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Kitabı oku: «Scepter und Hammer», sayfa 15

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Elftes Kpaitel: Paroli

Es war am Abende. Ein feiner, dichter Regen fiel vom Himmel nieder, so daß auf den Straßen der Residenz nur Diejenigen verkehrten, welche die Nothwendigkeit aus ihren Wohnungen trieb. Der Posten, welcher vor dem Polizeigebäude auf und ab patrouillirte, hatte sich fest in seinen Mantel gehüllt und murmelte zuweilen ein zorniges Kraftwort über das unfreundliche Wetter, dem er sich in Folge seiner dienstlichen Obliegenheiten preisgeben mußte.

Ein hochgewachsener Mann, der einen weiten Gummirock mit Kapuze trug, kam die Straße heraufgeschritten und trat durch das Portal in das Gebäude. Der diensthabende Polizist im Flure desselben trat ihm einen Schritt entgegen.

»Was wünschen Sie?«

»Ist der Inspektor zu Hause?«

»Der Herr Inspektor, wollen Sie wohl sagen! Er ist zwar da, aber nicht mehr zu sprechen.«

Statt aller Antwort drehte sich der Mann um und schritt auf die Treppe zu. Der Polizist eilte ihm nach und faßte ihn am Arme.

»Ich sagte, daß der Herr Inspektor nicht zu sprechen sei.«

Der Andere schlug jetzt die Kapuze zurück und frug:

»Kennen Sie mich?«

Der Beamte trat erschrocken einen Schritt zurück.

»Durchlaucht Excellenz! Verzeihung, ich konnte Ew. Hoheit ganz unmöglich erkennen!«

Der Herzog von Raumburg, denn dieser war es, nickte kurz und stieg dann zur ersten Etage empor, in welcher sich die Wohnung des Inspektors befand. Dort angekommen, öffnete er ohne Weiteres eine Thür und befand sich seinem Untergebenen gegenüber, den über den unvermutheten Besuch eine sichtliche Überraschung befiel.

»Durchlaucht!«

»Schon gut; lassen wir alle Komplimente! Sie kennen meine Gewohnheit, Alles selbst zu sehen, mich von Allem so viel wie möglich selbst zu überzeugen. Ich komme, die Polizeigefängnisse zu revidiren. Ist Alles in Ordnung?«

»Alles,« antwortete der Inspektor, nach einem Schlüsselbunde greifend.

»Lassen Sie die Schlüssel! Sie wissen, daß ich einen Hauptschlüssel für die Schlösser sämmtlicher Landesanstalten besitze. Ist bereits abgespeist?«

»Ja.«

»Die Gefangenen haben die Strohsäcke in ihre Zellen bekommen und werden nun eigentlich nicht mehr gestört?«

»So ist es, Excellenz!«

»Sind alle Schließer da?«

»Nur der wachthabende; die andern haben frei.«

»Gut. Er wird mich führen, und Ihre Begleitung ist also nicht nöthig.«

Der Herzog verließ das Zimmer und schritt dem ihm wohlbekannten Theile des Gebäudes zu, in welchem sich die mit Nummern versehenen Gefängnißzellen befanden. Sie lagen an den Seiten von zwei Korridoren, welche den ersten und zweiten Stock des Hinterhauses bildeten. Der Jour habende Schließer erkannte ihn sofort und stellte sich in devotester Haltung zur Disposition.

»Revidiren!« klang es kurz und befehlshaberisch.

»Wo, Excellenz?«

»Zunächst oben!«

Sie stiegen eine zweite Treppe empor. Der Schließer öffnete eine Zellenthür nach der andern und leuchtete in die engen Räume, in welche der Herzog einen kurzen Blick warf. Fast waren sie damit fertig, als Raumburg frug:

»Haben Sie Trinkwasser oben?«

»Nein; es befindet sich im unteren Korridore.«

Der Herzog hatte dies bereits bemerkt und gerade deshalb dieses Mittel gewählt, den Beamten auf eine kurze Zeit zu entfernen.

Wasser!«

Der Schließer beeilte sich, diesem Befehle schleunigst nachzukommen. Kaum hatte er den Gang verlassen, so trat der Herzog zu einer Thür, welche eine nach dem Boden führende Treppe verschloß. Mit Hilfe seines Hauptschlüssels war sie in drei Sekunden geöffnet; dann schloß er ebenso die Zelle auf, in welcher Helbig detinirt war, und zog ein Bündel unter seinem Rock hervor.

»Schnell, schnell! Hier ist der Strick. Dort hinauf!«

Helbig ergriff das Bündel und huschte die dunklen Stufen empor. Der Herzog verschloß die beiden Thüren hinter ihm und war damit vollständig fertig, als der Schließer das Wasser brachte. Die Revision wurde fortgesetzt. hierher.

