlimmste Stelle des ganzen Weges.«

»Warum schlimm?«

»Der Pfad geht oft durch hohes Wasser und ist dabei auf eine lange Strecke so schmal, daß man ihn mit zwei Händen bedecken kann.«

»Bleibt der Boden stark genug?«

»Ich weiß es nicht genau; die Stärke unterliegt oft großen Veränderungen.«

»So werde ich absteigen, um die Last zu halbieren.«

»Sihdi, tue es nicht. Dein Pferd geht sicherer als du.«

Hier war der Führer Herr und Meister; ich gehorchte ihm also und blieb sitzen. Doch noch heute denke ich mit Schaudern an die zehn Minuten, welche nun folgten; zehn Minuten nur, aber unter solchen Verhältnissen sind sie eine Ewigkeit.

Wir hatten ein Terrain erreicht, auf welchem Tal und Hügel wechselte. Die wellenförmigen Erhebungen bestanden zwar aus hartem, haltbarem Salze, die Talmulden aber aus einer zähen, breiartigen Masse, in welcher sich nur einzelne schmale Punkte befanden, auf denen Mensch und Tier nur unter höchster Aufmerksamkeit und mit der größten Gefahr zu fußen vermochten. Und dabei ging mir, trotzdem ich auf dem Pferde saß, das grüne Wasser oft bis an die Oberschenkel heran, so daß die Stellen, auf denen man fußen konnte, erst unter der Flut gesucht werden mußten. Dabei war das allerschlimmste, daß der Führer und dann wieder auch die Tiere diese Stellen erst suchen und dann probieren mußten, ehe sie sich mit dem ganzen Gewichte darauf wagen konnten, und doch war dieser Halt so gering, so trügerisch und verräterisch, daß man keinen Augenblick zu lange darauf verweilen durfte, wenn man nicht versinken wollte – es war fürchterlich.

Jetzt kamen wir an eine Stelle, welche uns auf wohl zwanzig Meter Länge kaum einen zehn Zoll breiten, halbwegs zuverlässigen Pfad bot.

»Sihdi, aufgepaßt! Wir stehen mitten im Tode,« rief der Führer.

Er wandte sich während des Forttastens mit dem Gesichte nach Morgen und betete mit lauter Stimme die heilige Fatcha:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes. Lob und Preis sei Gott, dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gerichtes. Dir wollen wir dienen und zu dir wollen wir flehen, auf daß du uns führest den rechten Weg, den Weg derer, die deiner Gnade sich freuen und nicht den Weg derer, über welche – – – »

Halef war hinter mir in das Gebet eingefallen; plötzlich aber verstummten beide zu gleicher Zeit; – zwischen den zwei nächsten Wellenhügeln hervor fiel ein Schuß. Der Führer warf beide Arme empor, stieß einen unartikulierten Schrei aus, trat fehl und war im nächsten Augenblick unter der Salzdecke verschwunden, die sich sofort wieder über ihm schloß.

In solchen Augenblicken erhält der menschliche Geist eine Spannkraft, welche ihm eine ganze Reihe von Gedanken und Schlüssen, zu denen sonst Viertelstunden oder gar Stunden gehören, mit der Schnelligkeit des Blitzes und tagesheller Deutlichkeit zum Bewußtsein bringt. Noch war der Schuß nicht verhallt und der Führer nicht ganz versunken, so wußte ich bereits alles. Die beiden Mörder wollten ihre Ankläger verderben; sie hatten ihren Führer um so leichter gewonnen, als derselbe auf den unserigen eifersüchtig war. Sie brauchten uns gar kein Leid zu tun; wenn sie unsern Führer töteten, waren wir unbedingt verloren. Sie lauerten also hier bei der gefährlichsten Stelle des ganzen Weges und schossen Sadek nieder. Nun brauchten sie nur zuzusehen, wie wir versanken.

Daß Sadek von der Kugel in den Kopf getroffen war, merkte ich trotz der Schnelligkeit, mit der alles geschah. Hatte die durchfahrende Kugel auch mein Pferd gestreift, oder war es der Schreck über den Schuß? Der kleine Berberhengst zuckte heftig zusammen, verlor hinten den Halt und brach ein.

»Sihdi!« brüllte hinter mir Halef in unbeschreiblicher Angst.

Ich war verloren, wenn mich nicht eins rettete: noch während das Pferd im Versinken war und sich mit den Vorderhufen vergeblich anzuklammern suchte, stützte ich die beiden Hände auf den Sattelknopf, warf die Beine hinten in die Luft empor und schlug eine Volte über den Kopf des armen Pferdes hinweg, welches durch den hierbei ausgeübten Druck augenblicklich unter den Salzboden gedrückt wurde. In dem Augenblick, während dessen ich durch die Luft flog, hat Gott das inbrünstigste Gebet meines ganzen Lebens gehört. Nicht lange Worte und viele Minuten gehören zum Gebete; wenn man zwischen Leben und Tod hindurchfliegt, gibt es keine Worte und keine Zeit zu messen.

Ich bekam festen Boden; er wich aber augenblicklich unter mir; halb schon im Versinken, fußte ich wieder und raffte mich empor; ich sank und erhob mich, ich strauchelte, ich trat fehl, ich fand dennoch Grund; ich wurde hinabgerissen und kam dennoch vorwärts und ging dennoch nicht unter; ich hörte nichts mehr, ich fühlte nichts mehr, ich sah nichts mehr als nur die drei Männer dort an der Salzwelle, von denen zwei mit angeschlagenem Gewehre mich erwarteten.

Da, da endlich hatte ich festen Boden unter den Füßen, festen, breiten Boden, zwar auch nur Salz, aber es trug mich sicher. Zwei Schüsse krachten – Gott wollte, daß ich noch leben sollte; ich war gestolpert und niedergestürzt; die Kugeln pfiffen an mir vorüber. Ich trug mein Gewehr noch auf dem Rücken; es war ein Wunder, daß ich es nicht verloren hatte; aber ich dachte jetzt gar nicht an die Büchse, sondern warf mich gleich mit geballten Fäusten auf die Schurken. Sie erwarteten mich nicht einmal. Der Führer floh; der ältere der beiden wußte, daß er ohne Führer verloren sei, und folgte ihm augenblicklich; ich faßte nur den jüngeren. Er riß sich los und sprang davon; ich blieb hart hinter ihm. Ihm blendete die Angst und mir der Zorn die Augen; wir achteten nicht darauf, wohin unser Lauf führte – er stieß einen entsetzlichen, heiseren Schrei aus, und ich warf mich sofort zurück. Er verschwand unter dem salzigen Gischte, und ich stand kaum dreißig Zoll vor seinem heimtückischen Grabe.

Da ertönte hinter mir ein angstvoller Ruf.

»Sihdi, Hilfe, Hilfe!«

Ich wandte mich um. Grad an der Stelle, wo ich festen Fuß gefaßt hatte, kämpfte Halef um sein Leben. Er war zwar eingebrochen, hielt sich aber an der dort zum Glücke sehr starken Salzkruste noch fest. Ich sprang hinzu, riß die Büchse herab und hielt sie ihm entgegen, indem ich mich platt niederlegte.

»Fasse den Riemen!«

»Ich habe ihn, Sihdi! O, Allah illa Allah!«

»Wirf die Beine empor; ich kann nicht ganz hin zu dir. Halte aber fest!«

Er wandte seine letzte Kraft an, um seinen Körper in die Höhe zu schnellen; ich zog zu gleicher Zeit scharf an, und es gelang – er lag auf der sicheren Decke des Sumpfes. Kaum hatte er Atem geschöpft, so erhob er sich auf die Knie und betete die vierundsechzigste Sure:

»Alles, was im Himmel und auf Erden ist, preiset Gott; sein ist das Reich, und ihm gebührt das Lob, denn er ist aller Dinge mächtig!«

Er, der Muselmann, betete; ich aber, der Christ, ich konnte nicht beten, ich konnte keine Worte finden, wie ich aufrichtig gestehe. Hinter mir lag die fürchterliche Salzfläche so ruhig, so bewegungslos, so gleißend, und doch hatte sie unsere beiden Tiere, und doch hatte sie unseren Führer verschlungen, und vor uns sah ich den Mörder entkommen, der dies alles verschuldet hatte! Jede Faser zuckte in mir, und es dauerte eine geraume Weile, bis ich ruhig wurde.

»Sihdi, bist du verwundet?«

»Nein. Aber Mensch, auf welche Weise hast du dich gerettet?«

»Ich sprang vom Pferde, grad wie du, Effendi. Und weiter weiß ich nichts. Ich konnte erst dann wieder denken, als ich dort am Rande hing. Aber wir sind nun dennoch verloren.«

»Warum?«

»Wir haben keinen Führer. O, Sadek, Freund meiner Seele, dein Geist wird mir verzeihen, daß ich schuld an deinem Tode bin. Aber ich werde dich rächen, das schwöre ich dir beim Barte des Propheten; rächen werde ich dich, wenn ich nicht hier verderbe.«

»Du wirst nicht verderben, Halef.«

»Wir werden verderben; wir werden verhungern und verdursten.«

»Wir werden einen Führer haben.«

»Wen?«

»Omar, den Sohn Sadeks.«

»Wie soll er uns hier finden?«

»Hast du nicht gehört, daß er nach Seftimi gegangen ist und heute wieder zurückkehren wird?«

»Er wird uns dennoch nicht finden.«

»Er wird uns finden. Sagte nicht Sadek, daß der Weg nach Seftimi und nach Fetnassa auf zwei Dritteile ganz derselbe sei?«

»Effendi, du gibst mir neue Hoffnung und neues Leben. Ja, wir werden warten, bis Omar hier vorüberkommt.«

»Für ihn ist es ein Glück, wenn er uns findet. Er würde hier hinter uns untergehen, da der frühere Pfad versunken ist, ohne daß er es weiß.«

Wir lagerten uns neben einander am Boden nieder; die Sonne brannte so heiß, daß unsere Kleider in wenigen Minuten getrocknet und mit einer salzigen Kruste überzogen wurden, so weit sie naß gewesen waren.

Zweites Kapitel: Vor Gericht

Obgleich ich die Ueberzeugung hegte, daß der Sohn des ermordeten Führers kommen werde, konnte er doch statt über den See, um denselben herumgegangen sein. Wir warteten also mit großer, ja mit ängstlicher Spannung. Der Nachmittag verging; es waren nur noch zwei Stunden bis zum Abend; da ließ sich eine Gestalt erkennen, welche von Osten her langsam der Stelle nahte, an welcher wir uns befanden. Sie kam näher und näher und erblickte nun auch uns.

»Er ist es,« meinte Halef, legte die Hände wie ein Sprachrohr an den Mund und rief: »Omar Ben Sadek, eile herbei!«

Der Gerufene verdoppelte seine Schritte und stand bald vor uns. Er erkannte den Freund seines Vaters.

»Sei willkommen, Halef Omar!« grüßte er.

»Hadschi Halef Omar!« verbesserte Halef.

»Verzeihe mir! Die Freude, dich zu sehen, ist schuld an diesem Fehler. Du kamst nach Kris zum Vater?«

»Ja,« antwortete Halef.

»Wo ist er? Wenn du auf dem Schott bist, muß er in der Nähe sein.«

»Er ist in der Nähe,« antwortete Halef feierlich.

»Wo?«

»Omar Ibn Sadek, dem Gläubigen geziemt es, stark zu sein, wenn ihn das Kismet trifft.«

»Rede, Halef, rede! Es ist ein Unglück geschehen?«

»Ja.«

»Welches?«

»Allah hat deinen Vater zu seinen Vätern versammelt.«

Der Jüngling stand vor uns, keines Wortes mächtig. Sein Auge starrte den Sprecher entsetzt an, und sein Angesicht war furchtbar bleich geworden. Endlich gewann er die Sprache wieder, aber er benützte sie auf ganz andere Weise, als ich vermutet hatte.

»Wer ist dieser Sihdi?« fragte er.

»Es ist Kara Ben Nemsi, den ich zu deinem Vater brachte. Wir verfolgten zwei Mörder, welche über den Schott gingen. »

»Mein Vater sollte euch führen?«

»Ja; er führte uns. Die Mörder bestachen Arfan Rakedihm und stellten uns hier einen Hinterhalt. Sie schossen deinen Vater nieder; er und die Pferde versanken in dem Sumpfe, uns aber hat Allah gerettet.«

»Wo sind die Mörder?«

»Der eine starb im Salze, der andere aber ist mit dem Chabir14 nach Fetnassa.«

»So ist der Pfad hier verdorben?«

»Ja. Du kannst ihn nicht betreten.«

»Wo versank mein Vater?«

»Dort, dreißig Schritte von hier.«

Omar ging so weit vorwärts, als die Decke trug, starrte eine Weile vor sich nieder und wandte sich dann nach Osten:

»Allah, du Gott der Allmacht und Gerechtigkeit, höre mich! Muhammed, du Prophet des Allerhöchsten, höre mich! Ihr Kalifen und Märtyrer des Glaubens, hört mich! Ich, Omar Ben Sadek, werde nicht eher lachen, nicht eher meinen Bart beschneiden, nicht eher die Moschee besuchen, als bis die Dschehennah aufgenommen hat den Mörder meines Vaters! Ich schwöre es!«

Ich war tief erschüttert von diesem Schwure, durfte aber nichts dagegen sagen. Nun setzte er sich zu uns und bat mit beinahe unnatürlicher Ruhe:

»Erzählt!«

Halef folgte seinem Wunsche. Als er fertig war, erhob sich der Jüngling.

»Kommt!«

Nur das eine Wort sprach er; dann schritt er voran, wieder in der Richtung zurück, aus der er gekommen war.

Wir hatten bereits vorher die schwierigsten Stellen des Weges überwunden; es war keine große Gefahr mehr zu befürchten, trotzdem wir den ganzen Abend und die ganze Nacht hindurch marschierten. Am Morgen betraten wir das Ufer der Halbinsel Nifzaua und sahen Fetnassa vor uns liegen.

»Was nun?« fragte Halef.

»Folgt mir nur!« antwortete Omar.

Dies war das erste Wort, welches ich seit gestern von ihm hörte. Er schritt auf die dem Strande zunächst gelegene Hütte zu. Ein alter Mann saß vor derselben.

»Sallam aaleïkum!« grüßte Omar.

»Aaleïkum,« dankte der Alte.

»Du bist Abdullah el Hamis, der Salzverwieger?«

»Ja.«

»Hast du gesehen den Chabir Arfan Rakedihm aus Kris?«

»Er betrat bei Tagesanbruch mit einem fremden Manne das Land.«

»Was taten sie?«

»Der Chabir ruhte bei mir aus und ging dann nach Bir Rekeb, um von da nach Kris zurückzukehren. Der Fremde aber kaufte sich bei meinem Sohne ein Pferd und fragte nach dem Wege nach Kbilli.«

»Ich danke dir, Abu el Malah15!«

Er ging schweigend weiter und führte uns in eine Hütte, wo wir einige Datteln aßen und eine Schale Lagmi tranken. Dann ging es nach Beschni, Negua und Mansurah, wo wir auf unsere Erkundigungen überall in Erfahrung brachten, daß wir dem Gesuchten auf den Fersen seien. Von Mansurah ist es gar nicht weit bis zu der großen Oase Kbilli. Dort gab es damals noch einen türkischen Wekil16, welcher unter der Aufsicht des Regenten von Tunis den Nifzaua verwaltete. Hierzu waren ihm zehn Soldaten zur Verfügung gestellt worden.

Wir begaben uns zunächst in ein Kaffeehaus, wo Omar nicht lange Ruhe hatte. Er verließ uns, um Erkundigungen einzuziehen, und kehrte erst nach einer Stunde zurück.

»Ich habe ihn gesehen,« meldete er.

»Wo?« fragte ich.

»Beim Wekil.«

»Beim Statthalter?«

»Ja. Er ist sein Gast und trägt sehr prächtige Kleidung. Wenn ihr mit ihm reden wollt, so müßt ihr kommen, denn es ist jetzt die Zeit der Audienz.«

Mein Interesse war im höchsten Grade erregt. Ein steckbrieflich verfolgter Mörder war der Gast eines großherrlichen Statthalters!

Omar führte uns über einen freien Platz hinweg nach einem steinernen, niedrigen Hause, dessen Umfassungsmauern keine Spur von Fenstern zeigten. Vor der Tür desselben standen Nefers17, welche vor einem Onbaschi18 exerzierten, während der Saka19 zuschauend an der Tür lehnte. Wir wurden ohne Widerstand eingelassen und von einem Neger um unser Begehr befragt. Er führte uns in das Selamlük, einen kahlwändigen Raum, dessen einzige Ausstattung in einem alten Teppiche bestand, der in einer Ecke des Zimmers ausgebreitet war. Auf demselben saß ein Mann mit verschwommenen Gesichtszügen, welcher aus einer uralten persischen Hukah Tabak rauchte.

»Was wollt ihr?« fragte er.

Der Ton, in dem diese Frage ausgesprochen wurde, behagte mir nicht. Ich antwortete daher mit einer Gegenfrage:

»Wer bist du?«

Er sah mich in starrem Erstaunen an und antwortete:

»Der Wekil!«

»Wir wollen mit dem Gaste reden, welcher heut oder gestern bei dir angekommen ist.«

»Wer bist du?«

»Hier ist mein Paß.«

Ich gab ihm das Dokument in die Hand. Er warf einen Blick darauf, faltete es zusammen und steckte es in die Tasche seiner weiten Pumphosen.

»Wer ist dieser Mann?« fragte er dann weiter, indem er auf Halef deutete.

»Mein Diener.«

»Wie heißt er?«

»Er nennt sich Hadschi Halef Omar.«

»Wer ist der andere?«

»Er ist der Führer Omar Ben Sadek.«

»Und wer bist du selbst?«

»Du hast es ja gelesen!«

»Ich habe es nicht gelesen.«

»Es steht in meinem Passe.«

»Er ist mit den Zeichen der Ungläubigen geschrieben. Von wem hast du ihn?«

»Von dem französischen Gouvernement in Algier.«

»Das französische Gouvernement in Algier gilt hier nichts. Dein Paß hat den Wert eines leeren Papieres. Also, wer bist du?«

Ich beschloß, den Namen zu behalten, welchen mir Halef gegeben hatte.

»Ich heiße Kara Ben Nemsi.«

»Du bist ein Sohn der Nemsi? Ich kenne sie nicht. Wo wohnen sie?«

»Vom Westen der Türkei bis an die Länder der Fransezler und Engleterri.«

»Ist die Oase groß, in der sie leben, oder haben sie mehrere kleine Oasen?«

»Sie bewohnen eine einzige Oase, die aber so groß ist, daß fünfzig Millionen Menschen auf ihr wohnen.«

»Allah akbar, Gott ist groß! Es gibt Oasen, in denen es von Geschöpfen wimmelt. Hat diese Oase auch Bäche?«

»Sie hat fünfhundert Flüsse und Millionen Bäche. Viele von diesen Flüssen sind so groß, daß Schiffe auf ihnen fahren, die mehr Menschen fassen, als Basma oder Rahmath Einwohner hat.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Welch ein Unglück, wenn alle diese Schiffe in einer Stunde von den Flüssen verschlungen würden! An welchen Gott glauben die Nemsi?«

»Sie glauben an deinen Gott, aber sie nennen ihn nicht Allah sondern Vater.«

»So sind sie wohl nicht Sunniten, sondern Schiiten?«

»Sie sind Christen.«

»Allah iharkilik, Gott verbrenne dich! So bist du also auch ein Christ?«

»Ja.«

»Ein Giaur? Und du willst es wagen, mit dem Wekil von Kbilli zu reden! Ich werde dir die Bastonnade geben lassen, wenn du nicht sogleich dafür sorgest, daß du mir aus den Augen kommst!«

»Habe ich etwas getan, was gegen die Gesetze ist oder was dich beleidigt?«

»Ja. Ein Giaur darf sich niemals unterstehen, mir unter die Augen zu treten. Also wie heißt hier dieser dein Führer?«

»Omar Ben Sadek.«

»Gut! Omar Ben Sadek, wie lange dienst du diesem Nemsi?«

»Seit gestern.«

»Das ist nicht lange. Ich will also gnädig sein und dir nur zwanzig Hiebe auf die Fußsohle geben lassen.«

Zu mir gewendet, fuhr er fort:

»Und wie heißt dieser dein Diener hier?«

»Allah akbar, Gott ist groß, aber er hat leider dein Gedächtnis so klein gemacht, daß du dir nicht einmal zwei Namen merken kannst! Mein Diener heißt, wie ich dir bereits gesagt habe, Hadschi Halef Omar.«

»Du willst mich beschimpfen, Giaur? Ich werde nachher dein Urteil fällen! Also, Halef Omar, du bist ein Hadschi und dienst einem Ungläubigen? Das verdient doppelte Streiche. Wie lange Zeit bist du bereits bei ihm?«

»Fünf Wochen.«

»So wirst du sechzig Hiebe auf die Fußsohlen erhalten und darauf fünf Tage hungern und dürsten müssen! Und du, nun wieder; wie war dein Name?«

»Kara Ben Nemsi.«

»Gut, Kara Ben Nemsi, du hast drei große Verbrechen begangen.«

»Welche, Sihdi?«

»Ich bin kein Sihdi; du hast mich Dschenabin-iz oder Hazretin-iz, also Euer Gnaden oder Euer Hoheit zu nennen! Deine Verbrechen sind folgende: du hast erstens zwei Rechtgläubige verführt, dir zu dienen, macht fünfzehn Stockschläge; du hast zweitens es gewagt, mich in meinem Kef zu stören, macht wieder fünfzehn Stockschläge; du hast drittens an meinem Gedächtnisse gezweifelt, macht zwanzig Stockschläge; zusammen also fünfzig Hiebe auf die Fußsohle. Und da es mein Recht ist, für jeden Richterspruch das Wergi, die Abgabe, zu verlangen, so wird alles, was du besitzest und bei dir trägst, von jetzt an mir gehören; ich konfisziere es.«

»O, großer Dschenabin-iz, ich bewundere dich; deine Gerechtigkeit ist erhaben, deine Weisheit ganz erhaben, deine Gnade noch erhabener und deine Klugheit und Schlauheit am allererhabensten! Aber ich bitte dich, edler Bei von Kbilli, laß uns deinen Gast sehen, ehe wir die Streiche erhalten.«

»Was willst du von ihm?«

»Ich vermute, daß er ein Bekannter von mir ist, und möchte mich an seinem Anblick weiden.«

»Er ist kein Bekannter von dir. Denn er ist ein großer Krieger, ein edler Sohn des Sultans und ein strenger Anhänger des Kuran; er ist also nie der Bekannte eines Ungläubigen gewesen. Aber damit er sehe, wie der Wekil von Kbilli Verbrechen bestraft, werde ich ihn kommen lassen. Nicht du sollst dich an seinem Anblick weiden, sondern er soll sich an den Hieben ergötzen, welche ihr erhaltet. Er wußte, daß ihr kommen würdet.«

»Ah! Woher wußte er es?«

»Ihr seid vorhin an ihm vorübergegangen, ohne ihn zu sehen, und er hat euch sofort bei mir angezeigt. Wäret ihr nicht von selbst gekommen, so hätte ich euch holen lassen.«

»Er hat uns angezeigt? Weshalb?«

»Das werdet ihr noch hören. Ihr sollt dann eine zweite Strafe erhalten, die noch größer ist als diejenige, welche ich euch vorhin diktiert habe.«

Das war nun allerdings ein eigentümlicher, wunderlicher Verlauf, den unsere Audienz bei diesem Beamten nahm. Ein Wekil mit zehn Stück Soldaten in einer so vorgeschobenen, vergessenen Oase – er war jedenfalls einmal nichts anderes gewesen, als höchstens Tschausch oder Mülasim20, und man weiß ja, was man von einem türkischen Leutnant zu halten hat. Diese Subalternen sind oder waren nichts anderes, als die Stiefelputzer und Pfeifenstopfer der höheren Chargen. Man hatte den guten Mann nach Kbilli gesetzt, um ihm Gelegenheit zu geben, für sich selbst zu sorgen, und dann jedenfalls nie wieder an ihn gedacht, denn der Bei von Tunis hatte bereits alle türkischen Soldaten aus dem Lande gejagt, und die Beduinenstämme standen nur in der Weise unter dem Schutze des Großherrn, daß er ihren Häuptlingen jährlich die ausbedungenen Ehrenburnusse schickte, während sie sich ihm dadurch dankbar erwiesen, daß sie gar nicht mehr an ihn dachten. Der brave Wekil war also in Beziehung auf seinen Unterhalt auf Erpressung angewiesen, und da dies den Eingebornen gegenüber immer eine gefährliche Sache war, so mußte ihm ein Fremder wie ich ganz gelegen kommen. Er wußte nichts von Deutschland; er kannte nicht die Bedeutung der Konsulate; er wohnte unter räuberischen Nomaden, glaubte mich schutzlos und nahm also an, ungestraft tun zu können, was ihm beliebte.

Allerdings hatte es seine Richtigkeit, daß ich nur auf mich selbst angewiesen war, aber es fiel mir doch nicht ein, mich vor »Seiner Hoheit« zu fürchten, vielmehr machte es mir Spaß, daß er uns in so genialer Unverfrorenheit mit der Bastonnade beglücken wollte. Zugleich war ich neugierig, ob sein Gastfreund wirklich der von uns gesuchte sei. Omar konnte sich ja geirrt haben, was mir allerdings nicht wahrscheinlich erschien, wenn ich in Betracht zog, daß dieser Gastfreund uns angezeigt hatte. Welches Verbrechens er uns bezüchtigt hatte, ahnte ich. Jedenfalls war er ein früherer Bekannter des Wekil und benutzte dies, uns auf irgend eine Weise unschädlich zu machen.

Der Statthalter klatschte in die Hände, und sogleich erschien ein schwarzer Diener, der sich vor ihm, wie vor dem Sultan, auf die Erde warf. Der Wekil flüsterte ihm einige Worte zu, worauf er sich entfernte. Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür, und die zehn Soldaten mit ihrem Onbaschi traten ein. Sie boten einen kläglichen Anblick in ihren aus allen möglichen Fetzen zusammengesetzten Kleidern, die nicht im mindesten einer militärischen Uniform glichen; die meisten von ihnen waren barfuß, und alle trugen Gewehre, mit denen man alles eher tun konnte, als schießen. Sie warfen sich kunterbunt durcheinander vor dem Wekil nieder, der sie zunächst mit einem möglichst martialischen Blick musterte und dann seinen Befehl aussprach:

»Kalkyn – steht auf!«

Sie erhoben sich, und der Onbaschi riß seinen mächtigen Sarras aus der Scheide.

»Kylyn syraji – bildet die Reihe!« brüllte er mit einer Stentorstimme.

Sie stellten sich nebeneinander und hielten die Flinten nach Belieben in den braunen Händen.

»Has – dur – das Gewehr über!« kommandierte er nun.

Die Flinten flogen empor, stießen gegeneinander, gegen die Mauer oder gegen die Köpfe der stattlichen Helden, kamen aber doch nach einiger Zeit glücklich auf die Achseln ihrer Besitzer zu liegen.

»Isalam – dur – präsentiert das Gewehr!«

Wieder bildeten die Flinten einen wirren Knäuel, bei dessen Unentwirrbarkeit es kein Wunder war, daß die eine ihren Lauf verlor. Der Soldat bückte sich gemächlich nieder, hob ihn in die Höhe, betrachtete ihn von allen Seiten, hielt ihn dann gegen das Licht, um hindurchzugucken und sich zu überzeugen, daß das Loch, aus dem geschossen wird, noch vorhanden sei, zog dann eine Palmenfaserschnur aus der Tasche und band den desertierten Lauf behutsam auf dem Orte fest, wo er hingehörte, nämlich an den Schaft. Dann endlich brachte er die restaurierte Waffe mit höchst befriedigter Miene in diejenige Lage, welche mit dem letzten Kommandoworte vorgeschrieben war.

»Sessiz, söjle-me-niz – steht still und schwatzt nicht!«

Bei diesem Rufe drückten sie die Lippen mit sichtlicher Kraft und Energie zusammen und ließen durch ein sehr ernsthaftes Augenzwinkern erkennen, daß es ihr unumstößlicher Wille sei, keinen Laut von sich zu geben. Sie merkten, daß sie geholt worden seien, drei Verbrecher zu bewachen, und da galt es also, uns zu imponieren.

Ich mußte mir wirklich Mühe geben, bei diesem sonderbaren Exerzitium ernsthaft zu bleiben, und wie ich deutlich bemerkte, hatte meine heitere Laune zugleich den Erfolg, den Mut meiner beiden Begleiter zu befestigen.

Und wieder öffnete sich die Tür. Der Erwartete trat ein. Er war es.

Ohne uns eines Blickes zu würdigen, ging er zum Teppich, ließ sich an der Seite des Wekil nieder und nahm die Pfeife aus der Hand des Schwarzen, der mit ihm eingetreten war und sie ihm anbrannte. Dann erst erhob er das Auge und musterte uns mit einer Verachtung, die gar nicht größer gedacht werden konnte.

Jetzt nahm der Statthalter das Wort, indem er mich fragte:

»Dieser Mann ist es, den ihr sehen wolltet. Ist er ein Bekannter von dir?«

»Ja.«

»Du hast recht gesprochen; er ist ein Bekannter von dir, das heißt, du kennst ihn. Aber dein Freund ist er nicht.«

»Ich würde mich auch für seine Freundschaft sehr bedanken. Wie nennt er sich?«

»Er heißt Abu en Nassr.«

»Das ist nicht wahr! Sein Name ist Hamd el Amasat.«

»Giaur, wage es nicht, mich der Lüge zu zeihen, sonst erhältst du zwanzig Hiebe mehr! Allerdings heißt mein Freund Hamd el Amasat; aber wisse, du Hund von einem Ungläubigen, als ich noch als Miralai in Stambul stand, wurde ich einst des Nachts von griechischen Banditen angefallen; da kam Hamd el Amasat dazu, sprach mit ihnen und rettete mir das Leben. Seit jener Nacht heißt er Abu en Nassr, der Vater des Sieges, denn niemand kann ihm widerstehen, nicht einmal ein griechischer Bandit.«

Ich konnte mich nicht enthalten, lachend den Kopf zu schütteln, und fragte:

»Du willst in Stambul Miralai, also Oberst gewesen sein? Bei welcher Truppe?«

»Bei der Garde, du Sohn eines Schakals.«

Ich trat einen Schritt näher zu ihm heran und erhob die Rechte.

»Wage es noch einmal, mich zu schimpfen, so gebe ich dir eine Ssille, das heißt, eine solche Ohrfeige, daß du morgen deine Nase für ein Minaret ansehen sollst! Du wärst mir der Kerl, ein Oberst gewesen zu sein! So etwas darfst du wohl hier deinen Oasenhelden weismachen, nicht aber mir; verstanden!«

Er erhob sich mit ungewöhnlicher Schnelligkeit. Das war ihm noch nie vorgekommen; das ging ihm über alle seine Begriffe; er starrte mich an, als ob ich ein Gespenst sei, und stotterte dann, ich weiß nicht, ob vor Wut oder vor Verlegenheit:

»Mensch, ich hätte sogar Liwa-Pascha werden können, also General-Major, wenn mir die Stelle hier in Kbilli nicht lieber gewesen wäre!«

»Ja, du bist ein wahrer Ausbund von Mut und Tapferkeit. Du hast mit Banditen gekämpft, welche dein Freund mit bloßen Worten besiegte, hörst du es? Er ist also jedenfalls ein sehr guter Bekannter von ihnen gewesen oder gar ein Mitglied ihrer Sippe. Er hat in Algier einen Raubmord begangen; er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; er hat auf dem Schott Dscherid meinen Führer, den Vater dieses Jünglings, erschossen, weil er mich verderben wollte; er ist von mir verfolgt worden bis nach Kbilli, und ich finde diesen Menschen wieder als den Freund eines Mannes, der ein Oberst im Dienste des Großherrn gewesen zu sein behauptet. Ich klage ihn des Mordes bei dir an und verlange, daß du ihn gefangen nimmst!«

Jetzt erhob sich auch Abu en Nassr. Er rief:

»Dieser Mensch ist ein Giaur. Er hat Wein getrunken und weiß nicht, was er redet. Er mag seinen Rausch verschlafen und sich dann verantworten.«

Das war mir denn doch zu viel. Im Nu hatte ich ihn gepackt; hob ihn empor und warf ihn zu Boden. Er sprang auf und zog sein Messer.

»Hund, du hast dich an einem Gläubigen vergriffen; du mußt jetzt sterben!«

Mit diesen Worten warf er sich mit aller Gewalt auf mich. Ich aber gab ihm einen so wohlgezielten Faustschlag, daß er niederstürzte und regungslos liegen blieb.

»Faßt ihn!« gebot der Wekil seinen Soldaten, indem er auf mich zeigte.

Ich erwartete, daß sie mich sofort packen würden, sah aber zu meiner Verwunderung, daß es ganz anders kam. Der Unteroffizier nämlich trat vor die Fronte der Seinigen und kommandierte:

»Komyn silahlari – legt die Gewehre weg!«

Alle bückten sich zugleich, legten ihre Flinten auf den Boden und kehrten dann in ihre vorige Haltung zurück.

»Döndürmek sagha – rechts umgedreht!«

Sie machten halbe Wendung rechts und standen nun in einer Reihe hinter einander.

»Gityn erkek tschewresinde, koschyn-iz – nehmt den Mann in die Mitte, marsch!«

Wie auf dem Exerzierplatze erhoben sie den linken Fuß; der Flügelmann markierte »sol – sagha, sol – sagha – links – rechts, links – rechts!« sie marschierten um mich herum und blieben, als der Kreis gebildet war, auf das Kommando des Unteroffiziers stehen.

»Onu tutmyn – ergreift ihn!«

Zwanzig Hände mit gerade hundert braunen, schmutzigen Fingern streckten sich von hinten und vorn, von rechts und links nach mir aus und faßten mich am Burnus. Die Sache war zu komisch, als daß ich eine Bewegung zu meiner Befreiung hätte machen mögen.

»Dschenabin-iz, bizim – war herifu – Hoheit, wir haben den Kerl!« meldete der Oberstkommandierende der tapfern Truppe.

»Brakyn-jok onu tekrar azad – laßt ihn nicht wieder frei!« gebot der Statthalter mit strenger Miene.

Die hundert Finger krallten sich noch fester und tiefer in meinen Burnus als vorher, und gerade die steife, orientalische Würde, mit der das alles geschah, und die etwas urkomisch Marionettenhaftes hatte, war schuld, daß ich beinahe laut aufgelacht hätte.

Während dieses Vorganges hatte sich Abu en Nassr wieder erhoben. Seine Augen funkelten vor Wut und Rachgier, als er zum Wekil sagte:

»Du wirst ihn erschießen lassen!«

»Ja, er soll erschossen werden; vorher aber werde ich ihn verhören, denn ich bin ein gerechter Richter und mag niemand ungehört verurteilen. Bring deine Anklage vor!«

»Dieser Giaur,« begann der Mörder, »ging mit einem Führer und seinem Diener über den Schott; er traf auf uns und stürzte meinen Gefährten in die Fluten, so daß dieser elend ertrinken mußte.«

»Warum tat er dies?«

»Aus Rache.«

»Wofür wollte er sich rächen?«

»Er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; wir kamen dazu und wollten ihn festnehmen, er aber entwischte uns.«

»Kannst du deine Worte beschwören?«

»Beim Barte des Propheten!«

»Das ist genug! – Hast du diese Worte vernommen?« fragte er mich dann.

»Ja.«

»Was sagst du dazu?«

»Daß er ein Schurke ist. Er war der Mörder und hat in seiner Anklage die Personen geradezu verwechselt.«

»Er hat geschworen, und du bist ein Giaur. Ich glaube nicht dir, sondern ihm.«

»Frage meinen Diener! Er ist mein Zeuge.«

»Er dient einem Ungläubigen; seine Worte gelten nichts. Ich werde den großen Rat der Oase einberufen lassen, der meine Worte hören und über dich entscheiden wird.«

»Du willst mir nicht glauben, weil ich ein Christ bin, und schenkst dennoch einem Giaur dein Vertrauen. Dieser Mensch ist ein Armenier und also kein Moslem, sondern ein Christ.«

»Er hat beim Propheten geschworen.«

»Das ist eine Niederträchtigkeit und eine Sünde, für die ihn Gott bestrafen wird. Wenn du mich nicht hören willst, so werde ich ihn beim Rate der Oase verklagen.«

»Ein Giaur kann keinen Gläubigen verklagen, und der Rat der Oase könnte ihm nicht das Geringste tun, denn mein Freund besitzt ein Bu-Djeruldu und ist also ein Giölgeda padischahnün, einer, der im Schatten des Großherrn steht.«

»Und ich bin ein Giölgeda senin kyralün, einer, der im Schatten seines Königs wandelt. Auch ich habe ein Bu-Djeruldu; du hast es in deiner Tasche.«

»Es ist in der Sprache der Giaurs geschrieben; ich würde mich verunreinigen, wenn ich es läse. Deine Sache wird noch heute untersucht werden; zunächst aber erhaltet ihr die Bastonnade: du fünfzig, dein Diener sechzig und dein Führer zwanzig Hiebe auf die Fußsohle. Führt sie hinab in den Hof; ich werde nachkommen!«

»Alykomün elleri – nehmt die Hände zurück!« gebot sofort der Unteroffizier.

Die hundert Finger ließen augenblicklich von mir ab.

»Alyn-iz tüfenkleri – hebt die Flinten auf!«

Die Helden stürzten auf ihre Gewehre zu und nahmen sie wieder an sich.

»Wirmyn hep – ütsch – umschließt alle drei!«

Im Nu hatten sie mich, Halef und Omar umringt. Wir wurden hinaus in den Hof geführt, in dessen Mitte sich ein bankartiger Block befand. Seine Beschaffenheit deutete darauf hin, daß er zur Aufnahme derjenigen bestimmt sei, welche die Bastonnade erhalten sollten.

Weil ich selbst mich ruhig gefügt hatte, waren auch meine beiden Gefährten ohne allen Widerstand gefolgt, aber ich sah es in ihren Augen, daß sie nur auf mein Beispiel warteten, um der Posse ein Ende zu machen.

Als wir eine Weile vor dem Blocke gehalten hatten, erschien der Wekil mit Abu en Nassr. Der Schwarze trug den Teppich vor ihnen her, breitete ihn auf dem Boden aus und reichte, als sie sich gesetzt hatten, ihnen Feuer für ihre ausgegangenen Pfeifen. Jetzt deutete der Wekil auf mich.

»Wermyn ona elli – gebt ihm Fünfzig!«

Jetzt war es Zeit.

»Hast du mein Bu-Djeruldu noch in der Tasche?« fragte ich ihn.

»Ja.«

»Gib es mir!«

»Du wirst es niemals zurückerhalten!«

»Warum?«

»Daß sich kein Gläubiger daran verunreinigen kann.«

»Du willst mich wirklich schlagen lassen?«

»Ja.«

»So werde ich dir zeigen, wie es ein Nemsi macht, wenn er gezwungen ist, sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen!«

Der kleine Hof war an drei Seiten von einer hohen Mauer und an der vierten von dem Gebäude umschlossen; es gab keinen andern Ausgang als denjenigen, durch welchen wir eingetreten waren. Zuschauer gab es nicht; wir waren also drei gegen dreizehn. Die Waffen hatte man uns gelassen, so erforderte es der ritterliche Gebrauch der Wüste; der Wekil war völlig unschädlich, ebenso auch seine Soldaten, und nur Abu en Nassr konnte gefährlich werden. Ich mußte ihn vor allen Dingen kampfunfähig machen.

»Hast du eine Schnur?« fragte ich Omar leise.

»Ja; meine Burnusschnur.«

»Mache sie los!« Und gegen Halef fügte ich hinzu: »Du springst zum Ausgang und lässest keinen Menschen durch!«

»Verschaffe sie dir!« hatte indessen der Wekil geantwortet.

»Sogleich!«

Mit diesen Worten sprang ich ganz plötzlich zwischen den Soldaten hindurch und auf Abu en Nassr zu, riß ihm die Arme auf den Rücken und drückte ihm das Knie so fest auf den Nacken, daß er sich in seiner sitzenden Stellung nicht zu rühren vermochte.

»Binde ihn!« gebot ich Omar.

Dieser Befehl war eigentlich überflüssig, denn Omar hatte mich sofort begriffen und war bereits dabei, seine Schnur um die Arme des Armeniers zu schlingen. Ehe nur eine Bewegung gegen uns geschehen konnte, war er gefesselt. Mein plötzlicher Angriff hatte den Wekil und seine Leibwache so perplex gemacht, daß sie mich ganz konsterniert anstaunten. Ich zog jetzt mit der Rechten mein Messer und faßte ihn mit der Linken am Genick. Er streckte vor Entsetzen Arme und Beine von sich, als ob er bereits vollständig tot sei; desto mehr Leben aber kam in die Soldaten.

»Hatschyn, aramin imdadi – reißt aus, bringt Hilfe!« brüllte der Onbaschi, der zuerst die Sprache wiedergefunden hatte.

Sein Säbel wäre ihm hinderlich geworden, er warf ihn weg und rannte dem Ausgange zu; die andern folgten ihm. Dort aber stand bereits der wackere Halef mit schußfertigem Gewehre.

»Geri; durar-siz bunda – zurück! Ihr bleibt hier!« rief er ihnen entgegen.

Sie stutzten, wandten sich um und sprangen nach allen vier Richtungen auseinander, um Schutz in den Mauerecken zu suchen.

Auch Omar hatte sein Messer gezogen und stand mit finsterem Blick bereit, es Abu en Nassr in das Herz zu stoßen.

»Bist du tot?« fragte ich den Wekil.

»Nein, aber du wirst mich töten?«

»Das kommt auf dich an, du Inbegriff aller Gerechtigkeit und Tapferkeit. Aber ich sage dir, daß dein Leben an einem dünnen Haare hängt.«

»Was verlangst du von mir, Sihdi?«

Noch ehe ich antwortete, erscholl der angstvolle Ruf einer Weiberstimme. Ich blickte auf und bemerkte eine kleine dicke, weibliche Gestalt, welche vom Eingange her mit möglichster Anstrengung auf uns zuge–kugelt kam.

»Tut – halt!« rief sie mir kreischend zu. »Oeldirme onu; dir benim kodscha – töte ihn nicht; er ist mein Mann!«

Also diese dicke, runde Madame, welche unter ihrer dichten Kleiderhülle mit wahrhaft schwimmähnlichen Bewegungen auf mich zusteuerte, war die gnädige Frau Statthalterin. Jedenfalls hatte sie von dem mit einem Holzgitter versehenen Frauengemache aus der interessanten Exekution zusehen wollen und zu ihrem Entsetzen bemerken müssen, daß dieselbe jetzt an ihrem Ehegatten vollzogen werden solle. Ich fragte ihr ruhig entgegen:

»Wer bist du?«

»Im kary wekilün, ich bin das Weib des Wekil,« antwortete sie.

»Ewet, dir benim awret, gül Kbillinün – ja, sie ist mein Weib, die Rose von Kbilli,« bestätigte ächzend der Statthalter.

»Wie heißt sie?«

»Demar-im Mersinah – ich heiße Mersinah,« berichtete sie.

»He, demar Mersinah – ja, sie heißt Mersinah,« ertönte das Echo aus dem Munde des Wekil.

Also sie war die »Rose von Kbilli« und hieß Mersinah, d.i. Myrte. Einem so zarten Wesen gegenüber mußte ich nachgiebig sein.

»Wenn du mir die Morgenröte deines Antlitzes zeigst, o Blume der Oase, so werde ich meine Hand von ihm nehmen,« sagte ich.

Sofort flog der Jaschmak, der Schleier, von ihrem Angesichte. Sie hatte lange Zeit unter den Arabern gelebt, deren Frauen unverhüllt gehen, und war also weniger zurückhaltend geworden, als unter andern Verhältnissen die Türkinnen sein müssen. Uebrigens handelte es sich hier, wie sie dachte, um das kostbare Leben ihres Eheherrn.

Ich blickte in ein farbloses, mattes, verschwommenes Frauenangesicht, welches so fett war, daß man die Augen kaum und das Stumpfnäschen beinahe gar nicht unterscheiden konnte. Madame Wekil war vielleicht vierzig Jahre alt, hatte aber die Folgen dieses Alters durch hochgemalte, schwarze Augenbrauen und rot angestrichene Lippen zu paralysieren gesucht. Zwei schwarze, mittels einer Kohle je auf der Mitte der Wange hervorgebrachte Punkte gaben ihr ein pittoreskes Aussehen, und als sie jetzt die Vorderarme aus der Hülle streckte, bemerkte ich, daß sie nicht bloß die Nägel, sondern auch die ganzen Hände mit Henna rot gefärbt hatte.

»Ich danke dir, du Sonne vom Dscherid!« schmeichelte ich. »Wenn du mir versprichst, daß der Wekil ruhig sitzen bleibt, soll ihm jetzt kein Leid geschehen.«

»Kaladschak-dir – er wird sitzen bleiben; ich verspreche es dir!«

»So mag er es deiner Lieblichkeit danken, daß ich ihn nicht zerdrücke wie eine Indschir, wie eine Feige, die in der Presse liegt, um getrocknet zu werden. Deine Stimme gleicht der Stimme der Flöte; dein Auge glänzt wie das Auge der Sonne; deine Gestalt ist wie die Gestalt von Scheherezade. Nur dir allein bringe ich das Opfer, daß ich ihn leben lasse!«

Ich nahm die Hand von ihm; er richtete sich auf, indem er erleichtert stöhnte, blieb aber gehorsam in seiner sitzenden Stellung. Sie betrachtete mich sehr aufmerksam vom Kopfe bis zu den Füßen herab und fragte dann mit freundlichem Tone:

»Wer bist du?«

»Ich bin ein Nemsi, ein Fremdling, dessen Heimat weit drüben über dem Meere liegt.«

»Sind eure Frauen schön?«

»Sie sind schön, aber sie gleichen doch nicht den Frauen am Schott El Kebihr.«

Sie nickte, befriedigt lächelnd, und ich sah es ihr an, daß ich Gnade vor ihren Augen gefunden hatte.

»Die Nemsi sind sehr kluge, sehr tapfere und sehr höfliche Leute, das habe ich schon oft gehört,« entschied sie. »Du bist uns willkommen! Doch warum hast du diesen Mann gebunden; warum fliehen unsere Soldaten vor dir, und warum wolltest du den mächtigen Statthalter töten?«

»Ich habe diesen Mann gebunden, weil er ein Mörder ist; deine Soldaten flohen vor mir, weil sie merkten, daß ich sie alle besiegen würde, und den Wekil habe ich gebunden, weil er mich schlagen und dann vielleicht sogar zum Tode verurteilen wollte, ohne mir Gerechtigkeit zu geben.«

»Du sollst Gerechtigkeit haben!«

Da wollte sich mir die Ueberzeugung aufdrängen, daß der Pantoffel im Oriente dieselbe zauberische Kraft besitzt, wie im Abendlande. Der Wekil sah seine Autorität bedroht und machte einen Versuch, sie wieder herzustellen:

»Ich bin ein gerechter Richter und werde – – —«

»Sus-olmar-sen – du wirst schweigen!« gebot sie ihm. »Du weißt, daß ich diesen Menschen kenne, der sich Abu en Nassr, Vater der Sieger, nennt; er sollte sich aber Abu el Jalani, Vater der Lügner, nennen. Er war schuld, daß man dich nach Algier schickte, grad als du Mülasim werden konntest; er war schuld, daß du dann nach Tunis kamst und hier in dieser Einsamkeit vergraben wurdest, und so oft er hier bei dir war, mußtest du etwas tun, was dir Schaden brachte. Ich hasse ihn, ich hasse ihn und habe nichts dagegen, daß dieser Fremdling hier ihn tötet. Er hat es verdient!«

»Er kann nicht getötet werden; er ist ein Giölgeda padischahnün!«

»Tut aghyzi, halte den Mund! Er ist ein Giölgeda padischanün, das heißt, er steht im Schatten des Padischah; dieser Fremdling aber ist ein Giölgeda wekilanün, das heißt, er steht im Schatten der Statthalterin, in meinem Schatten, hörst du? Und wer in meinem Schatten steht, den soll deine Hitze nicht verderben. Steh auf und folge mir!«

Er erhob sich; sie wandte sich zum Gehen, und er machte Miene, sich ihr anzuschließen. Das war natürlich ganz gegen meine Absicht.

»Halt!« gebot ich, indem ich ihn nochmals beim Genick faßte. »Du bleibst da!«

Da wandte sie sich um.

»Hast du nicht gesagt, daß du ihn freigeben willst?« fragte sie.

»Ja, doch nur unter der Bedingung, daß er an seinem Platze bleibt.«

»Er kann doch nicht in alle Ewigkeit hier sitzen bleiben!«

»Du hast recht, o Perle von Kbilli; aber er kann jedenfalls so lange hier bleiben, bis meine Angelegenheit erledigt ist.«

»Die ist bereits erledigt.«

»Inwiefern?«

»Habe ich dir nicht gesagt, daß du uns willkommen bist?«

»Das ist richtig.«

»Du bist also unser Gast und sollst mit den Deinen so lange bei uns wohnen, bis es dir gefällig ist, uns wieder zu verlassen.«

»Und Abu en Nassr, den du Abu el Jalani genannt hast?«

»Er bleibt dein, und du kannst mit ihm machen, was du willst.«

»Ist das wahr, Wekil?«

Er zögerte, eine Antwort zu geben, doch ein strenger Blick aus den Augen seiner Herrin zwang ihn, zu sprechen:

»Ja.«

»Du schwörst es mir?«

»Ich schwöre es.«

»Bei Allah und seinem Propheten!«

»Muß ich?« fragte er Madame, die Rose von Kbilli.

»Du mußt!« antwortete sie sehr entschieden.

»So schwöre ich es bei Allah und dem Propheten.«

»Nun darf er mit mir gehen?« fragte sie mich.

»Er darf,« antwortete ich.

»Du wirst nachkommen und mit uns einen Hammel mit Kuskussu speisen.«

»Hast du einen Ort, an dem ich Abu en Nassr sicher aufbewahren kann?«

»Nein. Binde ihn an den Stamm der Palme dort an der Mauer. Er wird dir nicht entfliehen, denn ich werde ihn durch unsere Truppen bewachen lassen.«

»Ich werde ihn selbst bewachen,« antwortete Omar an meiner Stelle. »Er wird mir nicht entfliehen, sondern mit seinem Tode das Leben meines Vaters bezahlen. Mein Messer wird so scharf sein, wie mein Auge.«

Der Mörder hatte von dem Augenblick seiner Fesselung an nicht das kleinste Wort gesprochen; aber sein Auge glühte tückisch und unheimlich auf uns, als er uns nach der Palme folgen mußte, an welcher wir ihn festbanden. Es lag wahrhaftig nicht in meiner Absicht, ihm das Leben zu nehmen; aber er war der Blutrache verfallen, und ich wußte, daß keine Bitte meinerseits Omar vermocht hätte, ihn zu begnadigen. Ed d‘em b‘ed d‘em, oder wie der Türke sagt, kan kanü ödemar, das Blut bezahlt das Blut. Am liebsten wäre es mir trotz allem gewesen, wenn es ihm gelingen konnte, ohne meine Mitwissenschaft zu entwischen; aber so lange ich mich auf seiner Fährte befunden hatte und so lange er sich in meiner Gewalt befand, mußte ich ihn als Feind und Mörder betrachten und also auch als solchen behandeln. Gewiß war es auf alle Fälle, daß er mich nicht schonen würde, falls ich das Unglück haben sollte, in seine Hand zu fallen.

Ich ließ ihn also in der Obhut Omars und begab mich mit Halef nach dem Selamlük. Unterwegs fragte mich der kleine Diener:

»Du sagtest, dieser Mensch sei kein Moslem. Ist dies wahr?«

»Ja. Er ist ein armenischer Christ und gibt sich da, wo er es für geboten hält, für einen Mohammedaner aus.«

»Und du hältst ihn für einen schlechten Menschen?«

»Für einen sehr schlechten.«

»Siehst du, Effendi, daß die Christen schlechte Menschen sind! Du mußt dich zum wahren Glauben bekennen, wenn du nicht in alle Ewigkeit in der Dschehenna braten willst!«

»Und du wirst selbst so lange darin braten!«

»Weshalb?«

»Hast du mir nicht erzählt, daß im Derk Asfal, in der siebenten und tiefsten Hölle, alle Lügner und Heuchler braten und die Teufelsköpfe vom Baume Zakum essen müssen?«

»Ja, aber was habe ich damit zu schaffen?«

»Du bist ein Lügner und Heuchler!«

»Ich, Sihdi? Meine Zunge redet die Wahrheit, und in meinem Herzen ist kein Falsch. Wer mich so nennt, wie du mich nanntest, den wird meine Kugel treffen!«

»Du lügst, Mekka gesehen zu haben, und heuchelst, ein Hadschi zu sein. Soll ich das dem Wekil erzählen?«

»Aman, aman, verzeihe! Das wirst du nicht tun an Hadschi Halef Omar, dem treuesten Diener, den du finden kannst!«

»Nein, ich werde es nicht tun; aber du kennst auch die Bedingung, unter welcher ich schweige.«

»Ich kenne sie und werde mich in acht nehmen, doch wirst du dennoch ein wahrer Gläubiger werden, du magst nun wollen oder nicht, Sihdi!«

Wir traten ein und wurden bereits von dem Wekil erwartet. Es war keineswegs die freundlichste Miene, mit welcher er mich empfing.

»Setze dich!« lud er mich ein.

Ich folgte seiner Aufforderung und nahm hart neben ihm Platz, während Halef sich mit den Pfeifen zu tun machte, welche man mittlerweile in einer Ecke des Raumes bereitgestellt hatte.

»Warum wolltest du das Angesicht meines Weibes sehen?« begann die Unterhaltung.

»Weil ich ein Franke bin, der gewohnt ist, stets das Angesicht dessen zu sehen, mit dem er spricht.«

»Ihr habt schlechte Sitten! Unsere Frauen verbergen sich, die eurigen aber lassen sich sehen. Unsere Frauen tragen Kleider, die oben lang und unten kurz sind; die eurigen aber haben Gewänder, welche oben kurz und unten lang, oft auch oben und unten zugleich kurz sind. Habt ihr jemals eine unserer Frauen bei euch gesehen? Eure Mädchen aber kommen zu uns, und weshalb? O jazik, o wehe!«

»Wekil, ist das die Gastfreundschaft, welche mir von euch geboten wurde? Seit wann ist es Sitte geworden, den Gastfreund mit einer Beleidigung zu empfangen? Ich brauche weder deinen Hammel noch dein Kuskussu und werde wieder hinuntergehen in den Hof. Folge mir!«

»Effendi, verzeihe mir! Ich wollte dir nur sagen, was ich dachte, aber ich wollte dich nicht beleidigen.«

»Wer nicht beleidigen will, darf nicht stets sagen, was er denkt. Ein schwatzhafter Mann gleicht einem zerbrochnen Topfe, den niemand brauchen kann, weil er nichts bewahrt.«

»Setze dich wieder nieder, und erzähle mir, wo du Abu en Nassr getroffen hast.«

Ich erstattete ihm ausführlichen Bericht von unserem Abenteuer. Er hörte schweigend zu und schüttelte sodann den Kopf.

»Du glaubst also, daß er den Kaufmann in Blidah ermordet hat?«

»Ja.«

»Du warst nicht dabei!«

»Ich schließe es.«

»Nur Allah darf schließen; er ist allwissend, und des Menschen Gedanke ist wie der Reiter, den ein ungehorsames Pferd dorthin trägt, wohin er nicht kommen wollte.«

»Nur Allah darf schließen, weil er allwissend ist? O Wekil, dein Geist ist müde von den vielen Hammeln mit Kuskussu, die du gegessen hast! Eben weil Allah allwissend ist, braucht er nicht zu schließen; wer schließt, der sucht ein Ergebnis seiner Folgerungen, ohne es vorher zu kennen.«

»Ich höre, daß du ein Taleb bist, ein Gelehrter, der viele Schulen besucht hat, denn du sprichst in Worten, die niemand verstehen kann. Und du glaubst auch, daß er den Mann im Wadi Tarfaui getötet hat?«

»Ja.«

»Warst du dabei?«

»Nein.«

»So hat es dir der Tote erzählt?«

»Wekil, die Hammel, welche du verzehrtest, hätten gewußt, daß ein Toter nicht mehr sprechen kann!«

»Effendi, jetzt sprichst du selbst eine Unhöflichkeit! Also du warst nicht dabei, und der Tote konnte es dir nicht sagen; woher also willst du wissen, daß er ein Mörder ist?«

»Ich schließe es.«

»Ich habe dir bereits gesagt, daß nur Allah schließen darf!«

»Ich habe seine Spur gesehen und verfolgt, und als ich ihn traf, hat er mir den Mord eingestanden.«

»Daß du seine Spur gefunden hast, ist kein Beweis, daß er ein Mörder ist, denn mit einer Spur hat noch niemand einen Menschen erschlagen. Und daß er dir den Mord eingestanden hat, das macht mich nicht irre; er ist ein Kusch-schakanün, ein Spaßvogel, dessen Absicht es war, sich einen Scherz zu machen.«

»Mit einem Morde spaßt man nicht!«

»Aber mit einem Menschen, und der warst du. Und du glaubst auch endlich, daß er den Führer Sadek erschossen hat?«

»Ja.«

»Du warst dabei?«

»Allerdings.«

»Und hast es gesehen?«

»Sehr deutlich. Auch Hadschi Halef Omar ist Zeuge.«

»Nun wohl, so hat er ihn erschossen; aber willst du wirklich deshalb sagen, daß er ein Mörder sei?«

»Natürlich!«

»Sihdi, Allah stärke deine Gedanken, denn du sollst gleich einsehen, daß der Mensch nicht schließen soll!«

»Nun?«

»Weil du Zeuge bist, daß er den Führer erschossen hat, schließest du, daß er ein Mörder sei?«

»Das versteht sich doch ganz von selbst.«

»Falsch! Wenn es nun eine Blutrache gewesen wäre. Gibt es in deinem Lande keine Blutrache?«

»Nein.«

»So sage ich dir, daß der Bluträcher niemals ein Mörder ist. Kein Richter verdammt ihn; nur diejenigen, zu denen der Tote gehörte, haben das Recht, ihn zu verfolgen.«

»Aber Sadek hat ihn nicht beleidigt!«

»So wird ihn der Stamm beleidigt haben, zu welchem Sadek gehörte.«

»Auch das ist nicht der Fall. Wekil, ich will dir sagen, daß ich meinerseits mit diesem Abu en Nassr, der eigentlich Hamd el Amasat heißt und schon vorher wohl auch noch einen armenischen Namen getragen hat, gar nichts zu schaffen haben mag, sobald er mich in Ruhe läßt. Aber er hat den Führer Sadek erschlagen, dessen Sohn Omar Ben Sadek ist, und dieser letztere hat also, wie du vorhin selbst erklärtest, ein Recht auf das Leben des Mörders. Mache es mit ihm ab, doch sorge auch dafür, daß mir dieser Vater der Sieger nicht wieder begegnet, sonst rechne ich mit ihm ab!«

»Sihdi, jetzt trieft deine Rede von Weisheit. Ich werde mit Omar sprechen, der ihn freigeben soll; du aber bist mein Gast, so lange es dir gefällt.«

Er erhob sich und schritt nach dem Hofe. Ich wußte voraus, daß alle seine Bemühungen bei Omar vergeblich sein würden. Wirklich kehrte er nach einer Zeit mit finsterer Miene zurück und blieb auch schweigsam, als der am Spieße gebratene Hammel aufgetragen wurde, den die lieblichen Hennafinger der »Rose von Kbilli« zubereitet hatten. Ich und Halef, wir langten wacker zu, und eben hatte mir der Wekil gesagt, daß Omar seine Mahlzeit hinaus in den Hof bekommen solle, da er nicht zu bewegen sei, von seinem Gefangenen fortzugehen, als draußen ein lauter Schrei erscholl. Ich horchte auf, und der Ruf wiederholte sich:

»Breh, Effendina, zu Hilfe!«

Dieser Ruf galt mir. Ich sprang auf und eilte hinaus. Omar lag an der Erde und balgte sich mit den Soldaten herum, der Gefangene aber war nicht zu sehen. Am andern Ausgange aber stand der Schwarze und grinste mir mit schadenfroher Miene entgegen:

»Fort, Sihdi – dort reiten!«

Drei Schritte brachten mich vor das Haus, und ich sah Abu en Nassr eben zwischen den Palmen verschwinden. Er ritt ein Eilkamel, welches einen ganz famosen Schritt zu haben schien. Ich erriet alles. Der Wekil war erfolglos im Hofe gewesen, aber er wollte Abu en Nassr retten; er hatte dem Schwarzen den Befehl gegeben, das Kamel bereit zu halten, und den Soldaten befohlen, Omar zu halten und den Gefangenen loszuschneiden. Die elf mutigen Helden hatten sich an diesen einen gewagt, und der Streich war gelungen.

Freilich hatten sie dieses Gelingen teuer bezahlt. Omar hatte sein Messer gebraucht, und als ich den Knäuel, den die Kämpfenden bildeten, auseinanderbrachte, sah ich, daß mehrere von ihnen bluteten.

»Er ist fort, Sihdi!« keuchte der junge Führer vor Wut und Anstrengung.

»Ich sah es.«

»Wohin?«

»Dorthin.«

Ich deutete mit der Hand die Himmelsrichtung an.

»Strafe du diese hier, Effendi, ich aber werde dem Entflohenen nachjagen.«

»Er saß auf einem Reitkamele.«

»Ich werde ihn dennoch ereilen.«

»Du hast kein Tier!«

»Sihdi, ich habe hier Freunde, welche mir ein edles Tier geben werden, und Datteln und Wasserschläuche. Ehe er am Horizonte verschwindet, werde ich auf seiner Spur sein. Du wirst auch die meinige finden, wenn du mir nachkommen willst.«

Er eilte von dannen.

Halef hatte alles gesehen und mir auch geholfen, Omar aus den Händen der Soldaten zu befreien. Er glühte vor Zorn.

»Warum habt ihr diesen Menschen befreit, ihr Hunde, ihr Abkömmlinge von Mäusen und Ratten – – —«

Er hätte sicherlich seine Strafpredigt fortgesetzt, wenn nicht die Wekila auf dem Platze erschienen wäre. Sie war wieder dicht verschleiert.

»Was ist geschehen?« fragte sie mich.

»Deine Truppen sind über meinen Führer hergefallen —«

»Ihr Schurken, ihr Buben!« rief sie, mit dem Fuße stampfend und die roten Fäuste durch die Hülle zwängend.

»Und haben den Gefangenen befreit – – —«

»Ihr Spitzbuben, ihr Betrüger!« fuhr sie fort, und es hatte allen Anschein, als ob sie sich an ihnen vergreifen werde.

»Auf Befehl des Wekil,« fügte ich hinzu.

»Des Wekil? – Der Wurm, der Ungehorsame, der Unnütze, der Trotzkopf! Meine Hand soll über ihn kommen, und zwar sogleich, in diesem Augenblick!«

Sie wandte sich um und ruderte in vollem Zorne nach dem Selamlük.

O du beglückende Pantoffelherrschaft, dein Zepter ist ganz dasselbe im Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen!

Halef machte ein sehr befriedigtes Gesicht und meinte:

»Sie ist der Wekil und er die Wekila, und wir stehen uns hier besser im Giölgeda wekilanün, im Schatten der Statthalterin, als wenn wir ein Bu-Djeruldu hätten und der Giölgeda padischahnün, der Schatten des Großherrn, uns beschützte. Hamdulillah, Preis sei Allah, daß ich nicht so glücklich bin, der Wekil dieser Statthalterin zu sein!«

Drittes Kapitel: Im Harem

Es war um die Zeit, in welcher die ägyptische Sonne ihre Strahlen mit der gesteigertsten Glut auf die Erde sendet und ein jeder, den nicht die Not hinaus unter den freien Himmel treibt, sich unter den Schutz seines Daches zurückzieht und nach der möglichsten Ruhe und Kühlung strebt.

Auch ich lag auf dem weichen Diwan meiner gemieteten Wohnung, schlürfte würzigen Mokka und schwelgte im Dufte des köstlichen Djebeli, welcher meiner Pfeife entströmte. Die starken, nach außen fensterlosen Mauern boten dem Sonnenbrande Einhalt, und die aufgestellten, porösen Tongefäße, durch deren Wände das Nilwasser verdunstete, machten die Atmosphäre so erträglich, daß ich von der während der Mittagszeit hier so gewöhnlichen Abspannung des Menschen wenig oder gar nichts bemerkte.

Da erhob sich draußen die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha.

Halef Agha? Ja, mein guter, kleiner Halef war ein Agha, ein Herr geworden, und wer hatte ihn dazu gemacht? Spaßhafte Frage! Wer denn sonst als er selbst!

Wir waren über Tripolis und Kufarah nach Aegypten gekommen, hatten Kairo besucht, welches der Aegypter schlechtweg el Masr, die Hauptstadt, oder noch lieber el Kahira, die Siegreiche, nennt, waren den Nil, so weit es mir meine beschränkten Mittel erlaubten, hinaufgefahren und hatten uns dann zum Ausruhen die Wohnung genommen, in welcher ich mich ganz wohl befunden hätte, wenn nicht mein sonst ganz prächtiger Diwan und alle Teppiche sehr dicht von jenen springfertigen, stechkundigen Geschöpfen heimgesucht worden wären, von welchen der alte, gute Fischart dichtete:

»Mich bizt neizwaz, waz mag daz sein?«

und von denen man außer dem großäugigen Pulex canis und dem rötlichen Pulex musculi noch den allbeliebten Pulex irritans und den wütenden Pulex penetrans kennen gelernt hat. Leider muß ich sagen, daß Aegypten nicht das Jagdgefilde des »irritans«, sondern des »penetrans«, also nicht des »reizenden« sondern des »durchdringenden« Pulex ist, und so brauche ich wohl nicht hinzuzufügen, daß mein Kef, meine Mittagsruhe, nicht ganz ohne alle Belästigung geblieben war.

Also draußen erhob sich die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha, die mich aus meinen Träumen weckte:

»Was? Wie? Wen?«

»Den Effendi,« antwortete es schüchtern.

»Den Effendi el kebihr, den großen Herrn und Meister willst du stören?«

»Ich muß ihn sprechen.«

»Was? Du mußt? Jetzt, in seinem Kef? Hat dir der Teufel – Allah beschütze mich vor ihm! – den Kopf mit Nilschlamm gefüllt, so daß du nicht begreifen kannst, was ein Effendi, ein Hekim, zu bedeuten hat, ein Mann, den der Prophet mit Weisheit speist, so daß er alles kann, sogar die Toten lebendig machen, wenn sie ihm nur sagen, woran sie gestorben sind!«

Ach, ja wohl, ich muß es eingestehen, daß mein Halef hier in Aegypten viel, viel anders geworden war! Er war jetzt außerordentlich stolz, unendlich grob und heillos aufschneiderisch geworden, und das will im Oriente viel sagen.

Im Morgenlande wird jeder Deutsche für einen großen Gärtner und jeder Ausländer für einen guten Schützen oder für einen großen Arzt gehalten. Nun war mir unglücklicherweise in Kairo eine alte, nur noch halb gefüllte homöopathische Apotheke von Willmar Schwabe in die Hand gekommen; ich hatte hier und da bei einem Fremden oder Bekannten fünf Körnchen von der dreißigsten Potenz versucht, dann während der Nilfahrt meinen Schiffern gegen alle möglichen eingebildeten Leiden eine Messerspitze Milchzucker gegeben und war mit ungeheurer Schnelligkeit in den Ruf eines Arztes gekommen, der mit dem Scheïtan im Bunde stehe, weil er mit drei Körnchen Durrhahirse Tote lebendig machen könne.

Dieser Ruf hatte in dem Kopfe meines Halef eine gelinde Art von Größenwahn erweckt, der ihn aber glücklicherweise nicht hinderte, mir der treueste und aufmerksamste Diener zu sein. Daß er am meisten beitrug, meinen Ruhm zu verbreiten, das versteht sich ganz von selbst, er war ganz und gar in das schmachvolle Laster des weiland Barons Münchhausen senior verfallen und versuchte nebenbei, durch eine Grobheit zu glänzen, welche klassisch zu werden drohte.

So hatte er sich, unter anderem, von seinem geringen Lohn eine Nilpferdpeitsche gekauft, ohne welche er gar nicht zu sehen war. Er kannte Aegypten von früher her und behauptete, daß ohne Peitsche da gar nicht auszukommen sei, weil sie größere Wunder tue als Höflichkeit und Geld, von welchem letzteren mir allerdings kein großer Ueberfluß zur Verfügung stand.

»Gott erhalte deine Rede, Sihdi,« hörte ich die bittende Stimme wieder; »aber ich muß deinen Effendi, den großen Arzt aus Frankhistan, wirklich sehen und sprechen.«

»Jetzt nicht.«

»Es ist sehr notwendig, sonst hätte mich mein Herr nicht gesandt.«

»Wer ist dein Herr?«

»Es ist der reiche und mächtige Abrahim-Mamur, dem Allah tausend Jahre schenken möge.«

»Abrahim-Mamur? Wer ist denn dieser Abrahim-Mamur, und wie hieß sein Vater? Wer war der Vater seines Vaters und der Vater seines Vatervaters? Von wem wurde er geboren und wo leben die, denen er seinen Namen verdankt?«

»Das weiß ich nicht, Sihdi, aber er ist ein mächtiger Herr, wie ja schon sein Name sagt.«

»Sein Name? Was meinst du?«

»Abrahim-Mamur. Mamur heißt Vorsteher einer Provinz, und ich sage dir, daß er wirklich ein Mamur gewesen ist.«

»Gewesen? Er ist es also nicht mehr?«

»Nein.«

»Das dachte ich mir. Niemand kennt ihn, selbst ich, Halef Agha, der tapfere Freund und Beschützer meines Gebieters, habe noch nie von ihm gehört und noch nie die Spitze seines Tarbusch gesehen. Gehe fort, mein Herr hat keine Zeit!«

»So sage mir, Sihdi, was ich tun muß, um zu ihm zu kommen!«

»Kennst du nicht das Wort von dem silbernen Schlüssel, der die Stätten der Weisheit erschließt?«

»Ich habe diesen Schlüssel bei mir.«

»So schließe auf!«

Ich horchte gespannt und vernahm das leise Klimpern von Geldstücken.

»Ein Piaster? Mann, ich sage dir, daß das Loch im Schlosse größer ist, als dein Schlüssel; er paßt nicht, denn er ist zu klein.«

»So muß ich ihn vergrößern.«

Wieder klang es draußen wie kleine Silberstücke. Ich wußte nicht, sollte ich lachen, oder mich ärgern. Dieser Halef Agha war ja ein ganz außerordentlich geriebener Portier geworden!

»Drei Piaster? Gut, so kann man wenigstens fragen, was du bei dem Effendi auszurichten hast.«

»Er soll kommen und seine verzaubernde Medizin mitbringen.«

»Mensch, was fällt dir ein! Für drei Piaster soll ich ihn verleiten, diese Medizin wegzugeben, welche ihm in der ersten Nacht jedes Neumondes von einer weißen Fee gebracht wird?«

»Ist das wahr?«

»Ich, Hadschi Halef Omar Agha, Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah, sage es. Ich habe sie selbst gesehen, und wenn du es nicht glaubst, so wirst du hier diese Kamtschilama, meine Nilpeitsche, zu kosten bekommen!«

»Ich glaube es, Sihdi!«

»Das ist dein Glück!«

»Und werde dir noch zwei Piaster geben.«

»Gib sie her! Wer ist denn krank im Hause deines Herrn?«

»Das ist ein Geheimnis, welches nur der Effendi erfahren darf.«

»Nur der Effendi? Schurke, bin ich nicht auch ein Effendi, der die Fee gesehen hat! Geh nach Hause; Halef Agha läßt sich nicht beleidigen!«

»Verzeihe, Sihdi; ich werde es dir sagen!«

»Ich mag es nun nicht wissen. Packe dich von dannen!«

»Aber ich bitte dich – – —«

»Packe dich!«

»Soll ich dir noch einen Piaster geben?«

»Ich nehme nicht einen mehr!«

»Sihdi!«

»Sondern zwei!«

»O, Sihdi, deine Stirn leuchtet vor Güte. Hier hast du die zwei Piaster.«

»Schön! Wer ist krank?«

»Das Weib meines Herrn.«

»Das Weib deines Herrn?« frug Halef verwundert. »Welche Frau?«

»Er hat nur diese eine.«

»Und soll Mamur gewesen sein?«

»Er ist so reich, daß er hundert Frauen haben könnte, aber er liebt nur diese.«

»Was fehlt ihr?«

»Niemand weiß es; aber ihr Leib ist krank, und ihre Seele ist noch kränker.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig, aber ich nicht. Ich stehe da, mit der Nilpeitsche in der Hand, und möchte sie dir auf den Rücken geben. Bei dem Barte des Propheten, dein Mund spricht eine solche Weisheit, als wäre dir bei der Kahnfahrt der Verstand in das Wasser gefallen! Weißt du nicht, daß ein Weib gar keine Seele hat und deshalb auch nicht in den Himmel darf? Wie also kann die Seele eines Weibes krank sein oder gar noch mehr krank als ihr Leib?«

»Ich weiß es nicht, aber so wurde mir gesagt, Sihdi. Laß mich hinein zu dem Effendi!«

»Ich darf es nicht tun.«

»Warum nicht?«

»Mein Herr kennt den Kuran und verachtet die Frauen. Die schönste Perle der Weiber ist ihm wie der Skorpion im Sande, und seine Hand hat noch nie das Gewand einer Frau berührt. Er darf kein irdisches Weib lieben, sonst würde die Fee nie wiederkommen.«

Ich mußte das Talent Halef Aghas von Minute zu Minute mehr anerkennen, fühlte aber trotzdem große Lust, ihn seine eigene Nilpeitsche schmecken zu lassen. Jetzt ertönte die Antwort:

»Du mußt wissen, Sihdi, daß er ihr Gewand nicht berühren und ihre Gestalt nicht sehen wird. Er darf nur durch das Gitter mit ihr sprechen.«

»Ich bewundere die Klugheit deiner Worte und die Weisheit deiner Rede, o Mann. Merkst du denn nicht, daß er grad durch das Gitter nicht mit ihr sprechen darf?«

»Warum?«

»Weil die Gesundheit, welche der Effendi spenden soll, gar nicht zu dem Weibe käme, sondern am Gitter hängen bleiben würde. Geh fort!«

»Ich darf nicht gehen, denn ich werde hundert Schläge auf die Sohlen bekommen, wenn ich den weisen Effendi nicht bringe.«

»Danke deinem gütigen Herrn, du Sklave eines Aegypters, daß er deine Füße mit Gnade erleuchtet. Ich will dich nicht um dein Glück betrügen. Sallam aaleïkum, Allah sei bei dir und lasse dir die Hundert gut bekommen!«

»So laß dir noch eins sagen, tapferer Agha. Der Herr unseres Hauses hat mehr Beutel in seiner Schatzkammer, als du jemals zählen kannst. Er hat mir befohlen, daß du auch mitkommen sollst, und du wirst ein Bakschisch erhalten, ein Geschenk, wie es selbst der Khedive von Aegypten nicht reicher geben würde.«

Jetzt endlich wurde der Mann klug und faßte meinen Halef etwas kräftiger bei dem Punkte, an welchem man jeden Orientalen zu packen hat, wenn man ihn günstig stimmen soll. Der kleine Haushofmeister änderte auch sofort seinen Ton und antwortete mit hörbar freundlicherer Stimme:

»Allah segne deinen Mund, mein Freund! Aber ein Piaster in meiner Hand ist mir lieber als zehn Beutel in einer anderen. Die deinige aber ist so mager, wie der Schakal in der Schlinge oder wie die Wüste jenseits des Mokattam.«

»Laß den Rat deines Herzens nicht zögern, mein Bruder!«

»Dein Bruder? Mensch bedenke, daß du ein Sklave bist, während ich als freier Mann meinen Effendi begleite und beschütze! Der Rat meines Herzens bleibt zurück. Wie kann das Feld Früchte bringen, wenn so wenige Tropfen Tau vom Himmel fallen!«

»Hier hast du noch drei Tropfen!«

»Noch drei? So will ich sehen, ob ich den Effendi stören darf, wenn dein Herr wirklich ein solches Bakschisch gibt.«

»Er gibt es.«

»So warte!«

Jetzt endlich also glaubte er, mich »stören zu dürfen«, der schlaue Fuchs! Uebrigens handelte er nach der allgemeinen Unsitte, so daß er einigermaßen zu entschuldigen war, zumal das wenige, was er für seine Dienste von mir forderte, kaum der Rede wert zu nennen war.

Was mich aber bei der ganzen Angelegenheit mit Bewunderung erfüllte, war der Umstand, daß ich nicht zu einem männlichen sondern zu einem weiblichen Patienten verlangt wurde. Da aber, abgesehen von den wandernden Nomadenstämmen, der Muselmann die Bewohnerinnen seiner Frauengemächer niemals den Augen eines Fremden freigibt, so handelte es sich hier jedenfalls um ein nicht mehr junges Weib, das sich vielleicht durch die Eigenschaften des Charakters und Gemütes die Liebe Abrahim-Mamurs erhalten hatte.

Halef Agha trat ein.

»Schläfst du, Sihdi?«

Der Schlingel! Hier nannte er mich Sihdi, und draußen ließ er sich selbst so nennen.

»Nein. Was willst du?«

»Draußen steht ein Mann, welcher mit dir sprechen will. Er hat ein Boot im Nile und sagte, ich müsse auch mitkommen.«

Der schlaue Bursche machte diese Schlußbemerkung nur, um sich das versprochene Trinkgeld zu sichern. Ich wollte ihn nicht in Verlegenheit bringen und tat, als ob ich nichts gehört hätte.

»Was will er?«

»Es ist jemand krank.«

»Ist es notwendig?«

»Sehr, Effendi. Die Seele der Kranken steht schon im Begriff, die Erde zu verlassen. Darum mußt du eilen, wenn du sie festhalten willst.«

Hm, er war kein übler Diplomat!

»Laß den Mann eintreten!«

Er ging hinaus und schob den Boten hinein. Dieser verbeugte sich bis zur Erde nieder, zog die Schuhe aus und wartete dann demütig, bis ich ihn anreden würde.

»Tritt näher!«

»Sallam aaleïkum! Allah sei mit dir, o Herr, und lasse dein Ohr offen sein für die demütige Bitte des geringsten deiner Knechte.«

»Wer bist du?«

»Ich bin ein Diener des großen Abrahim-Mamur, der aufwärts droben am Flusse wohnt.«

»Was sollst du mir sagen?«

»Es ist großes Herzeleid gekommen über das Haus meines Gebieters, denn Güzela, die Krone seines Herzens, schwindet hin in die Schatten des Todes. Kein Arzt, kein Fakhir und kein Zauberer vermochte den Schritt ihrer Krankheit aufzuhalten. Da hörte mein Herr – den Allah erfreuen möge – von dir und deinem Ruhme und daß der Tod vor deiner Stimme flieht. Er sandte mich zu dir und läßt dir sagen: Komm und nimm den Tau des Verderbens von meiner Blume, so soll mein Dank süß sein und hell wie der Glanz des Goldes.«

Diese Beschreibung einer bejahrten Frau schien mir ein wenig überschwänglich zu sein.

»Ich kenne den Ort nicht, an welchem dein Herr wohnt. Ist er weit von hier?«

»Er wohnt am Strande und sendet dir ein Boot. In einer Stunde wirst du bei ihm sein.«

»Wer wird mich zurückfahren?«

»Ich.«

»Ich komme. Warte draußen!«

Er nahm seine Schuhe und zog sich zurück. Ich erhob mich, warf ein anderes Gewand über und griff nach meinem Kästchen mit Aconit, Sulphur, Pulsatilla und all‘ den Mitteln, welche in einer Apotheke von hundert Nummern zu haben sind. Bereits nach fünf Minuten saßen wir in dem von vier Ruderern bewegten Kahne, ich in Gedanken versunken, Halef Agha aber stolz wie ein Pascha von drei Roßschweifen. Im Gürtel trug er die silberbeschlagenen Pistolen, die ich in Kairo geschenkt erhalten hatte, und den scharfen, glänzenden Dolch, in der Hand aber die unvermeidliche Nilpeitsche, als das beste Mittel, sich unter der dortigen Bevölkerung Achtung, Ehrerbietung und Berücksichtigung zu verschaffen.

Zwar war die Hitze nicht angenehm, aber die stromaufwärts gehende Bewegung unseres Fahrzeuges brachte uns mit einem kühlenden Luftzuge in Berührung.

Es ging eine Strecke weit an Durrha-, Tabak-, Sesam— und Sennespflanzungen vorüber, aus deren Hintergrunde schlanke Palmen emporragten; dann folgten unbebaute Flächen, über welche sich ein niederes Gestrüpp von Mimosen und Sykomoren hinstreckte; endlich kam nacktes, jeder Vegetation bares Gestein, und mitten aus den wohl bereits vor Jahrtausenden herumgestreuten Felsblöcken erhob sich die quadratische Mauer, durch welche wir uns den Eingang suchen mußten.

Als wir anlangten, bemerkte ich, daß ein schmaler Kanal aus dem Flusse unter der Mauer fortführte, jedenfalls um die Bewohner mit dem nötigen Wasser zu versehen, ohne daß dieselben sich aus ihrer Wohnung zu bemühen brauchten. Unser Führer schritt uns voran, führte uns um zwei Ecken zu der dem Wasser abgekehrten Seite und gab an dem dort befindlichen Tore ein Zeichen, auf welches uns bald geöffnet wurde.

Das Gesicht eines Schwarzen grinste uns entgegen, doch beachteten wir seine tief bis zur Erde herabgehende Reverenz gar nicht und schritten vorwärts, an ihm vorüber. Architektonische Schönheit durfte ich bei einem orientalischen Prachtgebäude nicht erwarten, und so fühlte ich mich auch nicht überrascht von der kahlen, nackten, fensterlosen Front, welche das Haus mir zukehrte. Aber das Klima das Landes hatte denn doch einen etwas zu zerstörenden Einfluß auf das alte Gemäuer ausgeübt, als daß ich es zur Wohnung eines zarten, kranken Weibes hätte empfehlen mögen.

Früher hatten Zierpflanzen den schmalen Raum zwischen der Mauer und dem Gebäude geschmückt und den Bewohnerinnen eine angenehme Erholung geboten; jetzt waren sie längst verwelkt und verdorrt. Wohin das Auge nur blickte, fand es nichts als starre kahle Oede, und nur Scharen von Schwalben, welche in den zahlreichen Rissen und Sprüngen des betreffenden Gebäudes nisteten, brachten einigermaßen Leben und Bewegung in die traurige tote Szene.

Der voranschreitende Bote führte uns durch einen dunkeln, niedrigen Torgang in einen kleinen Hof, dessen Mitte ein Bassin einnahm. Also bis hierher führte der Kanal, welchen ich vorhin bemerkt hatte, und der Erbauer des einsamen Hauses war klugerweise vor allen Dingen darauf bedacht gewesen, sich und die Seinigen reichlich mit dem zu versorgen, was in dem heißen Klima jener Länderstriche das Notwendigste und Unentbehrlichste ist. Zugleich bemerkte ich nun auch, daß der ganze Bau darauf gerichtet war, die jährlich wiederkehrenden Ueberschwemmungen des Nils schadlos aushalten zu können.

In diesen Hof hinab gingen mehrere hölzerne Gitterwerke, hinter denen jedenfalls die zum Aufenthalt dienenden Räume lagen. Ich konnte ihnen jetzt keine große, zeitraubende Betrachtung schenken, sondern gab meinem Diener einen Wink, mit der Apotheke, welche er umhängen hatte, hier des weiteren zu harren, und folgte dem Wegweiser in das Selamlück des Hauses.

Es war ein geräumiges, halbdunkles und hohes Zimmer, durch dessen vergitterte Fensteröffnungen ein wohltuendes gedämpftes Licht fiel. Durch die aufgeklebten Tapeten und Arabesken und Ornamente hatte es einen wohnlichen Anstrich erhalten, und die in einer Nische stehenden Wasserkühlgefäße erzeugten eine recht angenehme Temperatur. Ein Geländer trennte den Raum in zwei Hälften, deren vordere für die Dienerschaft, die hintere aber für den Herrn und die besuchenden Gäste bestimmt war. Den erhöhten Hintergrund zierte ein breiter Diwan, welcher von einer Ecke in die andere reichte, und auf dem Abrahim-Mamur, der »Besitzer von vielen Beuteln«, saß.

Er erhob sich beim Eintritte, blieb aber der Sitte gemäß vor seinem Sitze stehen. Da ich nicht die dort gewöhnliche Fußbekleidung trug, so konnte ich mich ihrer auch nicht entledigen, sondern schritt, unbekümmert um meine Lederstiefel, über die kostbaren Teppiche und ließ mich an seiner Seite nieder. Die Diener brachten den unvermeidlichen Kaffee und die noch notwendigeren Pfeifen, und nun konnte das weitere folgen.

Mein erster Blick war natürlich nach seiner Pfeife gerichtet gewesen, denn jeder Mensch des Orients weiß, daß man an derselben sehr genau die Verhältnisse ihres Besitzers zu erkennen vermag. Das lange, wohlriechende und mit stark vergoldetem Silberdraht umsponnene Rohr hatte gewiß seine tausend Piaster gekostet. Teurer aber war das Bernsteinmundstück, welches aus zwei Teilen bestand, zwischen denen ein mit Edelsteinen besetzter Ring hervorschimmerte. Der Mann schien wirklich »viele Beutel« zu besitzen, nur war dies kein Grund, mich befangen zu machen, da mancher Inhaber einer Pfeife im Werte von zehntausend Piastern seinen Reichtum doch nur den geknechteten Untertanen entwendet oder geraubt hat. Lieber also einen prüfenden Blick in das Gesicht!

Wo hatte ich diese Züge doch nur bereits einmal gesehen, diese schönen, feinen und in ihrer Mißharmonie doch so diabolischen Züge? Forschend, scharf, stechend, nein, förmlich durchbohrend senkt sich der Blick des kleinen, unbewimperten Auges in den meinen und kehrt dann kalt und wie beruhigt wieder zurück. Glühende und entnervende Leidenschaften haben diesem Gesichte immer tiefere Spuren eingegraben; die Liebe, der Haß, die Rache, der Ehrgeiz sind einander behilflich gewesen, eine großartig angelegte Natur in den Schmutz des Lasters herniederzureißen und dem Aeußeren des Mannes jenes unbeschreibliche Etwas zu verleihen, welches dem Guten und Reinen ein sicheres Warnungszeichen ist.

Wo bin ich diesem Manne begegnet? Gesehen habe ich ihn; ich muß mich nur besinnen; aber das fühle ich, unter freundlichen Umständen ist es nicht gewesen.

»Salam aaleïkum!« ertönte es langsam zwischen dem vollen, prächtigen, aber schwarzgefärbten Barte hervor.

Diese Stimme war kalt, klanglos, ohne Leben und Gemüt; es konnte einem dabei ein Schauer ankommen.

»Aaleïkum!« antwortete ich.

»Möge Allah Balsam wachsen lassen auf den Spuren deiner Füße und Honig träufeln von den Spitzen deiner Finger, damit mein Herz nicht mehr höre die Stimme seines Kummers!«

»Gott gebe dir Frieden und lasse mich finden das Gift, welches an dem Leben deines Glückes nagt,« erwiderte ich seinen Gruß, da nicht einmal der Arzt nach dem Weibe des Muselmannes fragen darf, ohne den größten Verstoß gegen die Höflichkeit und Sitte zu begehen.

»Ich habe gehört, daß du ein weiser Hekim seiest. Welche Medresse21 hast du besucht?«

»Keine.«

»Keine?«

»Ich bin kein Moslem.«

»Nicht? Was sonst?«

»Ein Nemsi!«

»Ein Nemsi! O, ich weiß, die Nemsi sind kluge Leute; sie kennen den Stein der Weisen und das Abracadabra, welches den Tod vertreibt.«

»Es gibt weder einen Stein der Weisen noch ein Abracadabra.«

Er blickte mir kalt in die Augen.

»Vor mir brauchst du dich nicht zu verbergen. Ich weiß, daß die Zauberer von ihrer Kunst nicht sprechen dürfen, und will sie dir auch gar nicht entlocken, nur helfen sollst du mir. Wodurch vertreibst du die Krankheit eines Menschen, durch Worte oder durch einen Talisman?«

»Weder durch Worte noch durch einen Talisman, sondern durch die Medizin.«

»Du sollst dich nicht vor mir verstecken. Ich glaube an dich, denn trotzdem du kein Moslem bist, ist doch deine Hand mit Erfolg begabt, als hätte sie der Prophet gesegnet. Du wirst die Krankheit finden und besiegen.«

»Der Herr ist allmächtig; er kann retten und verderben, und nur ihm allein gebührt die Ehre. Doch wenn ich helfen soll, so sprich!«

Diese direkte Aufforderung, ein wenn auch noch so unbedeutendes Geheimnis seines Haushaltes preiszugeben, schien ihn unangenehm zu berühren, trotzdem er darauf vorbereitet sein mußte; doch versuchte er sofort, die Schwäche zu verbergen, und befolgte meine Aufforderung:

»Du bist aus dem Lande der Ungläubigen, wo es keine Schande ist, von der zu reden, welche die Tochter einer Mutter ist?«

Ich fühlte mich innerlich amüsiert von der Art und Weise, mit welcher er es zu umgehen suchte, von »seinem Weibe« zu sprechen, doch blieb ich ernst und antwortete ziemlich kalt:

»Du willst, daß ich dir helfen soll und beschimpfest mich?«

»Inwiefern?«

»Du nennst meine Heimat das Land der Ungläubigen.«

»Ihr seid doch ungläubig!«

»Wir glauben an einen Gott, welcher derselbe Gott ist, den ihr Allah nennt. Du heißest mich von deinem Standpunkte aus einen Ungläubigen; mit demselben Rechte könnte ich dich von meinem Standpunkte aus ebenso nennen; aber ich tue es nicht, weil wir Nemsi nie die Pflicht der Höflichkeit verletzen.«

»Schweigen wir über den Glauben! Der Moslem darf nicht von seinem Weibe sprechen; aber du erlaubst, daß ich von den Frauen in Frankhistan rede?«

»Ich erlaube es.«

»Wenn das Weib eines Franken krank ist – – —«

Er sah mich an, als ob er eine Bemerkung von mir erwarte; ich winkte ihm nur, in seiner Rede fortzufahren.

»Also wenn sie krank ist und keine Speise zu sich nimmt —«

»Keine?«

»Nicht die geringste!«

»Weiter!«

»Den Glanz ihrer Augen und die Fülle ihrer Wangen verliert – wenn sie müde ist und doch den Genuß des Schlafes nicht mehr kennt – – —«

»Weiter!«

»Wenn sie nur lehnend steht und langsam, schleichend geht – vor Kälte schauert und vor Hitze brennt – – —«

»Ich höre. Fahre fort!«

»Bei jedem Geräusch erschrickt und zusammenzuckt – wenn sie nichts wünscht, nichts liebt, nichts haßt und unter dem Schlage ihres Herzens zittert – – —«

»Immer weiter!«

»Wenn ihr Atem zu sehen ist wie der des kleinen Vogels – wenn sie nicht lacht, nicht weint, nicht spricht – wenn sie kein Wort der Freude und kein Wort der Klage hören läßt und ihre Seufzer selbst nicht mehr vernimmt – wenn sie das Licht der Sonne nicht mehr sehen will und in der Nacht wach in den Ecken kauert – – —«

Wieder blickte er mich an, und in seinen flackernden Augen war eine Angst zu erkennen, welche sich durch jedes der aufgezählten Krankheitssymptome zu nähren und zu vergrößern schien. Er mußte die Kranke mit der letzten, trüben und also schwersten Glut seines fast ausgebrannten Herzens lieb haben und hatte mir, ohne es zu wissen und zu wollen, mit seinen Worten sein ganzes Verhältnis zu ihr verraten.

»Du bist noch nicht zu Ende!« sagte ich.

»Wenn sie zuweilen plötzlich einen Schrei ausstößt, als ob ein Dolch ihr in die Brust gestoßen würde – wenn sie ohne Aufhören ein fremdes Wort flüstert – »

»Welches Wort?«

»Einen Namen.«

»Weiter!«

»Wenn sie hustet und dann Blut über ihre bleichen Lippen fließt – – —«

Er blickte mich jetzt so starr und angstvoll an, daß ich merken mußte, meine Entscheidung sei ein Urteil für ihn, ein befreiendes oder ein vernichtendes. Ich zögerte nicht, ihm das letztere zu geben:

»So wird sie sterben.«

Er saß erst einige Augenblicke so bewegungslos, als habe ihn der Schlag getroffen, dann aber sprang er auf und stand hochaufgerichtet vor mir. Der rote Fez war ihm von dem kahl geschorenen Haupte geglitten, die Pfeife seiner Hand entfallen; in dem Gesicht zuckte es von den widerstreitendsten Gefühlen. Es war ein eigentümliches, ein furchtbares Gesicht; es glich ganz jenen Abbildungen des Teufels, wie sie der geniale Stift Doré‘s zu zeichnen versteht, nicht mit Schweif, Pferdefuß und Hörnern, sondern mit höchster Harmonie des Gliederbaues, jeder einzelne Zug des Gesichts eine Schönheit, und doch in der Gesamtwirkung dieser Züge so abstoßend, so häßlich, so – diabolisch. Sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke des Entsetzens auf mir, der sich nach und nach in einen zornigen und dann zuletzt in einen drohenden verwandelte.

»Giaur!« donnerte er mich an.

»Wie sagtest du?« fragte ich kalt.

»Giaur! sagte ich. Wagst du, mir das zu sagen, Hund? Die Peitsche soll dir lehren, wer ich bin, und daß du zu tun hast, nur was ich dir befehle. Stirbt sie, so stirbst auch du; doch machst du sie gesund, so darfst du gehen und kannst verlangen, was dein Herz begehrt!«

Langsam und in tiefster Seelenruhe erhob auch ich mich, stellte mich in meiner ganzen Länge vor ihn hin und fragte:

»Weißt du, was die größte Schande für einen Moslem ist?«

»Was?«

»Sieh nieder auf deinen Fez! Abrahim-Mamur, was sagt der Prophet und was sagt der Kuran dazu, daß du die Scham deines Scheitels vor einem Christen entblößest?«

Im nächsten Augenblick hatte er sein Haupt bedeckt und, vor Grimm dunkelrot im Gesichte, den Dolch aus der Schärpe gerissen.

»Du mußt sterben, Giaur!«

»Wann?«

»Jetzt, sofort!«

»Ich werde sterben, wann es Gott gefällt, nicht aber wann es dir beliebt.«

»Du wirst sterben. Bete dein Gebet!«

»Abrahim-Mamur,« antwortete ich so ruhig wie zuvor, »ich habe den Bären gejagt und bin dem Nilpferde nachgeschwommen; der Elefant hat meinen Schuß gehört, und meine Kugel hat den Löwen, den »Herdenwürgenden« getroffen. Danke Allah, daß du noch lebst, und bitte Gott, daß er dein Herz bezwinge. Du kannst es nicht, denn du bist zu schwach dazu und wirst doch sterben, wenn es nicht sofort geschieht!«

Das war eine neue Beleidigung, eine schwerere als die andere, und mit einem zuckenden Sprunge wollte er mich fassen, fuhr aber sofort zurück, denn jetzt blitzte auch in meiner Hand die Waffe, die man in jenen Ländern niemals weglegen darf. Wir standen einander allein gegenüber, denn er hatte sofort nach der Darreichung des Kaffees und der Pfeifen die Dienerschaft hinausgewinkt, damit sie nichts von unserer zarten Unterhaltung vernehmen solle.

Mit meinem wackeren Halef zusammen hatte ich nicht den mindesten Grund, mich vor den Bewohnern des alten Hauses zu fürchten; nötigenfalls hätten wir beide die wenigen hier wohnenden Männer zusammengeschossen; aber ich ahnte zu viel von dem Schicksale der Kranken, für die ich mich ungemein zu interessieren begann; ich mußte sie sehen und womöglich einige Worte mit ihr sprechen.

»Du willst schießen?« frug er wütend, auf meinen Revolver deutend.

»Ja.«

»Hier, in meinem Hause, in meinem Diwan?«

»Allerdings, wenn ich gezwungen werde, mich zu verteidigen.«

»Hund, es ist wahr, was ich gleich vorhin dachte, als du eintratest!«

»Was ist wahr, Abrahim-Mamur?«

»Daß ich dich bereits einmal gesehen habe.«

»Wo?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wann?«

»Auch das weiß ich nicht; aber das ist sicher, daß es nicht im Guten war.«

»Grade wie heute, denn es sollte mich wundern, wenn diese Zusammenkunft gut enden würde. Du hast mich »Hund« genannt, und ich sage dir, daß dir im nächsten Augenblick, nachdem du dieses Wort noch einmal gesagt hast, meine Kugel im Gehirn sitzen wird. Beachte dies wohl, Abrahim-Mamur!«

»Ich werde meine Diener rufen!«

»Rufe sie, wenn du ihre Leichen sehen willst, um dich dann tot neben sie zu legen.«

»Oho, du bist kein Gott!«

»Aber ein Nemsi. Hast du schon einmal die Hand eines Nemsi gefühlt?«

Er lächelte verächtlich.

»Nimm dich in acht, daß du sie nicht einmal zu fühlen bekommst! Sie ist nicht in Rosenöl gebadet, wie die deinige. Aber ich will dir den Frieden deines Hauses lassen. Lebe wohl. Du willst es nicht, daß ich den Tod bezwinge; dein Wunsch mag sich erfüllen; rabbena chaliek, der Herr erhalte dich!«

Ich steckte den Revolver ein und schritt der Türe zu.

»Bleib!« rief er.

Ich schritt dennoch weiter.

»Bleib!« rief er gebieterischer.

Ich hatte beinahe die Türe erreicht und kehrte nicht um.

»So stirb, Giaur!«

Im Nu drehte ich mich um und hatte grad noch Zeit, zur Seite auszuweichen. Sein Dolch flog an mir vorüber und tief in das Getäfel der Wand.

»Jetzt bist du mein, Bube!«

Mit diesen Worten sprang ich auf ihn zu, faßte ihn, grad wie ich ihn erwischte, riß ihn empor und schleuderte ihn an die Wand.

Er blieb einige Sekunden liegen und raffte sich dann wieder empor. Seine Augen waren weit geöffnet, die Adern seiner Stirne zum Bersten geschwollen und seine Lippen blau vor Wut, aber ich hielt ihm den Revolver entgegen, und er blieb eingeschüchtert vor mir halten.

»Jetzt hast du die Hand eines Nemsi kennen gelernt. Wage es nicht wieder, sie zu reizen!«

»Mensch!«

»Feigling! Wie nennt man das, wenn einer einen Arzt um Hilfe bittet, ihn mit Worten beschimpft und dann gar hinterrücks ermorden will? Der Glaube, welcher solche Bekenner hat, kann nicht viel taugen!«

»Zauberer!«

»Warum?«

»Wenn du keiner wärest, hätte dich ganz sicher mein Dolch getroffen, und du hättest nicht die Kraft gehabt, mich emporzuwerfen!«

»Nun wohl! Bin ich ein Zauberer, so hätte ich dir auch Güzela, dein Weib, erhalten können.«

Ich sprach den Namen mit Vorbedacht aus. Es hatte Wirkung.

»Wer hat dir diesen Namen genannt?«

»Dein Bote.«

»Ein Ungläubiger darf nicht den Namen einer Gläubigen aussprechen!«

»Ich spreche nur den Namen eines Weibes aus, welches bereits morgen tot sein kann.«

Wieder blickte er mich mit seiner eisigen Starrheit an, dann aber schlug er die Hände vor das Gesicht.

»Ist es wahr, Hekim, daß sie bereits morgen tot sein kann?«

»Es ist wahr.«

»Kann sie nicht gerettet werden?«

»Vielleicht.«

»Sage nicht vielleicht, sondern sage gewiß. Bist du bereit, mir zu helfen? Wenn sie gesund wird, so fordere, was du willst.«

»Ich bin bereit.«

»So gib mir deinen Talisman oder deine Medizin.«

»Ich habe keinen Talisman, und Medizin kann ich dir jetzt nicht geben.«

»Warum nicht?«

»Der Arzt kann nur dann einen Kranken heilen, wenn er ihn sehen kann. Komm, laß uns zu ihr gehen oder laß sie zu uns kommen!«

Er fuhr zurück, wie von einem Stoße getroffen.

»Masch Allah, bist du toll? Der Geist der Wüste hat dein Hirn verbrannt, daß du nicht weißt, was du forderst. Das Weib muß ja sterben, auf welchem das Auge eines fremden Mannes ruhte!«

»Sie wird noch sicherer sterben, wenn ich nicht zu ihr darf. Ich muß den Schlag ihres Pulses messen und Antwort von ihr hören über vieles, was ihre Krankheit betrifft. Nur Gott ist allwissend und braucht niemand zu fragen.«

»Du heilst wirklich nicht durch Talisman?«

»Nein.«

»Auch nicht durch Worte?«

»Nein.«

»Oder durch das Gebet?«

»Ich bete auch für die Leidenden; aber Gott hat uns die Mittel, sie gesund zu machen, bereits in die Hand gelegt.«

»Welche Mittel sind es?«

»Es sind Blumen, Metalle und Erden, deren Säfte und Kräfte wir ausziehen.«

»Es sind keine Gifte?«

»Ich vergifte keinen Kranken.«

»Kannst du das beschwören?«

»Vor jedem Richter.«

»Und du mußt mit ihr sprechen?«

»Ja.«

»Was?«

»Ich muß sie fragen nach ihrer Krankheit und allem, was damit zusammenhängt.«

»Nach andern Dingen nicht?«

»Nein.«

»Du wirst mir jede Frage vorher sagen, damit ich sie dir erlaube?«

»Ich bin es zufrieden.«

»Und du mußt auch ihre Hand betasten?«

»Ja.«

»Ich erlaube es dir auf eine ganze Minute. Mußt du ihr Angesicht sehen?«

»Nein; sie kann ganz verschleiert bleiben. Aber sie muß einige Male in dem Zimmer auf und ab gehen.«

»Warum?«

»Weil an dem Gange und der Haltung vieles zu erkennen ist, was die Krankheit betrifft.«

»Ich erlaube es dir und werde die Kranke jetzt herbeiholen.«

»Das darf nicht sein.«

»Warum nicht?«

»Ich muß sie da sehen, wo sie wohnt; ich muß alle ihre Zimmer betrachten.«

»Aus welchem Grunde?«

»Weil es viele Krankheiten gibt, die nur in unpassenden Wohnungen entstehen, und das kann nur das Auge des Arztes bemerken.«

»So willst du wirklich mein Harem22 betreten?«

»Ja.«

»Ein Ungläubiger?«

»Ein Christ.«

»Ich erlaube es nicht!«

»So mag sie sterben. Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir und ihr!«

Ich wandte mich zum Gehen. Obgleich ich bereits aus der Aufzählung der Symptome gemerkt hatte, daß Güzela an einer hochgradigen Gemütskrankheit leide, tat ich doch, als ob ich an eine bloß körperliche Erkrankung glaube; denn grad weil ich vermutete, daß ihr Leiden die Folge eines Zwanges sei, der sie in die Gewalt dieses Mannes gebracht hatte, wollte ich mich so viel wie möglich über alles aufklären. Er ließ mich wieder bis zur Tür gehen, dann aber rief er:

»Halt, Hekim, bleibe da. Du sollst die Gemächer betreten!«

Ich wandte mich um und schritt, ohne ihm meine Genugtuung merken zu lassen, wieder auf ihn zu. Ich hatte gesiegt und war außerordentlich zufrieden mit den Zugeständnissen, die er mir gemacht hatte, denn sie gewährten mir mehr, als wohl jemals einem Europäer zugestanden worden ist. Die Liebe des Aegypters und infolge dessen also auch seine Sorge mußte eine sehr ungewöhnliche sein, daß er sich zu solchen Zugeständnissen verstand. Freilich konnte ich die ingrimmigste Erbitterung gegen mich aus jeder seiner Mienen lesen, denn ihm war ich ein unabweisbarer Eindringling in die Mysterien seiner inneren Häuslichkeit, und ich hegte die Ueberzeugung, daß ich ihn auch selbst in dem Falle einer glücklichen Heilung der kranken Frau als einen unversöhnlichen Feind zurücklassen werde, zumal er ganz so wie ich die Ueberzeugung hatte, daß wir uns bereits einmal unter unfreundlichen Umständen begegnet seien.

Jetzt entfernte er sich, um alles Nötige in eigener Person anzuordnen, denn keiner seiner Diener durfte ahnen, daß er einem fremden Mann Zutritt in das Heiligtum seines Hauses gestatte.

Er kehrte erst nach einer langen Weile zurück. Es lag ein Ausdruck fester, trotziger Entschlossenheit um seinen zusammengekniffenen Mund, und mit einem Blicke voll versteckt bleiben sollenden, aber doch hervorbrechenden Hasses instruierte er mich:

»Du sollst zu ihr gehen – —«

»Du versprachst es bereits.«

»Und ihre Zimmer sehen – —«

»Natürlich.«

»Auch sie selbst – – —«

»Verschleiert und eingehüllt.«

»Und mit ihr sprechen?«

»Das ist notwendig.«

»Ich erlaube dir viel, unendlich viel, Effendi. Aber bei der Seligkeit aller Himmel und bei den Qualen aller Höllen, sobald du ein Wort sprichst, welches ich nicht wünsche, oder das Geringste tust, was dir nicht von mir erlaubt wurde, stoße ich sie nieder. Du bist stark und wohl bewaffnet, darum wird mein Dolch nicht gegen dich, sondern gegen sie gerichtet sein. Ich schwöre es dir bei allen Suwar23 des Kuran und bei allen Kalifen, deren Andenken Allah segnen möge!«

Er hatte mich also doch kennen gelernt und dachte sich, daß ihm diese Versicherung mehr nützen werde, als die prahlerischsten Drohungen, wenn sie gegen mich selbst gerichtet gewesen wären. Uebrigens war es mir ja gar nicht in den Sinn gekommen, ihn in seinen Rechten zu kränken; nur konnte ich mich bei seinem Verhalten je länger desto weniger einer Ahnung entschlagen, daß in seinem Verhältnisse zu der Kranken irgend ein dunkler Punkt zu finden sei.

»Ist es Zeit?« fragte ich.

»Komm!«

Wir gingen. Er schritt voran, und ich folgte ihm.

Zunächst kamen wir durch einige fast in Trümmern liegende Räume, in denen allerlei nächtliches Getier sein Wesen treiben mochte; dann betraten wir ein Gemach, welches als Vorzimmer zu dienen schien, und nun folgte der Raum, der allem Anscheine nach als eigentliches Frauengemach benutzt wurde. Alle die umherliegenden Kleinigkeiten waren solche, wie sie von Frauen gesucht und gern benutzt werden.

»Das sind die Zimmer, welche du sehen wolltest. Siehe, ob du den Dämon der Krankheit in ihnen zu finden vermagst!« meinte Abrahim-Mamur mit einem halb spöttischen Lächeln.

»Und das Gemach nebenan – —?«

»Die Kranke befindet sich darin. Du sollst es auch sehen, aber ich muß mich vorher überzeugen, ob die Sonne ihr Angesicht verhüllt hat vor dem Auge des Fremden. Wage ja nicht, mir nachzufolgen, sondern warte ruhig, bis ich wiederkomme!«

Er trat hinaus, und ich war allein.

Also da draußen befand sich Güzela. Dieser Name bedeutet wörtlich »die Schöne«. Dieser Umstand und das ganze Verhalten des Aegypters brachte meine frühere Vermutung, daß es sich um eine ältere Person handle, ins Wanken.

Ich ließ mein Auge durch den Raum schweifen. Es war hier ganz dieselbe Einrichtung getroffen, wie in dem Zimmer des Hausherrn: das Geländer, der Diwan, die Nische mit den Kühlgefäßen.

Nach kurzer Zeit erschien Abrahim wieder.

»Hast du die Räume geprüft?« fragte er mich.

»Ja.«

»Nun?«

»Es läßt sich nichts sagen, bis ich bei der Kranken gewesen bin.«

»So komm, Effendi. Aber laß dich noch einmal warnen!«

»Schon gut! Ich weiß ganz genau, was ich zu tun habe.«

Wir traten in das andere Gemach. In weite Gewänder gehüllt, stand eine Frauengestalt tief verschleiert an der hintern Wand des Zimmers. Nichts war von ihr zu sehen, als die kleinen, in Samtpantoffeln steckenden Füße.

Ich begann meine Fragen, deren Enthaltsamkeit den Aegypter vollständig befriedigte, ließ sie eine kleine Bewegung machen und bat sie endlich, mir die Hand zu reichen. Fast wäre ich trotz der ernsten Situation in eine laute Heiterkeit ausgebrochen. Die Hand war nämlich so vollständig in ein dickes Tuch gebunden, daß es ganz und gar unmöglich war, auch nur die Lage oder Form eines Fingers durch dasselbe zu erkennen. Sogar der Arm war in derselben Weise verhüllt.

Ich wandte mich zu Abrahim:

»Mamur, diese Bandagen müssen entfernt werden.«

»Warum?«

»Ich kann den Puls nicht fühlen.«

»Entferne die Tücher!« gebot er ihr.

Sie zog den Arm hinter die Hüllen zurück und ließ dann ein zartes Händchen erscheinen, an dessen Goldfinger ich einen sehr schmalen Reifen erblickte, welcher eine Perle trug. Abrahim beobachtete meine Bewegungen mit gespannter Aufmerksamkeit. Während ich meine drei Finger an ihr Handgelenk legte, neigte ich mein Ohr tiefer, wie um den Puls nicht bloß zu fühlen, sondern auch zu hören, und – täuschte ich mich nicht – da wehte es leise, leise, fast unhörbar durch den Schleier:

»Kurtar Senitzaji – rette Senitza!«

»Bist du fertig?« fragte jetzt Abrahim, indem er rasch näher trat.

»Ja.«

»Was fehlt ihr?«

»Sie hat ein großes, ein tiefes Leiden, das größte, welches es gibt, aber – – – ich werde sie retten.«

Diese letzten vier Worte richtete ich mit langsamer Betonung mehr an sie als an ihn.

»Wie heißt das Uebel?«

»Es hat einen fremden Namen, den nur die Aerzte verstehen.«

»Wie lange dauert es, bis sie gesund wird?«

»Das kann bald, aber auch sehr spät geschehen, je nachdem Ihr mir gehorsam seid.«

»Worin soll ich dir gehorchen?«

»Du mußt ihr meine Medizin regelmäßig verabreichen.«

»Das werde ich tun.«

»Sie muß einsam bleiben und vor allem Aerger behütet werden.«

»Das soll geschehen.«

»Ich muß täglich mit ihr sprechen dürfen.«

»Du? Weshalb?«

»Um meine Mittel nach dem Befinden der Kranken einrichten zu können.«

»Ich werde dir dann selbst sagen, wie sie sich befindet.«

»Das kannst du nicht, weil du das Befinden eines Kranken nicht zu beurteilen vermagst.«

»Was hast du denn mit ihr zu sprechen?«

»Nur das, was du mir erlaubst.«

»Und wo soll es geschehen?«

»Hier in diesem Raume, grad wie heute.«

»Sage es genau, wie lange du kommen mußt!«

»Wenn Ihr mir gehorcht, so ist sie von heute an in fünf Tagen von ihrer Krankheit – – frei.«

»So gib ihr die Medizin!«

»Ich habe sie nicht hier; sie befindet sich unten im Hofe bei meinem Diener.«

»So komm!«

Ich wandte mich gegen sie, um mit dieser Bewegung einen stummen Abschied von ihr zu nehmen. Sie hob unter der Hülle die Hände wie bittend empor und wagte die drei Silben:

»Eww‘ Allah, mit Gott!«

Sofort aber fuhr er herum:

»Schweig! Du hast nur zu sprechen, wenn du gefragt wirst!«

»Abrahim-Mamur,« antwortete ich sehr ernst, »habe ich dir nicht gesagt, daß sie vor jedem Aerger, vor jedem Kummer bewahrt werden muß? So spricht man nicht zu einer Kranken, in deren Nähe der Tod schon steht!«

»So mag sie zunächst selbst dafür sorgen, daß sie sich nicht zu kränken braucht. Sie weiß, daß sie nicht sprechen soll. Komm!«

Wir kehrten in das Selamlük zurück, wo ich nach Halef schickte, der alsbald mit der Apotheke erschien. Ich gab Ignatia nebst den nötigen Vorschriften und machte mich dann zum Gehen bereit.

»Wann wirst du morgen kommen?«

»Um dieselbe Stunde.«

»Ich werde dir wieder einen Kahn senden. Wie viel verlangst du für heute?«

»Nichts. Wenn die Kranke gesund ist, magst du mir geben, was dir beliebt.«

Er griff dennoch in die Tasche, zog eine reich gestickte Börse hervor, nahm einige Stücke und reichte sie Halef hin.

»Hier, nimm du!«

Der wackere Halef-Agha griff mit einer Miene zu, als ob es sich um eine große Gnadenbezeugung gegen den Aegypter handle, und meinte, das Bakschisch ungesehen in seine Tasche senkend:

»Abrahim-Mamur, deine Hand ist offen und die meine auch. Ich schließe sie gegen dich nicht zu, weil der Prophet sagt, daß eine offene Hand die erste Stufe zum Aufenthalte der Seligen sei. Allah sei bei dir und auch bei mir!«

Wir gingen, von dem Aegypter bis in den Garten begleitet, wo uns ein Diener die in der Mauer befindliche Tür öffnete. Als wir uns allein befanden, griff Halef in die Tasche, um zu sehen, was er erhalten hatte.

»Drei Goldzechinen, Effendi! Der Prophet segne Abrahim-Mamur und lasse sein Weib so lange als möglich krank bleiben!«

»Hadschi Halef Omar!«

»Sihdi! Willst du mir nicht einige Zechinen gönnen?«

»Doch; noch mehr ist einem Kranken die Gesundheit zu gönnen.«

»Wie oft gehest du noch, ehe sie gesund wird?«

»Noch fünfmal vielleicht.«

»Fünfmal drei macht fünfzehn Zechinen; wenn sie gesund wird, vielleicht noch fünfzehn Zechinen, macht dreißig Zechinen. Ich werde forschen, ob es hier am Nil noch mehr kranke Frauen gibt.«

Wir langten bei dem Kahn an, wo uns die Ruderer bereits erwarteten. Unser voriger Führer saß am Steuer, und als wir eingestiegen waren, ging es flott den Strom hinab, schneller natürlich als aufwärts, so daß wir nach einer halben Stunde unser Ziel erreichten.

Wir legten ganz in der Nähe einer Dahabïe an, welche während unserer Abwesenheit am Ufer vor Anker gegangen war. Ihre Taue waren befestigt, ihre Segel eingezogen und nach dem frommen muhammedanischen Gebrauche lud der Reïs, der Schiffskapitän, seine Leute zum Gebet ein:

»Haï al el salah, auf, rüstet euch zum Gebete!«

Ich war schon im Fortgehen begriffen gewesen, wandte mich aber schnell um. Diese Stimme kam mir außerordentlich bekannt vor. Hatte ich recht gehört? War dies wirklich der alte Hassan, den sie Abu el Reïsahn, Vater der Schiffsführer, nannten? Er war in Kufarah, wo er einen Sohn besucht hatte, mit mir und Halef zusammengetroffen und mit uns nach Aegypten zurückgekehrt. Wir hatten einander außerordentlich lieb gewonnen, und ich war überzeugt, daß er sehr erfreut sein werde, mich hier wiederzufinden. Ich wartete daher, bis das Gebet beendet war, und rief dann zum Deck empor.

»Hassan el Reïsahn, ohio!«

Sofort reckte er sein altes, gutes, bärtiges Gesicht herab und fragte:

»Wer ist – – o, Allah akbar, Gott ist groß! Ist das nicht mein Sohn, der Nemsi Kara Effendi?«

»Er ist es, Abu Hassan.«

»Komm herauf, mein Sohn; ich muß dich umarmen!«

Ich stieg empor und wurde von ihm auf das herzlichste bewillkommnet.

»Was tust du hier?« fragte er mich.

»Ich ruhe aus von der Reise. Und du?«

»Ich komme mit meinem Schiffe von Dongola, wo ich eine Ladung Sennesblätter eingenommen habe. Ich bekam ein Leck und mußte also hier anlegen.«

»Wie lange bleibst du hier?«

»Nur morgen noch. Wo wohnest du?«

»Dort rechts in dem alleinstehenden Hause.«

»Hast du einen guten Wirt?«

»Es ist der Scheik el Belet24 des Ortes, ein Mann, mit dem ich sehr zufrieden bin. Du wirst diesen Abend bei mir sein, Abu Hassan?«

»Ich werde kommen, wenn deine Pfeifen nicht zerbrochen sind.«

»Ich habe nur die eine; du mußt also die deinige mitbringen, aber du wirst den köstlichsten Djebeli rauchen, den es je gegeben hat.«

»Ich komme gewiß. Bleibst du noch lange hier?«

»Nein. Ich will nach Kairo zurück.«

»So fahre mit mir. Ich lege in Bulakh25 an.«

Bei diesem Anerbieten kam mir ein Gedanke.

»Hassan, du nanntest mich deinen Freund!«

»Du bist es. Fordere von mir, was du willst, so soll es dir werden, wenn ich es habe oder kann!«

»Ich möchte dich um etwas sehr Großes bitten.«

»Kann ich es erfüllen?«

»Ja.«

»So ist es dir schon voraus gewährt. Was ist es?«

»Das sollst du am Abend erfahren, wenn du mit mir Kaffee trinkst.«

»Ich komme und – – doch mein Sohn, ich vergaß, daß ich bereits geladen bin.«

»Wo?«

»In demselben Hause, in welchem du wohnst.«

»Bei dem Scheik el Belet?«

»Nein, sondern bei einem Manne aus Istambul, der zwei Tage mit mir gefahren und hier ausgestiegen ist. Er hat dort eine Stube für sich und einen Platz für seinen Diener gemietet.«

»Was ist er?«

»Ich weiß es nicht; er hat es mir nicht gesagt.«

»Aber sein Diener konnte es sagen.«

Der Kapitän lachte, was sonst seine Angewohnheit nicht war.

»Dieser Mensch ist ein Schelm, der alle Sprachen gehört hat, und doch von keiner sehr viel lernte. Er raucht, pfeift und singt den ganzen Tag und gibt, wenn man ihn fragt, Antworten, welche heute wahr und morgen unwahr sind. Ehegestern war er ein Türke, gestern ein Montenegriner, heute ist er ein Druse, und Allah weiß es, was er morgen und übermorgen sein wird.«

»So wirst du also nicht zu mir kommen?«

»Ich komme, nachdem ich eine Pfeife mit dem andern geraucht habe. Allah behüte dich; ich habe noch zu arbeiten.«

Halef war bereits vorausgegangen; ich folgte jetzt nach und streckte mich, in meiner Wohnung angekommen, auf den Diwan, um mir das heutige Erlebnis zurecht zu legen. Dies sollte mir aber nicht gelingen, denn bereits nach kurzer Zeit trat mein Wirt zu mir herein.

»Sallam aaleïkum.«

»Aaleïkum.«

»Effendi, ich komme, um deine Erlaubnis zu holen.«

»Wozu?«

»Es ist ein fremder Sihdi zu mir gekommen und hat mich um eine Wohnung gebeten, die ich ihm auch gegeben habe.«

»Wo liegt diese Wohnung?«

»Droben.«

»So stört mich der Mann ja gar nicht. Tue, was dir beliebt, Scheik.«

»Aber dein Kopf hat viel zu denken, und er hat einen Diener, der sehr viel zu pfeifen und zu singen scheint.«

»Wenn es mir nicht gefällt, so werde ich es ihm verbieten.«

Der besorgte Wirt entfernte sich, und ich war wieder allein, sollte aber doch zu keinem ruhigen Nachdenken kommen, denn ich vernahm die Schritte zweier Menschen, welche, der eine vom Hofe her und der andere von außen her kommend, gerade an meiner Tür zusammentrafen.

»Was willst du hier? Wer bist du?« frug der eine. Ich erkannte an der Stimme Halef, meinen kleinen Diener.

»Wer bist denn du zunächst, und was willst du in diesem Hause?« frug der andere.

»Ich? Ich gehöre in dieses Haus!« meinte Halef sehr entrüstet.

»Ich auch!«

»Wer bist du?«

»Ich bin Hamsad al Dscherbaja.«

»Und ich bin Hadschi Halef Omar Agha.«

»Ein Agha?«

»Ja; der Begleiter und Beschützer meines Herrn.«

»Wer ist dein Herr?«

»Der große Arzt, der hier in dieser Stube wohnt.«

»Ein großer Arzt? Was kuriert er denn?«

»Alles.«

»Alles? Mache mir nichts weis! Es gibt nur einen Einzigen, der alles kurieren kann.«

»Wer ist das?«

»Ich.«

»So bist du auch ein Arzt?«

»Nein. Ich bin auch ein Beschützer meines Herrn.«

»Wer ist dein Herr?«

»Das weiß man nicht. Wir sind erst vorhin in dieses Haus gezogen.«

»Ihr konntet draußen bleiben.«

»Warum?«

»Weil ihr unhöfliche Männer seid und keine Antwort gebt, wenn man fragt. Willst du mir sagen, wer dein Herr ist?«

»Ja.«

»Nun?«

»Er ist, er ist – – mein Herr, aber nicht dein Herr.«

»Schlingel!«

Nach diesem letzten Worte hörte ich, daß mein Halef sich höchst indigniert entfernte. Der andere blieb unter dem Eingange stehen und pfiff; dann begann er leise vor sich hin zu brummen und zu summen; nachher kam eine Pause, und darauf fiel er mit halblauter Stimme in ein Lied.

Ich wäre vor freudiger Ueberraschung beinahe aufgesprungen, denn der Text der beiden Strophen, welche er sang, lautete in dem Arabisch, dessen er sich bediente:

»Fid-dagle ma tera jekun?Chammin hu NabuliunMa balu-hu jedubb hena?Kussu-hu, ja fitjanena!

Gema‘a homr el-elbiseWast el-chala muntasibe.Ma bal hadolik wakifin?

Hallu-na nenzor musri‘ in!«

Und diese arabischen Verse, welche sich sogar ganz prächtig reimten, klingen in unserm guten Deutsch nicht anders als:

»Was kraucht nur dort im Busch herum?Ich glaub‘, es ist Napolium.Was hat er nur zu krauchen dort?Frisch auf, Kam‘raden, jagt ihn fort!

Wer hat nur dort im off‘nen FeldDie roten Hosen hingestellt?Was haben sie zu stehen dort?Frisch auf, Kam‘raden, jagt sie fort!«

Auch die Melodie war ganz und gar dieselbe, Note für Note und Ton für Ton. Ich sprang, als er die zweite Strophe beendet hatte, zur Tür, öffnete dieselbe und sah mir den Menschen an. Er trug weite, blaue Pumphosen, eine eben solche Jacke, Lederstiefeletten und einen Fez auf dem Kopfe, war also eine ganz gewöhnliche Erscheinung.

Als er mich sah, stemmte er die Fäuste in die Hüften, stellte sich, als ob er sich aus mir nicht das mindeste mache, vor mich hin und fragte:

»Gefällt es dir, Effendi?«

»Sehr! Woher hast du das Lied?«

»Selbst gemacht.«

»Sage das einem andern, aber nicht mir! Und die Melodien?«

»Selbst gemacht, erst recht!«

»Lügner!«

»Effendi, ich bin Hamsad al Dscherbaja und lasse mich nicht schimpfen!«

»Du bist Hamsad al Dscherbaja und dennoch ein großer Schlingel! Diese Melodie kenne ich.«

»So hat sie einer gesungen oder gepfiffen, der sie von mir gehört hat.«

»Und von wem hast du sie gehört?«

»Von niemand.«

»Du bist unverbesserlich, wie es scheint. Diese Melodie gehört zu einem deutschen Liede.«

»Oh, Effendi, was weißt du von Deutschland!«

»Das Lied heißt:Was kraucht nur dort im Busch herum?Ich glaub‘, es ist–«

»Hurrjes, wat is mich denn dat!« unterbrach er mich mit jubelndem Tone, da ich diese Worte in deutscher Sprache gesprochen hatte. »Sind Sie man vielleicht een Deutscher?«

»Versteht sich!«

»Wirklich? Ein deutscher Effendi? Woher denn, wenn ich fragen darf, Herr Hekim-Baschi?«

»Aus Sachsen.«

»Een Sachse! Da sollte man doch gleich vor Freede ‚n Ofen einreißen! Und Sie sind man wohl een Türke jeworden?«

»Nein. Sie sind ein Preuße?«

»Dat versteht sich! Een Preuße aus‘n Jüterbog.«

»Wie kommen Sie hierher?«

»Auf der Bahn, per Schiff, per Pferd und Kamel und auch mit die Beene.«

»Was sind Sie ursprünglich?«

»Balbier unjefähr. Es jefiel mir nicht mehr derheeme, und da jing ich in die weite Welt, bald hierhin, bald dorthin, bis endlich hierher.«

»Sie werden mir das alles erzählen müssen. Wem aber dienen Sie jetzt?«

»Es ist een konstantinopolitanischer Kaufmannssohn und heeßt Isla Ben Maflei, hat schauderhaftes Jeld, dat Kerlchen.«

»Was tut er hier?«

»Weeß ich‘s? Er sucht wat.«

»Was denn?«

»Wird wohl vielleicht ‚n Frauenzimmer sein.«

»Ein Frauenzimmer? Das wär‘ doch sonderbar!«

»Wird aber doch wohl zutreffen.«

»Was sollte es für ein Frauenzimmer sein?«

»Ne Montenegrinerin, ‚ne Senitscha oder Senitza, oder wie dat ausjesprochen wird.«

»Wa-a-as? – Senitza heißt sie?«

»Ja.«

»Wissen Sie das gewiß?«

»Versteht sich! Erstens hat er een Bild von ihr; zweetens tut er stets – – halt, er klatscht droben, Herr Effendi; ich muß ‚nauf!«

Ich setzte mich nicht wieder nieder, sondern es trieb mich in dem Zimmer auf und ab. Zwar mußte mir dieser Barbier aus Jüterbog, der sich so poetisch Hamsad al Dscherbaja nannte, höchst interessant sein, noch weit mehr aber war meine Teilnahme für seinen Herrn erwacht, der hier am Nile eine Montenegrinerin suchte, welche den Namen Senitza führte. Unglücklicherweise aber kamen einige Fellahs, welche Kopfschmerz oder Leibweh hatten, und denen meine Zauberkörner helfen sollten. Sie saßen nach orientalischer Sitte eine ganze Stunde bei mir, ehe ich nur erfahren konnte, was ihnen fehlte, und als ich sie abgefertigt hatte, blieben sie am Platze, bis es ihnen selbst beliebte, die Audienz abzubrechen.

So wurde es Abend. Der Kapitän kam und stieg nach oben, ließ aber seinen schlürfenden Schritt nach einer halben Stunde wieder vernehmen und trat bei mir ein. Halef servierte den Tabak und den Kaffee und zog sich dann zurück. Kurze Zeit später hörte ich ihn mit dem Jüterboger Türken zanken.

»Ist dein Leck ausgebessert?« fragte ich Hassan.

»Noch nicht. Ich konnte für heute nur das Loch verstopfen und das Wasser auspumpen. Allah gibt morgen wieder einen Tag.«

»Und wann fährst du ab?«

»Uebermorgen früh.«

»Du würdest mich mitnehmen?«

»Meine Seele würde sich freuen, dich bei mir zu haben.«

»Wenn ich nun noch jemand mitbrächte?«

»Meine Dahabië hat noch viel Platz. Wer ist es?«

»Kein Mann, sondern ein Weib.«

»Ein Weib? Hast du dir eine Sklavin gekauft, Effendi?«

»Nein. Sie ist das Weib eines anderen.«

»Der auch mitfahren wird?«

»Nein.«

»So hast du sie ihm abgekauft?«

»Nein.«

»Er hat sie dir geschenkt?«

»Nein. Ich werde sie ihm nehmen.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Du willst sie ihm nehmen, ohne daß er es weiß?«

»Vielleicht.«

»Mann, weißt du, was das ist?«

»Nun?«

»Eine Tschikarma, eine Entführung!«

»Allerdings.«

»Eine Tschikarma, welche mit dem Tode bestraft wird. Ist dein Geist dunkel und deine Seele finster geworden, daß du in das Verderben gehen willst?«

»Nein. Die ganze Angelegenheit ist noch sehr fraglich. Ich weiß, du bist mein Freund und kannst schweigen. Ich werde dir alles erzählen.«

»Oeffne die Pforte deines Herzens, mein Sohn. Ich höre!«

Ich erstattete ihm Bericht über mein heutiges Abenteuer, und er hörte mir mit Aufmerksamkeit zu. Als ich fertig war, erhob er sich.

»Steh auf, mein Sohn, nimm deine Pfeife und folge mir!«

»Wohin?«

»Das sollst du sogleich sehen.«

Ich ahnte, was er beabsichtigte, und folgte ihm. Er führte mich hinauf in die Wohnung des Kaufmannes. Der Diener desselben war nicht anwesend, daher traten wir ein, nachdem wir uns zuvor durch ein leichtes Hüsteln angemeldet hatten.

Der Mann, welcher sich erhob, war noch jung; er mochte vielleicht sechsundzwanzig Jahre zählen. Der kostbare Tschibuk, aus welchem er rauchte, sagte mir, daß der Jüterboger mit seinem »schauderhaftes Jeld« wohl recht haben könne. Er war eine interessante, sympathische Erscheinung, und ich sagte mir gleich in der ersten Minute, daß ich ihm mein Wohlwollen schenken könnte. Der alte Abu el Reïsahn nahm das Wort:

»Das ist der Großhändler Isla Ben Maflei aus Stambul, und das hier ist Effendi Kara Ben Nemsi, mein Freund, den ich liebe.«

»Seid mir beide willkommen, und setzt euch!« erwiderte der junge Mann.

Er machte ein sehr erwartungsvolles Gesicht, denn er mußte sich sagen, daß der Kapitän jedenfalls einen guten Grund haben müsse, mich so ohne weiteres bei ihm einzuführen.

»Willst du mir eine Liebe erzeigen, Isla Ben Maflei?« fragte der Alte.

»Gern. Sage mir, was ich tun soll.«

»Erzähle diesem Manne die Geschichte, welche du mir vorhin erzählt hast!«

In den Zügen des Kaufmannes drückte sich Staunen und Mißmut aus.

»Hassan el Reïsahn,« meinte er, »du gelobtest mir Schweigen und hast doch bereits geplaudert!«

»Frage meinen Freund, ob ich ein Wort erzählt habe!«

»Warum bringst du ihn denn herauf und begehrst, daß ich auch zu ihm reden soll?«

»Du sagtest zu mir, ich solle während meiner Fahrt, da, wo ich des Abends anlegen muß, die Augen offen halten, um mich nach dem zu erkundigen, was dir verloren ging. Ich habe meine Augen und meine Ohren bereits schon geöffnet und bringe dir hier diesen Mann, der dir vielleicht Auskunft geben kann.«

Isla sprang, die Pfeife fortwerfend, mit einem einzigen Rucke empor.

»Ist‘s wahr? Du könntest mir Auskunft erteilen?«

»Mein Freund Hassan hat kein Wort zu mir gesprochen, und ich weiß daher auch gar nicht, worüber ich dir Auskunft geben könnte. Sprich du zuerst!«

»Effendi, wenn du mir sagen kannst, was ich zu hören wünsche, so werde ich dich besser belohnen, als ein Pascha es könnte!«

»Ich begehre keinen Lohn. Rede!«

»Ich suche eine Jungfrau, welche Senitza heißt.«

»Und ich kenne eine Frau, welche sich denselben Namen gegeben hat.«

»Wo, wo, Effendi? Rede schnell.«

»Magst du mir nicht vorher die Jungfrau beschreiben?«

»O, sie ist schön wie die Rose und herrlich wie die Morgenröte; sie duftet wie die Blüte der Reseda, und ihre Stimme klingt wie der Gesang der Houris. Ihr Haar ist wie der Schweif des Pferdes Gilja, und ihr Fuß ist wie der Fuß von Delila, welche Samson verriet. Ihr Mund träufelt von Worten der Güte, und ihre Augen – – —«

Ich unterbrach ihn durch eine Bewegung meines Armes.

»Isla Ben Maflei, das ist keine Beschreibung, wie ich sie verlange. Sprich nicht mit der Zunge eines Bräutigams, sondern mit den Worten des Verstandes! Seit wann ist sie dir verloren gegangen?«

»Seit zwei Monden.«

»Hatte sie nicht etwas bei sich, woran man sie erkennen kann?«

»O, Effendi, was sollte dies sein?«

»Ein Schmuck vielleicht, ein Ring, eine Kette – – —«

»Ein Ring, ein Ring, ja! Ich gab ihr einen Ring, dessen Gold so dünn war wie Papier, aber er trug eine schöne Perle.«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Wo, Effendi? O, sage es schnell! Und wann?«

»Heute, vor wenigen Stunden.«

»Wo?«

»In der Nähe dieses Ortes, nicht weiter als eine Stunde von hier.«

Der junge Mann kniete bei mir nieder und legte mir seine beiden Hände auf die Schultern.

»Ist es wahr? Sagst du keine Unwahrheit? Täuschest du dich nicht?«

»Es ist wahr; ich täusche mich nicht.«

»So komm, erhebe dich; wir müssen hin zu ihr.«

»Das geht nicht.«

»Es geht, es muß gehen! Ich gebe dir tausend Piaster, zwei-, dreitausend Piaster, wenn du mich zu ihr führst!«

»Und wenn du mir hunderttausend Piaster gibst, so kann ich dich heute nicht zu ihr bringen.«

»Wann sonst? Morgen, morgen ganz früh?«

»Nimm deine Pfeife auf, brenne sie an und setze dich! Wer zu schnell handelt, handelt langsam. Wir wollen uns besprechen.«

»Effendi, ich kann nicht. Meine Seele zittert.«

»Brenne deine Pfeife an!«

»Ich habe keine Zeit dazu; ich muß – – —«

»Wohl! Wenn du keine Zeit zu geordneten Worten hast, so muß ich gehen.«

»Bleibe! Ich werde alles tun, was du willst.«

Er setzte sich wieder an seinen Platz und nahm aus dem Becken eine glimmende Kohle, um den Tabak seiner Pfeife in Brand zu stecken.

»Ich bin bereit. Nun sprich!« forderte er mich dann auf.

»Heute schickte ein reicher Aegypter zu mir, zu ihm zu kommen, weil sein Weib krank sei – – – »

»Sein Weib – – —!«

»So ließ er mir sagen.«

»Du gingst?«

»Ich ging.«

»Wer ist dieser Mann?«

»Er nennt sich Abrahim-Mamur und wohnt aufwärts von hier in einem einsamen, halb verfallenen Hause, welches am Ufer des Niles steht.«

»Es wird von einer Mauer umgeben?«

»Ja.«

»Wer konnte dies ahnen! Ich habe alle Städte, Dörfer und Lager am Nile abgeforscht, aber ich dachte nicht, daß dieses Haus bewohnt werde. Ist sie wirklich sein Weib?«

»Ich weiß es nicht, aber ich glaube es nicht.«

»Und krank ist sie?«

»Sehr.«

»Wallahi, bei Gott, er soll es bezahlen, wenn ihr etwas Böses widerfährt. An welcher Krankheit leidet sie?«

»Ihre Krankheit liegt im Herzen. Sie haßt ihn; sie verzehrt sich in Sehnsucht, von ihm fortzukommen, und wird sterben, wenn es nicht bald geschieht.«

»Nicht er, aber sie hat dir das gesagt?«

»Nein, ich habe es beobachtet.«

»Du hast sie gesehen?«

»Ja.«

»Belauscht?«

»Nein. Er führte mich in seine Frauenwohnung, damit ich mit der Kranken sprechen könne.«

»Er selbst? Unmöglich!«

»Er liebt sie – —«

»Allah strafe ihn!«

»Und fürchtete, daß sie sterben werde, wenn er mich wieder fortschickte.«

»So sprachst du auch mit ihr?«

»Ja, aber nur die Worte, welche er mir erlaubte. Aber sie fand Zeit, mir leise zuzuflüstern: »Rette Senitza!« Sie trägt also diesen Namen, obgleich er sie Güzela nennt.«

»Was hast du ihr geantwortet?«

»Daß ich sie retten werde.«

»Effendi, ich liebe dich; dir gehört mein Leben! Er hat sie geraubt und entführt. Er hat sie durch Betrug an sich gerissen. Komm, Effendi, wir wollen gehen. Ich muß wenigstens das Haus sehen, in welchem sie gefangen gehalten wird!«

»Du wirst hier bleiben! Ich gehe morgen wieder hin zu ihr und – – —«

»Ich gehe mit, Sihdi!«

»Du bleibst hier! Kennt sie den Ring, welchen du am Finger trägst?«

»Sie kennt ihn sehr gut.«

»Willst du mir ihn anvertrauen?«

»Gern. Aber wozu?«

»Ich spreche morgen wieder mit ihr und werde es so einzurichten wissen, daß sie den Ring zu sehen bekommt.«

»Sihdi, das ist vortrefflich! Sie wird sogleich ahnen, daß ich in der Nähe bin. Aber dann?«

»Erzähle du zunächst das, was ich wissen muß.«

»Du sollst alles erfahren, Herr. Unser Geschäft ist eines der größten in Istambul; ich bin der einzige Sohn meines Vaters, und während er den Bazar verwaltet und die Diener beaufsichtigt, habe ich die notwendigen Reisen zu unternehmen. Ich war sehr oft auch in Scutari und sah Senitza, als sie mit einer Freundin auf dem See spazieren fuhr. – Ich sah sie später wieder. Ihr Vater wohnt nicht in Scutari, sondern auf den schwarzen Bergen; sie kam aber zuweilen herunter, um die Freundin zu besuchen. Als ich vor zwei Monaten wieder an jenen See reiste, war die Freundin mit ihrem Manne verschwunden, und Senitza dazu!«

»Wohin?«

»Niemand wußte es.«

»Auch ihre Eltern nicht?«

»Nein. Ihr Vater, der tapfere Osco, hat die Czernagora verlassen, um nach seinem Kinde zu suchen, so weit die Erde reicht; ich aber mußte nach Aegypten, um Einkäufe zu machen. Auf dem Nile begegnete ich einem Dampfboote, welches aufwärts fuhr. Als der Sandal26, auf welchem ich war, an ihm vorüberlenkte, hörte ich drüben meinen Namen nennen. Ich blickte hinüber und erkannte Senitza, welche den Schleier vom Gesicht genommen hatte. Neben ihr stand ein schöner, finsterer Mann, der ihr den Jaschmak sofort wieder überwarf – weiter sah ich nichts. Seit dieser Stunde habe ich ihre Spur verfolgt.«

»Du weißt also nicht genau, ob sie ihre Heimat freiwillig oder gezwungen verlassen hat?«

»Freiwillig nicht.«

»Kanntest du den Mann, der neben ihr stand?«

»Nein.«

»Das ist wunderbar! Oder hast du dich in der Person geirrt? Vielleicht ist es eine andere gewesen, die ihr ähnlich sieht.«

»Hätte sie dann gerufen und die Hände nach mir ausgestreckt, Effendi?«

»Das ist wahr.«

»Sihdi, du hast ihr versprochen, sie zu retten?«

»Ja.«

»Wirst du dein Wort halten?«

»Ich halte es, wenn sie es wirklich ist.«

»Du willst mich nicht mitnehmen. Wie kannst du da erkennen, ob sie es ist?«

»Dein Ring wird mir die Ueberzeugung geben.«

»Und wie wirst du sie aus dem Hause bringen?«

»Indem ich dir sage, auf welche Weise du sie holen kannst.«

»Ich werde sie holen, darauf kannst du dich verlassen.«

»Und dann? Hassan el Reisahn, wärest du bereit, sie in deiner Dahabië aufzunehmen?«

»Ich bin bereit, obgleich ich den Mann nicht kenne, bei dem sie sich befindet.«

»Er nennt sich Mamur, wie ich dir gesagt habe.«

»Wenn er wirklich ein Mamur, der Beherrscher einer Provinz, gewesen ist, so ist er mächtig genug, uns zu verderben, wenn er uns ergreift,« meinte der Kapitän mit ernster Miene. »Eine Entführung wird mit dem Tode bestraft. Mein Freund Kara Ben Nemsi, du wirst morgen sehr klug und vorsichtig handeln müssen.«

Was mich selbst betraf, so dachte ich weniger an die Gefahr als vielmehr an das Abenteuer selbst. Natürlich stand es fest, daß ich keine Hand rühren würde, wenn Abrahim-Mamur ein wirkliches Recht auf die Kranke geltend machen könnte.

Wir besprachen uns noch lange über das bevorstehende Ereignis und trennten uns dann, um schlafen zu gehen, doch war ich überzeugt, daß Isla keine Ruhe finden werde.

Viertes Kapitel: Eine Entfuehrung

Da es sehr spät geworden war, als wir schlafen gingen, so wunderte ich mich nicht darüber, daß ich am andern Morgen auch sehr spät erwachte. Ich hätte vielleicht noch länger fortgeschlafen, wenn ich nicht durch den Gesang des Barbiers erweckt worden wäre. Dieser lehnte draußen am Eingangstore und schien mir zu Ehren seinen ganzen Vorrat an deutschen Liedern erschöpfen zu wollen.

Ich ließ den Sänger hereinkommen, um mich ein Weilchen mit ihm zu unterhalten, und fand in ihm einen recht gutmütigen aber leichtsinnigen Burschen, den ich trotz aller Landsmannschaft sicherlich nicht mit meinem braven Halef vertauscht hätte. Ich ahnte damals nicht, unter was für bösen Verhältnissen ich später mit ihm zusammentreffen würde.

Am Vormittage besuchte ich den Abu el Reïsahn auf seinem Schiffe, und als ich kaum das Mittagsmahl verzehrt hatte, erschien das Boot, welches mich abholen sollte. Halef hatte schon längst fleißigen Ausguck nach demselben gehalten.

»Effendi, fahre ich mit?« fragte er.

Ich schüttelte mit dem Kopfe und antwortete scherzend:

»Heute brauche ich dich nicht.«

»Wie? Du brauchst mich nicht?«

»Nein.«

»Wenn dir nun etwas begegnet!«

»Was soll mir begegnen?«

»Du kannst in das Wasser fallen.«

»So schwimme ich.«

»Oder Abrahim-Mamur kann dich töten. Ich habe es ihm angesehen, daß er dein Freund nicht ist.«

»So könntest du mir auch nicht helfen.«

»Nicht? Sihdi, Halef Agha ist der Mann, auf den du dich allzeit verlassen kannst!«

»So komm!«

Es war ihm natürlich sehr um sein Backschisch27 zu tun.

Der Weg wurde ganz in derselben Weise zurückgelegt, doch war ich heute natürlich aufmerksamer auf alles, was mir von Nutzen sein konnte. Im Garten, den wir durchschreiten mußten, lagen mehrere starke und ziemlich lange Stangen. Sowohl das Außen— wie auch das Innentor wurden immer mit breiten, hölzernen Riegeln verschlossen, deren Konstruktion ich mir genau merkte. Einen Hund sah ich nirgends, und von dem Bootssteurer erfuhr ich, daß außer dem Herrn, der Kranken und einer alten Wärterin elf Fellahs zu dem Hause gehörten und nachts auch in demselben schliefen. Der Herr selbst schlief auf dem Diwan seines Selamlück.

Als ich dort eintrat, kam er mir mit einer sichtlich freundlicheren Miene entgegen, als diejenige war, mit welcher er mich gestern entlassen hatte.

»Sei mir willkommen, Effendi! Du bist ein großer Arzt.«

»So!«

»Sie hat bereits gestern schon gegessen.«

»Ah!«

»Sie hat mit der Wärterin gesprochen.«

»Freundlich?«

»Freundlich und viel.«

»Das ist gut. Vielleicht ist sie bereits in weniger als fünf Tagen vollständig gesund.«

»Und heute früh hat sie sogar ein wenig gesungen.«

»Das ist noch besser. Ist sie schon lange dein Weib?«

Sogleich verfinsterte sich sein Gesicht.

»Die Aerzte der Ungläubigen sind sehr neugierig!«

»Wißbegierig nur: aber diese Wißbegierde rettet vielen das Leben oder die Gesundheit, denen eure Aerzte nicht helfen könnten.«

»War deine Frage wirklich notwendig?«

»Ja!«

»Sie ist noch ein Mädchen, obgleich sie mir gehört.«

»So ist die Hilfe sicher.«

Er führte mich wieder nur bis in das Zimmer, in welchem ich gestern warten mußte und in welchem ich auch heute zurückblieb. Ich sah mich genauer um. Fenster gab es nicht; die Lichtöffnungen waren vergittert. Das hölzerne Gitterwerk war so angebracht worden, daß man es öffnen konnte, indem man ein langes, dünnes Riegelstäbchen herauszog. Schnell entschlossen zog ich es heraus und steckte es so hinter das Gitter, daß es nicht bemerkt werden konnte. Kaum war ich damit fertig, so erschien Abrahim wieder. Hinter ihm trat Senitza ein.

Ich ging auf sie zu und legte ihr meine Fragen vor. Unterdessen spielte ich wie im Eifer für die Sache mit dem Ringe, den mir Isla mitgegeben hatte, und ließ ihn dabei aus den Fingern gleiten. Er rollte hin bis an ihre Füße; sie bückte sich schnell und hob ihn auf. Sofort aber trat Abrahim auf sie zu und nahm ihr ihn aus der Hand. So schnell das ging, sie hatte doch Zeit gehabt, einen Blick auf den Ring zu werfen – sie hatte ihn erkannt, das sah ich an ihrem Zusammenzucken und an der unwillkürlichen Bewegung ihrer Hand nach ihrem Herzen. Nun hatte ich für jetzt weiter nichts mehr hier zu tun.

Abrahim fragte, wie ich sie gefunden habe.

»Gott ist gut und allmächtig,« antwortete ich; »er sendet den Seinen Hilfe, oft ehe sie es denken. Wenn er es will, so ist sie morgen bereits gesund. Sie mag die Medizin nehmen, die ich ihr senden werde, und mit Vertrauen warten, bis ich wiederkomme.«

Heute entließ sie mich, ohne ein Wort zu wagen. Im Selamlück harrte Halef bereits mit der Apotheke. Ich gab nichts als ein Zuckerpulver, wofür der kleine Agha ein noch größeres Backschisch als gestern erhielt. Dann ging es wieder stromabwärts zurück. Der Kapitän erwartete mich bereits bei dem Kaufherrn.

»Hast du sie gesehen?« rief mir dieser entgegen.

»Ja.«

»Erkannte sie den Ring?«

»Sie erkannte ihn.«

»So weiß sie, daß ich in der Nähe bin!«

»Sie ahnte es. Und wenn sie meine Worte richtig deutet, so weiß sie, daß sie heute Nacht errettet wird.«

»Aber wie?«

»Hassan el Reïsahn, bist du mit deinem Lecke fertig?«

»Ich werde fertig bis zum Abend.«

»Bist du bereit, uns aufzunehmen und nach Kairo zu bringen?«

»Ja.«

»So hört mich! In das Haus führen zwei Türen, welche aber von innen verriegelt sind; durch sie können wir nicht eindringen. Aber es gibt noch einen zweiten Weg, wenn er auch schwierig ist. Isla Ben Maflei, kannst du schwimmen?«

»Ja.«

»Gut. Es führt ein Kanal aus dem Nil unter den Mauern hinweg nach einem Bassin, welches in der Mitte des Hofes sich befindet. Kurz nach Mitternacht, wenn alles schläft, treffen wir dort ein, und du dringst durch den Kanal und das Bassin in den Hof. Die Türe, welche du sofort finden wirst, ist durch einen Riegel verschlossen, der sehr leicht zurückzuschieben ist. Indem du öffnest, kommst du in den Garten, dessen Türe auf gleiche Weise sich öffnen läßt. Sobald die Türen offen sind, trete ich ein. Wir holen eine Stange aus dem Garten und lehnen sie an die Mauer, um zu dem Gitter emporzusteigen, hinter welchem die Frauengemächer liegen. Ich habe es bereits von innen geöffnet.«

»Und dann?«

»Was dann geschehen soll, muß sich nach den Umständen richten. Wir fahren mit einem Boote bis an Ort und Stelle, wo unsere erste Arbeit sein muß, das Boot Abrahim-Mamurs zu versenken, so daß er uns nicht verfolgen kann. Unterdessen macht der Reïs seine Dahabië segelfertig.«

Ich nahm einen Stift zur Hand und zeichnete den Riß des Hauses auf ein Blatt Papier, so daß Isla Ben Maflei vollständig orientiert war, wenn er heute abend aus dem Bassin stieg. Der Tag verging vollends unter den notwendigen Vorbereitungen; der Abend kam, und als es Zeit wurde, rief ich Halef herein und gab ihm die nötigen Weisungen für das bevorstehende Abenteuer.

Halef packte rasch unsere Habseligkeiten zusammen. Die Wohnungsmiete war schon voraus bezahlt.

Ich begab mich zu Hassan, und Halef kam sehr bald mit den Sachen nach. Das Schiff war bereit zur Fahrt und brauchte nur noch vom Ufer gelöst zu werden. Nach einiger Zeit stellte sich auch Isla mit seinem Diener ein, der von ihm unterrichtet worden war, und nun stiegen wir in das lange, schmale Boot, welches zur Dahabië gehörte. Die beiden Diener mußten rudern, und ich lenkte das Steuer.

Es war eine jener Nächte, in denen die Natur in so tiefem Vertrauen ruht, als gäbe es auf dem ganzen weiten Erdenrunde kein einziges drohendes Element.

Die leisen Lüfte, welche mit dem Schatten der Dämmerung gespielt hatten, waren zur Ruhe gegangen; die Sterne des Südens lächelten freundlich aus dem tiefblauen Dunkel des Himmels herab, und die Wasser des ehrwürdigen Stromes fluteten ruhig und lautlos dahin in ihrer breiten Bahn. Diese Ruhe herrschte auch in meinem Innern, obgleich es schwer scheint, dies zu glauben.

Es war nichts Leichtes, was wir zu vollbringen gedachten, aber man bebt ja vor einem Ereignisse; ist dasselbe jedoch einmal angebahnt oder gar bereits eingetreten, so hat man mit den Chancen abgeschlossen und kann ohne innere Kämpfe handeln. Eine nächtliche Entführung wäre vielleicht gar nicht notwendig gewesen; wir hätten vielmehr Abrahim-Mamur vor Gericht angreifen können. Aber wir wußten ja nicht, wie die Verhältnisse lagen und welche rechtlichen und unrechtlichen Mittel ihm zu Gebote standen, sein Anrecht auf Senitza geltend zu machen. Nur von ihr erst konnten wir erfahren, was wir wissen mußten, um gegen ihn aufzutreten, und das konnten wir nur dann erfahren, wenn es uns gelang, sie hinter seinem Rücken in unsere Hände zu bekommen.

Nach einer kleinen Stunde hoben sich die dunklen Umrisse des Gebäudes aus ihrer grauen, steinigen Umgebung hervor. Wir legten eine kurze Strecke unterhalb der Mauer an, und ich stieg zunächst ganz allein aus, um zu rekognoszieren. Ich fand in der ganzen Umgebung des Hauses nicht die geringste Spur von Leben, und auch innerhalb der Mauern schien alles in tiefster Ruhe zu liegen. Am Kanale lag das Boot Abrahims mit den Rudern. Ich stieg ein und brachte es neben unsern Kahn.

»Hier ist das Boot,« sagte ich zu den beiden Dienern. »Fahrt es ein wenig abwärts, füllt es mit Steinen und laßt es sinken. Die Ruder aber können wir gebrauchen. Wir nehmen sie in unser Boot herein, welches ihr nachher nicht anhängen laßt, sondern so bereit haltet, daß wir abstoßen können, sobald wir einsteigen. Isla Ben Maflei, folge mir!«

Ich verließ das Boot, und wir schlichen zum Kanale. Dessen Wasser blickten uns nicht sehr einladend entgegen. Ich warf einen Stein hinein und erkannte dadurch, daß der Kanal nicht tief sei. Isla zog seine Kleider aus und stieg hinein. Das Wasser reichte ihm bis an das Kinn.

»Wird es gehen?« fragte ich ihn.

»Mit dem Schwimmen besser als mit dem Gehen. Der Kanal hat so viel Schlamm, daß er mir fast bis an die Kniee reicht.«

»Bist du noch entschlossen?«

»Ja. Bringe meine Kleider mit zum Tore. Haidi, wohlan!«

Er hob die Beine empor, stieß die Arme aus und verschwand unter der Maueröffnung, durch welche das Wasser führte.

Ich verließ die Stelle nicht sofort, sondern ich wartete noch eine Weile, da es ja sehr leicht möglich war, daß etwas Unvorhergesehenes geschehen konnte, was meine Gegenwart wünschenswert erscheinen ließ. Ich hatte das Richtige getroffen, denn eben wollte ich mich wenden, als der Kopf des Schwimmers in der Oeffnung wieder erschien.

»Du kehrst zurück?«

»Ja. Ich konnte nicht weiter.«

»Warum?«

»Effendi, wir können Senitza nicht befreien!«

»Weshalb nicht?«

»Die Mauer ist zu hoch – – —«

»Es würde auch nichts helfen, wenn sie niedriger wäre, denn das Haus ist fest verschlossen.«

»Und der Kanal auch.«

»Verschlossen?«

»Ja.«

»Womit?«

»Mit einem starken Holzgitter.«

»Konntest du es nicht entfernen?«

»Es widersteht aller meiner Kraft.«

»Wie weit ist der Ort von hier?«

»Das Gitter muß sich grad bei der Grundmauer des Hauses befinden.«

»Ich werde einmal nachsehen. Ziehe dich an; halte meine Kleider und erwarte mich hier.«

Ich warf nur das Obergewand ab und stieg in das Wasser. Mich auf den Rücken legend, schwamm ich vorwärts. Der Kanal war auch im Garten nicht offen, sondern mit steinernen Platten bedeckt. Als ich nach meiner Berechnung das Haus erreicht haben mußte, stieß ich an das Gitter. Es war so breit und hoch wie der Kanal selbst, bestand aus starken, gut eingefügten Holzstangen und war mit eisernen Klammern an die Mauer befestigt. Die Vorrichtung hatte jedenfalls den Zweck, Tiere wie etwa Ratten, Wassermäuse usw. vom Bassin fernzuhalten. Ich rüttelte daran; es gab nicht nach, und ich mußte einsehen, daß es im ganzen nicht zu entfernen sei. Ich faßte einen einzelnen Stab mit beiden Händen, stemmte die hoch emporgezogenen Kniee hüben und drüben gegen die Mauer – ein Ruck aus allen Kräften, und die Stange zerbrach. Jetzt war eine Bresche da, und in Zeit von zwei Minuten hatte ich noch vier Stäbe herausgerissen, so daß eine Oeffnung entstanden war, durch welche ich mich zwängen konnte.

Sollte ich zurückkehren, um Isla das weitere zu überlassen? Nein, denn das wäre Zeitverschwendung gewesen. Ich befand mich nun einmal im Wasser und kannte ja auch die Oertlichkeit genauer als er. Ich passierte also die Oeffnung, welche ich mir gemacht hatte, und schwamm weiter fort in dem Wasser, welches durch den aufgewühlten Schlamm ganz dick war. Als ich mich nach meiner ungefähren Berechnung unter dem inneren Hofe befinden mußte, senkte sich plötzlich die Wölbung bis auf die Oberfläche des Wassers herunter, und ich wußte nun, daß ich mich in der Nähe des Bassins befand. Der Kanal glich von hier aus nur noch einer Röhre, welche so vollständig mit Wasser gefüllt war, daß die zum Atmen nötige Luft fehlte. Die noch übrige Strecke mußte ich also unter Wasser durchkriechen oder tauchend durchschwimmen, was nicht nur höchst unbequem und anstrengend, sondern auch mit größter Gefahr verbunden war. Wie nun, wenn sich ein zweites, unvorhergesehenes Hindernis in den Weg stellte und ich auch nicht so weit zurückkehren konnte, um den nötigen Atem zu holen? – – Oder wenn ich beim Emportauchen bemerkt wurde? Es war doch immerhin möglich, daß sich jemand in dem Hofe befand.

Diese Bedenken durften mich nicht irre machen. Ich sog die Lunge voll Atem, bog mich unter das Wasser und schob mich, halb schwimmend und halb gehend, mit möglichster Schnelligkeit vorwärts.

Eine ziemliche Strecke legte ich so zurück, und schon verspürte ich den eintretenden Luftmangel, als ich mit der Hand wirklich an ein neues Hindernis stieß. Es war, wie ich fühlte, ein aus einem durchlöcherten Blech bestehendes Siebgitter, welches die ganze Lichte der Kanalröhre einnahm und jedenfalls, so zu sagen, als Seiher oder Filter des schlammigen, trüben Wassers dienen sollte.

Bei dieser Entdeckung bemächtigte sich eine wirkliche Aengstlichkeit meiner.

Zurück konnte ich nicht mehr, denn ehe ich die Stelle zu erreichen vermochte, wo die höhere Wölbung des Kanals mir gestattet hätte, emporzutauchen und Atem zu schöpfen, war ich jedenfalls schon erstickt, und doch schien das ziemlich starke Siebwerk sehr haltbar befestigt zu sein. Hier gab es freilich nur zwei Fälle: entweder es gelang mir, hindurchzukommen, oder ich mußte elend ertrinken. Es war kein Augenblick zu verlieren.

Ich stemmte mich gegen das Blech – vergebens; ich drückte und preßte mit aller Gewalt dagegen, doch ohne Erfolg. Und wenn ich hindurch kam und hinter ihm nicht sofort das Bassin sich befand, so war ich dennoch verloren. Ich hatte nur noch Luft und Kraft für eine Sekunde; es war mir, als wolle eine fürchterliche Gewalt mir die Lunge zerbersten und den Körper zersprengen – noch eine letzte, die allerletzte Anstrengung; Herr Gott im Himmel, hilf, daß es mir gelingt! Ich fühle den Tod mit nasser, eisiger Hand nach meinem Herzen greifen; er packt es mit grausamer, unerbittlicher Faust und drückt es vernichtend zusammen; die Pulse stocken; die Besinnung schwindet; die Seele sträubt sich mit aller Gewalt gegen das Entsetzliche; eine krampfhafte, tödliche Expansion dehnt die erstarrenden Sehnen und Muskeln aus – ich höre keinen Krach, kein Geräusch, aber der Kampf des Todes hat vermocht, was dem Leben nicht gelingen wollte – das Sieb weicht, es geht aus den Fugen, ich fahre empor. Ein langer, langer, tiefer Atemzug, der mir augenblicklich das Leben wiederbrachte, dann tauchte ich wieder unter. Es konnte ja jemand im Hofe sein und meinen Kopf bemerken, der grad in der Mitte der kleinen Wasserfläche sichtbar geworden war. Am Rande derselben kam ich vorsichtig wieder auf und blickte mich um.

Es schien kein Mond, aber die Sterne des Südens verbreiteten ein genügendes Licht, um alle Gegenstände unterscheiden zu können. Ich stieg aus dem Bassin und wollte mich leise an die Mauer schleichen, als ich ein leises Knacken vernahm. Ich blickte empor zu den Gittern, hinter denen die Frauengemächer lagen. Hier, rechts über mir, war die Stelle, an welcher ich den Riegelstab entfernt hatte, und links davon bemerkte ich eine Spalte in der Vergitterung desjenigen Zimmers, in welches ich nicht hatte treten dürfen. Es war jedenfalls das Schlafzimmer Senitzas. War sie wach geblieben, um mich zu erwarten? Kam das Knacken von dem Gitter, welches sie auch in ihrer Stube geöffnet hatte? War dies der Fall, so hatte sie mich aus dem Wasser steigen sehen und sich jetzt wieder zurückgezogen, da sie mich unmöglich erkennen konnte. Ich schlich näher und legte die Hände rund um den Mund.

»Senitza!« flüsterte ich leise.

Da wurde die Spalte größer und ein dunkles Köpfchen erschien.

»Wer bist du?« hauchte es herab.

»Der Hekim, welcher bei dir war.«

»Du kommst, mich zu retten?«

»Ja. Du hast es geahnt und meine Worte verstanden?«

»Ja. Bist du allein?«

»Isla Ben Maflei ist draußen.«

»Ach! Er wird getötet werden!«

»Von wem?«

»Von Abrahim. Er schläft nicht des Nachts; er wacht. Und die Wärterin liegt in dem Raume neben mir. Halt – horch! Oh, fliehe schnell!«

Dort hinter der Tür, welche zum Selamlük führte, ließ sich ein Geräusch vernehmen. Die Spalte oben schloß sich, und ich eilte augenblicklich zum Bassin zurück. Dort war der einzige Ort, wo ich Zuflucht finden konnte. Vorsichtig, damit das Wasser keine Wellen werfen sollte, die mich verraten hätten, glitt ich hinein.