Er nahm als gewiß an, daß Helbig sein Gefängniß heimlich verlassen werde; da er aber die Art und Weise nicht kannte, in welcher dies bewerkstelligt werden sollte, so konnte er nicht den Mörder beobachten, sondern mußte sich begnügen, seine Aufmerksamkeit auf den herzog zu richten.

Er hatte beinahe eine volle Stunde gewartet, als er den Letzteren endlich aus dem Portale treten und die Straße hinabschreiten sah. Er folgte ihm.

Raumburg bog in die nächste Seitenstraße ein und folgte dann einigen engen Gassen, die ihn an die hintere Seite des Polizeigebäudes führten. Dieses lag außerhalb der inneren Stadt, und seine Rückfront stieß an das offene Feld, welches hier die Spuren einiger alter Festungsgräben zeigte, die nicht zugeschüttet worden waren. In den Vertiefungen wucherte ein üppiges Weidengebüsch, zu welchem der Herzog seine Schritte lenkte. Dort angekommen, stieß er einen leisen Pfiff aus, und sofort tauchte die Gestalt Helbigs vor ihm empor.

»Helbig!«

»Hier!«

»Alles gut?«

»Ja.«

»Wo ist das Seil?«

»Es hängt noch.«

»Wirst Du wieder hinaufkommen?«

»Ja, wenn ich wirklich wieder in die Zelle muß. Aber ich denke, Sie wollen mir die Freiheit schenken!« wird.«

»Es ist finster, und Niemand wird das Seil bemerken, mit dessen Hilfe ich wieder hinauf zum Bodenfenster klettere; aber wie komme ich von dort oben wieder in meine Zelle?«

»Sobald Du oben bist, wirfst Du das Seil herab; ich werde es dann selbst entfernen. Natürlich kann ich Gründe haben, gegen Morgen das Gefängniß nochmals zu revidiren; Du wartest hinter der Bodenthür, bis ich diese öffne. Es wird morgen Niemand ahnen, daß Du während der Nacht das Gefängniß verlassen hast.«

»Und nun meine Aufgabe, gnädiger Herr?«

»Du gehst zunächst in meinen Garten. In derjenigen hinteren Ecke, welche nach dem Flusse zu liegt, findest Du ein Paket. Es enthält einen vollständigen Handwerksburschenanzug, den Du anlegst. Hast Du Geschick genug, für einen Schmiedegesellen zu gelten?«

»Wird mir nicht schwer fallen, Durchlaucht.«

»Schön! Hier hast Du ein Wanderbuch, in welchem Du natürlich vorher die Visa nachsehen mußt. Kennst Du Brandauers Hofschmiede?«

»Ja.«

»Dorthin gehst Du und sprichst um ein Nachtlager an.«

»Sie werden mich in die Herberge weisen.«

»Ich habe Erkundigung eingezogen und erfahren, daß der Meister sehr oft wandernde Gesellen bei sich behält, wenn ihm ihr Äußeres und ihre Legitimation gefällt. Dein Wanderbuch wird Dich ihm empfehlen; das Übrige ist Deine eigene Sache. Du mußt auf alle Fälle versuchen, bleiben zu dürfen; halte Dich an die Gesellen; Hier hast Du Geld, ihnen ein Gratial zu geben. Und solltest Du partout gehen müssen, so benütze Deine Zeit wenigstens dazu, Dich mit der Örtlichkeit vertraut zu machen, damit es Dir gelingt, Dich heimlich einzuschleichen.«

»Und was kommt dann?«

»Der Schmied hat einen Sohn, Namens Max, welcher in der Stube über der Schmiede schläft. Auf der andern Seite wohnt eine Zigeunerin und ein verabschiedeter Artilleriehauptmann; das sind drei Personen, für welche ich Dir hier dieses Messer und diesen Revolver gebe; er ist geladen. Weiter kann ich nichts sagen.« dabei.«

»Du kleidest Dich dann in meinem Garten wieder um, wo ich in der hintersten Laube auf Dich warten werde. Gelingt Dir Alles gut, so bist Du in wenigen Tagen frei und ich statte Dich so aus, daß Du ohne Sorgen leben kannst. Jetzt geh!«

Helbig verschwand. Der Herzog wartete noch einige Minuten und entfernte sich dann auch. Jetzt erhob sich kaum einige Fuß von dem Platze, an welchem die Beiden gestanden hatten, Max vom Boden. Er hatte jedes Wort der für ihn so gefahrdrohenden Unterredung vernommen.

»Ein sauberes Paar! Der Plan ist wahrhaftig so verwegen, daß wir sehr bedeutende Personen sein müssen, von deren Entfernung höchst Wichtiges abzuhängen scheint. Diesen Helbig werde ich bekommen, und den Herzog später auch, trotzdem ihm sein Rang den besten Schutz gewährt!«

Er kehrte nach der Schmiede zurück.

Dort saßen heut die Gesellen nicht wie an schönen Abenden im Freien, sondern sie hatten sich in der Werkstatt plazirt. Thomas fehlte; es waren also nur Baldrian, Heinrich und die Lehrlinge anwesend.

»Wenn ich nur wüßte, warum der Thomas verreist ist!« meinte Heinrich, der Artillerist. »Es muß das einen ganz besonderen Grund haben.«

»Das ist am Den!« nickte Baldrian, der Grenadier.

»Kannst Du Dir nichts denken?«

Baldrian schüttelte mit dem Kopfe, und Heinrich fuhr fort:

»Erst eine Depesche und dann der Obergeselle auf Reisen – es geht Etwas vor. Meinst Du nicht auch, Baldrian?«

»Das ist am Den!«

»Droben die Zigeunerin und der Hauptmann; dann der junge Herr immer auf dem Sprunge – es geht Etwas vor! Hast Du das Gesicht gesehen, welches er machte, als er jetzt kam?«

Baldrian nickte.

»Das sah aus, als hätte er etwas ganz Außerordentliches erlebt. Er war fadennaß, und der Schmutz lag so dick auf seinen Hosenbeinen, als hätte er draußen auf dem Felde gelegen. Nun ist er mit dem Meister hinauf zu der Zigeunerin, wo sie Allerlei verhandeln, als ob großer Kriegsrath abgehalten würde, gerade wie damals, als wir vor Hochberg lagen und kein Mensch Rath wußte, bis ich endlich der ganzen Generalität aus der Patsche half.«

»Du?« frug Baldrian verwundert.

»Ja, ich. Das war nämlich so: Wir belagerten Hochberg schon sechs Wochen lang und konnten doch das Nest nicht bekommen. Der Oberstkommandirende war ganz grimmig darüber, hielt einen Kriegsrath nach dem andern und konnte doch zu keinem Ziele kommen. Eines schönen Tages saßen sie wieder beisammen, und ich hatte den Zimmerpostendienst. Jeder hatte eine andere Meinung; der Generalissimus fluchte und wetterte, daß es krachte, und sagte endlich: »Die Schuld liegt daran, daß wir weder von der Befestigung noch von der Vertheidigung etwas Genaues wissen. Ich wollte der Sache bald ein Ende machen, wenn ich drin Jemand hätte, der mir Alles sagte.«

Die Rede leuchtete mir ein; ich konnte mich nicht halten und trat vor.

»Zu Befehl, Herr Generalissimus; schicken Sie mich hinein. Ich werde auf den Thurm steigen und mir Alles genau ansehen.«

»Du?« frug er. »Ja so, Du bist ja der Heinrich Feldmann, der berühmteste und gescheidteste Artillerist in meinem ganzen Heere! Getraust Du Dir das wirklich zu Stande zu bringen?«

»Zu Befehl, ja!«

»Gut; ich gebe Dir jetzt sofort Urlaub. Laß Dich ablösen und handle ganz nach Deinem Ermessen; ich weiß, daß Du ein guter strategischer Kopf bist und mir meinen Feldzugsplan nicht verderben wirst. Wenn es Dir wirklich gelingt, so bekommst Du eine lebenslängliche Pension von jährlich fünfhundert Thalern.«

»Ich ließ mich also ablösen, setzte mich auf meinen Fuchs, denn ich war doch reitender Kanonier und durfte mich zu Fuße nicht blamiren, und ritt im Galopp gegen die Festung. Sie hielten mich für einen Parlamentär und dachten schon, wir wollten uns ihnen ergeben; darum machten sie schnell das Thor auf und kamen in hellen Haufen herbei, um mich zu empfangen. Indem ich mir nun die Leute ansehe, erblicke ich unter ihnen den ganz obersten Festungskommandanten. Da fährt mir ein kühner, gewaltiger Plan durch den Kopf, denn ich hatte bemerkt, daß die Kirchthür offen stand. Ich reite also auf den Kerl zu, packe ihn bei der Gurgel, puffte.«

»Das ist am Den!« nickte Baldrian mit einem Gesichte, als ob er an der fürchterlichsten Kolik litte.

»Willst Du es etwa nicht glauben? Für die Gefangennahme des Festungskommandanten bekam ich extra eine goldene Medaille geschlagen, die mir aber auch irgendwo abhanden gekommen ist, und die Pension beziehe ich noch heut; Ihr seht nur nichts davon, weil ich das Geld stehen lasse, bis es mir einmal gefallen wird, mich zur Ruhe zu setzen.«

Baldrian stand im Begriffe, trotz seiner sonstigen Einsilbigkeit eine scharfe Bemerkung zu machen, wurde aber daran verhindert, denn die Hausthür öffnete sich, und Helbig trat ein, den Knotenstock in der Hand und ein volles Felleisen auf dem Rücken.