Kaum war dies geschehen, so öffnete sich die Tür, und es erschien die Gestalt Abrahims, der langsam und spähend den Hof umschritt. Ich stand bis zum Munde im Wasser, und mein Kopf war hinter der Einfassung verborgen, so daß mich der Aegypter nicht gewahr werden konnte. Dieser überzeugte sich, daß das Tor noch verschlossen sei, und verschwand, nachdem er die Runde vollendet hatte, wieder in dem Selamlük.

Jetzt stieg ich wieder aus dem Wasser, glitt zum Tore, schob den Riegel zurück und öffnete. Ich stand im Garten. Rasch eilte ich quer über denselben hinweg, um nun auch das Mauertor zu öffnen, und dann wollte ich um die Ecke biegen, Isla Ben Maflei zu holen, als dieser eben erschien.

»Hamdulillah, Preis sei Gott, Effendi! Es ist dir gelungen.«

»Ja, Aber ich kämpfte mit dem Tode. Gib mir mein Gewand!«

Hose und Weste trieften mir von Wasser; ich warf nur die Jacke über, um nicht in meinen Bewegungen gehindert zu sein, und sagte ihm:

»Ich sprach bereits mit Senitza.«

»Ist es wahr, Effendi?«

»Sie hatte mich verstanden und erwartete uns.«

»O komm! Schnell, schnell!«

»Warte noch!«

Ich ging in den Garten, um eine der Stangen zu holen, welche ich erst bei meiner zweiten Anwesenheit bemerkt hatte. Dann traten wir in den Hof. Die Spalte oben im Gitterwerke hatte sich bereits wieder geöffnet.

»Senitza28, mein Stern, mein – —« rief Isla mit unterdrückter Stimme, als ich emporgezeigt hatte. Ich unterbrach ihn: »Um alles in der Welt, still! Hier ist keine Zeit zu Herzensergüssen. Du schweigst, und nur ich rede!«

Dann wandte ich mich empor zu ihr:

»Bist du bereit, mit uns zu gehen?«

»Oh, ja!«

»Durch die Zimmer geht es nicht?«

»Nein. Aber drüben hinter den hölzernen Säulen liegt eine Leiter.«

»Ich hole sie!«

Wir brauchten also weder die Stange noch den mitgebrachten Strick. Ich ging und fand die Leiter. Sie war fest. Als ich sie angelehnt hatte, stieg Isla empor. Ich schlich unterdessen nach der Tür zum Selamlük, um zu horchen.

Es dauerte einige Zeit, ehe ich die Gestalt des Mädchens erscheinen sah. Sie stieg herab, und Isla unterstützte sie dabei. In dem Augenblicke, in welchem sie den Boden erreichten, erhielt die Leiter einen Stoß; sie schwankte und stürzte mit einem lauten Krach zu Boden.

»Flieht! Schnell nach dem Boote!« warnte ich.

Sie eilten nach dem Tore, und zu gleicher Zeit hörte ich Schritte hinter der Tür. Abrahim hatte das Geräusch vernommen und kam herbei. Ich mußte den Fliehenden den Rückzug decken und folgte ihnen also mit nicht zu großer Schnelligkeit. Der Aegypter bemerkte mich, sah auch die umgestürzte Leiter und das geöffnete Gitter.

Er stieß einen Schrei aus, der von allen Bewohnern des Hauses gehört werden mußte.

»Chirsytz, hajdut, Dieb, Räuber, halt! Herbei, herbei, ihr Männer, ihr Leute, ihr Sklaven! Hilfe!«

Mit diesen laut gebrüllten Worten sprang er hinter mir her. Da der Orient keine Betten nach Art der unseren kennt und man meist in den Kleidern auf dem Diwan schläft, so waren die Bewohner des Hauses alsbald auf den Beinen.

Der Aegypter war hart hinter mir. Am Außentore blickte ich mich um. Er war nur zehn Schritte von mir entfernt, und dort an dem inneren Tore erschien bereits ein zweiter Verfolger.

Draußen bemerkte ich nach rechts Isla Ben Maflei mit Senitza fliehen; ich wandte mich also nach links. Abrahim ließ sich täuschen. Er sah nicht sie, sondern nur mich und folgte mir. Ich sprang um die eine Ecke, in der Richtung nach dem Flusse zu, oberhalb des Hauses, während unser Boot unterhalb desselben lag. Dann rannte ich um die zweite Ecke, das Ufer entlang.

»Halt, Bube! Ich schieße!« erscholl es hinter mir.

Er hatte also die Waffen bei sich gehabt. Ich eilte weiter. Traf mich seine Kugel, so war ich tot oder gefangen, denn hinter ihm folgten seine Diener, wie ich aus ihrem Geschrei vernahm. Der Schuß krachte. Er hatte im Laufen gezielt, statt dabei stehen zu bleiben; das Geschoß flog an mir vorüber. Ich tat, als sei ich getroffen, und warf mich zur Erde nieder.

Er stürzte an mir vorbei, denn er hatte nun das Boot bemerkt, in welches Isla eben mit Senitza einstieg. Gleich hinter ihm sprang ich wieder auf. Mit einigen weiten Sprüngen hatte ich ihn erreicht, packte ihn im Nacken und warf ihn nieder.

Das Geschrei der Fellatah erscholl aber jetzt hinter mir, sie waren mir sehr nahe, da ich mit dem Niederwerfen Zeit und Raum verloren hatte; aber ich erreichte den Kahn und sprang hinein. Sofort stieß Halef vom Ufer, von welchem wir bereits mehrere Bootslängen entfernt waren, als die Verfolger dort ankamen.

Abrahim hatte sich wieder emporgerafft. Er überblickte die ganze Situation.

»Geri,« brüllte er: »geri erkekler – zurück, zurück, ihr Männer! – Zurück, nach dem Boote!«

Alle wandten sich um in der Richtung nach dem Kanale, wo ihr Kahn gelegen hatte. Abrahim kam zuerst an und stieß einen Schrei der Wut aus. Er sah, daß das Boot verschwunden war.

Wir hatten unterdessen die ruhigeren Gewässer des Ufers verlassen und das schneller strömende Wasser erreicht, Halef und der Barbier aus Jüterbog ruderten; auch ich nahm eines der aus dem Boote Abrahims genommenen Ruder; Isla tat dasselbe, und so schoß unser Kahn sehr schnell stromabwärts.

Es wurde kein Wort gesprochen; unsere Stimmung war nicht danach, in Worte gefaßt zu werden.

Während des ganzen Abenteuers war doch eine längere Zeit vergangen, so daß jetzt bereits sich der Horizont rötete und man die nebellosen Wasser des Niles weithin zu überblicken vermochte. Noch immer sahen wir Abrahim mit den Seinigen am Ufer stehen, und weiter oben erschien ein Segel, welches in dem Morgenrot erglühte.

»Ein Sandal!« meinte Halef.

Ja, es war ein Sandal, eine jener lang gebauten, stark bemannten Barken, welche so schnell segeln, daß sie fast mit einem Dampfer um die Wette gehen.

»Er wird den Sandal anrufen und uns auf demselben verfolgen,« sagte Isla.

»Hoffentlich ist der Sandal ein Kauffahrer, der nicht auf ihn hört!«

»Wenn Abrahim dem Reïs eine genügende Summe bietet, wird dieser sich nicht weigern.«

»Auch in diesem Falle würden wir einen guten Vorsprung gewinnen. Ehe der Sandal anlegt und der Reïs mit Abrahim verhandelt hat, vergeht einige Zeit. Auch muß sich Abrahim, ehe er an Bord gehen kann, mit allem versehen, was zu einer längeren Reise notwendig ist, da er nicht wissen kann, welche Ausdehnung die Verfolgung haben wird.«

Das Segel entschwand jetzt unseren Blicken, und wir machten eine so schnelle Fahrt, daß wir nach kaum einer halben Stunde die Dahabië zu Gesicht bekamen, welche uns weiter tragen sollte.

Der alte Abu el Reïsahn lehnte an der Brüstung des Sternes. Er sah, daß eine weibliche Person im Boote saß, und wußte also, daß unser Unternehmen gelungen sei, wenigstens gelungen bis zu diesem Augenblick.

»Legt an,« rief er. »Die Treppe ist niedergelassen!«

Wir stiegen an Bord, und das Boot wurde am Steuer befestigt. Dann ließ man die Seile gehen und zog die Segel auf. Das Fahrzeug drehte den Schnabel vom Land ab; der Wind legte sich in das Leinen, und wir strebten der Mitte des Stromes zu, welcher uns nun abwärts trug.

Ich war zum Reïs getreten.

»Wie ging es?« fragte er mich.

»Sehr gut. Ich werde es dir erzählen; doch sage mir vorher, ob ein guter Sandal dein Fahrzeug einholen könnte.«

»Werden wir verfolgt?«

»Ich glaube es nicht, doch ist es möglich.«

»Meine Dahabië ist sehr gut, aber ein guter Sandal holt jede Dahabië ein.«

»So wollen wir wünschen, daß wir unverfolgt bleiben!«

Ich erzählte nun den Hergang unseres Abenteuers und ging dann nach der Kajüte, um meine noch immer feuchten Kleider zu wechseln. Sie war in zwei Teile geteilt, einen kleinen und einen größeren. Der erstere war für Senitza und der letztere für den Kapitän, Isla Ben Maflei und mich bestimmt.

Es waren vielleicht zwei Stunden seit unserer Abfahrt vergangen, als ich oberhalb unseres Schiffes die Spitze eines Segels bemerkte, welches sich immer mehr vergrößerte. Als der Rumpf sichtbar wurde, erkannte ich den Sandal, welchen wir in der Frühe gesehen hatten.

»Siehst du das Schiff?« fragte ich den Reïs.

»Allah akbar, Gott ist groß, und deine Frage ist auch groß,« antwortete er mir. »Ich bin ein Reïs und sollte ein Segel nicht sehen, welches so nahe hinter dem meinigen steuert!«

»Ob es ein Fahrzeug des Khedive ist?«

»Nein.«

»Woraus erkennst du dies?«

»Ich kenne diesen Sandal sehr genau.«

»Ah!«

»Er gehört dem Reïs Chalid Ben Mustapha.«

»Kennst du diesen Chalid?«

»Sehr; aber wir sind keine Freunde.«

»Warum?«

»Ein ehrlicher Mann kann nicht der Freund eines Unehrlichen sein.«

»Hm, so ahnt mir etwas.«

»Was?«

»Daß sich Abrahim-Mamur an seinem Bord befindet.«

»Werden es sehen!«

»Was wirst du tun, wenn der Sandal sich an die Dahabië legen will?«

»Ich muß es zugeben. Das Gesetz sagt es so.«

»Und wenn ich es nicht zugebe?«

»Wie wolltest du dies anfangen? Ich bin der Reïs meiner Dahabië und habe nach den Vorschriften des Gesetzes zu handeln.«

»Und ich bin der Reïs meines Willens.«

Jetzt trat Isla zu uns. Ich wollte ihm keine zudringliche Frage vorlegen, aber er begann selbst:

»Kara Ben Nemsi, du bist mein Freund, der beste Freund, den ich gefunden habe. Soll ich dir erzählen, wie Senitza in die Hände des Aegypters gekommen ist?«

»Ich möchte es sehr gerne hören, doch zu einer solchen Erzählung gehört die Ruhe und Sammlung, welche wir jetzt nicht haben können.«

»Du bist unruhig? Weshalb?«

Er hatte das hinter uns segelnde Fahrzeug noch nicht bemerkt.

»Drehe dich um, und siehe diesen Sandal.«

Er wandte sich um, sah das Schiff und fragte:

»Ist Abrahim an Bord?«

»Ich weiß es nicht, aber es ist sehr leicht möglich, weil der Kapitän ein Schurke ist, der sich von Abrahim erkaufen lassen wird.«

»Woher weißt du, daß er ein Schurke ist?«

»Abu el Reïsahn sagt es.«

»Ja,« bestätigte dieser; »ich kenne diesen Kapitän und kenne auch sein Schiff. Selbst wenn es weiter entfernt wäre, würde ich es an seinem Segel erkennen, welches dreifach ausgebessert und zusammengeflickt ist.«

»Was werden wir tun?« fragte Isla.

»Zunächst abwarten, ob Abrahim sich an Bord befindet.«

»Und wenn er da ist?«

»So kommt er nicht zu uns herüber.«

Unser Schiffsführer prüfte den Fortgang des Sandal und denjenigen, den wir selbst machten, und meinte dann:

»Er kommt uns immer näher. Ich werde eine Triketha29 beisetzen lassen.«

Dies geschah, aber ich merkte bereits nach einigen Minuten, daß die Entscheidung dadurch höchstens verzögert, nicht aber aufgehoben werde. Der Sandal kam uns immer näher; endlich war er nur noch eine Schiffslänge von uns entfernt und ließ das eine Segel fallen, um seine Schnelligkeit zu vermindern. Wir sahen Abrahim-Mamur auf dem Deck stehen.

»Er ist da!« sagte Isla.

»Wo steht er?« fragte der Reïs.

»Ganz vorn am Buge.«

»Dieser? Kara Ben Nemsi, was tun wir? Sie werden uns ansprechen, und wir müssen ihnen antworten.«

»Wer hat nach deinen Gesetzen zu antworten?«

»Ich, der Inhaber meiner Dahabië.«

»Merke auf, was ich dir sage, Abu el Reïsahn. Bist du bereit, mir dein Schiff von hier bis Kahira zu vermieten?«

Der Kapitän sah mich erstaunt an, begriff dann aber gleich, was ich für einen Zweck verfolgte.

»Ja,« antwortete er.

»Dann bin also ich der Inhaber?«

»Ja.«

»Und du als Reïs mußt tun, was ich will?«

»Ja.«

»Und bist für nichts verantwortlich?«

»Nein.«

»Gut. Rufe deine Leute zusammen!«

Auf seinen Ruf kamen alle herbei, und der Kapitän erklärte ihnen:

»Ihr Männer, ich sage euch, daß dieser Effendi, welcher Kara Ben Nemsi heißt, unsere Dahabië von hier bis nach Kahira gemietet hat. Ist es nicht so?«

»Ja, es ist so,« bestätigte ich.

»Ihr könnt mir also bezeugen, daß ich nicht mehr Herr des Schiffes bin?« fragte er die Leute.

»Wir bezeugen es.«

»So geht an eure Plätze. Das aber müßt ihr wissen, daß ich die Leitung des Schiffes behalte, denn Kara Ben Nemsi hat es mir befohlen.«

Sie entfernten sich, sichtlich befremdet über die sonderbare Mitteilung, welche ihnen geworden war.

Mittlerweile war der Sandal in gleiche Linie mit uns gekommen. Der Kapitän desselben, ein alter langer, sehr hagerer Mann mit einer Reiherfeder auf dem Tarbusch, trat an die Bordung und fragte herüber:

»Ho, Dahabië; welcher Reïs?«

Ich neigte mich vor und antwortete:

»Reïs Hassan.«

»Hassan Abu el Reïsahn?«

»Ja.«

»Schön, kenne ihn,« antwortete er mit schadenfroher Miene. »Ihr habt ein Weib an Bord?«

»Ja.«

»Gebt es heraus!«

»Chalid Ben Mustapha, du bist verrückt!«

»Wird sich finden. Wir werden bei euch anlegen.«

»Das werden wir verhindern.«

»Wie willst du dies anfangen?«

»Das will ich dir sofort zeigen. Merke auf die Feder an deinem Tarbusch!«

Ich erhob sehr schnell die Büchse, welche ich, ohne daß er sie gesehen hatte, bereit gehalten hatte, zielte und drückte los. Die Feder flog herab. Selbst das entsetzlichste Unglück hätte den würdigen Ben Mustapha nicht so in Aufregung versetzen können, wie dieser Warnungsschuß. Er fuhr so hoch in die Luft, als beständen seine hageren Gliedmaßen aus elastischem Gummi, hielt sich den Kopf mit beiden Händen und floh hinter den Mast.

»Jetzt weißt du, wie ich schieße, Ben Mustapha,« rief ich hinüber. »Wenn dein Sandal noch eine einzige Minute bei uns backseits fährt, so schieße ich dir nicht die Feder vom Tarbusch, sondern die Seele aus dem Leibe; darauf kannst du dich verlassen!«

Diese Drohung hatte eine augenblickliche Wirkung. Er eilte an das Steuer, riß es aus den Händen dessen, der es bisher regiert hatte, und drehte ab. In zwei Minuten befand sich der Sandal in einer solchen Entfernung von uns, daß ihn meine Kugel nicht erreichen konnte.

»Jetzt sind wir für den Augenblick sicher,« meinte ich.

»Er wird nicht wieder so nahe kommen,« stimmte Hassan bei; »aber er wird uns auch nicht aus dem Auge lassen, bis wir irgendwo an das Ufer legen, wo er die Hilfe des Gesetzes in Anspruch nehmen wird. Die fürchte ich freilich nicht; aber ich fürchte etwas anderes.«

»Was?«

»Das da!«

Er deutete mit der Hand hinaus auf das Wasser, und wir verstanden sogleich, was er meinte.

Schon seit einiger Zeit hatten wir bemerkt, daß die Wogen mit größerer Gewalt und Schnelligkeit vorwärts strebten als vorher und die jetzt felsig gewordenen Ufer einander immer näher traten. Wir näherten uns nämlich einer jener Stromschnellen, welche, mehr oder weniger gefahrdrohend für den Schiffer, dem Verkehre auf dem Nile fast unüberwindliche Hindernisse entgegenstellen. Jetzt mußte die Feindschaft der Menschen schweigen, damit sich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller auf das drohende Element richten konnte. Die Stimme des Reïs tönte laut schallend über das Deck:

»Blickt auf, ihr Männer, der Schellahl kommt, der Katarakt! Tretet zusammen und betet die heilige Fatcha!«

Die Leute folgten seinem Gebote und begannen:

»Behüte uns, o Herr, vor dem von dir gesteinigten Teufel!«

»Im Namen des Allbarmherzigen!« intonierte der Reïs.

Darauf fielen die andern ein und beteten die Fatcha, die erste Sure des Koran.

Ich muß gestehen, daß dieses Gebet auch mich ergriff, aber nicht aus Furcht vor der Gefahr, sondern aus Ehrfurcht vor der tief im Herzen wurzelnden Religiosität dieser halbwilden Menschen, welche nichts tun und beginnen, ohne sich dessen zu erinnern, der in dem Schwachen mächtig ist.

»Wohlan, ihr jungen Männer, ihr mutigen Helden, geht an euere Plätze,« gebot nun der Führer; »der Strom hat uns ergriffen.«

Das Kommando eines Nilschiffes läuft nicht so ruhig und exakt ab, wie die Führung eines europäischen Fahrzeuges. Das heiße Blut des Südens rollt durch die Adern und treibt in der Gefahr den Menschen von dem Extreme der ausschweifendsten Hoffnung herab auf dasjenige der tiefsten Niedergeschlagenheit und Verzweiflung. Alles schreit, ruft, brüllt, heult, betet oder flucht im Augenblicke der Gefahr, um im nächsten Momente, wenn diese Gefahr vorübergegangen ist, noch lauter zu jubeln, zu pfeifen, zu singen und zu jauchzen. Dabei arbeitet ein jeder mit Anspannung aller seiner Kräfte, und der Schiffsführer springt von einem zum andern, um jeden anzufeuern, tadelt die Säumigen in Ausdrücken, wie sie nur ein Araber sich auszusinnen vermag, und belohnt die andern mit den süßesten, zärtlichsten Namen, unter denen sich das Wort »Held« am meisten wiederholt. Hassan hatte sich auf das Passieren der Stromschnelle vorbereitet und Reservemannschaft eingenommen. Jedes Ruder war doppelt besetzt, und am Steuer standen drei Barkenführer, welche jeden Fußbreit des Stromes hier an dieser gefährlichen Stelle kannten.

Mit furchtbarer Gewalt rauschten die Wogen jetzt über die von dem Wasser kaum bedeckten Felsblöcke; die Wellen stürzten schäumend über das Deck, und der Donner des Kataraktes übertäubte jedes, auch das lauteste Kommandowort. Das Schiff stöhnte und krachte in allen Fugen; die Ruder versagten ihre Dienste und, dem Steuer vollständig ungehorsam, tobte die Dahabië durch die kochenden Gewässer.

Da treten die schwarzen, glänzenden Felsen vor uns eng zusammen und lassen nur noch ein Tor offen, welches kaum die Breite unseres Schiffes besitzt. Die Wogen werden förmlich durch dasselbe hindurchgepreßt und stürzen sich in einem dicken, mächtigen Strahle nach unten in ein Becken, welches übersäet ist von haarscharfen und nadelspitzen Steinblöcken.

Mit sausender Hast schießen wir dem Tore zu. Die Ruder werden eingezogen. Jetzt befinden wir uns in dem furchtbaren Loche, dessen Wände uns zu beiden Seiten so nahe sind, daß wir sie fast mit den Händen erreichen können. Als wolle sie uns hinaustreiben in die Luft, so schleudert uns die rasende Gewalt der Strömung über die sprühenden, gischtspritzenden Kämme des Falles hinaus, und wir stürzen hinab in den Schlund des Kessels. Es brodelt, spritzt, rauscht, tobt, donnert und brüllt um uns her. Da packt es uns wieder mit unwiderstehlicher Macht und reißt uns eine schief abfallende Ebene hinab, deren Wasserfläche glatt und freundlich vor uns liegt, aber grad unter dieser Glätte die gefährlichste Tücke birgt, denn wir schwimmen nicht, nein, wir fallen, wir stürzen mit rapider Vehemenz die abschüssige Bahn hinab und – – —

»Allah kerihm, Gott ist gnädig!« ertönt Hassans Stimme jetzt so schrill, daß sie gehört werden kann. »Allah il Allah, an die Ruder, an die Ruder, ihr Jünglinge, ihr Männer, ihr Helden, ihr Tiger, Panther und Löwen! Der Tod liegt vor euch. Seht ihr es denn nicht? Amahl, amahl, ïa Allah amahl, macht, macht, bei Gott, macht, ihr Hunde, ihr Feiglinge, ihr Schurken und Katzen, arbeitet, arbeitet, ihr Wackern, ihr Guten, ihr Helden, ihr Unvergleichlichen, Erprobten und Auserwählten!«

Wir schießen einer Schere zu, welche sich grad vor uns öffnet und uns im nächsten Augenblicke vernichten wird. Die Felsen sind so scharf, und der Fall des Stromes ist so reißend, daß von dem Schiffe kein Handgroß von Holz beisammen bleiben kann, wie es scheint.

»Allah ïa Sahtir, o du Bewahrer, hilf! Links, links, ihr Hunde, ihr Geier, ihr Rattenfresser, ihr Aasverdauer, links, links mit dem Steuer, ihr Braven, ihr Herrlichen, ihr Väter aller Helden! Allah, Allah, Maschallah – Gott tut Wunder, ihm sei Dank!«

Das Schiff hat den fast übermenschlichen Anstrengungen gehorcht und ist vorübergeflogen. Für einige Augenblicke befinden wir uns im ruhigen Fahrwasser, und alles stürzt sich auf die Kniee, um dem Allmächtigen zu danken.

»Esch‘hetu inu la il laha il Allah!« tönt es jubelnd über das Deck hin – »bezeuge, daß es nur einen Gott gibt! Sellem aaleïna baraktak, begnadige uns mit deinem Segen!«

Da kommt es hinter uns hergeschossen, wie von der Sehne eines Bogens geschnellt. Es ist der Sandal, welcher dieselben Gefahren hinter sich hat, wie wir. Seine Schnelligkeit ist jetzt wieder größer als die unserige, und er muß daher an uns vorüber. Aber das offene Fahrwasser ist so schmal, daß wir nur mit Mühe auszuweichen vermögen, und fast Bord an Bord rauscht er vorüber. Am Maste lehnt Abrahim-Mamur, die Rechte hinter sich versteckend. Mir grade gegenüber reißt er die verborgen gehaltene, lange arabische Flinte an die Wange – ich werfe mich nieder – die Kugel pfeift über mir weg, und im nächsten Augenblick ist der Sandal uns weit voran.

Alle haben den Mordversuch gesehen, aber niemand hat Zeit zur Verwunderung oder zum Zorne, denn die Strömung packt uns wieder und treibt uns in ein Labyrinth von Klippen.

Da erschallt vor uns ein lauter Schrei. Der Sandal wurde von der Macht des Schellahl an einen Felsen geworfen; die Schiffer schlagen die Ruder in die Flut, und das nur leicht beschädigte Fahrzeug schießt, von den Wogen wieder gefaßt, befreit davon. Aber bei dem Stoße ist ein Mensch über Bord gefallen; er hängt im Wasser, sich verzweiflungsvoll an die Klippe klammernd. Ich ergreife einen der vorhandenen Dattelbaststricke, eile an das Seitenbord und werfe ihn dem Bedrohten zu. Er faßt danach – ergreift ihn – wird emporgezogen – es ist – Abrahim-Mamur.

Sobald er das Verdeck glücklich erreicht hatte, schüttelte er das Wasser aus seinen Kleidern und stürzte dann mit geballten Fäusten auf mich zu.

»Hund, du bist ein Räuber und Betrüger!«

Ich erwartete ihn stehenden Fußes, und meine Haltung bewirkte, daß er vor mir stehen blieb, ohne seine Fäuste in Anwendung zu bringen.

»Abrahim-Mamur, sei höflich, denn du befindest dich nicht in deinem Hause. Sagst du nur noch ein Wort, welches mir nicht gefällt, so lasse ich dich an den Mast binden und durchpeitschen!«

Die größte Beleidigung für einen Araber ist ein Schlag, und die zweitgrößte ist die Drohung, ihn zu schlagen. Abrahim machte eine Bewegung, bezwang sich aber augenblicklich.

»Du hast mein Weib an Bord!« rief er.

»Nein.«

»Du sagst mir nicht die Wahrheit!«

»Ich sage sie, denn die ich an Bord habe, ist nicht dein Weib, sondern die Verlobte dieses jungen Mannes, welcher neben dir steht.«

Er stürzte auf die Kajüte zu, dort aber trat ihm Halef entgegen.

»Abrahim-Mamur, ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas; dieses hier sind meine zwei Pistolen, und ich werde dich niederschießen, sobald du irgend wohin gehen willst, wohin zu gehen mein Herr dir verbietet!«

Mein kleiner Halef machte ein Gesicht, dem der Aegypter es ansehen konnte, daß es ihm mit dem Schießen ernst sei. Er wandte sich daher ab und schnaubte:

»So werde ich Euch verklagen, sobald Ihr an das Land geht, um Eure Hilfsmatrosen abzusetzen.«

»Tue es. Bis dahin aber bist du nicht mein Feind, sondern mein Gast, so lange du dich friedlich benimmst.«

Die Stromschnelle war in ihren gefährlichen Stellen glücklich durchschifft, und wir konnten uns nun mit der nötigen Muße unserer Angelegenheit zuwenden.

»Willst du uns jetzt erzählen, auf welche Weise Senitza in die Hand dieses Menschen geraten ist?« fragte ich Isla.

»Ich will sie holen,« antwortete er; »sie mag es Euch selbst erzählen.«

»Nein; sie mag in der Kajüte bleiben, denn ihr Anblick würde den Aegypter erbittern und zum Aeußersten reizen. Sage uns vor allen Dingen, ob sie Mohammedanerin oder Christin ist.«

»Sie ist eine Christin.«

»Von welcher Konfession?«

»Von der, welche Ihr griechisch nennt.«

»Sie ist nicht seine Frau geworden?«

»Er hat sie gekauft.«

»Ah! Ist es möglich?«

»Ja. Die Montenegrinerinnen gehen nicht verschleiert. Er hat sie in Scutari gesehen und ihr gesagt, er liebe sie und sie solle sein Weib werden; sie aber hat ihn ausgelacht. Dann ist er in die Czernagora zu ihrem Vater gekommen und hat eine große Summe geboten, um sie von ihm zu kaufen; dieser jedoch hat ihn zur Türe hinausgeworfen. Dann hat er den Vater der Freundin bestochen, bei welcher Senitza oft zu Besuch war, und dieser ist auf den Handel eingegangen.«

»Wie?«

»Dieser Mensch hat sie für seine Sklavin ausgegeben, hat sie an Abrahim-Mamur verkauft und ihm eine Schrift darüber ausgehändigt, in welcher sie für eine zirkassische Sklavin gilt.«

»Ah, darum also ist diese Freundin mit ihrem Vater so plötzlich verschwunden!«

»Nur darum. Er hat sie dann auf ein Schiff gebracht und ist mit ihr erst nach Cypern, dann nach Aegypten gefahren. Das übrige ist Euch bekannt.«

»Wie hieß der Mann, der sie verkaufte?« fragte ich unwillkürlich.

»Barud el Amasat.«

»El Amasat – el Amasat – dieser Name kommt mir sehr bekannt vor. Wo habe ich ihn gehört? War dieser Mensch ein Türke?«

»Nein, sondern ein Armenier.«

Ein Armenier – – ah, jetzt wußte ich es! Hamd el Amasat, jener Armenier, welcher uns auf dem Schott Dscherid verderben wollte und dann aus Kbilli entfloh – war es derselbe? – Nein, denn die Zeit stimmte nicht.

»Weißt du nicht,« fragte ich Isla, »ob dieser Barud el Amasat einen Bruder hat?«

»Nein; Senitza weiß es auch nicht; ich habe sie nach dieser Familie sehr genau befragt.«

Da kam der Diener Hamsad el Dscherbaja herbei und wandte sich an mich:

»Herr Effendim, ich habe Sie wat zu sagen.«

»Sprich!«

»Wie heißt dieser äjyptische Tunichtjut?«

»Abrahim-Mamur.«

»So! Dat will also een Mamur jewesen sein?«

»Allerdings.«

»Dat lassen Sie sich man nur nicht weismachen, denn ich kenne diesen Menschen besser als er mir!«

»Ah! Wer ist er?«

»Ich habe ihn jesehen als Eenen, der die Bastonnade kriegte, und weil es die erste Bastonnade war, die ich jesehen habe, so habe ich mir sehr einjehend nach ihm erkundigt.«

»Nun, wer und was ist er?«

»Er war bei die persische Jesandtschaft Attascheh oder so etwas und hat een Jeheimnis verraten oder so unjefähr. Er hat tot jemacht werden sollen, aber weil er Gönner jehabt hat, so ist es bei der Absetzung mit Bastonnade jeblieben. Sein Name ist Dawuhd Arafim«

Daß der Barbier aus Jüterbogk diesen Mann kannte, war ein ganz staunenswerter Zufall, und nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte ihn gesehen, und zwar in Ispahan auf dem Almeidan-Shah, wo er auf ein Kamel gebunden wurde, um als Gefangener nach Konstantinopel geschafft zu werden. Mein Weg führte mich damals eine kurze Strecke mit derselben Karawane, und so kam es, daß er auch mich gesehen und sich jetzt wieder meiner erinnert hatte.

»Ich danke dir, Hamsad, für diese Mitteilung, behalte sie aber jetzt noch für dich.«

Nun war mir nicht im mindesten mehr bange bei dem Gedanken, daß Abrahim mich verklagen werde. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich konnte die Vermutung nicht zurückweisen, daß er mit Barud el Amasat, welcher Senitza an ihn verkauft hatte, nicht erst durch das Mädchen bekannt geworden war. Abrahim war ein degradierter Beamter, ein Gefangener gewesen und hatte sogar die Bastonnade erhalten – jetzt trat er als Mamur auf und besaß ein Vermögen – dies waren Umstände, welche mir sehr zu denken gaben.

Ich zog es vor, die Mitteilung des Barbiers jetzt noch niemand zu sagen, damit Abrahim nicht merke, daß er durchschaut worden sei.

Am nächsten Landeplatze mußten die oberhalb der Stromschnelle auf die Dahabië genommenen Schiffer wieder an das Land gesetzt werden. Unser Fahrzeug wandte sich daher dem Ufer zu.

»Werden wir Anker werfen oder nicht?« fragte ich den Reïs.

»Nein, ich lenke sofort um, wenn die Männer das Schiff verlassen haben.«

»Warum?«

»Um die Polizei zu vermeiden.«

»Und Abrahim?«

»Wird mit den Schiffern an das Ufer gebracht.«

»Ich fürchte die Polizei nicht.«

»Du bist ein Fremdling im Lande und stehst unter deinem Konsul. Man kann dir also nichts tun. Ah!«

Dieser letzte Ausruf galt einem Boote, welches mit bewaffneten, finster blickenden Männern besetzt war. Es waren Khawassen – Polizisten.

»Du wirst wohl nicht sofort umlenken,« meinte ich zu Hassan.

»Und doch, wenn du es befiehlst. Ich habe nur dir zu gehorchen.«

»Ich befehle es nicht; ich möchte im Gegenteil die hiesige Polizei einmal kennen lernen.«

Das Boot legte bei uns an, und alle seine Insassen stiegen an Bord, noch ehe wir das Ufer erreicht hatten. Die Bemannung des Sandal war hier auch gelandet, hatte erzählt, daß Abrahim im Schellahl ertrunken sei, und auch von dem Frauenraube berichtet. Sodann war, wie wir später erfuhren, der alte Reïs Chalid Ben Mustapha eilenden Fußes zum Richter gelaufen und hatte eine so wohlgesetzte Rede gehalten über mich, den ungläubigen Mörder, Aufrührer, Räuber und Empörer, daß ich eigentlich sehr zufrieden sein mußte, nur mit dem Hängen oder Säcken davonzukommen.

Da die Gerechtigkeit jener Länder von der wichtigen Erfindung der Aktenstöße noch keine Notiz genommen hat, so wird in Rechtsfällen überaus schnell und summarisch verfahren.

»Wer ist der Reïs dieses Schiffes?« fragte der Anführer der Khawassen.

»Ich,« antwortete Hassan.

»Wie heißest du?«

»Hassan Abu el Reïsahn.«

»Hast du auf deinem Schiffe einen Effendi, einen Hekim, der ein Ungläubiger ist?«

»Da steht er und heißt Kara Ben Nemsi.«

»Und ist hier auf deinem Schiffe auch ein Weib, namens Güzela?«

»Sie ist in der Kajüte.«

»Wohlan, ihr seid meine Gefangenen allesamt und folgt mir zum Richter, während ich das Schiff von meinen Leuten bewachen lasse!«

Die Dahabië legte an, und ihre ganze Bemannung nebst sämtlichen Passagieren wurde »sofort anhero transportiert«. Senitza, tief verschleiert, ward in eine bereitstehende Sänfte gehoben und mußte unserm Zuge folgen, der bei jedem weiteren Schritte größer wurde, weil jung und alt, groß und klein sich ihm anschloß. Hamsad al Dscherbaja, der Ex-Barbier, schritt hinter mir her und pfiff nach dem Takte seiner Beine munter sein »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus!«

Der Sahbeth-Bei oder Polizeidirektor saß mit seinem Sekretär bereits unserer Ankunft gewärtig.

Er trug die Abzeichen eines Bimbaschi, eines Majors oder Befehlshabers von tausend Mann, hatte aber trotzdem weder ein kriegerisches noch ein übermäßig intelligentes Aussehen. Wie die ganze Bemannung des Sandal, so hatte auch er Abrahim-Mamur für ertrunken gehalten und empfing den vom Tode Auferstandenen mit einem Respekte, der ganz das Gegenteil von dem Blick war, den er uns zuwarf.

Wir wurden in zwei Lager geteilt: hüben die Bemannung des Sandal mit Abrahim und einigen seiner Diener, die er mitgenommen hatte, und drüben die Leute von der Dahabië mit Senitza, Isla und mir nebst Halef und dem Barbier.

»Befiehlst du eine Pfeife, Herr?« fragte der Sahbeth-Bei den vermeintlichen Mamur.

»Lasse sie bringen!«

Er erhielt sie nebst einem Teppich, um sich darauf niederzusetzen. Dann begann die Verhandlung:

»Hoheit, sage mir deinen von Allah gesegneten Namen!«

»Er lautet Abrahim-Mamur.«

»So bist du ein Mamur. In welcher Provinz?«

»In En-Nasar.«

»Du bist der Ankläger. Sprich; ich höre zu und werde richten.«

»Ich klage an diesen Giaur, der ein Hekim ist, der Tschikarma; ich klage an den Mann, der neben ihm steht, der Tschikarma, und ich klage an den Führer der Dahabië der Mithilfe beim Frauenraube. Wie weit die Diener dieser beiden Männer und die Matrosen der Dahabië beteiligt sind, das magst du bestimmen, o Bimbaschi.«

»Erzähle, wie der Raub vollendet wurde.«

Abrahim erzählte. Als er geendet hatte, wurden seine Zeugen verhört, was die Folge hatte, daß ich von dem Reïs des Sandals, Herrn Chalid Ben Mustapha, auch noch des Mordversuches bezüchtigt wurde.

In den Augen des Sahbeth-Bei leuchtete der Blitz, als er sich nun zu mir wandte.

»Giaur, wie ist dein Name?«

»Kara Ben Nemsi.«

»Wie heißt deine Heimat?«

»Dschermanistan.«

»Wo liegt diese Handvoll Erde?«

»Handvoll? Hm, Bimbaschi, du beweisest, daß du sehr unwissend bist!«

»Hund!« fuhr er auf. »Was willst du sagen?«

»Dschermanistan ist ein großes Land und hat zehnmal mehr Einwohner als ganz Aegypten. Du aber kennst es nicht. Du bist überhaupt ein schlechter Geograph und darum lässest du dich von Abrahim-Mamur belügen.«

»Wage es, noch so ein Wort zu sagen, und ich lasse dich mit dem Ohre an die Wand nageln.«

»Ich wage es! Dieser Abrahim sagt, er sei der Mamur der Provinz En-Nasar. Mamurs gibt es nur in Aegypten – —«

»Liegt En-Nasar nicht in Aegypten, Giaur? Ich bin selbst dort gewesen und kenne den Mamur wie meinen Bruder, ja, wie mich selbst.«

»Du lügst!«

»Nagelt ihn fest!« gebot der Richter.

Ich zog den Revolver, und Halef, der dies sah, seine Pistolen.

»Bimbaschi, ich sage dir, daß ich erst den niederschießen werde, der mich anrührt, und dann dich! Du lügst, ich sage es noch einmal. En-Nasar ist eine ganz kleine, geringe Oase zwischen Homrh und Tighert im Lande Tripolis; dort gibt es keinen Mamur, sondern einen armen Scheikh; er heißt Mamra Ibn Alef Abuzin, und ich kenne ihn sehr genau. Ich könnte mit dir Komödie spielen und dir erlauben, noch weiter zu fragen; aber ich will es kurz machen. Wie kommt es, daß du die Kläger stehen lässest, während der Angeklagte, der Verbrecher, sitzen darf und sogar die Pfeife von dir bekommt?«

Der gute Mann sah mich ganz verdutzt an.

»Wie meinst du das, Giaur?«

»Ich warne dich, mich mit diesem Worte zu beschimpfen! Ich habe einen Paß bei mir und auch einen Izin-gitisch30 des Vizekönigs von Aegypten; dieser aber, mein Gefährte, ist aus Istambul; er hat ein Bu-djeruldu des Großherrn und ist also ein Giölgeda padischahnün.«

»Zeigt die Scheine her!«

Ich gab ihm den meinigen, und Isla legte ihm den seinigen vor. Er las sie und gab sie uns dann mit verlegener Miene zurück.

»Sprich weiter.«

Diese Aufforderung bewies mir, daß er nicht wußte, was er tun sollte. Ich nahm also wieder das Wort:

»Du bist ein Sahbeth-Bei und ein Bimbaschi und weißt doch nicht, was deines Amtes ist. Wenn du ein Handschreiben des Großherrn liesest, so mußt du es vorher an Stirn, Auge und Mund drücken und alle Anwesenden auffordern, sich zu verbeugen, als ob Seine Herrlichkeit selbst zugegen wäre. Ich werde dem Khedive und dem Großwesir in Istambul erzählen, welche Achtung du ihnen erweisest!«

Das hatte er nicht erwartet. Er war so erschrocken, daß er die Augen aufriß und den Mund öffnete, ohne ein Wort zu sagen. Ich aber fuhr fort:

»Du wolltest wissen, was ich vorhin mit meinen Worten meinte. Ich bin der Ankläger und muß stehen, und dieser ist der Angeklagte und darf sitzen!«

»Wer klagt ihn an?«

»Ich, dieser, dieser und wir alle.«

Abrahim staunte, aber er sagte noch nichts.

»Wessen klagst du ihn an?« fragte der Sahbeth-Bei.

»Der Tschikarma, desselben Verbrechens, dessen er uns anklagte.«

Ich sah es, daß Abrahim unruhig wurde. Der Richter gebot mir:

»Sprich!«

»Du dauerst mich, Bimbaschi, daß du eine solche Trauer erleben mußt.«

»Welche Trauer?«

»Daß du einen Mann verurteilen mußt, den du so gut kennst wie deinen Bruder, ja wie dich selbst. Du bist sogar bei ihm in En-Nasar gewesen und weißt genau, daß er ein Mamur ist. Ich aber sage dir, daß auch ich ihn kenne. Er heißt Dawuhd Arafim, war Beamter des Großherrn in Persien, wurde aber abgesetzt und bekam sogar die Bastonnade.«

Jetzt erhob sich Abrahim vom Boden.

»Hund! – Sahbeth-Bei, dieser Mann hat den Verstand verloren!«

»Sahbeth-Bei, höre mich weiter, dann wird es sich zeigen, wessen Kopf besser ist und fester sitzt, der meine oder der seine!«

»Rede!«

»Dieses Weib hier ist eine Christin, eine freie Christin aus Karadagh31; er hat sie geraubt und mit Gewalt nach Aegypten entführt. Hier mein Freund ist ihr rechtmäßiger Verlobter, und darum ist er nach Aegypten gekommen und hat sie sich wiedergeholt. Du kennst uns, denn du hast unsere Legitimationen gelesen, ihn aber kennst du nicht. Er ist ein Frauenräuber und Betrüger. Laß dir seine Legitimation zeigen, oder ich gehe zum Khedive und sage, wie du Gerechtigkeit übst in dem Amte, welches er dir gegeben hat. Ich bin von dem Kapitän des Sandal des Mordversuches angeklagt. Frage diese Männer! Sie alle haben es gehört, daß ich ihm die Feder vom Tarbusch schießen wollte, und ich habe sie getroffen. Der, welcher sich einen Mamur nennt, aber hat im Ernste und in der Absicht, mich zu töten, auf mich geschossen. Ich klage ihn an. Nun entscheide!«

Der brave Mann befand sich natürlich in einer großen Verlegenheit. Er konnte doch seine Worte und Taten nicht dementieren, fühlte aber sehr wohl, daß ich im Rechte sei, und so entschloß er sich, zu tun, was eben nur ein Aegypter zu tun vermag.

»Das Volk soll hinaus und in seine Häuser gehen!« gebot er. »Ich werde mir die Sache überlegen und am Nachmittage das Gericht halten. Ihr alle aber seid meine Gefangenen!«

Die Khawassen trieben die Zuschauer mit Stockschlägen hinaus; sodann wurde Abrahim-Mamur mit der Mannschaft des Sandal gefangen abgeführt, und schließlich schaffte man auch uns fort, nämlich in den Hof des Gebäudes, in welchem wir uns ungestört bewegen durften, während einige Khawassen, am Ausgange postiert, uns zu bewachen schienen. Nach einer Viertelstunde aber waren sie verschwunden.

Ich ahnte, was der Sahbeth-Bei beabsichtigte, und trat zu Isla Ben Maflei, welcher neben Senitza am Brunnen saß.

»Denkst du, daß wir heute unsern Prozeß gewinnen werden?«

»Ich denke gar nichts; ich überlasse alles dir,« antwortete er.

»Und wenn wir ihn gewinnen, was wird mit Abrahim geschehen?«

»Nichts. Ich kenne diese Leute. Abrahim wird dem Bimbaschi Geld geben oder einen der kostbaren Ringe, die er an den Fingern trägt, und der Baschi wird ihn laufen lassen.«

»Wünschest du seinen Tod?«

»Nein. Ich habe Senitza gefunden, das ist mir genug.«

»Und wie denkt deine Freundin darüber?«

Senitza antwortete selbst:

»Effendi, ich war sehr unglücklich, jetzt aber bin ich frei. Ich werde nicht mehr an ihn denken.«

Das befriedigte mich. Jetzt galt es nur noch, den Abu el Reïsahn zu befragen. Er erklärte mir rundweg, daß er sehr froh sei, mit heiler Haut davonzukommen, und so machte ich mich beruhigt an das Rekognoszieren.

Ich schritt durch den Ausgang hinaus auf die Straße. Die heiße Tageszeit war eingetreten und ich sah keinen Menschen auf der Straße. Es war klar, daß der Sahbeth-Bei wünschte, daß wir uns selbst ranzionieren und nicht auf seine Entscheidung warten möchten; ich kehrte daher in den Hof zurück, teilte den Leuten meine Ansicht mit und forderte sie auf, mir zu folgen. Sie taten es, und kein Mensch trat unserm Tun entgegen.

Als wir die Dahabië erreichten, ergab es sich, daß sie von den Khawassen verlassen worden war. Ein Freund und Bewunderer der Ladung, welche aus Sennesblättern bestand, hätte ganz ungestört eine Annexion vornehmen können.

Der Sandal lag nicht mehr am Ufer; er war verschwunden. Jedenfalls hatte der würdige Chalid Ben Mustapha noch eher als wir die Absicht des Richters begriffen und sich mit Schiff und Bemannung davon gemacht.

Wo aber befand sich Abrahim-Mamur?

Dies zu erfahren wäre uns nicht gleichgültig gewesen; denn es war nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich, daß er uns im Auge behalten werde. Ich wenigstens hatte die Ahnung, ihn früher oder später wieder einmal zu treffen.

Die Dahabië lichtete den Anker, und wir setzten unsere unterbrochene Fahrt fort mit dem wohltuenden Bewußtsein, einer sehr schlimmen Lage glücklich entronnen zu sein.

Fuenftes Kapitel: Abu-Seif

Und es erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heere Israels herzog, und ging hinter dasselbe, und die Wolkensäule wich auch von vorn weg und stand nun von hinten zwischen dem Heere der Aegypter und dem Heere Israels. Sie war aber dorthin eine finstere Wolke und hierhin erleuchtete sie die Nacht, so daß diese und jene die ganze Nacht nicht zusammenkommen konnten.

Als nun Moses seine Hand ausstreckte über das Meer, nahm es der Herr durch einen starken Ostwind hinweg während der Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich von einander.

Und die Kinder Israels gingen hinein mitten in das Meer auf dem Trockenen, und das Wasser stand wie Mauern ihnen zur Rechten und zur Linken.

Und die Aegypter folgten und gingen hinein, ihnen nach, alle Rosse des Pharao und Wagen und Reiter, mitten in das Meer.

Als nun die Morgenwache kam, blickte der Herr auf das Heer der Aegypter aus der Feuersäule und aus der Wolke, und machte einen Schrecken in ihrem Heere.

Und stieß die Räder von ihren Streitwagen und stürzte sie um mit Ungestüm. Da sprachen die Aegypter: Lasset uns fliehen vor Israel; der Herr streitet für sie wider die Aegypter!

Aber der Herr sprach zu Moses: Strecke deine Hand aus über das Meer, damit das Wasser wieder herfalle über die Aegypter, über ihre Wagen und über ihre Reiter.

Da streckte Moses seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam wieder vor morgens in seinen Strom, und die Aegypter flohen ihm entgegen. Also stürzte sie der Herr mitten in das Meer.

Daß das Wasser wiederkam und bedeckte Wagen und Reiter und alle Macht des Pharao, die ihnen nachgezogen war in das Meer, so daß kein einziger von ihnen übrig blieb.

Die Kinder Israels aber gingen trocken durch das Meer, und das Wasser stand ihnen gleich Mauern zur Rechten und zur Linken.

Also half der Herr Israel an diesem Tage von der Hand der Aegypter, und sie erblickten die Aegypter tot an dem Ufer des Meeres.

Und die Hand des Herrn war mächtig, die er den Aegyptern gezeiget hatte, und das Volk Israel fürchtete den Herrn und glaubte an ihn und an seinen Knecht Moses. – – —

An diese Stelle im zweiten Buch Mosis (Kap. 14, V. 19-31) mußte ich denken, als ich im »Tale Hiroth, gegen Baal Zephon«, mein Kamel anhielt, um das Auge über die glitzernden Fluten des roten Meeres schweifen zu lassen. Es kam auch über mich etwas von jener Furcht, welche sein Anblick in den Herzen der Kinder Israels erweckt hatte. Ich fühlte nicht ein Grauen vor jenem Elemente, welches leider noch immer »keine Balken« hat, sondern es überlief mich jene heilige, andächtige Scheu, welche jeder Gläubige fühlt, sobald er einen Ort betritt, von dem ihm die biblische Geschichte erzählt, daß hier der Fuß des Ewigen gerastet und hier die Hand des Unendlichen gewaltet habe. Es war mir, als höre ich jene Stimme, welche einst dem Sohne des Amram und der Jochebeth zugerufen hatte: »Mose, Mose, tritt nicht herzu, sondern ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort, darauf du stehest, ist ein heiliges Land!«

Hinter mir also lag das Land des Osiris und der Isis, das Land der Pyramiden und der Sphinxe, das Land, in welchem das Volk Gottes das Joch der Knechtschaft getragen und die Felsen des Mokattam zum Bau jener Wunderwerke zusammengeschleppt hatte, welche noch heute das Staunen des Nilreisenden erregen. Im Schilfe des altehrwürdigen Stromes dort hatte die Königstochter das Knäblein gefunden, welches berufen war, ein Volk von Sklaven zu befreien und ihm in den zehn göttlichen Geboten ein Gesetz zu geben, welches noch nach Jahrtausenden die Grundlage aller Gesetze und Gebote bildet.

Vor mir, da zu meinen Füßen, funkelten die Fluten des arabischen Golfs im glühenden Strahle der Sonne. Diese Fluten hatten einst, der Stimme Jehova Sabaoths gehorchend, zwei Mauern gebildet, zwischen denen die Geknechteten des Landes Gosen den Weg zur Freiheit gefunden hatten, während das reisige Volk ihrer Unterdrücker und Verfolger einen schauervollen Untergang fand. Das waren dieselben Fluten, in denen später auch der »Sultan Kebihr«, Napoleon Bonaparte, beinahe umgekommen wäre.

Und gegenüber dem Birket Faraun, dem See des Pharao, wie die Araber den Ort nennen, an welchem die beiden Wassermauern über die Aegypter zusammenschlugen, erhebt sich der Felsenstock des Sinai, des berühmtesten Berges der Erde, gewaltig und den Zeiten trotzend, gleich dem unter Donner und Blitz über ihm erschollenen: »Ich bin der Herr, dein Gott; du sollst keine fremden Götter neben mir haben!«

Es war nicht die Oertlichkeit allein, es war noch viel mehr die Geschichte derselben, deren Eindruck ich nicht von mir zu weisen vermochte, wenn ich es auch gewollt hätte. Wie oft hatte ich lauschend und mit stockendem Atem auf dem Schoße meiner alten, guten, frommen Großmutter gesessen, wenn sie mir erzählte von der Erschaffung der Welt, dem Sündenfalle, dem Brudermorde, der Sintflut, von Sodom und Gomorrha, von der Gesetzgebung auf dem Sinai – – – sie hatte mir die kleinen Hände gefaltet, damit ich ihr mit der nötigen Andacht das zehnfache »du sollst« nachsprechen möge. Jetzt lag die irdische Hülle der Guten schon längst unter der Erde, und ich hielt gegenüber dem Orte, welcher mir von ihr in so lebendigen Farben gezeichnet worden war, obgleich nur ihr geistiges Auge ihn gesehen hatte, und es drängte sich mir die Wahrheit des Dichterwortes auf:

»Ganz anders jene heiligen Geschichten,Die nur das Buch der Bücher kann berichten,In dem vom Geiste sie verzeichnet steh‘n.Nur ihnen darfst du festen Glauben schenkenUnd tief in ihren Zauber dich versenken,Denn Gottes Odem fühlst du daraus weh‘n«

Der Glaube trägt eine festere Ueberzeugung in sich, als das stolzeste Gebäude menschlicher Logik sie zu geben vermag. Das war es, was ich in jener Stunde so recht lebhaft fühlte und erkannte, und ich hätte wohl noch lange, in ernstes Sinnen versunken, hier auf meinem Kamele halten und hinüberblicken können, wenn mich nicht die Stimme meines wackeren Halef gestört hätte:

»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß die Wüste vorüber ist! Sihdi, hier ist Wasser. Steige herab von dem Tiere und labe dich im Bade, so wie ich es jetzt tun werde.«

Da trat einer der beiden Beduinen, welche uns geführt hatten, zu mir heran und erhob warnend die Hand.

»Tue es nicht, Effendi!«

»Warum?«

»Weil hier Melek el newth, der Engel des Todes, wohnt. Wer hier in das Wasser geht, der wird entweder ertrinken oder den Keim des Sterbens mit sich fortnehmen. Jeder Tropfen dieser See ist eine Träne der hunderttausend Seelen, die hier umgekommen sind, weil sie Sidna Musa32 und die Seinigen töten wollten. Hier eilt jedes Boot und jedes Schiff vorüber, ohne anzuhalten; denn Allah, den die Hebräer Dschehuwa33 nannten, hat diesen Ort verflucht.«

»Ist es wirklich so, daß hier kein Schiff anhält?«

»Ja.«

»Ich wollte hier ein Fahrzeug erwarten, welches mich aufnehmen sollte.«

»Es soll dich nach Suez bringen? Wir werden dich führen, und du sollst auf unsern Kamelen schneller hinkommen, als auf einem Schiff.«

»Ich will nicht nach Suez, sondern nach Tor.«

»Dann mußt du allerdings fahren; aber hier wird dich kein Fahrzeug aufnehmen. Erlaube, daß wir dich noch eine Strecke nach Süden begleiten, bis wir einen Ort erreichen, an welchem keine Geister wohnen und wo ein jedes Schiff gern anhalten wird, um dich aufzunehmen.«

»Wie lange haben wir da noch zu reiten?«

»Nicht ganz dreimal die Zeit, welche von den Franken eine Stunde genannt wird.«

»Dann vorwärts!«

Um an das rote Meer zu gelangen, hatte ich nicht den gewöhnlichen Weg von Kairo nach Suez eingeschlagen. Die zwischen den beiden Städten liegende Wüste verdient den Namen Wüste schon längst nicht mehr. Früher war sie gefürchtet sowohl wegen ihres vollständigen Wassermangels als auch wegen der räuberischen Beduinen, die auf der öden Strecke ihr Wesen trieben. Jetzt ist das anders geworden, und dies war der Grund, daß ich mich weiter südwärts gehalten hatte. Ein Ritt durch die Einöde hatte für mich mehr Interesse als eine Reise auf gebahnten Wegen. Deshalb wollte ich jetzt auch Suez vermeiden, welches mir doch nur das bieten konnte, was ich bereits gesehen und kennen gelernt hatte.

Während unseres Rittes tauchten die beiden kahlen Höhen des Dschekehm und des Da-ad vor uns auf, und als rechts von uns der hohe Gipfel des Dschebel Gharib sichtbar wurde, hatten wir das Grab Pharao‘s hinter uns. Das rote Meer bildete zu unserer Linken eine Bucht, in welcher ein Fahrzeug vor Anker lag.

Es war eine jener Barken, welche man auf dem roten Meere mit dem Namen Sambuk bezeichnet. Sie war ungefähr sechzig Fuß lang und fünfzehn Fuß breit und hatte eines jener kleinen Hinterdecke, unter denen gewöhnlich ein Verschlag angebracht ist, welcher den Kapitän oder die vornehmen Passagiere beherbergt. So ein Sambuk hat außer den Riemen – denn er wird auch gerudert – zwei dreieckige Segel, von denen das eine so weit vor dem andern steht, daß es – vom Winde angeschwellt – ganz über das Vorderteil des Schiffes ragt und dort eine Art halbkreisförmigen Ballon bildet, wie man sie auf antiken Münzen und auf alten Fresken zu sehen pflegt. Man kann getrost annehmen, daß die Fahrzeuge dieses Seestriches in Beziehung auf Bauart, Führung und Takelung noch ganz dieselben sind, wie sie im grauen Altertum hier gesehen wurden, und daß die heutigen Seeleute noch dieselben Buchten und Ankerplätze besuchen, welche bereits belebt waren zur Zeit, als Dionysos seinen berühmten Zug nach Indien unternahm. Die Küstenschiffe des roten Meeres sind gewöhnlich aus jenem indischen Holze gebaut, welches die Araber Sadsch nennen, und das sich mit der Zeit im Wasser dermaßen verhärtet, daß es unmöglich ist, einen Nagel einzuschlagen. Von einer Fäulnis dieses Holzes ist niemals die Rede, und so kommt es, daß man Sambuks zu sehen bekommt, welche ein Alter von beinahe zweihundert Jahren erreichen.

Die Schiffahrt des arabischen Busens ist eine sehr gefährliche; deshalb wird während der Nacht niemals gesegelt, sondern ein jedes Fahrzeug sucht sich beim Nahen des Abends eine sichere Ankerstelle.

Der vor uns liegende Sambuk hatte dasselbe getan. Er war mittels des Ankers und eines Taues befestigt und lag ohne Bemannung an der Küste. Die Schiffer hatten den Bord verlassen und saßen oder lagen an einem kleinen Wasser, welches sich in das Meer ergoß. Derjenige, welcher etwas abseits von ihnen in gravitätischer Haltung auf einer Matte saß, mußte der Kapitän oder der Eigner des Fahrzeuges sein. Ich sah es ihm sofort an, daß er kein Araber sondern ein Türke war; der Sambuk zeigte die Farben des Großherrn, und die Bemannung trug türkische Uniformen.

Keiner der Männer rührte sich von seinem Platze, als wir uns nahten. Ich ritt bis hart an den Anführer heran, hob die Rechte zur Brust empor und grüßte ihn absichtlich nicht in türkischer, sondern in arabischer Sprache.

»Gott schütze dich! Bist du der Kapitän dieses Schiffes?«

Er richtete die Augen mit stolzem Aufschlage zu mir empor, musterte mich sehr eingehend und sehr lange und antwortete endlich:

»Ich bin es.«

»Wohin geht dein Sambuk?«

»Ueberall hin.«

»Was hast du geladen?«

»Verschiedenes.«

»Nimmst du auch Passagiere auf?«

»Das weiß ich nicht.«

Das war mehr als einsilbig, das war grob. Daher schüttelte ich den Kopf und meinte in mitleidigem Tone:

»Du bist ein Kelleh, ein Unglücklicher, den der Kuran dem Mitleide der Gläubigen empfiehlt. Ich bedaure dich!«

Er sah mich mit einem halb zornigen, halb überraschten Blick an.

»Du bedauerst mich? Du nennst mich einen Unglücklichen? Warum?«

»Allah hat deinem Munde die Gabe der Sprache verliehen, aber deine Seele ist stumm. Wende dich nach der Kiblah34 und bitte Gott, daß er ihr die Sprache wiedergebe, sonst wird sie einst unfähig sein, in das Paradies zu kommen!«

Er lächelte verächtlich und legte die Hand an den Gürtel, in welchem zwei riesige Pistolen steckten.

»Schweigen ist besser als schwatzen. Du bist ein Schwätzer; der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim aber zieht es vor, zu schweigen.«

»Wergi-Baschi? Oberzolleinnehmer? Du bist ein großer und jedenfalls auch ein berühmter Mann, aber du wirst mir trotzdem Antwort geben, wenn ich dich frage.«

»Du willst mir drohen? Ich sehe, daß ich recht gedacht habe: Du bist ein Arab Dscheheïne.«

Die Araber vom Stamme Dscheheïne sind am roten Meere als Schmuggler und Räuber bekannt. Der Zolleinnehmer hielt mich für einen solchen; das war der Grund seines abstoßenden Benehmens gegen mich.

»Fürchtest du dich vor den Beni Dscheheïne?« fragte ich ihn.

»Fürchten? Muhrad Ibrahim hat sich noch niemals gefürchtet!«

So stolz sein Auge bei diesen Worten leuchtete, lag doch in seinem Gesichte etwas, was mich an seinem Mute zweifeln ließ.

»Und wenn ich nun ein Dscheheïne wäre?«

»Ich würde dich nicht fürchten.«

»Natürlich. Du hast zwölf Gemi-taifasyler35 bei dir und acht Diener, während bei mir nur drei Männer sind. Aber ich bin kein Dscheheïne; ich gehöre gar nicht zu den Beni Arab, sondern ich komme aus dem Abendlande.«

»Aus dem Abendlande? Du trägst doch die Kleidung eines Beduinen und redest die Sprache der Araber!«

»Ist dies verboten?«

»Nein. Bist du ein Fransez oder ein Ingli?«

»Ich gehöre zu den Nemsi.«

»Ein Nemtsche,« meinte er mit geringschätziger Miene. »So bist du ein Bostandschi36 oder ein Bazirgian37?«

»Keines von beiden. Ich bin ein Jazmakdschi.«

»Ein Schreiber? O jazik, o wehe, und ich habe dich für einen tapfern Beduinen gehalten! Was ist ein Schreiber? – Ein Schreiber ist kein Mann; ein Schreiber ist ein Mensch, welcher Federn ißt und Tinte trinkt; ein Schreiber hat kein Blut, kein Herz, keinen Mut, kein – – —«

»Halt!« unterbrach ihn da mein Diener. »Muhrad Ibrahim, siehst du, was ich hier in meiner Hand halte?«

Er war abgestiegen und stellte sich mit der Nilpeitsche vor den Türken. Dieser zog die Brauen finster zusammen, antwortete aber doch:

»Die Peitsche.«

»Schön. Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Dieser Sihdi ist Kara Ben Nemsi, der sich vor keinem Menschen fürchtet. Wir haben die Sahara und ganz Aegypten durchwandert und haben große Heldentaten verrichtet; man wird von uns erzählen in allen Kaffeehäusern und auf allen Kirchhöfen der Welt, und wenn du es wagst, noch ein einziges Wort zu sagen, welches meinem Effendi nicht gefällt, so wirst du diese Peitsche kosten, obgleich du ein Wergi-Baschi bist und viele Männer hier bei dir hast!«

Diese Drohung hatte eine außerordentlich rasche Wirkung. Die beiden Beduinen, welche bis hierher meine Begleiter gewesen waren, wurden vom Schreck über die Kühnheit Halefs um einige Schritte zurückgeworfen; die Matrosen und übrigen Begleiter des Türken sprangen auf und griffen zu den Waffen, und der Baschi hatte sich mit derselben Schnelligkeit erhoben. Er griff nach seinem Pistol, aber Halef hielt ihm schon die Mündung seiner eigenen Waffe auf die Brust.

»Ergreift ihn!« gebot der Baschi, indem er selbst jedoch sein Pistol vorsichtig sinken ließ.

Die guten Leute behielten zwar ihre drohenden Gesichter bei, aber keiner wagte es, Hand an Halef zu legen.

»Weißt du, was es heißt, einem Wergi-Baschi mit der Peitsche zu drohen?« fragte der Türke.

»Ich weiß es,« antwortete Halef. »Einem Wergi-Baschi mit der Peitsche drohen, heißt, sie ihn auch wirklich kosten lassen, wenn er es wagt, in der Weise weiter zu sprechen, wie er gesprochen hat. Du bist ein Türke, ein Sklave des Großherrn! Ich aber bin ein freier Araber!«

Ich ließ mein Kamel niederknieen, stieg ab und zog meinen Paß hervor.

»Muhrad Ibrahim, du siehst, daß wir uns noch weniger vor euch fürchten, als ihr vor uns; du hast einen sehr großen Fehler begangen, denn du hast einen Effendi beleidigt, der im Giölgeda padischahnün steht!«

»Im Schutze des Großherrn, den Allah segnen möge? Wen meinst du?«

»Mich.«

»Dich? Du bist ein Nemtsche, also ein Giaur – – —«

»Du schimpfest!« unterbrach ich ihn.

»Du bist ein Ungläubiger, und von den Giaurs steht im Kuran: »O, ihr Gläubigen, schließt keine Freundschaft mit solchen, die nicht zu eurer Religion gehören. Sie lassen nicht ab, euch zu verführen, und wünschen nur euer Verderben!« Wie kann also ein Ungläubiger im Schutze des Großherrn stehen, welcher der Schirm der Gläubigen ist?«

»Ich kenne die Worte, welche du sagst; sie stehen in der dritten Sure des Kuran, in der Sura Amran; aber öffne deine Augen, und beuge dich in Demut nieder vor dem Bjuruldu des Padischah. Hier ist es.«

Er nahm das Pergament, drückte es an Stirn, Augen und Brust, verbeugte sich bis zur Erde und las es. Dann gab er es mir zurück.

»Warum hast du es mir nicht gleich gesagt, daß du ein Arkadar38 des Sultans bist? Ich hätte dich nicht Giaur genannt, obgleich du ein Ungläubiger bist. Sei mir willkommen, Effendi!«

»Du heißest mich willkommen und schändest mit demselben Atemzuge meinen Glauben! Wir Christen kennen die Gesetze der Höflichkeit und der Gastfreundschaft besser als ihr; wir nennen euch nicht Giaurs, denn unser Gott ist es, den ihr Allah nennt.«

»Das ist nicht wahr. Wir haben nur Allah; ihr aber habt drei Götter, einen Vater, einen Sohn und einen Geist.«

»Wir haben doch nur einen Gott, denn Vater, Sohn und Geist sind eins. Ihr sagt: »Allah il Allah, Gott ist Gott!« Und unser Gott sagt: >Ich bin ein starker, einiger Gott. Euer Kuran sagt in der zweiten Sura: >Er ist der Lebendige, der Ewige; ihn ergreift nicht Schlaf, nicht Schlummer; sein ist, was im Himmel und auf Erden ist. Unsere heilige Bibel sagt: >Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit; es ist alles offen und entdeckt vor seinen Augen; er hat die Erde gegründet, und die Himmel sind seiner Hände Werk. Ist das nicht ganz dasselbe?«

»Ja, euer Kitab39 ist gut, aber euer Glaube ist falsch.«

»Du irrst. Euer Kuran sagt: »Die Gerechtigkeit besteht nicht darin, daß ihr euer Gesicht nach Osten oder Westen richtet (beim Gebet), sondern der ist gerecht, der an Gott glaubt, an den jüngsten Tag, an die Engel, an die Schrift und die Propheten und mit Liebe von seinem Vermögen gibt den Anverwandten, den Waisen, Armen und Pilgern, ja jedem, der ihn darum bittet, der Gefangene erlöset, sein Gebet verrichtet, an seinen Verträgen festhält, geduldig Not und Unglück erträgt. Der ist gerecht, der ist wahrhaft gottesfürchtig.« Unser heiliges Buch gebietet uns: >Du sollst Gott lieben über alles und deinen Nächsten wie dich selbst. Gebietet uns unser Glaube nicht ganz dasselbe, was euch der eurige befiehlt?«

»Ihr habt dies erst aus dem Kuran in euer Kitab abgeschrieben.«

»Wie ist dies möglich, da unser Kitab über zweitausend Jahre älter ist, als euer Kuran?«

»Du bist ein Effendi, und ein Effendi muß immer Gründe und Beweise finden, selbst wenn er Unrecht hat. – Woher kommst du?«

»Aus dem Lande Gipt40, dort im Westen.«

»Und wo willst du hin?«

»Nach Tor hinüber.«

»Und dann?«

»Nach dem Manastyr41 auf dem Dschebel Sinahi.«

»So mußt du über das Wasser.«

»Ja. Wohin fährst du?«

»Auch nach Tor.«

»Willst du mich mitnehmen?«

»Wenn du gut bezahlst und dafür sorgest, daß wir uns mit dir nicht verunreinigen.«

»Habe keine Sorge! Wie viel verlangst du?«

»Für alle vier und die Kamele?«

»Nur für mich und meinen Diener Hadschi Halef. Diese beiden Männer werden mit ihren Kamelen wieder umkehren.«

»Womit willst du bezahlen? Mit Geld oder mit etwas anderem?«

»Mit Geld.«

»Willst du Speise von uns nehmen?«

»Nein; ihr gebt uns nur das Wasser.«

»So bezahlst du für dich zehn und für diesen Hadschi Halef acht Misri.«

Ich lachte dem braven Manne gerade ins Gesicht. Es war echt türkisch, für die kurze Fahrt und einige Schlücke Wasser achtzehn Misri, also beinahe vierunddreißig Taler zu verlangen.

»Du fährst einen Tag bis ungefähr zur Bucht von Nayazat, wo dein Schiff zur Nacht vor Anker geht?« fragte ich.

»Ja.«

»Dann sind wir des Mittags in Tor?«

»Ja. Warum fragst du?«

»Weil ich dir für diese kurze Fahrt nicht achtzehn Misri geben werde.«

»So wirst du hier zurückbleiben und mit einem andern fahren müssen, der noch mehr verlangen wird.«

»Ich werde weder zurückbleiben, noch mit einem andern fahren. Ich fahre mit dir.«

»So gibst du die Summe, welche ich verlangt habe.«

»Höre, was ich dir sage! Diese beiden Männer haben mir ihre Tiere geliehen und mich zu Fuße begleitet von El Kahira für vier Mariatheresientaler; bei der Hadsch wird jeder Pilger für einen Mariatheresientaler über das Meer gesetzt; ich werde dir für mich und meinen Diener drei Taler geben; das ist genug.«

»So bleibst du hier. Mein Sambuk ist kein Frachtschiff; er gehört dem Großherrn. Ich habe die Zehka42 einzusammeln und darf keinen Passagier an Bord nehmen.«

»Aber wenn er achtzehn Misri bezahlt, dann darfst du! Grade weil dein Sambuk dem Großherrn gehört, wirst du mich aufnehmen müssen. Blicke noch einmal hier in das Bjuruldu! Hier stehen die Worte »heb imdad wermek, sahihlik itschin meschghul, ejertsche akdschesiz – alle Hilfe leisten, für Sicherheit bedacht sein, selbst ohne Bezahlung«. Hast du das verstanden? Einen Privatmann müßte ich bezahlen; einen Beamten brauche ich nicht zu bezahlen. Ich gebe dir freiwillig diese drei Taler; bist du nicht einverstanden, so wirst du mich umsonst mitnehmen müssen.«

Er sah sich in die Enge getrieben und begann, seine Forderung zu mäßigen. Endlich nach langer Debatte hielt er mir die Hand entgegen:

»So mag es sein. Du bist im Giölgeda padischahnün, und ich will dich für drei Taler mitnehmen. Gib sie her!«

»Ich werde dich bezahlen, wenn ich in Tor das Schiff verlasse.«

»Effendi, sind die Neßarah43 alle so geizig wie du?«

»Sie sind nicht geizig, aber vorsichtig. Erlaube, daß ich mich an Bord begebe; ich werde nicht am Lande sondern auf dem Schiffe schlafen.«

Ich bezahlte meine Führer, welche, sobald sie außerdem noch ein Bakschisch erhalten hatten, ihre Kamele bestiegen und trotz der vorgerückten Tageszeit ihren Rückweg antraten. Dann stieg ich mit Halef an Bord. Ich befand mich nicht im Besitze eines Zeltes. Während des Rittes durch die Wüste hat man ebenso wie von der Hitze des Tages auch von der unverhältnismäßigen Kälte der Nächte zu leiden. Wer arm ist und kein Zelt hat, schmiegt sich bei der Nacht an sein Kamel oder an sein Pferd, um sich während der Ruhe an demselben zu wärmen. Ich hatte jetzt kein Tier mehr, und da die Nachtkühle hier am Wasser jedenfalls strenger war als im Innern des Landes, so zog ich es vor, hinter dem Verschlage auf dem Hinterteile des Sambuk Schutz zu suchen.

»Sihdi,« fragte mich Halef, »habe ich es recht gemacht, daß ich diesem Wergi-Baschi die Peitsche zeigte?«

»Ich will dich nicht tadeln.«

»Aber warum sagst du jedem, daß du ein Ungläubiger bist?«

»Darf man sich fürchten, die Wahrheit zu sagen?«

»Nein; aber du bist ja bereits auf dem Wege, ein Gläubiger zu werden. Wir sind auf dem Wasser, welches die Franken Bar-el-Hamra, das rote Meer nennen: dort liegt Medina und weiter nach rechts Mekka, die Städte des Propheten. Ich werde alle beide besuchen, und du, was wirst du tun?«

Er sprach die Frage offen aus, welche ich mir während der letzten Tage bereits heimlich vorgelegt hatte. Dem Christen, welcher sich nach Mekka oder Medina wagt, droht der Tod; so steht es in den Büchern zu lesen. Ist es wirklich so schlimm? Muß man hingehen und sagen, daß man ein Christ sei? Ist nicht vielleicht ein Unterschied zu machen zwischen einer ruhigeren Zeit und jenen Tagen, an welchen die großen Pilgerkarawanen eintreffen und der Fanatismus seinen Siedepunkt erreicht? Ich hatte oft gelesen, daß ein Ungläubiger keine Moschee betreten dürfe, und war dann später in verschiedenen Moscheen selbst gewesen. Konnte es mit dem Betreten der heiligen Städte nicht ähnlich sein? Ich hatte überhaupt den Orient in vielen, vielen Beziehungen ganz anders, und zwar nüchterner gefunden, als man sich ihn gewöhnlich vorzustellen pflegt, und konnte gar nicht recht glauben, daß ein kurzer, vielleicht nur stundenlanger Besuch in Mekka wirklich so furchtbar gefährlich sei. Der Türke hatte mich für einen Beduinen gehalten; es stand sehr zu vermuten, daß auch andere dieselbe Meinung von mir hegen würden. Und dennoch konnte ich zu keinem Entschluß kommen.

»Das weiß ich jetzt nicht,« antwortete ich dem kleinen Halef.

»Du wirst mit mir nach Mekka gehen, Sihdi, und vorher in Dschidda den rechten Glauben annehmen.«

»Nein, das werde ich nicht.«

Ein Ruf am Lande unterbrach die Unterhaltung. Der Türke hatte seinen Leuten das Abendgebet befohlen.

»Effendi,« meinte Halef, »die Sonne steigt hinter die Erde hinab; erlaube, daß ich bete!«

Er ließ sich auf die Kniee nieder und betete. Seine Stimme mischte sich mit dem Unisono der betenden Türken. Noch war dasselbe kaum verklungen, so ließ sich eine andere Stimme vernehmen. Sie scholl hinter dem Felsenriffe hervor, welches die Aussicht nach der Nordseite des Meeres verschloß.

»An Allah haben wir volle Genüge, und herrlich ist er, der Beschützer. Es gibt keine Macht und keine Gewalt, außer bei Gott, dem Hohen, dem Großen. O unser Herr, ïa Allah, o gern Verzeihender, o Allgütiger, ïa Allah, Allah hu!«

Diese Worte wurden mit einer tiefen Baßstimme intoniert, jedoch dem Namen Allah gab der Betende allemal einen Ton, welcher eine Quinte höher lag. Ich kannte diese Worte und diese Töne; so pflegen die heulenden Derwische zu beten. Die Türken hatten sich erhoben und sahen nach der Richtung, aus welcher die Stimme erscholl. Jetzt kam ein kleines, kaum sechs Fuß langes und vier Fuß breites Floß zum Vorschein, auf welchem ein Mann kniete, welcher ein Paddelruder führte und dazu im Takte sein Gebet abrief. Er trug um den roten Tarbusch einen weißen Turban, und weiß war auch seine ganze übrige Kleidung. Dies war ein Zeichen, daß er zur Fakirsekte der Kaderijeh gehöre, welche meist aus Fischern und Schiffern besteht und von Abdelkader el Gilani gestiftet wurde. Als er den Sambuk erblickte, stutzte er einen Augenblick, dann aber rief er:

»La ilaha illa lah!«

»Illa lah!« antworteten die andern im Chore.

Er hielt auf das Fahrzeug zu, legte sein Floß an und stieg an Bord. Wir, nämlich Halef und ich, befanden uns nicht allein an Bord; der Kürekdschi44 war uns gefolgt, und an diesen wandte sich der Derwisch:

»Gott schütze dich!«

»Mich und dich!« lautete die Antwort.

»Wie befindest du dich?«

»So wohl wie du.«

»Wem gehört dieser Sambuk?«

»Seiner Herrlichkeit dem Großherrn, welcher der Liebling Allahs ist.«

»Und wer führt ihn?«

»Unser Effendi, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim.«

»Und was habt ihr geladen?«

»Wir haben keine Fracht; wir fahren von Ort zu Ort, um den Zoll einzunehmen, welchen der Großscherif von Mekka anbefohlen hat.«

»Haben die Gläubigen reichlich gegeben?«

»Es ist keiner zurückgeblieben, denn wer Almosen gibt, dem vergilt es Allah doppelt.«

»Wohin fahrt ihr von hier?«

»Nach Tor.«

»Das werdet ihr morgen nicht erreichen.«

»Wir werden am Ras Nayazat anlegen. Wo willst du hin?«

»Nach Dschidda.«

»Auf diesem Floß?«

»Ja. Ich habe ein Gelübde getan, nur auf meinen Knieen nach Mekka zu fahren.«

»Aber bedenke die Bänke, die Riffe, die Untiefen, die bösen Winde, die es hier gibt, und die Haifische, welche dein Floß umschwärmen werden!«

»Allah ist der allein Starke; er wird mich schützen. Wer sind diese beiden Männer?«

»Ein Gi – ein Nemsi mit seinem Diener.«

»Ein Ungläubiger? Wo will er hin?«

»Nach Tor.«

»Erlaube, daß ich meine Datteln hier verzehre; dann werde ich weiter fahren.«

»Gefällt es dir nicht, die Nacht bei uns zu bleiben?«

»Ich muß weiter.«

»Das ist sehr gefährlich.«

»Der Gläubige hat nichts zu fürchten; sein Leben und sein Ende ist im Buche verzeichnet.«

Er setzte sich nieder und zog eine Handvoll Datteln hervor.

Ich hatte den Eingang zu dem Verschlage verriegelt gefunden und mich über das Geländer gelehnt. Da die beiden Sprechenden eine ziemliche Strecke von mir entfernt waren und ich sehr angelegentlich in das Wasser zu blicken schien, so mochten sie denken, daß ich ihre Unterhaltung nicht verstünde. Der Derwisch fragte:

»Ein Nemtsche ist dieser? Ist er reich?«

»Nein.«

»Woher weißt du dies?«

»Er gibt nur den sechsten Teil dessen, was wir für die Fahrt verlangten. Aber er besitzt einen Bjuruldu des Großherrn.«

»So ist er sicher ein sehr vornehmer Mann. Hat er viel Gepäck bei sich?«

»Gar keines, aber viele Waffen.«

»Ich habe noch keinen Nemtsche gesehen, aber ich habe gehört, daß die Nemsi sehr friedliche Leute sind. Er wird die Waffen nur tragen, um damit zu prunken. Doch jetzt bin ich fertig mit meinem Mahle; ich werde weiter fahren. Sage deinem Herrn Dank, daß er einem armen Fakir erlaubt hat, sein Schiff zu betreten!«

Einige Augenblicke später kniete er wieder auf seinem Floß. Er ergriff das Ruder, führte es im Takte und sang dazu sein »ïa

Allah, Allah hu!«

Dieser Mensch hatte einen eigentümlichen Eindruck auf mich gemacht. Warum hatte er das Schiff bestiegen und nicht am Ufer angelegt? Warum hatte er gefragt, ob ich reich sei, und während der ganzen Unterhaltung das Deck mit einem Blick gemustert, dessen Schärfe er nicht vollständig verbergen konnte? Ich hatte äußerlich nicht den mindesten Grund zu irgend einer Befürchtung, und dennoch kam mir in der Seele dieser Mann verdächtig vor. Ich hätte schwören mögen, daß er gar kein Derwisch sei.

Als er für das bloße Auge unverfolgbar war, richtete ich mein Fernrohr nach ihm. Obgleich in jenen Gegenden die Dämmerung sehr kurz ist, war es noch hell genug, ihn durch die Gläser zu erkennen. Er kniete nicht mehr, wie sein angebliches Gelübde ihm doch vorgeschrieben hätte, sondern er hatte sich bequem niedergesetzt und das Floß halb gewendet – – er ruderte der jenseitigen Küste zu. Hier war jedenfalls etwas »nicht richtig im Staate Dänemark«.

Halef stand neben mir und beobachtete mich. Er schien sich damit zu beschäftigen, meine Gedanken zu erraten.

»Siehst du ihn noch, Sihdi?« fragte er mich.

»Ja.«

»Er denkt, daß wir ihn nicht mehr sehen können, und rudert dem Lande zu?«

»So ist es. Woraus vermutest du dies?«

»Nur Allah ist allwissend, aber auch Halef hat scharfe Augen. »

»Und was haben diese Augen gesehen?«

»Daß dieser Mann weder ein Derwisch noch ein Fakir war.«

»Ah?«

»Ja, Sihdi. Oder hast du jemals gesehen und gehört, daß ein Derwisch von dem Orden Kaderijeh die Litanei der Hawlajüp45 redet und singt?«

»Das ist richtig. Aber weshalb sollte er sich für einen Fakir ausgeben, wenn er keiner ist?«

»Das muß man zu erraten suchen, Effendi. Er sagte, daß er auch während der Nacht fahren werde. Warum tut er es nicht?«

Da unterbrach der Steuermann unser Gespräch. Er trat herzu und fragte:

»Wo wirst du schlafen, Effendi?«

»Ich werde mich in den Tachta-perde46 legen.«

»Das geht nicht.«

»Warum?«

»Weil dort das Geld aufbewahrt wird.«

»So wirst du uns Teppiche besorgen, um uns hinein zu hüllen, und wir schlafen hier auf dem Verdeck.«

»Du sollst sie haben, Sihdi. Was würdest du tun, wenn Feinde zu dem Schiffe heran kämen?«

»Welche Feinde meinst du?«

»Räuber.«

»Gibt es hier Räuber?«

»Die Dscheheïne wohnen hier in der Nähe. Sie sind berüchtigt als die größten Chirsizler47 weit und breit, und kein Schiff, kein Mensch ist vor ihnen sicher.«

»Ich denke, Euer Herr, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim, ist ein Held, ein tapferer Mann, der sich vor keinem Menschen fürchtet, auch vor keinem Räuber, vor keinem Dscheheïne?«

»Das ist er; aber was vermag er, und was vermögen wir alle gegen Abu-Seïf, den »Vater des Säbels«, der gefährlicher und schrecklicher ist, als der Löwe in den Bergen oder der Haifisch im Meere?«

»Abu-Seïf? Ich kenne ihn nicht; ich habe noch niemals von ihm gehört.«

»Weil du ein Fremdling bist. Zur Weidezeit bringen die Dscheheïne ihre Herden nach den beiden Inseln Libnah und Dschebel Hassan und lassen nur wenig Männer bei ihnen. Die andern aber gehen auf Raub und Diebstahl aus. Sie überfallen die Barken und nehmen entweder alles, was sie darauf finden, oder erpressen sich ein schweres Lösegeld, und Abu-Seïf ist ihr Anführer.«

»Und was tut die Regierung dagegen?«

»Welche?«

»Steht ihr denn nicht im Giölgeda padischahnün?«

»Der reicht nicht bis zu den Dscheheïne. Dies sind freie Araber, welche der Großscherif von Mekka beschützt.«

»So helft euch selbst! Fangt die Räuber!«

»Effendi, du sprichst, wie ein Franke redet, der dies nicht versteht. Wer kann Abu-Seïf fangen und töten?«

»Er ist doch nur ein Mensch.«

»Aber er besitzt die Hilfe des Scheitan48. Er kann sich unsichtbar machen; er kann die Luft und das Meer durchfliegen; er wird weder durch einen Säbel, noch durch ein Messer, noch durch eine Kugel verwundet, aber sein Säbel ist faldschymisch49; er dringt durch Türen und Mauern und schneidet mit einem Hiebe gleich hundert und noch mehr Feinden Leib und Seele auseinander.«

»Den möchte ich sehen!«

»O wehe, wünsche das nicht, Effendi! Der Teufel sagt es ihm, daß du ihn sehen willst, und dann kannst du dich darauf verlassen, daß er kommen wird. Ich gehe, um dir die Teppiche zu holen; dann lege dich schlafen und bete vorher zu deinem Gott, daß er dich bewahre vor allen Gefahren, die dir drohen.«

»Ich danke für deinen Rat, aber ich bete gewöhnlich vor dem Schlafengehen.«

Er brachte uns die Decken, in welche wir uns hüllten, und wir schliefen sehr bald ein, da wir von unserem Ritt ermüdet waren.

Während der Nacht hatten einige Matrosen sowohl am Lande die Schlafenden als auch an Bord das Geld bewacht. Am Morgen versammelten sich alle auf dem Schiffe. Der Anker wurde gehoben, das Seil gelöst; man stellte die Segel, und der Sambuk steuerte südwärts.

Wir waren ungefähr drei Viertelstunden lang unter Segel gewesen, als wir ein Boot erblickten, welches in der gleichen Richtung vor uns ruderte. Als wir näher an dasselbe herankamen, sahen wir zwei Männer und zwei völlig verschleierte Frauen darin.

Das Boot hielt bald an, und die Männer gaben ein Zeichen, daß sie den Sambuk anzureden gedächten. Der Steuermann ließ das Segel abfallen und hemmte so den Lauf unsers Fahrzeuges. Einer der beiden Ruderer erhob sich und rief:

»Sambuk, wohin?«

»Nach Tor.«

»Wir auch. Wollt ihr uns mitnehmen?«

»Bezahlt ihr?«

»Gern.«

»So kommt an Bord.«

Das Schiff legte bei, und die vier Personen stiegen an Bord, während das Boot ins Schlepptau genommen wurde. Dann setzte der Sambuk seine Fahrt fort.

Der Wergi-Baschi begab sich in die Kajüte, jedenfalls um für die Frauen Platz zu machen; dann wurden dieselben den Blicken der Männer entzogen. Sie mußten an mir vorüber. Als Europäer brauchte ich mich nicht abzuwenden, und so bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß keine Atmosphäre von Parfüm sie umgab; denn die Frauen des Morgenlandes pflegen sich so zu parfümieren, daß man den Geruch bereits aus einer beträchtlichen Entfernung verspürt. Ein Odeur allerdings fiel mir auf, ein Odeur, der sich wie ein unsichtbarer Schweif hinter ihnen herzog, nämlich jener jedem Orientalen bekannte Geruch, welcher halb vom Kamele und halb von dem unfermentierten Rasr-Tabak stammt, den viele Beduinen zu rauchen pflegen, und welcher auf die Geruchs— und Geschmacksnerven ganz dieselbe Wirkung hat wie weiland der Inhalt der französischen Seegrasmatrazen, den aus Mangel an Besserem während des letzten Krieges so mancher deutsche Held in seine Pfeife stopfte. Ich empfand den Eindruck, als seien zwei Kameltreiber an mir vorüber gegangen; wenigstens war es gewiß, daß der berühmte persische Dichter Hafis Schems-ed-Din Mohammed auf diese beiden Grazien nicht seine Verse:

»Wenn deiner Locken WohlgerücheUms Grab mir wehn,Dann sprießen tausend BlumenAus meinem Hügel auf —«

gesungen hätte. Ich sah ihnen auch sehr aufmerksam nach, bis sie hinter der Türe des Verschlages verschwunden waren, konnte aber weiter nichts Besonderes bemerken. Vielleicht hatten sie eine lange Kamelreise hinter sich, so daß die Ausdünstungen des »Wüstenschiffes« nicht leicht aus ihren Kleidern zu bringen waren.

Ihre beiden Begleiter sprachen erst längere Zeit mit dem Steuermanne und dem Baschi; dann suchte der eine mich zu entern.

»Ich höre, daß du ein Franke bist, Effendi?« fragte er mich.

»Ja.«

»So bist du hier unbekannt?«

»Ja.«

»Du bist ein Nemtsche?«

»Ja.«

»Haben die Nemsi auch einen Padischa?«

»Ja.«

»Und Paschas?«

»Ja.«

»Du bist wohl kein Pascha?«

»Nein.«

»Aber ein berühmter Mann?«

»Pek, billahi – bei Gott, sehr!«

»Du kannst schreiben?«

»Peh ne güzel – und wie schön!«

»Auch schießen?«

»Daha ei – noch besser!«

»Du wirst wohl mit diesem Sambuk nach Tor fahren?«

»Ja.«

»Du gehst noch weiter nach dem Süden?«

»Ja.«

»Bist du mit den Ingli bekannt?«

»Ja.«

»Hast du Freunde unter ihnen?«

»Ja.«

»Das ist sehr gut. Bist du stark?«

»Korkulu – fürchterlich, arslandscha – wie ein Löwe! Soll ich es dir beweisen?«

»Nein, Effendi.«

»Und doch, denn deine Neugierde ist größer als die Geduld eines Menschen sein kann. Packe dich, und komme nicht wieder!«

Ich faßte ihn, drehte ihn in die passende Richtung und gab ihm einen Stoß, daß er weit über das Deck hin schoß und dann dasselbe mit seinem Bauche begrüßte. Aber im Nu war er wieder auf.

»Wai sana – wehe dir, du hast einen Gläubigen beleidigt; du mußt sterben!«

Er riß seinen Handschar heraus und stürzte auf mich zu. Sein Begleiter folgte ihm mit gezückter Waffe. Schnell zog ich Halef die harte Nilpeitsche aus dem Gürtel, um mit derselben die Angreifer zu salutieren; aber es sollte gar nicht so weit kommen, denn in diesem Augenblick öffnete sich die Tür des Verschlages, und es erschien eine der Frauen. Sie erhob stumm die Hand und zog sich dann zurück. Die beiden Araber hemmten ihre Schritte und gingen lautlos beiseite; aber ihre Blicke sagten mir, daß ich von ihnen nichts Gutes zu erwarten habe.

Die Türken hatten dem Vorgang mit großem Gleichmute zugesehen. Wäre auf dem Schiffe jemand getötet worden, so hätte es ja sein Kismet50 nicht anders mit sich gebracht.

Was mich betrifft, so hatten mich die unnützen Fragen dieses Menschen sehr in Harnisch gebracht. Aber, waren sie wirklich so unnütz? Hatten sie nicht vielleicht einen verborgenen Zweck? Der Orientale ist kein Schwätzer, am allerwenigsten aber verliert er seine Worte an einen Unbekannten, von dem er sogar nur das weiß, daß er ein Giaur ist.

Ich hatte mich im Humor des Aergers für einen berühmten Mann und für einen großen Schützen ausgegeben. Warum wollte er wissen, ob ich ein »Pascha«, ein berühmter Mann, ein Schreiber, ein guter Schütze sei? Was konnte es ihm nützen, zu wissen, ob ich weiter nach Süden wolle und unter den Engländern Freunde habe? Warum hatte er bei der Bejahung dieser letzten Frage gesagt: »Das ist sehr gut«, und zu was konnte es ihm dienen, zu erfahren, ob ich stark und kräftig sei? Und überdies hatte er seine Fragen in der Weise an mich gerichtet, wie sie ein Oberer an seinen Untergebenen, ein Untersuchungsbeamter an einen Angeschuldigten richtet. Am auffälligsten dabei war aber der augenblickliche Gehorsam, den sowohl er als sein Begleiter dem Winke des Weibes leisteten. Das war hier, wo die Frau tief unter dem Manne steht und für das öffentliche Leben nicht die mindeste Selbstbestimmung besitzt, gewiß sehr ungewöhnlich, vielleicht sogar verdächtig.

»Sihdi,« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite gewichen war, »hast du ihn gesehen?«

»Wen oder was?«

»Den Bart.«

»Den Bart! Welchen Bart?«

»Den das Weib hatte – —«

»Das Weib? Hatte das Weib einen Bart?«

»Sie hatte den Jaschmak51 nicht doppelt, wie vorher, sondern einfach über dem Gesichte, und so habe ich den Bart gesehen.«

»Schnurrbart?«

»Vollbart. Sie ist kein Weib, sondern ein Mann. Soll ich es dem Baschi sagen?«

»Ja, aber so, daß es niemand hört.«

Er ging. Jedenfalls hatte er sich nicht geirrt; denn ich wußte, daß ich seinen scharfen Augen trauen könne, und unwillkürlich brachte ich diesen neuen Umstand mit dem Derwisch in Verbindung. Ich sah Halef mit dem Baschi reden; dieser schüttelte den Kopf und lachte; er glaubte es nicht. Darauf wandte sich Halef mit einer höchst aufgebrachten Miene von ihm ab und kehrte zu mir zurück.

»Sihdi, dieser Baschi ist so dumm, daß er sogar mich für dumm hält.«

»Wie so?«

»Und dich für noch dümmer als mich.«

»Ah!«

»Er sagt, daß ein Weib niemals einen Bart habe, und daß ein Mann niemals die Kleidung eines Weibes anlegen werde. Sihdi, was hältst du von diesen Frauen, welche Vollbärte tragen? Vielleicht sind es Dscheheïne?«

»Ich vermute es.«

»So müssen wir die Augen offen halten, Sihdi!«

»Das ist das Einzige, was wir tun werden, und dazu gehört vor allen Dingen, daß wir unser Mißtrauen und unsere Aufmerksamkeit zu verbergen suchen. Halte dich abseits von mir, aber so, daß wir einander stets beispringen können!«

Er entfernte sich eine ziemliche Strecke, und ich ließ mich auf den Teppich nieder. Dann beschäftigte ich mich mit Einträgen in mein Tagebuch, behielt aber dabei sowohl den Verschlag, als auch die beiden Araber immer im Auge. Es war mir, als hätte ich alle Augenblicke ein unangenehmes Ereignis zu erwarten; dennoch aber verging der Tag, ohne daß irgend etwas Bedenkliches eingetreten wäre.

Der Abend dämmerte bereits, als wir in einer kleinen Bucht vor Anker gingen, welche gebildet wird durch eine hufeisenförmige Krümmung des Dschebel Nayazet, der zur großen Granitkette des Sinai gehört.

Die Küste war sehr schmal, denn nur wenige Schritte vom Ufer entfernt stiegen die tief zerklüfteten Felsen steil zum Himmel empor. Der Ankerplatz bot aus diesem Grunde vollständige Sicherheit gegen die Winde, ob aber heute auch gegen andere Störungen – —? Ich hätte gern einige der nächsten Klüfte und Felsenspalten untersucht, leider aber war der Abend bereits da, ehe die Türken das Land betreten hatten, um, wie gewöhnlich, Feuer anzuzünden.

El Mogreb und eine Stunde später el Aschia, die beiden Abendgebete, hallten feierlich die steilen Bergwände empor. Wer hier vielleicht verborgen war, mußte unsere Anwesenheit hören, selbst wenn er unser Feuer nicht gesehen hätte. Wie gestern, so hatte ich es auch heute vorgezogen, die Nacht auf dem Fahrzeuge zuzubringen, und mit Halef ausgemacht, daß wir abwechselnd wachen wollten. Später kamen einige der Matrosen wieder an Bord, um die Wache zu übernehmen, und da traten auch die beiden Frauen aus dem Verschlage, um an Deck die frische Abendluft zu genießen. Sie hatten sich auch jetzt doppelt verschleiert; das konnte ich bemerken, weil die Sterne des Südens einen solchen Glanz verbreiteten, daß es nicht schwer war, das ganze Verdeck zu überblicken. Sie kehrten aber bald wieder zu ihrem Verschlage zurück, dessen Türe ich mit meinen Augen beobachten konnte, obgleich ich diesmal im Vorderteile des Fahrzeuges lag.

Halef schlief ungefähr fünf Schritte von mir entfernt. Als Mitternacht herankam, weckte ich ihn heimlich und flüsterte:

»Hast du geschlafen?«

»Ja, Sihdi. Jetzt schlafe du!«

»Ich kann mich auf dich verlassen?«

»Wie auf dich selbst!«

»Wecke mich bei der geringsten Ursache zum Verdachte!«

»Das werde ich tun, Sihdi!«

Ich hüllte mich fester in den Teppich und schloß die Augen. Ich wollte schlafen, aber es gelang mir nicht. Ich sagte in Gedanken das Einmaleins auf – es half nicht. Da griff ich zu dem Mittel, welches sicher stets den Schlaf bringt. Ich verdrehte die geschlossenen Augen so, daß die Pupillen ganz nach oben zu stehen kamen, und bemühte mich, an gar nichts zu denken. Der Schlummer kam und – – halt, was war das?

Ich wickelte den Kopf aus der Decke und spähte zu Halef hinüber. Auch er mußte aufmerksam geworden sein, denn er hatte sich, wie horchend, halb emporgerichtet. Ich hörte jetzt nichts mehr, aber als ich das Ohr wieder auf das Deck legte, welches einen besseren Schallleiter als die Luft bildete, vernahm ich das seltsame Geräusch wieder, welches mich aufgeweckt hatte, trotzdem es überaus leise war.

»Hörst du etwas, Halef?« flüsterte ich.

»Ja, Sihdi. Was ist es?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ich auch nicht. Horch!«

Ein leises, ganz leises Plätschern ertönte jetzt vom Hinterteile her. Draußen am Lande war das Feuer erloschen.

»Halef, ich gehe jetzt auf einige Minuten nach dem Hinterdeck; bewache meine Waffen und Kleider!«

Von den drei Türken, welche wieder an Bord gekommen waren, lagen zwei schlafend am Boden; der dritte hatte sich niedergekauert und – schlief jedenfalls auch. Es war denkbar, daß ich von der Kajüte aus beobachtet wurde; daher mußte ich die möglichste Vorsicht anwenden. Ich ließ die Büchse und den Stutzen liegen und legte sowohl den Turban als auch den Haïk52 ab, welche mich durch ihre weiße Farbe verraten hätten. Dann schmiegte ich mich hart an den Boden, gewann den Rand des Deckes und kroch langsam an demselben hin, bis ich die Stelle erreichte, wo am äußersten Backbord eine Art Hühnersteige auf die Decke des Verschlages und zum Steuerruder führte. Ich stieg hinauf, katzenartig leise, darauf kam‘s ja an.

Es gelang, und nun kroch ich bis hinter an den Ruderwinkel. Ah – – das sonderbare Geräusch war erklärt. Das Boot, welches die beiden Frauen gebracht, und welches der Sambuk ins Schlepptau genommen hatte, war von dem Innern des Verschlages aus so scharf angeholt worden, daß es grad unter dem einen Fenster lag, welches sich am breiten Hinterteile des Fahrzeuges befand. Durch diese Fensterluke wurde soeben, als ich vorsichtig von oben herablugte, ein kleiner, aber nicht leichter Gegenstand an einem Seile herabgelassen, dessen Reibung an dem Lukenrande jenen Ton hervorbrachte, den man allerdings nur dann wahrnehmen konnte, wenn man das Ohr hart auf die Bretter des Verdeckes legte. Unten in dem Boote befanden sich drei Männer, welche den Gegenstand in Empfang nahmen und dann warteten, bis das Seil wieder emporgezogen und ein zweites Paket herabgelassen wurde.

Die Sache war mir natürlich sofort klar. Was in dem Boote aufgestaut wurde, war das Geld des Wergi-Baschi, d¨ h¨ der Ertrag der Steuer, welche er eingesammelt hatte, und – – – ich hatte keine Zeit, weiter zu vermuten.

»Alargha, iz chijanisch – aufgeschaut, wir sind verraten!« rief eine tiefe Stimme vom hohen Ufer her, wo man das Verdeck überblicken konnte; zu gleicher Zeit krachte ein Schuß, und eine Kugel bohrte sich hart neben mir in die Planke. Ein zweiter Schuß blitzte drüben auf, ein dritter; die Kugeln flogen glücklicherweise an mir vorüber, und ich durfte mich ihnen nicht länger aussetzen. Ich sah nur noch, daß das Tau unten gekappt und das Boot fortgerudert wurde; dann sprang ich vom Verschlage gleich auf das Deck hinab.

In demselben Augenblick öffnete sich die Türe der Kajüte, und ich bemerkte zweierlei, nämlich daß an der hinteren Seite derselben zwei Bretter entfernt und daß durch diese Lücke eine Anzahl Männer unbemerkt vom Wasser aus eingestiegen waren. Die Frauen sah ich nicht, aber neun Männer stürzten sofort auf mich los.

»Halef, herbei!« rief ich laut.

Ich hatte gar keine Zeit gehabt, eine Waffe zu ziehen. Drei hatten mich um den Leib gefaßt und sorgten dafür, daß ich nicht in den Gürtel langen konnte. Drei sprangen Halef entgegen, und die andern gaben sich Mühe, die Fäuste zu erhaschen, mit denen ich mich verteidigte. Draußen am Lande krachten Schüsse, und ertönten Flüche und Hilferufe, und dazwischen hörte man die Kommandos jener tiefen Baßstimme, welche ich vorhin wieder erkannt hatte: – es war die Stimme des Derwischs.

»Es ist der Nemtsche. Tötet ihn nicht, sondern fangt ihn!« gebot einer von denen, welche mich umfaßt hielten.

Ich suchte mich loszureißen: es ging nicht. Sechs gegen einen! Da krachte ein Pistolenschuß nicht weit von mir.

»Zu Hilfe, Sihdi; ich bin verwundet!« rief Halef.

Ich machte einen gewaltigen Ruck und riß meine Dränger einige Schritte mit mir fort.

»Betäubt ihn!« erscholl eine keuchende Stimme.

Ich wurde wieder fester gepackt und erhielt trotz meiner verzweifelten Gegenwehr einige Schläge über den Kopf, die mich niederstreckten. Es toste mir in den Ohren wie eine wilde Brandung. Mitten durch den Donner derselben hörte ich Gewehre knallen und Stimmen erschallen; dann war es mir, als würde ich an Händen und Füßen zusammengeschnürt und fortgeschleift, und endlich empfand ich gar nichts mehr.

Als ich erwachte, fühlte ich einen wüsten, pochenden Schmerz in meinem Hinterkopfe, und es dauerte eine geraume Zeit, bis es mir gelang, mich auf das Vorgefallene zu besinnen. Um mich her war es völlig dunkel, aber ein laut vernehmliches Sog53 ließ mich vermuten, daß ich mich in dem Kielraume eines Fahrzeugs befände, welches in schneller Fahrt begriffen war. Die Hände und die Beine waren mir so fest gebunden, daß ich kein Glied rühren konnte. Zwar schnitten mir die Fesseln nicht in das Fleisch, denn sie bestanden nicht aus Stricken oder Riemen, sondern aus Tüchern; aber sie verhinderten mich, die Schiffsratten von mir abzuwehren, welche meine Person einer sehr genauen Untersuchung unterwarfen.

Es verging eine lange, lange Zeit, ohne daß sich in meiner Lage etwas änderte. Endlich hörte ich das Geräusch von Schritten, konnte aber nichts sehen. Meine Fesseln wurden gelöst, und eine Stimme gebot mir:

»Stehe auf, und geh‘ mit uns!«

Ich erhob mich. Sie führten mich aus dem Kielraum durch ein halbdunkles Zwischendeck nach oben. Unterwegs untersuchte ich meine Kleider und fand ebenso zu meiner Ueberraschung wie Beruhigung, daß man mir außer den Waffen nicht das mindeste abgenommen hatte.

Als ich das Verdeck betrat, bemerkte ich, daß ich mich auf einer kleinen, sehr scharf auf den Kiel gebauten Barke befand, welche zwei dreieckige und ein trapezisches Segel hatte. Diese Takelung erforderte auf diesem an Stürmen, Böen, Riffen und Untiefen reichen Meere einen Kapitän, der seine Sache aus dem Grund verstand und ebensoviel Mut wie Kaltblütigkeit besitzen mußte. Das Fahrzeug war um das Dreifache bemannt, als notwendig gewesen wäre, und hatte auf dem Vorderdecke eine Kanone, welche aber so von Kisten, Ballen und Fässern maskiert war, daß sie von einem anderen Schiffe aus gar nicht bemerkt werden konnte. Die Mannschaft bestand aus lauter wettergebräunten Männern, von denen jeder seinen Gürtel mit Schuß-, Hieb— und Stichwaffen gespickt hatte. Auf dem Hinterdecke saß ein Mann in roten Hosen, grünem Turban und blauem Kaftan. Seine lange Weste war reich mit Gold gestickt, und in dem Bassora-Shawl, der ihm als Gürtel diente, funkelten kostbare Waffen. Ich erkannte in ihm sofort den Derwisch. Neben ihm stand der Araber, welchen ich auf dem Sambuk zu Boden geschleudert hatte. Ich wurde vor die beiden geführt. Der Araber musterte mich mit rachgierigem, der Derwisch mit verächtlichem Blick.

»Weißt du, wer ich bin?« fragte mich der Derwisch.

»Nein, aber ich vermute es.«

»Nun, wer bin ich?«

»Du bist Abu Seïf.«

»Ich bin es. Knie nieder vor mir, Giaur!«

»Was fällt dir ein! Steht nicht im Kuran geschrieben, daß man nur Allah allein anbeten soll?«

»Das gilt nicht für dich, denn du bist ein Ungläubiger. Ich befehle dir, niederzuknien, um deine Demut zu bezeugen.«

»Noch weiß ich nicht, ob du Ehrfurcht verdienst, und selbst wenn ich es erfahren hätte, würde ich dir meine Achtung auf eine andere Weise bezeigen.«

»Giaur, du kniest, oder ich schlage dir den Kopf ab!«

Er hatte sich erhoben und faßte seinen krummen Säbel. Ich trat noch einen Schritt näher an ihn heran.

»Meinen Kopf? Bist du wirklich Abu Seïf, oder bist du ein Henker?«

»Ich bin Abu Seïf und halte mein Wort. Nieder mit dir, oder ich lege dir den Kopf vor die Füße!«

»Wahre deinen eigenen Kopf!«

»Giaur!«

»Korkakdschi!«

»Was!« zischte er. »Einen Korkakdschi, einen Feigling nennst du mich!«

»Warum griffst du den Sambuk des Nachts an? Warum hülltest du deine Dschasusler54 in Weiberkleider? Warum zeigst du hier Mut, wo du von den Deinen umgeben und beschützt wirst? Ständest du allein mir gegenüber, so würdest du anders mit mir reden!«

»Ich bin Abu Seïf, der Vater des Säbels, und zehn Männer deiner Sorte vermöchten nichts gegen meine Klinge!«

»Aferihn – brav so! So muß man reden, wenn man sich zu handeln fürchtet.«

»Zu handeln? Sind diese Zehn zur Stelle? Wäre dies der Fall, so wollte ich dir im Augenblick beweisen, daß ich die Wahrheit gesagt habe!«

»Die Zehn sind nicht nötig; es genügt Einer.«

»Wolltest du vielleicht dieser Eine sein?«

»Pah, du würdest es nicht erlauben!«

»Warum nicht?«

»Weil du dich fürchtest. Du tötest mit dem Munde, nicht aber mit dem Säbel.«

Ich hatte einen verstärkten Ausfall seines Zornes auf diese Worte erwartet, sah mich aber getäuscht. Er verbarg diesen Grimm hinter einer kalten, tödlichen Ruhe, nahm seinem Nachbar den Säbel vom Gürtel und reichte ihn mir.

»Hier nimm und verteidige dich! Aber ich sage dir, selbst wenn du die Fertigkeit Aframs und die Stärke Kelads hättest, so würdest du beim dritten Hiebe eine Leiche sein.«

Ich nahm den Säbel.

Es war eine eigentümliche Situation, in der ich mich befand. Der »Vater des Säbels« mußte nach orientalischen Begriffen ein ausgezeichneter Fechter sein, aber ich wußte, daß der Orientale durchschnittlich ein ebenso schlechter Fechter als schlechter Schütze ist. Mit der Fertigkeit Aframs und der Stärke Kelads war es wohl nicht gar so weit her. Ich hatte noch mit keinem Orientalen nach den Regeln der Fechtkunst die Klinge gekreuzt, und wenn mir auch der dargereichte, an der »halben und ganzen Schwere«, also an der »Parierung« dünne, und an der »halben und ganzen Schwäche« so starke und schwere Säbel ziemlich ungewohnt war, so hatte ich dennoch große Lust, dem »Vater des Säbels« die Ueberlegenheit der europäischen Waffenführung zu beweisen.

Die ganze Bemannung des Schiffes war uns nahe getreten, und in allen Mienen spiegelte sich die Ueberzeugung, daß ich wirklich bei dem dritten Hiebe des Abu Seïf ein toter Mann sein werde.

Er drang so schnell, wild und regellos auf mich ein, daß ich keinen Moment Zeit hatte, Position zu nehmen. Ich parierte seine unreine Winkelquart und versuchte, mir sofort eine Blöße zu verschaffen; zu meinem Erstaunen aber ging er bei meinem Zirkelhiebe ganz prachtvoll unter meiner Klinge durch. Er traversierte und gab eine Finte; sie gelang ihm nicht. Nun traversierte ich ebenso und schlug Espadon; mein Hieb kam zum Sitzen, obgleich es meine Absicht nicht war, ihn sehr zu verletzen. Voll Wut darüber vergaß er sich, trat zurück und gab im Sprunge abermals Winkelquart; ich trat einen halben Schritt vor, setzte mit harter Festigkeit in die Linie ein, und – die Waffe flog ihm aus der Hand und über Bord in das Wasser.

Ein Schrei erscholl ringsumher. Ich aber trat zurück und senkte die Waffe.

Er stand vor mir und starrte mich an.

»Abu Seïf, du bist ein sehr geschickter Fechter!«

Diese meine Worte brachten ihn wieder zu sich; aber ich sah gegen meine Erwartung nicht das Zeichen des Grimmes, sondern nur der Ueberraschung in seinem Angesicht.

»Mensch, du bist ein Ungläubiger und hast doch Abu Seïf besiegt!« rief er aus.

»Du hast es mir leicht gemacht, denn dein Fechten ist kein edles und überlegtes. Mein zweiter Hieb kostete dich Blut, und mein dritter nahm dir die Waffe; ja, ich bin gar nicht zum dritten Hieb gekommen, während dein dritter mich töten sollte. Hier hast du den Säbel; ich bin in deiner Hand.«

Diese – freilich gewagte – Appellation an seinen Edelmut hatte einen guten Erfolg.

»Ja, du bist in meiner Gewalt, du bist mein Gefangener; aber du hast dein Schicksal in deiner eigenen Hand.«

»Inwiefern?«

»Wenn du tust, was ich von dir verlange, so wirst du bald wieder frei sein.«

»Was soll ich tun?«

»Du wirst mit mir fechten?«

»Ja.«

»Und es mich so lehren, wie es bei den Nemsi gelehrt wird?«

»Ja.«

»Du wirst dich, so lange du auf meinem Schiffe bist, von keinem fremden Auge sehen lassen?«

»Gut!«

»Und das Deck auf meinen Befehl sofort verlassen, wenn ein anderes Fahrzeug in Sicht kommt?«

»Ja.«

»Du wirst mit deinem Diener kein Wort sprechen.«

»Wo ist er?«

»Hier auf dem Schiffe.«

»Gebunden?«

»Nein, er ist krank.«

»Er hat eine Wunde?«

»Er ist am Arm verwundet und hat ein Bein gebrochen, daß er sich nicht erheben kann.«

»So kann ich dir das verlangte Versprechen nicht geben. Mein Diener ist mein Freund, den ich pflegen muß; du wirst mir dies erlauben!«

»Ich erlaube es nicht; aber ich verspreche dir, daß er gut verpflegt wird.«

»Das genügt mir nicht. Wenn er das Bein gebrochen hat, so muß ich es ihm einrichten. Es ist wohl hier keiner, welcher das versteht.«

»Ich selbst verstehe es. Ich bin so gut wie ein Dscherrah55; ich habe ihm seine Wunde verbunden und auch sein Bein geschient. Er hat keine Schmerzen mehr und ist mit mir zufrieden.«

»Ich muß dies aus seinem Munde erfahren.«

»Ich beteure es dir bei Allah und dem Propheten! Willst du mir nicht versprechen, nicht mit ihm zu reden, so werde ich dafür sorgen, daß du ihn nicht zu sehen bekommst. Aber ich habe noch mehr von dir zu verlangen.«

»Fordere!«

»Du bist ein Christ und wirst dich hüten, einen der meinen zu verunreinigen?«

»Gut.«

»Du hast Freunde unter den Inglis?«

»Ja.«

»Sind es große Leute?«

»Es sind Paschas unter ihnen.«

»So werden sie dich auslösen?«

Das war ja etwas ganz Neues! Also er wollte mich nicht töten, sondern sich meine Freiheit bezahlen lassen.

»Wie viel verlangst du?«

»Du hast nur wenig Gold und Silber bei dir; du kannst dich nicht selbst loskaufen.«

Also er hatte meine Taschen doch untersucht. Was ich in den Aermeln meiner türkischen Jacke eingenäht hatte, war von ihm nicht gefunden worden. Es wäre allerdings zum Lösegeld auch zu wenig gewesen. Daher antwortete ich:

»Ich habe nichts; ich bin nicht reich.«

»Ich glaube es, obgleich deine Waffen ausgezeichnet sind und du Instrumente bei dir führst, welche ich gar nicht kenne. Aber du bist vornehm.«

»Ah!«

»Und berühmt.«

»Ah!«

»Du hast es diesem hier auf dem Sambuk gesagt.«

»Ich habe Spaß gemacht.«

»Nein, du hast im Ernst gesprochen. Wer so stark ist und den Säbel so zu führen weiß, wie du, der kann nichts anderes sein, als ein großer Zabit56, für den sein Padischah gern ein gutes Lösegeld geben wird.«

»Mein König wird meine Freiheit nicht mit Geld bezahlen; er wird sie umsonst von dir fordern.«

»Ich kenne keinen König der Nemsi; wie also will er mit mir reden und mich zwingen, dich frei zu lassen?«

»Er wird es durch seinen Eltschi57 tun.«

»Auch diesen kenne ich nicht. Es gibt keinen Eltschi der Nemsi hier in dieser Gegend.«

»Der Gesandte ist in Stambul beim Großherrn. Ich habe ein Bu-Dscheruldu, das ihr hier Bjuruldu nennt, und bin also einer, der in dem Schatten des Sultans steht.«

Er lachte.

»Hier gilt der Padischah nichts; hier hat nur der Großscherif von Mekka zu gebieten, und ich bin mächtiger als diese beiden. Ich werde weder mit deinem König noch mit seinem Gesandten über dich verhandeln.«

»Mit wem sonst?«

»Mit den Inglis.«

»Warum mit diesen?«

»Weil sie dich auswechseln sollen.«

»Gegen wen?«

»Gegen meinen Bruder, der sich in ihrer Hand befindet. Er hat mit seiner Barke eines ihrer Schiffe angegriffen und ist von ihnen gefangen genommen worden. Sie haben ihn nach Eden58 geschafft und wollen ihn töten; nun aber werden sie ihn für dich frei lassen müssen.«

»Vielleicht irrst du dich. Ich gehöre nicht zu den Inglis. Sie werden mich wohl in deinen Händen lassen und deinen Bruder töten.«

»So stirbst du auch. Du kannst schreiben und wirst einen Brief an sie anfertigen, den ich ihnen übergeben lasse. Machst du den Brief gut, so werden sie dich auswechseln; machst du ihn aber schlecht, so hast du dich selbst getötet. Also überlege dir den Brief recht sehr; du hast noch viele Tage Zeit.«

»Wie viele?«

»Wir haben ein böses Meer vor uns; aber ich werde, so viel es angeht, auch des Nachts fahren. Wenn uns der Wind günstig bleibt, sind wir in vier Tagen in Dschidda. Von da bis in die Gegend von Sanah, wo ich mein Schiff verbergen werde, haben wir beinahe ebenso weit. Du hast also eine volle Woche Zeit, über dein Schreiben nachzudenken, denn erst von Sanah aus werde ich den Boten abgehen lassen.«

»Ich werde den Brief schreiben.«

»Und du versprichst mir, keinen Fluchtversuch zu unternehmen?«

»Das kann ich dir nicht versprechen.«

Er sah mir einige Zeit lang ernst in das Gesicht.

»Allah akbar, Gott ist groß, und ich habe es nicht geglaubt, daß unter den Christen auch ehrliche Leute sind. Also du willst mir entfliehen?«

»Ich werde jede Gelegenheit dazu benutzen.«

»So werden wir auch nicht fechten; du könntest mich erschlagen und in das Wasser springen, um dich durch Schwimmen zu retten. Kannst du schwimmen?«

»Ja.«

»Bedenke, daß hier im Wasser viele Fische sind, die dich fressen würden!«

»Ich weiß es.«

»Ich werde dich streng bewachen lassen. Der Mann hier neben mir wird stets an deiner Seite sein. Du hast ihn beleidigt; er wird dich nicht aus den Augen lassen, bis du entweder frei oder gestorben bist.«

»Was wird in diesen beiden Fällen mit meinem Diener werden?«

»Ihm wird nichts geschehen. Zwar hat er eine große Sünde begangen, da er der Diener eines Ungläubigen ist; aber er ist weder ein Türke noch ein Giaur, er wird seine Freiheit mit dir oder nach deinem Tode erhalten. Jetzt kannst du auf dem Deck bleiben; sobald es dir dein Wächter aber gebietet, gehst du hinab, wo du in deine Kammer eingeschlossen wirst.«

Er wandte sich hierauf von mir ab, und ich war also entlassen.

Ich schritt zunächst nach dem Vorderdeck und ging dann längs der Regelings spazieren; als ich ermüdet war, legte ich mich auf eine Decke nieder. Stets blieb der Araber in meiner Nähe, so daß er sich immer in einer Entfernung von fünf bis sechs Schritten von mir befand.

Das war ebenso überflüssig wie für mich unangenehm. Kein Mensch weiter schien sich um mich zu bekümmern; kein Mensch sprach ein Wort zu mir. Man reichte mir schweigend mein Wasser, mein Kuskussu und einige Datteln. Sobald ein Fahrzeug uns ansegelte, mußte ich hinunter in meine Kammer, an deren Tür sich mein Wächter so lange postierte, bis ich wieder oben erscheinen durfte, und am Abend wurde die Türe verriegelt und mit allerlei Gerümpel verbarrikadiert.

Sechstes Kapitel: Wieder frei

Unter diesen Umständen vergingen drei Tage. Ich empfand mehr Sorge um den kranken Halef als um mich selbst; aber alle meine Bemühungen, zu ihm zu kommen, wären vergeblich gewesen. Natürlich befand er sich ebenso unter Deck wie ich selbst, und jeder Versuch, hinter dem Rücken meines Wächters dem braven Diener ein Zeichen zu geben, hätte uns beiden nur schaden müssen.

Wir waren ungefähr, da wir eine sehr schnelle und glückliche Fahrt gemacht hatten, in der Gegend zwischen Dschebel Eyub und Dschebel Kelaya angekommen, von wo an die Küste bis Dschidda immer niedriger und flacher wird. Es war zur Zeit der Dämmerung. Im Norden stand, eine Seltenheit, ein kleines, schleierartiges Wölkchen am Himmel, welches Abu Seïf sehr besorgt betrachtete. Die Nacht brach herein, und ich mußte unter Deck gehen. Da war es jetzt schwüler noch als gewöhnlich, und diese Schwüle steigerte sich von Viertelstunde zu Viertelstunde. Ich war um Mitternacht noch nicht eingeschlafen. Da hörte ich von fern her ein dumpfes Brausen, Donnern und Rollen, welches mit Sturmeseile näher kam und unser Schiff erfaßte. Ich fühlte, daß es mit dem Vorderteile tief in die Fluten tauchte, sich aber wieder erhob und dann mit verdoppelter Geschwindigkeit dahinschoß. Es ächzte und stöhnte in allen Fugen. Die Mastenfüße krachten in ihrer Verkeilung, und auf dem Decke rannte die Bemannung unter ängstlichen Rufen, Jammern und Beten hin und her.

Dazwischen hinein tönten die lauten, besonnenen Kommandorufe des Führers. Es war auch notwendig, daß dieser seine Kaltblütigkeit nicht aufgab. Nach meiner ungefähren Berechnung nahten wir uns der Höhe von Rabbegh, welches von den Arabern Rabr genannt wird, und von da an südwärts gibt es eine Anzahl von Klippen und Korallenbänken, welche der Schiffahrt selbst bei Tage sehr gefährlich sind. Dort liegt auch die Insel Ghauat, und zwischen ihr und Ras Hatiba ragen zwei Korallenklippen empor, zwischen denen die Durchfahrt bei Sonnenlicht und ruhigem Wetter mit den größten Gefahren verbunden ist, und deshalb bereiten sich die Schiffer, ehe sie dieser Stelle nahen, immer durch Gebet vor. Der Ort wird Om-el-Hablein genannt, »Ort der beiden Seile«, ein Name, welcher auf die Art und Weise hindeutet, in welcher man früher sich vor der Gefahr zu sichern suchte.

Auf diese Durchfahrt trieb uns der Orkan mit rasender Schnelligkeit zu. Eine Landung vorher war unmöglich.

Ich hatte mich von meinem Lager erhoben. Aber wenn das Schiff auf eine Klippe rannte, war ich doch verloren, da meine Kammer verschlossen war.

Da war es mir, als hörte ich mitten im Brausen der Elemente ein Geräusch vor meiner Tür. Ich trat näher und horchte. Ich hatte mich nicht getäuscht. Man entfernte die Verrammelung, und die Tür wurde geöffnet.

»Sihdi!«

»Wer ist da?«

»Hamdullillah, Preis sei Gott, der mich den richtigen Ort gleich finden ließ! Kennst du nicht die Stimme deines treuen Halef?«

»Halef? Unmöglich! Der kann es nicht sein; der kann nicht gehen.«

»Warum nicht?«

»Weil er verwundet ist und ein Bein gebrochen hat.«

»Ja, verwundet bin ich, Sihdi, von einer Kugel am Arme; aber nur sehr leicht. Das Bein habe ich nicht gebrochen.«

»So hat Abu Seïf mich belogen.«

»Nein, sondern ich habe ihn getäuscht. Ich mußte mich verstellen, um meinem guten Sihdi helfen zu können. Nun habe ich drei Tage mit den Schienen am Beine unten im Raume gelegen, und des Nachts habe ich sie entfernt und bin auf Kundschaft ausgekrochen.«

»Wackerer Halef, das werde ich dir nicht vergessen!«

»Ich habe auch verschiedenes erfahren.«

»Was?«

»Abu Seïf wird eine Strecke vor Dschidda anlegen, um nach Mekka zu pilgern. Er will dort beten, daß sein Bruder wieder frei werde. Mehrere von seinen Mannen gehen mit.«

»Vielleicht ist es uns da möglich, zu entkommen.«

»Ich werde sehen. Das wird also morgen sein. Deine Waffen sind in seiner Kammer.«

»Kommst du morgen abend wieder, wenn wir in dieser Nacht nicht umkommen?«

»Ich komme, Sihdi.«

»Aber die Gefahr, Halef!«

»Heute ist es so finster, daß mich niemand sehen konnte, und nach uns zu schauen, haben sie keine Zeit, Sihdi. Morgen aber wird Allah helfen.«

»Hast du Schmerzen in deiner Wunde?«

»Nein.«

»Was ist mit dem Sambuk geschehen? Ich lag in Ohnmacht und kann es also nicht wissen.«

»Sie haben das ganze Geld genommen, welches nun in der Oda des Kapitäns liegt, und die Bemannung angebunden. Nur uns zwei hat man mitgenommen, damit du den Bruder Abu Seïfs befreien sollst.«

»Das weißt du?«

»Ich habe Gespräche belauscht.«

»Und die Barke in jener Nacht?«

»Sie lag nicht weit von uns hinter den Klippen vor Anker und hatte auf uns gewartet. Chajir ola, gute Nacht, Sihdi!«

»Gute Nacht!«

Er ging hinaus, schob den Riegel vor und brachte auch die Verbarrikadierung wieder an Ort und Stelle.

Ich hatte während dieses Besuches den Orkan ganz und gar vergessen, der ganz unerwartet ebenso schnell sich legte, als er gekommen war; und wenn die See auch noch lange hoch ging, wie ich aus den Bewegungen des Schiffes merkte, so vermutete ich doch, daß nun heller Himmel geworden sei, der die Gefahr eines Schiffbruches bedeutend verminderte. Ich schlief ruhig ein.

Als ich erwachte, lag das Schiff still; meine Tür war geöffnet, draußen aber stand mein Wächter.

»Willst du hinauf?« fragte er mich.

»Ja.«

»Du kannst nur bis zum Deghri59 oben bleiben.«

Ich kam an Deck und fand bereits alle Spuren des Sturmes verwischt. Das Schiff lag in einer sehr schmalen, tief in das Land einschneidenden Bucht vor Anker. Die Segel waren abgenommen und die beweglichen Masten umgelegt worden, so daß das Fahrzeug weder vom Meere, noch vom Lande aus, welches wüst und unbewohnt erschien, leicht gesehen werden konnte.

Bis gegen Mittag blieb ich an Deck, ohne etwas Ungewöhnliches bemerken zu können. Dann aber ließ mich Abu Seïf zu sich kommen. Er befand sich nicht an Deck, sondern in seiner Kajüte, in welcher ich alle meine Waffen an der Wand hängen sah. Auch die Patronenkapsel war da, und außerdem sah ich mehrere große Ketschikise60 am Boden liegen, welche jedenfalls Pulver enthielten. Ein Sandyk61 stand offen, den Abu Seïf bei meinem Eintritt sofort verschloß; dennoch hatte ich Zeit genug gehabt zu bemerken, daß er lauter Kettschuwal62 enthielt, in denen sich wahrscheinlich die von dem Sambuk geraubten Gelder befanden.

»Nemtsche, ich habe ein Kurzes mit dir zu reden,« sagte er.

»Sprich.«

»Verweigerst du mir noch immer das Versprechen, keinen Fluchtversuch zu unternehmen?«

»Ich bin kein Lügner und sage dir daher aufrichtig, daß ich fliehen werde, sobald sich mir eine Gelegenheit dazu bietet.«

»Du wirst keine solche Gelegenheit finden; aber du zwingst mich, strenger mit dir zu verfahren, als ich möchte. Ich werde zwei Tage lang nicht an Bord sein; du darfst während dieser Zeit deine Kammer nicht verlassen und wirst mit gebundenen Händen unten liegen.«

»Das ist hart.«

»Ja; aber du trägst selbst die Schuld.«

»Ich muß mich fügen.«

»So kannst du gehen. Merke dir jedoch, daß ich Befehl geben werde, dich sofort zu töten, wenn du den Versuch machst, deine Fesseln wegzunehmen. Wärest du ein Rechtgläubiger, so würde ich dich bitten, mein Freund zu sein. Du bist ein Giaur, aber ich hasse und verachte dich nicht. Ich hätte deinem Versprechen Glauben geschenkt; du willst es aber nicht geben, und so mußt du nun die Folgen tragen. Gehe jetzt nach unten!«

Ich wurde unter Deck geführt und dort eingeschlossen. Es war eine Pein, bei der da unten herrschenden Glut gefesselt liegen zu müssen; aber ich fügte mich darein, trotzdem mein Wächter seiner Rachsucht dadurch Genüge geschehen ließ, daß er mir weder Speise noch Trank brachte. Ich hoffte auf Halef, und zwar mit einer Spannung, wie ich sie so groß noch selten empfunden hatte. Meine Lage wurde dadurch, daß ich mich im Dunkeln befand, natürlich nicht verbessert. Ich hatte El Asr, El Mogreb und El Aschia beten hören; dann war eine lange, lange Zeit vergangen, und es mußte weit über Mitternacht sein, als ich endlich draußen vor meiner Tür ein leises Geräusch vernahm.

Ich horchte angestrengt, vermochte aber nichts mehr zu hören. Sprechen durfte ich auf keinen Fall. Vielleicht war es auch bloß eine Ratte gewesen.

Es blieb eine Weile ruhig; dann hörte ich Schritte nahen, denen jenes leise Rauschen folgte, welches entsteht, wenn ein Teppich oder eine Matte auf den Boden gebreitet wird. Was war das? Jedenfalls hatte mein Wächter sich vorgenommen, vor meiner Tür die übrige Nacht zuzubringen. Nun war es aus mit meiner Hoffnung, denn wenn Halef ja noch kam, so – – – aber horch! Was war das? Es gehörte die ganze Schärfe meines Gehörs dazu, um zu bemerken, daß der Holzriegel an meiner Tür langsam, langsam zurückgeschoben wurde. Einige Sekunden nachher hörte ich einen harten Schlag – ein Geräusch, als wenn jemand vom Boden empor wolle und doch nicht könne – ein kurzes, ersticktes Stöhnen, und dann erklang es draußen halblaut:

»Sihdi, komm; ich habe ihn!«

Es war Halef.

»Wen?« fragte ich.

»Deinen Wächter.«

»Ich kann dir nicht helfen, die Hände sind mir gebunden.«

»Bist du an die Wand gebunden?«

»Nein; hinaus zu dir kann ich.«

»So komm, die Tür ist offen.«

Als ich hinaustrat, fühlte ich, daß der Araber unter krampfhaften Zuckungen am Boden lag. Halef kniete auf ihm und hatte ihm mit den Händen den Hals zugeschnürt.

»Fühle in seinen Gürtel, ob er ein Messer hat, Sihdi!«

»Hier ist eins; warte!«

Ich zog mit meinen hart am Gelenk gebundenen Händen das Messer hervor, nahm den Griff fest zwischen die Zähne und sägte mir die Fesseln entzwei.

»Geht es, Sihdi?«

»Ja, jetzt habe ich die Hände frei. Gott sei Dank, daß er noch nicht tot ist!«

»Sihdi, er hätte es verdient.«

»Und dennoch soll er leben! Wir binden ihn, geben ihm einen Knebel und legen ihn in meine Kammer.«

»So wird er durch die Nase stöhnen und uns verraten.«

»Ich nehme sein Turbantuch auseinander und wickele es ihm um das Gesicht. Laß jetzt ein wenig locker, so daß er Atem bekommt! – So – hier ist der Knebel – hier sein Gürtel, um Hände und Füße zu binden – – – laß den Hals los und halte seine Beine – – – so, fertig. Nun hinein mit ihm!«

Ich atmete tief auf, als ich die Tür hinter dem Gefangenen verriegelt hatte und nun mit Halef an der Treppe stand.

»Was nun, Sihdi?« fragte er mich.

»Wie kam das alles, jetzt?«

»O, sehr einfach. Ich kroch aus dem Raum empor und horchte.«

»Wenn sie dich entdeckt hätten!«

»Sie bewachten mich nicht, weil sie denken, daß ich mich nicht regen kann. Da hörte ich, daß der Vater des Säbels mit zwölf Männern zunächst nach Dschidda gegangen ist. Er hat viel Geld mitgenommen, um es dem Großscherif in Mekka zu bringen. Dann vernahm ich, daß der Araber, welcher dich bewacht, an deiner Türe schlafen werde. Er haßt dich, und er hätte dich längst getötet, wenn er sich nicht vor Abu Seïf fürchten müßte. Wenn ich zu dir wollte, so mußte ich ihm zuvorkommen, und so bin ich über das Deck gekrochen, ohne daß ich bemerkt wurde. Du hast mich das in der Wüste gelehrt. Und kaum war ich da, so kam er auch.«

»Ah, das also warst du! Ich hatte es gehört.«

»Als er sich gelegt hatte, habe ich ihn beim Halse genommen. Das übrige weißt du, Sihdi.«

»Ich danke dir, Halef! Wie sieht es oben aus?«

»Sehr gut. Als ich über das Deck schlich, waren sie im Begriff, ihren Afijon63 anzubrennen. Ihr Gebieter ist fort, da dürfen sie es wagen.«

»So nimm die Waffen dieses Mannes zu dir; sie sind besser als diejenigen, welche du vorher hattest. Jetzt komm; ich gehe voran.«

Während wir nach oben schlichen, konnte ich mich nicht enthalten, darüber zu lächeln, daß Abu Seïf dem Großscherif ein Geschenk bringen wollte, welches doch ein Bruchteil dessen war, was er ihm erst geraubt hatte. Als ich den Kopf aus der Luke steckte, verspürte ich jenen Duft, der in der Nähe jeder Opiumkneipe zu bemerken ist. Die Männer lagen regungslos auf dem Verdeck umher; es war nicht zu erkennen ob sie schliefen oder nur in regungsloser Lage den Rausch des betäubenden Giftes erwarten wollten. Glücklicherweise war der Weg nach der Kajüte frei. Wir krochen, ganz auf den Boden niedergeduckt, in dieser Richtung weiter und gelangten glücklich an die Tür. Dank der orientalischen Sorglosigkeit hatte dieselbe kein Schloß; die Angeln konnten auch nicht knarren, weil sie einfach aus einem Stücke Leder bestanden, welches oben und unten an Tür und Pfosten aufgenagelt war.

Ich öffnete nur so weit, als nötig war, um hinein zu kriechen, und als wir uns im Innern befanden, zog ich die Tür wieder zu. Nun fühlte ich mich so sicher und frei, als ob ich mich daheim in meiner Stube befunden hätte. Hier hingen meine Waffen, und fünf Schritte davon war der Bord des Schiffes, von welchem ein Sprung genügte, um an das Land zu kommen. Die Uhr, den Kompaß, das Geld hatte ich bei mir.

»Was soll ich mitnehmen?« fragte Halef.

»Eine von den Decken, welche ich dort in der Ecke liegen sah. Wir brauchen sie notwendig; ich nehme auch eine.«

»Weiter nichts?«

»Nein.«

»Aber ich habe erlauscht, daß sich hier viel Geld befindet.«

»Das liegt dort im Sandyk; wir lassen es liegen, denn es gehört uns nicht.«

»Was, Sihdi? Du willst kein Geld mitnehmen? Du willst diesen Räubern das Geld lassen, welches wir so notwendig brauchen?«

»Willst du ein Dieb werden? Nein!«

»Ich? Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah ein Dieb? Sihdi, das sollte mir ein Anderer sagen! Hast du mir nicht selbst befohlen, dem Manne, der unten in der Kammer liegt, die Waffen wegzunehmen? Hast du mir nicht befohlen, in diese Decken zu greifen?«

»Das ist kein Diebstahl. Wir sind durch die Räuber um unsere Decken und um deine Waffen gekommen und haben also das Recht, uns zu entschädigen. Unser Geld aber haben wir noch.«

»Nein, Sihdi; das meinige haben sie genommen.«

»Hattest du viel?«

»Hattest du mir nicht alle zwei Wochen drei Maria-Theresientaler gegeben? Ich hatte sie alle noch; nun sind sie weg, und ich werde mir nehmen, was mir gehört.«

Er trat an den Kasten. Sollte ich ihn hindern? In gewisser Beziehung hatte er Recht. Wir befanden uns in Umständen, unter denen wir uns unser Recht selbst zu wahren hatten. Wo konnten wir Abu Seïf auf Rückgabe des geraubten Geldes verklagen? Ich mußte zu sehr sparen, als daß ich meinem Diener das Geraubte aus meiner Tasche hätte ersetzen können, und überdies hätte ein weiterer Streit mit Halef uns nur aufgehalten oder gar in Gefahr gebracht; ich begnügte mich also mit dem Einwande: »Der Sandyk wird verschlossen sein. »

Er trat hinzu, visitierte und sagte dann:

»Ja, es ist ein Schloß daran, und der Schlüssel fehlt, aber ich werde dennoch öffnen.«

»Nein, das wirst du nicht! Wenn du das Schloß aufsprengst, so gibt es einen Krach, der uns verrät!«

»Sihdi, du hast recht. Ich werde mir meine Taler doch nicht holen können. Komm, wir wollen gehen!«

Bei dem Tone, in welchem er diese Worte sprach, bedauerte ich fast, daß er auf Ersatz verzichten mußte. Ein anderer Araber hätte es nicht getan, davon war ich überzeugt, und das brachte mich zu dem Versprechen:

»Halef, du sollst die Theresientaler noch einmal von mir bekommen!«

»Ist es wahr, Sihdi?«

»Ja.«

»So laß uns gehen!«

Wir verließen die Kajüte und erreichten glücklich den Rand des Fahrzeuges. Der Abstand zwischen ihm und dem Lande war doch ein bedeutender, wie man bei dem Sternenlichte bemerken konnte.

»Kommst du hinüber, Halef?« fragte ich besorgt.

Ich wußte, daß er ein guter Springer war; hier aber konnte man keinen Anlauf nehmen.

»Paß auf. Sihdi!«

Er erhob sich, setzte den Fuß auf den Regeling und stand im nächsten Augenblick drüben am Ufer. Ich folgte ihm sofort.

»Hamdullillah, Gott sei Dank! Jetzt sind wir frei. Aber was nun?« fragte Halef.

»Wir gehen nach Dschidda.«

»Weißt du den Weg?«

»Nein.«

»Oder hast du eine Harjta64, welche dir den Weg zeigt?«

»Auch nicht; aber wir brauchen uns nur nach Süden zu halten. Abu Seïf hat zu Fuß hinwandern müssen; das ist ein sicheres Zeichen, daß die Stadt nicht sehr weit von hier liegt. Laß uns vor allen Dingen erst nach den Waffen sehen.«

Wir zogen uns hinter ein nahes Euphorbiengesträuch zurück, welches uns genügend verbarg, denn es war nicht die kleine arabische, sondern die hohe ostindische Art. Meine Gewehre waren geladen; man hatte jedenfalls mit dem Revolver und dem Henrystutzen nicht umzugehen verstanden und sich über den schweren Bärentöter höchlichst wundern müssen. Der Araber ist ein langes, leichtes Gewehr gewohnt, und es gibt ganze Stämme, welche noch mit Flinten der ältesten, seltsamsten Konstruktionen bewaffnet sind.

Nachdem wir uns überzeugt hatten, daß unsere Flucht nicht bemerkt worden war, machten wir uns auf den unbekannten Weg. Wir mußten, so viel wie möglich, der Küste folgen, und diese hatte zahlreiche größere oder kleinere Einbuchtungen, welche zu umgehen waren, so daß wir nur langsam vorwärts kamen. Dazu war der Boden trotz der Nähe des Meeres sehr dicht mit Koloquinten und Aloen bewachsen, welche das Gehen außerordentlich beschwerlich machten. Endlich graute der Tag, und der Marsch ging leichter und schneller vor sich. Man konnte in die Ferne blicken und unterscheiden, welche Richtung man einzuschlagen hatte, um eine Krümmung der Küste abzuschneiden, und es war vielleicht vormittags 8 Uhr, als wir die Minareh65 einer Stadt vor uns erblickten, welche mit einer hohen, ziemlich gut erhaltenen Mauer umgeben war.

»Wollen wir fragen, ob dies Dschidda ist, Sihdi?« fragte Halef.

Wir waren bereits seit einer Stunde Arabern begegnet, ohne sie anzureden.

»Nein; das ist ganz sicher Dschidda.«

»Und was beginnen wir dort?«

»Ich werde mir zunächst den Ort ansehen.«

»Und ich auch. Weißt du, daß dort Eva, die Mutter aller Lebendigen, begraben liegt?«

»Ja.«

»Als Adam sie begraben hatte, beweinte er sie vierzig Tage und vierzig Nächte; dann ging er nach Selan-Dib, wo er starb und nun auch begraben liegt. Das ist eine Insel, von der nur die Gläubigen etwas wissen.«

»Du irrst, Halef. Diese Insel hieß bei ihren Bewohnern Sinhala Dvipa, woraus ihr in euerer Sprache Selan-Dib gemacht habt. Sinhala Dvipa heißt Löweninsel; sie gehört den Christen, den Inglis, und ich selbst bin bereits zweimal dort gewesen.«

Er blickte mich erstaunt an.

»Aber unsere Talebs66 sagen doch, daß jeder Ungläubige stirbt, der die Insel Adams betreten will!«

»Bin ich gestorben?«

»Nein. Aber du bist ein Liebling Allahs, obgleich du den wahren Glauben nicht hast.«

»Ich will dir noch ein Beispiel sagen. Nicht wahr, jeder Ungläubige muß sterben, der die heiligen Stätten von Mekka und Medina betritt?«

»Ja.«

»Aber es gibt dennoch Christen, welche dort gewesen sind.«

»Ist das wahr?«

»Ja. Sie haben getan, als ob sie Moslemin seien.«

»Dann mußten sie unsere Sprache und unsere Gebräuche verstehen.«

»Sie verstanden sie.«

Er blickte mir ängstlich forschend in das Angesicht.

»Sihdi, du verstehst das auch. Willst du nach Mekka?«

»Würdest du mich mitnehmen?«

»Nein, Sihdi; denn ich würde dafür in der tiefsten Dschehenna gebraten werden.«

»Würdest du mich verraten, wenn du mich dort sähest?«

»Effendi, mache mich nicht traurig! Ich müßte dich verraten und könnte es doch vielleicht nicht. Ich würde nicht mehr leben können!«

Ich sah ihm an, daß dies seine volle Ueberzeugung war; es wäre grausam gewesen, ihn länger zu versuchen und in Angst zu halten.

»Halef, du hast mich lieb?«

»Lieber als mich selbst, Sihdi; glaube mir das!«

»Ich glaube es. Wie lange willst du noch mit mir reisen?«

»So lange du willst. Ich gehe mit dir, soweit die Erde reicht, obgleich du ein Christ bist. Aber ich weiß, daß du noch zum rechten Glauben kommen wirst, denn ich werde dich bekehren, du magst wollen oder nicht.«

»Das kann bloß ein Hadschi sagen.«

»O, Sihdi, ich werde nun wirklich einer sein. Da ist Dschidda, wo ich das Grab Evas besuchen werde; dann gehe ich nach Mekka, werde in Arafah verweilen, mich in Minah rasieren lassen und alle heiligen Gebräuche mitmachen. Wirst du mich bis dahin in Dschidda erwarten?«

»Wie lange wirst du in Mekka sein?«

»Sieben Tage.«

»Du wirst mich in Dschidda wiederfinden. Aber ist deine Hadsch auch gültig, da sie doch nicht in den Wallfahrtsmonat fällt?«

»Sie ist gültig. Sieh, hier ist das Tor. Wie mag es heißen?«

»Es ist wohl das nördliche Tor, das Bab el Medina. Wirst du mir eine Bitte erfüllen?«

»Ja, denn ich weiß, daß du mir nichts befiehlst, was ich nicht tun darf.«

»Du sollst hier keinem Menschen sagen, daß ich ein Christ bin.«

»Ich gehorche.«

»Du sollst ganz so tun, als ob ich ein Moslem sei.«

»Ja. Aber wirst du mir nun auch eine Bitte erfüllen?«

»Welche?«

»Ich muß mir in Mekka das Aziz-kumahsch67 kaufen und viele Geschenke und Almosen geben – – —«

»Sei unbesorgt; du sollst deine Theresientaler noch heute erhalten.«

»Die kann ich vielleicht nicht brauchen, denn sie werden im Lande der Ungläubigen geprägt.«

»So werde ich dir dieselbe Summe in Piastern geben.«

»Hast du Piaster?«

»Noch nicht; aber ich werde sie von einem Sarraf68 holen.«

»Ich danke dir, Sihdi! Werde ich genug haben, um auch nach Medina gehen zu können?«

»Ich denke es, wenn du sparsam bist. Die Reise dorthin wird dich nichts kosten.«

»Warum?«

»Ich reite mit.«

»Nach Medina, Sihdi?« fragte er in bedenklichem Tone.

»Ja. Ist dies verboten?«

»Der Weg dorthin steht dir frei; aber nach Medina hinein darfst du nicht.«

»Wenn ich nun in Dschambo auf dich warte?«

»Das ist schön, Sihdi; das geht!«

»So sind wir also einig!«

»Und wohin gehst du dann?«

»Zunächst nach Medaihn Saliha.«

»Herr, dann bist du des Todes! Weißt du nicht, daß dies die Stadt der Geister ist, die keinen Sterblichen bei sich dulden?«

»Sie werden mich dulden müssen. Es ist ein sehr geheimnisvoller Ort; man erzählt sich wunderbare Sachen von ihm, und darum muß ich ihn sehen.«

»Du wirst ihn nicht sehen, denn die Geister werden uns den Weg versperren; aber ich werde dich nicht verlassen, und wenn ich mit dir sterben sollte. Ich bin dann ein wirklicher Hadschi, dem der Himmel immer offen steht. Und wohin willst du dann?«

»Entweder nach Sinai, Jerusalem und Istambul oder nach Bassra und Bagdad.«

»Und wirst mich mitnehmen?«

»Ja.«

Wir waren beim Tore angelangt. Dort gab es außerhalb der Mauern eine Menge zerstreut stehender Hütten aus Stroh oder Palmenblättern, in denen arme Hadhesi69 oder noch ärmere Holz— und Gemüsehändler wohnten. Ein zerlumpter Kerl rief mich an:

»Taïbihn, Effendi, seiak, keif chelak – bist du gesund, Effendi, wie geht es dir, und wie ist dein Befinden?«

Ich blieb stehen. Im Orient muß man immer Zeit haben, einen Gruß zu erwidern.

»Ich danke dir! Ich bin gesund; es geht mir gut, und mein Befinden ist vortrefflich; aber wie geht es dir, du Sohn eines tapfern Vaters, und wie laufen deine Geschäfte, du Erbe vom frömmsten Stamme der Moslemim?«

Ich gebrauchte diese Worte, weil ich sah, daß er das M‘eschaleeh trug. Dschidda gilt, trotzdem es seit neuerer Zeit von den Christen besucht werden darf, für eine heilige Stadt, und die heiligen Städte haben das Vorrecht, dieses Zeichen zu tragen. Vier Tage nach der Geburt eines Kindes werden ihm auf jedem Backen drei und an jeder Schläfe zwei Schnitte beigebracht, deren Narben für das ganze Leben bleiben. Das ist das M‘eschaleeh.

»Deine Worte sind Zaharri70; sie duften wie die Benaht el Dschennet71 «, antwortete der Mann. »Auch mir geht es gut, und ich bin zufrieden mit dem Geschäfte, welches ich treibe. Es wird auch dir nützlich sein.«

»Welches Geschäft hast du?«

»Ich habe drei Tiere stehen. Meine Söhne sind Hamahri72, und ich helfe ihnen.«

»Hast du sie zu Hause?«

»Ja, Sihdi. Soll ich dir zwei Esel holen?«

»Was soll ich dir bezahlen?«

»Wohin willst du reiten?«

»Ich bin hier fremd und will mir eine Wohnung suchen.«

Er musterte mich mit einem eigentümlichen Blick. Ein Fremder, und zu Fuße, das mußte ihm auffällig sein.

»Sihdi,« fragte er, »willst du dahin, wohin ich deine Brüder geleitet habe?«

»Welche Brüder?«

»Es kamen gestern um die Zeit des Mogreb dreizehn Männer zu Fuße, so wie du; die habe ich in den großen Khan geführt.«

Das war jedenfalls Abu Seïf mit den Seinen gewesen.

»Das waren keine Brüder von mir. Ich will meine Wohnung in keinem Khane und in keinem Funduk73, sondern in einem Privathause nehmen.«

»Ama di bacht – welch ein Glück! Ich weiß ein Haus, wo du eine Wohnung finden kannst, die beinahe für einen Prinzen zu schön ist.«

»Was forderst du, wenn wir auf deinen Eseln hinreiten?«

»Zwei Piaster.«

Das waren ungefähr zwanzig Pfennige pro Mann.

»Hole die Tiere.«

Er stieg nun mit gravitätischem Schritte von dannen und brachte hinter einer Umfriedigung zwei Esel hervor, die so klein waren, daß sie mir beinahe zwischen den Beinen durchlaufen konnten.

»Werden sie uns tragen können?«

»Sihdi, einer von ihnen würde uns alle drei tragen können!«

Das war übertrieben, jedoch mein Tier tat nicht im mindesten, als ob ich ihm zu schwer sei; vielmehr schlug es sofort, nachdem ich es bestiegen hatte, einen sehr muntern Trab an, welcher allerdings gleich im Innern der Stadtmauer unterbrochen wurde.

»Tut,« rief nämlich eine schnarrende Stimme von der Seite her; »tut, wermya-iz aktsche – halt, gebt Geld!«

In einem halb verfallenen Gemäuer zu meiner Rechten befand sich ein viereckiges Loch; in diesem Loche befand sich ein Kopf; auf dem Gesichte dieses Kopfes befand sich eine fürchterliche Brille, und in dieser Brille befand sich nur ein Glas. Unter diesem Glase erblickte ich eine riesige Nase und seitwärts nach unten, von der Nase aus gerechnet, eine große Oeffnung, aus welcher die Worte wahrscheinlich gekommen waren.

»Wer ist das?« fragte ich unsern Führer.

»Der Radschal el Bab74. Er nimmt die Steuern für den Großherrn ein.«

Ich drängte mein Eselein bis vor das Loch und nahm, um mir einen Spaß zu machen, den Paß heraus.

»Was willst du?«

»Geld!«

»Hier!«

Ich hielt ihm das großherrliche Möhür75 vor das Auge, welches nicht durch ein Glas geschützt war.

»Lutf, dschenabin – Verzeihung, Euer Gnaden!«

Die Oeffnung unter der Nase klappte zu, das Gesicht verschwand und gleich darauf sah ich eine hagere Gestalt seitwärts über einige Mauersteine springen. Sie trug eine alte abgeschabte Janitscharenuniform, weite, blaue Beinkleider, rote Strümpfe, eine grüne Jacke und auf dem Kopfe eine weiße Mütze mit einem herabhängenden Sacke. Es war der wackere Radschal el Bab.

»Warum reißt er aus?« fragte ich den Führer.

»Du hast eine Bu-djeruldi und brauchst nichts zu geben. Er hat dich also beleidigt und fürchtet deine Rache.«

Wir ritten weiter und gelangten nach fünf Minuten vor das Tor eines Hauses, welches, eine Seltenheit in mohammedanischen Ländern, vier große vergitterte Fenster nach der Straße zu hatte.

»Hier ist es!«

»Wem gehört das Haus?«

»Dem Dschewahirdschi76 Tamaru. Er hat mir Auftrag gegeben.«

»Wird er zu Hause sein?«

»Ja.«

»So kannst du zurückkehren. Hier hast du noch ein Bakschisch!«

Unter vielen Dankesworten setzte sich der Mann auf einen seiner Esel und ritt von dannen. Ich trat mit Halef in das Haus und wurde von einem Schwarzen nach dem Garten gebracht, in welchem sich sein Herr befand. Diesem trug ich mein Anliegen vor, und sofort führte er mich in das Haus zurück und zeigte mir eine Reihe von Gemächern, welche leer standen. Ich mietete zwei auf eine Woche und hatte dafür zwei Talaris, was als eine sehr anständige Bezahlung angesehen werden mußte, zu entrichten. Dafür wurde ich aber auch nicht ausgefragt. Ich nannte nur den Namen, welchen mir Halef gegeben hatte.

Im Laufe des Nachmittags ging ich, um mir die Stadt anzusehen.

Dschidda ist eine ganz hübsche Stadt, und es scheint mir, als ob sie ihren Namen – Dschidda heißt »die Reiche« – nicht ganz mit Unrecht führe. Sie ist nach drei Seiten von einer hohen, dicken Mauer umgeben, welche Türme trägt und von einem tiefen Graben beschützt wird. Nach dem Meere zu wird sie durch ein Fort und mehrere Batterien verteidigt. Die Mauer hat drei Tore: das Bab el Medina, das Bab el Yemen und das Bab el Mekka, welches das schönste ist und zwei Türme hat, deren Zinnen von zierlich durchbrochener Arbeit sind. Die Stadt zerfällt in zwei Hälften, in die Nysf77 von Syrien und von Yemen; sie hat ziemlich breite, nicht sehr schmutzige Straßen und viele hübsche freie Plätze. Auffallend ist es, daß es hier sehr viele Häuser gibt, welche nach außen hin Fenster haben. Sie sind meist mehrere Stockwerke hoch, von guter Bauart und haben hübsche Bogentüren, Balkons und Söller. Der Bazar läuft in der ganzen Länge der Stadt mit dem Meere parallel und mündet in viele Seitenstraßen. Auf ihm sieht man Araber und Beduinen, Fellatah, Händler aus Basra, Bagdad, Maskat und Makalla, Aegypter, Nubier, Abessynier, Türken, Syrer, Griechen, Tunesier, Tripolitaner, Juden, Indier, Malayen: – alle in ihrer Nationaltracht; sogar einem Christen kann man zuweilen begegnen. Hinter der Mauer beginnt, wie bei den meisten Ortschaften Arabiens, sofort die Wüste und dort stehen die Hütten jener Leute, welche in der Stadt selbst keinen Platz finden.

Nicht weit von der Kaserne, welche in der Nähe des Bab el Medina liegt, befindet sich der Kirchhof, auf welchem das Grab unserer Stammmutter gezeigt wird. Dieses ist sechzig Meter oder beinahe neunzig preußische Ellen lang und trägt auf seiner Mitte eine kleine Moschee.

Daß es in Dschidda von Bettlern wimmelt, ist nicht zu verwundern. Den größten Beitrag dazu liefert Indien. Während die armen Pilger aus andern Ländern sich Arbeit suchen, um sich das Reisegeld zur Rückkehr zu verdienen, ist der Indier zu träge dazu. Wer einem jeden geben wollte, würde bald selbst ein Bettler sein.

Vom Kirchhofe weg ging ich nach dem Hafen und schritt langsam am Wasser hin. Ich dachte über die Möglichkeit nach, Mekka sehen zu können, und merkte kaum, daß es immer einsamer um mich wurde. Da plötzlich – ist‘s möglich oder nicht? – erklang es vom Wasser her:

»Jetzt geh‘ i zum SoalaUnd kaf ma an Strick,Bind ‚s Diandl am BucklTrog‘s überall mit.«

Ein »G‘sangl« aus der Heimat! Hier in Dschidda! Ich blickte mich um und sah einen Kahn, in welchem zwei Männer saßen. Der eine war ein Eingeborener. Seine Hautfarbe und seine Kleidung bezeichneten ihn als einen Hadharemieh – gewiß gehörte ihm der Kahn. Der andere stand aufrecht in dem kleinen Fahrzeuge und bildete eine ganz wunderbare Figur. Er hatte einen blauen Turban auf, trug rote, türkische Pumphosen und über diesen einen europäischen Rock von etwas veraltetem Schnitt; ein gelbseidenes Tuch war um den Hals geschlungen, und aus diesem Tuche stachen rechts und links zwei Dschebel-pambuk-bezi von der Sorte hervor, welche in der lieben Heimat den Namen »Vatermörder« zu tragen pflegt. Um die sehr umfangreiche Taille hatte der Mann einen Sarras geschlungen, dessen Scheide so dick war, daß man drei Klingen in ihr vermuten konnte.

Dies war der Sänger. Er hatte bemerkt, daß ich vor Ueberraschung stehen geblieben war, und mochte denken, einen sangesfrohen Beduinen vor sich zu haben; denn er hielt die linke Hand an den Mund, drehte sich noch besser nach rechts herum und sang:

»Und der Türk und der Ruß,Die zwoa gehn mi nix o‘,Wann i no mit der Gret‘lKoan Kriegshandl ho‘!«

Das war eine Freude für mich, viel größer noch wie damals als der Jüterbogker Hamsad al Dscherbaja mich im Hause am Nil mit seinem Liede überrascht hatte! Auch ich legte die Hand an den Mund.

»Türkü tschaghyr-durmak – sing weiter!« rief ich hinüber.

Ob er mich verstanden hatte, wußte ich nicht, aber er ließ sich sofort nochmals hören:

»Zwischen deiner und meinerIs a weite Gass‘n;Bua, wennst mi nöt magst,Kannst es bleiben lass‘n!«

Jetzt mußte ich den Jodler auch probieren:

»Zwischen deiner und meinerIs a enge Gass‘n;Bua, wennst mi gern magst,Kannst herrudern lass‘n!«

Da stieß er einen lauten Juchzer aus, riß den Turban vom Haupte, den Sarras aus der Scheide, und schwenkte Turban und Säbel hoch in der Luft; dann brachte er diese beiden Gegenstände wieder an Ort und Stelle, griff in das Steuer und lenkte dem Ufer zu.

Ich war ihm entgegengegangen. Er sprang ans Land, blieb aber doch ein wenig verblüfft stehen, als er mich näher betrachtete.

»Ein Türke, der deutsch reden kann?« fragte er zweifelhaft.

»Nein, sondern ein Deutscher, der ein bißchen Türkisch probiert.«

»Also wirklich! Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Aber Sie sehen wahrhaftig wie ein Araber aus. Darf ich fragen, was Sie sind?«

»Ein Schriftsteller. Und Sie?«

»Ein – ein – – – ein – – hm, Violinist, Komiker, Schiffskoch, Privatsekretär, bookkeeper78, Ehemann, merchant79, Witwer, Rentier und jetzt Tourist nach Hause zu.«

Er brachte das mit einer so überwältigenden Grandezza vor, daß ich lachen mußte.

»Da haben Sie allerdings viel erfahren! Also nach Hause wollen Sie?«

»Ja, nämlich nach Triest, wenn ich nicht etwa unterwegs mich anders besinne. Und Sie?«

»Ich sehe die Heimat wohl erst nach einigen Monaten wieder. Was tun Sie hier in Dschidda?«

»Nichts. Und Sie?«

»Nichts. Wollen wir einander helfen?«

»Natürlich, wenn es Ihnen nämlich recht ist!«

»Das versteht sich! Haben Sie eine Wohnung?«

»Ja, schon seit vier Tagen.«

»Und ich seit ungefähr so vielen Stunden.«

»So sind Sie noch nicht eingerichtet. Darf ich Sie zu mir einladen?«

»Freilich! Für wann?«

»Für jetzt gleich. Kommen Sie! Es ist gar nicht weit.«

Er griff in die Tasche und lohnte seinen Bootsmann ab, dann schritten wir nach dem Hafen zurück. Unterwegs wurden nur allgemeine Bemerkungen ausgetauscht, bis wir an ein einstöckiges Häuschen kamen, in welches er trat. Es wurde durch den Eingang in zwei Hälften geteilt. Er öffnete die Tür zur rechten Seite, und wir traten in ein kleines Gemach, dessen einziges Möbel aus einem niederen, hölzernen Gerüste bestand, über welches eine lange Matte ausgebreitet war.

»Das ist meine Wohnung. Willkommen! Nehmen Sie Platz!«

Wir schüttelten einander nochmals die Hände, und ich setzte mich auf das Serir, während er in einen nebenan liegenden Raum trat und einen großen Koffer öffnete, der in demselben stand.

»Bei einem solchen Gaste darf ich meine Herrlichkeiten doch nicht schonen,« rief er mir zu. »Passen Sie auf, was ich Ihnen bringe!«

Es waren allerdings lauter Herrlichkeiten, die er mir vorsetzte:

»Hier ein Topf mit Apfelschnitten, gestern abend in der Kaffeemaschine gekocht; es ist das Beste, was man in dieser Hitze genießen kann. Hier zwei Pfannkuchen, dort in der Tabaksbüchse gebacken – jeder einen. Da noch ein Rest englisches Weizenbrot – ein bißchen altbacken, geht aber noch. Sie haben gute Zähne, wie ich sehe. Dazu diese halbe Bombaywurst – riecht vielleicht ein wenig, tut aber nichts. In dieser Flasche ist echter, alter Kognak; wenn auch kein Wein, aber immer besser als Wasser; ein Glas habe ich nicht mehr, ist aber auch nicht notwendig. Nachher in dieser Büchse – – schnupfen Sie?«

»Leider nein.«

»Schade! Er ist ausgezeichnet. Aber Sie rauchen?«

»Gern.«

»Hier! Es sind nur noch elf Stück; die teilen wir – Sie zehne und ich eine.«

»Oder umgekehrt!«

»Geht nicht.«

»Wollen es abwarten. Und dort in dieser Blechkapsel, was haben Sie da?«

»Raten Sie!«

»Zeigen Sie einmal her!«

Er gab mir die Kapsel und ich roch daran.

»Käse!«

»Erraten! Leider fehlt die Butter. Nun langen Sie zu! Ein Messer haben Sie jedenfalls; hier ist auch eine Gabel.«

Wir aßen mit Lust.