»Viel Glück ins Haus, Ihr Leute!« grüßte er nach Handwerksburschenmanier. »Ich bin ein wandernder Schmiedegeselle und komme, den Herrn Meister um ein Nachtquartier zu bitten.«

»Ein Nachtquartier?« Frug Heinrich. »Hast Du gute Papiere?«

»Ja.«

»Steht der Bettel vielleicht drin?«

»Ich bettle nicht, sondern ich verdiene mir von Ort zu Ort so viel Reisegeld, als ich brauche.«

»Eigentlich ist hier bei uns keine Herberge; aber der Meister ist ein guter Mann, der schon Manchen übernachtet hat, wenn es ein anständiger Bursche war. Nicht wahr, Baldrian?«

»Das ist am Den!« stimmte der Gefragte bei.

»Du siehst allerdings nicht aus wie ein Bummler; ich werde hinaufgehen und den Meister holen,« fügte Heinrich hinzu.

»Ist es nicht möglich, daß ich vielleicht Arbeit hier bei Euch bekommen könnte?« frug Helbig treuherzig. »Ich habe etwas gelernt und immer nur bei tüchtigen Meistern in Arbeit gestanden.«

»Ich glaube nicht, doch kannst Du ja den Meister selber fragen.«

Heinrich ging, und Helbig wandte sich nun ausschließlich zu Baldrian:

»Nicht wahr, Euer Meister heißt Brandauer?«

»Das ist am Den!«

»Hat er Kinder?«

Baldrian nickte.

»Einen Sohn?«

Ein zweites folgte.

»Ist dieser daheim?«

Ein Drittes Nicken.

»Wohnt Ihr allein im Hause?«

»Das ist nicht am Den!«

»So wohnen auch noch Fremde hier, die eigentlich nicht zur Familie des Meisters gehören?«

Jetzt warf ihm Baldrian einen höchst verweisenden Blick zu.

»Höre, Fremder, halte das Maul; ich halte es auch am Liebsten!«

Diese Rede des schweigsamen Gesellen war kurz und sehr deutlich. Helbig öffnete den Mund zu einer Entgegnung, als sich droben Bitte.

»Zeige mir Dein Buch!« antwortete Brandauer.

Helbig reichte es ihm entgegen. Der Meister blickte es durch und nickte dann zufrieden.

»Du kannst und sollst hier bleiben. Lege ab!«

Helbig stellte seinen Stock in eine Ecke und schnallte das Felleisen vom Rücken. In dem Augenblicke, als er es an einen Nagel hängen wollte, trat Brandauer hinter ihn und legte ihm die Arme um den Leib; zugleich zog Max zwei bereit gehaltene Riemen hervor, und ehe die Andern ihrer Überraschung über dieses unvorhergesehene Ereigniß Ausdruck geben konnten, war der falsche Schmiedegeselle so gefesselt, daß er sich nicht im Geringsten zu rühren vermochte. Auch ihn hatte das Plötzliche des Angriffs so außer aller Fassung gebracht, daß kein einziger Laut von seinen Lippen zu hören war. Die Gesellen und Lehrlinge standen wortlos und staunten; der Meister legte den Gefesselten zur Erde.

»Also ein Nachtlager bekommst Du, mein Junge, das habe ich Dir versprochen; nur weiß ich nicht, ob es nach Deinem Gusto sein wird. Laß einmal sehen, was Du bei Dir hast!«

Er zog ihm zunächst das Geld aus der Tasche.

»Das also war zum Gratial für meine Gesellen. Seine Durchlaucht werden es ehrlich wieder bekommen!«

Jetzt fand er das Messer und den Revolver.

»Und das war für die drei Menschen, welche Euch im Wege sind! Ich werde Dir diese Sachen bis Morgen aufheben und sogar auch Deine Kleider aus der hintersten Gartenecke holen lassen, damit Du nicht in Verlust geräthst. Baldrian!«

»Herr Meister!«

»Dieser Mensch ist ein gefährlicher Verbrecher; ich muß ihn heut hier behalten und übergebe ihn Dir und Heinrich. Schließt ihn in die Eisenkammer und seht darauf, daß er Euch nicht etwa abhanden kommt. Ich weiß, ich kann mich auf Dich verlassen!«

»Das ist am Den!«

Der starke Geselle nahm den Gefangenen von der Erde auf, warf ihn mit Leichtigkeit über die Schulter und trug ihn nach dem bezeichneten Orte. Heinrich und die Lehrjungen folgten; es gab ja hier ein Abenteuer, welches sie ganz gehörig durchkosten mußten.