»Ich bin ein Sachse,« sagte ich und nannte ihm meinen Namen. »Sie sind in Triest geboren?«

»Ja. Ich heiße Martin Albani. Mein Vater war seines Zeichens ein Schuster. Ich sollte etwas Besseres werden, nämlich ein Kaufmann, hielt es aber lieber mit meiner Geige als mit den Ziffern und so weiter. Ich bekam eine Stiefmutter; na – Sie wissen, wie es dann herzugehen pflegt. Ich hatte den Vater sehr lieb, wurde aber mit einer Preßnitzer Harfenistengesellschaft bekannt und schloß mich ihr an. Wir gingen nach Venedig, Mailand und tiefer ins Italien hinunter, endlich gar nach Konstantinopel. Kennen Sie diese Art Leute?«

»Gewiß. Sie gehen oft weit über See.«

»Erst spielte ich Violine, dann avancierte ich zum Komiker; leider aber hatten wir Unglück, und ich war froh, daß ich auf einem Bremer Kauffahrer eine Stelle fand. Mit diesem kam ich später nach London, von wo aus ich mit einem Engländer nach Indien segelte. In Bombay wurde ich krank in das Hospital geschafft. Der Verwalter desselben war ein tüchtiger Mann, aber kein Held im Schreiben und Rechnen; er engagierte mich, als ich wieder gesund geworden war. Später kam ich zu einem Händler als Buchführer; er starb am Fieber, und ich heiratete seine Witwe. Wir lebten kinderlos und glücklich bis zu ihrem Tode. Jetzt sehnte ich mich nach der Heimat zurück – – —«

»Zu Ihrem Vater?«

»Auch er lebt nicht mehr, hat aber – Gott sei Dank! – keine Not gelitten. Seit ich mich wohl stand, haben wir einander oft geschrieben. Nun habe ich mein Geschäft verkauft und fahre langsam der Heimat zu.«

Der Mann gefiel mir. Er gab sich so, wie er war. Reich konnte er wohl nicht genannt werden; er machte auf mich den Eindruck eines Mannes, der grad so viel hat, als er braucht, und der damit auch herzlich zufrieden ist.

»Warum fahren Sie nicht direkt nach Triest?«

»Ich mußte in Maskat und Aden einige Ziffern in Ordnung bringen.«

»So haben Sie sich also doch noch an die Ziffern gewöhnt?«

»Freilich,« lachte er. »Und nun – pressant sind meine Angelegenheiten nicht; ich bin mein eigener Herr – was tut es, wenn ich mir das rote Meer besehe? Sie tun es ja auch!«

»Allerdings. Wie lange werden Sie hier bleiben?«

»Bis ein mir passendes Fahrzeug hier anlegt. Haben Sie nicht geglaubt, einen Bayern oder Tiroler in mir zu finden, als Sie mich singen hörten?«

»Ja; aber doch fühle ich mich nicht etwa enttäuscht – wir sind ja trotzdem Landsleute und freuen uns, einander getroffen zu haben.«

»Wie lange werden Sie hier bleiben?«

»Hm! Mein Diener pilgert nach Mekka; ich werde wohl eine Woche auf ihn warten müssen.«

»Das freut mich; so können wir einander länger haben.«

»Ich stimme bei; aber zwei Tage werden wir uns vielleicht doch entbehren müssen.«

»Wieso?«

»Ich hätte fast Lust, auch einmal nach Mekka zu gehen.«

»Sie? Ich denke, für Christen ist das verboten!«

»Allerdings. Aber, kennt man mich?«

»Das ist richtig. Sie sprechen das Arabische?«

»Ja, so viel ich für meine Küche brauche.«

»Und Sie wissen auch, wie sich die Pilger zu benehmen haben?«

»Auch das; doch ist gewiß, daß mein Benehmen nicht genau das der Pilger sein würde. Wollte ich ihren Gebräuchen folgen, mich den vorgeschriebenen Zeremonien unterwerfen und gar zu Allah beten und seinen Propheten anrufen, so würde dies gewiß eine Versündigung gegen unseren heiligen Glauben sein. »

»Sie würden innerlich doch anders denken!«

»Das macht die Schuld nicht geringer.«

»Darf man der Wissenschaft nicht ein Opfer bringen?«

»Doch, aber kein solches. Uebrigens bin ich gar kein Mann der Wissenschaft. Sollte ich Mekka je erreichen, so hat es nur den Wert, daß ich es gesehen habe und unter Bekannten einmal davon erzählen kann. Ich möchte behaupten, daß man die Stadt des Propheten zu besuchen vermag, auch ohne seinen Christenglauben dadurch zu verleugnen, daß man den Pilger spielt.«

»Wohl nicht.«

»Glauben Sie, daß Mekka nur von Pilgern besucht wird?«

»Man sollte allerdings meinen, daß auch Kaufleute hinkommen. Diese aber werden doch auch die heiligen Orte besuchen und dort beten.«

»Man wird sie aber nicht darüber kontrollieren. Ich rechne sechzehn Wegstunden von hier bis Mekka; man reitet sie sehr gut in acht Stunden. Hätte ich ein Bischarihnhedjihn80, so würde ich bloß vier Stunden brauchen. Ich komme dort an, steige in irgend einem Khan ab, durchwandere ernsten, langsamen Schrittes die Stadt und besehe mir das Heiligtum; dazu brauche ich nur wenige Stunden. Ein jeder wird mich für einen Moslem halten, und ich kann ruhig wieder zurückkehren.«

»Das klingt ganz ungefährlich, aber gewagt ist es dennoch. Ich habe gelesen, daß ein Christ höchstens bis auf neun Meilen an die Stadt heran darf.«

»Dann dürften wir ja auch nicht in Dschidda sein, wenn nicht etwa nur englische Meilen gemeint sind. Auf dem Wege von hier nach Mekka liegen elf Kaffeehäuser; ich will getrost wagen, in allen bis zum neunten einzukehren, und dabei auch sagen, daß ich ein Christ bin. Die Zeiten haben sehr vieles geändert; jetzt genügt es, die Christen die Stadt nicht betreten zu lassen. Ich werde den Versuch wagen.«

Ich hatte mich in die Sache selbst so hineingesprochen, daß jetzt wirklich mein Entschluß feststand, nach Mekka zu reisen. Ich brachte diesen Gedanken heim in meine Wohnung, schlief mit demselben ein und erwachte auch mit ihm. Halef brachte mir den Kaffee. Ich hatte Wort gehalten und ihm sein Geld bereits gestern gegeben.

»Sihdi, wann erlaubst du mir, nach Mekka zu gehen?« fragte er mich.

»Hast du Dschidda bereits ganz gesehen?«

»Noch nicht; aber ich werde bald fertig sein.«

»Wie wirst du reisen? Mit einem Delyl?«

»Nein, denn der kostet zu viel. Ich werde warten, bis mehrere Pilger beisammen sind und dann auf einem Mietkamele reiten.«

»Du kannst abreisen, sobald du willst.«

Delyls sind nämlich diejenigen Beamten, welche die fremden Pilger zu führen und darauf zu sehen haben, daß diese keine Vorschrift versäumen. Unter den Pilgern befinden sich sehr viele Frauen und Mädchen. Da aber den unverheirateten Frauenzimmern das Betreten der Heiligtümer verboten ist, so machen die Delyls ein Geschäft daraus, sich gegen Bezahlung mit ledigen Pilgerinnen, die sie von Dschidda abholen, zu verheiraten, sie in Mekka zu begleiten und ihnen dann nach vollbrachter Wallfahrt den Scheidebrief zu geben.

Halef hatte kaum meinen Raum verlassen, so hörte ich draußen eine Stimme sagen:

»Ist dein Herr zu Hause?«

»Dehm arably – sprich arabisch!« antwortete Halef auf die deutsch gesprochene Frage.

»Arably? Das kann ich nicht, mein Junge; höchstens könnte ich dich mit einem bißchen Türkisch traktieren. Aber warte, ich werde mich gleich selbst anmelden; denn jedenfalls steckt er da hinter der Tür.«

Es war Albani, dessen Stimme jetzt erklang:

»Juchheirassasa!Und wenn d‘willst, will i a,Und wenn d‘willst, so mach auf,Denn desweg‘n bin i da!«

Er schien den Text seiner Schnadahüpfeln den Verhältnissen anzupassen. Gewiß stand Halef vor Erstaunen ganz starr da draußen, und wenn ich nicht antwortete, so geschah es seinetwegen; er sollte noch etwas hören. Es dauerte auch gar nicht lange, so fuhr der Triester fort:

»Soldat bin i gernUnd da kenn‘ i mi aus,Doch steh i nit gern SchildwachIn fremder Leut Haus.«

Und als auch diese zarte Erinnerung keine Folge hatte, drohte er:

»Und a frischa Bua bin i,Drum laß dir ‚mal sag‘n:Wenn d‘nit glei itzt aufmachst,Tua i‘s Türerl zerschlag‘n!«

Soweit durfte ich es denn doch nicht kommen lassen; ich erhob mich also und öffnete ihm die Tür.

»Aha,« lachte er, »es hat also geholfen! Ich dachte beinahe, Sie wären schon nach Mekka abgegangen.«

»Pst! Mein Diener darf nichts davon wissen.«

»Entschuldigung! Raten Sie einmal, mit welcher Bitte ich komme!«

»Mit dem Verlangen nach Revanche für Ihre gestrige Gastfreundschaft? Tut mir leid! Ich kann nötigenfalls mit etwas Munition, aber nicht mit Proviant dienen, wenigstens nicht mit einem so seltenen, wie Ihre Speisekarte zeigte.«

»Pah! Aber ich habe wirklich eine Bitte oder vielmehr eine Frage.«

»Sprechen Sie!«

»Wir sprachen gestern wenig über Ihre Erlebnisse; aber ich vermute, daß Sie Reiter sind.«

»Ich reite allerdings ein wenig.«

»Nur Pferd oder auch Kamel?«

»Beides; sogar auch Esel, wozu ich erst gestern gezwungen war.«

»Ich habe noch nie auf dem Rücken eines Kameles gesessen. Nun hörte ich heute früh, daß es ganz in der Nähe einen Dewedschi81 gibt, bei dem man für ein Billiges die Möglichkeit erhält, einmal den Beduinen spielen zu können —«

»Ah, Sie wollen einen Spazierritt riskieren?«

»Das ist es!«

»Sie werden aber eine Art von Seekrankheit bekommen —«

»Tut nichts.«

»Gegen welche nicht einmal eine Dosis Kreosot Hilfe leistet.«

»Ich bin darauf gefaßt. Die Küste des roten Meeres bereist und nicht auf einem Kamele gesessen zu haben! Darf ich Sie einladen, mich zu begleiten?«

»Ich habe Zeit, wo wollen Sie hin?«

»Mir gleich. Vielleicht eine Streiferei um Dschidda herum?«

»Ich bin dabei. Wer besorgt die Kamele? Sie oder ich?«

»Natürlich ich. Wollen Sie Ihren Diener auch mitnehmen?«

»Wie Sie es bestimmen. Man weiß hierzulande niemals, was einem begegnen kann, und ein Diener ist hier im Orient eigentlich niemals überflüssig.«

»So geht er mit.«

»Wann soll ich kommen?«

»In einer Stunde.«

»Gut. Aber erlauben Sie mir eine Bemerkung. Untersuchen Sie, ehe Sie das Kamel besteigen, den Sattel und die Decke genau; eine solche Vorsicht ist stets am Platze, da man sonst sehr leicht Bekanntschaft mit jenen sechsfüßigen Baschi-Bozuks macht, die der Orientale mit dem lieblich klingenden Namen »Bit« bezeichnet.«

»Bit? Ich bin kein Licht in den orientalischen Sprachen.«

»Aber ein wenig Latein haben Sie getrieben?«

»Allerdings.«

»So meine ich das Tierchen, dessen Name so lautet, wie auf lateinisch das deutsche Wort »Lob«.«

»Ah! Ist es gar so arg?«

»Zuweilen sehr. Ich habe in Ungarn gehört, daß man diese Schmarotzer mit dem Worte »Bergleute« bezeichnet, jedenfalls, weil sie von oben nach unten arbeiten. Bei einem Kamelritte nun haben Sie es mit den Bergleuten der Araber und mit den Bergleuten der Kamele zu tun. Ein Glück ist es nur, daß die ersteren eine so rührende Treue für ihre Herren und Meister besitzen und folglich es verschmähen, einen Giaur wenigstens förmlich zu überfluten. Also legen Sie noch eine eigene Decke unter, welche Sie nach dem Ritt dem nächsten Pastetenbäcker geben, der sie für wenige Borbi82 in seinem Ofen ausbrennen wird.«

»Nicht übel! Nehmen wir Waffen mit?«

»Das versteht sich! Ich zum Beispiel bin zu dieser Vorsicht gezwungen, da ich jeden Augenblick hier oder in der Umgebung Feinde treffen kann.«

»Sie?«

»Ja, ich! Ich befand mich in der Gefangenschaft eines Seeräubers, dem ich erst gestern früh entflohen bin. Er ist auf dem Wege nach Mekka und kann sich sehr leicht noch hier in Dschidda befinden.«

»Das ist ja ganz erstaunlich! Er war ein Araber?«

»Ja. Ich kann ihm nicht einmal mit einer Anzeige beikommen, obgleich mein Leben keinen Pfennig wert ist, sobald wir uns begegnen sollten.«

»Und davon haben Sie mir gestern nichts gesagt!«

»Warum sollte ich davon sprechen? Man hört und liest jetzt sehr oft, daß das Leben immer nüchterner werde und es gar keine Abenteuer mehr gebe. Vor nur wenigen Wochen sprach ich mit einem viel gereisten Gelehrten, welcher geradezu die Behauptung aufstellte, man könne die alte Welt von Hammerfest bis zur Capstadt und von England bis nach Japan durchreisen, ohne nur eine Spur von dem zu erleben, was man Abenteuer nennt. Ich widersprach ihm nicht, aber ich bin überzeugt, daß es nur auf die Persönlichkeit des Reisenden und auf die Art und Weise der Reise ankommt. Eine Reise per Entreprise oder mit Rundreisebillett wird sehr zahm sein, selbst wenn sie nach Celebes oder zu den Feuerländern gehen sollte. Ich ziehe das Pferd und das Kamel den Posten und Bahnen, das Kanoe dem Steamer und die Büchse dem wohl visierten Passe vor; auch reise ich lieber nach Timbuktu oder Tobolsk als nach Nizza oder Helgoland; ich verlasse mich auf keinen Dolmetscher und auf keinen Bädeker; zu einer Reise nach Murzuk steht mir weniger Geld zur Verfügung, als mancher braucht, um von Prag aus die Kaiserstadt Wien eine Woche lang zu besuchen, und – ich habe mich über den Mangel an Abenteuern niemals zu beklagen gehabt. Wer mit großen Mitteln die Atlasländer oder die Weststaaten Nordamerikas besucht, dem stehen eben diese Mittel im Wege; wer aber mit leichter Tasche kommt, der wird bei den Beduinen Gastfreundschaft suchen und sich nützlich machen, drüben im wilden Westen aber sich sein Brot schießen und mit hundert Gefahren kämpfen müssen; ihm wird es nie an Abenteuern fehlen. Wollen wir wetten, daß uns nachher bei unserem Ritt ein Abenteuer passieren wird, mag es auch ein nur kleines sein? Die Recken früherer Zeiten zogen aus, um Abenteuer zu suchen; die jetzigen Helden reisen als Commis-voyageurs, Touristen, Sommerfrischler, Bäderbummler, oder Kirmeßgäste; sie erleben ihre Abenteuer unter dem Regenschirme, an der Table d‘hote, bei einer imitierten Sennerin, am Spieltische und auf dem Scating-Ring. Wollen wir wetten?«

»Sie machen mich wirklich neugierig!«

»Ja, verstehen Sie mich wohl! Sie nennen es vielleicht ein Abenteuer, wenn Sie in der Dschungel zwei Tigern begegnen, welche sich auf Leben und Tod bekämpfen; ich nenne es ein ebenso großes Abenteuer, wenn ich am Waldesrande auf zwei Ameisenvölker stoße, deren Kampf nicht bloß in Beziehung auf Mut und Körperanstrengung eine Hunnen— oder Gotenschlacht zu nennen ist, sondern uns auch solche Beispiele von Aufopferung, Gehorsam und strategischer oder taktischer Berechnung und List zeigt, daß wir darüber bloß erstaunen müssen. Gottes Allmacht zeigt sich herrlicher in diesen winzigen Tieren als in jenen beiden Tigern, die Ihnen bloß deshalb größer erscheinen, weil Sie sich vor ihnen fürchten. Doch, gehen Sie jetzt und bestellen Sie die Kamele, damit wir zur Zeit der größten Hitze eine Quelle finden.«

»Ich gehe; aber halten Sie auch Wort in Beziehung auf das Abenteuer!«

»Ich halte es.«

Er ging. Ich hatte ihm diese Rede mit Vorbedacht gehalten; denn zu einem Erstlingsritt auf dem Kamele gehört unbedingt eine in das Romantische hinüberklingende Seelenstimmung.

Als ich nach drei Viertelstunden mit Halef in Albanis Wohnung trat, starrte derselbe in Waffen.

»Kommen Sie; der Dewedschi lauert bereits. Oder wollen wir erst etwas genießen?« fragte er mich.

»Nein.«

»So nehmen wir uns Proviant mit. Ich habe hier diese ganze Tasche voll.«

»Sie wollen ein Abenteuer haben und nehmen Proviant mit? Weg damit! Wenn uns hungert, so suchen wir uns ein Duar83. Dort finden wir Datteln, Mehl, Wasser und vielleicht auch ein wenig Tschekir.«

»Tschekir? Was ist das?«

»Kuchen, aus gemahlenen Heuschrecken gebacken.«

»Fi!«

»Pah, schmeckt ganz vortrefflich! Wer Austern, Weinbergsschnecken, Vogelnester, Froschschenkel und verfaulte Milch mit Käsemaden ißt, für den müssen Heuschrecken eine Delikatesse sein. Wissen Sie, wer lange Zeit Heuschrecken mit wildem Honig gegessen hat?«

»Ich glaube, das ist ein Mann in der Bibel gewesen.«

»Allerdings, und zwar ein sehr hoher und heiliger Mann. Haben Sie eine Decke?«

»Hier.«

»Gut. Wie lange haben Sie die Kamele zur Verfügung?«

»Für den ganzen Tag.«

»Mit Begleitung des Dewedschi oder eines seiner Leute?«

»Ohne Begleitung.«

»Das ist gut. Zwar haben Sie in diesem Fall Kaution legen müssen, dafür aber befinden wir uns um so wohler und ungestörter. Kommen Sie!«

Der Kamelverleiher wohnte im zweiten Hause von ihm. Ich sah es dem Manne sofort an, daß er kein Araber, sondern ein Türke war. In seinem Hofe standen drei Kamele, über welche man hatte weinen mögen.

»Wo ist dein Stall?« fragte ich ihn.

»Dort!«

Er deutete nach einer Mauer, welche den Hof in zwei Teile schied.

»Oeffne die Tür!«

»Warum?«

»Weil ich sehen will, ob sich noch Dschemahli darin befinden.«

»Es sind solche darin.«

»Zeige sie mir!«

Er mochte mir doch nicht recht trauen; daher öffnete er und ließ mich einen Blick in die andere Abteilung werfen. Dort lagen acht der schönsten Reitkamele. Ich trat näher und betrachtete sie.

»Dewedschi, wieviel zahlt dir dieser Hazretin84 für die drei Kamele, welche du uns gesattelt hast?«

»Fünf Mahbubzechinen85 für alle drei.«

»Und für einen solchen Preis bekommen wir diese Lasttiere mit wunden Beinen und Füßen! Schau her, du kannst durch ihre Seiten blicken; ihre Lefzen hängen auf die Seite, wie hier dein zerrissener Jackenärmel, und ihre Höcker – ah, Dewedschi, sie haben keinen Höcker! Sie haben eine weite Reise hinter sich; sie sind ganz abgezehrt und kraftlos, so daß sie kaum den Sattel tragen können. Und wie sehen diese Sättel aus! Schau her, Mann! Was marschiert auf dieser Decke? Spute dich und gib uns andere Kamele und andere Decken und andere Sättel!«

Er sah mich halb mißtrauisch und halb zornig an.

»Wer bist du, daß du mir einen solchen Befehl geben magst?«

»Blicke her! Siehst du diesen Bu-djuruldi des Großherrn? Soll ich ihm erzählen, daß du ein Betrüger bist und deine armen Tiere zu Tode schindest? Schnell, sattle dort die drei Hedschihn, die braunen rechts und das graue in der Ecke, sonst wird dir meine Peitsche Hände machen!«

Ein Beduine hätte sofort zur Pistole oder zum Messer gegriffen; dieser Mann aber war ein Türke. Er beeilte sich, meinem Befehle Folge zu leisten, und bald lagen seine drei besten Kamele mit sehr reinlichem Sattelzeug vor uns auf den Knien. Ich wandte mich an Halef:

»Jetzt zeige diesem Sihdi, wie er aufzusteigen hat!«

Er tat es, und ich trat dann dem Kamel, welches Albani tragen sollte, auf die zusammengezogenen Vorderbeine.

»Passen Sie auf! Sobald Sie den Sattel berühren, geht das Hedjihn in die Höhe, und zwar vorn zuerst, so daß Sie nach hinten geworfen werden. Dann erhebt es sich hinten, und Sie stoßen nach vorn. Diese beiden Stöße müssen Sie durch die entgegengesetzte Bewegung Ihres Körpers unschädlich zu machen suchen.«

»Ich will es versuchen.«

Er faßte an und schwang sich auf. Sofort erhob sich das Tier, trotzdem ich meinen Fuß nicht von seinen Beinen genommen hatte. Der gute Schnadahüpfelsänger flog nach hinten, fiel aber nicht, weil er sich vorn fest anklammerte; doch jetzt schnellte das Kamel sich hinten in die Höhe, und da er die Hände noch immer vorn hatte, so flog er ganz regelrecht aus dem Sattel und über den Kopf des Kamels hinweg herunter in den Sand.

»Potztausend, das Ding ist gar nicht so leicht!« meinte er, indem er sich erhob und die Achsel rieb, mit welcher er aufgestoßen war. »Aber hinauf muß ich doch. Bringen Sie das Tier wieder zum Knien!«

»Rrree!«

Auf diesen Zuruf legte es sich wieder. Der zweite Versuch gelang, obgleich der Reiter zwei derbe Stöße auszuhalten hatte. Ich mußte dem Verleiher noch einen Verweis geben:

»Dewedschi, kannst du ein Dschemmel reiten?«

»Ja, Herr.«

»Und auch lenken?«

»Ja.«

»Nein, du kannst es nicht, denn du weißt ja nicht einmal, daß ein Metrek86 dazu gehört!«

»Verzeihe, Herr!«

Er gab einen Wink, und die Stäbchen wurden herbeigebracht. Jetzt stieg auch ich auf.

Wir machten nun allerdings ganz andere Figuren, als es der Fall gewesen wäre, wenn wir uns mit den abgetriebenen Lastkamelen begnügt hätten. Unsere jetzigen Sättel waren sehr hübsch mit Troddeln und bunter Stickerei verziert und die Decken so groß, daß sie die Tiere ganz bedeckten. Wir ritten hinaus auf die Straße.

»Wohin?« fragte ich Albani.

»Das überlasse ich Ihnen.«

»Gut; also zum Bab el Medina hinaus!«

Mein neuer Bekannter zog die Blicke der uns Begegnenden auf sich; seine Kleidung war zu auffällig. Ich lenkte daher durch mehrere Seitenstraßen und brachte uns nach einigen Umwegen glücklich zum Tore hinaus. Dort ritten wir im Schritte durch die Ansiedelungen der Nubier und Habeschaner und gelangten dann sofort in die Wüste, welche sich ohne einen Pflanzenübergangsgürtel bis direkt an das Weichbild aller Städte des Hedschas erstreckt.

Bis hierher hatte sich Albani sehr leidlich im Sattel gehalten. Nun aber fielen unsere Kamele ganz freiwillig in jenen Bärentrott, der ihre gewöhnliche Gangart ist und durch welchen jeder Neuling in die eigentümliche Lage versetzt wird, die Seekrankheit kennen zu lernen, auch ohne einen Tropfen Salzwasser gesehen zu haben. Während der ersten Schritte lachte er über sich selbst. Er besaß nicht das Geschick, durch eigene Bewegungen die Stöße zu mildern, welche ihm sein Tier erteilte; er schwankte herüber, hinüber, nach hinten und nach vorn; seine lange arabische Flinte war ihm im Wege, und sein riesiger Sarras schlug klirrend an die Seite des Kameles. Er nahm ihn also zwischen die Beine, schnalzte mit den Fingern und sang:

»Mei Sabel klippert, mei Sabel klappert,Mei Sabel macht mir halt Müh,Und das Kamel wickelt, das Kamel wackelt,Das Kamel ist ein sakrisch Vieh »

Da gab ich meinem Tiere einen leichten Schlag auf die Nase; es stieg empor und schoß dann vorwärts, daß der Sand mehrere Ellen hoch hinter mir aufwirbelte. Die beiden anderen Kamele folgten natürlich, und nun war es mit dem Singen aus. Albani hatte den Lenkstab in der linken und die Flinte in der rechten Faust und gebrauchte diese beiden Gegenstände als Balancestangen, indem er die Arme in der Luft herumwirbelte, um das Gleichgewicht zu erhalten. Er bot einen komischen Anblick dar.

»Hängen Sie das Schießeisen über und halten Sie sich mit den Händen am Sattel fest!« rief ich ihm zu.

»Hat sich sein – – hopp! – – hat sich sein – – öh, brrr, ah! – – hat sich sein Ueberhängen! Ich habe ja gar kei – – – hopp, au! – – gar keine Zeit dazu! Halten Sie doch Ihr ver – – hoppsa, öh, brr! – Ihr verwünschtes Viehzeug an!«

»Ich verkomme ja mit ihm!«

»Ja, aber das mei – – oh, brr, öh! – das meinige rennt ihm ja wie bes – – hüh, hoppah! – wie besessen nach!«

»Halten Sie es an!«

»Mit was denn?«

»Mit dem Fuß und dem Zügel!«

»Den Fuß, den bringe ich ja gar nicht in – – hoppsa! – nicht in die Höhe, und den Zügel, den habe – – halt – öh, halt, öh! – den habe ich nicht mehr!«

»So müssen Sie warten, bis das Tier von selber steht.«

»Aber ich habe gar kei – – – brrr, oh! – gar keinen Atem mehr!«

»So machen Sie den Mund auf; es ist Luft genug da!«

Ich wandte mich wieder vorwärts und horchte nicht mehr auf seine Interjektionen. Er befand sich in guten Händen, da Halef an seiner Seite ritt.

Wir hatten nach kurzer Zeit eine kleine Bodenanschwellung hinter uns, und nun breitete sich die offene Ebene vor uns aus. Albani schien sich nach und nach im Sattel zurecht zu finden; er klagte nicht mehr. So hatten wir in der Zeit von einer Stunde vielleicht zwei deutsche Meilen zurückgelegt, als vor uns die Gestalt eines einzelnen Reiters auftauchte. Er war wohl eine halbe Meile von uns entfernt und ritt dem Anschein nach ein ausgezeichnetes Kamel, denn der Raum verschwand förmlich zwischen ihm und uns, und nach kaum zehn Minuten hielten wir einander gegenüber.

Er trug die Kleidung eines wohlhabenden Beduinen und hatte die Kapuze seines Burnus weit über das Gesicht gezogen. Sein Kamel war mehr wert als unsere drei zusammen.

»Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir!« grüßte er mich, während er die Hand entblößte, um die Verhüllung zu entfernen.

»Aaleïkum!« antwortete ich. »Welches ist dein Weg hier in der Wüste?«

Seine Stimme hatte weich geklungen, fast wie die Stimme eines Weibes; seine Hand war zwar braun, aber klein und zart, und als er jetzt die Kapuze entfernte, erblickte ich ein vollständig bartloses Angesicht, aus welchem mich zwei große, braune Augen lebhaft musterten – es war kein Mann, sondern eine Frau.

»Mein Weg ist überall,« antwortete sie. »Wohin führt dich der deinige?«

»Ich komme von Dschidda, will mein Tier ausreiten und dann wieder nach der Stadt zurückkehren.«

Ihr Angesicht verfinsterte sich, und ihr Blick schien mißtrauisch zu werden.

»So wohnst du in der Stadt?«

»Nein; ich bin fremd in derselben.«

»Du bist ein Pilger?«

Was sollte ich antworten? Ich hatte die Absicht gehabt, hier für einen Mohammedaner zu gelten; aber da ich direkt befragt wurde, so fiel es mir nicht ein, mit einer Lüge zu antworten.

»Nein; ich bin kein Hadschi.«

»Du bist fremd in Dschidda und kommst doch nicht her, um nach Mekka zu gehen? Entweder warst du früher in der heiligen Stadt, oder du bist kein Rechtgläubiger.«

»Ich war noch nicht in Mekka, denn mein Glaube ist nicht der eurige.«

»Bist du ein Jude?«

»Nein; ich bin ein Christ.«

»Und diese beiden?«

»Dieser ist ein Christ wie ich, und dieser ist ein Moslem, der nach Mekka gehen will.«

Da hellte sich ihr Gesicht plötzlich auf, und sie wandte sich an Halef.

»Wo ist deine Heimat, Fremdling?«

»Im Westen, weit von hier, hinter der großen Wüste.«

»Hast du ein Weib?«

Er erstaunte gerade so wie ich über diese Frage, welche auszusprechen ganz gegen die Sitte des Orients war. Er antwortete: »Nein.«

»Bist du der Freund oder der Diener dieses Effendi?«

»Ich bin sein Diener und sein Freund.«

Da wandte sie sich wieder zu mir:

»Sihdi, komm und folge mir!«

»Wohin?«

»Bist du ein Schwätzer, oder fürchtest du dich vor einem Weibe?«

»Pah! Vorwärts!«

Sie wandte ihr Kamel und ritt auf derselben Spur zurück, welche die Füße des Tieres vorher im Sande zurückgelassen hatten. Ich hielt mich an ihrer Seite, und die andern beiden blieben hinter uns.

»Nun,« fragte ich zu Albani zurück, »hatte ich nicht recht mit dem Abenteuer, welches ich Ihnen vorhersagte?«

Albani sang statt der Antwort:

»Dös Dirndel ist saubaVom Fuaß bis zum Kopf,Nur am Hals hat‘s a Binkerl,Dös hoaßt man an Kropf.«

Das Weib war allerdings nicht mehr jugendlich, und die Strahlen der Wüstensonne, sowie die Strapazen und Entbehrungen hatten ihr Angesicht gebräunt und demselben bereits Furchen eingegraben; aber einst war sie gewiß nicht häßlich gewesen, das sah man ihr heute noch sehr deutlich an. Was führte sie so ganz allein in die Wüste? Warum hatte sie den Weg nach Dschidda eingeschlagen und kehrte nun mit uns zurück? Warum war sie sichtlich erfreut gewesen, als sie hörte, daß Halef nach Mekka gehen wolle, und warum sagte sie nicht, wohin sie uns führen werde? – Sie war mir ein Rätsel. Sie trug eine Flinte und an ihrem Gürtel einen Yatagan; ja, in den Sattelriemen des Kameles hatte sie sogar einen jener Wurfspieße stecken, welche in der Hand eines gewandten Arabers so gefährlich sind. Sie machte ganz den Eindruck einer selbständigen, furchtlosen Amazone, und dieses letztere Wort war ganz am Platze, da solche kriegerische Frauen in manchen Gegenden des Orients öfter zu sehen sind, als im Abendlande, wo dem Weibe doch eine freiere Stellung gewährt ist.

»Was ist das für eine Sprache?« fragte sie, als sie die Antwort Albanis hörte.

»Die Sprache der Deutschen.«

»So bist du ein Nemtsche?«

»Ja.«

»Die Nemtsche müssen tapfere Leute sein.«

»Warum?«

»Der tapferste Mann war der »Sultan el Kebihr«, und dennoch haben ihn die Nemtsche-schimakler87, die Nemtsche-memleketler88 und die Moskowler besiegt. Warum werde ich von deinem Auge so scharf betrachtet?«

Sie hatte also von Napoleon und von dem Ausgang der Freiheitskriege gehört; sie hatte sicher eine nicht gewöhnliche Vergangenheit hinter sich.

»Verzeihe mir, wenn mein Auge dich beleidigt hat,« antwortete ich. »Ich bin nicht gewohnt, in deinem Lande ein Weib so kennen zu lernen, wie dich.«

»Ein Weib, welches Waffen trägt? Welches Männer tötet? Welches sogar seinen Stamm regiert? Hast du nicht von Ghalië gehört?«

»Ghalië?« fragte ich, mich besinnend; »war sie nicht vom Stamme Begum?«

»Ich sehe, daß du sie kennst.«

»Sie war der eigentliche Scheik ihres Stammes und schlug in der Schlacht bei Taraba die Truppen des Mehemed Ali, welche Tunsun-Bei kommandierte?«

»So ist es. Siehst du nun, daß auch ein Weib sein darf wie ein Mann?«

»Was sagt der Kuran dazu?«

»Der Kuran?« fragte sie mit einer Gebärde der Geringschätzung. »Der Kuran ist ein Buch; hier habe ich meinen Yatagan, mein Tüfenk89 und meinen Dscherid90. Woran glaubst du? An das Buch oder an die Waffen?«

»An die Waffen. Du siehst also, daß ich kein Giaur bin, denn ich denke ganz dasselbe, was du denkst.«

»Glaubst du auch an deine Waffen?«

»Ja; noch viel, viel mehr aber an das Kitab-aziz91 der Christen.«

»Ich kenne es nicht, aber deine Waffen sehe ich.«

Das war nun allerdings ein Kompliment für mich, da der Araber gewohnt ist, den Mann nach den Waffen zu beurteilen, welche er trägt. Sie fuhr fort:

»Wer hat mehr Feinde getötet, du oder dein Freund?«

Kam es auf die Waffen an, so mußte Albani allerdings bedeutend tapferer sein als ich; dennoch war ich überzeugt, daß der gute Triester mit seinem Sarras gewiß noch keinem Menschen gefährlich geworden sei. Ich antwortete aber ausweichend:

»Ich habe mit ihm noch nicht darüber gesprochen.«

»Wie viele Male hast du eine Intikam92 gehabt?«

»Noch nie. Mein Glaube verbietet mir, selbst meinen Feind zu töten; er wird getötet durch das Gesetz.«

»Aber wenn jetzt Abu-Seïf käme und dich töten wollte?«

»So würde ich mich wehren und ihn im Notfalle töten, denn die Notwehr ist hier erlaubt. Aber du sprichst vom »Vater des Säbels«; kennst du ihn?«

»Ich kenne ihn. Auch du nennst seinen Namen; hast du von ihm gehört?«

»Ich habe nicht bloß von Abu-Seïf gehört, sondern ihn gesehen.«

Sie wandte sich mit einer raschen Bewegung zu mir herum.

»Gesehen? Wann?«

»Vor noch nicht vielen Stunden.«

»Und wo?«

»Zuletzt auf seinem Schiffe. Ich war sein Gefangener und bin ihm gestern entflohen.«

»Wo ist sein Schiff?«

Ich deutete die Richtung an, in der ich es noch vermuten mußte.

»Dort liegt es in einer Bucht versteckt.«

»Und er ist darauf?«

»Nein. Er ist in Mekka, um dem Großscherif ein Geschenk zu bringen.«

»Der Großscherif ist nicht in Mekka, sondern in Taïf. Ich habe dir eine große Botschaft zu verdanken. Komm!«

Sie trieb ihr Dschemmel zu größerer Eile an und lenkte nach einiger Zeit nach rechts ein, wo eine Reihe von Bodenerhebungen am Horizonte sichtbar wurde. Als wir näher kamen, bemerkte ich, daß dieser Höhenzug aus demselben schönen grauen Granit bestand, wie ich ihn später bei Mekka wieder fand. In einer Talmulde standen einige Zelte. Sie deutete mit der Hand auf dieselben und meinte:

»Dort wohnen sie.«

»Wer?«

»Die Beni-küfr93 vom Stamme der Ateïbeh.«

»Ich denke, die Ateïbeh wohnen in El Zallaleh, Taleh und dem Wadi el Nobejat?«

»Du bist recht berichtet; aber komm. Du sollst alles erfahren!«

Vor den Zelten lagen wohl an die dreißig Kamele nebst einigen Pferden am Boden, und eine Anzahl dürrer, struppiger Wüstenhunde erhob bei unserem Nahen ein wütendes Geheul, infolgedessen die Insassen der Zelte hervortraten. Sie hatten ihre Waffen ergriffen und zeigten ein sehr kriegerisches Aussehen.

»Wartet hier!« befahl die Gebieterin.

Sie ließ ihr Kamel niederknieen, stieg ab und trat zu den Männern. Mein Gespräch mit ihr war weder von Albani noch von Halef vernommen worden.

»Sihdi,« fragte Halef, »zu welchem Stamme gehören diese Leute?«

»Zum Stamme Ateïbeh.«

»Ich habe von ihm gehört. Zu ihm zählen die tapfersten Männer dieser Wüste, und keine Pilgerkarawane ist vor ihren Kugeln sicher. Sie sind die größten Feinde der Dscheheïne, zu denen Abu Seïf gehört. Was will das Weib von uns?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»So werden wir es erfahren. Aber halte deine Waffen bereit, Sihdi; ich traue ihnen nicht, denn es sind Ausgestoßene und Verfluchte.«

»Woran erkennst du dies?«

»Weißt du nicht, daß alle Bedawis94, welche in der Gegend von Mekka wohnen, die Tropfen von den Wachslichtern, die Asche von dem Räucherholze und den Staub von der Türschwelle der Kaaba sammeln und sich damit die Stirn einreiben? Diese Männer hier aber haben nichts an ihren Stirnen; sie dürfen nicht nach Mekka und nicht zur Kaaba; sie sind verflucht.«

»Aus welchem Grunde kann man sie ausgestoßen haben?«

»Das werden wir vielleicht von ihnen erfahren.«

Unterdessen hatte die Frau einige Worte zu den Männern gesprochen, worauf einer von ihnen sich uns näherte. Er war ein Greis von ehrwürdigem Aussehen.

»Allah segne eure Ankunft! Steigt ab, und tretet in unsere Zelte. Ihr sollt unsere Gäste sein.«

Diese letztere Versicherung gab mir die Ueberzeugung, daß wir keinerlei Gefahr bei ihnen zu fürchten hätten. Hat der Araber einmal das Wort Def95 ausgesprochen, so darf man ihm vollständiges Vertrauen schenken. Wir stiegen von unseren Tieren und wurden in eines der Zelte geführt, wo wir uns auf dem Serir96 niederließen und mit einem frugalen Mahle bewirtet wurden.

Während wir aßen, ward kein Wort gesprochen. Dann aber wurde uns je ein Bery gereicht, und während wir den scharfen Tombaktabak rauchten, der wohl aus Bagdad oder Basra stammte, begann die Unterhaltung.

Daß wir nur einen Bery erhielten, war ein sicherer Beweis, daß diese Leute keine Reichtümer besaßen. In der Gegend der heiligen Stadt raucht man nämlich aus dreierlei Pfeifensorten. Die erste und kostbarste Sorte ist der Khedra. Er ruht gewöhnlich auf einem Dreifuß, besteht aus gediegenem, schön ziseliertem Silber und ist mit einem langen Schlauch versehen, welcher Leiëh genannt wird und je nach dem Reichtume des Besitzers mit Edelsteinen oder anderem Schmucke geziert ist. Aus dem Khedra raucht man meist nur den köstlichen Tabak von Schiras. Die zweite Art der Pfeifen ist der Schischeh. Er ist dem Khedra ziemlich ähnlich, nur etwas kleiner und weniger kostbar. Die dritte und gewöhnlichste Sorte ist der Bery. Er besteht aus einer mit Wasser gefüllten Kokosschale, in welcher der Kopf und – statt des Schlauches – ein Rohr befestigt wird.

Es waren über zwanzig Männer in dem Zelte. Der Alte, welcher uns begrüßt hatte, führte das Wort:

»Ich bin der Scheik el Urdi97 und habe mit dir zu reden, Sihdi. Die Sitte verbietet, den Gast mit Fragen zu quälen; aber ich werde dich dennoch nach Einigem fragen müssen. Erlaubst du mir es?«

»Ich erlaube es.«

»Du gehörst zu den Neßarah?«

»Ja, ich bin ein Christ.«

»Was tust du hier im Lande der Gläubigen?«

»Ich will dieses Land und seine Bewohner kennen lernen.«

Er machte ein sehr zweifelvolles Gesicht.

»Und wenn du es kennen gelernt hast, was tust du dann?«

»Ich kehre in meine Heimat zurück.«

»Allah akbar, Gott ist groß, und die Gedanken der Neßarah sind unerforschlich! Du bist mein Gast, und ich werde glauben, was du sagest. Ist dieser Mann dein Diener?«

Er deutete dabei auf Halef.

»Er ist mein Diener und mein Freund.«

»Mein Name ist Malek. Du hast mit Bint-Scheik-Malek98 gesprochen; sie sagte mir, daß dein Diener nach Mekka gehen wolle, um ein Hadschi zu werden.«

»Sie hat dir das Rechte gesagt.«

»Du wirst auf ihn warten, bis er zurückkehrt?«

»Ja.«

»Wo?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Du bist ein Fremdling, aber du kennst die Sprache der Gläubigen. Weißt du, was ein Delyl ist?«

»Ein Delyl ist ein Führer, welcher das Gewerbe treibt, den Pilgern die heiligen Orte und die Merkwürdigkeiten von Mekka zu zeigen.«

»Du weißt es. Aber ein Delyl betreibt auch noch ein anderes Geschäft. Es ist den ledigen Frauen verboten, die heilige Stadt zu betreten. Wenn nun eine Jungfrau nach Mekka will, so geht sie nach Dschidda und vermählt sich der Form nach mit einem Delyl. Er bringt sie als sein Weib nach Mekka, wo sie die Faradh und Wadschib99 erfüllt; wenn dies geschehen ist, gibt er sie wieder los; sie bleibt eine Jungfrau, und er wird für seine Mühe bezahlt.«

»Auch dies weiß ich.«

Die Einleitung des alten Scheik machte mich neugierig. Welche Absichten leiteten ihn, die Pilgerfahrt Halefs mit dem Amte eines Delyl in Verbindung zu bringen? Ich sollte es sofort erfahren, denn ohne jeden Uebergang bat er:

»Erlaube deinem Diener, für die Zeit seiner Hadsch ein Delyl zu sein!«

Das war überraschend.

»Wozu?« fragte ich ihn.

»Das werde ich dir sagen, nachdem du die Erlaubnis ausgesprochen hast.«

»Ich weiß nicht, ob er darf. Die Delyls sind Beamte, welche jedenfalls von der Behörde eingesetzt werden.«

»Wer will ihm verbieten, eine Jungfrau zu heiraten und sie nach der Pilgerfahrt wieder frei zu geben?«

»Das ist richtig. Was mich betrifft, so gebe ich meine Erlaubnis gern, wenn du denkst, daß sie erforderlich ist. Er ist ein freier Mann; du mußt dich an ihn selbst wenden.«

Es war ein förmlicher Genuß, das Gesicht meines guten Halef zu beobachten. Er war ganz verdutzt.

»Willst du es tun?« fragte ihn der Alte.

»Darf ich das Mädchen vorher sehen?«

Der Scheik lächelte ein wenig und antwortete dann:

»Warum willst du sie vorher sehen? Ob sie alt ist oder jung, ob schön oder häßlich, das ist ganz gleichgültig; denn du wirst sie nach der Hadsch doch wieder freigeben.«

»Sind die Benaht el Arab100 wie die Töchter der Türken, welche sich nicht sehen lassen dürfen?«

»Die Töchter der Araber brauchen ihr Gesicht nicht zu verbergen. Du sollst das Mädchen sehen.«

Auf seinen Wink erhob sich einer der Anwesenden vom Boden und verließ das Zelt. Nach kurzer Zeit trat er mit einem Mädchen ein, dessen Aehnlichkeit mit der Amazone mich erraten ließ, daß diese die Mutter desselben sei.

»Das ist sie; blicke sie an!« sagte der Scheik.

Halef machte von dieser Erlaubnis einen sehr ausgiebigen Gebrauch. Die vielleicht fünfzehnjährige, aber bereits vollständig erwachsene dunkeläugige Schöne schien ihm zu gefallen.

»Wie heißest du?« fragte er sie.

»Hanneh101,« antwortete sie.

»Dein Auge glänzt wie Nur el Kamar102; deine Wangen leuchten wie Zahari103; deine Lippen glühen wie Römmahm104, und deine Wimpern sind schattig wie die Blätter von el Szemt105. Mein Name lautet Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah, und wenn ich kann, so werde ich deinen Wunsch erfüllen.«

Die Augen meines Halef leuchteten auch, aber nicht bloß wie Nur el Kamar, sondern wie Nur esch Schemms106; seine Sprache trieb poetische Blüten; vielleicht stand er am Rande desselben Abgrundes, welcher die Hadschi-Hoffnungen seines Vaters und Großvaters, weiland Abul Abbas und Dawud al Gossarah, verschlungen hatte: der Abgrund der Liebe und der Ehe.

Das Mädchen entfernte sich wieder, und der Scheik fragte ihn:

»Wie lautet dein Entschluß?«

»Frage meinen Herrn. Wenn er nicht abrät, werde ich deinen Wunsch erfüllen.«

»Dein Herr hat bereits gesagt, daß er dir die Erlaubnis gibt.«

»So ist es!« stimmte ich bei. »Aber sage uns nun auch, warum dieses Mädchen nach Mekka soll und warum sie sich nicht in Dschidda einen Delyl sucht?«

»Kennst du Achmed-Izzet-Pascha?«

»Den Gouverneur von Mekka?«

»Ja, du mußt ihn kennen, denn jeder Fremdling, der Dschidda betritt, stellt sich ihm vor, um seinen Schutz zu erhalten.«

»Er wohnt also in Dschidda? Ich bin nicht bei ihm gewesen; ich brauche nicht den Schutz eines Türken.«

»Du bist zwar ein Christ, aber du bist ein Mann. Der Schutz des Pascha ist nur gegen hohen Preis zu erhalten. Ja, er wohnt nicht in Mekka, wohin er eigentlich gehört, sondern in Dschidda, weil dort der Hafen ist. Sein Gehalt beträgt über eine Million Piaster, aber er weiß sein Einkommen bis auf das Fünffache zu bringen. Ihm muß jeder zahlen, sogar der Schmuggler und der Seeräuber, und darum eben wohnt er in Dschidda. Man sagte mir, daß du Abu-Seïf gesehen hast?«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Nun, dieser Räuber ist ein guter Bekannter des Pascha.«

»Nicht möglich!«

»Warum nicht? Was ist vorteilhafter: einen Dieb zu töten oder ihn leben zu lassen, um eine Rente von ihm zu beziehen? Abu-Seïf ist ein Dscheheïne; ich bin ein Ateïbeh. Diese beiden Stämme leben in Todfeindschaft; dennoch wagte er es, sich an unser Duar107 zu schleichen und mir meine Tochter zu rauben. Er zwang sie, sein Weib zu sein; aber sie entkam ihm einst und brachte mir ihre Tochter mit zurück. Du hast beide gesehen; mit meiner Tochter bist du angekommen, und die ihrige war soeben hier im Zelte. Seit jener Zeit suche ich ihn, um mit ihm abzurechnen. Einmal habe ich ihn gefunden; das war im Seraj108 des Statthalters. Dieser schützte den Räuber und ließ ihn entkommen, während ich vor dem Tore auf ihn lauerte. Später einmal sandte mich der Scheik meines Stammes mit diesen Männern hier nach Mekka, um eine Opfergabe nach der Kaaba zu bringen. Wir lagerten nicht weit von der Pforte er Ramah; da sah ich Abu-Seïf mit einigen seiner Leute kommen; er wollte das Heiligtum besuchen. Der Zorn übermannte mich; ich ergriff ihn, trotzdem bei der Kaaba jeder Streit verboten ist. Ich wollte ihn nicht töten, sondern ihn nur zwingen, mir zu folgen, um draußen vor der Stadt mit ihm zu kämpfen. Er wehrte sich, und seine Männer halfen ihm. Es entspann sich ein Kampf, der damit endete, daß die Eunuchen herbeieilten und uns gefangen nahmen, ihm aber und den Seinigen die Freiheit ließen. Zur Strafe wurden uns die heiligen Orte verboten. Unser ganzer Stamm wurde verflucht und mußte uns ausstoßen, um des Fluches wieder ledig zu werden. Nun sind wir geächtet. Aber wir werden uns rächen und diese Gegend verlassen. Du bist ein Gefangener von Abu-Seïf gewesen?«

»Ja.«

»Erzähle es!«

Ich gab ihm einen kurzen Bericht über das Abenteuer.

»Weißt du den Ort genau, an welchem sein Schiff verborgen liegt?«

»Ich würde ihn selbst bei Nacht wieder finden.«

»Willst du uns hinführen?«

»Ihr werdet die Dscheheïne töten?«

»Ja.«

»So verbietet mir mein Glaube, euer Führer zu sein.«

»Du darfst dich nicht rächen?«

»Nein, denn unsere Religion gebietet uns, selbst unsere Feinde zu lieben. Nur die Behörde hat das Recht, den Bösen zu bestrafen, und ihr seid keine Richter.«

»Deine Religion ist lieblich; wir aber sind keine Christen und werden den Feind bestrafen, weil er beim Richter Schutz finden würde. Du hast mir den Ort beschrieben, und ich werde das Schiff auch ohne deine Hilfe entdecken. Nur versprich mir, daß du die Dscheheïne nicht warnen willst.«

»Ich werde sie nicht warnen, denn ich habe keine Lust, ihr Gefangener noch einmal zu sein.«

»So sind wir einig. Wann wird Halef nach Mekka gehen?«

»Morgen, wenn du es mir erlaubst, Sihdi,« antwortete der Diener an meiner Stelle.

»Du kannst morgen gehen.«

»So laß ihn gleich bei uns bleiben,« bat der Scheik. »Wir werden ihn so weit an die Stadt begleiten, als wir ihr nahen dürfen, und ihn dir dann zurückbringen.«

Da kam mir ein Gedanke, dem ich sofort Ausdruck gab:

»Darf ich mit euch ziehen und bei euch auf ihn warten?«

Ich bemerkte sofort, daß dieser Wunsch allgemeine Freude erregte.

»Effendi, ich sehe, daß du die Ausgestoßenen nicht verachtest,« antwortete der Scheik. »Du sollst uns willkommen sein! Du bleibst gleich hier bei uns und hilfst uns am Abend die Ewlenma109 schließen.«

»Das geht nicht. Ich muß zuvor nach Dschidda zurück, um meine Geschäfte abzuschließen. Mein Wirt muß wissen, wo ich mich befinde.«

»So werde ich dich bis vor die Tore der Stadt begleiten. Auch sie darf ich nicht betreten, denn sie ist eine heilige Stadt. Wann willst du reiten?«

»Sogleich, wenn es dir beliebt. Ich brauche nur wenig Zeit, um wieder mit dir zurückzukehren. Soll ich dir einen Kadi oder Mullah mitbringen für den Abschluß der Verheiratung?«

»Wir brauchen weder einen Kadi noch einen Mullah. Ich bin der Scheik meines Lagers, und was vor mir geschieht, hat Kraft und Gültigkeit. Aber ein Pergament oder ein Papier magst du mir bringen, auf welches wir den Vertrag niederschreiben. Das Mohür und Gemedsch110 habe ich.«

In kurzer Zeit standen die Kamele bereit; wir stiegen auf. Die kleine Truppe bestand außer uns dreien aus dem Scheik, seiner Tochter und fünf Ateïbeh. Ich folgte dem Alten ohne Einrede, obgleich ich bemerkte, daß er nicht den geraden Weg einschlug, sondern sich mehr rechts nach dem Meere zu hielt. Albani hatte jetzt nicht mehr so viel Not wie vorher, sich auf seinem Kamele zu halten, und die langen Beine der Tiere warfen den Weg förmlich hinter sich.

Da hielt der Scheik an und deutete mit der Hand seitwärts.

»Weißt du, was da drüben liegt, Effendi?«

»Was?«

»Die Bucht, in welcher das Schiff des Räubers liegt. Habe ich es erraten?«

»Du kannst denken, aber du sollst mich nicht fragen.«

Er hatte ganz richtig geraten und schwieg. Wir ritten weiter. Nach einiger Zeit zeigten sich zwei kleine Punkte am Horizonte, gerade in der Richtung auf Dschidda zu. Wie es schien, kamen sie uns nicht entgegen, sondern verfolgten eine Richtung, welche sie nach der soeben erwähnten Bucht bringen mußte. Es waren Fußgänger, wie ich durch das Fernrohr erkannte. Das mußte hier in der Wüste auffallen, und es lag der Gedanke nahe, daß sie zu den Leuten von Abu-Seïf gehörten. Es war sehr zu vermuten, daß mein Wächter dem Kapitän unsere Flucht hatte melden lassen, und in diesem Falle konnten diese beiden Männer die jetzt zurückkehrenden Boten sein.

Auch Malek hatte sie erkannt und beobachtete sie scharf. Dann wandte er sich zu seinen Leuten und flüsterte ihnen eine Weisung zu. Sofort wandten sich drei von ihnen in der Richtung zurück, aus welcher wir gekommen waren. Ich durchschaute die Absicht. Malek vermutete ganz dasselbe wie ich und wollte die Männer in seine Gewalt bekommen. Um dies zu bewirken, mußte er ihnen den Weg nach der Bucht abschneiden, aber so, daß sie es nicht merkten. Daher schob er seine drei Männer nicht schräg vor, sondern er ließ sie scheinbar zurückkehren und dann, sobald sie aus dem Gesichtskreis der Betreffenden verschwunden waren, einen Bogen schlagen. Während wir andern unsern Weg fortsetzten, fragte er:

»Effendi, willst du ein wenig auf uns warten, oder reitest du nach der Stadt, wo du uns am Tore finden wirst?«

»Du willst diese Männer sprechen, und ich werde bei dir bleiben, bis du mit ihnen geredet hast.«

»Es sind vielleicht Dscheheïne!«

»Ich denke es auch. Deine drei Männer schneiden sie vom Schiffe ab; reite du hier schief hinüber, und ich will mit Halef unsere bisherige Richtung fortsetzen, damit es ihnen nicht einfällt, nach Dschidda zurückzufliehen.«

»Dein Rat ist gut; ich folge ihm.«

Er bog ab, und ich gab Albani einen Wink, sich ihm anzuschließen. Dieser hatte es so leichter, da ich mit Halef den schärfsten Galopp einschlagen mußte. Wir zwei flogen wie im Sturme dahin und lenkten, als wir in gleicher Linie mit den Verfolgten waren, hinter ihren Rücken ein. Sie merkten erst jetzt unsere Absicht und zögerten. Hinter sich hatten sie mich mit Halef, seitwärts von ihnen kam Malek auf sie zu, und nur der Weg vor ihnen schien noch frei zu sein. Sie setzten ihn mit verdoppelter Eile fort, waren aber doch noch nicht weit gekommen, als die drei Ateïbeh vor ihnen auftauchten. Trotzdem es ihnen in dieser Entfernung nicht möglich gewesen war, einen von uns zu erkennen, mußten sie doch Feinde in uns vermuten und versuchten, uns im schnellsten Laufe zu entkommen. Es gab eine Möglichkeit dazu. Sie waren bewaffnet. Wenn sie sich teilten, so mußten wir dies auch tun, und dann war es einem sicher zielenden, kaltblütigen Fußgänger nicht ganz unmöglich, es mit zwei und auch drei Kamelreitern aufzunehmen. Sie aber kamen auf diesen Gedanken entweder nicht, oder es fehlte ihnen an Mut, denselben auszuführen. Sie blieben zusammen und wurden von uns zu ganz gleicher Zeit umringt. Ich erkannte sie auf der Stelle; es waren wirklich zwei von den Schiffsleuten.

»Woher kommt ihr?« fragte sie der Scheik.

»Von Dschidda,« antwortete der eine.

»Wohin wollt ihr?«

»In die Wüste, um Trüffel zu suchen.«

»Trüffel suchen? Ihr habt weder Tiere noch Körbe bei euch!«

»Wir wollen nur erst sehen, ob diese Schwämme hier wachsen; dann holen wir die Körbe.«

»Von welchem Stamme seid ihr?«

»Wir wohnen in der Stadt.«

Das war nun allerdings sehr frech gelogen, denn diese Männer mußten ja wissen, daß ich sie kannte. Auch Halef ärgerte sich über ihre Dreistigkeit. Er lockerte seine Peitsche und meinte:

»Glaubt ihr etwa, daß dieser Effendi und ich blind geworden sind? Ihr seid Schurken und Lügner! Ihr seid Dscheheïne und gehört zu Abu-Seïf. Wenn ihr es nicht gesteht, wird euch meine Peitsche sprechen lehren!«

»Was geht es euch an, wer wir sind?«

Ich sprang vom Kamele, ohne es niederknien zu lassen, und nahm die Peitsche aus Halefs Hand.

»Laßt euch nicht verlachen, ihr Männer! Hört, was ich euch sage! Was diese Krieger vom Stamme der Ateïbeh mit euch haben und von euch wollen, das geht mich nichts an; mir aber sollt ihr Antwort geben auf einige Fragen. Tut ihr es, so habt ihr von mir nichts weiter zu befürchten; tut ihr es aber nicht, so werde ich euch mit dieser Peitsche in der Art zeichnen, daß ihr euch nie wieder vor einem freien, tapferen Ibn Arab sehen lassen könnt!«

Mit Schlägen drohen, ist eine der größten Beleidigungen für einen Beduinen. Die beiden griffen auch sofort nach ihren Messern.

»Wir würden dich töten, ehe du zu schlagen vermagst,« drohte der eine.

»Ihr habt wohl noch nicht erfahren, wie mächtig eine Peitsche aus der Haut des Nilpferdes ist, sobald sie sich in der Hand eines Franken befindet. Sie schneidet so scharf wie ein Yatagan; sie fällt schwerer nieder als eine Keule, und sie ist schneller als eine Kugel aus euren Tabandschab111. Seht ihr denn nicht, daß die Waffen aller dieser Männer auf euch gerichtet sind? Laßt also eure Messer im Gürtel und antwortet! Ihr seid zu Abu-Seïf gesandt worden?«

»Ja,« klang es zögernd, da sie bemerkten, daß kein Entrinnen war.

»Um ihm zu sagen, daß ich euch entkommen bin?«

»Ja.«

»Wo habt ihr ihn getroffen?«

»In Mekka.«

»Wie seid ihr so schnell nach Mekka und wieder zurückgekommen?«

»Wir haben uns in Dschidda Kamele gemietet.«

»Wie lange bleibt Abu-Seïf in der heiligen Stadt?«

»Nur kurze Zeit. Er will nach Taïf, wo sich der Scherif-Emir befindet.«

»So bin ich jetzt mit euch fertig.«

»Sihdi, du willst diese Räuber entkommen lassen?« rief Halef. »Ich werde sie erschießen, damit sie keinem mehr schaden können.«

»Ich habe ihnen mein Wort gegeben, und das wirst du mit mir halten. Folge mir!«

Ich stieg wieder auf und ritt davon. Halef folgte mir; Albani aber blieb noch zurück. Er hatte seinen langen Sarras gezogen; doch hatte ich zu ihm das gute Vertrauen, daß diese energische Pantomime sehr unschädlicher Natur sein werde. Er blieb auch wirklich sehr gelassen auf seinem Kamele sitzen, als die Ateïbeh absprangen, um die Dscheheïne zu bewältigen. Es gelang dies, nachdem einige unschädliche Messerstöße gewechselt worden waren. Die Gefangenen wurden je an ein Kamel gebunden, und die Reiter derselben wandten sich zurück, um die Gefangenen in das Lager zu schaffen. Die anderen folgten uns.

»Du hast sie begnadigt, Sihdi; aber sie werden dennoch sterben,« meinte Halef.

»Ihr Schicksal ist nicht meine und auch nicht deine Sache! Bedenke, was du heute werden sollst. Ein Bräutigam muß versöhnlich sein!«

»Sihdi, würdest du den Delyl bei dieser Hanneh machen?«

»Ja, wenn ich ein Moslem wäre.«

»Herr, du bist ein Christ, ein Franke, mit dem man von diesen Dingen reden kann. Weißt du, was die Liebe ist?«

»Ja. Die Liebe ist eine Koloquinte. Wer sie ißt, bekommt Bauchgrimmen.«

»O, Sihdi, wer wird die Liebe mit einer Koloquinte vergleichen! Allah möge deinen Verstand erleuchten und dein Herz erwärmen! Ein gutes Weib ist wie eine Pfeife von Jasmin und wie ein Beutel, dem nimmer Tabak mangelt. Und die Liebe zu einer Jungfrau, die ist – – die ist – – wie – der Turban auf einem kahlen Haupte und wie die Sonne am Himmel der Wüste.«

»Ja. Und wen ihre Strahlen treffen, der bekommt den Sonnenstich. Ich glaube, du hast ihn schon, Halef. Allah helfe dir!«

»Sihdi, ich weiß, daß du niemals ein Bräutigam sein willst; ich aber bin einer, und daher ist mein Herz geöffnet wie eine Nase, die den Duft der Blumen trinkt.«

Unser kurzes Gespräch war zu Ende, denn die anderen hatten uns nun eingeholt. Es wurde über das Vorgefallene kein Wort verloren, und als die Stadt in Sicht kam, ließ der Scheik seine Tiere halten. Er hatte zwei ledige Kamele mitgenommen, welche uns bei unserer Rückkehr tragen sollten.

»Hier werde ich warten, Sihdi,« sagte er. »Welche Zeit wird vergehen, bis du wieder kommst?«

»Ich werde zurück sein, ehe die Sonne einen Weg zurückgelegt hat, der so lang ist, wie deine Lanze.«

»Und das Tirscheh oder Kiahat112 wirst du nicht vergessen?«

»Nein. Ich werde auch Mürek und ein Kalem113 mitbringen.«

»Tue es. Allah schütze dich, bis wir dich wiedersehen!«

Die Ateïbeh hockten sich neben ihre Kamele nieder, und wir drei ritten in die Stadt.

»Nun, war das kein Abenteuer?« fragte ich Albani.

»Allerdings. Und was für eines! Es hätte ja beinahe Mord und Totschlag gegeben. Ich hielt mich wirklich zum Kampf bereit.«

»Ja, Sie hatten ganz das Aussehen eines rasenden Roland, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Wie ist Ihnen der Ritt bekommen?«

»Hm! Anfangs haben Sie mich bedeutend in Trab gebracht; dann aber ging es leidlich. Ich lobe mir ein gutes deutsches Kanapee! – Sie wollen mit diesen Arabern gehen? – So werden wir uns wohl nicht wiedersehen.«

»Wahrscheinlich, da Sie ja die nächste Gelegenheit zur Abreise benutzen wollen. Doch habe ich so viele Beispiele eines ganz unerwarteten Zusammentreffens erlebt, daß ich ein Wiedersehen zwischen uns nicht für unmöglich halte.«

Diese Worte sollten sich später wirklich erfüllen. Für jetzt aber nahmen wir, nachdem wir dem Kamelverleiher seine Tiere zurückgebracht hatten, einen so herzlichen Abschied, wie es Landsleuten ziemt, die sich in der weiten Ferne getroffen haben. Dann begab ich mich mit Halef nach meiner Wohnung, um meine Habseligkeiten zusammenzupacken und mich von Tamaru, dem Wirt, zu verabschieden. Ich hatte nicht geglaubt, daß ich seine Wohnung so bald aufgeben würde. Auf zwei gemieteten Eseln ritten wir wieder zur Stadt hinaus. Dort wurden die harrenden Kamele bestiegen, worauf wir mit den Ateïbeh nach ihrem Lager ritten.

Siebentes Kapitel: In Mekka

Während des Rittes ging es sehr einsilbig zu. Am schweigsamsten war die Tochter des Scheik. Sie sprach kein Wort; aber in ihren Augen glühte ein schlimmes Feuer, und wenn sie nach links hinüberblickte, wo sie hinter dem niedrigen Horizonte das Schiff des Abu-Seïf vermuten mußte, faßte ihre Rechte stets entweder den Griff ihres Handschar oder den Kolben der langen Flinte, welche quer über ihrem Sattel lag.

Als wir in der Nähe des Lagers anlangten, ritt Halef zu mir heran.

»Sihdi,« fragte er, »wie sind die Gebräuche deines Landes? Hat dort einer, der sich ein Weib nimmt, die Braut zu beschenken?«

»Das tut wohl ein jeder bei uns und auch bei euch.«

»Ja, auch im Dschesirat el Arab und in dem ganzen Scharki114 ist das Sitte. Aber da Hanneh nur zum Schein für einige Tage meine Frau werden soll, so weiß ich nicht, ob ein Geschenk erforderlich ist.«

»Ein Geschenk ist eine Höflichkeit, welche wohl immer angenehme Gefühle erregt. Ich an deiner Stelle würde höflich sein.«

»Aber was soll ich ihr geben? Ich bin arm und auch gar nicht auf eine Hochzeit vorbereitet. Meinst du, daß ich ihr vielleicht mein Adeschlik115 verehre?«

Er hatte sich nämlich in Kairo ein kleines Döschen aus Papiermaché gekauft und verwahrte darin die Zündhölzer. Das Ding hatte für ihn einen großen Wert, weil er dem Händler das zwanzigfache für die Dose bezahlt hatte, die kaum dreißig Pfennige wert war. Die Liebe brachte ihn zu dem heroischen Entschluß, seinem kostbaren Besitztume zu entsagen.

»Gib es ihr,« antwortete ich ernsthaft.

»Gut, sie soll es haben! Aber wird sie mir es auch wiedergeben, wenn sie meine Frau nicht mehr ist?«

»Sie wird es behalten.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig; er wird mich nicht um das meinige kommen lassen! Was soll ich tun, Sihdi?«

»Wenn dir das Adeschlik so lieb ist, so gib ihr etwas anderes!«

»Was denn? Ich habe weiter nichts. Ich kann ihr doch weder meinen Turban, noch meine Flinte, noch die Nilpeitsche geben!«

»So gib ihr nichts.«

Er schüttelte sehr besorgt den Kopf.

»Auch dies geht nicht an, Sihdi. Sie ist meine Braut und muß irgend etwas erhalten. Was sollen die Ateïbeh von dir denken, wenn dein Diener ein Weib nimmt, ohne es zu beschenken?«

Ah! Der Schlaukopf fand sich also bewogen, an meinen Ehrgeiz und infolgedessen natürlich auch an meinen Beutel zu appellieren.

»Preis sei Allah, der dein Gehirn erleuchtet, Halef! Mir geht es aber ebenso wie dir. Ich kann deiner Braut weder meinen Haïk, noch meine Jacke, noch meine Büchse schenken!«

»Allah ist gerecht und barmherzig, Effendi; er bezahlt für jede Gabe tausendfältige Zinsen. Trägt dein Kamel nicht auch ein Ledersäckchen, in welchem du Dinge verborgen hast, die eine Braut in Entzücken versetzen würden?«

»Und wenn ich dir etwas davon geben wollte, würde ich es wiederbekommen, wenn Hanneh nicht mehr dein Weib ist?«

»Du mußt es wieder fordern!«

»Das ist nicht Sitte bei uns Franken. Aber weil du mir tausendfältige Zinsen in Aussicht stellst, so werde ich nachher das Säckchen öffnen und sehen, ob ich etwas für dich finde.«

Da richtete er sich erfreut im Sattel empor.

»Sihdi, du bist der weiseste und beste Effendi, den Allah erschaffen hat. Deine Güte ist breiter als die Sahara, und deine Wohltätigkeit länger als der Nil. Dein Vater war der berühmteste, und der Vater deines Vaters der erhabenste Mann unter allen Leuten im Königreiche Nemsistan. Deine Mutter war die schönste der Rosen, und die Mutter deiner Mutter die lieblichste Blume des Abendlandes. Deine Söhne mögen zahlreich sein, wie die Sterne am Himmel, deine Töchter wie der Sand in der Wüste, und die Kinder deiner Kinder zahllos wie die Tropfen des Meeres!«

Es war ein Glück, daß wir jetzt das Lager erreichten, sonst hätte seine Dankbarkeit mich noch mit allen Töchtern der Samojeden, Tungusen, Eskimos und Papuas verheiratet. Was das Ledersäckchen betrifft, welches er erwähnt hatte, so enthielt es allerdings verschiedenes, was sich ganz vortrefflich zu einem Geschenk für ein Beduinenmädchen eignete. Der Kaufmannssohn Isla Ben Maflei nämlich hatte, als unsere Nilfahrt beendet war und wir voneinander in Kairo schieden, es sich nicht nehmen lassen, mich mit einer Sammlung von Dingen auszurüsten, die auf meinen weiteren Wanderungen als Geschenke dienen konnten, um mir dadurch Gefälligkeiten zu erwerben. Es waren lauter Gegenstände, welche nicht viel Platz wegnahmen und dabei an sich zwar keinen allzu großen Wert besaßen, bei den Bewohnern der Wüstenländer aber zu den größten Seltenheiten gehörten.

Während unserer Abwesenheit war eines der Zelte geräumt und für mich hergerichtet worden. Als ich von demselben Besitz genommen hatte, öffnete ich den Ledersack und nahm ein Medaillon hervor, unter dessen Glasdeckel ein kleines Teufelchen sich künstlich bewegte. Es war ganz auf dieselbe Weise gearbeitet, wie zum Beispiel die Manschettenknöpfe mit künstlichen Schildkröten, und hing an einer Kette von Glasfacetten, die bei Licht oder Feuerschein in allen Regenbogenfarben funkelten. Der Schmuck hätte in Paris gewiß nicht mehr als zwei Francs gekostet. Ich zeigte ihn Halef.

Er warf einen Blick darauf und fuhr erschrocken zurück.

»Maschallah, Wunder Gottes! Das ist ja der Scheïtan, den Gott verfluchen möge! Sihdi, wie bekommst du den Teufel in deine Gewalt? La illa illa Allah, we Muhammed resul Allah! Behüte uns, Herr, vor dem dreimal gesteinigten Teufel; denn nicht ihm, sondern dir allein wollen wir dienen!«

»Er kann dir nichts tun, denn er ist fest eingeschlossen.«

»Er kann nicht heraus, wirklich nicht?«

»Nein.«

»Kannst du mir das bei deinem Barte versichern?«

»Bei meinem Barte!«

»So zeige einmal her, Sihdi! Aber wenn es ihm gelingt, heraus zu kommen, so bin ich verloren, und meine Seele komme über dich und deine Väter!«

Er faßte die Kette sehr vorsichtig mit den äußersten Fingerspitzen, legte das Medaillon auf den Erdboden und kniete nieder, um es genau zu betrachten.

»Wallahi – billahi – tallahi – bei Allah, es ist der Scheïtan! Siehst du, wie er das Maul aufreißt und die Zunge hervorstreckt? Er verdreht die Augen und wackelt mit den Hörnern; er ringelt den Schwanz, droht mit den Krallen und stampft mit den Füßen! O jazik – wehe, wenn er das Kästchen zertritt!«

»Das kann er nicht. Es ist ja nur eine künstlich verfertigte Figur!«

»Eine künstliche Figur, von Menschenhänden gemacht? Effendi, du täuschest mich, damit ich Mut bekommen soll. Wer kann den Teufel machen? Kein Mensch, kein Gläubiger, kein Christ, und auch kein Jude! Du bist der größte Taleb und der kühnste Held, welchen die Erde trägt, denn du hast den Scheïtan bezwungen und in dieses enge Zindan116 gesperrt! Hamdullillah, denn nun ist die Erde sicher vor ihm und seinen Geistern, und alle Nachkommen des Propheten können jauchzen und sich freuen über die Qualen, die er hier auszustehen hat! Warum zeigst du mir diese Kette, Sihdi?«

»Du sollst sie deiner Braut zum Geschenk machen.«

»Ich – —?! Diese Kette, welche kostbarer ist, als alle Diamanten im Throne des großen Mogul? Wer diese Kette besitzt, der wird berühmt unter allen Söhnen und Töchtern der Gläubigen. Willst du sie wirklich verschenken?«

»Ja.«

»So sei gütig, Sihdi, und erlaube, daß ich sie für mich behalte! Ich werde dem Mädchen doch lieber mein Feuerzeug geben.«

»Nein, du gibst ihr diese Kette. Ich befehle es dir!«

»Dann muß ich gehorchen. Aber wo hast du sie und die andern Sachen gehabt, ehe du sie gestern in das Säckchen tatest?«

»Von Kahira bis hierher ist eine gefährliche Gegend, und darum habe ich diese Kostbarkeiten in den Beinen meiner Schalwars117 bei mir getragen.«

»Sihdi, deine Klugheit und Vorsicht geht noch über die List des Teufels, den du gezwungen hast, in deinen Schalwars zu wohnen. Wann soll ich Hanneh die Kette geben?«

»Sobald sie dein Weib geworden ist.«

»Sie wird die berühmteste sein unter allen Benat el Arab118, denn alle Stämme werden erzählen und rühmen, daß sie den Scheïtan gefangen hält. Darf ich auch die andern Schätze sehen?«

Es kam nicht dazu, denn der Scheik schickte jetzt und ließ mich und Halef zu sich bitten. Wir fanden in seinem Zelte alle Ateïbeh versammelt.

»Sihdi, hast du ein Pergament mitgebracht?« fragte Malek.

»Ich habe Papier, welches so gut ist wie Pergament.«

»Willst du den Vertrag schreiben?«

»Wenn du es wünschest, ja.«

»So können wir beginnen?«

Halef, an den diese Frage gerichtet war, nickte, und sogleich erhob sich einer der anwesenden Männer, um ihn zu fragen:

»Wie lautet dein voller, ganzer Name?«

»Ich heiße Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah.«

»Aus welchem Lande stammest du?«

»Ich stamme aus dem Garbi119, wo die Sonne hinter der großen Wüste untergeht.«

»Zu welchem Stamme gehörst du?«

»Der Vater meines Vaters, welche beide Allah segnen möge, bewohnte mit dem berühmten Stamme der Uëlad Selim und Uëlad Bu Seba den großen Dschebel Schur-Schum.«

Der Frager, welcher jedenfalls ein Verwandter der Braut war, wandte sich nun an den Scheik.

»Wir alle kennen dich, o Tapferer, o Wackerer, o Weiser und Gerechter. Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed Chadid el Eini Ben Abul Ali el Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi, ein Scheik des tapferen Stammes der Beni Ateïbeh. Hier dieser Mann ist ein Held vom Stamme Uëlad Selim und Uëlad Bu Seba, welcher auf den Bergen wohnt, die bis zum Himmel reichen und Dschebel Schur-Schum heißen. Er führt den Namen Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah und ist der Freund eines großen Effendi aus Frankistan, den wir als Gast in unserem Zelte aufgenommen haben. Du hast eine Tochter. Ihr Name ist Hanneh; ihr Haar ist wie Seide, ihre Haut ist wie Oel, und ihre Tugenden sind rein und glänzend wie die Flocken des Schnees, die auf dem Gebirge wehen. Halef Omar begehrt sie zum Weibe. Sage, o Scheik, was du dazu zu sagen hast!«

Der Angeredete imitierte ein würdevolles Nachdenken und antwortete dann:

»Du hast gesprochen, mein Sohn. Setze dich nun und höre auch meine Rede. Dieser Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah ist ein Held, dessen Ruhm schon vor Jahren bis zu uns gedrungen ist. Sein Arm ist unüberwindlich; sein Lauf gleicht dem der Gazelle; sein Auge hat den Blick des Adlers; er wirft den Dscherid mehrere hundert Schritte weit; seine Kugel trifft stets sicher, und sein Handschar hat das Blut schon vieler Feinde gesehen. Dazu hat er den Kuran gelernt und ist im Rate einer der Klügsten und Erfahrensten. Dazu hat ihn dieser gewaltige Bei der Franken seiner Freundschaft für wert gehalten – – warum sollte ich ihm meine Tochter verweigern, wenn er bereit ist, meine Bedingungen zu erfüllen?«

»Welche Bedingungen stellst du ihm?« fragte der vorige Sprecher.

»Das Mädchen ist die Tochter eines mächtigen Scheik, daher kann er sie um keinen gewöhnlichen Preis haben. Ich fordere eine Stute, fünf Reitkamele, zehn Lastkamele und fünfzig Schafe.«

Bei diesen Worten machte Halef ein Gesicht, als ob er diese fünfzig Schafe, zehn Last— und fünf Reitkamele samt der Stute soeben mit Haut und Haar verschlungen habe. Woher sollte er diese Tiere nehmen? Glücklicherweise fuhr der Scheik fort:

»Dafür gebe ich ihr eine Morgengabe von einer Stute, fünf Reitkamelen, zehn Lastkamelen und fünfzig Schafen. Eure Weisheit wird da einsehen, daß es ganz unnötig ist, bei so trefflichen Verhältnissen den Preis und die Morgengabe gegenseitig auszuwechseln. Nun aber verlange ich, daß er morgen früh beim Fagr120 eine Wallfahrt nach Mekka antrete, bei welcher er sein Weib mitzunehmen hat. Sie verrichten dort die heiligen Gebräuche und kehren dann sofort zu uns zurück. Er hat sein Weib als Jungfrau zu behandeln und sie nach seiner Rückkehr wieder abzutreten. Für diesen Dienst erhält er ein Kamel und einen Sack voll Datteln. Hat er aber sein Weib nicht als eine Fremde betrachtet, so erhält er nichts und wird getötet. Ihr seid Zeugen, daß ich dieses bestimme.«

Der Redeführer drehte sich zu Halef um.

»Du hast es gehört. Wie lautet deine Antwort?«

Es war dem Gefragten anzusehen, daß ihm ein gewisser Punkt nicht recht paßte, nämlich das Verlangen, sein Weib wieder herzugeben. Er war jedoch klug, sich in die gegenwärtigen Umstände zu schicken, und antwortete:

»Ich nehme diese Bedingungen an.«

»So mache die Schrift, Effendi,« bat der Scheik. »Mache sie zweimal, nämlich einmal für mich und das zweite Mal für ihn!«

Ich folgte dem Verlangen und las dann das Geschriebene vor. Es erhielt die Zustimmung des Scheiks, welcher auf jedes Exemplar Wachs tropfen ließ und den Knauf seines Dolches als Petschaft gebrauchte, nachdem er und Halef unterzeichnet hatten.

Damit waren die Formalitäten erfüllt, und die unerläßlichen Hochzeitsfestlichkeiten konnten beginnen. Sie waren, da es sich nur um eine Scheinverheiratung handelte, sehr bescheidener Art. Es wurde ein Hammel geschlachtet und ganz gebraten. Während er an einem Spieße über dem Feuer briet, hielt man ein Scheingefecht, bei welchem aber nicht geschossen wurde; ein Umstand, dessen Grund nicht schwer zu erraten war.

Als die Nacht hereinbrach, begann das Mahl. Nur die Männer aßen, und erst als wir satt waren, bekamen die Frauen die Ueberreste. Bei dieser Gelegenheit mußte auch Hanneh erscheinen. Dies benutzte Halef und erhob sich von seinem Platze, um ihr das beschriebene Geschenk zu überreichen. Die Szene aber, welche nun folgte, läßt sich nicht beschreiben. Der in dem Medaillon eingesperrte Teufel war ein Wunder, welches über alle ihre Begriffe ging. All mein Bemühen, ihnen die Mechanik zu erklären, half nichts. Sie glaubten mir nicht, und zwar ganz besonders deshalb, weil der Scheïtan doch lebendig war. Ich ward als der größte Held und Zauberer gepriesen; aber das Ende war, daß Hanneh das Geschenk nicht bekam. Der gefangene Scheïtan war ein Wunder von so unendlicher Wichtigkeit, daß nur der Scheik selbst für würdig gehalten wurde, die unvergleichliche Kostbarkeit aufzubewahren; natürlich erst, nachdem ich ihm mit aller Feierlichkeit versichert hatte, daß es dem Teufel niemals gelingen werde, zu entkommen und Unheil anzurichten.

Mitternacht war nahe, als ich mich in das Zelt zurückzog, um zu schlafen. Halef leistete mir Gesellschaft.

»Sihdi, muß ich alles halten und erfüllen, was du heute niedergeschrieben hast?« ließ er sich hören.

»Ja. Du hast es ja versprochen!«

Es verging eine Weile, dann klang es sehr kleinlaut:

»Würdest du dein Weib auch wieder hergeben?«

»Nein.«

»Und dennoch sagst du, daß ich mein Versprechen zu halten habe!«

»Allerdings. Wenn ich mir ein Weib nehme, so verspreche ich nicht, es wieder herzugeben.«

»O, Sihdi, warum hast du mir nicht gesagt, daß ich es ebenso machen soll!«

»Bist du ein Knabe, daß du eines Vormundes bedarfst? Und wie kann ein Christ einen Moslem im Heiraten unterweisen? Ich glaube, daß du Hanneh behalten möchtest!«

»Du hast es erraten.«

»So willst du mich also verlassen?«

»Dich, Sihdi – – —? Oh – – —!«

Er räusperte sich verlegen, kam aber zu keiner Antwort.

Ein unverständliches Brummen und später einige Seufzer waren alles, was ich zu hören bekam. Er warf sich von einer Seite auf die andere; es war klar, daß sein Wohlgefallen an dem Mädchen mit seiner Anhänglichkeit zu mir in lebhaften Zwiespalt gekommen war. Ich mußte ihn sich selbst überlassen und schlief bald ein.

Mein Schlaf war so fest, daß mich erst ein lautes Kamelgetrappel erweckte. Ich erhob mich und trat vor das Zelt. Im Osten erhellte sich bereits der Horizont, und da drüben, wo die Bucht lag, war er hellrot gefärbt. Es gab dort einen Brand, und die Vermutung, welche bei diesem Anblick in mir aufstieg, wurde bestätigt durch das im Lager herrschende rege Leben. Die Männer waren fort gewesen und kehrten jetzt zurück, sie und ihre Kamele reich mit Beute beladen. Auch die Tochter des Scheiks hatte sich ihnen angeschlossen, und als sie vom Kamele stieg, bemerkte ich, daß ihr Gewand mit Blut bespritzt war. Malek bot mir den Morgengruß und meinte, nach der Feuerwolke deutend:

»Siehst du, daß wir das Schiff gefunden haben? Sie schliefen, als wir kamen, und sind nun zu den Hunden, ihren Vätern, versammelt.«

»Du hast sie getötet und das Schiff beraubt?«

»Beraubt? Was meinst du mit diesem Worte? Gehört nicht dem Sieger das Eigentum des Besiegten? Wer will uns streitig machen, was wir gewonnen haben?«

»Die Zehka, welche Abu-Seïf geraubt hat, gehört dem Scherif Emir.«

»Dem Scherif Emir, der uns ausgestoßen hat? Selbst wenn das Geld ihm gehörte, würde er es nicht wieder erhalten. Aber glaubst du wirklich, daß es die Zehka war? Du bist belogen worden. Nur der Scherif hat das Recht, diese Steuer einzusammeln, und dies wird er niemals durch einen Türken tun lassen. Der Türke, welchen du für einen Zolleinnehmer gehalten hast, war entweder ein Schmuggler oder ein Zöllner des Pascha von Aegypten, den Allah erschlagen wolle!«

»Du hassest ihn?«

»Dies tut jeder freie Araber. Hast du nicht von den Greueltaten gehört, welche zur Zeit der Wachabiten hier geschahen? Mag das Geld dem Pascha gehören oder dem Scherif, es bleibt mein. Doch die Zeit des Fagr naht. Mache dich bereit, uns zu folgen. Wir können hier nicht länger bleiben.«

»Wo wirst du dein Lager aufschlagen?«

»Ich werde es an einem Orte errichten, von welchem aus ich die Straße zwischen Mekka und Dschidda beobachten kann. Abu-Seïf darf mir nicht entgehen.«

»Hast du auch die Gefahren berechnet, welche dir drohen?«

»Meinst du, daß ein Ateïbeh sich vor Gefahren fürchtet?«

»Nein, aber selbst der mutigste Mann muß zugleich auch vorsichtig sein. Wenn dir Abu-Seïf in die Hände fällt und du ihn tötest, so mußt du dann augenblicklich diese Gegend verlassen. Du wirst dann vielleicht das Kind deiner Tochter verlieren, welches sich zu dieser Zeit mit Halef in Mekka befindet.«

»Ich werde Halef sagen, wo er uns in diesem Falle zu suchen hat. Hanneh muß nach Mekka, ehe wir fortgehen. Sie ist unter uns die einzige Person, welche noch nicht in der heiligen Stadt war, und später ist es ihr vielleicht unmöglich, dahin zu kommen. Deshalb habe ich mich schon lange nach einem Delyl für sie umgesehen.«

»Hast du dich entschieden, wohin du ziehen wirst?«

»Wir ziehen in die Wüste Er Nahman, nach Maskat zu, und dann senden wir vielleicht einen Boten nach El Frat121 zu den Beni Schammar oder zu den Beni Obeide, um uns in ihren Stamm aufnehmen zu lassen.«

Der kurzen Dämmerung folgte der Tag. Die Sonne berührte den Horizont, und die Araber, welche noch nach dem vergossenen Blute rochen, knieten nieder zum Gebet. Bald darauf waren die Zelte abgebrochen, und der Zug setzte sich in Bewegung. Jetzt, da es vollständig hell war, sah ich erst, welche Menge von Gegenständen sich die Ateïbeh vom Schiffe angeeignet hatten. Sie waren durch diesen Ueberfall mit einemmal zu wohlhabenden Leuten geworden. Aus diesem Grunde herrschte eine ungewöhnliche Munterkeit unter ihnen. Ich hielt mich etwas zurück. Ich war verstimmt, weil ich mich die unschuldige Ursache von dem Untergange der Dscheheïne nennen mußte. Ich konnte mir allerdings keinen Vorwurf machen, aber es galt doch immer, das Gewissen zu befragen, ob ich mich nicht vielleicht hätte anders verhalten können. Auch machte mir die Nähe Mekkas viel zu schaffen. Da lag sie, die »Heilige«, die Verbotene! Sollte ich sie meiden, oder sollte ich es wagen, sie zu besuchen? Ich zuckte in allen Gliedern nach ihr hin, und dennoch mußte ich die Bedenklichkeiten, welche dagegen aufstiegen, ernstlich berücksichtigen. Was hatte ich davon, wenn der Besuch gelang? Ich konnte sagen, daß ich in Mekka gewesen sei – weiter nichts. Und wurde ich entdeckt, so war mein Tod unvermeidlich, und was für ein Tod! Aber hier konnte ein Ueberlegen und Abwägen der Gründe zu nichts führen, und ich beschloß, mich nach den eintretenden Verhältnissen zu richten. Ich hatte dies so oft getan und war immer glücklich dabei gewesen.

Um so wenig wie möglich Begegnungen zu haben, machte der Scheik einen Umweg. Er erlaubte keine Ruhepause, bis der Abend hereinbrach. Wir befanden uns in einer engen Schlucht, welche von steilen Granitwänden eingefaßt war, zwischen denen wir eine Strecke weit fortschritten, bis wir in eine Art Talkessel gelangten, aus dem es keinen zweiten Ausweg zu geben schien. Hier stiegen wir ab. Die Zelte wurden errichtet, und die Frauen zündeten ein Feuer an. Heute gab es eine sehr reichliche und mannigfaltige Mahlzeit, die natürlich aus der Schiffsküche stammte. Dann kam der von allen ersehnte Augenblick der Beuteverteilung.

Da ich damit nichts zu schaffen hatte, so verließ ich die anderen und machte die Runde um den Talkessel. An einer Stelle dünkte es mich, als ob man hier doch emporsteigen könne, und ich versuchte es. Die Sterne leuchteten hell; es gelang. Nach vielleicht einer Viertelstunde stand ich oben auf der Höhe des Berges und hatte einen freien Blick nach allen Seiten. Dort unten im Süden sah es aus wie eine Reihe kahler Berge, über welche sich jener weißliche Schimmer erhob, welchen am Abend die Lichter größerer Städte emporzustrahlen pflegen. Dort lag Mekka!

Unter mir vernahm ich die lauten Stimmen der Ateïbeh, welche sich um ihren Anteil an der Beute stritten. Es dauerte eine geraume Zeit, bis ich zu ihnen zurückkehrte. Der Scheik empfing mich mit den Worten:

»Effendi, warum bist du nicht bei uns geblieben? Du mußt von allem, was wir auf dem Schiffe fanden, deinen Teil erhalten!«

»Ich? Du irrst. Ich bin nicht dabei gewesen und habe also auch nichts zu bekommen.«

»Hätten wir die Dscheheïne gefunden, wenn du uns nicht begegnet wärest? Du bist unser Führer gewesen, ohne es zu wollen, und darum sollst du erhalten, was dir gebührt.«

»Ich nehme nichts an!«

»Sihdi, ich kenne deinen Glauben zu wenig und darf ihn aus dem Grunde nicht beschimpfen, weil du mein Gast bist; aber er ist falsch, wenn er dir verbietet, Beute zu nehmen. Die Feinde sind tot, und ihr Fahrzeug ist zerstört. Sollen wir diese Sachen, die uns so notwendig sind, verbrennen und zerstören?«

»Wir wollen uns nicht streiten; aber behaltet, was ihr habt!«

»Wir behalten es nicht. Erlaube, daß wir es Halef, deinem Begleiter, geben, obgleich auch er schon das Seinige bekommen hat.«

»Gebt es ihm!«

Der kleine Halef Omar floß von Dank über. Er hatte einige Waffen und Kleidungsstücke erhalten und außerdem einen Beutel mit Silbermünzen. Er ließ nicht ab – ich mußte ihm dieselben vorzählen, um Zeuge zu sein, daß er heute ein außerordentlich reicher Mann geworden sei. Die Summe bestand allerdings in ungefähr achthundert Piastern und reichte hin, einen armen Araber glücklich zu machen.

»Mit diesem Geld kannst du mehr als fünfzigmal die Kosten bestreiten, welche du in Mekka haben wirst,« bemerkte der Scheik.

»Wann soll ich zur heiligen Stadt gehen?« fragte ihn Halef.

»Morgen zwischen früh und Mittag.«

»Ich war noch niemals dort. Wie habe ich mich zu verhalten?«

»Das will ich dir sagen. Es ist die Pflicht eines jeden Pilgers, nach seiner Ankunft unverzüglich nach El Hamram122 zu gehen. Du reitest also nach dem Beith-Allah123, lässest vor demselben die Kamele halten und trittst ein. Dort findest du ganz sicher einen Metowef124, der dich führen und in allem unterrichten wird; nur mußt du ihn vorher und nicht später um den Preis befragen, weil du sonst betrogen wirst. Sobald du die Kaaba erblickst, verrichtest du zwei Rikat125 mit den dabei vorgeschriebenen Gebeten, zum Dank dafür, daß du die heilige Stätte glücklich erreicht hast. Dann gehst du zu dem Mambar126 und ziehst die Schuhe aus. Diese bleiben dort stehen und werden bewacht; denn es ist im Beith-Allah nicht wie in anderen Moscheen erlaubt, die Schuhe in der Hand zu behalten. Dann beginnt der Towaf, der Gang um die Kaaba, welcher siebenmal wiederholt werden muß.«

»Nach welcher Seite?«

»Nach rechts, so daß die Kaaba dir stets zur Linken bleibt. Die ersten drei Gänge werden mit schnellen Schritten getan.«

»Warum?«

»Zum Andenken an den Propheten. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, daß er sehr gefährlich erkrankt sei, und um dieses Gerücht zu widerlegen, rannte er dreimal schnell um die Kaaba herum. Die folgenden Gänge geschehen langsam. Die Gebete kennst du, welche dabei gesprochen werden müssen. Nach einem jeden Umlaufe wird der heilige Stein geküßt. Zuletzt, wenn der Towaf beendet ist, drückst du die Brust an die Tür der Kaaba, breitest die Arme aus und bittest Allah laut um Vergebung aller deiner Sünden.«

»Dann bin ich fertig?«

»Nein. Du hast nun seitwärts zu El Madschem127 zu gehen und vor dem Mekam-Ibrahim128 zwei Rikat zu verrichten. Dann begibst du dich zum heiligen Brunnen Zem-Zem und trinkst nach einem kurzen Gebete so viel Wasser daraus, als dir beliebt. Ich werde dir einige Flaschen mitgeben, welche du mir füllen und mitbringen magst; denn das heilige Wasser ist ein Mittel gegen alle Krankheiten des Leibes und der Seele.«

»Das ist die Zeremonie an der Kaaba. Was folgt dann?«

»Nun kommt der Say, der Gang von Szafa nach Merua. Auf dem Hügel Szafa stehen drei offene Bogen. Dort stellst du dich hin, wendest das Angesicht nach der Moschee, erhebst die Hände gen Himmel und bittest Allah um Beistand auf dem heiligen Wege. Dann gehest du sechshundert Schritt weit nach dem Altan von Merua. Unterwegs siehst du vier steinerne Pfeiler, an denen du springend vorüberlaufen mußt. Auf Merua verrichtest du wieder ein Gebet und legst den Weg dann noch sechsmal zurück.«

»Dann ist alles getan?«

»Nein, denn nun mußt du dir dein Haupt scheren lassen und Omrah besuchen, welches so weit außerhalb der Stadt liegt, wie wir uns jetzt von Mekka befinden. Dann hast du die heiligen Handlungen erfüllt und kannst zurückkehren. Im Monat der großen Wallfahrt muß der Gläubige mehr tun und braucht lange Zeit dazu, weil viele Tausende von Pilgern anwesend sind; du aber brauchst nur zwei Tage und kannst am dritten wieder bei uns sein.«

Diesem Unterrichte folgten noch verschiedene Fingerzeige, welche aber für mich von keinem Interesse waren, da sie sich meist nur auf Hanneh bezogen. Ich legte mich zur Ruhe. Als Halef endlich erschien, lauschte er, ob ich bereits eingeschlafen sei. Er merkte, daß ich noch munter war, und fragte:

»Sihdi, wer wird dich bedienen während meiner Abwesenheit?«

»Ich selbst. Willst du mir einen Gefallen tun, Halef?«

»Ja. Du weißt, daß ich für dich alles tue, was ich kann und darf.«

»Du sollst dem Scheik Wasser vom heiligen Brunnen Zem-Zem mitbringen. Bringe auch mir eine Flasche mit!«

»Sihdi, verlange alles von mir, nur dieses nicht; denn das kann ich unmöglich tun. Von diesem Brunnen dürfen nur die Gläubigen trinken. Wenn ich dir Wasser brächte, so würde mich nichts vor der ewigen Hölle retten!«

Dieser Bescheid wurde mit so fester Ueberzeugung ausgesprochen, daß ich nicht weiter in den Diener zu dringen versuchte. Nach einer Pause fragte er:

»Willst du dir nicht selbst das heilige Wasser holen?«

»Das darf ich ja nicht!«

»Du darfst es, wenn du dich vorher zum rechten Glauben bekehrst.«

»Das werde ich nicht tun; jetzt aber wollen wir schlafen.«

Am andern Morgen ritt er als würdiger Ehemann mit seinem Weibe von dannen. Er nahm die Weisung mit, zu sagen, daß er aus fernen Landen komme, und ja nicht zu verraten, daß seine Begleiterin, die sich übrigens jetzt verschleiert hatte, eine Ateïbeh sei. Mit ihm ritt eine Strecke weit ein Krieger, welcher die Straße zwischen Mekka und Dschidda bewachen sollte. Auch am Eingange unserer Schlucht wurde ein Wachtposten aufgestellt.

Der erste Tag verging ohne besonderen Vorfall; am zweiten Morgen ersuchte ich den Scheik um die Erlaubnis zu einem kleinen Streifzug. Er gab mir ein Kamel und bat mich, vorsichtig zu sein, damit unser Aufenthalt nicht entdeckt werde. Ich hatte gehofft, meinen Ritt allein machen zu können; aber die Tochter des Scheik trat zu mir, als ich das Kamel besteigen wollte, und fragte:

»Effendi, darf ich mit dir reiten?«

»Du darfst.«

Als wir die Schlucht verlassen hatten, schlug ich unwillkürlich die Richtung nach Mekka ein. Ich hatte geglaubt, meine Begleiterin würde mich warnen; allein sie hielt sich an meiner Seite, ohne ein Wort zu verlieren. Nur als wir ungefähr den vierten Teil einer Wegstunde zurückgelegt hatten, lenkte sie mehr nach rechts um und bat mich:

»Folge mir, Effendi!«

»Wohin?«

»Ich will sehen, ob unser Wächter an seinem Platze ist.«

Nach kaum fünf Minuten erblickten wir ihn. Er saß auf einer Anhöhe und schaute unverwandt nach Süden.

»Er braucht uns nicht zu sehen,« sagte sie. »Komm, Sihdi; ich werde dich führen, wohin du willst!«

Was meinte sie mit diesen Worten? Sie lenkte nach links hinüber und sah mich dabei lächelnd an. Dann ließ sie die Tiere weit ausgreifen und hielt endlich in einem engen Tale still, wo sie abstieg und sich auf den Boden niedersetzte.

»Setze dich zu mir, und laß uns plaudern,« sagte sie.

Sie wurde mir immer rätselhafter, doch kam ich ihrer Aufforderung nach.

»Hältst du deinen Glauben für den allein richtigen, Effendi?« begann sie die eigentümliche Unterhaltung.

»Gewiß!« antwortete ich.

»Ich auch,« bemerkte sie ruhig.

»Du auch?« fragte ich verwundert; denn es war das erstemal, daß ein muselmännischer Mund mir gegenüber ein solches Bekenntnis aussprach.

»Ja, Effendi, ich weiß, daß nur deine Religion die richtige ist.«

»Woher weißt du es?«

»Von mir selbst. Der erste Ort, an dem es Menschen gab, war das Paradies; dort lebten alle Geschöpfe beieinander, ohne sich ein Leides zu tun. So hat es Allah gewollt, und daher ist auch diejenige Religion die richtige, welche das gleiche gebietet. Das ist die Religion der Christen.«

»Kennst du sie?«

»Nein; aber ein alter Türke hat uns einst von ihr erzählt. Er sagte, daß ihr betet zu Gott: »Ile unut bizim günahler, böjle unutar-iz günahler«129 – Ist dies richtig?«

»Ja.«

»Und daß in eurem Kuran steht: »Allah muhabbet dir, ile muhabedda kim durar, bu durar Allahda ile Allah durar onada.«130 – Sage mir, ob das auch richtig ist!«

»Auch das ist richtig.«

»So habt ihr den richtigen Glauben. Darf ein Christ eine Jungfrau rauben?«

»Nein. Wenn er es täte, so würde er eine schwere Strafe erhalten.«

»Siehst du, daß eure Religion besser ist als unsere? Bei euch hätte Abu-Seïf mich nicht rauben und zwingen dürfen, sein Weib zu sein. Kennst du die Geschichte dieses Landes?«

»Ja.«

»So weißt du auch, wie die Türken und Aegypter gegen uns gewütet haben, trotzdem wir eines Glaubens sind. Sie haben unsere Mütter geschändet und unsere Väter zu Tausenden auf die Pfähle gespießt, gevierteilt, verbrannt, ihnen Arme und Beine, Nasen und Ohren abgeschnitten, die Augen ausgestochen, ihre Kinder zerschmettert oder zerrissen. Ich hasse diesen Glauben, aber ich muß ihn behalten.«

»Warum mußt du ihn behalten? Es steht dir zu jeder Zeit – —«

»Schweige,« unterbrach sie mich barsch. »Ich sage dir meine Gedanken, aber du sollst nicht mein Lehrer sein! Ich weiß selbst, was ich tue: ich werde mich rächen – rächen an allen, die mich beleidigt haben.«

»Und dennoch meinst du, daß die Religion der Liebe die richtige sei?«

»Ja; aber soll ich allein lieben und verzeihen? Sogar dafür, daß wir die heilige Stadt nicht betreten dürfen, werde ich mich rächen. Rate, wie?«

»Sage es!«

»Es ist dein heimlicher Wunsch, Mekka zu betreten?«

»Wer sagt dir das?«

»Ich selbst. Antworte mir!«

»Ich wünsche allerdings, die Stadt sehen zu können.«

»Das ist sehr gefährlich; aber ich will mich rächen und habe dich deshalb an diesen Ort geführt. – Würdest du die Gebräuche mitmachen, wenn du in Mekka wärest?«

»Es wäre mir lieb, dies vermeiden zu können.«

»Du willst deinen Glauben nicht beleidigen und tust recht daran. Gehe nach Mekka; ich werde hier auf dich warten!«

War dies nicht sonderbar? Sie wollte sich am Islam dadurch rächen, daß sie seine heiligste Stätte durch den Fuß eines Ungläubigen entweihen ließ. Als Missionär hätte ich hier eine Aufgabe lösen können – freilich nur mit großem Aufwande an Zeit und Mühe; als »Weltbummler« war mir dies unmöglich.

»Wo liegt Mekka?« fragte ich.

»Wenn du diesen Berg überschreitest, siehst du es im Tale liegen.«

»Warum soll ich gehen und nicht reiten?«

»Wenn du geritten kommst, wird man einen Pilger in dir vermuten und dich nicht unbeachtet lassen. Betrittst du aber zu Fuße die Stadt, so wird ein jeder meinen, daß du bereits dort gewesen seiest und nur einen Spaziergang gemacht habest.«

»Und du willst wirklich auf mich warten?«

»Ja.«

»Wie lange?«

»Eine Zeit, welche ihr Franken vier Stunden nennt.«

»Das ist sehr kurz.«

»Bedenke, daß du sehr leicht entdeckt werden kannst, wenn du lange verweilst. Du darfst nur einmal durch die Straßen gehen und die Kaaba sehen; das ist genug.«

Sie hatte recht. Es war doch gut gewesen, daß ich beschlossen hatte, mich von dem Augenblick leiten zu lassen. Ich erhob mich. Sie deutete auf meine Waffen und schüttelte den Kopf.

»Du gleichest ganz und gar einem Eingeborenen; aber trägt ein Araber solche Waffen? Laß deine Flinte hier, und nimm die meinige dafür.«

Da überflog mich im ersten Moment eine Art von Mißtrauen; aber ich hatte wirklich nicht den mindesten Grund, dasselbe festzuhalten. Daher vertauschte ich meine Büchse und stieg dann den Berg hinan. Als ich den Gipfel desselben erreichte, sah ich Mekka in der Entfernung von einer halben Stunde vor mir liegen, zwischen kahlen, unbelebten Höhen das Tal hinab. Ich unterschied die Citadelle Schebel Schad und die Minarehs einiger Moscheen. El Hamram, die Hauptmoschee, lag im südlichen Teile der Stadt.

Dorthin lenkte ich zunächst meine Schritte. Es war mir auf dem Wege zu Mute, wie einem Soldaten, der zwar schon bei einigen kleinen Treffen mitgefochten hat, plötzlich aber den Donner einer großen Schlacht dröhnen hört.

Ich gelangte glücklich in die Stadt. Da ich mir die Lage der Moschee gemerkt hatte, brauchte ich nicht zu fragen. Die Häuser, zwischen denen ich hinschritt, waren von Stein erbaut, und die Straße hatte man mit dem Sande der Wüste bestreut. Bereits nach kurzer Zeit stand ich vor dem großen Rechteck, welches das Beith-Allah bildet, und langsam ging ich um dasselbe herum. Die vier Seiten bestanden aus Säulenreihen und Kolonnaden, über denen sich sechs Minarehs erhoben. Ich zählte zweihundertvierzig Schritt in die Länge und zweihundertfünf in die Breite. Da ich mir das Aeußere erst nachher betrachten wollte, trat ich durch eines der Tore ein. In demselben saß ein Mekkaui131, welcher mit kupfernen Flaschen handelte.

»Sallam aaleïkum!« grüßte ich ihn würdevoll. »Was kostet eine solche Kuleh?«

»Zwei Piaster.«

»Allah segne deine Söhne und die Söhne deiner Söhne, denn deine Preise sind billig. Hier hast du zwei Piaster, und hier nehme ich die Kuleh.«

Ich steckte die Flasche zu mir und trat zwischen den Säulen hindurch. Ich befand mich in der Nähe der Kanzel und zog meine Schuhe aus. Nun betrachtete ich mir das Innere des heiligen Hauses. Ziemlich in der Mitte stand die Kaaba. Da sie mit dem Kisua132 vollständig bekleidet war, bot sie einen fremdartigen Anblick dar. Zu ihr führen sieben gepflasterte Wege, zwischen denen ebenso viele Grasplätze liegen. Neben der Kaaba bemerkte ich den heiligen Brunnen Zem-Zem, vor welchem mehrere Beamte an Pilger Wasser verteilten. Das ganze Heiligtum machte auf mich durchaus keinen heiligen Eindruck. Koffer— und Sänftenträger rannten mit ihren Lasten hin und her; öffentliche Schreiber saßen unter den Kolonnaden; ja sogar Obst— und Backwarenhändler waren zu sehen. Bei einem zufälligen Blick durch die Säulenreihen bemerkte ich ein Reitkamel, welches eben draußen niederkniete, um seinen Herrn absteigen zu lassen. Es war ein Tier von wundervoller Schönheit. Sein Besitzer kehrte mir den Rücken zu und winkte einen Diener der Moschee herbei, um bei dem Dschemmel zu bleiben. Dies bemerkte ich nur so im Vorübergehen, als ich zum Brunnen schritt. Ich wollte mir zunächst meine Flasche füllen lassen, mußte aber einige Zeit warten, bis die Reihe an mich kam. Ich gab dann ein kleines Geschenk, verschloß das Gefäß und steckte es zu mir. Jetzt drehte ich mich um und – stand keine zehn Schritt von Abu-Seïf.

Ein gewaltiger Schreck fuhr mir in die Glieder, doch lähmte er mir dieselben glücklicherweise nicht. In solchen Augenblicken denkt und beschließt der Mensch zehnfach schnell. Ohne auffällig zu fliehen, strebte ich mit meinen längsten Schritten den Säulen zu, außerhalb deren das Kamel des Abu-Seïf lag. Dieses Tier allein konnte mich retten. Es war eines jener fahlen Hedjihn, wie man sie am Dschammargebirge findet.

Meine Schuhe waren verloren; ich hatte keine Zeit, sie zu holen, denn schon hörte ich hinter mir den Ruf:

»Ein Giaur, ein Giaur! Fangt ihn, ihr Hüter des Heiligtumes!«

Die Wirkung, welche dieser Ruf hervorbrachte, war eine großartige. Ich hatte keine Zeit, mich umzusehen, aber ich hörte hinter mir das Getöse eines Wasserfalles, das Geheul eines Orkanes, das Stampfen und Trampeln einer nach Tausenden zählenden Büffelherde. Jetzt war es aus mit meinen gleichmäßigen Schritten. Ich schnellte vollends über den Platz hinüber, sprang zwischen den Säulen hindurch, die drei Stufen empor und stand vor dem Kamele, dessen Beine nicht gefesselt waren. Ein Fausthieb warf den Diener weit zur Seite, und im nächsten Augenblick saß ich im Sattel, den Revolver in der Hand. Aber – wird das Tier gehorchen?

»E – o – ah! E – o – ah!«

Gott sei Dank! Bei dem bekannten Ruf erhob sich das Hedjihn in zwei Rucken, und windschnell ging‘s nun dahin. Schüsse krachten hinter mir – nur vorwärts, vorwärts!

Wäre das Kamel eines jener halsstarrigen Tiere gewesen, welche man so oft findet, so war ich unbedingt verloren.

In weniger als drei Minuten befand ich mich außerhalb der Stadt, und erst dann wagte ich es, mich umzusehen, als ich beinahe die halbe Höhe des Berges hinter mir hatte. Da unten wimmelte es von Reitern, welche mich verfolgten. Die Muselmänner waren nämlich sofort in die nächsten Serais und Khans geeilt und hatten die dort vorhandenen Tiere bestiegen.

Wohin sollte ich mich wenden? Zur Tochter des Scheik, die dadurch verraten wurde? Und doch mußte ich sie warnen! Ich feuerte mein Tier durch unaufhörliche Zurufe an: seine Schnelligkeit war unvergleichlich. Oben auf der Höhe blickte ich noch einmal zurück und bemerkte, daß ich mich in Sicherheit befand. Ein einziger Reiter war mir verhältnismäßig nahe gekommen. Es war Abu-Seïf. Zufällig hatte er ein Pferd ergriffen, welches eine außerordentliche Schnelligkeit entwickelte.

Ich flog drüben den Abhang hinab. Die Tochter Maleks erspähte mich. Daß ich auf einem Kamele saß und in solcher Eile herbeigestürmt kam, dies ließ sie die Sachlage erraten. Sie schwang sich sofort auf ihr Kamel und nahm dasjenige, auf welchem ich vorher gesessen hatte, beim Halfter.

»Wer hat dich entdeckt?« rief sie mich in Hörweite an.

»Abu-Seïf.«

»Allah akbar! Verfolgt dich der Schurke?«

»Er ist mir ziemlich nahe.«

»Und viele andere?«

»Sie kommen zu spät.«

»So bleibe mir fern und fliehe immer gerade aus über Berg und Tal.«

»Warum?«

»Du sollst es sehen.«

»Ich muß erst zu dir. Gib mir meine Waffen!«

Im Vorüberreiten wechselten wir die Gewehre; dann versteckte sich die Wüstentochter hinter einem Felsenvorsprung, ohne mir zu folgen. Jetzt erriet ich ihr Vorhaben: sie wollte Abu-Seïf zwischen sich und mich bringen. Er erschien nach einigen Augenblicken oben auf der Höhe. Ich ließ mein Tier mit Absicht etwas langsamer gehen und bemerkte, daß er nun seinen Eifer verdoppelte. Während ich die nächste Bergeslehne erklimmte, galoppierte er drüben herab und quer über die Senkung herüber, ohne aus den Spuren zu bemerken, daß ich nicht allein da gewesen war. Als ich den Gipfel erreichte, sah ich auf der Höhe hinter mir bereits noch einige Verfolger, und tief unten hatte sich meine Gefährtin nun auch in Bewegung gesetzt. Ihr Vorhaben war ihr gelungen: Abu-Seïf befand sich zwischen uns; und da sie das zweite Kamel nicht mehr am Halfter führte, sondern frei nachlaufen ließ, so mußte er sie, wenn er sich umsah, für einen meiner Verfolger halten.

Für meine Person hatte ich nichts mehr zu befürchten, und da die andern Verfolger immer weiter zurückblieben, so war nur noch darauf zu achten, daß Abu-Seïf uns nicht entwischte. Ich suchte daher aus dem hügeligen Terrain heraus und in die Ebene zu kommen, doch in der Richtung, welche dem Lager der Ateïbeh entgegengesetzt war. Und zu gleicher Zeit zügelte ich mein Dschemmel immer mehr.

So dauerte der Ritt wohl gegen drei Viertelstunden, bis ich endlich die offene Wüste erreichte. Ich strebte in dieselbe hinein und richtete es so ein, daß sich Abu-Seïf immer außer Schußweite hinter mir befand. Jetzt erreichte auch die Tochter des Scheik den Fuß der Hügelkette, aber zu gleicher Zeit sah ich auf dem Kamme der letzten Höhe noch einen Verfolger erscheinen, der ein ausgezeichnetes Kamel reiten mußte; denn er kam uns anderen immer näher. Sein Tier war dem Pferde des Abu-Seïf weit überlegen.

Ich begann bereits Befürchtungen zu hegen, zwar nicht für mich, sondern in Beziehung auf meine Gefährtin; da sah ich zu meinem Erstaunen, daß dieser Reiter seitwärts abbog, als wolle er uns in einem Bogen überholen. Ich hielt mein Tier an und blickte schärfer zurück. War es möglich? Dort der kleine Kerl auf dem fliegenden Hedjihn sah genau so aus, wie mein Halef. Wie kam er zu einem solchen Tiere, und wie kam er hinter uns? Ich hielt mein Kamel an, um ihn noch einmal, und zwar genau, ins Auge zu fassen. Ja, es war Halef und kein anderer. Er wollte sich mir zu erkennen geben und schlug mit den Armen in der Luft herum, als ob er Schwalben fangen wolle.

Nun blieb ich ruhig sitzen und nahm die Büchse zur Hand. Der Verfolger war im Bereich meiner Stimme.

»Rrrrreee, du Vater des Säbels! Bleib fern, sonst sende ich dir eine Kugel!«

»Fern bleiben, du Hund?« schrie er. »Ich werde dich lebendig fangen und nach Mekka bringen, du Schänder des Heiligtumes!«

Ich konnte nichts anderes tun: ich zielte und feuerte. Um ihn zu schonen, hatte ich auf die Brust seines Pferdes gehalten. Es überschlug sich und begrub ihn unter sich; es wälzte sich einigemal über ihm und dann war es tot. Ich erwartete, daß er sich schleunigst hervorarbeiten werde; es geschah nicht. Entweder hatte er sich verletzt, oder er tat nur so, um mich in seine Nähe zu locken. Ich ritt sehr vorsichtig auf ihn zu und kam zu gleicher Zeit mit der Ateïbeh bei ihm an. Er lag mit geschlossenen Augen im Sande und rührte sich nicht.

»Effendi, deine Kugel ist der meinigen zuvorgekommen!« klagte das Weib.

»Ich habe nur auf sein Pferd und nicht auf ihn geschossen. Doch kann er das Genick oder etwas anderes gebrochen haben. Ich werde nachsehen.«

Ich stieg ab und untersuchte ihn. Wenn er sich nicht innerlich verletzt hatte, so war er wohl erhalten und nur betäubt. Die Ateïbeh zog ihren Handschar.

»Was willst du tun?«

»Mir seinen Kopf nehmen.«

»Das tust du nicht, denn auch ich habe ein Recht auf ihn.«

»Mein Recht ist älter!«

»Aber das meinige ist größer: ich habe ihn gefällt.«

»Das ist nach den Sitten dieses Landes richtig. Tötest du ihn?«

»Was tust du, wenn ich ihn nicht töte, sondern frei gebe oder einfach hier liegen lasse?«

»So gibst du dein Recht auf, und ich mache das meinige geltend.«

»Ich gebe es nicht auf.«

»So nehmen wir ihn mit, und es wird sich entscheiden, was mit ihm geschieht.«

Jetzt kam auch Halef herbei.

»Maschallah, Wunder Gottes! Sihdi, was hast du getan?«

»Wie kommst du an diesen Ort?«

»Ich bin dir nachgeeilt!«

»Das sehe ich allerdings. Erkläre dich ausführlicher!«

»Sihdi, du weißt, daß ich sehr viel Geld habe. Was soll ich es in meiner Tasche tragen? Ich wollte mir ein Dschemmel dafür kaufen, und ging zu einem Händler, der am südlichen Ende der Stadt wohnt. Hanneh war bei mir. Während ich mir seine Tiere besah, unter denen dieses hier das beste und so teuer war, daß es nur ein Pascha oder Emir bezahlen konnte, erhob sich draußen ein großer Lärm. Ich eilte mit dem Händler hinaus und hörte, daß ein Giaur das Heiligtum geschändet habe und geflohen sei. Ich dachte sogleich an dich, Sihdi, und sah dich auch einen Augenblick später nach der Höhe eilen. Alles drängte nach dem Hof, um Tiere zu deiner Verfolgung zu holen. Ich tat dasselbe und ergriff dieses Hedjihn. Nachdem ich zuvor Hanneh befohlen hatte, in das Lager zu eilen und dem Scheik den Vorfall zu erzählen, gab ich dem Händler, der mir das Tier nicht borgen wollte, einen Klapps und ritt dir nach, um dich zu fangen. Die andern blieben alle zurück; nun habe ich dich und auch das Dschemmel.«

»Es ist nicht dein.«

»Darüber reden wir später, Sihdi. Die Verfolger sind noch immer hinter uns; wir können nicht hier bleiben. Was tun wir mit diesem Vater des Säbels und des Betruges?«

»Wir binden ihn auf dieses ledige Kamel und nehmen ihn mit. Er wird wohl wieder zu sich kommen.«

»Und wohin fliehen wir?«

»Ich weiß den Ort,« antwortete die Ateïbeh. »Auch du kennst ihn, Halef; denn mein Vater, der Scheik, hat ihn dir gesagt für den Fall, daß du uns nicht mehr im Lager angetroffen hättest.«

»Du meinst die Höhle Atafrah?«

»Ja. Hanneh hätte dich hingeführt. Diese Höhle ist nur den Anführern der Ateïbeh bekannt, und diese sind jetzt nicht dort zugegen. Kommt, helft mir den Gefangenen binden.«

Sechs Händen war es nicht schwer, ihn auf das Kamel zu befestigen, welches mich vom Lager aus bis in die Nähe der Stadt getragen hatte. Alles, was Abu-Seïf bei sich trug, nahm die Tochter Maleks zu sich; dann stiegen wir wieder auf und eilten dem Südosten zu.

So war ich denn glücklich entkommen. Ich dachte jetzt nicht, daß ich Mekka noch einmal sehen würde, und verspare daher die Beschreibung der Stadt und ihrer Sehenswürdigkeiten bis später.

Unterwegs hatte ich von den Vorwürfen Halefs zu leiden.

»Sihdi,« meinte er, »habe ich dir nicht gesagt, daß kein Ungläubiger die heilige Stadt besuchen darf? Du hättest beinahe das Leben verloren!«

»Warum schlugst du mir meine Bitte ab, als ich Wasser verlangte?«

»Weil ich sie nicht erfüllen durfte.«

»Nun habe ich mir das Wasser selbst geholt!«

»Du warst beim heiligen Brunnen?«

»Sieh her! Das ist das echte Wasser vom Zem-Zem!«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig, Sihdi! Er hat dich zu einem wahren Gläubigen und sogar zu einem Hadschi gemacht. Ein Giaur darf nicht in die Stadt; aber wer vom Wasser des Zem-Zem hat, der ist ein Hadschi und folglich auch ein echter Moslem. Habe ich dir nicht stets gesagt, daß du dich noch bekehren würdest, du magst wollen oder nicht?«

Das war eine ebenso drollige wie auch kühne Auffassung der Sachlage; aber sie hatte die Absicht und auch den Erfolg, das muselmännische Gewissen meines guten Halef zu beschwichtigen, und so fiel es mir nicht ein, seine Anschauung zu widerlegen.

Die Landschaft um Mekka ist außerordentlich wasserarm, und wo sich ein Brunnen befindet, ist er sicherlich der Mittelpunkt eines Dorfes oder wenigstens eines zeitweiligen Lagers. Diese Orte mußten wir meiden, und so kam es, daß wir trotz der Hitze des Tages keinen Halt machten, bis wir eine Gegend erreichten, welche sehr reich an zerklüfteten Felsen war. Wir folgten der Ateïbeh über Schutt und Geröll und zwischen mächtigen Steinblöcken hindurch, bis wir an einen Felsenspalt gelangten, der unten die ungefähre Breite eines Kameles hatte.

»Dies ist die Höhle,« sagte unsere Führerin. »Auch die Tiere können hinein, wenn wir ihnen die Sattelkissen abnehmen.«

»Wir bleiben hier?« fragte ich.

»Ja, bis der Scheik kommt.«

»Wird er kommen?«

»Er wird sicher kommen, weil Hanneh ihn benachrichtigt hat. Wenn jemand von den Ateïbeh nicht zum Lager kommt, so ist er hier in dieser Höhle zu suchen. Steigt ab, und folget mir!«

Abu-Seïf war wieder zu sich gekommen, aber er hatte während des ganzen Rittes keinen Laut von sich gegeben und stets die Augen geschlossen gehalten. Er wurde zuerst in die Höhle gebracht. Wenn man dem Spalte folgte, so wurde er immer breiter und bildete schließlich einen Raum, der groß genug für vierzig bis fünfzig Männer und Tiere war. Sein großer Vorzug bestand in dem Wasser, welches sich ganz im Hintergrunde angesammelt hatte. Nachdem wir den Gefangenen und die Kamele in Sicherheit gebracht hatten, suchten wir draußen nach dem großbüscheligen Rattamgras, welches die sehr willkommene Eigenschaft besitzt, daß es im grünen Zustande ebensogut brennt wie im getrockneten. Das war für die Nacht, denn am Tage konnte es uns nicht einfallen, ein Feuer anzuzünden, dessen Rauch unsern Zufluchtsort sehr leicht hätte verraten können.

Uebrigens brauchten wir keine Sorge zu haben, entdeckt zu werden. Unser Weg hatte uns meist über einen so steinigen Boden geführt, daß unsere Spuren sicher nicht verfolgt werden konnten.

Eine eigentümliche Entdeckung machte ich, als ich die Satteltasche meines Kameles untersuchte: sie enthielt Geld, und zwar eine nicht unbedeutende Summe.

Unsere Tiere waren ermüdet, und wir ebenso; die Fesseln des Gefangenen waren fest, und so konnten wir schlafen. Natürlich aber teilte ich mich mit Halef in die Wache. So vergingen die letzten Tagesstunden, und die Nacht brach herein. Beim Morgengrauen hatte ich die Wache. Durch ein sich nahendes Geräusch aufmerksam gemacht, lugte ich zum Spalt hinaus und sah einen Mann, der sich vorsichtig herbeischlich. Ich erkannte in ihm einen der Ateïbeh und trat hinaus.

»Allah sei Dank, daß ich dich sehe, Effendi!« begrüßte er mich. »Der Scheik hat mich vorausgesandt, um zu erforschen, ob ihr hier zu finden seid. Nun brauche ich nicht zurückzukehren, denn dies ist das Zeichen, daß ich euch hier angetroffen habe.«

»Wen vermutest du außer mir noch hier?«

»Deinen Diener Halef, die Bint el Ateïbeh und vielleicht gar noch Abu-Seïf, den Gefangenen.«

»Wie kannst du diese alle hier erwarten?«

»Effendi, das ist nicht schwer zu erraten. Hanneh kam mit den beiden Kamelen allein ins Lager und erzählte, daß du in Mekka gewesen und geflohen bist. Die Bint el Malek war mit dir geritten und hat dich sicher nicht verlassen, obgleich du eine große Sünde begangen hast. Halef kam dir nach, und hinter den Bergen fanden die Verfolger das erschossene Pferd des Dscheheïne, ihn selbst aber nicht. Ihr hattet ihn also bei euch. Freilich konnten nur wir dies erraten, die andern aber nicht.«

»Wann kommt der Scheik?«

»Vielleicht noch vor einer Stunde.«

»So komm herein.«

Er würdigte den Gefangenen keines Blickes und legte sich sofort zum Schlafen nieder. In der angegebenen Zeit langte die kleine Karawane vor der Höhle an. Man lud ab, und alles wurde hereingeschafft. Ich hatte erwartet, von dem Scheik Vorwürfe zu erhalten. Aber seine erste Frage war:

»Hast du den Dscheheïne gefangen?«

»Ja.«

»Er ist hier?«

»Unverletzt und gesund.«

»So werden wir über ihn richten!«

Bis man alles geordnet hatte, war es Mittag geworden. Nun sollte das Gericht beginnen. Vorher hatte ich aber mit Halef eine interessante Unterredung.

»Sihdi, erlaube mir eine Frage,« bat er.

»Sprich!«

»Nicht wahr, du weißt noch alles, was du über mich und Hanneh niedergeschrieben hast?«

»Alles.«

»Wann muß ich Hanneh wieder hergeben?«

»Sobald du die Wallfahrt beendet hast.«

»Aber ich habe sie noch nicht beendet!«

»Was fehlt noch?«

»Nichts, denn ich bin in Mekka mit allem fertig, da es sehr schnell gegangen ist. Aber ich möchte mein Weib behalten, und da ist es mir eingefallen, daß zu einer richtigen Hadsch auch ein Besuch in Medina gehört.«

»Das ist sehr richtig. Was sagt Hanneh dazu?«

»Sihdi, sie liebt mich. Glaube es – sie hat es mir selbst gesagt!«

»Und du liebst sie wieder?«

»Sehr! Steht nicht geschrieben, daß Allah dem Adam eine Rippe genommen und daraus die Eva geschaffen habe? Unter der Rippe liegt das Herz, und also wird das Herz des Mannes stets beim Weibe sein.«

»Aber was wird der Scheik sagen?«

»Das ist es ja, was mir Sorge macht, Sihdi!«

»Weitere Sorgen hast du nicht?«

»Nein.«

»Und ich? Was werde ich dazu sagen?«

»Du? O, du wirst mir deine Einwilligung geben, denn ich werde dich dennoch nicht verlassen, so lange du mich bei dir haben willst.«

»Dein Weib könnte aber doch nicht mit umherziehen; bedenke das!«

»Das soll sie auch nicht. Ich werde sie bei ihrem Stamme lassen, bis ich zurückkehren kann.«

»Halef, das ist eine Aufopferung, welche ich nicht verlange. Aber da ihr einander so lieb habt, so mußt du eben dein möglichstes tun, sie behalten zu dürfen. Vielleicht läßt sich der Scheik erbitten, daß du sie nicht wieder abzutreten brauchst.«

»Sihdi, ich gebe sie nicht wieder her, und wenn ich fliehen müßte. O sie weiß, daß ich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah bin, und sie würde mit mir bis an das Ende der Welt gehen!«

Mit dieser selbstbewußten Versicherung schritt er stolz von dannen. Unterdessen hatte sich ein Kreis gebildet, in dessen Mitte Abu-Seïf getragen worden war. Ich ward aufgefordert, an der Verhandlung teil zu nehmen, und setzte mich neben dem Scheik Malek nieder.

»Effendi,« begann dieser, »ich habe gehört, daß du behauptest, Rechte an diesen Mann zu haben, und weiß, daß dies die Wahrheit ist. Willst du ihn uns abtreten oder willst du mit uns über sein Schicksal abstimmen?«

»Ich werde mit abstimmen, ich und Halef, denn auch er hat Rache an Abu-Seïf zu nehmen.«

»So nehmt dem Gefangenen die Fesseln ab!«

Er wurde losgebunden, blieb aber bewegungslos liegen, als ob er tot sei.

»Abu-Seïf, erhebe dich vor diesen Männern, um dich zu verantworten!«

Er blieb liegen, ohne nur die Augenlider aufzuschlagen.

»Er hat die Sprache verloren, ihr seht es, ihr Männer; warum sollen wir da mit ihm reden? Er weiß, was er getan hat, und wir wissen es auch; was könnten uns da die Worte und die Fragen nützen? Ich sage, daß er sterben muß, um den Schakalen, Hyänen und Geiern zur Speise zu dienen. Wer meiner Rede beistimmt, der mag es erklären.«

Alle gaben ihre Zustimmung. Ich allein wollte mein Veto einlegen, wurde aber durch ein unvorhergesehenes Ereignis daran verhindert. Bei den letzten Worten des Scheik nämlich erhob sich plötzlich der Gefangene, schnellte zwischen zwei der Ateïbeh hindurch und sprang dem Ausgang zu. Ein lauter Schrei der Bestürzung erscholl, dann erhoben sich alle, um ihm nachzuspringen. Ich war der einzige, welcher zurückblieb. Er hatte große Schuld auf sich geladen und nach den Gesetzen der Wüste mehr als den Tod verdient; dennoch war es mir unmöglich gewesen, für diese Strafe zu stimmen. Vielleicht gelang es ihm, zu entkommen. War dies der Fall, so durften wir keine Stunde länger in der Höhle verweilen.

Ich blieb lange Zeit allein. Der erste, welcher zurückkehrte, war der alte Scheik. Er war hinter den jungen Männern zurückgeblieben.

»Warum bist du ihm nicht nach, Effendi?« fragte er mich.

»Weil deine tapfern Männer ihn fangen werden, ohne meiner Hilfe zu bedürfen. Werden sie ihn wieder bekommen?«

»Ich weiß es nicht. Er ist ein berühmter Läufer, und als wir vor die Höhle kamen, war er bereits verschwunden. Wenn wir ihn nicht wieder ereilen, so müssen wir fliehen, da er nun die Höhle kennt.«

Nach und nach kehrten mehrere Männer zurück. Sie hatten ihn nicht laufen sehen und auch seine Spur nicht bemerkt. Später kam Halef, zuletzt aber kehrte die Tochter des Scheik zurück, deren Nasenflügel vor Wut zitterten. Ein kurzer Meinungsaustausch ergab, daß ihn niemand gesehen hatte. Die Bestürzung und der Umstand, daß ihm durch den engen Gang nur stets einer folgen konnte, hatte ihm einen Vorsprung gewährt, und der Boden draußen war ja ganz geeignet, die Flucht zu erleichtern.

»Hört, ihr Männer,« sagte der Scheik, »er wird unser Versteck verraten. Wollen wir sofort aufbrechen oder auf unsern Tieren noch einen Versuch machen, ihn zu erwischen? Wenn wir diese Gegend im Kreise umreiten, so ist es leicht möglich, daß wir ihn bemerken.«

»Wir fliehen nicht, sondern wir suchen ihn,« sagte seine Tochter.

Die anderen stimmten bei.

»Wohlan, so nehmt eure Kamele und folgt mir. Wer den Entflohenen bringt – tot oder lebendig – der wird eine große Belohnung bekommen.«

Da trat Halef vor und sprach:

»Den Preis habe ich bereits verdient. Draußen liegt tot der Vater des Säbels.«

»Wo hast du ihn ereilt?« fragte der Scheik.

»Herr, du mußt wissen, daß mein Sihdi ein Meister ist im Kampfe und im Auffinden aller Arten des Makam133; er hat mich gelehrt, die Spuren im Sande, im Grase, auf der Erde und auf dem Felsen zu finden; er hat mir gezeigt, wie man nachdenken muß bei der Verfolgung eines Flüchtigen. Ich war der erste, der hinter Abu-Seïf die Höhle verließ; aber ich sah ihn bereits nicht mehr. Ich rannte erst nach links hinauf, dann nach rechts hinab, und da ich nichts von ihm bemerkte, so dachte ich, daß er so klug gewesen sei, sich gleich nach seinem Austritt aus der Höhle zu verstecken. Ich spähte hinter den Steinen und fand ihn auch. Es gab einen kurzen Kampf, dann drang ihm still mein Messer ins ruchlose Herz. Seinen Körper werde ich euch zeigen.«

Ich blieb wieder in der Höhle, die anderen aber folgten Halef, um den toten Abu-Seïf zu sehen.

Bald kehrten sie jubelnd zurück.

»Was verlangst du als Belohnung?« fragte nun der Scheik den tapfern kleinen Halef.

»Herr, ich komme aus einem fernen Lande, zu welchem ich wohl nicht wieder zurückkehren werde. Hältst du mich für würdig, so nimm mich unter die Deinen auf.«

»Ateïbeh willst du werden? Was sagt dein Herr dazu?«

»Er ist damit einverstanden. Nicht wahr, Sihdi?«

»Ja,« nahm ich das Wort. »Ich vereinige meinen Wunsch mit dem seinigen.«

»Was mich betrifft, so würde ich auf der Stelle zustimmen,« erklärte der Scheik. »Aber ich muß erst diese Leute befragen, und die Adoption eines Fremden ist eine wichtige Sache, welche sehr viel Zeit erfordert. Hast du Verwandte hier in der Nähe?«

»Nein.«

»Hast du eine Blutrache auf dich geladen?«

»Nein.«

»Bist du ein Sunnit oder ein Schiit?«

»Ein Anhänger der Sunna.«

»Du hast wirklich noch kein Weib und keine Kinder gehabt?«

»Nein.«

»Wenn dieses ist, so können wir ja gleich zur Beratung schreiten.«

»So berate auch über ein anderes noch mit!«

»Worüber?«

»Sihdi, willst du nicht an meiner Stelle reden?«

Ich erhob mich vom Boden und nahm eine möglichst würdevolle Haltung an. Dann begann ich meine Rede:

»Vernimm meine Worte, o Scheik, und Allah öffne dir das Herz, damit sie Eingang in die Gnade deines Willens finden. Ich bin Kara Ben Nemsi, ein Emir unter den Talebs und Helden in Frankistan. Ich kam nach Afrika und auch in dieses Land, um seine Bewohner zu sehen und große Taten zu verrichten. Dazu brauchte ich einen Diener, der alle Mundarten des Westens und Ostens versteht, der klug und weise ist und sich vor keinem Löwen, vor keinem Panther und vor keinem Menschen fürchtet. Ich fand diesen Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah und bin mit ihm bis heute über alle Maßen zufrieden gewesen. Er ist stark wie ein Eber, treu wie ein Windspiel, klug wie ein Fennek und schnell wie eine Antilope. Wir haben über den Abgründen der Schotts gekämpft, wir sind eingebrochen und haben uns doch gerettet. Wir haben die Tiere des Feldes und der Wüste bezwungen; wir haben dem bösen Smum getrotzt; ja, wir sind sogar bis an die Grenze Nubiens gedrungen und haben eine Gefangene, die Blume aller Blumen, aus der Gewalt ihres Peinigers befreit. Wir sind dann nach dem Belad el Arab gekommen, und was wir da erlebten, das habt ihr bereits erfahren und seid auch Zeuge davon gewesen. Er ist dann mit Hanneh, deiner Enkelin, nach Mekka geritten. Sie ist zum Schein sein Weib geworden, und er hat sich unterschrieben, daß er sie wieder hergeben werde. Nun aber hat Allah ihre Herzen geleitet, daß sie einander lieb gewannen und nie wieder von einander scheiden möchten. Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed Chadid el Eini Ben Abul Ali el Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi, der weise und tapfere Scheik dieser Söhne der Ateïbeh. Deine Einsicht wird dir sagen, daß ich einen solchen Begleiter, wie Halef ist, nicht gern von mir lasse; aber ich wünsche, daß er glücklich sei, und daher richte ich die Bitte an dich, ihn in den Stamm der Ateïbeh aufzunehmen und den Vertrag zu zerreißen, in welchem er dir versprochen hat, sein Weib zurückzugeben. Ich weiß, daß du mir diese Bitte erfüllen wirst, und ich werde, wenn ich einst in meine Heimat zurückgekehrt bin, deinen Ruhm und den Ruhm der Deinen verbreiten im ganzen Abendlande. Sallam!«

Alle hatten mir aufmerksam zugehört. Malek antwortete:

»Effendi, ich weiß, daß du ein berühmter Emir der Nemsi bist, obgleich eure Namen so kurz sind, wie die Klinge eines Frauenmessers. Du bist ausgegangen wie ein Sultan, welcher unerkannt große Taten verrichtet, und noch die Kinder unserer Kinder werden von deinem Heldentum erzählen. Hadschi Halef Omar ist bei dir wie ein Wesir, dessen Leben seinem Sultan gehört, und ihr seid in unsere Zelte gekommen, um uns große Ehre zu bereiten. Wir lieben dich und ihn – und wir werden unsere Stimmen vereinigen, um ihn zum Sohne unseres Stammes zu machen. Auch werde ich mit seinem Weibe sprechen, und wenn sie bei ihm bleiben will, so werde ich den Vertrag zerreißen, wie du es erbeten hast; denn er ist ein tapferer Krieger, welcher Abu-Seïf, den Dieb und Räuber, getötet hat. Jetzt aber erlaube uns, ein Mahl zu bereiten, um den Tod des Feindes zu feiern und dann die Beratung in würdiger Weise vorzunehmen. Du bist unser Freund und Bruder, obgleich du einen anderen Glauben hast, als wir. Sallam, Effendi!«

Achtes Kapitel: Am Tigris

»Schrecklich wird der Herr über sie sein; denn er wird alle falschen Götter vertilgen, und es sollen ihn anbeten alle Inseln der Heiden, ein jeglicher an seinem Ort. Und er wird seine Hand ausstrecken über die Mitternacht, um Assur umzubringen. Niniveh wird er öde machen und so dürre wie eine Wüste, daß darinnen sich lagern werden allerlei Tiere der Heidenländer; auch Rohrdommeln und Kormorans werden wohnen auf den Türmen und in den Fenstern singen, und die Raben auf den Balken, denn die Oede wird auf den Schwellen sein. Das ist die lustige Stadt, die so sicher war und bei sich sprach: ich bin es und keine mehr. Wie ist sie so wüste geworden, daß die wilden Tiere darinnen wohnen? Wer an ihr vorübergeht, der pfeift sie aus und klatscht mit den Händen über sie!« —

An diese Worte des Propheten Zephanja mußte ich denken, als wir unser Boot beim letzten Schimmer des Tages an das rechte Ufer des Tigris legten. Die ganze Gegend rechts und links vom Strome ist ein Grab, eine große, ungeheure, öde Begräbnisstätte. Die Ruinen des alten Rom und Athen werden vom Strahle der Sonne beleuchtet, und die Denkmäler des einstigen Aegypten ragen als gigantische Gestalten zum Himmel empor. Sie reden verständlich genug von der Macht, dem Reichtume und dem Kunstsinne jener Völker, welche sie errichtet haben. Hier aber, an den beiden Strömen Euphrat und Tigris, liegen nur wüste Trümmerhaufen, über welche der Beduine achtlos dahinreitet, oft ohne nur zu ahnen, daß unter den Hufen seines Pferdes die Jubel und die Seufzer von Jahrtausenden begraben liegen. Wo ist der Turm, welchen die Menschen im Lande Sinear bauten, als sie zu einander sprachen: »Kommt, lasset uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, damit wir uns einen Namen machen!« —? Sie haben Stadt und Turm gebaut, aber die Stätte ist verwüstet. Sie wollten sich einen Namen machen, aber die Namen der Völker, welche diese Stadt nacheinander bewohnten und in dem Turme ihren sündigen Gottesdienst verübten, und die Namen der Dynasten und Statthalter, welche hier im Golde und im Blute von Millionen wühlten, sie sind verschollen und können mit größter Mühe und von unseren besten Forschern kaum noch erraten werden. – —

Wie aber kam ich an den Tigris, und wie in das Dampfboot, welches uns bis unter die Stromschnellen von Chelab getragen hatte?

Ich war mit den Ateïbeh bis in die Wüste En Nahman gezogen, da ich es nicht wagen konnte, mich im Westen des Landes sehen zu lassen. Die Nähe von Maskat verlockte mich, diese Stadt zu besuchen. Ich tat es allein und ohne alle Begleitung, besah mir seine betürmten Mauern, seine befestigten Straßen, seine Moscheen und portugiesischen Kirchen, bewunderte auch die beludschistanische Leibgarde des Imam und setzte mich endlich in eines der offenen Kaffeehäuser, um mir eine Tasse Keschreh munden zu lassen. Dieser Trank wird aus den Schalen der Kaffeebohne gebraut und mit Zimt und Nelken gewürzt. Meine Beschaulichkeit wurde durch eine Gestalt gestört, welche den Eingang verdunkelte. Ich blickte auf und sah eine Figur, welche einer längeren Betrachtung vollständig würdig war:

Ein hoher, grauer Zylinderhut saß auf einem dünnen, langen Kopfe, der in bezug auf Haarwuchs eine völlige Wüste war. Ein unendlich breiter, dünnlippiger Mund legte sich einer Nase in den Weg, die zwar scharf und lang genug war, aber dennoch die Absicht verriet, sich bis hinab zum Kinne zu verlängern. Der bloße, dürre Hals ragte aus einem sehr breiten, umgelegten, tadellos geplätteten Hemdkragen; dann folgte ein graukarierter Schlips, eine graukarrierte Weste, ein graukarierter Rock und graukarierte Beinkleider, eben solche Gamaschen und staubgraue Stiefel. In der Rechten trug der graukarierte Mann ein Instrument, welches einer Verwalterhacke sehr ähnlich war, und in der Linken eine doppelläufige Pistole. Aus der äußeren Brusttasche guckte ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt neugierig hervor.

»Wermyn kahwe!« schnarrte er mit einer Stimme, welche dem Tone einer Sperlingsklapper glich.

Er setzte sich auf ein Senieh, welches eigentlich als Tisch dienen sollte, von ihm aber als Sessel gebraucht wurde. Er erhielt den Kaffee, senkte die Nase auf den Trank, schnüffelte den Duft ein, schüttete den Inhalt auf die Straße hinaus und stellte die Tasse auf den Boden.

»Wermyn tütün, gebt Tabak!« befahl er jetzt.

Er erhielt eine bereits angebrannte Pfeife, tat einen Zug, blies den Rauch durch die Nase, spuckte aus und warf die Pfeife neben die Tasse.

»Wermyn« – – er sann nach, aber das türkische Wort wollte nicht kommen, und Arabisch verstand er vielleicht gar nicht. Daher schnarrte er kurzweg: »Wermyn Roastbeef!«

Der Kawehdschi verstand ihn nicht.

»Roastbeef!« wiederholte er, indem er mit dem Munde und allen zehn Fingern die Pantomime des Essens machte.

»Kebab!« bedeutete ich dem Wirt, welcher sogleich hinter der Türe verschwand, um die Speise zu bereiten. Sie besteht aus kleinen, viereckigen Fleischstücken, welche an einem Spieße über dem Feuer gebraten werden.

Jetzt schenkte der Engländer auch mir seine Aufmerksamkeit.

»Araber?« fragte er.

»No.«

»Türke?«

»No.«

Jetzt zog er die dünnen Augenbrauen erwartungsvoll in die Höhe.

»Englishman?«

»Nein. Ich bin ein Deutscher.«

»Ein Deutscher? Was hier machen?«

»Kaffee trinken!«

»Very well! Was sein?«

»Ich bin writer!«134

»Ah! Was hier wollen in Maskat?«

»Ansehen.«

»Und dann weiter?«

»Weiß noch nicht.«

»Haben Geld?«

»Ja.«

»Wie heißen?«

Ich nannte meinen Namen. Sein Mund öffnete sich auf die Weise, daß die dünnen Lippen ganz genau ein gleichseitiges Viereck bildeten, welches die breiten, langen Zähne des Mannes sehen ließ; die Brauen stiegen noch höher empor als vorher, und die Nase wedelte mit der Spitze, als ob sie Kundschaft einziehen wolle, was das Loch unter ihr jetzt sagen werde. Dann griff er in den Rockschoß, zog ein Notizbuch hervor, blätterte darin und fuhr sodann in die Höhe, um den Hut abzunehmen und mir eine Verbeugung zu machen.

»Welcome, Sir; kenne Sie!«

»Ah, mich?«

»Yes, sehr!«

»Darf ich fragen, woher?«

»Bin Freund von Sir John Raffley, Mitglied vom Traveller-Klub, London, Near-Street 47.«

»Wirklich? Sie kennen Sir Raffley? Wo befindet er sich jetzt?«

»Auf Reisen – hier oder dort – weiß nicht. Sie waren mit ihm auf Ceylon?«

»Allerdings.«

»Elefanten gejagt?«

»Ja.«

»Dann in See auf Girl-Robber?«

»So ist es.«

»Haben Zeit?«

»Hm! Warum stellen Sie diese Frage?«

»Habe gelesen von Babylon – Niniveh – Ausgrabung – Teufelsanbeter. Will hin – auch ausgraben— Fowling-bull holen – britisches Museum schenken. Kann nicht Arabisch – will gern Jäger haben. Machen Sie mit – bezahle gut, sehr gut!«

»Darf ich um Ihren Namen bitten?«

»Lindsay, David Lindsay – Titel nicht, brauche nicht – Sir Lindsay sagen.«

»Sie beabsichtigen wirklich, nach dem Euphrat und Tigris zu gehen?«

»Yes. Habe Dampfboot – fahre hinauf – steige aus – Dampfboot wartet, oder zurück nach Bagdad – kaufe Pferde und Kamele – reisen, jagen, ausgraben, britisches Museum schenken, Traveller-Klub erzählen. Sie mitgehen?«

»Ich bin am liebsten selbständig.«

»Natürlich! Können mich verlassen, wann wollen – werde gut bezahlen, sehr fein bezahlen – nur mitgehen.«

»Wer ist noch dabei?«

»So viel, wie Sie wollen – aber lieber ich, Sie, zwei Diener.«

»Wann fahren Sie ab?«

»Uebermorgen – morgen – heute – gleich!«

Das war ein Anerbieten, wie es mir nicht gelegener kommen konnte. Ich bedachte mich nicht lange und schlug ein. Natürlich aber stellte ich die Bedingung, daß es mir zu jeder Zeit frei stände, meine eigenen Wege zu gehen. Er führte mich an den Hafen, wo ein allerliebster kleiner Puffer lag, und ich merkte bereits nach Verlauf von einer halben Stunde, daß ich mir keinen besseren Gefährten wünschen konnte. Er wollte Löwen und alle möglichen Bestien schießen, die Teufelsanbeter besuchen und mit aller Gewalt einen Fowling-bull, wie er es nannte, einen geflügelten Stier, ausgraben, um ihn dem britischen Museum zum Geschenk zu machen. Diese Pläne waren abenteuerlich, hatten aber eben deshalb meine volle Zustimmung. Ich war auf meinen Wanderungen noch viel seltsameren Käuzen begegnet, als er war.

Leider ließ er mich gar nicht wieder zu den Ateïbeh zurück. Ein Bote mußte meine Sachen holen und Halef benachrichtigen, wohin ich reisen werde. Als er zurückkehrte, erzählte er mir daß Halef mit noch einem Ateïbeh zu Lande zu den Abu Salman – und Schammar-Arabern reisen werde, um mit ihnen über die Einverleibung der Ateïbeh zu verhandeln. Er werde mein Hedjihn mitbringen und mich schon zu finden wissen.

Diese Nachricht war mir lieb. Daß Halef zu dieser Botschaft ausersehen war, bewies mir abermals, daß er der Liebling seines Schwiegervaters geworden sei. Wir fuhren im persischen Busen hinauf, sahen uns Basra und Bagdad an und gelangten nachher, auf dem Tigris aufwärts dampfend, an die Stelle, an welcher wir heute anlegten. – —

Oberhalb unserer Landestelle mündete der Zab-asfal in den Tigris, und die Ufer hüben und drüben waren mit einem dichten Bambusdschungel bestanden. Wie schon vorhin gesagt, brach die Nacht herein; trotzdem aber bestand Lindsay darauf, an das Land zu gehen und die Zelte aufzuschlagen. Ich hatte keine rechte Lust dazu, konnte ihn aber nicht gut allein lassen und folgte ihm also. Die Bemannung des Dampfbootes bestand aus vier Leuten; es sollte mit Tagesanbruch bereits nach Bagdad zurückkehren, und so faßte der Engländer gegen meinen Rat den Entschluß, alles, auch die vier Pferde, welche er in Bagdad gekauft hatte, noch auszuladen.

»Es wäre besser, wenn wir dies unterließen, Sir,« warnte ich ihn.

»Warum?«

»Weil wir es morgen bei Tageslicht tun könnten.«

»Geht auch am Abend – bezahle gut!«

»Wir und die Pferde sind auf dem Fahrzeuge sicherer als auf dem Lande.«

»Gibt es hier Diebe – Räuber – Mörder?«

»Den Arabern ist niemals zu trauen. Wir sind noch nicht eingerichtet!«

»Werden ihnen nicht trauen, uns aber doch einrichten – haben Büchsen; jeder Spitzbube wird niedergeschossen!«

Er ging nicht von seinem Vorsatze ab. Erst nach zwei Stunden waren wir mit der Arbeit fertig; die zwei Zelte waren aufgerichtet, und zwischen ihnen und dem Ufer wurden die Pferde angehängt. Nach dem Abendbrote gingen wir schlafen. Ich hatte die erste, die beiden Diener die zweite und dritte und Lindsay selbst die vierte Wache. Die Nacht war wunderschön, vor uns rauschten die Fluten des breiten Stromes hinab, und hinter uns erhoben sich die Höhen des Dschebel Dschehennem. Die Helle des Firmaments erleuchtete alles zur Genüge, aber das Land selbst, auf dem ich stand, war noch ein Rätsel. Seine Vergangenheit glich den Fluten des Tigris, die dort unten verschwanden im Schatten des Dschungel. An Assyrien, Babylonien und Chaldäa knüpften sich die Erinnerungen an große Nationen und riesige Städte, aber diese Erinnerungen glichen dem Rückblick auf einen Traum, dessen Einzelheiten man vergessen hat.

Als meine Wachtzeit vorüber war, weckte ich den Diener und instruierte ihn gehörig. Er hieß Bill, war ein Irländer und machte den Eindruck, als sei die Kraft seiner Muskeln dreißigmal stärker als diejenige seines Geistes. Er grinste sehr verschmitzt zu meinen Anweisungen und begann dann auf und ab zu patrouillieren. Ich schlief ein.

Als ich erwachte, geschah es nicht freiwillig, sondern ich wurde am Arme gerüttelt. Lindsay stand vor mir in seinem graukarierten Anzuge, den er selbst in der Wüste nicht abzulegen beschlossen hatte.

»Sir, wacht auf!«

Ich sprang auf die Füße und fragte:

»Ist etwas geschehen?«

»Hm – ja!«

»Was?«

»Unangenehm!«

»Was?«

»Pferde fort!«

»Die Pferde? Haben sie sich losgerissen?«

»Weiß nicht.«

»Waren sie noch da, als Sie die Wache übernahmen?«

»Yes!«

»Aber Sie haben doch gewacht?«

»Yes!«

»Wo denn?«

»Dort.«

Er deutete auf einen isolierten Hügel, welcher ziemlich entfernt von unsern Zelten lag.

»Dort; warum dort?«

»Ist wohl ein Ruinenhügel – hingegangen wegen Fowling-bull.«

»Und als Sie jetzt zurückkehrten, waren die Pferde fort?«

»Yes!«

Ich trat hinaus und untersuchte die Pfähle. Die Enden der Leinen hingen noch daran; die Tiere waren losgeschnitten worden.

»Sie haben sich nicht losgerissen, sondern sind geraubt worden!«

Er formierte das bekannte Lippenparallelogramm und lachte vergnügt.

»Yes! Von wem?«

»Von Dieben!«

Er machte ein noch vergnügteres Gesicht.

»Very well, von Dieben – wo sind sie – wie heißen sie?«

»Weiß ich es?«

»No – ich auch no – schön, sehr schön! – Abenteuer da!«

»Es ist keine Stunde vergangen, seit der Diebstahl geschah. Warten wir nur noch fünf Minuten, so ist es hell genug, um die Spuren zu erkennen.«

»Schön – ausgezeichnet! Sind Prairiejäger gewesen – Spuren finden – nachlaufen – totschießen – kapitales Vergnügen – bezahle gut, sehr gut!«

Er trat in sein Zelt, um die Vorbereitungen zu treffen, welche er für notwendig hielt. Ich erkannte nach kurzer Zeit im Scheine der Dämmerung die Spuren von sechs Männern und teilte ihm diese Entdeckung mit.

»Sechs? Wie viel wir?«

»Nur zwei. Zwei müssen bei den Zelten zurückbleiben, und das Boot bleibt auch liegen, bis wir zurückkehren.«

»Yes! Das befehlen und dann fort!«

»Sind Sie ein guter Läufer, oder soll ich Bill mitnehmen?«

»Bill? Pah! Weshalb gehe an Tigris! Abenteuer! Laufe gut – laufe wie Hirsch!«

Nachdem die nötigen Verhaltungsmaßregeln erteilt worden waren, warf er die rätselhafte Hacke nebst der Büchse über die Achsel und folgte mir. Es galt, die Diebe einzuholen, ehe sie zu einer größeren Truppe stießen, und daher schritt ich so schnell aus, als mir möglich war. Die langen karierten Beine meines Gefährten hielten sich ganz wacker; es war eine Lust, so mit ihm zu laufen.

Wir befanden uns in der Zeit des Frühjahrs; der Boden glich daher nicht einer Wüste, sondern einer Wiese, nur daß die Blumen förmlich büschel— oder vielmehr buschweise aus der Erde schossen. Wir waren noch nicht weit gekommen, so hatten unsere Hosen sich vom Blütenstaube gefärbt. Wegen dieser Höhe der Vegetation war die Spur sehr deutlich zu erkennen. Sie führte uns schließlich an ein Nebenflüßchen, welches von dem Dschebel Dschehennem herfloß und eine sehr aufgeregte Wassermasse zeigte. An seinem Ufer stieß die Spur an eine Stelle, die von Pferdehufen zertreten war, und eine neue Untersuchung ergab von hier aus zehn statt vier Hufspuren. Zwei von den sechs Dieben waren bis hierher gelaufen, statt geritten, und hier hatten sie alle ihre Pferde versteckt gehabt.

Lindsay machte eine sehr mißvergnügte Miene.

»Miserabel – tot ärgern!«

»Worüber?«

»Werden entkommen!«

»Weshalb?«

»Haben nun alle Pferde – wir laufen.«

»Pah! Ich holte sie dennoch ein, wenn Sie aushielten; aber dies ist gar nicht einmal nötig. Man darf nicht nur sehen, sondern man muß auch schließen.«

»Schließen Sie!«

»Sind diese Leute zufällig an unseren Lagerplatz gekommen?«

»Hm!«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es scheint mir, als ob sie zu Lande dem Schiffe gefolgt seien, welches alle Abende angelegt hat. Ist dies der Fall, so führt zwar ihre Spur nach Westen, aber nur deshalb, weil sie über diesen Fluß müssen und sich aber doch bei Hochwasser mit den fremden Pferden nicht hineingetrauen.«

»Also Umweg machen müssen?«

»Ja. Sie werden sich eine Furt oder irgend eine bessere Uebergangsstelle suchen und dann wieder in die alte Richtung lenken.«

»Schön, gut – sehr gut!«

Er warf die Kleidung ab und trat an das Ufer.

»Ja, Sir, sind Sie denn ein guter Schwimmer?«

»Yes!«

»Es ist hier nicht so ganz gefahrlos, wenn man die Waffen und die Kleider trocken halten will. Machen Sie mit den Kleidern einen Turban über Ihren Hut!«

»Gut – sehr gut – werde machen!«

Auch ich wand mir aus meinen Kleidern einen hohlen Ballen, den ich mir auf den Kopf setzte; dann gingen wir in das Wasser. Dieser Engländer war wirklich ein ebenso gewandter Schwimmer, wie er ein ausdauernder Läufer war. Wir kamen ganz gut hinüber und zogen die Kleider wieder an.

Lindsay überließ sich ganz meiner Führung. Wir eilten noch ungefähr zwei englische Meilen nach Süd und schlugen dann nach West um, wo uns die Höhen eine weite Aussicht gewährten. Wir stiegen einen Berg empor und sahen uns um. So weit das Auge reichte, zeigte sich kein lebendes Wesen.

»Nothing! – Nichts – keine Seele – – miserabel!«

»Hm, auch ich sehe nichts!«

»Wenn Sie geirrt – oho, was dann?«

»Dann haben wir noch immer Zeit, sie dort am Flüßchen zu verfolgen. Mir hat noch keiner ungestraft ein Pferd gestohlen; ich werde auch hier nicht eher zurückkehren, bis ich die vier Tiere wieder habe.«

»Ich auch.«

»Nein. Sie müssen bei Ihrem Eigentume sein.«

»Eigentum? Pah! Wenn fort, dann neues kaufen – Abenteuer gern bezahlen – sehr gut.«

»Halt! Bewegt sich da draußen nicht etwas?«

»Wo?«

»Dort!«

Ich deutete mit der Hand die Richtung an. Er riß die Augen und den Mund weit auf und spreizte die Beine auseinander. Seine Nasenflügel öffneten sich – es sah aus, als ob sein Riechorgan auch mit der Eigenschaft, zu sehen, oder wenigstens mit einem optischen Witterungs— und Ahnungsvermögen begabt sei.

»Richtig – sehe auch!«

»Es kommt auf uns zu.«

»Yes! Wenn sind, dann schieß‘ alle tot!«

»Sir, es sind Menschen!«

»Diebe! Müssen tot – unbedingt tot!«

»Dann tut es mir leid, Sie verlassen zu müssen.«

»Verlassen? Warum?«

»Ich wehre mich meiner Haut, wenn ich angegriffen werde, aber ich morde keinen Menschen ohne Not. Ich denke, Sie sind ein Engländer!«

»Well! Englishman – Nobelman – Gentleman – werde nicht töten – nur Pferde nehmen!«

»Es scheint wahrhaftig, daß sie es sind!«

»Yes! Zehn Punkte – stimmt!«

»Vier sind ledig und sechs beritten.«

»Hm! Guter Prairiejäger Sie – recht gehabt – Sir John Raffley viel erzählt – bei mir bleiben – gut bezahlen, sehr gut!«

»Schießen Sie sicher?«

»Hm, ziemlich!«

»So kommen Sie. Wir müssen uns zurückziehen, damit sie uns nicht bemerken. Unser Operationsfeld liegt unten zwischen dem Berge und dem Flusse. Gehen wir noch zehn Minuten weiter nach Süd, so tritt die Höhe so eng an das Wasser heran, daß ein Entkommen gar nicht möglich ist.«

Wir eilten jetzt im vollen Laufe wieder hinab und erreichten bald die Stelle, welche ich angedeutet hatte. Der Fluß war von Schilf und Bambus eingesäumt, und am Fuße des Berges fanden sich Mimosen und ein hohes Wermutgebüsch. Wir hatten Raum genug zum Versteck.

»Was nun?« fragte der Engländer.

»Sie verbergen sich hier im Schilfe und lassen die Leute vorüber. Am Ausgange dieser Enge trete ich hinter die Mimosen, und wenn wir die Diebe zwischen uns haben, treten wir beide vor. Ich schieße ganz allein, da ich mich vielleicht besser nach den Umständen zu richten verstehe, und Sie gebrauchen Ihr Gewehr nur auf mein ganz besonderes Geheiß, oder wenn Ihr Leben ernstlich in Gefahr kommt.«

»Well – gut, sehr gut – exzellent Abenteuer!«

Er verschwand in dem Schilfe, und auch ich suchte mir meinen Platz. Bereits nach kurzer Zeit hörten wir Hufschlag. Sie kamen herbei – an Lindsay vorüber, ohne böse Ahnung, ohne sich umzusehen. Ich sah den Engländer jetzt aus dem Schilfe tauchen und trat vor. Sie hielten im Augenblicke ihre Pferde an. Die Büchse hing ich mir über die Schulter, und nur den Henrystutzen hielt ich in der Hand.

»Sallam aaleïkum!« sagte ich.

Der freundliche Gruß verblüffte sie.

»Aaleïk —« antwortete einer von ihnen. »Was tust du hier?«

»Ich warte auf meine Brüder, welche mir helfen sollen.«

»Welcher Hilfe bedarfst du?«

»Du siehst, daß ich ohne Pferd bin. Wie soll ich durch die Wüste kommen? Du hast vier Tiere übrig; willst du mir nicht eines davon verkaufen?«

»Wir verkaufen keines dieser Pferde!«

»Ich höre, daß du ein Liebling Allahs bist. Du willst nur deshalb das Pferd nicht verkaufen, weil dein gutes Herz dir gebietet, es mir zu schenken.«

»Allah heile dir deinen Verstand! Ich werde auch kein Pferd verschenken.«

»O, du Muster von Barmherzigkeit, du wirst einst die Wonnen des Paradieses vierfach kosten; denn du willst mir nicht bloß ein Pferd, sondern vier verehren, weil ich so viel brauche!«

»Allah kerihm – Gott sei uns gnädig! Dieser Mensch ist deli, ist gewiß und wahrhaftig verrückt.«

»Bedenke, mein Bruder, daß die Verrückten nehmen, was man ihnen nicht freiwillig gibt! Blicke dich um! Vielleicht gibst du jenem dort das, was du mir verweigerst.«

Erst jetzt, beim Anblick des Engländers, wurde ihnen die Situation vollständig klar. Sie legten rasch die Lanzen zum Stoße ein.

»Was wollt ihr?« fragte mich der Sprecher.

»Unsere Pferde, welche ihr uns beim Anbruch des Tages gestohlen habt.«

»Mensch, du bist wahrhaftig toll! Wenn wir dir Pferde genommen hätten, so hättest du uns mit den Füßen nicht erreichen können!«

»Meinst du? Ihr wißt, daß diese vier Pferde den Franken gehören, welche dort mit dem Schiffe angekommen sind. Wie könnt ihr denken, daß die Franken sich ungestraft bestehlen lassen, und daß sie nicht klüger sind, als ihr! Ich habe gewußt, daß ihr am Fluß einen Umweg machen würdet, bin herübergeschwommen und euch zuvorgekommen. Ihr aber habt euch allerdings täuschen lassen. Ich will nicht Menschenblut vergießen; darum bitte ich euch, mir die Pferde freiwillig zurückzugeben. Dann könnt ihr gehen, wohin ihr wollt!«

Er lachte.

»Ihr seid zwei Männer, und wir sind sechs.«

»Wohl! So tue ein jeder, was ihm beliebt!«

»Weiche vom Wege!«

Er legte die mit Straußenfedern verzierte Lanze ein und trieb sein Pferd auf mich zu. Ich erhob den Stutzen: der Schuß krachte und Roß und Reiter stürzten nieder. Ich bedurfte keiner Minute, um noch fünfmal zu zielen und fünfmal abzudrücken. Alle Pferde stürzten, und nur die unserigen, welche man zusammengekoppelt hatte, waren unversehrt. Der, welcher sie vorher an der Leine hielt, hatte sie losgelassen. Wir benützten den Augenblick der Verwirrung, sprangen auf und eilten davon.

Hinter uns ertönte das Zorngeschrei der Araber. Wir machten uns nichts daraus, sondern brachten die Riemen unserer Tiere in Ordnung und ritten lachend davon.

»Magnificent – prächtig – schönes Abenteuer – hundert Pfund wert! Wir zwei, sie sechs – sie uns vier Pferde genommen, wir ihnen sechs genommen – ausgezeichnet – herrlich!« lachte Lindsay.