»Ich werde morgen Vormittag zum König gehen, um ihm die Sache vorzutragen,« meinte Brandauer. »Er und kein Anderer hat hier zu entscheiden, da der Herzog seine Hand im Spiele hält. Willst Du noch hin zu diesem?«

»Ja, und zwar sofort, er ist ein Meuchler; aber ich biete ihm mein Schach in das Gesicht.«

Er ging. Nachdem er über den Fluß gerudert war, passirte er das herzogliche Palais und sprang dann über die Gartenmauer. Er brauchte keine Vorsicht anzuwenden, da Helbig ja von Raumburg erwartet wurde. Er schritt offen zur Laube; in ihrer Nähe angekommen, griff er in die Tasche, in welcher er ein Phosphorlaternchen stecken hatte, deren Schein ihm jede Feindseligkeit von Seiten des Herzogs zeigen mußte.

»Helbig!« klang es ihm halblaut entgegen.

»Durchlaucht!« antwortete er ebenso.

»Schon! Ich hatte Dich viel später erwartet; es muß sehr günstig gestanden haben. Wie ist es abgelaufen?«

»Schnell und gut.«

»Sind sie todt?«

»Nein.«

»Alle Teufel; warum kommst Du dann?«

Jetzt öffnete Max die Laterne, deren genügend heller Schein auf den Herzog fiel.

»Um Ihnen zu sagen, Durchlaucht, daß Sie ein Schurke sind!« antwortete er mit fester, ruhiger Stimme.

»Ein Schur – — ah, wer ist das? Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?«

Max ließ das Licht einen Augenblick lang auf sein Gesicht fallen.

»Sehen Sie her! Sie kennen mich ja wohl.«

»Brandauer! Hölle und Teufel! Mensch, was thun Sie in meinem Garten? Ich lasse Sie sofort arretiren!«

»Das werden Sie bleiben lassen, mein Herr! Ich komme nicht als Dieb und Einschleicher, denn ich wußte sehr genau, daß ich Sie hier treffen würde.«

»Nun, was wollen Sie?«

»Ich bitte sehr höflich um die Erlaubniß, mir einen Gegenstand holen zu dürfen, welcher sich gegenwärtig in Ihrem Garten befindet.«

»Welchen Gegenstand?«

»Die Kleidung eines gewissen Helbig.«

Nichts.«

»Lügen Sie nicht?«

»Herrrr – —!«

Er trat mit erhobenem Arme auf Max zu. Dieser jedoch wich keinen Zoll breit zurück, sondern antwortete:

»Herrrr – —! Sie sehen, Durchlaucht, mir stehen ganz dieselben Stimmmittel zur Verfügung wie Ihnen, die Vertheidigungswaffen ganz unerwähnt, welche ich gebrauchen würde, falls Sie Lust bekämen, den offenen Kampf mit mir aufzunehmen. Also bitte, darf ich mir die Kleider nehmen?«

»Ich verstehe Sie nicht. Sie reden wahrscheinlich irre!«

»Dann muß ich, um Sie von dem Gegentheile zu überzeugen, ausführlicher sein.«

»Nun? Ich befehle Ihnen das allerdings!«

»Seit wann steht Ihnen die Erlaubniß zu, mir irgend etwas zu befehlen? Jetzt reden wohl Ew. Hoheit irre, denn was ich Ihnen gegenüber thue, geschieht einzig und allein nur, weil es mir so beliebt. Sie erinnern sich wohl eines gewissen Helbig, welcher einst in Ihren Diensten stand?«

»Möglich. Weiter!«

»Er scheint von Ihnen vorzugsweise zu Missionen verwendet worden zu sein, welche nicht ganz heller Natur gewesen sind, denn – — —«

»Schweigen Sie!« herrschte ihn der Herzog an.

Das Innere desselben kochte förmlich vor Grimm. Er wußte jetzt, daß sein Anschlag gescheitert, daß Alles verrathen sei; er fühlte, in welcher Gestalt er seinem Gegner erscheinen müsse, und wenn ihm auch seine hohe Stellung eine gewisse Sicherheit gab, er war nicht nur besiegt, er war entlarvt von einem stolzen, unüberwindlich scheinenden Gegner, von einem – Schmiedesohne, der vor ihm stand und bereits schon vor ihm gestanden hatte so ruhig und hehr, wie der Löwe vor dem schmutzigen Gewürm, welches im Staube kriecht. Das steigerte seinen Grimm bis zum höchsten Grade, aber es war eine ohnmächtige Wuth, der lächelnden Ruhe gegenüber, mit welcher Max antwortete:

Wollen Sie nicht Ihre Stimme dämpfen, Durchlaucht? Es kann unmöglich in Ihrem Interesse liegen, unsere Unterredung für Andere hörbar werden zu lassen. Also ich sagte, diese Missionen können nicht ganz heller Natur gewesen sein, ebenso wie zum Beispiel der Auftrag, welchen er heut in Ihrem Interesse ausführen sollte.«

»Sie sprechen in Räthseln. Verlassen Sie meinen Garten!«

»Das Erstere ist nicht wahr, und das Letztere ist nicht Ihr Wunsch, denn es muß Ihnen sehr daran liegen zu erfahren, warum ich an Stelle dieses Helbig komme. Er läßt sich nämlich durch mich entschuldigen, da es ihm unmöglich ist, Ihnen seinen Bericht selbst abzustatten. Er liegt gebunden bei mir; Ihr Messer und Revolver wurde ihm abgenommen und ebenso das Geld, welches er zum Gratial für die Gesellen meines Vaters verwenden sollte.«

»Elender Verräther!«

»Sie irren wieder, Durchlaucht. Helbig hat Sie nicht verrathen; er hat sogar nicht einen einzigen Laut von sich gegeben; dennoch aber wußte ich bereits ehe er als Handwerksbursche bei uns erschien, welche Gefahr mir, der Zigeunerin Zarba und dem Hauptmann von Wallroth drohte.«

»Mensch, wie soll ich Sie behandeln?«

»Anders als bisher, Durchlaucht. Lassen Sie mir die Kleider des Meuchelmörders, und ich gestatte Ihnen dafür, mit dem am Polizeigefängnisse hängenden Seile ganz nach Ihrem Belieben zu verfahren. Ich gehe in dieser Konzession geradezu so weit, daß ich nichts dawider habe, wenn Sie den Entschluß fassen, sich daran aufzuknüpfen. Dann wären alle Kontraste gelöst, und Sie ersparen sich die geplante nochmalige Revision des zweiten Korridors.«

»Ah, es scheint, sie sind allwissend!« keuchte der vor Wuth bebende Herzog. »Wo haben Sie diese raffinirten Schlüsse gezogen?«

»Draußen zwischen den Weiden im alten Festungsgraben, gnädiger Herr. Ich stand da auf dem Anstande, um einen Fuchs und einen Marder zu ertappen. Sie gingen Beide ein. Den Fuchs lasse ich für heut noch laufen, denn er ist mir zu jeder Zeit sicher, den Marder aber halte ich fest, da ich ihn nicht an das Polizeigefängniß zurückliefern darf, weil über dieses nächtliche Raubzeug kein Anderer entscheiden soll, als Seine Majestät der König selbst.«

»Sind Sie toll?«

»Nichts weniger als das!«

»Und dennoch sind Sie es, sonst würden Sie es nicht wagen, sich mir als Feind zu präsentiren.«

»Unsere Intentionen gehen so weit auseinander, daß eine freundliche Beziehung geradezu eine positive Unmöglichkeit genannt werden muß.« finden.«

»Sie beweisen mit dieser Forderung gerade das Gegentheil von dem, was Sie beweisen wollen. Ich kann keinen Mörder freigeben, weil ich ja dann sein Mitschuldiger würde; ich stehe so gut auf meinen eigenen Füßen, daß ich eines Gönners und Beschützers nicht bedarf. Unsere Interessen sind so divergirend, daß wir stets Gegner sein werden; doch verspreche ich Ihnen, stets mit offener Stirn mit Ihnen zu verkehren, und rathe Ihnen, dasselbe auch mit mir zu versuchen. Ein ehrenhafter Feind ist schätzenswerth, ein hinterlistiger Freund aber einfach verächtlich. Ich habe Ihnen nichts weiter zu sagen, als daß ich die betreffenden Kleidungsstücke mir mit oder ohne Ihre Genehmigung jetzt nehmen werde.«

»Halt! Bedenken Sie sich sehr wohl, ehe Sie Ihr letztes Wort sprechen! Ich kann beglücken und verderben, ganz wie es mir beliebt, und Ihrer Anklage und Verfolgung stehe ich zu hoch, als daß es Ihnen gelingen könnte, mich zu erreichen.«

Nacht!«

Da faßte ihn der Herzog beim Arme.

»Noch einmal: Halt! Sie werden dem Könige wirklich das Geschehene referiren?«

»Nicht ich, sondern der Vater wird es thun.«

»So gehen Sie. Sie haben es gewagt, mir Schach zu bieten, und werden eher als Sie glauben erkennen, daß ich Herr meines Feldes bin, während Sie nichts sind als ein elender, jämmerlicher Wurm, den ich gewiß zermalmen und zertreten werde.«

Max entzog sich mit einem kräftigen Rucke der Hand seines Gegners. Seine Stimme klang ruhig, aber es lag eine Sicherheit und Festigkeit darin, welche imponiren mußte.

»Sie wagen es, mich einen Wurm zu nennen? Es wird die Stunde kommen, in welcher ich Ihnen den Fuß auf den Kopf setze, um Sie zu vernichten wie eine giftige Viper, deren Dasein nur Gefahr bringt. Unter vier Augen haben Sie mich nicht zu fürchten, denn ich verachte jeden heimlichen Vortheil; öffentlich aber werde ich Sie zu finden und zu treffen wissen, und dann wird Sie kein Rang vor meinen Streichen schützen, von denen Sie entblößt werden sollen bis zur tiefsten Armseligkeit!«

Mit zwei raschen Schritten trat er in die Ecke, nahm das hier liegende Kleiderbündel empor, steckte die Laterne zu sich und schwang sich über die Umfassung des Gartens. Drinnen stand der Herzog wüthend aber rathlos. Er jedoch schritt davon mit dem Bewußtsein, einen glanzvollen Sieg errungen zu haben.

Als er die Schmiede erreichte, saßen die beiden Gesellen wieder am Herde.

»Ihr habt den Mann doch sicher?« frug er sie.

»Na und ob!« antwortete Heinrich, der Artillerist. »Er kann ja kein Glied rühren, und wir wachen hier, bis er fortgeschafft wird. Eine Flucht ist rein unmöglich.« bei.

»Wo sind die Eltern?«

»Droben bei der Hex – — wollte sagen bei der Zigeunerin.«

Max begab sich nach oben, wo er Alle beisammen fand. Er berichtete von seiner Unterredung mit dem Herzoge.

»Er soll kein Wort gesprochen haben, welches der König nicht erfährt,« meinte Brandauer.

»Er hat die heiligsten Gefühle des Menschenherzen verhöhnt und alle Bande zerrissen, welche das Kind mit dem Vater vereinigen,« fügte der Hauptmann bei. »Er wüthet gegen sein eigenes Fleisch und Blut; ich bin aller Rücksicht gegen ihn quitt und habe die Erlaubniß, von nun an nur an die Qualen zu denken, welche ich auf seine Befehle erdulden mußte. Ich sehe in ihm nur meinen ärgsten Feind, den ich schonungslos bekämpfen muß.«

Auch Zarba erhob die Hand.

»Fluch ihm, tausendfachen Fluch! Der Tiger liebt sein Junges und der Geier beschützt seine Brut; dieser Teufel aber zerreißt die Herzen Derer, die ihn lieben. Bhowannie wird ihre Pfeile über ihn schicken, wenn er es am wenigsten vermeint. Schon ist das Messer geschärft, welches gegen ihn gezückt werden soll, und die Vajdzina der Brinjaaren wird ihn zu ihren Füßen sehen, wie er sich windet unter Klagen, Bitten und Jammern; aber sie wird weder Gnade noch Barmherzigkeit für ihn haben, sondern ihm seinen Lohn geben, den er verdient!«

An demselben Tage hatte der Regen die Wasser und Bäche des Gebirges hoch angeschwellt, daß es schwer und bedenklich war, auf Fußpfaden durch die Waldung zu kommen. Auch die wenigen fahrbaren Straßen, welche nach der Grenze führten, wurden schwerer wegbar, und wer nicht gezwungen war, dem Wetter zu trotzen, der blieb daheim am sichern Herde sitzen.

Ungefähr drei Wegsstunden von der Grenze entfernt liegt das Städtchen Waldenberg, rings umgeben von schroffen Höhen, welche die Poststraße nur schwer zu überwinden vermag. Seitwärts von dieser Letzteren steht an einem Saumpfade fast mitten im Walde ein einstöckiges Häuschen, über dessen Thür eine Holztafel angebracht ist, deren verwitterte und verwaschene Inschrift man nur mit Mühe zu entziffern vermag. Sie lautet: »Zur Oberschenke.« Fragt der Fremde, ob es denn Gäste gebe, welche Durst genug haben, dieses einsame und anspruchslose Haus zu frequentiren, verkehrt.

Nur der Eingeweihte weiß, daß sehr oft gewisse Gestalten heimlich in das Gebäude huschen und es ebenso vorsichtig wieder verlassen; er weiß auch, daß zuweilen des Nachts die alte verräucherte Stube kaum die Zahl Derer zu fassen vermag, welche lautlos kommen und verschwinden.

Steht man vor der Thür der Oberschenke, so gestattet ein schmaler Holzschlag, der sich den Berg hinabzieht, einen Blick hinunter in das Thal und auf die Fahrstraße, welche dem Letzteren in vielen Windungen zu folgen hat. Sollte dieser Holzschlag durch eine gewisse Absicht hervorgerufen worden sein? Fast scheint es, als hätte es dem Wirthe ermöglicht werden sollen, von seinem verborgenen Wohnsitze aus die Straße immer im Auge behalten und beobachten zu können.