»Ein Glück, daß es so ausgezeichnet, so herrlich abgelaufen ist, Sir. Wären unsere Tiere scheu geworden, so kämen wir nicht so schnell weg und hätten sehr leicht einige Kugeln erhalten können.«

»Machen wir auch Umweg oder gehen grad aus?«

»Grad aus. Wir kennen unsere Pferde; der Uebergang wird gelingen.«

Wir kamen in guter Zeit wieder bei unseren Zelten an, und bald nach unserer Ankunft stieß das Boot vom Lande ab und wir blieben allein in der Wüste zurück.

Lindsay wollte anfangs sehr viel Gepäck und auch Proviant mitnehmen, ich aber hatte ihn zu einer andern Ansicht gebracht. Wer ein Land kennen lernen will, der muß auch lernen, sich auf die Gaben desselben zu beschränken, und ein Reiter darf nie mehr bei sich haben, als sein Tier zu tragen vermag. Uebrigens waren wir reichlich mit Munition versehen, was die Hauptsache ist, und außerdem verfügte der »Nobelman« über so bedeutenden Geldvorrat, daß wir davon den Reiseaufwand für Jahre hinaus hätten bestreiten können.

»Nun allein am Tigris,« meinte er. »Nun gleich graben nach Fowling-bulls und andern Altertümern!«

Der gute Mann hatte sicher sehr viel gelesen und gehört von den Ausgrabungen bei Khorsabad, Kufjundschik, Hammum Ali, Nimrud, Keschaf und El Hather und war dadurch auf den Gedanken gekommen, nun seinerseits auch das britische Museum zu bereichern und dadurch ein berühmter Mann zu werden.

»Jetzt gleich?« fragte ich ihn. »Das wird nicht gehen!«

»Warum? Habe Hacke mit.«

»O, mit diesem Mattok werden Sie nicht viel machen können. Wer hier graben will, muß sich erst mit der Regierung verständigen – – —«

»Regierung? Welche?«

»Die türkische.«

»Pah! Hat Niniveh den Türken gehört?«

»Allerdings nicht, denn damals war von den Türken keine Rede. Aber die Ruinen gehören jetzt zum türkischen Grund und Boden, obgleich hier der Arm des Sultans nicht sehr mächtig ist. Die arabischen Nomaden sind da die eigentlichen Herren, und wer hier graben will, der hat sich zunächst auch mit ihnen in freundschaftliche Beziehung zu setzen, da er sonst weder seines Eigentums, noch seines Lebens sicher ist. Darum habe ich Ihnen ja geraten, Geschenke für die Häuptlinge mitzunehmen.«

»Die seidenen Gewänder?«

»Ja; sie sind hier am meisten gesucht und nehmen beim Transport sehr wenig Raum ein.«

»Well, so wollen setzen in freundschaftliche Beziehung – aber sogleich und sofort – nicht?«

Ich wußte, daß es bei seinen Ausgrabungen nur bei dem Gedanken bleiben werde, hatte mir aber vorgenommen, ihn nicht abwendig zu machen.

»Ich bin dabei. Nun fragt es sich, welchem Häuptling man zunächst seine Aufwartung zu machen hat.«

»Raten!«

»Der mächtigste Stamm heißt El Schammar. Er hat aber seine Weidegründe weit oben am südlichen Abhang der Sindscharberge und an dem rechten Ufer des Thathar.«

»Wie weit ist Sindschar von hier?«

»Einen ganzen Breitegrad.«

»Sehr breit! Was sind noch für Araber hier?«

»Die Obeïden, Abu-Salman, Abu-Ferhan und andere; doch läßt sich nie genau bestimmen, wo man diese Horden zu suchen hat, da sie sich stets auf der Wanderschaft befinden. Wenn ihre Herden einen Platz abgeweidet haben, so bricht man die Zelte ab und zieht weiter. Dabei leben die einzelnen Stämme in ewiger, blutiger Feindseligkeit miteinander; sie haben sich gegenseitig zu meiden, und das trägt auch nicht wenig zu der Unstetigkeit ihres Lebens bei.«

»Schönes Leben – viel Abenteuer – viel Ruinen finden – viel ausgraben – ausgezeichnet – exzellent!«

»Am besten ist es, wir reiten in die Wüste hinein und befragen uns bei dem ersten Beduinen, welcher uns begegnet, nach dem Wohnort des nächsten Stammes.«

»Gut – well – sehr schön! Gleich jetzt reiten und befragen!«

»Wir könnten heute noch hier bleiben!«

»Bleiben und nicht graben? Nein – geht nicht! Zelte ab und fort!«

Ich mußte ihm seinen Willen lassen, zumal bei näherem Ueberlegen ich mir sagte, daß es wegen der heutigen feindseligen Begegnung besser sei, den Ort zu verlassen. Wir brachen also die leichten Zelte ab, welche von den Pferden der Diener getragen werden mußten, setzten uns auf und schlugen den Weg nach dem Sabakah-See ein.

Es war ein wundervoller Ritt durch die blumenreiche Steppe. Jeder Schritt der Pferde wirbelte neue Wohlgerüche auf. Ich konnte selbst die weichste und saftigste Savanne Nordamerikas mit dieser Gegend nicht vergleichen. Die Richtung, welche wir eingeschlagen hatten, stellte sich als eine glücklich gewählte heraus, denn bereits nach kaum mehr als einer Stunde kamen drei Reiter auf uns zugesprengt. Sie machten eine sehr hübsche Figur mit den fliegenden Mänteln und wehenden Straußfedern. Unter lautem Kriegsgeschrei ritten sie auf uns los.

»Sie brüllen. Werden sie stechen?« fragte der Engländer.

»Nein. Das ist die Begrüßungsart dieser Leute. Wer sich dabei zaghaft zeigt, der wird für keinen Mann gehalten.«

»Werden Männer sein!«

Er hielt Wort und zuckte nicht mit der Wimper, als der eine mit seiner scharfen Lanzenspitze grad auf seine Brust zuhielt und erst abbog und sein Pferd in die Hacken riß, als die Lanzenspitze beinahe die Brust berührte.

»Sallam aaleïkum! Wo wollt ihr hin?« grüßte einer.

»Von welchem Stamme bist du?«

»Vom Stamme der Haddedihn, welcher zu der großen Nation der Schammar gehört.«

»Wie heißt dein Scheik?«

»Er führt den Namen Mohammed Emin.«

»Ist er weit von hier?«

»Wenn du zu ihm willst, so werden wir euch begleiten.«

Sie wandten um und schlossen sich uns an. Während wir – die Diener hinter uns – in würdevoller Haltung in den Sätteln saßen, sprengten sie um uns in weiten Kreisen herum, um ihre Reitkünste sehen zu lassen. Ihr Hauptkunststück besteht im Innehalten mitten im rasendsten Laufe, wodurch aber ihre Pferde sehr angegriffen und leicht zu schanden werden. Ich glaube behaupten zu können, daß ein Indianer auf seinem Mustang sie in jeder Beziehung übertrifft. Dem Engländer gefiel das Schaureiten dieser Leute.

»Prächtig! Hm, so kann ich es nicht – würde den Hals brechen!«

»Ich habe noch andere Reiter gesehen.«

»Ah! Wo?«

»Ein Ritt auf Leben und Tod in einem amerikanischen Urwalde, auf einem gefrorenen Flusse, wenn das Pferd kein Eisen hat, oder in einem steinigen Cannon ist doch noch etwas ganz anderes.«

»Hm! Werde auch nach Amerika gehen – reiten in Urwald – auf Flußeis – in Cannon – schönes Abenteuer – prachtvoll! Was sagten diese Leute?«

»Sie grüßten uns und fragten nach dem Ziel unseres Rittes; sie werden uns zu ihrem Scheik bringen. Er heißt Mohammed Emin und ist der Anführer der Haddedihn.«

»Tapfere Leute?«

»Diese Männer nennen sich alle tapfer und sind es auch bis zu einem gewissen Grade. Ein Wunder ist dies nicht. Die Frau muß alles machen, und der Mann tut nichts als reiten, rauchen, rauben, kämpfen, klatschen und faulenzen.«

»Schönes Leben – prächtig – möchte Scheik sein – viel ausgraben – manchen Fowling-bull finden und London schicken – hm!«

Nach und nach wurde die Steppe belebter und wir gewahrten, daß wir uns den Haddedihn näherten. Sie befanden sich zum großen Teil noch in Bewegung, als wir sie erreichten. Es ist nicht leicht, den Anblick zu beschreiben, den ein Araberstamm auf dem Zuge nach seinem neuen Weideplatz gewährt. Ich hatte vorher die Sahara und einen Teil von Arabien durchzogen und dabei viele Stämme der westlichen Araber kennen gelernt; hier aber bot sich mir ein ganz neuer Anblick dar. Dieselbe Verschiedenheit, welche zwischen den Oasen der Sahara und dem »Lande Sinear« der heiligen Schrift herrscht: – man beobachtet sie auch in dem Leben und allen Verhältnissen ihrer Bewohner. Hier ritten wir auf einer beinahe unbegrenzten Merdsch135, welche nicht die mindeste Aehnlichkeit mit einer Uah136 des Westens hatte. Sie glich vielmehr einem riesigen Savannenteppich, der aus lauter Blumen bestand. Hier schien nie der fürchterliche Samum gewütet zu haben; hier war keine Spur einer wandernden Düne zu erblicken. Hier gab es kein zerklüftetes und verschmachtetes Wadi, und man meinte, daß hier keine Fata Morgana die Macht besäße, den müden, einsamen Wanderer zu äffen. Die weite Ebene hatte sich mit duftendem Leben geschmückt, und auch die Menschen zeigten keine Spur jener »Wüstenstimmung«, welcher westwärts vom Nil kein Mensch entgehen kann. Es lag über diesem bunten Gefilde ein Farbenton, der nicht im mindesten an das versengende, dabei oft blutig trübe und tödliche Licht der großen Wüste erinnerte.

Wir befanden uns jetzt inmitten einer nach Tausenden zählenden Herde von Schafen und Kamelen. So weit das Auge reichte – rechts und links von uns, vor und hinter uns – wogte ein Meer von grasenden und wandernden Tieren. Wir sahen lange Reihen von Ochsen und Eseln, welche beladen waren mit schwarzen Zelten, bunten Teppichen, ungeheuren Kesseln und allerlei anderen Sachen. Auf diese Berge von Gerätschaften hatte man alte Männer und Weiber gebunden, welche nicht mehr imstande waren, zu gehen oder sich ohne Stütze im Sattel aufrecht zu halten. Zuweilen trug eines der Tiere kleine Kinder, welche in den Sattelsäcken so befestigt waren, daß nur ihre Köpfe durch die kleine Oeffnung schauten. Zur Erhaltung des Gleichgewichts trug das Lasttier dann auf der andern Seite junge Lämmer und Zickelchen, welche blökend und meckernd ebenso aus den Oeffnungen der Säcke hervorblickten. Dann kamen Mädchen, nur mit dem eng anliegenden, arabischen Hemd bekleidet; Mütter mit Kindern auf den Schultern, Knaben, welche Lämmer vor sich hertrieben; Dromedartreiber, die, auf ihren Tieren sitzend, ihre edlen Pferde nebenbei am Zügel führten, und endlich zahlreiche Reiter, welche, mit bebuschten Lanzen bewaffnet, auf der Ebene nach denjenigen ihrer Tiere herumjagten, welche sich nicht in die Ordnung des Zuges fügen wollten.

Eigentümliche Figuren bildeten diejenigen Reitkamele, welche zum Tragen vornehmer Frauen bestimmt waren. Ich hatte in der Sahara sehr oft Dschemmels gesehen, welche Frauen in dem wiegeähnlichen Korbe trugen; aber eine Vorrichtung, wie die hiesige, war mir noch nicht vorgekommen. Zwei zehnellige oder auch noch längere Stangen nämlich werden vor und hinter dem Höcker des Kameles quer über den Rücken desselben gelegt und an ihren Enden zusammengezogen und mit Pergament oder Stricken verbunden. Dieses Gestell ist mit Fransen und Quasten von Wolle in allen Farben, mit Muschel— und Perlenschnüren verziert, ganz so wie der Sattel und das Riemenzeug, und ragt also neun und noch mehr Ellen rechts und links über die Seiten des Kameles hinaus. Zwischen ihm auf dem Höcker ragt eine aus Grundleisten und Stoffüberzug bestehende Vorrichtung empor, welche fast genau einem Schilderhause gleicht und mit allerlei Quasten und Troddelwerk behangen ist. In diesem Belle-vue sitzt die Dame. Die ganze Figur erreicht eine außerordentliche Höhe, und wenn sie am Horizont erscheint, so könnte man sie infolge des schwankenden Ganges der Kamele für einen riesigen Schmetterling oder für eine gigantische Libelle halten, welche die Flügel auf und niederschlägt.

Unser Erscheinen machte in jeder Gruppe, bei welcher wir ankamen, großes Aufsehen. Ich selbst trug daran wohl weniger Schuld als Sir Lindsay, dem ja ebenso wie seinen Dienern auf den ersten Blick der Europäer anzusehen war. Er mußte in seinem graukarierten Anzuge hier noch mehr auffallen, als ein Araber, der in seiner malerischen Tracht vielleicht auf einem öffentlichen Platze Münchens oder Leipzigs erschienen wäre. Unsere Führer ritten uns voran, bis wir endlich ein außerordentlich großes Zelt erblickten, vor welchem viele Lanzen in der Erde steckten. Dies war das Zeichen, daß es das Zelt des Häuptlings sei. Man war soeben beschäftigt, rund um dasselbe einen Kreis anderer Zelte zu errichten.

Die beiden Araber sprangen ab und traten ein. Nur wenige Augenblicke später erschienen sie in Begleitung eines Dritten wieder. Dieser hatte die Gestalt und das Aeußere eines echten Patriarchen. Just so mußte Abraham ausgesehen haben, wenn er aus seinem Hause im Haine Mamre trat, um seine Gäste zu begrüßen. Der schneeweiße Bart hing ihm bis über die Brust herab, dennoch aber machte der Greis den Eindruck eines rüstigen Mannes, der imstande ist, eine jede Beschwerde zu ertragen. Sein dunkles Auge musterte uns nicht eben einladend und freundlich. Er hob die Hand zum Herzen und grüßte:

»Salama!«

Dies ist der Gruß eines eingefleischten Mohammedaners, wenn ein Ungläubiger zu ihm kommt; dagegen empfängt er jeden Gläubigen mit dem Sallam aaleïkum.

»Aaleïkum!« antwortete ich und sprang vom Pferde.

Er sah mich ob dieses Wortes forschend an; dann fragte er:

»Bist du ein Moslem oder ein Giaur?«

»Seit wann empfängt der Sohn des edlen Stammes der Schammar seine Gäste mit einer solchen Frage? Sagt nicht der Kuran: »Speise den Fremdling und tränke ihn; laß ihn bei dir ruhen, ohne seinen Ausgang und seinen Eingang zu kennen!« – Allah mag es dir verzeihen, daß du deine Gäste wie ein türkischer Khawasse137 empfängst!«

Er erhob wie abwehrend die Hand.

»Dem Schammar und dem Haddedihn ist jeder willkommen, nur der Lügner und der Verräter nicht.«

Er warf dabei einen bezeichnenden Blick auf den Engländer.

»Wen meinest du mit diesen Worten?« fragte ich ihn.

»Die Männer, welche aus dem Abendlande kommen, um den Pascha gegen die Söhne der Wüste zu hetzen. Wozu braucht die Königin der Inseln138 einen Konsul in Mossul?«

»Diese drei Männer gehören nicht zu dem Konsulat. Wir sind müde Wanderer und begehren von dir weiter nichts, als einen Schluck Wasser für uns und eine Dattel für unsere Pferde!«

»Wenn ihr nicht zum Konsulat gehört, so sollt ihr haben, was ihr begehrt. Tretet ein, und seid mir willkommen!«

Wir banden unsere Pferde an die Lanzen und gingen in das Zelt. Dort erhielten wir Kamelmilch zu trinken; die Speise bestand nur aus dünnem, hartem und halb verbranntem Gerstenkuchen – ein Zeichen, daß der Scheik uns nicht als Gäste betrachtete. Während des kurzen Mahles fixierte er uns mit finsterem Auge, ohne ein Wort zu sprechen. Er mußte triftige Gründe haben, Fremden zu mißtrauen, und ich sah ihm an, daß er neugierig war, etwas Näheres über uns zu erfahren.

Lindsay schaute sich in dem Zelte um und fragte mich:

»Böser Kerl, nicht?«

»Scheint so.«

»Sieht ganz so aus, als ob er uns fressen wollte. Was sagte er?«

»Er begrüßte uns als Ungläubige. Wir sind seine Gäste noch nicht und haben uns sehr vorzusehen.«

»Nicht seine Gäste? Wir essen und trinken doch bei ihm!«

»Er hat uns das Brot nicht mit seiner eigenen Hand gegeben, und Salz gar nicht. Er sieht, daß Ihr ein Engländer seid, und die Englishmen scheint er zu hassen.«

»Weshalb?«

»Weiß es nicht.«

»Einmal fragen!«

»Geht nicht, denn es wäre unhöflich. Ich denke aber, daß wir es noch erfahren werden.«

Wir waren fertig mit dem kleinen Imbiß, und ich erhob mich.

»Du hast uns Speise und Trank gegeben, Mohammed Emin; wir danken dir und werden deine Gastfreundschaft rühmen überall, wohin wir kommen. Lebe wohl! Allah segne dich und die Deinigen!«

Diesen schnellen Abschied hatte er nicht erwartet.

»Warum wollt ihr mich schon verlassen? Bleibt hier, und ruhet euch aus!«

»Wir werden gehen, denn die Sonne deiner Gnade leuchtet nicht über uns.«

»Ihr seid dennoch sicher hier in meinem Zelte.«

»Meinest du? Ich glaube nicht an die Sicherheit im Beyt139 eines Arab esch Schammar.«

Er fuhr mit der Hand nach dem Dolche.

»Willst du mich beleidigen?«

»Nein; ich will dir nur meine Gedanken sagen. Das Zelt eines Schammar bietet dem Gastfreunde keine Sicherheit; wie viel weniger also demjenigen, der nicht einmal Gastfreundschaft genießt!«

»Soll ich dich niederstechen? Wann hat jemals ein Schammar die Gastfreundschaft gebrochen?«

»Sie ist gebrochen worden nicht nur gegen Fremde, sondern sogar gegen Angehörige des eigenen Stammes.«

Das war allerdings eine fürchterliche Beschuldigung, welche ich hier aussprach; aber ich sah nicht ein, aus welchem Grunde ich höflich sein sollte mit einem Manne, der uns wie Bettler aufgenommen hatte. Ich fuhr fort:

»Du wirst mich nicht niederstechen, Scheik; denn erstens habe ich die Wahrheit gesprochen, und zweitens würde mein Dolch dich eher treffen, als der deinige mich.«

»Beweise die Wahrheit!«

»Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Es gab einen großen, mächtigen Stamm, der wieder in kleinere Ferkah140 zerfiel. Dieser Stamm war regiert worden von einem großen, tapfern Häuptling, in dessen Herzen aber die List neben der Falschheit wohnte. Die Seinen wurden mit ihm unzufrieden und fielen nach und nach von ihm ab. Sie wandten sich dem Häuptling eines Ferkah zu. Da schickte der Scheik zu dem Häuptling und ließ ihn zu einer Besprechung zu sich laden. Er kam aber nicht. Da sandte der Scheik seinen eigenen Sohn. Dieser war mutig, tapfer und liebte die Wahrheit. Er sprach zu dem Häuptling: »Folge mir. Ich schwöre dir bei Allah, daß du sicher bist im Zelte meines Vaters. Ich werde mit meinem Leben für das deinige stehen!« – Da antwortete der Häuptling: >Ich würde nicht zu deinem Vater gehen, selbst wenn er tausend Eide ablegte, mich zu schonen; dir aber glaube ich. Und um dir zu zeigen, daß ich dir vertraue, werde ich ohne Begleitung mit dir gehen. – Sie setzten sich zu Pferde und ritten davon. Als sie in das Zelt des Scheik traten, war es von Kriegern angefüllt. Der Häuptling wurde eingeladen, sich an der Seite des Scheik niederzulassen. Er erhielt das Mahl und die Rede der Gastfreundschaft, aber nach dem Mahle wurde er überfallen. Der Sohn des Scheik wollte ihn retten, wurde aber festgehalten. Der Oheim des Scheik riß den Häuptling zu sich nieder, klemmte den Kopf desselben zwischen seine Kniee, und so wurde dem Verratenen mit Messern der Kopf abgewürgt, wie man es bei einem Schafe tut. Der Sohn zerriß seine Kleider und machte seinem Vater Vorwürfe, mußte aber fliehen, sonst wäre er wohl ermordet worden. Kennst du diese Geschichte, Scheik Mohammed Emin?«

»Ich kenne sie nicht. So eine Geschichte kann nicht geschehen.«

»Sie ist geschehen und zwar in deinem eigenen Stamme. Der Verratene hieß Nedschris, der Sohn Ferhan, der Oheim Hadschar, und der Scheik war der berühmte Scheik Sofuk vom Stamme der Schammar.«

Er wurde verlegen.

»Woher kennst du diese Namen? Du bist kein Schammar, kein Obeïde, kein Abu-Salman. Du redest die Sprache der westlichen Araber, und deine Waffen sind nicht diejenigen der Araber von El Dschesire141. Von wem hast du diese Geschichte erfahren?«

»Die Schande eines Stammes wird ebenso ruchbar wie der Ruhm eines Volkes. Du weißt, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Wie kann ich dir vertrauen? Du bist ein Haddedihn; die Haddedihn gehören zu den Schammar, und du hast uns die Gastfreundschaft verweigert. Wir werden gehen.«

Er erhob durch eine Bewegung seines Armes Widerspruch.

»Du bist ein Hadschi und befindest dich in der Gesellschaft von Giaurs!«

»Woher siehst du, daß ich ein Hadschi bin?«

»An deinem Hamail142. Du sollst frei sein. Diese Ungläubigen aber sollen die Dschisijet143 bezahlen, ehe sie fortgehen.«

»Sie werden sie nicht bezahlen, denn sie stehen unter meinem Schutz.«

»Sie brauchen deinen Schutz nicht, denn sie stehen unter demjenigen ihres Konsuls, den Allah verderben möge!«

»Ist er dein Feind?«

»Er ist mein Feind. Er hat den Gouverneur von Mossul beredet, meinen Sohn gefangen zu nehmen; er hat die Obeïde, die Abu-Hammed und die Dschowari gegen mich aufgehetzt, daß sie meine Herden raubten und sich jetzt vereinigen wollen, um mich und meinen ganzen Stamm zu verderben.«

»So rufe die andern Stämme der Schammar zu Hilfe!«

»Sie können nicht kommen, denn der Gouverneur hat ein Heer gesammelt, um ihre Weideplätze am Sindschar mit Krieg zu überziehen. Ich bin auf mich selbst angewiesen. Allah möge mich beschützen!«

»Mohammed Emin, ich habe gehört, daß die Obeïde, die Abu-Hammed und die Dschowari Räuber sind. Ich liebe sie nicht: ich bin ein Freund der Schammar. Die Schammar sind die edelsten und tapfersten Araber, die ich kenne; ich wünsche, daß du alle deine Feinde besiegen mögest!«

Ich beabsichtigte nicht etwa, mit diesen Worten ein Kompliment auszusprechen; sie enthielten vielmehr meine volle Ueberzeugung. Dies mußte wohl auch aus meinem Tone herausgeklungen haben, denn ich sah, daß sie einen freundlichen Eindruck hervorbrachten.

»Du bist in Wirklichkeit ein Freund der Schammar?« fragte er mich.

»Ja, und ich beklage es sehr, daß Zwietracht unter sie gesät wurde, so daß ihre Macht nun fast gebrochen ist.«

»Gebrochen? Allah ist groß, und noch sind die Schammar tapfer genug, um mit ihren Gegnern zu kämpfen. Wer hat dir von uns erzählt?«

»Ich habe schon vor langer Zeit von euch gelesen und gehört; die letzte Kunde aber erhielt ich drüben im Belad Arab bei den Söhnen der Ateïbeh.«

»Wie?« fragte er überrascht, »du warst bei den Ateïbeh?«

»Ja.«

»Sie sind zahlreich und mächtig, aber es ruht ein Fluch auf ihnen.«

»Du meinst Scheik Malek, welcher ausgestoßen wurde?«

Er sprang empor.

»Maschallah, du kennst Malek, meinen Freund und Bruder?«

»Ich kenne ihn und seine Leute.«

»Wo trafest du sie?«

»Ich stieß auf sie in der Nähe von Dschidda und bin mit ihnen quer durch das Belad Arab nach En Nahman, der Wüste von Maskat, gezogen.«

»So kennst du sie alle?«

»Alle.«

»Auch – verzeihe, daß ich von einem Weibe spreche, aber sie ist kein Weib, sondern ein Mann – auch Amscha, die Tochter Maleks, kennst du?«

»Ich kenne sie. Sie war das Weib von Abu-Seïf und hat Rache an ihm genommen.«

»Hat sie ihre Rache erreicht?«

»Ja; er ist tot. Hadschi Halef Omar, mein Diener, hat ihn gefällt und dafür Hanneh, Amschas Tochter, zum Weibe erhalten.«

»Dein Diener? So bist du kein gewöhnlicher Krieger?«

»Ich bin ein Sohn der Uëlad German und reise durch die Länder, um Abenteuer zu suchen.«

»O, jetzt weiß ich es. Du tust, wie Harun al Raschid getan hat; du bist ein Scheik, ein Emir und ziehst auf Kämpfe und auf Abenteuer aus. Dein Diener hat den mächtigen Vater des Säbels getötet, du als sein Herr mußt noch ein größerer Held sein, als dein Begleiter. Wo befindet sich dieser wackere Hadschi Halef Omar?«

Es fiel mir natürlich gar nicht ein, dieser mir sehr vorteilhaften Ansicht über mich zu widersprechen. Ich antwortete:

»Du wirst ihn vielleicht bald zu sehen bekommen. Er wird von dem Scheik Malek abgesandt, um die Schammar zu fragen, ob er mit den Seinen unter ihrem Schutze wohnen könne.«

»Sie werden mir willkommen sein, sehr willkommen. Erzähle mir, o Emir, erzähle mir von ihnen!«

Er setzte sich wieder nieder. Ich folgte seinem Beispiele und berichtete ihm über mein Zusammentreffen mit den Ateïbeh, so weit ich es für nötig hielt. Als ich zu Ende war, reichte er mir die Hand.

»Verzeihe, Emir, daß ich dies nicht wußte. Du hast diese Engländer bei dir, und sie sind meine Feinde. Nun aber sollt ihr meine Gäste sein. Erlaube mir, daß ich gehe und das Mahl bestelle.«

Jetzt hatte er mir die Hand gegeben, und nun erst war ich sicher bei ihm. Ich griff unter mein Gewand und zog die Flasche hervor, in welcher sich das »heilige« Wasser befand.

»Du wirst das Mahl bei Bent Amm144 bestellen?«

»Ja.«

»So grüße sie von mir und weihe sie mit einigen Tropfen aus diesem Gefäße. Es ist das Wasser vom Brunnen Zem-Zem. Allah sei mit ihr!«

»Sihdi, du bist ein tapferer Held und ein großer Heiliger. Komm, und besprenge sie selbst. Die Frauen der Schammar fürchten sich nicht, ihr Gesicht sehen zu lassen vor den Männern.«

Ich hatte allerdings bereits gehört, daß die Weiber und Mädchen der Schammar keine Freundinnen des Schleiers seien, und war ja auch während meines heutigen Rittes vielen von ihnen begegnet, deren Gesicht ich unverhüllt gesehen hatte. Er erhob sich wieder und winkte mir, ihm zu folgen. Unser Weg ging nicht weit. In der Nähe seines Zeltes stand ein zweites. Als wir dort eingetreten waren, bemerkte ich drei Araberinnen und zwei schwarze Mädchen. Die schwarzen waren jedenfalls Sklavinnen, die anderen aber jedenfalls seine Frauen. Zwei von ihnen rieben zwischen zwei Steinen Gerste zu Mehl, die dritte aber leitete von einem erhöhten Standpunkte aus diese Arbeit. Sie war offenbar die Gebieterin.

In einer Ecke des Zeltes standen mehrere mit Reis, Datteln, Kaffee, Gerste und Bohnen gefüllte Säcke, über welche ein kostbarer Teppich gebreitet war; dies bildete den Thron der Gebieterin. Sie war noch jung, schlank und von hellerer Gesichtsfarbe als die anderen Frauen; ihre Züge waren regelmäßig, ihre Augen dunkel und glänzend. Sie hatte die Lippen dunkelrot und die Augenbrauen schwarz und zwar in der Weise gefärbt, daß sie über der Nase zusammentrafen. Stirn und Wangen waren mit Schönheitspflästerchen belegt, und an den bloßen Armen und Füßen konnte man eine tiefrote Tättowierung bemerken. Von einem jeden Ohre hing ein großer goldener Ring bis zur Taille herab, und auch die Nase war mit einem sehr großen Ring versehen, an dem mehrere große edle Steine funkelten: – er mußte ihr beim Essen sehr im Wege sein. Um ihren Nacken hingen ganze, dicke Reihen von Perlen, Korallenstücken, assyrischen Zylindern und bunten Steinen, und lose, silberne Ringe umgaben ihre Knöchel, Arm— und Handgelenke. Die andern Frauen waren weniger geschmückt.

»Sallam!« grüßte der Scheik. »Hier bringe ich euch einen Helden vom Stamme der German, der ein großer Heiliger ist und euch mit dem Segen des Zem-Zem begnadigen will.«

Sofort warfen sich sämtliche Frauen auf die Erde. Auch die Vornehmste glitt von ihrem Throne und kniete nieder. Ich ließ einige Tropfen Wasser in die Hand laufen und spritzte sie über die Gruppe aus.

»Nehmt hin, ihr Blumen der Wüste! Der Gott aller Völker erhalte euch lieblich und froh, daß euer Duft erquicke das Herz eures Gebieters!«

Als sie bemerkten, daß ich das Gefäß wieder zu mir steckte, erhoben sie sich und beeilten sich, mir zu danken. Dies geschah einfach durch einen Druck der Hand, ganz so wie im Abendlande. Dann gebot der Scheik:

»Nun tummelt euch, ein Mahl zu bereiten, welches dieses Mannes würdig ist. Ich werde Gäste laden, daß mein Zelt voll werde und alle sich freuen über die Ehre, welche uns heute widerfahren ist.«

Wir kehrten in sein Zelt zurück. Während ich eintrat, verweilte er noch vor demselben, um einigen Beduinen seine Befehle zu erteilen.

»Wo waret Ihr?« fragte Sir Lindsay.

»Im Zelte der Frauen.«

»Ah! Nicht möglich!«

»Und doch!«

»Diese Weiber lassen sich sehen?«

»Warum nicht?«

»Hm! Wundervoll! Hier bleiben! Auch Weiber ansehen!«

»Je nach Umständen. Man hält mich für einen frommen Mann, da ich Wasser aus dem Brunnen des Zem-Zem habe, von dem nach dem Glauben dieser Leute ein Tropfen Wunder tut.«

»Ah! Miserabel! Habe kein Zem-Zem!«

»Würde Euch auch nichts helfen, da Ihr nicht arabisch versteht!«

»Sind hier Ruinen?«

»Nein. Aber ich glaube, daß wir nicht weit zu gehen hätten, um solche zu finden.«

»Dann einmal fragen! Ruinen finden; Fowling-bull ausgraben! War übrigens ein schauderhaftes Essen hier!«

»Wird besser. Wir werden sogleich einen echt arabischen Schmaus bekommen!«

»Ah! Schien mir nicht danach auszusehen, der Scheik.«

»Seine Ansicht über uns hat sich geändert. Ich kenne einige Freunde von ihm, und das hat uns das Gastrecht hier erworben. Aber laßt die Diener abtreten. Es könnte die Araber beleidigen, wenn sie mit ihnen in einem Raume sein müssen.«

Als der Scheik wieder erschienen war, dauerte es nicht lange, so versammelten sich die Geladenen. Es waren ihrer so viele, daß das Zelt wirklich voll wurde. Sie lagerten sich je nach ihrem Range im Kreise herum, während der Scheik zwischen mir und dem Engländer in der Mitte saß. Bald ward auch das Mahl von den Sklavinnen in das Zelt gebracht und von einigen Beduinen aufgetragen.

Zunächst wurde ein Sufrah vor uns hingelegt. Dies ist eine Art Tischtuch von gegerbtem Leder, das an seinem Rande mit farbigen Streifen, Fransen und Verzierungen versehen ist. Es enthält zugleich eine Anzahl von Taschen und kann, wenn es zusammengelegt worden ist, als Vorratstasche für Speisewaren benützt werden. Dann wurde der Kaffee gebracht. Für jetzt erhielt jeder Geladene nur ein kleines Täßchen voll dieses Getränkes. Dann kam eine Schüssel mit Salatah. Dies ist ein sehr erfrischendes Gericht und besteht aus geronnener Milch mit Gurkenschnittchen, die etwas gesalzen und gepfeffert sind. Zugleich wurde ein Topf vor den Scheik gesetzt. Er enthielt frisches Wasser, aus welchem die Hälse von drei Flaschen ragten. Zwei von ihnen enthielten, wie ich bald merkte, Araki, und die dritte war mit einer wohlriechenden Flüssigkeit gefüllt, mit welcher uns der Herr nach jedem Gange bespritzte.

Nun kam ein ungeheurer Napf voll flüssiger Butter. Sie wird hier Samn genannt und von den Arabern sowohl als Einleitung und Nachtisch, als auch zu jeder andern Zeit mit Vorliebe gegessen und getrunken. Dann wurden kleine Körbchen mit Datteln vorgesetzt. Ich erkannte die köstliche, flach gedrückte El Schelebi, welche etwa so verpackt wird, wie bei uns die Feige oder die Prunelle. Sie ist ungefähr zwei Zoll lang, kleinkernig und von ebenso herrlichem Geruch wie Geschmack. Dann sah ich die seltene Adschwa, welche niemals in den Handel kommt; denn der Prophet hat von ihr gesagt: Wer das Fasten durch den täglichen Genuß von sechs oder sieben Adschwa bricht, der braucht weder Gift noch Zauber zu fürchten. – Auch die Hilwah, die süßeste, die Dschuseirijeh, die grünste, und El Birni und El Seihani waren vertreten. Für die minder vornehmen Gäste waren Balah, am Baume getrocknete Datteln, nebst Dschebeli und Hylajeh vorhanden. Auch Kelladat el Scham, syrische Halsbänder, lagen da. Dies sind Datteln, welche man in noch unreifem Zustande in siedendes Wasser taucht, damit sie ihre gelbe Farbe behalten sollen; dann reiht man sie auf eine Schnur und läßt sie in der Sonne trocknen.

Nach den Datteln trug man ein Gefäß mit Kunafah, d¨ i¨ mit Zucker bestreute Nudeln, auf. Nun hob der Wirt die Hände empor.

»Bismillah!« rief er und gab damit das Zeichen zum Beginn des Mahles.

Er langte mit den Fingern in die einzelnen Näpfe, Schüsseln und Körbe und steckte erst mir, dann dem Engländer dasjenige, was er für das Beste hielt, in den Mund. Ich hätte allerdings lieber meine eigenen Finger gebraucht, aber ich mußte ihn gewähren lassen, da ich ihn sonst unverzeihlich beleidigt hätte. Master Lindsay aber zog, als er die erste Nudel in den Mund gestopft erhielt, diesen seinen Mund nach seiner bekannten Weise in ein Trapezoid und machte ihn nicht eher wieder zu, als bis ich ihn aufmerksam machte:

»Eßt, Sir, wenn Ihr diese Leute nicht tödlich beleidigen wollt!«

Er klappte den Mund zu, schluckte den Bissen hinunter und meinte dann, natürlich in englischer Sprache:

»Brr! Ich habe doch Messer und Gabel in meinem Besteck bei mir!«

»Laßt sie stecken! Wir müssen uns nach der Sitte des Landes richten.«

»Schauderhaft!«

»Was sagt dieser Mann?« fragte der Scheik.

»Er ist ganz entzückt über dein Wohlwollen.«

»O, ich liebe euch!«

Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in die saure Milch und klebte dem ehrenwerten Master Englishman eine Portion unter die lange Nase. Der so Beglückte schnaubte einige Male, um sich Luft und Mut zu machen, und versuchte dann, die Gabe des Wohlwollens mittels seiner Zunge von dem unteren Teile seines Angesichtes hinweg in das Innere derjenigen Oeffnung zu bringen, welche der Vorhof des Verdauungsapparates genannt werden muß.

»Schrecklich!« lamentierte er dann. »Muß ich das wirklich leiden?«

»Ja.«

»Ohne Gegenwehr?«

»Ohne! Aber rächen könnt Ihr Euch.«

»Wie so?«

»Paßt auf, wie ich es mache, und tut dann ebenso!«

Ich langte in die Nudeln und steckte dem Scheik eine Portion davon in den Mund. Er hatte sie noch nicht verschluckt, so griff David Lindsay in die flüssige Butter und langte ihm eine Handvoll zu. Was ich von dem Scheik als einem Moslem nicht erwartet hatte, das geschah; er nahm die Gabe eines Ungläubigen ohne Sträuben an. Jedenfalls behielt er sich vor, sich später zu waschen und durch ein längeres oder kürzeres Fasten sich von dem Vergehen wieder zu reinigen.

Während wir beide auf diese Weise von dem Scheik gespeist wurden, teilte ich meine Gaben reichlich unter die andern aus. Sie hielten das für eine große Bevorzugung durch mich und boten mir den Mund mit sichtbarem Vergnügen dar. Bald war von dem Vorhandenen nichts mehr zu sehen.

Nun klatschte der Scheik laut in die Hände. Man brachte eine Sini. Das ist eine sehr große, mit Zeichnungen und Inschriften versehene Schüssel von fast sechs Fuß im Umfange. Sie war gefüllt mit Birgani, einem Gemenge von Reis und Hammelfleisch, welches in zerlassener Butter schwamm. Dann kam ein Warah Maschi, ein stark gewürztes Ragout aus Hammelschnitten, nachher Kebab, kleine, auf spitze Holzstäbchen gespießte Bratenstückchen, dann Kima, gekochtes Fleisch, eingelegte Granaten, Aepfel und Quitten und endlich Raha, ein Zuckerwerk von der Art, wie auch wir es in verschiedenen Sorten beim Nachtisch zu naschen pflegen.

Endlich? O nein! Denn als ich das Mahl beendet glaubte, wurde noch das Hauptstück desselben gebracht: ein Hammel, ganz am Spieße gebraten. Ich konnte nicht mehr essen.

»El Hamd ul illah!« rief ich daher, steckte meine Hände in den Wassertopf und trocknete sie mir an meinem Gewande ab.

Das war das Zeichen, daß ich nicht mehr essen würde. Der Morgenländer kennt bei Tafel das sogenannte lästige »Nötigen« nicht. Wer sein »El Hamd« gesagt hat, wird nicht weiter beachtet. Das bemerkte der Engländer.

»El Hamdillah!« rief auch er, fuhr mit der Hand in das Wasser und – betrachtete sie dann sehr verlegen.

Der Scheik bemerkte das und hielt ihm sein Haïk entgegen.

»Sage deinem Freunde,« meinte er zu mir, »daß er seine Hände an meinem Kleide trocknen möge. Die Engländer verstehen wohl nicht viel von Reinlichkeit, denn sie haben nicht einmal ein Gewand, an welchem sie sich abtrocknen können.«

Ich gab Lindsay das Anerbieten des Scheik zu verstehen, und er machte hierauf den ausgiebigsten Gebrauch davon.

Nun wurde von dem Araki gekostet, und dann ward einem jeden der Kaffee und eine Pfeife gereicht. Nun erst begann der Scheik, mich den Seinen vorzustellen:

»Ihr Männer vom Stamme der Haddedihn el Schammar, dieser Mann ist ein großer Emir und Hadschi aus dem Lande der Uëlad German; sein Name lautet – —«

»Hadschi Kara Ben Nemsi.« fiel ich ihm in die Rede.

»Ja, sein Name lautet Emir Hadschi Kara Ben Nemsi; er ist der größte Krieger seines Landes und der weiseste Taleb seines Volkes. Er hat den Brunnen Zem-Zem bei sich und geht in alle Länder, um Abenteuer zu suchen. Wißt ihr nun, was er ist? Ein Dschihad145 ist er. Laßt uns sehen, ob es ihm gefällt, mit uns gegen unsere Feinde zu ziehen!«

Das brachte mich in eine ganz eigentümliche, unerwartete Lage. Was sollte ich antworten? Denn eine Antwort erwarteten alle von mir, das war ihren auf mich gerichteten Blicken anzusehen. Ich entschloß mich kurz:

»Ich kämpfe für alles Rechte und Gute gegen alles, was unrecht und falsch ist. Mein Arm gehört euch; vorher aber muß ich diesen Mann, meinen Freund, dahin bringen, wohin ihn zu geleiten ich versprochen habe.«

»Wohin ist das?«

»Das muß ich euch erklären. Vor mehreren tausend Jahren lebte in diesem Lande ein Volk, welches große Städte und herrliche Paläste besaß. Das Volk ist untergegangen, und seine Städte und Paläste liegen verschüttet unter der Erde. Wer in die Tiefe gräbt, der kann sehen und lernen, wie es vor Jahrtausenden gewesen ist, und das will mein Freund tun. Er will in der Erde suchen nach alten Zeichen und Schriften, um sie zu enträtseln und zu lesen – – —«

»Und nach Gold, um es mitzunehmen,« fiel der Scheik ein.

»Nein,« antwortete ich. »Er ist reich; er hat Gold und Silber, so viel er braucht. Er sucht nur Schriften und Bilder; alles andere will er den Bewohnern dieses Landes lassen.«

»Und was sollst du dabei tun?«

»Ich soll ihn an eine Stelle führen, an der er findet, was er sucht.«

»Dazu braucht er dich nicht, und du kannst immerhin mit uns in den Kampf ziehen. Wir selbst werden ihm genug solche Stellen zeigen. Das ganze Land ist voller Ruinen und Trümmer.«

»Aber es kann niemand mit ihm sprechen, wenn ich nicht bei ihm bin. Ihr versteht nicht seine Sprache, und er kennt nicht die eurige.«

»So mag er zuvor mit uns in den Kampf ziehen, und dann werden wir euch viele Orte zeigen, wo ihr Schriften und Bilder finden könnt.«

Lindsay merkte, daß von ihm die Rede war.

»Was sagen sie?« fragte er mich.

»Sie fragen mich, was Ihr in diesem Lande wollt.«

»Habt Ihr es ihnen gesagt, Sir?«

»Ja.«

»Daß ich Fowling-bulls ausgraben will?«

»Ja.«

»Nun?«

»Sie wollen, ich soll nicht bei Euch bleiben.«

»Was sonst machen?«

»Mit ihnen in den Kampf ziehen. Sie halten mich für einen großen Helden.«

»Hm! Wo finde ich Fowling-bulls?«

»Sie wollen Euch solche zeigen.«

»Ah! Aber ich verstehe diese Leute nicht!«

»Das habe ich ihnen gesagt.«

»Was geantwortet?«

»Ihr sollt mit in den Kampf ziehen, und dann wollen sie uns zeigen, wo Inschriften und dergleichen zu finden sind.«

»Well! Wir ziehen mit ihnen!«

»Das geht ja nicht!«

»Warum nicht?«

»Wir gefährden uns dabei. Was gehen uns die Feindseligkeiten anderer an?«

»Nichts. Aber eben darum können wir gehen, mit wem wir wollen.«

»Das ist sehr zu überlegen.«

»Fürchtet Ihr Euch, Sir?«

»Nein.«

»Ich dachte! Also mitziehen! Sagt es ihnen!«

»Ihr werdet Euch noch anders besinnen.«

»Nein!«

Er drehte sich auf die Seite, und das war ein untrügliches Zeichen, daß er sein letztes Wort gesagt habe. Ich wandte mich also wieder an den Scheik:

»Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich für alles Rechte und Gute kämpfe. Ist eure Sache recht und gut?«

»Soll ich sie dir erzählen?«

»Ja.«

»Hast du von dem Stamme der Dschehesch gehört?«

»Ja. Es ist ein treuloser Stamm. Er verbindet sich sehr oft mit den Abu Salman und den Tai-Arabern, um die Nachbarstämme zu berauben.«

»Du weißt es. Er fiel über den meinigen her und raubte uns mehrere Herden; wir aber eilten ihm nach und nahmen ihm alles wieder. Nun hat uns der Scheik der Dschehesch beim Gouverneur verklagt und ihn bestochen. Dieser schickte zu mir und entbot mich mit den vornehmsten Kriegern meines Stammes zu einer Besprechung nach Mossul. Ich hatte eine Wunde erhalten und konnte weder reiten noch gehen. Darum sandte ich meinen Sohn mit fünfzehn Kriegern zu ihm. Er war treulos, nahm sie gefangen und schickte sie an einen Ort, den ich noch nicht erfahren habe.«

»Hast du dich nach ihnen erkundigt?«

»Ja, aber ohne Erfolg, da kein Mann meines Stammes sich nach Mossul wagen kann. Die Stämme der Schammar waren entrüstet über diesen Verrat und töteten einige Soldaten des Gouverneurs. Nun rüstet er gegen sie und hat zugleich die Obeïde, die Abu Hammed und die Dschowari gegen mich gehetzt, obgleich sie nicht unter seine Hoheit, sondern nach Bagdad gehören.«

»Wo lagern deine Feinde?«

»Sie rüsten erst.«

»Willst du dich nicht mit den andern Schammarstämmen vereinigen?«

»Wo sollten da unsere Herden Weide finden?«

»Du hast recht. Ihr wollt euch teilen und den Gouverneur in die Wüste locken, um ihn zu verderben?«

»So ist es, er mit seinem Heere kann den Schammar nichts tun. Anders aber ist es mit meinen Feinden; sie sind Araber; ich darf sie nicht bis zu meinen Weideplätzen kommen lassen.«

»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?«

»Elfhundert.«

»Und deine Gegner?«

»Mehr als dreimal so viel.«

»Wie lange dauert es, die Krieger deines Stammes zu versammeln?«

»Einen Tag.«

»Wo haben die Obeïde ihr Lager?«

»Am untern Laufe des Zab-asfal.«

»Und die Abu Hammed?«

»In der Nähe von El Fattha, an der Stelle, wo der Tigris durch die Hamrinberge bricht.«

»Auf welcher Seite?«

»Auf beiden.«

»Und die Dschowari?«

»Zwischen dem Dschebel Kernina und dem rechten Ufer des Tigris.«

»Hast du Kundschafter ausgesandt?«

»Nein.«

»Das hättest du tun sollen.«

»Es geht nicht. Jeder Schammar ist sofort zu erkennen, und wäre verloren, wenn man ihm begegnete. Aber – – —«

Er hielt inne und blickte mich forschend an. Dann fuhr er fort:

»Emir, du bist wirklich der Freund von Malek, dem Ateïbeh?«

»Ja.«

»Und auch unser Freund?«

»Ja.«

»Komm mit mir; ich werde dir etwas zeigen!«

Er verließ das Zelt. Ich folgte ihm mit dem Engländer und allen anwesenden Arabern. Neben dem großen Zelte hatte man während unseres Mahles ein kleineres für die beiden Diener aufgeschlagen, und im Vorübergehen bemerkte ich, daß man auch sie mit Speise und Trank bedacht hatte. Außerhalb des Zeltkreises standen die Pferde des Scheik angebunden; zu ihnen führte er mich. Sie waren alle ausgezeichnet, zwei aber entzückten mich förmlich. Eines war eine junge Schimmelstute, das schönste Geschöpf, welches ich jemals gesehen hatte. Ihre Ohren waren lang, dünn und durchscheinend, die Nasenlöcher hoch, aufgeblasen und tief rot, Mähne und Schweif wie Seide.

»Herrlich!« rief ich unwillkürlich.

»Sage: Masch Allah!« bat mich der Scheik.

Der Araber ist nämlich in Beziehung auf das sogenannte »Beschreien« sehr abergläubisch. Wem irgend etwas sehr gefällt, der hat »Masch Allah« zu sagen, wenn er nicht sehr anstoßen will.

»Masch Allah!« antwortete ich.

»Glaubst du, daß ich auf dieser Stute den wilden Esel des Sindschar müde gejagt habe, bis er zusammenbrach?«

»Unmöglich!«

»Bei Allah, es ist wahr! Ihr könnt es bezeugen!«

»Wir bezeugen es!« riefen die Araber wie aus einem Munde.

»Diese Stute geht nur mit meinem Leben von mir,« erklärte der Scheik. »Welches Pferd gefällt dir noch?«

»Dieser Hengst. Siehe diese Gliederung, diese Symmetrie, diesen Adel und diese wunderseltene Färbung, ein Schwarz, welches in das Blau übergeht!«

»Das ist noch nicht alles. Der Hengst hat die drei höchsten Tugenden eines guten Pferdes.«

»Welche?«

»Schnellfüßigkeit, Mut und einen langen Atem.«

»An welchen Zeichen erkennst du dies?«

»Die Haare wirbeln sich an der Kruppe: das zeigt, daß er schnellfüßig ist; sie wirbeln sich am Beginn der Mähne: das zeigt, daß er einen langen Atem hat, und sie wirbeln sich ihm in der Mitte der Stirne: das zeigt, daß er einen feurigen, stolzen Mut besitzt. Er läßt seinen Reiter nie im Stich und trägt ihn durch tausend Feinde. Hast du einmal ein solches Pferd besessen?«

»Ja.«

»Ah! So bist du ein sehr reicher Mann.«

»Es kostete mich nichts – es war ein Mustang.«

»Was ist ein Mustang?«

»Ein wildes Pferd, welches man sich erst einfangen und zähmen muß.«

»Würdest du diesen Rapphengst kaufen, wenn ich wollte und wenn du könntest?«

»Ich würde ihn auf der Stelle kaufen.«

»Du kannst ihn dir verdienen!«

»Ah! Unmöglich!«

»Ja. Du kannst ihn zum Geschenk erhalten.«

»Unter welcher Bedingung?«

»Wenn du uns sichere Kundschaft bringst, wo die Obeïde, Abu Hammed und Dschowari sich vereinigen werden.«

Beinahe hätte ich ein »Juchhei!« hinausgejubelt. Der Preis war hoch, aber das Roß war noch mehr wert. Ich besann mich nicht lange und fragte:

»Bis wann verlangst du diese Nachricht?«

»Bis du sie bringen kannst.«

»Und wann erhalte ich das Pferd?«

»Wenn du zurückgekehrt bist.«

»Du hast recht; ich kann es nicht eher verlangen; aber dann kann ich deinen Auftrag auch nicht ausführen.«

»Warum?«

»Weil vielleicht alles darauf ankommt, daß ich ein Pferd reite, auf welches ich mich in jeder Beziehung verlassen kann.«

Er blickte zu Boden.

»Weißt du, daß bei einem solchen Vorhaben der Hengst sehr leicht verloren gehen kann?«

»Ich weiß es; es kommt auch auf den Reiter an. Aber wenn ich ein solches Pferd unter mir habe, so wüßte ich keinen Menschen, der mich oder das Tier fangen könnte.«

»Reitest du so gut?«

»Ich reite nicht so wie ihr; ich müßte das Pferd eines Schammar erst an mich gewöhnen.«

»So sind wir dir überlegen!«

»Ueberlegen? Seid ihr gute Schützen?«

»Wir schießen im Galopp die Taube vom Zelte.«

»Gut. Leihe mir den Hengst und schicke zehn Krieger hinter mir her. Ich werde mich nicht auf tausend Lanzenlängen von deinem Lager entfernen und gebe ihnen die Erlaubnis, auf mich zu schießen, so oft es ihnen beliebt. Sie werden mich nicht fangen und auch nicht treffen.«

»Du sprichst im Scherze, Emir!«

»Ich rede im Ernste.«

»Und wenn ich dich beim Wort nehme?«

»Gut!«

Die Augen der Araber leuchteten vor Vergnügen. Gewiß war ein jeder von ihnen ein vortrefflicher Reiter; sie brannten vor Verlangen, daß der Scheik auf mein Anerbieten eingehen werde.

Dieser aber blickte sehr unschlüssig vor sich nieder.

»Ich weiß, welcher Gedanke dein Herz bewegt, o Scheik,« sagte ich ihm. »Sieh mich an! Trennt ein Mann sich von solchen Waffen, wie ich sie trage?«

»Nie!«

Ich entledigte mich derselben und legte sie vor ihm nieder.

»Sieh, hier lege ich sie dir zu Füßen, als Pfand, daß ich nicht gekommen bin, dir den Hengst zu rauben; und wenn dies noch nicht genug ist, so sei mein Wort und auch hier mein Freund dir Pfand.«

Jetzt lächelte er beruhigt.

»Es sei, also zehn Mann?«

»Ja, auch zwölf oder fünfzehn.«

»Die auf dich schießen dürfen?«

»Ja. Wenn ich erschossen werde, wird sie kein Vorwurf treffen. Wähle deine besten Reiter und Schützen aus!«

»Du bist tollkühn, Emir!«

»Das glaubst du nur.«

»Sie haben sich nur hinter dir zu halten?«

»Sie können reiten, wie und wohin sie wollen, um mich zu fangen oder mit ihrer Kugel zu treffen.«

»Allah kerihm, so bist du bereits jetzt schon ein toter Mann!«

»Aber sobald ich hier an diesem Orte halten bleibe, ist das Spiel zu Ende!«

»Wohl, du willst es nicht anders. Ich werde meine Stute reiten, um alles sehen zu können.«

»Erlaube mir zuvor, den Hengst zu probieren!«

»Tue es!«

Ich saß auf, und während der Scheik diejenigen bestimmte, welche mich fangen sollten, merkte ich, daß ich mich auf den Hengst ganz und gar verlassen konnte. Dann sprang ich wieder ab und entfernte den Sattel. Das stolze Tier merkte, daß etwas Ungewöhnliches im Gange sei; seine Augen funkelten, seine Mähne hob sich, und seine Füßchen gingen wie die Füße einer Tänzerin, welche versuchen will, ob das Parkett des Saales »wichsig« genug zum Kontre sei. Ich schlang ihm einen Riemen um den Hals und knüpfte eine Schlinge an die eine Seite des fest angezogenen Bauchgurtes.

»Du entferntest den Sattel?« fragte der Scheik. »Wozu diese Riemen?«

»Das wirst du sehr bald sehen. Hast du die Wahl unter deinen Kriegern getroffen?«

»Ja; hier sind zehn!«

Sie saßen bereits auf ihren Pferden; ebenso stiegen alle Araber auf, welche sich in der Nähe befanden.

»So mag es beginnen. Seht ihr das einzelne Zelt, sechshundert Schritte von hier?«

»Wir sehen es.«

»Sobald ich es erreicht habe, könnt ihr auf mich schießen; auch sollt ihr mir gar keinen Vorsprung lassen. Vorwärts!«

Ich sprang auf – der Hengst schoß wie ein Pfeil davon. Die Araber folgten ihm hart auf den Hufen. Es war ein Prachtpferd. Noch hatte ich die Hälfte der angegebenen Entfernung nicht zurückgelegt, als der vorderste Verfolger bereits um fünfzig Schritte zurückgeblieben war.

Jetzt bog ich mich nieder, um den Arm in den Halsriemen und das Bein in die Schlinge zu stecken. Kurz vor dem angegebenen Zelte blickte ich mich um; alle zehn hielten ihre langen Flinten oder ihre Pistolen schußfertig. Jetzt warf ich das Pferd in einem rechten Winkel herum. Einer der Verfolger parierte sein Pferd mit jener Sicherheit, wie es nur ein Araber zustande bringt; es stand, als sei es aus Erz gegossen. Er hob die Flinte empor; der Schuß krachte.

»Allah il Allah, ïa Allah, Wallah, Tallah!« rief es.

Sie glaubten, ich sei getroffen, denn ich war nicht mehr zu sehen. Ich hatte mich nach Art der Indianer vom Pferde geworfen und hing nun mittels des Riemens und der Schlinge an derjenigen Seite desselben, welche den Verfolgern abgewendet war. Ein Blick unter dem Halse des Rappen hindurch überzeugte mich, daß niemand mehr ziele, und sofort richtete ich mich wieder im Sattel empor, drückte das Pferd wieder nach rechts hinüber und jagte weiter.

»Allah akbar, Maschallah, Allah il Allah!« brauste es hinter mir. Die guten Leute konnten sich die Sache noch nicht erklären.

Sie vermehrten ihre Schnelligkeit und hoben ihre Flinten wieder empor. Ich zog den Rappen nach links, warf mich wieder ab und ritt in einem spitzen Winkel an ihrer Flanke vorüber. Sie konnten nicht schießen, wenn sie nicht das Pferd treffen wollten. Trotzdem die Jagd gefährlich aussah, war sie bei der Vortrefflichkeit meines Pferdes doch nur wie das Kinderhaschen, welches ich Indianern gegenüber allerdings nicht hätte wagen dürfen. Wir jagten einigemal um das außerordentlich ausgedehnte Lager herum; dann galoppierte ich, immer an der Seite des Pferdes hangend, mitten zwischen den Verfolgern hindurch, nach dem Orte, an welchem der Ritt begonnen hatte.

Als ich abstieg, zeigte der Rappe nicht eine Spur von Schweiß oder Schaum. Er war wirklich kaum mit Geld zu bezahlen. Nach und nach kamen auch die Verfolger an. Es waren im ganzen fünf Schüsse auf mich gefallen, natürlich aber hatte keiner getroffen. Der alte Scheik faßte mich bei der Hand.

»Hamdullillah! Preis sei Allah, daß du nicht verwundet bist! Ich habe Angst um dich gehabt. Es gibt im ganzen Stamm El Schammar keinen solchen Reiter, wie du bist!«

»Du irrst. Es gibt in deinem Stamme sehr viele, welche besser reiten als ich, viel besser; aber sie haben es nicht gewußt, daß sich der Reiter hinter seinem Pferde verbergen kann. Wenn ich von keiner Kugel und von keinem Manne erreicht wurde, so habe ich es nicht mir, sondern diesem Pferde zu danken. Aber, erlaubst du vielleicht, daß wir das Spiel einmal verändern?«

»Wie?«

»Es soll so bleiben, wie vorhin, nur mit dem Unterschiede, daß ich auch ein Gewehr zu mir nehmen und auf diese zehn Männer schießen kann.«

»Allah kerihm, Allah ist gnädig; er verhüte ein solches Unglück, denn du würdest sie alle vom Pferde schießen!«

»So glaubst du nun wohl, daß ich mich weder vor den Obeïde noch vor den Abu Hammed und den Dschowari fürchte, wenn ich diesen Hengst unter mir habe?«

»Emir, ich glaube es.« – Er rang sichtlich mit einem Entschlusse, dann aber setzte er hinzu: »Du bist Hadschi Kara Ben Nemsi, der Freund meines Freundes Malek, und ich vertraue dir. Nimm den Hengst und reite gegen Morgen. Bringst du mir keine Botschaft, so bleibt er mein; bringst du mir aber genügende Kunde, so ist er dein. Dann werde ich dir auch sein Geheimnis sagen.«

Jedes arabische Pferd nämlich hat, wenn es besser als mittelmäßig ist, sein Geheimnis: das heißt: es ist auf ein gewisses Zeichen eingeübt, auf welches es den höchsten Grad seiner Schnelligkeit entwickelt und dieselbe nicht eher mindert, als bis es entweder zusammenbricht oder von seinem Reiter angehalten wird. Dieser Reiter verrät das geheime Zeichen selbst seinem Freunde, seinem Vater oder Bruder, seinem Sohne und seinem Weibe nicht und wendet es erst dann an, wenn er sich in der allergrößten Todesgefahr befindet.

»Erst dann?« antwortete ich. »Kann nicht der Fall eintreten, daß nur das Geheimnis mich und das Pferd zu retten vermag?«

»Du hast recht; aber du bist noch nicht der Besitzer des Rappen.«

»Ich werde es!« rief ich zuversichtlich. »Und sollte ich es nicht werden, so wird das Geheimnis in mir vergraben sein, daß keine Seele es erfahren kann.«

»So komm!«

Er führte mich auf die Seite und flüsterte mir zu:

»Wenn der Rappe fliegen soll wie der Falke in den Lüften, so lege ihm die Hand leicht zwischen die Ohren und rufe laut das Wort »Rih«!«

»Rih, das heißt Wind.«

»Ja, Rih, das ist der Name des Pferdes, denn es ist noch schneller als der Wind; es ist so schnell wie der Sturm.«

»Ich danke dir, Scheik. Ich werde deine Botschaft so gut ausführen, als ob ich ein Sohn der Haddedihn oder als ob ich du selbst wäre. Wann soll ich reiten?«

»Morgen mit Anbruch des Tages, wenn es dir beliebt.«

»Welche Datteln nehme ich mit für den Rappen?«

»Er frißt nur Balahat. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie ein so kostbares Pferd zu behandeln ist?«

»Nein.«

»Schlafe heute auf seinem Leibe und sage ihm die hundertste Sure, welche von den schnelleilenden Rossen handelt, in die Nüstern, so wird es dich lieben und dir gehorchen bis zum letzten Atemzuge. Kennst du diese Sure?«

»Ja.«

»Sage sie her!«

Er war wirklich sehr besorgt um mich und sein Pferd. Ich gehorchte seinem Willen:

»Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen! Bei den schnelleilenden Rossen mit lärmendem Schnauben, und bei denen, welche stampfend Feuerfunken sprühen, und bei denen, die wetteifernd des Morgens früh auf den Feind einstürmen, die den Staub aufjagen und die feindlichen Scharen durchbrechen, wahrlich, der Mensch ist undankbar gegen seinen Herrn, und er selbst muß solches bezeugen. Zu unmäßig hängt er der Liebe zu irdischen Gütern an. Weiß er denn nicht, daß dann, wenn alles herausgenommen ist, was in den Gräbern liegt, und an das Licht gebracht wird, was in des Menschen Brust verborgen war, daß dann an diesem Tage der Herr sie vollkommen kennt?«

»Ja, du kannst diese Sure. Ich habe sie dem Rappen tausendmal des Nachts vorgesagt; tue dasselbe, und er wird merken, daß du sein Herr geworden bist. Jetzt aber komm in das Zelt zurück!«

Der Engländer war bisher ein stiller Zuschauer gewesen; nun trat er an meine Seite.

»Warum auf Euch geschossen?«

»Ich wollte ihnen etwas zeigen, was sie noch nicht kennen.«

»Ah, schön, Prachtpferd!«

»Wißt Ihr, Sir, wem es gehört?«

»Dem Scheik!«

»Nein.«

»Wem sonst?«

»Mir.«

»Pah!«

»Mir; wirklich!«

»Sir, mein Name ist David Lindsay, und ich lasse mir nichts weismachen; merkt Euch das!«

»Gut, so behalte ich alles andere für mich!«

»Was?«

»Daß ich Euch morgen früh verlasse.«

»Warum?«

»Um auf Kundschaft auszureiten. Von der Feindseligkeit wißt Ihr bereits. Ich soll zu erkunden suchen, wann und wo die feindlichen Stämme zusammentreffen, und dafür bekomme ich, wenn es mir gelingt, eben diesen Rappen geschenkt.«

»Glückskind! Werde mitreiten, mithorchen, mitkundschaftern!«

»Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Ihr könnt mir nichts nützen, sondern nur schaden. Eure Kleidung – – —«

»Pah, ziehe mich als Araber an!«

»Ohne ein Wort Arabisch zu verstehen?«

»Richtig! Wie lange ausbleiben?«

»Weiß noch nicht. Einige Tage. Ich muß weit über den kleinen Zab hinunter, und der ist ziemlich weit von hier.«

»Böser Weg! Schlechtes Volk von Arabern!«

»Werde mich in acht nehmen.«

»Werde dableiben, wenn mir einen Gefallen tun.«

»Welchen?«

»Nicht bloß nach Beduinen forschen.«

»Nach wem sonst noch?«

»Nach schönen Ruinen. Muß nachgraben, Fowling-bull finden, nach London ins Museum schicken!«

»Werde es tun, verlaßt Euch darauf!«

»Well! Fertig; eintreten!«

Wir nahmen unsere früheren Plätze im Zelte ein und verbrachten den Rest des Tages mit allerlei Erzählungen, wie sie der Araber liebt. Am Abend wurde Musik gemacht und gesungen, wobei es nur zwei Instrumente gab: die Rubabah, eine Art Zither mit nur einer Saite, und die Tabl, eine kleine Pauke, welche aber doch im Verhältnis zu den leisen, einförmigen Tönen der Rubabah einen ganz entsetzlichen Lärm machte. Dann wurde das Nachtgebet gesprochen, und wir gingen zur Ruhe.

Der Engländer schlief in dem Zelte des Scheik; ich aber ging zu dem Hengste, welcher auf der Erde lag, und nahm Platz zwischen seinen Füßen. Habe ich ihm die hundertste Sure wirklich in die Nüstern gesagt? Versteht sich! Dabei hat mich nicht etwa der Aberglaube geleitet, bewahre! Das Pferd war an diesen Vorgang gewöhnt; wir wurden also durch denselben schnell vertraut miteinander, und indem ich beim Rezitieren der Worte hart an seinen Nüstern atmete, lernte es, wie man sich auszudrücken pflegt, die Witterung seines neuen Gebieters kennen. Ich lag zwischen seinen Füßen, wie ein Kind zwischen den Beinen eines treuen, verständigen Neufundländers. Als der Tag eben graute, öffnete sich das Zelt des Scheik, und der Engländer trat heraus.

»Geschlafen, Sir?« fragte er.

»Ja.«

»Ich nicht.«

»Warum?«

»Sehr lebendig im Zelte.«

»Die Schläfer?«

»Nein.«

»Wer sonst?«

»Die Fleas, Lice und Gnats!«

Wer englisch versteht, weiß, wen oder was er meinte; ich mußte lachen.

»An solche Dinge werdet Ihr Euch bald gewöhnen, Sir!« tröstete ich ihn.

»Nie. Konnte auch nicht schlafen, weil ich an Euch dachte.«

»Warum?«

»Konntet fortreiten, ohne mich noch zu sprechen.«

»Ich hätte auf jeden Fall Abschied von Euch genommen.«

»Wäre vielleicht zu spät gewesen.«

»Warum?«

»Habe Euch viel zu fragen.«

»So fragt einmal zu!«

Ich hatte ihm schon im Laufe des verflossenen Abends allerlei Auskunft erteilen müssen; jetzt zog er sein Notizbuch hervor.

»Werde mich führen lassen an Ruinen. Muß arabisch reden. Mir sagen verschiedenes. Was heißt Freund?«

»Aschab.«

»Feind?«

»Kiman.«

»Muß bezahlen. Was heißt Dollar?«

»Rijahl fransch.«

»Was heißt Geldbeutel?«

»Surrah.«

»Werde Steine graben. Was heißt Stein?«

»Hadschar und auch Hadschr oder Chadschr.«

So fragte er mich nach einigen hundert Wörtern, die er sich alle notierte. Dann wurde es im Lager rege, und ich mußte in das Zelt des Scheik kommen, um das Sahur, das Frühmahl, einzunehmen.

Dabei wurde noch vieles beraten; dann nahm ich Abschied, stieg zu Pferde und verließ den Ort, an den ich vielleicht niemals wieder zurückkehren sollte.

Neuntes Kapitel: Auf Kundschaft

Ich hatte mir vorgenommen, zunächst den südlichsten Stamm, die Dschowari, aufzusuchen. Der beste Weg zu ihnen wäre gewesen, dem Thatharflusse zu folgen, der fast stets parallel mit dem Tigris fließt; leider aber war sehr zu vermuten, daß just an seinen Ufern die Obeïde ihre Herden weideten, und so hielt ich mich weiter westlich. Ich hatte mich so einzurichten, daß ich etwa eine Meile oberhalb Tekrit den Tigris erreichte; dann traf ich sicher auf den gesuchten Stamm.

Mit Proviant war ich reichlich versehen; Wasser brauchte ich für mein Pferd nicht, da der Pflanzenwuchs im vollen Safte stand. Und so hatte ich weiter keine Sorge, als die Richtung beizubehalten und jede feindliche Begegnung zu vermeiden. Für das erstere hatte ich den Ortssinn, die Sonne und den Kompaß, und für das letztere das Fernrohr, mit dessen Hilfe ich alles erkennen konnte, bevor ich selbst gesehen wurde.

Der Tag verging ohne irgend ein Abenteuer, und am Abend legte ich mich hinter einem einsamen Felsen zur Ruhe. Bevor ich einschlief, kam mir der Gedanke, ob es nicht vielleicht besser sei, ganz bis Tekrit zu reiten, da ich dort ja ohne Aufsehen vieles erfahren konnte, was mir zu wissen notwendig war. Es war dies ein sehr überflüssiges Ueberlegen, wie ich am andern Morgen sehen sollte. Ich hatte nämlich sehr fest geschlafen und erwachte durch das warnende Schnauben meines Pferdes. Als ich aufblickte, sah ich fünf Reiter von Norden her grade auf die Stelle zukommen, an welcher ich mich befand. Sie waren so nahe, daß sie mich bereits gesehen hatten. Flucht lag nicht in meinem Sinne, obgleich mich der Rappe wohl schnell davongetragen hätte. Ich erhob mich also, saß auf, um für alles gerüstet zu sein, und nahm den Stutzen nachlässig zur Hand.

Sie kamen im Galopp herbei und parierten ihre Pferde einige Schritte vor mir. Da in ihren Mienen nicht die geringste Feindseligkeit zu finden war, konnte ich mich einstweilen beruhigen.

»Sallam aaleïkum!« grüßte mich der eine.

»Aaleïkum!« antwortete ich.

»Du hast hier diese Nacht geschlafen?«

»So ist es.«

»Hast du kein Zelt, unter welchem du dein Haupt zur Ruhe legen könntest?«

»Nein. Allah hat seine Gaben verschieden ausgeteilt. Dem einen gibt er ein Dach von Filz und dem andern den Himmel zur Decke.«

»Du aber könntest ein Zelt besitzen; hast du doch ein Pferd, welches mehr wert ist, als hundert Zelte.«

»Es ist mein einziges Besitztum.«

»Verkaufst du es?«

»Nein.«

»Du mußt zu einem Stamme gehören, der nicht weit von hier sein Lager hat.«

»Warum?«

»Dein Hengst ist frisch.«

»Und dennoch wohnt mein Stamm viele, viele Tagreisen von hier, weit, weit noch hinter den heiligen Städten im Westen. »

»Wie heißt dein Stamm?«

»Uëlad German.«

»Ja, da drüben im Moghreb sagt man meist Uëlad statt Beni oder Abu. Warum entfernst du dich so weit von deinem Lande?«

»Ich habe Mekka gesehen und will nun auch noch die Duars und Städte sehen, welche gegen Persien liegen, damit ich den Meinen viel erzählen kann, wenn ich heimkehre.«

»Wohin geht zunächst dein Weg?«

»Immer nach Aufgang der Sonne, wohin mich Allah führt.«

»So kannst du mit uns reiten.«

»Wo ist euer Ziel?«

»Oberhalb der Kernina-Klippen, wo unsere Herden am Ufer und auf den Inseln des Tigris weiden.«

Hm! Sollten diese Leute etwa gar Dschowari sein? Sie hatten mich gefragt: es war also nicht unhöflich, wenn auch ich mich erkundigte.

»Welchem Stamme gehören diese Herden?«

»Dem Stamme Abu Mohammed.«

»Sind noch andere Stämme in der Nähe?«

»Ja. Abwärts die Alabeïden, welche dem Scheik von Kernina Tribut bezahlen, und aufwärts die Dschowari.«

»Wem bezahlen diese den Tribut?«

»Man hört es, daß du aus fernen Landen kommst. Die Dschowari zahlen nicht, sondern sie nehmen sich Tribut. Es sind Diebe und Räuber, vor denen unsere Herden keinen Augenblick sicher sind. Komm mit uns, wenn du gegen sie kämpfen willst!«

»Ihr kämpft mit ihnen?«

»Ja. Wir haben uns mit den Alabeïden verbunden. Willst du Taten tun, so kannst du es bei uns lernen. Aber warum schläfst du hier am Hügel des Löwen?«

»Ich kenne diesen Ort nicht. Ich war müde und habe mich zur Ruhe gelegt.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig; du bist ein Liebling Allahs, sonst hätte dich der Würger der Herden zerrissen. Kein Araber möchte hier eine Stunde ruhen, denn an diesem Felsen halten die Löwen ihre Zusammenkünfte.«

»Es gibt hier am Tigris Löwen?«

»Ja, am unteren Laufe des Stromes; weiter oben aber findest du nur den Leopard. Willst du mit uns reiten?«

»Wenn ich euer Gast sein soll.«

»Du bist es. Nimm unsere Hand und laß uns Datteln tauschen!«

Wir legten die flachen Hände ineinander, und dann bekam ich von jedem eine Dattel, die ich aß, während ich fünf andere dafür gab, welche auch aus freier Hand verzehrt wurden. Dann schlugen wir die Richtung nach Südosten ein. Einige Zeit später passierten wir den Thathar, und die ebene Gegend wurde nach und nach bergiger.

Ich lernte in meinen Begleitern fünf ehrliche Nomaden kennen, in deren Herzen kein Falsch zu finden war. Sie hatten zur Feier einer Hochzeit einen befreundeten Stamm besucht und kehrten nun zurück, voll Freude über die Festlichkeiten und Gelage, denen sie beigewohnt hatten.

Das Terrain hob sich mehr und mehr, bis es sich plötzlich wieder senkte. Zur Rechten wurden in weiter Ferne die Ruinen von Alt-Tekrit sichtbar, zur Linken, auch weit entfernt, der Dschebel Kernina, und vor uns breitete sich das Tal des Tigris aus. In einer halben Stunde war der Strom erreicht. Er hatte hier die Breite von wohl einer englischen Meile, und seine Wasser wurden von einer großen, langgestreckten, grün bewachsenen Insel geteilt, auf welcher ich mehrere Zelte erblickte.

»Du gehst mit hinüber. Du wirst unserem Scheik willkommen sein!«

»Wie kommen wir hinüber?«

»Das wirst du gleich sehen, denn wir sind bereits bemerkt worden. Komm weiter aufwärts, wo das Kellek landet.«

Ein Kellek ist ein Floß, welches gewöhnlich zweimal so lang als breit ist. Es besteht aus aufgeblasenen Ziegenfellen, welche durch Querhölzer befestigt sind, über welche Balken oder Bretter gelegt werden, auf denen sich die Last befindet. Das einzige Bindemittel besteht aus Weiden. Regiert wird so ein Floß durch zwei Ruder, deren Riemen aus gespaltenen und wieder zusammengebundenen Bambusstücken gefertigt sind. Ein solches Floß stieß drüben von der Insel ab. Es war so groß, daß es mehr als sechs Reiter tragen konnte, und brachte uns wohlbehalten hinüber.

Wir wurden von einer Menge von Kindern, einigen Hunden und einem alten, ehrwürdig aussehenden Araber bewillkommt, welcher der Vater eines meiner Gefährten war.

»Erlaube, daß ich dich zum Scheik führe,« sagte der bisherige Wortführer.

Auf unserem Wege gesellten sich mehrere Männer zu uns, die sich aber bescheiden hinter uns hielten und mich durch keine Frage belästigten. Ihre Blicke hingen voll Bewunderung an meinem Pferde. Der Weg ging nicht weit. Er endete vor einer ziemlich geräumigen Hütte, welche aus Weidenstämmen gefertigt, mit Bambus gedeckt und von innen mit Matten bekleidet war. Als wir eintraten, erhob sich ein stark und kräftig gebauter Mann von dem Teppiche, auf dem er gesessen hatte. Er war beschäftigt gewesen, sein Scharay146 auf einem Steine zu schärfen.

»Sallam aaleïkum!« grüßte ich.

»Aaleïk!« antwortete er, indem er mich scharf musterte.

»Erlaube mir, o Scheik, dir diesen Mann zu bringen,« bat mein Begleiter. »Er ist ein vornehmer Krieger, so daß ich ihm mein Zelt nicht anzubieten wage.«

»Wen du bringst, der ist mir willkommen,« lautete die Antwort.

Der andere entfernte sich, und der Scheik reichte mir die Hand.

»Setze dich, o Fremdling. Du bist müde und hungrig, du sollst ruhen und essen; erlaube aber zuvor, daß ich nach deinem Pferde sehe!«

Das war ganz das Verhalten eines Arabers: erst das Pferd und dann der Mann. Als er wieder eintrat, sah ich es ihm sofort an, daß ihm der Anblick des Rappen Achtung für mich eingeflößt hatte.

»Du hast ein edles Tier, Masch Allah; möge es dir erhalten bleiben! Ich kenne es.«

Ah, das war allerdings schlimm! Vielleicht aber auch nicht!

»Woher kennst du es?«

»Es ist das beste Roß der Haddedihn.«

»Auch die Haddedihn kennst du?«

»Ich kenne alle Stämme. Aber dich kenne ich nicht.«

»Kennst du den Scheik der Haddedihn?«

»Mohammed Emin?«

»Ja. Von ihm komme ich.«

»Wohin willst du?«

»Zu dir.«

»Er hat dich zu mir gesandt?«

»Nein, und dennoch komme ich als sein Bote zu dir.«

»Ruhe dich erst aus, bevor du erzählst.«

»Ich bin nicht müde, und was ich dir zu sagen habe, ist so wichtig, daß ich es gleich sagen möchte.«

»So sprich!«

»Ich höre, daß die Dschowari deine Feinde sind.«

»Sie sind es,« antwortete er mit finsterer Miene.

»Sie sind auch die meinigen; sie sind auch die Feinde der Haddedihn.«

»Ich weiß es.«

»Weißt du auch, daß sie sich mit den Abu Hammed und Obeïde verbunden haben, die Haddedihn in ihren Weidegründen anzugreifen?«

»Ich weiß es.«

»Ich höre, daß du dich mit den Alabeïden vereinigt hast, sie zu strafen?«

»Ja.«

»So komme ich zu dir, um das Nähere mit dir zu besprechen.«

»So sage ich nochmals: sei mir willkommen! Du wirst dich erquicken und uns nicht eher verlassen, als bis ich meine Aeltesten zusammengerufen habe.«

Nach kaum einer Stunde saßen acht Männer um mich herum und rissen große Fetzen Fleisches von dem Hammel, welcher aufgetragen worden war. Diese acht Männer waren die Aeltesten der Abu Mohammed. Ich erzählte ihnen offen, wie ich zu den Haddedihn gekommen und der Bote ihres Scheik geworden war.

»Was willst du uns für Vorschläge machen?« fragte der Scheik.

»Keine. Ueber eure Häupter sind mehr Jahre gezogen als über mein Haupt. Es ziemt dem Jüngeren nicht, dem Alten die Wege vorzuschreiben.«

»Du sprichst die Sprache der Weisen. Dein Haupt ist noch jung, aber dein Verstand ist alt, sonst hätte Mohammed Emin dich nicht zu seinem Gesandten gemacht. Rede! Wir werden hören und dann entscheiden.«

»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?«

»Neunhundert.«

»Und die Alabeïde?«

»Achthundert.«

»Das sind siebzehnhundert. Genau halb so viel, als die Feinde zusammen zählen.«

»Wie viele Krieger haben die Haddedihn?«

»Elfhundert. Doch auf die Zahl kommt es oftmals weniger an. Wißt ihr vielleicht, wann die Dschowari sich mit den Abu Hammed vereinigen wollen?«

»Am Tage nach dem nächsten Jaum el Dschema147.«

»Weißt du das genau?«

»Wir haben einen treuen Verbündeten unter den Dschowari.«

»Und wo soll diese Vereinigung geschehen?«

»Bei den Ruinen von Khan Kernina.«

»Und dann?«

»Dann werden sich diese beiden Stämme mit den Obeïde vereinigen.«

»Wo?«

»Zwischen dem Wirbel Kelab und dem Ende der Kanuzaberge.«

»Wann?«

»Am dritten Tage nach dem Versammlungstag.«

»Du bist außerordentlich gut unterrichtet. Wohin werden sie sich nachher wenden?«

»Grad nach den Weideplätzen der Haddedihn.«

»Was wolltet ihr tun?«

»Wir wollten die Zelte überfallen, in denen sie ihre Frauen und Kinder zurücklassen, und dann ihre Herden wegführen.«

»Würde dies klug sein?«

»Wir nehmen uns das wieder, was uns geraubt wurde.«

»Ganz richtig. Aber die Haddedihn sind elfhundert, die Feinde aber dreitausend Krieger. Sie hätten gesiegt, wären als Sieger zurückgekehrt und euch nachgejagt, um euch mit dem Raube auch eure jetzige Habe wegzunehmen. Wenn ich unrecht habe, so sagt es.«

»Du hast recht. Wir dachten, die Haddedihn würden durch andere Stämme der Schammar verstärkt werden.«

»Diese Stämme werden vom Gouverneur von Mossul angegriffen.«

»Was rätst du uns? Würde es nicht am besten sein, die Feinde einzeln zu vernichten?«

»Ihr würdet einen Stamm besiegen, und die andern beiden aufmerksam machen. Sie müssen kurz nach ihrer Vereinigung, also bei dem Wirbel El Kelab angegriffen werden. Wenn es euch recht ist, wird Mohammed Emin am dritten Tage nach dem Jaum el Dschema mit seinen Kriegern von den Kanuzabergen herabsteigen und sich auf die Feinde werfen, während ihr sie von Süden angreift und sie somit in den Strudel Kelab getrieben werden.«

Dieser Plan wurde nach längerer Beratung angenommen und dann noch auf das eingehendste besprochen. Darüber war ein großer Teil des Nachmittags vergangen und der Abend rückte heran, so daß ich mich veranlaßt sah, für die Nacht noch zu bleiben. Am andern Morgen aber wurde ich beizeiten wieder an das Ufer gesetzt und ritt denselben Weg zurück, den ich gekommen war.

Meine Aufgabe, die ein so schwieriges Aussehen gehabt hatte, war auf eine so leichte und einfache Weise gelöst worden, daß ich mich fast schämen mußte, es zu erzählen. Der Rappe durfte nicht so billig verdient werden. Was konnte ich aber noch tun? Ja, war es nicht vielleicht besser, den Kampfplatz vorher ein wenig zu studieren? Diesen Gedanken wurde ich nicht wieder los. Ich setzte also gar nicht über den Thathar zurück, sondern ritt an seinem linken Ufer nach Norden hinauf, um die Kanuzaberge zu erreichen. Erst als der Nachmittag beinahe zur Hälfte verflossen war, kam mir der Gedanke, ob nicht das Wadi Dschehennem, wo ich mit dem Engländer die Pferdediebe getroffen hatte, ein Teil dieser Kanuzaberge sei. Ich wußte diese Frage nicht zu beantworten, setzte meinen Weg fort und hielt mich später mehr nach rechts, um in die Nähe des Dschebel Hamrin zu kommen.

Die Sonne war beinahe bis zum Horizont niedergesunken, als ich zwei Reiter bemerkte, welche am westlichen Gesichtskreise erschienen und mit großer Schnelligkeit näher kamen. Als sie mich sahen, hielten sie einen Augenblick an, kamen aber dann auf mich zu. Sollte ich fliehen? Vor zweien? Nein! Ich parierte also mein Pferd und erwartete sie.

Es waren zwei Männer, welche in dem rüstigsten Alter standen. Sie hielten vor mir an.

»Wer bist du?« fragte der eine mit einem lüsternen Blick auf den Rappen.

So eine Anrede war mir unter Arabern noch nicht vorgekommen.

»Ein Fremdling,« antwortete ich kurz.

»Woher kommst du?«

»Von Westen, wie ihr seht.«

»Wohin willst du?«

»Wohin das Kismet mich führt.«

»Komm mit uns. Du sollst unser Gast sein.«

»Ich danke dir. Ich habe bereits einen Gastfreund, der für ein Lager sorgt.«

»Wen?«

»Allah. Lebt wohl!«

Ich war zu sorglos gewesen, denn noch hatte ich mich nicht abgewandt, so langte der eine in den Gürtel, und im nächsten Augenblick flog mir seine Wurfkeule so an den Kopf, daß ich sofort vom Pferde glitt. Zwar dauerte die Betäubung nicht lange, aber die Räuber hatten mich doch unterdessen binden können.

»Sallam aaleïkum,« grüßte jetzt der eine. »Wir waren vorhin nicht höflich genug, und daher war dir unsere Gastfreundschaft nicht angenehm. Wer bist du?«

Ich antwortete natürlich nicht.

»Wer du bist?«

Ich schwieg, trotzdem er seine Frage mit einem Fußtritt begleitete.

»Laß ihn,« meinte der andere. »Allah wird Wunder tun und ihm den Mund öffnen. Soll er reiten oder gehen?«

»Gehen!«

Sie lockerten mir die Riemen um die Beine und banden mich an den Steigbügel des einen Pferdes. Dann nahmen sie meinen Rappen beim Zügel und – fort ging es, scharf nach Osten. Ich war trotz meines guten Pferdes ein Gefangener. Der Mensch ist oft ein sehr übermütiges Geschöpf!

Das Terrain hob sich nach und nach. Wir kamen zwischen Bergen hindurch, und endlich sah ich aus einem Tale mehrere Feuer uns entgegenleuchten. Es war nämlich mittlerweile Nacht geworden. Wir lenkten in dies Tal ein, kamen an mehreren Zelten vorüber und hielten endlich vor einem derselben, aus welchem in diesem Augenblick ein junger Mann trat. Er sah mich und ich ihn – wir erkannten einander.

»Allah il Allah! Wer ist dieser Gefangene?« fragte er.

»Wir fingen ihn draußen in der Ebene. Er ist ein Fremder, der uns keine Thar148 bringen wird. Sieh dieses Tier an, welches er ritt!«

»Allah akbar, das ist ja der Rappe von Mohammed Emin, dem Haddedihn! Führt diesen Menschen hinein zu meinem Vater, dem Scheik, daß er verhört werde. Ich rufe die andern zusammen.«

»Was tun wir mit dem Pferde?«

»Es bleibt vor dem Zelte des Scheik.«

»Und seine Waffen?«

»Werden in das Zelt gebracht.«

Eine halbe Stunde später stand ich abermals vor einer Versammlung von – Richtern. Hier konnte mein Schweigen nichts nützen, und ich beschloß daher, zu sprechen.

»Kennst du mich?« fragte der Aelteste der Anwesenden.

»Nein.«

»Weißt du, wo du dich befindest?«

»Nein.«

»Kennst du diesen jungen, tapferen Araber?«

»Ja.«

»Wo hast du ihn gesehen?«

»Am Dschebel Dschehennem. Er hatte mir vier Pferde gestohlen, welche ich mir wieder holte.«

»Lüge nicht!«

»Wer bist du, daß du so zu mir sprichst?«

»Ich bin Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed.«

»Zedar Ben Huli, der Scheik der Pferderäuber!«

»Mensch, schweig! Dieser junge Krieger ist mein Sohn.«

»Du kannst stolz auf ihn sein, o Scheik!«

»Schweig, sage ich dir abermals, sonst wirst du es bereuen! Wer ist ein Pferderäuber? Du bist es! Wem gehört das Pferd, welches du geritten hast?«

»Mir.«

»Lüge nicht!«

»Zedar Ben Huli, danke Allah, daß mir die Hände gebunden sind. Wenn das nicht wäre, so würdest du mich niemals wieder einen Lügner heißen!«

»Bindet ihn fester!« gebot er.

»Wer will sich an mir vergreifen, an dem Hadschi, in dessen Tasche sich das Wasser des Zem-Zem befindet!«

»Ja, ich sehe, du bist ein Hadschi, denn du hast das Hamaïl umhangen. Aber hast du wirklich das Wasser des heiligen Zem-Zem bei dir?«

»Ja.«

»Gib uns davon.«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich trage das Wasser nur für Freunde bei mir.«

»Sind wir deine Feinde?«

»Ja.«

»Nein. Wir haben dir noch kein Leid getan. Wir wollen nur das Pferd, welches du geraubt hast, seinem Eigner wieder bringen.«

»Der Eigner bin ich.«

»Du bist ein Hadschi mit dem heiligen Zem-Zem, und dennoch sagst du die Unwahrheit. Ich kenne diesen Hengst ganz genau; er gehört Mohammed Emin, dem Scheik der Haddedihn. Wie kommst du zu diesem Pferde?«

»Er hat es mir geschenkt.«

»Du lügst! Kein Araber verschenkt ein solches Pferd.«

»Ich sagte dir bereits, daß du Allah danken sollst dafür, daß ich gefesselt bin!«

»Warum hat er dir es geschenkt?«

»Das ist seine Sache und die meinige; euch aber geht das nichts an!«

»Du bist ein sehr höflicher Hadschi! Du mußt dem Scheik der Haddedihn einen großen Dienst erwiesen haben, da er dir ein solches Geschenk gibt. Wir wollen dich nicht weiter darüber fragen. Wann hast du die Haddedihn verlassen?«

»Vorgestern früh.«

»Wo weiden ihre Herden?«

»Ich weiß es nicht. Die Herden des Arabers sind bald hier, bald dort.«

»Könntest du uns zu ihnen führen?«

»Nein.«

»Wo warst du seit vorgestern?«

»Ueberall.«

»Gut; du willst nicht antworten, so magst du sehen, was mit dir geschieht. Führet ihn fort!«

Ich wurde in ein kleines, niedriges Zelt geschafft und dort angebunden. Zu meiner Rechten und zu meiner Linken kauerte sich je ein Beduine nieder, welche dann später abwechselnd schliefen. Ich hatte geglaubt, die Entscheidung über mein Schicksal noch heute zu vernehmen, sah mich aber getäuscht; denn die Versammlung ging später, wie ich hörte, auseinander, ohne daß mir etwas über ihren Beschluß gesagt worden wäre. Ich schlief ein. Ein unruhiger Traum bemächtigte sich meiner. Ich lag nicht hier in dem Zelte am Tigris, sondern in einer Oase der Sahara. Das Wachtfeuer loderte; der Lagmi149 kreiste von Hand zu Hand, und die Märchen gingen von Mund zu Mund. Da plötzlich ließ sich jener grollende Donner vernehmen, den keiner vergessen kann, der ihn einmal gehört hat, der Donner der Löwenstimme. Assad-Bei, der Herdenwürger, nahte sich, um sein Nachtmahl zu holen. Wieder und näher ertönte seine Stimme – – ich erwachte.

War das ein Traum gewesen? Neben mir lagen die beiden Abu-Hammed-Araber, und ich hörte, wie der eine die heilige Fatcha betete. Da grollte der Donner zum drittenmal. Es war Wirklichkeit – ein Löwe umschlich das Lager.

»Schlaft ihr?« fragte ich.

»Nein.«

»Hört ihr den Löwen?«

»Ja. Heute ist es das dritte Mal, daß er sich Speise holt.«

»Tötet ihn!«

»Wer soll ihn töten, den Mächtigen, den Erhabenen, den Herrn des Todes?«

»Feiglinge! Kommt er auch in das Innere des Lagers?«

»Nein. Sonst ständen die Männer nicht vor ihren Zelten, um seine Stimme vollständig zu hören.«

»Ist der Scheik bei ihnen?«

»Ja.«

»Gehe hinaus zu ihm, und sage ihm, daß ich den Löwen töten werde, wenn er mir mein Gewehr gibt.«

»Du bist wahnsinnig!«

»Ich bin vollständig bei Sinnen. Geh hinaus!«

»Ist es dein Ernst?«

»Ja; packe dich!«

Es hatte sich eine ganz bedeutende Aufregung meiner bemächtigt; ich hätte meine Fessel zersprengen mögen. Nach einigen Minuten kehrte der Mann zurück. Er band mich los.

»Folge mir!« gebot er.

Draußen standen viele Männer, mit den Waffen in der Hand; aber keiner wagte es, aus dem Schutze der Zelte zu treten.

»Du hast mit mir sprechen wollen. Was willst du?« fragte der Scheik.

»Erlaube mir, diesen Löwen zu erlegen.«

»Du kannst keinen Löwen töten! Zwanzig von uns reichen nicht aus, ihn zu jagen, und mehrere würden sterben daran.«

»Ich töte ihn allein; es ist der erste nicht.«

»Sagst du die Wahrheit?«

»Ich sage sie.«

»Wenn du ihn erlegen willst, so habe ich nichts dagegen. Allah gibt das Leben und Allah nimmt es wieder; es steht alles im Buche verzeichnet.«

»So gib mir mein Gewehr!«

»Welches?«

»Das schwere, und mein Messer.«

»Bringt ihm beides,« gebot der Scheik.

Der gute Mann sagte sich jedenfalls, daß ich ein Kind des Todes und er dann unbestrittener Erbe meines Pferdes sei. Mir aber war es um den Löwen, um die Freiheit und um das Pferd zugleich zu tun, und diese drei konnte ich haben, wenn ich in den Besitz meiner Büchse gelangte.

Sie wurde mir nebst dem Messer gebracht.

»Willst du mir nicht die Hände frei machen lassen, o Scheik?«

»Du willst wirklich nur den Löwen erschießen?«

»Ja.«

»Beschwöre es. Du bist ein Hadschi; schwöre es bei dem heiligen Zem-Zem, welches du in der Tasche hast.«

»Ich schwöre es!«

»Löst ihm die Hände!«

Jetzt war ich frei. Die anderen Waffen lagen im Zelte des Scheik, und vor demselben war der Rappe. Ich hatte keine Besorgnis mehr.

Es war die Stunde, in welcher der Löwe am liebsten um die Herden schleicht, die Zeit kurz vor dem Morgengrauen. Ich fühlte an meinen Gürtel, ob der Patronenbeutel noch vorhanden sei, dann schritt ich bis zum ersten Zelte vor. Hier blieb ich eine Weile stehen, um mein Auge an die Dunkelheit zu gewöhnen. Vor mir und zu beiden Seiten gewahrte ich einige Kamele und zahlreiche Schafe, die sich zusammengedrängt hatten. Die Hunde, welche sonst des Nachts die Wächter dieser Tiere sind, waren entflohen und hatten sich hinter oder in die Zelte verkrochen.

Ich legte mich auf den Boden nieder und kroch leise und langsam vorwärts. Ich wußte, daß ich den Löwen noch eher riechen würde, als ich ihn bei dieser Dunkelheit zu Gesichte bekommen konnte. Da – – es war als ob der Boden unter mir erbebte – erscholl der Donner dieser Stimme seitwärts von mir, und einige Augenblicke darauf vernahm ich einen dumpfen Schall, wie wenn ein schwerer Körper gegen einen andern prallt – ein leises Stöhnen, ein Knacken und Krachen wie von zermalmt werdenden Knochen – und da, höchstens zwanzig Schritte vor mir funkelten die beiden Feuerkugeln: – ich kannte dieses grünliche, rollende Licht. Ich hob das Gewehr trotz der Dunkelheit, zielte, so gut es gehen wollte, und drückte ab.

Ein gräßlicher Laut durchzitterte die Luft. Der Blitz meines Schusses hatte dem Löwen seinen Feind gezeigt; auch ich hatte ihn gesehen, der auf dem Rücken eines Kameles lag und den Halswirbel desselben mit seinen Zähnen zermalmte. Hatte ich ihn getroffen? Ein großer dunkler Gegenstand schnellte durch die Luft und kam höchstens drei Schritte vor mir auf den Boden nieder. Die Lichter funkelten abermals. Entweder war der Sprung schlecht berechnet gewesen, oder das Tier war doch verwundet. Ich kniete noch fest im Anschlage und drückte den zweiten und letzten Schuß los, nicht mitten zwischen die Augen, sondern gerade mitten in das eine Auge hinein. Dann ließ ich die Büchse blitzschnell fallen und nahm das Messer zur Hand – der Feind kam nicht über mich; er war von dem tödlichen Schusse förmlich zurückgeworfen worden. Trotzdem aber zog ich mich einige Schritte zurück, um wieder zu laden. Ringsum herrschte Stille; auch im Lager war kein Hauch zu hören. Man hielt mich wohl für tot.

Sobald aber der schwächste Schimmer des Tages den Körper des Löwen einigermaßen erkennen ließ, trat ich hinzu. Er war tot, und nun machte ich mich daran, ihn aus der Haut zu schälen. Ich hatte meine Gründe, nicht lange damit zu warten. Es fiel mir gar nicht ein, diese Trophäe zurückzulassen. Die Arbeit ging mehr nach dem Gefühle als nach dem Gesichte vor sich, war aber doch beendet, als der Morgenschimmer etwas kräftiger wurde.

Jetzt nahm ich das Fell, schlug es mir über die Schulter und kehrte in das Lager zurück. Es war jedenfalls nur ein kleines Zweiglager der räuberischen Abu Hammed. Die Männer, Frauen und Kinder saßen erwartungsvoll vor ihren Zelten. Als sie mich erblickten, erhob sich ein ungeheurer Lärm. Allah wurde in allen Tönen angerufen, und hundert Hände streckten sich nach meiner Beute aus.

»Du hast ihn getötet?« rief der Scheik. »Wirklich? Allein?«

»Allein!«

»So hat dir der Scheïtan beigestanden!«

»Steht der Scheïtan einem Hadschi bei?«

»Nein; aber du hast einen Zauber, ein Amulett, einen Talisman, mit Hilfe dessen du diese Tat vollbringst?«

»Ja.«

»Wo ist er?«

»Hier!«

Ich hielt ihm die Büchse vor die Nase.

»Das ist es nicht. Du willst es uns nicht sagen. Wo liegt der Körper des Löwen?«

»Draußen rechts vor den Zelten. Holt ihn euch!«

Die meisten der Anwesenden eilten fort. Das hatte ich gewünscht.

»Wem gehört die Haut des Löwen?« frug der Scheik mit lüsternem Blick.

»Darüber wollen wir in deinem Zelte beraten. Tretet ein!«

Alle folgten mir; es waren wohl nur zehn oder zwölf Männer da. Gleich beim Eintritt erblickte ich meine anderen Waffen; sie hingen an einem Pflock. Mit zwei Schritten stand ich dort, riß sie herab, warf die Büchse über die Schulter und nahm den Stutzen in die Hand. Die Löwenhaut war mir infolge ihrer Größe und Schwere sehr hinderlich; aber es mußte doch versucht werden. Rasch stand ich wieder unter dem Eingang des Zeltes.

»Zedar Ben Huli, ich habe dir versprochen, mit dieser Büchse nur auf den Löwen zu schießen – – —«

»Ja.«

»Aber auf wen ich mit diesem anderen Gewehr schießen werde, das habe ich nicht gesagt.«

»Es gehört hierher. Gib es zurück.«

»Es gehört in meine Hand, und die wird es behalten.«

»Er wird fliehen – haltet ihn!«

Da erhob ich den Stutzen zum Schuß.

»Halt! Wer es wagt, mich zu hindern, der ist eine Leiche! Zedar Ben Huli, ich danke dir für die Gastfreundschaft, welche ich bei dir genossen habe. Wir sehen uns wieder!«

Ich trat hinaus. Eine Minute lang wagte es keiner, mir zu folgen. Diese kurze Zeit genügte, den Rappen zu besteigen und die Haut vor mich hinzunehmen. Als sich das Zelt wieder öffnete, galoppierte ich bereits am letzten Zelte vorbei.

Hinter mir und zur Seite, wo der Körper des Löwen lag, erscholl ein wütendes Geschrei, und ich bemerkte, daß alle zu den Waffen und zu den Pferden rannten. Als ich das Lager hinter mir hatte, ritt ich nur im Schritte. Der Rappe scheute vor dem Felle; er konnte den Geruch des Löwen nicht vertragen und schnaubte ängstlich zur Seite. Jetzt blickte ich rückwärts und sah die Verfolger zwischen den Zelten förmlich hervorquellen. Nun ließ ich den Hengst traben, und erst als der vorderste Verfolger in Schußweite gekommen war, wollte ich den Rappen weiter ausgreifen lassen; ich besann mich aber anders. Ich hielt, drehte mich um und zielte. Der Schuß krachte, und das Pferd brach unter seinem Reiter tot zusammen. Diesen Pferdedieben konnte eine solche Lehre nichts schaden. Nun erst ritt ich Galopp, wobei ich den abgeschossenen Lauf wieder lud.

Als ich mich abermals umwandte, waren mir zwei wieder nahe genug gekommen; ihre Flinten freilich hätten mich nicht zu erreichen vermocht. Ich hielt wieder, drehte um und zielte – zwei Schüsse knallten nacheinander und zwei Pferde stürzten nieder. Das war den andern doch zu viel; sie stutzten und blieben zurück. Als ich mich nach längerer Zeit wieder umschaute, erblickte ich sie in weiter Ferne, wo sie bloß noch meinen Spuren zu folgen schienen.

Jetzt jagte ich, um sie irre zu leiten, beinahe eine Stunde lang stracks nach West fort; dann bog ich auf einem steinigen Boden, wo die Hufspuren nicht zu sehen waren, nach Norden um und hatte bereits gegen Mittag den Tigris beim Strudel Kelab erreicht. Er liegt kurz unter dem Einflusse des Zab-asfal, und nur wenige Minuten unterhalb ist die Stelle, an welcher die Kanuzaberge in das Gebirge von Hamrin übergehen. Dieser Uebergang geschieht durch einzelne isolierte Erhöhungen, welche durch tiefe und nicht sehr breite Täler getrennt werden. Das breiteste Tal von ihnen wurde jedenfalls von den Feinden zum Durchzuge gewählt, und so prägte ich mir das Terrain und die Zugänge zu demselben mit der möglichsten Genauigkeit ein; dann eilte ich dem Thathar wieder entgegen, den ich am Nachmittage erreichte und überschritt. Das Verlangen trieb mich zu den Freunden; aber ich mußte das Pferd schonen, und hielt daher noch eine Nachtruhe.

Am andern Mittag kam mir die erste Schafherde der Haddedihn wieder vor Augen, und ich ritt im Galopp auf das Zeltlager los, ohne auf die Zurufe zu achten, welche von allen Seiten erschollen. Der Scheik hatte aus ihnen geschlossen, daß etwas Ungewöhnliches vorgehe, und trat eben aus dem Zelte, als ich vor demselben anlangte.

»Hamdullillah, Preis sei Gott, daß du wieder da bist!« begrüßte er mich. »Wie ist es gegangen?«

»Gut.«

»Hast du etwas erfahren?«

»Alles!«

»Alles? Was?«

»Rufe die Aeltesten zusammen; ich werde euch Bericht erstatten.«

Jetzt erst bemerkte er die Haut, welche ich auf der anderen Seite des Pferdes herabgeworfen hatte.

»Maschallah, Wunder Gottes, ein Löwe! Wie kommst du zu diesem Felle?«

»Ich habe es ihm abgezogen.«

»Ihm? Dem Herrn selbst?«

»Ja.«

»So hast du mit ihm gesprochen?«

»Kurze Zeit.«

»Wie viele Jäger waren dabei?«

»Keiner.«

»Allah sei mit dir, daß dich dein Gedächtnis nicht verlasse!«

»Ich war allein!«

»Wo?«

»Im Lager der Abu Hammed.«

»Die hätten dich erschlagen!«

»Sie haben es nicht getan, wie du siehst. Sogar Zedar Ben Huli hat mir das Leben gelassen.«

»Auch ihn hast du gesehen?«

»Auch ihn. Ich habe ihm drei Pferde erschossen.«

»Erzähle!«

»Nicht jetzt, nicht dir allein, denn sonst muß ich alles öfters erzählen. Rufe die Leute, und dann sollst du alles ausführlich hören!«

Er ging. Ich wollte eben in sein Zelt treten, als ich den Engländer im vollsten Galopp daherstürmen sah.

»Habe soeben gehört, daß Ihr da seid, Sir,« rief er schon von weitem. »Habt Ihr gefunden?«

»Ja; die Feinde, das Schlachtfeld und alles.«

»Pah! Auch Ruinen mit Fowling-bull?«

»Auch!«

»Schön, sehr gut! Werde graben, finden und nach London schicken. Erst aber wohl kämpfen?«

»Ja.«

»Gut, werde fechten wie Bayard. Ich auch gefunden.«

»Was?«

»Seltenheit, Schrift.«

»Wo?«

»Loch, hier in der Nähe. Ziegelstein.«

»Eine Schrift auf einem Ziegelstein?«

»Yes! Keilschrift. Könnt Ihr lesen?«

»Ein wenig.«

»Ich nicht. Wollen sehen!«

»Ja. Wo ist der Stein?«

»In Zelt. Gleich holen!«

Er ging hinein und brachte seinen kostbaren Fund zum Vorschein.

»Hier, ansehen, lesen!«

Der Stein war beinahe vollständig zerbröckelt, und die wenigen Keile, welche die verwitterte Inschrift noch zeigte, waren kaum mehr zu unterscheiden.

»Nun?« fragte Master Lindsay neugierig.

»Wartet nur, das ist nicht so leicht, als Ihr denkt. Ich finde nur drei Worte, die vielleicht zu entziffern wären. Sie heißen, wenn ich nicht irre: Tetuda Babrut esis.«

»Was heißt das?«

»Zum Ruhme Babylons aufgeführt.«

Der gute Master David Lindsay zog seinen parallelogrammen Mund bis hinter an die Ohren.

»Lest Ihr richtig, Sir?«

»Ich denke es.«

»Was daraus nehmen?«

»Alles und nichts!«

»Hm! Hier doch gar nicht Babylon!«

»Was sonst?«

»Niniveh!«

»Meinetwegen Rio de Janeiro! Reimt Euch das Zeugs da selbst zusammen oder auseinander; ich habe jetzt keine Zeit dazu.«

»Aber warum ich Euch mitgenommen?«

»Gut! Hebt den Ziegelkloß auf, bis ich Zeit habe!«

»Well! Was habt Ihr zu tun?«

»Es wird gleich Sitzung sein, in der ich meine Erlebnisse zu erzählen habe.«

»Werde auch mittun!«

»Und übrigens muß ich vorher essen. Ich habe Hunger wie ein Bär.«

»Auch da werde mittun!«

Er trat mit mir in das Zelt

»Wie seid Ihr denn mit Eurem Arabisch fortgekommen?«

»Miserabel! Verlange Brot – Araber bringt Stiefel; verlange Hut – Araber bringt Salz; verlange Flinte – Araber bringt Kopftuch. Schauderhaft, schrecklich! Lasse Euch nicht wieder fort!«

Nach der Rückkehr des Scheik brauchte ich nicht lange auf das Mahl zu warten. Während desselben stellten sich die Geladenen ein. Die Pfeifen wurden angezündet; der Kaffee ging herum, und dann drängte Lindsay:

»Anfangen, Sir! Bin neugierig.«

Die Araber hatten wortlos und geduldig gewartet, bis mein Hunger gestillt war; dann aber begann ich:

»Ihr habt mir eine sehr schwere Aufgabe gestellt, aber es ist mir wider alles Erwarten sehr leicht geworden, sie zu lösen. Und dabei bringe ich euch eine so ausführliche Nachricht, wie ihr sie sicherlich nicht erwartet habt.«

»Rede!« bat der Scheik.

»Die Feinde haben ihre Rüstungen bereits vollendet. Es sind die Orte bestimmt, wo die drei Stämme sich vereinigen, und ebenso ist die Zeit angegeben, in der dies geschehen wird.«

»Aber du hast es nicht erfahren können!«

»Doch! Die Dschowari werden sich mit den Abu Hammed am Tage nach dem nächsten Jaum el Dschema bei den Ruinen von Khan Khernina vereinigen. Diese beiden Stämme stoßen dann am dritten Tage nach dem Jaum el Dschema zwischen dem Wirbel El Kelab und dem Ende der Kanuzaberge mit den Obeïde zusammen.«

»Weißt du das gewiß?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Von dem Scheik der Abu Mohammed.«

»Hast du mit ihm gesprochen?«

»Ich war sogar in seinem Zelte.«

»Die Abu Mohammed leben mit den Dschowari und Abu Hammed nicht in Frieden.«

»Er sagte es. Er kannte deinen Rappen und ist dein Freund. Er wird dir mit dem Stamme der Alabeïden zu Hilfe kommen.«

»Sagst du die Wahrheit?«

»Ich sage sie.«

Da sprangen alle Anwesenden auf und reichten sich jubelnd die Hände. Ich wurde von ihnen beinahe erdrückt. Dann mußte ich alles so ausführlich wie möglich erzählen. Ich tat es. Sie glaubten alles, nur daß ich den Löwen so ganz allein und dazu noch bei stockfinsterer Nacht erlegt haben wollte, das schienen sie sehr zu bezweifeln. Der Araber ist gewohnt, dieses Tier nur am Tage und zwar in möglichst zahlreicher Gesellschaft anzugreifen. Ich legte ihnen endlich das Fell vor.

»Hat diese Haut ein Loch?«

Sie besahen es höchst aufmerksam.

»Nein,« lautete dann der Bescheid.

»Wenn Araber einen Löwen töten, so hat die Haut sehr viele Löcher. Ich habe ihm zwei Kugeln gegeben. Seht her! Die erste Kugel war zu hoch gezielt, weil er zu entfernt von mir war und ich in der Finsternis nicht ganz genau zu zielen vermochte. Sie hat die Kopfhaut gestreift und das Ohr verletzt. Hier seht ihr es. Die zweite Kugel gab ich ihm, als er zwei oder drei Schritte von mir war; sie ist ihm in das linke Auge gedrungen. Ihr seht dies hier, wo das Fell versengt ist.«

»Allah akbar, es ist wahr! Du hast dieses furchtbare Tier so nahe an dich herankommen lassen, daß dein Pulver seine Haare verbrannte. Wenn es dich nun gefressen hätte?«

»So hätte es so im Buche gestanden. Ich habe diese Haut mitgebracht für dich, o Scheik. Nimm sie von mir an, und gebrauche sie als Schmuck deines Zeltes!«

»Ist dies dein Ernst?« fragte er erfreut.

»Mein Ernst.«

»Ich danke dir, Emir Hadschi Kara Ben Nemsi! Auf diesem Felle werde ich schlafen, und der Mut des Löwen wird in mein Herz einziehen.«

»Es bedarf dieser Haut nicht, um deine Brust mit Mut zu erfüllen, den du übrigens auch bald brauchen wirst.«

»Wirst du mitkämpfen gegen unsere Feinde?«

»Ja. Sie sind Diebe und Räuber und haben auch mir nach dem Leben getrachtet; ich stelle mich unter deinen Befehl, und hier mein Freund wird dasselbe tun.«

»Nein. Du sollst nicht gehorchen, sondern befehlen. Du sollst der Anführer einer Abteilung sein.«

»Davon laß uns später sprechen; für jetzt aber erlaube mir, an eurer Beratung teilzunehmen.«

»Du hast recht; wir müssen uns beraten, denn wir haben nur noch fünf Tage Zeit.«

»Hast du mir nicht gesagt, daß es eines Tages bedürfe, um die Krieger der Haddedihn um dich zu versammeln?«

»So ist es.«

»So würde ich an deiner Stelle heute die Boten aussenden.«

»Warum noch heute?«

»Weil es nicht genug ist, die Krieger beisammen zu haben. Sie müssen auf diesen Kampf eingeübt werden.«

Er lächelte stolz.

»Die Söhne der Haddedihn sind seit ihren Knabenjahren bereits den Kampf gewöhnt. Wir werden unsere Feinde überwinden. Wie viel streitbare Männer hat der Stamm der Abu Mohammed?«

»Neunhundert.«

»Und die Alabeïde?«

»Achthundert.«

»So zählen wir achtundzwanzighundert Mann; dazu kommt die Ueberraschung, da uns der Feind nicht erwartet; wir müssen siegen!«

»Oder wir werden besiegt!«

»Maschallah, du tötest den Löwen und fürchtest den Araber?«

»Du irrst. Du bist tapfer und mutig; aber der Mut zählt doppelt, wenn er vorsichtig ist. Hältst du es nicht für möglich, daß die Alabeïde und Abu Mohammed zu spät eintreffen?«

»Es ist möglich.«

»Dann stehen wir mit elfhundert gegen dreitausend Mann. Der Feind wird erst uns und dann unsere Freunde vernichten. Wie leicht kann er erfahren, daß wir ihm entgegen ziehen wollen! Dann fällt auch die Ueberraschung weg. Und was nützt es dir, wenn du kämpfest und den Feind nur zurückschlägst? Wäre ich der Scheik der Haddedihn, ich schlüge ihn so danieder, daß er auf lange Zeit sich nicht wieder erheben könnte und mir jährlich einen Tribut bezahlen müßte.«

»Wie wolltest du dies beginnen?«

»Ich würde nicht wie die Araber, sondern wie die Franken kämpfen.«

»Wie kämpfen diese?«

Jetzt erhob ich mich, um eine Rede zu halten, eine Rede über europäische Kriegskunst, ich, der Laie im Kriegswesen. Aber ich mußte mich ja für diesen braven Stamm der Haddedihn interessieren. Ich hielt es keineswegs für eine Versündigung an dem Leben meiner Mitmenschen, wenn ich mich hier beteiligte; es lag vielmehr wohl in meiner Hand, die Grausamkeiten zu mildern, welche bei diesen halbwilden Leuten ein Sieg stets mit sich bringt. Ich beschrieb also zunächst ihre eigene Fechtart und schilderte die Nachteile derselben; dann begann ich die eigentliche Auseinandersetzung. Sie hörten mir aufmerksam zu, und als ich geendet hatte, bemerkte ich den Eindruck meiner Worte an dem langen Schweigen, welches nun folgte. Der Scheik ergriff zuerst wieder das Wort:

»Deine Rede ist gut und wahr; sie könnte uns den Sieg bringen und vielen der Unserigen das Leben erhalten, wenn wir Zeit hätten, uns einzuüben.«

»Wir haben Zeit.«

»Sagtest du nicht, daß es lange Jahre erfordere, ein solches Heer fertig zu machen?«

»Das sagte ich. Aber wir wollen ja nicht ein Heer bilden, sondern wir wollen bloß die Obeïde in die Flucht schlagen, und dazu bedürfte es einer Vorbereitung von nur zwei Tagen. Wenn du heute noch deine Boten aussendest, so sind die Krieger morgen beisammen; ich lehre sie den geschlossenen Angriff zu Pferde, welcher die Feinde über den Haufen werfen wird, und den Kampf zu Fuße mit dem Feuergewehr.«

Ich nahm ein Kamelstöckchen von der Wand und zeichnete auf den Boden.

»Schau hierher! Hier fließt der Tigris; hier ist der Wirbel; hier liegen die Hamrin— und hier die Kanuzaberge. Der Feind trifft hier zusammen. Die beiden ersten Stämme kommen am rechten Ufer des Flusses heraufgezogen, hinter ihnen im stillen unsere Verbündeten, und die Obeïde setzen von dem linken Ufer herüber. Um zu uns zu gelangen, müssen sie zwischen diesen einzelnen Bergen hindurch; diese Wege alle aber führen in das große Tal Deradsch, welches das Tal der Stufen heißt, weil seine steilen Wände wie Stufen emporsteigen. Es hat nur einen Eingang und einen Ausgang. Hier müssen wir sie erwarten. Wir besetzen die Höhen mit Schützen, welche den Feind niederschießen, ohne daß ihnen selbst ein Leid geschehen kann. Den Ausgang verschließen wir mit einer Brustwehr, welche auch von Schützen verteidigt wird, und hier in diesen zwei Seitenschluchten hüben und drüben verbergen sich die Reiter, welche in demselben Augenblick hervorbrechen, wenn der Feind sich vollständig im Tale befindet. Am Eingange wird er dann von unseren Verbündeten im Rücken angegriffen, und sollten diese ja nicht zur rechten Zeit eintreffen, so wird er ihnen auf der Flucht entgegen getrieben.«

»Maschallah, deine Rede ist wie die Rede des Propheten, der die Welt erobert hat! Ich werde deinen Rat befolgen, wenn die Anderen hier damit einverstanden sind. Wer dagegen ist, der mag sprechen!«

Es widersprach keiner; darum fuhr der Scheik fort:

»So werde ich gleich jetzt die Boten aussenden.«

»Sei vorsichtig, o Scheik, und laß deinen Kriegern nicht sagen, um was es sich handelt; es wäre sonst sehr leicht möglich, daß der Feind von unserem Vorhaben Nachricht erhält.«

Er nickte zustimmend und entfernte sich. Sir David Lindsay hatte dieser langen Unterredung mit sichtbarer Ungeduld zugehört; jetzt ergriff er die Gelegenheit zum Sprechen:

»Sir, ich bin auch hier!«

»Ich sehe Euch!«

»Wollte auch ‚was hören!«

»Meine Erlebnisse?«

»Yes!«

»Konntet denken, daß ich meinen Vortrag nicht in englischer Sprache halten würde. Sollt aber jetzt das Nötige erfahren.«

Ich teilte ihm in aller Kürze meine Erzählung und dann den Inhalt der darauf folgenden Besprechung mit. Er war wie elektrisiert.

»Ah! Kein wilder Angriff, sondern militärische Körper! Evolution! Choc! Taktik! Strategie! Feind umzingeln! Barrikade! Prächtig! Herrlich! Ich auch mit! Ihr seid General, ich bin Adjutant!«

»Würden uns beide wundervoll ausnehmen in diesen Stellungen! Ein General, der von der Kriegführung soviel versteht, wie das Flußpferd vom Filetstricken, und ein Adjutant, der nicht reden kann! Uebrigens wird es für Euch geratener sein, wenn Ihr Euch von der Sache fern haltet.«

»Warum?«

»Wegen des Vicekonsuls in Mossul.«

»Ah! Wie?«

»Man vermutet, daß er hierbei seine Hand im Spiele habe.«

»Mag die Hand wegnehmen! Was geht mich Konsul an? Pah!«

Jetzt kam der Scheik wieder. Er hatte die Boten ausgesandt und brachte allerlei neue Gedanken mit:

»Hat der Scheik der Abu Mohammed gesagt, welchen Teil der Beute er erwartet?«

»Nein.«

»Was fordern die Alabeïden?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du hättest fragen sollen!«

»Ich habe nicht gefragt, weil ich als Scheik der Haddedihn nicht nach Beute fragen würde.«

»Maschallah! Wonach sonst! Wer ersetzt mir meinen Schaden?«

»Der besiegte Feind.«

»Also muß ich doch in seine Weideplätze einbrechen und seine Weiber und Kinder nebst seinem Vieh fortführen!«

»Das ist nicht notwendig. Willst du gegen Frauen Krieg führen? Du gibst die Gefangenen, welche wir machen werden, wenn wir glücklich sind, nicht eher frei, als bis du erhalten hast, was du forderst. Ist unser Sieg vollständig, so verlangst du einen jährlichen Tribut und behältst den Scheik oder einige Anverwandte von ihm als Geiseln zurück.«

Es wurde nun über diesen Punkt beraten. Man nahm ihn an.

»Und nun noch das Letzte,« bemerkte ich dann. »Es ist notwendig, daß wir von allen Bewegungen unserer Feinde und unserer Verbündeten Kenntnis erhalten. Wir müssen daher von hier bis nach El Deradsch eine Postenlinie ziehen.«

»Wie meinst du das?«

»In El Deradsch verstecken sich zwei unserer Krieger, von denen du überzeugt bist, daß sie treu sind. Sie lassen sich nicht sehen und beobachten alles. Von El Deradsch bis hierher stellst du in gewissen Entfernungen andere auf; es genügen vier Mann, welche darauf zu achten haben, daß sie mit keinem Fremden zusammenkommen, und uns alles berichten, was die ersten zwei erkunden. Einer trägt die Kunde zum andern und kehrt dann auf seinen Posten zurück.«

»Dieser Plan ist gut; ich werde ihn befolgen.«

»Eine eben solche Linie, nur etwas weitläufiger, stellst du auf zwischen hier und den Weideplätzen der Abu Mohammed. Ich habe das mit ihrem Scheik bereits besprochen. Er wird die Hälfte dieser Linie mit seinen Leuten bilden. Kennst du die Ruine El Farr?«

»Ja.«

»Dort wird sein äußerster Posten zu treffen sein.«

»Wie viele Männer werde ich dazu brauchen?«

»Nur sechs. Die Abu Mohammed stellen ebenso viele. Wie viele Krieger hast du hier im Lager?«

»Es können vierhundert sein.«

»Ich bitte dich, sie zu versammeln. Du muß noch heute Musterung über sie halten, und wir können unsere Uebungen heute noch beginnen.«

Das brachte reges Leben in die Versammlung. Binnen einer halben Stunde waren die vierhundert Mann beisammen. Der Scheik hielt ihnen eine lange, blühende Rede und ließ sie am Ende derselben auf den Bart des Propheten schwören, die Rüstung gegen keinen Unberufenen zu erwähnen; dann befahl er ihnen, sich in Reihe und Glied aufzustellen.

Wir ritten die lange Reihe hinab. Alle waren zu Pferde; ein jeder hatte Messer, Säbel und die lange, befiederte Lanze, welche bei besserer Schulung eine fürchterliche Waffe sein könnte. Viele trugen auch den gefährlichen Nibat150 oder die kurze Wurflanze nebenbei. Die Schießwaffen ließen vieles zu wünschen übrig. Einige Krieger hatten noch den alten Lederschild nebst Köcher, Pfeil und Bogen. Andere besaßen Luntenflinten, die ihren Eigentümern gefährlicher waren, als dem Feinde, und die übrigen hatten Perkussionsgewehre mit überlangen Läufen.

Letztere ließ ich vortreten, die andern aber schickte ich fort, mit der Bemerkung, morgen in aller Frühe wieder zu kommen. Die Zurückgebliebenen hieß ich absitzen und Proben ihrer Fertigkeit im Schießen ablegen. Im allgemeinen konnte ich mit ihnen zufrieden sein. Es waren gegen zweihundert Mann. Ich bildete zwei Compagnien aus ihnen und begann meinen Instruktionsunterricht. Dieser war allerdings nicht weit her. Die Leute sollten im Takte marschieren und laufen können und ein Schnellfeuer unterhalten lernen. Sie waren gewohnt, nur zu Pferde anzugreifen und den Feind zu necken, ohne ihm ernstlich stand zu halten; jetzt kam alles darauf an, sie soweit zu bringen, daß sie zu Fuße einen Angriff aushalten lernten, ohne die Fassung zu verlieren.

Am andern Morgen nahm ich die andern vor. Bei ihnen galt es, sie zu einem geschlossenen Angriff mit der Lanze zu befähigen, nachdem sie ihre Gewehre abgeschossen hatten. Ich kann sagen, daß die Leute sehr schnell begriffen und überaus begeistert waren.

Gegen Abend hörten wir, daß die Verbindung mit den Abu Mohammed hergestellt sei, und bekamen zu gleicher Zeit die Nachricht, daß ihr Scheik von meinem Abenteuer bei den Abu Hammed bereits gehört habe. Es ging Antwort zurück, und von diesem Augenblick an wurde ein durch die Posten vermittelter unausgesetzter Verkehr unterhalten.

Schon war es beinahe dunkel, als ich nochmals den Rapphengst bestieg, um einen Schnellritt hinein in die Savanne zu machen. Ich war noch gar nicht weit gelangt, so kamen mir zwei Reiter entgegen. Der eine hatte eine gewöhnliche, mittelmäßige Gestalt, der andere aber war sehr klein von Statur und schien von der Unterhaltung mit seinem Begleiter ganz außerordentlich in Anspruch genommen zu sein, denn er focht mit Armen und Beinen in der Luft, als wolle er Mücken morden.

Ich mußte unwillkürlich an meinen kleinen Halef denken.

Ich galoppierte auf sie zu und parierte vor ihnen mein Pferd.

»Maschallah, Sihdi! Bist du es wirklich?«

Er war es allerdings, der kleine Hadschi Halef Omar!

»Ich bin es. Ich habe dich bereits von weitem erkannt.«

Er sprang vom Pferde herab und faßte mein Gewand, um es vor Freude zu küssen.

»Hamdullillah, Preis sei Gott, daß ich dich wiedersehe, Sihdi! Ich habe mich nach dir gesehnt, wie der Tag nach der Sonne.«

»Wie geht es dem würdigen Scheik Malek?«

»Er ist wohlauf.«

»Amscha?«

»Ebenso.«

»Hanneh, deine Freundin?«

»O, Sihdi, sie ist wie eine Houri des Paradieses.«

»Und die andern?«

»Sie sagten mir, daß ich dich grüßen solle, wenn ich dich fände.«

»Wo sind sie?«

»Sie sind am Abhange des Schammargebirges zurückgeblieben und haben mich an den Scheik der Schammar vorausgesandt, damit ich bei ihm um Aufnahme bitten solle.«

»Bei welchem Scheik?«

»Es ist ganz gleich; bei dem, auf welchen ich zuerst treffe.«

»Ich habe bereits für euch gesorgt. Da drüben ist das Lager der Haddedihn.«

»Das sind Schammar. Wie heißt ihr Scheik?«

»Mohammed Emin.«

»Wird er uns aufnehmen? Kennst du ihn?«

»Ich kenne ihn und habe bereits mit ihm von euch gesprochen. Sieh diesen Hengst! Wie gefällt er dir?«

»Herr, ich habe ihn bereits bewundert; er ist sicher der Abkömmling einer Stute von Koheli.«

»Er gehört mir; er ist ein Geschenk des Scheik. Nun kannst du sehen, daß er mein Freund ist!«

»Allah gebe ihm dafür ein langes Leben! Wird er auch uns aufnehmen?«

»Ihr werdet ihm willkommen sein. Kommt, und folgt mir jetzt.«

Wir setzten uns in Marsch.

»Sihdi,« meinte Halef, »die Wege Allahs sind unerforschlich. Ich glaubte, lange nach dir fragen zu müssen, ehe ich eine Kunde bekäme, und nun bist du der erste, dem ich begegne. Wie bist du zu den Haddedihn gekommen?«

Ich erzählte ihm das Nötige in Kürze und fuhr dann fort:

»Weißt du, was ich jetzt bei ihm bin?«

»Nun?«

»General.«

»General?«

»Ja.«

»Hat er Truppen?«

»Nein. Er hat aber Krieg.«

»Gegen wen?«

»Gegen die Obeïde, Abu Hammed und Dschowari.«

»Das sind Räuber, die am Zab und Tigris wohnen; ich habe sehr vieles von ihnen gehört, was nicht gut ist.«

»Sie rüsten gegen ihn. Sie wollen ihn unversehens überfallen; wir aber haben davon gehört, und nun bin ich sein General, der seine Krieger unterrichtet.«

»Ja, Sihdi, ich weiß, daß du alles verstehst und alles kannst, und es ist ein wahres Glück, daß du kein Giaur mehr bist!«

»Nicht?«

»Nein. Du hast dich ja zum wahren Glauben bekehrt.«

»Wer sagt dir das?«

»Du warst in Mekka und hast den heiligen Brunnen Zem-Zem bei dir; folglich bist du ein guter Moslem geworden. Habe ich dir nicht stets gesagt, daß ich dich bekehren würde, du magst wollen oder nicht?« —

Wir erreichten das Lager und stiegen vor dem Zelte des Scheik ab. Als wir eintraten, hatte er seine Räte bei sich.

»Sallam aaleïkum!« grüßte Halef.

Sein Begleiter tat dasselbe. Ich übernahm es, sie vorzustellen.

»Erlaube mir, o Scheik, dir diese beiden Männer zu bringen, welche mit dir sprechen wollen. Dieser hier heißt Nasar Ibn Mothalleh, und dieser ist Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah, von dem ich dir bereits erzählt habe.«

»Von ihm?«

»Ja. Ich habe ihn nicht bei seinem vollen Namen, sondern kurz nur Hadschi Halef Omar genannt.«

»Dein Diener und Begleiter?«

»Ja.«

»Der Abu-Seïf, den Vater des Säbels, erschlagen hat?«

»Ja. Er gehört jetzt zu dem Stamme der Ateïbeh, dessen Scheik dein Freund Malek ist.«

»Seid mir willkommen, ihr Männer von Ateïbeh! Sei mir willkommen, Hadschi Halef Omar! Deine Gestalt ist klein, aber dein Mut ist groß, und deine Tapferkeit ist erhaben. Möchten alle Männer so sein, wie du! Bringst du mir Kunde von Malek, meinem Freunde?«

»Ich bringe sie. Er läßt dich grüßen und fragen, ob du ihn und die Seinigen in den Stamm der Haddedihn aufnehmen magst.«

»Ich kenne sein Schicksal, aber er soll mir willkommen sein. Wo befindet er sich jetzt?«

»Am Abhange des Schammargebirges, eine und eine halbe Tagreise von hier. Ich höre, daß du Krieger brauchst?«

»So ist es. Es ist Feindschaft ausgebrochen zwischen mir und denen, die neben uns wohnen.«

»Ich werde dir sechzig tapfere Leute bringen.«

»Sechzig? Hier mein Freund Hadschi Kara Ben Nemsi hat mir doch gesagt, daß ihr weniger seid!«

»Wir haben auf unserer Reise die Reste des Stammes Al Hariel bei uns aufgenommen.«

»Was tragt ihr für Waffen?«

»Säbel, Dolch, Messer und lauter gute Flinten. Mehrere haben sogar auch Pistolen. Wie ich mit den Waffen umzugehen verstehe, wird dir mein Sihdi sagen.«

»Ich weiß es bereits. Aber dieser Mann ist kein Sihdi, sondern ein Emir; merke es dir!«

»Ich weiß es, Herr; aber er hat mir erlaubt, ihn Sihdi zu nennen. Soll einer von uns sofort aufbrechen und Scheik Malek mit den Seinen herholen, da ihr Krieger braucht?«

»Ihr seid müde.«

»Wir sind nicht ermüdet. Ich reite sofort zurück.«

Sein Begleiter fiel ihm in die Rede:

»Du hast deinen Sihdi hier gefunden und mußt bleiben; ich werde zurückkehren.«

»Nimm zuvor Speise und Trank zu dir,« meinte der Scheik.

»Herr, ich habe einen Schlauch und auch Datteln auf meinem Pferde.«

Der Scheik wandte sich ihm zu:

»Aber dein Pferd wird müde sein. Nimm das meinige; es hat mehrere Tage ausgeruht und wird dich schnell zu Malek bringen, den du von mir grüßen mögest!«

Dies nahm er an und bereits nach wenigen Minuten befand er sich auf dem Rückwege nach den Bergen von Schammar.

»Emir,« sagte der Scheik zu mir, »weißt du, was meine Krieger von dir sagen?«

»Nun?«

»Daß sie dich lieben.«

»Ich danke dir!«

»Und daß sie den Sieg gewinnen müssen, wenn du bei ihnen bist.«

»Ich bin jetzt mit ihnen zufrieden. Wir werden morgen ein Manöver veranstalten.«

»Wie? Was?«

»Ich habe bis heute achthundert Mann beisammen. Die letzten werden morgen früh nachkommen. Sie sind schnell eingeübt, und dann stellen wir den Kampf vor, den wir mit den drei Stämmen haben werden. Die Hälfte sind die Haddedihn, die andere Hälfte sind die Feinde. Drüben die alten Ruinen gelten als die Berge von Hamrin und Kanuza, und so werde ich es deinen Kriegern zeigen, wie sie dann gegen die wirklichen Feinde zu kämpfen haben.«

Diese Ankündigung steigerte die bereits vorhandene Begeisterung um das Doppelte, und als sich die Kunde davon hinaus vor das Zelt verbreitete, erhob sich ein lauter Jubel über das ganze Lager, welches sich während des heutigen Tages infolge der unausgesetzten Zuzüge bedeutend vergrößert hatte.

Was ich vorausgesagt hatte, das geschah:

Am andern Mittag waren wir vollzählig. Ich hatte Offiziere und Unteroffiziere ernannt, welche jeden Neuangekommenen, nachdem ich ihm seinen Platz angewiesen hatte, sofort einübten. Am Spätnachmittag begann das Manöver und fiel zur allgemeinen Zufriedenheit aus. Das Fußvolk schoß ganz exakt, und die Chocs der einzelnen berittenen Körper wurden mit eleganter Sicherheit ausgeführt.

Noch während des Manövers kam das letzte Glied unserer Postenkette herbeigeritten.

»Was bringst du?« fragte der Scheik, dessen Antlitz vor Zufriedenheit glänzte.

»Herr, gestern haben sich die Dschowari mit den Abu Hammed vereinigt.«

»Wann?«

»Gegen Abend.«

»Und die Abu Mohammed?«

»Sind bereits hinter ihnen her.«

»Haben sie Kundschafter vor sich her gesandt, damit ihr Marsch nicht verraten wird, wie ich es angeraten habe?«

»Ja.«

Der Mann hielt noch bei uns, als ein anderer angeritten kam. Es war das diesseitige Glied der Kette nach dem Tale von Deradsch hinüber.

»Ich bringe eine wichtige Nachricht, Emir.«

»Welche?«

»Die Obeïde haben Leute vom Zab herübergesandt, um die Gegend zu untersuchen.«

»Wie viel Männer sind es gewesen?«

»Acht.«

»Wie weit sind sie gekommen?«

»Bis durch El Deradsch hindurch.«

»Haben sie unsere Leute gesehen?«

»Nein, denn diese hielten sich sehr verborgen. Dann haben sie im Tale gelagert und vieles miteinander gesprochen.«

»Ah! Hier hätte es möglich sein sollen, sie zu belauschen!«

»Es war möglich, und Ibn Nazar hat es getan.«

Ibn Nazar war einer von den beiden Posten, welche das Tal Deradsch bewachen sollten.

»Was hat er gehört? Wenn es wichtig ist, soll er eine Belohnung erhalten.«

»Sie haben gesagt, daß morgen genau zur Mittagszeit die Obeïde übersetzen wollen, um die Abu Hammed und Dschowari zu treffen, die dann ihrer bereits warten werden. Sie wollen hierauf bis nach El Deradsch vordringen und dort während der Nacht lagern, weil sie glauben, dort nicht gesehen zu werden. Am nächsten Morgen nachher wollen sie über uns herfallen.«

»Sind diese acht Männer wieder fortgeritten?«

»Nur sechs von ihnen. Zwei mußten zurückbleiben, um das Tal zu bewachen.«

»Reite zurück, und sage Ibn Nazar und seinem Gefährten, daß ich heute noch selbst zu ihnen kommen werde. Einer soll zurückbleiben, um die beiden zu bewachen, und der andere mag mich beim letzten Posten erwarten, um mir den Weg zu zeigen, wenn ich komme.«

Der Mann ritt ab. Der vorige wartete noch auf Antwort.

»Du hast gehört, was jener meldete?« fragte ich ihn.

»Ja, Emir.«

»So trage unsere Bitte weiter an den Scheik der Abu Mohammed. Er soll sich hart hinter dem Feinde halten und sich nicht sehen lassen. Ist derselbe in das Tal Deradsch eingedrungen, so soll er ihn sofort im Rücken angreifen und ihn ja nicht wieder herauslassen. Alle Täler zwischen El Hamrin und El Kanuza sind zu besetzen. Das übrige wird unsere Sorge sein.«

Er jagte davon. Wir aber brachen unsere Uebung ab, um den Leuten Ruhe zu gönnen.

»Du willst nach Deradsch?« fragte der Scheik auf dem Rückwege.

»Ja.«

»Warum?«

»Um die beiden Spione gefangen zu nehmen.«

»Kann dies kein anderer verrichten?«

»Nein. Die Sache ist so wichtig, daß ich sie selbst übernehme. Wenn diese zwei nicht ganz ruhig und sicher aufgehoben werden, so ist unser schöner Plan vollständig verdorben.«

»Nimm dir einige Männer mit.«

»Das ist nicht nötig. Ich und unsere beiden Posten, das ist genug.«

»Sihdi, ich gehe mit!« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite gewichen war.

Ich wußte, daß er auf der Erfüllung dieses Wunsches bestehen werde, und nickte ihm also Gewährung.

»Ich weiß nur nicht, ob dein Pferd einen so schnellen Ritt aushalten wird. Ich muß während der Nacht hin und zurück.«

»Ich werde ihm eines von meinen Pferden geben,« meinte der Scheik.

Eine Stunde später waren wir unterwegs: ich auf dem Rappen, und Halef auf einem Goldbraunen, der seinem Herrn alle Ehre machte. Wir legten die Strecke bis zum letzten Posten in sehr kurzer Zeit zurück. Dort erwartete uns Ibn Nazar.

»Du hast die beiden Männer belauscht?« fragte ich ihn.

»Ja, Herr.«

»Du sollst eine Extragabe von der Beute erhalten. Wo ist dein Gefährte?«

»Ganz in der Nähe der beiden Kundschafter!«

»Führe uns!«

Der Ritt ging weiter. Die Nacht war halbdunkel, und bald erblickten wir den Höhenzug, hinter welchem El Deradsch lag. Ibn Nazar bog seitwärts ein. Wir mußten ein Felsengewirr erklimmen und gelangten an den Eingang einer dunklen Vertiefung.

»Hier sind unsere Pferde, Herr.«

Wir stiegen ab und brachten auch unsere Pferde hinein. Sie standen so sicher, daß wir sie gar nicht zu bewachen brauchten. Dann schritten wir auf dem Kamme des Höhenzugs weiter, bis sich das Tal zu unseren Füßen öffnete.

»Nimm dich in acht, Herr, daß kein Stein hinabfällt, der uns verraten könnte!«

Wir stiegen vorsichtig hinab: ich hinter dem Führer und Halef hinter mir, immer einer in den Fußstapfen des andern. Endlich langten wir unten an. Eine Gestalt kam uns entgegen.

»Nazar?«

»Ich bin es. Wo sind sie?«

»Noch dort.«

Ich trat hinzu.

»Wo?«

»Siehst du die Ecke des Felsens dort rechts?«

»Ja.«

»Sie liegen dahinter.«

»Und ihre Pferde?«

»Haben sie etwas weiter vorwärts angebunden.«

»Bleibt hier und kommt, wenn ich euch rufe. Komm, Halef!«

Ich legte mich zur Erde nieder und kroch vorwärts. Er folgte mir. Wir gelangten unbemerkt an die Ecke. Ich spürte Tabaksgeruch und hörte zwei halblaute Stimmen miteinander reden. Nachdem ich bis hart an die Kante vorgedrungen war, konnte ich die Worte verstehen:

»Zwei gegen sechs!«

»Ja. Der eine hat schwarz und grau ausgesehen, ist lang und dünn gewesen, wie eine Lanze, und hat ein graues Kanonenrohr auf dem Kopfe gehabt.«

»Der Scheïtan!«

»Nein, sondern nur ein böser Geist, ein Dschini.«

»Der andere aber ist der Teufel gewesen?«

»Wie ein Mensch, aber fürchterlich! Sein Mund hat geraucht, und seine Augen haben Flammen gesprudelt. Er hat nur die Hand erhoben, und da sind alle sechs Pferde tot zusammengestürzt, mit den andern vier aber sind die zwei Teufel – Allah möge sie verfluchen – durch die Luft davongeritten.«

»Am hellen Tage?«

»Am hellen Tage.«

»Gräßlich! Allah behüte uns vor dem dreimal gesteinigten Teufel! Und dann ist er gar in das Lager der Abu Hammed gekommen?«

»Gekommen nicht, sondern sie haben ihn gebracht.«

»Wie?«

»Sie haben ihn für einen Mann gehalten und sein Pferd für den berühmten Rappen des Scheik Mohammed Emin el Haddedihn. Sie wollten das Pferd haben und nahmen ihn gefangen. Als sie ihn aber in das Lager brachten, erkannte ihn der Sohn des Scheik.«

»Er hätte ihm die Freiheit geben sollen.«

»Er glaubte immer noch, daß er vielleicht doch ein Mensch wäre.«

»Hatten sie ihn gefesselt?«

»Ja. Aber da kam ein Löwe in das Lager, und der Fremde sagte, er wolle ihn ganz allein erlegen, wenn man ihm seine Büchse gebe. Man gab sie ihm, und er ging in die dunkle Nacht hinaus. Nach einiger Zeit fielen Blitze vom Himmel, und es krachten zwei Schüsse. Nach einigen Minuten kam er. Er hatte das Fell des Löwen umgeworfen, stieg auf sein Pferd und ritt durch die Luft davon.«

»Hat ihn keiner halten wollen?«

»Doch; aber die Männer griffen in die Luft. Und als man ihm nachjagte, fielen drei Kugeln vom Himmel, welche die drei besten Pferde töteten.«

»Woher weißt du das?«

»Der Bote erzählte es, welchen Zedar Ben Huli an unseren Scheik sandte. Glaubst du nun, daß es der Scheïtan war?«

»Er war es.«

»Was würdest du tun, wenn er dir erschiene?«

»Ich würde auf ihn schießen und dazu die heilige Fatcha beten.«

Ich trat um die Ecke und stand vor ihnen.

»So bete sie!« gebot ich ihm.

»Allah kerihm!«

»Allah il Allah, Mohammed rasuhl Allah!«

Diese beiden Ausrufe waren alles, was sie hervorbrachten.

»Ich bin der, von dem du erzählt hast. Du nennst mich den Scheïtan; wehe dir, wenn du ein Glied regst, um dich zu verteidigen! Halef, nimm ihnen die Waffen!«

Sie ließen dies ruhig geschehen; ich meinte, ihre Zähne klappern zu hören.

»Binde ihnen die Hände mit ihren eigenen Gürteln!«

Damit war Halef bald fertig, und ich konnte fest überzeugt sein, daß die Knoten nicht aufgehen würden.

»Jetzt beantwortet mir meine Fragen, wenn euch euer Leben lieb ist! Von welchem Stamme seid ihr?«

»Wir sind Obeïde.«

»Euer Stamm geht morgen über den Tigris?«

»Ja.«

»Wie viele Krieger habt ihr?«

»Zwölfhundert.«

»Womit sind sie bewaffnet?«

»Mit Pfeilen und Flinten mit der Lunte.«

»Habt ihr auch andere Flinten und vielleicht Pistolen?«

»Nicht viele.«

»Wie setzt ihr über – auf Kähnen?«

»Auf Flößen; wir haben keine Kähne.«

»Wie viele Krieger haben die Abu Hammed?«

»So viel wie wir.«

»Wie sind diese bewaffnet?«

»Sie haben mehr Pfeile als Flinten.«

»Und wie viele Männer bringen euch die Dschowari?«

»Tausend.«

»Haben diese Pfeile oder Flinten?«

»Sie haben beides.«

»Kommen bloß eure Krieger herüber, oder werdet ihr diese Gegend auch mit euren Herden überziehen?«

»Nur die Krieger kommen.«

»Warum wollt ihr die Haddedihn bekriegen?«

»Der Gouverneur hat es uns befohlen.«

»Er hat euch nichts zu befehlen; ihr gehört unter den Statthalter von Bagdad. Wo sind eure Pferde?«

»Dort.«

»Ihr seid meine Gefangenen. Bei jedem Versuche, zu entkommen, werde ich euch niederschießen. Nazar, kommt!«

Die beiden Anderen kamen herbei.

»Bindet diese beiden Männer hier fest auf ihre Pferde!«

Die Obeïde ergaben sich in ihr Schicksal; sie stiegen ohne Weigerung auf und wurden auf ihren Tieren so befestigt, daß an eine Flucht gar nicht zu denken war.

Hierauf gab ich den Befehl:

»Jetzt holt unsere Pferde drüben herab, und bringt sie an den Eingang zum Tale. Ibn Nazar, du bleibst hier in El Deradsch zurück; der andere aber mag Halef die Gefangenen nach dem Lager transportieren helfen.«

Die beiden Haddedihn verschwanden, um unsere Pferde am äußersten Abhange des Tales hinabzuleiten. Dann stiegen wir auf und kehrten zurück, während Ibn Nazar auf seinem Posten verblieb.

»Ich werde euch voraneilen; kommt so schnell wie möglich nach.«

Mit dieser Weisung gab ich meinem Pferde die Schenkel. Ich tat dies aus zwei Gründen: erstens war meine Gegenwart im Lager nötig, und zweitens hatte ich heute einmal Gelegenheit, das Geheimnis und den höchsten Leistungsgrad meines Rappen zu probieren. Er flog leicht, wie ein Vogel, über die Ebene dahin; der schnelle Lauf schien ihm sogar Vergnügen zu machen, denn er wieherte einigemal freudig auf. Plötzlich legte ich ihm die Hand zwischen die Ohren – —

»Rih!« – —

Auf diesen Ruf legte er die Ohren zurück; er schien länger und dünner zu werden, schien zwischen den Luftteilchen hindurchschießen zu wollen. Dem bisherigen Galopp hätten hundert andere auch gute Pferde nicht zu folgen vermocht, aber gegen das, was nun erfolgte, war er wie die Windstille gegen eine rasende Bö, wie der Gang einer Ente gegen den Flug einer Schwalbe. Die Geschwindigkeit einer Lokomotive oder eines Eilkameles hätte nicht vermocht, diejenige dieses Pferdes zu erreichen, und dabei war der Lauf desselben überaus glatt und gleichmäßig. Es war wirklich nicht zu viel, was Mohammed Emin zu mir gesagt hatte: »Dieses Pferd wird dich durch tausend Reiter hindurchtragen,« und ich fühlte mich unendlich stolz, der Besitzer dieses ausgezeichneten Renners zu sein.

Doch ich mußte daran denken, diese äußerste Anspannung aller Kräfte zu beenden; ich ließ den Rappen in Gang fallen und legte ihm liebkosend die Hand an den Hals. Das kluge Tier wieherte freudig bei diesem Beweis meiner Anerkennung und trug stolz den Hals.

Als ich das Lager erreichte, hatte ich vom Wadi Deradsch nur den vierten Teil der Zeit gebraucht, welche zu dem Hinwege notwendig gewesen war. In der Nähe des Zeltes, welches der Scheik bewohnte, hielt auf Kamelen und Pferden eine Menge dunkler Gestalten, die ich wegen der Dunkelheit nicht genau zu erkennen vermochte, und im Zelte selbst wartete meiner eine sehr angenehme Ueberraschung: – Malek stand vor dem Scheik, welcher soeben im Begriffe war, Worte der freundlichsten Begrüßung auszusprechen.

»Sallam!« begrüßte mich der Ateïbeh, indem er mir beide Hände entgegenstreckte. »Meine Augen freuen sich, dich zu sehen, und mein Ohr ist entzückt, die Schritte deines Fußes zu vernehmen!«

»Allah segne deine Ankunft, Freund meiner Seele! Er hat ein Wunder getan, um dich heute schon zu uns zu bringen.«

»Welches Wunder meint deine Zunge?«

»Wir konnten dich heute unmöglich erwarten. Es sind ja drei Tagreisen von hier bis zum Dschebel Schammar und zurück!«

»Du sagest die Wahrheit. Aber dein Bote brauchte nicht bis zum Berge der Schammar zu reiten. Nachdem er mit Halef uns verlassen hatte, erfuhr ich von einem verirrten Hirten, daß die Krieger der Haddedihn hier ihre Herden weiden. Ihr Scheik, der berühmte und tapfere Mohammed Emin, ist mein Freund. Hadschi Halef konnte nur auf ihn und keinen anderen getroffen sein, und so berieten wir uns, nicht auf seine Rückkehr zu warten, sondern seiner Botschaft zuvorzukommen.«

»Dein Entschluß war gut, denn ohne ihn hätten wir dich heute nicht begrüßen können.«

»Wir trafen den Boten auf der Mitte des Weges, und mein Herz freute sich, als ich erfuhr, daß ich dich, o Hadschi Kara Ben Nemsi, bei den Kriegern der Haddedihn finden werde. Allah liebt dich und mich; er leitet unsere Füße auf Pfade, welche sich wieder begegnen. Doch sage, wo ist Hadschi Halef Omar, der Sohn meiner Achtung und meiner Liebe?«

»Er befindet sich unterwegs hierher. Ich ritt voraus und ließ ihn mit zwei Gefangenen zurück; in kurzer Zeit wirst du ihn sehen.«

»Es ist dir gelungen?« fragte mich Mohammed Emin.

»Ja. Die Kundschafter sind in unserer Hand; sie können uns nicht schaden.«

»Ich höre,« meinte Malek, »daß Feindschaft ausgebrochen ist zwischen den Haddedihn und den Räubern am Tigris?«

»Du hast recht gehört. Morgen, wenn die Sonne am höchsten gestiegen ist, werden unsere Gewehre donnern und unsere Säbel blitzen.«

»Ihr werdet sie überfallen?«

»Sie wollen uns überfallen, wir aber werden sie empfangen.«

»Dürfen euch die Männer der Ateïbeh ihre Säbel leihen?«

»Ich weiß, daß dein Säbel ist wie Dsu al Fekar151, dem niemand widerstehen kann. Du bist uns hoch willkommen mit allen, welche bei dir sind. Wie viele Männer sind bei dir?«

»Einige mehr als fünfzig.«

»Sie sind müde?«

»Ist der Araber müde, wenn er den Schall der Waffen hört und das Getöse des Kampfes vernimmt? Gib uns frische Pferde, und wir werden euch überall folgen, wohin ihr uns führen mögt!«

»Ich kenne euch. Eure Kugeln treffen sicher, und die Spitzen eurer Lanzen verfehlen nie ihr Ziel. Du wirst mit deinen Männern die Schanze verteidigen, welche den Ausgang des Schlachtfeldes verschließen soll.«

Während dieser Unterredung saßen seine Leute draußen ab; ich hörte, daß ihnen ein Mahl aufgetragen wurde, und auch das Zelt des Scheik wurde reichlich mit Speise versehen. Wir hatten das Abendessen noch nicht beendet, als der kleine Halef eintrat und die Ankunft der Gefangenen meldete. Diese wurden dem Scheik vorgeführt. Er sah sie verächtlich an und fragte:

»Ihr seid vom Stamme der Obeïde?«

»So ist es, o Scheik.«

»Die Obeïde sind Feiglinge. Sie fürchten sich, die tapferen Krieger der Haddedihn allein zu bekämpfen, und haben sich deshalb mit den Schakalen der Abu Hammed und der Dschowari verbunden. Ihre Uebermacht sollte uns erdrücken; wir aber werden sie auffressen und verzehren. Wißt ihr, was die Pflicht eines tapferen Kriegers ist, wenn er einen Feind bekämpfen will?«

Sie sahen zu Boden und antworteten nicht.

»Ein tapferer Ben Arab kommt nicht wie ein Meuchelmörder; er sendet einen Boten, um den Kampf zu verkündigen, damit der Streit ein ehrlicher sei. Haben eure Anführer dies getan?«

»Wir wissen es nicht, o Scheik!«

»Ihr wißt es nicht? Allah verkürze eure Zungen! Euer Mund trieft von Lüge und Falschheit! Ihr wißt es nicht und hattet doch den Auftrag, das Tal Deradsch zu bewachen, damit ich keine Kunde von eurem Einfalle erhalten könne! Ich werde euch und die Euren so behandeln, wie sie es verdienen. Man rufe Abu Mansur, den Besitzer des Messers!«

Einer der Anwesenden entfernte sich und kehrte bald darauf mit einem Mann zurück, der ein Kästchen bei sich trug.

»Man binde sie, daß sie sich nicht regen können, und nehme ihnen das Marameh152 ab!«

Dies geschah, und dann wandte sich der Scheik an den neu Angekommenen:

»Was ist die Zierde des Mannes und des Kriegers, o Abu Mansur?«

»Das Haar, welches sein Angesicht verschönt.«

»Was gehört einem Manne, der sich fürchtet, wie ein Weib, und der die Unwahrheit sagt, wie die Tochter eines Weibes?«

»Er soll wie ein Weib und wie die Tochter eines Weibes behandelt werden.«

»Diese beiden Männer tragen Bärte, aber sie sind Weiber. Sorge dafür, Abu Mansur, daß man sie als Weiber erkenne!«

»Soll ich ihnen den Bart nehmen, o Scheik?«

»Ich gebiete es dir!«

»Allah segne dich, du Tapferer und Weiser unter den Kindern der Haddedihn! Du bist freundlich und milde gegen die Deinen und gerecht gegen die Feinde deines Stammes. Ich werde deinem Befehle gehorsam sein.«

Er öffnete sein Kästchen, welches verschiedene Instrumente enthielt, und nahm einen Schambijeh hervor, dessen blanke Klinge im Scheine des Zeltfeuers funkelte. Er war der Barbier des Stammes.

»Warum nimmst du nicht das Bartmesser?« fragte ihn der Scheik.

»Soll ich mit dem Messer den Bart dieser Feiglinge wegnehmen und dann mit ihm den Scheitel und die Schuschah153 der tapferen Haddedihn berühren, o Scheik?«

»Du hast recht; tue, wie du es dir vorgenommen hast!«

Die gebundenen Obeïde wehrten sich nach Möglichkeit gegen die Manipulation, mit welcher die allergrößte Schande für sie verbunden war; ihr Sträuben half ihnen nichts. Sie wurden festgehalten, und der Dolch Abu Mansurs war so scharf, daß die Barthaare vor ihm wie vor der Schneide eines Rasiermessers wichen.

»Nun schafft sie hinaus,« gebot der Scheik. »Sie sind Weiber und sollen von den Weibern bewacht werden. Man gebe ihnen Brot, Datteln und Wasser; versuchen sie aber, zu entkommen, so gebe man ihnen eine Kugel!«

Das Abscheren des Bartes war nicht nur eine Strafe, sondern wohl auch ein gutes Mittel, die Gefangenen an einem Fluchtversuch zu hindern. Sie wagten es jedenfalls nicht, sich bei den Ihrigen ohne Bart sehen zu lassen. Jetzt erhob sich der Scheik und zog sein Messer. Ich sah es seiner feierlichen Miene an, daß nun etwas Ungewöhnliches erfolgen und daß er dabei vielleicht eine Rede halten werde.

»Allah il Allah,« begann er; »es gibt keinen Gott außer Allah. Alles, was da lebt, hat er geschaffen, und wir sind seine Kinder. Warum sollen sich hassen, die sich lieben, und warum sollen sich entzweien, die einander angehören? Es rauschen viele Zweige in dem Walde, und auf der Ebene stehen viele Halme und viele Blumen. Sie sind einander gleich, darum kennen sie sich und trennen sich nicht. Sind wir einander nicht auch gleich? Scheik Malek, du bist ein großer Krieger, und ich habe zu dir gesagt: »Nanu malihin – wir haben Salz miteinander gegessen.« Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, auch du bist ein großer Krieger, und ich habe zu dir gesagt: >Nanu malihin. Ihr wohnt in meinem Zelte; ihr seid meine Freunde und meine Gefährten; ihr sterbet für mich, und ich sterbe für euch. Habe ich die Wahrheit gesagt? Habe ich recht gesprochen?«

Wir bejahten durch ein ernstes, feierliches Kopfnicken.

»Aber das Salz löst sich auf und vergeht,« fuhr er fort. »Das Salz ist das Zeichen der Freundschaft; wenn es sich aufgelöst hat und aus dem Körper verschwunden ist, so ist die Freundschaft zu Ende und muß wieder erneuert werden. Ist das gut, ist das genügend? Ich sage nein! Tapfere Männer schließen ihre Freundschaft nicht durch das Salz. Es gibt einen Stoff, der nie im Körper vergeht. Weißt du, Scheik Malek, was ich meine?«

»Ich weiß es.«

»So sage es.«

1.Herr.
2.Nachtigall.
3.Mekkapilger.
4.Tal, Schlucht.
5.Araber.
6.Engländer.
7.Deutschen
8.Lache.
9.Brunnen.
10.Region der Dünen.
11.Gesichtsschleier.
12.Legitimation, Reisepaß.
13.Wörtlich: »Im Schatten des Padischah.«
14.Führer.
15.»Vater des Salzes«.
16.Statthalter.
17.Soldaten.
18.Korporal.
19.Tambour.
20.Tschausch = Feldwebel; Mülasim = Leutnant.
21.Höhere Schule im Orient.
22.Das arabische Wort Harem bedeutet eigentlich »das Heilige, Unverletzliche« und bezeichnet bei den Muhammedanern die Frauenwohnung, welche von den übrigen Räumen des Hauses abgesondert ist.
23.Plural von Sura, die Strophe.
24.Dorfrichter.
25.Vorstadt von Kairo mit Hafen.
26.Kleines Segelschiff.
27.Trinkgeld.
28.Senitza ist serbisch und heißt deutsch Augapfel.
29.Kleineres Segel.
30.Reiseschein.
31.Montenegro. – Beides heißt ebenso wie das slawische Ezernagora »Schwarzer Berg«.
32.Moses.
33.Jehova.
34.Richtung nach Mekka, beim Gebet vorgeschrieben.
35.Matrosen.
36.Gärtner.
37.Kaufmann.
38.Schützling.
39.Buch, Bibel.
40.Türkisch für Aegypten.
41.Kloster.
42.Eine Steuer, deren Ertrag nur zu Almosen bestimmt war.
43.Christen. Das Wort ist gleichbedeutend mit »Nazarenern«.
44.Steuermann.
45.Der »Heulenden« – heulende Derwische.
46.Verschlag.
47.Spitzbuben.
48.Teufels.
49.Verhext, bezaubert.
50.Schicksal, Vorausbestimmung.
51.Schleier.
52.Beduinischer Mantel.
53.Das Geräusch, welches das Wasser am Kiele eines fahrenden Schiffes verursacht.
54.Spione.
55.Wundarzt.
56.Offizier.
57.Gesandten.
58.Aden an der Straße Bah-el-Mandeh.
59.Gebet zur Mittagszeit.
60.Aus Ziegenfell gefertigte Beutel. Die Haarseite ist dabei nach außen gewendet.
61.Ein schrankartiger Kasten.
62.Leinwandsäckchen.
63.Opium.
64.Landkarte.
65.Dieses Wort wird nach französischer weise Minarett geschrieben und von vielen Deutschen auch so ausgesprochen, was aber falsch ist.
66.Gelehrten.
67.Wörtlich »Heiliges Zeug«.
68.Geldwechsler.
69.Arbeiter.
70.Blumen.
71.Töchter des Paradieses, die Houris.
72.Eseltreiber.
73.Gasthaus.
74.Mann des Tores, Torwärter.
75.Siegel.
76.Juwelier.
77.Hälften.
78.Buchhalter.
79.Kaufmann.
80.Kamelart.
81.Kamelverleiher nach Art unserer Pferdeverleiher.
82.Ein Para hat acht Borbi.
83.Zeltdorf.
84.»Hoheit«.
85.à 5 Mark, in Summa also 25 Mark.
86.Ein kleines, nach außen umgebogenes Stöckchen.
87.Nördlichen Deutschen.
88.Oesterreicher.
89.Flinte.
90.Wurfspieß.
91.Heiliges Buch.
92.Blutrache.
93.Verfluchten.
94.Beduinen.
95.Gast.
96.Niedriges Holzgestell, mit Matten belegt.
97.Gebieter des Lagers.
98.Tochter des Scheik Malek.
99.Unerläßliche und erforderliche Handlungen.
100.Töchter der Araber.
101.Anna.
102.Licht des Mondes.
103.Blumen.
104.Granatäpfel.
105.Akazie.
106.Sonnenlicht.
107.Zeltdorf.
108.Palast.
109.Verheiratung.
110.Petschaft und Wachs.
111.Pistolen.
112.Pergament oder Papier.
113.Tinte und eine Feder.
114.Osten.
115.Feuerzeug.
116.Gefängnis.
117.Wite, türkische Hosen.
118.Benat ist Plural von Bint, Tochter.
119.Westen.
120.Gebet beim Aufgange der Sonne.
121.Euphrat.
122.Die große Moschee.
123.»Haus Gottes«, es ist gleichfalls die große Moschee gemeint.
124.Fremdenführer.
125.Niederwerfungen.
126.Kanzel, türkisch: Mimbar.
127.Eine kleine, mit Marmor ausgelegte Vertiefung, aus welcher Abraham und Ismael den Kalk genommen haben sollen, als sie die Kaaba bauten.
128.Der Stein, welcher dem Abraham bei diesem Bau als Fußgestell gedient haben soll.
129.Und vergieb du unsere Sünden, wie auch wir die Sünden vergessen?
130.Gott ist die Liebe, und wer in der Löiebe bleibet, der ist in Gott und Gott in ihm.
131.Bewohner von Mekka.
132.Schwarzseidener Stoff.
133.Fußspur.
134.Schreiber, Schriftsteller.
135.Wiese Prairie.
136.Oase.
137.Polizist.
138.Königin von England.
139.Schwarzes Zelt.
140.Unterstämme.
141.Wörtlich »Insel« = das Land zwischen dem Euphrat und dem Tigris.
142.Ein Kuran, welcher im goldgeschmückten Futteral um den Hals gehängt wird. Nur die Hadschi pflegen ihn zu tragen.
143.Kopfsteuer, welche die Stämme von Fremden zu erheben pflegen.
144.Bent Amm heißt eigentlich Base und ist nebenbei die einzige Form, unter welcher man mit einem Araber von seinem Weibe spricht.
145.Einer, welcher auszieht, um für den Glauben zu kämpfen.
146.Scharfes afghanisches Messer.
147.Tag der Versammlung = Freitag.
148.Blutrache.
149.Dattelpalmensaft.
150.Keule.
151.»Der Blitzende«, Mohammeds Degen, der noch heute aufbewahrt wird.
152.Tuch, welches anstatt des Turbans auf dem Kopfe getragen wird.
153.Haarbüschel auf dem Scheitel.
Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
04 ekim 2016
Hacim:
570 s. 1 illüstrasyon
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