Heut that er dies nicht; er wußte, daß es keinen Verkehr oder wenigstens keinen nennenswerthen geben werde, er saß an dem gewaltigen Kachelofen, in welchem ein großer Holzklotz mehr klimmte als brannte, rauchte seine Pfeife und hob zuweilen einen dicken Steinkrug zum Munde, um in einem langen Zuge das Getränk zu schmecken, welches bei ihm Bier genannt wurde.

Am Tische, der in der Nähe des Ofens stand, saßen zwei Männer, welche ähnliche Krüge vor sich stehen hatten und ein Gespräch unterhielten, über welches sich ein heimlicher Lauscher gewundert haben würde. Sie waren mehr in Lumpen als in ein ordentliches Gewand gekleidet, und doch hatte der Tabak, den sie rauchten, ein so feines und dabei kräftiges Parfüm, daß der Kenner geschworen hätte, er könne nur von sehr wohlhabenden Leuten bezahlt werden. Die Gesichter der Beiden hatten unbedingt jenen unverkennbaren Schnitt, der den Zigeuner kennzeichnet, während die breiten Züge des Wirthes die nordische Abstammung dokumentirten. Eines aber hatten alle Drei gemein: den Ausdruck der List und Verschlagenheit, der dem Beschauer gleich beim ersten Blicke auffallen mußte.

»Und sie sind wirklich wieder hüben gewesen, die Süderländer?« frug der Wirth.

»Wirklich!«

»Woher weißt Du es, Horgy?«

»Ich bin Ihnen begegnet.«

»Alle Teufel! Allein?«

»Mit Tschemba hier.«

»Auch Du warst mit?« wandte sich der Wirth an den Genannten. »Wann war es?«

»Heute Nacht, drüben bei der alten Kapelle. Wir wären sicher des Todes gewesen, wenn sie es bemerkt hätten.«

»Das ist so gewiß wie mein Ofen hier! Was wird Sie dazu sagen, wenn sie es erfährt?«

»Sie? Hm, sie wird sie heimschicken mit blutigen Köpfen, wie vor fünf Wochen, als sie uns in das Tabaksgeschäft pfuschen wollten. Wenn diese albernen Kerls Ihre Oberhoheit anerkennen und Ihr gehorchen wollten, würde es ganz anders sein. Das Geschäft würde dann nicht zerrissen; es wäre ein gemeinsames; der Gewinn müßte sich verdoppeln, und Gefahr, haha, Gefahr wäre dann ein Wort, welches man gar nicht zu kennen brauchte.«

»Aber wie kommst Du zur Kapelle, Horgy? Ich denke, Du warst das, was man verreist zu nennen pflegt!«

»Allerdings. Ich kehrte gestern wieder und traf mit Tschemba zusammen.«

»Wo warst Du?«

»In Süderland.«

»Ah! Weit drin?«

»In Tremona.«

»Bist Du des Teufels? Hatte Sie Dich geschickt?«

»Ja.«

»Also ein Auftrag von Ihr! Darf man wissen, was es gewesen ist?«

»Nicht nothwendig. Ich hatte einen Kerl zu beobachten, der die Augen verdrehte, als ob sie an einer Kurbel gingen, und dann einen Brief zu übergeben.«

»An wen?«

»An – an einen türkischen Pascha!«

»An einen Pascha? Lüge Du und der Teufel!«

Wirklich war Horgy derjenige Zigeuner, welcher Arthur von Sternburg den Brief für Nurwan Pascha übergeben hatte. Bei der Interjektion des Wirthes lächelte er wie ein Mann, der die Wahrheit nur aus dem Grunde gesagt hat, weil er weiß, daß sie nicht geglaubt wird.

»Frage nicht mehr, als Du darfst! Du weißt, daß Sie streng ein!«

Der Wirth erhob sich, um den Wunsch des Gastes zu erfüllen; dabei fiel sein Blick durch das Fenster.

»Alle Wetter, dort kommt Einer auf die Schenke zu! Macht Euch hinaus in die Kammer! Es kann zwar Jeder bei mir verkehren, aber man braucht doch nicht Alles und Jedes mit der Kanone in die Welt hinaus zu schießen.«

Die beiden Zigeuner verschwanden mit ihren Krügen in dem anstoßenden Raume, und gleich darauf trat der Mann ein, der trotz des herabströmenden Regens den Weg nach der Schenke unternommen hatte. Die Dienstmütze kennzeichnete ihn als einen Post- oder Telegraphenbeamten.

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Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
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